FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE ACHTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR.E.H. DIPL.-ING. L. ERHARD t UND Ord. Prof. Dr. K. HOLEY MIT 55 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG* 1942 BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE ACHTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR.E.H. DIPL.4NG. L. ERHARD f UND Ord. Prof. Dr. K. HOLEY MIT 55 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG • 1942 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, Vorbehalten Printed in Germany Am 28. Oktober 1940 starb in Baden bei Wien Ludwig Erhard im Alter von 77 Jahren, der Leiter des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte und Schriftleiter der „Blätter für Technikgeschichte“. Das Forschungsinstitut hat er als Krönung seines Lebenswerkes unter den schwierigsten Umständen geschaffen. Seine unbeugsame Arbeitskraft, sein feuriger und zugleich zäher Arbeitswille und die Fähigkeit, andere durch sein Beispiel mitzureißen, überwanden alle Hindernisse. Lange genug hat die Technik Geschichte gemacht, sie hat einem ganzen Zeitalter den Inhalt gegeben, ehe man daran dachte, die geistigen Zusammenhänge und die inneren Triebkräfte dieses ungeheuren äußeren Geschehens zu untersuchen. Der sicherste Weg erschien Erhard der Weg der geschichtlichen Forschung und in den vorliegenden Blättern, die sein ureigenstes Werk sind, sammelte er Bausteine für einen geschichtlichen Aufbau. Wenn Erhard von uns gegangen ist, so lebt sein Werk weiter in seinem Gedankengut, das so reich ist, daß es auch weiter neue Früchte tragen wird. y Seine Mitarbeiter gedenken seiner in tiefer Dankbarkeit für seine reine und edle Menschlichkeit, seine Selbstlosigkeit und seine Herzenswärme, die er allen, die mit ihm verbunden waren, in reichem Maße schenkte. Sein Andenken lebt fort in dem siegreichen Weg des Geistes in der Technik. Technikgeschichte, 8. Heft. 1 raivvVv-w-**. -i---: *_'• W" - .-• ■V »V - V. ' . * n r.v.-* »■>■*. ; t V.* ,-■ , /V' »>• ?; : * ' ‘.'V 7 !i •V.^-.v f-y-‘ t - v ■ > . A. j-tt* •iJLktfcQ ■',*'■■. H igitf.-'i: A dv * .*$£ *rf. • v' w -* f Wi : ifis «,)*#»{:M *>'<& f&Y .r**A#£*X« 7 * fUX? -. ., • * • '£l.-: -XvhTfrr. h\ 'rt*T'. t»i i H-i{i rytrAjintipä j»*4> ’t ni:.'h '- 7 T Avt wo*?«. .A :.tu. • A :%t>. ljsgXiv wtfry** >>;<-- r»:>' '-PV^rJ'.v^■ A ■*»'>*'. i' >i,hAu.t S«*ju . . ri:. *«iU .:> AibstGt ^JTiSiaj«?-!*’?}£'*• A ■' aru£-.A*%- ilaiL'i '• & *%£$& ‘ • 1 • • bt>«bv'•' • ?a?*f*.sL.-«tbi*## ■■) r ‘ >:. jiV»** ' : $h • Alf *yo " r-*JX v> 4*ifcbfcw?>; •S.&iZhiit&ii ' r>l/V:. ;' . •' -;if /ö' 1 . Ab *' -r 'Fr'.Afc, :;utv^ vd 'i.iA-'.Yi >hi^vv. J' l&j: \. <*;. v.c> .". J * ■£iÄi y*ib - ’ ?>:- .7j^'-/..-./fi.‘i'i vri«if.A • .'••"•.:«^>(,f ?' , %■? ‘Ah \Huzi.K*<*3igT*'li'‘ is**-. '?.■. ;• ,'i-olii- Ji;'' .': >R . i$£&Uk>± iÄfc ^4 »Tl^k«-‘ 3 i v nr itisf Äffi yät>, .-afd‘'“yr i&i> iji K?^4v'i »t>.>^»*7 jr-»'rf^it»*sr*^ m >ti r«-iio^4divi ; “V •rf ’„* . • »- .% * * • . ;m* . -»? c ' . V “ < •'»4-Vr Ludwig Erhard. Von Dipl.-Ing. Dr. Karl Holey. Mit 6 Abbildungen. Ein Lebensweg, geradlinig und folgerichtig, wie selten einer, trotz Mühen und Kämpfen ohne Umweg, von Anfang in sich beschlossen, der Lebenslauf ruhige und stetige Erfüllung und das Ende ein Ausklang in vollen Akkorden, so war das Leben Ltjdwig Erhards. Der Boden der Heimat und das Blut der Väter und Vorfahren bestimmen das Werden der Persönlichkeit und alles, was das Leben an Früchten bringt — manchmal ist es erst eine späte Reife —, es wächst aus diesen Wurzeln. Nicht oft ist diese Wahrheit so klar und deutlich, wie im Leben Erhards, .da ist kaum ein Wesenszug, der nicht schon vorbestimmt wäre. Erhard ist ein Sohn des bayrischen Waldes und der markige Ernst seiner Wälder mit den Felsgebilden aus trotzigem Urgestein, die tiefinnerlichen Augen seiner Bergseen sowie die heitere Natur der Donau - landschaft zu seinen Füßen finden sich in glücklicher Vereinigung im Wesen Erhards. In Aicha vorm Walde, in einem lieblichen Tal der Ausläufer des bayrischen Waldes, nordwestlich von Passau, in einem stattlichen, aus dem Mittelalter stammenden Edelsitz, 1 wurde er am 25. August 1863 geboren. Sein Vater, der Arzt f '• -i- >■'? BilcM. Schloß Aicha vorm Walde, das Geburtshaus Ludwig Erhards. 1 Über Aicha vorm Walde siehe: 2. Fortsetzung der „Geschichte und Topographie der Umgebung von Passau“ von Dr. A. Erhard, S. 3ff. Landshut 1901. Das Schloß war schon recht baufällig und im Jahre 1870 stürzte ein Teil ein, der später wieder aufgebaut wurde. l* 4 Ludwig Erhard. Dr. Alexander Erhard, begann dort seine ärztliche Tätigkeit und verbrachte in dem alten Schloß die Zeit von 1856 bis 1866, um dann in seine Heimatstadt Passau zurückzukehren. Dort war die väterliche Familie seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ansässig, seit Lorenz Erhard aus Schwaben zugewandert und als Hoffriseur des Passauer Erzbischofs eine angesehene Stellung als Bürger und Hausbesitzer eingenommen hatte. Seine Frau, eine Passauer Goldschmiedstochter, gebar ihm acht Kinder und einer der Söhne, der im Jahre 1775 geborene Michael, ist der erste in einer längeren Reihe von Ärzten. Dr. Michael war anfänglich Landgerichtsarzt in Ried im Innkreis, heiratete die Tochter des fürstbischöflichen Leibarztes Dr. A. Bauer in Passau und starb dort 1806 als Stadtphysikus. Sein Sohn, Dr. Alexander Erhard, geboren 1801, studierte an den Universitäten Landshut, München, Wien, Berlin und Prag, übte seinen Beruf in Passau aus und starb dort als Amtsarzt 1874. Er war nicht nur ein guter und sozial denkender Arzt, sondern hatte auch einen besonderen Hang für die schönen Künste, er war ein geschickter Zeichner und Maler, der mit Vorliebe die landschaftlichen Schönheiten des bayrischen Waldes und der Alpen weit schilderte und war ein guter Musiker. Seine Liebe zur bildenden Kunst äußerte sich auch in der Begründung des Niederbayrischen Kunstvereines. Besonders ausgeprägt war seine Heimatliebe in Verbindung mit historischen Studien zur Geschichte seiner Vaterstadt. Seine Fußwanderungen führten ihn bis nach Genua. In den Jahren 1862 bis 1864 erschien seine „Geschichte der Stadt Passau“, die heute noch als bedeutendes Geschichtswerk gilt. Die Neigungen des Vaters, aus dessen Ehe mit der Tochter des Rechnungs- rates Höss in Linz zwölf Kinder hervorgingen, 1 übertrug sich auf seinen 1830 in Passau geborenen Sohn gleichen Namens. Dr. Alexander Erhard d. J., der Vater Ludwig Erhards, hatte den gleichen Wandertrieb und studierte an den Universitäten München, Würzburg und Prag. Als junger Student nahm er lebhaften Anteil an der großdeutschen freiheitlichen Bewegung des Jahres 1848, deren Idealen er sein ganzes Leben lang treu blieb, und die großdeutsche Gesinnung übertrug er auch auf seinen Sohn Ludwig. Aus München, wo er 1855 promovierte, holte er seine Gattin Louise, die Tochter des Universitätsprofessors Lang, und zog 1856 mit ihr nach Aicha vorm Walde, wo ihm zwei Söhne geboren wurden, von denen der ältere früh starb, der jüngere ist Ludwig Erhard. Mit ihm erlischt der Kinderreichtum der ERHARDschen Familie. Von 1866 an ist Alexander Erhard d. J., so wie sein Vater, Seminararzt und leitender Arzt des Städtischen Krankenhauses in Passau. Seine Zeitgenossen rühmen sein berufsfreudiges ärztliches Wirken und sein werktätiges Menschentum. Frühzeitig teilte er die Neigung des Vaters für geschichtliche und heimatkundliche Forschungsarbeit. Er rekonstruierte einen Plan der Stadt Passau zu Anfang des Jahrtausends, der mit einer ortskundlichen Abhandlung dem Archiv der Stadt Passau ein verleibt wurde. Noch als junger Arzt in Aicha vorm Walde beginnt er Material zu sammeln für eine Geschichte und Topographie der Umgebung von Passau, deren vollständige Veröffentlichung er nicht erleben sollte. Er starb 1899 in Passau, und in den Jahren 1899 bis 1905 erschien in vier 1 Aus der Ehe einer seiner Töchter, Antonie mit Josef Haas, stammen zehn Kinder. Ludwig Erhard. Bänden das bei seinem Tode druckfertig vorliegende Werk. 1 Freundschaft verband ihn mit einem namhaften Geschichtsforscher seiner engeren Heimat, mit dem Gelehrten Konrad Meindl, dem Propst des Augustinerchorherrenstiftes Reichers- berg am Inn. Seine Gattin Louise starb 1905 im Alter von 70 Jahren in Passau. Sie teilte die Liebe ihres Mannes für Kunst und Geschichtswissenschaften und zur Natur. Sie war, wie die Männer aus dem Hause Erhard, reiselustig und hielt sich mit Vorliebe in Italien und in den südlichen Provinzen Österreichs auf. So schien auch des jungen Ludwigs Lebensweg vorbestimmt, als er seine Studien an dem Gymnasium seiner Vaterstadt Passau begann. Die humanistische Bildung und die logische Schulung verleugnen seine späteren Arbeiten nicht. Als er sich aber entscheiden mußte, ob er dem Beruf seiner Vorfahren treu bleiben sollte, kam der nach Betätigung auf neuen Bahnen drängende Wille des Jünglings mit aller Entschlossenheit zum Durchbruch. Der Aufstieg, den die Technik genommen hatte, besonders auf dem mechanischen und maschinenbautechnischen Gebiete, hatte einen so starken Eindruck auf ihn gemacht, daß er, allen Widerständen zum Trotz, Techniker, Ingenieur werden wollte. Dieser Bruch mit einer alten Familienüberlieferung wurde vom Vater und von seinen Erziehern nicht gern gesehen und besonders der Rektor des Gymnasiums in Passau suchte ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Beim Abschied faßte er seine aufrichtige Sorge in die Befürchtung zusammen: ,,Sie werden wie ein Schiff ohne Mast und Segel im Ozean des Lebens treiben.“ Aber gerade in den Ozean des vollen, wirklichen Lebens wollte der junge Student, und wo bot sich ihm bessere weltumfassende Gelegenheit als in der Technik. Sein Vater, eine gütige und einsichtsvolle Natur, sah ein, daß er dem jungen, starken und ernsten Willen nicht entgegenstehen durfte und gab schweren Herzens seine Einwilligung. Im Jahre 1881 bezog Ludwig Erhard die mechanisch-technische Abteilung der Technischen Hochschule in München. Der Beruf des Vaters und dessen historische Neigungen mögen mitgewirkt haben, als der junge Student der Technik neben seinem eigentlichen Hauptstudium auch medizinische und kunsthistorische Vorlesungen an der Universität hörte. Die geheimnisvollen Vorgänge des Lebens, die biologischen Wissenschaften zogen ihn besonders an, und ein Lieblingsgedanke seiner späteren Zeit mag eine Folge der Münchener Studien sein, der Aufbau einer Biologie der Technik. Seine sinnenfrohe Art nahm lebhaften Anteil an allen Fragen der Kunst, die gerade in München das Leben der Stadt bewegten. Es ist die Blütezeit der neueren Münchener Kunst, die großen Meister Lenbach, Defregger, Böcklin, Grützner und vor allem Leibl, der urbayrische Realist, standen im Höhepunkt ihres Schaffens und die erste Sezession bereitete sich vor. Von den großen Neubauten der Stadt war das gotische Rathaus von Hauberisser im Werden, das auf ihn einen starken 1 „Geschichte und Topographie der Umgehung von Passau.“ Landshut 1899—1905. ln der Einleitung zur ersten Fortsetzung vom Jahre 1900 ist eine kurze Lebensbeschreibung des Verfassers enthalten, der die angeführten Angaben entnommen sind. Über die Geschichte der Familie Erhard siehe ferner Max Peinkofer, „Ein kleines Denkmal für die Familie Erhard“ in: „Heimatglocken“, Beilage der Donau-Zeitung, Passau, 9. Juli 1936. 6 Ludwig Erhard. Eindruck machte, wie er überhaupt dem phantasievollen und doch so streng logisch konstruktiven Geist der Gotik nahe stand. An der Technik besuchte er die kunstgeschichtlichen Vorlesungen Rebers, des Vitruvforschers, für den die Baukunst alle Gebiete des technischen Schaffens, auch den Maschinenbau, umfaßte und an der Universität hörte er Dehio, den kenntnisreichen Deuter der deutschen Baukunst des Mittelalters, den anregenden Muther und den geistreichen Kulturhistoriker Berthold Riehl. Seine Liebe zur Kunst, ein Wesenszug, den wir bei vielen großen Technikern, vor allem Maschinenbauern, beobachten können, führte ihn oft zu den Kunststätten Deutschlands und Italiens, die ihm immer wieder ein Quell innerer Freude waren. Schon im Kindesalter äußerte sich seine Natur Verbundenheit in Ausflügen in den bayrischen Wald und später, als er die Ferienzeit bei Verwandten in Freilassing verbrachte, fühlte er sich von den Alpen so angezogen, daß er, wie sein Großvater Dr. Alexander Erhard, jede freie Zeit mit Fußwanderungen in den Alpen, vor allem in Tirol, verbrachte und das ganze Gebiet systematisch genau kennen zu lernen versuchte. Er hatte das Programm für seine Wanderungen nicht dem Zufall überlassen, sondern das Tiroler Gebiet in ein Netz eingeteilt und für jede Reise eine bestimmte Felderzahl zur genauen Durchforschung nach den verschiedensten Gesichtspunkten vorgenommen. So finden wir selbst in der Liebe zur Natur den logischen Grundzug seiner Persönlichkeit ausgeprägt. Seine Naturverbundenheit bewahrte ihn die Frische und Ursprünglichkeit des Geistes bis in das hohe Alter. Eine späte Frucht dieser Durchforschung des Alpengebietes sind seine Bemühungen um die alpenländischen Kleinindustrien und schließlich geht seine letzte Arbeit über Volkstechnik auf die Beobachtungen zurück, die er in der Frühzeit seiner Entwicklung bei seinen systematischen Streifzügen machen konnte. Nach der Beendigung der Studien an der Technischen Hochschule in München w:ollte er praktische Kenntnisse in einem großen Maschinenbauunternehmen erwerben und als Volontär bei I. A. Maffei in Hirschau bei München eintreten. Als ihm dort bedeutet wurde, Volontäre würden nicht auf genommen, da sie nur die Arbeit aufhalten, trat er als bezahlter Lehrling ein und hielt sich genau an die zehnstündige Arbeitszeit. Um möglichst viel zu lernen, verwendete er seinen Wochenlohn für Freibier für seinen Werkmeister, der sich dafür auch seiner Ausbildung gr ün dlich annahm. Die Tätigkeit im Betrieb war für ihn doch zu anstrengend und er nahm 1887 eine Stelle als Ingenieur beim Polytechnischen Verein in Würzburg an, wo er zum erstenmal als Schriftleiter einer technischen Zeitschrift tätig war. Die Stellungnahme des 25jährigen Ingenieurs zu den geistigen Fragen der Technik und seine organisatorischen Fähigkeiten waren bestimmend für seinen Bild 2. Ludwig Erhard als Student. Ludwig Erhard. 7 weiteren Weg. Er schlug ein günstiges Angebot einer großen Maschinenfabrik, die ihn als Konstrukteur einstellen wollte, aus und nahm das Anerbieten des Bayrischen Gewerbemuseums in Nürnberg an, wo er von 1888 bis 1898 als Oberingenieur und Abteilungsvorstand wirkte. Es ist ein bezeichnender Umstand, daß die gleiche Stelle, die er als Leiter der technischen Abteilung des Bayrischen Gewerbemuseums in Nürnberg, diesem zeitgemäßen Gegenstück zu dem Germanischen Museum — einer Schöpfung des Grazer Baukünstlers und Architekturhistorikers Essenwein — einnahm, geraume Zeit vorher einem Mann angeboten worden war, der für sein späteres Leben eine große Bedeutung gewinnen sollte: Wilhelm Exner in Wien. 1 Sein Aufgabenkreis war weitgespannt, er hatte die Maschinenhalle des Bayrischen Gewerbemuseums neu aufzustellen, Ausstellungen einzurichten, gewerbliche Musterbetriebe zu schaffen und auf allen Gebieten der Gewerbeförderung, auch in der Heranbildung und Befürsorgung von Lehrlingen mitzuarbeiten. Er war Preisrichter bei der elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt am Main, bayrischer Kommissär für die Weltausstellung in Chicago im Jahre 1893, Oberingenieur der bayrischen Landesausstellung in Nürnberg 1896 und Kommissär und Preisrichter bei der Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung in München 1898. Im Jahre 1897 erschien von ihm in der Festnummer der Bayrischen Gewerbezeitung ein Aufsatz über den Dieselmotor. Erhard hatte in einer großen Anzahl von Städten im Aufträge seiner Anstalt einen Werbevortrag über den damals neuen Dieselmotor gehalten und seine Meinung, daß der Motor vorläufig nur für die Großindustrie und nicht für das Kleingewerbe berechnet sei, wurde von R. Diesel als schädigend empfunden. 2 In dem Aufsatz bespricht Erhard an der Hand von Konstruktionszeichnungen und Diagrammen die Verbesserungen des neuen Dieselmotors, seine größere Wirtschaftlichkeit und Anpassungsfähigkeit und spricht die Vermutung aus, „daß dieses streng wissenschaftliche und mit deutscher Gründlichkeit vorbereitete Motorensystem auch im wirtschaftlichen Leben eine große, für Bayern ehrenvolle Bedeutung gewinnen wird“. In Chicago lernte er eine Deutschamerikanerin, Ziska Lenk, kennen, die er noch während seines dortigen Aufenthaltes heiratete. Seine Ehe blieb kinderlos. Studienreisen nach Deutschland, Österreich, Frankreich, England, Nordamerika, in die Schweiz und Besuche der technischen Museen in Paris im Conservatoire des Arts et Metiers, im South Kensington-Museum in London und in Washington verschafften ihm eine gründliche Kenntnis der einschlägigen Einrichtungen anderer Länder und weiteten seinen Blick. Die Erfolge Erhards auf dem Gebiete der Gewerbeförderung machten Wilhelm Exner, den Präsidenten des Technologischen Gewerbemuseums in Wien, auf ihn aufmerksam und als dieser daranging, in Wien eine ähnliche Einrichtung ins Leben zu rufen, gewann er ihn zum Eintritt in den Dienst zunächst als vertragsmäßig angestellten technischen Direktionsbeamten am Technologischen Gewerbemuseum. Seine Anstellung erfolgte am 1. Mai 1898, schon am 3. Dezember 1899 wurde er zum Baurat ernannt und seit 1901 war er der Stellvertreter des Präsidenten in 1 W. Exner, Erlebnisse, S. 112. Wien 1929. 2 Brief von R. Diesel vom 17. Dezember 1897 an die Maschinenfabrik Augsburg. 8 Ludwig Erhard. der Leitung des Gewerbeförderungsdienstes. 1 Das Technologische Gewerbemuseum hatte 1900 einen dreistöckigen Neubau in der Severingasse erhalten, der für die Aufnahme von Werkstätten, Maschinenhallen und Sammlungen bestimmt war. Damit in Verbindung wollte Exner einen in das Jahr 1889 zurückreichenden Plan verwirklichen, die Schaffung eines Museums für die Geschichte der österreichischen Arbeit. An allen diesen Aufgaben sollte Erhard mitarbeiten. In den Jahren 1902 l) bis 1905 war Erhard Mitglied des Redaktionskomitees der „Mitteilungen des Technologischen Gewerbemuseums“. Im Jahrgang 1902 erschienen von ihm zwei Aufsätze „Die technische Verwertung des Spiritus in Deutschland“, ein Bericht über die Ausstellung der Spiritusindustrie in Berlin 1902, 2 und „Neuere Spiritus- Heizungsapparate“. 3 Im nächsten Jahr veröffentlichte er eine gründliche Abhandlung über ,,Spiritus-Glühlampen“ 4 und „Spiritus-Motoren“ 5 mit Berichten über Versuchsreihen und Untersuchungen über wirtschaftliche Eignungen. Als eigentlicher technischer Leiter des Gewerbeförderungsdienstes hatte er drei Hauptaufgaben: die Veranstaltung von Ausstellungen, Einführung von Meisterkursen und die Lehrlingserziehung, also Aufgaben technisch-wirtschaftlicher und sozialer Art. Abgesehen von der jährlichen Teilnahme an kleineren Ausstellungen, war er Direktor der Internationalen Ausstellung für Spiritusverwertung und Gärungsgewerbe in Wien 1904 und Berater der großen Deutschböhmischen Ausstellung in Reichenberg im Jahre 1906. Ein Lieblingsgedanke von ihm, den er später weiter verfolgte, war die Förderung der alpenländischen Kleineisenindustrie, worüber der ihm unterstellte Inspektor H. Pösendetner im Jahrgang 1904 der erwähnten Mitteilungen berichtete. 6 Die folgenden Jahre sind dem organisatorischen Ausbau des Gewerbeförderungs- dienstes gewidmet. Aus kleinen Anfängen, die bis in das Jahr 1892 zurückreichen, als Exner einen „Technischen Dienst zur Förderung des Kleingewerbes am Technologischen Gewerbemuseum“ gründete, 7 entwickelte sich die Einrichtung, die auf eine beachtenswerte und vorbildliche Höhe anstieg, wobei neben dem an neuen Einfällen reichen Direktor Exner dem Leiter des Instituts, Ludwig Erhard, ein großes Verdienst zukommt. Seit 1904 war die von dem Kleingewerbe sehr begrüßte Anstalt unter der Bezeichnung „Gewerbeförderungsdienst des k. k. Handelsministeriums beim Technologischen Gewerbemuseum“ verstaatlicht worden, bei welchem Anlaß Erhard zum Oberbaurat vorrückte, im Jahre 1908 wurde sie in ein „Gewerbeförderungsamt“ umgewandelt. , In seiner Eigenschaft als Leiter des Gewerbeförderungsdienstes hat er als Jubiläumsveranstaltung 1907/08 die Ausstellung für die Handwerkstechnik in Wien durch- 1 Mitt. des Technol. G-ewerbemuseums in Wien, S. 30, 1901. 2 Ebenda, S. 3, 1902. 3 Ebenda, S. 175, 1902. 4 Ebenda, S. 12, 1903. 5 Ebenda, S. 194, 1903. 6 H. Pösendeiner, Kleineisenindustrie im Bezirke der Handels- und Gewerbekammer Leoben. Mitt. des Technol. Gewerbemuseums in Wien, S. 104, 1904, und „Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie“ in: Blätter für Technikgeschichte II. 1, S. 128 137. Wien 1932. 7 Die technisch-wirtschaftliche Gewerbeförderung in Österreich, Wien 1929. Ludwig Erhard. 9 geführt und dem Katalog richtunggebende Ausführungen über „Neuzeitliche Handwerkstechnik“ vorangestellt, worin er die zwei Begriffe, Handarbeit und Maschine, die sich scheinbar gegenseitig ausschließen, miteinander in Beziehung setzt, den Maschinen im Handwerk den Charakter erweiterter und verbesserter Werkzeuge zuerkennt und den Leitsatz auf stellt: ,,I)ie Maschine muß im Handwerksbetrieb auf gehen und nicht das Handwerk in der Maschine.“ 1 Der Katalog gibt eine wertvolle Übersicht über die Tätigkeit der staatlichen Gewerbeförderung in Österreich und vermittelt nicht nur einen Einblick in die Förderung der neuzeitlichen Handwerkstechnik durch die Benützung der Handwerksmaschinen, sondern auch durch die Veredlung wohlgeschulter Handarbeit, die in Musterbetrieben der verschiedenen Handwerke, wie Schuhmacher, Schneider, Bau- und Möbeltischler, Zimmerer, Schlosser, Werkzeugmacher, Galvanotechniker und Elektroinstallateure, vorgeführt werden. Seine hohe Auffassung von den Aufgaben der Gewerbeförderung hat Erhard in einem Vortrag auf dem zweiten internationalen Mittelstandskongreß in Wien am 5. Oktober 1908 mitgeteilt. 2 Er geht aus von einer Gegenüberstellung handwerksmäßiger und kapitalistischer Wirtschaftsform, die er graphisch darstellt, behandelt in der Untersuchung der technischen Grundlagen die soziale Bedeutung der Maschinenarbeit, die er darin sieht, „daß sie der Vergeudung und Entwicklung der edelsten und wertvollsten Kraft, der menschlichen Energie, entgegen wirkt“. 3 Die Verbesserung und Durch- geistigung der gesamten gewerblichen Arbeit ist ihm das vornehmste Ziel der Technik und der damals neue Gedanke der Werkkunst wird von ihm in seiner ethischen und wirtschaftlichen Bedeutung hervorgehoben. Einen breiten Raum der Darlegungen nehmen die Ausführungen über die technisch-wirtschaftliche Gewerbeförderung ein, die darauf hinzielen, eine Neu- belebung des Handwerkes auf technisch-wirtschaftlicher Grundlage anzustreben durch Paarung der Maschinenarbeit mit der Handarbeit in der Weise, daß die Handfertigkeit und Geschicklichkeit des Gewerbetreibenden bei einzelnen Teilarbeiten durch Hilfsmaschinen unterstützt werden. Musterbetriebe und Meisterkurse sollen dazu beitragen, eine neue „Gewerbekunst“ zu schaffen, die auf der lebendigen Beziehung von Kunst und Technik beruht. Der österreichische Staat stellte große 1 G-ewerbeförderungsdienst des k. k. Handelsministeriums, Ausstellung für die Handwerkstechnik, Wien 1907, 1908. L. Erhard, Neuzeitliche Handwerkstechnik, S. 6. 2 L. Erhard, Richtlinien der technisch-wirtschaftlichen Gewerbeförderung. Wien 1910. 8 A. a. 0., S. 4. Bild 3. Ludwig Erhard 23 Jahre alt. 10 Ludwig Erhard. Mittel zur Verfügung, um dieses Ziel durch wirtschaftlichen Zusammenschluß der Kleingewerbe in Betriebsgenossenschaften zu erreichen, die nicht allein auf administrativem Wege, sondern vor allem durch Darlehen und Maschinenüberlassung gestützt und durch fachmännische Berater in technischer und kaufmännischer Hinsicht gepflegt wurden. Nach beinahe elfjähriger fruchtbarer und organisatorisch aufbauender Tätigkeit scheidet Erhard aus dem Amt, um einen neuen größeren Wirkungskreis zu übernehmen: er wird vom 1. Juli 1910 dem Arbeitsausschuß des in Gründung begriffenen Technischen Museums als technischer Beirat von seiner Vorgesetzten Behörde, dem Ministerium für öffentliche Arbeiten, zur Verfügung gestellt. In der vollen Reife seines Mannesalters, mit 47 Jahren, hat Erhard die neue Aufgabe, die Hauptaufgabe seines Lebens, übernommen und durch 20 Jahre, bis zu seinem durch ein Augenleiden begründeten Rücktritt von der Leitung des Technischen Museums, seine ganze Kraft und seinen zähen Willen dem Aufbau und Ausbau des großen Werkes gewidmet. Um seine Leistung richtig einzuschätzen, soll versucht werden, die Vorgeschichte der Aufgabe darzustellen, wobei nicht die Absicht besteht, eine Geschichte des Technischen Museums in Wien zu schreiben, sondern nur die für Erhards Wirken wichtigen Umstände hervorzuheben. 1 Als das Technische Museum für Industrie und Gewerbe in Wien im Entstehen war, gab es schon eine Anzahl von Vorbildern, aber der Begriff eines technischen Museums in Wien wa^ doch nicht so fest Umrissen, daß man einfach allgemein gültige Grundsätze hätte an wenden können. Die Aufgaben der bis dahin bestehenden Einrichtungen lagen im wesentlichen auf drei Gebieten, die mehr oder weniger gleichmäßig betont miteinander vereinigt waren oder von denen, je nach den besonderen Umständen ihrer Entstehung, das eine oder andere stärker hervorgehoben war. Die ursprüngliche Aufgabe war die Förderung von Gewerbe und Industrie durch die Schaustellung und Vorführung von neuen Werkzeugen und Maschinen und von mustergültigen Leistungen der Technik. Bei der raschen Entwicklung der Technik veralten die als Vorbilder und Muster gezeigten Gegenstände und werden in kurzer Zeit geschichtlich bedeutsame Zeugen des Werdens der Technik, und so ergibt sich von selbst die Darstellung einer historischen Entwicklung der Technik als zweite Aufgabe. Damit die erste Bestimmung, Förderung des Gewerbes und der Industrie, lebendig erfüllt werden kann, ist eine Erklärung ihrer Anwendungsmöglichkeit und die Fortbildung der Gewerbetreibenden nötig und damit im Zusammenhang besteht für die Lehrenden die Möglichkeit und Notwendigkeit der Weiterbildung durch den Forschungsbetrieb als die dritte Aufgabe. Muster- und Vorbildersammlung, geschichtliche Schaustellung der Entwicklung und Lehr- und Forschungsanstalt, das sind die drei wesentlichsten Aufgaben der älteren Museen technischer Richtung. 1 Siehe auch: S. Brosche, Gründungsgeschichte des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien, in: BfTG (Abkürzung für Blätter für Technikgeschichte), H. 1, S. 199, Wien 1932. Ludwig Erhard. 11 Alle drei sind schon in dem ältesten technischen Museum, im Conservatoire des Arts et Metiers in Paris, vereinigt. Seit dem Jahre 1794 ist in dem mittelalterlichen Kloster St. Martin des Champs das älteste Vorbild der technischen Museen untergebracht. Hervorgegangen aus der Sammlung von Werkzeugen und Maschinen, die von Vaucanson herrührt und Ludwig XVI. vermacht worden war, vereinigt die Anstalt alle Zweige der technischen Arbeit, aller neuen technischen Erfindungen und Patente und in engem Zusammenhang damit den Lehrbetrieb an der 1820 gegründeten Ecole Centrale des Arts et Manufactures, die Ingenieure und Wirtschaftstechniker heranbildet und der seit 1902 Versuchsanstalten für die verschiedenen technischen Zweige angegliedert wurden. 1 Eine große Bücherei, mehrere Vortragssäle und Laboratorien sind im Museum untergebracht. Aus einer Sammlung technischer Erfindungen des Patentmuseums, vorwiegend mathematischer Art, ist die technische Abteilung des South Kensington-Museums in London hervorgegangen, die sich auch heute noch auf die erwähnten Zweige der Technik beschränkt. Der Gedanke eines ausdrücklich so genannten Konservatoriums der Künste und Gewerbe erscheint in dem Organisationsentwurf Johann* Joseph Prechtls für das Polytechnische Institut in Wien. Der von der k. k. Studienhofkommission am 19. September 1817 genehmigte Entwurf legt besonderen Wert auf die Ausgestaltung einer Eabriksproduktensammlung, und um die Anstellung als Kustos dieser Sammlung bemühte sich vergeblich Stephan von Keess , 2 der dann als erster Kommissär bei der X.-Ö. Eabriksinspektion eine Lehrsammlung für die Gewerbetreibenden und Industriellen anlegte, über die er 1820 ausführlich berichtete. 