FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE DREIZEHNTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 26 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG • 1951 TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE Bisher erschienen: Heft 1 1932. 214 S. 8 Tafeln und 88 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Aus dem Inhalt: H. Srbik, Die Kulturverbundenheit der Technik. — L. Erhard, Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. — K. Holey. Der Schutz der technischen Denkmale in Österreich. — Österreich als Ingenieurland: J.Fuglevicz, Das Bergwesen Österreichs. — 0. Keil-Eichenthurm, Das Hüttenwesen Österreichs. — E. Merlicek, Österreichs Wasserbau. — F. Brock, Österreichs Energiewirtschaft. — B.Enderes, Das österreichische Verkehrswesen. — E. Stelzer, Technologie. — 0 Kunze, Technisch-wissen- schaftliche Institutionen. — G. Kyrle, Die Gold-, Silber-, Blei- und Kupfergewinnung in urgeschichtlicher Zeit der österreichischen Alpen.—F. Sedlacek, Thyrsenblut. — G. Hradil, Der Geistschacht am Röhrerbühel in Tirol. — A. Löhr, Altösterreichische Münzstätten. — A. Demmer, Haswell und seine dampf-hydraulischen Schmiedepressen. — 0. Böhler und H. Schwoiser, Zur Geschichte des österreichischen Edelstahles. — K. Tänzer, Sondergewerbe in der Eisenwurzen. — H.Pösendeiner, Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. — L. Hauska, Bedeutende Holzbringungsanlagen des 12. bis 19. Jahrhunderts in Österreich. — E. Merlicek, Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft.—Alte Salzwege vom Salzkammergut nach Böhmen: C. Schraml, Der Weg des Salzes von Hallstatt nach Linz. — J. Sames, Der Weg des Salzes von Linz nach Budweis. — F. Drexler, Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich. Persönliche Erinnerungen. — H. Pfeuffer, Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik. — E. Descovich, Fritz Franz Maier und seine Schiffsform. — Mitteilungen und Berichte: S. Brosche, Gründungsgeschichte des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. — Das Forschungsinstitut für Geschichte der Technik, aktenmäßig dargestellt von der Institutsleitung. — J. Leisching, Ein altes Wendeltreppen-Modell im Salzburger Museum. — A. Bihl, Bibliographie zur Geschichte der Technik Österreichs. Heft 2 1934. 85 S. 30 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Aus dem Inhalt: F. Sedlacek, Auer von Welsbach. Heft 3 1936. 101 S. 64 Abb. und ein Kunstblatt. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Aus dem Inhalt: L. Erhard, Vom Lebenssinn der Technik. — A. Lechner, Viktor Kaplan. — F. Sedlacek, Die Dr. Carl Auer-Welsbach-Gedächtnisausstellung im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien. — Mitteilungen und Berichte: Tätigkeitsbericht des österreichischen Forschungsinstitutes für Technikgeschichte. — Die Enthüllungsfeier des Auer-Welsbach- Denkmals. — Buchbesprechung: Lebenserinnerungen von Dr. techn. h. c. Dr. mont. h. c. G. Günther. — A. Bihl, Bibliographie zur Geschichte der Technik. — Erläuterung zum Kunstblatt: Haymon und Thyrsus. Heft 4 1938. 80S. 38 Abb. Schriftleitung Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Fortsetzung auf der III. ümtchlageeüe. BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE V v : l*Tr‘ i.&il* ‘*i^?** TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE DREIZEHNTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 26 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG • 1951 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzun in fremde Sprachen, Vorbehalten. Printed in Austria. Inhaltsverzeichnis. Seite Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. Von Dr.