FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE ZWÖLFTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 42 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER »VERLAG • 1950 BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE *"5 » J i FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE ZWÖLFTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 42 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER.VERLAG • 1950 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, Vorbehalten. Printed in Austria. Inhaltsverzeichnis. Seite Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. Von Viktor Schützeniiofer 1 Rudolf Diesel und der Automobiimotor. Ein Beitrag zur Geschichte des Fahrzeug- Diesels unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Ludwig Löhners darin. Von Paul Siebertz, Stuttgart. 15 Hermann von Hoernes. Luftschiffer, Flugtechniker und Luftfahrthistoriker. Von Oskar Regele . 31 Zum Gedenken an Dr.-Ing. h. c. Karl Wurme, den Erbauer der österreichischen Alpenbahnen 1901—1907. Von Friedrich Binder und Max Rohlena . 38 Baugeschichtliche Bilder von der Arlbergbahn. Von Klemens Melicher . 43 Kitzbühel, die alte Bergstadt. Von Erich Kurzel-Runtsciieiner . 51 Österreichs Beitrag zur Geschichte der Lumineszenzanalyse und Fluoreszenzmikroskopie. Von Franz Dan gl . 63 Zur Geschichte der ehemaligen Staatlichen Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der ehemaligen k. k. Salmiakfabrik in Nußdorf. Von E. A. Kolbe 75 Mitteilungen und Berichte: 75 Jahre Marcus-Automobil. 91 Technikgeschichtliche Bücherschau. Von Erich Kurzel-Runtsciieiner . 95 Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1951. Von Therese Stampfl. 108 •V;' :« ¥ f '• T*/ I* '• -. .-^.v ^Wiä-¥<' r .;.: ■t'.p : ! ->.ä-‘V' •^V V; .. ' • ■ : v jr-> >er ■ . y j.i *; jmiri^rmvaHiirffTl ^ jnKon«.!«r3ar»A »««TwrV *»V .t*ruHtfbniSoit) tu» mov -*«- flaxiKvI ^U iiroljr ,'4 *»b ttf« JCI jfafl t«rH ..lOjnmlMttmoJu A 1:ifr b*tf .UWBiCI H4CH1 - J ft iihcb »ut?ua«xl oiwtuiJ «»’Moft tsb in’41t11• vf- >l>frt,>H- tsto i >i Tylnu Hbwtf+R} . , . •. .. .IW? 1Ä>7 .. .KuJi'K^wnC.'^UuJiliiJ bon »W t irt r; f .vijTiii'wiluJ xtJv x* A.**#.! H .- •-»W*" nsb •.:, •d'rUot-Kl n* a»jfrt*b#f) aiüST ntf Im« Jtaa^iflf no 7 .Vw^l . I©$1 Oflniliwfo»Kia^ «yjTÄ3t*iX' du’? m>r tftiAiS «i{©$Jdstö*j>iM$i«*H , .... . m xMir^tya**#timfhl Täi> *»J4W* jjttrtteÄ »SdWn+i#?> .«v. '..«• . , • -.. ■■ - 1 «ÜA <1 Hl// . 4 fafO]U -Ärt^ifwU-rSfriW «1 ÄhlfiiW|Ui.>tJsft>»flrf^ flstfbÜteiU* U^%i!«llV«i» T<»böJui-/d:*aa*) ihS *h.ioX .A .3 <5k*V MobikaY ni JhdrMimri\fiZ.y'A .J MfjfibMjiftfU r4» >00 JtwU« .'<,'. 5 vV «fc* nor •nfibMjiftfU v 4 » >00 itwrt« : -»iilwiÄ brm Jn1oin*ri«A'«irtt*$£. 9id*X. ft? . ;jü r . ui >/4 p$'( .u*iiw«>»l 4 M •rii:**H*l'*ubmiiAicuh>/F' antJüwi'f n<*7 Jätfi - •Vit. .WIMATft is. :*..V',s ^ 7 :v.v.-i>v^L ':-v :■ : V; } . <€' , ^>tvX '■'f pvfjpk#/ V r ' -»‘fc-»-'' *' •* » . *« - 1 . t- ÜillBü Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. Von Dipl.-Ing. Viktor Schützenhofer. Mit 9 Abbildungen. Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts war Österreich ein Agrarland, das selbst notwendige Gebrauchsartikel nicht im erforderlichen Ausmaße herzustellen imstande war, geschweige denn — mit wenigen Ausnahmen — an einen Export denken konnte. Um den durch die Einfuhr ausländischer und die mangelnde Ausfuhr inländischer Erzeugnisse sclnver belasteten Finanzen des Landes aufzuhelfen, war Karl VI. (1711—1742) bemüht, die heimischen Gew r erbe in ihrer Produktion zu stärken und eine österreichische Industrie zu schaffen. Wie Leopold I. mit der 1672 erfolgten Manufakturgründung in Linz den Anfang der Industrialisierung Österreichs gemacht hatte, setzten Maria Theresia und Josef IL im achtzehnten Jahrhundert die Bemühungen Karls VI. fort, die aber erst, unterstützt durch die damaligen großen Fortschritte der Technik, unter Franz II. im neunzehnten Jahrhundert beachtliche Ergebnisse zeitigten; in weiterer Folge führten sie nicht nur zur beabsichtigten Industrialisierung Österreichs, sondern auch zum Weltruhm österreichischer gewerblicher und industrieller Erzeugnisse. So tüchtig die österreichischen Handwerker aber auch gewesen sind, so waren ihrer zu w r enig. Eine Begünstigung fremden Zuzuges erschien daher erforderlich. Zu den ausländischen Arbeitern, die zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, angelockt durch die ihnen zugesagte Förderung in der Ausübung ihres Gewerbes, nach Österreich kamen, gehörte auch der am 4. April 1786 geborene Heinrich Loiiner. Dem ihm an einem Märztag des Jahres 1811 in seiner rheinländischeu Vater- und Geburtsstadt Mayen zugestellten. Einberufungsbefehl zur napoleoni- schen Itheinbundarmee hatte er sich durch Flucht entzogen, bereits entschlossen, das von seiner Familie seit Jahrhunderten geübte Wagnergew’erbe künftighin in dem von ihm gewählten neuen Heimatland auszuüben. Tüchtigkeit, Fleiß und Ausdauer ermöglichten es Heinrich Löhner, nicht nur in Österreich festen Fuß zu fassen, sondern auch den von ihm dort geschaffenen Betrieb so auszubauen, daß er der Gründer der im österreichischen Wirtschaftsleben bedeutsamen, bis heute in den Händen seiner Nachkommen gebliebenen, der Verkehrsmittelindustrie zugehörigen Firma „Löhner“ wurde. Ihr Werden und Wirken soll Gegenstand der folgenden Abhandlung sein, sich aber besonders mit den Leistungen Ludwig Löhners befassen, die nicht nur für die Entwicklung des eigenen Unter- 2 Viktor Schützenhofer nehmens. sondern auch derjenigen der einschlägigen Technik hervorgehoben zu werden verdienen. Heinrich Löhner ließ sich als selbständiger Lohnarbeiter des Wagnergewerbes in Wien, auf der Wieden S15 (später Heumühlgasse 15), nieder, verlegte aber bald seinen Standort in die Stadt No. 156. Seit seinem Eintreffen in Wien arbeitete er hauptsächlich für den in der Wiener Vorstadt Itoßau No. 86 tätigen bürgerlichen Sattler Ludwig Laurenzi. Das vorerst auf Einzelaufträgen basierende, die Herstellung von Wagenkästen betreffende Zusammenarbeiten führte bald zu einer Gemeinschaftsarbeit. Nachdem Heinrich Löhner 1821 das Meisterrecht für sein Gewerbe erlangt hatte, trat er als Wagnermeister in den Betrieb Laurenzis ein. Mit der Erwerbung des Meisterrechtes wurde Heinrich Löhner auch Bürger von Wien. Der Wagenbau war damals kein Gewerbe für sich, sondern auf mehrere Gewerbe aufgeteilt. Dem Sattler oblag die Fertigstellung und der Vertrieb der Wagen. Die übrigen hauptsächlich dabei in Betracht kommenden Handwerker, der Wagner, Schlosser, Schmied, Lackierer, Posamentierer, Plattierer und Glaser, waren seine Helfer, die mit dem Käufer des fertigen Erzeugnisses nicht direkt in Berührung kamen. Wenn Heinrich Löhner nun — 1821 — als Wagnermeister in den Sattlereibetrieb Ludwig Laurenzis eintrat, so zeigte sich damit bereits das Bestreben der Zusammenfassung des gesamten Wagenbaues in eine Hand und damit auch der Schaffung von Wagenfabriken, wie eine solche von Ludwig Laurenzi 1850 auf Grund des erlangten Fabriksbefugnisses zur Erzeugung von Wagen errichtet und unter seinem vollen Namen firmenmäßig protokolliert wurde. Den Nachweis der Befähigung zur Führung eines derartigen Betriebes verdankte Laurenzi nicht zuletzt der tatkräftigen Mithilfe Heinrich Löhners. Ludwig Laurenzi hatte sich im besonderen der Herstellung von Luxuswägen gewidmet, die nicht nur im Land, sondern auch im Ausland viel gefragt waren. So zählte er bald zu den bedeutendsten Exporteuren dieser österreichischen Erzeugnisse und konnte sich rühmen, im Gründungsjahr der Fabrik seit Beginn seiner Arbeitstätigkeit das dreizehnhundertste Fahrzeug hergestellt zu haben. Bereits 1851, noch zu Lebzeiten seines 1855 verstorbenen Vaters Heinrich, schloß .Jakob Loiiner (geh. Wien, 7. Oktober 1821) zwecks Gründung der Firma „Ludwig Laurenzi & Comp.“ mit Ludwig I^aurenzi einen Gesellschaftsvertrag, dem auch der aus Aachen stammende Josef Neuss beitrat. 1855 trat Josef Neuss aus der Gesellschaftsfirma wieder aus, um sich in Berlin selbständig zu machen. Der daraufhin zwischen Jakob Löhner und Ludwig Laurenzi geschlossene neue Vertrag bezweckte die Gründung der Firma „Laurenzi & Löhner“, womit der Anteil Löhners auch äußerlich in Erscheinung treten sollte. 1857 heiratete Jakob Löhner die Tochter Laurenzis und gal) so der Arbeitsverbindung durch Familienbande neue Festigung. Ludwtg Laurenzi starb am 23. Februar 1859. Seine Witwe, Anna, auf die das Landesfabriksbefugnis ihres verstorbenen Gatten übergegangen war, führte kurze Zeit das Unternehmen, das nach Löschung der bisherigen Firma mit der Firmenbezeichnung „L. Laurenzis Wwe.“ protokolliert wurde. Im November I860 legte Anna Laurenzi das Fabriksbefugnis zurück und Jakob Lomier, der im Juli 1859 ein neues „Landesfabriksbefugnis zur Erzeugung von Wägen in Wien“ erhalten hatte, übernahm die Führung des Unternehmens. Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. 3 Der ständig steigende Auftragsstand, in dem der Export — insbesondere nach den Balkanländern und Rußland sowie dem Nahen Osten — bereits eine wesentliche Rolle spielte, zwang — gleichfalls 1860 — zur Schaffung einer größeren Betriebsstätte, die in der Alservorstadt, Servitengasse 19, errichtet wurde; sie umfaßte die Ilauptgewerbe, Wagner, Tischler, Schlosser, Schmied, Lackierer und Sattler, und erhielt 1863 eine Dampfkraftanlage. 1868 traten Franz Löhner und Josef Brauner (Bruder und Schwager Jakob Löhners) in die Firma ein, die nun die Bezeichnung „Jakob Löhner & Co.“ erhielt. Bereits in den fünfziger Jahren hatte das Unternehmen das Ambulanzwesen in sein Erzeugungsprogramm auf genommen und damit eine erhebliche Vergrößerung seines Gesamtabsatzes zu verzeichnen. 1873 konnte Jakob Löhner die Herstellung des zehntausendsten Fahrzeuges feiern. 1S76 mußte er sich zur Errichtung einer neuen, erweiterten und allen neuzeitlichen Erfahrungen Rechnung tragenden Betriebsstätte in der Vorstadt Floridsdorf, unter Belassung der Lackiererei und Sattlerei sowie der Verkaufsräume und Unternehmungsleitung in der Servitengasse, entschließen. 1878 wurde die Leitung des Unternehmens in das damals neu erbaute Haus Porzellangasse 2 verlegt. Die im gleichen Jahre durchgeführte Errichtung einer Räder- und Federnerzeugungsanlage und einer Metall- und Eisengießerei in Floridsdorf behob die ständigen Schwierigkeiten in der Beschaffung der benötigten Halbfabrikate. Die Teilnahme an fast allen großen internationalen Ausstellungen am Kontinent und Übersee, wie London 1851, Paris 1855, 1867 und 1878, Philadelphia 1876, Melbourne 1880, Chikago 1893 und Osaka 1903, die durch Prämiierungen die Leistungsfähigkeit des Unternehmens und die Güte seiner Erzeugnisse anerkannten, sicherte seine weitere Bekanntmachung in der ganzen Welt. In dem von H. Heller, Wien 1903, herausgegebenen Katalog der „Fünften nationalen Ausstellung Japans zu Osaka 1903“ heißt es in der Beschreibung der österreichischen Beteiligung: „Besonders hervorgetan hatten sich Jakob Löhner &Co. mit vier eleganten leichten Wagen; diese weltberühmte Firma hatte früher schon Lieferungen für den japanischen Hof effektuiert und wurden auch die genannten vier Stücke an japanische Notabilitäten verkauft.“ 1887 schieden die beiden Gesellschaftspartner Franz Löhner und Josef Brauner als öffentliche Gesellschafter aus der Firma aus, ohne daß diese eine Änderung ihrer Bezeichnung erfuhr. 1892 starb Jakob Löhner. Damit hatte sein einziger Sohn, Ludwig, die Leitung der Firma zu übernehmen. Ludwig Löhner wurde am 15. Juli 1858 in Liesing bei Wien geboren. Er verlor seine Mutter schon zehn Monate nach seiner Geburt, was wohl den Vater mit bewogen haben mag, die Erziehung seines Sohnes einem Internat anzuvertrauen. Er wählte hiefür den der humanistischen Bildung gewidmeten Jesuitenkonvikt in Kalksburg bei Wien. Der sich immer mehr zeigenden Vorliebe des jungen Löhner für die technischen Fächer und der seinem künftigen Beruf naheliegenderen realen Erziehung wegen, verließ dieser nach Besuch der vier Unterklassen Kalksburg, um seine Mittelschulbildung in der Realschule auf der Schottenbastei in Wien mit der Reifeprüfung zu vollenden. Er studierte dann das Maschinenbaufach an der Technischen Hochschule in Wien und legte 1879 mit Erfolg das Ingenieurexamen ab. Eine erhöhte Empfindlichkeit der Atmungsorgane zwang Viktor Schützenhofer Bild 2. Ludwig Lauren zi (1788—1859.) Bild 1. Heinrich Löhner. (1786-1855.) V^',. ■ Biid 3. Jacob Löhner. (1821 -1892.) Bild 4. Ludwig Löhner (1858—1925.) Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. 5 ihn zunächst zu einem mehrjährigen Aufenthalt in südlicheren Ländern, der zu einer vollständigen Wiederherstellung seiner Gesundheit führte. In den Jahren 1884 und 1885 war er in verwandten ausländischen Betrieben in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten von Amerika, und zwar bei „Kellner et ses fils, Baris“, „Mulliuer, London“ und „Brewster & Co., New York“, tätig, wodurch'ihm nicht nur Gelegenheit gegeben war, geschäftliche und arbeitstechnische Erfahrungen zu sammeln, sondern auch fremde Sprachen zu erlernen. 1887 nach Wien zurückgekehrt, arbeitete er im väterlichen Betrieb und unterstützte den leidend gewordenen Vater in dessen Leitung. Als Ludwig Löhner die Nachfolge des Vaters antrat, war die Dige des Unternehmens keine günstige. Es war ein Großunternehmen geworden, führend in seinem Fach nicht nur in Österreich, sondern neben England in der Welt. Nach allen Ländern Europas und den meisten Überseestaaten exportierend, hatte es geholfen, die Zahlungsbilanz des eigenen Landes zu verbessern und so die Förderung gerechtfertigt, die es bei seiner Gründung erfahren hatte. Schon aber in den letzten Jahren hatte die protektionistische Handelspolitik der Monarchie die Balkanländer, Rußland und die Länder des Nahen Ostens veranlaßt, auch ihrerseits Zollschranken zu errichten, die zusammen mit den drastischen Einfuhrbeschränkungen der Vereinigten Staaten (MacKinley Bill) und Niederländisch Indiens, das zu den besten Kunden Löhners gehört hatte, einen starken Rückgang, vereinzelt sogar ein Abreißen des Exports verursachte. Dieser hatte bis dahin mehr als die Hälfte des laufenden Absatzes ausgemacht, während der verbleibende Teil, der Inlandabsatz, nun durch den allmählich immer mehr auftauchenden Kraftwagen bedroht war. Die Bestimmung dieses neuen Verkehrsmittels, den Pferdewagen als hauptsächliches Straßenfahrzeug zu ersetzen, irat immer klarer in Erscheinung. Das Unternehmen verfügte wohl noch über reichliche Mittel, aber über keine ausreichende Beschäftigung mehr. Diese zu beschaffen, ohne die Ursprungsbestimmung des Betriebes aufzugeben, war die Sorge Ludwig Löhners. Die raschen Fortschritte im Kraftwagenbau, dem laufende Berichte der Tages- und Fachzeitungen gewidmet waren, fanden, wie alle technischen Neuerungen, das größte Interesse Löhners und ließen in ihm den Entschluß reifen, den Konkurrenten seines bisherigen Erzeugnisses, den Kraftwagen in sein Erzeugungsprogramm aufzunehmen. So fuhr er anfangs Juni 1896 nach Cannstatt, um Gottlieb Daimler und dessen vielgepriesenen und erfolgreichen Kraftwagen kennenzulernen. Die erste Fahrt mit Gottlieb Daimler bestärkte ihn in dem einmal gefaßten Entschluß der Aufnahme des Kraftwagenbaues. Sofort trachtete er, von Daimler für dessen Motoren einen Lizenz- oder wenigstens Vertretungsvertag zu erhalten, aber ohne Erfolg. Daimler war in Österreich bereits gebunden und Löhner wollte von der Aufnahme eines seiner Familie nicht Angehörenden — des Vertragspartners Daimlers — in seine Firma nichts wissen. Paul Siebertz 1 sagt darüber: „So scheiterte der Versuch einer 1 Eine aufschlußreiche Darstellung (1er Mühen Diesels um den Fahrzeugmotor und der Rolle, die Ludwig Löhner dabei einnahm, ist in einer in diesem Hefte, S. 15, enthaltenen Abhandlung des technischen Schriftstellers und Biographen Paul Siebertz, betitelt: „Rudolf Diesel und der Automobilmotor“ wiedergegeben. Paul Siebertz ergänzt mit dieser Studie seine bereits in mehrfachen Auflagen vorliegenden Biographien „Gottlieh 6 Viktor Schützenhofer Zusammenarbeit zwischen Daimler und Löhner an rein persönlichen Gründen — eine Tatsache, die man im Interesse der damaligen Weiterentwicklung des Automobilismus auf deutschem Sprachgebiet nur bedauernd registrieren kann, denn der erfahrene Wagenbauer Ludwig Löhner würde hier das geworden sein und bedeutet haben, was Emil Levassor * 2 für das französische Kraftfahrwesen war.“ Dies hielt Loiiner nicht ab, sein Vorhaben auf andere Weise in die Tat umzusetzen. Er erwarb einige 4—6pferdige Pygmee-Motoren der französischen Firma I^efebre und baute damit zwei- und viersitzige Automobile, mit denen er allerdings die Daimler- und Benzschen Erzeugnisse nicht erfolgreich konkurrenzieren konnte. Er hatte aber verwendbare österreichische Automobile auf den Markt gebracht und 1896 als Erster in Österreich deren industrielle Erzeugung aufgenommen. 3 Auf der weiteren Suche nach einem geeigneten Fahrzeugmotor stieß Loiiner eines Tages auf einen Bericht über den von Rudolf Diesel am 16. Juni 1897 in der Hauptversammlung des Vereines deutscher Ingenieure gehaltenen, dessen Motor betreffenden Vortrag. Diesel hatte danach an Hand vierjähriger Versuchsergebnisse die allgemeine Überlegenheit seines Motors über alle bekannten Wärmekraftmaschinen als feststehend angegeben. Sofort, mit Schreiben vom 28. Juni 1897 schlug Löhner dem ihm bis dahin persönlich unbekannten Rudolf Diesel vor, dessen neuen Motor in Automobile einzubauen. Schon zwei Tage später antwortete Diesel, daß er die Anregung gleich an KRUPP-Essen geleitet habe, der das Dispositionsrecht über seine österreichischen Patente besitze. Auf die warme Aufnahme hin, die der Vorschlag Löhners bei Diesel gefunden hatte, gab Krupp diese unverzüglich an die Motoren bauende Firma Deutz weiter, die es aber ablehnte, zur Zeit auf die Herstellung oder nur die Bauentwick- ‘lung eines nicht ortsfesten Dieselmotors einzugehen. JNuii folgte Brief auf Brief und Besuche Löhners bei Diesel in München. Wünsche und Angebote von der einen Seite wechselten mit ehrlich gemeinten Versprechungen von der andern ab, bis Diesel anfangs 1898 selbst zugeben mußte, daß „infolge zahlreicher anderer drängender Arbeiten die Entwicklung der Automobil-Motor-Angelegenheit nicht so beschleunigt werden konnte, wie diese im allgemeinen Wunsch lag“. Beide ahnten aber damals nicht, welche geraume Zeit das Werden des Fahrzeug-Diesel-Motors noch in Anspruch nehmen werde. So hart der Zusammenbruch einer großen Hoffnung Loiiner auch traf, so ließ er sich dadurch nicht abhalten, den Kraftwagenbau, dessen Zukunft ihm absolute Daimler“ und „Karl Benz“ in einer besonders dankenswerten Art. Denn die gemeinsame Arbeit zwischen Löhner und Diesel fußte nicht nur auf Löhners Begeisterung für den Daimlermotor und begann schon zu Daimlers Lebzeiten, sondern die von ihnen behandelten Probleme wurden in den Mannheimer Werkstätten von Karl Benz nach vieljähriger Forschungsarbeit auch so weit gelöst, daß die nunmehrige Daimler-Benz A.-G. den Personenwagen-Dieselmotor zu ihren stolzesten Errungenschaften zählen darf. 2 EMIL Levassor, geb. 21. Januar 1844 in Marolies (Frankreich), Mitinhaber und Konstrukteur der Pariser Firma Panhard & Levassor und Lizenznehmer von Daimler für Frankreich. Besonders verdient um die Entwicklung der französischen Automobilindustrie. Starb infolge eines Rennunfalles 14. April 1897. 3 Die von Siegfried Marcus in Wien 1864 und 1875 gebauten, überhaupt ersten benzingetriebenen Kraftwagen blieben nur Einzelstücke. Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. 7 Gewißheit war, anderweitig zu verfolgen. Bereits bei dem zweiten internationalen Kennen für Kraftfahrzeuge „Paris—Bordeaux 1895“ war ein Elektromobil des Pariser Wagenbauers Jeantaud im Rennen. In rascher Folge wurden dann zahlreiche Konstruktionen dieses Automobiltyps in verschiedenen Ländern entwickelt, die aber alle nicht voll befriedigten. Nichtsdestoweniger galt das Elektromobil damals als der künftige Kraftwagen für den Stadtverkehr, und zwar wegen der Reinheit seines Betriebes und dessen Lärmlosigkeit sowie auch deswegen, weil bei ihm Anstände, denen die Benzinwagen dieser Zeit hinsichtlich der Zündvorrichtung und des Vergasers ihres Motors unterlagen, ausgeschlossen waren und das umständliche Anlassen von Hand aus wegfiel; sein geringer Fahrtbereich spielte im Stadtverkehr vorläufig keine beeinträchtigende Rolle. So sah auch Löhner im Elektromobil ein zukunftsreiches Fahrzeug und begann 1898 unter Mitarbeit des in Österreich auf dem Gebiete des Kraftfahrwesens als Sachverständiger bekannten Professors Ludwig Czischek — den Löhner sehr schätzte und später auch in anderen Fällen zu Rate zog — mit dem Bau seines ersten Elektromobils 4 , das noch, wie alle damaligen Konstruktionen dieser Kraftfahrzeugtype, mit mechanischem Differential arbeitete und nur einen Elektromotor besaß, der zum Antrieb der Hinterräder diente. Als aber Löhner von der Idee eines jungen Elektrotechnikers, namens Ferdinand Porsche 5 erfuhr, den Antriebsmotor eines Elektromobils direkt in dessen Radnabe einzubauen, engagierte er den Erfinder, der damit seine so erfolgreiche, dem Automobilismus gewidmete Laufbahn einleiten sollte. Das nun nicht nur bei Löhner entwickelte, sondern auch — bis auf die rein elektrische Ausrüstung in den LoHNERSchen Werkstätten entstandene und 189S fertiggestellte, die Fahrzeugnumer 24.000 des Betriebes tragende Elektromobil erhielt die Bezeichnung „Lohner-Por$c.he“. Das Neuartige dieser Konstruktion bestand in dem gänzlichen Wegfall aller Zwischengetriebe, so daß der Wagen als „transmissionslos“ bezeichnet werden konnte. Die zwei Elektromotoren — je 2,5 PS, 120 Touren/Min. — waren in den Naben der Vorderräder eingebaut, die dadurch zugleich Antriebs- wie auch Lenkräder wurden. Das Fahrzeug ist derart ein gezogenes und nicht geschobenes gewesen, wodurch das Schleudern in engen Kurven und auf schlüpfrigem Boden weitestgehend hintangehalten war. Der elektrische Strom wurde einer im Kasten eingebauten 4 Dieser Vorläufer des „Lohner-Porsche-Radnaben-Elektroniobils“ und eine Ausführung des später genannten „Benzin-elektrischen Lohner-Porsche-Automobils“ befinden sich im Wiener Technischen Museum. 