3 Die Fabriksproduktensammlung am Polytechnischen Institut machte rasche Fortschritte. Schon im Jahre 1825 gab Aetmütter eine Beschreibung der Werkzeugsammlung heraus und sein Assistent Karl Karmarsch, der Begründer der wissenschaftlichen Technologie und nachmalige Organisator der Technischen Hochschule in Hannover, veröffentlichte im 4. Band der Jahrbücher des Polytechnischen Instituts eine Beschreibung des „Nationalfabriksproduktenkabinettes“. Eine große Bereicherung erfuhr diese Sammlung durch die technologische Sammlung Kaiser Ferdinands I., der als Kronprinz eine derartige Sammlung begonnen hatte, die unter der Leitung von Reuter und Burg beim Regierungsantritt Ferdinands schon auf 40000 Stück angewachsen war. 4 Die Sammlung war nicht nur als Lehr- und Studienbehelf des Instituts gedacht, sondern nach dem Organisationsplan sollten öffentliche Ausstellungen ,,den Fabrikanten eine günstige Gelegenheit verschaffen, die Fortschritte ihrer Industrie bekanntzumachen“ und „eine lebendige Erkenntnis und Übersicht der jährlichen Fortschritte der Industrialkultur“ vermitteln. 1 Huguet, Catalogue du Conservatoire des Arts et Metiers, 1895. Dyck, Über die Errichtung eines Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik in München, 1903; Exner, Das Technische Museum für Industrie und Gewerbe in Wien, 1908. 2 Neuwirth. Die k. k. Technische Hochschule in Wien 1815—1915, S. 91, Wien 1915, 3 St. v. Kees, Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens im österr. Kaiserstaate, Wien 1820 und 1823. 4 Neuwirth, a. a. O., S. 458ff. 12 Ludwig Erhard. Die Wiener technologische Sammlung blieb aber doch in erster Linie eine Studiensammlung der Schule, und ihre der Allgemeinheit dienende Bestimmung als unmittelbare Einwirkung auf die Gewerbeförderung trat mehr zurück, um erst viel später in anderem Zusammenhang, durch die Vereinigung wichtiger Teile ihres Bestandes mit dem Wiener Technischen Museum wieder aufzuleben. Als Anstalt zur Förderung des Gewerbes und der Industrie, ohne Zusammenhang mit einem schulmäßigen Lehrbetrieb, entstand im Jahre 1849 das von Ferdinand von Steinbeis gegründete Musterlager in Stuttgart, 1 wobei der Gründer viele Anregungen von dem 1826 in Brüssel ins Leben gerufenen Musöe de l’industrie verwertete. Die Schaustellung von Vorbildern und Mustern war vereinigt mit Meisterwerkstätten und Versuchsanstalten für Gewerbetreibende und Industrielle. Ähnliche Anstalten, die in erster Linie der Gewerbeförderung dienen sollten, waren die Gewerbehalle in Karlsruhe, das Germanische Museum und das Bayrische Gewerbemuseum in Nürnberg und das 1879 gegründete Technologische Gewerbemuseum in Wien. Letzteres legte das Hauptgewicht auf die Heranbildung des Nachwuchses und die Unterweisung der Gewerbetreibenden. Im Jahre 1890 tauchte der Gedanke auf, im Anschluß an das Technologische Gewerbemuseum in Wien ein ,,Museum der österreichischen Arbeit“ zu schaffen. Dieses Museum sollte nicht, wie die früheren Anstalten, nur Mustersammlung sein, sondern es sollte, wie der Präsident des N.-Ö. Ge wer be Vereines, Banhans, erklärte, ,,den Entwicklungsgang der Technik in Gewerbe und Industrie zur Darstellung bringen“ und zeigen, „daß der geistigen Arbeit auf dem Gebiete der Technik auch in historischer Richtung die größte Aufmerksamkeit zugewendet ward“. Der Gedanke der Geschichte der Technik, der sich bei den älteren Gründungen ähnlicher Anstalten von selbst eingestellt hatte, wurde hier zum erstenmal als Hauptaufgabe eines technischen Museums herausgestellt. Die Verwirklichung des schönen Planes scheiterte jedoch an den unzulänglichen Mitteln und das Museum der österreichischen Arbeit blieb ein Torso im Rahmen des Technologischen Gewerbemuseums. Zu gleicher Zeit, wenn nicht etwas früher, hatte man versucht, für zwei mit der Technik eng verbundene Zweige des öffentlichen Verkehrs, für Bahn und Post, geschichtliche Sammlungen anzulegen. Aus den Anfängen des österreichischen Eisenbahnwesens hatte sich das Eisenbahnmuseum 2 entwickelt, und das staatliche Post- und Telegraphen wesen war im Postmuseum des Handelsministeriums in einer geschichtlichen Übersicht dargestellt. Außerdem bestand ein als Vorbildersammlung gedachtes Gewerbehygienisches Museum, das von dem Zentralgewerbeinspektor Dr. Fr. Migerka gegründet worden war. 1 Müller und Piloty, Ferdinand von Steinbeis, sein Leben und Wirken 1807 bis 1893, Tübingen 1907. 2 Über Anregung von Dr. Viktor Röll und A. Orleth wurden Erinnerungsstücke an die Linz-Budweiser Pferdeeisenbahn aus dem Jahre 1824 und Erinnerungen an die Arlbergbahn im Jahre 1886 in Räumen des Kopfgebäudes des Westbahnhofes in Wien und seit 1888 im Verwaltungsgebäude der Westbahn aufgestellt. Die Sammlungen wurden 1894 durch das „Semmering-Museum“ der Lehrkanzel für Eisenbahn- und Tunnelbau der Technischen Hochschule und 1897 durch Gegenstände aus den Beständen der Kaiser-Ferdinands-Nordbalm erweitert. (Beschreibender Katalog des k. k. historischen Museums der österr. Eisenbahnen. Wien 1902. Nachträge 1906 und 1910.) Ludwig Erhard. 13 Als Exner den Plan eines Museums der österreichischen Arbeit weiter verfolgte, dachte er an eine Vereinigung der erwähnten technikgeschichtlichen Teilmuseen und immer wieder kam er darauf zurück, um schließlich im Jahre 1905 einen Beschluß des Kuratoriums des Technologischen Gewerbemuseums herbeizuführen, der von der Regierung die Vereinigung der vier bestehenden technischen Museen forderte. Im gleichen Jahr begann Oskar von Miller im Alten Nationalmuseum in München die Aufstellung der Sammlungen, die eine von ihm zwei Jahre vorher auf der Hauptversammlung des Vereines Deutscher Ingenieure in München 1903 Bild 4. Ludwig Erhard mil seiner jungen Gaiiin. ins Leben gerufene und von ihm geleitete Arbeitsgemeinschaft zustande gebracht hatte. Der Grundgedanke des Münchener Museums ist, wie Oskar von Miller in seinen ersten programmatischen Erklärungen 1903 und 1904 darlegte, ein historischer, die Darstellung der historischen Entwicklung durch Meisterwerke der Naturwissenschaft und Technik und das Museum sollte auch den Titel führen: Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik. Durch diese historische Schaustellung sollte allen Schichten der Bevölkerung Gelegenheit zur lebendigen Teilnahme an der naturwissenschaftlich-technischen Kulturarbeit geboten und so mit der Neugründung eine Bildungsaufgabe für das ganze deutsche Volk verbunden werden. Dem Gründer schien dieser weitergehende Zweck sö wichtig, daß er den Namen des Museums änderte und seit dem Jahre 1905 wird es „Deutsches Museum“ schlechthin genannt, um dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß alle Volkskreise des ganzen Deutschen Reiches daran teilhaben sollen und an seiner Schaffung mitgearbeitet haben. Das ist der wesentlich neue Gedanke, nicht mehr eine Vorbildersammlung für Fachkreise, wie die älteren Anstalten, nicht allein eine historisch-wissenschaftliche Sammlung, sondern eine volkstümliche Bildungsstätte, die wohl Wissen vermitteln und Wißbegierde befriedigen, aber vor allem 14 Ludwig Erhard. lebendiges Anschauen und Eindringen in das Wesen technischer Kultur ermöglichen soll. Wie stark der volkstümliche Charakter wirkte, das zeigte sich an der Besucherzahl, die bald nach der Eröffnung der behelfsmäßig untergebrachten Sammlungen im ehemaligen Nationalmuseum auf dem Maximiliansplatz die Besucherzahl aller anderen Museen weit übertraf. 1 Obzwar schon im November 1905 die Sammlungen in einer vorläufigen Aufstellung im Alten Nationalmuseum zugänglich gemacht wurden, konnte die Eröffnung des Museums in dem Neubau auf der Kohleninsel erst zwanzig Jahre später, im Mai 1925, erfolgen, und wieder sieben Jahre vergingen, bis der Studienbau, der 1928 begonnen wurde, seiner Bestimmung übergeben werden konnte. In Wien nahm die Verwirklichung des Museumsgedankens, trotz der großen Schwierigkeiten, die vor allem in der Beschaffung der Geldmittel lagen, einen raschen Verlauf. Der Plan Exners, den er im Jahre 1907 im Elektrotechnischen Institut der Technischen Hochschule in Wien unter Hinweis auf das Münchener Vorbild dem Österreichischen Verband deutscher Ingenieure vortrug, wurde zunächst vom Elektrotechnischen Verein in Wien unterstützt, der zur Gründung eines „Österreichischen Museums für Technik und Industrie“ in Verbindung mit der für das sechzig]ährige Regierungsjubiläum des Kaisers Franz Joseph I. geplanten Jubiläums-Gewerbe- ausstellung auf forderte. Die Vorarbeiten für diese Jubiläums Veranstaltung, die vom N.-Ö. Gewerbeverein zusammen mit anderen industriellen Verbänden unter Mitwirkung des Handelsministeriums geführt wurden, verzögerten sich derart, daß das Gelingen der Ausstellung ernstlich in Frage gestellt war, und in einer Denkschrift vom 26. Mai 1907 wurde die Anregung gegeben, 2 das Ausstellungsunternehmen zugunsten des Gedankens eines Museums für Technik, Industrie und Gewerbe als bleibendes Denkmal des Jubiläumsjahres aufzugeben. Der Vertreter des Handelsministeriums, Dr. Siegmund Brosche, griff die Anregung auf und verfolgte den Museumsgedanken in wirkungsvoller Weise durch die Zusicherung einer staatlichen Beihilfe von 1500000 Kronen und durch Gründung eines vorbereitenden Ausschusses, dem die Herren August Denk, Wilhelm Exner, Georg Günther, Arthur Krupp, Hugo von Noot, Karl Schlenk, Paul Ritter von Schoeller und Heinrich Vetter angehörten. Nachdem auch die Gemeinde Wien durch Widmung des Baugrundes und Zusicherung eines Baukostenbeitrages von 1 Million Kronen ihre tatkräftige Förderung des Vorhabens bewiesen hatte, konnten die vorbereitenden Arbeiten als abgeschlossen gelten und der erwähnte Ausschuß wandelte sich in einen Arbeitsausschuß um, der unter dem Vorsitz von Arthur Krupp aus den Herren Sektionschef Dr. Sigmund Brosche,' Sektionschef Dr. Wilhelm Exner, Generaldirektor Dr. Georg Günther, Hugo von Noot, Prof. Karl Schlenk und Kommerzialrat Heinrich Vetter bestand. Alle Beteiligten verfolgten ihre Aufgaben mit großer Tatkraft, so daß schon im Jahre 1908 das unter dem Vorsitz von Georg Günther arbeitende Bau- 1 C. Matschoss, Das Deutsche Museum, Geschichte, Aufgaben, Ziele. München 1929. C. von Linde, Die Geschichte des Deutschen Museums, S. 7ff. 2 W. Exner, Das Technische Museum für Industrie und Gewerbe in Wien, S. 94ff., Wien 1908. Ludwig Erhard. 15 kornitee ein Vorprojekt von Emil Ritter von Förster für den Neubau vorlegen konnte. Dem Arbeitsausschuß waren zahlreiche Sonderausschüsse angegliedert und für die Beschaffung des Sammlungsbestandes arbeitete ein Fachreferentenkollegium, dem 1908 schon 450 Mitglieder aus allen Kreisen der Industrie und Technik angehörten. An der Spitze des Organisationskomitees stand Wilhelm Exner, der unermüdlich tätig war, um alle Schwierigkeiten, die sich dem neuen Unternehmen entgegenstellten, aus dem Weg zu räumen. Wie weit Erhard an diesen Vorarbeiten beteiligt war, läßt sich nicht feststellen, wir können aber annehmen, daß er infolge seiner engen Zusammenarbeit mit Exner daran Anteil hatte, jedenfalls ist er schon 1908 als Vertreter des Gewerbeförderungsamtes im Kreise der Mitarbeiter der öffentlichen Zentralstellen tätig. Schon im nächsten Jahre, am 20. Juni 1909, findet durch Kaiser Franz Joseph die Grundsteinlegung zu dem Museumsbau auf den von der Gemeinde gewidmeten Spitzackergründen gegenüber dem Schloß Schönbrunn statt, nachdem als Ergebnis eines Wettbewerbes der Entwurf von H. Schneider — nicht ganz ohne Widerspruch der Architektenschaft — 1 für die Ausführung gewählt worden war. Sehr bald erkannte der Arbeitsausschuß, daß nunmehr die Arbeiten eines vielgliedrigen Kollegiums, das aus zahlreichen Ausschüssen und Fachreferenten bestand, nicht geeignet waren, um ein einheitliches Werk möglichst rasch entstehen zu lassen und aus den vielen Anregungen eine brauchbare Wirklichkeit zu schaffen. Am 3. Mai 1910 beschloß der Arbeitsausschuß des Technischen Museums, den Oberbaurat des k. k. Gewerbeförderungsamtes Ludwig Erhard für die Zeit des Baues und der Einrichtung des Technischen Museums zum technischen Beirat zu bestellen und ab l. Juli 1910 wurde Erhard vom Ministerium für öffentliche Arbeiten für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. Im Mai 1912 fand eine Tagung der Fachreferenten in München statt, die dem Besuch und Studium der Sammlungen und des in Ausführung begriffenen Neubaues des Deutschen Museums galt. Nach einem Vortrag Oskar von Millers über das Deutsche Museum besprach Erhard die Pläne und Einrichtungen des Wiener Technischen Museums, das vor der Vollendung des Neubaus stand, während man in München mit der Fertigstellung für das Jahr 1915 rechnete. Erhard wollte dem Wiener Museum einen mehr technisch-wirtschaftlichen Charakter geben zum Unterschied von dem Deutschen Museum in München, das ein vorwiegend naturwissenschaftliches Gepräge trägt. 2 Der Neubau des Technischen Museums in Wien war im Jahr 1910 begonnen worden und nach dreijähriger Bauzeit war das Hauptgebäude in dem heutigen Umfang fertiggestellt. Vorgesehen war eine dreigliederige Anlage mit einem Mittelbau als eigentlichem Museumsgebäude für die Aufnahme der Sammlungen, einem rechts anschließenden Teil für die Verwaltung und einem linken Flügel als Ausstellungsgebäude für wechselnde Ausstellungen industrieller und gewerblicher 1 Mitteilungen der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, Wien 1908. 2 Bericht über die Münchener Tagung der Fachreferenten des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien, Wien 1912. 16 Ludwig Erhard. Richtung. Zur Ausführung kam nur der Mittelteil, das eigentliche Sammlungs- gebäude, das über einer Grundfläche von 9600 qm 16000 bis 20000 qm Bodenfläche für die Sammlungsräume auf weist, gegenüber 23000 qm Sammlungsfläche des Deutschen Museums in München im Jahre 1925. 1 Der bis dahin zur Verfügung stehende und angemeldete Sammlungsbestand hatte dank der eifrigen Werbetätigkeit Erhards und des inzwischen auf 875 Mitglieder angewachsenen Kollegiums der Eachreferenten einen solchen Umfang angenommen, daß W. Exner in der Generalversammlung der Fachkonsulenten vom 14. Juni 1914 berichten konnte, daß die zur Verfügung stehenden Sammlungsräume des Neubaus nur knapp für die Aufstellung aller Gegenstände ausreichen werden. Wie weit die Arbeiten gediehen waren, erhellt daraus, daß Exner mit einer Eröffnung für den allgemeinen Besuch am 2. Dezember 1914, dem Jahrestag des Regierungsantrittes Kaiser Franz Josephs I., rechnete. Der Ausbruch des Krieges verursachte wohl eine Verzögerung der Aufstellung und Einrichtung der Sammlungen, aber trotz aller widrigen Zeitumstände wurde das Technische Museum am 6. Mai 1918 2 ohne jede Feierlichkeit für den allgemeinen Besuch eröffnet. Am 10. Mai 1918 hält Erhard in der Generalversammlung des N.-Ö. Gewerbevereines einen Vortrag über das neue Museum, das zeigen soll ,,wie sich die Technik der wirtschaftlichen Arbeit von der ursprünglich überwiegenden Benützung organischer Werkstoffe und menschlicher und tierischer Arbeitsleistung immer mehr zur Herrschaft über die anorganische Natur und die leblosen Kräfte und Energiequellen entwickelt hat“. 3 Die Volkstümlichkeit des neuen Museumsgedankens erhellt daraus, daß schon in den ersten sechs Wochen über 20000 Besucher zu verzeichnen waren und in den ersten Jahren des Bestehens jährlich mehr als 100000 Besucher gezählt wurden, so daß es zu den stärkst besuchten wissenschaftlichen Anstalten gehörte, obwohl es weit vom Stadtkern liegt. 4 Es stand also in seiner Volkstümlichkeit dem Münchener Museum nicht nach. Das Technische Museum für Industrie und Gewerbe in Wien war im Jahre 1909 als ein unter dem Schutze und der Oberaufsicht der Staatsverwaltung stehender Verein gegründet worden, dessen Zweck die anschauliche Darstellung der technischen Entwicklung von Industrie und Gewerbe, die Förderung des technischen Fortschrittes und die Bildung des ganzen Volkes sein sollte. Im Dezember 1921 wurde das Museum in die staatliche Verwaltung übernommen und Erhard, der von Anfang an die Sammlungen und den Betrieb geleitet hatte, am 9. Januar 1922 zum Direktor 1 Der Neubau des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe, Wien 1913. Bericht über die Münchener Tagung 1912 und bezüglich des Deutschen Museums in München: Bosch, Der Museumsneubau in: C. Matschoss, Das Deutsche Museum, S. 52. München 1925. 2 Exner gibt als Tag der Eröffnung den 18. Mai 1918 an (E xner, Erlebnisse, S. 129, Wien 1929), aber in der Wochenschrift des N.-Ö. Gewerbevereines 1918 wird der 6. Mai genannt. Der 6. Mai 1918 wird auch in der Wiener Zeitung als Eröffnungstag angegeben, so daß dieser Tag zweifellos der richtige ist. 3 Wochenschrift des N.-Ö. Gewerbevereines, S. 181, 1918. 4 Wochenschrift des N.-Ö. Gewerbevereines, 23. Juni 1918 und S. 47, 1927. Ludwig Erhard. 17 bestellt. Er war mit der überstürzten Eröffnung nicht einverstanden gewesen, 1 aber er setzte alles daran, um trotz des empfindlichen Leutemangels die Einrichtungsarbeiten der Sammlungen fortzuführen und den Betrieb mit Vorträgen, Kinovorführungen, Führungen und zeitweiligen Ausstellungen und Leistungsschauen aufzunehmen. Für die Einrichtung der Sammlungen hatte Erhard von Beginn an einen klaren Grundgedanken gefaßt, den er festhielt und immer entschieden betonte. Er wollte den Lebenssinn der einzelnen technischen Werke durch ihre gliedhafte Einreihung in den großen gesetzmäßigen Werdegang der Technik erwecken, wobei er die drei Hauptstufen der Entwicklung, die organische Stufe, die organisch-anorganische Übergangsstufe und die anorganische Stufe überall folgerichtig herausarbeitete. Die Folgerichtigkeit, mit der an dem Gedanken einer Entwicklungsgeschichte der Technik,der aus der technischen Denkweise und nicht aus dem historischen Denken hervorgegangen ist, unbeirrt festgehalten wurde, ist das Neue an dem Werk Erhards, ist das Eigenartige der neuen Schöpfung, an der so viele Köpfe mitgearbeitet haben, die aber doch schließlich den Stempel einer persönlichen Geisteshaltung erhielt und diese strenge, unerbittliche Folgerichtigkeit ist das Geheimnis, warum das Wiener Museum mit der ungeheuren Fülle von Werken der Industrie und Technik so klar und selbstverständlich und so lebendig wirkt. Wie leicht könnte die Vielgestalt der Erscheinungsformen des technischen Fortschrittes verwirren und erdrücken, aber das ist das Überraschende im Wiener Technischen Museum, daß sich das Bild der alles von Grund auf neu gestaltenden Macht der Technik in ruhigem, selbstverständlichem, sinnvollem Leben abrollt. Unbewußt merkt man den ,,Weg des Geistes in der Technik“, der alle Erscheinungsformen beherrscht. Der neue Inhalt, den Erhard den Sammlungen gab, war sein persönliches Verdienst. Die klare Anschaulichkeit des Wiener Technischen Museums ist von vielen Besuchern als besonders wirkungsvoll anerkannt worden, so auch von C. R. Richards, der das Technische Museum in seinen ersten Anfängen werden sah und der die Verlebendigung des Museumsinhaltes, die wirksame Raumanordnung und die strenge entwicklungsgeschichtliche Auswahl der Gegenstände lobend hervorhebt. 2 Trotz der Verstaatlichung des Museums gab es in den schweren Jahren der Nachkriegszeit und in den Zeiten politischer Erschütterungen sorgenvolle Jahre für das Museum, dem ein „Verein zur Förderung des Technischen Museums und der angegliederten Institute“ unter der bewährten Führerschaft von Ing. Dr. Heinrich Goldemund, der schon seit den ersten Anfängen des Museumsgedankens ein tatkräftiger Mitarbeiter war, zur Seite stand und dem ein großes Verdienst an der Widmung des Bauplatzes und der Förderung des Baues zukommt. Mit dem Deutschen Museum in München bestand jederzeit ein Verhältnis enger, freundschaftlicher Zusammenarbeit. Erhard war wiederholt bemüht, die immer wieder auftretenden finanziellen Schwierigkeiten zu mildern, und es gelang ihm auch im Jahre 1929, 1 Exner, Erlebnisse, S. 129, Wien 1929. Erhard, Der Aufbau des Tedmischen Museums in Wien, Denkschrift 1938, Manuskript S. 11. 2 0. R. Richards, The Industrial Museum. New York 1915. Tcchnikcesotiichte, 8. Heft. 2 18 Ludwig Erhard. eine nicht unbeträchtliche Geldbeihilfe aus Nordamerika durch das Industrial Museum in Chicago zu beschaffen. Ergänzend sei eine Anregung erwähnt, die Erhard in einer Denkschrift im Jahre 1914 nieder legte, und die an das Museum einen ständigen Ausstellungspark angliedern wollte. Erhard dachte an die Durchführung von fall weisen Ausstellungen und technischen Messen auf den unbebauten, 12000 qm messenden Flächen neben dem Museum. Dieser Gedanke ist damals nicht weiter verfolgt worden. Die Wiener Messe, die erst sieben Jahre später zum ersten Male abgehalten wurde, nahm einen anderen Weg, aber in einer Denkschrift vom Jahre 1938 kommt Erhard wieder in anderer Form darauf zurück, indem er das freie Museumsgelände für „Ständige Leistungsschauen“ verwendet wissen möchte. Als Erhard wegen eines Augenleidens im Jahre 1930 als Direktor des Technischen Museums in den Ruhestand trat, konnte der Präsident des Kuratoriums, Arthur Krupp, in einem Schreiben vom 23. April 1930 seinen und den Dank des Kuratoriums nicht würdiger Ausdruck verleihen, als daß er ihn den „Wiener Oskar von Miller“ nannte. Wenn Erhard zwar nicht wie Oskar von Miller in München der Anreger und alleinige Träger des Museumsplanes war, so ist doch die Verwirklichung der von vielen Seiten gegebenen Anregungen und die tatkräftige Durchsetzung unter Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten sein Verdienst. Sein ganz persönliches Werk ist die Erfüllung des Museumsplanes mit einem neuen Inhalt, mit dem Gedanken von der Durchgeistigung des technischen Schaffens. Erhard gehörte dem Museum auch weiter als Mitglied des Kuratoriums an, und war in der Leitung des Vereins zur Förderung des Technischen Museums bemüht, den Interessen des Museums dienlich zu sein. Von einem „Ruhestand“ aber konnte bei dem Betätigungsdrang Erhards keine Rede sein; er schuf sich ein neues Arbeitsfeld, das er durch die Gründung des Forschungsinstituts für Geschichte der Technik fand und das eine folgerichtige Weiterentwicklung seiner bisherigen Tätigkeit dar stellte. Am 21. Februar 1928 hat sich der N.-Ö. Gewerbeverein über Anregung Exners mit der Frage beschäftigt, in welcher Weise die Pflege der Technikgeschichte in Angriff genommen werden könnte, und die Schaffung einer Lehrkanzel für Geschichte der Technik an der Technischen Hochschule in Wien oder eines Forschungsinstituts für Geschichte der Technik als erfolgversprechende Möglichkeit bezeichnet. Die Technische Hochschule hat sich am 4. Mai 1928 gegen die Errichtung einer Lehrkanzel ausgesprochen, weil die erforderlichen Fachkenntnisse zu grundverschieden seien, und weil eine geeignete Persönlichkeit nur sehr schwer gefunden wurden könnte; auch wären andere Lehrkanzeln viel dringender nötig und der Besuch der Vorlesungen würde wahrscheinlich ein schwacher sein. Die Technische Hochschule w r ar der Meinung, daß nur ein Forschungsinstitut einigermaßen Aussicht habe, der Aufgabe gerecht zu werden. Ob das Forschungsinstitut selbständig oder in Angliederung an eine bestehende Einrichtung (eine Hochschule, das Technische Museum oder eine Bibliothek) errichtet werden solle, schien nicht ausschlaggebend. Dem Institut sollte ein Kuratorium beigegeben und ein Verein angegliedert werden. Ludwig Erhard. 19 Die Herausgabe von Jahrbüchern und die Veranstaltung von Vortragsreihen wurde empfohlen. Der N.-ö. Gewerbeverein stimmte der Meinung der Technischen Hochschule zu und richtete an das Ministerium für Unterricht und an das Ministerium für Handel und Verkehr Eingaben, die vorschlugen, es möchte der Gedanke der Errichtung eines Forschungsinstituts in Erwägung gezogen werden. Als Standort käme entweder die Technische Hochschule oder das Technische Museum in Betracht. Zur Werbung für den neuen Gedanken wurde von der Wiener Radio Verkehrs A.-G. „Ravag“ 1928 eine Vortragsreihe veranstaltet, die Exner einleitete. Der zweite Verbandstag der Österreichischen Ingenieure und Architekten vom 17. Dezember 1928 beschäftigte sich mit der Frage der Geschichte der Technik und der Bedeutung der Denkmäler der Technik und empfahl in einer Entschließung die Errichtung eines Forschungsinstituts für Geschichte der Technik am Technischen Museum sowie den Ausbau des Denkmalschutzes hinsichtlich der technischen Kulturdenkmale. In einem Aufruf in den Verbandszeitschriften wurden* die Mitglieder zur Mitarbeit auf dem Gebiet der Technikgeschichte aufgefordert. Die Akademie der Wissenschaften sprach sich ebenfalls für die Errichtung eines derartigen Instituts aus und die Ministerien für Unterricht und für Handel und Verkehr forderten die Direktion des Technischen Museums auf, einen Bericht zu erstatten. Am 4. März 1929 legte Erhard den beiden Ministerien eine Denkschrift über das zu gründende Institut vor, die der Technischen Hochschule zur Berichterstattung zugewiesen wurde. Die Hochschule betraute mit der Beratung einen Ausschuß, 1 der sich den Vorschlägen Erhards vollinhaltlich anschloß und die baldigste Verwirklichung wünschte. Die Denkschrift bezeichnet als Aufgaben und Ziele das Sammeln von Quellennachweisen, die Verfassung einer technisch-historischen Bibliographie, Anlage einer Bücherei, Durchforschen von Archiven, Herausgabe von Lebensbildern hervorragender Männer der Technik und die Herausgabe von Jahrbüchern. Dem Institut wäre ein fachlicher Beirat beizugeben, dem Vertreter von Behörden, von Hochschulen technischer Richtung, Museen, Archiven, Bibliotheken und technischen Vereinen und Körperschaften angehören. Die mit 44000 Schilling veranschlagten Kosten sollen aus privaten und öffentlichen Mitteln gedeckt werden. Zur Förderung der Vorarbeiten hielt der N.-Ö. Gewerbeverein am 24. März 1930 eine Besprechung ab, in der die Bildung von 30 Fachgruppen und die Aussendung von Fragebogen beschlossen wurde. Die Fragebogen wurden auch ausgesendet und ergaben wertvolle Beiträge. Im selben Jahr, vom 19. bis 22. September, hielt der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) seine Hauptversammlung in Wien ab, in deren Rahmen der Österreichische Verein Deutscher Ingenieure (ÖVDI) eine Ausstellung unter dem Titel „Österreichs Technik in Dokumenten der Zeit“ veranstaltete. Der Arbeitsausschuß stand unter dem Vorsitz von Ludwig Erhard, Ausstellungsleiter war Erich Kurzel-Runtscheiner und im Ausschuß war auch das Technische Museum durch seinen neuen Direktor Ministerialrat V. Schützenhofer vertreten. Die Schaustellung, die in den Räumen der Graphischen Sammlung „Albertina“ der Nationalbibliothek untergebracht war, 1 Der Ausschuß bestand aus den Professoren Bock, Dolezal, Holey, Örley, Seidler und Strunz als Berichterstatter. 2 * 20 Lun win Erhard. umfaßte Bildnisse und Aufzeichnungen von Männern der Technik, fachliche Entwürfe, Privilegien, Patente und Druckwerke, ferner Miniaturen und Codices, die auf den hohen Stand des Berg- und Hüttenwesens zu Ende des Mittelalters und am Beginne der Neuzeit hinwiesen, sowie wertvolle Druckwerke, die sich auf die Technik der folgenden Jahrhunderte bezogen. Kleinkunstwerke, Modelle und Erinnerungszeichen waren hier zwischen Handschriften, Handzeichnungen, Büchern und Bildern verteilt, um zu jenen Schaustücken des 19. Jahrhunderts hinüberzuleiten, die besonders die Entwicklung des Eisenbahnwesens in den Alpenländern und der Schifffahrt auf der Donau zur Darstellung brachten. Einige Beispiele von Spitzenleistungen der neuzeitigen Technik in Österreich führten endlich den Beschauer bis zu den Tagen der Gegenwart und zeigten ihm die geistigen Grundlagen des technischen Geschehens, das das Leben unseres Alltags durchflutet. 1 Bei der Eröffnung der Ausstellung begrüßte der damalige Unterrichtsminister Univ.-Prof. Dr. Heinrich Ritter von Srbik die Gründung eines Forschungsinstituts für Geschichte der Technik in einer an tiefen Gedanken reichen Ansprache über „Die Kulturverbundenheit der Technik“. 2 Er wies auf die unlösbare Verklammerung der technischen Kultur mit den anderen Kultur bereichen geistiger, sozialer und materieller Natur“ hin und betonte die „Beseeltheit der technischen Schöpfung durch den Geist des schaffenden Einzelmenschen“. Die warme Aufnahme des Planes zur Gründung des Forschungsinstituts durch die Regierung gipfelte in einer Erklärung des Bundespräsidenten W. Miklas, der bei der Begrüßungsfeier im Großen Musikvereinssaal die Bereitwilligkeit der Regierung zur Gewährung eines Bestandbeitrages für das Jahr 1931 erklärte. Das Kuratorium des Technischen Museums hatte schon im Jahre 1930 der räumlichen Angliederung des Instituts an das Museum zugestimmt, setzte einen Arbeitsausschuß unter dem Vorsitz Exners ein und bestellte Erhard zum ehrenamtlichen Leiter. Bald nach der ersten Sitzung des Arbeitsausschusses am 7. März 1931 starb Exner am 24. Mai 1931, 91 Jahre alt, nachdem er allen Mitarbeitern die Pflege des Forschungsinstituts als seinen letzten Wunsch und Willen ans Herz gelegt hatte. In der nächsten Sitzung am 8. Juni 1931 wurde der bisherige Stellvertreter des Vorsitzenden, Prof. Dr. K. Holey, zum Vorsitzenden, Unterstaatssekretär Dipl.