-Ing. Paul Dolch, Linz. 1 Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. Von Dipl.-Ing. Erich Kurzel-Runtscheiner . 22 Alfred Collmann. 48 Mitteilungen und Berichte: Nikola Tesla-Kongreß. Von Dr. Josef Nagler. 55 Technikgeschichtliche Bücherschau. Von Dipl.-Ing. Erich Kurzel-Runtscheiner 56 Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1952. Von Therese Stampfl. 69 .unti'Mwri ::»1 -TM *'/ »A \>r » K <>] .MX4.M n *U " ; ,f >»r*t '•■:*/ .Ü**- l •■»■»ft*. £" r if® Y» V-Tv^.‘r y -.' . ■'■M' d-y $ 1 Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. Von Dr. Ing. Paul Dolch, Linz. Mit 8 ganzseitigen Bildern und 3 Textbildern. „Wer bewirkt, daß dort, wo ein Halm wuchs, deren zwei wachsen, der leistet mehr für sein Volk als ein Feldherr, der eine große Schlacht gewinnt.“ Justus von Liebig 1 * . I. Die Bausteine, die die mannigfaltigen P^ormen der Pflanzenwelt gestalten, sind die Zellen; diese bestehen aus den im wesentlichen aus Kohlenstoff, AVasser- stoff und Sauerstoff aufgebauten Zellwänden und der in ihnen gespeicherten Protoplasmaflüssigkeit. Das Protoplasma ist die lebende Substanz der menschlichen, tierischen und pflanzlichen Zelle, der Träger aller Lebenserscheinungen; es besteht vorwiegend aus Eiweißstoffen, die neben Kohlenstoff, AVasserstoff und Sauerstoff noch Stickstoff enthalten. Da die Eiweißstoffe der Pflanzen eine wesentliche Grundlage der menschlichen Ernährung bilden, ist aller gebundener Stickstoff aufs engste mit dem Leben verknüpft und umgekehrt. Es ist ersichtlich, wie wichtig gerade die Stickstof ff rage für das Leben auf der Erde ist. AVährend die Pflanze die stickstofffreien Stoffe durch Aufnahme und Assimilation von AVasser aus dem Boden und Kohlensäure aus dem Reservoir der umgebenden Luft aufbaut, ist es ihr, abgesehen von einer Familie der Pflanzen, den Schmetterlingsblütlern, verwehrt, den ungebundenen Stickstoff direkt zu assimilieren. Die Pflanze kann im allgemeinen den Stickstoff nur in gebundener Form, und zwar vornehmlich als Salpeterstickstoff, aufnehmen. f]s ist also dazu erforderlich, daß, abgesehen von den bei der A 7 erwesung der Pflanzen am Ort entstehenden Stickstoffverbindungen (Gründüngung) und den geringen Mengen Stickoxyden, die sich durch elektrische Entladung in der Atmosphäre bei Ge- 1 Zur Geschichte dieses „HALM-Zitates“ siehe „Umschau“ 46 (1942), S. 539 und 47 (1943), S. 43. 2 Paul Dolch: wittern bilden, der Mensch willkürlich in die Natur eingreift und den für das Pflanzenwachstum erforderlichen Stickstoff, sei es als Stallmist, sei es als mineralischen Stickstoffdünger, zuführt. Die Landwirtschaft blieb, nachdem die Menschen seßhaft geworden waren, jahrhundertelang in ihrer primitiven technischen Entwicklung stehen. Es war schon ein großer Erfolg, daß seit dem 18. Jahrhundert in fortschreitendem Umfang die notwendige Erholung des Bodens nicht mehr durch Brachliegen des Bodens, sondern durch Fruchtwechsel erreicht wurde. Revolutionierend aber wirkte erst die tief eingreifende Erkenntnis in die Eigenart der Pflanzenernährung, die wir Justus von Liebig verdanken. Mit der Schrift „Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur“ (1840) hat Liebig die moderne Düngerlehre begründet. Aus ihr ging die Fabrikation von mineralischem Dünger in großem Ausmaß hervor, auf ihren Forderungen wurde die moderne Stickstoffindustrie aufgebaut, die mit ihren Verfahren und ihren Anlagen einem neuen Zeitalter der technischen Chemie ihren Stempel aufgedrückt hat. Welches Ausmaß der Nährstoffentzug durch die Ernte, bezogen auf den durchschnittlichen Ertrag in kg/ha annimmt, ist aus folgender Tabelle zu entnehmen : Tabelle l 1 . Durchschnittlicher Ernteertrag dz/ha Nährstoffentzug kg/ha N P 2 0 6 K 2 0 Winter weizen.. 