ÖSTERREICHISCHES FORSCHUNGSINSTITUT FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK IN WIEN BLÄTTER FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK VIERTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: Dr. ING. L. ERHARD MIT M TEXTABBILDUNGEN WIEN • VERLAG VON JULIUS SPRINGER • 1938 BLÄTTER FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK VyjKisri« »vif-i mmw I'IPW'II 'IJ -5»*V ■*< v .. < A«. i »••»: ^tr.^; c .v ■ - r' \ -» ■P •'&* tytv /■‘G : r. T r, nvCr'' a>>t4so; M-Ai 'jSTX’ ÖSTERREICHISCHES FORSCHUNGSINSTITUT FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK IN WIEN BLÄTTER FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK VIERTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: Dr. ING. L. ERHARD MIT 38 TEXTABBILDUNGEN VY|S iA *- -:j II Ml', J {i.k'T '?f-y*. M.:,'r.j A W- -i i '^•■P » vli Jtl. 't-^- iiff Atiil iirs .r • f ; -*«%*->* i" i T^ 7 u f V-'vi)fS •< •V- *. A.V .- .V MP, MW J, iJtJr mi ämmiKM Tä^jt warn 7- w ^ ~ ,v?;y 23HM • *-z: Deutsche Technik im nationalsozialistischen Staate. Von Hofrat Dr. Ing. L. Erhard. Die neuzeitliche Technik weist trotz ihrer allgemeinen Verbreitung doch noch manche nationalen Wesenzüge auf. So beruhte z. B. die französische Technik, wie sie der Mathematiker V.V. Poncelet (1788—1867) gelehrt hat, vorwiegend auf der theoretischen Mechanik; die englische und amerikanische Technik wurde dagegen nach dem Vorbild G. Stephensons (1781—1848) und anderer Empiriker großenteils auf praktischen Erfahrungen und Versuchen aufgebaut und die deutsche Technik ging aus der vom „Vater des wissenschaftlichen Maschinenbaues“, F. Red- tenbacher (1809—1863), angebahnten innigen Verschmelzung von Theorie und Praxis hervor; und dieser zusammenfassenden Grundhaltung hat die deutsche Technik auch heute noch ihre Welterfolge zu verdanken 1 . Weil die Grundwissenschaften der Technik, wie Mathematik, Mechanik, Physik, Chemie, an keinen bestimmten Ort gebunden sind, weil ferner jene Gelehrten und Forscher, welche die Anfänge der exakten Naturwissenschaften und damit die Anfänge der modernen Technik geschaffen haben, wie der Franzose Descartes, der Italiener Galilei, der Deutsche Kepler, der Engländer Newton, der Niederländer Huygens, der Schwede Berzelius, aus aller Herren Ländern stammten und weil namentlich das Netz des auf technischer Grundlage beruhenden Radio-, Luft-, See- und Landverkehrs den ganzen Erdball umspannt: deshalb wird auch der neuzeitlichen Technik allenthalben die Eigenschaft der „Internationalität“ zugesprochen. In Wirklichkeit besteht aber zwischen Welt Verbreitung und Internationalismus ein Wesensunterschied. Nur „Vereinbarungen zwischen Staaten oder Parteien“ tragen im eigentlichen Wortsinn internationalen Charakter; und so erscheinen beispielsweise neben den internationalen Organisationen des Weltpostvereins, der Weltkraftkonferenz, des Roten Kreuzes auch die goldene Internationale des Finanzkapitals, die rote Internationale des Kommunismus und sonstige internationale Klüngel. Dagegen erlangen Naturwissenschaft und Technik auch ohne zwischenstaatliche Förderung eine stets wachsende Verbreitung, denn jede bahnbrechende Erfindung erobert sich die Welt durch eigene Kraft, wie z. B. der Dieselmotor oder die Kaplanturbine. — Übler Sprachgebrauch und vielleicht auch versteckte Absicht haben nun den soeben dargelegten Unterschied zwischen den beiden Begriffen „Internationalismus“ und „Weltverbreitung“ möglichst zu 1 Vgl. A. F. Sciixabel, „Ferdinand Redtenbaciier“, 4. Heft, 1938, S. 66ff. Geschichte der Technik, 4. lieft. 1 2 L. Erhard verwischen gesucht. Dabei wurde die neuzeitliche Technik gemeinhin zur „Internationalen Technik“ umgestempelt. Übertriebener Internationalismus ist aber geeignet, das Nationalbewußtsein der Volksgenossen zu schwächen. . Die Verwechslung von Weltverbreitung und Internationalismus läßt sich jedoch mit einem Schlag hinwegfegen, wenn man die Technik unserer Tage, anstatt aus dem Gesichtspunkt ihres weltumspannenden Seins, von der höheren Warte ihres entwicklungsgeschichtlichen Werdens ins Auge faßt. Dem rückschauenden Blick entschwindet dann die heutige souveräne Technik und in weiten Zeitfernen treten nur hier und dort die geringen Behelfe der urtümlicher! technischen Arbeit zutage. Nach der neueren biologischen Deutung der Technik sind Werkzeuge jene Organe, die sich der Mensch außerhalb seines Körpers selbst schuf. Der Faustkeil, das Grabscheit, der Wurfspieß sind solche außerkörperlichen Organe und die Technikgeschichte lehrt, daß auch alle späteren technischen Errungenschaften ursprünglich und im tiefsten Grunde nichts anderes darstellen als leibfremde Fortsetzungen der menschlichen Gliedmaßen und Sinnes Werkzeuge. Die Natur hat eben darauf verzichtet, an unserem Körper neue Organe zu bilden und der schöpferische Mensch selbst hat an die Stelle der natürlichen Entwicklung die technische Vervollkommnung gesetzt. — Trotz allen Wundertaten der neuzeitlichen Technik sind und bleiben aber die Technismen nichts anderes als ein Werkzeug des menschlichen Gebrauches: freilich, ein übermächtiges Werkzeug, das die Menschheit aus ihrer ursprünglichen Abhängigkeit von organischen Kräften und Gebilden stufenweise zur Beherrschung anorganischer Werkstoffe und Naturenergien emporführt. Ihrer Werkzeugnatur zufolge sind die Gliedmaßen und Sinnesorgane des Körpers gerade so wie auch ihre außerkörperlichen Fortsetzungen, die Technismen, dem menschlichen Willen unterworfen und die Anwendung der Technik im Leben ist daher mit der jeweils herrschenden Geistesrichtung aufs engste verquickt. Jeder einschneidende Gesinnungswechsel pflegt die Wertung der Technik zu verändern; die gewaltigste Umwertung aber, die die Technikgeschichte kennt, hat der Nationalsozialismus vollbracht. War vordem die weit beherrschende, liberalistische Freihandelslehre hauptsächlich auf das freie Spiel der Kräfte gerichtet, so hat der nationalsozialistische Gedanke die Wirtschaftsführung in den Dienst des Volksganzen eingeordnet. Die freiwirtschaftliche Unternehmung will und muß Gewinn erzielen und sie wird sich daher der Befriedigung des bestbezahlten und nicht des lebenswichtigsten Bedarfes zuwenden. Für den liberalistischen Geist besitzt demnach die Ware Geldwert, für den nationalsozialistischen Geist besitzt sie Dienstwert. Für die freie Privatwirtschaft ist der erzielbare Gewinn, für die nationalsozialistisch geleitete Volkswirtschaft der Gebrauchswert der Erzeugnisse ausschlaggebend. Hier liegt der Sinn der technischen Arbeit im Dienst an der Volksgemeinschaft sowie in ihrer steten Hilfsbereitschaft für den Aufbau und die Macht des Reiches; dort dagegen ist die Technik das Werkzeug zum Gelderwerb. — Wie die Gliedmaßen und Sinnesorgane die natürlichen Werkzeuge des menschlichen Körpers darstellen, so bildet nunmehr auch die deutsche Technik das mit dem gesamtdeutschen Volkskörper fest verwachsene Werkzeug des nationalsozialistischen Staates. So hat die Technik durch die biologische Blutgemeinschaft der deutschen Stämme eine besondere Sinngebung Deutsche Technik im nationalsozialistischen Staate. 3 erfahren: Sie ist unbeschadet ihrer sonstigen Weltgeltung unter gleichzeitiger Anspornung des Unternehmergeistes und des Geldumlaufes zur „Nationalsozialen deutschen Technik“ herangereift und diese Arbeit schaffende, Gebrauchsgüter mehrende, neue Werkstoffe erfindende, das Volkswohl fördernde nationalsoziale Technik nimmt eine hervorragende Sonderstellung in der Weltwirtschaft ein. Eine neuartige und höchst bedeutsame Rolle spielt die deutsche Technik überdies im Geldwesen des nationalsozialistischen Staates. Die Währung des durch unerhörte Reparationsleistungen ausgebluteten und durch gegnerische Handelshemmungen bedrängten Reichs konnte sich nicht, wie etwa die Währungen der Siegerstaaten auf Goldreserven stützen, sondern Deutschland mußte seine großen Staatsausgaben mittels neugeschaffenen Geldes finanzieren. Strenge Devisen- und Steuervorschriften sowie richtiger Einsatz und rascher Umlauf der heimischen Zahlungsmittel haben das neue Reichsgeld fruchtbringend gemacht. Wirtschaftlich vernünftige Arbeit erzeugt wirtschaftliche Güter und erhält dadurch das Geld gesund. Das Dritte Reich benützt seinen Geldvorrat nach H. Schacht nicht etwa zum wahllosen Zustopfen von Löchern im Staatshaushalt, sondern es hat mit dem neugeschaffenen Geld neue Güter erarbeitet und so seine Papierzeichen in echtes Geld umgewandelt, dessen innerer Wert in der technischen Arbeit liegt. — Nicht, daß Deutschland mehr Geld ausgibt, sondern, daß es mehr lebenswichtige Güter schafft, unterscheidet die deutsche Volkswirtschaft von der Wirtschaft manches anderen Landes. Das Aufbauwerk der nationalsozialistischen Volkswirtschaft ist groß und kühn, es ruht aber sicher auf dem felsenfesten Grund der deutschen technischen Arbeit. Auch die deutschösterreichische Technikerschaft ist nunmehr mit dem Zauberschlag vom 13. März 1938 und der darauffolgenden Bekenntniswahl vom 10. April ins deutsche Vaterland und dadurch in den riesenhaften Aufgabenkreis des großdeutschen Vier jahresplanes eingezogen. Die von hundertjähriger erfolgreicher Ingenieurarbeit kündende Technikgeschichte Österreichs bietet die Gewähr dafür, daß die aufgeschlossene Technikerschaft der Ostmark dem nationalsozialistischen Gedankengut des Führers, Adolf Hitler, ein reifes Verstehen entgegenbringt und ihm zum Dank dafür, daß er die deutsche Technik zum edelsten und wirksamsten Werkzeug seines Auf bau willens erkoren hat, freudig Gefolgschaft leisten wird. Österreich soll nun wieder seinen vorhandenen, aber brachliegenden Überschuß an Menschenkraft und Maschinenwerk in den gewaltigen Kreislauf der nationalen Arbeit nutzbringend eingliedern zum glückhaften Aufstieg des großen, des geeinigten Deutschen Reiches. — Das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik erfüllt hierbei nur seine satzungsgemäßen Aufgaben, wenn es, wie bisher 1 , so auch in Hinkunft, die Technikgeschichte des Landes Österreich nach den lebens- kundlichen Anschauungen des deutschen Nationalsozialismus betreut. 