-Ing. B. Enderes zum Stellvertreter und der ehrenamtliche Institutsleiter L. Erhard zum Referenten gewählt. Dem Ausschuß gehörten außerdem 18 Vertreter von Behörden, Hochschulen, gelehrten Körperschaften, Museen und Vereinen an. Die Aufgaben sind in den Satzungen wie folgt angeführt: ,,§3 (1) Das Institut hat die Geschichtsforschung auf technischem Gebiet unter besonderer Berücksichtigung der technischen Kultur Österreichs zu pflegen. (2) Zu diesem Behufe sind: Quellennachweise zur Geschichte der Technik zu sammeln, eine technisch-historische Bibliographie zu verfassen und die Archive der Zentralstellen, staatlicher Betriebe sowie industrieller und gewerblicher Unternehmungen nach Beweisstücken für bedeutsame österreichische Erfindungen und Leistungen auf dem Gebiet der Technik zu durchforschen, der Sammlungsbestand 1 Fühier durch die Ausstellung „Österreichs Technik in Dokumenten der Zeit“ September-Oktober 1930. Geleitwort von L. Erhard, S. 5. 2 BfTG H. 1, S. 13, Wien 1932. Ludwig Erhard. 21 der österreichischen Museen an wichtigen technischen Objekten aufzunehmen, die technischen Kulturdenkmale Österreichs zu verzeichnen und geschichtlich wissenschaftlich zu bearbeiten und das technische Versuchswesen zur Feststellung über die Beschaffenheit, das Alter und die Herkunft von Gegenständen, die für die Geschichte der Technik von Bedeutung sind, heranzuziehen. Ferner sind die Lebensbilder von Pionieren der Technik und Industrie festzuhalten, ein Archiv aus dem Nachlaß hervorragender Techniker anzulegen, bei der Verfassung der „österreichischen Biographie“ mitzuwirken und auch die jeweiligen Gipfelleistungen der zeitgenössischen Technik zu vermerken, um durch derartige und andere einschlägige Forschungsarbeiten eine fortlaufende Geschichte der Technik vorzubereiten, welche namentlich über den Entwicklungsgang der Technik in Österreich von ihren Anfängen an urkundlichen Aufschluß zu geben hat. (3) Folgende Einrichtungen dienen insbesondere der Erfüllung dieser Aufgaben: 1. eine als Zentralnachweis dienende Kartothek über technikgeschichtliche Urkunden, über biographische Angaben aus Österreich, über technische Objekte in öffentlichen Museen oder privaten Sammlungen und über die technischen Kulturdenkmale Österreichs; 2. eine technikgeschichtliche Bücherei mit einer Urkunden-, Bilder- und Plan- Sammlung im Anschluß an die Bücherei des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien; 3. Vorträge und Veröffentlichungen auf technisch-historischem Gebiet, besonders die Herausgabe eines Jahrbuches des Instituts.“ Am 1. Juli 1931 begann das Institut seine Tätigkeit und schon im August des nächsten Jahres erschien das erste Heft der „Blätter für Geschichte der Technik“ als stattlicher Band von 214 Seiten mit zahlreichen Beiträgen aus allen Gebieten der Technikgeschichte. Die „Blätter für Technikgeschichte“, wie sie seit dem 6. Heft genannt werden, erschienen in rascher Aufeinanderfolge unter der Schrift- leitung Erhards — mit Ausnahme des 5. Heftes, das anläßlich des 75. Geburtstages Erhards unter der Schriftleitung von Holey herausgegeben wurde — und enthalten in den bisher erschienenen sieben Bänden, die bescheiden Hefte genannt werden, reichen Stoff für die Technikgeschichte, Lebensbeschreibungen bedeutender Bild 5. Ludwig Erhard. Geb. 25. August 1863, gest. 28. Oktober 1940, IpSÖfl 22 Ludwig Erhard. Techniker, eine fortlaufende Bibliographie zur Geschichte der Technik Österreichs und Berichte über technikgeschichtliche Denkmale. Eine Kartei als Quellennachweis wurde gleich im ersten Bestandsjahre begonnen und von A. Bihl, einem Schüler Srbiks, und Th. Stampfl unter der Leitung Erhards weitergeführt. Im Jahre 1932 nahm das Institut die Pflege technischer Schriftdenkmäler in Angriff und legte besonderen Wert auf die Förderung von Betriebsarchiven. Gemeinsam mit dem unter der Leitung des Generalstaatsarchivars Dr. Ludwig Bittner stehenden Archivamt in Wien wurde ein „Merkblatt zur Anlegung von Betriebsarchiven“ ausgearbeitet, das auch im 45. Band der „Archivalischen Zeitschrift“ in Nürnberg erschienen ist und in verschiedenen Fällen von Erfolg war. Den Denkmalen der Technikgeschichte sind viele Aufsätze in den Bf TG gewidmet und zahlreiche Gutachten über die Erhaltung solcher Denkmale wurden erstattet, wie auch in einzelnen Fällen Maßnahmen zu deren Erhaltung, z. B. eines Wandgemäldes in Leithen bei Seefeld in Tirol, durchgeführt. 1 Vorträge und Vortragsreihen sind vom Institut und auf seine Anregung hin in Wien und in anderen Städten der Ostmark veranstaltet worden. Erwähnt seien die Vortragsreihen von neun Vorträgen „Aus der Geschichte der Technik im österreichischen Rundfunk 1933“ und Vorträge „Aus Österreichs Technikgeschichte“ in den folgenden Jahren. Erhard hat als w ichtige Aufgabe des Instituts die Ehrung bedeutender heimischer Techniker aufgenommen, die durch Lebensbeschreibungen, Denkmäler, Gedenktafeln und Stiftungen erfolgte. Schon in der dritten Sitzung des Arbeitsausschusses am 7. Oktober 1931 wurden die Vorarbeiten für eine Ehrung von Dr. Carl Auer von Welsbach begonnen, die in den folgenden Jahren unter reger Anteilnahme des In- und Auslandes weitergeführt wurden und zur Herausgabe einer Biographie Auers , 2 zur Errichtung eines Denkmales im Jahre 1935 3 nach dem Entwurf von Prof. W. Frass, zur Veranstaltung einer Gedächtnisausstellung im Technischen Museum 4 sowie zur Bildung einer Auerstiftung führten. Aus dem reichen Sammlungsergebnis konnte auch eine Gedenktafel mit einem Relief Auers nach dem Entwurf von Prof. L. Hujer in der Lichttechnischen Abteilung des Deutschen Museums in München angebracht werden. Ein von Prof. Georgii angefertigtes Relief Auers fand in dem Ehrensaal des Deutschen Museums Aufnahme, was als erstmalige Ehrung eines ostmärkischen Forschers und Erfinders als besondere Auszeichnung zu werten ist. Noch während der Arbeiten für die Ehrung Auers von Welsbach beschloß der Arbeitsausschuß eine ähnliche, dem Andenken Viktor Kaplans, des Erfinders der nach ihm benannten hochschnelläufigen Wasserturbine, gewidmete Aktion auf- 1 BfTG H. 3, S. 101, Wien 1936. 2 F. Sedlacek, Auer von Welsbach. Bf TG II. 2, 85 S. mit 30 Textabb. und einem Quellen- und Schrifttumsverzeichnis, Wien 1934. 3 Die Enthüllungsfeier des Auer-Welsbach-Denkmals in: BfTG H. 3, S. 87ff., Wien 1936. 4 F. Sedlacek, „Die Dr. Carl Auer-Welsbach Gedächtnisausstellung im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien“ in: BfTG H. 3, S. 74 bis 83, Wien 1936. Ludwig Erhard. 23 zunehmen. Im Jahre 1935 begann ein Sonderausschuß die Arbeiten, die als Ergebnis die Herausgabe einer Lebensbeschreibung von Prof. A. Lechner 193b, 1 die Errichtung von Gedenktafeln am Geburtshause Kaplans in Mürzzuschlag im Jahre 1936, im Deutschen Museum in München 1937, beide nach Entwürfen von K. Holey mit Reliefbildnissen von A. Endstorffer, und in Stockholm 1936, die Widmung einer Radierung von Prof. W. Dachauer an das Technische Museum in Wien und die Errichtung einer Kaplanstiftung hatten. — Eine gleiche Aufgabe zur Ehrung des Physikers August Musger, des österreichischen Erfinders der Zeitlupe, wurde im Jahre 1937 in Angriff genommen und im Jahre 1938 erschien ein Lebensbild Musgers von Prof. Dr. Paul von Schrott in der Reihe der Veröffentlichungen des Instituts. 2 Die Anbringung einer Gedenktafel am Geburtshaus Musgers in Eisenerz ist beabsichtigt. Im Jahre 1938 beschloß der Arbeitsausschuß die Bildung eines besonderen Fonds für Forschungsarbeiten und die Ehrung österreichischer Techniker und Erfinder, der dazu bestimmt ist, Geldmittel für die Ehrung auch jener Persönlichkeiten zur Verfügung zu stellen, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Industrie standen, in welchen Fällen die Veranstaltung von Sammlungen nicht so ertragversprechend sein könnte, wie im Falle Auers von Welsbach und Viktor Kaplans. Aus diesen beiden Stiftungen konnten an würdige Hörer der Technischen Hochschule in Wien Studienbeihilfen gewidmet werden. Hierher gehört auch die vom Institut angeregte und im Jahre 1936 erfolgte Herausgabe einer Markenreihe der Postverwaltung mit Bildern österreichischer Techniker und Erfinder nach Entwürfen von Prof. W. Dachauer 3 . So ist der Plan, bedeutende Techniker zu ehren, in mehrfacher Hinsicht verwirklicht und die Absicht, ihr Werk und ihr Schaffen lebendig zu erhalten, erfüllt worden. Einer im Arbeitsausschuß von Prof, von Srbik gegebenen Anregung folgend, technosophische Arbeiten in den Beiträgen der Veröffentlichungen des Instituts zu berücksichtigen, erschienen vor allem aus der Feder Erhards derartige Arbeiten. 4 in seinen technosophischen Arbeiten kommt Erhard immer wieder auf die Beziehungen der Technik als Lebensäußerung zu den Schöpfungen der Natur und versucht, die Begriffe Biotechnik und Technobiotik klarzustellen. Den Ausklang der wissenschaftlichen Tätigkeit Erhards bilden seine Arbeiten über „Volkstechnik“. Er hat die Volkstechnik als dritten stammverwandten Zweig der Volkskunde dem Volkslied und der Volkskunst angegliedert und sich mit Erfolg bemüht, den neuen Begriff darzulegen. 5 Nachdem schon früher in den BfTG vereinzelte Arbeiten auf diesem Gebiete erschienen waren, die Erhard auf S. 3 1 BfTG H. 3, S. 15—74, Wien 1936. Auch als Sonderdruck erschienen. 2 BfTG H. 4, S. 22—39, Wien 1938. Auch als Sonderdruck erschienen. 3 Josef Ressel, Carl Ritter von Ghega, Josef Werndl, Carl Frh. Auer von Welsbach, Viktor Kaplan. 4 L. Erhard, Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. BfTG H. 1, S. 3, 1932. Derselbe, Vom Lebenssinn der Technik, ebenda H. 3, S. 3, 1936. Das Weltbild der Technik in: „Wiener Zeitung“ vom 21. Oktober 1932. Holey, Das Ethos der Technik in: „Österr. Rundschau“ 4. Jg. H. 1, Wien, 1938. 5 BfTG H. 8, S. 28. 24 Ludwig Erhard. des Aufsatzes über „Volkstechnik“ in BfTG H. 6 anführt, stellt er in den im Jahre 1939 verfaßten Leitsätzen der Technikgeschichte eine neue Aufgabe. 1 Eifrig beschäftigt mit der Drucklegung seiner letzten Arbeit über „Volks- teehnik“ und den Vorbereitungen für das vorliegende Heft und voll neuer Anregungen für das Arbeitsgebiet seiner Lieblingsschöpfung, das Forschungsinstitut für Technikgeschichte, beschloß er am 28. Oktober 1940 in Baden bei Wien sein arbeitsreiches Leben im Alter von 77 Jahren. Seine Gattin war ihm kurz vorher, am 20. August 1939, im Tode vorangegangen. Der Verlust dieser besten Kameradin seines Lebens, mit der er 46 Jahre glücklich verheiratet war und die ihm in guten und schweren Zeiten stets treu zur Seite stand, ging ihm sehr nahe. Sein Wesen trug von dieser Zeit an den Stempel seelischen Schmerzes. Er wurde noch gütiger im Umgang mit seinen Mitmenschen und er vertiefte sich noch mehr denn je in seine Arbeiten. Neben seiner beruflichen Tätigkeit verfolgte Erhard die Fragen des Gemeinschaftslebens der Ingenieure mit tätiger Anteilnahme und besonders der Österr. Verein Deutscher Ingenieure verdankt seiner Führung als jahrzehntelanger Vorsitzender viele Erfolge. Schon im Jahre 1904 war er als Vizepräsident in der Leitung des Automobiltechnischen Vereines tätig und dieselbe Stelle nahm er in den Jahren 1928/29 im österreichischen Ingenieur- und Architektenverein ein. Sein Wirken im Dienste des Staates und der Allgemeinheit fand Anerkennung durch Ordensauszeichnungen. Der bayrische Staat verlieh ihm den Michaelsorden III. Kl. und die Bayrische Goldene Ludwigsmedaille für Kunst, Wissenschaft und Industrie, Preußen zeichnete ihn durch den Kronenorden III. Kl. und den Roten Adlerorden III. Kl. aus, von Rußland erhielt er den Stanislausorden II. Kl. und Österreich verlieh ihm anläßlich seiner Versetzung in den Ruhestand das Große Ehrenzeichen. Im Jahre 1930 erhielt er von der American Society of Engineers die Goldene Medaille und der Verein Deutscher Ingenieure dankte ihm zu seinem 75. Geburtstag durch die Überreichung des VDI-Ehrenzeichens, das ihm durch den damaligen Stellvertreter des Herrn Reichsministers Dr.-Ing. F. Todt im Vorsitz des VDI, Dr.-Ing. H. Schult, übergeben wurde. Die technische Wissenschaft ehrte Erhard durch Verleihung akademischer Grade, so zeichnete ihn die Technische Hochschule in Danzig im Jahre 1931 wegen seiner Verdienste auf dem Gebiete der Technikgeschichte und um die Gründung des Technischen Museums in Wien durch die Würde eines Doktor-Ingenieurs Ehren halber aus und die Technische Hochschule in Wien ernannte ihn 1928 zum Ehrenbürger. In ehrendem Gedenken wurden am Sarge Erhards zahlreiche Kränze niedergelegt; eine Abordnung der NSDAP unter der Leitung von Prof. Dr. F. Kuba überbrachte vom Reichsminister Dr.-Ing. F. Todt, Leiter des Gauamtes für Technik im NSBDT, einen großen Lorbeerkranz sowie einen solchen vom Gauamt für Technik, Gauleitung Wien; Prof. Dr.-Ing. C. Matschoss hielt dem Verstorbenen einen warmempfundenen Nachruf und legte für das Deutsche Museum in München als dessen verdienstvollen Förderer und für den Verein Deutscher Ingenieure als verdienten Mitarbeiter Kränze nieder. In gleicher Weise ehrte das Technische 1 Erhard, Volkstechnik, ebenda H. wig Erhard. Museum in Wien seinen ehemaligen Direktor und der Arbeitsausschuß des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte seinen Leiter. Die Charaktereigenschaften Erhards, zäher, unbeugsamer Arbeitswille und unbeirrbare Folgerichtigkeit werden glücklich ergänzt durch die Wesenszüge seiner gewinnenden Persönlichkeit. Selbstlose Hilfsbereitschaft, offene Lauterkeit und Treue gepaart mit einem grundgütigen Humor gewannen ihm viele Freunde und halfen ihm, Widerstände zu besiegen. Seine Bescheidenheit kennzeichnete die Worte, mit denen er bei seinem 75. Geburtstag alle Verdienste von sich ablehnte und zum Schluß sagte: „Es lohnt sich schon, so alt zu werden, wenn man so viele Beweise Bild 6. Wohnsitz und Sterbehaus Ludwig Erhards in Baden bei Wien 5 ? **>. - •*.*■ treuer Freundschaft erfährt.“ Mit seinem Humor trug er oft dazu bei, die Stimmung bei feierlichen Anlässen in fröhliche Laune hinüberzuleiten. Als die Hauptversammlung des YDI am Kobenzl ihren Abschiedsabend feierte, trug ein von Erhard verfaßtes launiges Bühnenstück dazu bei, daß diese schöne und denkwürdige Veranstaltung einen herzenswarmen Ausklang nahm. Die Liebe zur Natur und zu der Alpenwelt führte ihn immer wieder bis kurz vor seinem Tode in die Berge, nach Tirol und in die Voralpen in der Umgebung Wiens und es ist für seine Naturverbundenheit und Treue bezeichnend, daß er durch 46 Jahre dem Deutschen Alpenverein als Mitglied angehörte. Wenn wir am Beginne unseres Versuches, das Lebenswerk Erhards zu schildern, auf die Geradlinigkeit und Folgerichtigkeit seines Lebensganzes hingewiesen haben, so tritt das besonders deutlich in den drei Hauptabschnitten seines Lebens hervor. In enger Verbundenheit mit der technischen Wirtschaft unserer Zeit steht der Beginn seines Schaffens, getragen von warmem sozialem Empfinden und immer geleitet von dem Streben, das technische Wesen mit seinem tieferen Sinn zu erfüllen. 26 Ludwig Erhard. Der zweite Hauptabschnitt seines Lebens bringt als Frucht der Tätigkeit beim Aufbau des Technischen Museums, bei der Schau über die Fülle des technischen Geschehens den Gedanken vom tieferen Sinn der Technik zur Reife. Die Erkenntnis, daß es der Weg des Geistes ist, der das technische Geschehen so überwältigend groß macht, ist die Frucht und diesen Gedanken verkündet das Museum. Der dritte Abschnitt ist kein Abgesang im Sinne eines Ausklingens, er führt noch weiter und tiefer in den Wesenssinn der Technik hinein. Nicht mehr von außen her, durch die Schau des Geschehens, sondern von innen heraus, aus geschichtlicher Rückschau gewonnenes Verstehen der inneren Triebkräfte, will Erhard den Menschheitsgedanken der Technik als Erlösung von irdischer Unvollkommenheit zum Wohle aller ergründen und erforschen. Schriften von Ludwig Erhard. Die Aufstellung und der Betrieb von Kleinmotoren in Österreich. Verfaßt von L. Erhard und A. Springer in: „Bericht des k. k. Handelsministeriums über die Förderung des Kleingewerbes im Jahre 1899.“ Staatüehe Gewerbeförderung, ein Vortrag aus dem Bayrischen Industrie- und Gewerbeblatt, 1901. Die technische Verwertung des Spiritus in Deutschland in: „Mitteilungen des Technologischen Gewerbemuseums“, S. 3, 1902. Neuere Spiritusheizungsapparate. Ebenda, S. 175, 1902. Spiritus-Glühlichtlampen. Ebenda, S. 12, 1903. Die Spiritusmotoren. Ebenda, S. 194, 1903. Der Gewerbeförderungsdienst des k. k. Handelsministeriums in: „Annalen des Gewerbeförderungsdienstes des k. k. Handelsministeriums“, Jg. 1, H. 2 u. 3. Wien 1907. Neuzeitliche Handwerkstechnik. Wien 1907. Richtlinien der technisch-wirtschaftlichen Gewerbeförderung in: Schriften des II. Internationalen Mittelstandskongresses, Wien 1908, 1. Bd., S. 153—174 mit 7 Abb. Wien 1910. (Gemeinsam mit H. Pösendeiner.) Die neuzeitige Tektonik in: „Technik und Wirtschaft“, Monatsschrift des Vereines deutscher Ingenieure, 4. Jg., II. 5. Berlin 1911. In: „Zeitschrift des Österr. Ingenieur - u. Architekten-Vereines“. Wien 1911. Technisches Museum für Industrie und Gewerbe in Wien, dreisprachig, 16 S. mit 21 Abb. Wien-Paris-Leipzig, o. J„ wahrscheinlich 1913. Das Technische Museum als Volksbildungsstätte in: „Technik und Kultur“, Monatsschrift des Technischen Museums Wien, 1. Jg., S. 2—3. Wien 1921. Forschungsinstitut für Geschichte der Technik in: „Zeitschrift des Österr. Ingenieur- • u. Architekten-Vereines“, 81. Jg., S. 490—491. Wien 1929. Der Weg des Geistes in der Technik. Abhandlungen und Berichte des Deutschen Museums in München, 1. Jg., H. 4. Berlin 1929. Das Weltbild der Technik in: „Wiener Zeitung“ vom 21. Oktober 1932. Zur Entwicklungsgeschichte der Technik in: BfTG,H. 1, S. 3—25. Wien 1932. Oskar von Miller, Nachruf in: „Neues Wiener Tagblatt“ vom 15. April 1934. Vom Lebenssinn der Technik in: BfTG, H. 3, S. 1—14. Wien 1936. Deutsche Techik im nationalsozialistischen Staat in: BfTG, H. 4, S. 1—3. Wien 1938. Aufgaben der deutschen Technik in: „Neue Freie Presse“ vom 18. September 1938. Wien. Österreichs deutsche Technik in: „Deutsche Technik“, Technopolitische Zeitschrift des Hauptamtes für Technik in München, Mai-Heft, S. 250. München 1938. Volkstechnik in: BfTG, H. 6, S. 1—4. Wien 1939. Ludwig Erhard. 27 Ein Sinnbild deutscher Technik in: „Deutsche Technik“, 7. Jg„ Januar-Heft. München 1939. Entwicklung der technisch-wirtschaftlichen Gewerbeförderung in: „Technikgeschichte“, Beiträge zur Geschichte der Technik, Bd. 28, S. 108. Berlin 1939. Nordlandfahrt deutscher Technik in: „Badener Zeitung“ vom 3. Juni 1939. Das Forschungsinstitut für Technikgeschichte in Wien in: „Deutsche Technik“, 7. Jg., August-Heft. München 1939. Zur Technikgeschichte des Reichsprotektorates in: „Deutsche Technik“, 8. Jg., S. 211 bis 214, Juni-Heft. München 1940. Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik in: BfTG, 11.8, S. 28. Wien 1942. Der Verfasser des vorliegenden Lebensbildes dankt allen Stellen und Personen, die seine Arbeit gefördert und erleichtert haben, so insbesondere dem Generalreferat für Kunstförderung Staatstheater, Museen und Volksbildung ‘des Reichsstatthalters in Wien, dem Herrn Oberbürgermeister der Stadt Passau, Dr. Sittler, dem Rektorat der Technischen Hochschule in Wien, dem Direktor des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien, Dipl.-Ing. V. Schützenhofer, der Bücherei des Gewerbeförderungsdienstes des Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit, Herrn Ludwig Muiir in München, Frau Martha Dun gl und Fräulein Therese Stampfl in Wien. Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. Von Dipl.-Ing. Dr. L. Erhard, Wien. Mit 13 Abbildungen. ln einem Vortrag über „Kultur und Technik“, den F. Reuleaux (1829 bis 1905) im Jahre 1884 in Wien hielt, hat dieser hervorragende deutsche Technologe und Kinematiker eine bedeutsame Rassenfrage auf technischem Gebiet dadurch aufgeworfen, daß er den grundlegenden Unterschied zwischen naturistischen und manganistischen Völkern hervorhob. Re ule au x nannte hierbei j ene Völkerschaften naturistisch, welche infolge ihrer totalistischen Weltanschauung an den ihnen von Xatur aus verliehenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Beschaffung des Nötigsten starr festhalten und trotz anderwertiger Kulturleistungen gerade auf der einmal erreichten Vorstufe technischer Entwicklung schicksalsergeben beharren, wie z. B. manche arabischen, indischen und chinesischen Stämme. Dagegen bezeichnete der Redner die nordatlantischen Völker, und darunter namentlich auch die Deutschen, als manganistisch, weil sie die Gesetze der Naturenergien erkannten und auf Grund wissenschaftlicher Forschung und Lehre das moderne Ingenieur wesen ausgebildet haben. 1 Die schöpferische technische Tat ist daher das Kennzeichen der manganistischen Völker. Die unter langen und schweren Geisteskämpfen errungene Kenntnis der mechanischen, physikalischen und chemischen Naturgesetze bildet nunmehr auch die sichere wissenschaftliche Grundlage der nationalen deutschen Technik, die im gegenwärtigen Völkerringen dem deutschen Kampfgeist die Kampfmittel liefert und so zu den bahnbrechenden militärischen und wirtschaftlichen Erfolgen des Dritten Reiches wesentlich beiträgt. , Angesichts der überragenden Leistungen der wissenschaftlichen Technik unserer Tage verliert die schlichte Volks- und Handwerkstechnik der Voreltern immer mehr an Bedeutung und Wertschätzung. Trotzdem darf man nicht vergessen, daß Erfindungsgabe und Schaffenskraft den Deutschen von altersher im Blut liegen und deshalb auch einen Wesenszug ihrer Volkstechnik bilden. Dieser technische Geist der Deutschen loderte schon zur Zeit der Gotik und Renaissance mächtig 1 „Manganon“ nannten die Griechen eine Wurfmaschine für Kriegszwecke, mit dieser Maschine ist das Wort ins Mittelalter herüber gekommen; im alten Nürnberg wurde es zur Benennung einer großen Appreturmaschine gebraucht und es lebt in unserer Wäscliemange heute noch fort. Als „Manganismus“ bezeichnete Reuleaux ganz im allgemeinen die Meisterung der in ihren Gesetzen erkannten Naturenergien. Zur Begriffsbestimmung der Volksteclmik. 21 » empor, er verglomm dann im Schutt des Dreißigjährigen Krieges und flammte erst im 19. Jahrhundert wieder auf; heute aber setzen die gewaltigen Fortschritte der nationalen deutschen Kriegs- und Friedenstechnik alle Welt in Erstaunen. Vielfach liegen die Keime zu solchen Errungenschaften in der urtümlichen Volkstechnik verborgen und diese verdient es daher, durch die Technikgeschichte ins rechte Licht gesetzt zu werden gemäß dem alten Mahnwort : ,,Den Vorfahren zur Ehre, der Jugend zur Lehre!“ 1 Beispiele der Keimkraft deutscher Volkstechnik. Nitrierung des Eisens. Die alte Volkstechnik hat vielfach über Erfahrungen verfügt, die im Lichte der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnis erstaunlich sind und wertvolle technische Neuerungen anzuregen vermögen. So berichtet z. B. der Direktor des Instituts für Kohle- und Eisenforschung in Düsseldorf, Dr.-Ing. K. Daeves, über jenes eigenartige Verfahren, das schon der sagenhafte Ahnherr der deutschen Technikerschaft, Wieland der Schmied, bei der Herstellung seiner Schwerter angewendet hat. Im Amelungenlied heißt es darüber: IDtdanb tit ber Schmiebe nahm eine ddle gleich; Das fchönc Schmert 3erfeilt er bamit 311 eitel Staub. Da lagen nun bie Späne: bie jdjug bei* meije Schmieb licit Hiehl unb Huld; 3ufammen: ber tEeig ihm mobl geriet. Da nahm er IHaftnögel, bie jehon ben britten (Eag Nuf Koft umfonft gelauert im engen (Sitterhag, Unb marf bie fchmere Speije ben Ejuitgerleibern uor. Ulan fah in finden Stunben ben galten (Erog geleert Unb einen anbereit rücfmärts am Uiorgeu ftarf bejehmert. Des leiteten 3 nhalt brachte ber ZHeifter in bie cSlut; Das €r3 h er öpfte aus bem Kejfel, mas ba r»on Unrat mar, (Bemann ein cEifen enblich r>on Schladen lauter unb flar. 2ils fich bas erfühlte, ba jd]uf ber Degen mert Der bem fiebenten (Eage ein meifterlicbes Schmert. Warum verwendete Wieland gerade Geflügelmist? Nun, Kot enthält außer Kohlenstoff auch Stickstoff (Nitrogen). Erst seit Anfang des Jahrhunderts weiß man, daß die Stickstoffanwendung eine beträchtliche zusätzliche Härtesteigerung des Eisens bewirkt, so daß „nitrierte“ Stähle die höchste bei Eisen festgestellte Härte auf weisen. Laboratoriumsversuche ergaben, daß bei dem Wielandschen Verfahren eine beträchtliche Stickstoffaufnahme stattfindet und daß die Eisenspäne nach der Härtung einen weichen Kern mit einer äußerst harten Schale besitzen. Diese 1 Vgl. Bronner, „Von deutscher Sitt und Art“. S. 232. München 1908. 30 Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. günstigen Versuchsergebnisse führten im Jahre 1936 sogar zu einer Patentanmeldung über die Herstellung von Messern und Schneidewerkzeugen dahin gekennzeichnet, daß feinzerteilte Stahlspäne mit Stickstoff angereichert und hierauf durch Sintern oder Schweißen bei Temperaturen unter dem Schmelzpunkt wieder zu Stücken der gewünschten Größe und Form vereinigt und weiter verarbeitet werden. Überdies verwendet man neuerdings auch Stickstoff zum Nitrieren von Chromnickelstahl, der dann mit 0,17 v. H. Stickstoff und nur 4 v. H. Nickel die gleiche Güte aufweist, wie der berühmte V2 A-Stahl, der 8 v. H. Nickel enthält. Da Deutschland selbst nur wenig Nickelerze besitzt, so ist jede Lockerung dieser lästigen Fessel für die deutsche Metallwirtschaft von besonderem Wert. ■t.;m gy , * Bild 1. Haymon und Thyrsus im Zweikampf. Freskengemälde am „Riesenhauszu Leithen hei Seefeld in Tirol. Zu all diesen modernen Nitrierverfahren hat der in der Sagengestalt Wielands zusammengefaßte Erfahrungsschatz alter deutscher Volkstechnik die Anregung gegeben. 1 Thyrsenblut — Ichthyol. Eine andere technikgeschichtliche Sage aus der Zeit Karls des Großen schildert den Zweikampf zwischen dem Ritter Haymon und dem bäuerlichen Riesen Thyrsus bei Seefeld in Tirol. 2 Besiegt und blutüberströmt flüchtete der Riese in die Berge und rief: „Sprifc urtfcfyulfctg Bluet, Sei für Diel} urtb lent guet!" 1 Vgl. K.Daeves, „Die Untersuchung altdeutscher Eisenteile“, Rundschau Deutscher Technik, Nr. 26, Berlin 1940. 2 Vgl. F. Sedlacek, „Thyrsenblut“ in Blätter für Geschichte d. Technik, H. 1, S. 73, Wien 1932. Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. 