17,1 43 22 48 Winterroggen. 15,4 42 24 54 Sommergerste. 16,9 43 21 43 Hafer. 13,9 30 19 38 Spätkartoffel . 114,7 50 20 70 Zuckerrübe. 182,3 70 24 75 Der Handelsdüngerverbrauch Österreichs betrug hingegen im Düngerjahr 1948/49, ausgedrückt in t Reinnährstoff bzw. in kg/ha, wie in Tab. 2 angegeben: Tabelle 2. N 2 P 2 O s k 2 o Gesamtverbrauch . 19 600 25 600 18700 t pro ha der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche. 4,70 6,15 4,50 kg/ha ohne alpines Grünland und Streuwiese . 6,05 ' 8,20 5,80 kg/ha 1 Entnommen den Stat. Nachrichten des Österr. Stat. Zentralamtes für das Jahr 1949. Erläuterungen zu nebenstehendem Bild 1. Im Vordergrund der Salzspeicher, links dahinter der Bau für die Ammoniakverbrennung und anschließend die Kondensationsanlage für die Salpetersäure. Weiter rechts in der Mitte des Bildes die Gasfeinreinigung mit der Laugeregeneration. Dahinter, schlecht erkennbar, der Bau für die Syntheseöfen. Weiter rechts die große Kompressorenhalle. Im Hintergund die Linde-Anlage und die Niederdruckbetriebe mit den Gasbehältern. Im Hintergrund der Landschaft die Berge jenseits der Donau und das Kraftwerk der VÖEST. aun mmmm Hüll Bild 1. Blick vom Spritzturm auf die Werksanlage. pw T " ""T ssssi -I * M Bild 2. Blick auf einen Teil des Niederdruckbetriebes (Kohlenoxydkonvertierung) mit dem Schlußkühler. JL — Mim*, WtA |S&f. ^y -■** ; 4I&.» ... - *f:4‘ ft ■ pmpttm . 'i’iht _ 000 mm t. j a wtmm mttmt* Bild 3. Bedienungsraum zur Steuerung der Niederdruckbetriebe. Xj-'X mm Bild 4. 300 atü-Kompressoren zur Verdichtung des Synthesegases. Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 3 Es ist ersichtlich, welch krasse Differenz zwischen der dem Boden entzogenen Stickstoffmenge und der durch mineralischen Dünger zugeführten Stickstoffmenge besteht. Aus der folgenden Tabelle entnehmen wir, welche Stickstoffmengen in anderen Ländern aufgewendet werden. Von Interesse ist es nun, die Hektarerträge in diesen Ländern mit dem durchschnittlichen Ernteertrag in Österreich zu vergleichen. Während in Frankreich Stickstoffverbrauch und Ernteertrag sich ungefähr in ähnlichem Verhältnis halten wie in Österreich, zeigen die Zahlen für Deutschland, in welch hohem Ausmaße ein hoher Düngerverbrauch sich auf das Ernteerträgnis auswirkt. Der wirtschaftliche Wert, den die zugeführten Düngemittel darstellen, ist in der Wirtschaft eines Landes ein großer Posten; für Österreich betrug der Wert für Stickstoffdünger bei einem Stickstoffverbrauch von 19600 t im Düngerjahr 1948/49 (bei einem Hektarverbrauch von nur 6,05 kg/ha) rund 80 Mill. S. Wie sehr dieser Wert noch gesteigert werden kann, zeigen die oben angeführten Zahlen für Deutschland. Tabelle 3. D üngerverbrauch kg/ha Frankreich Deutschland N 2 8,1 29,4 p 2 o 5 19,7 32,2 k 2 0 11,8 49,1 Tabelle 4 2 . Hektarerträge dz/ha 1938 Frankreich Deutschland Weizen. 18,6 27,4 Roggen. 12,9 20,2 Gerste. 17,0 25,4 Hafer . 16,8 23,6 Kartoffel (1935/38) . 110,0 170,6 Zuckerrübe (1935/38). 164,0 321,3 Die Düngerindustrie, insbesondere die Stickstoffdüngerindustrie, ist also für die Wirtschaftslage eines Landes von hoher Bedeutung, und daraus ergibt sich das Bestreben, in den einzelnen Ländern eine eigene chemische Düngerindustrie aufzubauen. Es gab eine künstliche Stickstoffindustrie von altersher, nämlich die Gewinnung von Salpeter in den sogenannten Salpeterplantagen. „überall, wo zufällig tierische Substanzen in unmittelbarer Berührung mit Kalk, Kohle und Sand an freier, ruhender Luft in Fäulnis übergehen, ist die reichliche Bildung jenes salpetersauren Salzes beobachtet worden, und diese 2 Aus Adolf Weber: „Weltwirtschaft“, 4. Aufl. 1950. 