FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE ELFTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: MINISTERIALRAT DIPL.-ING. V. SCHÜTZENHOFER MIT 41 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER»VERLAG • 1949 BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE ■ ■ FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE ELFTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: MINISTERIALRAT DIPL.-ING. V. SCHÜTZENHOFER MIT 41 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG • 1949 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, Vorbehalten Printed in Austria Inhaltsverzeichnis Seite Goethe, Naturwissenschaften und Technik. Von Franz Kirnbauer. 1 Alois Negrelli, sein Lehen und sein Werk. Von Viktor Schützenhofer . 36 Erinnerungen an Rudolf Wegscheider. Von Anton Skrabal . 55 Franz Freiherr von Wertheim. Ein Lebensbild aus der Gründerzeit. Von Erich Kurzel-Runtscheiner . 65 Die Schreibmaschine des Grafen Neipperg. Von Heinrich Benedikt. 77 Zur Geschichte der Metallwerk Plansee G. m. b. H. in Reutte, Tirol. Von R. Kieffer und F. Benesovsky . 82 Schiffahrt im Pongau. Von Heinrich Benedikt . 92 Technikgeschichtliche Bücherschau. Von Erich Kurzel-Runtscheiner. 98 Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1950. Von Therese Stampfl .113 Goethe, Naturwissenschaften und Technik. Von Dipl.-Ing. Dr. mont. Franz Kirnbauer, Wien-Mödling. Mit 11 Abbildungen. Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide gehören, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden. Johann Wolfgang von Goethe. Maximen und Reflexionen. Das Jahr der 200. Wiederkehr des Geburtstages Johann Wolfgang v. Goethes gilbt der gesamten Kulturwelt Anlaß, dem Genius des großen Dichterfürsten Huldigungen darzubringen. Goethes umfassende Beziehungen zur gesamten Geistes- und Ideenwelt weiden in den Mittelpunkt zahlreicher Untersuchungen gestellt, seiner überragenden Persönlichkeit als Dichter, Seher und Forscher auf allen Gebieten des Wissens wird erneut gedacht. Nicht nur Dichtkunst in höchster Weisheit und Vollendung, sondern auch die Gabe forschender Nabur- betrachtung waren Goethe in hohem Maße eigen. Oft wurde Goethe hingestellt als der ideelle Überwinder großer Widerstände, als Bekämpf er alles Materiellen durch Geistiges und Ewiges. Und doch stand dieser große Geist und Herrscher im Reiche der Ideen wie selten einer mit beiden Füßen fest verwurzelt auf dem Wirklichkeitsboden des Menschentums. Ein eigenartiges Geschick hat es gefügt, daß gerade der Bergbau, dieser durchaus wirkliche, erdgebundene Zweig menschlichen Wissens und Schaffens, ihm in einer derart bedeutenden Epoch e seiner dichterischen Entwicklung, wie sie der Beginn der Weimarer Zeit darstellt, besonders nahe gestanden ist und ihn auch sein ganzes Leben lang begleitet hat. Goethes Beziehungen zu den Naturwissenschaften und zur Technik sind überaus (mannigfaltig und zahlreich. Sie in knapper Darstellung in den nachfolgenden Betrachtungen zusamm enf assend wiederzugeben, mag das Goethe- Jahr 1949 der Anlaß sein, um daraus ein Bild der umfassenden Persönlichkeit des Sehers und Deuters von Weimar (Bild 1) entstehen zu lassen. Es ist verständlich, daß Fragen, die wir heute etwa mit dem Begriff „Technik und Volk“ bezeichnen, 2 Franz Kirnbauer an geschlossen und kurz mitumtersucht werden. Auch soll die Einstellung Goethes zu den sozialen Problemen der damaligen Zeit am Beispiel jener dies dem Dichter besonders ans Herz gewachsenen Bergmannstandes kurz erläutert werden. I. Goethe und die Naturwissenschaften. Bei Beginn seiner Naturibetradhtungen sagte Goethe: „Die ernstliche Leidenschaft, womit ich diesem Geschäft naohhing, konnte niemand begreifen, niemand sah, wie sie aus meinem Innersten entsprang; sie hielten dieses löbliche Bestreben für einen grillenhaften Irrtum, ihrer Meinung nach könnt’ ich was Besseres tun und meinem Talent die alte Richtung lassen.“ Selbst die Freunde haben Goethe in diesem Punkte nicht verstanden. Die naturwissenschaftlichen Bestrebungen gehören aber trotzdem notwendig zu seinem Bilde. Sie sind Bekenntnisse, die, wie seine Gedichte, wie sein Faust, „seinem Innersten entsprungen sind“ und in denen sich sein eigenstes Wesen ausspricht und befreit. Der Naturfoscher Goethe steht heute gleichberechtigt neben dem Dichter Goethe vor uns. Überraschend sind die überaus große Umschau und die tiefe Gesamt- schau, die Goethe bei seinen naturwissenschaftlichen Betrachtungen und Forschungen erreichte und uns zu übermitteln bestrebt war. Die Gestalt Goethes als Naturforscher ist so groß und so umfassend, daß seinem Ruhm kein Abbruch getan wird, wenn festgestellt wird, daß er in einigen Fragen, wie etwa in der physikalischen Farbenlehre, irrte. Die Naturforschung Goethes erstreckte sich über alle Bereiche der Natur. Den Pflanzen, Tieren, Mineralen und Gesteinen, den Farben und den atmosphärischen Erscheinungen galt sein Forschen. Goethe bleibt stets im Bereiche der uns umgebenden Erdenwelt. Aber alle seine Schriften haben eine Heimlichkeit, ein Geheimnis, welches offenbar wird in seinen Dichtungen. Diese vermögen ihre Bedeutung für das Erkenntnisstreben der Menschheit — das seinem Wesen nach über unsere enge Erdenumwelt und Gegenwärtigkeit hinausstrelbt — nicht zu enthüllen, wenn sie im gewöhnlichen Sinn als Dichtungen hingenommen werden. Sie gelten heute den meisten noch als Bild 1. Johann Wolfgang v. Goethe. Nach einem Ölgemälde von Kügelchen (1808). Mü ai: t*Ss*y. Goethe, Naturwissenschaften und Technik. 3 ein Spiel der Phantasie, von freilich großartigen Ausmaßen, aber nicht als heilige Offenbarungen tiefer Naturgeheimnisse. Im nachstehenden wind versucht, die Beziehungen Goethes zu den einzelnen Zweigen der Naturwissenschaften, wie Chemie, Biologie, Medizin und Pharmazie, Mathematik, Physik, Meteorologie, Mineralogie und Geologie kurz, aber möglichst erschöpfend zu umreißen. So weit als angängig, werden des Dichterfürsten eigene Worte und Zeugnisse hierzu verwendet werden. Chemie. 'Goethes erste Beziehungen zur Natur sind überraschenderweise einer Beschäftigung mit der Alchemie zu verdanken, einer Disziplin, auf der heute allgemein der Schatten unwissenschaftlicher Betrachtungsweise liegt. Und doch waren jene Frankfurter Monate, in denen Goethe, als Zwanzigjähriger krank aus Leipzig zurückigekommen, zuerst dem Tode nahe war und dann durch einen Adepten der geheimen Künste auf geheimnisvolle Weise geheilt wurde, entscheidend für sein ganzes Leiben. Als kranker Jüngling wurde er in einen optisch- alchemistischen Kreis eingeführt. Nach dieser Krankheit, während welcher er die Wirkung der nach chemischer Kunst bereiteten „Salze“ an sich selbst kennenlernte, trat Goethe in ein unmittelbares Verhältnis zur Chemie, und zwar experimentierend und dem Bedürfnis nach Anschauung und „gegenständlichem Denken“ genügend. Ein „Faust“ hätte nie entstehen können, wären Goethe nicht Leben und Arbeit eines Alchemisten aus eigener Anschauung und eigener Tätigkeit bekannt gewesen. Aber auch Goethes spätere Einstellung zur Natur und insbesondere auch sein auf das Empirische gerichteter Forschungsdrang liegen in der damaligen Lektüre und Tätigkeit beschlossen. In diesen alchemistisch-mysti- schen Bereich wurde Goethe durch Susanne von Klettenberg, die „Schöne Seele“ aus Wilhelm Meisters Lehrjahren, eingeführt, die selbst, als Großnichte eines bekannten Alchemisten, Anschauungen dieser Art huldigte und sogar mit eigener Hand laborierte. Obwohl sich Goethe mit den Grundgedanken der Alchemie viel und eingehend beschäftigte, hielt er offensichtlich von der praktischen Alchemie nicht allzu viel, zumal ihre Lehren „mit einem unerträglichen Einerley“ wiederholt wurden, und zwar als Auslegung und Weiterführung älterer philosophischer und mystischer 'Gedanken. Diesen „poetischen Teil der Alchemie“ war er jedoch bereit, gelten zu lassen, „wenn er mit freyem Geiste behandelt wird“. Als eine Erinnerung an 'Goethes alchemistische Studien mag man die Verse im „Faust I“ (Vor dem Tore) ansehen: „— — Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier, Im lauen Bad, der Lilie vermählt. Und beide dann, mit offnem Flammenfeuer, Aus einem Brautgemach ins andere gequält. Erschien darauf mit bunten Farben Die junge Königin im Glas; Hier war die Arznei, die Patienten starben, Und niemand fragte: Wer genas?-“ Die Stelle 'bezieht sieh auf die „Reinigung“ der „unedlen“ Körper, der Metalle und Metall Verbindungen mit dem Stein der Weisen, dem Lapis phiilosophorum, als 4 Franz Kirnbauer eigentlichem Ziele. Der „Rote Löwe“ ist eine Bezeichnung für Gold und Goldverbindungen, die Lilie kann als Silber gedeutet werden. Der Ausdruck „gequält“ soll den künstlich-gewaltsamen chemisch-alchemistischen Veredlungsprozeß veranschaulichen. Der Übergang von der Alchemie zur exakten Chemie fiel gerade in die Lebenszeit Goethes und war bedingt durch die Einführung der messenden Methode an Stelle der bisherigen rein qualitativen Experimente, namentlich durch den großen Franzosen Lavoisier. Daß sich der Dichter auch mit der reinen und angewandten Chemie eingehend beschäftigte, werden wir später noch hören. Kurz möge hier folgendes erwähnt werden: Der 21jährige Goethe hörte in Straßburg (1770) auch Chemie hei Professor Spielmann. Im selben Jahr wurde er mit der angewandten Chemie anläßlich eines Ausfluges nach dem Unter-Elsaß und Lothringen bekannt. Er schrieb darüber: „Hier wurde iöh nun eigentlich in das Interesse der Berggegenden eingeweiht, und die Lust zu ökonomischen und technischen Betrachtungen, welche mich einen großen Teil meines Lebens beschäftigt haben, zuerst erregt.“ Als „Geheimer Legationsrat“ in Weimar war Goethe bereits als interessierter Techniker, wie wir noch sehen werden, bestrebt, Glashütten >zu besichtigen, in Bergwerke 'zu fahren, Silberproben zu machen und das Ilmenauer Bergwerk wieder in Gang zu bringen. Mit den chemischen Beratern in Jena (Göttling, Döbereiner, Wackenroder) war Goethe ununterbrochen an chemisch-technischen Problemen tätig. Durch seine zahlreichen Reisen lernte er die verschiedenartigsten Fabrikationszweige kennen, wie die Porzellanmanufaktur in Berlin (1778), Bergwerke von Joadhimstal (1785) und Freiberg (1812), das Arsenal in Venedig (1786), das Salzbergwerk von Wieliczka (1790), die Spinnereien in Chemnitz, die Glashütte in RedWitz (1822) u. a. mehr. „Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die äußere Welt wirken“, so lehrte Goethe, und von der Chemie rühmte er, daß sie „von der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten Einfluß aufs Leben sich erweist“. Neben dem Verdienst um die experimentelle Ausgestaltung des Chemieunterrichts in Jena ist es Goethe hoch anzurechnen, daß er die Stellung der Chemie zu einer wissenschaftlichen Disziplin der philosophischen Fakultät gefördert hat. Eine besondere Bedeutung maß Goethe alsbald den elektrochemischen Vorgängen bei und verblieb bis an sein Ende bei dieser Einstellung. Noch 1832 schrieb er an Wackenroder: „Es interessiert mich höchlich, inwiefern es möglich sei, der organisch-chemischen Operation des Lebens beizükommen ...“ Medizin und Pharmazie. Goethe besaß großes Vertrauen zu den Ärzten und deren Heilmitteln, aber auch genügend gesunde Kritik ihnen gegenüber, wie dies aus zahlreichen Aussprüchen hervorgeht. Der ärztlichen Kunst brachte er jederzeit großes Interesse entgegen. In „Dichtung und Wahrheit“ berichtete er aus seiner Leipziger Zeit: „In solcher Zierstreuung und Zerstückelung meines Wesens und meiner Studien traf sich, daß ich bei Hofrat Ludwig den Mittagstisch hatte. Er war Mediziner, Botaniker, und die Gesellschaft bestand aus lauter an- Goethe, Naturwissenschaften und Technik. o gehenden oder der Vollendung näheren Ärzten. loh hörte in diesen Münden gar keim anderes Gespräch, als von Medizin oder Naturhistorie, und meine Einbildungskraft -wurde in ein ganz anderes Feld hinübergezogen ... Viele Benennungen und eine weitläufige Terminologie wurden mir nach und nach bekannt.“ Die medizinischen Fächer kamen dem angeborenen Hang Goethes zum Sinnfälligen entgegen. Er studierte Paracelsus und Boerhaave. In Weimar 'beschäftigte sich der Dichter auch mit Anatomie. Sein ganzes Leben hindurch pflegte er den mündlichen und schriftlichen Verkehr mit Ärzten. Trotzdem sagte Goethe einst humorvoll: „loh habe wieder die Medizin zu Hilfe gerufen; so lange sie als Schlotfeger zu wirken hat, habe ich Vertrauen zu ihr.“ Außerdem besitzen wir von Goethe eine fröhliche Lobrede auf die Chirurgie, die lautet: „Ich sage dir mein Kind, ein Chirurgus ist der verehrungswürdigste Mann auf dem ganzen Erdboden ... der Medicus kuriert die eine Krankheit weg, die andere herbei und du kannst nie recht wissen, ob er genützt oder geschadet hat. Der Chirurgus aber befreit dich von einem reellen Übel, das du dir selbst izugezogen hast oder das dir zufällig oder unverschuldet über den Hals gekommen; er nützt dir, schadet, keinem Menschen, und du kannst didh un- widersprechlich überzeugen, daß deine Kur gelungen ist.“ In den Gesprächen mit Eckermann sagte Goethe: „Es ist unglaublich, wieviel der Geist zur Erhaltung des Körpers vermiag. Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibs, allein der geistige Wille und die Kräfte des oberen Leibes halten mich im Gange. Der Geist muß nur dem Körper nicht nachgeben.“ Und in einem seiner Briefe schrieb er allerdings auch: „Man ist übel daran, wenn man den Ärzten nicht vertraut und doch ohne sie eich nicht 30 fl c 8 bC £ p* fl fl fl p n •S Ph 02 «4a (H w a> A ft. <; 02 © *s ft ’S- a fl o w > 43 rfl © SO = »s s ! a 3 Ti © «23 „ S ® £ fl © A .2 '© S H ft g 43-fl g r\ W — H“ «4H i ft tUO a 5 fl rt. w © *■ ■ fl ft^ 3 fl © n o ^ > "2 ^ 5 ü © 2 6 s fl © 30 © © ^'3 fl 4P © rfl 2 © bJD "7 S ft 2 ^ fl S ® fl P :g ft 4) © ‘fl :/2 rfl l P 1 s 2 4 - - r2 •fl ’S •1=1 'd 0-| Ö ©PN O) * * *■0 fl fl HH 43 ’A,** rfl .9 fl 2 rfl © ® Sq > fl+=> © N^.ra ^ O a £ fl o s ft a- h: h- © p 33 ft ft ft -4 a © 3D © N i bD 4* © £ CG fl fi c8 fl bß fl :c8 bC (H o > fl o< 4^ © 43 f S o8 M 3-S 'S ä ® fl ft © fl! fl bc © fl Q fl M »d so I © <1 a o fl :c3 rfl ft fl ft t>i H © ft fl © fl 08 ~ rfl 43 © «t-l W c8 ö b <1 ® 43ft c8 ^ ft H fi b © © ft Ti SS *d 0? S| © ^ fl © ft fl © bC «H fl •• N fl 'S® rfl ^ ft bc fl fl «4 £ © a s.5p • 2 is .2 EH ft 02 fl © £ os . a &,© Ä o p © 'S O fg'-s fl Orfl M ' cQ a st s ® rfl T ft o p ft 13 2 * der Wolken | I Affinität 14 Franz Kirnbauer sie sugar mit eigenen Augen sehe.“ Das entspricht dem Wesen der GoETHEschen Naturbetrachtung: „ ... wir gewöhnen uns vielmehr, die Idee in der Erfahrung aufzusuchen, überzeugt, diaß die Natur nach Ideen verfahre, ingleiohen daß der Mensch in allem, was er beginnt, eine Idee verfolge.“ In seinem Aufsatz ,.Bedenken und Ergebung“, der einen tiefen Einblick in des Dichters Gedankenwelt gewährt, schreibt Goethe den entscheidenden Satz: „Die Schwierigkeit, Idee und Erfahrung miteinander zu verbinden, erscheint sehr hinderlich bei aller Naturforschung. Die Idee ist unabhängig von Kaum und Zeit, und Naturforschung ist in Raum und Zeit beschränkt.“ Das ist ein klares Bekenntnis zum Idealismus und eine Absage an alle NEWTONsche und moderne Erfahrungswissenschaft, die sich niemals durch Ideen an der Forschung „behindern“ läßt. Mineralogie und Geologie. Schon auf seinem Ritt nach Straßburg (1770) und seiner anschließenden ersten Reise ins Saargebiet hatten Goethe die Steine der Landstraße im besonderen Maße gefesselt. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man das Interesse des Dichters an Mineralen und Gesteinen bereits auf die Kenntnis der damals berühmten, in Frankfurt am Main befindlichen SENCKENBERGischen Sammlung zurückführt, die dem Knaben Goethe sicherlich bekannt geworden ist. War doch Senckenberg der Hausarzt der Familie Goethe gewesen. Als der Dichter des Werther nach Weimar kam, trat er nicht nur in den übermütigen Kreis eines kleinen Hofes ein, sondern lernte als Minister bald auch die Nöte eines durch Krieg und politische Verwicklungen verarmten Landes kennen: Der Landbau sollte modernisiert, der Straßenbau entwickelt, der verfallene Bergbau wieder in Blüte gebracht werden. Bis dahiin hatte ein klares Künstlerauge die unendliche, schöne Natur nur bewundert; jetzt sollte die Natur eines einzelnen Gebietes zum Wohle seiner Bewohner gemeistert werden. Mit jugendlichem Feuereifer stürzte sich Goethe daher in die ihm bisher fremde Welt wirtschaftlicher Gebiete. Als Vorbedingung für diese Arbeiten erkannte Goethe intuitiv die Notwendigkeit der Beherrschung der Grundlagen, nämlich der Mineralogie und Geologie, oder, wie man damals sagte, Geognosie, wozu ihn aber auch eine ganz ausgesprochene persönliche Neigung trieb. Ein alter Silbererzbergbau (bei Ilmenau sowie ein kleines Kohlenbergwerk bei Manebach waren schon vor Jahrzehnten zum Erliegen gekommen. Unterirdische Wassereinbrüche hatten die Weiterarbeit unmöglich gemacht. Jetzt sollten die Wässer gebändigt, die Schächte wieder eröffnet werden. So entzog sich Goethe dem tollen Treiben der Jagd in den Thüringer Wäldern und wunderte mit dem Hammer durch Felsen und Stollen, um die geologischen Voraussetzungen seiner neuen Tätigkeit zu gewinnen. Ein junger Bergmann, der Sohn des weimarisdhen Ministers Voigt, wurde zu dem berühmten Mineralogen Abraham Gottlob Werner nach Freiberg geschickt und der bekannte Berghauptmann von Trebra aus Clausthal als Berater gewonnen. Über den Weitergang des Ilmenauer Bergwerkes wird später noch berichtet werden. Goethe über, als Mann der Tat und selbständiger Beobachtung, wollte mit eigenen Augen den Oberharzer Bergbau kennenlernen, um Vergleiche ziehen Goethe, Naturwissenschaften und Technik. 15 zu. können. Und so ritt er im November 1777 — sich nach einer Wildschweinjagd am Ettersberg heimlich von seinen Gefährten trennend — nach Norden, um sich an den Abhängen des sagenumwobenen Blocksberges zu seinen Unternehmungen im lieblichen Tale der Ilm vorzubereiten. Es ist bekannt, daß auch ein persönliches Erlebnis diese Reise mitbestimmte — aber wer die „Harzreise“ kritisch liest, der erkennt bald, welche Bedeutung der Oberharzer Bergbau für den jungen Dichter besaß. Die gewaltigen Blockfelder, die den Brocken damals noch von allen Seiten umgaben, die kleinen elenden Bergdörfer, die undurchdringlichen Dickichte und das Brausen des Novembersturms in den zusammengebrochenen Wäldern blieben in der Seele des Dichters ebenso lebendig, wie das Einfahren der Bergleute in den dunklen Schacht hinab zu dem „Muttergestein“ des Erzes, dem geheimnisvollen Granit in der unerforschbaren Tiefe. Erfüllt von neuen Eindrücken, kam Goethe nach Weimar zurück. Und wenn Herder schreibt: „eine der lächerlichsten Genieperioden war die bergmännische in Weimar, als die Bergwerke von Ilmenau wieder gangbar gemacht werden sollten; da war der Mensch gar nichts, der Stein alles“, so sieht man daraus, wie wenig selbst ein so geistvoller Mann die eigentlichen Motive des forschenden und arbeitenden Freundes verstand. Die Sorgen, die der begonnene Schacht verursachte, die Gelder, die er verschlang, die beständig zunehmenden technischen Schwierigkeiten hatten an Goethes Entschluß, nach Italien, dem glücklichen Land des Südens, zu fliehen, einen wohl nicht geringen Anteil. Auf seiner Italienfährt kam Goethe nun mit ganz neuen geologischen Problemen in Berührung: der Felsenbau der Alpen, die Kette des Apennins und besonders die dampfenden Vulkane wirkten mächtig auf sein Auge und seinen Verstand (Bild 4). Eine Fülle klassischer Beobachtungen, klarer Deutungen und heute noch bemerlkenswerter Gedankengänge begegnet uns in seinen Briefen. Man hätte glauben sollen, daß ein so guter Beobachter an der Hand dieses den meisten deutschen Geologen nicht zur Verfügung stehenden Materials in dem inzwischen entbrannten Streit um die Natur des Basaltes ein endgültiges und bleibendes Urteil abgeben könne — aber gerade hier versagte Goethe. Unter dem persönlichen Einfluß des weltberühmten Abraham Gottlob Werner, Professors für Mineralogie an der Bergakademie Freiberg und seiner Schüler schwankte er hin und her. und selbst die vermittelnde Meinung des Geologen Bild 4. Der feuerspeiende Vesuv. Aquarellierte Handzeichnung Goethes. 16 Franz Kirnbauer Reuss, der den Basalt als ein ursprünglich neptmiisch, also unter Wasser abgesetztes, dann aber durch Endlbrände „pseudovulkanisch“ umgeschmolzenes Gestein zu erklären versuchte, gab ihm zu immer neuen Zweifeln Anlaß. Diese spiegeln sich deutlich in den folgenden Versen ans den Xeniem wieder: Schöpfung durch Feuer Arme basaltische Säulen! Ihr solltet dem Feuer gehören, Und doch sah euch kein Mensch je aus dem Feuer entstehn. Mineralogischer Patriotismus Jedermann schürft bei sich auch nach Basalten und Lava, Denn es klinget nicht schlecht: hier ist vulkanisch Gebirg! Kurze Freude Endlich zog man sie wieder ins alte Wasser herunter, Und es löscht sich nun bald dieser entzündete Streit. Schon am Ehrenberg bei Ilmenau trat der Granit unter dem erzführenden Schiefer zutage; dann hatte ihn Goethe im Oberharz als „Mutter“ des »i i\i * ' «k * MM mniL ■* < Bild 5. Der Karlsbader Sprudel (Handzeichnung Goethes, mit vielen technischen Einzelheiten). Erzes gesucht und gefunden, jetzt gab ihm ein wiederholter Aufenthalt in Karlsbad (Bild 5) und Eger sowie auf dem Kamm des Erzgebirges Gelegenheit, sich mit diesem mertkwürdigen Urgestein zu beschäftigen. Was Goethe hierbei beobachtet und erschlossen hat, kann heute modi Geltung beanspruchen. Denn den Beziehungen des Granits zu seiner Schieferhülle, die magmatischen Ausscheidungen, die Aplit- und die mineral führenden Pegmatitgänige, die Zinnerze im der Kontaktzone und besonders die rasche Zeitfolge, in welcher diese so verschiedenartigen Massen ausgeschieden worden sein müssen — das alles ist seither im GoETHEsehen Sinne Gemeingut der Wissenschaft geworden. Goethe, Naturwissenschaften und Technik. 17 Besonders eingehend befaßte sich Goethe mit den geologischen Erscheinungen am Kammerbühl (Bild 6). Der Kammerbühl ist ein Hügel im Fichtelgebirge zwischen Eger und Franzensbad. Goethe besuchte iihn zwischen 1808 und 1822 insgesamt achtmal und schrieb mehrere Aufsätze über ihn. Das geologische Problem bestand darin, daß der Steilabfall an der Westseite Basalt, also aus einem vulkanischen Ergußgestein besteht, während der flache, nach Osten verlaufende Rücken des Berges horizontal geschichtetes Schlackengestein ähnlicher Bild 6. Der Kammerbühl (Handzeichnung Goethes). Zusammensetzung aufweiist. Eine dort befindliche Schottergnu'be ließ dies deutlich erkennen. Die Umgebung des Berges ist eine Tertiärlandschaft, demnach alter Meeresboden. Der Kammerbühl wurde im 18. Jahrhundert zunächst als vulkanischer Hügel angesprochen, doch konnte damals die horizontale Schichtung des Ostrückens nicht erklärt werden. Goethe nahm zunächst einen Vulkanausbruch unter Wasser an, später näherte er sich der Ansicht der Neptunisten, die Schichtung sei ein Beweis für die Sedimentierung, das Schlackige sei durch Abbrennen eines darunterliegenden Kohlenflözes entstanden. Aber auch diese Erklärung befriedigte Goethe nicht ganz. Er versprach sich schließlich eine Bild 7. Moderner geologischer Schnitt durch den Kammerbühl. (Schräg schraffiert: Kristallines Grundgebirge; waagrecht schraffiert: Tertiäre Meeresablagerungen; schwarz punktiert: Basalt; schwarz: Vulkanische Aschen, Basalttuff.) (Jahrbuch der k. k. Geolog. Reichsanstalt 1894.) Klärung durch Anlage eines Stollens in Richtung gegen den Gipfel. Dieser wurde 1884—1837 von Caspar Graf von Sternberg auch angelegt und führte zu dem vermuteten Ergebnis: Man stieß 'auf den aus der Tiefe heraufführenden Eruptionsschlot, womit die vulkanische Natur des Berges nachgewiesen war. Die horizontale Schichtung auf dem Ostrücken erklärt sich durch Aufschüttung infolge von Westwinden während der Eruption, wobei die schweren Stücke in der Nähe verblieben und die leichteren in größere Entfernung zu liegen kamen, was man tatsächlich beobachtet (Bild 7). Die Intensität, mit der sich Goethe in die Frage der Granitentstehung — aus dem Erdinmern, vulkanisch, oder als Bodensatzbildung aus dem Wasser, neptuni- stisch — vertiefte, ja geradezu verbiß, geht aus zahlreichen Stellen seiner naturwissenschaftlichen Schriften sowie aus Tagebuchaufzeichnungen hervor. Die 18 Franz Kirn Bauer Natur dos Basaltes und dos Granites 'bewegte damals alle führenden Geister auf dem Gebiete der Mineralogie und Geologie auf das heftigste. Im „Faust II“ läßt Goethe die Worte sprechen: Anaxagoras: Hast Du, o Thaies, je in einer Nacht Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht? Thaies: Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen; >Sie 'bildet regelnd jegliche Gestalt, Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt. In dieser Rede und Gegenrede liegen die drei großen Probleme, die Goethe bis zu seinem Tode beschäftigt haben, klar erkenntlich: Die Katastrophenlehre, der Vulkanismus oder Neptuniismus und das Aktualitätsprimzip. Die Katastrophenlehre von Cuvier und Elie de Beaumont erklärte die Entstehung der Tierwelt wie die Entstehung der Tiere durch plötzliche Vorgänge im Erdinmern. — Der durch Abraham Gottlob Werner in Freiberg geschaffene Neptunismus vertrat die Ansicht, daß der Vulkanismus als eine ganz junge Erscheinung durch Vorgänge in der äußersten Erdrinde hervorgerufen sei. Alles übrige sei durch Abkühlung entstanden. Für die Anhänger des Vulkanismus war dieser eine immer dagewesene Reaktion des glutflüssigen Erdinnera gegen die Rinde. — Das Aktualitätsprinizip sagt aus, daß man die geologischen Vorgänge der Vergangenheit völlig aus den gegenwärtigen Vorgängen erschließen müsse und 'könne. Goethe lehnte aber, da er auf seinen Reisen nirgends revolutionäre geologische Vorgänge sah, die Katastrophentheorie gänzlich ab und bekannte sich zunächst unter Werners Einfluß zum Neptunismus. Er wurde dann aber, wie wir aus den Xenien sahen, bald schwankend. Nachdem er das englische und französische Schrifttum über den Vulkanismus in Ungarn und in den Anden gelesen hatte, kam er zu dem Schluß, daß auch er von allem Anfang an hätte Vulkamier werden können, wenn er von der Auvergne oder den Anden ausgegangen wäre. Auch dem Inhalt mancher späterer Äußerungen nach war und blieb dann Goethe Vulkanier. Die Ursache des Vulkanismus sah er in der inneren Erdwärme. Goethes Irrtum setzte aber dann ein, sobald er die bei dem magmatischen Granit gewonnenen Erfahrungen auf die äußerlich ähnlichen sedimentären Konglomerate übertrug und hier simultane Wirkungen zu sehen glaubte, wo Zeitabschnitte von ungeheurer Ausdehnung zwischen die einzelnen Phasen der Gesteinsbildung fallen. Auf ähnliche Abwege wurde Goethe auch gedrängt, wenn er damals die Quarzgänge in den Grauwaöken und Schiefern der älteren Schichtenfolgen auf gleichzeitige oder wenigstens rasch aufeinanderfolgende Bildungs- kräfte zurüokführen wollte. Wir begegnen hier, wie bei vielen anderen geologischen Erklärungen der GoETHE-Zeit. dem Mangel einer exakten Zeitbestimmung und dem damit zusammenhängenden Unverständnis für die ganz verschiedenen Kräfte und ganz verschiedenen Zeiträume, durch welche dasselbe Gestein nacheinander immer wieder verändert und metamorphosiert worden ist. Noch herrschte unbeschränkt die alte Lehre von der in wenigen Jahrtausenden erfolgten Welterschafifung. Was heute zur selbstverständlichen Voraus- Goethe, Naturwissenschaften und Technik. 