31 Aus dem vom Thyrsenblut getränkten Gestein wurde dann das heilsame „Dirschenöl“ gebrannt, das 1350 zum erstenmal urkundlich erwähnt wird. Dem Forschungsinstitut für Technikgeschichte in Wien gelang es, ein unter der Tünche am sogenannten „Riesenhaus“ in Leithen bei Seefeld verschollenes Wandgemälde aus dem Jahre 1537 bloßzulegen, das den Zweikampf zwischen Haymon und Thvrsus darstellt und wegen seiner technikgeschichtlichen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt wurde (Bild 1). In neuerer Zeit hat die Berg- und Hüttenkunde den dieser Sage zugrunde liegenden Sachverhalt dahin aufgeklärt, daß bei der Bildung der nördlichen Kalkalpen bituminöse Schichten, die mit Fischabdrücken durchsetzt sind, bis zu einer Höhe Bild 2. Häuer, der einen Bergmanns- Bild 3. Neuzeitiger Transmissionsfeder' schlegel mit gebogenem Stiel schwingt. hammer mit Kurbelantrieb. von 2000 m emporgehoben wurden. Aus diesen Mergelschichten gewinnt man gegenwärtig den sogenannten „Stinkstein“ mittels Stollenbau, verhüttet ihn durch ein kombiniertes Seiger-, Destillier- und Schwelverfahren und erzeugt aus dem ausfließenden Öl in der erneuerten Maximilianshütte bei Seefeld das bekannte Heilmittel „Ichthyol“, das durch den Dermatologen P. G. Unna in den Arzneimittelschatz eingeführt wurde. Bei dieser fabrikmäßigen Ichthyolgewinnung, wie bei der vorher geschilderten Eisennitrierung läßt sich die Abstammung der modernen wissenschaftlichen Verfahren von der alten Volkstechnik ohne weiteres geschichtlich nachweisen. In anderen Fällen können solche Zusammenhänge nur technologisch aufgehellt werden, wie z. B. die Abstammung der „Federhämmer“ von alten Hämmern mit federndem Stiel. Bergmannsschlegel — Federhammer. An der Kirche zu Hof Gastein befindet sich das Grabmal des Gewerken Christof Weitmoser (1506—1558), welches aus der Blütezeit des Goldbergbaus in den Hohen 32 Zur Begriffsbestimmung der Yolkstechnik. Tauern herrührt und u. a. einen Häuer darstellt, der einen Schlegel mit gebogenem Stiel schwingt (Bild 2). Der Gebrauch solcher gekrümmten Stiele rührt vermutlich davon her, daß die Stolleneingänge der dortigen alten Bergwerke zumeist oberhalb jener Baumgrenze lagen, wo nur mehr das Krummholz der Legföhre oder „Latsche“ (Pinus montana) gedeiht. Die überaus zähen und elastischen Latschenäste eignen sich besonders zum Herstellen federnder Hammerstiele. Bei der Anwendung dieses alpinen Hammers erfährt der Stiel infolge der Trägheit des Hammerklotzes zunächst eine elastische Biegespannung, deren Auslösung dann knapp vor dem Beenden des Hiebes den Prall des Hammers auf das Werkstück erheblich verstärkt. Eine ähnliche Wirkungsweise weist auch der neuzeitige Transmissionsfederhammer mit Kurbelantrieb (Bild 3) auf. Dieses Kurbelgetriebe wäre an und für sich wegen seiner Totpunktslagen zum Betrieb eines Schmiedehammers völlig ungeeignet; erst durch das Einfügen eines federnden Gliedes zwischen dem Endzapfen ( A ) der Pleuelstange und dem Hammerbären (B) kann eine richtige Schlagwirkung erzielt werden. Wie Bild 3 zeigt, betätigt hierbei die auf- und abgehende Pleuelstange eine auf dem Hammergestell gelagerte Blattfederwippe ( C ), die den Hammerklotz bewegt und dessen Schlagwirkung beim Niedergehen durch die Auslösung der aufgestauten Federspannung verstärkt. Im Transmissionsfederhammer hat die neuzeitige Technik eine Schmiedemaschine mit Riemenantrieb, gleichbleibender Schlagzahl und feinfühliger Regelung geschaffen; die volkstechnischen Grundzüge dieser Maschine sind aber schon in dem mittelalterigen alpinen Bergmannsschlegel und seinem federnden Latschenstiel enthalten. Wassertrommelgebläse — Strahlapparate. ln den deutschen Alpenländern mit ihren zahlreichen Sturzbächen stand schon seit altersher das sogenannte Wassertrommelgebläse für Schmelz- und Schmiedefeuer in Gebrauch. Zum Verständnis dieser einst viel verwendeten, aber nunmehr aussterbenden Gebläseart mag der nachstehende Hinweis auf den Schraubenfall bei Hintertux in Tirol (Bild 4) dienen. Der Wasserfall ( A ) hat dort hinter der Felswand ( B ) einen runden trommelförmigen Kessel nach Art der Gletschermühlen ausgehöhlt und fließt durch ein enges Wandloch ( D) ab. Im Herabstürzen saugt der Wasserstrahl ( A ) die ihn umgebenden Luftschichten an und reißt sie mit sich in die Tiefe. Beim Aufprallen des lufthaltigen Wassers an den starren Kesselwänden entweicht dann die angesogene Luftmenge und steigt dann in feuchten Schwaden (C) wie ein kräftiger Gebläsewind empor. Derartige Naturerscheinungen mögen die alte Volkstechnik zur Errichtung von Wassertrommelgebläsen angeregt haben. Die Querschnittzeichnung (Bild 5) zeigt den Aufbau und die Wirkungsweise eines derartigen Gebläses. Der Treibstrahl stürzt hier aus der Einfallsdüse eines Wasserbehälters in ein mehrere Meter hohes Holzrohr (A) und saugt dabei aus einem Lochkranz unterhalb der Düse die umgebende Luft an. In der Trommel ( B ) angelangt, zerstiebt der luftgesättigte Wasserstrahl, die überschüssige Wassermenge entweicht durch das Abfließrohr (D) ins Freie und die aufsteigende Preßluft wird als Gebläsewind mit einem Druck von 0,5 bis 1 m Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. 33 Wassersäule durch die Windleitung ( C ) der Esse zugeführt. Die Übereinstimmung dieses Vorganges im Wassertrommelgebläse (Bild 5) mit der oben geschilderten Wirkungsweise des Wassersturzes (Bild 4) ist augenfällig. Das Bild 6 zeigt ein Wassertrommelgebläse, das bis vor wenigen Jahren bei einem Schmied in Mühlau nächst Innsbruck in Gebrauch stand. Bei diesem Gebläse fließt das Betriebswasser aus einem hölzernen Gerinne dem Fallrohr (A) von oben zu, saugt dort die umgebende Luft an, der lufthaltige Treibstrahl wird dann durch Bild 4. Schraubenfall bei Hinfertux in Tirol. ’•M'&s?'' B.ld 5. Querschnittzeich- nung eines Wassertrommel gebläses. Bild 6. Wassertrommelgebläse in Mühlau nächst Innsbruck, das noch vor wenigen Jahren in Gebrauch stand. seinen Aufprall in der faßförmigen Trommel ( B ) entlüftet und die hölzerne Windleitung ( C ) führt schließlich die erzeugte Preßluft der Düse des Schmiedefeuers in der Werkstatt zu. Ähnliche urwüchsige Gebläse sollen noch in einigen anderen Gegenden Tirols und Kärntens vorhanden sein. Da diese Gebläse ganz aus Holz und ohne bewegliche Teile gebaut sind, können sie von den in der Holzarbeit geübten Alpenbewohnern, gleich den hölzernen Laufbrunnen vor den Häusern, ohne Zuhilfenahme eines Mechanikers angefertigt und im Bedarfsfall auch selbst ausgebessert werden. Die technikgeschichtliche Bedeutung des Wassertrommelgebläses hegt darin, daß es der volkstechnische Vorläufer all jener Strahlapparate ist, welche die neuzeitige Wissenschaftliche Technik späterhin für Druckwasser-, Preßluft- und Dampfbetriebe geschaffen hat. Die Stammtafel (Bild 7) weist auf die mannigfachen Anwendungsarten solcher Strahlapparate hin. So dienen z. B. Strahlzerstäuber zum Zerstäuben von Duftwässern und Medizinen und von Heizöl für Feuerungen, sowie in der Form von Spritzpistolen zum Aufträgen von Farben und Lacken, ferner Strahlluftpumpen mit Druckwasserbetrieb zur Erzielung eines mäßigen Vakuums Technikgeschichte 8. Heft. ;{ 34 Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. und mit Quecksilberdampfbetrieb zur Erreichung höchstmöglicher Luftverdünnung, Strahlventilatoren zum Entlüften von Räumen und als Lokomotivblasrohr zum Erzeugen künstlichen Zuges, Injektoren zum Speisen von Dampfkesseln und Ejektoren zum Auswerfen von trüben oder schlammigen Flüssigkeiten, Strahlelevatoren zum Fördern von Getreide oder sonstigem körnigen Gute in die Silos und endlich Sandstrahlgebläse zum Gußputzen oder zum Glasmattieren. So verschiedenartig die Formen und Zwecke dieser Strahlapparate sein mögen, im technologischen Sinne sind sie samt und sonders Abkömmlinge des urtümlichen STRAHL APPARAT WASSERTROMMEL GEBLAESE STRAHLZERSTÄUBER STRAHLLUFTPUMPE STRAHLVENTILATOR INJEKTOREN u. EJEKTOREN STRAHLELEVATOR SANDSTRAHL- GEBLAESE Bild 7. Stammtafel der Wassertrommelgebläse. Wassertrommelgebläses, das Della Porta schon im Jahre 1589 als eine damals längst bekannte volkstümliche Einrichtung beschrieben hat. Laienerfindung —Fachliche Ausgestaltung. Unter den Begriff der Volkstechnik fallen auch jene Laienerfindungen, die von begabten, aber technisch ungeschulten Volksgenossen herrühren. Nur selten gelingt es einem solchen Erfinder, der die Gesetze und Mittel der modernen Technik nicht kennt, seine Neuerung im Großen herzustellen und gewerblich zu verwerten. Selbst dann nicht, wenn auch ein entwicklungsfähiger Kern in seiner Erfindung steckt. Nur zu oft säen Laienerfinder unter harten Opfern ein Feld an, auf dem später technisch und wirtschaftlich erfahrene Fachleute ernten. Ein Beispiel obigen Sachverhaltes bietet der vom Tiroler Gewandschneider J. Madersperger (1768—1850) erfundene Nähapparat und dessen Entwicklung zur Nähmaschine. Das Bild 8 zeigt die „Hand“ dieses aus dem Jahre 1830 stammenden Apparats, mit dem man Steppdecken in Pikiernaht herzustellen ver- Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. 35 mochte. Da aber dieser Handapparat ohne Kurbel- oder Radantrieb arbeitete, so konnte dessen minütliche Stichzahl die Geschwindigkeit der gewöhnlichen Handarbeit nicht wesentlich übertreffen. Maderspergers Nähapparat, der heute als würdiger Zeuge solcher volkstechnischen Bestrebungen im Technischen Museum zu Wien steht, weist eine weittragende Einzelheit auf, die ihm den Rang eines wichtigen Vorläufers der Nähmaschine sichert. Madersperger verwandte nämlich zur Bildung der Nähte zwei senkrecht bewegliche Nadeln und verlegte bei jeder "Pf* •1 Bild 8. Nähapparat von J. Maders- Bild 9. Neuzeitige Zentralschiffchen-Nähmaschine, perger aus dem Jahre 1830. das Öhr in die Nadelspitze. Dadurch schuf er einen Grundbestandteil aller neuzeitigen Nähmaschinen: die öhrspitzige Maschinennadel. Um die Nähmaschine zum Welterfolg zu führen, mußte man zunächst die Nachahmung des Nähens mit der Hand verlassen und einen der mechanischen Weberei ähnlichen Vorgang zur Erzeugung eines Doppelsteppstiches ausbilden. Die Einführung des Schiffchens und des Antriebes durch ein Kurbelrad kennzeichnen den ersten großen Fortschritt auf diesem Gebiet, der den Amerikanern E. Howe und J. M. Singer zu einem ungeheuren Erfolg verhalf, wogegen Madersperger im Armenhaus starb. Das Bild 9 gewährt einen Einblick in den Aufbau einer neuzeitigen Zentralschiffchennähmaschine, die je nach der Antriebsart bis zu 1400 Stichen in der Minute ausführt. Heute werden außer den Haushaltmaschinen auch Sondermaschinen zum Nähen von Schuhen, Handschuhen, Knopflöchern, Lederkoffern, Treibriemen, Wagendecken, Zelten, Luftbällen und zum Heften der Bücher gebaut. Mögen auch die einzelnen Glieder dieser Maschinensippe noch so verschieden gestaltet sein, ein und dieselbe volkstechnische Gabe benutzen sie alle gemeinsam: die Nadel Maderspergers. 8 * 36 Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. Stäuber- und Löffelräder—Wasserturbinen. In wald- und wasserreichen Tälern des deutschen Alpenlandes trifft man noch hier und da schlichte Bauernmühlen als fortlebende Zeugen alter Volkstechnik. 1 Solche urtümliche Mahl- und Sägemühlen wurden meist von den Besitzern selbst unter Beihilfe ortsansässiger Zimmerleute in einfachster Bauart errichtet. Namentlich die alten Sägewerke suchten Übersetzungen durch Zahnräder oder Riementriebe zu vermeiden und verwendeten daher zum unmittelbaren Antrieb des Sägegatters schnell laufende Stoßräder mit waagrechter Welle. Die Wucht des Wasser- ^E tel E Bild 11. Girard-Turbine Bild 10. Löffelrad, genannt auch „Stauberrad Strahles setzt hierbei die kleinen Stoßräder in so rasche Umdrehung, daß sie von dem umherstiebenden Wasserstaub wie von einer Aureole umgeben werden, w'eshalb sie auch im Volksmund „Stauberräder“ heißen. Von diesen Stauberrädern führt der Weg der technischen Entwicklung zu den neuzeitigen Freistrahlturbinen mit waagrechter Welle, den Peltonrädern, die jetzt für Gefällshöhen bis zu 1500 m und für eine Leistung bis zu 30.000 PS bei einem Wirkungsgrad bis zu 90 v. H. gebaut werden. Um bei den Mahlmühlen gleichfalls die Zahnradübersetzung von der waagrechten Welle des langsamen ober-, mittel- oder unterschlächtigen Wasserrades zur lotrechten Welle des schnellen Mahlganges zu umgehen, hat die alpine Volkstechnik das ursprünglich aus dem Südosten stammende Stoßrad mit lotrechter Welle übernommen. Ein derartiges, im Technischen Museum zu Wien aufgestelltes „Löffelrad“ (Bild 10) besitzt 12 gekrümmte Schaufeln, auf welche der Wasserstrahl aus dem Schußgerinne (A) auftrifft und dadurch die Welle ( B ) des darüber befindlichen Mahlganges (C) unmittelbar in rasche Drehung versetzt. Aus solchen Rädern hat 1 Vgl. Lanser, „Alte Brücken und Mühlen in Tirol“, Blätter für Technikgeschichte, H. 6, S. 11—27, Wien 1939. Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. 37 sich späterhin die Aktionsturbine, wie z. B. die GntABD-Turbine (Bild 11) entwickelt. Bei dieser Aktionsturbine treffen die aus dem Leitrad A austretenden Wasserstrahlen die gekrümmten Schaufeln des sich nach unten erweiternden Laufrades ( B ), wodurch es samt einer lotrechten Welle ( C) in Drehung versetzt wird. Die Stauberräder, wie auch die Löffelräder, kamen wegen ihres geringen Wirkungsgrades von nur 30 bis 40 v. H. bei den Ingenieuren längst in Verruf. Sie sind aber nicht bloß die volkstechnischen Ahnen moderner Wasserturbinen, sondern sie gelten darüber hinaus auch als Vorboten des Schnellaufes der Maschine, den auch Männer der Ostmark, wie Radingeb, Riedleb und Kaplan, durch Wort und Tat gefördert haben. 1 Das Ersinnen und Ausführen von leistungsfähigen, rasch laufenden Motoren, sowie von schnellen Verkehrs- und Kampfmaschinen aller Art bilden heute das Ziel und den Stolz des deutschen Maschinenbaus. Altes Bauernhaus—Neuzeitiges Landhaus. Das von der wissenschaftlichen Forschung am gründlichsten erschlossene Gebiet der Volkstechnik umfaßt das deutsche Bauernhaus samt den zugehörigen Wirtschaftsgebäuden. Die Ergebnisse dieser Eorscherarbeit sind, soweit sie den deutschen Donauraum betreffen, in einer vom ehemaligen Ingenieur- und Architektenverein in Wien herausgegebenen Veröffentlichung über ,,Das Bauernhaus in Österreich - Ungarn“ niedergelegt. Volksforscher und Techniker haben hier in enger Gemeinschaftsarbeit ein maßgebendes Werk geschaffen, das durch treffliche Fachzeichnungen Einblick in die Anordnung, den Bau und die Einrichtung des oberdeutschen Bauernhauses und seiner Spielarten gibt. 2 Eine diesem Werke beigefügte Landkarte der Hausformen bietet einen Beleg dafür, daß das alte Ostarichi ein Kolonialland war, welches zur Zeit Karls des Großen und nach dem Lechfeld-Siege Ottos I. über die Avaren 955 durch Bayern, Franken und Alemanen besiedelt wurde. Hierbei gelangte das oberdeutsche Bauernhaus in das Gebiet der heutigen deutschen Ostmark. Bei der Besiedlung der Ostmark zogen die aus der Hochebene stammenden Bayern und die aus milderen Gegenden eingewanderten Franken die für den Getreide- oder Weinbau geeigneten Gelände vor; die Bergbauern unter den Bayern und Alemanen siedelten sich dagegen mit Vorhebe in den Alpenländern an, um dort die ihnen vertraute Waldwirtschaft und Viehzucht zu treiben. Der Volksmund nennt heute noch die einen „Körndlbauern“, die anderen „Hörndlbauern“. Beim ostmärkischen Bauernhof in den ebenen Landstrichen südlich und nördlich der Donau hat im Laufe der Zeit die Steinbauweise den ursprünglichen Holzbau verdrängt; das alpine Bauernhaus ist dagegen zumeist noch ein auf eine Grundmauer aufgesetzter Block werksbau mit waagrechten Hölzern, sorgfältigen 1 Johann Radinger (* 1842 Wien, t 1901 Wien), „Dampfmaschinen mit hoher Kolbengeschwindigkeit“, Wien 1892. — Alois Riedlek (* 1850 Graz, t 1936 Semmering), Schnellbetrieb, Erhöhung der Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit der Maschinenbetriebe, Berlin 1899. — Viktor Kaplan (* 1876 Mürzzuschlag, f 1934 Unter- ach), „Theorie und Bau von Turbinenschnelläufern“, München 1931. 2 Das Bauernhaus in Österreich-Ungarn, 228 S., 75 Foliotafeln. Verlag G. Küht- mann, Dresden 1906. 38 Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. Eck Verbindungen und steinbeschwertem Schindeldach. Dieses typische Holzhaus ist älter als das gemauerte Haus. Selbst bei unseren steinernen Stadthäusern gemahnt noch das Wort „Zimmer“ daran, daß die Urgestalt des Hauses überhaupt ein „gezimmerter“ Holzbau war. Das althochdeutsche Wort „zimbar“ bedeutet soviel wie „Bauholz, Holzbau, Wohnung und Wohnraum“; dem altsächsischen Worte „timbar“ sind das altindische „dama“, das lateinische „Domus“ und das altslawische „domu“ für „Haus“ und „Holzbau“ urverwandt. Diese sprachlichen Zusammenhänge lassen mit Sicherheit auf das überaus hohe Alter der Holzkultur schließen. 1 Bei der in der Frühzeit üblichen Naturalwirtschaft fehlte es dem Bauern an Geld und er mußte beim Bau eines solchen Blockhauses selbst Hand anlegen. Dabei pflegten ihm seine in der Holzarbeit geübten Nachbarn zu helfen, wofür sie statt einer Lohnzahlung Lebensmittel erhielten. Die Siebenbürger Sachsen haben diese Beihilfe in den „Nachbarschaftsartikeln“ einer uralten Dorf Verfassung festgesetzt und in der Ostmark wird manchenorts heute noch Abgebrannten von den Nachbarn durch unentgeltliche Lieferung und Zufuhr von Baumaterial geholfen. Die zum Bau des alpinen Bauernhauses nötigen Werkstoffe w r erden seit jeher dem Siedlungsgelände unmittelbar entnommen und die Bauart des Hauses wird seiner Umwelt und dem Bedürfnis der Bauernwirtschaft entsprechend gewählt. Deshalb wirken auch alle diese schlichten Bauten so naturverbunden als wären sie aus dem Boden gewachsen. Auch die Einrichtungsgegenstände und die Arbeitsgeräte wurden zumeist in den stillen Wintermonaten im Bauernhaus selbst aus Holz angefertigt. Trotz den Vorzügen dieser Jahrhunderte hindurch bewährten bäuerlichen Volkstechnik verschwindet aber das echte alte Bauernhaus sogar in den Gebirgstälern immer mehr und mehr. Der Zug vom Land in die Stadt und der geringe Ertrag der Wirtschaft haben dem Bauern vielfach die Freude an der Scholle getrübt, das sogenannte Bauernlegen, das P. Rosegger in seinem „Jakob der Letzte“ so ergreifend schildert, schwächte namentlich in Jagdgebieten das Bauerntum. Die berechtigten Forderungen der Baupolizei und der Feuerversicherungen bedrohen die übliche Holzbauweise und überdies leisten auch die Baugewerbeschulen den städtischen Anschauungen auf dem Lande Vorschub. Aus diesen Gründen ist es vom Standpunkt der Volkstechnik besonders zu begrüßen, daß durch das obengenannte Standardwerk „Das Bauernhaus“ von den bodenwüchsigen Schöpfungen der volkstümlichen Bauweise wenigstens dasjenige in Wort und Bild erhalten wird, was in der Ostmark heute an kennzeichnenden Typen noch übrig ist, um für das Neuerstehende gute Vorbilder zu schaffen, zumal da der Bauernhof durch das deutsche Erbhofgesetz wieder zu Ansehen und Würde gelangt ist. Aber nicht bloß für den neuen Bauernhof selbst, auch für die in der gleichen Gegend etwa zu errichtenden Neubauten enthalten diese Vorlagen die Keime zu neuer, zweckmäßiger und schöner Gestaltung. Manchmal findet ein verständiger Bauherr selbst den Weg zurück zum schlichten bäuerlichen Vorbild, wie aus dem folgenden Beispiel zu ersehen ist. Bild 12 zeigt das „Hohe Haus“ von Hintertux, so genannt als das höchstgelegene Haus des Dorfes, in seiner alten urwüchsigen Holz- Vgl. F. Kluge, Ethymologisches Wörterbuch, S. 712, Berlin u. Leipzig 1934. Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. 39 bauweise und Einrichtung. Daneben befindet sich unterhalb ein neuzeitiges Landhaus (Bild 13), das mit feuersicherem Eternit gedeckt ist und dessen Innenräume mit Sperrholzplatten ausgekleidet und mit einer elektrischen Anlage für Licht, Heizung und Kühlung versehen sind. Trotz seiner modernen feuersicheren Ausstattung paßt dieses neue zweiflügelige Landhaus ebensogut in seine Umwelt wie sein Vorbild, das alte Bauernhaus. Volkstechnik -- Ingenieur wesen. Im Gegensatz zu den instinktiven technischen Leistungen der Tierwelt, wie z. B. das Spinnengewebe, die Bienenwabe, das Vogelnest und die Kunstbauten des Bibers, besteht die menschliche Technik durch die zielbewußte schöpferische Bild 12. Altes Bauernhaus, genannt Bild 13. Neuzeitiges Landhaus in Hinter- ,,Hohes Haus", in Hintertux. tux in Tirol mit moderner Innenausstattung. Gestaltung zweckdienlicher Gebilde und Verfahren auf Grund vorgenommener Naturerkenntnisse. In diesen Wesenszügen gleichen sich auch die alte Volkstechnik und das Ingenieurwesen unserer Tage. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der deutschen Volkstechnik und der Ingenieurkunst besteht jedoch darin, daß die Volkstechnik die ihr von der Natur dargebotenen Werkstoffe und Energien tastend erprobt und gefühlsmäßig an wendet, wogegen die wissenschaftliche Technik auf der sicheren Grundlage der erst in den letzten Jahrhunderten erforschten Gesetze der Mechanik, Physik und Chemie aufgebaut ist und dadurch die Natur gegenwärtig in einem vordem ungeahnten Maße zu meistern vermag. Die Erfolge der neuzeitigen Kriegs- und Friedenstechnik auf allen Gebieten der Güterherstellung und des Verkehrs, sowie der Werkstoff- und Energiewirtschaft sind derart überwältigend, daß im Vergleich hierzu die Schöpfungen der alten Volks- und Handwerkstechnik den Augen der Mitwelt gering erscheinen. Dennoch kann die neue deutsche Technik aus den Fesseln einer auf bloßen Gelderwerb abzielenden Geistesrichtung nur dann befreit werden, wenn sie von der Reichsführung 40 Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. als mächtiger Kulturhebel eingesetzt und völlig in den Dienst des Volksganzen gestellt wird. Ein leuchtendes Beispiel bietet hierfür der Bau der doppelläufigen Reichsautobahnen, wobei nicht nur die letzten Errungenschaften der Straßenbautechnik Anwendung finden, sondern auch in jedem Reichsgau die äußere Gestaltung des Straßenbildes, die Begrünung des Mittelstreifens zwischen den beiden Straßenzügen, die Formender Rasthäuser, u. dgl., der jeweils volkstümlichen, bodenwüchsigen Bauweise angepaßt werden. So entsteht ein das ganze Reich durchziehendes, vielgestaltiges Straßennetz, das zugleich den Forderungen der modernen Ingenieurkunst wie auch der alten Volkstechnik entspricht und Aug und Herz erfreut. Dem Beispiel der Reichsautobahnen folgend hat das Reichsverkehrsministerium unlängst auch Richtlinien für die Landschaftsgestaltung an den Reichswasserstraßen erlassen, worin es u. a. heißt: „Der Fluß muß als natürliche Lebensader des Tales aufgefaßt werden. Sein Wasserkörper ist nicht nur fließende Welle, sondern Lebensraum einer reichgegliederten Pflanzen- und Tierwelt. Diese Naturverbundenheit fordert Rücksicht und Verständnis für das Wesen des Flusses und seiner Landschaft. Alle Maßnahmen haben sich jener Idee, die der landschaftlichen Gestaltung jeweils zugrunde liegt, unterzuordnen.“ Ferner heißt es, daß Dämme und Einschnitte mit den allgemeinen Landschaftsformen in Einklang stehen müssen und dabei die „Magie des Reißbrettes“ zu überwinden sei. Damit eine möglichst vollendete Lösung erreicht werde, schreiben die Richtlinien die Beteiligung von Landschaftsanwälten vor. Die Führung dieser Anwälte obliegt — ebenso wie bei den Reichsautobahnen — Alwin Seifert, dem Reichslandschaftsanwalt des Generalinspektors für das deutsche Straßenwesen, Reichsminister Dr.-Ing. F. Todt. Schließlich wird die Notwendigkeit kameradschaftlicher Zusammenarbeit des Wasserbauingenieurs und des Landschaftsanwaltes hervorgehoben, da die Arbeit beider dem gleichen Ziel, nämlich dem Gemeinwohl, dient. Diese Richtlinien gemahnen in ihrer Betonung der standesortsmäßigen Ausführung technischer Werke und der kameradschaftlichen Zusammenarbeit im Dienst der Volksgemeinschaft an das Wirken der alten Volkstechnik, welche die naturverbundenen Bauten der deutschen Frühzeit schuf und sie lassen die Wiederbelebung volkstechnischer Leitgedanken auf höherer und breiterer Grundlage unter autoritärer Führung erhoffen. Die Zusammenfassung der Ergebnisse obiger Darstellungen ergibt die folgende Klarlegung des Begriffes der volkskundlich und kulturgeschichtlich so bedeutsamen alten Volks- und Handwerkstechnik. Begriffsbestimmung der Volkstechnik. 1. Wie das Volkslied durch Wort und Weise und die Volkskunst durch Form und Farbe tiefes Volksempfinden offenbaren, ebenso läßt auch die Volkstechnik in ihrem Streben nach Ziel und Zweck jene schöpferische Gestaltungskraft erkennen, die dem deutschen Volke seit jeher als ahnendes Erwachen der Technik im Blute liegt. Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. 41 2. Der Erfahrungsschatz der Volkstechnik bildet eine Vorstufe der wissenschaftlichen Technik und ihre naturwüchsigen Werke enthalten vielfach die Keime zu Errungenschaften der neuzeitigen nationalen Wirtschafts- und Wehrtechnik. 3. Die Volkstechnik beruht weder auf wissenschaftlicher Forschung noch auf schulmäßiger Lehre; sie geht vielmehr unmittelbar aus dem Erfindertum des Volkes hervor. Die Volkstechnik umfaßt daher auch jene von Volksgenossen herstammenden Laienerfindungen, die erst nachträglich von Fachleuten technisch wissenschaftlich gestaltet und zweckdienlich ausgebildet werden. 4. Die Volkstechnik ist ortsgebunden und benützt bei ihren Bauten, Geräten, Triebwerken und Arbeitsweisen vorwiegend ortsübliche Werkstoffe und Behelfe. Urwüchsige Volkstechnik steht daher niemals zur umgebenden Natur im Widerspruch; deshalb vermag sie auch der wissenschaftlichen Technik als Vorbild naturverbundenen Schaffens zu dienen. 5. Die ältestes Vätererbe wahrende Volks- und Handwerkstechnik wird allenthalben durch die neuzeitige wissenschaftliche Ingenieurkunst ersetzt. In Gebirgstälern, auf dem flachen Lande und in solchen Gebieten, die noch am Althergebrachten hängen, lebt aber die eigen wüchsige Volkstechnik als Zeugin alten Werkfleißes heute noch fort. 6. Die Aufgaben der Volkstechnik und deren Lösungen sind zumeist auf begrenzte Verbreitungsgebiete beschränkt, so daß man aus der kartographischen Darstellung solcher Gebiete wichtige volkliche, Stammes- und siedlungsgeschichtliche Folgerungen zu ziehen vermag. 7. Die Volkstechnik steht durch ihre Einstellung zur nachbarlichen Hilfe und zum Dienst an der Gesamtheit dem nationalsozialistischen Gedankengut nahe. Sie umfaßt ein bedeutsames, bisher nur wenig bearbeitetes Feld der Volkskunde, dessen Erforschung und fachliche Würdigung der Technikgeschichte zukommt. Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn, die älteste deutsche Schienenstraße. Von Dr. Karl Feiler, Wien. (Nach dem amtlichen Quellenstoff.) Mit 9 Abbildungen. Am 12. April 1940 jährte sich zum hundertsten Male der Tag, an dem Franz Anton Ritter von Gerstner (Bild 2) im fernen Philadelphia (Nordamerika) sein arbeitsreiches kurzes Leben beschloß, das er ganz in den Dienst des eben im Ent- Bild 1. Franz Josef Ritter von Gerstner. (1756—1832) Der geistige Urheber des Schienenweges Linz—Budweis. Bild 2. Franz Anton Ritter von Gerstner. (1796—1840) Der erste deutsche Eisenbahningenieur und Wegbereiter für das Gebirgsbahnwesen. Bild 3. Matthias Ritter von Schönerer. (1807—1881) Der Vollender der ältesten deutschen Schienenstraße. stehen begriffenen Eisenbahnwesens gestellt hatte. Als „Bauführer“ der ersten großen Schienenstraße auf dem europäischen Festlande, die er zur Verbindung der schiffbaren Moldau mit der Donau von Budweis bis zum Scheitelpunkt des zwischen beiden Flußläufen gelagerten Gebirgszuges bei Kerschbaum in einer bereits für den Dampfbetrieb geeigneten Trassenführung noch vor Schaffung einer zugkräftigen und schnellfahrenden Lokomotive herstellte, war der ehemalige Professor am Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn. 43 neugegründeten Wiener Polytechnikum nicht allein der Wegbereiter für eine selbständige, deutsche Entwicklung des späteren Gebirgsbahnwesens, sondern zugleich auch der erste ausübende Eisenbahningenieur in deutschen Landen. Es blieb dem unentwegten Vorkämpfer für das neue Verkehrsmittel aber leider versagt, sein Lebenswerk zu vollenden, da die wachsende Überschreitung der vorgesehenen Baukosten ihn zum vorzeitigen Rücktritt veranlaßte. Sein ehemaliger Schüler am Wiener Polytechnikum, der später wegen seiner hervorragenden Verdienste um das heimische Eisenbahnwesen geadelte Matthias Schönerer (Bild 3), führte die Bahn nach Linz und in der Folge nach Gmunden fort, und zwar in einer einfacheren, der früheren geradezu entgegengesetzten Bauweise bloß für den Pferdebetrieb, die in einer wenngleich auch längeren, so doch auf hohe Dämme und tiefe Einschnitte verzichtenden Linienführung längs der Bergabhänge bei stärkerer Inanspruchnahme größerer Neigungen und schärferer Krümmungen beruhte und Gerstner nachträglich zu der bitteren Feststellung veranlaßte: „Es gibt wohl keine Bahn, weder in Europa noch in Amerika, wo die Grundsätze des Baus bei ihren zwei Hälften so sehr verschieden sind wie bei dieser“. 1 Den Anstoß zu Gerstners unvergeßlichem Wirken gab — wie so oft in der Geschichte — das glückliche Zusammentreffen günstiger äußerer Umstände. So lag einerseits ein schon Jahrhunderte altes Bestreben vor, die wegen der Überwindung des hohen Scheidegebirges schwierige Salzversorgung Böhmens aus dem nahen Salzkammergut durch Errichtung eines durchgehenden Schiffahrtsweges von der Donau zur Moldau und Elbe zu erleichtern, anderseits stand in der Person seines Vaters, des Professors am Prager Polytechnikum und Landes-Wasserbaudirektors Franz Josef Ritter von Gerstner (Bild 1) zur rechten Zeit der richtige Mann auf, der die Herstellung der von ihm aus wohlerwogenen wirtschaftlichen Gründen abgelehnten Wasser Verbindung noch in letzter Stunde zu verhindern wußte. In der entscheidenden Hauptversammlung der „Böhmisch-hydrotechnischen Privatgesellschaft“ vom 31. März 1808 empfahl der umsichtige Gelehrte an Stelle eines Kanales die Anlage einer wohlfeileren und viel leistungsfähigeren Pferdeeisenbahn, die sich damals als Vorläuferin des erst später aufgekommenen Dampfeisenbahn- wesens in einzelnen Gebieten des englischen Flachlandes mit starkem Ortsverkehr soeben auszubreiten begonnen hatte. In Verfolg des von ihm mit bewundernswertem Weitblick gefaßten Gedankens legte Franz Josef Gerstner sein Eisenbahnprojekt nachher auch in allen Einzelheiten fest und ebnete mit dieser schöpferischen Vorarbeit dem Sohn den Weg zur Inangriffnahme des großen Werkes. Doch hatte schon vor Beendigung dieser Vorarbeit die Staatsverwaltung eine Anregung der in Dresden zur Regelung des Flußverkehres zusammengetretenen 1 Zum Zeichen des unvergänglichen Wirkens Gerstners hatte der Herr Reichsverkehrsminister aus Anlaß des hundertjährigen Gedenktages die Veranstaltung einer Erinnerungsschau über die aus den hauptsächlichsten Schaffensgebieten Gerstners stammenden Gedenkstücke in dessen Geburtsort Prag und nachher auch in Berlin, Linz und Wien, sowie eine eingehende Darstellung der Bau-und Betriebsgeschichte der denkwürdigen Pferdeeisenbahn unter erstmaliger Zugrundelegung des in Wiener, Prager und Linzer Archiven vorhandenen einschlägigen Quellenstoffes in der vom Reichsverkehrsministerium herausgegebenen Zeitschrift „Deutsche Verkehrsgeschichte“, Band II, 1/2, angeordnet. 