4 Paul Dolch: Beobachtung hat denn auch den Weg gezeigt, den Salpeter willkürlich entstehen zu machen, also künstlich zu erzeugen“, berichtet Reinhold Frhr. v. Reichenbach in: „Einige Bemerkungen über Salpetererzeugung“ der k. k. geologischen Reichsanstalt zur Veröffentlichung mitgeteilt am 26. Mai 1850 — und fährt fort: „Wenn man, wie es wohl bisher an den meisten Orten der Fall war, die Salpetergewinnung nur etwa als landwirtschaftliches Nebengeschäft betreibt, wo an Raum und Zeit wenig gelegen ist, da kann auch jenes gewöhnliche Verfahren genügen. Anders ist es jedoch, wenn die Aufgabe gestellt würde, eine gewisse sehr große Menge Salpeter jährlich zu erzeugen, oder wenn es sich darum handelte, den Staat gänzlich unabhängig von aller auswärtigen Zufuhr dieses wichtigen Materials zu machen.“ Damit hat Frhr. v. Reichenbach vor hundert Jahren mit seherischem Auge eine Aufgabe erkannt, die erst nach Menschenaltern greifbar in Erscheinung getreten ist. Der Weg, den Reichenbach wies, nämlich eine Rationalisierung des Salpeter-Plantagenbetriebes, konnte noch keine befriedigende Lösung der Aufgabe bringen, zumal da die Sorgen um den Stickstoffkonsum durch die Ausbeutung der Salpeterlager in Chile sich beruhigt hatten, bis um die Wende des Jahrhunderts das Problem erneut in Erscheinung trat. Doch ist es immerhin von Interesse zu sehen, wie bereits vor hundert Jahren das Problem der Massenerzeugung von künstlichem Stickstoff erkannt wurde und eine Lösung versucht worden ist. In den Salpeterplantagen wurde der Stickstoff der organischen Substanz abgebaut und in mineralischer Form als Salz gewonnen. Einen ähnlichen Vorgang finden wir bei der sogenannten Stickstoffgewinnung als Nebenprodukt bei der Verkokung und Vergasung der Kohle, eine Quelle zur Gewinnung von Stickstoffverbindungen, insbesondere von schwefelsaurem Ammoniak, die lange Zeit für die Belieferung der Landwirtschaft mit einheimischem Stickstoffdünger von großer Bedeutung war. Bei der Behandlung von Brennstoffen in der Wärme zum Zweck, Koks und Gas zu erzeugen, geht ein Teil des im Brennstoff vorhandenen gebundenen Stickstoffs als Ammoniak in das Gas über, aus dem das Ammoniak durch Waschen mit Schwefelsäure in Form von Ammonsulfat abgeschieden wird. Im Jahre 1898 hielt Sir William Crookes vor der British Association in Bristol eine Rede, die ein durchdringendes Echo fand. Er sagte unter anderem: „Die Weizenernte der Welt hängt von den Salpeterlagerstätten in Chile ab; eine Welthungersnot ist unvermeidlich, wenn es nicht gelingt, künstlich den Stickstoff der Luft in die Form von Düngemitteln zu bannen... Die Frage der Stickstoffbindung ist einö Frage auf Leben und Tod für die kommende Generation.“ Ein erster vehementer Vorstoß in der Richtung der Erzeugung von synthetischem Stickstoffdünger aus dem Stickstoff der Luft, der technisch und Wirtschaft- Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 5 lieh von großem Interesse ist, eine endgültige Lösung der Erzeugung von Stickstoffdünger aber nicht brachte, erfolgte um die Jahrhundertwende, als die Elektrochemie als neue Wissenschaft und Technik auf den Plan trat. Der freie atmosphärische Stickstoff kann, wie bereits bemerkt, im allgemeinen den höheren Pflanzen nicht als Nahrung dienen. Es war aber schon seit langem bekannt, daß bei elektrischen Entladungen in der Luft eine wenn auch nur geringe Bildung von Stickoxyden eintritt. Aus dieser Erkenntnis erwuchs der Versuch, diesen Vorgang auf breiterer Basis in die Technik einzuführen. Auf Grund physikalischchemischer Daten wußte