5 Dr.-Ing. h. c. Ferdinand Porsche, geb. 3. September 1875 in Maffersdorf bei Reichenberg, damals Böhmen, Österreich. Vom Vater für den Spenglerberuf bestimmt, besuchte er — einer natürlichen, außergewöhnlichen technischen Veranlagung folgend — noch während der Lehrzeit elektrotechnische Abendkurse, die es ihm ermöglichten, schon 1893 als technischer Angestellter bei der Firma Egger in Wien Beschäftigung zu finden. Praktische Erfahrungen und Zugelerntes führten rasch zur Verbesserung seiner Stellung. Mit der bereits in diese Zeit — 1897 — fallenden Erfindung des Radnabenmotors und der dadurch gegebenen Befassung mit dem Automobilismus begann sein mit der Entwicklung desselben untrennbar verbundene Aufstieg, der schon 1917 durch die Verleihung des Ehrendoktorates der Technischen Hochschule in Wien auch die wissenschaftliche Anerkennung fand. Ferdinand Porsche starb am 30. Januar 1951 in Stuttgart und wurde am 5. Februar 1951 in Zell am See, Salzburg, begraben. 8 Viktor Schützenhofer Akkumulatorenbatterie entnommen. Elektrische Kurzschlußbremse und Hinterradhandbremse, bei deren Betätigung der Strom ausgeschaltet wurde, waren vorgesehen. Die Minimalgeschwindigkeit des Fahrzeuges betrug 17, die Normal- geschwindigkeit 37 und die Höchstgeschwindigkeit 45 km/Stde. Neben diesen als „reine“ Elektromobile bezeichneten Kraftwagen baute LohnEr auch solche, bei denen der Strom in einem Generator erzeugt wurde, für dessen Antrieb ein im Wagen eingebauter Benzinmotor vorgesehen war. Die daher als „gemischte“ Lohner-Por- SCHE-Elektromobile bezeichneten Kraftwagen entstanden in der Absicht, die Vorteile des mittlerweile beBild 5. Reines Radnaben-Elektromobil „Lohner- Porsche“. triebssicherer gewordenen Benzinmotors mit den des elastischen Elektromotors zu verbinden und dadurch das Wechselgetriebe entbehrlich zu machen. Wenn sich diese Type trotz anfänglicher Erfolge — Poettingpreis, Semmeringrennen 1902 — nicht durchsetzen konnte, so war dies darauf zurückzuführen, daß der reine Benzinwagen nicht nur betriebssicherer, sondern auch billiger im Be trieb geworden war. Das gemischte Elektromobil muß aber als geniale über^ gangskonstruktion Ferdinand Porsches angesprochen werden, die schon eine Vierradbremse — gleichzeitige Bedienung der elektrischen Bremse der Vorderräder und der mechanischen Bremse der Hinterräder mit einem Handhebel — besaß und für die Zündung und das Anlassen des Benzinmotors sowie die Wagenbeleuchtung eine Akkumulatorenbatterie vorsah. Die Konstruktionsidee dieser Kraftwagen type ist übrigens im ersten Weltkrieg mit großem Erfolg für militärische Zwecke verwendet worden. Ebenso das reine Elektromobil, das auf (1er Pariser Weltausstellung Bild 6. Benzin-Elektrisches Automobil ,»Lohner- Porsche“. (Ludwig Löhner stehend, Ferdinand Porsche am Lenkrad.) 1 Löhner — vorn Wagnergewerbe zur Großindustrie. 9 1900 Aufsehen erregt und anfänglich guten Absatz, auch iin Ausland, gefunden hatte — allein 48 Wagen dieser Type wurden an die Berliner Elektromobildroschken A. G. Bedag, 78 an die Society Mercedes Electrique Paris und einzelne Wagen nach England, Italien, Niederlande, Rumänien und Argentinien verkauft —, konnte sich auf die Dauer nicht behaupten. Löhner haute insgesamt 270 reine Elektromobile, die besonders als Nutzwagen, vielfach im Feuerlösch- Bild 7. Oberleitungsomnibus ,,Löhner- Stoll“. ■f CT^ fCSajr**- dienst, bis 1917 in Verwendung standen. Der beschränkte, durch Dimension, Gewicht und Leistungsfähigkeit der damaligen Akkumulatoren bedingte Fahrtbereich — er betrug bei den LoHNER-PoRSCHEsehen Elektromobilen 50 km —, die zwischenzeitig erzielten Verbesserungen am Benzinwagen und dessen Betriebsverbilligung hatten auch ihm die wirtschaftliche Grundlage für eine Verwendung genommen. So setzte Löhner ab 1906 den Bau von kompletten Automobilen nur mehr mit dem neu in sein Erzeugungsprogramm aufgenommenen Oberleitungsomnibussen, Bauart „LohNer-Stoll“, und damit eigentlich (loch wieder mit Elektromobilen fort. Wie kurz vorher die. Absatzmöglichkeiten von Elektromobilen, speziell aber auch von LoiiNER-PoRSCHE-Typen gewertet wurden, geht aus der anfangs 1906 von der Mercedesgruppe in Österreich beabsichtigten Gründung einer großen Fabrik zur Erzeugung von Elektromobilen „System Lohner- Porsche“ hervor, an der sich auch die DAiMLER-Motorengesellschaft Unter- tiirkheim, zwei große deutsche Banken und der Wiener Bankverein beteiligen 10 Viktor Schützenhofer wollten. Die Gründung kam aus den oben angeführten Ursachen nicht mehr zustande. Die Oberleitungsübertragung des elektrischen Stromes für Fahrzwecke war damals nicht lange bekannt und noch mit Mängeln behaftet, die Ludwig Stoll mit seinem patentierten Stromabnehmer behob. Die von Stoll zuerst verwendeten Elektroomnibusse bewährten sich nicht; so kam dieser zu Löhner, der ihm mit seinen LoiiNER-PoRSCHE-EIektromobilen einwandfreie Fahrzeuge liefern konnte. Damit ergab sich das Zusammenarbeiten „Lohner-Stoll“, nach welchem dieses Verkehrssystem benannt wurde. Das Wesen desselben war die Unabhängigkeit der verwendeten Fahrzeuge von einer Schienenführung und der freien Beweglichkeit dieser Fahrzeuge auf der mit der Oberleitung ausgerüsteten Straße mittels eines beweglichen, in seiner Länge veränderlichen Kabels. Der STOLLsche Stromabnehmer bestand aus einem kleinen, in der Mitte ein isoliertes Zwischenstück besitzendes Wägelchen mit vier Rillenrollen, die auf den zwei, mit beiden Polen der stromliefernden Zentrale verbundenen Leitungsdrähten liefen und so die Stromabnahme besorgten, de zwei Räder dienten zur Stromabnahme für einen Pol. Seitliche Laschen und Bögen schützten das Wägelchen vor Entgleisung, das überdies durch ein kugelförmiges Pendelgewicht, das mittels eines Hebels gelenkig angehängt war, im Gleichgewicht gehalten wurde. Das LoHNER-STOLLSche Verkehrssystem fand weitgehende Verbreitung und hat sich lange, z. B. in Wien (Pötzleinsdorf—Salmannsdorf) bis 1939 erhalten. Löhner konnte dafür nicht nur die Fahrzeuge in allen ihren Teilen, sondern auch die elektrische Streckenausrüstung in seinem Werk herstellen. Im übrigen fand der Wagenbau, der weitestgehend auf den Nutzwagen ausgedehnt wurde, seine Fortsetzung und konnte durch den Karosseriebau für Automobile ergänzt werden. Wenn Löhner derart den Automobilbau als solchen aufgab oder richtiger gesagt, aufgeben mußte, weil er keine fremde Beteiligung an seinem Unternehmen wünschte, und sich dabei auf die Rolle der Hilfsindustrie beschränkte, so ist sein großes Verdienst um die Entwicklung des Automobilismus in dessen Frühzeit in Österreich festzuhalten. Die zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts einsetzende Entwicklung des Flugwesens, schwerer als die Luft, die bald nach der Jahrhundertwende entscheidende Ergebnisse zeitigte, wurde von Löhner mit Aufmerksamkeit verfolgt. Er sah im Flugwesen ein Gebiet, auf dem er sich nützlich für sein Unternehmen, aber auch für die weitere Entwicklung dieses neuen Zweiges der Verkehrstechnik einschalten konnte und traf die erforderlichen Maßnahmen, dies zu tun. Einen wertvollen Helfer für diese Bestrebungen hatte er in seinem technischen Mitarbeiter und Betriebsleiter des Werkes Floridsdorf, Karl Paulal; einen ausgezeichneten praktischen Berater fand er in dem österreichischen Fliegeroffizier Rittmeister Hans von Umlauff. Paulal, der kein graduierter Ingenieur war, aber eine außergewöhnliche technische Begabung besaß, hatte sich schon unter Ferdinand Porsche ausgezeichnet bewährt®. Wie er imstande gewesen war, 6 FERDINAND Porsche war 1906 aus dem Lolinerschen Unternehmer ausgeschieden, um bei den damals neu gegründeten Daimler Motorenwerken in Wiener Neustadt als deren technischer Direktor sein erwähltes Sondergebiet betreuen zu können. ft Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. 11 sich im Automobilbau — ein für ihn damals neues Gebiet — rasch einzuarbeiten, so erwies er sich auch auf dem ihm gleich neuen Gebiet des Flugzeugbaues als gewandter, instinktiv die jeweils richtige Lösung findender Konstrukteur. In der Verwirklichung seines Vorhabens, den Bau von Motorflugzeugen aufzunehmen, ging Löhner systematisch vor. Er begann 1909 mit der Herstellung eines Doppeldecker-Rodelgleitflugzeuges, das sich bei den im Winter 1909/10 von Rittmeister von Umlauff auf verschneiten Wiesenabhängen vorgenommenen Erprobungen als besonders stabil und gut gleitfähig erwies. Der Apparat gewann bei der Semmeringkonkurrenz 1910 drei Preise, darunter einen für den längsten freien Flug (170 m). Noch im gleichen Jahr konstruierte Paulal sein erstes Motor- Bild 8. Lohner-Pfeüfliegergescliwader. (Aus: „Die Wegbereiter der österr.-ungar. Luftfahrt“, S. 21.) 3 J 'V flugzeug, einen Doppeldecker mit einem 40 PS Anzanimotor. Er legte dabei Motor und Propeller vor die Tragflächen, was bei Doppeldeckern neu war und nicht nur von ihm für seine künftigen Flugzeugbauten mit Ausnahme der Wasserflugzeuge beibehalten, sondern auch — der guten Bewährung wegen — von anderen übernommen wurde. Es folgten 2 Eindecker und 2 Doppeldecker, von denen der eine mit 2 Motoren, und zwar einem für eine Zugschraube und einem für eine Treibschraube, ausgerüstet war. Die Erfolge Löhners auf dem Gebiet des Flugzeugbaues veranlaßten die österreichisch-ungarische Heeresleitung, ihm den Bau von 5 Flugzeugen der Type ETRiCH-Taube (nach dem Erbauer Igo Etrich benannter Eindecker) und bald darauf w r eitere 31 gleichartige Flugzeuge in Auftrag zu geben. Die dadurch notwendig gewordene große Flugzeug-Montagehalle ist im Werk Floridsdorf noch 1910 fertiggestellt worden. Inzwischen hatte Paulal die Konstruktionspläne für den Bau eines großen Doppeldeckers entworfen, dessen Ausführung durch die Zusage der Daimler-Motorenwerke Wiener Neustadt bezüglich Lieferung der erforderlichen Motoren — vorerst 65 und unmittelbar darauf 90 und Technikgeschichte, 12. Heft. 2 12 Viktor Schützenhofer 120 PS — möglich wurde. Die Neukonstruktion erhielt die Bezeichnung „Lohner- Pfeilflieger“. Die Pfeilform für Flugzeuge ist zwar von dem englischen Leutnant Dunne bereits früher und später von anderen wieder angewandt worden, der Erfolg des Lohner-Apparates — große Stabilität, hervorragend gutes Steig- und Gleitvermögen — war aber auf die besondere Anordnung der reichlich bemessenen Tragflächen, des Motors und des Propellers, des Höhen- und Seitensteuers und nicht zuletzt auf die Güte der Propeller zurückzuführen. Die von Paulal bei Loiiner ausgeführten Propeller hatten in kürzester Zeit Weltruf erlangt. Der Lohner-Pfeilflieger wurde in seiner Bauart den sich ergebenden Sonderzwecken angepaßt mit Motoren verschiedenster Provenienz und Leistung — schließlich bis zu 350 PS und vereinzelt sogar darüber — ausgerüstet und sowohl als Land- wie auch als Wasserflugzeug (Flugboot), als letzteres erstmalig bereits 1911 über Auftrag der österreichisch-ungarischen Marineleitung gebaut. Das Lohner-Flug- boot, das allmählich zum Großflugboot entwickelt und fast ausschließlich mit Motoren der österreichischen Daimler-Werke ausgestattet war, bildete im ersten Weltkrieg die Hauptausrüstung der österreichischen Marine. Bei der kurzen Zeit, die verstrichen war, seit das LoHNERSche Unternehmen den Flugzeugbau aufgenommen hatte, sind die in den Jahren 1911 und 1912 mit LoHNERSchen Apparaten erzielten Rekorde besonders bemerkenswert. lin Wettflug vom 30. April 1911 Wiener Neustadt—Ödenburg—Wiener Neustadt (Gesamtdistanz 64 km) erzielte ein Lohner-Pfeilflieger (Pilot Rittmeister v. Umlauff) gegen zwei gleichstarke Maschinen die Bestzeit von 41 Min. 5 Sek. Im Wettflug vom 22. und 24. Juni 1911 Wien—Budapest—Wien (Distanz 220 4- 4 - 220 km) war ein Lohner-Pfeilflieger (wieder Pilot Rittmeister v. Umlauff) das einzige Flugzeug, das den Flug zur Gänze, und zwar in der Zeit von 2 St. 21 Min. 49 Sek. und 2 St. 22 Min. 49 Sek. durchführte. In dem zwischen 9. und 11. Juni 1912 stattgefundenen Wettflug Berlin—Wien (Pilot Oblt. v. Blaschke) wurde der Lohner-Pfeilflieger bei einer Beteiligung von 60 Konkurrenten Zweiter. Im österreichischen Flugmeeting Wien—Aspern (23. bis 30. Juni 1912) gelang es Oblt. v. Blaschke mit einem Lohner-Pfeilflieger die bis dahin geltenden Höhenweltrekorde mit zwei Passagieren durch die Höhenleistung von 3580 m und mit einem Passagier durch eine solche von 4360 m zu überbieten. In der 1913 in Wien- Aspern abgehaltenen zweiten Internationalen Flugwoche war es am ersten Flugtag (15. Juni) dem französischen Flieger Edmond Perreyon gelungen, dem Lohner-Pfeilflieger den bis dahin gehaltenen Höhenweltrekord mit zwei Personen durch eine Höhenleistung von 4540 m zu entreißen. Am zweiten Flugtag (16. Juni) gewann der österreichische Meisterpilot Karl Illner durch eine Höhenleistung* von 4930 m dem Lohner-Pfeilflieger den Höhenweltrekord wieder zurück. Zu Kriegsbeginn wurde die Leistungsfähigkeit der Floridsdorfer Fabriksanlage durch Erbauung einer zweiten großen Flugzeugmontagehalle, sowie einer neuzeitlichen Holztrocknungsanlage wesentlich erhöht und das Werk durch Vergrößerung der eigenen Licht- und Kraftanlage von der Stromversorgung durch die Stadtzentrale unabhängig gemacht. Vom Floridsdorfer Fabriksareal, das ein Ausmaß von 38000 qm aufwies, waren damit 18500 qm mit 50 Objekten bebaut. Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. 13 Die Lohner-Werke waren zu einer der bedeutendsten österreichischen Flugzeugfabriken geworden. Neben dein forcierten Bau von Land- und Wasserflugzeugen wurden der Hauptsache nach Heeresfahrzeuge aller Art hergestellt. Im Jahre 1916 erreichte die Zahl der von Löhner seit Arbeitsbeginn gebauten Fahrzeuge die Ziffer 30000, die der Flugzeuge die Ziffer 500. Die Zahl der von der Firma Loiiner bis Kriegsende gebauten Flugzeuge betrug 685, unter denen 172 Wasserflugzeuge waren. 1917 erfolgte die Umwandlung der Firma Jakob loiiner & Co. in die Firma Lohnerwerke Gesellschaft m. b. H. als Familiengesellschaft. Noch vor Schluß des Jahres 1918 erschien in den Lohner-Werken in Floridsdorf eine Kommission der siegreichen Entente, die die im Bau befindlichen Flugzeuge zerstören ließ. Der dann zwischen den Ententestaaten und Österreich abgeschlossene Friedensvertrag von St. Germain untersagte Österreich die Herstellung von Flugzeugen aller Art. Damit war ein großes Beschäf ti gungsgebiet der Lohner-Werke ausgeschaltet, dessen Wiederbetreuung diese bedauerlicherweise sich auch dann nicht angelegen sein ließen, als der Bau von Verkehrsflugzeugen freigegeben wurde. Die durch das Kriegsende 1918 notwendig gewordene Umstellung der Lohner- Werke auf Friedenserzeugung und die Schaffung eines Ausgleiches für den ent- ' fallenden reinen Kriegsbedarf war dadurch erleichtert, daß das Werk, mit Ausnahme der Sondereinrichtungen für den Flugzeugbau, für die Friedenserzeugung keiner anderen Einrichtung bedurfte als für die Kriegserzeugung. Mit dem Serienbau von Karosserien wurde unmittelbar begonnen und die Aufnahme des Waggonbaues eingeleitet. Inmitten dieser systematischen Vorsorgen für den ungestörten Weiterbestand des Unternehmens ereilte Ludwig Löhner am 15. Juni 1925 der Tod. Ein Schlaganfall hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Damit ging die Führung der Lohner-Werke auf seine Söhne Max und Richard über. Ludwig Löhner war seit 25. November 1890 mit Melanie Fenz, einer Urenkelin des bekannten österreichischen Staatsmannes Friedrich von Gentz, verheiratet. Der Ehe entsprossen sechs Söhne und eine Tochter. über die Weiterentwicklung der Lohner-Werke nach dem Ableben Ludwig Löhners zu berichten, kann nicht Gegenstand dieser Abhandlung sein. Es soll aber festgehalten werden, daß die Betreuer des Löhner sehen Erbes sich bei der Fortführung an die Grundsätze ihrer Vorfahren gehalten haben. Bild 9. Lohner-Flugboot. ** m 81 mm 'S 14 Viktor Schützexhofer Überblicken wir das Werden und Wirken der LoHNERSchen Unternehmungen, so können wir Heinrich Löhner zusammen mit Ludwig Laurenzi als Gründer, Jakob Löhner als Mehrer und Ludwig Löhner als Kämpfer für Bestand und Größe der Firma ansehen. Heinrich und Jakob Löhner erfreuten sich günstiger, wirtschaftlicher Verhältnisse und eines stets steigenden Absatzes, bedingt durch den allgemeinen Aufschwung und Wohlstand in der Zeit ihres Wirkens, wobei ihnen der Umstand zustatten kam, daß sich gerade damals im Wagenbau vorteilhafte Exportmöglichkeiten ergaben. Die gänzlich veränderten Verkehrsverhältnisse, insbesondere das Aufkommen des Kraftwagens und die später erzwungene Einstellung des so erfolgreich aufgenommenen Flugzeugbaues stellte Ludwig Löhner vor schwierige, technische und kaufmännische Probleme. Er hat sie im Sinne des technischen Fortschrittes zu lösen versucht und damit dem Namen „Löhner“ einen ehrenvollen Platz in der Wirtschaftsgeschichte Österreich und in der Geschichte der Technik gesichert. Ludwig Löhner gehörte zu den Gründern des österreichischen Industriellen- Verbandes, des österreichischen Automobilklubs und des österreichischen Aeroklubs und hat sich als Gemeinderat der Stadt Wien auch am öffentlichen Leben beteiligt. Seine gewinnende Persönlichkeit erwarb ihm allgemeine Achtung und viele Freunde. Quellen und Schrifttum. Schriftstücke, Dokumente und Bilder Vorlagen aus dem Firmenarchiv der Lohner- werke G. m. b. H. Franz Merklein, Praktisches Handbuch für den Wagenbau, Wien-Pest-Leipzig, Verlag A. Hartleben, 1896. . Die Großindustrie Österreichs, Festgabe zum 50jährigen Regierungs-Jubiläum Franz Joseph I. Verlag Leopold Weiß. Wien 1898. Ludwig Löhner, Die Fortschritte des Automobilismus, Vortrag im Niederösterreichischen Gewerbeverein am 22. Dezember 1899. Comm.-Verlag Lehmann & Wentzel, Wien 1900. Jahrbücher des österr. Aeroklubs, 1911, 1912, 1913. „30 Jahre österreichischer Aeroklub“, 1901—1931. Vereins-Jahrbücher des österr. Flugtechnischen Vereins, 1911, 1912, 1913. österreichische Flugzeitschrift, Jahrgang 1911, 1912, 1913. „Die Wegbereiter der österr.-ungar. Luftfahrt, Wien o. J. Josef Axtmann, „Aus der Ahnenreihe österreichischer Kraftwagen“ in: „Blätter für Technikgeschichte“, Heft 5, S. 68 ff., Wien 1938. Allgemeine Automobil-Zeitung, Wien und Berlin: Jahrgang 1900, 1903, 1904, 1905, 1906. Rudolf Diesel und der Automobilmotor, Ein Beitrag zur Geschichte des Fahrzeug-Diesels unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Ludwig Löhners darin. Von Paul Siebertz. Sowohl in Eugen Diesels prachtvollem biographischen Werk über seinen Vater, als auch neuerdings in einer Quellenstudie der ATZ 1 ist Rudolf Diesels Mühen um einen Fahrzeugmotor besprochen. Es lohnt sich also wohl, diese für die Geschichte der Technik interessante Frage einmal gründlicher und bis zu ihren ersten Anfängen zurückzuverfolgen. Im Juni 1895 wurde auf der Straße Paris—Bordeaux das zweite „Internationale Rennen“ für Kraftfahrzeuge ausgetragen, an dem sich zweiundzwanzig Fahrzeuge der verschiedenartigsten Konstruktionen beteiligten: Wagen mit Benzinmotoren, Dampfkutschen und Elektromobile. Diese, nach damaligen Begriffen bereits scharfe Prüfung der „Wagen ohne Pferde“ entschied eindeutig zugunsten der Benzinmotoren; die Wagen mit Kraftmaschinen der beiden Deutschen Gottlieb Daimler und Karl Benz schlugen jede Konkurrenz so überlegen, daß die französische Sportzeitschrift Le Velo nach diesem Rennen feststellte, für den schienenlosen Straßenverkehr würde künftighin die Dampfkutsche ausscheiden und „nur mehr der leichte Wagen mit leichtem Motor in Frage kommen“. Unmittelbar darauf wurde in Paris der Automobile-Club de France gegründet und von diesem für motorisch betriebene Straßenfahrzeuge die Benennung „Automobil“ in den Sprachgebrauch eingeführt — mit einem Schlage war die „Benzinkutsche“ international gesellschaftsfähig geworden. Diese Entwicklung wurde mit um so größerer Aufmerksamkeit von dem Wiener Ingenieur Ludwig Löhner, dem damaligen Alleininhaber der in aller Welt hochangesehenen Wagenbaufirma Jakob Löhner & Co. 2 verfolgt, als sie auf die Zeit einer bedrohlichen Stockung im Wagengeschäft traf. Im Jahre 1890 war vom Hause Löhner bereits der zwanzigtausendste Wagen ausgeliefert worden; zu 1 ATZ, Autoiuobiltechnische Zeitschrift, 1941, Heft 1, S. 9—17: „Der Weg zum Fahrzeugdiesel. Ein Beitrag zur Geschichte des Fahrzeug-Dieselmotors. Mitteilung aus dem Archiv der M. A. N., Werk Augsburg.“ 2 Geschichte des LoHNERschen Unternehmens siehe Viktor Schützenhofer, „Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie“, S. 1 ff. dieses Heftes. 