44 Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn. Schiffahrtskommission der Elbeuferstaaten, die Moldau und Donau durch eine Wasserstraße oder Eisenbahn zu verbinden, aufgegriffen. Von der Staatsverwaltung aufgefordert, die Pläne seines mit vielfältigen Amtsgeschäften bereits überbürdeten Vaters weiter zu verfolgen, unterzog sich Franz Anton Ritter von Gerstner (Bild 2), der als Professor der „praktischen Geometrie“ dank seiner gründlichen Fachkenntnisse und überragenden Fähigkeiten die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich gezogen hatte, der ihm gestellten Aufgabe mit jugendlichem Eifer. Ermutigt durch die aus unmittelbarer Anschauung gewonnenen Eindrücke von den Vorzügen des englischen Pferdeeisenbahnwesens nahm Franz Anton Ritter von Gerstner die notwendigen Höhenmessungen für eine dem alten Zuge des Salzverkehrs folgende und von den Salzlagerhäusern der Stadt Mauthausen nach Budweis führende Linie vor und richtete an Kaiser Franz I. ein Gesuch um die „ausschließende Concession“ zum Baue dieses Schienenweges, die ihm der Monarch in weitgehender Willfahrung der angesprochenen Berechtigungen und Begünstigungen mit dem Privileg vom 7. September 1824 erteilte. Von der Anschauung ausgehend, daß ein so bedeutendes Unternehmen „ganz neuer und unbekannter Art“ zu seinem Gelingen einen „vorhergehenden verbreiteten Ruf fordert“, unterließ es der vorsorgliche Privilegiumsinhaber nicht, den Nutzen des Pferdeeisenbahnwesens im allgemeinen und dessen Bedeutung und Einträglichkeit für den besonderen Fall in einer Denkschrift eingehend darzulegen; nebstbei verabsäumete der unermüdlich für sein großes Werk Schaffende nicht, die ihm durch seine Englandreise eindruckvollst bekannt gewordenen Vorteile des neuen Verkehrsmittels der erstaunten Öffentlichkeit auch augenfällig darzutun, indem er im Wiener Prater auf einer rund etwa 230 m langen naturgroßen Versuchsbahn mit durchgehend auf hölzernen Langschwellen genagelten Flachschienen zu je einem Drittel aus Holz, Guß- und Schmiedeeisen zwei von Pferden gezogene Wagen mit Holzrädern und schmiedeeiserner Bereifung Wochen hindurch fahren ließ. Die Flugschrift und Versuchsfahrten erregten größtes Aufsehen und führten umgehend zur Gründung der „k. k. priv. Ersten Eisenbahn-Gesellschaft“, die die veranschlagten Geldmittel sicherstellte und Gerstner als ihren „Bauführer“ in Dienst nahm (März 1825). Waren schon die vorbereitenden Maßnahmen zur Inangriffnahme des Bauwerkes vor allem wegen der beschränkten Verkehrsmöglichkeiten großen Schwierigkeiten begegnet, so stiegen diese geradezu ins Unermeßliche, als mit der Aufnahme der Grundeinlösung und der Vergebung der Arbeiten an ortsansässige Handwerker der Bau selbst einsetzte. Bei der Neuartigkeit des Unternehmens fehlte es sowohl an praktischen Erfahrungen im Eisenbahnbau, wie auch an geschulten Kräften und bewährten Baumitteln. Zu diesen Erschwernissen gesellte sich überdies die ab wartende, ja vielfach sogar ablehnende Haltung der weitgehend in ihren Lebensgewohnheiten getroffenen Anwohner, die entweder in der ungestörten Benützung ihrer Grundstücke sich behindert fühlten oder ihre altererbten Verdienstquellen aus dem Salzverkehr auf der Straße bedroht sahen und aus ihrer feindseligen Einstellung kein Hehl machten. Trotz aller sich gegen ihn auftürmenden Schwierigkeiten gelang es der außergewöhnlichen Tatkraft Gerstners, den zwischen Budweis und dem Scheidungspunkt bei Kerschbaum in Angriff genommenen Bau rasch in Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn. 45 Gang zu bringen. Hierbei sah der umsichtige Bauführer von einer Anwendung der sogenannten „schiefen Flächen“ ab, deren sich die englischen Ingenieure vereinzelter, versuchsweise schon für den Dampfbetrieb eingerichteter Eisenbahnen bedienten. Auf diesen, die sonst waagrechte Linienführung unterbrechenden Steigungen wurde die Zuglast mittels ortsfester Dampfmaschinen mit Seilantrieb emporgezogen. Es ist nun außerordentlich wichtig, festzuhalten, daß Franz Anton Ritter von Gerstner die in England vorgefaßte und sonst allgemein übernommene, jedoch durch nichts begründete Anschauung von der Unzulänglichkeit der Reibungskraft der Lokomotive auf Steigungen und die hieraus abgeleitete irrige Vorstellung von der Unersetzlichkeit der schiefen Flächen auf Neigungen von mehr als 5°/ 00 LS /tf/'///t/// LS/<>// . % r/s/ö» • St/rfc/rt/rt-r C'/tru/tiA, t ?///’ /"/f/ ///u/t ( SA/A LS//. ,/r//Z r//m Bild 4. Querschnitt eines Eisenbahndammes mit voller „Gleismauer. als Einzelgänger von vornherein verwarf, von der richtigen, übrigens mit seinem Vater geteilten Erkenntnis ausgehend, daß die Eisenbahn — wie er nachher zu seiner Rechtfertigung hervorhob — „sowohl in den Hauptgrundsätzen ihrer Anlage als auch in ihrem Zwecke nur eine sehr gute Kunststraße sei“ und daher keine Unterbrechungen durch schiefe Flächen erfahren dürfe. Ohne Rücksicht auf die engstirnige Haltung der ausländischen Fachleute legte er die Trasse zu dem von Budweis 64,5 km entfernten und 328 m höheren Scheitelpunkt in nahezu ununterbrochenen Steigungen bis 8,3°/ 00 an, die nach seiner Meinung auch für den Lokomotivbetrieb geeignet waren. Mit dieser einzigartigen Tat hat Franz Anton Ritter von Gerstner eine von den englischen Anschauungen losgelöste, selbständige Entwicklung des Gebirgsbahnwesens eingeleitet, die dann zwei Jahrzehnte später ein anderer deutscher Ingenieur, Dr. Carl Ritter von Ghega, durch die denkwürdige Anlage der Semmeringbahn für den Dampfbetrieb mit Steigungen sogar bis zum dreifachen Ausmaß erfolgreich verwirklicht hat. Zur Feststellung, ob der im Privileg aufgelegten Verpflichtung zur Herstellung wenigstens einer Meile (7,58 km) innerhalb der vorgesehenen Jahresfrist Genüge 46 Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn. geleistet worden sei, ließ die Staatsverwaltung im Oktober 1825 die erforderlichen Erhebungen durch eine Amtsabordnung an Ort und Stelle durchführen. Um diese Zeit waren die „Erdarbeiten und Durchlässe“ bereits für eine nahezu 12 km lange Strecke vollendet. Hierbei hatte es der Bauleiter für angezeigt befunden, das englische Verfahren von der Art, „daß alle Dämme von bloßer Erde oder von Schotter hergestellt und hierauf die Bahn gelegt wird“, durch Anwendung einer neuen, „für die Solidität des Baus sowie für das Interesse der Gesellschaft“ zuträglicheren Bauart zu verbessern, zumal als hierdurch nach seiner Meinung „auch dem Faulen des Holzes der Bahn“ vorgebeugt werden konnte. Sein in bester Absicht gefaßter, jedoch folgenschwerer Entschluß gipfelte in der Errichtung von zwei nebeneinander laufenden, in den Eisenbahndamm bis zum gewachsenen Boden eingesenkten „Gleismäuern“, auf denen die mit den eisernen Flachschienen benagelten und in Abständen von je einer Klafter (1,89 m) mit Querschwellen verbundenen „Gleisbäume“ verlegt waren. Um die Zweckmäßigkeit seines „merkwürdigen“ Baues „selbst sprechen zu lassen“, ließ Franz Anton Ritter von Gerstner vor der Amtsabordnung 25 vollbeladene, zweirädrige Schotterwagen „in Verbindung setzen“. Es zeigte sich, daß die Zugkraft eines Pferdes ausreichte, um die ganze Last von über 21 Tonnen „abwärts zuerst in einer geraden Linie, dann in der größten Krümmung ohne alle Anstrengung“ fortzuführen; außerdem war dasselbe Pferd imstande, ein durch Abhängen von 10 Wagen auf annähernd 13 Tonnen verringertes Zuggewicht auch auf der Steigung ohne bedeutende Anstrengung zu ziehen, ein durchaus ermutigender Erfolg, den er noch steigern zu können hoffte, „wenn in der Folge das Gewicht der Wägen gegen die Beladung vermindert und erstere dem Zwecke der Bahn ganz entsprechend eingerichtet werden“. Um der Eisenbahngesellschaft noch „mehr Gewißheit und Beruhigung“ zu bieten, hatte Franz Anton Ritter von Gerstner nicht verabsäumt, über seine Baugrundsätze ein Gutachten des Hofbaurates in Wien einzuholen. Von verhängnisvoller Bedeutung war es nun, daß der Leiter des Überprüfungsausschusses in der nicht ganz unberechtigten Besorgnis, daß die zur Stützung der Schienenstränge in den Bahnkörper eingesenkten, nebeneinander lauf enden „Gleismäuern“ nur unzureichende Standfestigkeit besäßen, dem Unternehmen die Herstellung einer einzigen, zwischenraumfreien Strebemauer auf drängte (Bild 4). Denn die kostspielige Herstellung dieser stellenweise bis zu 20 m hohen Dammauer sowie das stete starke Anziehen aller Preise und Löhne erschöpften die vorhandenen Geldmittel vorzeitig. Seine Bemühungen, die zusehends sich verschlechternden Verhältnisse der Gesellschaft durch Erreichung wertvoller Zugeständnisse der Staatsverwaltung, ja sogar durch ein persönlich dargebrachtes Opfer, das seinen lauteren, aufrechten Wesenszug im besten Lichte zeigt, nämlich durch Verpfändung der ihm vertraglich zugesicherten Anteilscheine im Gesamtwerte von 100.000 Gulden (180.000 RM), wieder zu verbessern, zeitigten nur einen vorübergehenden Erfolg. Die ängstlich gewordenen Geldgeber fanden nicht den Mut, ihrem Bauführer auch in mißlichen Lagen die Treue zu halten. Im Gegenteil, sie zogen die Veräußerung der Bahnanlagen und die Auflösung der Gesellschaft ernstlich in Erwägung. Wohl stellte ein Mitglied der Gesellschaft Gerstner den Antrag, die Bahn um einen lächerlichen Bruchteil ihres Wertes zu übernehmen und dann mit ihm weiter zu bauen. Und Geschichtliches über die Linz -Budweiser Pferdebahn. 47 wieder offenbart sich hier die biedere Denkungsart Gerstners in der empörten Zurückweisung dieses Vorschlages, der — wie er in einem eigenhändigen Schreiben an die Staatsverwaltung klagt — ,,im Ausführungsfalle nebst beträchtlicher Geldverluste für die Aktionäre noch den weiteren Nachtheil hätte, daß jede Industrialunternehmung dieser Art während vieler, vieler Jahre in der ganzen Monarchie gehemmt würde“. Gebrochen an Leib und Seele trat Gerstner kurz nach der Bauinangriffnahme der Südrampe bis Lest von seiner Stellung zurück, in einer ausführlichen Denkschrift sein Werk noch ein letztes Mal rechtfertigend (Februar 1829). Nach dem Ausscheiden von Franz Anton Ritter von Gerstner aus dem Dienste der Ersten Eisenbahn-Gesellschaft entschloß sich das Unternehmen ungeachtet seiner bedrängten Lage zur vollständigen Herstellung des Schienenweges und bestellte Matthias Schönerer (Bild 3) zum Bauleiter, der die Bahn infolge der durch die Freigabe des Salzhandels seitens der Staatsverwaltung inzwischen eingetretenen geänderten Verhältnisse anstatt nach Mauthausen nach Linz fortführte und auf Grund eines am 18. Juni 1832 erteilten Privilegs bis Gmunden verlängerte. Die Gesellschaft hätte unter den gegebenen Verhältnissen keine bessere Wahl treffen können, denn begabt mit einem scharfen Blick für die Wirklichkeiten und Bedürfnisse des Lebens, erkannte der kaum dem Jünglingsalter Entwachsene, was not tat, um das Unternehmen vor weiteren Nachteilen zu bewahren. Geleitet von dem Streben, die Bahn bei Vermeidung jeder unnützen Auslage in dem „kürzest möglichen Zeitraum“ zu vollenden, richtete er seine Anstrengungen darauf, das gesteckte Ziel mit allen Mitteln und unter allen Umständen zu erreichen. Dies bedingte allerdings ein weitgehendes Abweichen von den Baugrundsätzen, die Gerstner vordem zum Zwecke einer besseren Ausnützung der tierischen Zugkraft aufgestellt und mit Rücksicht auf die später beabsichtigte Einführung des Dampfbetriebes auch beibehalten hatte. Schönerers Hauptsorge galt einer durchgreifenden Vereinfachung der NeigungsVerhältnisse durch Änderung der Linienführung. Er entschied sich, künftighin größere Steigungen bis zu 21,8°/ 00 und kleinere Krümmungen bis zu 38 m, im Stadtbereich von Linz sogar 17 m Halbmesser anzuwenden und die Abstiegslinie zur Donau durch Einschaltung von Gegensteigungen möglichst dem Gelände anzupassen. Die daraufhin eingetretene „große Ersparung in den Baukosten der Bahn auf weniger als die Hälfte des früheren Durchschnittspreises konnte demnach mit Recht „ganz besonders der Benützung dieser Grundsätze zugeschrieben werden.“ Die Benützung dieser Grundsätze durfte aber der neue Bauführer trotz des bei den englischen vierrädrigen Eisenbahnwagen in scharfen Krümmungen merkbar aufgetretenen großen Reibungswiderstandes und der hierdurch, bedingten rascheren Abnützung der Fahrbahn und Räder guten Mutes wagen, da seine erprobten zweirädrigen Karren dank ihrer einfachen Bauweise alle Widerstände leichter überwanden und „noch so manche andere Vortheile“ brachten (Bild 5). Eine weitere „ebenso folgenschwere“ Änderung verfügte Matt hia s Schönerer in bezug auf die Ausführung des Bahnkörpers, der bloß von „Erde oder Schotter, wie bey jedem Straßenbau“ hergestellt wurde. Der Verzicht auf die ohne weiteres 48 Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn. entbehrlichen Gleismauern schaffte nicht nur bei der Gewinnung und der durch den Mangel an Fuhrleuten erschwerten Zufuhr des Baustoffes eine fühlbare Erleichterung, sondern wirkte sich auch „wohltätig auf die Zeit und Kosten des Baues“ aus. Außerdem sorgte der neue Bauführer durch Vereinfachungen in der Einzelausbildung der Erdbauten beiderseits der stellenweise bis zu 9 m hohen Einschnitte und der Dämme für „nicht unbedeutende“ Verminderungen an der Grundeinlösungsfläche und am räumlichen Inhalte der Anschüttungen, von der Anschauung aus- ipQ tos öder cfem Meeressp/eye/ Bild 5. Längenprofil der Strecke Budweis—Linz. Dieses Längenprofil zeigt die grundsätzliche Verschiedenartigkeit der Bauweise Gerstners und Schöner er s auf; während Gerstner zwischen Budweis und Lest die Trasse ..fortwährend steigend oder horizontal“ führte, schaltete Schönerer in kostensparender Vereinfachung der Linienführung zwischen Lest und Urfahr Gegensteigungen ein. (Aus der Abhandlung ,,Die Holz- und Eisenbahn Budweis — Linz, das erste Werk deutscher Eisenbahnbaukunst“ von Ing. Bruno Enderes.) gehend, daß „bey vorkommender, wiewohl unwahrscheinlicher Notwendigkeit noch immer Zeit genug erübriget, die eine oder andere Abgrabung zu erweitern, was überdies auch schon durch die Conservation der Bahn, wiewohl im geringen Maße eintreten wird“. Wenngleich Matthias Schönerer bei den Erdarbeiten alles Überflüssige zu vermeiden suchte, war er doch andererseits bemüht, nichts zu unterlassen, was die Dauerhaftigkeit der Bauten erhöhen konnte. Um das auf dem „Treppelweg für das Zugtier“ zwischen den „Geleisebäumen“ sich ansammelnde Begenwasser besser zum Versickern zu bringen, verfiel er auf den Gedanken, die „Holzbahn ihrer ganzen Höhe und Breite nach“ auf eine 1 Klafter (1,896 m) breite und „im Mittel 21 Zoll (552 mm) hohe trockene Steinmauer durch die ganze Länge der Trace“ zu verlegen. Ebenso widmete der Nachfolger Gerstners der Herstellung des Mauerwerkes der Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn. 49 Brücken und Durchlässe größte Aufmerksamkeit und erlebte die Genugtung, daß seine Bahnanlagen den darauffolgenden, ungewöhnlich strengen Winter ohne den geringsten Schaden überstanden und die „Zweckmäßigkeit, Vollkommenheit und Reinheit der Ausführung“ nachher „von jedem Sachverständigen, der diesen Bahn- theil bereiste, zuerkannt wurde“. Die ersten Güter (Bild 6), „bestunden in Salz, Gyps, Stahl, Mehl, Bauholz, Ziegeln und Steine zusammen 9663 Zentner (541,1 Tonnen)“, hatte bereits Franz Anton Ritter von Gerstner auf einer bis dahin fertiggestellten Bahnlänge von /er C^wn/if/n pn .TTffFBfll mmmm MiZ. Bild 6. Salztransport auf der Holz- und Eisenbahn. Die zeitgenössische Darstellung zeigt die überlegene Leistungsfiihigkeit der Bahn gegenüber dem Straßenfuhrwerk 7 Meilen (53,09 km) „zum höchsten Erstaunen der ganzen Gegend“ verfrachtet. Diese Beförderung erfolgte allerdings nicht in regelmäßigen Fahrten nach einem festgelegten Fahrplan, sondern fallweise über besondere Anordnung des Bauführers, der hauptsächlich die Sonntage hierzu verwendete, um die beim Bahnbau beschäftigten Kutscher, Pferde und Wagen ausnützen zu können. Nach dem Rücktritte Franz Anton Ritter von Gerstners von der Bauleitung war es so weit, daß die Beförderung des von Linz oder Mauthausen „in das Magazin auf dem Scheidungspunkte (Kerschbaum) durch Chaussee-Fuhrleute zugeführten Ärarialsalzes und der übrigen Güter“ im vollen Umfange aufgenommen und „ununterbrochen, selbst bey der heuer so oftmahls Statt gehabten üblen Witterung, im gleichen Gange fortgesetzt“ werden konnte (April 1829). Die Verkehrsabwicklung geschah „in verpachteten Fuhren“ nach den von Gerstner bereits vorgesehenen Grundsätzen, die die Anlage von Stallungen zur Unterbringung der innerhalb jeden Abschnittes ständig benötigten Pferde in den einzelnen, voneinander annähernd gleich weit Technikgeschichte, 8. Heft. 4 Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn. ö<) entfernten „Stationsorten“ (Budweis, Holkau, Angern, Kerschbaum, Lest und hernach Oberndorf, Linz/Urfahr) notwendig machten. Nach Inbetriebnahme des ganzen Schienenweges bis Linz am 1. August 1832 setzte alsbald auch die Personenbeförderung ein, zu deren Abwicklung das Unternehmen den Pächtern des Bespannungsdienstes ursprünglich eine zusätzliche ,,freye Benützung von Gesellschaftswagen oder Salzwagen zu Spazierfahrten (Bild 7 und 8) auf der Eisenbahn zwischen Urfahr—Linz, St. Magdalena und Oberndorf während des Frühjahres, Sommers und Herbstes“ zugestanden hatte. Auf Wunsch des „Publicums“ wurde tk s-"SSr~ %:$gv Bild 7. Feierliche Eröffnung der Holz- und Eisenbahn Linz-Budweis. Ankunft des österreichischen Herrscherpaares in St. Magdalena anläßlich der Befahrung der Strecke Linz—Auhof am 21. Juli 1832. (Nach einer zeitgenössischen Lithographie.) der Heiseverkehr kurz darauf bis Budweis ausgedehnt und die zunächst nur fallweise veranstalteten ,,Eilfährten“ wurden bald zu einer Dauereinrichtung; am l. Mai 1836 nahm die Gesellschaft den Gesamtverkehr auch auf der Gmundner- strecke auf. Der „Transport“ umfaßte sowohl im Güterdienst wie nach der stärkeren Zunahme des Reise Verkehres später auch bei der Personenbeförderung die Gesamtzahl der zu einer Fahrt jeweils benötigten Wagen und war anfänglich auf der Linie Linz—Budweis so eingerichtet, daß von Linz aus täglich 32 Wagen mit einer „Totalladung von 1100—1120 Zentner (62—63 Tonnen)“ in einander in Abständen bis zu höchstens 150 Meter folgenden „Bezügen“ zu den von der Gesellschaft festgesetzten Zeiten gefahren wurden, wobei jedoch der Pächter von jeder Veränderung in der Wagengestellung ein Monat vorher verständigt werden mußte. In der Verkehrsabwicklung traten auch späterhin keine wesentlichen Änderungen mehr ein. Mit Ausnahme der Wintermonate (Oktober—März), in denen die „Per- Geschichtliches über die Linz -Budweiser Pferdebahn. öl sonen-Bewegungen“ ruhten, fand auf der nördlichen Strecke in jeder Richtung täglich eine „Personenfahrt“ mit der Abfahrt um 5 Uhr früh und der Ankunft um 7 Uhr abends in den Endstationen bei einstündigem Mittagsaufenthalt in Kersch - bäum statt, wozu noch ein Frühzug von Lest nach Linz und ein Nachmittagszug zurück nach Lest kam. Zwischen Linz und dem etwa in 5 1 J 2 Stunden erreichbaren Gmunden verkehrten nach beiden Richtungen am frühen Morgen und Nachmittag je ein „Transport“, der wegen des großen Andranges von Reisenden auf der Strecke Linz-Lambach durch Beigabe von zusätzlichen „Bezügen“ entsprechend verstärkt Bild 8. „Spazierfahrt" mil dem „Eisenbahn-Stellwagen." Im Hintergrund die Stadt Linz. (Nach einer zeitgenössischen Darstellung.) Ess® SffL MäkS, >' ■ v*#' < wurde; der Nahverkehr erfuhr eine Ergänzung durch zwei weitere Zugspaare in den Vormittag- und Abendstunden. Die Beförderung der Reisenden erfolgte in der Regel in „Eisenbahn-Stell wagen“, die bis zu 24 Personen faßten; doch konnten zahlkräftige Fahrgäste auch die behaglicheren, 6 bis 8 Sitzplätze aufweisenden „Separatwagen“ (Bild 9) der Gesellschaft, ja sogar die eigenen Kutschen in Anspruch nehmen, die auf besonders gebauten „Brückenwagen“, auch „Reisewagen“ genannt (Rollschemel), verladen wurden. Die „Separatfahrten“ durften grundsätzlich nur im Anschluß an die fahrplanmäßigen Stellwagenfahrten unternommen werden, um den im Vorrang stehenden Güterverkehr nicht zu behindern. Mit dem regelmäßigen „Transport“ standen die „Landkutscher- und Stellwagenfahrten“ zwischen Budweis und Prag, Lest und Freistadt, von Lambach nach Salzburg und Ried sowie die Dampfschiffe auf der Donau und dem Gmundner See in Verbindung. 52 Geschichtliches über die Linz— Budweiser Pferdebahn. In fahrplanmäßig abgewickelten Transporten vollzog sich auch die Güter- befördernng, wobei die Zugtiere die Hin- und Rückfahrt über eine ganze „Station“ (die Strecke zwischen zwei „Stationsorten“, durchschnittlich etwa 23 km lang) täglich einmal, in Strecken mit „Mittelstationen“ nur bis zu diesen, dafür jedoch zweimal machten, so daß die Tagesleistung in beiden Fällen nahezu die gleiche war (rund 45 km). Die je nach den Steigungsverhältnissen und der Zuglast stellenweise verschiedenartig zusammengesetzten „Bezüge“ des auf beiden Linien täglich einmal in jeder Richtung verkehrenden Gütertransportes benötigten von Gmunden bis zur Landeshauptstadt einundeinhalb Tage und von dort nach Budweis weitere drei Tage; zwischen Linz und Kerschbaum mußte der Transport indessen wegen der durch Schönebers Linienführung bedingten ungünstigen Neigungsverhältnisse, die stellenweise eine jeweils der tierischen Zugleistung angepaßte Veränderung in der Zusammensetzung der „Bezüge“ notwendig machte, in zwei, zeitlich etwa acht Stunden aufeinanderfolgenden Gruppen geführt werden. Dank dieser wohlgeordneten Regelung und der auf dem Schienenwege möglichen größeren Zugleistung des Pferdes waren die Betriebserfolge durchaus ansehnlich. Der Personenverkehr, der bei den anfänglichen „Spazierfahrten“ nach St. Magdalena und den später eingeführten „Eilfährten“ nach Budweis die Zahl von 2379 Reisenden als günstigsten Erfolg ergeben hatte, schnellte nach Aufnahme der regelmäßigen Beförderung und deren Ausdehnung zunächst bis Lambach jählings auf 47.045 (1835) und nach Einbeziehung Gmundens in den Fahrdienst auf 78.727 Fahrgäste, um sich schon in wenigen Jahren darauf ständig über einer mehr als doppelt so großen Ziffer zu halten; ebenso vervielfachte sich auch das Ausmaß der jährlich verfrachteten Gütermengen, die bei Eröffnung der Budweiser Strecke bloß 24.596 Tonnen — davon nahezu zwei Drittel Salz — betrugen, nach Inbetriebnahme der verkehrsreicheren und betriebstechnisch viel günstigeren Linie Linz—Gmunden aber rasch auf das Vier- und Fünffache anstieg. Die besten Leistungen wies die Pferdebahn im Jahre 1852 auf mit 188.211 Personen und 125.555 Tonnen Frachtgütern; der Jahresertrag der Anteilscheine war ursprünglich mit 1% recht dürftig, erhöhte sich aber schließlich bis auf über 7%, ohne indessen die von Franz Ritter von Gerstner erhoffte Ziffer von 10% jemals zu erreichen. Wie groß auch die Leistungsfähigkeit des Budweis—Gmundner Schienenweges im Vergleich zu dem gewöhnlichen Straßenverkehr gewesen sein mochte, seine beherrschende Stellung im uralten Durchzugsverkehr zwischen Donau und Moldau war von dem Zeitpunkt an erschüttert, als das in jeder Hinsicht viel vollkommenere und leistungsfähigere Dampfeisenbahnwesen auf den Plan trat und sich in unaufhaltsamem Vorwärtsdrange anschickte, das von der Pferdebahn durchzogene Gebiet in gesteigertem Maße und erweitertem Umkreise zu erschließen. Der Entschluß der Staatsverwaltung, die Hauptstadt Wien durch eine westlich gerichtete Eisenbahnhauptlinie mit Bayern zu verbinden, rückte eine Verletzung der vom Kaiser verliehenen beiden Privilegien, die ausdrücklich bei Androhung einer hohen Geldstrafe bestimmten, daß sich jedermann enthalten sollte, „eine dergleichen Holz- und Eisenbahn“ zwischen der Donau und der Moldau, bzw. zwischen der Donau und dem Gmundner See zu errichten, in bedrohliche Nähe. Die Staatsverwaltung sah sich daher veranlaßt, den Konzessionswerbern für die geplante Geschichtliches über die Linz- -Budweiser Pferdebahn. 53 Linie nach Salzburg die Einlösung der Ersten Eisenbahn Gesellschaft und den Umbau der Budweiser Strecke „in eine förmliche Lokomotivbahn“ vorzuschreiben (1856). In Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen erwarb die nachher gegründete Kaiserin Elisabeth-Bahn die schmalspurigen (1,109 m) Strecken der Pferdebahn und ersetzte die nördliche durch eine neue vollspurige Linie; die alte Trasse Linz—Lambach hingegen war nach Eröffnung der gleichgerichteten Hauptbahn sofort aufgelassen, die Reststrecke Lambach—Gmunden für den Dampfbetrieb eingerichtet und um die Jahrhundertwende auf Vollspur umgebaut worden. Bild 9. „Separafwagen Hannibal". Dieser Wagen wurde in den letzten Betriebsjdhren der Holz- und Eisenbahn als Persomnwagen II. Klasse verwendet. Kaum sieben Jahrzehnte sind seit dem Tage verflossen, da ein „Transport“ auf der alten Linz—Budweiser Pferdeeisenbahn das letzte Mal eine Personenbeförderung zwischen Linz und Lest zum Anschluß an die kurz vorher eröffnete Flügelbahn St. Valentin—Budweis vermittelte (15. Dezember 1872). Eine kurze Spanne Zeit, innerhalb der jedoch der rastlos vorwärtsstürmende menschliche Geist im jähen Aufstieg die technischen Verkehrsmittel zu schwindelnder Höhe fortentwickelte, so daß im Strome der überwältigenden Geschehnisse die einst aufsehenerregenden verdienstvollen Taten der Männer um die älteste deutsche Eisenbahn sich zu verlieren scheinen und dem rückschauenden Blicke zu entschwinden drohen. Nicht viel anderes blieb von dieser so einzigartigen Überlandbahn mit Pferdebetrieb zurück als einige Dammstrecken mit ihren bis auf den gewachsenen Boden eingesenkten „Gleismäuern“, Einschnitte, Mauerreste von Brücken, Durchlässen und an Stellen, woselbst sich die grasüberwucherte Trasse gut erhalten und dem Auge leicht erkennbar zeigt, heben sich mitunter sogar noch die Spuren der quer gelegenen „Polsterhölzer“ des GERSTNERschen Oberbaus deutlich ab. Die noch vorhandenen Hochbauten dienen schon längst anderen Zwecken, von den 98 Personenwagen und 1111 Fahrbetriebsmitteln für den Gepäcks- und Güterdienst bestehen bloß 54 Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn. der im Jahre 1841 in Urfahr gebaute „Separatwagen“ namens „Hannibal“ (Bild 9) sowie ein wiederhergestellter „Inspektionswagen“, die beide nebst sonstigen Erinnerungsstücken im Wiener Eisenbahnmuseum zur Schau gestellt sind. Das schöpferische Wirken Franz Josef Ritter von Gerstners, der vergebliche Kampf des Sohnes um die Verwirklichung seines der Zeit zu weit vorausgeeilten Gedankenfluges, das entschlossene, den Umständen Rechnung tragende Handeln des anpassungsfähigeren Matthias Schönerer, die jeweils schwankende Einstellung der Mitmenschen zu ihrem Schaffen, ihren Erfolgen und Irrtümern gestalten aber die in den einschlägigen Archiven von Wien, Prag und Linz zum Glück reichlich vorhandenen Schriftdenkmale zu einem geschlossenen einheitlichen Bild, das die zeitlich so kurz zurückhegenden und doch noch so rückständigen Einrichtungen bei Anbruch des technischen Verkehrszeitalters lebensvoll vergegenwärtigt und dem durch den kulturellen Fortschritt so begünstigsten Menschen von heute die ehemaligen Mängel und Nöte eindringlich vor Augen führt. Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. Aus dem Nachlaß von Dipl.