man, daß bei genügend hohen Temperaturen das Gleichgewicht der Stickoxydbildung aus Stickstoff und Sauerstoff in die Richtung der Bildung höherer Konzentrationen an Stickoxyd verschollen war; beim Sinken der Temperatur aber zerfiel das bereits gebildete Stickoxyd wieder in Stickstoff und Sauerstoff. Der Grad des Zerfalls hing von der Abkühlungsgeschwindigkeit der Gase ab; bei genügend hoher Abkühlungsgeschwindigkeit gelang es, eine so weitgehende Bildung der Stickoxyde zu erhalten, daß das Verfahren der Bildung von Stickoxyden im elektrischen Lichtbogen Aussicht auf Erfolg versprach. Im wesentlichen kam es darauf an, durch geeignete Ausbildung des Lichtbogens, sei es durch magnetische Verblasung (Birkeland-Eyde), durch Ausziehen des Lichtbogens in die Länge (Schönherr, Badische Anilin- und Soda- Fabrik) oder durch Anwendung des Prinzips des Hörnerblitzableiters (Pauling) oder in ähnlicher Weise für ein Abschrecken der Gase und ein Einfrieren des Stickoxydgleichgewichtes bei hohen Temperaturen zu sorgen. Das gebildete Stickoxyd wird in Waschtürmen mit Wasser aus dem Gas ausgewaschen und mit Kalk in Kalziumnitrat übergeführt, das in fester Form als Kalksalpeter, Norgesalpeter usw. in den Handel gebracht wird. Diese Bindung des Luftstickstoffs im Lichtbogen hat sich auf die Dauer nicht durchsetzen können und ist, nicht ohne wichtige Anregungen auf anderen Gebieten zu hinterlassen (z. B. Anwendung des ScnöNHERR-Ofens als Gaserhitzer beim Ed win- Verfahren zur direkten Reduktion von Eisenerzen mit Gasen oder bei der Erzeugung von Äthylen und Azetylen aus Koksofengas bzw. Erdgas), in Vergessenheit geraten. Ungefähr gleichzeitig mit den Bestrebungen, den Stickstoff der Luft mit dem Luftsauerstoff im elektrischen Lichtbogen zu binden, gingen Versuche verschiedener Art, den Luftstickstoff in eine chemische Bindung mit Kohle und Alkali zu bringen; als wesentliches Ergebnis dieser Bemühungen entstand die Kalkstickstoffindustrie, bei der die Bindung des atmosphärischen Stickstoffs durch überleiten von Stickstoff über erhitztes Kalziumkarbid erfolgt. Das Verfahren setzt die Großerzeugung von Kalziumkarbid voraus, das durch Zusammenschmelzen von Kalk und Koks im elektrischen Niederspannungsofen gewonnen wird. Das Verfahren wurde durch die Bayerischen Stickstof f werke u. a. zu größten Ausmaßen entwickelt und hat insbesondere in der Übergangszeit im 2. und 3. Jahrzehnt unseres Jahrhunderts wertvolle Dienste geleistet. Der bei der sogenannten Azotierung des Karbids entstehende Kalkstickstoff ist durch seinen hohen Gehalt an Kalk und seine besonderen Eigenschaften auch heute noch ein geschätzter Stickstoffdünger, dessen Erzeugung vor allem dort in Erwägung gezogen bzw. durchgeführt wird, wo große Mengen von elektrischem Strom zur Erzeu- 6 Paul Dolch: gung des Kalziumkarbids im elektrischen Ofen zu billigen Preisen zur Verfügung stehen. Gegenüber der Ammoniaksynthese und der Stickoxydbildung im Lichtbogen hat das Kalkstickstoffverfahren den wirtschaftlichen und technischen Vorteil, daß der Stickstoff direkt in einer für Düngezwecke brauchbaren Form anfällt, ohne daß erst eine sekundäre Überführung des erzeugten Ammoniaks durch Bindung mit Säuren oder umgekehrt erforderlich wird. Das Bessere ist des Guten Feind: Dies erwies sich in der synthetischen Bindung von Stickstoff wieder einmal als gültiger Leitsatz, als auf Grund sorgfältig durchgeführter Laborversuche Haber 1908 in unermüdlicher Arbeit daranging, die direkte Bindung des Stickstoffs an Wasserstoff zu einem technischen Verfahren auszubauen. Die physikalische Chemie wies den Weg, indem aus den Gesetzen der Gleichgewichtslehre das Temperaturgebiet, die