1 Die Stellungnahme der „Blätter für Geschichte der Technik“ zu jener Denkweise, die das Gemeinwohl dem Eigennutz des Einzelnen voranstellt, wird namentlich durch die folgenden Veröffentlichungen gekennzeichnet: „Die Kulturverbundenheit der Technik“ von II. von Srbik, 1 . Heft 1932, S. Iff. — „Vom Lebenssinn der Technik“ von L. Erhard, 3. Heft 1936, S. 1 ff. — „Tätigkeitsberichte des Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik“, 3. Heft 1936, S. 84ff., 4. Heft 1938, S. 72 ff. l* Österreichs Anteil an der Entwicklung des Lichtbildwesens. Von Dr. Josef Daimer. Mit 17 Abbildungen. 1. Aufnahme- und Kopier verfahren. Die im Jahre 1838 abgeschlossenen photographischen Versuche des französischen Malers Louis Daguerre bildeten die Keimzelle der nachmals allenorts so mächtig emporgewachsenen Lichtbildnerei. Auch in Österreich würdigte das Kaiserhaus die Erfindung der Daguerreotvpie und zeichnete schon 1839 Daguerre durch die Verleihung der Großen Goldenen Künstlermedaille aus. Das hundertjährige Jubiläum der Photographie soll von der Photographischen Gesellschaft in Wien in den Räumen des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe festlich begangen werden. Bei der hohen Kulturbedeutung, die das Lichtbild wesen im Verlauf der letzten hundert Jahre erlangt hat, erscheint es wohl berechtigt, einen Überblick über den hervorragenden Anteil Österreichs an dem Werdegang des Lichtbildwesens zu geben. Als im August 1839 in der Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften die Erfindung Daguerres, Lichtbilder mittels der Camera obscura herzustellen, der Öffentlichkeit kundgetan wurde, war der Wiener Physikprofessor Andreas Frhr. v. Ettingshausen anwesend. Er erlernte von Daguerre die Herstellung von Lichtbildern und regte, nach Wien zurückgekehrt, die Ausübung der Daguerre - otypie an. Auf Veranlassung des Direktors des Polytechnischen Institutes J. Ritter von Prechtl stellte der Assistent des Physikalischen Institutes und spätere Bibliothekar Anton Martin noch im Sommer 1839, unter Mitwirkung des Optikers Simon Plössl, der Kameras und Linsen erzeugte, als erster in Österreich brauchbare Daguerreotypien her. Martin gab 1846 sein „Repertorium der Photographie“ als überhaupt erstes deutsches Lehrbuch der Photographie heraus. Wegen der geringen Empfindlichkeit der Jodsilberplatten und der noch unvollkommenen Lichtstärke der Objektive benötigte man für Porträtaufnahmen bei Sonnenlicht eine Belichtungsdauer von mehreren Minuten. Auf Veranlassung Ettingshausens beschäftigte sich Josef Petzval, Professor für höhere Mathematik an der Universität Wien (Abb. 1), mit der Untersuchung aus Paris stammender photographischer Linsen, sogenannter Josef Daimer: Österreichs Anteil an der Entwicklung des Lichtbildwesens. Objektive, und begann, deren Mängel erkennend, noch 1839 mit der Berechnung eines lichtstarken Porträtobjektivs, die bereits im Mai 1840 vollendet war. Binnen einem Monat stellte der Optiker Peter Friedrich Voigtländer in Wien ein Probestück her und Martin, der damit Probeaufnahmen machte, konnte darüber ein außerordentlich günstiges Urteil abgeben. Die Lichtstärke des Objektivs war mit 1 : 3,6 zehnmal so groß als die der französischen Objektive. Das Probestück an der von Petzval aus Pappe gebauten Kamera (Abb. 2) ist im Technischen Museum zu Wien ausgestellt. Obwohl zuerst dem PETZVAL-Objektiv nicht die volle Bedeutung zuerkannt wurde, konnte doch Voigtländer während der ersten zehn Jahre 1500 Objektive, teils von sehr bedeutender Größe, und bis in die . _ . Fünfzigerjahre hinein 8000 Stück in alle Welt absetzen. Petzval blieb jedoch für seine mit der Entwicklung des Lichtbildwesens untrennbar verbundene Erfindung der klingende Lohn versagt, da er, geschäftsunkundig, mit Voigtländer keinen Vertrag abgeschlossen hatte, so daß dieser der alleinige Nutznießer wurde. Petzval- Objektive finden vereinzelt wegen ihrer weichen Bildgestaltung noch gegenwärtig Verwendung. Voigtländer brachte 1841 eine handliche Kamera mit Tischstativ und Visierlupe auf den Markt (Abb. 3). Petzval löste Ende der Vierziger jahre die Verbindung mit Voigtländer, der nach Braunschweig übersiedelte, und arbeitete mit dem Optiker Karl Dietzler in Wien; 1857 kam Petzvals „Orthoskop“, ein lichtstarkes Landschaftsund Reproduktionsobjektiv auf den Markt, für das Petzval eine tragbare Kamera für großes Plattenformat baute. Das Orthoskop wurde vom Militärgeographischen Institut und von der Hof- und Staatsdruckerei ein Jahrzehnt lang für Reproduktionen verwendet. Infolge schlechter Geschäftsgebarung war Dietzler zur Einstellung der Objektivfabrikation genötigt, auch sein Gesellschafter Weingartshofer konnte sich nicht halten. Objektive stellten in Wien auch die Optiker Waibel, Eckling und Prokesch her. Die unerfreulichen Verhältnisse unter den Optikern veranlaßten Petzval, sich die Linsen selbst zu schleifen. 1846 fertigte er ein Objektiv mit der Lichtstärke 1 : 2 an, das aber nur kurze Zeit erzeugt wurde und lediglich historischen Wert besitzt. Später wurden noch Berechnungen zu einem Objektiv für die Lichtstärke 1 : 6,3 aufgefunden, von denen ausgehend M. von Rohr im Zeißwerk das Biotar 1 : 1,6 berechnete. So waltet also der große Geist Petzvals bis in die neueste Zeit, wie Abb. 1. Josef Petzval, 1807-1891. Begründer der photographischen Dioptrik. 6 Josef Daiher außerdem ein der englischen Firma A. Warnisham & Capella für PETZVAL-Cine- Lenses von einer Lichtstärke 1 : 1,8 im Jahre 1929 erteiltes Patent beweist. Österreichern gelang es aber auch, die Empfindlichkeit der Daguerreo- typieplatten zu steigern, so 1840 dem Beamten F. Kratochwila in Wien, durch Räuchern der Jodsilberplatten mit Chlor- und Bromdämpfen, so daß bei trübem Wetter ein Porträt im Zimmer mit dem Petzval- Objektiv nur 8 Sekunden Belichtungszeit erforderte. Die Brüder Johann und Josef Natterer in Wien vermochten nach diesem Verfahren bei Sonnenlicht im Freien sogar „Sekundenbilder“, also die ersten Momentaufnahmen im Bruchteile einer Sekunde, zu erhalten. Erst auf Grund dieser hervorragenden Verbesserungen konnte das Lichtbildwesen seinen gewaltigen Aufschwung nehmen. In Wien wurden 1840 mehrere Ateliers für Daguerreotypie eröffnet, so von Karl Schuh, F. K. Strezek, A. Mutterer und anderen. Als erste Wanderphotographen betätigten sich M. Reisser und J. Weninger. Schuh pflegte regen Verkehr mit Gelehrten und Freunden der Daguerreotypie, und so bildete sich der Keim zu der 1861 gegründeten „Photographischen Gesellschaft in Wien“, der ersten in deutschen Landen. Bald machten die Optiker Rospini und Waldstein die Stereoskopie in Wien durch inländische Erzeugnisse bekannt. Die Daguerreotypie wurde bis Anfang des fünften Dezenniums des vorigen Jahrhunderts in Wien ausgeübt; kolorierte, gerahmte Daguerreo- tvpien erfreuten sich großer Beliebtheit. Schon Mitte der Vierzigerjahre nahm die Talbotypie, das ist die Photographie auf Abb. 3. Voiglländers Kamera mit Tisch- Pa P ier ' an Verbreitung zu, da sie es im Gegen- stativ. satz zu der Daguerreotypie ermöglichte, von einem Papiernegativ beliebig viele Abzüge herzustellen. Sie wurde durch das Atelier der zwei Frankfurter Photographen Tanner und Geratwohl in Wien eingeführt. A. Martin und J. Prechtl gaben ihre Erfahrungen über das neue Verfahren öffentlich bekannt. Etwa 1852 begann sich jedoch das Jodsilber-Kollodium-Verfahren, auch „nasses Verfahren“ genannt, das viel kürzere Belichtungszeit erlaubte und Glas- ELS S Abb. 2. Petzvals Kamera mit seinem ersten Objektiv. Österreichs Anteil an der Entwicklung des Lichtbildwesens. 7 negative lieferte, einzubürgern. Die Glasnegative wurden in der ersten Zeit auf Salzpapier kopiert. Das nasse Verfahren wurde bis ungefähr 1880 ausgeübt und wird in der Reproduktionsphotographie noch heute angewendet. 1857 führten Viktor und Ludwig Angerer Visitkartenbilder auf Albuminpapier in Wien ein, die ein Aufblühen der Porträtphotographie zur Folge hatten. Zahlreiche Beruf s- und Amateurphotographen sowie Gelehrte übten das noch schwierig zu handhabende nasse Verfahren aus. Während bis 1860 die Positivretusche bevorzugt wurde, führte zu dieser Zeit der Photograph E. Rabending in Wien, vermutlich als einer der ersten in Europa, die Negativretusche ein. 1860 eröffnete der Kupferstecher F. Würthle in Salzburg den ersten Landschaftsverlag für alpine Photographie und 1863 unternahm der Photograph Jägermaier die erste photographische Großglocknerexpedition. Damals bestanden in Österreich bereits zahlreiche hervorragende Porträtateliers; viele Landschaftsphotographen machten durch ihre geschmackvollen Bilder die landschaftlichen Schönheiten Österreichs auch im Auslande bekannt. 