16 Paul Siebertz Beginn der neunziger Jahre hatte sich der zu einer großen Fabrik ausgebaute Betrieb auch noch im vollen Umfange aufrechterhalten lassen. Nun schien es jedoch, daß das stets weitere Kreise erobernde Automobil den Bau von Pferdefuhrwerken vollständig lähmen wollte. Ludwig Löhner verhehlte sich keineswegs, daß der Markt mit Kutschwagen — die eine erhebliche Lebensdauer haben — vorübergehend gesättigt sein könnte; er war sich auch darüber klar, daß der Export durch neu auf gerichtete Zollschranken sehr erschwert sei; es schien ihm also um so notwendiger, sich mit den neuzeitlichen Wagenbautypen ernsthaft bekanntzumachen, vor allein mit dem soeben in Tageszeitungen und in Zeitschriften vielbesprochenen Automobil. Er ging sogleich zur besten der Quellen: er fuhr Anfang Juni 1896 nach Cannstatt zu Gottlieb Daimler. Den Eindruck, den Ludwig Loiiner bei seiner ersten Begegnung mit einem Daimler-Kraftwagen gewann, bezeichnete er in einem am 10. Juni 1896 aus Stuttgart an seine Frau geschriebenen Briefe nicht nur als „sehr befriedigend“, sondern er fügte begeistert und vielsagend hinzu: „Es ist sehr hübsch und angenehm, so gar nichts vor sich zu haben und flott drauf loszufahren; ich hoffe; daß wir beide in nicht zu ferner Zeit zusammen so herumkutschieren werden — dann kann ich die ekelhafte Pferde-Kutscher-Wirtschaft aus dem Hause schaffen.“ Er begnügte sich aber nicht damit, den Schöpfer des ersten schnellaufenden leichten Benzinmotors gesprochen zu haben und von diesem „auf seinem Motorwagen auf einer ziemlich weiten Spazierfahrt bergauf bergab“ gefahren worden zu sein: er wollte sich auch beim damals besten Fahrer automobiler Wagen informieren und reiste, von Daimler mit „einer sehr warmen Empfehlung an Emile Levassor“ versehen, sogleich nach Paris weiter. Alles in Cannstatt und Paris Gesehene nahm Ludwig Lohneu so für den motorbetriebenen Kraftwagen ein, daß er ihm von diesem Sommer 1896 an restlos verfallen war; zeit seines Lebens blieb er einer der tatkräftigsten und opfermutigsten Pioniere des Automobiiismus im Gebiete der österreichisch-ungarischen Monarchie. Zu seinem Leidwesen war es ihm jedoch nicht gelungen, mit Gottlieb Daimler zu einem Lizenzvertrag zu kommen; die Treue Daimlers zu seinem Wiener Freunde Josef Eduard Bierenz, der die Daimlermotoren schon zu Ende der achtziger Jahre in Österreich eingeführt und ihnen dort längst einen guten Absatz gesichert hatte, war selbst durch das Angebot einer Barabfindung in Höhe von 140000 Gulden nicht zu erschüttern. Gottlieb Daimler wollte sich zu keiner Abmachung entschließen, bei der Bierenz „nicht mit im Geschäft war“, und Ludwig Löhner dachte nicht daran, sein Familienunternehmen durch Hereinnahme eines Teilhabers zu belasten. So scheiterte der Versuch einer Zusammenarbeit zwischen Daimler und Loiiner an rein persönlichen Gründen — eine Tatsache, die man im Interesse der damaligen Weiterentwicklung des Automobilismus auf deutschem Sprachgebiet nur bedauernd registrieren kann; denn der erfahrene Wagenbauer Ludwig Löhner würde hier das geworden sein und bedeutet haben, was Emile Levassor für das französische Kraftfahrwesen war. Weil Löhner jetzt aber zutiefst von den Zukunftsmöglichkeiten des Auto- mobilisinus überzeugt war, konstruierte er vorerst in seiner Fabrik zwei- und viersitzige Wagen für einen Kraftantrieb, in die er „4—6 PS-Pygmee-Motoren“ Rudolf Diesel und der Automobilmotor. 17 der französischen Finna Lefebre einhaute; er kam jedoch mit diesen ersten in Österreich gebauten Automobilen gegenüber den führenden Wagenmarken Daimlers und Benz’ nicht recht ins Geschäft. Auf der ständigen Suche nach besseren Motoren stieß Ludwig Löhner dann Ende Juni 1897 auf einen am IG. Juni des gleichen Jahres vor der Hauptversammlung des Vereins deutscher Ingenieure in Kassel gehaltenen Vortrag, in dem Rudolf Diesel erklärte, es seien mit seinem Motor einer vollständig neuartigen Konstruktion nach vierjährigen Versuchen endlich Ergebnisse erzielt worden, wie noch niemals vorher mit irgend einer anderen Wärmekraftmaschine. Sofort schrieb Löhner an den Erfinder, und dieser sein Brief vom 28. Juni 1897 brachte an Rudolf Diesel die erste nachhaltige Anregung heran, „den Dieselmotor in Automobile einzubauen“. Rudolf Diesel bestätigte schon am 30. Juni von München aus den Empfang des LoiiNERsehen Briefes mit dem Vermerk, daß er denselben „an Herrn Friedrich Krupp, Gußstahlfabrik, Essen, welcher das Dispositionsrecht über meine österreichischen Patente besitzt und Ihr Schreiben direkt erledigen wird“, weitergab. Bei Krupp in Essen zeigte man jedoch keinesfalls das von Ludwig Löhner erwartete Interesse für einen Fahrzeug-Dieselmotor; man war dort nur zu gut über den Stand der Betriebsfähigkeit des ersten ortsfesten Dieselmotors unterrichtet — der nach langwierigster und kostspieligster Versuchsarbeit in der Augsburger Maschinenfabrik endlich einigermaßen befriedigend lief —, als daß man sich schon auf Experimente mit einem Dieselschnelläufer einlassen wollte, wie er für sc bienen losen Straßen verkehr gebraucht worden wäre. Immerhin versuchte Krupp die Gasmotorenfabrik Deutz für die Gedankengänge Löhners zu interessieren, welche auch von Rudolf Diesel jetzt mit der leidenschaftlichen Beredsamkeit vertreten wurden, die ihm eigen war; aber das Deutzer Werk gedachte sich auf Weiterentwicklung des ortsfesten Dieselmotors zu beschränken und leimte eine Ausdehnung der Versuchsarbeit auf Fahrzeugmotoren glatt ab. Während hierüber ein fruchtloser Briefwechsel hin- und herlief, vergewisserte Ludwig Löhner sich der Beratung eines Technikers, der zu jener Zeit in Österreich als Autorität auf dem Gebiete des Kraftmaschinenbaues galt, des Ingenieurs Ludwig Czischek-Christen, Lehrer an der Staatsgewerbeschule im 10. Wiener Bezirk. Czischek-Christen bestärkte Löhner aufs nachdrücklichste in der Idee, mit dem Dieselmotor würde sich eine österreichische Motorwagenindustrie begründen lassen, die sich allen Benzinautomobilen gegenüber bald als überlegen erweisen müsse; wenn es gelänge, das vom Automobile-Club de France fürs Frühjahr 1898 geplante Autorennen Paris—Wien mit einem „Dieselauto“ zu bestreiten, wäre zweifellos der Weg für eine technisch und geschäftlich gleich glanzvolle Zukunft frei. Mit Schreiben vom 18. August 1897 entwickelten sie diese Pläne vor Rudolf Diesel, der sich nun gedrungen fühlte, Ludwig Löhner mit ausführlichem Briefe vom 19. August „den genauen Stand der Motorwagenangelegenheit mitzuteilen“ wie folgt: „1. In Deutschland hat die Maschinenbau-Aktien-Gesellschaft Nürnberg, welche eine Lizenz zum Bau meiner Motoren erwarb, bereits unter Führung des Ihnen jedenfalls bekannten Spezialisten, Herrn Oberbaurat Klose, das Projekt eines Straßenwagen- 18 Paul Siebertz Dieselmotors ausgearbeitet. In demselben sind jedoch die besonderen Eigenschaften meines Motors noch nicht berücksichtigt und das ganze Projekt beruht noch auf den durch die früheren Motoren hervorgerufenen veralteten Ideen: insbesondere ist vergessen, daß die Geschwindigkeit des Wagens oder sein verschiedener Kraftbedarf, je nach Zustand und Steigung der Straße, nicht wie früher, durch komplizierte, umstellbare Mechanismen reguliert wird, sondern durch einen Hebel am Motor selbst unter Wegfall der bisherigen komplizierten Zwischen-Transmissionen. Ferner ist vergessen, das mein Motor nach Belieben abgestellt und ohne Vorbereitung wieder angelassen werden kann, so daß eine Regulierung überflüssig wird. Alle diese Dinge sichern, wenn sie richtig durchgeführt werden, meinem Motor zweifellos den Vorrang. Die Umarbeitung des Projektes in Nürnberg wird, aus Gründen, welche ich hier nicht erörtern kann, insbesondere auch, weil in Deutschland die Frage der .Automobile* nicht so brennend ist, wie anderswo, sehr lange Zeit beanspruchen und ich glaube nicht, daß man in Wien und Paris auf den Abschluß der Nürnberger Arbeiten warten kann. 2. Frankreich. Meine französische Aktien-Gesellschaft, deren Sitz in Bar-le-Duc ist, hat kürzlich mit der Compagnie fran^aise des Moteurs ä Gaz, welche früher die ,Otto‘- Motoren baute und jetzt (wie übrigens auch die Gasmotorenfabrik Deutz) zu meinem System überging, einen Vertrag abgeschlossen, so daß die Pariser Gesellschaft (welche für den Gasmotorenbau in Frankreich die erste ist) mit uns vereinigt ist. Dieselbe will mit allen möglichen Mitteln an dem großen Frühjahrs-Wettbewerb für Automobile mit meinem Motor teilnehmen. Da wir auch dort auf den Abschluß der Nürnberger Arbeiten nicht warten können, so haben wir beschlossen, daß ein gewiegter Automobil-Spezialist unter meiner Leitung in Deutschland selbst ein Wagenmotor-Projekt ausarbeiten soll, eine Arbeit, welche meines Erachtens, wenn der betreffende Herr sehr erfahren ist, in 14 Tagen durchführbar ist, da ich persönlich, so weit die Arbeit meinen Motor selbst betrifft, mit meinen Studien bereit bin. Der betreffende Spezialist ist allerdings noch nicht gefunden. Deshalb schlage ich vor, die drei Sachen Deutschland, Frankreich, Österreich zu vereinigen, um eine Zersplitterung der Kräfte und der Kapitalisten zu umgehen. Die Erfolge des Einen sind ja ohne Weiteres für den Andern ebenfalls nützlich. Sollten Sie einen Automobil-Spezialisten in oben angeführtem Sinne zur Verfügung haben, so wäre ja die Frage sofort gelöst. Ich weiß nicht, ob Sie riskieren wollen, in diesem Sinne schon in die Sache einzutreten, ehe Sie mit Herrn Friedrich Krupp, Essen, einen festen Vertrag für Österreich haben. Deshalb telegraphierte ich Ihnen soeben: .Vor weiteren Verhandlungen mit Krupp erwartet meine Mitteilungen. Diesel.* Ich schreibe in gleichem Sinne noch heute an Herrn Krupp und zeichne, Ihre Rückäußerungen erwartend, hochachtungsvoll Diesel.“ Nach Erhalt dieses Briefes hielt Ludwig Löhner es für zweckmäßig, zu persönlichen Verhandlungen mit Rudolf Diesel nach München zu reisen und vor allem zu trachten, einen Dieselmotor an Ort und Stelle im Betrieb zu sehen. Tatsächlich war er vom 23. bis 26. August in München und in Augsburg; Professor Czischek-Christen hatte ihn begleitet. Vom Ergebnis dieser Aussprache mit Diesel und der Besichtigung des Dieselmotors in der Augsburger Maschinenfabrik heißt es im vorzitierten Bericht der ATZ zwar, „Löhner sei von dem Gesehenen so begeistert gewesen, daß er sich in der sicheren Erwartung wiegte, in kürzester Zeit mit Dieselmotoren betriebene Automobile bauen zu können“ und er habe „für die dabei zu verwendenden Dieselfahrzeugmotoren Lizenzrechte für Österreich zu erwerben gewünscht“; aber tatsächlich hatte Löhner in Augsburg sehr wohl erkannt, „daß der Dieselmotor in der ihm gezeigten Konstruktion für den Verwendungszweck im Automobilbau offenkundigerweise zunächst ungeeignet war“. Deshalb führte er die Verhandlungen über Erwerb der Lizenzrechte für Österreich von jetzt ab nur mehr mit vorsichtiger Zurückhaltung Rudolf Diesel und der Automobil motor. 19 weiter, wenn er auch bereit blieb, ein Kapital von 100000 Mark für Versuchszwecke nach der von ihm angestrebten Richtung hin aufzuwenden. Rudolf Diesel trat seit der Aussprache mit Löhner eifrig für eine Zusam-. menarbeit mit diesem ein. Unmittelbar nach der ersten Begegnung, also am 24. August 1897, ersuchte er die Firma Krupp in Essen telegraphisch „um Mitteilung der Bedingungen, unter welchen Krupp geneigt sei, Löhner das Monopol auf Motoren für Straßenwagen ohne Schienen innerhalb Österreichs, ohne Ungarn, zu übertragen“. Nach seiner Rückkehr aus Augsburg fand Löhner im Hotel „Vier Jahreszeiten“ in München die Antwort auf diese Anfrage vor: ein Telegramm, datiert Essen 25. August: „Prinzipiell mit Vorschlag Diesel über Vertrag einverstanden bei hunderttausend Mark Anzahlung und fünfundzwanzig Prozent Abgabe. Krupp.“ Umgehend, noch von München aus, antwortete Löhner telegraphisch am 20. August 1897: „Krupp Gußstahlfabrik Essen. Mit Bedingungen im Allgemeinen einverstanden erbitte Vertragsentwurf nach Wien. Löhner.“ Nach Wien zurückgekehrt, fand Löhner dort einen Brief vom Direktorium der Firma Krupp vor, der gleich nach Erhalt seines Antworttelegramms (noch am 26. August) in Essen geschrieben worden war, zwar konstatierte, „daß durch den Telegrammwechsel zwischen uns über die Grundlage des abzuschließenden Vertrages eine Einigung zustande gekommen ist“, jedoch hinzufügte: „Ich möchte aber doch von der Übersendung eines Vertragsentwurfes an Sie vor der Hand noch Abstand nehmen, da ich es für richtiger halte, zunächst in eine mündliche Besprechung der ganzen Angelegenheit mit Ihnen einzutreten. Es wird mir sehr angenehm sein, zu diesem Zwecke Ihren in Aussicht gestellten Besuch zu empfangen; ich spreche aber das ergebenste Ersuchen aus, den Besuch nicht von dem 20. September ds. Js. ausführen zu wollen, da das mit der Sache speziell betraute Mitglied meines Direktoriums bis dahin beurlaubt ist.“ Einzig und allein davon ausgehend, daß er Dieselmotoren für Straßenfahrzeuge brauche, verhielt Löhner sich dem Zureden Czischek-Christens gegenüber ablehnend, vorerst einmal die Lizenz auf ortsfeste Dieselmotoren zu erwerben, „und solche im Verein mit der Nesselsdorfer Waggonfabrik zu bauen“. Zu dieser Ablehnung bestimmte ihn außer seinem sachlichen Grunde auch die bereits gegenüber Daimler und Bierenz in Erscheinung getretene persönliche Neigung, „alles im eigenen Wirkungskreis zu machen, ohne auf die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmungen angewiesen zu sein“. Sachlich befremdete ihn nebst manchem anderen eine erneute Erklärung der Gasmotorenfabrik Deutz, in der es — auf dem Wege über Krupp — endgültig abgelehnt wurde, ihm „die gewünschten 2—3 Dieselmotoren für Automobile zu liefern“. Eine aus München mitgebrachte Broschüre über Dieselmotoren schickte er jetzt seinem Freunde Collmann — dem Erfinder der nach ihm benannten Ventilsteuerung für Dampfmaschinen —, dessen technisches Wissen er besonders hoch schätzte, und fragte diesen um Rat. Schon am 28. August 1897 antwortete Collmann; er kam nach Hinweis auf einige sorglich zu prüfenden Einzelfragen zu dem Schlüsse: 20 Paul Siebertz „Diesels Erfindung ist gewiß von enormer Bedeutung, aber alleinseligmachend ist selbe auch nicht. Also gehe nicht gar zu sanguinisch in die Sache hinein. Ich glaube, daß eine Fabrik für Diesel-Petroleum- und Gasmotoren enorme Geschäfte machen wird, sobald einmal alles gründlich ausprobiert und Ubers Experiment hinaus ist; ob aber die Wagenfrage damit endgültig zu lösen ist, zweifle ich einstweilen.“ Von diesen und anderen Bedenken unterrichtete Löhner auch Rudolf Diesel, der ihm schon gleich nach seiner Abreise aus München wieder geschrieben und sich mit Brief vom 28. August erbötig gemacht hatte, „die weiteren Verhandlungen mit Herrn Friedrich Krupp zu vermitteln“. Wie hoffnungsfroh Rudolf Diesel in bezug auf die Lösung des Problems war, an dem allein Löhner sich interessiert zeigte, bekundet nachstehender weiterer Brief von ihm, der „München den 2. September 1897“ datiert ist und bemüht war, die Besorgnisse Löhners in bezug auf den „Straßenwagenmotor“ zu zerstreuen: „Ich bestätige den Eingang Ihrer Geehrten vom 28. und 31. August und habe inzwischen von der Firma Friedrich Krupp Kopien Ihres Briefwechsels erhalten, aus dem icli mit Vergnügen ersehe, daß Sie im Prinzip einig sind. — Wenn auch das Detail der Vertrags-Verhandlungen erst nach dem 20. September stattfinden kann, so ist damit an der Sache selbst nichts geändert. Der Stand der Angelegenheit bleibt nach wie vor derselbe, nämlich: daß in Nürnberg schon an den Plänen zum Automobil-Motor gearbeitet wird, daß dort die Ausführung eines Motors in Bälde bevorsteht, daß die Compagnie Frangaise des Moteurs ä Gaz (früher Deutzer Filiale) mit allem Eifer danach strebt, sobald als irgend möglich einen Automobil-Motor meines Systems zu bauen, und daß es wünschenswert ist, die beiden Bestrebungen mit der Ihrigen (eventuell auch mit derjenigen von Peugeot, wenn derselbe Ihrer Aufforderung, beizutreten, Folge leistet) zu vereinigen, indem man einen Automobil-Spezialisten, der sämtliche einschlägigen Fragen genau kennt, ausfindig macht und denselben unter meiner Leitung in München arbeiten läßt. Daß die Gasmotorenfabrik Deutz sich augenblicklich noch nicht für die Automobil-Frage interessiert, habe ich Ihnen ja schon mitgeteilt und war deren Antwort nicht anders zu erwarten. Diese Firma bleibt vorläufig außer der Kombination und von deren Beiziehung war meines Wissens bei unserer Unterredung nicht die Rede. Die Bedingung, daß Sie die erste Hälfte der Patent-Anzahlung erst bei Lieferung der Pläne und die zweite Hälfte bei Lieferung eines Motors (welcher aber besonders zu bezahlen ist) leisten, entspricht unseren Abmachungen und wird demgemäß von der Firma Friedrich Krupp in den Vertrag aufgenommen werden. Im übrigen halte ich es selber fiir notwendig, das Detail einer solchen Verhandlung mündlich zu erledigen und wird sich dasselbe der Hauptsache nach auf dieselben Punkte beziehen, welche auch bei unserer Verhandlung schon berührt wurden. Ich halte es kaum für möglich, einen solchen Vertrag mit all den Kreuz- und Querfragen, welche dabei auftreten, schriftlich fertig zu bringen. Im übrigen wird das mehr oder weniger rasche Zustandekommen eines praktischen Motors nur noch vom Eifer abhängen. welchen alle beteiligten Firmen an die Sache wenden; was meine Person betrifft, so wiederhole ich Ihnen die Versicherung, daß mich die Angelegenheit im höchsten Grade interessiert und daß ich derselben mein ganzes Können zur Verfügung stelle." Weil dieser Brief sich mit einem Schreiben Löhners vom gleichen Tage gekreuzt hatte, schriet) Rudolf Diesel am 4. September 1897 noch eindringlicher — und diesmal handschriftlich — von seiner Überzeugung, daß sein Motor besondere Eigenschaften für den Automobilismus habe und daß es in kürzester Zeit gelingen werde, ihn auch zum Gebrauch in Straßenfahrzeugen zu entwickeln. Rudolf Diesel und der Autoinobilmotor. 21 „Auf Ihr Geehrtes vom 2. ds. beeile ich mich zu erwidern“, schrieb Rudolf Diesel in diesem Briefe vom 4. September 181)7, „daß die abwartende Haltung Peugeots uns in keiner Weise beeinflussen kann. Dieser Herr ist offenbar noch nicht unterrichtet von den glänzenden Resultaten, die schon erhalten sind und hat insbesondere keine Ahnung von den besonderen Eigenschaften meines Motors, welche ihn gerade für den Automobilismus fast mit Sicherheit den Sieg über alle anderen erhoffen lassen. — Was die Andeutung betrifft, daß meine Patente mit Daimler kollidieren, so ist diese Sache schon erledigt, und zwar durch die Anfechtung von Deutz, von welcher ich Ihnen erzählte; dieselbe baute sich auch auf ein altes Daimler’sches Patent auf, mußte aber wegen ihrer absoluten Unrichtigkeit zurückgezogen werden. — Daß die früheren, prinzipiellen Versuche, bei welchen ein neues Maschinensystem aus nichts geschaffen werden mußte, lange dauerten, ist wohl für jeden Sachverständigen selbstverständlich. — Ebenso selbstverständlich ist aber auch, daß die nun erreichten Resultate nicht brach liegen gelassen werden sollen; die Patentbesitzer sind gute Kaufleute und haben ein solches Interesse daran, die Zeit auszunützen, daß hierin schon eine gewisse Garantie legt. Außerdem habe ich mich gleich nach unserer letzten Unterredung entschlossen, in München ein Studienbureau mit eigenem Personal zu errichten, wo alle diese Fragen, zunächst der Automobilismus, unter meiner persönlichen Leitung und mit tüchtigen Ingenieuren erledigt werden sollen; ich habe eben aus unserer Unterredung gesehen, daß es schwer, wenn nicht unmöglich ist, Spezialisten der gewünschten Art zu finden und gehe deshalb dazu über, eigenes Personal heranzubilden, welches dann umgekehrt den Lizenznehmern zur Verfügung steht, also auch Ihnen, wenn Sie einmal zu Versuchen übergehen. — Unsere Nürnberger Konferenz hat leider noch nicht stattgefunden; das liegt aber nicht etwa an prinzipiellen Dingen, sondern nur darin, daß in der jetzigen Reisesaison alle Beteiligten weitzerstreut sind. Die Konferenz findet nächste Woche statt und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich mich stramm an die Sache halten werde. — Vielleicht darf ich überhaupt, ohne unbescheiden sein zu wollen, zum Schlüsse darauf hinweisen. daß ich Ihnen in der ganzen Angelegenheit meine Mitarbeiterschaft zugesagt habe, welche doch immerhin für eine möglichst rasche und gute Erledigung des Problems von Bedeutung ist.“ Ludwig Löhner bohrte jedoch mit Fragen weiter, und die Antworten Rudolf Diesels auf seine Briefe sind schon deshalb für die Geschichte der Technik von Interesse, weil sie tiefe Einblicke in die Gedankengänge gestatten, von denen er hei Behandlung des Fahrzeugmotors damals noch ausging. Ursprünglich hatte Diesel sich stark mit der Möglichkeit beschäftigt, daß für seine Motoren Kohlenstaub als Betriebsstoff Verwendung finden könne, und davon hatte er auch am 24. und 25. August in München und in Augsburg mit Löhner gesprochen. Anknüpfend an eine Bemerkung in Collmanns Briefe hatte Löhner nun unterm G. September die Frage aufgeworfen, ob die Verbrennung des Kohlenstaubes im Arbeitszylinder keine schädigenden Rückstände hinterlassen würde? Sofort, am 8. September 1897, ließ Rudolf Diesel durch sein Sekretariat antworten: „Vom Inhalt Ihres geehrten Schreibens nahm ich bestens Notiz und finde heute nur einen einzigen Punkt, welcher der Beantwortung bedarf, nämlich den betreffend die innere Verunreinigung des Zylinders meiner Motoren. Für Automobil-Motoren kommen doch ausschließlich flüssige Brennstoffe in Betracht, vor allen Dingen gewöhnliches Lampen-Petroleum (später für Luxuswagen etwa noch Spiritus). Für diese Brenntstoffe gebe ich Ihnen die bestimmteste Garantie, daß nach beliebig langem Betrieb (also auch nach Monaten oder Jahren) nicht eine Spur von Rückständen oder Verunreinigung im Zylinder bemerkbar ist; darin besteht gerade ein wesentlicher Vorteil meiner Maschine. Herr Professor Schröter durfte natürlich nur das bestätigen, was er selbst gesehen hatte, d. h. nach eintägigem Betrieb. 