19 setzaing jeder Betrachtung erdgeschichtlicher oder paläontologischer Tatsachen gehört: die unendlich langen, aber doch ganz exakt in einzelne Epochen zerlegbaren geologischen Vorgänge — das war damals erst im Werden. Es ist auffallend, daß Goethe das Buch des ihm wohlbekannten Gothaischen Rates Karl Ernst Adolf v. Hoff (1771—1837) in Händen hatte und wohlwollend rezensierte mit den V T orten: „Hier liegt ein Schatz verborgen, zu dem man immer wieder etwas bimzufügen möchte, indem man sich daran bereichert“, sich aber nicht daran hielt.. Denn Hoff war der Begründer der „aktualistisehen Methode“ in der Geologie und Paläontologie, welche aus den Erscheinungen der Gegenwart die Rätsel der Vergangenheit zu lösen sucht. Er stand mit Goethe in persönlichem Verkehr. Von gewaltsamen Bewegungen der Erdrinde wollte Goethe, wie bereits erwähnt, nichts wissen. Ein um 200 n. Ghr. erbauter und um 1600 aus vulkanischer Asche ausgegräbener Serapis-Tempel bei Neapel zeigte die Merkwürdigkeit, daß die Marmorsäulen in einer Höhe von 3—7 Meter von Bohrmuscheln durchbohrt waren. Da solche Muscheln nur in der Brandungszone des Meeres leben, muß man amnehmen, daß der Tempel im Verlauf der Zeit um etwa 8 Meter gesenlkt und dann wieder gehoben wurde. Goethe hingegen erklärte die Sache anders. Er nahm an, daß nach der teil weisen Verschüttung des Tempels ein Fischbehälter existiert habe, in dem die Muscheln gelebt haben. Dieser sei dann ausgelaufen und habe die Muscheln auf das Trockene gesetzt. Goethe war ein eifriger Sammler von Mineralen, Gesteinen, Pflanzenabdrücken, Versteinerungen u. dgl. mehr. Der damals herrschende enge geologische Zeitbegriff war aber auch schuld, daß Goethe mit den Funden von Elefanten, Rbiimozeronten und Urrindern bei Weimar, den Ammonshörnem auf den Bergen von Jena, den Urpflanzen von den Schieferhalden von Ilmenau und manchen anderen ihm vor die Augen tretenden Tatsachen nichts anzufangen wußte und sich lieber den seltenen, schönen Kristallen zuwandte, die ihm von den Bergleuten und Freunden geschenkt wurden. Aber Goethe, der sich mit zunehmendem Alter immer mehr von den Einzeldingen entfernte, um in höchster Anschauung neue Zusammenhänge des Seins und Werdens zu entdecken, war Naturforscher genug, um auch den Weitergang der exakten geologischen Wissenschaft mit ahnungsvollem Interesse zu verfolgen. Und während er an den Geheimnissen des Faust arbeitete, prüfte er immer wieder ältere eigene Gedanken an der Überfülle neu entdeckter Tatsachen. Wir würden von diesen inneren Vorgängen seines Geistes nichts wissen, wenn er uns nicht in seinem Arbeits- wie in seinem Sterbezimmer die unzweideutigen Beweise dafür hinterlassen hätte. In diesem Arbeitszimmer, dessen schlichte Ausstattung in so grellem Gegensatz mit dem mit Kunstschätzen aller Art erfüllten Besuchszimmer steht, sehen wir an der Wand über dem Stehpult eine Anzahl grauer Steinplatten, die von weißen Quarzgängen durchsetzt werden. Sie führten ihm jeden Tag ein seit Jahrzehnten erwogenes Problem vor Augen: nämlich die Beziehungen des mineral- oder erzgefüllten Ganges zu seinem Nebengestein. Einst hatte auch der Oberharzer Bergmann beide Massen für gleichaltrig erklärt, und Goethe hatte 20 Franz Kirnbauer gemeint, diese Anschauung an den magmatischen 'Gängen beim Granit oft bestätigen zu ikönmen — jetzt war die Lehre von den Gängen weitergeschritten, und niemand 'zweifelte mehr daran, daß ein Quarzgang in einer Grauwacke unendlich viel später entstanden sein müsse als das ihn umhüllende Gestein. Hier an seinem Arbeitspult mag Goethe das uralte Bergmannsproblem oft erwogen und sich innerlich mit der neuen Auffassung versöhnt haben. Aber noch viel eindrucksvoller wird uns die Beschäftigung des „Weisen von Weimar“ mit den geologischen Epochen und ihrer unendlich langen Zeitdauer vor Augen geführt, wenn wir in seinem Schlafzimmer an der Wand, auf die jeden Morgen der erste Sonnenstrahl fiel, die damals neu erschienene geologische Zeittafel des Engländers de la Beche sehen, die in einer, bis zum heutigen Tag mustergültig gebliebenen Weise die aufeinanderfolgenden geologischen Ereignisse, die in den verschieden alten Gesteinen enthaltenen Überreste vorzeitlichen Lebens und die mannigfaltigen (geologischen Veränderungen der Erdrinde übersichtlich darstellt. Daneben hängt das von Goethe nach den Angaben Alexander v. Humboldts entworfene Bild der verschiedenen Höhen und Vegetatioms- zonen der Erde, auf dem selbst die vom ersten Luftballon erreichte Höhe eingetragen ist, und von dem noch die Rede sein wird. Kurzum, wir sehen hier in unzweideutiger Klarheit, daß Goethe, während er die Mysterien des zweiten Teiles des Faust diktierte, bemüht war, auch die Zeiträume der geologischen Vergangenheit in sein unendlich erweitertes Weltbild miteinzuordnen. Auch gedankenreiche Notizen über Bau und Entstehung der Erde sind uns aus seinen Tagebüchern erhalten. Im Jahre 1782 sagte Goethe übrigens bereits: „Es wird nun bald die Zeit kommen, wo man Versteinerungen nicht mehr durcheinanderwerfen, sondern verhältnismäßig zu den Epochen der Welt rangieren wird.“ Zum Abschluß der Betrachtungen über Goethes Forschungen auf dem Gebiet der Mineralogie und Geologie mögen nun noch kurz einige Einzelheiten erwähnt werden: Goethe ist als Erstem die Beobachtung zu verdanken, daß der aus Schwerspat hergestellte Bologneser Leuchtstein nur nach Bestrahlung mit violettem Licht leuchtet. Man kann dies wobl als den Anfang der Untersuchungen über die Luminiiszemz bezeichnen. — Eine von Goethe persönlich izusammengestellte Gesteinssammlung mit eigenhändig beschriebenen Zetteln, enthaltend hauptsächlich Funde aus der Umgebung von Karlsbad und Franzensbad, befindet sich in der Bibliothek des Stiftes Tepl. — Im Naturhistorischen Museum in Wien werden mehrere Mineral- und Gesteinsstufen aufbewahrt, die vom Dichter persönlich gesammelt und seinerzeit im Austausch weg in das damalige Wiener Hof- und Mineralien Cabinett gelangten. Um die Arbeiten Goethes auf dem Gebiete der mineralogischen und geologischen Wissenschaften der Nachwelt dauernd in ehrender Erinnerung zu halten, wurde vom Mineralogen Lenz im Jahre 1806 ein Mineral der Eisenhydroxydgruppe mit dem Namen „Goethit“ benannt. Es ist dies das Mineral Pyrrho- siderit mit seinen Ausbildungen als Nadeleisenerz, Samtblende oder Rubinglimmer u. a. Der Goethit ist kein häufiges Mineral; er kommt meist mit Brauneisenerz und Roteisenerz zusammen vor. Seiner chemischen Zusammensetzung nach ist Goethe, Naturwissenschaften und Technik. 21 er ein Eisenmonooxydihydriat von der Formel Fe 2 0 3 .H 2 0, das früher fälschlicherweise auch den Namen Eisengliimmer führte. II. Goethe und die Technilk. Goethe, der überragend große Dichter, Seher und Forscher auf allen Gebieten des menschlichen Wissens, hat uns gelehrt, die Schöpfungen des menschlichen Geistes als Bildungselemente in uns aufzunebmen. Er war der große liebendige, der den Menschen in den Vordergrund stellte, von ihm ausging und zu ihm izurückkehrte. Das Streben nach Vollständigkeit und Zusammenfassung war der Inbegriff seines Wirkens. „Von Innen heraus sein Leben auferbauen“, schien ihm die große Aufgabe. Goethe, der Baumeister seines eigenen großen Lebens, konnte somit den Bausteinen der ihn umgebenden Technik in ihrer Vielgestaltigkeit nicht aus dem Wege gehen. Er tat mehr, er schätzte die Technik, er suchte sie auf, und das in der Technik verkörperte menschliche Schaffen zog ihn immer wieder von neuem an. Schon in den Kinder jahren kam Goethe im Auftrag des Vaters viel mit Handwerkern zusammen. Diese handwerkliche Technik ist noch nicht hinter großen Mauern abgesondert, denn Werkstatt und Wohnung gehen noch ineinander über. Als Goethe im April 1770 die Straßburger Universität besuchte, beobachtete er eingehend die Bauformen des Straßburger Münsters. Aber nicht nur die Landschaft und Architektur, sondern vor allem auch die Technik interessierten ihn lauf seinen Reisen. Er achtete auf die Linienführung der Straßen und die Ausführung der Straßendecke. Von Straßburg aus kam Goethe nach Saarbrücken, wo er zum erstenmal den Steinkohlenbergbau kennenlernte. Der brennende Berg von Dudweiler machte auf ihn einen nachhaltigen Eindruck. Die großen Eisenhütten und Alaunwerke, Glashütten und manche andere industrielle Anlagen erweckten, wie bereits erwähnt, ebenfalls sein Interesse. An dieses erste technische Schauen im Saargelbiet erinnerte sich Goethe später gern bei seinen auf die Förderung der Industrie gerichteten Bestrebungen. Am 7. November 1775 traf Goethe in Weimar ein. Aus einem Besuch des ihm befreundeten Fürsten wurde ein Lebensaufenthalt von 57 Jahren. Das damalige Weimar war ein kleines Landstädtchen von 6000 Einwohnern, abseits der großen Verkehrsstraßen. Goethe war nicht nur der frohe, lebenslustige Freund des genialen Fürsten, sondern auch sein treuer Berater und Helfer. Herzog Karl August hatte Goethe im Jahre 1776 zum Mitglied des Geheimen Staats rates in Weimar ernannt. Durch die Annahme dieses Amtes 'unterwarf sich Goethe, mitten in dem Sturm und Drang seines großen Löbens, einer verantwortungsvollen Pflichtarbeit, die ihn aber auch befriedigte. Seine dienstliche Beschäftigung als Geheimer Rat führte ihn mit den verschiedenartigsten technischen, handwerklichen und industriellen Fragen des Landes zusammen. Die Arbeit auf dem Gebiet der Technik, die Goethe jetzt zu leisten hatte, erstreckte sich auf die Leitung der Bergwerksverwaltung sowie der Kriegs-, Wasserbau- und Wegeerhaltungskommission. Es wurden Verbesserungen der Straßen geplant und ausgeführt, auch mußte entschieden werden, welche Bauweise und welche Linienführung zu wählen war. 22 Franz Kirnbauer Ganz eingehend mußte sich Goethe mit Fragen des Bergbaus befassen. Denn früher einmal hatte 'bei Ilmenau, einem kleinen thüringischen Landstädtchen nahe dem Ursprung der Ilm, ein Silbererzbergwerk bestanden. Seit dem 15. Jahrhundert hatte man hier auf silberhaltigen Kupferschiefer geschürft. Aber der Bergbau lag jetzt still (Bild 8), die Stadt war völlig verarmt. Der Versuch, hier Hilfe zu bringen, war eine der ersten Regierungshandlungen Karl Augusts. Er bea.uftragte Goethe, das Bergwerk wieder in Betrieb zu nehmen. Wilhelm Heinrich v. Trebra, der damalige Bergmeister von Marienberg und spätere Berghauptmann von Clausthal im Harz, gab ein Gutachten ab, worin die Wiederaufnahme des Bergwerkes von Ilmenau als aussichtsreich bezeichnet Bild 8. Verfallenes Bergwerk bei Ilmenau (Handzeichnung Goethes). . Cs wurde. Am 24. Februar 1784 wurde der Bergbau feierlich wiedereröffnet und mit dem Aibteufen eines Schachtes begonnen (Bild 9). Aber bald stellten sich starke unterirdische Wasserzuflüsse ein, so daß man große Wasserräder zu deren Hebung einibauen mußte. Schließlich konnte man aber am 3. September 1792 doch das Kupferschieferflöz erreichen. Seine Erzführung erwies sich jedoch zunächst als nicht genügend. Im Oktober 1796 erfolgte ein so starker Wassereinbruch, daß man froh sein mußte, zwölf Bergleute vor dem Tod des Ertrinkens >zu retten. Mit den technischen Mitteln der Wasserhaltung von damals konnte man hier nichts erreichen. Das Werk war erledigt, der Betrieb wurde 1798 endgültig aufgegeben. 76.000 Reichstaler hatte dieser Bergbau, den Goethe „das ungezogenste Kind der Geschäftsfamilie“ nannte, verschlungen. Trotz des technischen und geschäftlichen Mißerfolges war der innere Gewinn für Goethe dennoch nicht gering. Im Jahre 1824 sprach er zum Kanzler v. Müller die Worte: „Ilmenau hat mir viel Zeit, Mühe und Geld gekostet; dafür halbe ich aber auch etwas dabei gelernt und mir eine Anschauung der Natur erworben, die ich um keinen Preis Umtauschen möchte.“ Goethe, Naturwissenschaften und Technik. 23 In der Zeit, als Goethe mit so viel persönlicher Anteilnahme den Bergbau in Ilmenau zu fördern suchte, ließ er naturgemäß keine Gelegenheit unbenutzt, um sich selbst mit der schwierigen Materie der mineralogisch-geologischen und technischen Seite des Bergbaus bekanntizumachen sowie sich auch in anderen Gegenden um bergbauliche Fragen zu kümmern. So finden wir Goethe im Jahre 1777 im Harz. Erlkam über'Goslar nach dem Rammeisberg und nach Clausthal- Zellerfeld, wo er die 'Gruben und Hütten eingehend studierte. Nach seiner fluchtartigen Italienreise, von der er 1790 'zurückk ehrte, führte ihn im gleichen Jahr sein Weg mit seinem Herzog mach dem Osten Deutschlands. Er lernte Breslau und Ober- Bild 9. Bergwerkskaue (bergmännische Betriebsgebäude) bei Ilmenau (Handzeichnung Goethes). •S'sTt v/, . ■*? ■. Schlesien kennen, wohin ihn die Reise in Begleitung des Grafen Reden, des großen Bergmannes und Industriebegründers in Oberschlesien, führte. In Tarmowitz sah er, daß man nicht nur in Ilmenau mit den Wassern kämpfen mußte. Goethe hatte hier Gelegenheit, zum erstenmal izu sehen, wie man Wasser mit Feuer heben kann. Die Maschine stammte aus England. Das war die erste und wohl auch einzige Dampfkraftmaschine, die Goethe gesehen hat. Eine der wichtigsten Industrien des 18. Jahrhunderts war die Textilindustrie. Goethe erlebte die großen in England gemachten Fortschritte der Mechanisierung dieses alten handwerklichen Betriebes. In Weimar gab es Strumpfwirkereien, die ihm manche Sorgen machten. 1779 finden wir eine Bemerkung in seinem Tagebuch, wonach 100 Stühle stilliegen. In seinen „Wanderjahren“ beschäftigte sich Goethe gerade auch mit diesen Problemen. Die Umstellung von der Handarbeit zur Maschinenarbeit war vor der Tür. Der Übergang vom Ackerbaustaat zum Industriestaat fing an, sichtbar >zu werden. Goethe verstand es aber auch hier, nicht nur die eine Seite zu betrachten, sondern zu erkennen, wie in der Maschine 24 Franz Kirnbauer eine Verkörperung des unaufhaltsamen menschlichen Fortschrittes und eine Hilfe für den arbeitenden Menschen tzu sehen ist. Goethe hatte die wissenschaftlichen und künstlerischen Institute in Weimar und in Jena zu (betreuen. Mit den Professoren in Jena kam er viel zusammen. Aus den Arbeiten mit den Physikern und Chemikern Seebeck und Döbereiner (Bild 10) geht hervor, wie außerordentlich vielseitig die technischen Fragen waren, die hier eingehend behandelt wurden. Auch Herzog Karl August hatte sich hieran weitgehend beteiligt. Es handelte sich um Fragen der Spiritus-, iHgSiäfä '&&2SBB Wir *t Bild 10. Johann Wolfgang Döbereiner, Chemieprofessor in Jena und Freund und Berater Goethes in chemisch-technologischen Fragen. Zucker- und Branntweinfabrikiation, um Bierbrauerei und Gasbeleuchtung, um die Einwirkung der Elektrizität auf Pflanzen u. a. mehr. Besonders das Gebiet der Chemie hielt Goethe für so wichtig, daß er Döbereiner bat, die Ergebnisse seiner Forschung zunächst möglichst geheim zu halten, damit man versuchen könne, sie auch >zum Vorteil des Landes der ‘bodenständigen Industrie anzubieten. Im Zuge dieser Beschäftigung mit technischen Fragen entdeckte Goethe bei sich selbst eine starke industrielle Ader, die ihn auch zur lobenden Anerkennung der in England eingeführten Patente bewog, da sie eine praktische Verwertung von Erfindungen im gewerblichen Leben sicherstellten. In Wiesbaden hatte Goethe im Jahr 1815 die Bekanntschaft rheinischer Industrieller gemacht, wodurch seine Gedankengänge noch mehr als bisher auf technische Fragen gerichtet Goethe, Naturwissenschaften und Technik. 25 wurden. Die Probleme der Herstellung von Mangan- und Siliciumstahl sowie der Ausnutzung der Kontaktwirkung von Platin erörterte er ebenfalls mit Döber- einer. Schließlich ist noch anzuführen, daß Goethe sich auch eingehend auf dem Gebiet des Wasserbaus betätigte, wobei er sich der Saaleregulierung bei Jena besonders annahm. Dazu kamen noch Fragen des Feuerlöschwesens und des Bauwesens. Die größte technische Tat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, den Bau von Eisenbahnen, sah Goethe nicht mehr mit eigenen Augen. Er hörte aber davon viel durch seine englischen Freunde, von denen einer ihm in den letzten Lebensjahren für die Enkelkinder eine Spielzeugeisenbahn sandte (Bild 11). Auch hat Goethe sicher oftmals jene damals so verbreiteten Blätter zu sehen bekommen, die den Bau der ersten englischen Eisenbahn, ihre Einrichtungen und ihren Fahrpark darstellten. In den EcKERMANN-GespräChen wird die Eisenbahn einmal erwähnt. In diesen wird berichtet, daß Goethe 1828 sich wie folgt aussprach: „Mir Bild 11. Spielzeugeisenbahn, Geschenk englischer Freunde an Goethe für dessen Enkelkinder. ist nicht bange, daß Deutschland eins werde. Unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das Ihre tun.“ Auch mit dem Flugwesen hat sich Goethe eingehend beschäftigt, soweit dies der Stand dieser Sondertechnik in seiner Zeit zuließ. Schon in der Studierstubenszene des ersten Teiles von „Faust“ finden wir die Verse: „Ein bißchen Feuerluft, die ich bereiten werde, hebt uns behende von dieser Erde.“ Und weiter jene, die Goethes Sehnsucht, aber auch den in seinen Jugendjahren begreiflichen Verzicht diesem Wunschtrauim der Menschheit gegenüber ausdrücken: „Ach! Zu des Geistes Flügeln wird so leicht kein körperlicher Flügel sich gesellen!“ Als in Weimar 1783 die erste Nachricht über die Pionierflüge der Mongol- fieren und Charlieren eintrafen, erfaßte den Weimarschen Hof geradezu ein „aerostatischer Rausch“. Goethe selbst stellte sich an die Spitze einer Gruppe, die zu praktischen Versuchen schritt. Über deren Erfolg berichtet der Dichter am 9. Juni 1784 dem Anatomen Sömmering nach Kassel: „In Weimar haben wir einen Ballon von Momgolfierscher Art steigen lassen, 42 Fuß hoch und 20 im größten Durchmesser. Es ist ein schöner Anblick .. .“ Es gibt aber auch einen Beweis dafür, daß Goethe schon vor den ersten 'aus Frankreich erhaltenen Nachrichten über die dortigen Flugversuche an solche gedacht hat. Nahm er doch in den Entwurf einer größeren Arbeit vom April 1821, 26 Franz Kirnbauer die „Naturwissenschaftlicher Entwicklungsgang“ heißen 'und Goethes Stellung zur Naturwissenschaft und zur Technik in den einzelnen Abschnitten seines Lebens darstellen sollte, folgende Sätze auf: „Die Luftballone werden entdeckt. Wie nah ich dieser Entdeckung gewesen. Einiger Verdruß, es nicht selbst entdeckt zu haben. Baldige Tröstung.“ Die Sätze aber, mit welchen Goethe diesen Entwurf einleitete, der im 11. Band der lObändigen Weimarer Ausgabe von 1893 abgedruckt ist, lauten: „.Schönes Glück, die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts durchlebt zu haben. Große Vorteile, gleichzeitig mit großen Entdeckungen gewesen zu sein. Man sieht sie an als Brüder, Schwestern, Verwandte, ja insofern man selbst mitwirkt, als Töchter und Söhne.“ Bergbau und Einstellung zu den sozialen und technischen Problemen der Zeit. Wenn wir uns nun fragen, welche Einstellung Goethe gegenüber den technischen und sozialen Problemen seiner Zeit hatte, so geben uns zahl reiche Aussprüche und Briefstellen hierüber Aufschluß. Die Grundidee, die Goethe seiner ganzen humanistischen und philantropiisehen Einstellung nach aus der schwungvollen Sturm- und Drangzeit seiner Jünglingsjahre in seine Amtstätigkeit als Mitglied des Geheimen Staatsrates nach Weimar mitbrachte, war der ehrliche Wunsch, die Menschen, soweit es in seinen Kräften stand, glücklich zu machen. Mit dieser idealen Auffassung trat er auch an die damit zusammenhängenden Probleme sowie an alle technischen Fragen des Ilmenauer Bergbaus heran. Sowohl ihm als auch Herzog Karl August lag es am Herzen, dem Notstand, der infolge Niedergang des früheren Bergbaus und Zerrüttung der Finanzen damals in Ilmenau herrschte, nach Kräften zu steuern. Es waren dieselben sozialen Gesichtspunkte, die auch heute wieder im Vordergrund stehen: Behebung der Arbeitslosigkeit sowie Stärkung des Wirtschaftslebens und der Steuerkraft durch Schaffung neuer Erwerbsquellen in Stadt und Land. — Wiie weit die 'Sorge um die Gründung neuer Manufakturen im Lande ging, mag daraus ersehen werden, daß sogar im Briefwechsel Karl August und Goethe solche Probleme erörtert wurden. So schrieb der Herzog nach einer Englandreise aus Aachen am 6. August 1814 an Goethe: Was Mechanik betrifft, da ist England das wahre Paradies dieser Wissenschaft. Einige Meilen nördlich von Birmingham brachte mich Herr Watt zu Steinkohlen- und Eisensteingruben, bei welchen auch gleich die Usinen, Hammer und Ziehereien befindlich waren; dorten brannten zugleich die Herde von 250, sage zweihundertfunfzig Maschinen, auf der Fläche von einer Quadratstunde, welche alle einer Gewerkschaft gehörten. Und solche Gewerkschaften waren dort mehrere, die aneinander grenzten, dergestalt, daß ich nicht zu viel sage, wenn ich vermute, mehr wie tausend solcher Feuer- sch'lünde zu gleicher Zeit rauchen gesehn zu haben. Die Sonne wird davon meilenweit verdunkelt und die ganze Gegend ist mit einem schwarzen Staube, dem Niederschlage dieser Rauche bedecket. Dazu brennen an machen Stellen Steinkohlenflöze und vermehren di eses Gewölke ... In der ländlichen Umgebung von Ilmenau, auf den Höben des Thüringer Waldes, Ikam Goethe zum ersten Male der soziale Gegensatz zum Bewußtsein, der zwischen der Armut der Gebirgsbevölkerung und dem verschwenderischen Goethe, Naturwissenschaften und Technik. 27 Glanz des höfischen Lebens bestand, wo „oben in einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in einem (Jahr) beygebracbt werden kann“. Er tat den bitteren Ausspruch: „Das arme Volk muß immer den Sack tragen, und es ist ziemlich einerlei, ob er ihm auf der rechten oder der linken Seite zu schwer wird.“ Zwar hat sich Goethe während seiner Amtstätigkeit nie gescheut, der übertriebenen Ausgabenwirtschaft des Hofes einen Riegel vorzuschieben, aber damit nicht immer vollen Erfolg gehabt. Im Gegensatz zu den ärmlichen Verhältnissen, unter denen damals die Bevölkerung des Thüringer Waldes lebte, konnte Goethe auf dem Oberharz erfreulichere Zustände wa’hrnehmen, wohin ihn, wie erwähnt, mehrere Reisen im Interesse des Ilmenauer Bergbaus führten. Hier waren durch den Aufschwung des Bergbaus Handel und Wandel gehoben worden und blühende Bergstädte legten von dem Segen des Harzer Bergbaus und der Wohlhabenheit der Bevölkerung Zeugnis ab. Durch den Besuch von Bergmamnswohnungen hatte Goethe Gelegenheit, hier Lebensführung und Lebensgewohnheiten der Arbeiterschaft kennenzulernen und so seinen sozialen Gesichtskreis zu erweitern. Um so mehr, weil gerade damals Bestrebungen im Gange waren, die Wohlfahrtspflege und soziale Fürsorge für die Harzlbevölkerung besser auszugestalten. Über die Eindrücke, die Goethe damals von der Bewohnerschaft des Harzes hatte, finden sich wiederholt Mitteilungen in seinen Briefen an Frau von Stein, so z. B. aus'Goslar: „Wie sehr ich wieder, auf diesem dunklen Zuge, Liebe zu der Klasse von Menschen gekriegt habe, die man die niedere nennt, die aber gewiß für Gott die höchste ist. Da sind doch alle Tugenden beysammen: Beschränktheit, Genügsamkeit, gerader Sinn, Treue, Freude über das Leidlichste Gut, Harmlosigkeit, Dulden — Dulden — Ausharren...“ Ferner aus Clausthal: „Der Nutzen aber, den das auf meinen phantastischen Sinn hat, mit lauter Menschen umzugehen, die ein bestimmtes, einfaches, dauerndes wichtiges Geschäft haben, ist unsäglich. Es ist wie ein kaltes Bad, das einen aus einer bürgerlich wollüstigen Abspannung wieder zu einem neuen kräftigen Leiben zusammenzieht.“ Schließlich aus Altenau: „Die Menschen streichen sich recht auf mir auf, wie auf einem Probierstein, ihre Gefälligkeit, Gleichgültigkeit, Hartleibigkeit und Grobheit, eins mit dem anderen macht mir Spaß . ..“ Goethe erkennt mit klarem Blick das Urwüchsig-Natürliche, Praktisch- Tüchtige und Menschlich-Gute, das in dieser M enschenk lasse steckt, und sieht über manches Anstößige und Ungeschliffene gern hinweg. Die Bekanntschaft mit diesen einfachen Gebirgsbewohnern, die noch fast ganz im RoussEAüschen Sinne mit der Natur ihrer Berge und Wälder eng verwachsen waren, bot ihm Erfrischung und Belehrung zugleich. Er lernte das Volksempfinden von neuen Gesichtspunkten aus kennen und bewerten und hatte hiervon einen bleibenden ethischen Gewinn. Aber in seiner damaligen Lage — Goethe mußte gewissermaßen technische Hilfe aus dem Harz für seinen Ilmenauer Bergbau bringen und die Eigenheit der bergmännischen Arbeit überhaupt erst kennenlernen — standen die praktischen Momente im Vordergrund. Für Goethe, den Geistesarbeiter, mußte es wichtig und lehrreich sein, die Bedingungen zu erforschen, unter denen der Bergmann, Technikgeschichte, 11. Heft. 3 28 Franz Kirnbauer der einfache Handarbeiter, seine tägliche körperliche Arbeit zu verrichten hat. Daß hieJbei Goethe den Faktoren der bergmännischen Handarbeit sein besonderes Interesse zugewandt hat, ist aus manchen seiner Äußerungen zu entnehmen. In seinen Briefen aus der Ilmenauer Zeit betonte er mehrfach die Schwierigkeiten einzelner Arbeiten, so z. B. die „böse und gefährliche Arbeit“ der Erweiterung der Radstube im Johannisschacht und das „umständliche und gefährliche Arbeiten“ beim Einbringen der Pumpensätze am Kunstzeug. Bei den Ge- steinsarbeiten mußten ihm bald Unterschiede aufgefallen sein. Er konnte feststellen, daß die Arbeiten verschiedene Grade der Bewertung erforderten, je nach der Härte und Lagerung des Gesteins und nach dem Maß von Geschicklichkeit und Kraft, das bei der Arbeit aufzuwenden war. Als Goethe an seinen Freund Knebel über den Fortgang des Schachtabteufens in Ilmenau berichtete, schrieb er: „Wir haben wenig über gute Leute bey der Anstalt.“ Damit wurde das Leistungsprinzip klar gekennzeichnet. Aber Goethes Beobachtungen gingen weiter. Schon frühzeitig, bei seinem ersten Blick in die Industrie des Saargebietes, war ihm aufgefallen, wie eine allmähliche Verdrängung der Handarbeit durch maschinelle Einrichtungen sich anbahnte. Er begrüßte es als einen kulturellen Fortschritt, daß sich die Maschinenarbeit „an die Stelle gemeiner Hände setzte“ und daß die Apparatur als Ersatz für Handarbeit „in einem höheren organischen Sinne wirkte, von dem Verstand und Bewußtsein 'kaum zu trennen“ seien. Auch später in Ilmenau konnte er eine ähnliche Entwicklung beobachten. Er fand „ein stilles, mäßiges, öoonomisches Streben, und überall den Übergang vom Handweik zum Maschinenwerck“. Daß Goethe die masChinentechnische Entwicklung des Bergbaus im Harz, in Oberschlesien und im Erzgebirge mit Interesse verfolgte sowie daß er in Ilmenau bei der Vervollkommnung des Maschinenbetriebes selbst mitwirkte und fremde Erfahrungen dabei ausnutzte, mag nebenbei kurz erwähnt werden. In iseinen reiferen Jahren erlebte Goethe noch das Erwachen des Zeitalters der Technik. Alsbald erkannte er die weitreichende Bedeutung der Dampfmaschine. Der 'Entwicklung des Dampfschiffes und der Dampfeisenbahn brachte er in seinen letzten Jähren großes Interesse entgegen. Auch hatte er bereits eine Vorahnung von der künftigen Bedeutung der Elektrizität, die er in ihrer alles durchdringenden geheimnisvollen Kraft symbolisch als „Weltseele“ bezeichnete. Und doch sind ihm als dem Hüter der geistigen Güter und Ideale der Menschheit bereits damals Bedenken aufgestiegen gegen ein künftiges Übergewicht der mechanischen, materiellen und rein sachlichen Einschätzung aller Lebenswerte, die ihn zu dem Ausspruch veranlaßten: „Das ülberhiandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich; es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam, aber es hat seine Richtung genommen; es wird kommen und treffen.“ Er erkannte also eine drohende Gefahr für das geistige Wesen und Wachstum der Menschheit. Es ist, als ob seine Worte unserem mechanistischen Zeitalter eine W'arnung zurufen wollten, nicht bloß in dieser einen Hinsicht, sondern auch noch nach manchen anderen Richtungen hin. Goethes Ideen über Wesen und Wert der menschlichen Handarbeit finden noch an anderer Stelle eine weitere Ausgestaltung, und zwar in seinen Gedanken 7 T'sjrt • TÄi; Goethe, Naturwissenschaften und Technik. 29 über die Erziehung und Heranbildung des Staatsbürgers und über das Wesen des Idealstaates, wie sie im letzten Buche von „Wilhelm Meisters Wanderjahren“ dargelegt sind. Er gibt hier seiner hohen Meinung vom Werte der erlernten Handarbeit deutlich Ausdruck. Er hat ihre kulturelle und ethische Bedeutung durchaus erkannt und gewürdigt und ihr sogar ein besonderes Maß von Verantwortlichkeit (beigemessen. So ergeben sich aus Goethes Gedankengänigen, wie immer, wenn er zu uns spricht, auch auf den Gebieten des werktätigen Lebens manche Hinweise und Ausblicke bedeutsamer Art. Er hat in allen Phasen seines Daseins des Menschenschioksais innere Werte zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“, die Gesamtheit der Natur seiner Weltanschauung eingegliedert und als Dichter eine Brücke zwischen Natur, Technik und Kunst geschlagen. In allen Geschöpfen sah er die Materialisation der einen großen Idee des allmächtigen Schöpfers in Gestalt der „Gott- Natur“. Sie lag vor ihm wie ein kristallenes, durchsichtiges Wunder, das seinen Geist immer wieder durchstrahlte und in die Höhe trug. Quellen und Schrifttum. I. Schriften von J. W. v. Goethe: über den Z wisch enlkiefer des Menschen und der Tiere, Jena 1786. Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, Gotha, Ettinger 1790. iBeyträge zur Optik. Weimar 1791—1792. Metamorphose der Pflanzen, 1798. Josef Müllersche, jetzt David Knoll, sehe Sammlung zur Kenntnis der Gebirge von und um Karlsbad, angezeigt und erläutert von Goethe, 1807; erneut 1832. — Prag, Ilaase 1832. Zur Naturwissenschaft überhaupt. IM. 1. Stuttgart, Cotta 1817; Bd. 2, Stuttgart 1823. Neuausgabe mit einem Nachwort von Julius Schuster, Berlin, Junk 1928. Farbenlehre. Hsg. und eingeleitet von Hanns Wohlbold, Jena, Diederichs 1928. II. Sonstiges Schrifttum: Arthur Schopenhauer, Über das Sehn und die Farben, eine Abhandlung. Leipzig, Ilartknoch 1816. G. Linck, Goethes Verhältnis zur Mineralogie und Geognosie, Jena 1906. W. v. Wasielewski, Goethes meteorologische Studien. Leipzig 1910. W. Ostwald, Goethe, Schopenhauer und die Farbenlehre. Leipzig, Unesma 1918. J. Walther, Goethe als Seher und Erforscher der Natur. Halle 1930. A. Böhm, Goethe und der Bergbau, Zeitschrift f. d. Berg-, Hütten- und Salinenwesen. Berlin 79 (1931, S. B. 507). Goethe, Naturwissenscliaf ten und Technik. 35 O. Abel, Goethe als Biologe in: „Forschungein u- Fortschritte“, 1932, S. 98. G. Benn, Goethe und die Naturwissenschaften, Neue Rundschau 1932, Heft 4. E. Darmstaedter, Goethe und die Alchymisten in: ..Forschungen u. Fortschritte“, 1932, S. 90. P. 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So kam es, daß der junge Negrelli die deutsche Sprache vorerst nur mangelhaft beherrschte und ihrer erst am Ende seiner Studien in Innsbruck vollkommen mächtig wurde, um sie dann aber formvollendet amzuwenden und zur Sprache seines Lebens zu machen. Sogar seine Tagebücher sind, mit verschwindenden Ausnahmen, in der deutschen Sprache abgefaßt. Er genoß eine sorgfältige Erziehung; anfänglich durch einen Hauslehrer, dann zwei Jahre in einem Institut im lombardischen Städtchen Valstagna und schließlich von 1812 bis 1817 im Seminar der Schulbrüder in Feltre. Abgesehen von einem ausgesprochenen Sprachentalent, besaß er besondere Neigung für Physik, Mathematik und Zeichnen, welch letzteres er bereits spielerisch als Kind mit anerkanntem Erfolg geübt hatte. Da sein Vater als Mitkämpfer gegen die im Jahre 1809 eindringenden Franzosen von diesen gefangengenommen wurde und fünf Jahre eingekerkert blieb, geriet die Familie in Not. Die Mutter mußte den größten Hof verkaufen und hatte Schwierigkeiten, für die Erziehung ihrer drei Söhne — und fünf Töchter — aufzukommen. Da die Schulbrüder .ihren fähigsten Schüler — als solcher galt der junge Alois — nicht verlieren wollten, kamen sie bei Kaiser Franz für ihn um ein Stipendium ein, das nicht nur für die Seminarzeit, sondern auch für eine kurze ergänzende Ausbildung gewährt wurde. So besuchte er 1818 die Akademie der schönen Künste in Venedig und die Universitäten in Padua und Innsbruck. Am 19. Februar 1819 trat er als provisorischer, unbesoldeter Ingenieurpraktikant in den Dienst der Provinzialdirektion von Tirol und Vorarlberg in Innsbruck und wurde am 5. Oktober dieses Jahres iu gleicher Eigenschaft in den definitiven Staatsdienst übernommen. Bei der Viktor Schützenhofer: Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. 