1864 stellte der Photograph Ost in Wien Porträtaufnahmen bei elektrischem Licht her, das mit zwei Batterien zu je 80 Bunsenelementen erzeugt wurde. Er erzielte 1869 durch seine Erfindung haltbar gesilberten Albuminpapieres und eines Übertragungsverfahrens von Chlorsilberkollodiumbildern auf Elfenbein, Holz, Glas usw. eine wesentliche Vereinfachung und Erweiterung des photographischen Gewerbes. Mit dem in Frankreich und England zur Vermeidung des vor jeder Aufnahme erforderlichen Selbstpräparierens der nassen Platten ausgearbeiteten Trockenverfahren erzielte besonders W. Burger in Wien Erfolge, die seine Teilnahme als Photograph an der k. k. österreichischen Mission nach Ostindien, 1868—1869, an der sibirischen Expedition des Grafen Wilczek, 1872, und an der österreichischen archäologischen Expedition nach Samothrake, 1873, zur Folge hatten. Aon der Wiener Photographischen Gesellschaft ausgesetzte Preise und eine von Voigtländer 1868 gewidmete Stiftung hatten eine Reihe wissenschaftlich und technisch grundlegender Veröffentlichungen zur Folge, die in der „Photographischen Korrespondenz“ erschienen sind. J. M. Eder und Hauptmann V. Toth erfanden 1875 die Bleiverstärkung und andere Verstärkungsmethoden mit Ferrizyaniden, die später auch als Tonungen für Diapositive und Entwicklungspapiere Anwendung gefunden haben. Es sei hier auch auf die bedeutungsvolle Arbeit Eders über die Reaktion der Chromate auf organische Substanzen unter dem Einfluß des Lichtes, welche 1878 mit einem Preise von 140 Dukaten ausgezeichnet wurde, hingewiesen. Die 1871 in England erfundene Bromsilbergelatine-Trockenplatte wurde Ende der Siebzigerjahre von dem Präsidenten der Wiener Photographischen Gesellschaft, Prof. Dr. E. Hornig, nach Österreich gebracht. Anfangs arbeitete man hier mit englischen und belgischen Gelatinetrockenplatten. Die erste Trockenplattenfabrik in Wien errichtete der Photograph C. Haack (1879), dann folgte Dr. Heid (1880). Diese Platten besaßen noch keine hohe Empfindlichkeit. Da brachten die Untersuchungen über „Theorie und Praxis der Photographie mit Bromsilbergelatine“, die in Hornigs „Photographischem Verlage in Wien“ 1880 erschienen, neue Anregung zur einfachen Darstellungsweise der Bromsilbergelatine. Die dort angegebene Methode mit Silberoxydammoniak, um deren Ausgestaltung sich J. M. Eder große 8 Josef D aimer Verdienste erwarb, fand rasch Eingang in die österreichische Industrie. So arbeitete die 1888 entstandene Trockenplattenfabrik von Schattera sowie auch andere in- und ausländische Fabriken nach dieser Methode. Der gleichzeitig von Eder angegebene Eisenoxalat-Entwickler gab schönere Negative als der anfänglich benutzte Pyrogallol-Ammoniak-Entwickler. Die Trockenplattenfabrik Schattera ging später an die Firma Langer & Comp, über, die sich mit der Photopapierfabrik F. Hrdliczka im Jahre 1913 vereinigte. Auch Prof. A. Lainer hatte 1893 eine Fabrik photographischer Trockenplatten und Papiere errichtet. Ihm verdankt man die Erfindung der „sauren Fixierbäder“, welche das Entstehen des Farbschleiers bei der Verwendung organischer Entwicklerpräparate verhindern und diese erst praktisch leicht verwendbar machten. Die Entdeckung, daß die chemische Konstitution isomerer Entwicklersubstanzen maßgebend für die Entwicklerenergie sei, stammt von Eder und Toth aus dem Jahre 1880. Bisher war es mit den Silberschichten nicht möglich, Grün, Gelb und Rot wiederzugeben. Erst die Entdeckung Prof. H. W. Vogels in Berlin, 1873, ergab, daß mit gewissen Teerfarben angefärbtes Bromsilber für Grün und Gelb empfindlich wird; dies ermöglichte eine einigermaßen farbtonrichtige Abbildung. Zur Verbesserung der Farbenempfindlichkeit der Trockenplatte und Ermöglichung der Dreifarbenphotographie wurde in Wien in dieser Hinsicht von J. M. Eder, E. Va- lenta, später von Baron A. Hübl und anderen, jahrelang durch Untersuchung sehr vieler Farbstoffe erfolgreich gearbeitet. Eder fand 1884 bei seinen spektro- graphischen Untersuchungen im Erythrosin den besten Sensibilisator für Gelbgrün. Nach seinen Vorschriften wurden von Löwy und Plener in Wien Erythrosinplatten erzeugt und „orthochromatische“ 1 * Platten genannt, welche später in der ganzen Welt erzeugt wurden. Sie eigneten sich vorzüglich zur Wiedergabe von Gemälden, für Landschafts- und Porträtaufnahmen; letztere erforderten bei künstlichem Licht kürzere Belichtungszeit als früher. Den bei der Reproduktionsphotographie schwerwiegenden Mangel an Rotempfindlichkeit behob Valenta 1899 durch Einführung von Äthylviolett, Glycinrot und Wollschwarz für Bromsilber- kollodiumemulsionen, wodurch die Dreifarbenreproduktion wesentlich gefördert wurde. Hier seien auch zwei Österreicher rühmend hervorgehoben, die ihren Beruf zwar nicht in Österreich, sondern in den Farbwerken von Meister, Lucius & Brüning in Höchst a. M. (jetzt I. G. Farben) ausübten, Dr. Benno Homolka (1860—1925) und Dr. Robert Schuloff (1883—1935). Ersterer veröffentlichte in der „Photographischen Korrespondenz“ photochemische Arbeiten, erfand den vorzüglichen Rotsensibilisator Pinacyanol und den Desensibilisator Pinakrvptolgrün; letzterer erfand u. a. den Grünsensibilisator Pinafiavol und das Pinakryptolgelb. Die Einführung der hochempfindlichen Trockenplatte, die das Gebiet der schnellen Momentaufnahmen zu erschließen begann, gab den Anstoß zur sprunghaften Zunahme von Berufs- und Amateurphotographen. Doch nicht allein im Negativverfahren, sondern auch in der Entwicklung der Positivverfahren haben sich Österreicher große Verdienste erworben. Bis 1880 herrschten Drucke auf Salzpapier und Albuminpapier vor, 1881 stellte der Engländer 1 Es wurde demnach das heute allgemein gebräuchliche Wort „orthochromatisch 4 , in Wien geprägt. Österreichs Anteil an der Entwicklung des Lichtbildwesens. 9 Willis in Wien Platindrucke aus, die Aufsehen erregten und deren Herstellung unbekannt war. Baron A. v. Hübl und Hauptmann G. Pizzighelli stellten in Wien darüber Untersuchungen an, veröffentlichten das Verfahren und vervollkommneten es. Bromsilbergelatinepapier als Kopiermaterial ist eine englische Erfindung. Die nicht minderwichtigen Verfahren mit Chlorsilbergelatine (Eder und Pizzighelli 1881) und Chlorbromsilbergelatine (Eder 1883) sind österreichische Erfindungen. Auf Grund dieser Arbeiten entstand eine neue Industrie von Diapositiven und Papierbildern, w r elche Bilder sich gegenüber dem Bromsilber durch einen wärmeren Farbenton auszeichnen. Dr. E. Just erzeugte als erster in Wien derartige Chlorsilbergelatinepapiere. 1883 erfand Ing. R. Schlotterhoss in Wien die erste Kopiermaschine (Kopierautomat), mittels welcher bei elektrischem Lichte in einer Stunde 400 bis 500 Abzüge erzeugt werden konnten. Diese Leistung wurde damals noch nicht gewürdigt, da noch kein Absatz für derartige Bildermengen bestand. Im selben Jahre schuf Eder die große Klasse der Porträtchlorbromsilberpapiere und den Chlorbrom-Kinopositivfilm, die bei wärmeren Bildtönen und höherer Empfindlichkeit als reine Chlorsilberpräparate, doch geringerer Empfindlichkeit als Bromsilber, heute in jährlich Tausenden von Kilometern erzeugt werden. Gegenwärtig erzeugen in Wien die Firmen Lainer & Hrdliczka und ,,Kilophot“ derartige Papiere. Es dauerte geraume Zeit, bis sich diese Entwicklungspapiere, heute auch Kunstlichtpapiere genannt, allgemein einführten. Die Silberauskopierpapiere behielten noch eine Zeitlang die Oberhand; etwa 1884 begann das Albuminpapier vom empfindlicheren Zelloidinpapier verdrängt zu werden, das auch in Wien von Just und Hrdliözka hergestellt wurde. Letzterer erzeugt seit 1895 ein durch Silberchromatzusatz hartkopierendes, „Rembrandtpapier“ genanntes, Zelloidinpapier; auch A. Lainer fabrizierte Zelloidinpapier. 1897 führte Dr. L. Lilienfeld in Wien ein Pflanzeneiweißkopierpapier, das Protalbinpapier, ein. Auf dem Gebiete der Farbenphotographie führte Valenta 1892, unabhängig und gleichzeitig mit den Brüdern Lumiere in Lyon, die kornlose Bromsilbergelatine zur Herstellung „LiPPMANNScher Photochromien“ ein, während zur selben Zeit K. Worel in Graz die Kopierzeit für Photochromien durch Farbenanpassung mittels des Ausbleich Verfahrens durch ätherische Öle bzw. Anethol zu verkürzen vermochte. Auch J. Szepanik in Wien gelangen Verbesserungen des Ausbleichverfahrens. Abb. 4. Paul Pretsch, 1808—1873. Erfinder der Photogalvanographie. 