-lng. Dr. techn. Oswald Dirmoser f. Mit 27 Abbildungen. Die Entstehung des ersten Geschützrohres wird sich wohl niemals mehr mit Sicherheit feststellen lassen. Es ist historisch nur erwiesen, daß das Schießpulver in Europa zum erstenmal anfangs des 13. Jahrhunderts zur Anwendung kam. Bild 1. Kaiser Maximilian I. als Schöpfer des regulären deutschen Heerwesens. m. " J i*’ j ^ssL'SSr ^ ± t ■sar»-, Oie Kurve des langen Entwicklungsganges des Geschützbaus verläuft für mehr als fünf Jahrhunderte nahezu parallel zur Grundlinie und erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Zeitalter von Stahl und Eisen, beginnt ein allerdings rascher Anstieg, der durch den Weltkrieg und im Rüstungsfieber der Nachkriegszeit neuen Auftrieb erhielt. In der Entwicklung des Geschützwesens sind somit zwei scharf voneinander getrennte Perioden zu unterscheiden. Oie erste, über 500 Jahre währende, wird durch das glatte Vorderladegeschütz aus Gußeisen oder Bronze und durch Kugel- 56 Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. geschosse beherrscht, die zweite, etwa 100 Jahre alte, durch den gezogenen Hinterlader und Stahl als Rohrmaterial und durch Langgeschosse gekennzeichnet, wenn sich daneben auch die Bronze noch bis in den Weltkrieg hinein behauptet hat. Denn das erste Gußstahlgeschützrohr, dieser Vorläufer der Riesengeschütze der Gegenwart, wurde im Jahre 1847 von Alfred Krupp fertiggestellt. Über die erste Entwicklungsperiode kann trotz ihrer langen Dauer rasch hinweggegangen werden. Es wäre aber ein Zeichen von Selbstüberhebung, wenn wir die Leistungen der Vorgänger gering einschätzen wollten. Denn auf keinem Gebiete der Technik war der Weg des Fortschrittes mit so vielen Opfern an Menschenleben verbunden — ganz abgesehen natürlich von den Kriegsopfern — und mit so großem materiellen Aufwand verknüpft, vie gerade im Geschütz wesen. Gefährliche Arbeiten und schwerste Aufwendungen unserer Vorfahren waren notwendig, um die Grundlagen für die Weiterentwicklung der Artillerie in der zweiten Epoche zu schaffen. tfmrxBvx rvBo mm Bild 2. Hinterladekanone aus 1556. Zur Zeit des Aufkommens der ersten Feuerwaffen wurde die Geschütz- und Pulvererzeugung nur von wenigen ausgeübt, die sich nach dem Brauche der damaligen Zeit zu einer Gilde zusammenschlossen und ihre Kunst, wozu auch die Bedienung und Handhabung der Geschütze gehörte, nach Bedarf vermieteten. Regierende Fürsten und das Bürgertum der Städte, die gar bald die große Bedeutung dieser neuartigen Schießgeräte für ihre Zwecke erkannten, nahmen solche Zünftler ständig in ihre Dienste. Erst die Kriege an der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert zeitigten das Bedürfnis, das Geschützwesen von einer ihre Kunst frei ausübenden Gilde zu trennen und* zu einem wesentlichen Bestandteil des Heeres zu machen. Dazu war aber eine gewisse Einheitlichkeit in Werkstoff und Bauart der einzelnen Geschützgattungen erforderlich; denn bisher erzeugte jeder Büchsenmeister und jede Stadt die Geschütze nach eigenem Gutdünken, weshalb jedes Stück durch seinen Erzeuger individuell behandelt und bedient werden mußte. Kaiser Maximilian I., der Schöpfer des regulären deutschen Heerwesens (Bild 1), griff in dieser Hinsicht ein und ordnete an, daß die Artillerie der Städte und Länder die von ihm für die Geschützerzeugung aufgestellten Normen zu befolgen habe. Durch diese technische Maßnahme war die Grundlage für die Möglichkeit einer Organisation im Geschütz wesen geschaffen. — Das Bild 2 zeigt eine Hinterladekanone aus 1556 mit einem Keilverschluß, der aus der Neben Zeichnung ersichtlich ist. Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. 57 An den Geschützen selbst änderte sich indes bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts nur wenig. Erst unter Maria Theresia erstand der Artillerie wieder ein Führer, Josef Wenzel Fürst zu Liechtenstein (Bild 3), der als Generalartillerie-Direktor an die Spitze der Artillerie gestellt wurde und der in einer Selbstlosigkeit ohnegleichen im Verlaufe von 10 Jahren nicht weniger als 35 Millionen Mark nach heutiger Währung aus seinem Privatvermögen dem Ausbau der kaiserlichen Artillerie widmete. Die aufgewendeten Summen wurden zunächst zur Durchführung eingehender, oft sehr kostspieliger Versuche verwendet. Die Geschütze sollten einfacher, leichter und dennoch leistungsfähiger gemacht werden. Liechtenstein richtete staatliche Gießereien ein und verbesserte die bereits bestehenden Geschützgießereien durch die Einführung zeitgemäßer Arbeitsbehelfe. Die besseren Guß- und Bohrmethoden steigerten die Güte der Geschützrohre erheblich, ermöglichten eine Herabsetzung des Spielraumes zwischen Geschoß und Bohrung und gestatteten durch entsprechende Vergrößerung des Laderaumes die Verwendung stärkerer Pulverladungen und in Verbindung damit eine erhöhte Feuerwirkung bei genauerem Schießen. — Ebenso wurde die Pulvererzeugung und damit das Pulver verbessert, eine leichtere Wandlafette eingeführt, ein Geschützaufsatz und ein Geschütz quadrant konstruiert und ein einfaches, doch dabei genaues Richten durch eine Richtmaschine ermöglicht. Dadurch konnten schon in den Jahren 1753 bis 1755 jene Geschütze eingeführt werden, welche dem Fürsten bei Übernahme der Leitung der österreichischen Artillerie vorgeschwebt hatten. Die schweren, spröden, gußeisernen Geschütze von früher wurden aus der Feldausrüstung ganz ausgeschieden. Die Liechtenstein- schen Geschütze (Bild 4 a und b) weisen schon Kaliber auf, die mit geringen Abänderungen auch heute noch durch moderne Geschütztypen vertreten sind. Die LiECHTENSTEiNschen Geschütztypen, deren Schöpfer im Jahre 1772 starb, wurden somit über 100 Jahre lang angewendet, woraus sich von selbst ergibt, daß einschneidende Fortschritte während dieses Zeitraumes nicht erfolgten. Mit diesen glatten Vorderladern, Kugelgeschossen und Schwarzpulverpatronen endete die erste Bild 3. Wenzel Fürst zu Liechtenstein (1696—1 772). öS Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. Entwicklungsperiode im Geschütz wesen. — In der Mitte des* 19. Jahrhunderts machte sich fast überall das Bedürfnis nach weitertragenden und genauer schießenden Geschützen geltend, als es solche mit glatten Rohren sein konnten. Auch ließ die zu jener Zeit erfolgte Entdeckung der Schießbaumwolle vermuten, daß neue Bild 4 a. Liechtensteingeschütz. Treibmittel eine bessere Ausnützung der Triebkraft und neue Sprengstoffe eine größere Sprengwirkung ergeben würden als das Schwarzpulver. Diesen Strömungen . Rechnung tragend, legte der mit der Führung der Geschäfte des Generalartillerie - Direktors betraute Feldzeugmeister Vinzenz Freiherr von Augustin einen Organisationsplan vor, der unter anderem auch die Vorbereitung eines neuen Geschützparkes und das Studium der Frage eines neuen Schießmittels zum Gegen- \ V \, w V Bild 4 b. Liechtensteingeschütz. stände hatte. Es war jedoch hierbei nicht an eine einfache Erneuerung des Geschützbestandes mit kleinen zeitgemäßen Verbesserungen gedacht, wie sie ja schon mehrfach im Laufe der Zeit vorgenommen worden waren, sondern an grundstürzende Neuerungen, und zwar um so mehr, als zu jener Zeit schon die ersten gezogenen Geschütze mit Hinterladung und Langgeschossen auf den Plan traten. Damit setzt die zweite Entwicklungsperiode im Geschützwesen ein, welche grundlegend Änderungen im Rohrbau, im Lafettenbau und in den Geschoßkonstruktionen, sowie in den Schieß-, Spreng- und Zündmitteln mit sich brachte und welche Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. 59 mit dem Namen Alfred Krupp unzertrennlich verbunden bleibt. Erst dieser Periode waren die großen Fortschritte Vorbehalten, die das Geschützwesen in wenigen Jahrzehnten auf seine heutige Höhe führen sollten. Fünf technische Errungenschaften w T aren es, welche dieser sprunghaften Entwicklung zum Durchbruch verhalten. In erster Linie die Einführung des Tiegelgußstahles durch Alfred Krupp, wie überhaupt die. staunenerregende Entwicklung der Eisenindustrie, welche seit dem Jahre 1860 einsetzte, als die großen Fortschritte der Chemie Klärung und Begründung der metallurgischen Prozesse gebracht hatten und außerdem durch den sich immer mehr ausbreitenden Maschinenbau und namentlich durch die Einführung der Eisenbahnen eine wahre Massenerzeugung der verschiedensten Eisensorten notwendig machte. In zweiter Linie die Ausbildung des Materialprüfungswesens auf wissenschaftlicher Grundlage zwecks Erforschung der physikalischen und Festigkeitseigenschaften der verschiedenen Werkstoffe, die für den Verbraucher mit Rücksicht auf den jeweiligen Verwendungszweck erforderlich sind und die daher auch den Erzeuger vor immer neue Aufgaben stellen. Die anfangs der Siebzigerjahre in Deutschland zuerst von Wöhler in der Eisenbahn- Reparatur^erkstätte in Frankfurt a. d. 0. durchgeführten Festigkeitsversuche brachen der Erkenntnis Bahn, daß namentlich das Geschütz - wesen einer auf besonderer Sach- und Fachkenntnis beruhenden Materialprüfung nicht entraten könne. Wöhler hat somit indirekt sehr viel zur Entwicklung des Geschütz Wesens beigetragen. Drittens die Ausbildung der theoretischen Grundlagen der Festigkeitsberechnung von Geschützrohren durch die LAMEschen und Winkler- schen Formeln, auf welchen Hofrat Professor Georg Kaiser (Bild 5) als Pfadfinder auf theoretischem Gebiete seine Theorie der beringten Zylinder auf gebaut hat. Viertens kann nicht unerwähnt bleiben, daß sich die bauliche und werkstättentechnische Ausgestaltung der Geschütze und namentlich der Geschützrohre durch die jahrzehntelange Erfahrung und die immer größer werdende Präzision unserer heutigen Werkzeugmaschinen ganz bedeutend vervollkommnet hat und daß eigentlich hierdurch erst die Übertragung der auf theoretischem Wege gefundenen Erfordernisse in die Praxis des Geschützrohrbaus möglich wurde, der auf Präzisionsarbeit im wahrsten Sinne des Wortes angewiesen ist. Als fünftes Moment schließlich müssen die großen Fortschritte auf dem Gebiete der Chemie angeführt werden, welche durch die Entdeckung der Schießbaumwolle, des Nitroglyzerins u. dgl. eine wahre Umwälzung auf dem Gebiete der Schieß- und Sprengmittel hervorriefen und dadurch der Alleinherrschaft des Bild 5. Professor Georg Kaiser (1842-1914). ****».. HO Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. Schwarzpulvers, das durch mehr als 500 Jahre das Geschützwesen beherrscht hatte, ein Ende bereiteten. Die Entwicklung der gezogenen Geschütze knüpft an die von dem Hüttenwerksbesitzer Baron Wahrendorff (Bild 6) zu Aaker in Schweden und den piemontesi- schen Artilleriemajor Giovanni Cavalli (Bild 7) Mitte der Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts angewandten Hinterladungskonstruktionen an. Wahrendorff hatte schon im Jahre 1843 für seine glatten gußeisernen Kanonenrohre einen Kolbenverschluß, also einen Längs Verschluß fertiggestellt, somit das seit langer Zeit Bild 6. Hofmarschall Mariin v. Wahrendorff Bild 7. Giovanni Cavalli. (1789-1861) (1808-1879) (Nach einer Lithographie in der kgl. Bibliothek in Stockholm). ganz in Vergessenheit geratene Hinter- ladungssystem wieder zur Anwendung gebracht und dabei durch Umlegen eines Bleiüberzuges um die eiserne Rundkugel den Spielraum zwischen Geschoß und Bohrung beseitigt. Cavalli konstruierte 1844 den ersten Querkeilverschluß, und zwar für eine 16 cm-Kanone und brachte gleichzeitig in der Seele des Hinterladungsrohres zwei Züge an, in welche ein zylindrokonisches Geschoß mit entsprechenden Ansätzen eingriff, ohne daß jedoch der Spielraum zwischen Geschoß und Bohrung beseitigt wurde. Cavalli kam im Jahre 1847 zwecks Überwachung der Herstellung piemonte- sischer Geschütze in die Gießerei Wahrendorffs nach Schweden und veranlaßte diesen, seinen glatten Hinterlader mit Zügen zu versehen. Wahrendorff nahm nicht nur die Züge, sondern auch das Langgeschoß an, umgab aber letzteres mit einem Bleimantel, dessen Querschnitt so bedeutend war, daß sich das Geschoß gewaltsam in die Züge einpressen mußte und nicht bloß rotierend, sondern auch ohne Spielraum durch das Rohr ging. — Der erste Schrauben Verschluß wurde später in England von Armstrong gebaut. Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. 61 Das Jahr 1847 muß somit als das Geburtsjahr der ersten gezogenen Hinterladekanonen mit langen Geschoßen ohne Spielraum zwischen Geschoß und Bohrung angesehen werden. Bild 8. La Hitte—Kanone. %8r-v- Um dieselbe Zeit, im Jahre 1845, gelang es Professor Schönbein in Basel, durch Behandlung von Watte mit starker Salpetersäure und Schwefelsäure zuerst Schießbaumwolle herzustellen und Professor Böttcher zu Frankfurt am Main, ..S'ggljijlp Estl Bild 9. Festungsartilleriematerial M 61. der mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigt war, gelangte gleichfalls zu einer explosiblen Baumwolle. Die beiden Professoren vereinigten sich alsbald zur gemeinschaftlichen Verwertung ihrer Entdeckung. Sie boten dem deutschen Bunde das neue Schießpräparat, dessen Herstellungsverfahren zunächst geheimgehalten wurde, Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. (»2 als ein dem Schwarzpulver in jeder Beziehung überlegenes Schießmittel an. Der deutsche Bund betraute mit der Prüfung dieser Erfindung eine eigene Kommission, die jedoch zu der Erkenntnis gelangte, daß die Schießbaumwolle wegen ihrer unzuverlässigen Wirkung und chemischen Veränderlichkeit als Ersatz für Schwarzpulver vorläufig nicht in Frage kommen könne. Preußen hatte bereits 1858 das Wahren DORFFsche Hinterlade Geschützsystem erworben, erzeugte nach diesem eiserne 9, 12 und 15 cm-Geschütze und arbeitete seine bronzenen Geschütze auf dieses System um. — Frankreich nahm rasch entschlossen das CAVALLische System an, das von dem General de la Hitte verbessert und nach ihm benannt wurde. In Österreich waren die Festungsgeschütze M 61 (Bild 9) die ersten gezogenen Hinterlader. Die Rohre aus Gußeisen hatten einen einfachen Kolbenverschluß und eine anfänglich sehr primitive Liderung. Es muß heute wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit anmuten, daß hierbei zwei kreisrunde Scheiben aus Pappendeckel, die an den Rändern aufgestülpt und an den Bodenflächen in Form eines Kugelabschnittes eingebogen waren, zur Liderung eines Geschützes gedient haben. Und trotzdem hat sich das Hinterladegeschütz mit der Zeit endgültig durchgesetzt. Die Bewaffnung der Infanterie mit Hinterladegewehren hatte die Kampfdistanzen allgemein vergrößert. Um nicht in die Nachhand zu geraten, mußte daher die Artillerie an ein weitertragendes Geschütz denken. Die Vergrößerung der Schußweite erforderte aber ein größeres Geschoßgewicht, gesteigerte Anfangsgeschwindigkeit und damit in Verbindung größere Pulverladungen. Für die dadurch bedingten höheren Gasspannungen und Verbrennungstemperaturen war jedoch die Bronze des Geschützes M 63 nicht mehr geeignet, so daß sich mangels eines anderen erprobten Werkstoffes die Notwendigkeit ergab, die Firma Friedrich Krupp in Essen, welche sich inzAvischen durch ihre Rohre aus Tiegelgußstahl einen Namen gemacht hatte, bei der Schaffung des neuen Geschützmateriales heranzuziehen. Tiegelgußstahl wurde schon im Jahre 1740, also vor rund 200 Jahren, von dem englischen Uhrmacher Benjamin Huntsman in Sheffield erzeugt. Huntsman blieb nicht der alleinige Nutznießer seiner Neuerung, denn Adele seiner Mitbürger setzten Bild 10. Friedrich Krupp (1787—1826). Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. 63 sich im Laufe der Zeit in den Besitz seines Geheimnisses und so versorgte Sheffield zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ganze Welt für schweres Geld mit seinen berühmten Stahlwerkzeugen so hervorragender Qualität, daß man sich damals etwas besseres gar nicht vorstellen konnte. Auf dem Kontinent trat man erst 1811 an die Herstellung von Gußstahl heran, als infolge der Kontinentalsperre die Zufuhren aus England aufhörten; und da war es der im Jahre 1787 geborene Friedrich Krupp (Bild 10), dem es nach Aufwand großer Mühen und völliger Erschöpfung seiner bedeutenden Geldmittel im Oktober 1816 tatsächlich gelang, Gußstahl herzustellen. Da das Geheimnis der Fabrikation des englischen Gußstahles damals Bild 11. Alfred Krupp (1812-1887). Bild 12. Friedrich Alfred Krupp (1 854—1902). auf dem Festland noch nicht bekannt war, muß Friedrich Krupp als der kontinentale Erfinder des Gußstahles angesehen werden. Und nun setzt auch die Arbeit seines im Jahre 1812 geborenen Sohnes Alfred (Bild 11) ein, den der Vater noch auf seinem Krankenlager als 13 1 / 2 jährigen Knaben in das Geheimnis der Gußstahlfabrikation eingeweiht hatte und der nach dem Tode seines Vaters, also im Alter von 14 Jahren, für seine Mutter die Leitung des kleinen Werkes übernehmen mußte, das damals nur 2 Arbeiter beschäftigte. 15 Jahre lang erwarb er gerade nur so viel, um den wenigen Arbeitern, mit denen er in einer Reihe stand, ihren Lohn auszahlen zu können. Erst zu Anfang der Fünfzigerjahre gab ihm seine Erfindung der Löffelwalze zur Herstellung wertvoller Löffel, Gabeln und Messer die Mittel an die Hand, die Fabrik zu erweitern und dadurch den Aufstieg seines Werkes anzubahnen. Um seinem Gußstahl, von dessen Vorzüglichkeit er durchdrungen war, ein größeres Verwendungsgebiet zu schaffen, konstruierte er 1847 das erste Geschützrohr aus Gußstahl (Bild 13), einDreipfünder-Mantel- rohr, und zwar ein glattes Vorderladerohr, bei dem nur das Kernstück aus Gußstahl bestand, während der die Verbindung mit der Lafette vermittelnde Mantel noch aus Gußeisen hergestellt war. — Aber schon im Jahre 1855 wurde von Krupp auf 64 Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. der Internationalen Industrie-Ausstellung in Paris das erste ganz aus Gußstahl geschmiedete Sechspfünder-Geschützrohr ausgestellt. Bild 13. Erster Gußstahl —Dreipfünder aus 1847. Die Aufnahme der Fabrikation von Eisenbahnachsen im Jahre 1849 und die Herstellung von Eisenbahnradreifen ohne Schweißung nach Krupps epochemachendem Patent seit 1853 waren für die Entwicklung des Essener Werkes von weitest- tragender Bedeutung. Krupp verwendete die erzielten Gewinne einerseits zur Vergrößerung der Werkanlagen, anderseits zur Durchführung seiner Lieblingsidee, der gezogenen Hinterladekanone aus Gußstahl. Tatsächlich war bereits 1859 ein Geschütz dieser Art erbaut und erprobt, eine Bauart, die berufen war, die Alleinherrschaft auf artilleristischem Gebiete zu erringen. Die weitere Entwicklung soll hier nur durch einige Daten.angedeutet werden: 1859/60 9 cm-Hinterladungsrohr mit 6 verschiedenen Konstruktionen des Keilverschlusses. 1862 II. Internationale Ausstellung in London: Mehrere Geschütze von 8,7 bis 22,86 cm Kaliber. 1865 Erstes 9 cm-Ringrohr; KRUPPscher Rundkeilverschluß. 1867 II. Pariser Weltausstellung: Größtes Geschütz, 1000 Pfünder (35,5 cm); Rohrgewicht 50.000 kg, Mantelkonstruktion für Feldgeschützrohre, Zentralzündung für schwere Ringrohre. 1868 Herstellung von Lafettenwänden aus gepreßtem Stahlblech. ‘1870 Versuche mit Kupferführung der Geschosse. 1871 Versuche mit Bodenkammerschrapnells aus Schmiedeeisen. 1873 Weltausstellung in Wien: Größtes Geschütz, 30,5 cm-Küstenkanone L/22 (Rohrgewicht mit Verschluß 36.600 kg); ferner eine 28 cm-Haubitze in Küstenlafette, eine kurze 26 cm-Schiffskanone, eine lange 23,54 cm-Kanone in Batterielafette für Kasemattschiffe, eine lange 21 cm-Kanone in Küstenlafette, eine 21 cm-Belagerungskanone, eine lange 17 cm-Kanone in Oberdeckslafette, eine 15 cm-Belagerungskanone in Räderlafette, eine lange 15 cm- Schiffskanone, eine 12 cm-Schiffskanone für Verwendung in der Batterie oder auf Oberdeck, schließlich 2 Feldkanonen von 91,5 mm und 78,5 mm und eine Bergkanone von 60 mm. Die Rohre dieser Geschütze, mit Ausnahme der letzten drei, waren nach dem Ringsystem konstruiert und hatten sämtliche den KRUPPSchen Rundkeilverschluß. Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. (55 Diese wenigen Zahlenangaben sind geeignet, ein Bild von dem Stand der Knuppschen Werke im Jahre 1873, dem Jahre der Wiener Weltausstellung, zu geben, an der sich Krupp sehr stark beteiligt hat. Diese reichliche Beschickung der Wiener Weltausstellung darf nicht wundernehmen, handelte es sich doch damals, wie bereits erwähnt, um die Einführung eines neuen Feldgeschützsystems in Österreich. Krupp hatte schon im Jahre 1872 außer einer größeren Bestellung auf 15 cm-Ringkanonen vom k. k. technischen und administrativen Militärkomitee den Auftrag zur Lieferung eines Versuchsgeschützes vom 8,7 cm Kaliber und einer Geschoßanfangsgeschwindigkeit von 1700 Fuß erhalten. Die Konstruktion dieses Geschützes war das bisher geheimgehaltene Eigentum Krupps, das die neuesten Erfahrungen verkörperte. Die Erprobungen dieses und der verschiedenen anderen von Krupp beigestellten Geschütze, zuletzt von 4 Stück 8,7 cm beringten Feldkanonen, ergaben eine vier- bis nahezu neunfache Überlegenheit über die bestehenden österreichischen Achtpfünder, was damals die artilleristische Welt in lebhaftes Erstaunen versetzte. Auch bei der Truppen- erprobung hatten die Knuppschen Geschütze glänzend entsprochen. Nichtsdestoweniger scheiterten die auf Grund der günstigen Versuchsergebnisse geführten Verhandlungen, allerdings aus Gründen, die mit der Sache selbst nichts zu tun hatten. Finanzielle Rücksichten, die Abneigung des Parlaments, die erforderlichen Geldmittel zu bewilligen und auch die Rücksicht auf die Bedürfnisse und Wünsche der einheimischen Stahlindustrie, welche alle Minen springen Heß, um sich eine so große Belieferung bei der damals überall herrschenden Geschäftsstille nicht entgehen zu lassen, stellten die Kriegsverwaltung und die Regierung vor eine schwierige Entscheidung und es war eine glückliche Lösung, daß die von dem damaligen Generalmajor Franz Freiherrn von Uchatius (Bild 14) zu jener Zeit erfundene Stahlbronze und deren sofortige Verwendungsmöglichkeit bei Feldgeschützen über die Notwendigkeit der Bestellung der Feldkanonen bei Krupp oder bei einheimischen Stahlwerken hinweghalf. Man darf das heute schon 70 Jahre alte Verfahren zur Erzeugung von Stahl- bronze als bekannt voraussetzen, insbesondere, daß die Bezeichnung „Stahlbronze“ nicht etwa auf eine Legierung von Stahl und Bronze hinweist, sondern nur die stahlähnlichen Eigenschaften der Hartbronze von Uchatius hervorhebt. Uchatius gebührt außer der Erfindung der Hart bronze auch das große Verdienst, die künstliche Hebung der Elastizitäts- und Streckgrenze eines Werkstoffes — wenn vom Schmieden, Walzen und Ziehen abgesehen wird — zum ersten Male durch Innenpressung in die Praxis übertragen zu haben. Technikgeschichte, 8. Heft. 5 Bild 14. Franz Frh. v. Uchatius ( 1811 - 1881 ). Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. 66 ln einer Notiz über das Pressen der Felder und Züge von Geschützrohren schreibt Uchatius wörtlich: „Die Züge werden so wie gewöhnlich eingeschnitten, da aber durch das Pressen des Rohres die Härte des Metalles in der Bohrungsfläche noch nicht genug gesteigert worden ist, so werden die Felder des gezogenen Rohres, welche um 0,25 mm zu hoch sind, für sich, und zwar 2 und 2 gegenüberstehend zugleich neuerdings gepreßt.“ 1 Dieser bedeutende Technologe hat seinerzeit durch die Erfindung der Hartbronze auf dem Gebiete des Geschützwesens eine technische Großtat vollbracht, welche in der Form der „Autofrettage“ auch heute noch fortlebt, wo die Hartbronze ihre Bedeutung als Rohrmaterial bereits verloren hat; und es kann daher auch jetzt noch die allgemeine Billigung finden, wenn Österreich bald darauf für sein Feldgeschütz M 75 die Hartbronze als Rohrmaterial angenommen hat. Bei den damals gebrauchten Gasdrücken und den geringen Verbrennungstemperaturen des Schwarz - pulvers war die Hartbronze ihrem Konkurrenten, dem Kohlenstoffstahl, gegenüber ein vollkommen gleichwertiger und mit Rücksicht auf ihre Unempfindlichkeit gegen atmosphärische Einflüsse vielleicht sogar überlegener Werkstoff. Es muß aber hier schon eingefügt werden: „Jeder Zeit ihr Rohrmaterial.“ Die konstruktive Ausbildung des unverwüstlichen und ungemein kriegsbrauchbaren Feldgeschützes M 75 lehnte sich im großen und ganzen an die KRUPPsehe Konstruktion an. Als Entschädigung hierfür und für die dabei angewandte Krupp- sche Verschlußart wurde von den Delegationen im Jahre 1875 die Zahlung von 160.000 Gulden an die Firma Krupp genehmigt. Auch bei diesen Geschützen diente zunächst noch durch mehr als 10 Jahre das Schwarzpulver als Schießmittel. Erst die vorgeschrittene Technik der Handfeuerwaffen gab den Anstoß zur Verdrängung des Schwarzpulvers. Man hatte erkannt, daß eine Verminderung des Gewehrkalibers eine Reihe ballistischer und taktischer Vorteile gewähren würde, wenn es gelänge, die Einbuße an Geschoßgewicht durch größere Anfangsgeschwindigkeit wett zu machen. Aus dem Schwarzpulver hatte man Mitte der Achtzigerjahre herausgeholt, was herauszuholen war, so daß ein neues Schießmittel ins Auge gefaßt werden mußte. Seit dem Jahre 1869 hatte indes die entwickelte Zelluloidindustrie den Beweis erbracht, daß es möglich ist, durch Behandlung der Nitrozellulose mit Lösungsmitteln die hohe Verbrennungs- geschwindigkeit und Detonationsfähigkeit wesentlich herabzusetzen. Auf dieser Erfahrung fußend, fertigte Duttenhofer (Bild 15) in Rottweil 1884 ein völlig gelatiniertes Kornpulver aus nitrierter Zellulose für Militärgewehre an, dem dann im Jahre 1886 das erste aus Schießwolle gefertigte, gelatinierte Blättchenpulver von Vieille folgte, der als Erster die Gelatinierung der Nitrozellulose als Vorbedingung für eine genügende Regelbarkeit der Verbrennungsgeschwindigkeit erkannt hatte. Damit traten endgültig als Treibmittel an die Stelle des Schwarzpulvers organische Nitrate, die überdies den Vorzug hatten, ohne Rauch und ohne Rückstand zu verbrennen. Aber auch als Sprengmittel waren die Tage des Schwarzpulvers gezählt. Im 1 Vgl. Bild 10 auf S. 60 der „Blätter für Geschichte der Technik“, 4. Heft, Wien 1938. Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. 67 Jahre 1847, also kurz nach der Entdeckung der Nitrozellulose, schuf Ascanio Sobrero (Bild 16), der in Turin Chemie lehrte, das Nitroglyzerin, dessen ausgedehntere Verwendung als Sprengmittel aber erst ungefähr 20 Jahre später erfolgte, als es Dr. Alfred Nobel in Stockholm 1865 gelang, in der Kieselgur einen geeigneten Aufsaugestoff für die ungemein stoßempfindliche Flüssigkeit ausfindig zu machen. Er erfand auch die Sprengkapseln, um dieses Gemisch — das Dynamit — sicher zur Detonation zu bringen, eine Erfindung, die von Nobel 1867 eingeführt wurde und die sich nicht nur für die zivile Sprengtechnik, sondern auch für das Geschütz wesen als ungemein bedeutungsvoll erwies. Bild 15. Geheimrat Max v. Duttenhofer Bild 16. Ascanio Sobrero (1843-1903). (1812-1888). Desgleichen gelang es Nobel 1888, Nitroglyzerin für Schießzwecke verwendbar zu machen, indem er es als Lösungsmittel für Nitrozellulose mitbenützte und so den Grund für alle unsere heutigen NZ = NGl.-Pulver legte. Auch unser Ekrasit, die Pikrinsäure, stammt aus dieser Zeitperiode. Sie wurde zwar schon im Jahre 1788 von Haussmann entdeckt, aber zunächst viele Jahre lang nur als geschätzter Farbstoff für Seide und Wolle verwendet, bevor man ihre Eigenschaft als sprengkräftige Substanz erkannte. Erst Sprengel (Bild 17) wies 1872 auf die Detonationsfähigkeit der Pikrinsäure hin und Turpin hob 1886 ihren Wert in geschmolzenem Zustande als Granatfüllung hervor. Es entstand das französische Melinit, das englische Lyddit, die japanische Schimose, lauter Explosivstoffe, deren Hauptbestandteil die Pikrinsäure bildet. Doch hat schließlich auch die Pikrinsäure in den letzten Jahren dem Trinitrotoluol (Trotyl) weichen müssen, das wohl schon 1865 von Willbrandt entdeckt, aber erst im Jahre 1891 von Hättsser- mann als Sprengstoff erkannt wurde. Es ist naheliegend, daß alle diese neuen Explosivstoffe nicht ohne Einfluß auf das Geschütz wesen bleiben konnten. Die bedeutend größere Leistungsfähigkeit der rauchlosen Schießmittel gegenüber dem Schwarzpulver, die hohen Gasdrücke 08 Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. und Verbrennungstemperaturen stellten ganz andere Anforderungen an das Rohr- material, denen der bisher verwendete Gußstahl und auch die Hartbronze nur noch zum Teil gewachsen waren. Alfred Krupp hat das Eindringen der rauchlosen Pulversorten in das Geschützwesen nicht mehr erlebt. In das letzte Jahr seiner Wirksamkeit fällt noch die Erzeugung von Schrappneilgeschoßhülsen aus Stahl durch Pressen und Ziehen im Jahre 1877, die Herstellung der ersten 40 cm-Ringkanone L/25 von 10 m Länge und dem Gewicht von 72 t im Jahre 1879, ferner die Auslieferung der von Italien bestellten 4 Stück 40 cm L/35 Küstengeschütze mit der Rohrlänge von Bild 18. Dr. Wilhelm Lorenz (1842-1926). Biid 17. Prof. Dr. Hermann Sprengel (1834-1906). 