37 Übernahme hatte er sich verpflichten müssen, nachträglich Kurse über theoretische und praktische Baukunde zu besuchen und darüber mit Zeugnissen Bild 1. Primiero, Geburtsort von Alois Negrelli. 'MAL > iiAC v r'.-’iSE -V sä *£r .xSa •..V 5 ' *r*’y r •• Ausweis zu geben. Auf Grund einer bei der Baudirektion abgelegten Prüfung erhielt er am 1. August 1820 das Absolutorium und das Diplom als Ingenieur. Seine erste Verwendung im praktischen Leben waren Geländeaufnahmen, Bild 2. ,,Casa Negrelli“. Geburtshaus Alois Negrellis in Primiero. •»rarvsaQ die er im unteren Inntal durchzuführen hatte. 1821 wurde er bei Straßenbauten und zur Behebung von Elementarschäden im Pustertal und Etsohtal verwendet. 1822 arbeitete er bereits als Inspizient bei Wasserbauten am Innstrom bei Innsbruck und an der großen Steinarche bei Martinsbühl. Im Frühjahr dieses 38 Viktor Schützenhofer Jahres wurde er bei dem eben begonnenen Umbau der schon 1782 unter Kaiser Josef erbauten, aber weder in ihrer Linienführung, noch in ihrer Bauweise entsprechenden Arlbergstraße eingesetzt, um nach der durch den Eintritt der kalten Jahreszeit notwendigen Einstellung dieses Baues, zu Projektsarbeiten für Straßenneubauten verwendet zu werden. 1823 ist er mit Vermessungsarbeiten und Straßenbauten im Ampezzaner-, Valsuganer- und Pustertal beschäftigt und setzt die Arbeiten im Straßemumbau auf dem Arlberg fort. Das Jahr 1824 ist gleichfalls den Bauarbeiten am Arlberg und Vermessungen auf der Malser Heide, im Vintschgau, am Wormser Joch und der oberen Etsch gewidmet. Tirol braucht neue Brücken! So wird Negrelli zum Studium der von Ingenieur Friedrich Schnircii geschaffenen Entwürfe eiserner Kettenbrücken nach Wien entsandt, wo der Konstrukteur ihm die den Donaustrom dort überquerende und dann im mährischen Orte Straßnitz die von ihm gebaute Brücke zeigt und erklärt. Bei dieser Gelegenheit lernt Negrelli den Erbauer der damals noch in Projekt stehenden ersten Eisenbahn am Kontinent, der Pferdeeisenbahn von Linz nach Budweis, Franz Anton von Gerstner, kennen, der als Professor am Polytechnischen Institut in Wien wirkt. Die Unterhaltung mit Gerstner fällt auf fruchtbaren Boden. Negrelli ist für den Eisenbahnbau interessiert. Das Jahr 1925 vergeht mit. vorbereitenden Vermessungsarbeiten für die beabsichtigte Rheinregulierung, die er gemeinsam mit seinem Vorgesetzten und Lehrmeister der vergangenen Jahre, dem Baumeister der neuen Arlibergstraße und hervorragenden Fachmann auf dem Gebiete des Wasserbaues, Josef Duile, vorzunehmen .hat. Negrelli fühlt sich nun an Erfahrungen reich genug, um einen selbständigen Posten zu bekleiden und bewirbt sich um die damals frei gewordene Kreisingenieuradjunktenstelle in Vorarlberg, die er mit Entscheidung vom 24. Juni 1826 auch erhält und damit in einen Jahresgehalt von 350 Gulden — bisnun bezog er 250 — aufsteigt, zu dem allerdings bei der vielfachen Verwendung im Außendienst, die im Verhältnis zum Gehalt nicht geringen Diätenbezüge zuzurechnen sind. Die nun folgenden sechs Jahre sind ausgefüllt mit Wasserbauarbeiten, die vornehmlich die Rheinregulierung und Uferschutzbauten zur Bintanhaltung der schweren Wasserschäden betreffen, die der unregulierte Rhein in Vorarlberg immer und immer wieder verursacht. Die wenig sachgemäßen Schutzbauten, die die Gemeinden selbst ausgeführt hatten, waren nicht imstande, den stets wüederkehrenden Elementarkatastrophen standzuhalten. Zusätzlich führt er Hafenbauten am Bodensee und 1 Bild 3. Alois Negrelli. Jugendbildnis. Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. 39 Straßenbauten aus. Auch einige Kirchen Vorarlbergs werden nach seinen Entwürfen gebaut. Negrellis verbindliches Wesen, seine Kenntnisse und sein Fleiß lassen die Uferbewohner des Bodensees erkennen, daß die Maßnahmen der Regierung nur zu ihrem Besten sind, und erreichen, was bisher nie der Fall war, daß die Gemeinden bei den Schutzbauten der Regierung willigen Beistand leisten. Es mag hier von Interesse sein, das Urteil des damaligen Kreishauptmannes von Vorarlberg, Johann von Ebner, über seinen Kreisingenieursad'junk- ten zu hören. Es ist in einem am 9. Dezember 1828 von ihm erstatteten Bericht über den Fortgang der Rheinregulierungsarbeiten enthalten und lautet: „Das Kreisamt hält sich für verpflichtet, dem hoohlöblichen Landesgubernium bei dieser Veranlassung den kaiserlich königlichen Kreisingenieursadjunkten Negrelli angelegenst anzurühmen und zu empfehlen. Seiner angestrengten Tätigkeit, seiner unermüdlichen Geduld in Anhörung und Belehrung der Untertanen, seinem gefälligen und freundlichen Benehmen mit jedermann, endlich seinen gründlichen Kenntnissen im Wasserbau ist es vorzüglich zu verdanken, daß alles so ungemein gut gelang.“ Inzwischen — (1828) — hat sich Negrelli mit der Tochter Amalie des Kärntner Kreisbeamten und Landstandes Alois von Pircker vermählt. Bald nach der Vermählung verarmt der Vater seiner Gattin und ist außerstande, dem jungen Paar, wie er dies anfänglich tat, auch weiterhin Zuschüsse zu geben. Dies trifft Negrelli um so schwerer, als er seinen kürzlich erblindeten Vater unterstützen muß. So entschließt er sich, die ihm im Herbst 1831 angebotene Stellung eines Straßen- und Wasserbauinspektors des Schweizer Kantons St. Gallen anzunehmen. Die Schweizer, die anläßlich gemeinsamer Arbeiten mit Vorarlberg Gelegenheit hatten, sich von seinen bemerkenswerten Kenntnissen und seiner Tüchtigkeit zu überzeugen, bieten ihm das dreifache seines bisherigen Bezuges und damit eine auskömmliche Existenz an. Mit Zustimmung des Kaisers wird Negrelli am 30. September 1832 aus dem österreichischen Staatsdienst entlassen und beginnt am nächsten Tage seine Tätigkeit in der Schweiz, die bis 1840 währen sollte. Seine wasserbaulichen Erfahrungen setzt er nun zum Nutzen St. Gallens ein, erweitert die Hafenanlage von Rohrschach, entwirft ein neues Straßennetz für den Kanton und baut zahlreiche neue Straßen. Die von ihm entworfene Bogenbrücke über den Trogener Tobel findet weitestgehende Anerkennung und veranlaßt mehrere Kantone, ihn als Ratgeber heranzuziehen. Einem Ruf der Kaufmannschaft von Zürich Folge leistend, übernimmt er mit 1. Jänner 1836 unter überaus günstigen Bedingungen — sein bisheriger Bezug wird ihm verdoppelt — die Oberleitung der städtischen Bauten der Züricher Vereinigung, ln dieser Eigenschaft baut er unter vielen anderem die Hafenanlage der Stadt und die Münsterbrücke (Bild 1) über die Limat, mit deren Entwurf er schon früher beschäftigt war. Die sich wunderbar 'in das Stadtbild einfügende Brücke, deren Eröffnung besonders feierlich begangen wurde, steht heute noch. In das Jahr 1836 fällt auch seine Ernennung zum Mitglied der Linthbau- kommission, die nur aus erfahrenen Fachleuten der Eidgenossenschaft gebildet wurde. 40 Viktor Schützenhofer Die Schweiz will den angrenzenden Ländern nicht nachstehen, auch sie will Bahnen bauen. So erhält er den Auftrag, Frankreich, England und Belgien zu besuchen, um sich die dortigen Erfahrungen auf dem Gebiete des Eisenbahnbaues anzueignen. Negrelli widmet sich mit größtem Eifer der neuen Aufgabe, für die ihn grundsätzlich schon Franz Anton von Gerstner interessierte. Im besonderen befaßt er sich mit den Vorerhebungen für den Bau der von ihm später „Schweizer Nordbahn“ benannten Bahnlinie, die Zürich mit Basel verbinden soll, aber auch mit solchen für Bahnlinien von Zürich über Winterthur nach Romanshorn und von Zürich über Sargans nach Chur. Da ruft ihn die Heimat zurück. Die Kaiser-Ferdinands-Nordbahngesellschaft bietet ihm — man schreibt das Jahr 1840 — als Generalinspektor die Leitung des Aus- I Bild 4. Münsterbrücke über die Lima! bei Zürich (1836). I Ejscy-,' * •>*: baues ihres Bahnnetzes an. Der ihm bewilligte Jahresgehalt beträgt 4000 Gulden und 2000 Gulden Reisepauscbale. Im Herbst 1840 beginnt er seine Tätigkeit im Eisenbahndienst seines Landes, in dem er sich durch seine Leistungen ein bleibendes Denkmal setzen soll. Die Schweiz hat ihn ungern ziehen lassen und verpflichtet sich ihn vielfach als weiteren Ratgeber. Der Name Negrelli hat guten Klang in der ganzen Eidgenossenschaft erhalten, der kaum je ganz verklingen wird. In die Zeit seines Aufenthaltes in der Schweiz fällt eine Begegnung mit dem berühmten Naturforscher Alexander von Humboldt, die in Genf 1838 stattfand. Über Weltprobleme sprechend, lenkt Humboldt die Aufmerksamkeit Negrellis auf den Jahrtausende alten Wunsch der Menschheit, das Rote Meer mit dem Mittelländischen Meer zu verbinden, ein Wunsch, dessen Erfüllung wert sein müßte, sich damit zu befassen. Von jenem Augenblicke an kann Negrelli sich auch von diesem Problem nicht mehr trennen, dessen Lösung ihn zum Weltleistungsträger machen soll. Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. 41 Als Generalinspektor der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn obliegt ihm die Leitung des Ausbaues des Liniennetzes der Gesellschaft, das er zum Zeitpunkt seines Dienstantrittes bis Brünn fertiggestellt findet. In den Jahren 1840, 1841 und 1842 werden unter seiner Leitung die Bahnstrecken Lundenburg— Napajedl, Napajedl—Prerau—Leipnik, Prerau—Olmütz, sowie Floridsdorf— Slockerau fertiggestellt und die Strecke Olmütz—Prag sowie Leipnik—Oderberg und Oderberg—Oswieczim projektiert und trassiert. Die Wirtschaften ot jener Zeit und die damit verbundene Geldknappheit wirkte sich begreiflicherweise auch auf die bereits bestehenden Privatbahnen und damit auch auf die Erfüllung der von denselben konzessionsmäßig eingegangenen Bauverpflichtungen aus. Die zur Erzielung einer Besserung dieser Verhältnisse anerkannte Dringlichkeit der Schaffung vorteilhafter Handelswege durch Österreich veranlaßte Kaiser Ferdinand, mit Handschreiben vom 19. Dezember 1841, die Eisenbahnen Österreichs in Staats- und Privatbahneri zu teilen und den Bau der als staatsnotwendig angesehenen Staatseisenbahnen selbst durchführen zu lassen, sie aber nach Fertigstellung privaten Gesellschaften zur Betriebsführung zu übergeben. Mit der obersten Leitung der Staatseisenbahnen wurde der Hofkammerpräsident Freiherr von Kübeck, mit der Leitung der technisch-administrativen Generaldirektion der Staatseisenbahnen der Hofbaurat Hermenegild Francesconi betraut. Zur Leitung des Baues der Staatsbahnen wurde Negrelli berufen. Das von Freiherrn von Kübeck an die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn deswegen gerichtete Schreiben zeigt die große Wertschätzung, die Negrelli bereits besaß. Dieses mit 16. März 1842 datierte Schreiben lautet: „Durch die allerhöchste Entschließung vom 19. Dezember vorigen Jahres, womit die Erbauung von Staatseisenbahnen angeordnet wurde, ist es notwendig geworden, sich der Beihülfe mehrerer ausgezeichneter, im Fache der Eisenbahnen bewanderter Techniker zu versichern, um diese wichtige Unternehmung auf eine der allerhöchsten Absicht angemessene und des österreichischen Staates würdige Weise auszuführen. Ich habe mein vorzügliches Augenmerk auf den Generalinspektor der k. k. privilegierten Kaiser Ferdinands Nordbahn Ludwig Negrelli gerichtet, der nicht nur rücksichtlidh seiner ausgebreiteten Kenntnisse des besten Bufes genießt, sondern auch durch die bereits abgelegten Proben den Beweis über den Besitz derselben lieferte.“ Im weiteren ersucht Kübeck die Nordbahngesellschaft, Negrelli zu beurlauben und ihn den Staatseisenbahnen zu überlassen. Am 1. April 1842 tritt Negrelli als beurlaubter Generalinspektor der Kaiser- Ferdinands-Nordbahn und provisorischer Inspektor der Staatseisenbahnen bei diesen den Dienst an, in welcher Stellung er bis zum Herbst 1847 verbleiben soll, um dann definitiv In den Dienst der Staatseisenbahnen übernommen zu werden. Im Jahre 1843 nimmt Negrelli den Ausbau der Strecke Olmütz—Böhmiseh- Trübau—Prag in Angriff, die Mitte 1845 fertiggestellt ist. Die feierliche Eröffnung dieser Bahnlinie erfolgt am 20. August dieses Jahres. In Anerkennung seiner Verdienste um den Babnbau im Norden Österreichs verleiht der Kaiser ihm den Titel eines k. k. Bates und die Stadt Prag ernennt ihn zu ihrem Ehren- 42 Viktor Schützeniiofer bürger. Von 1845 bis 1848 beschäftigt sich Negrelli mit dem Ausbau der Linien Brünn—Böhmisoh-Trübau und Prag—Bodembaoh, sowie mit Vorbereitungsarbeiten für den Bau der galizischen Bahnlinien Bochnia—Lemberg, Lemberg— Brody und Lemberg—Czernowitz und schließlich der Westbahnstrecke von AVien nach Salzburg. Für den technischen Anschluß der Prag— Bodenbacher an die Bodenbach—Dresdner Strecke und der Nordbahnstrecke an die preußische Wilhelmsbahn vertritt Negrelli Österreich in der zwischenstaatlichen Kommission. Mit dem Wiederbeginn der Tätigkeit Negrellis in Österreich beginnt auch dieses, sich mit der Frage des Baues eines, das Mittelländische Meer mit dem Roten Meer verbindenden Kanals in der Landenge von Suez zu befassen. Im Jahre 1843 unterbreitet der österreichische Generalkonsul in Alexandrien, Laurin, dem Fürsten Metternich einen Vorschlag für den Bau dieses Kanals und gibt gleichzeitig die Geneigtheit des Vizekönigs Meiiemed Ali bekannt, der Durchführung dieses Bauvorhabens zuzustimmen. Die liiefür gestellten Bedingungen gipfeln 1m wesentlichen darin, daß der Kanal für alle Zeiten im Besitz der königlichen Familie verbleibe. Mit einer Note vom 25. April 1843 erklärt sich Metternich mit den Bedingungen Meiiemed Alis einverstanden und gibt Laurin den Auftrag, mit dem Vizekönig vertraulich weiter zu verhandeln. Gleichzeitig richtet er ein Schreiben an den Hofkammerpräsidenten, Freiherrn von Küreck, in dem er den Kanal als Weltereignis erster Größe bezeichnet, der Österreich eine neue Zukunft eröffnen könne; Kübeck wird von ihm aufgefordert, dem Gegenstand seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. In Frankreich ist es Barthelemy Enfantin, der für den Kanalbau eintritt. 1833 aus politischen Gründen gezwungen, Frankreich zu verlassen, begab er sich — selbst über einige technische Kenntnisse verfügend — mit einer Gruppe französischer Techniker nach Ägypten, wo ihm die Durchführung von Nilregulierungsarbeiten anvertraut wurde. Bei dieser Gelegenheit versuchte er, den Vizekönig dieses Landes für die Vornahme des Baues eines schon oft geplanten, das Mittelländische mit dem Roten Meer verbindenden Kanals zu gewinnen. Er hatte damit damals keinen Erfolg, was ihn aber nicht abhielt, die Propagierung seiner Idee in Frankreich, wohin er 1835 zurückgekehrt war, .fortzusetzen. Da sich nun die Weltpresse mit dem Kanalbau zu befassen beginnt, verdoppelt er seine Bemühungen, und trachtet, Bank- und Handelshäuser, sowie Industrieunternehmungen der für die Weltwirtschaft maßgebenden Länder für den Kanalbau zu interessieren. So wendet er sich auch an den Chef des Bankhauses Dufour in Leipzig, der, von der Idee eingenommen, nun seinerseits den sächsischen Generalkonsul Martin Escher in Zürich bittet, seinen Freund Negrelli für die Aufgabe zu interessieren, da er ihn für den einzigen in Deutschland (Deutscher Bund) halte, der deren Durchführung übernehmen könne. Escher weiß, daß es da nicht vieler Anregungen brauche; er erinnert sich an die Begeisterung, mit der Negrelli ihm von Humboldts Hinweisen auf diesen Wünscht r aum der Menschheit erzählt habe. So tritt Negrelli mit Dufour in Verbindung und übernimmt es, in Österreich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das große Unternehmen zu lenken und das Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. 43 Verständnis für die Bedeutung desselben auch bei den maßgebenden Persönlichkeiten waclizuhalten. Inzwischen hat Linant Bey, der Chef der technischen Einrichtungen Ägyptens, einen grundsätzlichen Plan für den Bau des Kanals entworfen, der des damals angenommenen großen Niveauunterschiedes der zu verbindenden Meere wegen die Anordnung von Schleusenanlagen vorsah. Negrelli niihmt dies zum Anlaß, dem Hofkammerpräsidenten Freiherrn von Kübeck eine Denkschrift zu unterbreiten, in der er die Bedeutung des beabsichtigten Unternehmens für Österreichs Handel hervorhebt und die Bildung einer mitteleuropäischen Gesellschaft zur Durchführung desselben anregt. Der Kreis ist geschlossen, damit aber auch der Vertreter Österreichs in der zu bildenden Gesellschaft bestimmt. Am 30. November 1846 kommt es in Paris zur Gründung der Studiengesellschaft für den Suezkanal, die aus einer deutschen, einer englischen und einer französischen Gruppe besteht. Diesen Gruppen stehen Alois Negrelli, Robert Stephenson und Paulin Talabot vor. Auf Grund des vorliegenden Materials wird der Bau des Kanals für grundsätzlich ausführbar erklärt und die eheste Durchführung weiterer, in ihren Einzelheiten auf die drei Gruppen aufgeteilten Vorarbeiten beschlossen. Nach Durchführung dieser Vorarbeiten sollen die Gruppenchefs das Kanalterrain bereisen. Die deutsche Gruppe entwickelt sofort die größte Tatkraft. Ihre Gründung ist die erstvollzogene. Für Österreich ist die Stadt Triest und die Handelskammer dieser Stadt, der österreichische Lloyd, der Niederösterreichische Gewerbeverein und die Handelskammer Venedig der Gesellschaft beigetreten. Einer der wärmsten Förderer der Gesellschaft ist der Direktor des Österreichischen Lloyds und spätere Finanzminister Carl Ludwig Freiherr von Bruck. Die Ingenieurbrigade der deutschen Gruppe reist bereits anfangs Mai 1847 unter der Führung des Ingenieurs Jassnüger nach Ägypten und kehrt Ende Juli mit reichen, die Erforschung der Schiffahrtsverhältnisse des Mittelländischen Meeres von Alexandrien bis Tineh und Aufnahmen und Höhenmessungen dieser Meeresuferstrecke betreffenden Ergebnissen wieder zurück. Negrelli läßt sich deren rascheste Verarbeitung angelegen sein, um sie seiner Regierung und den anderen Gruppenchefs vorzulegen. England läßt keine neuen Aufnahmen machen; es beruft sich auf die früheren Aufnahmen der ostindischen Kompanie, die es als seine Aufnahmen für die weiteren Arbeiten der Studienkommission einbringt. Die französische Gruppe, deren Leiter der Sohn Barthelemy Enfantins ist, nimmt die ihr aufgetragenen Arbeiten in der Zeit zwischen September 1847 und Jänner 1848 vor, als deren wichtigstes Ergebnis ein nur geringfügiger Niveauunterschied beider Meere hervorzuheben ist, der Negrelli zur Anwendung der schleusenlosen Bauweise für den Kanal veran- laßte. Gegen die Reise der drei Gruppenchefs würde nun kein Hindernis bestehen. 'Sie kommt aber vorläufig doch nicht zustande, da Talabot und Stephenson erklären, zur Zeit nicht abkömmlich zu sein und Negrelli nicht allein reisen will. Zudem haben sich die politischen Verhältnisse verschlechtert: In Österreich und Frankreich ist die Revolution ausgebrochen. Beide Länder sind dadurch außenpolitisch behindert. Technikgeschichte, 11. Heft. 4 44 Viktor Schützenhofer Mit dem Übertritt zur Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, mit dem er eich endgültig dem Eisembahnbau als Hauptberuf zuwendet, nahm Negrelli (Bild 5) auch zu den Grundfragen desselben Stellung. Eine aus dem Jahre 1842 stammende Denkschrift ist betitelt: „Die Eisenbahnen mit Anwendung der gewöhnlichen Dampfwägen — gemeint sind Lokomotiven — als bewegende Kraft über Anhöhen und Wasserscheiden sind ausführbar.“ Sie behandelt eine der aktuellsten Fragen der Zeit, die beim Bau der Semmeringbahn zu heißen Kontroversen führen soll, in ausgezeichneter Weise. Die von vielen Seiten vorgeschlagene Verwendung der verschiedensten Hilfsmittel, wie standfeste Dampfmaschinen, Ketten, künstliche Pferdefüße und dergleichen, werden darin entschieden izurückgewiesen. Im gleichen Jahre gab er durch den Kommissionsverlag der Friedrich BECKschen Universitätsbuchhandlung in Wien eine Studie über Gebirgsbahnen heraus. In einer auch dem Kaiser unterbreiteten Denkschrift nimmt Negrelli zur Frage „Pachtbetrieb oder Regiebetrieb“ Stellung und tritt unter Hinweis auf die den Eisenbahnen zukommenden, das Staatswohl betreffenden Aufgaben für den Staatsbetrieb ein. Er konnte damals nicht wissen, daß er später, als die Finanznot des Staates den Verkauf der Staatseisenbahnen notwendig erscheinen ließ, eine bloße Verpachtung derselben begrüßt hätte. Sein Ruf als Eisenbahnbauer ist immer weiter gedrungen. Bereits 1842 hat ihn die Württembergische Regierung gebeten, einen Entwurf für das zu errichtende Bahnnetz ihres Landes zu begutachten. Auch Sachsen bittet um Ratschläge für Bahnbauten. Nun kommt die Schweiz, die zwischen- ‘ durch wiederholt seinen Rat in Anspruch genommen hat, mit einer, ihm allerdings nicht neuen, großen Aufgabe. Im November 1845 übernimmt Negrelli mit Zustimmung der österreichischen Regierung, die der Schweiz entgegenkommen will, zusätzlich zu seinen ohnehin so (zahlreichen Verpflichtungen, die oberste Leitung des Baues der Schweizer Nordbahn, deren erste Teilstrecke „Zürich— Baden“ am 7. August 1847 eröffnet wird. Am 8. Dezember des Jahres 1840 hatte Negrelli seine erste Gattin durch Tod verloren. Am 18. Juni 1847 verehelichte er sich wieder. Seine zweite Gattin ist die Tochter Karoline des Staats- und Konferenzrates Johann Baptist von Weiss-Starkenfels. Mit Dekret vom 24. Mai 1848 wird Negrelli in das neu gebildete Arbeitsministerium zur provisorischen Dienstleistung einberufen und mit der Leitung der Sektion für die Staatseisenbahnen betraut. Zwei Maßnahmen Negrellis, Bild 5. Alois Negrelli in mittleren Jaliren. Generalinspektor der Kaiser- Ferdinands-Nordbahn. f'mm Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. 45 die in die kurze Zeit seiner Sektionsleiterschaft im Arbeit.sminister.ium fallen, verdienen besonders hervorgehoben zu werden: „Die endgültige Baubewilligung für die Semmeringbahn nach dem GiiEGASchen Bauentwurf“ und „der Beitritt der österreichischen Staatseisenbahnen zum Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen“. Die Entscheidung über den Baubewilligungsantrag der Generaldirektion der Staatseisenbahnen hatte Negrelli für seinen Minister vorzubereiten, dem er damit auch für ihre Richtigkeit voll verantwortlich war. Trotz der schärfsten Stellungnahme in- und ausländischer Fachleute gegen das GHEGAsohe Projekt hat Negrelli nach Bereisung des Projektsgebietes, gestützt auf seine reichen Erfahrungen im Eisenbahnbau, die Baubewilligung hiefür — wenn auch, mit schließlich doch nicht berücksichtigten geringfügigeren Abänderungen — mit 27. Juni 1848 durchzusetzen gewußt und damit nicht nur Ghega zur Verwirklichung seiner großen Idee verholfen, sondern auch seinem Vaterland einen großen Dienst erwiesen. Über den Beitritt der österreichischen Staatseiisenbahnen zum Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen ist nur zu sagen, daß der Verein seinen großen Wert, ja seine Notwendigkeit im Laufe eines Jahrhunderts — die Vereinsgründung fällt in das Jahr 1847 — erwiesen hat. Der in den italienischen Provinzen ausgebrodhene Aufstand setzte der Tätigkeit Negrellis im Arbeitsministerium ein rasches Ende. Die Regierung fand seine Entsendung als Staatskommissar für die 'Wiederherstellung der zerstörten Eisenbahnen für erforderlich und teilte ihn als solchen dem dortigen Armeeoberkommando, das in den Händen des Grafen Radetzky lag, zu. Am 28. August 1848 verläßt Negrelli Wien und entledigt sich seines Auftrages in so glänzender Weise, daß Radetzky an ihn folgendes vom 20. Mai 1849 datiertes Dankschreiben richtet: „Ich halte es für meine Pflicht Euer Hochwohlgeboren meinen verbindlichsten Dank im Namen der Heeresleitung für die so zweckentsprechende Errichtung der Eisenbahn Verona—Vicenza sowie die Herstellung derselben nach Venedig bei den so äußerst beschränkten Mitteln aller Art und den so hindernden Verhältnissen des Landes und der Witterung auszusprechen, ohne welche weder die Belagerung von Venedig noch deren Durchführung in der Bedrängnis der unglücklichen Cholera hätte Zustandekommen können. Nehmen Sie daher nochmals meinen Dank als Anerkennung Ihres Verdienstes um den Staat sowie meiner ewigen Verpflichtung für die hierländische Armee auf.“ Mit kaiserlicher Entschließung vom 15. Dezember 1849 wird Negrelli der Orden der Eisernen Krone III. Kl. verliehen, der ihm Anspruch auf Nobili- tierung gibt. In dem am 21. September 1850 daraufhin erstatteten Gesuch um Verleihung des Ritterstandes stellt er die Bitte, das Prädikat „Moldelbe“ annehmen zu dürfen, wenngleich sich die Auszeichnung auf seine Leistungen bei den Lombardo-Venetianischen Eisenbahnen beziehe. Die Wahl des Prädikates — und das ist besonders bemerkenswert — begründet er damit, „daß er in den von der Moldau und der Elbe durchzogenen Tälern von Prag abwärts, durch die Oberleitung des Baues der großen Moldaueisenbahnbrücke zu Prag und des ganzen Eisenbahnzuges von Olmütz und von Brünn über Prag zur sächsischen Grenze sich schmeichelt, für den Staat ersprießliche Arbeit geleistet zu haben, 4* 46 Viktor Schützen hofer auf die er, -ohne unbescheiden zu sein, seinen Stolz als Ingenieur setzen -zu können glaubt“. Mit Dekret vom 22. Dezember 1S49 wird er zum Direktor der Oberbaubehörde im Lombardo-Venetianischen Königreich mit dem Rang eines Sektionsrates I. Klasse ernannt. Die Aufgaben, die Negrelli übertragen werden, werden immer zahlreicher. 1850 wird er mit der Bildung der internationalen Kommission für die freie Po- schiffahrt betraut und erwirbt sich als deren Vorsitzender große Verdienste um den Wirtschaftsaufschwung des Landes. 1851 erfolgt seine Entsendung in die internationale Kommission für die italienische Zentralbahn, die das Adria- tisehe Meer mit der Westküste Italiens, mit Rom, Florenz und Neapel verbinden soll. Nicht nur die Ausarbeitung des kühnen Projektes der Überschienung 'r*. ■■äf* ÜL.L3*"' ff W* Bild 6. Eisenbahnviadukt hei Prag nach einem Stich von Rybicka (um 1850). der Apenninen stammt von ihm, er übernimmt auch die Verhandlungen der Geldbeschaffung für den Gesamtbau und bringt sie zum erfolgreichen Abschluß. Als Oberbaudirektor hat er auch für die Erhaltung und Wiederinstandsetzung beschädigter Denkmäler zu sorgen. In Anerkennung seiner Verdienste, die er sich hiebei erworben hat, ernennt iihn die Akademie der schönen Künste in Venedig zu ihrem Mitglied; eine gleiche Anerkennung hatte ihm bereits 1837 die Künstlergenossenscbaft in Zürich zuteil werden lassen. Am 10. Jänner 1853 erfolgt seine Ernennung zum Vorstand der neu geschaffenen Direktion für Eisenbahnbauten im Lombardo-Venetianischen Königreich unter Zuerkemnung des Ranges eines Ministerialrates. Gleichzeitig wird auch eine Trennung aller übrigen Bauarbeiten von denen des Eisenbahnbaues, aber auch eine solche von Eisenbahnbau und Eisenbahnbetrieb vorgenommen. Während seiner Amtstätigkeit im Lombardo-Venetianischen Königreich, das ist bis September 1855, wurden die Linien Verona—Mantua, Mestre— Treviso, Verona—Porta Nuova, Verona—Porta Vescosa, Verona—Brescia—Coccaglio, Treviso —Pordenone, Pordenone—Casarsa und Monza —Camerlata fertiggestellt Bild 7. Bild 8. Bild 9. Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk 47 KARTEI SKIZZE SED DEM ÖFFE.ITUCNEN VERKEHR ClBllOERENEN LOKOMOTIVRAHNEN IM KAISERTUM ÖSFERREILH von 1836 * 1840 KARTE 2 / SKIZZE DER DEM ÖFFENUICHEN VERKEHR ÜRERSERENEN LO KO MOTIVRAHNEN IM KAISERTUM ÖSTERREICH von 1836-1850 KARTE 3 SKIZZE DER DEM ÖTTEHTIICETH VERKEHR ilPEHSERINSH 10K0 MOTIVS AHMEN IM KAISERTUM tSTSRREICH von 1836 SIS 6ND£ 0KTO3ER 1859 48 Viktor Schützenhofer und die Linien Mailand—Lodi— Piacenza, Coccaglio—Bergamo— Monza and Verona—Trient in Bau genommen. Der rasche Aufstieg Negrellis hat ihm Feinde geschaffen, die nun bestrebt sind, seine (Stellung zu untergraben. Am 25. Mai 1855 beginnt Feldmarschalleutnant von Trattnern die ihm aufgetragene Überprüfung der gesamten Gebarung der Negrelli unterstehenden Baubehörde. Ihre Grundlagen bilden vertrauliche Anzeigen betreffend die Arbeits- und Bauverhältnisse, die in ihren Einzelheiten Negrelli nie bekanntgegeben wurden. Er erblickt in der Tatsache dieser Überprüfung keine ihn beunruhigende Maßnahme und reist unter Ausnützung eines ihm hiefür gewährten Urlaubes Ende Juli nach Paris, um neue Bahneinrichtungen zu studieren, die Pariser Weltausstellung zu besuchen und einer Sitzung der Studienkommiission für den Suezkanal beizuwohnen. Die Studienkommission kommt zu keinem Beschluß, sie darf zu keinem Beschluß kommen, denn zwischenzeitig hat sich eine neue Persönlichkeit in den Kampf um den Suezkanal eingeschoben, die rücksichtslos alles daran setzt, den zu erwartenden Erfolg auf ihr Konto allein buchen zu können: Ferdinand von Lesseps. Lesseps war 1833 als französischer Vizekonsul in Kairo tätig und hatte durch sein konziliantes Wesen die Gunst des damaligen Vizekönigs Mehemed Ali errungen, der ihm die Mentorschaft beim jungen Prinzen Said, dem künftigen Thronanwärter Ägyptens, übertrug. Lesseps wurde im Dienste seines Landes bald anderweitig verwendet und war schließlich 1850 als Gesandter in Rom tätig, wo seine diplomatische Karriere ein jähes Ende fand. Nach Frankreich zurückgekehrt, lebte er als Privatmann, bis er 1854 von dem Tode des damaligen Vizekönigs Abras Pascha und der Nachfolge seines ehemaligen Zöglings Said Pascha hörte. Er beglückwünscht den neuen Vizekönig, trägt ihm seine Dienste an und wird eingeladen, nach Kairo zu kommen. Er eilt daraufhin zu Enfantin, schildert diesem seine Beziehungen zum neuen Vizekönig Ägyptens und verweist auf seine Verwandtschaft zur Kaiserin Eugenie. Er erreicht es, daß ihn die französische Gruppe der Studienkommission, ohne die übrigen Kommissionsmitglieder zu fragen, ermächtigt, bei 'Said Pascha wegen Erteilung des Bauauftrages für den Kanal vorstellig zu werden. Er erwirkt sich einen persönlichen Auftrag, den er damit rechtfertigt, daß jeder Orientale gegen anonyme Vereinigungen voreingenommen sei. Die Gültigkeit dieses Auftrages bedarf allerdings noch der Zustimmung der Hohen Pforte. Nach der ergebnislosen Zusammenkunft der Studienkommission im September beruft Lesseps für den 30. Oktober die Gründungssitzung der von ihm zu schaffenden und zu leitenden Internationalen Kommission für den Suezkanal ein, in der außer Negrelli kein Mitglied der Studienkommission mehr aufsoheint. Negrelli nimmt an der Gründungssitzung teil, obwohl er zwischenzeitig bei seiner am 23. September erfolgten Rückkehr aus Paris in Verona das Dekret seiner Enthebung von der Stelle eines Direktors des Eisenbahnbaues im Lombardo-Venetianischen Königreich vorgefunden hat. Die Widersacher haben einen vorläufigen Erfolg errungen. Seine Stellung in der Suezkanalfrage wird dadurch aber nicht berührt. Österreich verfügt über keinen anderen Fach- Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. 