10 Josef D aimer Die technische Entwicklung der Lichtpauspapiere hat in Österreich wesentliche Fortschritte zu verzeichnen. Itterheim erfand in Wien 1880 die Negrographie. Valenta gelang es 1897, die Empfindlichkeit des Cyanotypiepapieres (Blaupaus- papieres) durch Einführung des grünen Ammoniumferrizitrates an Stelle des braunen bedeutend zu erhöhen und andere Verbesserungen des Verfahrens auszuarbeiten. Unter den Chromatverfahren wurde der in England erfundene, in der Kunstphotographie so wirkungsvolle Gummidruck um die Jahrhundertwende von A. von Hübl und den Mitgliedern des Wiener Kamera-Klubs Kühn, Hennebero und Watzek, durch mehrmaliges Übereinanderkopieren, auch als farbiger Gummidruck zu Spitzenleistungen gebracht. Prof. Heinrich Kessler stellte 1900 kombinierte Platin-Gummidrucke von großer Schönheit her. Der ursprünglich schwierig auszuübende Bromöldruck und -umdruck wurde durch den Wiener Rechtsanwalt Dr. E. Mayer seit 1912 so ausgestaltet, daß die Ausführung dieses Verfahrens auch weniger Geübten leicht ermöglicht wurde. 2. Photomechanische Verfahren. Die Erfindung der Photographie erweckte den Wunsch, Lichtbilder für Illustrationszwecke, Gemälde und Werke der manuellen Graphik u. a. auf photomechanischem Wege zu vervielfältigen. Schon 1840 ätzte als erster der Arzt Prof. Josef Berres in Wien Daguerreo- tvpien mit Salpetersäure zwecks Vervielfältigung durch die Kupferdruckpresse; diesem Versuch war jedoch kein praktischer Erfolg beschieden. Auf der Beobachtung Talbots in England, daß belichtete Chromatgelatine in Wasser verschieden quell- bar sei, baute Paul Pretsch (Abb. 4) in der Hof- und Staatsdruckerei in Wien sein von ihm Photogalvanographie genanntes heliographisches Verfahren auf, das darin bestand, daß eine mit Leim, Kaliumchromat und Silberverbindungen überzogene, belichtete Platte in Wasser ausgewaschen und das entstandene Leimrelief galvanoplastisch oder stereotypisch abgeformt wurde. Diese Abformungen eigneten sich zum Drucke in der Kupfer- und Buchdruckpresse. Das Verfahren wurde in England und Frankreich patentiert. 1856 ätzte Pretsch Daguerreotypien durch Besprühen mit dem Ätzmittel, wodurch er als Erfinder der Ätzung mit „Spray“, die für die Autotypie von Bedeutung wurde, erscheint. Um 1850 stellte Alois Auer (Abb. 5) mittels der 1837 von Jakobi in Dorpat erfundenen Galvanoplastik Naturselbstdrucke dadurch her, daß er plastische Gegenstände, z. B. Pflanzen, kleinere Tiere, Versteinerungen, Spitzen, durch Pressen in Blei abformte und von dieser vertieften Form mittels der Galvanoplastik eine neue Tiefdruckplatte erzeugte. Abb. 5. Alois Auer von Welsbach, 1813 bis 1868. Langjähriger Leiter und Organisator der Staatsdruckerei in Wien. Österreichs Anteil an der Entwicklung des Lichthüdwesens. 11 Ein Abdruck dieser in der Kupferdruckpresse erschien ähnlich plastisch wie das Original. Naturselbstdrucke konnten auch in den Farben des Gegenstandes gedruckt werden, sie zeichneten sich durch große Feinheit und Schönheit aus, doch wurde das Verfahren durch die photomechanische Reproduktion verdrängt. Auer führte alle gebräuchlichen graphischen Methoden in den Betrieb der Staatsdruckerei ein und brachte diese zu führender Stelle in der Welt. Die heliographischen Ätz verfahren wurden 1879 von dem in Wien lebenden Maler und Journalzeichner Karl Klietsch (1841—1926) wesentlich dadurch verbessert, daß er Pigmentbilder auf eine mit Harzpulver eingestaubte Kupferplatte übertrug und stufenweise mit Eisenchloridbädern verschiedener Stärke ätzte. Sein von ihm „Rembrandt-Intagliodruck“ genanntes Verfahren bedeutet bei großer Arbeitssicherheit und Schönheit der Drucke wohl einen Höhepunkt des Kupfertiefdruckes. Das Verfahren wird meist Heliogravüre genannt. Klietsch ist auch der Schöpfer des Rotationstiefdruckes mit Kupferwalzen und der Rakel, bei dem ein einkopierter Netzraster das Harzkorn (Aquatintakorn) vertritt (1890). Diese Verfahren wurden in allen Kulturstaaten eingeführt. Der Kunst Verleger Viktor Angerer brachte 1881 die ersten Heliogravüren im Jahrbuch der kaiserlichen Kunstsammlungen heraus. 1898 stellten wohl als erste die Professoren der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt August Albert (1854—1932) und G. Brandlmayr Kombinationsdrucke von Dreifarbenlithographien oder Lichtdrucken und Heliogravüren her. Adolf Brand weiner erfand 1892, als Schüler der Wiener Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, unabhängig von Klietsch, die heliographische Tiefdruckwalze mit einkopiertem Kreuzraster, verwendete seine Erfindung aber nur für die Zeugdruckerei. Angeregt durch die in London hergestellten Rasterheliogravüren der Rembrandt-Intaglio Co. glückte dem damals in London ansässigen Wiener Reproduktionstechniker Th. Reich, ohne das Verfahren zu kennen, die Herstellung derartiger Drucke dadurch, daß er nicht von Kupferwalzen, sondern von Kupferplatten, unter Verwendung der Rakel in der Maschine druckte. Sein Verfahren wurde längere Zeit von verschiedenen Firmen ausgeübt, ist einfacher als der Rotationsdruck, leistet jedoch quantitativ weniger als dieser. Ein praktisch in der Weberei angewandtes Verfahren zur Herstellung von Webereipatronen arbeitete J. Szepanik mit photographischen Verfahren 1896 aus. Auch der Steindruck wurde durch die Photographie beeinflußt. In den Fünfzigerjahren wurde die Photolithographie in Frankreich und Belgien erfolgreich aus- geübt; K. von Giessendorf in Wien verbesserte das Verfahren, druckte nach dem Asphaltverfahren gute Halbtonbilder vom gekörnten Stein und stellte ebenso auch hochgeätzte Halbtonbuchdruckplatten auf Zink her. Reiffenstein und Rösch übten das Verfahren 1864 in Wien aus, erzeugten damit als erste Farbendrucke, doch wurde diesen Drucken nicht das gebührende Verständnis gezollt; das Verfahren wurde um 1880 in der Schweiz wieder ausgeübt. Die Reproduktion von Karten, Plänen usw. mittels der Photolithographie fand in Österreich immer weitere Verbreitung und Verbesserung. A. Albert übertrug 1897 Lichtdrucke von glattem photographischem Papier auf den gekörnten Stein, was auch eine Verbesserung des Chromodruckes mit sich brachte. Verschiedene Umdruckverfahren für lineare Zeichnungen fanden in Wien in der Hof- und Staatsdruckerei, im Militärgeographi- 12 Josef D aimer sehen Institut und bei privaten Unternehmen Eingang. Karl Kampmann (1847 bis 1913) stellte 1889 dekorative Verzierungen auf Glasplatten dadurch her, daß er mittels der Photolithographie Muster auf Glas übertrug und mit Flußsäure ätzte. Ein weiteres Elachdruckverfahren, den Lichtdruck, führte Josef Löwy in Wien ein, für den Auflagedruck verbesserte ihn 1868 Prof. Jakob Husnik (1837—1916) in Prag, der sich auch mit anderen Reproduktionstechniken sehr erfolgreich beschäftigte und die Errichtung der ersten Reproduktionsanstalt in Prag anregte. Löwy kombinierte 1881 den Lichtdruck mit der Chromolithographie und wirkte auch an der Verbesserung des Farbenlichtdruckes mit. A. Albert verwendete 1896 im Lichtdruck an Stelle der Glasplatten dünne Aluminiumplatten und fertigte als erster 1899 Umdrucke von Lichtdrucken auf Aluminiumplatten an (Photoalgraphie), was in der Steindruckpresse Halbtonbilder rasch herzustellen gestattet. Seit 1895 wird in mehreren Anstalten der Drei- und Vierfarbenlichtdruck mit großem Erfolge gepflegt, so von J. Löwy, Max Jaffe und der Staatsdruckerei. Die auf das Jahr 1822 zurückreichenden Bestrebungen, mittels Zinkplatten Hochätzungen zu erzielen, rühren vermutlich von Blasius Höfel in Wien her. Erst Gillot in Paris gelangen 1850 derartige Atzungen und dieser führte das Verfahren in die Praxis ein. Dem Zeichner am Militärgeographischen Institut in Wien, Carl An- Gerer (Abb. 6), glückte 1870 die Erfindung eines von dem GiLLOTschen wesentlich abweichenden, besseren, von ihm „Chemigraphie“ benannten Verfahrens, das auch, im Gegensatz zu der französischen Methode, „Wiener Ätzmethode“ hieß. Es unterschied sich von den bisher geübten Verfahren nicht nur durch die sehr tiefe erste Atzung, sondern auch dadurch, daß trocken gedeckt und mit Harzen verschiedener Schmelzpunkte eingestaubt wurde. Für Halbtonätzungen mußten in der ersten Zeit auf geeignetem Kornpapier oder Rasterpapier hergestellte Zeichnungen auf die Zinkplatten umgedruckt und dann geätzt werden. Als das aus Amerika stammende Arbeiten mit dem Kreuzraster von Levy und das direkte Kopieren der Rasternegative mit Chromeiweiß bekannt wurde, stellte Angerer seine 1871 gegründete chemigraphisch-artistische Anstalt, der 1874 sein Schwager A. Göschl beigetreten war, 1894 auf dieses Verfahren um. Der Betrieb der großen graphischen Kunstanstalten in Wien C. Angerer & Göschl, ferner von Andreas Krampolek und anderen umfassen die Reproduktionsphotographie, Rasterautotypie und den Mehrfarbendruck. 3. Wissenschaftliche Photographie. Die für alle Gebiete der Wissenschaft heute unentbehrliche Mikrophotographie fand in Österreich stets Pflegestätten. Die ersten Lichtbilder mit Hilfe des Mikro- Abb. 6. Carl Angerer, 1838—1915. Erfinder der Wiener Ätzmefhode. Österreichs Anteil an der Entwicklung des Liclitbildwesens. 