22 Paul Siebertz Die Befürchtungen Ihrer Fachleute beziehen sich offenbar auf die Verwendung von Staubkohle, deren Verhalten allerdings vorläufig nicht vorausgesehen werden kann. Dies Material kommt aber für Ihren Zweck überhaupt nicht in Betracht. Aus Nürnberg erhalte ich die Nachricht, daß das neue Motorprojekt schon nächste Woche fertig wird und daß eine definitive Konferenz aller Beteiligten Ende September stattfinden soll.“ Nun wünschte Löhner, an dieser Nürnberger Konferenz teiizunehmen; aber Diesel winkte ab. „Ich habe mit der dortigen Firma noch gar nicht von Ihrer Affaire gesprochen“, schrieb er am 11. September; er glaube nicht, daß Löhner „vor seinem Eintritt in die Kombination zu der Konferenz zugelassen werden könnte“. Mit seiner Anwesenheit würde Löhner praktisch aber auch nichts erreichen, fügte Rudolf Diesel bei, „da es sich bei der Konferenz um die reine Konstruktion des Motors handeln und die Adaption für Wagen erst später folgen wird“. Diese „Nürnberger Konferenz“ und die in Nürnberg aufgenommenen Versuche, zu einem Fahrzeug-Dieselmotor zu kommen, waren auf den Direktor Anton Rieppel der damaligen „Maschinenbau-Aktiengesellschaft Nürnberg“ — die sich später mit der „Augsburger Maschinenbaugesellschaft“ zur M. A. N. vereinigte — zurückzuführen. Ebenso wie Löhner von der Hoffnung ausgehend, es werde in Bälde möglich sein, das Dieselverfahren zum Bau von Fahrzeugmotoren auszunutzen, hatte Rieppel Ende Juli 1897 (wenige Tage nach der Gasmotorenfabrik Deutz) mit den Inhabern der Dieselpatente für Deutschland einen Lizenzvertrag abgeschlossen, der ihm deren Auswertung für Spezialkonstruktionen gestattete. Während aber Löhner sich nur für schienenlose Straßenfahrzeuge interessierte, wollte Rieppel in der Waggonbauabteilung seines Nürnberger Werkes Schienenfahrzeuge bauen 3 , deren jedes durch einen Dieselmotor selbständig angetrieben werden sollte 4 . Rieppels Berater bei dieser Planung war Ingenieur Oberbaurat Adolf Klose, der eben aus dem Württemberg! sehen Staatsdienste ausgeschieden war und sich nun ganz der Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors zu widmen gedachte 5 . Sowohl Rieppel als auch Klose hatten sich bis zu Löhners Eingreifen nur mit dem Problem eines Dieselmotors für Schienenfahrzeuge befaßt; erst jetzt zog man in Nürnberg auch die Konstruktion eines Dieselmotors für Straßenwagen in Betracht. Über den Verlauf der „Nürnberger Konferenz“ unterrichtete Rudolf Diesel mit Brief vom 5. Oktober 1897 Ludwig Löhner, indem er ihm schreiben ließ: „Ich teile Ihnen hierdurch ergebenst mit, daß die Konferenz über das Straßenwagenmotor- sowohl als über das Eisenbahnwagenmotor-Projekt am 2. und 3. Oktober in Nürn- 3 So in dem vorzitierten Aufsatz der ATZ, der sich auf Mitteilungen aus dem Archiv der M. A. N. stützt 4 Solche automobilen Schienen-Fahrzeuge hatte Gottlieb Daimler schon seit September 1887 in Betrieb stehen und diese hatten sich bereits zehn Jahre lang bewährt, als Rieppel Daimlers alte Idee neu aufgriff und sie mit Dieselmotoren auch zu lösen trachtete. 5 Klose war fast zehn Jahre lang in der wiirttembergischen Staatsbahn-Direktion tätig gewesen und von dort aus über Daimlers motorisierte Schienenfahrzeuge genau unterrichtet; er versprach sich von diesem Beförderungssystem große Zukunftsmöglichkeiten. Rudolf Diesel und der Automobilmotor. 23 berg bei der Maschinenbau AG. stattgefunden hat, und zwar zwischen deren Direktor, Herrn Rieppel, deren Oberingenieur, Herrn Vogel und Ingenieur Herrn Seyfried, Herrn Oberbaurat Klose und mir, unter Zuziehung des President Colonel E. D. Meier aus St. Louis, welcher sich ebenfalls fiir diese Frage für ein amerikanisches Konsortium interessiert: Die Konferenz hat die definitive Form des Motors festgesetzt. Dieselbe ist in jeder Beziehung äußerst befriedigend und rechtfertigt die schönsten Erwartungen. Die Ausführung des Straßenwagenmotors soll sofort begonnen werden und es ist zu hoffen, daß er noch in diesem Jahre fertig wird, während der Eisenbahnwagenmotor kurze Zeit darauf folgen w r ird.“ Weil Rudolf Diesel ihm am 19. August geschrieben hatte, ein geeigneter Automobilspezialist werde unter seiner Ijeitung in 14 Tagen ein Wagenmotorprojekt ausführen können, fragte Ludwig Löhner am 10. November nach „Zeichnungen des Straßenwagenmotors“. Diesel antwortete am 13. November, er werde gewünschte Zeichnungen schicken, „sobald ich selbst dieselben von Nürnberg erhalten haben werde“, was „leider noch nicht der Fall ist“; „ich werde aber mein Versprechen halten, sobald ich dazu imstande bin“. Nun gab Löhner auch die schon von seinem Berater Collmann und neuerdings von den Technikern der Nesseldorfer Wagenbaufabrik ausgesprochenen Befürchtungen an Diesel weiter, der Motor werde für ein Straßenfahrzeug zu schwer und konstruktiv zu kompliziert sein; überdies sei zu überlegen, ob sich ein Dieselmotor überhaupt für einen Wagenbetrieb eigne, „wo in nur kurzen Zeiten das zirka zehnfache der normalen Kraftleistung gefordert wird“. Diesel war sich dessen zweifellos bewußt, daß Löhner hier auf die Kernpunkte des ganzen Fragenkomplexes gestoßen sei; seine vom 22. November 1897 datierte Antwort klingt etwas gereizt: „Von einer Reise zurückgekehrt, komme ich erst heute zur Beantwortung Ihres Geehrten vom 15. ds. und erwidere auf die Kritik Ihrer Geschäftsfreunde Folgendes: 1. ) Mein Motor gehört nicht zu den kompliziertesten, sondern zu den einfachsten Konstruktionen der Petroleummotoren, weil bei ihm Vergaser, Zündvorrichtungen, Lampen, Anwärmevorrichtungen und dergleichen wegfallen, welche gerade beim Automobilismus am meisten zu Betriebsstörungen und Aufenthalten Anlaß geben. Diese sämtlichen Vorrichtungen sind bei meinem Motor ersetzt durch eine kleine Luftpumpe, welche wegen ihrer Einfachheit Betriebsstörungen so gut wie ausschließt. 2. ) Es ist mir unbekannt, auf welcher Basis Ihr Gewährsmann über das Gewicht meiner Motoren urteilt. Er hat vielleicht die Augsburger Maschine, die einzige und erste, welche existiert, gesehen, welche selbstverständlich als erstes Exemplar vorsichtig und schwer gebaut und mit vielen Anhängseln versehen ist, die teils von früheren Versuchen herstammen, teils zu späteren Versuchen vorbereitet sind. Rückschlüsse auf die Konstruktion des Automobilmotors sind daraus vollständig unzulässig. Ich geben von Ihrem Briefe und meiner Antwort Herrn Friedrich Krupp, Essen, Kenntnis.“ Sofort nach Erhalt dieses Schreibens wandte Löhner sich an den Baurat Klose selbst; er wollte Gewißheit haben, „bevor er nach Essen fahre“. „Ich habe Herrn Diesel wiederholt um die cötierte Skizze des neuen Automotors gebeten sowie um Gewichtsangaben“, klagt er in seinem Briefe vom 23. November 1897, „doch erklärte er, selbe erst von Nürnberg zu erwarten; ich habe daher keinerlei Kriterium betreffs der vielseitigen Befürchtungen, daß der Motor viel zu plump und schwer ausfallen muß“. Schon am 25. November antwortete Klose ausführlich : 24 Paul Siebertz „Herr Diesel hat Ihnen noch keine Zeichnung gehen können, da dieselbe definitiv erst vorige Woche für die 6-pferdige Maschine gutgeheißen wurde. Diese 0 Pferde-Maschine wiegt ca. 190 Kgr. ohne Schwungrad und Reservoire: bei der schwerfälligen Konstruktionsmanier der Konstrukteure, die zunächst diese Maschine hauen, bin ich von diesem Gewichte recht befriedigt, denn ich hatte sie schwerer erwartet und werde, wenn ich die zweite baue, wohl noch 50 Kgr. herunterschneiden können, welcher Meinung ohne Zweifel auch Diesel sein wird; um aber die erste Maschine endlich in Funktion zu bringen, habe ich nichts mehr ändern wollen. Die Maschine ist eine Doppelmaschine, die also im Zweitakt arbeitet; eine Viertaktmaschine wird nicht erheblich leichter und geht unregelmäßiger. Die Empfindlichkeit der arbeitenden Teile fürchte ich nicht so sehr, da hiergegen doch die besondere Zündung wegfällt: einen Hauptübelstand finde ich nur in den eventuell zu hoch gehaltenen Preisen, da dieselben sich auf den Verbrauch an Betriebsstoff basieren, der hier gar keine große Rolle spielt. Aus diesem Grunde und dem Folgenden habe ich auch zugleich die Wiederaufnahme eines neuartigen Benzinmotors ins Auge gefaßt, da zwei neue Zündmethoden, eine mit Trockenelementen, die andere mit innerem Glührohr ohne Laterne, wahrscheinlich die Zündfrage besser lösen können.” Die größte Enttäuschung brachte dieser Brief für Löhner mit der Feststellung, daß die von Rudolf Diesel in seinem Briefe vom 19. August ausgesprochene Zuversicht, ein Fahrzeug-Dieselmotor werde keiner „komplizierten Zwischentransmissionen“ zur Regulierung der Wagengeschwindigkeit mehr bedürfen, sich als unhaltbar erwiesen hatte; denn in dieser Beziehung schrieb Klose : „Herr Diesel hat sich auch zum Wechselgetriebe bekehrt, nachdem ich ihm das Prinzip auseinandersetzte, daß der Motor ein Akkumulator mit Selbstregulierung bei Fuhrwerken sein müsse und stets das an Kraft hergeben müßte, bei konstanter Tourenzahl, was man durch den Wechselmechanismus von ihm verlangt. Die Notwendigkeit dieses Prinzips liegt darin, daß bei der stärksten Anstrengung das Fahrzeug am langsamsten, der Motor aber am schnellsten laufen muß und daher sich direkte (parallele Schaltung) Angliederung naturgemäß verbietet, wenn ich nicht einen Motor von unmäßiger maximaler Stärke nehmen will, der dann selbst sich wieder transportieren muß und mit seinem Gewicht belastet, da er eben auch transportiert werden muß. Meine Transmission ist übrigens recht variabel und verhältnismäßig einfach geworden und dieser Tage ist nun auch das deutsche Patent herausgekommen 6 : ich lege Ihnen eine Zeichnung des ganzen Apparates für vier Geschwindigkeiten vorwärts und zwei rückwärts bei und ersehen Sie aus derselben auch die Größe des Motors im Grundmaß ; die Zeichnung ist in V, 0 natürlicher Größe ausgeführt.“ Wenn nicht schon diese Worte Kloses und diese Zeichnung Löhner klar gemacht hätten, daß er seine Hoffnungen auf einen in Nürnberg zu schaffenden Fahrzeug-Dieselmotor vorerst begraben müsse, dann würde es durch den letzten Abschnitt des Briefes geschehen sein, in dem Klose schrieb: „Hinsichtlich der Verwendung des Dieselmotors für Motorwagen ist ein erschwerender Umstand zur Zeit, daß er noch nicht ausgeprobt und ausgeführt ist und dies von Fabriken eben nebenher geschieht, die immer furchtbar lange brauchen, ehe sie etwas heraus- 6 Dieses von Klose am 8. Dezember 1897 angemeldete Patent bezog sich auf eine „Explosionskraftmaschine mit einem oder mehreren gegenläufigen Kolbenpaaren“; seine Anmeldung führte nach langer Vorprüfung erst am 24. Juli 1900 zu dem DRP. 111795. Die hiermit patentrechtlich geschützte Maschine Kloses war jedoch nur für Schienenfahrzeuge verwendbar; ihr Einbau in Straßenbahn fahr zeuge kam gar nicht in Betracht. Rudolf Diesel und der Automobilmotor. 25 bekommen ; ich bin diesfalls ganz verzweifelt mit Nürnberg, und mit Augsburg dürfte es nicht besser sein. Sie werden aber wohl in Österreich auch keine diesfalsige fixe Fabrik haben, so daß sie wahrscheinlich auch nicht schneller schießen können; wenn Sie aber wissen, wer mit Interesse an die Sache geht und in zwei Monaten ein Motorchen * bauen könnte, so würde ich mich mit ihm alsbald in Verbindung setzen; in Deutschland ist zur Zeit alles so mit Arbeit überlastet, daß man für etwas so Kleines kein Interesse momentan findet. 4- Jetzt sah Ludwig Loiiner klar, und seine Antwort an Banrat Klose spiegelt die tiefe Enttäuschung wider, mit der er die Nachricht vom Scheitern aller Hoffnungen entgegennahm. „Ihre Details betreffs des ersten Dieselmotors waren mir von höchstem Interesse,“ schrieb er am 28. November 1897; „doch sind mir Ihre Ausführungen betreffs ,zn hoher Preise des Dieselmotors 4 , ,Zurückgreifen auf Benzinmotoren mit zwei neuen Zündungen 1 , ,Verzweiflung betreffs Verzögerung der Ausführung 4 , ,Frage, oh in Österreich eine Fabrik einen Motor (Diesel oder Benzin?) in zwei Monaten hauen könnte 4 insofern unverständlich,,als mir Ihr Verhältnis zum Dieselmotor unklar ist; denn ohne irgendwie indiskret sein zu wollen, glaubte ich nach den Äußerungen Diesels annehmen zu sollen, daß Sie selbst mit der Augsburger Maschinenfabrik liiert seien, welche den ersten Dieselmotor baut und anderseits Ihr Seil-Transmissionssystem anwendet oder anwenden soll. Da nun Augsburg selbst Lizenzinhaberin ist und das höchste Interesse an dem baldigen günstigen Erfolge haben sollte, so ist offenbar meinerseits irgendwo ein Trugschluß vorhanden und wollen Sie dies entschuldigen.“ Von nun an drängte Löhner bei Rudolf Diesel nicht mehr um Einzelangaben oder bei Friedrich Krupp um Vorlage eines Lizenzvertrages; er wußte jetzt, daß es nutzlos sein würde. In einem Briefe vom 27. Januar 1898 an Krupp machte er auch keineswegs einen Hehl aus seiner Enttäuschung. Wohl schrieb ihm Rudolf Diesel am 14. März 1898 noch einmal, daß er ihm „bezüglich des Nürnberger Automobilmotors aus dem alleinigen Grund noch keine weiteren Mitteilungen machen könne, weil infolge zahlreicher anderer drängender Arbeiten die Entwicklung der Automobilmotorangelegenheit bislang in Nürnberg noch nicht so hat beschleunigt werden können, wie dieses im allseitigen Wunsche lag 44 ; aber Löhner bewertete diesen Brief nur mehr als die verlegene Umschreibung eines vollständigen Rückzuges. Er ging bereits seine eigenen Wege, die ihn im Verein mit Ferdinand Porsche dann auch zu Pioniertaten auf dem Gebiete des Kraftfahrwesens führten, von denen im Rahmen dieser Untersuchung nicht zu sprechen ist. Während die von Ludwig Löhner mit regstem Interesse vorgetragenen ersten Anregungen zur Schaffung eines Fahrzeug-Dieselmotors in Nürnberg schon als abgetan galten, wurde die Sache von Frankreich aus erneut auf genommen. In Bar-le-Dnc betrieb Ingenieur Frederic-Charles Dyckhoff eine Maschinenfabrik, mit der Rudolf Diesel seit Jahren in Geschäftsverbindung stand; er hatte im Jahre 1894 mit Dyckhoff einen Vertrag, betreffend Herstellung und Vertrieb von Dieselmotoren abgeschlossen. Dyckhoffs eigene Bau- versuche waren freilich gescheitert; aber nachdem im Februar 1897 von autori- 26 Paul Siebertz tativer Seite die Betriebsfähigkeit des in Augsburg gebauten ersten ortsfesten Dieselmotor bestätigt worden war, gründeten Diesel und Dyckhoff am 12. April 1897 eine Societe Frangaise des Moteurs R. Diesel ä combustion intdrieure mit dem Sitze in Bar-le-Duc, deren Leitung Dyckhoff als Administrateur ddlegud übernahm. An diesen schrieb zu Beginn des Jahres 1898 aus Paris ein Herr Pellerin; er wünschte mit Dyckhoff einen Sublizenz- und Belieferungsvertrag abzuschließen, und ganz besonders war es ihm um eine Lizenz für die Konstruktion von Fahrzeug-Dieselmotoren zu tun. Ein von ihm zu gründendes Unternehmen wollte er Societe Frangaise des Automobiles R. Diesel benennen. „Der vom 6. Februar 1898 datierte Entwurf des Vertrages, der mit Pellerin abgeschlossen werden sollte, zeigt,“ so berichtet die ATZ in ihrem mehrerwähnten „Beitrag zur Geschichte des Fahrzeug-Dieselmotors“, „mit welcher Sicherheit auch in Frankreich der baldige und volle Erfolg der Motorbauart Diesel-Klose erwartet wurde, deren Versuchsmotor während der ersten Monate des Jahres 1898 in Nürnberg erst durchkonstruiert wurde und nun erprobt werden sollte. Zwei Blaupausen des Nürnberger Motors, deren Begleitschreiben ihn ausdrücklich als ,moteur pour automobiles sur routes 4 kennzeichneten, konnten endlich am 6. März 1898 durch das Münchner Büro Diesels an die Socidtd Frangaise des Moteurs R. Diesel nach Bar-le-Duc abgesendet werden; er wird dabei als Motor von 20 PS Leistung bezeichnet. In einem Schreiben vom 17. April 1898, das Dyckhoff an Diesel richtete, sagt dieser über das auch im Schriftwechsel oftmals berührte Problem des dieselbetriebenen Kraftwagens: ,La question est brulante en France 4 und schlägt vor, nach den vorliegenden Nürnberger Zeichnungen die Gußstücke für Zylinder und Steuerteile herstellen zu lassen, ohne erst weitere Berichte über den Fortgang der Versuche abzuwarten. Diesel selbst aber, der wohl schon Genaueres über die Schwierigkeiten weiß, mit denen man in Nürnberg zu kämpfen hat, schreibt mit eigener Hand eine Randbemerkung auf Dyckhoffs Brief, die dann in einem Schreiben des Münchner Büros vom 23. April 1898 an Bar-le-Duc zu folgender Bemerkung führt: ,Moteurs automobiles: Priere de ne rien faire avant que essais de Nuremberg soient terminds. Ce serait temps et argent perdu. 4 In einem in deutscher Sprache abgefaßten Schreiben vom 26. April 1898 wird dann zum selben Gegenstand nochmals betont: ,Wie ich Ihnen bereits am 15. d. M. depeschierte, ist es augenblicklich unmöglich, den Preis für den Nürnberger Automobilmotor anzugeben, da man nichts in die Öffentlichkeit gelangen lassen will, bevor die \ ersuche in Nürnberg abgeschlossen sind. 4 Und am 3. Mai 9 Uhr morgens schreibt Diesel mit eigener Hand folgende Depesche nieder, die an Dyckhoffs Mitarbeiter in Paris gerichtet ist: ,Machines Munich en marche aurai plaisir vous les montrer. Moteur automobile Nuremberg invisible actuellement. 4 Wenn auch in dieser Depesche nicht ausdrücklich gesagt wird, daß die Bemühungen, den Nürnberger DieseUKlose-Fahr- zeugmotor betriebsbrauchbar zu machen, bereits gescheitert waren, so war dies doch tatsächlich der Fall. 4 ' Wie sehr sich Rudolf Diesel auch dessen bewußt war, daß die Konstruktion Kloses sich keineswegs zu einem Fahrzeugmotor eigne, ergibt sich aus Vorschlägen, die er am 3. Juli 1899 in einer in Bar-le-Duc stattgehabten Aufsichtsrats- Rudolf Diesel und der Automobilmotor. 27 Sitzung der Sociöte Fran^aise des Moteurs R. Diesel in bezug auf „moteurs d’automobiles“ machte. „Der Kraftwagenmotor von Nürnberg wurde nach besonderen Gesichts-* punkten gebaut", erklärte Rudolf Diesel damals: „die Bauart besaß zwei Zylinder, in jedem von welchen sich zwei gegenläufige Kolben bewegten. Von diesen Kolben waren die der Kurbelwelle zugekehrten mit dieser direkt durch Pleuelstangen verbunden, während die beiden Gegenkolben mit jener über einen Querbalken in Verbindung standen. Die Kurbelwelle hatte vier Kurbeln. Der Zweck dieser Anordnung war der Ausgleich der bewegten Massen und die Vermeidung schwingender Erschütterungen; diese Anordnung ist jedoch schon durch ihren Aufbau selbst so kompliziert und erfordert daher die Verwendung einer Menge von ebenfalls so komplizierter Mechanismen, daß der Motor dadurch für den Automobil is mus unverwendbar wurde, ohne dabei auch nur — wie dies die praktische Erprobung erwiesen hat — den Zweck der Unterdrückung der schwingenden Erschütterungen zu erreichen." Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen ging Rudolf Diesel von der Auffassung aus, daß der Automobilismus „in Deutschland bisher nur ein sehr schwaches Echo gefunden hat“, während sich „in Frankreich, England und Amerika dagegen alle Welt mit dem Automobilismus befaßt“. Man sollte diese Umstände ausnützen, nicht warten, bis das Problem eines Fahrzeug-Dieselmotors restlos gelöst sei, „sondern man sollte gerade das Gegenteil tun und von einer bekannten und erprobten Motorenbauart ausgehen und an dieser schrittweise und unmerklich sozusagen, ohne Rückschläge befürchten zu müssen, die verschiedenen Verfahrensarten und Dieselpatente praktisch anwenden.“ Es käme gerade Frankreich zu, dieses Problem aufzugreifen, meinte Diesel, und „ein Vorgehen, das diesen Richtlinien folgt, würde die Sociötö Fran- gaise in die Möglichkeit versetzen, vom Fleck w r eg und ohne kostbare Zeit zu versäumen, vorwärts zu schreiten, wobei sich die Möglichkeit ergeben würde, große Geschäfte abzuschließen und eine Erzeugung aufzunehmen, die den Einrichtungen des Werkes in Longeville in besonders hohem Maße entspricht.“, Diesel schlug also vor: „1. Automobilmotoren zu konstruieren, deren Bauart unter jenen auszuwählen wäre, von denen bekannt ist, daß sie schon in großer Zahl in Verwendung stehen: diese Bauart müßte von Anfang an in Formen und Einzelheiten entwickelt werden, die eine Besonderheit unseres Unternehmens bilden würden; 2. an diesen Motoren folgerichtig und frei von Rückschlägen die Dieselverfahren und Dieselpatente und insbesondere auch das neue Zweitaktverfahren zur Anwendung zu bringen; 3. an diesen Motoren, wenn dies möglich ist, gewisse Vereinfachungen des mechanischen Aufbaues anzubringen, die von einer dritten Seite stammen, indem man sich mit diesen Stellen in Verbindung setzt“ 7 . „Trotz dieses Appells, den Diesel damals an den Aufsichtsrat der Societe Frangaise des Moteurs R. Diesel richtete“ — dies ist in der ATZ abschließend festgestellt — „hören wir nichts darüber, daß Versuche, wie sie hier vorgeschlagen wurden, stattgefunden hätten. Auch in Deutschland, wo die Fachwelt über die 7 Nach der deutschen Übersetzung dieser von Rudolf Diesel am 25. Juni 1898 in Paris eigenhändig zu Papier gebrachten Rede, die Diesel vor der Aufsichtsratssitzung noch Dyckhoff bekannt gegeben hatte, in ATZ, 1941, Heft 1. S. 11 und 12. Technikgeschichte, 12. Heft. 3 28 Paul Siebertz tatsächlich bei den Massen herrschende Interesselosigkeit an Kraftfahrzeugen schon längst hinaus war, verliefen in diesen Jahren wiederholte Anläufe, den Dieselmotor als Fahrzeugmotor zu benutzen, im Sande.“ Von jenen Nürnberger Bemühungen aus ist also zur Entwicklung des Fahrzeug-Dieselmotors nichts beigetragen worden. Wohl machte Dyckhoff noch eine Zeitlang Versuche auf eigene Faust, entwickelte auch einen Gegenkolbenmotor, von dem er sich vorübergehend einen Erfolg erhoffte, aber ein Versuch, „den DYCKHOFFSchen Dieselmotor zum Antrieb von Schienenfahrzeugen oder gar von Straßenfahrzeugen zu benutzen, ist wohl niemals gemacht worden.