49 mann auf diesem Gebiet. So nimmt er auch, nachdem er früher nach Wien zurückgekehrt war, an der Reise der Internationalen Suezkanalkommission teil, die am 18. November in Alexandrien eintrifft. Durch Augenschein soll eine richtige Stellungnahme zu den vorliegenden Kanalplänen ermöglicht werden. Der Aufenthalt in Ägypten ist in Arbeit und Festlichkeiten geteilt. Unauslöschlich ist der Eindruck, den die eigenartig schöne Landschaft und der tiefblaue Himmel auf ihn machen; er läßt ihn fast die schwere Kränkung vergessen, der er kürzlich in der Heimat ausgesetzt war. Nach eineinhalb Monaten verläßt die Kommission wieder Ägypten. Negrelli hat sich durch die ihm zuteil gewordene Zurücksetzung in keiner Weise beeinflussen lassen, er hat sie nie als eine endgültige aufgefaßt und 4 - *1 & jafe Bild 10. Nach einer Handzeichnung Negrellis, aus dessen Tagebuch ,»Ägyptische Reise 1855“. drückt dies in ergreifender Weise in der letzten Tagebucheintragung des Jahres 1855 aus, die er knapp vor seiner Abreise aus Ägypten vornimmt. Sie lautet: „Somit schließe ich dies für mich so verhängnisvolle Jahr, Gott dankend für die Wohltaten, alle Unbilden vergessend und voll Vertrauen auf die göttliche Gnade, welche das Recht und die Wahrheit nicht in Stich lassen wird. Ich hoffe zu Gott, daß mein Kaiser mir Gerechtigkeit wird widerfahren lassen, denn nur Gutes habe ich für Kaiser und Vaterland gewirkt.“ Bemerkenswert ist aber auch die unmittelbar nachfolgende Eintragung: „Wenn der Suezer Kanal zur Wirklichkeit wird, was ich 'kaum mehr bezweifle, glaube ich demselben mehr 'als mancher andere für alle ewigen Zeiten genützt zu haben.“ Am 11. Jänner 1856 landet er in Triest, trifft am 15. Jänner in Wien ein und wird für den 20. Jänner zu Kaiser Franz Joseph in Audienz befohlen. Der Kaiser empfängt ihn überaus huldvoll und läßt sich über das Ergebnis seiner Reise nach Ägypten berichten. Am 17. Februar erfolgt die kaiserliche Genehmigung der Verwendung Negrellis im Handelsministerium und am 8. März seine Ernennung zum 50 Viktor Sciiützenhofer Generalinspektor der Eisenbahnen. Über die frühere Enthebung lind ihren Grund spricht niemand mehr. Inzwischen tritt Negrelli in Wien und Lesseps in Paris in Wort und Schrift für den Suezbanalbau ein. Am 23. Juni 1856 wird in Paris von Lesseps die erste Sitzung der Internationalen Kommission des Meereskanals von Suez eröffnet, >an der Vertreter Frankreichs, Englands, Spaniens, Preußens, Sardiniens, Hollands und Ägyptens teilnehmen und Österreich durch Negrelli vertreten ist. Die zuerst behandelte Frage der Linienführung endet mit einem vollen Sieg Negrellis, dessen Trasse zur einstimmigen Annahme kommt. In gleicher Weise wird nach hartem Kampfe sein Vorschlag der schleusenlosen Ausführung genehmigt. Nachdem das Schicksal Negrelli kurz vorher so hart angefaßt hatte, schenkt es ihm nun den größten Triumph seines Lebens. Am 21. und 22. Juli 1856 nimmt er in Frankfurt am Main als österreichischer Vertreter an der Generalversammlung Deutscher Eisenbahnverwaltungen teil. In seinen Aufzeichnungen über die Sitzung findet sich die Bemerkung, daß es ihn mit Stolz erfüllt habe, dabei unter dem Bildnis des von ihm so sehr verehrten Beschützers seiner Jugend, des verblichenen Kaisers Franz, sitzen zu können. Der Herbst vergeht mit einer Inspektionsreise nach den italienischen Provinzen, bei welcher Gelegenheit er noch einmal seinen inzwischen in den Ruhestand versetzten Gönner und väterlichen Freund, den Feldmarschall Grafen Radetzky besucht, der ihn in alter Herzlichkeit empfängt. Lesseps ist zu dieser Zeit bemüht, der Frage des Baues des Suezkanals eine festere Grundlage zu geben. Er braucht hiezu den Könner und veranlaßt den Vizekönig von Ägypten, Negrelli zum Generalinspektor der Kanalbauten zu ernennen. Im zeitlichen Frühjahr des Jahres 1857 unternimmt Negrelli eine neuerliche Bereisung der Lombardisch-Venetianisehen Bahnen. Der das Ergebnis dieser Reise wiedergebende Bericht schildert die dort herrschenden, vom Irre- dentismus getragenen Personalverhältnisse und den von Frankreich ausgeübten, zersetzenden Einfluß. Im Mai dieses Jahres werden Negrelli und ein juridi- „ scher Beamter des Handelsministeriums — Sektionsrat Dr. Maly — zu Bevollmächtigten für die mit dem königlich-sardinisehen Beauftragten zu führenden Verhandlungen ernannt, die die Herstellung der Verbindung der piemontesi- schen mit den lombardischen Eisenbahnen zum Gegenstand haben. Am 12. Juni dieses Jahres verfaßt Negrelli sein Testament, das er mit einem Bekenntnis der Treue zu seinem Glauben, seinem Vaterland und seinem Kaiser beginnt und sonst der Fürsorge für seine Frau, seine sieben Kinder und zahlreiche Geschwister widmet. Im September dieses Jahres unternimmt er Dienstreisen nach Ungarn und Galizien. Die Anstrengungen dieser Reisen lassen ihn immer mehr erkennen, wie leidend er ist. Die am 20. Dezember 1857 erflossene kaiserliche Willenskundgebung der Erweiterung der inneren Stadt Wien und der Verbindung derselben mit den Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. 51 Vorstädten erfüllt ihn mit Begeisterung. Er will an dem Wettbewerb teilnehmen und beginnt mit Vorarbeiten dafür. Im Frühjahr des Jahres 1858 lädt Lesseps Negrelli zu einer Reise nach Ägypten ein. Negrelli kann die Einladung seines schlechten Gesundheitszustandes wegen nicht mehr annehmen. Im Juli 'benützt er einen ihm gewährten zweimonatlichen Urlaub, um in dem Badeorte Recoaro Linderung seiner Leiden zu suchen und begibt sich dann in seine Heimat. Anscheinend bekräftigt, glaubt er sich stark genug, um anfangs September der Generalversammlung des Vereins Deutscher Eisenbahmverwal- B A 5£» S* w vT * w ** ’ tifS***?* J^y. x,: S jgÄSfc’ Jx; -i'd . Bild 11. Der schleusenlose Kanal als die kürzeste Verbindung des Roten und des Mittelländischen Meeres. Trasse B ist von Negrelli eigenhändig mit Bleistift in den Plan eingetragen und wurde im Jahre 1855 genehmigt. (A und C sind fremde Projekte.) Aus dem Nachlaß Negrdlis im Technischen Museum, Wien. tungen in Triest beiwohnen zu können. Damit erschöpft er seine Kräfte vollständig und kehrt in schwer leidendem Zustand nach Wien zurück. Dies kann ihn aber nicht abhalten, zu einer gegen den Bau des Kanals gerichteten Äußerung Stephensons, die dieser in der „Times“ am 3. August veröffentlichte, Stellung zu nehmen. Das sonderbare Verhalten Stephensons, der trotz seiner Zugehörigkeit zur Studiengesellschaft stets bemüht ist, den Bau des Kanals zu verhindern, hatte Lesseps veranlaßt, eine bezügliche Anfrage im englischen Parlament herbeizuführen, bei deren Behandlung auch Stephenson eingriff und sich neuerlich als Kanalgegner zu erkennen gab. Negrelli nahm sofort zu diesen Äußerungen Stellung und ließ sie in der Wiener Tageszeitung „österreichische Zeitung“ am 16. Juni veröffentlichen. Nun findet er die neuerliche, auch persönliche Angriffe gegen ihn enthaltende Erwiderung Stephensons, die er nicht unbeantwortet lassen will. Punkt für Punkt widerlegt er 52 Viktor Schützenhofer die unhaltbaren Behauptungen Stephensons in treffendster Weise, wobei fest- gehalten werden soll, daß einerseits die gegensätzliche Haltung der damaligen englischen Regierung, anderseits das Bestreben Stephensons, einen von ihm projektierten Bahnbau an Stelle des Kanalbaus durchzusetzen, die eigentlichen Beweggründe für dessen Stellungnahme waren. Auf die persönlichen Angriffe erwidert er in der Österreichischen Tageszeitung vom 26. September 1858 wie folgt: „Die beleidigende Äußerung des Herrn Stephensons, als ob meine Teilnahme an den Arbeiten der Internationalen Kommission im Jahre 1855 eine commerzielle Form angenommen habe, weise ich mit Entrüstung zurück. In Österreich ist die Ehre nicht feil und dem ehrenwerten Gentleman diene es zur Nachricht, daß weder ich, noch sonst ein anderes Mitglied der Kommission, von der Größe der Idee begeistert, irgendeine Entschädigung für seine Leistungen je angenommen bat.“ Es war der letzte Akt seines Eintretens für dieses größte Werk seines Lebens. Wenige Tage später, am 1. Oktober 1858, schließt Alois Negrelli die Augen für immer. Mit seinem Tode ist Österreich, dem der Vertrauensmann fehlte, aus der Reihe der Kanalinteressenten ausgesohleden. Lesseps, der sich die Baupläne Negrellis zu beschaffen wußte und die Ansprüche seiner Witwe mit einem Linsengericht abfertigte, setzt mit allerdings zu bewundernder Zähigkeit und Mut gegen vielfach sich auftürmende Hindernisse den Bau des Kanals durch, der am 17. November des Jahres 1869 1 mit einer glanzvollen Eröffnungsfeier dem Weltverkehr freigegeben wird. 2 Lesseps ist der Erbauer des Kanals, von Negrelli ist nicht mehr die Rede. Viele Jahre später findet seine Tochter Marie Dokumente, die ihr den Beweis geben, daß ihre Mutter um die Früchte der Leistungen ihres Vaters betrogen wurde. Sie führt Prozeß gegen die Compagnie Maritime du Canal de Suez in Paris, der von dieser durch immer neue Einwände so lange hingezogen wird, bis er 1918 durch die Entrechtung des besiegten Österreichs nicht mehr weitergeführt werden kann. Und doch ist ihr ein großer Erfolg in dem Kampf 1 Die Eröffnungsfeierlichkeiten dauerten vom 16. bis 19. November 1869. a Die Ansprache, die der ägyptische Vizekönig an Kaiser Franz Joseph bei der Kanaleröffnungsfeier richtete, lautet wie folgt: Sire, „Votre Majeste Apostolique a donne ä cette grande ceuvre un temoignage d’insigne Sympathie en arretant ici vos pas au moment oü l’Adriatique, qui baigne votre empire, et la Mer Rouge deviennent un grand fleuve, aboutissant ä l’Ocean Indien. Daigne le Dieu que vous venez d’adorer publiquement en vous agenouillant sur le tombeau du Sauveur du monde, repandre ses benedictions sur votre personne, sur votre dynastie et sur le grand empire qu’il a daigne confier ä votre sollicitude.“ In dieser Ansprache ist der Anteil Österreichs und besonders derjenige Negrellis an dem Werden des Suezkanals in keiner Weise erwähnt. Als Anlaß für die Anwesenheit des österreichischen Kaisers wird lediglich die Tatsache angeführt, daß das auch im Hoheitsgebiet des damaligen Österreichs gelegene Adriatische Meer durch den Kanal mit dem Roten Meer und Indien verbunden wird. T •Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. 53 um die Anerkennung der Leistungen ihres Vaters gegönnt. Die Welt beginnt immer mehr die Wahrheit der Geschichte von Suez zu erkennen. Alois Negrelli zählt zu den bedeutendsten Technikern seiner Zeit. Über Wasser-, Straßen- und Brückenbau hat er den Weg zu dem damals noch in den Kinderschuhen befindlichen Eisenbahnbau gefunden, an dessen staunenswerter Entwicklung er zum Nutzen seines Vaterlandes in hervorragender Weise sich beteiligte. Der eine Umwälzung im Weltverkehr herbeiführende Suezkanal ist nach der von ihm angegebenen Trasse und nach seinen Plänen gebaut worden. In allen Berichten, die wir von ihm und über ihn besitzen, kommt sein gewinnendes Wesen, seine Herzlichkeit im Umgang mit den Menschen und sein reiches Gemüt zum Ausdruck. Auch seine Briefe und Tagebücher atmen den I gleichen Geist. Alois Negrelli war ein ebenso guter, als ein bedeutender Mensch. Seine [ Lebensgeschichte ist ein Stück Geschichte Österreichs; ihr Platz darin ist ein wahrhaft ehrenvoller. Quellen und Schrifttum. Archiv alien. Handschriften, Urkunden, Dokumente, Dienstbeschreihungen und Tagebücher aus dem Nachlaß von Alois Ritter von Negrelli, der sich im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe befindet. (Es sind 1590 handschriftliche Aktenstücke und mehrere umfangreiche Konvolute hiezu vorhanden.) Handschriften und Akten aus dem Staatsarchiv des Innern, aus dem Staatsarchiv für Heerwesen sowie aus dem Adelsarchiv. Biographische Werke. Wurzbach-Lexikon. Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser Österreichs, 2. Jahrg., S 328ff. Wien 1906/07. Birk A. — Alois Negrelli, Nachruf zum 50. Todestag. Birk A. — A. Negrelli, Denkschrift herausgegeben vom Denkmal-Komitee, Wien 1914. Birk A. — Alois Negrelli, die Lebensgeschichte eines Ingenieurs. 2 Bände, Braumüller Verlag. Wien 1915. Birk A. ■— A. Negrelli Ritter von Moldelbe, Generalinspektor der österreichischen Eisenbahnen. Suezkanal. Negrelli A. v. — Die gegenwärtigen Transport- und Kommunikationsmittel Egyptens mit Beziehung auf die beantragte Durchstechung der Landenge von Suez. Wien 1856. Negrelli A. v. — Konvolut von Abhandlungen Negrellis über den Suez-Kanal. Lesseps F. — Percement de l’isthme de Suez. Paris 1856. Negrelli A. — Negrelli contra Stephenson, in: Österreichische Zeitung Nr. 136 vom 18. Juni 1858. Negrelli A. — Negrelli und Stephenson, in: Österreichische Zeitung“ vom 26. 9. 1858. Millie, E. — Isthme et Canal de Suez, 1869. ii 54 Viktor Schützenhofer: Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. Ritt 0. — Histoire de l’isthme de Suez. Paris 1869. Revilliod Gr. — De Geneve ä Suez. Lettres ecrites d’Orient. Paris und Neucliätel 1873. Kruckenberg C. — Die Durchfluthung des Isthmus von Suez. Heidelberg 1888. Georgi-Dufour: Urkunden zur Geschichte des Suezkanals. Leipzig 1913. Levi -Cases. — Luigi Negrelli ed il progetto definitivo del Canal di Suez. Birk A. — Der Suez-Kanal. Hamburg 1925. Sammarco, A. — Precis de l’histoire d’Egypte, Bd. IV, Suez-Kanal, Rom 1935. Sonstige Druckwerke. Negrelli L. — Ausflug nach Frankreich, England und Belgien zur Beobachtung der Eisenbahnen. Frauenfeld 1838. Negrelli L. — Über Gebirgseisenbahnen. Wien 1842. Negrelli L. — Die Eisenbahnen, mit Anwendung der gewöhnlichen Dampfwägen — gemeint sind Lokomotiven — als bewegende Kraft über Anhöhen und Wasserscheiden sind ausführbar. Wien 1842. Negrelli L. — Pachtbetrieb oder Regiebetrieb. Wien 1842. Negrelli L. — Les Heritiers de Negrelli contre la Compagnie du Canal de Suez in: Revue des Grands Proces. Paris, Jänner bis April 1906. Kübeck M. — Tagebücher des Carl Friedrich Freiherrn Kiibeck von Kiibau. Erinnerungen an Rudolf Wegscheider. Von Dr. Anton Skrabal Professor der Chemie an der Universität Graz i. R. Mit einem Bildnis. Am 8. Oktober dieses Jahres jährte sich zum neunzigsten Male der Tag, an dem der am 18. Jänner 1935 verstorbene langjährige Professor der Chemie und Vorstand des Wiener Ersten chemischen Universitätslaboratoriums Hof rat Dr. Rudolf Wegscheider in Groß-Becskerek (Ungarn) das Licht der Welt erblickte. Da dieser durch viele Jahre führender und repräsentativster Vertreter der chemischen Wissenschaft in der Monarchie und in der Ersten Republik gewesen, wurden. a?y Dieses Verlangen wurde, nachdem von Wertheim ein gewerbeberechtigter Schlosser als Betriebsführer eingestellt worden war, von der Aufsichtsbehörde rundweg abgelehnt, was bewirkte, daß sich Wertheims Kassenerzeugung unbehindert weiterentwickeln konnte. Die Sicherheit dieser Kassen wurde bald darauf noch dadurch erhöht, daß Wertheim im Jahr 1863 die Patentrechte an einem vom Amerikaner Yale erfundenen Stechschloß erwarb und von nun ab alle seine Kassen mit Schlössern und Schlüsseln dieses Systems versah. Die Durchführung dieser Maßnahme erforderte eine Erweiterung der Werkstätten, die nun zum „Wertheimhof“ ausgebaut wurden. In diesem fanden schon vor dem Jahr 1870 mehr als 400 Arbeiter dauernden Erwerb. Neben seiner industriellen Tätigkeit beschäftigte sich Wertheim auch mit der Ausfuhr österreichischer Werkzeuge und österreichischer Sensen. Es gelang ihm insbesondere, den Handel mit diesen durch Aufnahme von Verbindungen zu bedeutenden Exportfirmen Englands zu großer Blüte zu bringen. Auf 70 Erich Kurzel-Runtscheiner der Weltausstellung des Jahres 1862 in London zeigte Wertheim neben seinen Kassen und Werkzeugen auch die vorzüglichen Sensen aus steirischem Stahl. Diesen verschaffte er dadurch Weltruf, daß er, als in der Jury Zweifel an der Vollwertigkeit der österreichischen Sense geäußert wurden, diese durch eine praktische Probe erwies. Vor den sachkundigen Beisitzern der Jury spannte Wertheim eine Platte aus englischem Stahl zwischen die Backen eines Schraubstocks und führte gegen diese mit einer im Sensenwerke der Wein- MEiSTERschen Gewerkschaft in Wasserleit erzeugten Sense aus steirischem Stahl einen Schlag, der die Schneide der Sense tief in die Stahlplatte eindringen r., t Bild 4. Sensenhammer in der Eisenwurzen. ließ, ohne daß sich an der Schneide der Sense auch nur eine Scharte gezeigt hätte (15. Mai 1862). Diesem großen moralischen Erfolg, den Wertheim vor Fachleuten aus aller Welt für die Sense aus steirischem Stahl errungen hatte, folgten bald große materielle nach, die die österreichische Sensenerzeugung durch beinahe zwei Jahrzehnte zu einem sehr erträgnisreichen Industriezweig machten. Wertheim, der diese Entwicklung mit sicherem Blick vorausgesehen hatte, konnte an ihren klingenden Erfolgen dadurch teilnehmen, daß er bald nach dem großen Tag von London die WEiNMEiSTERsche Gewerkschaft in Wasserleit, aus der jene vorzügliche Sense hervorgegangen war, die er damals benutzte, käuflich erwarb. Auch die Sensenwerke Himmelau in Kärnten gingen bald in den Besitz Wertheims über, der von da an einen beträchtlichen Teil der Erzeugnisse dieses nun so erfolgreichen Gewerbezweiges in eigenen Werkstätten herstellen konnte. Wertheim beschickte auch die in den folgenden Jahren stattfindenden Ausstellungen. Es waren dies die 1865 in Oporto stattfindende Internationale Ausstellung, die Weltausstellung des Jahres 1867 in Paris und die Internationale Franz Freiherr yon Wertheim. 71 Ausstellung de« Jahres 1869 in Amsterdam. Auf den bisnun genannten sowie auch auf allen weiteren Ausstellungen, an denen Wertheim teilnahm, wurden insbesondere die von ihm gezeigten Kassen prämiiert. Er selbst aber erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Orden. Ein Beweis für die außerordentliche geschäftliche Tüchtigkeit Wertheims sind die von ihm erzielten materiellen Erfolge. Die große Sachkenntnis aber, die er auf dem Sondergebiete der Werkzeugerzeugung und der Werkzeugkunde im Lauf einer nun beinahe dreißigjährigen Industriellentätigkeit erworben Bild 5. Aus Wertheims „Werkzeugkunde“ für Holzarbeiter, Wien 1869. I mmmmimmn, miw>wwiiw*i»i»i»«a»gw W*ikjt»ug| f» brikifli Afifoiiäj of Tests mm Wfm mm, 1 ‘ : !* hatte, bewies er durch die im Jahr 1869 erfolgte Herausgabe einer „Werkzeugkunde“ für Holzarbeiter. Dieses Wenk besteht aus einem Textband und aus einem Tafelband, der auf 41 Tafeln 1081 meist farbige Figuren enthält. Diese stellen alle damals bekannten Werkzeuge und die einfachen aus Holz gefügten Vorrichtungen und Maschinen dar, die das in jener Zeit noch meist holzverarbeitende Gewerbe zu verwenden pflegte. Für diese Veröffentlichung Wertheims schrieb der Direktor der Polytechnischen Schule in Hannover Karl Karmarsch, der bedeutendste Technologe jener Zeit, ein Vorwort, das die Verdienste des Verfassers restlos anerkannte. Dieses Werk war — wie das Titelblatt besagt — von Wertheim „zu Gebrauch für technische Lehranstalten, Eisenbahnen, Schiffbau, Industrie und Gewerbe, als: Tischler, Faßbinder, Wagner, Zimmerleute, Modelleure und Mechaniker“ bestimmt. Das von ihm vor 72 Erich Kurzel-Runtscheiner der breiten Öffentlichkeit Dargelegte war aus dem reichen Erfahrungsschatz geschöpft, den Wertheim ibei seiner industriellen Tätigkeit hatte sammeln können. Durch diese Veröffentlichung förderte Wertheim nicht nur die weitere Entwicklung seiner eigenen Betriebe, sondern auch die des gesamten Gewerbes in allen deutsch sprechenden Ländern und den technischen Unterricht. Denn Wertheims Werkzeugkunde fand bald allgemeine Verbreitung an den damals in rascher Entwicklung begriffenen Schulen technischer Richtung. In Anerkennung der wertvollen und selbstlosen Verdienste, die W t ertheim dadurch dem Gewerbestand geleistet hatte, wurde ihm nach der Veröffentlichung dieses Werks vom Niederösterreichischen Gewerbeverein, dem er seit 1844 als Mitglied angehörte, die goldene Medaille verliehen. Am 13. März des Jahres 1869 wurde in Wertheims Werkstätten die 20.000ste Kasse fertiggestellt. Wertheim nahm dies zum Anlaß, ein großartiges Fest in den Sälen der Wiener Gartenbaugesell- schaft zu veranstalten. An diesen nahmen neben den Arbeitern des Wert- HEiMschen Betriebes, die er vollzählig eingeladen hatte, neben der besten bürgerlichen Gesellschaft Wiens und neben zahlreichen Künstlern auch die Spitzen der österreichischen und der ungarischen Aristokratie teil. Josef Strauss hatte aus diesem Anlaß die bekannte Polka „Feuerfest“ (Bild 6) komponiert, die auf Wertheims Fest unter der persönlichen Leitung des Komponisten zum ersten Mal zur Aufführung kam. Das Fest dauerte bis zum frühen Morgen: In den herrlieh geschmückten oberen Sälen tanzte und unterhielt sich die vornehme Gesellschaft. In den Räumen darunter feierten die Arbeiter das Fest ihres Brotherrn, als dessen Gäste sie Alle — Reich und Arm — erschienen waren. Prunkhaft, wie die Zeit es verlangte, in der Wertheim lebte, war seine , Lebenshaltung und sein Auftreten. Im Wien jener Tage, in dem Hans Makart den Ton angab, durfte und mußte sich „in Szene setzen“, wer etwas bedeuten wollte. Dieser Richtung paßte sich Wertheim mit bemerkenswerter Vollendung, ja manchmal sogar mit Übertreibung an. Sein Auftreten, seine Equipagen, ein Palais (Bild 7), das einer der berühmtesten Architekten des damaligen Wien Heinrich Freiherr von Ferstel an einem der vornehmsten Plätze des eben entstehenden Ringstraßengürtels, am Schwarzenbergplatz 1863 errichtete, das alles diente dazu, um seiner Person Geltung zu verschaffen und war zugleich Reklame für Wertheims Erzeugnisse. Da der Mann, der sich in Bild 6. Polka „Feuerfest“, komponiert von Josef Strauß anläßlich der Fertigstellung der 20.000sten Wertheim-Kasse. ' P0L'K'A' FRANCHISE. U, PIANOFORTE .1» ' /A j] f., ^ Franz Freiherr von Wertheim. 73 dieser Weise zur Schau stellte, trotz mancher kleinen Schwäche, die man gutmütig belächelte oder übersah, eine „Persönlichkeit“ im vollen Wortsinn war und da er sein Werbetalent nicht etwa rücksichtslos nur für sich allein ausnutzte, sondern es auch stets gerne in den Dienst des gesamten österreichischen Gewerbes stellte und für dessen Geltung — auch im Ausland — unermüdlich tätig war, fand niemand an dieser für Wertheim charakteristischen Art etwas zu tadeln. Ihm aber, den man mit Recht als den Pionier neuzeitigen Werbewesens in Wien bezeichnen kann, war Alles und Jedes recht, wenn es nur die Aufmerksamkeit der Umwelt auf ihn und seine Erzeugnisse lenkte; sogar die Karikaturen, die von ihm veröffentlicht wurden, erfreuten ti hHl Tf mi i feg. Bild 7. Palais Wertheim am Schwarzenbergplatz in Wien, errichtet von Architekt Heinrich Frh. v. Ferstel. 1863. ihn, wenn er sie nicht sogar — wie vielfach behauptet wurde — selbst ver- anlaßte. War doch das Karikiertwerden nichts anderes als eine der vielen Seiten der von ihm brennend begehrten Popularität. Wertheims Bemühen im Dienst der Allgemeinheit galt aber nicht dem Gewerbe allein. Er förderte auch die Künstlerschaft seiner Zeit durch wohlbezahlte Aufträge und unterhielt insbesondere zum Theater und zu den Bühnenleuten enge Beziehungen. Dies führte dazu, daß Wertheim 1872 im Hintertrakt seines Palais ein kleines reizendes Theaterchen errichten ließ. Dort veranstaltete er für seine Gäste private Theaterabende. Das Haus, das „Residenztheater“ hieß, wurde unter der Direktion E. Kirsch aber auch der Allgemeinheit zugänglich gemacht und erfreute sich durch die wenigen Jahre, während derer sein Betrieb aufrecht erhalten wurde, beim verwöhnteren Teil der Wiener Theaterbesucher großer Beliebtheit. Als Beweis dafür, daß Wertheims Art nicht bloß der großen Masse seiner Zeitgenossen gefiel, sondern daß er auch bei den leitenden Persönlichkeiten 74 Erich Kurzel-Rtjntscheiner der Habsburger Monarchie hohe Wertschätzung genoß, sei angeführt, daß er anläßlich der Reise, die Kaiser Franz Josef I. zu der am 16. November 1869 statt,findenden Eröffnung des Suez-Kanals unternahm, die Aufforderung erhielt, den Kaiser als dessen persönlicher industrieller Experte zu begleiten. Außerdem war Wertheim Abgeordneter des niederösterreichischen Landtags, Gemeinderat von Wien (1868—1874), Vizepräsident der Wiener Handels- und Gewerbekammer (1858—1866), Präsident des Niederösterreichischen Gewerbevereins (1871—1874) und Kurator des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie. Als die Weltausstellung des Jahres 1873 in Wien vorbereitet werden sollte, wurde Wertheim als Präsident der L andesk o mm iss i o n für Wien und Niederösterreich einer ihrer Organisatoren. Im Jahre 1876 nahm Wertheim die Erzeugung von feuer- und einbruchsicheren Kassen aus Stahl auf, die er „Stahl-Panzerkassen“ nannte. Noch im selben Jahr wurden in Wien und Bukarest öffentliche Einbruchsproben durchgeführt, die bewiesen, welch mächtiger Schutz Kaasen dieser Art ihrem Inhalt boten. Die Widerstandsfähigkeit der nun erzeugten Kassen wurde noch weiterhin durch systematische Verbesserungen in der Härtung der zum Aufbau verwendeten Bleche und durch Anordnung von verbesserten Füllungen in den Hohlräumen der Wände erhöht. Zur Erhöhung der Sicherheit trug auch das von Wertheim erdachte System der Erzeugung der Schlösser und Schlüssel bei. Durch dieses, das auf Grund wissenschaftlicher Permutation entwickelt worden war, erreichte Wertheim, daß keiner der in seinen Werkstätten erzeugten Schlüssel dem anderen glich und daß daher jedes Schloß nur durch den ihm zugehörigen Schlüssel gesperrt werden konnte. Die Genauigkeit der Erzeugung wurde durch eine von Wertheim ersonnene „Schlüsselmaschine“ oder „Schlüsselkontrollmaschine“ (Bild 8) sichergestellt. Mit diesen verbesserten Kassen beschickte Wertheim die Wiener Weltausstellung des Jahres 1873, auf der er auch ein für die Österreichische Nationalbank bestimmtes gepanzertes Kassenzimmer ausstellte. In weiterer Folge wurden damals von Wertheim die Internationale Ausstellung in Kapstadt (1877) und die Weltausstellungen in Paris (1878) und in Sidney (1879) 'beschickt, öffentliche Feuer- und Einbruchsproben wurden 1878 in Triest und 1879 in Konstantinopel durchgeführt. Auch auf der 1880 in Wien stattfindenden Gewerbe-Ausstellung ließ Wertheim an einer von ihm ausgestellten Panzerkasse eine fachmännische Einbruchsprobe vornehmen, die wiederum bewies, daß Kassen dieser Art allen Angriffsmöglichkeiten, die die Technik von damals zur Verfügung stellen konnte, gewachsen waren. Das größte Aufsehen unter den von Wertheim veranstalteten Einbruchsproben Bild 8. Schlüsselkontrollmaschine System Wertheim. Franz Freiherr von Wertheim. 