13 Abb. 7. Hofrat Prof. Dr. Eduard Dolezal. Geb. 1862. Vorkämpfer der Photogrammetrie in Österreich. skopes und ÜRUMMONDschen Kalklichtes stellten 1840 Prof. B ehr es, ferner um 1850 A. Martin, Weselsky und Prof. Pohl derartige Megatypien her. An der Universität Wien lehrte der Lektor Hugo Hinterberger als vorzüglicher Mikrophotograph viele Jahre lang dieses Fach, für die Technische Hochschule Hofrat E. Valenta an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Vorzügliche Apparate für Mikrophotographie erzeugt die optische Fabrik Karl Reichert in Wien. Auf dem Gebiete der Photometrie und Sensitometrie waren den Arbeiten Eders große# Erfolge beschieden. Dieser Forscher stellte mit dem von ihm 1879 geschaffenen Quecksilber-Oxalat -Photometer Beobachtungen über den Ultraviolettgehalt des Tageslichtes, über photochemische Reaktionen und den photochemischen Temperaturkoeffizienten an. Er arbeitete auch das System der Sensitometrie mit dem Scheiner- Sensitometer und 1919 mit W. Hecht das mit dem Graukeilsensitometer zur Bestimmung der Allgemein- und Farbenempfindlichkeit lichtempfindlicher Schichten aus. Als grundlegend für die Entwicklung der Photochemie wurde der Spektrumphotographie durch Eder und Valenta besondere Aufmerksamkeit gewidmet, so der Erforschung der Elemente im Bogen- und Funkenspektrum und der spektralen Empfindlichkeit photographischer Schichten. Veröffentlicht wurden diese Arbeiten in dem Werke Eders und Valentas: „Atlas typischer Spektren“, herausgegeben von der Wiener Akademie der Wissenschaften (3. Aufl., 1928). Im Jahre 1894 entdeckten Eder und Valenta bei ihren spektralanalytischen Untersuchungen die hohe Durchlässigkeit von Phosphat- und Barytgläsern für ultraviolettes Licht, was der Ausgangspunkt für die Erzeugung der später für die Optik so wichtig gewordenen Uviolgläser wurde. Diese Arbeit sowie andere wurden in den Denkschriften der Wiener Akademie der Wissenschaften im 61. Bande veröffentlicht. Auch wurden von Eder und Valenta die für die Lichttechnik so wichtigen verschiedenen Spektren des Quecksilberdampfes im selben Jahre erforscht und von der Akademie durch Verleihung des LiEBENpreises ausgezeichnet. Abb. 8. Hauptmann Theodor Scheimpflug, 1865—1911. 14 Josef D aimer Kurz nach Entdeckung der Röntgenstrahlen, 1895, wurden in der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt von Eder und Valenta zahlreiche Röntgenphotographien schon im Frühjahre 1896 hergestellt und in dem Tafelwerk „Röntgenphotographie“ im Tiefdruck veröffentlicht. An der gleichen Anstalt führte auch Prof. Dr. L. Freund die ersten Untersuchungen über die physiologische und therapeutische Wirkung dieser Strahlen durch. Der Physiker Prof. Ernst Mach regte noch vor dem Erscheinen dieses Werkes die Herstellung von stereoskopischen Röntgenbildern an; der von ihm angegebene Arbeitsgang, der von Eder und Valenta praktisch erprobt wurde, ist in dem obgenannten Werke beschrieben. Sohin muß Mach als Erfinder der Röntgenstereoskopie gelten. Bei dem zur Verfügung stehenden Raum können nur noch einige Gebiete der wissenschaftlichen Photographie erwähnt werden. In der anthropologischen Photographie wies Dr. Pöch neue Wege, mit Bildtelegraphie beschäftigte sich Professor Tschörner, die Photographie des Augenhintergrundes führte Prof. Dimmer durch und bezüglich der Röntgenphotographie wurde von den Universitätsprofessoren Dr. Leopold Freund, Dr. Guido Holzknecht u. a. sehr Ersprießliches geleistet. Der französische Genieoffizier A. Laussed at führte 1854 die Photogrammetrie oder das Meßbildverfahren ein, sowohl für geodätische als auch für Vermessung von Architekturen. In Deutschland machte A. Meydenbauer das Verfahren der Denkmalpflege nutzbar. In Österreich führte' man die Photo- grannnetrie wesentlich später, dann aber mit großem Erfolge ein. Vinzenz Pollack benutzte sie zur Kontrolle von Wildbachverbauungen in den Alpen. An der Technischen Hochschule in Abb. 9. Ballonkamera von Scheimpflug. Abb. 10. Perspektrograph von Scheimpflug. Wien führte Prof. Schell die Photogrammetrie als Lehrgegenstand in den geodätischen LTiterrieht ein. Sein Nachfolger im Lehramte, Eduard Dolezal (Abb. 7), gilt als ein besonders hervorragender Förderer dieses Faches. Er ist der Begründer der österreichischen Gesellschaft für Photogrammetrie (1907) und deren Zeitschrift „Archiv für Photogrammetrie“. In Wien fand auch unter seinem Vorsitz der erste Kongreß für Photogrammetrie 1913 statt. Eder und Schell setzten in Österreich die Gründung eines Archives für Baudenkmäler durch, mit dem Ziele, Österreichs Anteil an der Entwicklung des Lichtbildwesens. 15 Baudenkmäler photogrammetrisch zu vermessen. Im österreichischen Militärgeographischen Institute führte A. v. Hübl topographische Landesaufnahmen auf photogrammetrischem Wege großzügig ein. Zufolge der raschen Entwicklung der Aeronautik wurde allerorts an der Ausbildung der Aerophotographie gearbeitet, die sich im Weltkriege als unentbehrlich erwies. Bei Aufnahmen vom Flugzeug aus bewirkt die Schrägstellung der Kamera eine Verzerrung der Aufnahmen. Der österreichische Marineoffizier und später dem Militärgeographischen Institute als Hauptmann zugeteilte Theodor Scheimfplug (1865—1911) (Abb. 8) legte die wissenschaftliche geometrisch-mathematische Grundlage zur Behebung dieses Ubelstandes, welche Arbeiten von Hofrat Eder gefördert wurden. 1906 konstruierte Scheim- pFlug für seine Ballonkamera (Abb. 9), mit der gleichzeitig acht Aufnahmen, davon eine horizontal, die übrigen in geneigter Stellung gemacht wurden, was die Aufnahme eines verhältnismäßig großen Geländes gestattete, das erste Entzerrungsgerät, den „Photoperspektrographen“ (Abb. 10). Er machte auch auf die Möglichkeit der Vermessung unwegsamer Gebiete, wie Kolonien, Wüsten usw., mittels seines Verfahrens aufmerksam. Durch seinen frühen Tod konnte er keine Erfolge ernten. Erst der Weltkrieg ließ die volle Bedeutung dieses Mannes erkennen. Zur Beschleunigung der Herstellung von Landkarten nach dem von C. Pulfrich in Jena 1901 erfundenen stereo-photogrammetrischen Meßverfahren konstruierte der Oberleutnant des Militärgeographischen Institutes E. v. Orel 1905 den photogrammetrischen Stereoautographen, mit dem automatisch die Schichtenlinien gezeichnet werden. Der Beamte der Wiener Polizeidirektion Eichberg verwendete eine von ihm gebaute Kamera für photogrammetrische Vermessung von Tatorten in kriminellen Fällen. 4. Kinematographie. Die Urform des Kinematographen, das Lebensrad oder Stroboskop (Abb. 11), wurde 1832 von dem Professor am Wiener Polytechnikum Simon Stampfer (1792 bis 1864), unabhängig von dem Belgier Plateau erfunden. Franz Freiherr von Uchatius (1811—1881), der Erfinder der Uchatius- Stahlbronze, kam als Lehrer der Physik im Bombardierkorps auf den Gedanken, durch Projektion durchsichtiger stroboskopischer Scheiben mittels der Laterna magica Bewegungen der Schall- und Lichtwellen mehreren Personen gleichzeitig vorzuführen (Abb. 12). Zweifellos hat Uchatius als erster Erfinder kinematographenartiger Geräte zu gelten. Stampfer beobachtete bereits die für den modernen Kinematographen wichtige Tatsache, daß Laufbilder — sollen sie gut wirken — kurze Zeitabschnitte Stillstehen müssen. 1888, also vor der Erfindung des Kinematographen mit lichtempfindlichen Filmen durch die Brüder STROBOSKOP • BEOBACHTU NGS* Abb. 11. Stroboskop von Stampfer. 16 Josef D aimer Lumiere in Lyon (1895), regte Ernst Mach (1835—1916) in Prag an, über sehr langsam verlaufende Vorgänge, z. B. das Wachstum von Pflanzen, durch beschleunigte stroboskopische Wiedergabe einen Überblick zu gewännen. Sein Sohn Ludwig Mach führte diese kine- matographische Zeitraffung 1893 praktisch aus. Aber auch die Zeitlupe, mittels welcher rasche Bewegungsvor- gänge kinematographisch verlangsamt dargestellt, also analysiert w erden können, wurde durch die Erfindung eines Österreichers, des Physik- und Zeichenprofessors August Musger in Graz (1868—1929), wesentlich gefördert. Durch optischen Ausgleich der Bildwanderung mit einer Spiegeltrommel erreichte er bei Kinoaufnahmen eine Bildfrequenz bis gegen 600 Bilder in der Sekunde. Die ihm erteilten Patente verfielen; der Apparat wurde später unter dem Namen „Zeitlupe“ durch Dr. H. Lehmann in den Erneinann- w’erken in Dresden gebaut, ohne daß Musger einen Nutzgenuß davon hatte. E. Mach löste 1884 das Problem, fliegende Projektile samt den durch dieselben verursachten Luftwirbel durch Momentphotographie festzuhalten, indem er den elektrischen Funken als Lichtquelle benutzte (Abb. 13). Für die Ballistik wurden die MACHschen Arbeiten außerordentlich wertvoll. Von ihm stammt auch die erste Angabe rotierender Scheiben mit Schlitzen zur Empfindlichkeitsmessung, die später von Hurter und Driffield, Scheiner u. a. zur Empfindlichkeitsbestimmung photographischer Platten praktisch verwertet wurde. Die Stereoskopie wurde in Wien durch Prof. Steinhäuser wesentlich gefördert. J. Leth in Wien stellte 1864 durch Übertragung eines Schmelzfarbenbildes mit einer Kollodiumhaut auf Porzellan Photokeramiken her und legte derartige unverwüstliche Bilder erstmalig in den Schlußstein von Monumentalbauten ein. 5. Institute und Lehranstalten. Unter den staatlichen Instituten, die in großzügiger Weise die Photographie gefördert haben, muß dem Militärgeographischen Institut in Wien ein hervor- Abb. 13. Photographie eines fliegenden Geschosses nach Mach. 'vf.-fer-'» .BILDSCHEIBE MIT Abb. 12. Apparat für stroboskopische Projektion von Uchatius. Österreichs Anteil an der Entwicklung des Liclitbildwesens. 