“ Das einzige, was schließlich aus Dyckhoffs Bemühungen herauskam, war ein 1903 probeweise versuchter Antrieb eines Kanalbootes mit seinem Gegenkolbenmotor 8 ; sogar „einige bald nach der Jahrhundertwende aufgetauchte Projekte, Schienenfahrzeuge mit Dieselmotoren anzutreiben, mußten beim damaligen Stand der Dieseltechnik zunächst erfolglos bleiben“ 9 . Es war schon so, wie Rudolf Diesel es bereits im Sommer 1899 selbst erkannt hatte: „Die Versuche, die bis nun mit dem Dieselmotor gemacht wurden, haben bewiesen, daß die Einblasepumpe, die beim derzeitigen Stand für den Motor noch unerläßlich ist, bei Motoren so kleiner Abmessungen, wie die für die Automobile geeigneten, besonders große Schwierigkeiten beinhaltet.“ Weil es nun niemand zuwege gebracht hatte, diese Schwierigkeiten zu meistern, ging Rudolf Diesel im Jahre 1903 selber daran, einschlägige Konstruktionsversuche zu machen. Natürlich konnte auch er nach dem damaligen Stand des Maschinenbaues und der Kenntnis vom Wesen der inneren Gemischbildung auf das Einblasen des Brennstoffes durch den Verdichter und damit auf die Luftlade-Pumpe nicht verzichten; er kam deshalb auf den Gedanken, „die Luftladung im Arbeitszylinder um etwa 15 at höher als sonst üblich zu verdichten und einen kleinen Teil dieser höhergespannten Luft durch ein gesteuertes Ventil am Ende des Kolbenhubes in einen kleinen Behälter zu überschieben. Wenn nach einem kurzen Kolbenweg die Spannung im Hauptbrennerraum auf zirka 30 at gefallen war, wurde die überschobene, höher gespannte Luftladung des Zwischenbehälters zum Einblasen des Kraftstoffes benutzt. Hierdurch wurde der Hochdruckkompressor zwar vermieden, das Triebwerk des Motors mußte aber entsprechend dem höheren Verdichtungsenddruck stärker bemessen werden, und außerdem traten Düsen Zündungen auf, die die Düse verschmutzten und verbrannten“ 10 . Trotz der Mißerfolge Diesels mit diesem „überscliubverfahren“ versuchte sein langjähriger Mitarbeiter in der Augsburger Maschinenfabrik, Lucian Vogel, es zu verbessern. Vogel lehnte sich an amerikanische und englische Versuche an und baute seine Motoren nach einem „Luftspei eher verfahren“, 8 Nach einer Mitteilung Professor M. Schröters, veröffentlicht in der Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure. 1903. Heft 28. S. 1001. 9 Feststellungen, die nach Mitteilungen aus dem Archiv der M. A. N. beruhen, in ATZ, 1941, Heft 1, S. 11 und 12. 10 A. E. Thiemann, Fahrzeug-Dieselmotoren, S. 126, Berlin, 1929. Rudolf Diesel und der Automobilmotor. 29 auf das er auch zwei deutsche Patente bekam (DRP. 172 628 vom Jahre 1904 und DRP. 243371 vom Jahre 1909); aber dieses Verfahren ergab einen so schlechten thermischen Wirkungsgrad, daß die im Jahre 1908 von der M. A. N.* in Nürnberg gebaute Versuchsmaschine gar nicht mehr weiter entwickelt wurde. Vogel seihst war sich nie darüber im Zweifel gewesen, daß sein Motor keinerlei Aussicht habe, jemals zum Fahrzeugbetrieb dienen zu können; er hatte ihn auch nur als ortsfeste Maschine Probe laufen lassen. Noch während der Versuche Vogels hatte jedoch Rudolf Diesel selbst das Problem wieder einmal angepackt, vorerst freilich mit der Beschränkung auf einen für S ch i e n e n fahrzeuge brauchbaren Motor. Er gründete 1907 zusammen mit Baurat Klose eine „Gesellschaft für Thermo-Lokomotiven“, deren wirtschaftlicher Träger die Maschinenfabrik Gebr. Sulzer, Winterthur-Ludwigshafen, war; als Ergebnis gemeinsamer Bemühungen wurden in Berlin zwei Patentschriften eingereicht, von denen die erste (zum DRP. 205995 vom 21. Januar 1909) wohl die Voraussetzungen zum Antrieb von Schienenlokomotiven durch Verbrennungsmotoren richtig beschrieb, aber eine Ixisung vorschlug, „die niemals zum Erfolg führen konnte“ 11 . Eine weitere Patentanmeldung (zum DRP. 223425 vom 26. Mai 1908) entwickelte zwar brauchbare Lösungen — die Firma Sulzer konnte im Jahre 1913 auch Versuchsfahrten mit dieser Lokomotive ausführen —, das Endergebnis dieser jahrelang fortgesetzten Entwicklungsarbeiten bester Fachkräfte war jedoch, „daß der ersten Thermo-Ixikomotive ein dauernder Erfolg nicht beschieden war“. Es war von Diesel eben immer noch keine Lösung gefunden worden, die seinen Motor wechselnden Arbeitsverhältnissen angepaßt hätte, nicht einmal solchen, wie sie der Betrieb eines Schienenfahrzeuges erforderte. Zur Zeit der gemeinsamen Arbeit an dieser Lokomotive war Rudolf Diesel mit einer anderen Schweizer Maschinenhauunternehmung zu Versuchen um ein Straßenfahrzeug tätig. Ein Pariser Ingenieur, Maurice Dechamps, der kurz nach der Jahrhundertwende ergebnislos bemüht gewesen war, die „flammenlose Glührohrzündung Codelli-Stadler“ in Frankreich einzuführen 12 , hatte ihn mit der St. Georgen-Aktiengesellschaft in Zürich in Verbindung gebracht, und mit Dechamps zusammen entwickelte Diesel im Jahre 1910 einen „Lastautomobilmotor“, der von der Züricher Firma auch „gebaut und in der Werkstatt auf dem Versuchsstand probiert“ wurde. Im Archiv des Deutschen Museums zu München befindet sich eine vom 10. Juli 1913 datierte Niederschrift Rudolf Diesels, „Erster Versuchs-Dieselmotor für Automobilismus“, welche die Gedankengänge genau umschreibt, von denen er beim Bau dieses Fahrzeugmotors ausgegangen war; zwei Zeichnungen erläutern diesen aufschlußreichen Text aufs vortrefflichste. 11 So in ATZ, 1941, Heft 1, S. 12. 12 Diese von Baron Anton v. Codelli, Gutsbesitzer auf Schloß Thurn bei Laibach, und Ernst v. Sadler. Beamter in Laibach, im Dezember 1900 in Wien zum Patent angemeldete flammenlose Glührohrzündung beruhte auf der Eigenschaft von Platinfasern, sich durch längere Zeit glühend zu erhalten, wenn ein mit Benzindämpfen geschwängerter Luftstrom über die glühenden Fasern geleitet wird. 3 * 30 Paul Siebertz : Rudolf Diesel und der Automobilmotor. Diesel hielt sich hier ziemlich genau an den Vorschlag, den er am 3. Juli 1903 in Bar-le-Duc vor dem Aufsichtsrat seiner Societe Francaise des Moteurs gemacht hatte — „Automobilmotoren zu konstruieren, deren Bauart unter jenen auszuwählen wäre, von denen bekannt ist, daß sie schon in großer Zahl in Verwendung stehen“, und an solchen erprobten Bau formen das Dieselverfahren zur Anwendung zu bringen —: denn dieser erste Dieselfahrzeugmotor war in seinem Aufbau und in seinen Einzelheiten durchwegs dem normalen Benzinmotor jener Zeit nachgeformt. Freilich hob er sich schon durch die von der Kurbelwelle angetriebene zweistufige Luftpumpe, die ziemlich wuchtig links am Motorenblock saß, und durch eine Vierkolbenpumpe zur Beförderung des Brennstoffes von den um 1910 gebauten Benzinmotoren recht unvorteilhaft ab; für seine Leistung, am Versuchsstand 30 PS bei 800i;/Min., war das Gewicht unverhältnismäßig schwer. Deshalb ist es begreiflich, daß auch dieser von Rudolf Diesel konstruierte Fahrzeugmotor „nie in einen Wagen eingebaut worden ist“ — wie Diesel in vorgenannter Niederschrift selbst feststellt —, und daß außer dem einzigen Versuchsmotor keine weitere Maschine dieses Systems mehr gebaut worden ist 13 . Durch diesen letzten ergebnislosen Versuch Diesels war für alle einsichtigen Konstrukteure abschließend klar geworden, daß das Problem des Fahrzeug-Dieselmotors gelöst werden müsse, indem man die Einblasepumpe des „klassischen Diesel“ ausschalte. 13 Der von St. Georgen nach Diesels Entwürfen gebaute Versuchsmotor steht als „Umsteuerbarer Viertakt-Dieselmotor für Automobile“ im Deutschen Museum zu München. Hermann von Hoernes. (1858—1948) Luftschiffer, Flugtechniker und Luftfahrthistoriker. Von Ing. u. Dr. Oskar Regele. Mit 1 Bildnis. In Linz an der Donau starb am 17. Jänner 1948 im 90. Lebensjahre und fast erblindet der Luftschiffer, Flugtechniker und Luftfahrthistoriker Hermann von Hoernes, dessen Namen in der Geschichte der Luftfahrt einen dauernden Ehrenplatz einnehmen ward. Einer alten österreichischen Familie 1 entstammend, kam Hermann Hoernes am 31. Juli 1858 als Sohn des Oberstleutnants Karl Hörnes in Venedig zur Welt, trat 1877 in die Pionierkadettenschule zu Hainburg ein und wurde 1880 Kadett-Offizierstellvertreter im Pionierregiment. Die Pionierschule vermittelte ein umfangreiches und gediegenes technisches Fachwissen, das vielen Schülern dieser Anstalt zu bemerkenswerten technischen Leistungen verhalf 2 . So konnte sich auch Hoernes beim Bau der Drina-Straßenbrücke in Gorazda, bei den Baracken- und Rettungsarbeiten gelegentlich des Agramer Erdbebens, bei der Sprengung des Nordbahnviaduktes nächst Seibersdorf und später im Eisenbahn- und Telegraphenregiment bei Bahntrassierungen und Feldbahnarbeiten bestens bewähren. Während der kriegerischen Ereignisse in der Herzegowina im Jahre 1882 zeichnete sich Hoernes besonders aus und erhielt für Beweise hervorragender Tapferkeit die Silberne Tapferkeitsmedaille. Seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Luft- 1 Die Familie Hoernes — ursprünglich „Hörnes“ — ist durch den Geologen Moritz, den Prähistoriker Moritz und den Geologen Rudolf Hoernes in der österreichischen Wissenschaft rühmlichst vertreten (Hoernes-Gasse in Wien III) und steht zu den Komponisten Wilhelm Kienzl und Richard Heuberger, dem Radierer L. Kazimir und dem ehemaligen Stadtkommandanten von Wien G. d. I. Wiesinger in engen verwandtschaftlichen Beziehungen. 2 Unter anderen waren Pionier-Kadetten: Vizeadmiral und Handelsminister B. v. Wüllerstorf, der Waffentechniker und Kunsthistoriker W. Boeheim, der Kartho- graph J. V. Albach, der Baumeister Josef Ceipek, der Brücken-Konstrukteur und Leiter der Sprengarbeiten im Eisernen Tor Franz Herbert, der Erfinder des Tanks G. Burstyn, der Luftschiffer Fr. Hinterstoisser, der Lenkballon-Konstrukteur Fr. Boemches, der Wiener Branddirektor Ing. Fr. Seifert, der Scheimpflug-Kartograph Ing. R. Tiller, der Wünschelruten- und Erdstrahlen-Forscher Ing. K. Beichl und der Hochschulprofessor Dipl.-Ing. G. Prikel. 32 Oskar Kegele fahrt setzte mit Veröffentlichungen 1885 ein und sie sollte erst mit der Österreich nach dem Weltkrieg 1914/18 auferlegten Luftabrüstung ihr Ende nehmen. Hoernes kam später zur Infanterie, erhielt finanzielle Förderung und Diensterleichterungen, ließ sich jedoch 1909 als Oberstleutnant in den Ruhestand versetzen, um sich ausschließlich der Luftschiffahrt widmen zu können. Für Zwecke des praktischen Truppendienstes hatte er bis nun die „Feldausrüstung des Offiziers“ (1880, 1887), „Das Legen des Oberbaues“ (1899) und das „Feldhandbuch für Truppenoffiziere“ (1904) erscheinen lassen, ein Beweis für die Schaffenskraft dieses universell begabten Offiziers. Im Weltkriege wieder aktiviert, wurde Hoernes in den Kämpfen an der Pili ca 1914 an der Spitze des Landwehr-Infanterieregiments Nr. 2 verwundet, nach seiner Genesung in fortifikatorischen und verschiedenen anderen Diensten in Südtirol, beim Armeekommando Dankl und beim Kommando der Süd Westfront, schließlich beim Divisionsgericht in Linz verwendet. Die Ernennung zum Obersten, die Verleihung des Militärverdienstkreuzes und die Erhebung in den erblichen Adelsstand durch Kaiser Franz Joseph I. waren der Lohn für die vielseitigen Leistungen, zu denen auch noch die Auslandmissionen der Jahre 1901 (Frankreich) und 1906 (Deutschland) zu rechnen sind 3 . Im Jahre 1922 erwarb Oberst Hoernes noch den Ingenieurtitel. Die Laufbahn als Luftschiffer nahm ihren Anfang mit der Einteilung in die erste aeronautische Kommission, die unter Hauptmann Karl v. Sandner 4 1888 nach Frankreich, England und Deutschland entsendet wurde, um die Fortschritte der Luftfahrt in den Ballonfabriken Lachambre und Yon, im Militärlager zu Aider- shot und am Tempelhofer Felde zu studieren. Hermann Hoernes stand also tatsächlich an der Wiege der österreichischen Luftfahrt, der er sich mit ganzem Eifer fortab widmete. Als 1890 die k. u. k. Militäraeronautische Anstalt in Wien zur Errichtung gelangte, kam auch Hoernes in den dort abzuhaltenden ersten militäraeronautischen Kurs 5 . Zur Vervollständigung seiner technischen Kenntnisse studierte Hoernes 1891 bis 1893 durch vier Semester Maschinenbau an der Technischen Hochschule sowie Meteorologie an der Universität Wien und praktizierte anschließend in den Witko- witzer Eisenwerken, in der Floridsdorfer Maschinenfabrik und bei Ruston in Prag. Die Jahrzehnte, in denen Hoernes wirkte, gehörten der entscheidenden Entwicklungsepoche der Luftfahrt an, als nämlich dem Frei- (Kugel-) Ballon das Lenkluftschiff folgte und gleichzeitig der Flug „schwerer als die Luft“, also das Flugzeug, seine erste Vollendung erreichte. In rund einem halben Jahrhundert vollzog sich dieser großartige Wandel, und es kostete harte und aufreibende Kämpfe, um aus der Unzahl von Ideen und Projekten schließlich das Flugzeug von heute zu entwickeln. An diesem Ringen hatte Hoernes stets denkwürdigen Anteil. 3 „Bericht über meine aeronautische Studienreise nach Deutschland“, 1906. 4 Sandner wirkte als Pionieroffizier beim Bau der Arlberg-Bahn mit und starb als Feldinarschalleutnant. 5 Außer Hoernes absolvierten diesen Kurs auch Ing. Josef Trieb, als General der Erbauer der berühmten Karstwasserleitung, Josef Watzek von Bugstegen, als General Pionier-Gruppenkommandant 1914/18, Franz Hinterstoisser, später Oberst, der bahnbrechende österreichische Ballonfahrer, durch 11 Jahre Kommandant der Luftschiffer- Abteilung und der eigentliche Begründer des Militärflugwesens in Österreich-Ungarn. Hermann von Hoernes. 33 Schon in das Jahr 1890 — nach mit Sandner 1888 gemeinsam in Berlin absolvierten Aufstiegen — fällt ein Rekordflug, den Hoernes mit Leutnant Franz Eckert im Ballon „Vater Radetzky“ in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli von Wien bis nach Posen (700 km) als erste österreichische Nacht-Ballonfahrt absolvierte. Freiballonfahrten erforderten zu jeder Zeit ganze Männer, die außerdem noch großes Fachwissen besitzen mußten 6 . Es war freilich bald klar, daß der Freiballon niemals ein Verkehrsmittel werden und daß hier nur der lenkbare Ballon eine Zukunft haben könne. Hoernes wandte deshalb seine ganze Energie auf, um dem lenkbaren Ballon die Wege zu bereiten, und schrieb 1897: „daß die Schraube sich die Herrschaft im Reiche der Luft ebenso erringen wird, als sie das Wasser beherrscht“. Er unternahm 1911 Aufstiege mit dem deutschen Lenkluftschiff S ieme ns. Schtjckert und trat in Wort und Schrift dafür ein, nur große Luftschiffe zu bauen, da nur solche vermöge ihrer Kraft und Masse Sicherheit bieten könnten 7 . Dieser Werbetätigkeit war es größtenteils zuzuschreiben, daß die Bauten der in eine Krise geratenen ZEPPELiN-Luftschiffe ihre Fortsetzung fanden. Wenn auch das Kapitel der Lenkluftschiffe als ein abgeschlossenes zu betrachten ist und wenn auch die meisten Luftschiffer sehr frühzeitig erkannten, daß der endgültige Sieg 6 „Eine nächtliche Luftfahrt nach Posen“, 1892. * 7 „Das ZEPPELiNsche Ballonproblem“, 1901. „Lenkbare Ballons, Rückblicke und Aussichten“, 1902. „Memorandum über lenkbare Ballons“, 1906. „Flugmaschinen oder lenkbare Ballons?“, 1908. 34 Oskar Regele nur dem Flugzeug gehöre, so kann doch die umfangreiche, in die Lenkballone investierte Arbeit keineswegs als umsonst bezeichnet werden. Die Lenkballone waren ein notwendiges Entwicklungsglied in der Reihe der Luftfahrzeuge — wie das Segel- dem Dampf- und dieses dem Motorschiff vorangehen mußte — und die mit ihnen gewonnenen Erfahrungen beschleunigten die Entwicklung des Flugzeuges in höchstem Grade. Hoernes sagt selbst darüber: „Die hierbei gewonnenen Resultate, und zwar sowohl die negativen als auch die positiven, kommen der Luftschifffahrt als Ganzes genommen zugute.“ Über die Flugzeuge lesen wir in Aufzeichnungen aus dem Jahre 1891 den vielsagenden Satz: „Trotzdem gehört ihnen unstreitig die Zukunft.“ Auch mit den Fesselballonen befaßte sich Hoernes eingehend 8 , lehnte sie jedoch im Grunde ab: „Ich betrachte den Fesselballon in einem Übergangsstadium zu etwas viel besser Verwendbarem begriffen“ (1892). Es bleibt bezeichnend, daß sich die Fesselballone noch 1914/18 ausgezeichnet als örtliche Dauerbeobachtung bewährten und weder durch Flugzeug noch durch Luftbilder ersetzt werden konnten. Erst der perfekte Hubschrauber vermag endgültig an ihre Stelle zu treten. Sehr umfangreich war die Tätigkeit Hoernes’ als praktischer Konstrukteur. Der 1893 fast zur Gänze aus heimischem Material erzeugte Freiballon „Ferdinand Karl“ 9 des Flugtechnischen Vereines war hauptsächlich sein Werk, mit dem er in erster Linie wissenschaftlichen (meteorologischen) Zwecken dienen wollte und dessen Erstfahrten er persönlich durchführte. Auch hier gingen die Pläne gleich ins Große, durch meteorologische Fahrten von möglichst vielen Orten aus sollte — bereits 1892! — „ein geschlossenes Netz, ähnlich wie ein solches bei den meteorologischen Hochstationen besteht, geschaffen werden“. Aus den Jahren 1899 und 1902 stammen Projekte für einen Lenkballon, die jedoch nicht zur Ausführung gelangten, da man in Österreich, besonders als General L. v. Schleyer, Kommandant der Verkehrstruppenbrigade, entschieden alle Ballone verneinte, das ganze Interesse den Flugzeugen zuwandte. Dauernd beschäftigte Hoernes der Gedanke einer Fortentwicklung der Luftschraube zu einer Form, die das Flugzeug senkrecht starten und gefahrlos landen lassen könnte. Das Ergebnis dieser Arbeit war die auch in den USA. patentierte Planet-Luftschraube, deren Idee darin bestand, „ein System von Schrauben während ihrer Rotation noch eine zweite Drehbewegung um eine gemeinsame Zentralachse auszuführen, sie also eine Planetbewegung vollführen zu lassen“ 10 . In Verbindung mit dieser neuen Schraube w T urde auch ein Flugzeug, „Voloid“ benannt, konstruiert. Als letzte Konstruktionstat sind die auf das Jahr 1911 zurückgehenden Pläne für Großflugzeuge aus der Zeit des ersten Weltkrieges zu verzeichnen. Wie seinerzeit bei den Lenkluftschiffen, vertrat Hoernes auch bei den Flugzeugen die Ansicht, daß nur große Apparate „für viele tausende Kilogramm“ eine Zukunft hätten. Die Anträge vom August 1914 erstrebten eine Tragfähigkeit von 5 t, eine Geschwindigkeit von 150 km/h und einen Aktionsradius von 500 km. 8 „über graphische Darstellung von Ballonbeobachtungen“, 1891. „über Fesselballon- Stationen“, 1892. „über Ballon-Beobachtungen“, 1892. 9 „Der Ballon — Ferdinand Karl —“, 1894. „über den Bau des Vereinsballons — Ferdinand Karl —1895. „Der Ballon im Dienste der Meteorologie“, 1898. 10 „Über die Lösung der Flugfrage mit Planet-Luftschrauben“, 1904 und 1906. „Die E’lanet-Luftschraube“, 1907. Hermann von Hoernes. 35 Viele Jahre vorher findet sich die Feststellung: „Nur durch Verwendung von Großflugzeugen sind eine Zentralisation des Betriebes, eine Erhöhung der Sicherheit des Fluges und ein billiger und zielbewußter Verkehr größerer Lasten durch die Luft möglich“. Tatsächlich ist ein solches Großflugzeug heute ein selbstverständlicher Begriff, und wenn die Pläne aus dem ersten Weltkrieg nur auf dem Papier blieben, erklärt sich das durch den Umstand, daß die österreichisch-ungarische Heeresverwaltung nicht über das nötige industrielle Potential verfügte, um — noch dazu gegen Kriegsende — eine eigene Großflugzeugproduktion einzuleiten. Die Richtigkeit der Idee war zweifellos anerkannt. Kriegsminister FZM. R. v. Krobatin förderte die Versuche und es fehlte nicht an empfehlenden Begutachtungen maßgebender Flugzeugwerke. Erste praktische Erprobungen fanden 1916 in Warnemünde statt. Überreich ist die literarische Ernte, die uns Hermann v. Hoernes hinterlassen hat. Er behandelte — außer dem bisher Erwähnten — nicht bloß die wichtigsten theoretischen Themen 11 , sondern auch die jeweils vordringlichen Probleme der Militärluftfahrt 12 , der er schon 1891 prophezeit hatte, „daß sie in künftigen Kriegen berufen sein wird, eine Rolle zu spielen“. Seine Bücher allgemeinen Inhaltes, wie das über die ganze Welt verbreitete Standardwerk „Buch des Fluges“, 1910/11 in drei Bänden erschienen und zur Hälfte von Hoernes allein geschrieben, „Die Luftfahrzeuge der Zukunft“ (1891), „Die Luftschiffahrt der Gegenwart“ (1903) und der „Abriß der Luftschiffahrt und Flugtechnik“ (1910) werden immer zum eisernen Bestand jeder Luftfahrtbibliothek zählen wie auch die zahlreichen Aufsätze in den angesehenen Fachzeitschriften („Zeitschrift für Flugtechnik und Motorluftschifffahrt“, „Rundschau für Technik und Wirtschaft“ u. a. m.) oder die Beiträge zu Moedebecks „Taschenbuch für Flugtechniker und Luftschiffer“. Eine Sammlung für sich bilden die unzähligen Artikel in der Tagespresse, die alle der Propagierung der Luftfahrt dienten. Der kritische Geist des Technikers, wie er uns in Hoernes überall begegnet, brachte es mit sich, daß so manche literarische Auseinandersetzungen sogar in prozessualen Kampf übergingen. Die Schrift „Die Erfindung des Flugdrachens. Ein Beitrag zur Klärung von Prioritätsansprüchen, insbesondere jener von Wilhelm Kress“ (Wien 1913) war nach zahlreichen Einzelaufsätzen der Schlußpunkt einer — auch noch vor anderem Forum ausgetragenen — Polemik zwischen Hoernes und Kress, wem nämlich das Verdienst gebühre, das Prinzip „schwerer als die Luft“ erstmalig praktisch verwirklicht zu haben. Daß Kress dieses Verdienst nicht ausschließlich für sich allein in Anspruch nehmen darf, steht wohl fest, und Hoernes hat zu dieser Klärung manches beigetragen. Bei der Schwierigkeit jedoch, die gegenseitige Unabhängigkeit oder aber Beeinflussung gleichzeitiger Erfindungen restlos nachzuweisen, wird man Kress für alle Zeit einen bevorzugten Platz einzu- 11 „Eine Antwort auf — die Flugtechniker und die Mechanik —1893. „v. Loessl : Die Luftwiderstandsgesetze ...“. 1895. „Das LOESSLsche Luftwiderstandsgesetz“, 1900. „Die WELLNERschen Versuche über den Luftwiderstand“, 1895 und 1896. „Wellners V ersuche mit größeren Luftschrauben“, 1897. 