75 scheint aber jene verursacht zu haben, die im Jahre 1881 in Mailand stattfand. Waren doch bei dieser gegen zehntausend Zuseiher anwesend. Als Franz Freiherr von Wertheim am 3. April 1883 in Wien starb, besaß er neben seinen vielen Auszeichnungen und Orden den Titel eines kaiserlichen Rats und den Rang eines kaiserlichen Truchseß; er war Ehrenbürger der Städte Krems, Scheibbs und Steyr, sowie des Marktes Neustift. Sein industrieller Besitz bestand aus den Werkzeugfabriken in Krems und in Neuberg bei Scheibbs, aus den Sensenwerken Himmelau und Wasserleit sowie aus seiner Wiener Kassenfabrik. Dieses Unternehmen hatte Wertheim im Jahre 1872 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, wobei er, da bei dieser Gelegenheit die Aktien mit hohem Agio abgegeben werden konnten, einen großen geldlichen Erfolg buchen konnte. Als dann 1873 der Krach auch den Kurswert der gut fundierten Industriepapiere in die Tiefe wirbelte, nahm Wertheim die Gelegenheit wahr, die Aktien seines Unternehmens bei den häufig notwendig werdenden Zwangsabgaben billig zurückzukaufen und das Unternehmen wiederum in sein Privateigentum zu überführen. Während dieser Krise sollen Arbeiter der Wert- HEiMschen Fabrik bei ihrem Chef vorstellig geworden ©ein, daß sie Aktien des Werkes gekauft und daß sie, da sie diese nicht halten konnten, große Verluste erlitten hätten. Sie stellten an Wertheim die Bitte, ihnen den Schaden zu vergüten, von dem sie doch eigentlich nur darum betroffen worden seien, weil sie zu dem Unternehmen, in dem sie arbeiteten, festes Vertrauen besessen hätten. Darauf soll Wertheim diesen Leuten kurz und bündig erklärt haben, daß er nicht daran denke, ihnen die erlittene Einbuße zu ersetzen: „denn — sagteer — meine Arbeiter haben zu arbeiten und nicht zu spekulieren“. Kurz vor seinem Ende hat Wertheim im Interesse des österreichischen Gewerbes noch eine große Auslandsreise unternommen. Als Vertreter Österreichs war er, vom Tode schon gezeichnet, nach Moskau gefahren, um an einer Tagung teilzunehmen, die ein internationales Abkommen zum Schutz des gewerblichen Eigentums vorbereitete. Durch dieses Abkommen sollten unter anderem auch für die eingetragenen Fabriks- und Handelsmarken Weltschutzrechte sichergestellt werden. Daß die widerrechtliche Nachahmung ausländischer Marken, wie sie damals insbesondere im Handel mit Rußland üblich war, unter Strafsanktion gestellt werde, war von der österreichischen Sensenindustrie schon seit langem gefordert worden. Denn ausländische Sensenschmiede versahen damals ihre billigeren, aber schlechteren Erzeugnisse widerrechtlich mit den weltbekannten österreichischen Sensenmarken und insbesondere mit dem Beischlag, der dias Öberösterreichische Erbland-Wappen zeigt, das nur die Sensenschmiede der „Eisenwurzen“ genannten Landschaft auf ihren vortrefflichen Erzeugnissen anbringen dürfen. Der formale Abschluß der zwischenstaatlichen Beratungen konnte in Moskau allerdings nicht erreicht werden. Die dort geführten Verhandlungen bereiteten aber wirksam die „Pariser Union“ genannte Konvention zum Schutz des gewerblichen Eigentums vor, deren Unterzeichnung am 20. März 1883 vor sich ging. Wertheim, der nach Abschluß der Moskauer Tagung an der Riviera Technikgeschichte, H. Heft. 6 76 Erich Kürzel-Runtscheiner: Franz Freiherr von Wertheim. Genesung suchte, erlebte es noch, daß damit die von ihm vertretene Forderung I Österreichs zum international anerkannten Rechtsgrundsatz wurde. Es war | dies die letzte Genugtuung, die das Schicksal ihm vor dem Ende bereitete. Als er dieses herannahen fühlte, verlangte er heimgebracht zu werden: Er wollte in der Stadt sterben, die die Stätte seiner Erfolge geworden war, die ihn in seinem Glanz gesehen hatte. Wertheims Leichenzug war, trotz all dem offiziellen Prunk, mit dem er i vor sich ging, doch der eines Einsamen. Man fühlt sich an den „armen Kanit- j verstan“ der Fabel erinnert, wenn man das ruhelose Getriebensein, das nie- : mals des Erfolges Sichere dieses an äußeren Erfolgen so reichen und doch | irgendwie problematischen Lebens zu durchschauen versucht. Es war ein | Leben, das eine bedeutende Industrie aufgebaut hat, der nun am Ende im einzigen Leibeserben, dessen Anerkennung auch nur als Träger des Namens bloß auf Umwegen durchzusetzen gewesen war, kein Führer zum weiteren Aufstieg vorgesetzt werden konnte. Und doch war Wertheims Wirken, so unvermittelt es mit seinem Tod abzureißen schien, mit diesem nicht zu Ende. Die Auswirkungen des von ihm geübten Stils der Wirtschaftsführung lassen sich bis in die Tage der um planvolle Organisation bemühten Zeit vor dem zweiten Weltkrieg verfolgen: Wertheims Art, eine Industrie aufzubauem und deren Geschicke zu lenken, war wie ein Stück zur Gluthitze gebrachten edlen steirischem Stahls — „Brockel“ nennen es nach der Väter Sprachgebrauch die Schmiede. Dieses vermag zwar in der Dunkelheit voranzuleudhten, ist aber erst Halbzeug und noch kein handliches Arbeitsgerät; zum vollendeten Werkzeug wird es erst, wenn es die ihm bestimmte Reihe von Fertigungs Vorgängern durchlaufen hat. Und dazu bedarf es, wie zu jedem organischen Heranreifen, des naturgewollten Ablaufs der durch die Weltengesetze vorbestimmten Zeit. Wertheims eigenes Unternehmen aber blühte weiter; das von dem Gründer der Firma erbaute Fabrikgebäude wurde geradezu Später wurde ein großartiges neues Werksgebäude in der Wienerbergstraße (im zehnten Bezirk) errichtet. Im alten Bau arbeiteten Nebenbetriebe der Firma weiter. Der interessante Wiedener Fabrikbau ist während der Kämpfe in Wien im Jahre 1945 in Flammen aufgegangen. Heute ist das Gelände völlig abgeräumt und eingeebnet; es soll in Bälde als Bauplatz für andere Zwecke dienen. Quellennachweis. ; Dr. Josef Arenstein, „Österreichischer Bericht über die Internationale Ausstellung in London 1862“ (S. 627, I. Abschnitt). £ Franz R. v. Wertheim, „Werkzeugkunde für Holzarbeiter“. Wien 1869. i Wilhelm Exner, „Beiträge zur Geschichte der Gewerbe und Erfindungen Österreichs“. Wien 1873. (Bd. I, S. 406 und 492/93). „Presse“ 1869, Nr. 75, „Wertheims 20000. Kasse“. „Baron Franz Wertheim“, Abendblatt „Neue Freie Presse“ vom 3. April 1883. „Wochenschrift des n.-ö. Gewerbevereines“, Jahrg. 1883 (S. 119 und 125). Abendpost der „Wiener Zeitung“ vom 3. April 1883. Karikaturen und witzige Artikel. Der Kikeriki, 18. März 1869, Nr. 11, „Wie man Hausherr auf der Ringstraße wird“, und 1873, Nr. 2, „Wie Diebe und Brandstifter von Baron Wertheim reden“. Wiener Punch 1871, Nr. 29, „Zur Weltausstellung 1873.“ Die Schreibmaschine des Grafen Neipperg. Von Dr. jur. et phil. Heinrich Benedikt. Mit 3 Abbildungen. Unter den vielen erfindungsreichen Köpfen der mariatheresianischen Zeit arbeitete auch einer unter der gepuderten Perüoke des Grafen Leopold Neipperg (1728—92); obwohl geistreich und klug, spielte er doch in der österreichischen Geschichte eine weniger bedeutende Rolle als sein Vater und sein Sohn Adam. Der Vater Wilhelm Reinhard schloß 1739 den Belgrader Frieden, in welchem die vom Prinzen Eugen eroberte Festung Belgrad, Nordserbien, Orsova und die kleine Walachei verlorenigingen; er büßte dafür auf dem Brüniner Spielberg, bis ihn Maria Theresia bei ihrem Regierungsantritt wieder in Gnaden auf nahm und ihn die Schlacht von Mollwitz verlieren ließ. Trotz aller Mißerfolge ein tüchtiger Offizier und Organisator wurde er 1755 Präsident des Hofkriegsrats. Sein Enlkel, Leopolds drittgeborenerSohn Adam, wurde derGatte Maria Louisens und damit der „Nachfolger Napoleons“. Aus dieser Ehe stammt ein Sohn, der 1864 izum Fürsten Montenuovo erhoben wurde. Anfangs 1759 kam Leopold Neipperg als Botschafter nach Neapel, wo seine Hauptaufgabe darin bestand, Verhandlungen über einen Staatsvertrag, welche sein Vongänger Graf Karl Firmian eingeleitet hatte, zum Abschluß zu bringen. Karl III. König beider Sizilien war zur Erbfolge seines kinderlosen Bruders Ferdinand VI. in Spanien ausersehen und sollte, sobald der Erbfall einträte, sein süditalienisches Königreich dem jüngeren Bruder Philipp abtreten, auf dessen Herzogtümer — Parma, Piacenza und Guastalla — Kaiserin Maria Theresia ein Heimfallsreoht besaß. Aber Karl wollte die beiden Sizilien einem seiner eigenen Söhne ülbergeben. Es galt, von Maria Theresia den Verzicht auf ihr Heimfallsrecht zu erhalten, auch war die Frage der Anwartschaft auf die Allodien der ausgestorbenen Häuser Farnese und Medici, zu denen die Sammlungen der Uffizien und des Palazzo Pitti in Florenz gehörten, zu regeln. Maria Theresia, im Krieg mit Preußen auf die Freundschaft der Bourbonen angewiesen, mußte sich zum Verzicht auf ihre undurchsetzbaren Ansprüche auf die Herzogtümer verstehen und sich mit der Abtretung der halben „Praesidien“ be- 6 * 78 Heinrich Benedikt gnügen, armseligen, malariaverseuchten Küstenplätzen an der toskanischen Küste, die zur Krone Neapels gehörten und nun schließlich mit Toskana vereinigt werden konnten. Karl III. verzichtete auf seine wenig begründeten Ansprüche auf das mediceische Allod und die Kaiserin ließ ihre Ansprüche auf das farnesische fallen. In der Niederschrift des Vertrages, dessen Präliminarien am 3. Dezember 1759 von Tanucci und Neipperg abgeschlossen wurden, wurde der Hauptpunkt der Verhandlungen, wie dies bei Staats- und Friedensverträgen häufig der Fall ist, gar nicht erwähnt. Es war dies die Ehestiftung zwischen den Kindern der beiden Monarchen. Die Nachfolge seines Sohnes Ferdinand in den beiden Sizilien war für Karl III. auch ohne ausdrückliche Zustimmung der Kaiserin gesichert, das große Ziel, das er mit den Verhandlungen verfolgte, war die Verlobung seiner ältesten Tochter mit dem Kronprinzen und künftigen Kaiser Joseph. Nach langen Verhandlungen versprach Maria Theresia die Hand Josephs für die neapolitanische Infantin. Da erschien Coante de Staln- ville, der bald darauf zum Duc de Choiseul erhoben wurde, in Wien und trug der Kaiserin als heißen Wunsch Ludwigs XV. die Hand der Enkelin des Königs von Frankreich, der Prinzessin Isabella von Parma, für Joseph II. an. Das war eine bessere Partie, und Kaunitz fand den Ausweg, um die Verlobung mit der sizilianisohen Infantin zu lösen und um die Prinzessin von Parma zu freien: die Liebe. Neipperg mußte dem Königspaar in Neapel mitteilen: Joseph ist „von der Infantin Isabella Leibes- und Gemüts-Eigenschaften unter der Hand benachrichtigt worden und hat auf diese Prinzessin eine solche vorzügliche Neigung geworfen, welche ihn vermöget, unseres herzinniglich geliebtesten Gemahls des Kaisers Majestät und Liöbden und Uns mit geziemender kindlicher Ehrerbietung zu erkennen zu geben, daß er, ohne seiner 'Gesinnung Gewalt amzutun, sich mit keiner andern Prinzessin in Eheverlöbnis einlassen könne“. Zwar durfte Neipperg die bittere Pille verzuckern und auf die Möglichkeit einer Secundogenitur in Toskana für den zweiten Erzherzog und künftigen Gatten einer Infantin hinweisen, aber trotzdem war die Aufgabe, die anderweitige Verlobung Josephs dem Hofe mitzuteilen, unangenehm genug. Die Verhandlungen mit Neapel, insbesondere das Ehegeschäft, waren von so geheimer Natur, daß der Botschafter seine umfassenden Berichte und Noten, wenn nicht sellbst, durch den einzigen Botschaftssekretär schreiben und abschreiben lassen mußte, eine mühsame, zeitraubende Arbeit, und diese Not war es, die ihn erfinderisch machte. „Wie die Geheimnisse in den Händen der Abschreiber sehr Büd 1. Die Neippergsche Schreibmaschine Die Schreibmaschine des Grafen Neipperg. 79 oft in Gefahr zu gerathen pflegen“, sann er über eine neue „Maschine“, durch welche „die wichtige Regel der Staatsklugheit, welche will, daß man die Cabinets- geheimnisse nur so wenigen Köpfen als möglich anvertrauen solle, in ihrer größten Vollkommenheit erhalten werden kann“. Das Modell wurde im Jahre 1762 vollendet und einige gleichartige „Schreibmaschinen“ (Bild 1) angefertigt und abgegeben. Die Abnehmer erhielten eine Gebrauchsanweisung in einem schön gedruckten Quartbändchen von 91 Seiten Text in deutscher und französischer Sprache, 2 Blättern Errata und 6 Kupfertafeln. Damals liebten die Leser lange Titel, die an sich schon den Inhalt des Buchs wiedergeben sollten und so zuweilen dessen Lektüre ersparten; diesem Wunsch kam die Ankündigung der Neipperg- schen Vorrichtung nach: „Beschreibung der von dem Grafen Leopold von Neipperg dermalig wirklichen Oammerherrn beyder Kaiserl. Königl. Apostol. Majestäten, und Allerhöchst Bild 2. Doppel- und dreifache Federhalter. Ihro wirklichem Reichshofrathe, während seiner Gesandtschaft am Königl. Sici- lianischen Hofe, seit dem Jahr 1762 erfundenen neuen Maschine, benannt: Jedermanns geheimer Copist, mittelst welcher man ohne Abschreiben sein eigener Copist wird, oder wodurch man mit weniger Mühe seine Briefe und Aufsätze auf einmal doppelt, und nach Belieben drey- und mehrfach, als so viele Urschriften mit bester Verwahrung des Geheimnisses, und großem Zeitgewinne auf einmal zu Papier bringen kann. Nebst der Anweisung zum gemächlichen Gebrauche derselben. Wien, gedruckt bey Johann Thomas Edlen von Trattnern, kaiserl. königl. Hofbuchdruckern und Buchhändlern, 1764.“ Das Schreiben mit zwei oder drei an einem Stiel hintereinander befestigten Federn hätte, wäre es noch unbekannt gewesen, wohl auch in einer mariatheresia- nischen Taferlklasse erfunden werden können. Mit ähnlich gestalteten Doppelfedern wurde noch vor wenigen Jahrzehnten in den österreichischen Lottokollek- turen geschrieben, da dies ein sicheres Mittel gegen Fälschungen bot; mußte doch der dem Spieler eingehändigte Schein in der Schrift mit dem der Kollektur verbleibenden genau übereinstimmen. Das Problem lag darin, eine Vorrichtung zu 80 Heinrich Benedikt konstruieren, die es ermöglichte, mit einem leichten Druck der linken Hand die Zeilen der Bogen 'bei gleichbleibender Entfernung zu rücken und das Umspannen beim Um wenden des Bogens auf eine einfache Art zu bewerkstelligen. Die Lösung dieser Aufgabe war Neipperg tatsächlich gelungen: „Diese gradweise Büg- und Bewegung der Bögen ist es, was man durch diese neue Maschine auf die leichteste und bequemste Art wirklich zu machen mit gehoftem Erfolg bemüht gewesen ist.“ Das Wesen der NEiPPERGschen „Schreibmaschine“ — er selbst gebraucht diese Bezeichnung — liegt in der zwangsläufigen parallelen Führung der mit mehreren, an einem Stiel befestigten Federn (Bild 2) gleichzeitig beschriebenen Blätter durch „Lineale“ bei gleichfalls mechanisch reguliertem und verstellbarem Zeilenabstand. Dabei war vorgesöhen, daß der obere mit den schon beschriebenen Zeilen bedeckte Teil aller eingespannten und zwangsläufig geführten Blätter in den in der Schreibplatte vorgesehenen Schlitzen verschwand. Das unterste der zu beschreibenden Blätter lag mit seinem noch unbeschriebenen, sich Zeile um Zeile verringerndem Teil offen auf der Schreibplatte (Bild 3). Das obere Blatt bzw. die beiden oberen Blätter (bei gleichzeitigem Beschreiben von drei Bogen) hingen mit ihrem noch unbeschriebenen Teil durch einen Schlitz ins Innere des Schreibtisches hinab: sie stiegen in gleichem Rhythmus mit dem untersten Blatte durch diese Schlitze, entsprechend dem Fortgang des Beschreibvorganges, aulf und verschwanden sogleich ober der eben zu beschreibenden Zeile im nächsten Schlitz. So befand sidh von diesen Bogen nur jeweils eine Zeilenhöhe auf der Schreibplatte, während der schon beschriebene Teil der Bogen durch den obern Schlitz abstieg und der noch unbeschriebene durch den unteren Schlitz aufstieg. Um den Vorgang des Rückens, der nach jeder zu Ende geschriebenen Zeile stattfinden mußte, für alle iBlätter gleichläufig zu machen, waren diese in ein System von Linealen eingespannt, die durch ihr Eigengewicht die Blätter stets gespannt hielten. Neippergs Konstruktion ist also durchaus verschieden von dem von Friedrich von Knaus 1764 verfertigten, drei nebeneinander liegende Bogen Papier gleichzeitig mit drei in ein gemeinsames Führungslineal eingespannten Federn beschreibenden Gerät, das Knaus den „seltsamen Schreibtisch“ nannte, der „zugleich dreymal schreibt“, und erst recht verschieden von seiner berühmten kugelförmigen „alles schreibenden Wundermaschine“ von 1760, die eines der prächtigsten Schaustücke des Wiener Technischen Museums ist. 1 1 Ing. Erich Kurzel-Runtscheiner, „Zwei Meister der Kunstmechanik am Hof der Kaiserin Maria Theresia: Ludwig Knaus und Friedrich von Knaus“, Blätter für Geschichte der Technik, 5. Heft (Wien, 1938), S. 21—41. 'laassüiass Bild 3. Schreibplatte der Neippergschen Schreibmaschine. Darstellung der Benützung. Die Schreibmaschine des Grafen Neipperg. 81 Das durch die m a riatheresianiische Reform aufblühende Beamtentum mit seiner weitschweifigen barocken Vielschreiberei und seinem viele Abschriften benötigenden Geschäftslauf erweckte das Bedürfnis nach einer mechanischen Vervielfältigung, das Knaus und Neipperg und sicher auch andere uns heute unbekannte Erfinder gleichzeitig, ohne voneinander zu wissen, zu befriedigen sich bemüht haben, 'bevor das Problem durch das Durchschlagsverfahren gelöst wurde. Neipperg leibte in einer Zeit besonders kraftvoller kommerzieller Entwicklung und wünschte daher, daß seine Schreibmaschine auch zum Nutzen der Handelswelt und „zu desto größerer Sicherheit des Briefwechsels wider die Seeverunglückungen“ diene. Eine dieser NEiPPERGschen „Schreibmaschinen“ stand im Familienarchiv zu Schwaigern bei Heilbronn; hier sind nach Mitteilung von Erlaucht Graf Neipperg die Bauzeichnungen noch heute aufbewahrt. Zur Geschichte der Metallwerk Plansee G.m.b.H. in Reutte, Tirol. Von Dr. phil. nat. R. Kieffer und Dipl. Ing. F. Benesovsky. Mit 6 Abbildungen. Die Entstehungsgeschichte des Metallwerkes Plansee zu beschreiben, bedeutet eigentlich nichts anderes, als einen Ausschnitt aus der Geschichte der Pulvermetallurgie schlechtweg zu geben. Die Entwicklung dieses bedeutendsten metallurgischen Betriebes Tirols ist eng mit dem Aufstieg der Pulvermetallurgie verknüpft und die Sintertechnik wurde durch wichtige Enwick- lungs- und Forschungsarbeiten dieses Werkes entscheidend befruchtet. Was ist nun zunächst die Pulvermetallurgie, jener noch sehr junge Zweig der allgemeinen Metallurgie, mit welchem sich das Metallwerk Plansee seit seiner Gründung befaßt? Bekanntlich werden die meisten Metalle und ihre Legierungen auf dem Schmelzwege hergestellt. Die Pulvermetallurgie umgeht den ßchmelzvorgang und erzeugt ihre Produkte in Anlehnung an keramische Verfahren durch Verpressen von Metallpulvern zu Formkörpern, welche durch eine Wärmebehandlung unterhalb des Schmelzpunktes *— Sintern genannt — verfestigt werden. Es ergibt sich hierbei die Frage, warum die Pulvermetallurgie heute eine so bedeutende Stellung in der Metallindustrie einnimmt. Es sind dafür im ■wesentlichen folgende Gründe maßgebend: 1. Einige Metalle, wie z. B. Wolfram, Molybdän, Tantal und Niob, haben so hohe Schmelzpunkte, daß man sie, mangels geeigneter Tiegelmaterialien, nicht auf dem Schmelzwege in technischem Umfange herstellen kann. Das Sinterverfahren bietet hier die einzige Möglichkeit, diese Metalle in duktiler Form zu gewinnen. 2. Bei der pulvermetallurgischen Herstellungsweise kommt der Werkstoff mit keinen verunreinigenden Tiegelmaterialien und Schlacken in Berührung; man kann daher auf diesem Wege reinste Metalle, wie z. B. Reinsteißen, Reinstnickel und reinste Legierungen für die Hochvakuumtechnik erzeugen. R. Kjeffer und F. BeneSovsky: Die Metallwerk Plansee G.m.b. H. in Reutte. 83 3. Sämtliche Sintererzeugnisse sind im unverformten Zustand mehr oder weniger porös. Man kann daher durch Pressen und Sintern gas- und flüssigkeitsdurchlässige Werkstoffe hersteilen, bei denen eine gewisse Porosität erwünscht ist, wie z. B. Lagerbüchsen, deren Poren später mit Öl gefüllt werden, plastisches Eisen, Filter, Diaphragmen u. a. 4. Gewisse Metalle können wegen ihrer Schmelzpunktsunterschiede und ihrer Unmischbarkeit im flüssigen Zustand durch Schmelzen nicht zu Legierungen vereinigt werden. Die wichtigen Kontaktwerkstoffe Wolf ram-Kupf er, Wolfram-Silber, Silber-Nickel u. a. können daher nur durch Zusammensintern der einzelnen Pulver erzeugt werden. Auf ähnliche Weise kann ■HIM [** ■■■ Bild 1. Gesamtansicht des Metallwerkes Plansee in Reutte, Tirol. * 5%V üäSr 1 -iH. S&k- itTäf man belieibige, sonst unmischbare pulverförmige Komponenten durch Pressen und Sintern zu Werkstoffen mit besonderen Eigenschaften vereinen. Erwähnl seien hier z. B. die Metallkohlen und Diamantmetallwerkstoffe. 5. Die Herstellung der heute für die spanabhebende Formgebung unentbehrlichen Hartmetalle auf der Basis WC—Co und WC—TiC—Co ist nur auf dem Sinterwege möglich. Das Wolframkarbid (WC) zersetzt sich nämlich beim Schmelzen in W 2 C—WC und Graphit. 6. Neuestens spielen auch wirtschaftliche Gründe bei der Anwendung des Sinterverfahrens eine Rolle. Die Herstellung von Sinter eisen- und Sinterstahlfertigformteilen sowie Sintermagneten sind solche Beispiele, bei denen die Pulvermetallurgie in recht wirksame Konkurrenz zu anderen Massenfertigungsverfahren tritt. Bis auf geringe Ausnahmen werden heute sämtliche erwähnten Werkstoffgruppen von der Metallwerk Plansee G. m. b. H. erzeugt. Im Zusammenhang mit der Entwicklung des Werkes muß daher auch zur geschichtlichen Entwicklung der Pulvermetallurgie im allgemeinen und der einzelnen Werkstoffe im besonderen sowie deren technische und wirtschaftliche Bedeutung einiges gesagt werden. 84 R. Kieffer und F. Benesovsky Der ansteigende Bedarf der Glühlampen- und Röntgenröhrenindustrie an Wolfram und insbesondere der sich nach dem ersten Weltkrieg stürmisch entwickelnden Radioröhrenindustrie an Molybdän, veranlaßten Dr. Paul Schwarzkopf, einen aus Prag gebürtigen Österreicher, dazu, im Jahre 1921 in Reutte/Tirol die Metall werk Plansee G. m. b. H. zu gründen. Vorher hatte er schon als Gründer und Mitinhaber der Deutschen Glühfadenfabrik, Richard Kurtz und Dr. Ing. P. Schwarzkopf G. m. b. H., Berlin, Erfahrungen auf dem Gebiete der hochschmelzenden Metalle gesammelt. Der landschaftlich wundervoll, verkehrstechnisch aber nicht sehr günstig gelegene Ort an der Grenze zwischen Tirol und Bayern hatte den Vorteil, daß die für die Erzeugung der hochschmelzenden Metalle erforderlichen großen Mengen an elektrischer Energie von' dem in der Nähe gelegenen, der Marktgemeinde Reutte gehörenden Wasserkraftwerk, welches vom Plansee gespeist wird, zu günstigen Bedingungen geliefert werden konnten. Aus kleinen Anfängen — das Werk beschäftigte anfangs zunächst etwa 50 Personen — konnten der Gründer und seine Mitarbeiter durch tatkräftige und zielbewußte Entwicklungsarbeit ein Werk schaffen, welches heute zu den bekanntesten pulvermetallurgischen Betrieben der Welt gehört. Zu den Erzeugnissen des Werkes nach der Gründung gehörte vornehmlich Molybdändraht und -blech für die Glühlampen- und Riadioröhrenindustrie, sowie Fonmstücke aus Reinwolfram für die Röntgentechnik. Molybdän (Schmelzpunkt etwa 2600°) und Wolfram ('Schmelzpunkt etwa 3400°) können, wie eingangs angeführt, wegen der hohen Schmelztemperaturen nach den technisch üblichen Schmelzverfahren nicht hergestellt werden. Das heute angewandte Sinterverfahren wurde, fußend auf den alten Versuchen von W. H. Wollaston, den Arbeiten von Auer v. Welsbach, F. Skaupy u. a., um 1908 von dem Amerikaner C. Coolidge zur technischen Reife entwickelt. Aus feinstem Wolfram- bzw. Molybdänpulver werden danach zunächst Stäbe gepreßt, welche man im direkten Stromdurchgang bis nahe an den Schmelzpunkt erhitzt. Die Sinterstäbe werden dann in Rundhämmermaschinen bei hoher Temperatur heruntergeschmiedet, wobei das Material so dicht und duktil wird, daß es zu feinsten Drähten gezogen werden kann. Bis zum ersten Weltkrieg wurde bereits in allen wichtigen Industrieländern Wolfram- und Molybdändraht für die Glühlampenindustrie erzeugt. Der Bedarf stieg dann, durch die nach dem Krieg einsetzende großartige Entwicklung der Elektronenröhrentechnik und Radioindustrie so bedeutend an, daß das neu BUd 2. Hydraulische Presse zum Verdichten von Metallpulvern. i I Zur Geschichte der Metallwerk Plansee G. m.b. H. in Reutte, Tirol. 85 gegründete Werk 1928/1929 einen Zweigbetrieb in Sill, südlich von Innsbruck, errichtete, der wegen seiner günstigen Stromlage besonders für die Erzeugung von Molybdän und Wolfram sowie anderen hochschmelzenden Metallen und Legierungen gedacht war. Die Herstellung von Werkstoffen und Metallen für hochvakuumtechnische Zwecke setzt reinste Ausgangsmaterialien voraus. Die Erzeugung von reinstem Molybdän- bzw. Wolframtrioxyd, den Ausgangsstoffen für die Metallherstellung, ist auf chemischem Wege verhältnismäßig umständlich. Das von P. Schwarzkopf und A. Schmidt entwickelte Verfahren zur Sublimation von Bild 3. Gruppe kippbarer Hochtemperatur-Sinteröfen. C'fJ'yh ■vfiips v*. • Molybdänsäure, gestattet auf einfachste Weise aus den unreinen Rohmaterialien (abgerösteter Molybdänglanz und Abfälle aus der Molybdänfertigung) zu hochreinem Molybdäntrioxyd zu gelangen. Die Molybdänsäure verdampft bei 700° bereits so stark, daß es gelingt, durch Sublimation eine Trennung von den Verunreinigungen zu erzielen, die bei dieser Temperatur noch nicht flüchtig sind. Immer wieder aufgenommene Versuche, reinstes Wolframtrioxyd durch Sublimation zu gewinnen, scheiterten daran, daß die Begleitoxyde bei der Destillationstemperatur des W0 3 (etwa 1400° C) einen zu hohen Dampfdruck aufwiesen. Wolfram und Molybdän fanden außer in der Glühlampen- und Röhrenindustrie schon sehr bald in Form von Drähten und Bändern als Heizelemente in Hochtemperaturöfen Verwendung. Insbesondere um den Einsatz von Molybdän für diese Zwecke haben sich Betriebsleiter P. Werner und Ob.-Ing. F. Krall in Reutte große Verdienste erworben. Die heute in der Pulvermetallurgie benützten Hochtemperatur-Sinter-, Muffel- und Hämmeröfen werden zum 86 R. Kieffer und F. Benesovsky Großteil mit Molybdänheizleitern ausgerüstet. Wegen des hohen Schmelzpunktes kann man diese sehr hoch 'belasten, wobei der spezifische Widerstand des Molybdäns im höheren Temperaturbereich etwa dem der üblichen Heizleiterwerkstoffe entspricht. Allerdings ist Molybdän wegen seiner Oxydationsempfindlichkeit über 500° nur unter Schutzgasatmosphäre anwendbar. In Keramikrohre luftdicht eingeschlossene Wendel und Stäbe aus Molybdän finden in Form von sogenannten Stratitstäben in Hochtemperaturöfen ohne Schutzgas Anwendung. Die Berührung mit der Hochvakuumtechnik und der einschlägigen Industrie veranlaßten das Planseewerk in den Jahren 1930 bis 1935 weitere Werkstoffe für diese Zwecke auf dem Sinterwege zu erzeugen. Die Pulvermetallurgie bietet dabei den Vorteil, daß man reinste Metalle und Metallegierungen bei Einsatz reinster Pulver herstellen kann, weil eine Verunreinigung durch Tiegelmaterial, Desoxydationsmittel, Schlacken und Gase beim Sinterverfahren nicht zu befürchten ist. Durch die Forschungen der IGF-Wissenschaftler, insbesondere L. Schlecht, W. Schubardt und F. Duftschmid, war es 1931 gelungen, durch Zersetzung von Eisencarbonyl zu reinstem, sehr feinem Carbonyleisenpulver zu gelangen. Dieses Pulver, für welches anfangs ein kaum nennenswerter Bedarf vorlag, eignet sich aber hervorragend für die Herstellung von Reinstlegierungen auf dem Sinterwege. Reinstes aus diesem Pulver hergestelltes Eisen, vom Metallwerk Plansee unter der Bezeichnung „Ommet- eisen“ in den Handel gebracht, dient als Elektrodenmaterial in Hochvakuumröhren. Weitere Legierungen, die unter Verwendung von Carbony leisen- bzw. Carbonylniokelpulver gesintert werden, sind die ebenfalls vom Metallwerk Plansee erzeugten Si var-Emischmelzlegierungen auf Eisen-Nickel-Kobalt- Basis und die Hastelloy-Legierungen auf Basis Nickel-Molybdän und Eisen- Nickel-Molybdän. Letztere werden vornehmlich in Form von Draht als Werkstoff für Gitter in Elektronenröhren und als Heizleiterwerkstoff verwendet. Größte technische Bedeutung hat das Carbonyleisenpulver aber dann später für die Erzeugung von weich- und dauermagnetischen Werkstoffen gefunden Die Verwendung von Wolframplättchen an Stelle von Platin als Kontaktmaterial in Zündmaschinen für Verbrennungsmotoren legte den Gedanken nahe, daß Wolfram bzw. Molybdän mit seinem hohen Schmelzpunkt, seiner hohen Härte, der geringen Schweißneigung und dem geringen Abbrand auch für andere Schaltvorgänge als Kontaktwerkstoff zu benützen. Dem stand lediglich die geringe elektrische Leitfähigkeit im Wege. Vereinigt man Wolfram bzw. Molybdän mit anderen gut leitenden Metallen, wie Kupfer oder Silber — was schon 1916 in einem technisch ungenützten Patent vorgeschlagen wurde — so gelangt man zu Verbundwerkstoffen, welche als Kontaktmaterial für Hoch- und Niederspannungsschaltgeräte hervorragend geeignet sind. Diese Werkstoffe, die man wegen der Unlegierbarkeit der Einzelkomponente auf dem Schmelzwege nicht herstellen kann, wurden ab 1932 vom Planseewerk unter der Bezeichnung „Elmet-Rotung“ (W-Cu) und „Elmet- Silvung“ (W-Ag) erstmalig in den Handel geibracht. Die technische Erzeugung dieser Kontaktwerkstoffe erfolgt entweder durch Zusammensintern der Zur Geschichte der Metallwerk Plansee Gr. m.b. H. in Reutte, Tirol. 87 Pulvermischungen oder durch Tränken von porösen Wolframskelettkörpern mit flüssigem Kupfer oder Silber. Die Tatsache, daß die Entwicklung der gesinterten Hartlegierungen auf Wolframkarbid- und Wolframkarbid-Titankarbid-Basis im wesentlichen von der Molybdän- und Wolframindustrie geleistet wurde, ist mit deren Kenntnis der pulvermetallurgischen Arbeitsweisen und dem „know how“ auf dem Sintergebiete zu erklären. Fußend auf den Arbeiten von W. Lohmann, G. Fuchs, A. Kopietz und H. Baumhauer gelang 1922 K. Schröter und F, Skaupy die Sinterung von pulverförmigem Wolframkarbid mit Kobalt als Bindemetall und damit die Herstellung des ersten großtechnisch verwendbaren Sinterhart- ,: 4 - Bild 4. Fertigform teile aus Sintereisen und Sinterstahl. metalles. Die Einführung dieses ganz neuartigen Werkstoffes hat in der Folge die Technik der spanabhebenden Bearbeitung revolutionierend beeinflußt. Die Sinterhartmetalle auf Wolframkarbid-Kobalt-Basis waren besonders für die Bearbeitung kurzspanender Werkstoffe, z. B. Gußeisen und Buntmetalle, geeignet, während sie bei der Stahlbearbeitung wegen starken Verschleißes durch den langen Span versagten. Hier brachten die bahnbrechenden Entwicklungsarbeiten von P. Schwarzkopf, I. Hirschel und C. Ballhausen sowie insbesondere von R. Kieffer in den Jahren 1929 bis 1931 den entscheidenden Fortschritt. Bildet man mit Wolframkarbid oder (Molybdänkarbid und Karbiden, z. B. des Titans, Vanadins und Tantals, Karbid-Mischkristalle und sintert diese mit Kobalt als Bindemetall, dann erhält man Hartanetallsorten mit hoher Zähigkeit und geringer Schweißneigung, welche für die Stahbearbeitung auch bei höchsten Schnittgeschwindigkeiten hervorragend geeignet sind. Diese Hartmetalle wurden in zahlreichen Patenten des Werkes geschützt und gelangten unter der Bezeichnung Titanit Ul, U2 und U 3, später S 1, S 2 und S 3 in den Handel. 