17 ragender Platz eingeräumt werden, das 1806 als typographische Anstalt gegründet, 1818 durch Einführung der Lithographie und 1839 durch Vereinigung mit dem ,, Institute Geografico Militare“ in Mailand erweitert wurde. Nach Aufnahme der photographischen Verfahren durch Ritter von Schönhubeb, 1862, wurden schon 1865 Photolithographien mit der Schnellpresse gedruckt. Die Heliographie und Chemigraphie führten Mabiot und Roese ein, während der wissenschaftlichen Pflege der Photographie durch Oberst 0. Volkmeb und nach ihm durch Freiherrn A.v. Hübl besondere Bedeutung beigemessen w'urde. Ersterer brach mit der Geheimhaltung der im Institute ausgeübten Verfahren und veröffentlichte dessen Arbeiten und praktische Verfahren zum großen Nutzen der Privatindustrie. Unter der Leitung von Freiherrn A. v. Hübl (1852—1932) (Abb. 14) kam das Militär- geographische Institut zur Entfaltung. Als Artillerieoffizier war er 1879—1881 zum Studium der Chemie an die Wiener Technische Hochschule entsendet w'orden, wo er sich unter anderem auch für Photochemie interessierte und die Vorlesungen Edees hörte. Als er an das Militärgeographische Institut kommandiert wurde, blieb er seiner Vorliebe für Photographie treu, modernisierte den Betrieb des Institutes, veröffentlichte zahlreiche Abhandlungen und Werke, die das Gesamtgebiet der Photographie und Reproduktionstechnik umfassen, und schrieb ferner über Geodäsie und Photogrammetrie. Ihm wurden zahlreiche Ehrungen zuteil; er wurde Ehrendoktor der Technischen Wissenschaften und korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien. Gegen Ende des Weltkrieges trat Feld- marschalleutnant von Hübe von der Leitung des Institutes zurück. Nach dem Zusammenbruche wurde das Institut wesentlich verkleinert und vom Handelsministerium als „Kartographisches Institut“ weitergeführt. 1920 wurde Hübl mit einem Stabe von österreichischen Mitarbeitern von der Brasilianischen Regierung nach Rio de Janeiro zur Errichtung eines kartographischen Institutes berufen, wo er bis 1924 weilte. Nach seiner Rückkehr nach Wien stellte ihm das österreichische „Kartographische Institut“ ein bescheidenes Laboratorium für seine wissenschaftlichen Arbeiten zur Verfügung, wo er noch bis 1930 tätig war; 1932 starb dieser bedeutende Gelehrte und Organisator im 80. Lebensjahr. Im Jahre 1933 wurde an der Wirkungsstätte Hübls eine Gedenktafel enthüllt. Die Staatsdruckerei erwarb sich unter den Leitern Volkmeb und Fbitz große Verdienste um den Farbendruck in den photochemischen Reproduktionsverfahren. Der Zerfall der Donaumonarchie und die Not der Zeit zwangen dieses durch seine Geschichte der Technik, 4. Heft. Abb. 14. Feldmarschaileutnant Dr. h. c. Arthur v. Hübl, Kommandant des Militärgeographischen Institutes. 2 18 Josef D aimer Höchstleistungen in der Reproduktion von Gemälden und Werken der Graphik bekannte Institut zur fast vollständigen Stillegung dieser Art des Betriebes. Am kriminalistischen Institut der Polizeidirektion Wien wird die Photographie gleichfalls eifrig gepflegt. Es erübrigt noch, über die Fachliteratur, Fachgesellschaften und das Unterrichtswesen eine Übersicht zu geben. 1854 gründete der Maler und Photograph W. Horn in Prag das erste deutsche photographische Journal. Der Bibliotheksbeamte des Polytechnikums in Wien K. J. Kreutzer gab das erste Jahrbuch über die Fortschritte der Photographie heraus sowie auch die Zeitschrift für Photographie und Stereoskopie (1855—1857). Die „Photographische Korrespondenz“ wurde 1864 von L. Schrank (1828—1905) gegründet und von E. Hornig 1870—1884 weitergeführt. Hornig legte großen Wert auf ein wissenschaftlich-technisches Gepräge der Zeitschrift, das bis heute beibehalten wurde; die Zeitschrift erfreut sich großen Ansehens der in- und ausländischen Fachwelt, sie ist Organ der Wiener Photographischen Gesellschaft und der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Der photographische Unterricht kam in Österreich auf den Hochschulen in Wien schon frühzeitig zur Geltung. Etwa 1858/59 hielt am Polytechnikum der Professor für chemische Technologie J. J. Pohl einige Kurse für Photographie; 1864—1866 wirkte M. Burger als Lektor an der LTniversität. Auch Prof. Hornig hielt in den Siebzigerjahren an der Technischen Hochschule einige Kurse über Photographie ab, gab aber diese Tätigkeit bald auf. Den Unterricht in der neueren Photographie, welche durch die Einführung der Bromsilbergelatineplatte geschaffen worden war, griff Eder 1880 als Privatdozent und späterer Professor an der Technischen Hochschule auf und wirkte bis 1925. Neben dieser zurzeit verwaisten Hoch- schullehrkanzel hält seit 1920 Hofrat Prof. Dr. Paul v. Schrott Vorlesungen und Übungen für Kinematographie, w r ofür wohleingerichtete Laboratorien an der Technischen Hochschule vorhanden sind. Aus kleinen Anfängen wuchs in Österreich das photographische Fachschulwesen zu besonders fruchtbarer Tätigkeit empor. Im Jahre 1878 wurde an der Salzburger Baugewerbeschule ein Unterricht für die Praxis der „Reproduktionsphotographie“ eröffnet, fand aber dort keinen günstigen Boden. Anderseits begann sich in Wien mit LViterstützung der Regierung und der Photographischen Gesellschaft unter Prof. J. M. Eder eine auf wissenschaftlicher Grundlage stehende photographische Versuchsanstalt zu entwickeln. In der rechtzeitigen Erkenntnis, daß bei der zunehmenden Bedeutung der Photographie und Reproduktionstechnik für Industrie, Gewerbe, Wissenschaft und Kunst eine gründliche Fachausbildung unbedingtes Erfordernis sei, wurde Eder vom Unterrichtsministerium mit der Ausarbeitung eines Organisationsplanes zur Errichtung einer bezüglichen Fachschule beauftragt und auf Grund seines Vorschlages wurde 1888 die genannte Abteilung in Salzburg mit der Versuchsanstalt in Wien unter Angliederung einer Abteilung für Zeichnen und manuelle Graphik zur „Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt“ vereinigt. Mit der Leitung dieser Anstalt wurde Eder betraut, der sie durch seine tatkräftige, organisatorische, wissenschaftliche und technische Führung, unter Heranziehung hervorragender Fachleute binnen wenigen Jahren zu Weltruf brachte. Der Unterricht der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt umfaßt die Porträt-, Österreichs Anteil an der Entwicklung des Lichtbildwesens. 19 Landschafts-, technische und wissenschaftliche Photographie sowie die gesamten photomechanischen Verfahren, den Buchdruck und die manuelle Graphik. Ihr ist eine Versuchsanstalt angegliedert, deren Aufgabe in der Begutachtung neuer Verfahren, Prüfung photographischer und drucktechnischer Materialien, Ausführung einschlägiger wissenschaftlicher Arbeiten besteht. Diese Anstalt besitzt auch eine von Eder angelegte, reichhaltige Bibliothek sowie eine sich auf die historische Entwicklung von Apparaten, Objektiven und anderen Hilfsmitteln erstreckende Sammlung, deren Obhut viele Jahre lang der Kustos Ed. Ktjchinka (1878—1930) innehatte. Dieser machte sich auch als Schüler Eders durch gründliche Forschungen auf dem Gebiete der Geschichte der Photographie und als Verfasser des Buches „Photoplastik“ sehr verdient. Josef Maria Eder, geb. 1855 in Krems in N.-O. (Abb. 15), studierte an der Universität und an der Technischen Hochschule in Wien, wo er mit den eingangs genannten Pionieren der Photographie bekannt und zu photographisch-chemischen Arbeiten angeregt wurde. Als Assistent für chemische Technologie an der Technischen Hochschule begann er seine photochemischen Untersuchungen und lernte den dort studierenden E. Valenta kennen, der später sein treuer Mitarbeiter wurde. Im Jahre 1880 habilitierte sich Eder für Photochemie an der Technischen Hochschule in Wien und wurde 1892 daselbst Professor für Photochemie. Durch die aus Staatsmitteln erfolgte Anschaffung eines Sonnenspektrographen wurde der Kreis der Tätigkeit Eders wesentlich erweitert, was zu exakten Arbeiten über die Photographie mit farbenempfindlichen Platten führte. 1884 hatte Eder mit der Herausgabe seines großen „Handbuches der Photographie“ begonnen, das als das Hauptwerk der wissenschaftlichen Photographie gilt. Demselben folgte das „Jahrbuch für Photographie und Reproduktionstechnik“. Um die Jahrhundertwende beschäftigte sich Eder mit spektralanalytischen Untersuchungen der chemischen Elemente, ferner mit der Sensitometrie und insbesondere der bis dahin wenig erforschten Geschichte der Photographie und Photochemie. Sein Buch über „Geschichte der Photographie“ erschien in zwei Bänden in vierter Auflage 1932. 1904 gaben Eder und Valetta eine Zusammenfassung ihrer eigenen Forschungen in dem umfangreichen Werk „Beiträge zur Photochemie und Spektralanalyse“ heraus. In den Lehrkursen der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien wurden durch den ausgezeichneten Lehrkörper der Anstalt Spitzenleistungen auf dem Gesamtgebiete der Photographie und Vervielfältigungstechnik geschaffen, welche bei zahlreichen Ausstellungen erste Preise gewannen, z. B. bei der Pariser Abb. 15. Hofrat Professor Dr. J. M. Eder. Bahnbrechender Forscher auf dem Gesamtgebiete des Lichtbildwesens. 