12 „Das englische Ballonmaterial“, 1888. „Der gegenwärtige Stand der Militär-Aero- nautik“, 1889. „Mittel und Zwecke der Militär-Aeronautik“, 1891 (auch russisch und schwedisch). „Studie über die Einführung dynamischer Luftfahrzeuge in Österreich- Ungarn“, 1908. 36 Oskar Regele räumen haben, den übrigens Hoernes selbst durchaus zubilligt. Einen anderen Streitfall rief die Beurteilung des Dr. Raimund Nim führ hervor, den Hoernes im Jahre 1908 als Forscher nicht gelten ließ. Mag Nimführ seine unzweifelhaften Verdienste um die Popularisierung der Flugidee besitzen und in manchem, wie z. B. in der Frage der starren Ballons, zutreffend geurteilt haben, so wird die Nachwelt doch am Urteile Hoernes’ nicht vorbeisehen können 13 . Hermann Hoernes war natürlich auch in zahlreichen Vereinen tätig, so gehörte er in verschiedenen Funktionen dem „Wiener Aero-Club“, dem Wiener und Österreichischen „Flugtechnischen Verein“, der „Österreichischen aeronautischen Kommission“, der „Österreichischen Gesellschaft für Meteorologie“, dem Berliner „Verein für Luftschiffahrt“, der Berliner „Flugtechnischen Gesellschaft“, der „Commission Permanente Internationale d’Aeronautique“ in Paris u. a. m. an und hielt überall sehr beachtete Vorträge. Daß diese Vereinstätigkeit eine sehr schöpferische war, erhellt bereits aus dem von Hoernes am 5. Mai 1891 ausgearbeiteten „Programm-Vorschlag für den flugtechnischen Verein“, der die Forderungen enthielt, aus der Phase der Diskussion zum praktischen Versuch überzugehen, die Meteorologie durch Ballonfahrten zu fördern, die KRESSschen Versuche zu unterstützen und die dazu nötigen Geldmittel zu beschaffen. Wie angesehen seine Stellung in den Kreisen der Luftfahrt war, beweist, daß ihm die Festreden anläßlich der Gedenktafelenthüllungen für Friedrich Ritter v. Loessl am 5. Oktober und für Theodor Scheim- pflug am 6. Dezember 1913 übertragen worden waren. So besitzt Österreich in Hermann v. Hoernes einen international anerkannten, allgemein geehrten Vertreter im Kampfe um die Eroberung des Luftmeeres, und wer immer den Entwicklungsgang des Flugwesens verfolgt, er wird überall auf Hoernes stoßen, der zu allen grundlegenden Problemen einen bleibenden Beitrag geleistet hat und der schon 1891 erklärt hatte, „daß das Luftschiff der Zukunft nicht ein ausschließlicher Gehilfe des Krieges sein, sondern dem gesamten menschlichen Verkehre neue Impulse geben soll“. Nach dem ersten Weltkriege war Hoernes von seinem bisherigen Element abgeschnitten, und dieser Zwang war es, der ihn auf ganz neue Bahnen führte, die ihm allerdings von jung auf vertraut waren. Die Beschäftigung mit dem Luftmeer, der immerwährende Blick zu den Gestirnen und in das Weltall regten ihn an, auch über „Sternenweit“ und „Weltenschicksal“ nachzudenken und zu schreiben und der weitere Schritt zur Philosophie war kein unvermittelter. Neben dem flugtechnischen und luftfahrtgeschichtlichen Nachlaß fand sich auch ein philosophischer Nachlaß, der zeigt, wie Hoernes als echter Österreicher seine Nebenleidenschaft hatte und diese mit ebensolcher Gründlichkeit betrieb wie den Hauptberuf. Und wie so viele Dichter und Schriftsteller in Österreich gerade aus den Reihen der Beamten und Offiziere hervorgegangen sind, so hat auch Hoernes Dichtungen hinter lassen, die mehr als ein bloßer Versuch sind und das Bild seiner so umfangreichen Tätigkeit eindrucksvoll abrunden. Wie bei jeder Persönlichkeit, sind auch bei Hoernes einige Züge hervorstechend: Das klare Erkennen der Kernprobleme verbunden mit richtiger Voraussicht, die stets ideale Zwecksetzung allen Tuns und die Verknüpfung der nüchternen tech- 13 „Ein Leitfaden“ in der „Wiener Luftscliiffer-Zeitung“, Nr. 12/1908. Hermann von Hoernes. 37 nischen Realitäten mit dem Erhabenen. Wohl erkannte Hoernes als Soldat die militärische Bedeutung der Luftfahrt im vollen Ausmaße und wurde ihr pflichtgemäß gerecht, trotzdem legte er aber den Schwerpunkt in die abstrakte Wissenschaft und die friedliche Verkehrstechnik, er vergaß nie den aufbauenden über dem zerstörenden Gedanken und gehorchte damit dem Gesetz vom Adel der Technik. Gerade in unseren Tagen, in denen die Errungenschaften der Technik auch von großen Geistern oft als ein Fluch für die Menschheit gewertet werden, ist es gut, daran zu erinnern, daß nur wenige Techniker den Adel ihres Faches verleugnet haben. Hoernes folgte jedenfalls jenen, die Formeln, Winkel und Kurven mit den schönen Künsten zu vereinen verstanden, die reine Zweckbauten ästhetisch aufführten, Landkarten mit bezaubernden Titel Vignetten schmückten oder aber Zeit fanden, Gedanken in Verse zu fassen. Wirklich Edles kann nur in solcher Synthese werden. Die Betrachtungen über dieses arbeitsreiche Leben blieben unvollständig, würde man nicht auch jener Frau gedenken, die Hermann Hoernes, im Jahre 1890 angetraut, eine unermüdliche, treue und opferbereite Helferin war und dadurch — wie es bei Frauen so oft vor kommt — ihren indirekten Anteil an seinem reichen Schaffen hatte 14 . „Schöpf’ Gutes aus dem Lebensborn, Dann wirst du auch befriedigt sein — Doch sei gerecht bei deiner Tat Und hilf dem Nächsten, wie dir selbst!“ Hermann Hoernes. „Ich weiß, noch keiner hat errungen Den Frieden, dieses Lebensziel, Der sich nicht hätte selbst bezwungen, Und, der nicht unterm Kreuze fiel.“ Marianne Hoernes. 14 Der Verfasser ist Herrn Helmut Hoernes in Chicago, dem Sohne Hermann v. Hoernes’, für wichtige Beiträge zu diesem Aufsatze zu großem Danke verpflichtet. Zum Gedenken an Dr. Ing. h. c. Karl Wurmb, den Erbauer der österreichischen Alpenbahnen 1901 — 1907 . Gewidmet von seinen ehemaligen Mitarbeitern Dr. techn. Friedrich Binder und Dipl.-Ing. Max Rohlena. Mit 2 Abbildungen. Vor 100 Jahren, am 18. September 1 1850, ist einer der größten österreichischen Ingenieure des Zeitalters der Eisenbahnen, Dr. Ing. honoris causa Karl Wurmb, in Neumarkt am Hausruck in Oberösterreich geboren worden. Er studierte an der Züricher technischen Hochschule, trat als Ingenieur-Assistent bei der Südbahn in Dienst, wo er bei der Brennerbahn, dann bei der Trassierung und beim Bau der Pustertalbahn mitarbeitete und war sodann als Bauführer einer Unternehmung beim Bau der Strecke Villach—Tarvis, später im Dienst der Generalinspektion der österr. Eisenbahnen bei der Trassierung der Predilbahn, der Linie Laibach—Karlstadt, der Salzkammergutbahn und der Arlbergbahn tätig. Er führte ferner Studien für den Bau des Arlbergtunnels durch sowie die Trassierung der Tauernbahnvarianten. Im April 1890 wurde Wurmb, auf Grund seiner außerordentlichen Fähigkeiten vom Baudirektor Bischof der Wiener Stadtbahn bestens empfohlen, provisorisch zum Leiter des Steiermärkischen Landeseisenbahnamtes und 1892 definitiv zum Direktor dieses Amtes ernannt. In dieser Zeit hatte er die oberste Leitung der Trassierung und des Baues der Landesbahnen Cilli—Wöllan, Pöltschach—Gono- bitz. Stainz—Wieselsdorf. Kapfenberg—Seebach und der Murtalbahn inne sowie die Leitung der Projektierung der Linien Grobelno—Rohitsch, Wöllan—Unter- drauburg, Zeltweg—Wolfsberg und Neuberg—Mariazell. Im Jahre 1894 wurde er als Hofrat und Generalinspektor des österreichischen Lokalbahnwesens in das Handelsministerium berufen. Nach der Errrichtung des Eisenbahnministeriums im Jahre 1896 leitete er als Ministerialrat das technische Lokalbahnamt. Im Juni 1901 wurde er vom damaligen Eisenbahnminister Dr. Witter zum Sektionschef im Eisenbahnministerium befördert und im Oktober zum Ei senil ahnbaudirektor ernannt. Damit war er zur Leitung der Eisenbahnbau- 1 Das am Grabstein des Gersthofer Friedhofes in Wien ersichtliche Datum ..18. November 1850“ ist — wie eine Anfrage beim Pfarramt Neumarkt ergeben hat — unrichtig. Friedr. Binder uud Max Rohlena : Zum Gedenken an Dr. Ing. h. c. Karl Wurmb. 39 direktion, also des Amtes berufen worden, das die auf Grund des Gesetzes vom 6. Juni 1901 herzustellenden neuen Eisenbahnlinien des damaligen Großstaates Österreich auszuführen hatte. Es war das größte Bau- und Investitionsprogramm der Eisenbahnen, das jemals in Österreich geplant und durchgeführt wurde und umfaßte die Herstellung einer zweiten Eisenbahnverbindung der nördlichen Reichsteile Bild 1. Karl Wurmb (1850—1907). mit Triest, dem einzigen österreichischen Seehafen, ferner eine Reihe anderer Eisenbahnneubauten sowie ein Investitionspräliminare der Staatseisenbahnverwaltung für die Jahre 1901—1905. Das Bauprogramm sah folgende neue Eisenbahnlinien vor: Die Tauernbahn, die Karawankenbahn, die Wocheinerbahn, die Linie Görz— Triest (über Reifenberg—Opcina), die Pyhrnbahn (Klaus Steyrling—Selztal), ferner die Linien Lemberg—Sambor—ungar. Grenze, Rakonitz—Laun, Hartberg—Friedberg und schließlich die Fortsetzung und Vollendung der Projektierung und des Baues einzelner, bereits früher genehmigter Staatsbahnbauten. Durch die fünf erstgenannten Bahnen sollten vor allem die Tarifentfernungen der nördlichen Gebiete des damaligen Österreich vom Seehafen Triest gekürzt werden; gleichzeitig wurden aber auch damit zahlreiche internationale Eisenbahnverbindungen wesentlich gekürzt und hiedurch die wirtschaftlichen Beziehungen Europas sehr vorteilhaft beeinflußt. Wahrhaftig ein Riesenwerk, zu dessen Bewältigung eine Energie, Tatkraft und Willensstärke erforderlich war, die dem begnadeten Genie Wurmbs in seltener 40 Friedrich Binder und Max Rohlena Fülle zu Gebote stand. Seine nie versiegende geistige Frische und Spannkraft zeigte sich allen aufregenden und aufreibenden Anforderungen voll gewachsen. Die neuen Alpenhahnen allein mit 340 km durchwegs schwieriger Gebirgsbahn mit Tunnels in einer Gesamtlänge von rund 52 km (hievon vier große Tunnels mit zusammen 27,6 km) waren in einer knapp bemessenen Bauzeit durchzuführen, daneben noch eine Reihe verschiedener Lokalbahnen vorzubereiten und auszubauen. Dazu bedurfte es eines mutigen und kraftvollen, dabei unermüdlichen Mannes mit tiefgründigem technischem Wissen und reichen Erfahrungen, mit innerer Ruhe und Ausgeglichenheit und genialer Erfassung der in Zwangslagen rasch und sicher zu treffenden Entscheidungen, und das war Wurmb im vollsten Maße! Er verstand es aber auch, seine Mitarbeiter zu gewaltigen Leistungen anzuspornen. Seine edle offene Natur, sein freundliches Wesen holten aus jedem einzelnen Höchstleistungen heraus; in edlem Wettstreit war jeder bemüht, sein Bestes zu geben und die dem Gelingen des Werkes am besten entsprechenden Lösungen vorzuschlagen. Welch seltener Zusammenklang ergab sich da oft im Widerstreit der Meinungen! Begründete Einwürfe wurden stets beachtet und das stärkte das Selbstvertrauen aller Mitarbeiter. Wurmb war eine ideale Führernatur. Hatte er dann des Tages Mühen hinter sich, dann war er nur mehr Kollege und Freund. Und als solchen liebten und verehrten ihn auch alle seine Mitarbeiter, auch die körperlich tätigen Arbeiter, die in ihm den gediegenen hilfsbereiten obersten Chef anerkannten, der bei den — leider unvermeidlichen — Unglücksfällen mit den Hilfsmannschaften unter Hintansetzung seiner eigenen Sicherheit bis in die stärkst gefährdeten Arbeitszonen vordrang. Leider blieben ihm schwere Kränkungen nicht erspart. Bei der Behandlung des Gesetzentwurfes zur Bedeckung weiterer Erfordernisse für den Bau der Alpenbahnen wurden im Jahre 1905 im Unterausschuß des Abgeordnetenhauses Vorwürfe gegen die ohne rechtzeitige Genehmigung des Parlaments vorgenommene Erweiterung des Bauprogrammes und sonstige Mehrkosten erhoben. Es ist wohl bezeichnend für den Ausgang der mehrmonatigen langwierigen Parlamentsverhandlungen, daß der „contra“-Generalredner Dr. Ellenbogen, der selbst den Bahnbau besichtigt hatte, „einen geradezu großartigen Eindruck von den Leistungen österreichischer Techniker gewonnen“ hatte. Er führte anschließend in seinem Bericht wörtlich aus: „Die Überwindung der kolossalen, bisher bei einem Gebirgsbahnbau noch nicht dagewesenen Schwierigkeiten, die Findigkeit, Geschicklichkeit, der Fleiß, Mut und die Arbeitsamkeit der Ingenieure sind allen Lobes wert. Österreich kann auf seine Techniker stolz sein. Insbesondere gebührt dem Chef der Baudirektion, dem geradezu genialen Sektionschef Wurmb die höchste Anerkennung als einer wahren Zierde des österr. Beamtenstandes. Die Herren haben ihre Pflicht getan.“ Auch der Leiter des Eisenbahnministeriums, Sektionschef Wrba, der nach Dr. Witters Rücktritt (Mai 1905) das Eisenbahnressort übernommen hatte, fand im Lauf der Parlamentsdebatte überaus anerkennende Worte: „Ich fühle mich verpflichtet, vorerst der wohlverdienten Anerkennung der hervorragenden Leistungen der Bautechniker, vom Baudirektor angefangen bis zum jüng- Zum Gedenken an Dr. Ing. h. c. Karl Wuemb, den Erbauer der österr. Alpenbahnen. 41 sten Ingenieur, Ausdruck zu geben. Ist es ja doch eine ganz außerordentliche verdienstvolle Leistung, daß ohne erhebliche Verlängerung der äußerst kurzen Bautermine ein Komplex von fünf Alpenbahnen mit vier großen Tunnels gleichzeitig mit anderen wichtigen Staatsbahnbauten und der Leitung des Baues zahlreicher Lokalbahnen unter Bewältigung außerordentlicher technischer und geologischer Schwierigkeiten in einer den Anforderungen der modernen Bau- und Betriebstechnik entsprechenden Ausgestaltung nahezu vollendet worden ist.“ Im übrigen wies Sektionschef Wrba darauf hin, daß, wenn den Wünschen des Eisenbahnausschusses nach vorheriger Einholung der verfassungsmäßigen Genehmigung der Mehrausgaben entsprochen worden wäre, man im Juli 1905 statt vor der Vollendung erst vor Beginn der Bauarbeiten gestanden wäre, daher der von der Regierung eingeschlagene Weg unter den gegebenen Verhältnissen der einzig richtige gewesen sei. Dennoch gaben die Aufregungen und Anklagen der parlamentarischen Behänd- Bild 2. Angerschluchtbrücke. lung mittelbar den Anlaß zu Wurmbs Rücktritt. Aber bald wurde ihm eine glänzende Genugtuung zuteil. Das Professorenkollegium der Technischen Hochschule in Wien beschloß anläßlich der Eröffnung der Eisenbahnlinie Aßling—Görz—Triest (19. Juli 1906), Wurmb und dessen Nachfolger Sektionschef Millemoth das Ehren do ktorat der Technischen Hochschule für ihre Großleistungen beim Bau der neuen Alpenbahnen zu verleihen. Eine weitere Ehrung erwies Eisenbahnminister Dr. Derschatta anläßlich der Eröffnung der Eisenbahnlinie Klagenfurt—Rosenbach und Villach— Rosenbach am 30. September 1906 dem vormaligen Eisenbahnbaudirektor, indem er ihn beim Empfang im Bahnhof Rosenbach als den „eigentlichen Schöpfer“ des ganzen Riesenwerkes herzlichst begrüßte. Am 17. November 1906 feierte der österreichische Ingenieur- und Architektenverein, gemeinsam mit dem Professorenkollegium der Technischen Hochschule in Wien und mit den Mitarbeitern Wurmbs die Überreichung des Ehrendiploms des Doktors der technischen Wissenschaften an Wurmb und Millemoth in festlicher Weise. Eisenbahnminister Dr. Derschatta, Feldzeugmeister Graf Beck und die Spitzen der Beamtenschaft nahmen an der Feier teil. Am Abend desselben Tages fand ein Festbankett im Hotel Palace, Maria- '.. „■ >>»'•* . . •••«*• 42 Friedr. Binder und Max Rohlena: Zum Gedenken an Dr. Ing. h. c. Karl Wurmb. hilferstraße, statt, an dessen Schluß Wurmb, nachdem er allen Festbeteiligten mit bewegten Worten herzlichst gedankt hatte, mit folgendem launig-fröhlichem Vers in oberösterreichischer Mundart endete: „Da miißt’s reisen gar weit, bis daß find’s solche Leut, die an otana 2 Mann no a Ehr’ habn antan.“ Dieses Verslein charakterisiert wohl besser als eingehende Schilderungen die humorvolle und dabei gemütvolle Art der Lebenseinstellung Wurmbs. Aber die vielen Aufregungen und widrigen Erfahrungen seines tatenreichen I^ebens hatten den willenstarken Mann doch allzu sehr erschüttert und seine widerstandsfähige Natur untergraben. Zweieinhalb Monate nach dem Feste vom 17. November 1906, und zwar am 30. Jänner 1907 nachts ereilte ihn der Tod, und am nächsten Tage erschien die Schreckensnachricht von seinem Hinscheiden in allen Zeitungen. Jedoch die Freunde und ehemaligen Mitarbeiter Wurmbs ruhten nicht. Der Gedanke, dem Erbauer der Alpenbahnen ein würdiges Denkmal zu errichten, wurde emsig weiter verfolgt und insbesondere vom österreichischen Ingenieur- und Architekten verein in Wien tatkräftig gefördert. Zuerst dachte man das Denkmal nächst dem Tauerntunnel herzustellen: die Mehrheit entschied sich aber für Salzburg, die Alpenstadt, deren Ehrenbürger Wurmb gewesen ist und von der die Tauernbahn mit dem 8550 m langen Scheiteltunnel, dem letzten und schwierigsten Teilstück der von Wurmb geschaffenen neuen Alpenbahnen, ihren Ausgang nimmt. Am 13. Oktober 1913 fand die festliche Enthüllungsfeier des Denkmals statt. Und so mahnt nun dieses Standbild, das letzte Meisterwerk des Bildhauers Rathausky, am rechten Salzachkai errichtet, zum treuen Gedenken an die unsterbliche Schöpfung der neuen Alpenbahnen und an ihren unvergeßlichen Schöpfer Karl Wurmb, dessen Geburtstag sich am 18. September 1950 zum hundertsten Male jährte. So wie der Name Ghega mit der Semmeringbahn, der Name Etzel mit der Brennerbahn, der Name Lott mit der Arlbergbahn auf alle Zeiten verknüpft bleibt, so wird auch der Name Wurmb mit den Alpenbahnen, die in den Jahren 1901 bis 1909 erbaut wurden, für immer verbunden bleiben. Uns, seinen ehemaligen Mitarbeitern, obliegt die ehrenvolle Pflicht, das Andenken an Wurmbs Großtaten und segensreiches Wirken bei unseren Söhnen, Töchtern und Enkeln und bei der heranwachsenden technischen Jugend in lebendiger Erinnerung zu erhalten, damit es fortlebe bis in die fernsten Zeiten! Schrifttum. Zeitschrift des österr. Ingenieur- u. Architektenvereins 1906. Nr. 47, S. 658: 1907, Nr. 9, S. 151; 1913, Nr. 44. S. 728. Geschichte der Eisenbahnen der österr.-ungar. Monarchie, V. Band, 1898—1908. Verschiedene Tageszeitungen 1905, 1906, 1907. (abgetanenen). Baugeschichtliche Bilder von der Arlbergbahn. Von Ing. Dr. K. Melicher. Mit 5 Abbildungen. Wenn man in jüngster Zeit in der Presse des Inlandes wie in der der benachbarten Länder bisweilen vom Ausbau des Hochrheins als Schiffahrtsstraße und der Ausgestaltung des Bodensees zum größten Binnenhafen Europas liest, so denkt man unwillkürlich an die Arlbergbahn als eine der bedeutendsten Zufahrtsstraßen. Im folgenden sei daher einiges Interessante vom Bau dieser in den Jahren 1881 bis 1884 zwischen Innsbruck und Bludenz hergestellten Bahnlinie berichtet. Bereits im Jahre 1847 war der Präsident der Handelskammer in Feldkirch K. Gana.hl für eine Überschienung des Arlberges eingetreten und hatte auch ein Projekt hierfür ausarbeiten lassen, dem aber kein Erfolg beschieden war. Im Jahre 1871 erhielt die Bauabteilung der k. k. Generalinspektion der österreichischen Eisenbahnen den Auftrag, ein generelles Projekt für eine Lokomotiv- eisenbahn von Bludenz nach Innsbruck zu verfassen. Sie gab hierbei von den beiden möglichen Trassen über das Zeinisjoch (durch das Montafon- und Paznauntal) oder über den Arlberg (durch das Kloster- und Stansertal) der letzteren den Vorzug. Hierbei wurde auch die Ausführung eines längeren Alpentunnels vorgesehen. Aus bau- und betriebstechnischen Gründen entschied man sich im Jahre 1872 im Handelsministerium unter fünf Varianten für die Zweigleisigkeit und tiefste Lage des hierbei projektierten großen Tunnels (12,4 km Länge). Die staatsfinanzielle Lage des Jahres 1873 machte aber die ernsten Absichten der Regierung zur Inangriffnahme der Bauarbeiten zunichte. Die endgültige Entscheidung über die zweckmäßigste Linienführung wurde späterhin noch erschwert, als Sektionschef v. Nördling im Jahre 1875 ein sogenanntes billiges Projekt einreichte, das einen kurzen, nur 6740 m langen eingleisigen Tunnel in über 1400 m Seehöhe in Vorschlag brachte. Die öffentliche Meinung ließ aber die Frage nicht mehr zur Ruhe kommen und im Jahre 1879 mußte die Regierung der Errichtung der so schwer entbehrten Ost—West-Verbindung der Alpenländer ernstlich nähertreten. Unter den beiden sich schließlich gegenüberstehenden Projekten, dem Nörd- LiNGschen mit dem hochliegenden eingleisigen Tunnel und dem umgearbeiteten offiziellen Projekt mit dem tiefliegenden zweigleisigen Tunnel von 10.250 m Länge fiel bei einer im Oktober 1879 einberufenen Enquete schließlich die Wahl auf das Technikgeschichte, 12. Heft. 4 44 K. MELICHER letztere. Das fast 30jährige Ringen um den hochbedeutsamen Schienenweg fand hiermit seinen Abschluß. Am 15. Mai 1880 wurde vom Handelsministerium die Baudirektion für Staatseisenbahnbauten mit der Leitung der Bauherstellung betraut und beauftragt, alles vorzukehren, damit die Arbeiten ehestens begonnen werden können. Die Terraingestaltung ergab von selbst eine Vierteilung der 136,6 km langen Strecke von Innsbruck nach Bludenz, und zwar in die 72,7 km lange Talstrecke zwischen Innsbruck und Landeck, die beiden Zufahrtsstrecken Landeck—St. Anton mit 27,7 km Länge und Langen—Bludenz mit 25,8 km Länge und den rund 10.250 m langen Arlbergtunnel, der in einer Seehöhe von 1310,8 m den Arlbergpaß, die Wasserscheide zwischen Donau und Rhein durchbricht und Tirol und Vorarlberg verbindet. Die Talstrecke wurde möglichst bald in Angriff genommen und die Arbeiten im Oktober 1881 vergeben, um vorerst die große Lücke im Bahnnetz zwischen Tirol und Vorarlberg zu verkürzen und den Bau der anschließenden Bergstrecke zu erleichtern. Ihre Inbetriebnahme war für 1. Juli 1883 in Aussicht genommen. Da der Bau des großen Tunnels die längste Bauzeit erwarten ließ, wurde sogleich mit dem Vortrieb des Richtstollens begonnen und mit seiner Vollendung im Herbst 1885 gerechnet. Die Vergebung der Tunnelarbeiten erfolgte im Dezember 1880 an die vereinigte Bauunternehmung G. Ceconi und Brüder Lapp. Für die Energieversorgung standen auf der Ostseite zwei Gefällstufen der Rosanna und auf der Westseite zwei Gefällstufen der Aflenz und des Stubenbaches zur Verfügung, die die nötige Energie in ausreichendem Maße lieferten. Der Durchschlag des Arlberges am 19. November 1883, fast auf den Tag genau drei Jahre nach Inangriffnahme der maschinellen Bohrung und 13 1 / 2 Monate vor dem vertragsmäßig ausbedungenen Termin, war ein Ereignis von historischer Bedeutung, eine bisher unerreichte technische Leistung, die alle bei größeren Tunnelbauten bis dahin erzielten Erfolge tief in den Schatten stellte. Der 12.233 m lange Mont-Cenis-Tunnel hatte eine Bauzeit von mehr als 14 Jahren erfordert, der 14.920 m lange Gotthardtunnel eine solche von 9 1 / 2 Jahren. Der Stollendurchschlag am Arlberg konnte bei einer Tunnellänge von 10.240 m in knapp 3 1 / 2 Jahren vollzogen werden. Dem Stollendurchschlag folgte im Mai 1884 die gänzliche Vollendung des großen Tunnels. Der Stollenfortschritt hatte im Mittel für die ganze Bauzeit auf der Ostseite 4,84 m und auf der Westseite 4,50 m, zusammen 9,34 m betragen, während vertragsmäßig für jeden Stollenort 3,30 m, zusammen 6,60 m ausbedungen waren. Im August 1882 wurde dann der Bau der beiden Rampenstrecken vergeben und konnte bereits am 20. September 1884 in feierlicher Weise eröffnet werden. Mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Jahreszeit konnte mit den eigentlichen Bauarbeiten jedoch erst im Frühjahr 1883 begonnen werden. Die Rampen dieser genau in ost—westlicher Richtung verlaufenden Bahnstrecke erforderten eine reiche Fülle von schier unüberwindlichen Schwierigkeiten und war ihr Bau ein harter Kampf gegen die Tücke der Hochgebirgsnatur. Die Fahrbahn mußte auf weite Strecken durch die Herstellung ausgedehnter und hoher Stütz- und Futtermauern dem steilen Felsgelände abgerungen werden. Eine große Reihe von kleinen und großen Brücken und von langen und hohen Viadukten war in dem durchfurchten Baugeschichtliche Bilder von der Arlbergbahn. 