88 R. Kieffer und F. Benesovsky 1931 wurde gemeinsam mit den DEW-Krefeld die Titanit G. m. b. H. gegründet, welche die Fabrikation von „Titanit“ im Bau des Höhenlaboratoriums des Metallwerkes Plansee aufnahm. Hier ist auch des verstorbenen Betriebsleiters Ing. S. Heiss zu gedenken, der von 1938 bis 1945 die Hartmetallabteilung führte. Die Bearbeitung von Formstücken aus ßinterhartmetall ist praktisch nur mit Diamant möglich, und das Bedürfnis, diesen idealen Hartstoff in Feinpulverform der Schleiftechnik nutzbar zu machen, führte nach mechanischen Einbettungsversuchen des Diamantkornes in geschmolzene metallische oder Kunstharz-Grundmassen zur pulvermetallurgischen Herstellung der Dia- Bild 5. Formstücke aus Sinterhartmetall. man t me tallegier ungen. Man sintert feinen Diamantboart in Metallpulver verschiedener Art und Zusammensetzung, z. B. Eisen-Nickel, Eisen- Kupfer oder Hartmetallegierungen ein und bringt diesen Werkstoff in Form eines Belages auf die Schleifwerkzeuge auf. Der Bedarf für derartige Werkzeuge stieg natürlich mit dem Einsatz von Hartmetall immer mehr an, so daß das Metallwerk Plansee mit der Hartmetallerzeugung später auch die Erzeugung von Diamantmetallwerkstoffen und hartmetallgebundenen Abrichtwerkzeugen nach Patenten von R. Kieffer und S. Heiss aufnahm. Die geschilderten Entwicklungsarbeiten, die vom Planseewerk geleistet wurden und welche die technische Bedeutung der Pulvermetallurgie entscheidend erweiterten, fallen in eine Zeitspanne, in der das Werk infolge der allgemeinen Wirtschaftskrise und der damaligen politischen Lage Österreichs mit großen Exportschwierigkeiten und Rohstoffknappheit zu kämpfen hatte. Im Zuge der Besetzung Österreichs erfolgte 1938 die Übernahme der Gesellschaft durch die DEW-A. G. Krefeld. 1939 und zu Beginn der zweiten Weltkrieges wurde das Werk in das allgemeine Wehrprogramm eingereiht, blieb Zur Geschichte der Metallwerk Plansee G. m.b.H. in Reutte, Tirol. 89 jedoch ausschließlich auf dem Sintergebiet tätig. Die Molybdän- und Wolframfertigung wurde ebenso wie die Erzeugung von Hartmetall und Verbundlegierungen gesteigert. Die Zahl der beschäftigten Personen stieg auf über 1000. In die Kriegsjahre fällt auch die sprunghafte Entwicklung der Eisenpulvermetallurgie, einer Technik, bei der man aus Eisen- und Stahlpulver Fertigformteile mit Eisen- bzw. Stahleigenschaften herstellt. Das Sinterverfahren im Sintereisen und Sinterstahl tritt in Konkurrenz zu anderen Massenfertigungsverfahren, wie Temperguß, Spritzguß, Präzisionsguß, Gesenkschmieden, Blechprägen, spanabhebende Formgebung u. a. und eroberte sich einen festen Platz unter den verschiedenen Verfahren der Stahl- fonmgebung. Eine Anlage für die Herstellung von Granatführungs- ringen aus Sintereisen hatte eine Monatskapazität von etwa 120 t. Für diese Fertigung waren die Werkstoffeigenschaften des Sintereisens, Porosität und Plastizität entscheidend. In der zweiten Kriegs'hälfte begannen die Entwicklungsarbeiten am Werkstoff Sinterstahl, und gegen Kriegsende wurden bereits etwa 10 t/Monat Maschinen- und Geräteteile aus Eisen- Graphitpulver gepreßt und gesintert, wobei man bei vergüteten Teilen die Eigenschaften eines gewöhnlichen K oh lernst offsta'h les mit etwa 0,0°/o C erreichte. Die 1935 bis 1937 begonnene Entwicklung von gesinterten Dauermagneten führte während des Krieges zu einer Fertigung von etwa 12 t/Monat, nach dem Verfahren von R. Kieffer und W. Hotop. Die Fe-Al-Ni-Legierung nach Mishima, aus welcher üblicherweise Körper durch Form- oder Präzisionsguß gewonnen werden, kann auch aus den Einzelpulverkomponenten oder aus Vorlegierungspulvern durch Pressen und Sintern „synthetisiert“ werden. Man kann auf diese Weise Fertigformteile hersteilen, welche nur geringer Nacharbeit bedürfen und welche im Vergleich zu Teilen aus der Schmelzlegierung, bei etwa gleichen magnetischen Eigenschaften, feinkörnigeres Gefüge haben. Zwei Monate nach Kriegsende nahm das Werk die Arbeit unter Leitung von Dr. R. Kieffer und Dipl.-Kfm. F. Herold wieder auf. Zunächst wurde eine im Werk entwickelte Heizleiterlegierung auf Fe-Al-Basis durch Sinterung erzeugt und Keramikteile für elektrotechnische Zwecke sowie Heizplatten und Raumstrahler hergestellt. Diese Zwischenfertigung, welche der österreichischen Wirtschaft über einen bedeutenden Engpaß hinweghalf, machte bald wieder Bild 6. Gesinterte Dauermagnete 90 R. Kieffer und F. Benesovsky dem üblichen Fertigungsprogramm des Werke« Platz. Lediglich in der Sintereisenabteilung war unter Ausnützung des vorhandenen Pressen- und Ofenparkes eine Umstellung auf eine wirtschaftliche Friedensfertigung erforderlich, die dann auch ab 1946 in beachtlichem Umfange in Gang kam und die österreichische Fahrzeug-, Kleinmaschinen- und Beschlägeindustrie mit Formteilen aus Sintereisen und Sinterstahl versorgte. Die Erfahrungen, welche man während des Krieges auf dem Gebiete der Sinterstahlerzeugung gesammelt hatte, konnten sehr nutzbringend auch für die Nachkriegsfertigung ausgenützt werden. Das Zweigwerk Sill, welches während des Krieges ausschließlich für die Molybdän- und Wolframerzeugung gearbeitet hatte, ergänzte nach Kriegsende das Erzeugungsprogramm des Hauptwerkes durch Wolframpulver, geschmolzenes Wolframkarbid für Aufschweißzwecke und Sonderziehsteine. Es erzeugt ferner das für die Hartmetallfertigung erforderliche Titankarbid sowie Karbidmischkristalle. Die Sintermagnetfertigung wurde 1948 von Reutte nach Sill verlegt und die Herstellung von Preßmagneten nach dem Verfahren der Firma Ugine, Grenoble, in Angriff genommen. Neben der Deckung des Inlandbedarfes arbeitet das Planseewerk heute größtenteils mit 60 bis 70°/o seiner Kapazität für den Export. Da es sich bei den Erzeugnissen um sehr hochwertige Veredelungsprodukte handelt, so fließen, obwohl die Rohstoffe, wie Molybdänglanz, Wolframsäure, Kobaltpulver, Titandioxyd und Diamanten größtenteils aus dem Ausland eingeführt werden müssen, dem österreichischen Staate bedeutende Devisenbeträge zu. Die unmittelbar nach Kriegsende einsetzenden Verhandlungen zur Rückgabe des Werkes an Dr. P. Schwarzkopf führten 1948 zur Durchführung der Restitution. Die Geschichte des Metallwerkes Plansee wäre nicht vollständig, wenn nicht ein Blick auf die ausländischen Gründungen und Beteiligungen des Werkes und damit auf seine Stellung in der internationalen Wirtschaft geworfen würde. In die Anfänge des Metallwerkes Plansee fällt die Gründung der N. V. Molybdenum Company in Amsterdam als Patentholding- und Verkaufsgesellschaft, die eine weltweite Verkaufsorganisation unterhielt. Für die Wolframfeindrahtfertigung wurden in Nimwegen, aufbauend auf den Erfahrungen und dem Vormaterial des Metallwerkes Plansee, 1927 die Vereenigden Draadf abrieken, Nimwegen, gegründet, die später noch die Fabrikation von Torsionswaagen aufnahmen. Amerika schützte sich um 1930 durch sehr hohe Schutzzölle gegen die Einfuhr von hoohschmelzenden Metallen. Um sich den amerikanischen Markt weiterhin zu sichern, wurde die American Electro Metal Corp. in Lewiston gegründet, die Molybdän-Feindraht aus Vormaterial des Metallwerkes Plansee herstellte. Während des zweiten Weltkrieges verlegte die American Electro Metal Corp. ihre Tätigkeit nach Yonkers und nahm dort insbesondere die Fertigung von Sintereisen, Sinterstahl, Sintermagneten und hochwarmfesten Werkstoffen auf. Zur Geschichte der Metallwerk Plansee G. m.b. H. in Reutte, Tirol. 91 Um der in England gleichfalls sehr stark aufkommenden pulvermetallurgischen Konkurrenz zu begegnen, wurde gemeinsam mit der Metropolitan Vickers eine Hartmetallerzeugungsstätte gegründet, die später mit der Fabrikationsstätte für Verbundmetalle, der Compound Electro Metals Corp. zu der Metro-Cutanit vereinigt wurde. In die jüngste Zeit fällt eine Beteiligung an der Cerametal, Societe pour la Metallurgie des Poudres A. R. L. inWal- ferdingen/Luxemburg, die bereits seit 20 Jahren Molybdändraht fertigt und demnächst mit der Erzeugung des Hartmetalles „Titanit“ nach den Lizenzen des Metallwerkes Plansee beginnen wird. Zur Ausweitung und Sicherung des Marktes in Sintererzeugnissen wurden auf gewissen Teilgebieten auch Lizenzen nach verschiedenen europäischen Ländern vergeben, die eine zusätzliche Devisenquelle für die österreichische Wirtschaft darstellen. Abschließend darf nicht unerwähnt bleiben, daß ein Werk, welches sich mit einem so jungen Gebiet beschäftigt, wie es die Pulvermetallurgie ist, nur durch intensive Forschungstätigkeit mit der Entwicklung Schritt halten kann. Der immer größer werdende Umfang der Forschungsarbeiten führte 1940 zur Gründung einer zentralen Versuchsanstalt. Die gesammelte Entwicklungs- und Forschungstätigkeit fand dann in der Herausgabe des Buches „Pulvermetallurgie und Sinterwerkstoffe“ durch R. Kieffer und den Leiter der Versuchsanstalt W. Hotop im Jahre 1943 ihren Niederschlag. Die insbesondere während des zweiten Weltkrieges gesammelten Erfahrungen auf dem Sintereisengebiet wurden von R. Kieffer, W. Hotop, H.-J. Bartels und F. Benesovsky in dem 1948 erschienenen Werk „Sintereisen und Sinterstahl“ zusammengefaßt. Diese beiden Standardwerke der Pulvermetallurgie und eine große Anzahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen in in- und ausländischen Fachzeitschriften halben nicht wenig zum guten Ruf der österreichischen Wissenschaft und Technik beigetragen. Aus der Feder von Dr. Schwarzkopf und seinem Mitarbeiterstab stammt das 1947 in New York verlegte Buch „Powder Metallurgy“, das in der Neuen Welt eine hervorragende Aufnahme fand. Technikgeschichte, 11. Heft. 7 Schiffahrt im Pongau, Von Dr. jur. et phil. Heinrich Benedikt. Mit 1 Abbildung. Wohl mancher, der durch den Pongau fährt oder wandert, wünscht ©ich, dem Lauf der Salzach folgend, im Faltboot Schnellen und Untiefen dieses Gebirgs- stroms zu meistern; aber niemand wird vermuten, daß es hier einst schon eine regelrechte Schiffahrt 1 gab. Sie führte von St. Johann an Bischofshofen, an Markt Werfen und an der stolzen Landesfeste gleichen Namens vorbei bis zur Einmündung des Blühnbachs, wenige Kilometer oberhalb des unüberwindbaren Hindernisses der Salzaohöfen. Diese Schiffahrt wurde durch ein Elementarereignis, einen Erdrutsch, ins Leiben gerufen und durch ein anderes Elementarereignis, Napoleon genannt, durch mehrere Jahre am Leben erhalten. An derselben Stelle, an welcher nun der Hochofen der Concordiahütte des Eisenwerks Sulzau-Werfen steht, wurde 1770 von Fürsterzbischof Sigismund III. aus dem Geschlechte der Grafen von Schrattenbach zur Verhüttung der eben entdeckten Eisenerzlager vom Windingberg ein Blahaus errichtet. Der für den Schmelzgang benötigte Tonschiefer kam aus der Gegend von St. Johann im Pongau, wo er von privaten Gewerken, vor allem im ertragreichen Grubbühel, gebrochen wurde. Die Zufuhr zur Hütte geschah, wie auch jene von Erz und Holzkohle, im W r inter, wenn es eine Schlittbahn gab, und während der schneefreien Jahreszeiten nur im Notfall auf Rädern. Denn die Wagenfracht kam bei den schlechten Straßen und Karrenwegen wesentlich teuerer. Im Jahre 1808 verlegte ein Bergrutsch die sogenannte Speckstraße zwischen Bischofshofen und Werfen. Mit der Landeshoheit war 1802 das „Blahaus in der Blientau“, das an der Stelle der heutigen Concordiahütte stand, aus dem Besitz des Erzbischofs in den des Großherzogs von Toskana und im Preßburger Frieden vom 27. Dezember 1805 in den des Kaisers von Österreich übergegangen. Der für das Schmelzen unentbehrliche Tonschiefer von St. Johann konnte auf der Speokstraße nicht zugeführt werden. Die Blasung dieses Jahres drohte daher auszufallen. Zwar war es möglich, den Bergrutsch auf einem Umweg über 1 Die Schriftstücke über die Pongauer Schiffahrt sind im Landesarchiv Salzburg aufbewahrt: Oberamtliche Bergwesens Acte. Werfen. Fase. 119 (1807—14), No 6. Heinrich Benedikt: Schiffahrt im Pongau. 93 den Buchberg zu umgehen, aber dies erforderte unmäßige Frachtkosten. In dieser Not machte sich Mathias Scharfetter, ein Holztrifter zu Kuchl, „ein bekannt tätiger und 'unternehmender Mann“, erbötig, den Schiefer auf der Salzach zu verschiffen. Er verfertigte eine Plätte und am B. Oktober 1808 wurde die erste Ladung, die „auf der Axe“ von der Grubbichler Grube zur „langen Brücke“ oberhalb St. Johann gebracht wurde, bis zur Pfarrbrücke in Werfen verschifft. Hier wurde der Schiefer auf Wagen umgeladen und zum Werk gefahren. Da die Werksverwaltung für die gefährliche Arbeit des Schiffziehens auf dem unwegsamen Ufer kein Pferd auftreiben konnte, wurde diePlättevon sechs Bergknappen flußaufwärts gezogen, während Scharfetter auf dem stromaufwärts gezogenen Fahrzeug das Seil bediente. Erst nachdem Bergarbeiter einen notdürftigen Schiffszugweg hergerichtet hatten, fand sich ein Bauer mit einem Pferd ein. Um die Schiffahrt bis zum Blahaus fortsetzen zu können, wurden zwei Bergarbeiter aus Großarl und einer aus Gastein, die in der Sprengarbeit bewandert waren, und vier Knappen vom Windingberg und Schäferötz damit betraut, die Felsen unter der Festung Hohenwerfen, welche die Schiffahrt behinderten, zu sprengen und das Flußbett zu räumen. Scharfetter leitete die Sprengung auf der 270 m langen Strecke oberhalb der Kalchenibrüoke. Bevor die Schiffbarmachung dieser Strecke in Angriff genommen wurde, erging ein Ersuchen an die ik. k. Landesregierung um die Zustimmung. Die Landesregierung leitete den Akt zur Stellungnahme an die Fortifikationsdistrikts- direktion, deren Haupt, Generalmajor De Lopez, keine Einwendung erhob. Die Sprengung wurde zeitgerecht, ohne das Einlangen der von der Berg-, Salz und Münzwesens-Direktion am 29. März 1809, No 1063 erteilten Bewilligung abzuwarten, im Februar und März 1809 bei niedrigem Wasserstand durchgeführt. Zum Steinsprengen unter dem Schloßberg „im Fluß, meistens aber auf dem Gries“, wurden 90 Pfund Pulver, die 360 Schuß lieferten, verwendet. Zum „Schuß abfliehen“ diente ein Kahn, dessen Herstellung 15 fl. kostete. Triftmeister Scharfetter, der die Arbeiten leitete, erhielt einen Schichtlohn von 1 fl. 30 kr., die Knappen je 36 kr. Das war der doppelte Lohn, den damals ein Taglöhner erhielt. Die Sprengarbeit am Schloßberg kostete 654 fl. 18 kr., die Herstellung des Schiffszugwegs von der Brücke unter dem Markt St. Johann bis zum Blahaus, Abräumen und Aushacken des Gebüschs und Steinsprengen 151 fl. 48 kr. Die Schiffahrt begann in diesem Jahr bei den Maschlwerkern, eine Viertelstunde oberhalb von Markt St. Johann und ging bis zum an der Blühnbach- mündung stehenden Blahaus. Der Treidelweg war bis auf einige Teile hergerichtet, bei denen noch auf die pfleggerichtliche Besichtigung gewartet wurde, um Schadenersatzansprüchen der Bauern vorzubeugen. Da der Weg nicht gut genug war, um den Sohiffszug mit einem Pferd zu bewältigen, wurden zwei Ochsen gemietet, einer der bis Bischofshofen und einer, der von da bis Maschlwerkern zog. Jeder der beiden Wiederkäuer brauchte vier und eine halbe Stunde für seinen Weg. Während die Bergfahrt also insgesamt neun Stunden erforderte, dauerte die Talfahrt nur neunzig Minuten. 7 * 94 Heinrich Benedikt Man gab sich der Hoffnung hin, nun auch die in Gastein gebrochenen Ofensteine, mit denen die schadhaften Teile der Hochofenausfütterung erneuert wurden, daneben auch Kupfer und Schwefel von Großarl und vor allem in schneearmen Wintern Holzkohle und Erz von Werfen unter Vermeidung der Landfracht über den steilen Schloßberg der Landesfeste zu Wasser zu befördern und damit viel Geld ersparen zu können. Die 'Bergverwaltung im alten Brennhof zu Werfen arbeitete einen Kostenvoranschlag aus, der schwarz auf weiß bewies, daß bei einer jährlichen Verfrachtung von 2200 Truhen (880.000 kg) Erz von Werfen, 400 Truhen (160.000 kg) Schiefer von St. Johann und 400 Wiener Zentner (22.400 kg) Ofenstein aus Gastein 487 fl. 40 kr. erspart würden. Die Ladung, welche das Schiff aufnehmen SALZBURG konnte, betrug 14 Truhen oder 5600 kg. Von der Pfarrbrüdke zu Werfen, wohin das Erz verzogen wurde, konnte das Schiff täglich dreimal zum Blahaus fahren. Der Grubbichler Schiefer wurde zwischen dem 3. Oktober und 17. November 1808 zu Schiff von der Bischofshafener bis zur Werfener Brücke gebracht. Die Ersparnis gegenüber der ausschließlichen Achsfrächt des Vorjahres, die von Grubbühel zum Hochofen 1 fl. 36 kr. ausmachte, betrug einen Kreuzer die Truhe. Daß ein, wenn auch winziger Nutzen erzielt und ein größerer Verlust vermieden wurde, war einer Frachteinnahme von 62 fl. 3kr. 3 pf. zu verdanken, da für das Kupferwerk Großarl 'Rupferfässer und Schwefelkisten und für Private 298 Zentner Käse mitgeladen worden waren. Für den Käse war ein Frachtsatz von 9 kr. den Wiener Zentner eingehoben worden. Die Verfrachtung des Schiefers nahm 35 Fahrten in Anspruch. Der Schiffsmeister erhielt einen Schiohtlohn von 1 fl. 30 kr., der erste Ruderknecht 1 fl. 12 kr. und der zweite Ruderknecht 1 fl., der Mann, der das Seil beim Zurücktreiben bediente, 28 kr. Im nächsten Jahr wurden 514 Truhen Erz von Werfen und 421 Truhen Grubbichler Schiefer verschifft, so daß die Fracht des letztgenannten auf 1 fl. 26 kr. fiel. Das war immerhin eine Ersparnis von 10 kr. Man hoffte, das Ergebnis Schiffahrt im Pongau. 95 werde nodh besser werden, wenn einmal der Treidelweg völlig hergerichtet sein werde und die Piferdschicht ermäßigt werden könne, vor allem aber, wenn man ein Schiff, das 10 Truhen, als« 2 mehr faßte, 'baute. Martin Weiss zu Orthof erfreute sich des Schiffszugs-Monopols, sei es, daß außer seinem 'Gaul ‘kein andrer aufzutreiben war, sei es, daß die Nachbarn ihm das Geschäft nicht verderben wollten. Als er aber 5 fl. Schichtlohn und überdies die Vergütung des Hufbeschlags und der iStränge verlangte, kaufte die Werksverwaltung ein Pferd und fand einen Mann, der izuim alten Preis von 4 fl. 30 kr. für Roßfutter und Treibknecht das Schiffsziehen übernahm. Der Metzen Hafer kostete 1 fl. 45 kr. und war im Steigen. Bei zunehmender Schiffahrt fanden sich aber trotzdem auch andre Bauern mit ihren Pferden ein. Im Schönbrunner Frieden vom 17. Oktober 1809 änderte Salzburg wieder seinen Besitzer und kam, wie es so üblich war und ist, ohne gefragt zu werden, an Bayern. Der für die Schiffahrt notwendige Treidelweg wurde während der Zeit der bayrischen Herrschaft vom „k. bairisch provisorischen Kunstmeister“ Joseph Gainschnigg * 2 zwischen Grafendorf und dem Hochofenwerk Blientau 2 Joseph Gainschnigg wurde 1759 in Wildbad Gastein als Sohn des dortigen Mesners und Lehrers geboren. Als er 7 Jahre alt war, übersiedelte der Vater in gleicher Eigenschaft zum neu errichteten Vikariat Böckstein. Dadurch kam Joseph Gainschnigg mit dem Bergbau in Berührung, in welchem schon seine Voreltern tätig gewesen waren. Bald darauf wurde er selbst iim Bergwesen beschäftigt und lernte alle dazugehörigen Arbeiten von der Pike auf. Nach wenigen Jahren konnte er beim Bergwerksamt in Böckstein in den Landesdienst treten. Erzbischof Hieronymus Colloredo, dem des jungen Gainschnigg Begabung für den Maschinenbau zur Kenntnis gekommen war, sorgte für dessen weitere Ausbildung, indem er ihm den berühmten Mathematikprofessor der Salzburger Universität Pater Ulrich Schiegg zum Lehrer gab. Gainschnigg war bald so weit, daß er dem Bergwerkmechaniker Anton May'r beim Bau einer Eörder- und Wasserhebemaschine am Radhausberg helfen konnte. Gainschniggs maschinenbauliches Meisterwerk ist die dort 1803/4 erbaute Aufzugmaschine mit Wasserantrieb. Nach deren Vollendung bereiste Gainschnigg auf Kosten seines neuen Landesherrn, des Großherzogs Ferdinand von Toskana, zum Zweck der weiteren Ausbildung die Bergbaureviere von Sachsen und Schlesien, die damals als die besteingerichteten des europäischen Festlandes galten. Heimgekehrt, zeichnete er die Pläne für den beabsichtigten Klausenbau an der Strub zu Oberalm und für die Wehrbauten im Glößbach bei Windisch-Matrei (Friedrich Breitinger, Kunst- und Oberwerkmeister Joseph Gainschnigg, Salzburger Vollksblatt, 2. August 1935). 1808 stellte der „K. k. Kunstmeister Joseph Gainschnigg aus Böckstein“ für das Werfener Hochofenwerk in Blientau ein neues Gebläse auf. Um einen gleichmäßigen Windstrom zu erzielen, baute Gainschnigg einen Windregulator, wie er bereits in Kendlbruck in Betrieb stand. Es ist zu vermuten, daß auch dieser von Gainschnigg errichtet wurde. Die Anlage des Böcksteiner Kunstmeisters bestand aus einem dreifachen hölzernen Kastengebläse, ähnlich jenem, welches der Direktor des Polytechnischen Institutes in Prag, Franz Joseph R. v. Gerstner, bei mehreren Eisenwerken Böhmens einführte und das nach diesem berühmten Technologen ,,Gerstner- Gebläse“ benannt wurde. Das Blientauer Gebläse lieferte in der Minute bei schwachem nur fünfmaligem Umgang des Wasserrades 1800 bis 2000 Kubikfuß Preßluft und beim höchsten Gang 2600 Kubikfuß in den Hochofen, während das alte Gebläse, das 1770 auf- gestellt worden war, in bestem Zustand und bei höchster Umlaufzahl nur 1000 bis 1100 Kubikfuß blasen konnte. Die neue Gebläsemaschine wurde an Ort und Stelle aus Lärchen- und Fichtenstämmen gezimmert., die eisernen Zugstangen für die Druckbodenkolben, die Zulegescheiben, Zugketten, Nieten, Nägel und Schrauben im eigenen 96 Heinbich Benedikt gebaut; er batte eine Länge von fünfeinviertel Gehstunden. Wieviel der Bau gekostet hat, ist zwar nicht feststellbar, der Voranschlag führte jedoch 1241 fl. als Baukosten an. Sprengung und Herrichtung des 120 m langen und 1 m breiten Treidelpfades unter dem Schloßberg kosteten 540 fl. Zu „Klampfern, Steften und Haggen“ wurden auf der ganzen Strecke über 80 kg Eisen benötigt. Bald war der Treidelweg vom Blahaus bis Maschlwerkern in brauchbarem Zustand, von dort bis Grafendorf zwar benützbar, aber noch verbesserungsbedürftig, und da hier viele Ablösungen zu leisten waren, beschloß man, den Schiefer bis St. Johann auf Schlitten zu verführen. Der Pflegsadministrator und Bergrichter Joseph von Franciscis nahm mit den Bauern, über deren Gründe der Treidelweg lief, Protokolle auf und sprach die Entschädigung für den jährlichen Heuentgang oder die Kostenvergütung von „Thörln“ aur Fernhaltung fremden Weideviehs zu. Die königlich bayrische Bergwesens-Hauptbuchhaltung hatte nicht so unrecht, wenn sie sich in einem Bericht an die Berg- und Hüttenwesensdirektion in München wie folgt äußerte: „Da bei einem so reißenden Fluß, wie es die Salzach ist, in welchen sich so viele Bergströme ergießen, nie zu erwarten ist, daß der Lauf des Flusses immer der nämliche bleibe, und daher nicht nur der Treibweg, sondern auch die Räumung der Salzache, dann die Entschädigungen der durch den Treibweg in ihren Feldern beschädigten Untertanen jährlich wenigstens auf 170 fl. angeschlagen Werden kann, welches auch die Rechnungen vom Jahre 1808, 1809 und 1810 hinlänglich bestätigen“, wären zu den 640 fl. 47 kr. 1 pf.. welche die Verfrachtung von 421 Truhen Schiefererz im Jahre 1810 kosteten, 170 fl. zuzuschlagen, wonach die Fracht sich auf 1 fl. 50 kr. 1 pf. erhöhte und — wenn auch nur um einen Pfennig — die Wagenifracht, die ja nur in schneearmen Wintern in Betracht kam, übertraf. Da der Schlitten billiger war als das Schiff, schien es ratsam, die Schiffahrt eimzustellen; aber der Mangel an Fuhrwerk sorgte dafür, daß sie noch 1812, da Pinzgauer Pferde bayrische Kanonen nach Moskau zogen, fortgesetzt wurde. 1810 berichtete der Werksverwalter Oberreiter, daß er Mathias Scharfetter nicht mehr verwenden wolle, da er „mit Ränken und Schwänken das Werk zu Hammerwerk geschmiedet und die Gänge dieser auch dort geschnitten. (Gainschnigg an Bergdirektion am 22. März 1808 mit Beschreibung aller Baumaterialien und Kosten- Voranschläge — Hofkammer in Münz- und Bergwesen an Bergdirektion, Wien, 13. Juli 1808 in Oberämtliche Bergwasens Acten Fase. 119, Werfen 1808—14. Landesarchiv Salzburg. Die Zeichnungen Gainschniggs sind dortselbst in den Mappen aus der k. k. Bergwesen-Registratur, XXI. Werfen 1759—1812 aufbewahrt.) In der Eigenschaft als „k. bairisch provisorischer Kunstmeister“ baute Gainschnigg den Treidelweg zwischen Grafendorf an der Salzach und dem Blientauer Blähhaus aus. In den letzten Jahren seines Lebens, die Gainschnigg in Lend verbrachte, von wo die Straße aus dem Tal der Salzach in jenes von Gastein aufsteigt, hieß er Kunst- und Oberwerkmedster. 1827 errichtete der damals 68jährige in Badgastein, das unter der Förderung Erzherzog Johanns als Badeort wiederum aufzublühen begann, eine neue Hebemaschine an der Doktorquelle. Auch stammt von ihm der Plan der 8 km langen Thermalwasserleitung von Badgastein nach Hofgastein, die 1824 bis 1830 hergestellt wurde. Noch 1831 leitete Gainschnigg den Umbau der Aufzugsmaschine am Radhausberg, die er vor fast drei Jahrzehnten selbst gebaut hatte. Am 2. August 1835 starb er, 76 Jahre alt, in Lend und wurde am dortigen Friedhof zur ewigen Ruhe bestattet. Schiffahrt im Pongau. 97 hintergehen und zu betrügen suchte, wie auch sich endlich so betragen hat, daß Niemand von den Werfe- oder andern Arbeitern ferner unter ihm stehen und bleiben will; nicht minder klagten die Bauern, welche das Schiff führten so sehr, daß man (beinahe kein Treiibpferd mehr bekommen hätte, weil er sich als einen Waghals für Leute und Vieh erwiesen hat: unerachtet Scharfetters Brauchbarkeit groß ist, so sehen wir uns doch bemüßigt um einen andern kundigen Flösser umzusehen.“ Tatsächlich hatte Scharfetter das Schiff überladen lassen, wodurch er Mann und Ladung gefährdete. Am Montag pflegte er seinen Dienst statt um 4 Uhr früh, erst gegen 9 Uhr anizutreten, ohne sich darum zu kümmern, daß die Leute auf ihn warteten und unnötige Schichten erwuchsen. Durch seine Fahrlässigkeit fiel das Pferd des Mathias Wibmer beim Kreuzberg ins Wasser und, wenn es auch heil blieb, weigerte sich dieser Schiffstreilber doch mit seinem Roß, das ihm 132 fl. gekostet hatte, weiter den Dienst zu versorgen, falls das Werk nicht für die Zukunft die Haftung übernehme. Das Hauptvergehen Scharfetter aber bestand darin, daß er weniger Schiefer verlud, um auf eigene Rechnung Verfrachtungen für Private .besorgen zu können. Aber Scharfetter war inzwischen eine Berühmtheit geworden; er fand auch Beschützer unter den hohen Herren in der Residenz. So konnte er das Schiff bis zur Einstellung der Flußfahrt weiterführen. Im Jahr der Völkerschlacht von Leipzig aber siegte im Pongau das Pferd über das Schiff, das von da an nicht mehr benützt wurde. In jüngster Zeit hat ein Hochwasser den romantischen Pfad unter der Feste Hohen werfen, die letzte Erinnerung an den Schiffszug und den Schiffziehweg im Pongau zerstört. Technikgeschichtliche Bücherschau. Von Dipl.-Ing. Erich Kurzel-Runtscheiner. Wenden wir unsere Aufmerksamkeit 'zunächst einem im Ausland gedruckten, reich bebilderten, ja in fast als bibliophil zu bezeichnender Aufmachung sich präsentierenden geschichtlichen Werke zu; es heißt „Histoire illustree de la Phar- macie“ 1 und ist vom Bibliothekar der Bibliotheque historique de la ville de Paris, Patrice iBoussel, verfaßt, während der Professor der Geschichte der Heilmittellehre der Pariser Universität Ch. Bedel die Vorrede schrieb. Der Text verrät gründliches 'Quellenstudium; die Abbildungen beginnen mit der Wiedergabe eines babylonischen Reliefs, das den Empfang eines Priesterarztes durch König Hammurabi zeigt, während die letzte die Reproduktion der photographischen Aufnahme eines amerikanischen Penicillin-Turmes ist. Wir haben hier wohl die erste wirklich systematische allumfassende Geschichte der Pharmazie vor uns. Für den Forscher und für den Apotheker in Wien, jener Stadt, die in der sogenannten Apotheke „Zum Auge Gottes, gegründet im Jahre 1720“ des Technischen Museums eine der reichhaltigsten und wertvollsten Sammlungen von Apothekergefäßen in aller Welt und eine gute Laboratoriumsausrüstung besitzt, wird dieses Werk zur Quelle neuer Belehrung und erweiterter Kenntnisse. Und nun drei Wiener Verlagserzeugnisse: Das erste dieser 'Bücher wurde vom Verein für Denkmalpflege in Wien herausgegeben; es heißt „Die Steine von St. Stephan“ 2 und wurde vom o. ö. Professor für technische Geologie der Technischen Hochschule in Wien Dr. Alois Kieslinger auf Grund langjähriger und schwieriger Forsoherarbeit niedergeschrieben, die oftmals tief in den Fundamenten, oftmals hoch oben auf Bal- lustraden und an Simsen durchzuführen war, deren neuartige Methoden vom Verfasser selbst erdacht wurden. Im hier besprochenen Buche ergeben sich aus der Darstellung der Steine und Baumaterialien, die an St. Stephan im Laufe der Jahrhunderte verwendet wurden und der wechselnden Behandlung und Bearbeitung dieses Materials zum ersten Male verläßliche Grundlagen zu einer Geschichte der Bautechnik im weitesten Sinne durch viele Jahrhunderte. Kies- 1 Patrice Boussel, „Histoire illustree de la Pharmacie“, Verlag Guy Le Prat, Paris 1949. 2 Alois Kieslinger, „Die Steine von St. Stephan“, mit 202 Bildern. Verlag Herold, Wien 1949. Erich Kürzel-Runtscheiner: Technikgeschichtliche Bücherschau. 99 ungers Buch umfaßt drei Teile: jenen, der die gemachten Feststellungen am Bau und an den Steinplastiken des Stephamsdomas umfaßt, den Gesteinswechsel in der Architektur beschreibt, jenen, der die durch natürliche Ursachen sowie auch die gewaltsam entstandenen Verwitterungserscheinungen nachweist, und endlich jenen, der von den Brandschäden spricht, die im Laufe der Jahrhunderte und insbesondere 1945 entstanden sind. Zahlreiche und wertvolle Aufschlüsse vermittelnde Abbildungen begleiten den Text. Am eindruckvollsten unter diesen ist für den Laien neben den 240 abgebildeten Steinmebzizeichen jene, die den Steinschnitt der Pilgramkanzel zeigt; geht doch aus dieser hervor, daß der vielgestaltige und in seinem obersten Drittel von einem Rankendickicht umhüllte Unterbau vom Meister Pilgram aus nur drei Steinblöcken gesohaffen wurde und daß auch für jede der vier Nischen mit ihren Bildnisbüsten und tief unterhöhlten Baldachinen mit Ausnahme der Kopfbedeckungen, die gesondert gemeißelt und den Kirchenvätern aufgesetzt wurden, nur je ein Block verwendet wurde. Jedenfalls wird Kieslingers als Standardwerk zu wertendes Buch nicht nur für den Baufaeh- mann und Bauforscher, sondern für alle an der Geschichte Wiens Interessierten als ein Viennense allerersten Ranges bleibenden Wert behalten, sprechen doch zu Kieslinger die Steine unserer Baudenkmäler und unserer gemeißelten Bildwerke! Das zweite ist die vom o. ö. Universitätsprofessor Dr. Karl Oettinger verfaßte geistreiche und von gründlicher Sachkenntnis getragene Arbeit „Das Taufwerk von St. Stephan in Wien“. 