20 Josef D aimer Weltausstellung 1900. Das anläßlich des 25jährigen Bestandes der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt vom Lehrkörper herausgegebene Prachtwerk zeigt die hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Photographie in den Zeiten vor dem Weltkriege. Nach 35jähriger Leitung der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt trat Eder 1923 in den Ruhestand. Ihm folgte im Amte Hofrat Prof. E. Valenta (1857—1937) (Abb. 16), der bereits seit 1892 als Chemiker und Leiter der Versuchsanstalt wirkte. Schon bald nach seiner Berufung an die Versuchsanstalt verfaßte Valenta das zweibändige Werk „Photographische Chemie und Chemikalienkunde“ und für die graphischen Drucktechniken das dreibändige Werk ,, I)ie Rohstoffe der graphischen Druckgewerbe 4 ‘. Ferner veröffentlichte er „Die Photographie in natürlichen Farben, mit besonderer Berücksichtigung des LiPPMANNschen Verfahrens sowie jener Methoden, welche bei einmaliger Belichtung ein Bild in Farben liefern“, sowie viele andere bedeutende Arbeiten, die in Eders „Jahrbuch für Photographie“, in der „Photographischen Korrespondenz“ sowie in anderen Fach blättern und Sammelwerken erschienen und das Lichtbildwesen außerordentlich förderten. Seit dem Rücktritte Valentas von der Direktion (1924) konnte der bekannte Graphiker, Hofrat Dr. Rudolf Junk, als gegenwärtiger Direktor den Weltruf der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt unter oft recht schwierigen Verhältnissen, kraft seiner künstlerischen und organisatorischen Fähigkeiten aufrechterhalten und vermehren. Am 1. März 1938 feierte diese Anstalt ihren 50jährigen Bestand, aus welchem Anlasse eine Ausstellung sehenswerter, in der Schule geleisteter Arbeiten veranstaltet wurde. Zahlreiche Belege zur Erfindungsgeschichte der Photographie befinden sich in den Schausammlungen der Gruppe „Graphische Industrie“ im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe zu Wien, die von dem damaligen Direktor des Museums, Hofrat Dr. e. h. Ludwig Erhard, unter Mitarbeit von Hofrat Professor Dr. J. M. Eder und unter reger Beteiligung der Fachkreise, -während des Weltkrieges geschaffen wurde. Der hier gegebene Überblick kann als Beweis gelten, daß Österreich dank der zielbewußten Führung weitblickender Gelehrten und Praktiker, in der Entwicklungsgeschichte des Lichtbildwesens wohl mit an erster Stelle genannt werden muß. Abb. 16. Hofrat Professor E. Valenta. Bedeutender Fachmann der photographischen Chemie. 21 Österreichs Anteil an der Entwicklung des Lichtbildwesens. Schrifttum. J. M. Eder, „Geschichte der Photographie“, 4. Aufl., 2 Bde., Halle a. S. 1932. — Jahrbücher für Photographie und Reproduktionstechnik 1887 bis 1930. — Geschichte der Photographie und der photomechanischen Verfahren in Österreich in: „Die Großindustrie Österreichs“, 6. Bd„ S. 111 bis 128, Wien 1898. ■— Photographie und photomechanische Verfahren in: „Katalog, österr. Weltausstellung Paris 1900“, 1. Heft (Beiträge Österreichs zu den Fortschritten im 19. Jahrhundert), S. 23 bis 36. Photographische Korrespondenz, Wien 1864 bis 1938. Sammlung von Monographien über Erfinder auf dem Gebiete der Photographie, herausgegeben von der Direktion der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt: „Anton Martin, der Verfasser des ersten deutschen Lehrbuches über Photographie“. Bearbeitet von Prof. A. Bauer, Wien 1921. „Karl Kampmann, Aus Geschichte und Technik der lithographischen und chemi- graphischen Verfahren“, Wien 1918, bearbeitet von J. M. Eder. W. Exner, „Beiträge zur Geschichte der Gewerbe und Erfindungen in Österreich von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“. Wien 1873, S. 513 bis 530. Photographie, bearbeitet von A. Martin. Ermenyi, „Dr. Josef Petzvals Leben und wissenschaftliche Verdienste“, 2. Aufl., Halle a. S. 1903. K. Albert, „Karl Klietsch“, Biographie. Herausgegeben von der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, 1927. E. Kurzel-Runtsciieiner, „Franz Freiherr von Uchatius“, in: „Blätter für Geschichte der Technik“, 4. Heft, 1938, S. 40ff. P. von Schrott, „August Musger“ in: „Blätter für Geschichte der Technik“, 4. Heft, 1938, S. 22 ff. Abb. 17. Alte Wiener Daguerreotyp-Kamera. Objektiv von Optiker Prokesch in Wien um 1840. August Musger. Von Hofrat Prof. Dr. Paul von Schrott. Mit 9 Abbildungen. „Unser Leben ... ist ein unteilbarer Punkt, den wir durch die beiden starken Linsen Raum und Zeit auseinandergezogen und darum in höchst ansehnlicher Größe erblicken.“ Als Schopenhauer diesen Satz niederschrieb, ungefähr vierzig Jahre vor Erfindung der ersten kinematographischen Geräte, ahnte er wohl nicht, daß er dabei eine der großen Errungenschaften des menschlichen Geistes im Grundgedanken vorweggenommen hatte. Daß eine Linse oder Lupe räumliche Gebilde vergrößert, war damals, so wie heute, eine jedem gebildeten Menschen geläufige Tatsache. Der Gedanke aber an eine Lupe für zeitliche Vergrößerung war vollkommen neu und überraschend. Daran zu denken, daß zeitliche Verhältnisse vergrößert, d. h. auseinandergezogen werden könnten, wodurch, wie unter einer Lupe, der Zeitmaßstab vergrößert würde, war des genialen Denkers vollkommen würdig. Sicher hat Schopenhauer nicht die Möglichkeit erwogen, mit Hilfe eines Gerätes den Maßstab der Zeit zu ändern, aber daß der Gedanke an eine solche Möglichkeit überhaupt auftauchen konnte, ist bemerkenswert. Viele Jahre mußten verstreichen, bis diese Idee Wirklichkeit wurde, bis ein Gerät geschaffen war, welches es möglich machte, das Bild des Zeitablaufes nach Belieben zu ändern. Dieses Gerät ist der Kinematographenapparat, an dessen Wiege ein Österreicher, Simon Stampfer, im Jahre 1833 stand und in dessen Entwicklungsweg der Steiermärker August Musger im Jahre 1904 durch die grundlegende Erfindung seines Spiegelausgleiches einen zweiten Markstein setzte. Zeitraffer und Zeitlupe. Zwei Möglichkeiten bietet die Kinematographie, den Zeitmaßstab zu ändern: den Zeitraffer und die Zeitlupe. Beim ersteren wird ein Vorgang, der sich so langsam abspielt, daß er unserem Auge nicht mehr als Bewegung erscheint, so zusammengedrängt, daß die Veränderungen in kürzerer Zeit erfolgen und sich dadurch dem Beobachter als Bewegung darbieten. Es geschieht dies durch Aufnahmen in größeren und deren Wiedergabe in kurzen Zeitabständen. Die Zeitraffung ist daher der optischen Wirkung der Verkleinerung gleichzustellen. Bei der Zeitlupe werden dagegen Vorgänge, die sich so rasch abspielen, daß das Paul vox Schrott: August Musger. 23 Auge sie gar nicht oder nicht in den Einzelheiten wahrnehmen kann, in sehr kurzen Zeitabständen auf genommen und mit vergrößerten Zeitabständen wiedergegeben. Entsprechend der Vergrößerung der Zeitintervalle spielt sich dann die Bewegung langsamer ab und das Auge kann den BewegungsVorgang erfassen. Wie man sieht, erweitert die Zeitlupe die Möglichkeit unseres Zeiterkennens. Während dem unbewaffneten Auge ein zeitlicher Unterschied zwischen zw'ei Be- w’egungsphasen unter 1 / 10 Sekunde nicht mehr wahrnehmbar ist, können durch die Zeitlupe viel kürzere Zeitabstände sichtbar gemacht werden, es findet also, wie schon der Name Zeitlupe sagt, eine Übertragung der nur räumlich bekannten Vergrößerung auf zeitliche Verhältnisse statt. Die Zeitlupe stellt demnach eine ganz neue, bis dahin unbekannte Gruppe von Geräten dar; sie ist ein Sehw r erkzeug zur Verfeinerung unseres Zeitsinnes. Während das erste Problem, die Zeitraffung, keine technischen Schwierigkeiten bereitet, stellen sich dem Problem der Zeitlupe große Schwierigkeiten entgegen, w r elche durch die Art des Filmtransportes begründet sind. Bei der normalen Filrn- Aufnähme und -Projektion muß der Film im Augenblick der Aufnahme oder der Projektion ruhig stehen, da sonst ein ganz unscharfes Bild entstehen würde. Deshalb wird das Filmband in der Weise weitergeschaltet, daß es im Momente der Aufnahme ruhig steht und dann mit einem Ruck um eine Bildlänge weitergezogen wird. Während dieses Weitertransportes wird der Film durch die Sektorblende einer rotierenden Scheibe verdunkelt, so daß den Film während seiner ruckweisen Bewegung kein Licht trifft. Diese stoßweise Verdunklung führt eine unangenehme Begleiterscheinung der Filmprojektion herbei: das sogenannte Flimmern. Besonders in den Anfängen der Kinematographie machte sich das Flimmern und Flirren der Bilder außerordentlich störend bemerkbar, so daß viele empfindliche Personen überhaupt nicht fähig waren, ein Kinobild längere Zeit zu betrachten. Erst später gelang es, durch Steigerung der Zahl der Lichtimpulse mittels mehrteiliger Blenden die Frequenz des Flimmerns so zu steigern, daß das Auge die Unterbrechungen nicht mehr wahrnehmen kann. Ein weiterer Übelstand der ruck weisen Filmbewegung war, daß der Zahl der in der Sekunde auf nehmbaren Bilder eine verhältnismäßig niedrige Grenze gesetzt war. Man muß daher, wenn man die Bildwechselzahl steigern will, den Film stetig und gleichmäßig bewegen. Dazu mußte aber eine Vorrichtung geschaffen werden, welche es gestattet, daß die Aufnahme des ruhigstehenden Objekts dem sich fortbewegenden Filmbande genau folgt oder, wie der Fachausdruck lautet, „optisch stationär“ gemacht wird. Bei der Bildprojektion ist der Vorgang natürlich umgekehrt, es muß hierbei das mit gleichmäßiger Geschwindigkeit bewegte Filmbild auf dem Projektionsschirm zur Ruhe gebracht werden. Musger und die Zeitlupe. Das Verdienst, die erste theoretisch richtige Lösung dieses Problems gefunden zu haben, gebührt dem Österreicher August Musger. Im Jahre 18G8, am 10. Februar, wurde dem Lehrer in Eisenerz, August Musger, von seiner