Beständigkeit und der Einfluß des Druckes in ihrer Bedeutung klar herausgestellt wurden. Ein zweiter Kreis von Problemen ergab die Lehre von der Reaktionsgeschwindigkeit, die durch Reaktionsbeschleuniger (Katalysatoren) auf technisch brauchbare Höhe gebracht wurde. Als weiteres Problem entstand mit der Ammoniaksynthese das Problem der Beschaffung größter Mengen von Wasserstoff in wirtschaftlicher Weise; daneben spielten bei der technischen Durchführung der Ammoniaksynthese (550° C, 300 atü) Materialfragen eine hervorragende Rolle und schließlich mußte das erzeugte Ammoniak in eine für die Landwirtschaft brauchbare Form eines Düngesalzes übergeführt werden. Mit der Ammoniaksynthese von Haber-Bosch war durch die Badische Anilin- und Sodafabrik eine Großtat technischen und wirtschaftlichen Erfolges gesetzt, mit der ein neues Zeitalter der technischen Chemie begonnen hat. Nur wenige Jahre später reihten sich an den Erfolg der Ammoniaksynthese auf Grund der Erfahrungen der Hochdrucktechnik die schönen Erfolge der Hochdruckhydrierung, der Kohlenwasserstoffsynthese, der Kohlenwasserstoffspaltung und ähnlicher Verfahren. Mit der Ammoniaksynthese ist das Problem der Gewinnung größter Mengen Wasserstoffs zu wirtschaftlichen Preisen akut geworden. Als Grundlage kam zunächst die Gewinnung von Wasserstoff aus Wassergas in Frage. Bei der Wassergaserzeugung durch Einwirkung von Wasserdampf auf Koks entsteht ein Gasgemisch, das im wesentlichen zu etwa gleichen Teilen aus Wasserstoff und Kohlenoxyd besteht. Die Trennung der beiden Gase wurde zunächst durch Verflüssigung bei tiefen Temperaturen durchgeführt; vorteilhafter erwies es sich, das Kohlenoxyd durch überschüssigen Wasser dampf an Katalysatoren bei etwa 420° C in Kohlensäure und Wasserstoff umzuwandeln. Die Trennung von Kohlensäure und Wasserstoff erfolgt durch Druckwäsche mit Wasser bei 20 bis 30 atü. Der verbleibende Rohwasserstoff bedarf noch der sorgfältigen Behandlung zwecks Reinigung von Fremdkörpern, bevor er der Hochdruckapparatur zugeführt werden kann. Die Beschaffung von Stickstoff kann entweder direkt durch Verflüssigung der Luft und Trennung ihrer Bestandteile erzeugt werden, es können aber auch die nötigen Stickstoffmengen z. B. in Fotm von Generatorgas, das bei der Vergasung von Koks mit Luft entsteht, in den Syntheseprozeß eingeführt werden, wobei das im Generatorgas vorhandene Kohlenoxyd durch Umsetzung mit überschüssigem Wasserdampf _ wie oben beschrieben _ gleichfalls in Wasserstoff Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 7 übergeführt wird. Von diesem Schema, das für die Errichtung der ersten Großanlagen grundlegend wurde, kann je nach den besonderen örtlichen Bedingungen abgewichen werden; insbesondere können an Stelle von Wassergas andere Gase, wie Koksofengas oder natürliches Erdgas und ähnliche Gase, verwendet werden, sei es, daß man aus dem Koksofengas durch teilweise Verflüssigung Wasserstoff gewinnt, sei es, daß man durch reine Wasserdampfoxydation oder durch partielle Verbrennung mit Sauerstoff oder Luft ein Wasserstof f-Kohlenoxyd-Stickstoff- Gemisch erzeugt, das durch Behandeln mit überschüssigem Wasserdainpf, ähnlich wie bei Wassergas, und durch Druckwäsche und Feinreinigung in ein reines Stickstoff-Wasserstoff-Gemisch für die Ammoniaksynthese übergeführt wird. Unter besonderen Verhältnissen, wenn billiger Abfallstrom zur Verfügung steht, wird für die Ammoniaksynthese an verschiedenen Stellen elektrolytisch erzeugter Wasserstoff, der sich durch besondere Reinheit auszeichnet, als Rohstoff verwendet. Das durch die Synthese gewonnene Ammoniak muß in eine für die Düngung brauchbare Form