3 Es ist ein Vergnügen für den kunstgeschichtlichen Fachmann und für jeden auf diesem Gebiet auch bloß Interessierten, dieses vortrefflich ausgestattete Buch durcbzustudieren. Dessen Text wird, namentlich dort geradezu dramatisch, wo geschildert wird, wie der Verfasser allmählich zu den Erkenntnissen gelangt, die sodann zu der auch vom Direktor des Kunsthistorischen Museums in Wien Dr. Erich V. Strohmer 4 als dem ursprünglichen Aufbau entsprechend anerkannten Wiederherstellung führten. Nun sind der nach Oettingers Plänen vom Restaurator Alois Schimann nach Aufdeckung der ursprünglichen Fassung in alter Weise zusammengestellte holzgeschnitzte Taufdeckel, der ans dem Schalldeckel der Pilgramkanzel zur Taufsteinkrone von einst geworden ist, und das aus rötlich gesprenkeltem Adneter Marmor gehauene Taufbecken wiederum vereint und zum Taufwerk von St. Stephan geworden. Dieses steht nun als ein vortreffliches Werk spätimittelalterlicher Plastik für jedermann erkennbar an einem Platz, den es schon einmal eingenommen hat, nämlich in der Katharinenlkapelle unserer altehrwürd'igen Metropolitankirche. Ein am untersten Ring des großartig konzipierten Schnitzwerkes angebrachter Buchstabe (V = U) wurde von Oettinger, wie Strohmer feststellt, richtig als Signatur gedeutet. Sie weist auf „Ulreich Auer izu Salozpurg“ als Künstler der Taufkrone hin, wie Oettinger aus den im Brünner Archiv erhaltenen Kirchenmeisterrechnungen von St. Stephan des Jahres 1476 glaublich nachweist, in denen die Gesambbestel- lung des Taufbeckens verzeichnet ist. Dieses Jahr und die diesem folgenden sind 3 Karl Oettinger, „Das Taufwerk von St. Stephan in Wien“, mit 74 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen von Dr. Eva Kraft. Berglantdverlag, Wien 1949. 4 Erich V. Strohmer, „Der Streit um den Schalldeckel von St. Stephan“, in „Die österreichische Furche (Die Warte)“, Nr. 38 vom 17. September 1949. 100 Erich Kurzel-Runtscheiner jene der Entstehung, was auch durch stilgeschichtliche Erwägungen bestätigt wird. Das Gesamt werk des erst 1481 vollendeten Beckens, dessen Steinbildhauer man nicht kennt, und die Krone wurden also wohl in den Jahren 1476 bis 1181 in Salzburg anigefertiigt; die Visierung aber, jener meist ortogonale Zeichnungsriß, nach dem als Entwurf die Bildhauer der damaligen Zeit ihre Bildwerke (in Holz, in Stein oder in Erz) herzustellen pflegten, dürfte von einem Nürnberger Goldschmied entworfen worden sein. Als Grundmaß beider Teile des Taufwerkes hat Oettinger den von der Bauhütte von Notre Dame verwendeten Pariser Fuß festgestellt; von einem solchen Grundmaß pflegten die Künstler der gotischen Zeit — Baumeister, Steinbildhauer und Bildschnitzer — auszugehen, indem sie, nicht mit Maßstab oder Meßband, sondern durch mit dem Zirkel vorgenommene Teilung oder mehrfaches Aufträgen des Grundmaßes die wahren Längen festlegten, die der Bau oder das Bildwerk, das es zu schaffen galt, in natura erhalten sollten. Das Leben und die Leistung eines der Baukünstler des 18. Jahrhunderts, der in Wien heimisch war, schildert der Oberstaatskonservator des Bundesdenkmalamtes Dr. Erwin Hainisch in seiner auf tiefschürfendem Aktenstudium und auf vorzüglicher Kenntnis der Baukunst dieser Zeit aufgebauten reichbebilderten Studie „Der Architekt Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg (1732 bis 1810)“. 5 So wie über die zeitgenössischen Baukünstler überhaupt, ist auch über Hohenberg, den „Theatermaler und Architekten“, der im Dienste Maria Theresias und Kaiser Josephs II. stand, wenig Authentisches bekannt. Sogar ein Bildnis fehlte bis zu dem Augenblick, wo Hainisch ein solches unter den zahlreichen auf M. F. Quadals Ölgemälde „Modellsaal der Wiener Akademie“ dargestellten Personen entdeckte. Jene Baudenkmäler, die in Wien am meisten an Hohenbergs Wirken erinnern, sind das Palais Fries-Pallavicini am Josephsplatz, das Sohloßtheater, die Gloriette und die Obeliskgrotte in Schönbrunn. Auch als Maschinenbauer betätigte sich Hohenberg: durch den Bau je einer Aufzugsmaschine für Kaiserin Maria Theresia im Schloß Schönbrunn und in der Gloriette. Hatte Hohenberg schon das in seiner Jugendzeit übernommene ererbte Formengut der Hoohbarooke in eigenwilliger Weise belebt, so wandte er sich im Alter einer mit unbeirrbarer Strenge angestrebten nahezu klassizistischen Bauweise zu. Ja über diese hinaus gelangte Hohenberg sogar bis zu allerdings meist nicht ausgeführten gotisierenden Entwürfen. Er ist also ein Vorläufer jener Baukünstler, die zur Periode der romantischen Baukunst und der Stilsynthese gehören. Als Schöpfer blieb Hohenberg „an der Wende stehen“; die Wiener Baukunst zu neuer Auffassung hingeführt zu haben, „ist seine entwicklungsgeschichtlich bedeutsame Tat“. Das nun zu besprechende Werk eines Wiener Verlages besteht nicht nur aus technisch-geschichtlichen Betrachtungen, sondern weist auch auf Grund wissenschaftlicher Erwägungen und Berechnungen in die Zukunft. Es heißt „Vorstoß ins Weltall“ 6 und ist verfaßt von dem international anerkannten Rakentenfach- 5 Erwin Hainisch, „Der Architekt Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg“, mit 56 Abbildungen. Margarete Friedrich Rohrer-Verlag, Innsbruck-Wien 1949. 8 Willy Ley, „Vorstoß ins Weltall. Rakete und Raumschiffahrt“. Universum Ver- lagsges. m. b. H., Wien 1949. Technikgeschichtliche Bücherschau. 101 maim Willy Ley. Diese Wiener Ausgabe von 1948, die erste in deutscher Sprache, folgt vier amerikanischen der Jahre 1944 bis 1947 in englischer Sprache, deren letzte den Titel „Rockets and Space Travel“ führt, einer südamerikanischen des Jahres 1947 in spanischer Sprache und einer italienischen Ausgabe von 1948. Die Wiener Ausgabe ist, wenn man so sagen darf, eine Heimkehr: denn der Verfasser WIlly Ley stammt aus Österreich, er hat erst vor wenigen Jahren über Deutschland den Weg nach USA. genommen. Ley hat sich schon seit den Anfängen des neuzeitlichen Weltraumfahrtgedankens mit diesem fesselnden Problem und seinen technischen Möglichkeiten befaßt. Die Darstellung beginnt mit den utopischen Gedanken von Dichtem, Denkern und Erfindern und ihren Phantasieerzählungen von Mond- und Marsfahrten und den Versuchen der Wissenschaft früherer Jahrhunderte, den Bewohnern benachbarter Planeten Zeichen zu geben, in der Hoffnung, Antwort von ihnen zu erhalten. Dann wird über die Entwicklung der Raketentechnik berichtet, die mit dem chinesischen Feuerpfeil beginnt, sich in den mittelalterlichen Raketenwagen und Raketentorpedos fortsetzt und über die Kriegsraketen des 19. Jahrhunderts, die Flüge von Postraketen und von meteorologischen Höhenraketen bis zu den V-2-Waffen der Deutschen, die im zweiten Weltkrieg entwickelt wurden, fortgeführt wird. Ley erzählt auch, wie die ernste Raketenforschung der Zwisohemkriegszeit ihre Mitarbeit dem Film verschrieb, um das Geld zu erhalten, mit dem sie ihre höchst wissenschaftlichen Experimente, Versuchsbauten und Aufstiege finanzieren wollte. Auf den aus dieser Forscherarbeit gewonnenen Erkenntnissen werden dann jene Pläne aufgebaut, aus denen einst die Weltraumfahrt entstehen soll, die allein unter Verwendung des Raketenprinzips der Verwirklichung entgegengeführt werden kann. Aus physikalisch-mathematischen Berechnungen, die vom Verfasser im einzelnen dargelegt werden, ergeben sich Weg- und Zeitschemen künftiger Fahrten nach Mond, Mars und Venus. Das Ende dieser Überlegungen ist die Erkenntnis, daß als Startplatz für die Weltraumrakete von einst eine die Erde mondartig umkreisende „Außenstation“ geschaffen werden müßte, eine Idee, die zuerst vom Wiener RaJketenforscher Baron Pirquet entwickelt und dargelegt wurde. Es ist ein faszinierendes Buch, erfüllt von schillernden Gedanken, dieser „Vorstoß ins Weltall“. An dessen Ende gibt der Verfasser der Hoffnung Ausdruck, daß einst im „Überlaboratorium der Außenstation“ neue Kenntnisse geboren werden würden, da dort „unter den auf Erden so seltenen Bedingungen Andrucklosigkeit im Vakuum und ein sonst unerreichtes Temperaturspektrum zur Verfügung der Forscher stünde. Das verspreche neue Entdeckungen, von denen eine einzige alle Unkosten der Forscherarbeit decken könnte und neue Methoden und neue Produkte ergeben würde“. Von der Darstellung rein realer Tatsachen im geschichtlichen Ablauf der Jahrhunderte, die eine langjährige und intensive Forsoherarbeit eines an Ort und Stelle lebenden Historikers voraussetzt, ist des Kurdirektor Heinrich v. Zimburgs Buch „Die Geschichte Gasteins und des Gasteiner Tales“ 7 erfüllt. 7 Heinrich v. Zimburg, „Die Geschichte Gasteins und des Gasteiner Tales“, mit 66 Abbildungen. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien 1948. 102 Erich Kurzel-Runtscheiner In die Schilderung der Entwicklung Gasteins „vom Wildbad zum Weltbad“ ist die Geschichte des gold- und silberfündigen Bergbaues „im Gastun“ eingeflochten. Er begann um die Mitte des 14. Jahrhunderts, wurde wiederholt stillgelegt und endete — vorläufig, so wollen wir hoffen — mit der Einstellung des Goldbergbaues der 'Gewerkschaft Radhausberg am 1. August 1941 auf Befehl des Reichswirtschaftsminiisteriums in Berlin, das auch alle Maschinen ausbauen und abtransportieren ließ. Damit ging eine alte ruhmreiche Tradition zu Ende, die ihren Gipfelpunkt in der großartigen Gestalt des Christoph Weitmoser gefunden hat, der ein Zeitgenosse Kaiser Maximilians I. und ein mächtiger und bergerfahrener Gewerke war. Zimburgs Bericht zeichnet die Geschichte des Gasteiner Bergbaues nach, der den steilen Aufstieg und den langsam sich bemerkbar machenden Abfall in der Gewerkenzeit schildert. Dann wird der Leser durch die Zeiten der Fürsterzbischöflichen Bergbau-verwaltung geführt, deren tragischer Höhepunkt die Protestantemvertreibung des Jahres 1732 bildet — eine ihrer Folgeerscheinungen schildert Goethes „Hermann und Dorothea“. Dann leitet Zimburgs Bericht über zum kaiserlich-österreichischen Montanbetrieb, der den einst blühenden Bergsegen verkümmern ließ und endlich 1864 den Abbau gänzlich eiuistellte. Für den technikgeschichtlich Interessierten sind ferner jene Kapitel wichtig, die über den 1901 bis 1905 durchgeführten Bau der Tauernibahn berichten, der als Eisenbahningenieur Karl Imhof ins Land brachte. Dieser übernahm nach der Fertigstellung dieses Bahnbaues das Erbe der schon 1866 gegründeten Gewerkschaft Radhausberg die den Abbau 1907 hatte einstellen müssen. Imhofs Bergbaubetrieb wurde jäh durch den ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 unterbrochen., aber nach dessen Ende wieder auf genommen. 1927 eingestellt, wurde der Goldbergbau am Radhausberg durch eine englische Unternehmung wieder in 'Gang gebracht, deren Interessen bei Beginn des 'zweiten Weltkrieges in deutsche Hände übergingen, die den Betrieb aber auch nicht auf die Dauer aufrechterhalten konnten. Ihn wieder aufzunehmen, wäre, wenn dieser Versuch erfolgreich durchgeführt werden könnte, sicher im eminenten Interesse Österreichs. Nun lenken wir die Aufmerksamkeit auf vier weitere, von österreichischen Verlegern herausgegebene Fachwerke. Sie heißen: Julius Duhm „Winke für hoohbauliche 'Qualitätsarbeit“, 8 Max Soeser „Bauführung und Bauverrechnung von Hoch- und Tiefbauten“, 9 Ludwig Motzko „Kälte und Wärme in der Luft“, 10 sowie Franz Kracmar „Allgemeine Hochfrequenztechnik, 1. Teil. Physikalische 8 Julius Duhm, „Winke für hochbauliche Qualitätsarbeit. Schademsbehebungen und Adaptierungen im Hochbau“, mit 280 Abbildungen und 6 Tabellen im Text. Band IV der „Technischen Handbücher für Baupraktiker“, herausgegeben von Hofrat Prof. Dr. techn. J. Duhm. Verlag Georg Fromme & Co., Wien 1948. 9 Max iSoeser, „Bauführung und Bauverrechnung von Hoch- und Tiefbauten“, mit 9 Zeichnungen und 15 Tabellen im Text. Band III der „Technischen Handbücher für Baupraktiker“, herausgegeben von Hofrat Prof. Dr. techn. J. Duhm. Verlag Georg Fromme & Co., Wien 1948. 10 Ludwig Motzko, „Kälte und Wärme in Erde und Luft, ihre Ausnützung für technische und landwirtschaftliche Zwecke“, Manzsche Verlagsbuchhandlung o. J. (1949). Technikgeschichtliche B ücherschau. 103 Grundlagen“. 11 Die beiden ersten der hier aufgezählten Arbeiten gehören der vom Hochschuldozenten Dr. techn. Julius Duhm, Hof rat im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft herausgegebenen Fachbuch reihe „Technische Handbücher für Bauprakt'iker“ an. Jene Arbeit, die „Winke für hochbauliche Qualitätsarbeit“ heißt, gibt dem Baumeister nicht nur diese in reicher Fülle aus der langjährigen Erfahrung des Verfassers und Herausgebers, sondern gibt auch Ratschläge, die sich bei Sohadensbehebungen und Adaptierungen im Hochbau bestens verwerten lassen. Der Verfasser des /zweiten Bandes ist der unlängst verstorbene Honorarprofessor der Wiener Technischen Hochschule Baurat h. c. Dipl.-Ing. iMax Soeser (1880—1945), der seit 1928 an dieser Schule Baubetriebslehre vortrug und der schon 1930 unter dem Titel „Allgemeine Baubetriebslehre“ einen wertvollen Behelf für die Praxis des Hoch- und Ingenieurbaues verfaßt und im Verlag Springer, Berlin, veröffentlicht hat. Soeser war weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt, insbesondere als Meister rationeller Bauvorbereitung und Bauplatzeinrichtung; er hat dieses sein Können und Wissen als vorzüglicher akademischer Lehrer vielen Generationen von jungen Bauingenieuren und Architekten vermittelt. Daß dieses Buch eines solchen Autors fachlich wertvoll ist, braucht nicht weiter betont zu werden; Soeser schrieb aber auch einen flüssigen Stil, und der Verlag hat dieses Buch wie alle Bände der Reihe, auf deren Erscheinen schon im Heft 10 dieser Blätter hingewiesen wurde, gefällig ausgestattet. Motzkos „Kälte und Wärme in der Luft“ weist dieselben Vorzüge wie das eben erwähnte Werk auf. Der Verfasser bespricht zunächst die wichtigsten Aufgaben, die bei Bewetterung von Wohnbauten zu lösen sind, dann deren geophysikalische und klimatologische Voraussetzungen, den Wärmeschutz, die Voraussetzungen für die Bewetterung in den einzelnen Klimaten und bringt endlich physikalische Berechnungen verschiedener sich in der Praxis ergebender Fälle. Motzkos Buch behandelt einen Stoiff, der kaum jemals in deutscher Sprache in so umfassender und wissenschaftlicher Weise dargelegt wurde. Kracmars Werk berichtet zunächst über die Schaltelemente der allgemeinen Hochfrequenztechnik, geht dann auf den geschlossenen Schwingungskreis und auf die von diesen vermittelte Ausbreitung elektromagnetischer Wellen über, um mit der Besprechung der Funktionen der Antenne und mit den physikalischen Grundlagen der Elektronenröhre zu enden. — Jedes dieser vier Bücher ist ein vortreffliches wissenschaftliches Werk und jedes ist von einem Könner seines Faches verfaßt; keiner von ihnen aber gibt in der Einleitung einen, wenn auch nur kurzen Überblick über den Weg, der zum Stand von heute führte. Eine Arbeit, die nicht nur den Stand von heute zeigt, sondern auch über den Weg dahin berichtet, enthält das von Karl Hurich verfaßte Buch „Einführung in die Kiinotechnilk“. 12 In ihm ist den die Probleme von heute behandelnden Kapiteln eines vorausgeschickt, das die geschichtliche Entwicklung darlegt. In diesem wird auch auf die österreichischen Pionierleistungen auf dem Gebiet der 11 Franz Kracmar, „Allgemeine Hochfrequenztechnik“. Erster Teil, Physikalische Grundlagen. Universum Verlagsges. m. b. H., Wien 1947. 12 Karl Hurich, „Einführung in die Kinotechnilk“, mit 130 Abbildungen. Verlag Franz Deut icke, Wien 1949. 104 Erich Kurzel-Runtscheiner Kinotecbnilk hingewiesen, die Stampfer (Lebensrad und Stroboskop) und Uchatius (erstmalige Projektion (bewegter, allerdings noch gezeichneter Bilder auf eine Schau wand) zu danken sind; es fehlt allerdings die Erwähnung Mus- gers (Urform der Zeitlupe), die unbedingt nicht zu unterlassen gewesen wäre. Diesem geschichtlichen Auftakt folgt eine allen Anforderungen vollauf entsprechende Darlegung sämtlicher aktueller Probleme der Kinotechnik, der eine Besprechung der Voraussetzungen folgt, die endgültig zur befriedigenden Schöpfung des plastischen Filmes führen könnten. Angaben über das einschlägige Schrifttum beschließen diese vorzügliche fachliche Arbeit, die jeder Aufklärung Heischende befriedigt aus der Hand legen wird. Die Einleitung zu der als Sonderheft der vom Österreichischen Statistischen Zentralamt herausgegebenen „Statistischen Nachrichten“ gedruckten „Statistik der Kraftfahrzeuge in Österreich 1948“ 13 geht von der Erkenntnis aus, daß zum Erfassen der Gründe, die zum ungewöhnlich großen perzentuellen Anteil der Motorräder am Bestand der Motorfahrzeuge in Österreich führten, ein Rückblick auf die Voraussetzungen der Motorisierung in unserem Heimatland nötig ist: entscheidend war und ist bei Auswahl der Art des Motorfahrzeuges — soweit es sich um personenbefordernde Fahrzeuge (PKW und Motorräder) und nicht um LKW handelt — die Notwendigkeit, für einen verhältnismäßig billigen Preis ein Fahrzeug möglichst großer Leistung erweiben zu können, das sich den starken und zahlreichen Steigungen der Straßen in den Ostalpenländern mit Sicherheit gewachsen zeigt; diese Eigenschaften weist aber in besonders hohem Maße das Motorrad auf. Daraus ergibt sich die auffallende Tatsache, daß in Österreich (auch 1948 noch) beim Stand von 1 PKW auf 205 Einwohner, bei 1 LKW auf 193 Einwohner für jeden 72. Einwohner 1 Motorrad gezählt wurde. Die entsprechenden Zahlen in USA. aber sind: 5, 25, 450. Daraus ergibt sich, welch übergroßer Anteil an der Motorisierung Österreichs, die sich zu der von USA. wie 101 zu 1 verhält, dem Motorrad zukommt; und dies darum, weil dessen charakteristische Vorzüge den für Österreich geltenden Anforderungen am besten entsprechen. In die neuzeitlichen Anschauungen der Atomphysik führt in populärer Darstellung Heinrich Manlik durch seine Arbeit „Das Strahlenmeer“ 14 ein. ln einer allgemein verständlichen und doch w r issenschaftlich einwandfreien Art, in der Manlik seine Vorträge in Urania und Volkshochschulen aufzubauen pflegt, ist auch der Text seiner hier besprochenen Arbeit gehalten: Nach Darstellung der historischen Entwicklung der Atomtheorie wird der Stand von heute dargelegt, das Atom als Wiege der Strahlungen des sichtbaren und des unsichtbaren Lichtes 13 „Statistik der Kraftfahrzeuge in Österreich nach dem Stande vom 31. Oktober 1948“, bearbeitet und herausgegeben über Veranlassung des Bundesministeriums für Handel und Wiederaufbau vom Österreichischen Statistischen Zentralamt unter hauptsächlicher Mitarbeit von Dr. Wilhelm Zeller und Regierungsrat Franz Koran, W T ien 1049. 14 Heinrich Manlik, „Das Strahlenmeer, kleinste Dimensionen, größte Energien. Eine Einführung in die Atomphysik“, mit 22 Abbildungen und 6 Kunstdrucktafeln. Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage. Universum Verlagsges. m. b. H., Wien 1947. Technikgeschichtliche Bücherschau. 105 der Röntge »strahlen, der El ek tro nerus t rah len und der Strahlen des Radiums besprochen. Am Ende wird sodann die Herstellung künstlicher radioaktiver Stoffe unter Verwendung von Strahlen, deren Anwendung im Elektronenmikroskop und bei der Entfesselung der Atomkernenergie aufgezeigt sowie festgestellt, daß die Forschung nun erkannt hat, daß die größtmögliche und konzentrierteste aller Energiequellen als Ausfluß der Kraft jene ist, die „die Welt in ihrem Innersten zusammenhält“ und daß die Technik vor eine große, ganz neuartige Zukunft gestellt wurde, die herbeizuführen und in den Dienst friedlicher Zwecke zu stellen, mit allen Mitteln versucht werden muß. Ein in jeder Beziehung — als da ist Vermittlung von Fachkenntnissen, Textgestaltung und Bebilderung — lobenswertes Buch trägt den Titel „Die Groß- glodkner-Hochalpenstraße“ 15 und ist von deren Erbauer Hofrat Dipl.-Ing. Franz Wallack verfaßt. Dieser schildert die Entstehung des Baugedanikens, die grundlegenden Vorarbeiten, die Widerstände, die sich gegen die Verwirklichung auftürmten, deren allmähliche Niederringung und endlich die Phasen der Durchführung des Baues. Jeder, der je das beglückende Erlebnis genoß, Wallacks Großglocknerstraße /befahren zu können, wird in den Wunsch mit einstimmen: Möge es diesem Pionier der Erschließung des österreichischen Hochgebirges für den Kraftwagenverkehr gelingen, auch sein zweites Projekt dieser Art, den Bau der Gerlosstraße, zu verwirklichen, mit der in hochalpinen Lagen eine zweite Verbindung geschaffen würde zwischen den Ländern Tirol und Salzburg. Eine sowohl durch Textgestaltung, als auch durch Abbildungsmaterial, sowie durch die beigegebenen zahlreichen und äußerst übersichtlich ausgeführten graphischen Darstellungen geradezu vorbildliche Jubiläumsgabe ist die Festschrift „50 Jahre städtisches Großgaswerk Wien ^Simme ring“. 16 Diese Schrift berichtet zunächst über die Geschichte der Gaserzeugung in Wien vor der Erbauung des Gaswerkes Simmering, das das erste kommunale Großgaswerk in der Welt war. Trotz aller Widerstände und düsteren Prophezeiungen hat Bürgermeister Doktor Karl Lueger es gewagt, den Bau dieser Gasversorgungsanlage zu unternehmen. Sie wurde Ende Oktober 1899, nachdem die bis dahin Wien mehr schlecht denn recht versorgenden englischen Gasgesellschaften nach der vorgeschriebenen Kündigungsfrist ihre Lieferung hatten einstellen müssen, in Betrieb gesetzt. Auch jener Männer, die im Betrieb und in der städtischen Verwaltung des weiteren für dieses Gaswerk sorgten, wird in ehrender Weise gedacht. Die letzten Kapitel berichten über die furchtbaren Zerstörungen, die in den Monaten am Ende des Krieges und im Kampfe um Wien im Simmeringer Gaswerk verursacht wurden, sowie über den mit behelfsmäßigen Mitteln begonnenen, systematisch weitergeführten und nun zu gutem Ende gebrachten Wiederaufbau des Werkes. Mit berechtigtem Stolz wird darauf hingewiesen, daß im Jahre 1949 bis auf geringe Ausnahmen sämtliche Kriegsschäden an Gebäuden, Apparaten und Maschinen behoben werden konnten, so daß das Werk nicht nur wieder ein friedensmäßiges 15 Dipl.-Ing. F. Wallack, „Die Großglockner-iHochalpenstraße, die Geschichte ihres Baues“. 'Springer-Verlag, Wien 1949. 16 „50 Jahre städtisches Großgaswerk Wien-Simmering“, Wien 1949, im Selbstverlag des Werkes. 106 Erich Kurzel-Runtscheiner Aussehen bekam, sondern daß auch seine Lieferungen zur Zeit weitaus größer sind als vor dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Nach öOjährigem Bestände muß, wenn Wien auch im später gebauten Gaswerk Leopoldau einen weitaus moderneren Betrieb dieser Art besitzt, doch anerkannt werden, daß die Leistung der Männer, die das Simmeringer Werk schufen, wagemutig und ihrer Zeit vorauseilend gewesen ist. Die nächste zu besprechende Veröffentlichung ist das Firmenjubiläumswerk „25 Jahre Tiroler Wasserkraftwerke A. G.“ 17 In diesem wird in buchtechnisch vollendeter und technisch einwandfreier Form, von prächtigen Abbildungen und sehr übersichtlichen schematischen Darstellungen begleitet, über das Entstehen und ülber die Leistungen dieses wichtigen Unternehmens der österreichischen Energiewirtschaft berichtet. Daß als Umrahmung für dessen Kraftwerke und Fernleitungen die schöne tirolische Landschaft gezeigt werden kann, erhöht naturgemäß den Reiz des Berichtes. Dieser bringt alle wissenswerten Einzelheiten über die Stromgewinnungsanlagen des Achenseewerkes, jenes bei Bos- dornau, des Inmkraftwerkes Kirchbichl, des Gerloskraftwerkes, der Umspannwerke sowie jene des Hochspannungsnetzes zur Kenntnis des Lesers; auch der Hotelbetrieb, die Schiffahrt am Achensee und die Einrichtungen zur sozialen Betreuung der Angestelltenschaft werden besprochen. Alles in allem: es ist eine dem blühenden gemeinwirtschaftlichen Unternehmen würdige Form, in der hier Werden und Sein eines Wirtschaftsgebildes geschildert wird, das vom Land Tirol und von der Stadt Innsbruck in Zusammenarbeit mit privatem Unternehmungsgeist und Ingenieurkönnen geschaffen wurde iim Dienste der Allgemeinheit und zum Nutzen jener, die das alles ins Leben gerufen haben. Wertvolle Hinweise auf einzelne Leistungen und auf Pioniere des Wasserbaues und der Wasserwirtschaft Österreichs in alter Zeit bringt das aus Anlaß der Wasserwirtschaftstagung in Bad Ischl herausgegebene Heft der Fachzeitschrift „Österreichische Wasserwirtschaft“, 18 die seit ikurzem wieder erscheint. Dieses Heft enthält den Aufsatz „Die Wasserwirtschaft der Traun in Vergangenheit und Gegenwart“ vom Hofrat der oberösterreichischen Landesregierung Dipl.-Ing. Franz Rosenauer und jenen von Dr. Alfred Hoffmann, Linz, „Thomas Seeauer und der Wasserweg von Hallstatt nach Prag“. Aus diesen durch Quellenstudium belegten Berichten ist zu ersehen, daß Österreichs Wasserbau auf das ehrfurchtheischende Alter von über 7 Jahrhunderten zurückblioken kann. Die treibende Kraft, die diesen Zweig der Technik im Salzkammergut entstehen ließ, war das Salz und die Notwendigkeit, es über weite Lande, insbesondere auch über Böhmen zu verteilen. Die 'bedeutendste Persönlichkeit der durch mehrere Jahrhunderte fortgesetzten Bemühungen, den Transport des Salzes von 17 „25 Jahre Tiroler Wasserkraftwerke A. G.“ Im Selbstverlag. Innsbruck 1949, 18 Dipl.-Ing. Franz Rosenauer, „Die Wasserwirtschaft in Vergangenheit und Gegenwart“ und Dr. Alfred Hoffmann, „Thomas iS eeauer und der Wasserweg von Hallstatt nach Prag“, in: „österreichische Wasserwirtschaft“, Jahrgang 1, Heft 5/6, herausgegeben im Aufträge des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, des Bun- desministeriums für Handel und Wiederaufbau und des Österreichischen Wasserwirtschaf tsverbandes. Springer-Verlag, Wien 1949. Technikgeschiehtliche Bücherschau. 107 den alpenländischen Gewinnungsstätten nach Böhmen, das über Salz nicht verfügt, tunlichst weit zn Wasser durchzuführen, war jener Thomas Seeauer. über den der zweite Aufsatz berichtet. Er verbesserte den Schiffsweg der Traun und machte große Teile der Moldau schiffbar, bevor er 1586 oder 1587 — es wird behauptet, 110 Jahre alt — starb. Auch die „Festschrift zur 50-Jahr-Feier der Stadterhebung von Schwaz“ 19 erinnert an ein Jubiläum. Gerade dem Kundigen erscheint es, als ob Schwaz, dessen Silberbergbau schon am Beginn des 15. Jahrhunderts zu wachsen anfirug, das zu Kaiser Maximilians Zeiten in Hochblüte stand, in dem als an einem der Zentren des Siliberhandels ein Zweig der Familie Fugger sich niedergelassen halte, dessen Ansichten die Siedlung schon im Schwazer Bergbuch von’1556 und im Merian von 1630 von Mauern wohlbewehrt zeigen, „immer schon“ eine Stadt gewesen sei. Und doch hat erst Kaiser Franz Joseph Schwaz 1899 das Stadtrecht verliehen. Aus der großen Bedeutung, die der Bergbau am Falkenstein einst hatte, wäre der Stadtverwaltung wohl die Verpflichtung erwachsen, eine umfassende und auf ad hoc durchgeführtem Quellenstudium basierte Bergbaugeschichte von Schwaz durch einen gewiegten Historiker verfassen zu lassen. So muß sich der nach neuen Erkenntnissen Fahndende mit schon Bekanntem begnügen, das die sonst gut gearbeitete Jubiläumsschrift enthält. Ebenfalls mit der Geschichte einer Stadt beschäftigt sich das friedensmäßig ausgestattete und inhaltlich bedeutsame Buch „Brauau am Inn, ein Denkmal mittelalterlichen Stadtbaues“ 20 von Artur Waltl, das zur Reihe der wertvollen, vom Amt der oberösterreichischen Landesregierung he raus gegebenen Arbeiten gehört. Waltls Buch behandelt Probleme der Stadtgründung und des Städtebaues, die mit dem scharfen Blick des gewiegten Baubeamten und Ingenieurs gesehen sind. Es behandelt, von den Problemen ausgehend, die sich dem Stadtgründer und dem Stadterweiterer um die Wende des Mittelalters zur Neuzeit stellten, in seinen entscheidenden Gedankengängen die Grundfragen der Anlage von Siedlungen, die die Machthaber und die Stadtbürger jener Zeiten zu lösen hatten. Man muß zurückgehen bis zu Dr. Maja Loehrs grundlegendem Buch „Leoben, Werden und Sein einer Stadt“, auf das bereits im Heft 10 dieser Blätter hingewiesen wurde, will man ein städtebaugeschichtliches Buch ähnlichen geistigen Formates und ähnlicher Ausstattung zum Vergleich heranziehen. Eng verflochten durch ein Jahrhundert sind die Geschicke einer anderen Stadt, nämlich Leobens, mit der am Beginn dieses Zeitraumes dorthin verlegten hohen Schule, deren Entwicklungsgang eine Festschrift „Die Montanistische Hochschule Leoben 1849—1949“ 21 schildert. „Ihren Absolventen, Freunden und 19 „Stadt Schwaz 1899—1949. Festschrift zur 50-Jahr-Feier der Stadterhebung.“ Herausgegeben im Aufträge des Gemeinderates der Stadt Schwaz. Zusammengestellt von Dir. Ed. Brandl. Im Selbstverlag, Schwaz 1949. 20 Artur Waltl, „Braunau am Inn, ein Denkmal mittelalterlichen Stadtbaues“, mit 64 Abbildungen. Schriftenreihe der oberösterreichischen Landesbaudirektion Nr. 5, Verlag Amt. der Öberösterreichischen Landesregierung, Wels 1948. 