14 m und dem Rohrgewichte von 121 t im Jahre 1885 und gewissermaßen als Krönung seiner Lebensarbeit die Konstruktion eines 8,4 cm-Schiffsgeschützes L/27 in Gelenklafette, des ersten Schnellfeuergeschützes, das am 1. Februar 1887 10 Schüsse in •34 Sekunden abgab. Zu diesem glänzenden Erfolg hat wesentlich die Anwendung von messingenen Kartuschhülsen, also Metallpatronen, beigetragen, die von der damaligen deutschen Metallpatronenfabrik Lorenz (Bild 18) in Karlsruhe hergestellt worden waren. Die Erzeugung von Metallpatronen für beliebige Kaliber bis zu den größten war für die Weiterentwicklung der Geschütztechnik von der gleichen Bedeutung gewesen, wie die bald darauf erfolgte Einführung des rauchschwachen Pulvers. Im Juli 1887 hat Alfred Krupp, dieser geniale Techniker und Selfmademan, die Augen für immer geschlossen. Wenn auch heute auf dem Gebiete des Geschütz- wesens in anderen Werken und anderen Ländern mit großen und anerkennenswerten Erfolgen gearbeitet wird, so darf dabei nicht übersehen werden, daß der Ausgangspunkt für all dies Schaffen das erste Gußstahlgeschützrohr von Alfred Krupp war und daß die schöpferischen Arbeiten dieses Mannes der Tat, dieser Verkörperung Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. (19 von Wollen und Können, dieses Inbegriffes von Geist und Kraft erst die Wege für die metallurgischen Prozesse der Stahlerzeugung und für die mechanischen Einrichtungen der Geschützfabrikation gewiesen haben. Wo und in welchem Lande immer die Geschichte der Artillerie geschrieben werden wird und sei es noch so entlegen, dort wird auch der Name Alfred Krupp seinen ehrenvollen Platz finden müssen, als des zähesten, kühnsten, aber auch erfolgreichsten Bahnbrechers auf dem Gebiete des Geschützwesens, ein Name, der immer mit hoher Achtung genannt werden wird, so lange das Werden und Wachsen aus eigener Kraft Geltung hat. Das moderne Geschützwesen ist in seiner Entwicklung auch nach dem Heimgange von Alfred Krupp nicht zum Stillstand gekommen. Sein Sohn Friedrich Alfred Bild 19. Dr. Ing. Konrad Haussner Bild 20. Dr. Ing. Heinrich Ehrhardt (geb. 1859). (1840-1928). ♦ ** Krupp (Bild 12) übernahm die einzig dastehende Weltschöpfung seines Vaters, zu der sein Großvater den Grund gelegt hatte. Die Arbeiterzahl der Gußstahlfabrik Essen einschließlich der Außenwerke war zu jener Zeit bereits auf 20.200 gestiegen. Unter Friedrich Alfred Krupp begannen im Jahre 1889 die Schieß versuche mit rauchlosem Pulver und damit in Verbindung die ersten Versuche mit Nickelstahl, dem heute ganz allgemein gebräuchlichen Werkstoff für Geschützrohre. Im gleichen Jahre wurde der Schubkurbel-Keilverschluß geschaffen und eine Wiegenkonstruktion für Schiffsgeschütze ausgebildet, der im Jahre 1893 die erste Wiege mit Luftvorholer für schwere Schiffsgeschütze folgte. Auf der Weltausstellung in Chicago im gleichen Jahre stellte die Firma Krupp ein 42 cm L/33 Geschützrohr im Gewichte von 122,400 kg aus, das schwerste bis dahin von Krupp überhaupt ausgeführte Geschützrohr. Das Jahr 1893 ist geschütz- technisch aber auch deshalb beachtenswert, weil Krupp zum ersten Male fahrbare Versuchsgeschütze mit langen} Rohrrücklauf vor Vertretern der deutschen Militär- 70 Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. Behörden vorführte. Diese Geschütze hatten allerdings ihre eigene Entstehungsgeschichte. Die Idee zu den Rohrrücklaufgeschützen mit langem Rohrrücklauf stammt von dem Ingenieur Konrad Haussner (Bild 19), welcher die grundsätzliche Lösung dieses Problems im November 1888 in einer ausführlichen Denkschrift niederlegte. Haussner wendete sich an das Gruson-Werk in Magdeburg-Buckau, woselbst in den ersten Jahren nach 1890 mehrere Versuchsmodelle mit langem Rohrrücklauf nach den HAUSSNERschen Entwürfen ausgeführt wurden. Diese Modelle gelangten im Jahre 1893 durch Ankauf des Grusomverkes und Übernahme seiner Konstruktionen in den Besitz der Firma Krupp, die sie auf ihrem Schießplatz in Meppen erprobte und vorführte. Die Konstruktion und das ihr zugrunde liegende Prinzip fand aber auch jetzt nicht die entsprechende Würdigung von Seiten der Firma Krupp und auch die militärischen Sachverständigen standen dieser Neuerung ablehnend gegenüber. Haussner mußte daher nach neuen Interessenten Umschau halten und so blieb es der Rheinischen Metallwaren- und Maschinenfabriks A.G. in Düsseldorf, der heutigen Rheinmetall-Borsig A. G., welche unter der Leitung des damaligen Kommerzienrates und nachmaligen geheimen Baurates Dr. Ing. E. h. Heinrich Ehrhardt (Bild 20) stand, Vorbehalten, den Geschützen mit langem Rohrrücklauf zum Durchbruch zu verhelfen. Die Firma Rheinmetall wurde im Jahre 1889 gegründet, als zur möglichst raschen Umbewaffnung des deutschen Heeres mit Stahlmantelgeschossen an Stelle der bis dahin bei der Infanterie verwendeten Hartbleigeschosse, die Privatindustrie zur Lieferung dieser neuen Geschosse herangezogen werden mußte. Ehrhardt, der voraussah, daß diese Lieferungen bald ein Ende nehmen würden, bereitete die Aufnahme neuer Betriebszweige vor. Im Jahre 1891 erhielt er die grundlegenden Patente auf sein Preß- und Zieh- verfahren zur Herstellung stählerner Hohlkörper (Geschoßhülsen), das sich bezüglich der Güte und Billigkeit der Fabrikate derart bewährte, daß das deutsche Kriegsministerium allen Firmen in Deutschland, die Geschosse lieferten, und auch den staatlichen Fabriken die Anwendung des EHRHARDTschen Preß- verfahrens vorschrieb. Dieses Verfahren beruht darauf, daß ein schmiedewarmer, also rotglühender Block von quadratischem Querschnitt in eine zylindrische Preßform (Bild 21), deren Durchmesser gleich der Diagonale des Querschnittsquadrates ist, gesteckt und daß dann mittels hydraulischen Druckes ein Rundstempel eingepreßt wird, dessen Querschnitt gleich der Summe der vier Segmentquerschnitte ist. J>eim Pressen weicht der durch den Preßdorn verdrängte Werkstoff nach den Seiten aus Bild 21. Verfahren zur Herstellung stählerner Hohlkörper nach Erhardt. ******* Ear*?, Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. 71 und füllt die Segmente, so daß nun ein innen und außen runder nahtloser Ring, ein nahtloses Rohr, entsteht. Durch die schon nach wenigen Jahren des Bestandes der Rheinmetall erfolgte Angliederung eines Stahlwerkes an die sogenannte Patronenfabrik, das hochwertige Stahlsorten erzeugte, war die Firma in den Stand gesetzt, auch der Herstellung von Geschützrohren und fertigen Geschützen näher treten zu können. Als sich daher Haussner nach seinen Mißerfolgen bei Krupp an Ehrhardt wandte, fand er willige Aufnahme. Ehrhardt erklärte sich zu Versuchen bereit, da er die Folgerichtigkeit der HAUSSNERSchen Vorschläge erkannte und ging mit der ihm eigenen Tatkraft und Zähigkeit sofort an den Bau von Versuchsgeschützen heran. Er ruhte nicht früher, bis in Zusammenarbeit mit Konrad Haussner ein Rohrrücklaufgeschütz mit langem Rohrrücklauf — ein Schnellfeuergeschütz — ausgebildet war, das ohne Gewichtsvermehrung beim Schuß vollständig ruhig stand und auch bei einer größeren Schußzahl kaum aus seiner Richtung kam. Der lange Rohrrücklauf für fahrbare Geschütze hatte sich durchgesetzt und eine vollständige Umwälzung im Geschützwesen aller Länder herbeigeführt. Wenn Konrad Haussner als Erfinder des langen Rohrrücklaufes die Pfade für die neuen fahrbaren Rohrrücklaufgeschütze gewiesen hat, so muß Heinrich Ehrhardt das Verdienst zugebilligt werden, als Bahnbrecher dieses Systems zu gelten, das wieder einen Markstein in der Entwicklung des Geschützwesens darstellt. Haussner hat auch noch ein weiteres neues Element im Geschütz- bau eingeführt, die Mündungsbremsen, von welchen heute bei den Rücklaufgeschützen ausgedehnter Gebrauch gemacht wird. Die Rohrrücklaufgeschütze waren bestimmt, dem Verlangen der Heere nach schneller feuernden Geschützen Rechnung zu tragen. Die Einführung von Metallpatronen und bald darauf von Einheitspatronen, die eine besondere Liderung entbehrlich machten, der Ersatz der Brandei durch mechanische Abfeuerungsvorrichtungen, die das Feststehen des Geschützes zu bewirken hatten, waren die geeignetsten Mittel, um die Feuerschnelligkeit zu erhöhen. Dazu kam, daß die schon lange geforderte Anbringung von Schutzschilden gegen Infanteriefeuer auf 2000 bis 3000 m nur bei Geschützen hoher Standfestigkeit möglich war, welcher Forderung somit jetzt Rechnung getragen werden konnte. Alle diese Vorzüge nötigten die einzelnen Staaten, der Ausrüstung ihrer Artillerie mit Rohrrücklaufgeschützen näherzutreten. Das erste eingeführte Feldgeschütz mit brauchbarem Rohrrücklauf, das ruhig auf dem Boden stand und 25 Schuß in der Minute abgeben konnte, war die vor 40 Jahren eingeführte französische 75 mm-Feldkanone C 97, eine Konstruktion des Obersten Joseph Albert Deport. Dieses Geschütz war auch mit einem Schnellfeuer Verschluß und mit einer doppelten Höhenrichtmaschine ausgestattet, verband also gleichzeitig drei bahnbrechende Neuerungen. Auch Schutzschilde traten erstmalig in Verwendung. Österreich stand jetzt notgedrungen vor der Aufgabe, den Forderungen der Zeit Rechnung zu tragen. Es erwarb im Jahre 1903 von der Firma Rheinmetall die Rechte an der Konstruktion und an den Patenten der mittlerweile verbesserten Rohrrücklauffeldgeschütze, welche nunmehr die Grundlage für das neue Feldgeschütz M 05, das erste österreichische Rohrrücklauffeldgeschütz, gebildet haben. Es wurde bei diesem auch weiter an der Hartbronze als Rohrmaterial festgehalten, die sich so 72 Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. gut bewährt hatte und von der große Bestände vorhanden waren. Die Erfahrungen des Weltkrieges haben aber gezeigt, daß die Bronze, und wenn es auch geschmiedete Hartbronze war, den Anforderungen, die man zu Beginn des Weltkrieges, aber auch schon zu Beginn dieses Jahrhunderts an das Rohrmaterial mit Bezug auf die erforderliche Geschützleistung stellen mußte, nicht mehr gewachsen war. Die russischen Feldgeschütze mit ihren Stahlrohren haben hierfür den schlagendsten Beweis erbracht. Damit mußte auch die Bronze als Rohrmaterial dem Stahl das Feld vollständig räumen. Die Erregung, welche das Auftreten des Rohrrücklaufsystems um die Jahr- hundertwende in allen artilleristischen Kreisen hervorgerufen hatte, war noch nicht abgeflaut, als sich schon wieder eine neue bahnbrechende Erfindung ankündigte, die wieder einen ähnlichen Schritt nach vorwärts bedeuten sollte: die „Spreizlafette". Diese wurde zuerst in der italienischen Armee im Jahre 1911 eingeführt. Sie bezweckt, den Übelstand der Rohrrücklaufgeschütze, der in dem eng begrenzten Seitenrichtfeld liegt, auszuschalten. Diese Aufgabe ist den Bedürfnissen der Praxis entsprechend gelöst worden und heute gehört den Spreizlafetten-Feldgeschützen die Zukunft. Der Rohrrücklauf und die Spreizlafette waren Erfindungen, welche in erster Linie die Lafettenkonstruktion betrafen. Knapp vor Ausbruch des Weltkrieges gelang es den Franzosen, durch die Ausbildung der sogenannten Autofrettage auch auf dem Gebiete der Rohrkonstruktionen einen großen Schritt vorwärts zu machen. Das Wesen der Autofrettage, dieser Rohrverdichtung durch Innendruck auf kaltem Wege, beruht darauf, daß im Innern eines homogenen Rohres allmählich steigende Drucke erzeugt werden, welche schließlich die Elastizitätsgrenze des Werkstoffes weit überschreiten und dadurch bleibende, also plastische Form Veränderungen verursachen. Diese Formveränderungen erstrecken sich anfangs nur auf die innersten Ringschichten, breiten sich aber mit dem Zunehmen des Druckes immer mehr gegen die äußeren aus, bis schließlich sämtliche Ringschichten, jedoch mit einer von innen nach außen abnehmenden Intensität, bleibende Änderungen ihrer ursprünglichen Ruheform erlitten haben. Dieser Vorgang kann so lange fortgesetzt werden, bis die äußere Oberfläche des Rohres eine vorausbestimmte und meßbare bleibende Durchmesservergrößerung erfahren hat. Daher kann das durch Autofrettage verstärkte Rohr einen bedeutend höheren Druck aushalten als im ursprünglichen natürlichen Zustande, oder es besteht die Möglichkeit, für einen gegebenen Innendruck nunmehr ein dünneres Rohr verwenden zu können als früher. Die Autofrettage wurde in den Jahren 1910 bis 1913 im Zentrallaboratorium der französischen Marine durch den Ingenieur Malaval an vergüteten Stahlrohren ausgebildet. Das erste autofrettierte Kanonenrohr, und zwar für ein 14 cm-L/50- Geschütz, entstand unter Beihilfe der Firma Schneider in Creuzot zu Beginn des Jahres 1913, so daß diese Neuerung den Franzosen schon während des Weltkrieges zur Verfügung stand. Die Autofrettage wird in der Praxis entweder durch hydraulischen Druck oder mittels Durchtreibens eines entsprechend dicken Stahlbolzens durch die Bohrung, das sogenannte Stopfenzug verfahren, ausgeführt und ist bei allen Werkstoffen des Geschütz- Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. 73 rohrbaus anwendbar. Die bahnbrechende Idee, die dem Zieh- und Preßverfahren von Uchatius zugrunde liegt, hat somit durch die Autofrettage, allerdings mit den von der modernen Technik zur Verfügung gestellten Mitteln, ihre Wiedererweckung gefunden. Autofrettierte Rohre finden heute im Geschützbau eine ausgedehnte Verwendung. Sie haben eigentlich erst den zerlegbaren Rohrkonstruktionen, einem schon lange heiß angestrebten Ziel aller Rohrkonstrukteure, die Wege geebnet. Der hauptsächlichste Gebrauch wird bei kleinen und mittleren Kalibern in der Form von Vollrohren, sogenannten Monobloc- oder Enblocrohren, ferner bei zwei- Bild 22. Emil Ritter v. Skoda Bild 23. Dr. Ing. Karl Frh. v. Skoda (1839-1900). (1878-1929). lagigen Rohren, also Mantelrohren mit losem, nicht selbsttragendem und auch mit selbsttragendem Seelenrohr, ferner bei den Mantelrohren mit lose eingelegtem Futterrohr gemacht. Überhaupt wurde für eine ausgiebige Verwendung von Futterrohren und dadurch der leichten Wiederherstellung von bereits ausgeschossenen Rohren der Boden bereitet, namentlich seitdem die Rohrkonstruktion noch einen Schritt weiter gegangen ist und sich zur Anwendung der früher so grundlos gefürchteten, gesondert angeschraubten Bodenstücke entschlossen hat. Mit der Autofrettage ist der Höhepunkt der künstlichen Metallkonstruktion erreicht, w'eil ein autofrettiertes Rohr einem künstlich aus unendlich viel Lagen zusammengesetzten Rohr gleichwertig ist. Weitere Fortschritte auf dem Gebiete des Geschützrohrbaus sind jetzt nur noch durch die Verbesserung der Werkstoffe selbst zu erreichen und auf diesem Gebiete sind in den letzten Jahren schon ganz bedeutende Fortschritte erzielt worden. Während noch in den letzten Friedensjahren vor Ausbruch des Weltkrieges nur mit einer zulässigen Inanspruchnahme des Geschützrohrstahles von 30 bis höchstens 40 kg/mm 2 gerechnet werden mußte, können heute bedeutend höhere Inanspruchnahmen zugrunde gelegt werden, so daß hierdurch eigentlich schon wieder die sehr kostspielige Autofrettage überholt 74 Bahnbrecher auf clem Gebiet des Geschützwesens. -Süfefc'’ ' *? ' SSI mm «v ri*?, Bild 24. 42 cm-Haubitze M 16. Kohr bereitgestellt zum Einziehen in die Lafette. ist, da auch mit homogenen Rohren entsprechender Qualität bei den heute zur Verwendung gelangenden Gasdrucken von nicht über 4000 at und den zugehörigen Verbrennungstemperaturen das Auslangen gefunden werden kann. *»^*?*Ä : MM lyifey- ; Ä Bild 25. 30,5 cm-Mörser M 11 in Feuerstellung (Nach einem Ölgemälde von Kreibich.) Nachwort über die Brüder Dirmoser. 75 Auch das alte Österreich konnte auf seine geschütztechnischen Leistungen unter dem vorletzten k. u. k. Kriegsminister, dem Artilleristen Dr. Ing. h. c. Alexander Freiherrn von Krobatin mit Stolz zurückblicken. Jahrzehntelange, einzig durch die Schuld der Volksvertretungen entstandene Versäumnisse mußten nachgeholt werden, die eine nahezu vollständige Umbewaffnung der Artillerie während des Weltkrieges zur unbedingten Notwendigkeit machten. Fast alle vorhandenen Geschütztypen mußten durch neue, leistungsfähigere ersetzt werden, und was damals in den von Emil Ritter von Skoda (Bild 22) gegründeten Skodawerken unter seinem Sohne Dr. Ing. h. c. Karl Freiherrn von Skoda (Bild 23) in Zusammenarbeit mit den Herren des technischen Militärkomitees geleistet wurde, steht heute noch in allgemeiner Erinnerung. Die Giganten unter der großen Zahl der neu erzeugten Geschütztypen, 38 cm- und 42 cm-Haubitzen (Bild 24) und die 30,5 cin-Mörser (Bild 25) haben den Schrecken unserer Feinde gebildet und werden für immer Meisterstücke der Geschützbaukunst bleiben. Nachwort über die Brüder Dirmoser. Von Generalmajor a. D. Ing. Artur Reutter Edler von Vallone. An der erfolgreichen Frühjahrsoffensive an der tiroler Front im Jahre 1916 haben neben einer sehr großen Anzahl von schweren Geschützen viele 30,5 cm- Mörser, drei 42 cm-Haubitzen und zum ersten Male auch zwei 38 cm M 16 Haubitzen sowie eine 35 cm L/45 weittragende Kanone teilgenommen, durchwegs Geschütze, welche mit dem Namen „Dirmoser“ auf das engste verknüpft sind. Es möge daher an dieser Stelle zweier Männer gedacht werden, die durch ihre Arbeiten mittelbar zum Gelingen dieser Offensive beigetragen haben, des Konstrukteurs der schweren und schwersten Fernkampfartillerie Dr. techn. h. c. Richard Dirmoser und seines jüngeren Bruders, des ehemaligen Direktors der Waffenfabrik der Skoda werke, Dr. techn. Oswald Dirmoser, die beide sich ihre ersten artilleristischen Kenntnisse anläßlich der Ableistung ihrer Militärdienstpflicht als Einj ährigfreiwillige der Feldartillerie erworben haben und in ihren späteren Arbeiten sich sehr vorteilhaft ergänzten. Der ältere, Dr. Richard Dirmoser (geb. Brünn 1872, gest. Pilsen 1919) (Bild 26), ging aus der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn hervor und stand zunächst im Dampfmaschinenbau bei der Ersten Brünner Maschinenfabrik-A. G. in Verwendung. Nach vierjähriger Praxis auf diesem Gebiete trat er im Jahre 1900, noch unter dem Begründer der Skoda-Werke, Emil Ritter von Skoda (Bild 22), zur Waffenfabrik Pilsen über, in der er bis zu seinem Ableben als Ingenieur, Oberingenieur, Bürovorstand und schließlich Chefkonstrukteur tätig war. An der Durchführung der Konstruktion der bekannten 30,5 cm Mil Mörser, die den Weltruf der Skoda-Werke begründeten, hatte Dirmoser großen Anteil. Die Konstruktions- bedingungen für dieses Geschütz, die bereits im Jahre 1907 vom Technischen Militärkomitee auf gestellt worden waren, forderten ein schweres, auf Straßen leicht und Hahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. 7(j schnell mit Kraftwagen transportables Wurfgeschütz für die Belagerung von Festungen, mit der vierfachen Schußleistung aller bis dahin bekannten Geschütze dieser Art. Diese weitgehenden Forderungen wurden unter Mitarbeit des „Pioniers der Motorisierung der schweren Fernkampfartillerie“, des Sudetendeutschen Dipl.- fng. l)r. e. h. Ferdinand Porsche, erfüllt und der Weltkrieg hat die Überlegenheit dieser Geschütze erwiesen. Die Kriegserfahrungen brachten es mit sich, daß der 30,5 cm-Mörser M 11, der namentlich in Belgien und Nordfrankreich schon zu Beginn des Krieges ganz hervorragend entsprochen hatte, noch weiter vervollkommnet wurde. Dem Verlangen mm WidÜJtiäUäi Bild 26. Dr. techn. h. c. Richard Dirmoser Bild 27. Prof. Ing. Dr. fechn. Oswald Dirmoser (1872-1919). (1875-1938). nach einer Erhöhung der Schußweite über 9,6 km für die schwere und 11 km für die leichte Granate konnte nur durch ein längeres Rohr, eine Vergrößerung der Pulverladung und demgemäß eine größere Patronenhülse Rechnung getragen werden. Auch hatte sich im Felde gezeigt, daß die Seitenbestreichung von 60 Grad nach jeder Seite, somit von zusammen 120 Grad, in einzelnen Fällen nicht genügte, so daß das Geschütz wiederholt ausgebaut und der neuen Schußrichtung entsprechend wieder eingebaut werden mußte. Eine Schwenkungsmöglichkeit von 360 Grad, also die Anwendung von Rundfeuer, erschien daher sehr wünschenswert. Alle diese Umstände machten eine Neukonstruktion des Mörsers erforderlich. Nach dem Entwurf Richard Dirmosers entstand hierauf der 30,5 cm-Mörser M 16 mit einer Schußweite von 11,1 bzw. 12,3 km, mit Einheitsfahrzeugen und einer Seitenbestreichung von 360 Grad, der Vorläufer von noch weit mächtigeren Geschützen. Die bedeutendste Leistung Richard Dirmosers ist aber die Schaffung der 38 cm-Haubitze M 16, eines Fernkampfgeschützes mit großer Beweglichkeit, mit welchem er selbst die oben erwähnte Frühjahrsoffensive mitgemacht hat. Die Wertung dieses Geschützes ist nicht durch die Größe seines Kalibers bedingt, sie Nachwort über die Brüder Dirmoser. entspricht vielmehr dem Umstand, daß dessen Aufbau, ferner die Art des Transports auf Straßen und Eisenbahnen mittels Benzinelektrozuges in vier Teillasten, und schließlich die Art des Ein- und Ausbaus, die trotz dem enormen Gewicht der einzelnen Teillasten ohne Zuhilfenahme eines Kranes vor sich geht, auch für die von Dirmoser gleichfalls entworfene 42 cm-Haubitze M 16, ferner für dessen weit- tragende 24 cm-Kanone M 16 und den 21 cm-Mörser vorbildlich wurden, so daß alle diese großkalibrigen Geschütze einheitlich ausgeführt werden konnten. Noch einer weiteren Arbeit Dirmosers muß gedacht werden: der 35 cm-Belagerungs- kanone L/45 „Georg“. Für die Verwendung dieses Rohres im Felde schuf Dirmoser eine eigene Hilfslafette, sowie die Einrichtungen für den Vollbahntransport und für den Einbau des Geschützes. Der jüngere Bruder, der gewesene Professor an der Technischen Hochschule in Wien, Dr. techn. Oswald Dirmoser (geb. Brünn 1875, gest. Baden b. Wien 1938) (Bild27) ließ sich nach seiner Ernennung zum Leutnant i. d. R. aktivieren und widmete sich zunächst dem Offiziersberuf. Doch schon im Jahre 1899 trat er wieder in das Reserveverhältnis über und wurde nach Absolvierung der Technischen Hochschule in Wien und einem Assistentenjahr an der Lehrkanzel für Maschinenbau im Jahre 1904 durch Generaldirektor Dr. Georg Günther als Vor stand des Büros für Geschützrohrkonstruktionen und elektrische Einrichtungen der Geschütztürme in die Waffenfabrik nach Pilsen übernommen. Die Skoda-Werke waren zu jener Zeit in der Entwicklung des Rohrbaus bei Kaliber 24 cm angelangt, welches für die in den Jahren 1902 bis 1905 vom Stapel gelassenen Schlachtschiffe der österreichischen Kriegsmarine geliefert wurde. Für eine neu geplante Schiffsdivision, die 1908 bis 1910 vom Stapel lief, waren jedoch 30,5 cm L/45 Turmgeschütze in Aussicht genommen, die einem Geschoß von 450 kg eine größte Mündungsgeschwindigkeit von 800 Sekundenmeter erteilen sollten. Die Berechnung und konstruktive Durchbildung dieser Rohre war eine der ersten Arbeiten des neuen Büro Vorstandes, mit welcher gleichzeitig auch das erste großkalibrige Geschützrohr mit vollständig glatter, der Widerstandskurve entsprechender Außenform ins Leben trat. Neben einer großen Anzahl von Geschützrohren der verschiedensten Kaliber hat Professor Oswald Dirmoser auch das Rohr der 42 cm- Belagerungshaubitze L/15 und der österreichischen 30,5 cm-Mörser M 11 berechnet und entworfen. Seine Tätigkeit als Bürovorstand in Pilsen fand nach sechs Jahren ihr Ende, als Karl Ritter von Skoda die Leitung der Werke übernahm und Dirmoser im Januar 1910 als technischer Referent zur Generaldirektion nach Wien berufen wurde, in welcher Stellung er nach kurzer Zeit zum Direktor der Waffenfabrik vorrückte. Der Domizilwechsel ermöglichte Dirmoser auch die Annahme der Honorardozentur für „Allgemeine Maschinenkunde“ an der Technischen Hochschule in Wien, und schon im Oktober 1910 fanden seine ersten Vorlesungen statt. Nach Beendigung des Weltkrieges, den Dirmoser, obwohl. enthoben, dennoch kurze Zeit gelegentlich der Einnahme Belgrads 1915 auf eigenes Ansuchen hin im Verbände der ersten 15 cm M 15-Autokanonenbatterie an der serbischen Front mitmachte, wurde die Generaldirektion der Skoda-Werke nach Prag verlegt und dadurch der praktischen Tätigkeit Dirmosers in der Waffenfabrik mit Ende 1919 78 Nachwort über die Brüder Dirmoser. ein Ziel gesetzt. Professor Dirmoser widmete sich dann in Wien ausschließlich theoretischen Studien, die namentlich den Zusammenhang zwischen Gasspannungskurve im Geschützrohr und der jeweils auf tretenden Materialspannung im Rohr klärten. Diesen Studien verdankt das Werk Dirmosers aus dem Jahre 1931: „Festigkeitsberechnung von Hochleistungsgeschützrohren mit natürlicher und künstlich gehobener Elastizitätsgrenze“ sein Entstehen; eine Arbeit, welche heute bei den Heeres- und Marine Verwaltungen von 19 Staaten vertreten ist und wohl von jedem Konstrukteur von Geschützrohren zu Rate gezogen wird. Die artilleristische Bedeutung Dr. Oswald Dirmosers liegt auf dem Gebiete der Geschützrohrkonstruktionen, ein Sondergebiet, das voraussichtlich bei dem raschen Vorschreiten der Technik in nicht allzu ferner Zeit auch für den allgemeinen Maschinenbau von Wichtigkeit werden wird, da das Bedürfnis nach Rohren und Gefäßen, welche innerem Druck von mehreren Tausenden von Atmosphären zu widerstehen vermögen, auch heute schon in der Praxis auf tritt. Die vorstehenden Angaben über die Gebrüder Dirmoser erbringen den Beweis, daß an der Fortentwicklung der Artillerie in den ersten zwei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts auch zwei sudetendeutsche Artilleriereserveoffiziere als ganz hervorragende Ingenieure mitgewirkt haben. In einem so ausgedehnten Unternehmen, wie es die Skodawerke waren, gab es naturgemäß viele außerordentlich tüchtige Techniker als Mitarbeiter. Heute nach so vielen Jahren ist es aber sehr schwierig, die verdienstvollsten festzustellen. Als ehemaliger vieljähriger Angehöriger der Schieß Versuchskommission des technischen Militärkomitees bin ich der Meinung, daß sich unter der Gruppe der verdienstvollsten leitenden Direktoren der ehemalige Direktor Dr.-Ing. M. Paul, der -wegen seiner Verdienste um die Schaffung des 30,5 cm Mörsers zum Doktor ehrenhalber der deutschen Technischen Hochschule in Brünn ernannt wurde, befand. Bei den wiederholten Besuchen am Schießplatz Felixdorf kam ich mit ihm in Verbindung. Mir ist bekannt, daß Direktor Dr.-Ing. Paul einen besonderen Ruf, und zwar in der Gruppe der schwersten Kaliber genossen hat. Als der erste 30,5 cm-Mörser Mil und die großkalibrigen Geschütze für die österreichische Kriegsmarine entwickelt wurden, war Dr.-Ing. M. Paul Vorstand der betreffenden Konstruktionsabteilung, während Ing. Richard Dirmoser sein Stellvertreter war. Nachdem Dr.-Ing. Paul dann zum Direktor der Waffenfabrik vorrückte, übernahm Ing. Richard Dirmoser die Konstruktionsabteilung für schwere Artillerie. In diese Zeit fiel dann die Entwicklung eines 30,5 cm-Mörsers M 16 mit vergrößerter Leistung sowie die Entwicklung der 35 cm-Kanone, 38 cm- und 42 cm-Haubitze, der 24 cm-Kanone. An allen diesen Arbeiten hat Ing. Paul als Direktor der Waffenfabrik hervorragend leitend mitgewirkt. Direktor Dr.-Ing. Paul ist daher an den Verdiensten, welche ich bei den beiden Brüdern Dirmoser erwähnt habe, in hohem Maße mitbeteiligt, aus welchen Gründen ich Wiederholungen entfallen lassen kann. Wie bereits erwähnt, war Ing. Oswald Dirmoser vor dem Weltkriege Vorstand der Abteilung für Rohrbau und hat also lediglich auf diesem Gebiete bei der Entwicklung dieser Geschütze mitgewirkt. Während des Weltkrieges wurde dessen Tätigkeit ebenfalls geschildert. Mitteilungen und Berichte. Tätigkeitsbericht des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte in Wien über die Jahre 1938 bis 1940. Das Jahr 1938 stand unter dem Eindruck des überwältigenden Ereignisses, des Anschlusses Österreichs an das große Deutsche Reich. Die großdeutsche Gesinnung, die stets die Grundhaltung des Forschungsinstituts war, und die schon immer durch die freundschaftlichen Beziehungen zum Verein deutscher Ingenieure aufrecht gehalten und gepflegt wurde, kam nun zum vollen Ausdruck, als endlich durch die kühne Tat unseres Führers die Grenzen zwischen den beiden Nachbarländern für immer gefallen waren. Es war daher nicht schwer, den Weg zu finden, der beschriften werden mußte, um in gemeinsamer Zusammenarbeit mit dem Haupt- amtfürTechnik imNSBDTin München, an dessen Spitze Reichsminister Prof. Dr.-Ing. F. Todt steht, jenen Interessen zu dienen, die im nationalsozialistischen Staat voranstehen und die nicht zuletzt mit der Technikgeschichte eng verbunden sind. Denn die maßgebenden Persönlichkeiten des Hauptamtes für Technik erkannten bald den richtigen Sinn des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte in Wien, das in den Berichtsjahren zur ständigen Beratung und Mitarbeit auf dem Gebiete der Technikgeschichte herangezogen wurde. Zu diesem Zweck wurden vor allem verschiedene wissenschaftliche Beiträge verfaßt, die in der technopolitischen Zeitschrift „Deutsche Technik“ veröffentlicht wurden. Die zahlreichen Beispiele von Großleistungen deutscher Technik in Österreich, im Sudetenland sowie im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren erforderten umfassende Vorarbeiten. Auch die Beschaffung des Bildermaterials, unter dem sich viele einzigartige Beispiele befinden, war recht mühsam. Einer Einladung des Hauptamtes für Technik folgend, hat der Leiter des Institutes, Hofrat Dr. e. h. Dipl.-Ing. L. Erhard an dem Gedanken der Schaffung des Hauses der Technik als Gemeinschaftsleistung der deutschen Technik und der deutschen Ingenieure mitgewirkt und an einem Hörspiel-Preisausschreiben, das der Leiter des Hauptamtes für Technik der NSDAP, Generalinspekteur Dr.