Gattin Maria, geb. Lindner, ein Söhnchen geboren, welches auch den Namen des Vaters August erhielt. Noch im November desselben Jahres über- 24 Paul von Schrott siedelte die Familie nach Kindberg, woselbst Vater Musgeb, die Stelle eines Oberlehrers der dortigen Volksschule übernahm. Außer der Leitung der Schule widmete er seine Tätigkeit auch noch dem Musikvereine als Regens chori und Chormeister. Überhaupt waren die Eltern Musgers sehr musikbegabt, und in Kindberg bildete sich bald ein musikalischer Kreis, dessen Einfluß auf den heranwachsenden Knaben nicht ohne Wirkung blieb. In Kindberg erblickten noch drei Brüder das Licht der Welt, die heute in hochansehnlichen Stellungen im Lehrberuf tätig sind. Vater Musger kam im Jahre 1897 als Oberlehrer nach Deutsch-Landsberg und starb im Ruhestände bei seinem Sohne Georg in Bruck a. d. Mur. Kn* Abb. 1. Musgers Geburtshaus in Eisenerz, Steiermark. August Musger, dessen Lebensgeschichte wir hier erzählen, verlebte seine Kindheit und Jünglingsjahre in Kindberg und Graz. In Kindberg besuchte er die Volksschule von 1874 bis 1879. In diesem Jahre kam er an das Staatsgymnasium in Graz und absolvierte das Untergymnasium zum Teil am Staatsgymnasium und zum Teil im Fürst bischöflichen Knabenseminar, das Obergymnasium wieder am Staatsgymnasium. Hier legte er im Jahre 1887 die Maturitätsprüfung mit Auszeichnung ab. 1887 bis 1891 studierte er Theologie an der Universität Graz. Nach Vollendung seiner theologischen Studien wurde er am 20. Juli 1890 in Kindberg zum Priester geweiht. Die lebhafte Anteilnahme der Bevölkerung an der Primiz Musgers zeigte die große Beliebtheit der Familie in Kindberg. Der junge Priester kam zuerst als Kaplan nach Preding, einem weststeirischen Marktflecken. Aber nur zwei Jahre sollte Musger seinem seelsorgerischen Berufe obliegen. Schon waren die Augen der Höheren auf den ungemein talentierten jungen Priester gefallen, und als der August Musger. 25 Fürstbischof von Graz, Johannes Zwerger, sich mit dem Gedanken trug, das Knabenseminar der Diözese, welches seit dem Jahre 1843 eine große Zahl von hervorragenden geistlichen Zöglingen herangebildet hatte, zu einem Gymnasium mit Öffentlichkeitsrecht auszubauen, war es der zum Präfekten ernannte Musger, der eine wichtige Säule dieser Neugründung werden sollte. Er wurde beauftragt, sich die Staatslehrbefähigung für Mathematik und Physik sowie Freihandzeichnen zu erwerben. Musger studierte an der Universität in Graz und an der Landes-Zeichen- Akademie in Graz vom Oktober 1892 bis Februar 1894. Dann ging er zur Vollendung seiner Zeichenausbildung nach Wien, woselbst er die Kunstgewerbeschule des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie besuchte. Das Studium der Mathematik und Physik scheint Musger nicht weiter fortgesetzt zu haben, denn seine Haupttätigkeit im Unterrichte war das Zeichenfach, während er Physik und Mathematik nur an der Unterstufe des Gymnasiums lehrte. Sein Aufenthalt in Wien dauerte bis zum Jahre 1898. Im Sommer 1898 unterzog sich Musger der Lehrbefähigungsprüfung für das Freihandzeichnen für Mittelschulen an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Aus den gestellten Prüfungsfragen und deren Beurteilung ersieht man, daß Musger wohl zeichnerische Begabung hatte, daß aber seine besondere Befähigung auf dem Gebiete der darstellenden Geometrie lag. Die ihm gestellten Fragen waren hauptsächlich konstruktiver Natur, Schnitte, Schattenkonstruktionen, Perspektive und Methodik des Unterrichtes. Die Beurteilung des Prüfungsergebnisses war sehr günstig und schon im Herbste des Jahres 1898 nahm Musger den Unterricht im Zeichnen auf. Trotzdem Musger ursprünglich Mathematik und Physik dem Zeichnen vorgezogen hatte, gewann er doch das Zeichenfach im Laufe der Zeit so lieb, daß sein Unterricht für seine Schüler auch künstlerisch anregend und fruchtbar wurde. Mathematik und Physik trug Musger nur in der Unterstufe des Gymnasiums vor. Auch den Physikunterricht verstand er durch Anschaulichkeit und Lebendigkeit sowie durch die Herstellung kleiner Modelle überaus anregend zu gestalten. Aus der ganzen Art der wissenschaftlichen Betätigung Musgers erkennt man seine besondere Vorliebe für physikalische Probleme, und es ist zu bedauern, daß er seine Hochschulstudien in dieser Hinsicht nicht vollenden konnte. Noch bedauerlicher ist es, daß Musger nicht die technischen Fächer studierte, denn er war ein ausgesprochen technisches Talent. In der damaligen Zeit aber, um 1890, waren der technische Unterricht und der physikalische Unterricht zwei getrennte Welten, und wohl hauptsächlich in dem rein theoretischen Bildungswege Musgers müssen wir jetzt schon die Wurzel erblicken, daß ihn die wichtigste Schöpfung seines Lebens, die Zeitlupe, nicht zum vollen praktischen Erfolge führte. — Musger blieb Professor für Zeichnen am Fürstbischof liehen Gymnasium in Graz bis zu seinem Tode am 30. Oktober 1929. Wir würden vollkommen irren, wenn wir uns in Musger einen allen harmlosen Freuden abholden, nur der Wissenschaft lebenden, trockenen Gelehrten vorstellten. Im Gegenteil, Musger war heiteren umgänglichen Charakters, und in Wien nahm ihn damals das im Aufschwung befindliche Studentenleben in seinen Bann, wobei Musger sich der Bedeutung des studentischen Verbindungswesens und der gesell- 26 Paul von Schrott schaftlichen Bindungen für sein weiteres Lebenswerk vollkommen bewußt war. Als aktives Mitglied trat er der ,, Karolina“ bei und widmete deren Bestrebungen viel Zeit und Arbeit. Er gehörte der ,, Karolina“ als Alter Herr bis zu seinem Tode an. ■Ufr“ :•>>>* Abb. 2. Professor August Musger. Geboren 10. Februar 1868 in Eisenerz, gestorben 30. Oldober 1929 in Graz. Es war ein einfaches bescheidenes Leben, das Musger führte, nicht ernst und zurückgezogen, sondern in heiterer kleiner Geselligkeit, welche durch seine außerordentliche musikalische Begabung sehr bereichert wurde. Er spielte ausgezeichnet Orgel und Klavier und war ein trefflicher Sänger. Er war imstande, jedes Thema August Musger. 27 freihändig am Klavier zu vertonen, lehnte aber in seiner Bescheidenheit jede Niederschrift seiner Kompositionen ab. So kommt es, daß weder von dieser noch von der zeichnerisch-künstlerischen Tätigkeit Musgers etwas zurückblieb. Er wird geschildert als ein heiterer, gütiger Mensch, von dessen Türe kein Armer ungetröstet wegging. Den Hauptteil seiner freien Zeit nahm aber die Beschäftigung mit physikalischen Problemen ein. Ursprünglich wandte er sich, wahrscheinlich durch die Erfindungen Szepaniks angeregt, dem Fernsehen zu, gab aber diese Beschäftigung aus heute begreiflichen Gründen wieder als fruchtlos auf. Er mag bei dieser Gelegenheit mit Spiegelrädern gearbeitet haben, und so könnte es gekommen sein, daß er das Spiegelrad für andere Zwecke geeignet fand. Gerade in diese Zeit, um 1904, fällt der große Aufschwung der Kinematographie. Um 1897/98 waren die ersten Kinos entstanden, die ersten technischen Schwierigkeiten waren überwunden, und es ist begreiflich, daß die Fragen der Kinematographie einen Mann von so lebhaftem Geiste, wie Musger außerordentlich fesseln mußte. Die Beseitigung der schon besprochenen üblen Eigenschaft der damaligen Kinovorführungen, des starken Flim- merns, war das Ziel Musgers. So kam er auf den Gedanken, die Bildfolge überhaupt nicht durch Verdunkelung zu unterbrechen, sondern dauernd auf der Leinwand zu lassen und nur ein Phasenbild allmählich ins nächste übergehen zu lassen. Ob andere Geräte, die ebenfalls mit Spiegelausgleich arbeiteten, Musger schon bekannt waren oder erst durch den Vorhalt bei der Patentanmeldung bekannt wurden, ist schwer zu bestimmen. Jedenfalls hat sich Musger, das geht aus seinen Aufschreibungen hervor, sehr lange Zeit, vielleicht jahrelang, mit dem Problem beschäftigt. Er war sich vor der Patenteinreichung über die zu lösende Aufgabe, ihre Schwierigkeiten und die Fehlergrenzen vollkommen im klaren. Im Jahre 1904 meldete er dann seinen Apparat als „Serienapparat mit Spiegelrad“ zum Patente an. Das Wesen des von Musger erfundenen Ausgleiches mit rotierenden Spiegeln ist, wie der Strahlengang in der Abb. 3 schematisch andeutet, kurz folgendes: Wenn ein Spiegel S 1 S l sich um eine in seiner Ebene liegende Achse 0 dreht, so wird der den Spiegel treffende Lichtstrahl x x, welcher von einem fernen Punkte P kommt, ebenfalls verschwenkt. Bei der Aufnahme ist der vom Punkte P herkommende Strahl xx, in seiner Lage unveränderlich, d. h. er entspricht einem stillstehenden Gegenstände. Nun bewegt sich während der Aufnahme der Film Abb. 3. Strahlengang des Spiegelausgleiches. 28 Paul yon Schrott stetig von der Trommel T 2 zur Trommel T v Würde der Spiegel ruhig stehen, so würde sich das Bild des Punktes P, da sich der Film an diesem Punkte P l vorbeibewegt, als Strich abbilden. Dreht sich der Spiegel nun in dem in der Zeichnung angedeuteten Sinne, so kann man den Lichtstrahl dem Film derartig nachführen, daß das Bild des Punktes immer auf denselben Punkt des Filmes fällt, daß also eine relative Verschiebung zwischen Film und Bild nicht stattfindet. Wie man aus der schematischen Abbildung sieht, entspricht einer Verdrehung des Spiegels aus der Lage S x in die Lage S 2 um den Winkel