45 Gelände ebenso notwendig, wie eine rasche Aufeinanderfolge zahlreicherer kleinerer Tunnels. Von diesen Kunstbauten seien als nennenswerteste nur erwähnt: Die Innbrücke bei Landeck, der die tiefeingerissene Schlucht des Paznauntales in einer Höhe von 87 m über der Talsohle überquerende 250 m lange Trisannaviadukt mit seinem eisernen Tragwerk von 120 m Stützweite (Bild 1), die Wäldlitobelbrücke bei Klösterle mit einem Steinbogen von 41 m Stützweite und der Schmiedtobelviadukt. Insgesamt mußten 76 Brücken und 1167 m Tunnel in den beiden Bergstrecken hergestellt werden. Um sich eine Vorstellung von der Größe und dem Umfang der in der gesamten Baustrecke von Innsbruck bis Bludenz bewältigten Arbeit machen zu können, ist es nicht uninteressant zu erwähnen, daß die Höchstzahl der verwendeten Arbeitskräfte im Juni 1883 14 400 betrug, wovon im Arlbergtunnel allein 4700 Mann in Verwendung standen. Zur Herstellung desselben wurden rund 4 Millionen Arbeit s- schichten auf ge wendet. Als Sektionsbauführer der Tunnelbausektionen in St. Anton und Langen seien noch die Namen Ing. K. Wagner, des nachmaligen Direktors der Staatsbahn- direktion Innsbruck, und Ing. K. Wurmb, des nachmaligen Erbauers der Tauernbahn, genannt. Die Westrampe zwischen Langen und Bludenz besitzt mit ihrer maximalen Steigung von 31,4% nicht nur die größten NeigungsVerhältnisse im Zuge der Arlbergbahn, sondern auch unter sämtlichen Alpenbahnen überhaupt. Die Westrampe ist aber nicht bloß wegen ihrer Anlageverhältnisse interessant, sondern auch wegen ihrer späteren Bedeutung für den elektrischen Betrieb der Bahn. Der Bau dieser an der nördlichen Lehne des Klostertales ansteigenden Strecke verursachte technisch die größten Schwierigkeiten. Ja selbst bis in die jüngste Zeit fordert dieser Teil der Strecke wegen seiner Lawinengänge durch Aufforstung und Lehnenverbauung sowie durch die Errichtung von umfangreichen Schutzbauten und teilweiser Linienverlegung ständig Ergänzungsarbeiten. Wenn man zur Illustration der vorangeführten Bauschilderung in die Bauskizzenmappe der von der Bauunternehmung Anton Kiss, Michael Bistak & Karl Pollak in den Jahren 1882—1884 im Baulos XVII und XVIII zwischen Dalaas und Braz hergestellten Kunstbauten Einblick nimmt, so kann man sich eine Vorstellung machen, mit welch einfachen Baueinrichtungen und unter welch großen Bild 1. Trisannabrücke. i 46 K. Melicher Schwierigkeiten auch dieses verhältnismäßig kurze Streckenstück von 7 km Länge innerhalb von zwei Jahren fertiggestellt wurde. Als erstes Bauwerk dieser Sammlung schließt in Kilometer 121,516 der fast 124 m lange Hölltobelviadukt unmittelbar an den Bahnhof Dalaas an und überbrückt in einem Bogen von 250 m Radius mit sechs Gewölben, je drei von 22,0 m, drei von je 10,0 m Spannweite den Tobel (Bild 2). Durch den Einbau von besonderen Konsolsteinen in den Kämpfern der großen Gewölbe konnten, wie sich aus den Bauplänen ergibt, diese Lehrgerüste sehr einfach ausgebildet werden, wodurch nicht nur eine wesentliche Ersparnis an Rüstmaterial, sondern auch eine bedeutende Minderung an Arbeitsleistung und dadurch eine raschere Fertigstellung des Bauwerkes erzielt wurde. In weiterer Folge durchbricht die Trasse in Kilometer 121,9 mit einem 68 m langen Tunnel den Felsengrat des Röcken, an dessen Fuß sich noch heutigentags die idyllische Wirtschaft „zum Bödli“ befindet. An der Baustelle des 124 m langen Schmiedtobelviaduktes wurde in Kilometer 122,6 eine mächtige, rund 120 m hohe Bremsberganlage, die für den Zutransport der erforderlichen Baustoffe von der Talsohle nötig war, hergestellt. Das hohe in einem Bogen von 500 m Radius gelegene Bauwerk überbrückt den Schmiedtobel mit drei Gewölben von je 22,0 m und zwei Gewölben von je 12,0 m Spannweite (Bild 3). Die Überwölbung der mächtigen auf anstehenden Fels gegründeten bis zu 40 m hohen Pfeiler wurde in ähnlicher Art wie beim Hölltobelviadukt mit Lehrbogen und Lehrgerüsten hergestellt, die auf Konsolsteinen, die im Mauerwerk eingebaut wurden, ruhten. Unter Verwendung der elektrischen Beleuchtung war sogar durch Nachtarbeit für die zeitgerechte Fertigstellung dieses großen Bauwerkes entsprechend Vorsorge getroffen werden. In der Folge führt die Trasse kaum 300 m weiter an dem gegen das Tal sich steil vorschiebenden Hang in Kilometer 123,4/5 durch den 200 m langen Engelwandtunnel, um kurz darauf in einem 74 m langen Viadukt mit einer Öffnung zu 20,0 m zw 7 ei Öffnungen zu je 12,0 m und einer Öffnung zu 7,0 m den Brunnentobel zu überqueren. "Wenn entlang der nun folgenden Lehne auf rund 2,0 km auch keine nennenswerten Kunstbauten hergestellt werden mußten, so war es doch erforderlich, zum Zutransport der Baustoffe aus der Talsohle für die diversen Stütz- und Futtermauern und für den Bau des Bahnhofes Hintergasse eine Reihe größerer Seilaufzüge an- Bild 2. Hölltobelviadukt. Haugeschichtliche Bilder von der Arlhergbahn. 47 zulegen, unter denen der Aufzug in der Gafadura in Kilometer 124,9 als nennenswertester zu erwähnen ist. Mit demselben wurden die auf der Poststraße jenseits der Aflenz zugestreiften Baustoffe über eine 100 m lange Holzbrücke an den Berghang geschafft und auf das rund 100 m höher gelegene Bahnplanum gehoben. Diese verhältnismäßig einfache Anlage konnte eine Tagesleistung von 66 t verzeichnen. Auch der Bau des Viaduktes über den Schanatobel in Kilometer 125,6/7 mit einer 40 m weiten Hauptöffnung liefert einen Beweis für die besonderen Schwierigkeiten, mit denen bei der Herstellung eines Bauwerkes an der steilen Berglehne zu kämpfen w r ar. An der immer steiler abfallenden Lehne durchfährt die Bahn schließlich in zwei Tunnels von 92 m und 137 m Länge in Kilometer 126/4/8 den Pfaffentobel, um dieselbe unmittelbar darauf in Kilometer 126/9 in einem Bogen von 400 m Radius mit dem 50 m langen Viadukt an der Kufe mit einer Öffnung von 7,0 m und drei Öffnungen von je 12 m Spannweite zu überbrücken. Als weiteres Bauwerk zeigt die Mappe eine Skizze von dem rund 140 m langen Masontunnel in Kilometer 127,2, der in einem Bogen von 300 m Radius angelegt wurde. Die Bauzeit desselben dauerte vom Beginn des ersten Stollenvortriebes im März bis zur Vollendung der Ausmauerung im November rund neun Monate. Schließlich soll nicht nur als letztes und vielleicht interessantestes Bauwerk in dieser Reihe, sondern auch der übrigen in der Steilrampe gelegenen Kunstbauten der 20,0 m lange gewölbte Aquädukt des Mühltobels er- Bild 4. Mühltobelaquädukt, wähnt werden. In diesem Bauwerk unterfährt die Bahn das rund 8,0 m über Schienenhöhe liegende Gerinne des Mühltobels (Bild 4). Die Herstellung des Bauwerkes erfolgte in bergmännischer Weise mit zwei in einer Entfernung von 23,0 m von der Oberfläche des Gechiebekegels des Tobels abgeteuften 15,0 m tiefen Schächten. Erst nach der gänzlichen Fertigstellung des Bauwerkes wurde der beiderseits anschließende Einschnitt ausgehoben und das Bauwerk freigelegt. Die Eigenart dieser Herstellungsweise mag vielleicht etwas umständlich und kostspielig erscheinen, doch kann sie in der großen Unbeständigkeit der Wasser- wie der Geschiebeführung mit der bei derartigen Hochgebirgsgerinnen oft gerechnet werden muß, ihre ganz besondere Begründung gehabt haben. IWM > .Vfftl ■mm tEiiiiiiiiiiii:« iiif. IWW Bild 3. Schmiedtobelviadukt. 48 K. Melicher Wenn in der vorgehenden Schilderung nach unseren heutigen Erkenntnissen auch manches als überholt und unzweckmäßig erscheinen mag, so ist diese technische Leistung trotzdem als überwältigend und einzigartig zu bezeichnen. Die Größe dieser Leistung kommt einem erst recht zum Bewußtsein, wenn man bedenkt, in welch unwegsamen Gelände und mit welch einfachen, nach heutigen Begriffen fast unzulänglichen Mitteln in einer Zeitspanne von zwei Jahren diese umfangreichen Bauwerke hergestellt wurden. Zieht man hierbei noch in Betracht, daß sich diese Schilderungen nur auf Bauleistungen eines verhältnismäßig kurzen Stückes der gesamten Bergstrecke beziehen, so gibt die durch die Fertigstellung der Arlbergbahn geschaffene technische Leistung ein glänzendes Zeugnis von der außerordentlichen Höhe der österreichischen Ingenieurbaukunst in der damaligen Zeit. Die vorangeführte Schilderung wäre aber nicht vollständig, wollte man nicht des genialen Schöpfers dieses gigantischen Werkes, des Vorstandes der Direktion für Staatseisenbahnbauten in den Jahren 1875—1883, Oberbaurat Julius Lott, im besonderen gedenken. Der Bau der Semmeringbahn (eröffnet 1854), das kühne Wagnis Ghegas, der große Steigungen angewendet hatte bevor noch eine entsprechend leistungsfähige Lokomotive bestand, brachte im Eisenbahnbau eine völlige Umwälzung mit sich und war die hohe Schule für den Bau der österreichischen Gebirgsbahnen. Der klaglose Betrieb am Semmering bewies, daß man die die Länder trennenden Wasserscheiden im Adhäsionsbetrieb überwinden könne. Bereits im Jahre 1867 war von Baudirektor K. v. Etzel die Brennerbahn als weitere Bergbahn dem Betrieb übergeben worden. Damals gab es noch keine feststehenden Grundlinien und einengende Vorschriften für den Eisenbahnbau, lediglich der Wagemut und die Schaffenslust des leitenden Ingenieurs waren bei der Projektgestaltung und Baudurchführung maßgebend und unter diesen Voraussetzungen hat der junge Lott unter den Augen des Baudirektors Etzel seine Laufbahn begonnen. Als Sohn eines Professors an der philosophischen Fakultät, Dr. J. C. Lott, am 25. März 1836 in Wien geboren, legte er daselbst seine Gymnasial- und Hochschulstudien ab und vollendete dieselben im Jahre 1859 an der Hochschule in Karlsruhe. Nach kurzer Verwendung im badischen Staatsdienst beim Eisenbahnbau ist er im Jahre 1861 bereits bei der Projektierung der Brennerbahn beschäftigt, wo er später mit der Ausführung der Strecke Patsch—Matrei betraut wurde. Nach Fertigstellung derselben wurde er von seinem ehemaligen Bauleiter zu Bahnbauten nach Ungarn berufen. Hierbei verschaffte er sich in Fachkreisen ein entsprechendes Ansehen und wurde, als sein damaliger Vorgesetzter Wilhelm v. Nördling zum Generaldirektor der österreichischen Staatsbahnen in Wien ernannt wurde, von diesem nach Wien berufen und an die Spitze der neu errichteten Bauabteilung der Direktion für Staatseisenbahnbauten gestellt. Dieser und ihrem neuen Leiter, Baudirektor Lott, harrte nun ein umfangreiches Bauprogramm, das sich auf fast alle Kronländer der damaligen Monarchie erstieckte und den Bau von 1350 km Bahn vorsah, da das österreichische Eisenbahnnetz damals noch lückenhaft war. Hierzu zählte auch der Bau der Arlbergbahn mit einer Länge von 137 km. Baudirektor Lott bewies bei der Abwicklung dieses Programms Baugeschichtliche Bilder von der Arlbergbahn. 49 größte Umsicht und zeigte bei der Durchführung der zum Teil sehr schwierigen Bauten seine große Meisterschaft . Seine Arbeitskraft schien unerschöpflich, er kannte kein Ruhebedürfnis. Er mutete sich aber zu viel zu, seine Gesundheit war auf die Dauer der Überanstrengung nicht gewachsen, sie legte den Keim zu früher Todeskrankheit. Ein tragisches Geschick ließ Lott die Vollendung des großen Bauprogramms namentlich seines Hauptwerkes, der Arlbergbahn, nicht mehr erleben. Ende 1882 zwang ihn ein ernstes Leiden aufs Krankenbett. Trotzdem er an den begonnenen Arbeiten noch regen Anteil nahm und die Schar seiner Mitarbeiter auf baldige Wiederherstellung hoffte, trat am 24. März 1883 der Tod als Erlöser an sein ■ Schmerzenslager. Er erreichte ein Alter von bloß 47 Jahren. Die Leitung der verwaisten Baudirektion wurde Oberinspektor Ing. J. Potschacher übertragen. Das Verdienst, die Arbeiten glänzend organisiert und eingeleitet zu haben, verbleibt Lott; er war der geistige Urheber, das Gelingen war nicht mehr zweifelhaft. Der große Erfolg, insbesondere der gelungene Bau der Arlbergbahn und die frühe Vollendung des großen Tunnels werden stets mit seinem Namen als Spitzenleistung im österreichischen Eisenbahnbau verknüpft bleiben. Aber selbst nach Vollendung der Arlbergbahn kam der unei - müdliche Schaffensgeist kühner Ingenieurkunst in dieser zerklüfteten Bergwelt nicht zur Ruhe. Diesmal galt seine Aufgabe der Bezähmung der in den wilden Tobeln und mächtigen Wasserfällen rastlos zu Tal stürzenden Wässer und der Nutzbarmachung ihrer Kräfte für den elektrischen Bahnbetrieb auf dieser Strecke. Fast 40 Jahre nach dem ersten Baugetriebe wurden im Klostertal neuerliche Arbeiterunterkünfte errichtet, kühne Seilbahnen gebaut und mächtige Bremsberganlagen hergestellt, Stollen vorgetrieben und gewaltige Rohrleitungen verlegt. Diesmal galt das Schaffen der Herstellung des Kraftwerkes Spullersee, das die Strecke Innsbruck—Bludenz mit elektrischer Energie versorgt und bereits ein Vierteljahrhundert die weiße Kohle für die Arlbergbahn liefert. Sogar bis zum heutigen Bild 5. Spullersee-Kraftwerk. ’■’-v -F^T*r**’ A * 50 K. Melicher: Baugeschichtliche Bilder von der Arlbergbahn. Tage ruht der Baubetrieb für die Arlbergbahn nicht, denn wieder regen sich im Klostertal werksame Hände, wieder ist ein Kraftwerk im Entstehen, das ganz in den Fels eingebaut werden wird, das Kraftwerk Braz. Der immer mehr zunehmende Bahnbetrieb fordert eine neue Energiequelle. Diese zweite Periode stolzer Ingenieurleistungen ist innig verknüpft mit dem Namen Paul Dittes, des Pioniers der Elektrifizierung der österreichischen Eisenbahnen. Sektionschef Dipl.-Ing. Paul Dittes wurde als Sohn des bekannten Schulmannes Dr. Friedrich Dittes am 16. Juli 1871 in Wien geboren, studierte Maschinen bau an der Technischen Hochschule in Wien und absolvierte diese mit ausgezeichnetem Erfolg. Nach vorübergehender Tätigkeit als Ingenieur bei der Siemens & Halske A. G. und den Siemens-Schuckert-Werken in den Jahren 1895—1907 trat er in den Dienst der österreichischen Staatsbahnen. Ihm oblag das Studium und die Ausarbeitung von Projekten für die Elektrifizierung verschiedener Teilstrecken des österreichischen Eisenbahnnetzes. Bei Errichtung des Elektrifizierungsamtes der deutschösterreichischen Staatsbahnen im Jahre 1919 wurde er zu dessen Direktor ernannt und setzte seine Tätigkeit als Leiter des Elektrifizierungsbaues auch nach Errichtung der Generaldirektion der Österreichischen Bundesbahnen weiterhin fort. An der Spitze eines Stabes ausgezeichneter Mitarbeiter ist es trotz großen technischen und finanziellen Schwierigkeiten ihm zu verdanken, daß die elektrische Zugförderung auf den Strecken von Salzburg bis zur Schweizergrenze und auf der Salzkammergutlinie von Stainach-Irdning nach Attnang-Puchheim in einer Gesamtlänge von 623 km eingeführt wurde. Ende 1928 schied Dittes infolge Meinungsverschiedenheiten, die sich im Zusammenhang mit der Frage der Fortsetzung der Elektrifizierung ergaben, von seinem Posten und trat 1929 in den Ruhestand. Er starb am 5. März 1940 in Wien nach kurzer schwerer Krankheit. Gleichwie der Name Lott wird der Name Dittes als Spitzenträger höchster Ingenieurleistung mit dem österreichischen Eisenbahnwesen verknüpft bleiben. Der Weitblick dieser beiden Männer, die es unter Einsatz höchsten persönlichen Verantwortungsbewußtseins und ohne feststehende Grundlinien verstanden haben, unbeschwert von ein engenden Vorschriften die durch die schwierigen örtlichen Verhältnisse gegebenen Aufgaben zu lösen, ist es zu verdanken, daß der Arlbergpaß mit einem den Anforderungen des Bahnbetriebes völlig entsprechenden Schienenstrang überschritten und so eine wichtige Verkehrsstraße bis an die Westgrenze Österreichs geschaffen wurde, die nicht nur in damaliger Zeit bereits notwendig war, sondern auch für die Gegenwart und in der Zukunft eine der wichtigsten Pulsadern der österreichischen Wirtschaft bildet. Quellen und Schrifttum. Biographische Angaben über Sektionschef Dipl.-Ing. Paul Dittes aus dem Personenarchiv des Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik in Wien. Röll, Karl : Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, Wien ... — Denkschrift der Staatsbahndirektion Innsbruck. Kitzbühel, die alte Bergstadt. Von Dipl.-Ing. Erich Kurzel-Runtscheiner. Mit 5 Abbildungen. Die Stadt Kitzbühel und ihr Bergbaurevier. Kitzbühel führt ein „redendes Wappen“: Ein „steigendes Gamskitz“ schreitet über die vom Volksmund als „Bühel“ bezeichneten Hügel hin, auf denen bereits im vierzehnten Jahrhundert, in dem dieses Stadtwappen entstanden sein mag, die Siedlung lag, die schon 1271 Stadtrecht erhielt, und jener Bergbau auf Edelerze umging, dem sie Bedeutung und Wohlhabenheit verdankte. So scheint der Name der Stadt, in deren Umgegend es in jener Zeit viele Gemsen gab, auf das selbstverständlichste erklärt und jeder weitere Versuch einer Deutung überflüssig. Und doch tauchen plötzlich Überlegungen auf, die andere Möglichkeiten der Entstehung des Namens beinhalten. So wird von einem im zwölften Jahrhundert lebenden Ministerialen Chizzo berichtet, in dessen Herrschaftsbereich die Örtlichkeit lag, wo damals die mittelalterliche Siedlung entstand. Vielleicht gehört aber die Lautfolge „Chizzo“ — und nicht nur diese, sondern auch jenes „Rero“, das sich in der Bezeichnung Röhrer- bühel verbirgt, von dem bald die Rede sein wird, und „Kelcho“, das wohl dem neuzeitlichen Kelchalpe zugrunde liegt, jenem Platz, wo in der Gegend von Kitzbühel urzeitlicher Bergbau umging — zu den Urresten jener längst erloschenen Sprache, die den Bewohnern des vorarischen Europa gemeinsam war*. Diese Beziehungen würden dann zu jenen „Sprungsteinen für unsere Vorstellung einer vorgeschichtlichen europäischen Welt“ zu zählen sein, die uns diesen Erdteil in traumhafter Ferne als „riesiges einheitliches ethnographisches Festland“, als „von einem einzigen Volk bewohntes Urgebilde“ sehen lassen 18 . Unter den Resten urzeitlichen Bergbaues, die uns bekannt sind, gehören jene der Kelchalpe bei Kitzbühel, wo die Alten nach Kupfererzen schürften, neben den Bauen im Gebiet von Mühlbach-Bischofshofen zu den immer wieder genannten Glanzstücken in der Reihe der archäologischen Denkmäler des Ostalpenlandes 13 . Das urzeitliche Bergbaugebiet Kelchalpe ist auf einem den Kitzbüheler Alpen zugehörenden etwa 5 km langen Höhenzug gelegen (Bild 1). Die Spuren der Schürf - * Auch die in der Umgegend von Kitzbühel vorkommenden Bezeichnungen Kaps und Götschen gehören augenscheinlich zu diesen Sprachresten; Götschen, das übrigens auch anderswo in den Ostalpen auf tritt, bedeutet stets eine Stelle urgeschichtlichen Bergbaues. 52 Erich Kurzel-Runtscheiner tätigkeit der Alten breiten sich in einem hochliegenden flachen Sattelgelände aus. Als „Kelchalpe“ im engeren Sinne wird das Gebiet westlich dieser Sattelregion bezeichnet, während das im Osten „Bachalpe“ genannt wird; beide bilden das Bergbaugebiet Kelchalpe, dessen Lagerstätten auch vom fünfzehnten bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Abbau genommen worden sind. Hier ging auch der urzeitige Bergbau um. Dessen obertägige Spuren bestehen fast ausschließlich aus Scheidehalden, während Pingen nur spärlich nachweisbar sind. Auch die Reste einer Siedlungsstelle, die im Zusammenhang mit der Aufbereitungsarbeit gestanden haben dürfte, wurden festgestellt. Die zeitliche Einordnung der mm :*E» £ SU* Bild 1. Kitzbühel, im Hintergrund die Kelchalpe. Funde ergibt die späte Bronzezeit. Anhaltspunkte für das Entstehen oder das Ende dieses Bergbaubetriebes liegen nicht vor; doch ist anzunehmen, daß er bald nach dem Beginn des ersten Jahrtausends v. Chr. aufhörte 13 . Besonders bedeutsam sind die vielen im Gebiet der Kelchalpe gemachten Holz- funde. Sie bestehen aus zahlreichen Resten von Geräten für die Arbeiten ober Tag und für die Arbeiten in der Grube sowie aus Holzgegenständen für den täglichen Gebrauch. Daneben wurden sogenannte Kerbhölzchen gefunden. Sie sind mit eingeschnittenen einfachen Zeichen versehen, wie sie sich in Tirol als Sippenzeichen oder als Hausmarken hier und da bis auf den heutigen Tag erhalten haben; von diesen wissen wir, daß sie, die weit älter sind als Wappenbilder, schon in vorgeschichtlicher Zeit verwendet wurden. Ursprünglich glaubte man in diesen Kerbhölzchen Personenmarken zu sehen, die der Belegschaftskontrolle dienten; der gefahrvolle Betrieb in der Grube würde eine derartige Maßnahme verständlich machen. Dieser Deutung widerspricht es aber, daß einige der Zeichen mehrmals Vorkommen. Daher nimmt man nun an, daß die Kerbhölzchen für bestimmte in das Gebiet des Kultus reichende Handlungen verwendet wurden: Diese Kelchalpenfunde sind also w T ohl „Loshölzer“, wobei die von Tacitus, cap. 10, überlieferte Art des Lösens am wahrscheinlichsten ist. Die Zeichen auf diesen Kerbhölzchen scheinen zum ältesten Bestand der Abbre- Kitzbiihel, die alte Bergstadt. 