-Ing. F. Todt in Gemeinschaft mit dem Intendanten des Reichssenders Köln, Gauamtsleiter Dr. Winkelnkemper, zur Erlangung von Hörspielen aus dem Schaffensgebiet der Technik erlassen haben, nahm das Forschungsinstitut in 29 Fällen durch die Überprüfung der eingesendeten Hörspiele auf die Richtigkeit der technischen Tatsachen maßgebenden Anteil. Erbetene Vorschläge für eine geplante technikgeschichtliche 80 Mitteilungen und Berichte. Ausstellung in München, die das Zeitalter Albrecht Di rers aufzeigen sollte, konnten wegen des Kriegsausbruches bisher nicht verwirklicht werden. Laut Beschluß der Sitzung des Arbeitsausschusses des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte und der „Dr. Carl Auer-Welsbach Gedächtnisstiftung'' vorn 2. Februar 1938 hat das Forschungsinstitut in Erfüllung des Punktes 3 des seinerzeitigen Aufrufes zur Ehrung Dr. Carl Auers von Welsbach für die museal- technische Darstellung der drei großen Erfindungen Auers, nämlich des Gasglühlichtes, der Osmiumlampe und der funkenstiebenden Metalle, in der lichttechnischen Abteilung des Technischen Museums in Wien diesem den Betrag von S 2000,—, d. s. KM 1333,33, überwiesen und dem Rektor der Technischen Hochschule in Wien wurden zur Verteilung von Stipendien an sechs würdige Hörer der Technischen Hochschule in Wien und an einen Hörer der Universität in Wien der Betrag von 8 1400,—, d. s. RM 933,34, zur Verfügung gestellt. Die Verteilung dieses Studentenhilfswerkes erfolgte am 21. Dezember 1938. In einer würdigen Feier, bei der der Rektor und der Leiter des Institutes die Verdienste Dr. Carl Auers von Welsbach hervorhoben, wurden den Studenten die Stipendien und das vom Forschungsinstitut für Technikgeschichte herausgegebene Heft 2 der „Blätter für Technikgeschichte“, das die ausführliche „AuER-Biographie“ enthält, überreicht. Als besondere Ehrung für Carl Auer ist es zu würdigen, daß das Deutsche Museum in München einem Antrag des Forschungsinstitutes entsprochen und in seiner Jahresversammlung vom 7. Mai 1939 die Aufstellung einer Auer- Büste im Ehrensaal des Deutschen Museums beschlossen hat. Da eine solche Auszeichnung bisher nur den hervorragendsten Vertretern der Technik aus dem Altreich zuteil wurde, ist diese ganz seltene und erstmalige Ehrung eines ostmärkischen Forschers und Erfinders besonders erfreulich. Die Ausführung der Büste wurde dem Künstler Prof. Dr. Georgii übertragen. Die Überreichung der Büste soll anläßlich der nächsten Jahresversammlung des Deutschen Museums vom Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. H. Ritter von Srbik, vorgenommen werden. Die schon in das Jahr 1936 zurückreichende Anregung zur Ehrung des ostmärkischen Erfinders der Zeitlupe August Musger wurde auch weiterhin im Auge behalten. Das von dem Vorstand der Lehrkanzel für Kinematographie an der Technischen Hochschule in Wien verfaßte Lebensbild über „August Musger, der österreichische Erfinder der Zeitlupe“ ist in dem im Jahre 1938 erschienenen Heft 4 der „Blätter für Geschichte der Technik“ veröffentlicht 1 und hat in den Fachkreisen großes Interesse wachgerufen. Der von Hofrat Ord. Prof. Dr. K. Holey ausgearbeitete Entwurf einer Gedenktafel, die am Geburtshaus August Musgers in Eisenerz zu einem späteren Zeitpunkt angebracht werden soll, ist fertiggestellt. Im Jahre 1938 beging der Leiter des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte, Hofrat Dr. e. h. Dipl.-Ing. L. Erhard seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlaß wurde zu seinen Ehren das 5. Heft der „BfTG“ 2 herausgegeben. Die hierfür notwendigen Vorarbeiten, vor allem die Aufbringung der nötigen Geldmittel und der wissen- 1 Der Inhalt des 4. Heftes der „Blätter für Technikgeschichte“ ist aus dem Tätigkeitsbericht des Forschungsinstitutes für das Jahr 1937 ersichtlich. 2 „BfTG.“ — „Blätter für Technikgeschichte“. Mitteilungen und Berichte. 81 schaftlichen Beiträge, mußten in kürzester Zeit und mit Anspannung der ganzen Arbeitskraft durchgeführt werden. Die zahlreichen Freunde und Verehrer von Hofrat L. Erhard haben freudigen Herzens werktätig dazu beigetragen, um die Geburtstagsgabe des Forschungsinstitutes zeitgerecht darzubringen. Die Schriftleitung übernahm in diesem Falle der Vorsitzende des Arbeitsausschusses Ord. Prof. Dr. K. Holey und an den Redaktionsarbeiten nahm, wie auch bei allen anderen vom Forschungsinstitut herausgegebenen Heften Th. Stampfl tatkräftigen Anteil. Die technikgeschichtlichen Beiträge sind im Sinne der Ziele und Aufgaben des Forschungsinstitutes zusammengestellt und bilden eine wertvolle Fortsetzung der bisherigen Veröffentlichungen: So leitete Prof. Dr. h. c. C. Matschoss mit seinem Beitrag „Technische Kulturdenkmale als Quellen zur Geschichte der Technik“ eine reich bebilderte Studie „Die technischen Denkmäler in Österreich und ihre Verbundenheit mit Volk und Boden“ von Hofrat Ord. Prof. Dr. K. Holey und eine Betrachtung über die „Res tender Schwarzenberg-Schwemmanlagen an der großen Mühl“ von Oberinspektor J. Sames ein, dem sich ein technikgeschichtliches Kulturbild, „Zwei Meister der Kunstmechanik am Hofe Kaiserin Maria Theresias: Ludwig Knaus und Friedrich von Knaus“, von Dipl.-Ing. E. Kurzel-Runtscheiner, anschließt. Der große Anteil, den Österreich an der Entwicklung der Waffenindustrie im vorigen Jahrhundert genommen hat, kommt in dem Beitrag „Josef Werndl und sein Werk“ von Ministerialrat Dipl.-Ing. V. Schützenhofer, Direktor des Technischen Museums in Wien, zur vollen Bedeutung. Die Lebensgeschichte von Julius Lott, des Erbauers der Arlbergbahn, wird eindrucksvoll von Dr. A. Bihl geschildert und beweist das hohe Können auf dem Gebiet des Eisenbahn- und Tunnelbaus in den ostmärkischen Alpenländern. Auch der Beitrag „Aus der Ahnenreihe österreichischer Kraftwagen“ von Ministerialrat Dipl.-Ing. J. Altmann zeigt, daß Österreich nicht nur maßgebend an der Entwicklung des Kraftwagenbaus mitgewirkt hat, sondern daß seine Ingenieure auch heute noch vorangehen im Bau von Kraftwagen für den neuzeitlichen Straßenverkehr. Der „Geschichte einer der ältesten Industriestätten: Treibach in Kärnten“ widmet Generaldirektor Dr. F. Fattinger eine eingehende, auch wirtschaftgeschichtlich interessante Betrachtung, der sich eine anschauliche Schilderung über „Das Werden des Kärntener Bleiweißverfahrens“ von Dipl.-Ing. Dr. F. Sedlacek anschließt. Den beiden Beiträgen kommt überdies eine besondere Bedeutung als Firmengeschichten zu. Daß technischen Neuerungen nicht immer Verständnis entgegengebracht wurde, geht aus dem „Versuch der Einführung der Gasbeleuchtung bei den Salzwerken des Kammergutes“ von Hofrat Dipl.-Ing. C. Schraml deutlich hervor. Eine eigenartige, längst vergessene Schiffahrt, „Die Ladenkarlfahrt auf der Steyr“, bringt Hofrat Dipl.-Ing. E. Neweklowsky in Erinnerung. Welche Bedeutung der Holzbringung im Salzkammergut in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zukam, ist aus dem Beitrag „Der Holzaufzug und die Wasserriesen im Außerweißenbach“ von Hofrat Dipl.-Ing. C. Schraml ersichtlich. Die jahrhundertealten Bestrebungen österreichischer Ingenieure auf dem Gebiet des Wasserbaus schildern die Beiträge von Hofrat Dipl.-Ing. G. Strele, „Die Entwicklung der Wildbachverbauung in Österreich“ und von Hofrat Dr. V. Thiel, „Geschichte der Donauregulierung bei Wien“. Eine interessante Abhandlung über „Bergmännische Zeichen: Die Entwicklung der Bergbauzeichen auf Landkarten. Technikgeschichte, 8. Heft. 6 82 Mitteilungen und Berichte. Bergmännische Wasserzeichen in altem Steyrer Schreibpapier“, von Dipl.-Ing. Dr. F. Kleinbauer bildet den Abschluß der vorliegenden technikgeschichtlichen Veröffentlichung, die nicht nur den Beifall des Jubilars fand, sondern auch in den Fachkreisen des In- und Auslandes gut auf genommen und beurteilt wurde. Am 25. August 1938, dem Geburtstag Hofrats Erhard, wurden diesem die Glückwünsche durch eine Abordnung des Forschungsinstitutes, bestehend aus den Herren Generaldirektor Dipl.-Ing. A. Demmer, Stadtbaudirektor a. D. Präsident Dipl.- Ing. Dr. H. Goldemund, Prof. Dr. K. Holey und Ministerialrat Dipl.-Ing. V. Schützenhofer überbracht. Gleichzeitig überreichte der Vorsitzende des Vereines deutscher Ingenieure in Berlin, Dipl.-Ing. H. Schult, der mit dem Direktor des VD1, Dipl.-Ing. H. Kölzow und Prof. Dr.-Ing. h. c. C. Matschoss, erschienen war, das VDI-Ehrenzeichen. Am 13. Dezember 1938 hielt das Forschungsinstitut für Technikgeschichte eine außerordentliche Festsitzung im Festsaal der Akademie der Wissenschaften in Wien ab, bei der der$n Präsident und Mitglied des Arbeitsausschusses des Forschungsinstitutes, Professor Dr. H. Ritter von Srbik den Jubilar herzlichst begrüßte, worauf dann die Festansprache des Vorsitzenden des Arbeitsausschusses folgte, der in warm gehaltenen Worten die Verdienste Hof rats Erhard um die technischen Wissenschaften und um die Technikgeschichte im besonderen würdigte. Wieder unter der Schriftleitung von Hofrat Erhard erschien 1939 das 6. Heft der „BfTG“. Hierin stellt Dr.-Ing. L. Erhard eingangs den Begriff der deutschen „Volkstechnik“ fest, die gleich dem „Volkslied“ und der „Volkskunst“ in deutschem Blut und Boden wurzelt. Ein Beitrag von Dipl.-Ing. 0. Lanser über „Alte Brücken und Mühlen in Tirol“ führt anschließend viele kennzeichnende Werke alpiner Volkstechnik vor Augen. In einer geschichtlichen Abhandlung „Siebzig Jahre Brennerbahn“ stellt Bundesbahndirektor a. D. Dipl.-Ing. F. Kargl die Entstehung und den Bau dieser Gebirgsbahn dar, bei der erstmalig Kehrtunnels ausgeführt wurden und die nunmehr das technische Kernstück der Achse Berlin—Rom bildet. Ein Bericht über die Festsitzung des Arbeitsausschusses des Forschungsinstituts und eine Besprechung des von Dr. H. Pirchegger verfaßten Werkes „Steirisches Eisen“ schließen dieses Heft ab, das bemerkenswerte Teilgebiete der alpenländischen Technikgeschichte behandelt. Im Jahre 1940 wurde schließlich die endgültige Herausgabe des 7. Heftes der „BfTG“ mit der Abhandlung von Dipl.-Ing. Dr. mont. F. Kernbauer über „Die Entwicklung des Markscheidewesens im Lande Österreich“ ermöglicht, für das die Vorarbeiten schon in das Jahr 1938 zurückreichen. Der Verfasser, ein genauer Kenner der Geschichte des ostmärkischen Bergbaus und seines Vermessungswesens, gibt auf Grund der namentlich in der Ostmark noch zahlreich vorhandenen Zeugnisse ältester Grubenvermessung eine lückenlose Beschreibung der verschiedensten Markscheiderinstrumente, angefangen von den Wachsscheiben, übergehend zu Hängekompassen, Schinzeugen, Gradbögen, Eisenscheiben, Zielinstrumenten mit und ohne Bussole, bis zum Grubentheodolit und anderen neuzeitlichen Vermessungsinstrumenten. Zahlreiche Erstnachweise werden gebracht. Über hundert Bilder und eine klare Gliederung lassen eine lebendige Verbindung einstiger alter Markscheiderinstrumente zum heutigen gesamtdeutschen Markscheidewesen Mitteilungen und Berichte. 83 erstehen. Es wird in diesem Heft aufgezeigt, daß die Wiege des deutschen Bergbaus im Siegerland, im Harz und im Erzgebirge stand; die Wiege der deutschen Markscheidekunst aber stand in den Gauen der Ostmark. Auf Grund des von dem bekannten Geodäten Prof. Dr. E. Dolezal abgegebenen Gutachtens wurde die Herausgabe des reichbebilderten 7. Heftes der „Blätter für Technikgeschichte“ durch das Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten, Abt. IV, in Wien, durch das Sächsische Ministerium für Wirtschaft und Arbeit in Dresden, ferner durch das Hauptamt für Technik im NSBDT in München, durch die Arbeitsgemeinschaft der Hochschullehrer Österreichs, die Österreichisch-Alpine Montangesellschaft in Wien, den Bund der österreichischen Industriellen, Landesverband Steiermark, in Graz und dem Forschungs- und Ehrungsfonds des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte gefördert. Nach dem Erscheinen hat auch noch die Gewerkschaft Radhausberg in Würdigung des guten Gelingens dieser technikgeschichtlichen Studie einen Druckkostenbeitrag gewidmet. Die Druckschrift fand in der Fachwelt die allerbeste Aufnahme. Im abgelaufenen Jahre wurden außerdem noch die Vorarbeiten für die Herausgabe des 8. Heftes der „BfTG“ unter der Schriftleitung von Dr.-Ing. L. Erhard begonnen und nach dessen plötzlichem Tod wurde die Drucklegung dieses Heftes von dem Vorsitzenden des Forschungsinstituts Dr. K. Holey zu Ende geführt. Das nunmehr vorliegende Heft enthält außer der von Dr. K. Holey verfaßten Biographie über Ludwig Erhard einen Beitrag von Dr.-Ing. L. Erhard „Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik“, dem sich eine nach amtlichem Quellenstoff zusammengestellte Studie „Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn, die älteste deutsche Schienenstraße“ von Dr. K. Feiler anreiht. Eine aus dem Nachlaß des im Jahre 1938 verstorbenen Professors der Technischen Hochschule in Wien, Dr. 0. Dirmoser, erworbene Abhandlung berichtet über „Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens“; abschließend widmet Generalmajor a. I). Ing. A. Reutter den Brüdern Dirmoser ein Nachwort. Dieser Darstellung reiht sich ein ausführlicher Tätigkeitsbericht über die Jahre 1938, 1939 und 1940, sowie ein Entwurf eines Merkblattes zur Anlegung von Betriebsarchiven an. Zur Vertiefung und Verbreitung des Begriffes „Volkstechnik“, eines bisher noch ziemlich unerforschten Gebietes der Volkskunde und der Technikgeschichte, wurden seitens des Forschungsinstitutes umfassende Arbeiten geleistet. Zunächst wurden Richtlinien zur genaueren „Begriffsbestimmung der Volkstechnik“ ausgearbeitet und mit einem Aufruf an die Landes- und Heimatmuseen mit der Bitte versendet, damit in den Sammlungsbeständen Nachschau nach Erzeugnissen der Volkstechnik gehalten werde, um auf diese Art einen Überblick über die noch in der Ostmark befindlichen Zeugen alter Volkstechnik zu gewinnen. Diese Anregung wurde von den in Betracht kommenden Stellen mit Verständnis und großem Interesse aufgenommen. Der wissenschaftliche Niederschlag dieser Bestrebungen ist im 5., 6. und 8. Heft der „Blätter für Technikgeschichte“ veröffentlicht. Die gründliche Erforschung und fachliche Würdigung der Volkstechnik bleibt der Technikgeschichte als neue wesentliche Aufgabe im Dienst der Volkskunde und der nationalen Technik Vorbehalten. Das vom Forschungsinstitut gemeinsam mit dem Archivamt verfaßte Merk- G* 84 Mitteilungen und Berichte. blatt zur Anlegung von Betriebsarchiven wurde in dem Band 45 der „Archivalischen Zeitschrift 1 ', Nürnberg 1939, veröffentlicht. Dieses Merkblatt, das auf S. 85 der BfTG/8 abgedruckt ist, sollte den Industriekreisen die Bedeutung der Anlegung von Betriebsarchiven näherbringen und damit auch die Grundlagen für die Verfassung von Denk- und Festschriften der Industrien schaffen. In diesem Sinne sind Verhandlungen mit den beteiligten Kreisen gepflogen worden, die aber durch die Zeitereignisse unterbrochen und noch nicht wieder aufgenommen werden konnten. Zur praktischen Auswertung kam das Merkblatt bei der Anlegung des Werkarchivs der Vereinigten oberschlesischen Hüttenwerke A.-G. in Gleiwitz. Der vom Leiter des Forschungsinstitutes empfohlene und nach Gleiwitz berufene Ing. K. Tänzer wurde zunächst mit der Verfassung einer „Geschichte der oberschlesischen Eisenindustrie“ betraut und ist nun damit beschäftigt, das dortige Werkarchiv einzurichten. Desgleichen wurde auch der Direktion der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg für die Anlegung ihres Werkarchivs das „Merkblatt“ überlassen. Wie schon in der Vergangenheit, so wurden auch in den Berichtsjahren die Karteien des Forschungsinstitutes, die ständig von Th. Stampfl ergänzt und weitergeführt werden und als Zentralnachweis für die ostmärkische Technikgeschichte gut bekannt sind, oft für wissenschaftliche Zwecke benützt. Den Kartei Vormerkungen werden fallweise Anregungen zur Aufnahme von Vorträgen entnommen. In den Berichtsjahren hat ein Radiovortrag in „Radio Wien“ von Prof. F. Schnabel, Heidelberg, über „Ferdinand Redtenbacher“ stattgefunden. Im Tauschwege für die vom Forschungsinstitut herausgegebenen „Blätter für Technikgeschichte“ erhält das Institut wertvolle Fachzeitschriften und Druckwerke. Befreundete Persönlichkeiten und Stellen widmeten dem Forschungsinstitut mehrere Bücher technikgeschichtlicher Bedeutung. Eine Anzahl- von Druckwerken erhielt die Bücherei des Institutes von der Oberschule für Jungen in Klagenfurt, was besonders dankbarst begrüßt wird. Schließlich sei noch erwähnt, daß der Sekretärin Th. Stampfl im Jahre 1939 vom Deutschen Museum in München ein Reisestipendium zum Studium des Deutschen Museums verliehen wurde. Die hierbei gewonnenen Eindrücke wurden bei ihrer Tätigkeit am Forschungsinstitut angewendet. Der Vorsitzende des Arbeitsausschusses: Arch. Dr. K. Holey Ord. Prof, der Technischen Hochschule Wien. Der Leiter des Forschungsinstitutes: Dr.-Ing. L. Erhard t Direktor des Technischen Museums i. R. Merkblatt Zur Anlegung von Betriebsarchiven. 1 ) Entwurf des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte in Wien. Oie stürmische Entwicklung der Güterherstellung und des Verkehres setzte am Anfang des vorigen Jahrhunderts mit der Erfindung der Dampfmaschine ein und erhielt dann durch die Einführung der elektrischen Energie einen weiteren Antrieb. Viele österreichische Industriebetriebe, welche die Wirren des Weltkrieges überdauert haben, bestehen heute noch und hoffen, im glücklich geeinten Großdeutschen Reich einer neuen Blüte entgegenzugehen. Manche Unternehmungen wollen nunmehr mit Fug und Recht durch die geschichtliche Darstellung ihrer Aufbauarbeit und durch den Nachweis ihrer Leistungsfähigkeit die technische und wirtschaftliche Bedeutung ihres Unternehmens bekanntmachen und ins rechte Licht stellen. Derartige Denkschriften und Veröffentlichungen besitzen aber nur dann einen überzeugenden Wert, wenn sie auf zuverlässigen Beweisstücken beruhen. Zur Lösung solcher Aufgaben fehlen aber bei den meisten Werken die notwendigen Quellen und Unterlagen. Um nun dem immer mehr fühlbar werdenden Mangel an geordneten Dokumentensammlungen abzuhelfen, hat das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik im Einvernehmen mit dem Archivamt in Wien schon im Jahre 1932 ein an alle Industriebetriebe des Landes zu versendendes ,,Merkblatt zur Anlegung von Betriebsarchiven“ ausgearbeitet. Da nun vielenorts auch in den Industriebezirken des Altreichs ganz ähnliche Bestrebungen zutage treten, so glauben wir durch die nachstehende Veröffentlichung des österreichischen „Merkblattes“ den gleichgerichteten Absichten deutscher Industriekreise entgegenzukommen . Anlegung von Betriebsarchiven. 1. Nutzen der Betriebsarchive. Es liegt im Interesse der staatlichen und privaten Unternehmungen, die Entwicklung und Geschichte des Unternehmens für alle Zeiten festzuhalten und zu diesem Zwecke Betriebsarchive anzulegen, die in erster Linie den Bedürfnissen und Anforderungen von industriellen Betrieben zu dienen haben. Das Betriebsarchiv soll das Gedächtnis des Unternehmens sein. Es bietet für das Unternehmen vor allem praktische Seiten dar, namentlich in geschäftlichen, juristischen und technischen Fragen: Ein Patentstreit z. B., der auf längst vergessene Fragen und Akten zurückgeht, vermag rasch von der Wichtigkeit eines Archivs zu überzeugen; oder eine auf der Tagesordnung stehende geschäftliche Angelegenheit kann an Hand älterer „Archivalische Zeitschrift“, Band 45, Nürnberg 1939. 8H Betriebsarchive. Aufzeichnungen, Skizzen oder Pläne leichter gelöst werden. Auch aus früheren Mißerfolgen kann, sofern man sie genau kennt, später Nutzen gezogen werden. Das Betriebsarchiv vermag auch die wichtigste Grundlage für die Herausgabe von Festoder Denkschriften des Unternehmens zu bilden, durch deren Veröffentlichung das Ansehen des Unternehmens gehoben und überdies das Gefühl der Gemeinsamkeit aller Werkangehörigen gestärkt werden. Wenn demnach die Betriebsarchive vor allem dem Unternehmen selbst dienen, so ist die Erhaltung technischer, Verwaltungs- und kaufmännischer Archivalien doch auch für die Allgemeinheit und im besonderen für die Wissenschaft von größtem Wert; denn in einer Zeit, wie heute, in der Technik und Wirtschaft eine so beherrschende Rolle im Leben der Völker spielen, ist es unmöglich, ein gutes Bild von den Geschehnissen zu geben, ohne die Entwicklung der einzelnen Betriebe mit zu betrachten. Das ist aber nur an Hand von Quellen möglich, also von den in den einzelnen Unternehmungen öffentlicher oder privater Natur liegenden Archivalien. — Selbstverständlich sind die Archive streng geheim; sie sollen nicht irgendwelche Geschäftsspionage ermöglichen. — Für die wissenschaftliche Forschung genügt es zunächst, zu wissen, daß die Archivalien gesammelt werden, vor Vernichtung geschützt sind und wo sie sich befinden. Auch die staatlichen Archive geben ihre Schätze erst nach einer Reihe von Jahren oder Jahrzehnten zur wissenschaftlichen Benutzung frei. Die Wissenschaft, sei es nun die Geschichte, die Volkswirtschaftslehre oder die Soziologie, verlangt nur, daß die Quellen für ihre Forschung in möglichster Vollkommenheit und unbeeinflußt von den derzeit handelnden Personen erhalten bleiben. 2. Anlegung und Führung von Betriebsarchiven. Das Betriebsarchiv soll von einem mit allen Zweigen des Unternehmens vertrauten Archivleiter geführt werden, am besten von einem Fachmann, der mit dem Unternehmen selbst verwachsen ist und auch Verständnis für die Anlage eines Archivs hat. Was ist in Betriebsarchiven zu sammeln? 1. Technische Akten: a) ‘Denkschriften, Gutachten und Berichte aller Art über technische Versuche und technische Fortschritte innerhalb des Unternehmens, auch über Mißerfolge; Protokolle aller Art über wichtige technische Berechnungen, ferner Prüfungskarten von Maschinen, Maschinenprotokolle, dazugehörige Pläne, Grubenkarten, Zeichnungen und Entwürfe, auch wenn sie nicht zur Ausführung gekommen sind. b) Für die Firma wichtige Berichte über technische Fortschritte außerhalb des Unternehmens, Reiseberichte und Besichtigungen bedeutender technischer Betriebe usw . c) Berechnungsunterlagen für Gestehungskosten, Produktionsstatistik usw. d) Wichtige Berichte von Zweiganstalten und angeschlossenen Unternehmungen. e) Persönliche Erinnerungen, Briefwechsel, Tagebücher von bedeutenden Männern der Firma, insbesondere der Gründer des Unternehmens. Hierher gehören aber Betriebsarchive. 87 auch Aussagen und Erinnerungen alter Werkangehöriger, die lange in der Firma arbeiteten und manchmal viel über frühere Zeiten zu berichten wissen, besonders wenn schon die Väter im gleichen Unternehmen tätig waren. 2. Verwaltungsakten: a) Verträge aller Art. b) Aus der Buchhaltung: Hauptbücher, Jahres- und, wenn nötig, Monatsbilanzen, Geschäftsberichte mit Unterlagen. e) Juristische Akten und Patentakten. d) Jahresberichte, Niederschriften über die Generalversammlungen und Verwaltungsratssitzungen . e) Statistische Übersichten aller Art, namentlich Lohnstatistik. f) Sozialpolitische Akten, z. B. Akten über Tarif- und Lohnfragen. g) Entscheidungen der Steuerbehörden mit zugehörigen Akten. h) Personalakten, nach Ausmusterung der wirklich wertlosen. i) Rundschreiben und Verfügungen über Organisations- und Betriebsfragen. 3. Kaufmännische Akten: a) Den Einkauf betreffend: Herkunftsstatistik, Preisbewegungen usw. b) Den Verkauf betreffend: Produktions-, Verkaufs- und preisstatistische Übersichten usw. c) Besonders wichtige Geschäftsbrief Wechsel, insbesondere mit ausländischen Bestellern und anderen wichtigen, z. B. öffentlichen Auftraggebern. 4. Drucksachen und sonstige Unterlagen: a) Alles, was im Bereich der Firma gedruckt worden ist; von Formularien ist je ein Muster aufzubewahren. b) Bilder von Persönlichkeiten und Aufnahmen von Betriebsstätten und deren Einrichtungen. c) Warenproben, Muster und Modelle. Die hier angeführten Listen sind keineswegs vollständig, sondern sollen nur als Beispiel dienen. Der wichtigste Grundsatz beim Anlegen von Archiven ist: Besser zuviel als zu wenig aufzuheben. Was zuviel ist, kann man später, falls es sich als wertlos erweisen sollte, immer noch vernichten. Wann sollen die verschiedenen Bestände dem Betriebsarchiv ein verleibt werden ? — Das hängt vor allem von den Bedürfnissen des Betriebes ab. Im allgemeinen wird schon nach einer Reihe von Jahren, z. B. zehn Jahren, der größte Teil des Materials in das Archiv übergeführt werden können. Vor der Übernahme des Materials aus der Registratur in das Archiv soll dieses unter Mitwirkung des Archivleiters gesichtet und Wertloses ausgeschieden werden. Nichts darf ohne Wissen des Archivleiters vernichtet werden. W o das Archiv räumlich unter zu bringen ist, wird von den Umständen abhängen. Hauptbedingung ist, daß es vor Feuchtigkeit, Feuer, Einbruch und möglichst auch vor Luftangriffen geschützt ist. Es soll den Angehörigen des Betriebes nicht 88 Betriebsarchive. allgemein zugänglich sein und Betriebsfremden nur mit Bewilligung der Werkleitung zu Forschungszwecken dienen. Wie das Archiv anzulegen ist, kann nicht für alle Fälle gültig beantwortet werden. Im allgemeinen ist das sog. Provenienz- oder Herkunftsprinzip zu bevorzugen, wonach die Archivalien gemäß ihrer Herkunft im wesentlichen in jenem Zusammenhang belassen werden, wie sie aus dem Geschäftsgang der einzelnen Abteilungen des Unternehmens entstanden sind. Die Mängel dieser Anordnung nach dem Herkunftsprinzip können durch die Anlegung einer genauen Sachkartei behoben werden. Es kann aber auch wohl begründete Ausnahmen geben, so daß eine Ordnung nach dem Inhalt der einzelnen Stücke zweckentsprechend ist. Für größere Zeichnungen usw. müssen eigene Mappen oder Rollen mit entsprechenden Bezugszahlen verwendet werden. Der Geschicklichkeit des Archivleiters bleibt es überlassen, die richtige Art und Weise der Anordnung des Archivs zu finden. 3. Beratende Stellen und Ämter. Es wird empfohlen, sich in archivtechnischen Fragen mit den zuständigen Stellen ins Benehmen zu setzen, also in Wien und Niederösterreich mit dem Archivamt, Wien I, Minoritenplatz 1, und in den Ländern mit den Landesarchiven. — Sehr zweckmäßig wäre für die Benutzung des Betriebsarchivs das Vorhandensein einer genauen Kartei, über deren Anlegung gleichfalls die Landesarchive um Aufschluß zu ersuchen sind. — Die Landesarchive wuirden vom Amt des Reichsstatthalters, Abteilung 2, angewiesen, derartige Ratschläge und Auskünfte unentgeltlich zu erteilen. Wegen der Wichtigkeit von Betriebsarchiven und der Erhaltung der entsprechenden Archivalien haben sich der Bund der österreichischen Industriellen und seine Landesverbände und Unter verbände bereit erklärt, Mitteilungen von Betrieben aller Art über die Anlegung von Archiven entgegenzunehmen und sie an das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik, welches eine Kartothek über die in Österreich angelegten Betriebsarchive einrichten wird, weiterzuleiten. Es ergeht daher an alle Industrieunternehmungen die Bitte: 1. Wenn dortseits ein Betriebsarchiv besteht, dies dem Bund der österreichischen Industriellen oder dem Landesverband oder Unter verband zu berichten. 2. Falls noch kein Betriebsarchiv bestehen sollte, ein solches anzulegen und dessen Anlegung dem Bund der österreichischen Industriellen, dem Landesverband oder Unterverband bekanntzugeben oder zu berichten, warum die Anlage nicht möglich ist. 3. Archivalien und insbesondere Urkunden auf gelassener Betriebe weiterhin aufzubewahren und deren Standort dem Bund der österreichischen Industriellen, dem Landesverband oder Unter verband mitzuteilen, oder 4. diese Archivalien aufgelassener Betriebe im Wege des Bundes der österreichischen Industriellen, des Landesverbandes oder Unterverbandes dem zuständigen Landesarchiv zur Verfügung zu stellen, woran die Bedingung geknüpft werden kann, daß die Benutzung dieser Archivalien auf eine Reihe von Jahren gesperrt werden soll. Inhaltsverzeichnis. Seit« Vorwort. Von Karl Holey, Wien. 1 Ludwig Erhard. Von Karl Holey, Wien. 3 Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik. Von Ludwig Erhard f, Wien. 28 Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn, die älteste deutsche Schienen- straße. Von Karl Feiler, Wien. 42 Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. Von Oswald Dirmoser f, Baden bei Wien. 55 Mitteilungen und Berichte: Tätigkeitsbericht des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte in Wien über die Jahre 1938 bis 1940 . 79 Merkblatt zur Anlegung von Betriebsarchiven. 85 [ Manzsche Buchdruckerei, Wien IX. I