21 „Die Montanistische Hochschule Leoben 1849—1949. Festschrift zur Jubelfeier ihres hundertjährigen Bestandes in Leoben, 19. bis 21. Mai 1049“. Springer-Verlag, Wien 1949. Technikgeschichte, 11. Heft. 108 Erich Kürzel- Run tscheiner Gönnern anläßlich der Hundertjahrfeier überreicht“, schildert dieses Buch die Anfänge der Lehranstalt in Vordernberg als berg- und hüttenmännischen Cur- sus des Grazer „Joanneums“, den Peter Tunner seit 1840 abhielt, nachdem Erzherzog Johann die Vorbedingungen für diese Schule gesichert hatte. Diese „Steiermärkisch-Ständische Montanlehranstalt“ übersiedelte 1849 nach Leoben, wurde dort 1874 zur Bergakademie und 1895 zur Montanistischen Hochschule. In der Festschrift werden anschließend an die Schilderung dieser Ereignisse die Arbeitsstätten der Hochschule von heute von den leitenden Mitgliedern des Professorenkollegiums beschrieben. Je ein Kapitel ist den Absolventen, den Toten der Hochschule, der Studentenschaft und endlich eines der Stadt und dem Lande, die sie beherbergen, gewidmet. Die Jubiläumsschrift schließt mit der Feststellung, daß die Montanistische Hochschule in Leoben „der Mittelpunkt des ganzen Eisenwesens, ja des Bergwesens überhaupt in ganz Österreich“ geworden ist. Möge sie diesen Platz stets behaupten, möge es ihr gelingen — so wie einst —, auch in Zukunft zahlreiche lernbegierige angehende Berg- und Hüttenleute in ihre Lehrsäle und Laboratorien zu ziehen und damit Österreichs Ruf als Land montanistischen Könnens wiederum im Ausland verbreiten! In die römische Kaiserzeit führt den Leser die Arbeit von Guido Uceli.i „Per la Ricostituzione del Museo delle Navi Romane del Lago die Nerni“. 22 Der Verfasser, der hier für die Wiederherstellung des Schiffsmuseums am Nemisee wirbt, ist identisch mit jenem italienischen Ingenieur, der seit Jahren mit der Errichtung eines technischen Museums, das Museo Nazionale della Scienza e della Tecnica 23 heißen wird, mit großem Geschick und unermüdlicher Ausdauer arbeitet. Er ist auch der Bruder jenes 1946 verstorbenen Arturo Uccelli, dessen vorzügliche und tiefschürfende technikgescbichtldchen Werke 24 ) 25 ) das verdiente und weltbekannte Mailänder Verlagshaus Ulrico Hoepli herausgegeben hat. Die hier besprochene Arbeit Guido Ucellis berichtet zuerst kurz über die Bergung der beiden auf den Grund des Nemisees gesunkenen Prunkbarken des Kaisers Tiberius, die nach in früherer Zeit vergeblich gemachten Versuchen bei abgelassenem See 1940 gelang und den über diesen errichteten weiträumigen Museumsbau, Arbeiten, die „die größten Leistungen auf dem Gebiet der Archäologie überhaupt“ genannt werden. Ucelli berichtet über diese Prunkbarken, ihre technischen Einrichtungen und über ihre Ausstattung und bringt viele Abbildungen bei, um sodann — was bisher nur wenigen Eingeweihten bekannt war — darzulegen, wie es zur Zerstörung kam: Im Lauf von Kampfhandlungen brach in der Nacht vom 31. Mai zum 1. Juni 1944 ein Brand aus, der den Museumsbau, 22 Guido Ucelli, „Per la Ricostituzione del Museo delle Navi Romane del Lago di Nemi“, Sonderabdruck aus „L’Ingegnere“, Milano, Heft 11, November 1048. 23 Dott. Ing. Guido Ucelli, „II Museo nazionale della Tecnica e la sua funzione didattica“, Bericht aus Anlaß des „Convegno nazionale per Listruzione industriale, Milano, 7—12 maggio 1947“. 24 Arturo Uccelli, „Enciclopedia storica delle scienze e delle loro applicazioni“, 3 Bände. Verlag Ulrico Hoepli, Milano 1941. 25 Arturo Uccelli, „Leonardo da Vinci, i libri di meccanica nelle ricostruzioni di Arturo Uccelli preceduti da un’ introduzione critica e da un ©same delle fonti, con 2516 disegni ricavati o rid'isegnati dagli originali“. Verlag Ulrico Hoepli, Milano 1940. Technikgeschichtliche Bücherschau. 109 die beiden Schiffe und fast das gesamte Museumsinventar so gut wie völlig zerstörte. Trotzdem hofft Ucelli noch so manches für die geplante Wiedererrichtung des Museums von Nemi zu retten, das einst so wertvolle Oimelien der antiken Technilkgeschichte enthielt. Ein Wissensgebiet, auf dem auch jenen, die sonst über eine gute Allgemeinbildung verfügen, Einsicht und Übersicht zu fehlen pflegt, ist die Urgeschichte. Daher ist es besonders zu begrüßen, daß der o. ö. Professor der Universität Wien und Leiter des urgescbichtlichen Institutes an dieser Dr. Richard Pittioni ein ,.Die urgescbichtlichen Grundlagen der europäischen Kultur“ 26 betiteltes Buch verfaßt hat. In ihm findet man jene Grundlagen zusammengetragen, die es jedem an urgesChichtlichen Fragen Interessierten — und das sollten wir alle sein — ermöglichen, den Aufbau der Urgeschichte beim Stand von heute, ihre Grundbegriffe und Zeiteinteilung kennen zu lernen und an Hand des Textes sowie der zahlreichen, die Funde ins einzelne kennzeichnenden Abbildungen einen Überblick über die Urgeschichte Europas >zu gewinnen, wie er sonst wohl aus keinem der bisher verfügbaren Lehrbücher und Sonderabhandlungen rasch erarbeitet werden 'kann. Pittioni hat aber auch, um die Probleme und Erkenntnisse seines Faches in weite Kreise zu tragen, den in urgeschichtlicher Zeit spielenden Roman „Der Bergfürst“ 27 verfaßt. Die Vorgänge rollen in jener Zeit ab, in der zunächst die Bronzemetallurgie und später das Eisenwesen in den östlichen Alpenlanden heimisch wurden. In reizvoller Weise sind — wenn auch ohne Namensnennung — die Berge und Seen unserer Heimat sowie Menschen und Dinge jener fernen Zeiten geschildert’ in denen zweimal, bald aufeinanderfolgend, große technische Fortschritte , Lebensbedingungen und Charaktere von Grund auf gewandelt haben. Die Erzählung hält sich an die durch die wissenschaftliche Forschung aufgedeckten Tatsachen. Dadurch gewinnt das Ganze an innerer Wahrscheinlichkeit und vor allem an Persönlichkeit. Dies läßt erwarten, daß durch dieses Buch jener Wunsch, von dem sich Pittioni ‘bei dessen Abfassung leiten ließ, das Interesse für die Urgeschichte insbesondere auch bei jungen Menschen zu wecken, erfüllt werden wird. In diesem Romane hat Pittioni Wege beschritten, die vor ihm der vor kurzem verstorbene Dr. phil. Apotheker, Schriftsteller und tiefe Denker Theodor Heinrich Mayer (1879—1949), dessen ßchriftstellername zuletzt Mayer-Brandt gewesen ist, in seiner 1941 entstandenen technikgeschichtlichen Bilderfolge „Vom Gedanken zur Tat“ 28 in ansprechender und geistreicherWeise gegangen ist, indem er — darin über Pittionis Absichten hinausgreifend — den Leser von der Urzeit über technikgeschichtlich gesicherte, vom Autor novellenartig verarbeitete Vorgänge in die nahe Zukunft führt. Zwei weitere Romane technikgeschichtlichen Inhalts stammen aus der Feder des bekannten Wiener Autors Rudolf Brunngraber. 26 Richard Pittioni, „Die urgeschichtlichen Grundlagen der europäischen Kultur“, mit 141 Abbildungen. Verlag Franz Deuticke, Wien 1949. 27 Richard Pittioni, „Der Bergfürst. Erzählung aus der Urzeit Österreichs“. Verlag Karl Kühne, Wien 1947. 28 Theodor Heinrich Mayer, „Vom Gedanken zur Tat. Novellen aus der Geschichte werktätigen Schaffens“. Verlag Braun & Schneider, München 1941. 8 * ■ - 110 Erich Kurzel-Runtscheiner Der erste heißt „Radium“ 29 und schildert die Geschichte dieses Elementes: der zweite ist „Zucker aus Ouiba“ 30 betitelt und schildert den „Roman“ eines Geldrausches. Im ersten dieser beiden Bücher wird das Zusammen- und Gegenspiel von Wissenschaft und Unternehmungsgeist, im zweiten der Aufstieg Gubas zum ersten ZuCkerland der Welt und der darauffolgende Sturz in Bankerott und Bürgerkrieg dargestellt. Beide Romane Bhunngr,\bers sind von der Büchergiide Gutenberg in Wien herausgegeben, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, ihre Mitglieder mit wertvollen Veröffentlichungen zu verhältnismäßig billigen Preisen zu beliefern; dieser Verband kann gerade in diesen Tagen das Jubiläum seines 25jährigen,Bestandes feiern. Vor kurzem hat er auch ein für die reifere Jugend bestimmtes Lebensbild Thomas Alva Edisons in deutscher Sprache herausgegeben, das eine Übersetzung aus dem Englischen mach einem Buche von H. G. Gah- bedian 31 ist. Dieselbe Büchergilde hat aber auch eine deutsche Übersetzung des in den Vereinigten Staaten 'zwischen 1942 und 1946 in vier Auflagen erschienenen, für den interessierten Laien bestimmten Werkes „Science remakes our World“ des US A .-U n i ve rsitätsp rof esso rs James Stockley unter dem Titel „Wissenschaft erneuert die Welt“ 32 herausgegeben. Die Übersetzung des Textes dieses Werkes, das von 33 interessanten Abbildungen auf Tafeln und drei Skizzen begleitet ist. berichtet über die Fortschritte der USA.-Wissenschaft seit der Jahrhundertwende und insbesondere in jener Zeit, in der sich die Völker Europas im zweiten Weltkrieg gegenseitig zerfleischten. Dieses Buch von Stockley, das einen umfassenden Überblick über die Erfindungen der letzten Jahre auf den verschiedensten Gebieten gibt, zeigt am Ende, welche Bedeutung die diese ermöglichenden wissenschaftlichen Arbeiten, von denen in Europa bisher sogar die Fachleute nur wenig wußten, auch für die Friedenswirtschaft haben können und werden, wenn die Großen der Welt dies zulassen. Ein Vorwurf kann diesem gut ausgestatteten und interessanten Band der Gutenberg-'Gilde nicht erspart bleiben: Es w T äre in einer Einleitung zu sagen gewesen, daß der Verfasser die von ihm geschilderte Entwicklung von einem amerikanischen Blickpunkt aus'beschreibt; er kennt und erw r ähnt zwar die Leistungen, die England, Deutschland, Frankreich und Dänemark bei dieser Entwicklung zu danken sind, weiß aber mit Ausnahme eines ziemlich 'belanglosen Falles nichts davon, daß auch Österreich wertvolle Beiträge auf diesem Felde amführen kann. Daß dem so ist, zeigt uns aufs neue die Notwendigkeit, die erfolgreiche Mitarbeit Österreichs auf dem Gebiete der Wissenschaft und Technik immer wieder herauszustellen. Die Pflege der Technikgeschichte ist schon aus diesem Grunde ebenso wichtig und unerläßlich, wüe der immer wieder erfolgende Hinweis auf Österreichs Musik und Kunst. 29 Rudolf Brunngraber, „Radium“. Büchergilde Gutenberg, Wien 1949. 30 Rudolf Brunngraber, „Zucker aus Cuba“. Büchergilde Gutenberg, Wien 1949. 31 H. G. Garbedian, „Thomas Alva Edison“. Mit 9 Bildern und Tafeln. Büchergilde Gutenberg, Wien 1949. 32 James Stokley, „Wissenschaft erneuert unsere Zeit“, mit 33 Abbildungen auf Tafeln und 3 Skizzen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dr. Kurt MayerTug- ström. Büchergilde Gutenberg, Wien 1949. Technikgeschichtliche Bücherschau. Ill Als vorletztes Buch sei in dieser Reihe ..Aus dem Reich der Schiene“ 33 besprochen, dessen Verfasser der langjährige Leiter des Archives der österreichischen Bundesbahnen, des dem Wiener Technischen Museum angegliederten Eisen- bahnimuseums und später dem Österreichischen Staatsarchiv zugeteilte Hofrat Dr. Karl Feiler ist. Dieses schöne Buch schildert auf Grund vorzüglicher Kenntnis der Quellen die Entwicklung der Schienenbahn in England, ihr erstes hirscheinen außerhalb des Entstehungslandes durch den Bau der 1824 bis 1882 errichteten ,,Holz- und Eisenbahn“ zwischen Budweis und Linz, als der ersten öffentlichen Schienenbahn des europäischen Festlandes. Dann wird der Ausbau des Eisenbahnnetzes der Habsburger Monarchie bis 1855 etwa geschildert und die Pioniere, denen wir die rasche Entwicklung unserer Schienenwege im geschilderten Zeitraum zu danken haben, dem Leser in Leben und Leistung vorgeführt. Ein wertvoller Behelf für jedermann wurde dank der Förderung durch das Bundesministerium für Verkehr in Feilers Buch der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt; wie dies geschah, möge zum Vorbild für die anderen großen Wirtschaftsikörper und Unternehmungen werden, technikgeschichtliche Kenntnisse in ihrer eigenen Sparte in ähnlicher Art zu unterbauen und zu fördern. Da wir ein GoETHE-Jahr durchleben, so ist es verständlich, daß zum Schluß noch ein GoETHE-Buch besprochen werden kann. Es ist dies das imLeykam-Ver- lag in Graz erschienene „Gesetz iim Grenzenlosen“ 31 Goethes naturwissenschaftliche Schriften, ausgewählt und zusammengestellt von Peter R. Hofstätter. Außer kurzen Einleitungen und abschließenden Sätzen, die der Herausgeber verfaßt hat, besteht der ganze Inhalt dieses, namentlich auch durch seine vorzüglich ausgeführten und gut gewählten Abbildungen bemerkenswerte Buch aus Teilzitaten naturwissenschaftlicher Schriften Johann Wolfgang von Goethes und aus einigen wenigen Bemerkungen seiner Zeitgenosssen zum Thema. Die Auswahl ist geschickt durchgeführt und veranschaulicht dem Leser Goethes Einstellung zur Natur, seine Studien über die pflanzliche und tierische Entwicklung, den Bau der Erde und über meteorologische Erscheinungen. Das umfangreichste Kapitel ist — wie selbstverständlich — der Farbenlehre gewidmet. Den Abschluß bilden Aufsätze, in denen Goethe zu den Methoden der Naturbetraöhtung Stellung nimmt. Eine synchronistische Tabelle am Schlüsse des Bandes ist besonders wertvoll für den historisch eingestellten Leser. Vom Standpunkt der Technikgeschichte ist es allerdings bedauerlich, daß nicht auch die Stellung Goethes zur Bergbautechnik, zur Industrie und zu den Manufakturen in diesem Band mitbehandelt worden ist; er ist aber jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre. Dem österreichischen Verlagswesen der zweiten Nachkriegsjahre wird vielfach der Vorwurf gemacht, es habe nicht verstanden, unserem Heimatlande jenen Platz im deutschsprachigen Schrifttum zu sichern, der ihm bei richtiger Führung 33 Karl Feiler, „Aus dem Reich der Schiene. Was Geschichtsquellen von den Anfängen des Eisenbahnwesens offenbaren“, mit 51 Abbildungen. Scholle-Verlag, Wien 1949. 34 Peter R. Hofstätter, „Gesetz im Grenzenlosen“, Goethes naturwissenschaftliche Schriften. Mit Abbildungen. Leykam-Verlag, G. m. b. H„ Graz-Wien 1949. 112 Erich Kürzel-Runtscheiner: Technikgeschichtliche Bücherschau. erreichbar gewesen wäre; auch hätte die Verlegerschaft, namentlich jene Wiens, es zugelassen, daß sich in ihren Kreis Elemente eingedrängt haben, denen jede Qualifikation für jenen Beruf fehlte, den sie plötzlich ergreifen wollten. Mögen diese Vorwürfe berechtigt sein, so weit sie sich auf einige Auswüchse beziehen, die sich auf dem 'Gebiet der Produktion der Literatur für den Alltagsverbrauch und der Periodica tatsächlich auegebreitet haben; für jenen Teil des Verlagswesens, dessen Feld Wissenschaft und Technik sind, trifft er auf keinen Fall zu: denn auf diesen Sondergebieten wurde ernsthaft und getreu den Verpflichtungen der Stunde, darum aber auch erfolgreich gearbeitet. Diese Feststellung gilt insbesondere auch für die technikgeschichtliche Sparte: den Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung erbringt diese Bücherschau. Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1950. Auszug aus Karteien technikgeschichtlicher Ereignisse. Von Therese Stampfl. (Diese Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.) Januar. Josef Glanz, geboren in Lemberg, bekannt als Wiener Kunstgießer der Biedermeierzeit, erzeugte Kleinkunstgüsse aus Eisen, Bronze und Silber, die sich durch die künstlerischen Entwürfe und durch die feinste Ziselierarbeit auszeichnen. Eine Sammlung solcher Kunstgüsse befindet sich im Wiener Technischen Museum. Sigmund Strauss, geboren in Znaim, Physiker, Mitarbeiter von Robert von Lieben, wirkte auf dem Gebiet der Radiotechnik. Schlußsteinlegung beim Bau des Musikvereinsgebäudes, welches von Architekt Theophil von Hansen von 1867 bis 1869 in, Wien errichtet wurde. Otto Nussbaumer, gestorben in Salzburg. Es gelang ihm am lö. Juni 1904 die erste drahtlose Lautübertragung durch den von ihm selbst konstruierten Sender. Johann Luppis von Rammer, gestorben in Mailand, Pionier des Offensivtorpedos, stellte 1866 gemeinsam mit Robert Whitehead das erste „Fisch- torpedo“ her. Friedrich Hartmann, gestorben in Wien, Professor für Brückenbau und Stahlbau an der Technischen Hochschule in Wien, begründete die Wiener 'Schule des Brückenbaus und veröffentlichte mehrere in seinem Fache grundlegende Werke. Februar. 1. 1785. Blasius Hueber, geboren zu Oberperfuß in Tirol, Kartograph in Tirol, Schüler und Mitarbeiter von Peter Anich. Die 1774 von Hueber durchgeführten Vermessungen im Innern des Montafons führten zur Feststellung der Landesgrenze zwischen Tirol und Vorarlberg und zur Verbesserung der großen Tiroler Karte. 14. 1945. Gustav Tauschen, gestorben in Zürich, verbesserte durch grundlegende Erfindungen das Lochkartenbuchhaltungssystem (System Tauschek) und erfand die lesend schreibende Rechenmaschine. 20. 1875. Erlassung des organischen Statuts für die k. k. Technische Hochschule in Wien, mit. dem die seit dem Beginn der Sechzigerjahre sich hinziehende Reorganisation, in der die Erhebung des polytechnischen Instituts zur Technischen Hochschule erfolgte, ihren endgültigen Abschluß fand. 3. 1795. 4. 1875. 5. 1870. 5. 1930. 11. 1875. 16. 1945. 114 Therese Stampfl 11 . 1930 . 14 . 1860 . 27 . 1900 . 29 . 1925 . 9 . 1840 . 10 . 1865 . 15 . 1875 . 15 1875 . 1 . 1865 . 2 . 1865 . 2 . 1870 . 7 . 1880 . 14 . 1870 . 15 . 1925 . 16 . 1890 . 17 . 1910 . 7 . 1810 . 9 . 1800 . 18 . 1840 . 1 . 1935 . 5 . 1870 . 7 . 1870 . März. Inbetriebnahme der elektrifizierten Bahnstrecke Salzburg—Innsbruck. Carl Ritter von Ghega, gestorben in Wien. Erbauer der Semmeringbahn, Pionier des Straßen-, Wasser- und Eisenbahnbaus. Beschluß des Wiener Gemeinderates zur Projektierung einer zweiten Hochquellenleitung aus den Quellen 'des Salzatales. Aufnahme des Radiosenders in Graz der Österreichischen Radioverkehrs A.-G. April. Wilhelm Exner, geboren in Gänserndorf, N.-Ö., Technologe, Begründer von verschiedenen technisch-wissenschaftlichen Lehranstalten und Instituten. Hugo Strache, geboren in Wien, Leiter der Versuchsanstalt für Brennstoffe. Feuerungsanlagen und Gasbeleuchtung an der Technischen Hochschule in Wien, errichtete 1905 die Wassergasanlage im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Anton Schrötter Ritter von Kristelli, gestorben in Wien, Professor der speziellen Chemie am Polytechnischen Institut in Wien, entdeckte den roten Phosphor. Durchstich der Donau beim Rollerdamm bei Wien. Mai. Feierliche Eröffnung der Ringstraße, die als hervorragendste Schöpfung der 1858 begonnenen Stadterweiterung angelegt wurde. Karl von Etzel, gestorben in Kennelbach bei Linz, bedeutender Eisenbahnbauingenieur, Direktor der Südbahn, Erbauer der Brennerbahn. Anton Lederer, geboren in Prag, Mitarbeiter von Dr. Carl Auer von Welsbach, leistete in der Ausgestaltung der Osmiumlampe wertvolle Dienste. Er führte erfolgreiche Versuche mit Edelgas-Glühröhren durch. Sanktion des Gesetzes zum Bau der Arlbergbahn. Beginn mit den Erdarbeiten für die Donauregulierung. Vollendung der Elektrifizierung der ganzen Strecke der Arlbergbahn von Innsbruck bis Bludenz. Aufnähme der LösSLschen Widerstandsformeln in die preußischen Bestimmungen für die Aufstellung von staatlichen Winddruckberechnungen von Hochbauten. Erster Überlandflug in Österreich mit einem Eindecker-Flugzeug „Etrich- Tau'be“ von Wiener Neustadt nach Wien, wobei unter der Lenkung Illners 45 Kilometer in 30 Minuten zurüokgelegt wurden. Juni. Anton Dreher, geboren in Wien, Begründer der modernen österreichischen Bierindustrie. Karl Weinrich, geboren in Klein-Rechtenbach bei Wetzlar, führte das Macerationsverfahren in der Zuökerindustrie ein. Stefan Kees, gestorben in Wien, Technologe und Begründer der Systematik dos Gewerbewesens in Österreich. Juli. Eröffnung der Eisenbetonbrücke über die Mur bei Bruck. Patenterteilung an Theobald Obach für die Erfindung der Zweiseilbahnen. Florentin Robert, gestorben in Groß-Seelowitz, errichtete dort eine Rüben- 'zuckerfäbrik, die er zur hervorragendsten Europas ausgestaltete und die Pflanz- und Lehrschule für das ganze ln- und Ausland wurde. 115 14 . 1925 . 2 : 1 . 192 «. 3 . 1905 . 3 . 1935 . 4 . 1845 . 7 . 1935 . 8 . 1900 . 11 . 190 «. 12 . 186 «. 30 . 193 «. 18 . 185 «. 2 «. 1905 . 2 . 1850 . 4 . 1865 . 7 . 1865 . 16 . 1935 . 18 . 194 «. 23 . 186 «. 25 . 1885 . 27 . 1885 . 29 . 1815 . 4 . 1840 . Gedenktage. Abschluß eines Vertrages der Österreichischen Bundesbahnen mit der Tiroler Wasserkraftwerke A.-G-. (Tiwag) für die Versorgung des elektrischen Betriebes auf den Bundesbahnlinien östlich und südlich von Innsbruck. Inkrafttreten des Gesetzes zur Elektrifizierung der Österreichisehen Bundesbahnen. August. Friedrich Akz berger in* Binnbach bei Ebensee gestorben. Professor für mechanische Technologie an der Technischen Hochschule in Wien. Feierliche Eröffnung der Scheitel strecke der Großglockner-Hochalpenstraße, somit Vollendung dieser Gebirgsstraße in ihrer ganzen Strecke. Erste Probefahrt der Eisenbahn von Pardubitz bis Prag. Karl Illner, gestorben in Wien. Fliegerpionier, der ab 1908 die „Ktrich- Tauben“ lenkte. Emil Skoda, gestorben in F/ger, Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. Feierliche Grundsteinlegung zum Bau der Zweiten Hochquellenleitung für die Stadt Wien. Eröffnung der Bahnstrecke Wien—Linz—Salzburg—München (der Kaiserin- E1 hsabeth-Bahn). Inangriffnahme der Bauarbeiten für die Großglockner-Hnchalpenstraße. .September. Karl Wurmb, geboren in Neumarkt bei Wels (O.-ö.), Eisenbahningenieur, leitete die Erbauung der großen Alpen bahnen: Pyhrnbahn, Tauernbahn, Karawanken- und Wocheinerbahn. Eröffnung der Tauernbahn-Nordrainpe mit dem 8550 Meter langen Scheiteltunnel in 1225 Meter Höhe. Oktober. Josef Madersperger, gestorben in Wien, erfand einen Nähapparat, bei dem er die Spitze der Nadel in das Öhr verlegte. Inbetriebnahme der ersten Pferde-Straßenbahnlinie in Wien, die vom Schotten- tor nach Hernals führte. Theodor Scheimpflug, geboren in Wien, Pionier der Luftbild-Kartographie, erfand 1906 den Photoperspektographen, das erste Entzerrungsgerät. Eröffnung des Bauteils I der Wiener Höhenstraße Cobenzl—Kahlenberg. Franz Wels, gestorben in Wien, Pionier auf dem Gebiet des Flugzeugbaues, Mitarl>eiter an der „Etrich-Taube“. Ludwig IIaitinger, geboren in Wien, Chemiker. Mitarbeiter von Dr. Carl Auer-Welsbach. Erstmalige Konzessionserteilung zum Bau und Betrieb einer elektrischen Zentralenan'lage in Wien an Ing. Franz Fischer; die Konzession wurde 1886 an die Firma Siemens & Halske übertragen. Patent von Dr. Carl Auer-Welsbach auf das Gasglühlicht mit Lathan- Zirkon-Leuchtkörper, das den ersten großen Erfolg brachte. Theodor Friedrich Hornbostel geboren, Seidenfabrikant, war vom Juli bis Oktober 1848 österreichischer Handelsminister. November. Begründung der Lehranstalt für das Berg- und Hüttenwesen in Vordernberg, die eine Vorläuferin der 1890 errichteten Montanistischen Hochschule in Leoben wurde. 116 Therese Stampfl: Gedenktage. 6. 1815. Eröffnung des Polytechnischen Instituts in Wien auf Grund des von Johann Joseph Prechtl ausgearbeiteten Organisationsentwurfes. 20. 1790. Franz Xaver Riepl, geboren in Graz, Professor der Mineralogie und der Warenkunde am Polytechnischen Institut in Wien. Geistiger Schöpfer der ersten Lokomotiveisenbahn Österreichs. Dezember. . 2. 1900. Inbetriebnahme der Zweiten Kaiser-Franz-Joseph-Hochquellenleitung. 13. 1890. Josef Heger, gestorben in Wien, Professor der mechanischen Technologie an der Technischen Hochschule in Wien. 20. 1850. David Schwarz, geboren in Zala Egerszeg am Plattensee, Pionier der Luftfahrt. 25. 1900. Johann Natterer, gestört hui in Wien, führte erstmalig 1844 die Kohlesäureverflüssigung durch. \ Manische Buchdruckerei, Wien IX. FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE Bisher erschienen: Heft 1 1932. 214 S. 8 Tafeln und 88 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Preis S 12.— Aus dem Inhalt: H. Srbik, Die Kulturverbundenheit der Technik. — L. Erhard, Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. — K. Holet. Der Schutz der technischen Denkmale in Österreich. — Österreich als Ingenieurland: J. Fugle vicz, Das Bergwesen Österreichs. — 0. Keil-Eichenthurm, Das Hüttenwesen Österreichs. — E. Merlicek, Österreichs Wasserbau. — F. Brock, Österreichs Energiewirtschaft. — B.ENDERES,Das österreichische Verkehrswesen. — E. Stelzer, Technologie. — 0 Kunze, Technisch-wissenschaftliche Institutionen. — G. Kyrle, Die Gold-, Silber-, Blei- und Kupfergewinnung in urgeschichtlicher Zeit der österreichischen Alpen. — F. Sedlacek, Thyrsenblut. — G. Hradil, Der Geistschacht am Röhrerbühel in Tirol. — A. Löhr, Altösterreichische Münzstätten. — A. Demmer, Haswell und seine dampf-hydraulischen Schmiedepressen. — 0. Böhler und H. Schwoiser, Zur Geschichte des österreichischen Edelstahles. — K. Tänzer, Sondergewerbe in der Eisenwurzen. — H.Pösendeiner, Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. — L. Hauska, Bedeutende Holzbringungsanlagen des 12. bis 19. Jahrhunderts in Österreich. — E. Merlicek, Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft. — Alte Salzwege vom Salzkammergut nach Böhmen: C. Schraml, Der Weg des Salzes von Hallstatt nach Linz. — J. Sames, Der Weg des Salzes von Linz nach Budweis. — F. Drexler, Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich. Persönliche Erinnerungen. — H. Pfeuffer, Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik. — E. Descovich, Fritz Franz Maier und seine Schiffsform. — Mitteilungen und Berichte: S. Brosche, Gründungsgeschichte des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. —Das Forschungsinstitut für Geschichte der Technik, aktenmäßig dargestellt von der Institutsleitung. — J. Leisching, Ein altes Wendeltreppen-Modell im Salzburger Museum. — A. Bihl, Bibliographie zur Geschichte der Technik Österreichs. Heft 2 1934. 85 S. 30 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Preis S 6.— Aus dem Inhalt: F. Sedlacek, Auer von Welsbach. Heft 3 1936. 101 S. 64 Abb. und ein Kunstblatt. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Preis S 6. — AusdemInhalt:L. Erhard, Vom Lebenssinn der Technik. — A. Lechner, Viktor Kaplan. — F. Sedlacek, Die Dr. Carl Auer-Welsbach-Gedächtnisausstellung im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien. — Mitteilungen und Berichte: Tätigkeitsbericht des österreichischen Forschungsinstitutes für Technikgeschichte. — Die Enthüllungsfeier des Auer-Welsbach- Denkmals. — Buchbesprechung: Lebenserinnerungen von Dr. techn. h. c. Dr. mont. h. c. G. Günther. — A. Bihl, Bibliographie zur Geschichte der Technik. — Erläuterung zum Kunstblatt: Haymon und Thyrsus. Heft 4 1938. 80S. 38Abb. Schriftleitung Dr. Ing.L.E rhard. Vergriffen Aus dem Inhalt: J. D aimer, österreichischer Anteil an der Entwicklung des Lichtbildwesens. — P. Schrott, August Musger. — E. Kurzel-Runt- scheiner, Franz Freiherr von Uchatius. — F. Schnabel, Ferdinand Redten- bacher. — Mitteilungen und Berichte: Tätigkeitsbericht des österreichischen Forschungsinstitutes für Technikgeschichte 1937. — Buchbesprechungen. — Th. Stampfl, Gedenktage über das österreichische Verkehrswesen. FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE Heft 5 1938. 138S. 92Abb. Schriftleitung: o.ö. Prof. K. Holey. Preis S 9.— Aus dem Inhalt: H. Srbik, Widmung an Hofrat Dr. Ing. L. Erhard.— C. Matschoss, Technische Kulturdenkmale als Quellen zur Geschichte der Technik. — K. Holey, Die technischen Denkmäler in Österreich und ihre Verbundenheit mit Volk und Boden. — J. Sames, Die Reste der Schwarzenberg- Schwemmanlagen an der großen Mühl. — E. Kurzel-Runtscheiner, Zwei Meister der Kunstmechanik am Hofe Kaiserin Maria Theresias: Ludwig Knaus und Friedrich von Knaus. -— V. Schützenhofer, Josef Werndl, der Mann und sein Werk. — A. Bihl, Julius Lott, der Erbauer der Arlbergbahn. — J. Altmann, Aus der Ahnenreihe österreichischer Kraftwagen. — F. Fattinger, Geschichte einer der ältesten Industriestätten: Treibach in Kärnten. — F. Sedlacek, Das Werden des Kärntner Bleiweißverfahrens. — C. Schraml, Versuch der Einführung der Gasbeleuchtung hei den Salzwerken des Kammergutes. — E. Neweklowsky, Die Ladenkarlfahrt auf der Steyr. — C. Schraml, Der Holzaufzug und die Wasserriesen im Außerweißenbach. — G. Strele, Die Entwicklung der Wildbachverbauung in Österreich. — V. Thiel, Geschichte der Donauregulierung bei Wien. — F. Kirnbauer, Bergmännische Zeichen: Die Entwicklung von Bergbauzeichen auf Landkarten. — Bergmännische Wasserzeichen in altem Steyrer Schreibpapier. Heft 6 1939. 82 S. 35 Abb. und 1 Plan. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Preis S 6.— Aus dem Inhalt: 0. Lanser, Alte Brücken und Mühlen in Tirol. — . F. Kargl, Siebzig Jahre Brennerbahn. — K. Holey, Hofrat Dr. Ing. E. h. Ludwig Erhard 75 Jahre. — Buchbesprechung. Heft 7 1940. 154 S. 102 Abb. und 2 Tafeln. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Preis S 10.— AusdemInhalt:F. Kirnbauer, Die Entwicklung des Markscheidewesens im Lande Österreich. Heft 8 1942. 88 S. 55Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard t und o. ö. Prof. Dr. K. Holey. Preis S 6. — Aus dem Inhalt: K. Holey, Ludwig Erhard. — K. Feiler, Geschichtliches über die Linz-Budweiser Eisenbahn, die älteste deutsche Schienen straße. — O. Dirmoser, Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. — Mitteilungen und Berichte: Tätigkeitsbericht des Forschungsinstitutes über die Jahre 1938 bis 1940. — Merkblatt zur Anlegung von Betriebsarchiven. Heft 9 1947. 44 S. 10 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Preis S 18.— Aus dem Inhalt: V. Schützenhofer, Vom k. k. Fabriksprodukten- Kabinett zum Wiener Technischen Museum von heute. — V. Schützenhofer, Al oys von Widmanstatten. Heft 10 1948. 91 S. 19 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Preis S 20.— Aus dem Inhalt: Kurt von Lössl und Ernst von Lössl, Friedrich Ritter von Lössl, I. Teil: Der Lebenslauf, II. Teil: Die Arbeiten Friedrich Ritter von Lössls auf aerodynamischem und flug-mechanischem Gebiet. — E. Kurzel-Runtscheiner, Wilhelm Kress, ein österreichischer Pionier der Luftfahrt. — R. Saliger, Ing. Gustav Adolf Wayss, ein Bahnbrecher des Stahlbetons. —E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1948 und 1949.