53 viationen zu gehören. Aus ihnen ergibt sich der Schluß, daß die Germanen oder die Illyrier, zu denen die urzeitlichen Bergleute der Kelchalpe gehörten, schon während der Bronzezeit eine Reihe von abstrakten Zeichen entwickelt hatten, denen Lautwerte entsprachen. Die Runen, in die die Zeichen auf den Kelchalpenfunden einzuordnen sind, wären dann auf eine sehr alte Reihe von Schriftzeichen zurückzuführen 18 . Nachdem in der Urzeit der Bergbau zum Erliegen gekommen war, ruhte dieser in der Gegend um Kitzbühel durch mehr als zwei Jahrtausende. Denn für die Angabe, daß die mittelalterliche Bergbautätigkeit hier schon 992 oder gar in vorkarolingischer Zeit aufgenommen worden wäre, fehlt jede urkundliche Begründung 5 - 8 . Erst anfangs des fünfzehnten Jahrhunderts zeigen die Belehnungsbücher der damals bayerischen Herrschaft Kitzbühel einen regen und für die damalige Zeit ertragreichen Bergbau, der von Münchner Gewerken betrieben wurde. In dieser Zeit entstanden die Neuschürfe auf Kupfer am Schattberg und auf Silber und Kupfer am Sinnwell. Besonders begünstigt wurde diese bergbauliche Tätigkeit auch durch die günstige Verkehrslage an der Straße, die einerseits von Ellmau, anderseits bei Söll aus dem Inntal ansteigend, höchstwahrscheinlich über den Astberg führte und von hier über Reith, Schloß Münichau, Seebichl und Schloß Lebenberg Kitzbühel erreichte, um von hier über Schloß Kaps nach dem Paß Thurn und über einen der Tauernwege nach Süden weiterzuziehen 7 . Um 1483 erhielt Kitzbühel durch den Herzog von Bayern eine neue Bergordnung 8 . 1505 aber konnte Kaiser Maximilian I. die Herrschaften Kitzbühel und Rattenberg, die damals zu den ergiebigsten Berg- und Hüttenrevieren gehörten, am Ende des Bayrischpfälzischen oder Landshuter Erbfolgekrieges als einst zur gefürsteten Grafschaft Tirol gehörende Landesteile in Besitz nehmen. Die ersten Jahre der neuen Herrschaft waren jedoch für den Kitzbüheler Bergbau wenig günstig, obwohl der Kaiser, der stets ein Förderer des Bergbaues war, 1507 für fünf Jahre den Silber Wechsel nachsah. Ein 1516 ausgebrochener Knappenaufstand und der Brand der herrschaftlichen Schmelzhütte bei Schloß Kaps 1517 beeinträchtigten zunächst den Eitrag. Bald besserten sich aber die Verhältnisse, wozu auch beitrug, daß spätestens 1534 der Erbstollen zur Gewältigung der Gr üben wässer des Schattberges fertig wurde. Er ist etwa 1500 m lang; sein Ausfluß in die Kitzbüheler Ache flußaufwärts der Stadt am ,,Högl“ ist noch heute sichtbar. Auch wurde 1536 in Pillersee ein Eisenbergwerk mit Schmelzhütte neu errichtet. Doch blieb der Kitzbüheler Bergbau trotz seiner vielen nachweisbar meist im Stollenbau betriebenen Gruben wenig ergiebig 5 . 8 . Als man aber 1540 in einer Gegend, in der man schon früher mit geringem Ertrag geschürft hatte — hier gefundene Reste und auch die alte Form des Namens „Rerobühel“ deuten auch auf urzeitigen Bergbau — die Teufe erschloß, wandelte sich dies wie mit einem Zauberschlag. Das Ereignis, das diesen Umschwung herbeifühlte, ist die später von der Sage umrankte „Erfindung“ der Silberschurfstätte am Röhrerbtihel: 1539 träumte am Rückweg von einem Kirchweihfest drei „wohlbezöchten Bauern“, Michel Rainer, Christian Gasteiger und Georg Brücker, als sie sich auf diesem Bühel, von der Nacht überfallen, unter einem Kirschbaum zum Schlafe niedergelegt hatten, der gleiche Traum von einem großen Schatz, der unter ihnen läge. Nach dem Erwachen erzählten sie sich ihre Träume, „schritten zur Aufscharrung der Erde und entdeckten 54 Erich Kurzel-Runtscheiner sogleich die großen Erzlager“ 6 . Tatsache ist, daß Gasteiger einem auf dem Hof ,,zu Gasteig“ im Außertal von Mareit bei Sterzing hausenden Bauerngeschlecht angehörte, dessen Mitglieder bald darauf als Bergleute und Gewerken in Tirol und namentlich im Kitzbüheler Revier tätig waren. Hieraus kann geschlossen werden, daß alle drei Entdecker des reichen Bergsegens Bergleute und nicht Bauern gewesen sind; dies insbesondere auch darum, weil die Kitzbüheler Belehnungsbücher der Jahre 1540—1560 wenigstens den einen von diesen, Michel Rainer, als neubelehnten Gewerken aufführen 5 . Das 1556 geschriebene „Schwazer Bergbuch“ 1 ’ 14 berichtet von bloß einem „alten Ertz-Knappen“, der „bei zwo Klafftern, durch die Tann roden, auf die grub körnen“. Gleich unter dem Rasen wurde schon das reichste Erzlager gefunden, das durch die Art seiner Lagerung zwar zum Schachtbau nötigte, aber eine bisher unbekannt reiche Ausbeute gab. „Nach solchem sein in wenig Zeit herumb etlich hundert grueben, unnd gepeuw aufgeschlagen, darnach sein diese gepeuw zusamen vertragen und daraus Zechen gemacht worden“ 1 . Kaum w r ar es am Röhrerbühel, wo der Bergbau sofort durch Zuzug der von allen Seiten herbeiströmenden Bergleute und Gewerken gewaltig ins Breite gegangen war, durch die zwangsweise Zusammenlegung der Grubenmaße zu einem geregelten Betrieb gekommen, als 1546 der von den Schmalkalden unternommene Einfall nach Tirol die Existenz sowohl der Kitzbüheler als auch manch anderer tirolischer Bergbaue in Frage stellte. Denn die vielfach der protestantischen Religion anhängenden Gewerken wurden als Verbündete der Eindringlinge verdächtigt, woraus das Recht abgeleitet wurde, alles in ihrem Besitz befindliche Silber und Kupfer in Beschlag zu legen. Man begnügte sich dann allerdings, um die baulustigen Gewerken nicht zu verlieren, mit dem Zwange, alles Silber in der Haller Münze einzulösen. Das Mißtrauen der katholischen Landesherren gegen die ketzerischen Gewerken und Knappen erlosch aber von damals an nicht mehr. Es führte 1575/76 zu einer Verfolgung protestantischer Diener der Gewerken und protestantischer Bergleute durch Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, die übrigens nicht nur in Kitzbühel allein, sondern in ganz Nordtirol für den gesamten Bergbau von nachhaltigstem Schaden war 5 . Seit dem Bestand des Bergbaues am Röhrerbühel hatte der Tiefbau bedeutende Fortschritte gemacht (Bild 2). Der hier seit 1540 im Lauf von 15 Jahren abgeteufte Heilig-Geist-Schacht galt damals, mit rund 900 m, als der tiefste der Erde. Der Gesellen-Schacht war 1559 etwa 500 m, 1567 schon etwa 700 m tief. Am Röhrerbühel stand auch die „böhmische Kunst“, eine mit Kehrrad betriebene Fördermaschine, die der „Wasserwerchmayster“ Wolfgang Lewscher (Lascher) um 1550 errichtet hatte. Sie förderte an vorarlbergischen Hanfseilen Erz in Holzkübeln und Grubenwasser in Säcken aus Ochsenleder zutage 1 - 9 . Trotz dieser Schwierigkeiten des Abbaues erzielten die Gewerken 1544—1558 in den elf Zechen des Röhrer- bühels einen Reingewinn von über 700.000 Gulden. König Ferdinand bezog von dort in den ersten Jahren seiner Regierung ein Jahreseinkommen von 15000 Gulden 8 . Über den „Abfall“ des Bergbaues am Röhrerbühel und im Kitzbüheler Revier überhaupt berichtet Joseph von Sperges in seinem 1765 erschienenen Werk „Tiro- lische Bergwerksgeschichte“ 3 , nachdem er jenen „in einem vor andern gesegneten Zustande gezeigt“, wie folgt: „dieser dauerte auch unter Erzherzog Ferdinanden, Kitzbühel, die alte Bergstadt. 55 und einige Jahre nach dessen Tode fort; wie denn vom Jahr 1563 bis 1607, nach Burglehners berichte 3 103 375 Centner 45 Pfund Kupfer daselbst gemacht worden*. Gewiß, mit so vielem Kupfer hätte man alle Dächer in einem großen Lande decken können. In dem Berggerichte Kitzbühel wurden zu derselben Zeit etliche und zwanzig Bergwerke gezehlet, und ich finde, daß sie zu Anfänge des siebenzehnten Jahr- hundertes noch sehr ansehnliche Gewerken und Schmelzer gehabt haben. Es waren die Grafen Fugger, die Rosenberger von Roseneck, die von Trübenbach, die Lasser von Lassereck, die Behaim von Nuremberg, Abraham Keybeck von Katzenstein und mehr andere Mitverwandte in dem Kessenthalischen und Küh- bergischen Handel. Aber bald hernach ist diess Bergwerk in ein schweres Verbauen irriirj x njwrGxmiw SJwiiM BOBKiäJ graft'?* .i *■ MM» Jo.' ■!***** rflCilBiii «•« fr».Wtufe aJV«.£rii~ .\*t, Ä'ftS-Äir^ö S». - — - -U^h» {JäA » im Miiilfm Bild 2. ,,Berg Mappe von dem alten Anno 1539 erfundenen Bergwerk am Rehrer- bichl im Leokenthale des Gerichtes Küzbichl in Tirol. Nach einer vorhandenen alten von Dionisi Helfer ano 1618 verfaßten Karte.“ Gezeichnet von Johann Jaufenthaler, veröffentlicht in Joseph Edler von Senger „Das verlassene Bergwerk am Röhrer Bühel“ in „Beiträge zur Geschichte, Statistik, Naturkunde und Kunst von Tirol und Vorarlberg“, Band 1, Innsbruck 1825. gerathen; zumalen da seine Erzte aus so tiefen Schächten mit unsäglicher Mühe und Gefahr zu Tage gefördert werden müssen. Es ist auch noch der Umstand dabey, daß die Zechen nicht allezeit gut Wetter haben 3 .“ Aus der Geschichte des Abstieges des Bergbaues am Röhrerbühel sei noch berichtet, daß dessen Fortführung seit dem Auftreten eines „Salzflusses“ in der Tiefe des Geisterschachtes bei einem 1632 erfolgten Wassereinbruch gesichert schien. Die Sole wurde mit hölzernen Pumpen gehoben und im nahen Oberndorf Salzpfannen aufgestellt. 1627—1639 wurden dort 400 000 kg Salz erzeugt. Bald aber zeigte sich die Sole so verunreinigt, daß die Salzerzeugung aufgegeben werden mußte. 1632 hatte das landesfürstliche Aerarium den gefährdeten Betrieb übernommen und ihn an die Fugger verpachtet 4 . 1659 endete der Vertrag mit diesen. Da die Fugger nicht mehr weiterbauen wollten, wurden die Schurfrechte von 1662 an vom Landesfürsten selbst ausgeübt. Der Bau war von den FuGGERn in sehr verfallenem Zustand übergeben worden. Nach neuer Gewältigung der Schächte und Strecken * (5) errechnet, daß der tatsächliche Ertrag nur etwa ein Zehntel der von Bürorechner angegebenen Menge betragen haben kann. 56 Erich Kurzel-Runtscheiner gab das Werk bis 1750 wieder Ausbeute. Bald aber überwogen die Verluste so sehr, daß man sich endlich zur Einstellung entschließen mußte. 1774 befahl eine Hofresolution die Auflassung und die Röhrerbüheler Gruben wurden nach einer Betriebsdauer von 234 Jahren gänzlich totgesprochen 5 - 6 - 8 > 9 - 12 . Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde der Versuch unternommen, den Bergbau an der einst so ergiebigen Stelle wieder aufleben zu lassen. Infolge des Krieges mußten aber die Arbeiten, die Erfolge versprachen, wieder eingestellt werden. 1938 wurde der Röhrer- bühel neuerlich, diesmal unter Anwendung modernster geophysikalischer Methoden, untersucht. Die Ergebnisse sollen günstig gewesen sein; der Ausbruch des zweiten Weltkrieges 1939 vereitelte aber jede Möglichkeit der Auswertung. Auch die um 1900 noch in Betrieb gestandenen Bergbaue des Kitzbüheler Reviers waren inzwischen aufgegeben worden, so 1906 der staatliche Kupferbergbau am Schattberg und 1926 der staatliche Kupferbergbau Kupferplatte in Jochberg. Trotzdem ist Kitzbühel heute ein aufblühender Ort. Dessen Wiederaufstieg nahm nach langem durch das Erliegen des Bergbaues verursachtem Stillstand vor etwa 50 Jahren seinen Anfang. Damals begann Kitzbühel als Fremdenoit bekannt zu werden. Der Besuch belebte sich seit der Eröffnung des Grandhotels 1903 von Jahr zu Jahr. Weitere Förderung brachte der Bau der Seilschwebebahn auf den Hahnenkamm 1925—1928 und die schon in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gemachte Entdeckung, daß Kitzbühel inmitten eines vortrefflichen Skigeländes liegt. Eine eben (1950) gebaute Seilschwebebahn auf das Kitzbüheler Horn wird die Anzugskraft des um die Stadt gelegenen Skigeländes noch erhöhen. Auch stehen den Wintergästen mehrere Skilifts sowie seit den Weihnachtstagen 1950 eine mit Natriumdampflampen erleuchtete Nachtpiste zur Verfügung, die die dritte Europas ist und über eine Höhendifferenz von 260 m führt. Trotz des neuzeitigen Lebens, das heute die alte Bergstadt und ihre Umgebung erfüllt, hat diese wie wenige andere ihr aus Jahrhunderten überkommenes Gesicht zu wahren gewußt. Von kaum einem der alten Städtchen des Alpenlandes kennt man aber auch die Baugeschichte so genau wie jene Kitzbühels, die durch authentische alte Abbildungen belegt ist. Die älteste bekanntgewordene Stadtansicht ist jene des Schwazer Bergbuches von 1556. Schon auf dieser erkennt man die auf dem nach drei Seiten steil abfallenden Hügel gelegene Stadt der Bürger und des Berggerichtes, zu deren Füßen sich die ge werbfleißigen Viertel ausbreiten und sich die Kraft der Wasserläufe zunutze machen (Bild 3). Damals wie heute stand inmitten der Stadt die sehr alte, 1365 erstmalig erwähnte Katharinenkirche, deren Turm noch bis 1875 als Wachtturm der Stadt diente; in ihm erklingt nun das 1950 eingebaute Glockenspiel. Außerhalb des Mauerringes der Stadt und von dieser durch einen heute überbrückten Taleinschnitt getrennt, ist der befestigte Friedhofsbezirk zu sehen. Hier steht die Stadtpfarrkirche zum hl. Andreas, die schon 1180 genannt wird. Sie erhielt durch einen 1435 begonnenen Umbau ihre heutige Gestalt. Leider wurden bei der 1660 vorgenommenen Barockisierung des Inneren der Pfarrkirche die dort angebrachten Epitaphien, unter denen sich mehrere von den Gewerkenfamilien gestiftete befanden, entfernt; sie sind heute nicht mehr auffindbar. Auch die in den Gewölbefeldern angebrachten Wappen der Gewerken verschwanden damals. Mitten im Friedhof steht auch der mächtige, 1566 aus älterem Bestand Kitzbühel, die alte Bergstadt 57 von Meister Wilhelm Egartner umgebaute und erhöhte sogenannte „Große Turm“, von dem aus seinerzeit die Schichtglocke ihre Zeichen gab, und zwei kleinere Kirchlein 11 . W ährend die Stadtansicht im Schwazer Bergbuch von 1556 mehr der allgemeinen Orientierung über das Kitzbüheler Bergbaurevier dienen sollte, zeigte die 1620 vom Kitzbüheler Bürger und Maler Andreas Faistenberger angefertigte Darstellung den Stadtkern in zwei Einzelzeichnungen sowohl vom Westen als auch vom Osten Bild 3. „Kitzpühl die Statt und Herrschaft“ aus dem Schwazer Bergbuch 1556. -Amw 2 . - sowie den sie umschließenden Kranz der Hügel und Berge in allen Einzelheiten 16 . Das Original ist einem im Wiener Staatsarchiv verwahrten Exemplar von Burg- lechners „Tiroler Adler“ beigeheftet. Eine Darstellung des Stadtbildes von gleicher Ausführlichkeit aus so früher Zeit hat keine andere tirolische Stadt aufzuweisen. Diese mit größter Gewissenhaftigkeit hergestellte Zeichnung zeigt, wie wenig sich der alte Baubestand des Stadtkernes bis heute verändert hat (Bild 4, 5). Besonders reizvoll ist auch die panoramaartige Darstellung der Umgegend der Stadt, die von Faistenberger wie von einem Mittelpunkt aus gesehen gezeichnet wurde 16 . Nun sei noch kurz über die Kitzbüheler „Bergverwandten“, über die Bergbaubeamten, über die Gewerken und ihre Faktoren sowie über die Bergleute selbst berichtet. In der Stadt amtierte seit dem fünfzehnten Jahrhundert der Landesfürstliche Bergrichter. Beisitzer des Berggerichtes, dessen Amtshaus das „Berggerichtshaus“ (heute Bezirkshauptmannschaft) gewesen ist, waren von der Knapp- 58 Erich Kurzel-Runtscheiner schaft aus ihrer Mitte gewählte Geschworene. Die Bergbeamten und die Knappen Tirols und unter diesen auch jene von Kitzbühel, hatten sich schon im fünfzehnten Jahrhundert durch ihre Tüchtigkeit Weltruf erworben. Neben ihren bergmännischen Kenntnissen waren es auch jene als Kriegsleute (als Artilleristen und als Mineure), die sie bekannt gemacht hatten 5 - 8 . Wie alle Tiroler Bergknappen waren auch jene aus dem Kitzbüheler Berggericht biedere, wenn auch rauhe Gesellen, tüchtig bei der Arbeit, aber auch lebensfroh, dem Gesang, Saitenspiel und den theatralischen Vorstellungen keineswegs abgeneigt. Mit herrischem Auftreten richtete niemand bei den Tiroler Knappen etwas aus. Religion war ihnen eine tiefernste Sache. Viele wandten sich der neuen Lehre zu und verließen lieber Arbeitsstätte und Heimat, als diese aufzugeben. Diese Zuneigung zum Luthertum bedeutete damals aber nicht bloß eine religiöse, sondern auch eine soziale Stellungnahme. Mit dieser Gottesfurcht vertrugen sich aber ihrer Ansicht nach recht gut Kalten- und Würfelspiel sowie langes Sitzen im Wirtshaus. Von Kind auf an harte Arbeit gewohnt, fingen die meisten Knappen schon mit zehn bis zwölf Jahren als Säuberjungen an, arbeiteten sich als Truhenläufer zum Häuer und Hutmann empor und manche erreichten auch höhere Stellen unter den Bergbaubeamten 5 - 8 . Viele Praktiker der Vergangenheit von großem Wirkungskreis waren in ihrer Jugend einfache Tiroler Bergleute gewesen. Unter diesen ragt besonders Hans von Gasteiger (1499—1577) hervor, der als Flußbaunieister an der Donau und an der Enns Bedeutsames leistete 19 . Im Bergwerk arbeiteten die Knappen mit ihrem „Gezäh“ entweder als „Herrenhäuer“ im Taglohn oder als „Lehenhäuer“ auf Akkordlohn, der nach dem erbauten Erz oder nach der erbauten Strecke bemessen wurde. Den Arbeitsgruppen, in denen sie zusammengefaßt waren, stand der „Poyss“ (heute in USA. „boss“) vor. Der Lohn wurde von den Gewerken jährlich etwa achtmal bei der „Raitung“ ausbezahlt. Einen Teil des Lohnes bekamen die Knappen als „Pfennwert“ in Verpflegsgütern. Über deren Anrechnungspreis entstand oftmals Streit zwischen Gewerken und Knappschaft. Mit größter Strenge wurde gegen die Ausspähung der Gruben vorgegangen 5 - 8 . Auch sei erw r ähnt, daß — wie überhaupt in Tirol — so auch im Kitzbüheler Bergbaurevier das Markscheidewesen schon von der Wende des Mittelalters- zur Neuzeit an auf hoher Stufe stand 15 . Viele Angehörige der tirolischen Patriziergeschlechter betätigten sich als Gewerken. Unter diesen seien die Familien der Stöcke, Tännzl, Jöchl und Geiz- koeler erwähnt. Sie zeichneten sich dadurch aus, daß sie rationelle Bergwirtschaft betrieben und den Knappen zukommen ließen, was ihnen gebührte. Dagegen betrieben die mächtigen, von auswärts gekommenen Gewerken vielfach Raubbau und bedrückten die Knappen. Aber nur diese kapitalskräftigen Unternehmer vermochten in Krisenzeiten solche Summen aufzuwenden, wie sie für die Fortführung der Betriebe nötig waren 4 - 5 > 8 . Mußte ein Betrieb eingestellt werden, dann nannte man dies „die Reibeisen abreissen“. Denn die Reibeisen, die auf den Trambahnen aufgenagelten Eisenstreifen, die die in Tirol „Truhen“ genannten Hunde in den Stollen und in den Strecken führten, waren das Symbol des technischen Fortschrittes, der um die Wende des fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert eingesetzt hatte und durch den sich der tirolische Bergbau stets, vom Anbeginn bis zum Erlöschen, ausgezeichnet hat. Kitzbiihei, die alte Bergstadt. 59 Das Heimatmuseum von Kitzbühel. In Tirol wird, wie auch anderswo, die Sammlung und Bergung der immer spärlicher werdenden Schätze heimatlicher Vergangenheit, heimatlichen Volkslebens und bodenständiger Technik in Ortsmuseen nunmehr ernsthaft betrieben. Seit 1934 besitzt auch Kitzbühel ein Heimatmuseum 20 . Dessen Sammlungen sind in drei Stockwerken eines alten, neben dem Berggericht gelegenen, turmartigen Gebäudes Bild 4. „Stat Kitzpichel a. 1620“, federgezeichnete und handkolorierte Vogelschau-Ansicht von Andreas Faistenberger 1620. i*' * 'MM mm >««■■»11 SM MF JyÄ'*- ' - - dieser Stadt untergebracht, neben einem Bau also, der an die große Vergangenheit der Stadt und der Herrschaft Kitzbühel erinnert. Das Gebäude, in dem das Heimatmuseum untergebracht ist, gehört — wie alle Häuser der Stadt Kitzbühel, deren Häuserfronten den Rand der alten Stadt bildeten — zum Kranz des Befestigungsgürtels der einst wehrhaften Siedlung. Es ist nur natürlich, daß im Ortsmuseum einer Stadt, die der Mittelpunkt eines einst blühenden Bergbaureviers gewesen ist, die Sammlungen neben stadtgeschichtlichen Teilen auch technikgeschichtliche Erinnerungen umfassen. Diese sind in zwei Gruppen, „Bergbaugeschichte“ und „Zunft und Handwerk“ gegliedert. Die bergbaugeschichtliche Gruppe verwahrt zahlreiche wertvolle Funde aus der Zeit des urgeschichtlichen Bergbaues auf Kupfer, der auf der Kitzbühel benach- Technikgeschichte, 12. Heft. 5 60 Erich Kurzel-Runtscheiner harten Kelchalpe von wahrscheinlich veneto-illyrischen Bergleuten im zweiten Jahrtausend v. Chr. betrieben wurde 13 * 21 . Aus geschichtlicher Zeit sind zahlreiche Karten und Pläne der heimischen Bergbaue und Zeichnungen alter Bergwerksund Hüttenanlagen sowie alter Bergmanns Werkzeuge vorhanden. Bergordnungen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts zeigen die rechtlichen und sozialen Verhältnisse jener Zeit auf. Auch sehen wir ein Zunftzeichen der Knappen des Eisenhüttenwerkes in Pillersee und große farbige Amtsschilder des Hüttenwerkes in Küssen aus der österreichischen und aus der bayerischen Verwaltungsperiode. Neben einer Sammlung der wichtigsten heimischen Gesteinsarten geben zahlreiche SÄ HU. ( „f