übergeführt werden. Dies geschah zunächst in einer bei der Gewinnung des sogenannten Nebenproduktionsammoniaks bei der Kokerei und Vergasung üblichen Weise durch Bindung des Ammoniaks mit Schwefelsäure, erst direkt, später unter Vermeidung der Schwefelsäurefabrik durch Umsetzung von Ammoniak und Kohlensäure mit Gips in Rührwerken. An Stelle von Schwefelsäure kann das Ammoniak auch an Salpetersäure gebunden werden; diese wird ihrerseits durch Verbrennung eines Teils des synthetisch erzeugten Ammoniaks mit Luft an Kontaktstoffen erzeugt, wie dies Wilhelm Ostwald noch vor der Synthetisierung des Ammoniaks gezeigt hat. Auch das bei der Umsetzung von Ammoniak mit Salpetersäure entstehende Ammonnitrat weist als Dünger wie der Kalksalpeter Neigung zum Zusammenbacken auf; aus diesem Grunde wird es durch Mischen mit Kalkstein in den beständigen Kalkammonsalpeter übergeführt. Die Ammoniaksynthese von Haber-Bosch trat nach dem ersten Weltkrieg ihren Siegeszug über die ganze Welt an und wird in den verschiedensten Staaten mit mehr oder weniger geringen Änderungen der Apparaturen und der Arbeitsbedingungen (Druck, Temperatur, Katalysator) und unter verschiedenen Namen, wie Claude-, Casale-, FAUSER-Verfahren u. a., in größtem Ausmaß durchgeführt. Die Weltproduktion an Ammoniakstickstoff betrug im Düngerjahr 1949/50 rund 4,8 Mill. t. Stickstoff. II. Im folgenden soll nun der Entwicklung nachgegangen werden, welche die Industrie der Erzeugung mineralischer Stickstoffdüngemittel in Österreich genommen hat. Bis zu Beginn des ersten Weltkrieges wurde der Bedarf an künstlichem Stickstoffdünger im wesentlichen einerseits durch die Einfuhr von Chilesalpeter gedeckt, anderseits aus der heimischen Produktion an Ammonsulfat, das als Nebenprodukt in den Kokereien und Gaswerken anfiel. Das Bedürfnis für die Errichtung einer künstlichen Stickstoffdüngererzeugung war noch nicht vorhanden. Gleichwohl nahm Österreich an den ersten Versuchen einer künst- Technikgeschichte, 13. Heft. 2 8 Paul Dolch: 1 Sc/fn/f/C'D lichen Stickstoffbindung Anteil, da in Bereitstellung großer und billiger Strommengen aus heimischer Wasserkraft ein Anreiz zur Anwendung der elektro- thermischen Stickstoffbindung gegeben war: in Patsch an der Sill wurde 1907 im Anschluß an die vom Innsbrucker Elektrizitätswerk ausgenützten Wasserkräfte (15 000 PS) die erste Luftsalpeteranlage nach Pauling errichtet. Das Pauling- Verfahren beruht auf der Verbrennung von Luft im elektrischen Lichtbogen nach dem Prinzip der Hörnerblitzableiter. Der PAULiNG-Ofen besteht aus einer gemauerten Kammer von etwa 3 m Höhe; mehrere Öfen sind zu einer Gruppe zusammengefaßt. Der einzelne Ofen nimmt etwa 700 bis 800 m 3 Luft stündlich auf bei einer Belastung von etwa 520 kW; es wurde eine Ausbeute von etwa 60 g % 0/ff HNOg/kWh erzielt, die durch Zusatz von Sauerstoff zur Luft auf etwa 90 g HN0 3 /kWh gesteigert werden kann. Die Ofenspannung beträgt etwa 4000 Volt. Dem Innsbrucker Elektrizitätswerk diente die Pau- LiNG-Anlage dazu, die in der Zeit der Minderbelastung als Abfallenergie verfügbare Strommenge auszunützen. Die Fabrik wurde 1927 stillgelegt; sie hat in den letzten Jahren ihres Betriebes je etwa 10001 N gebunden. Auch an dem anderen elek- trothermischen Verfahren, das bereits vor 1914 in die Technik umgesetzt wurde, nämlich dem sogenannten Kalkstickstoffverfahren, hatte Österreich Anteil, und zwar durch die A. G. zur Nutzbarmachung der Wasserkräfte Dalmatiens (Societä anonima per la utilizza- zione delle force idrauliche della Dalmazia, Triest, kurz SUFID genannt). Diese Gesellschaft nutzte die Wasserfälle der dalmatinischen Cetina, die auch bei niedriger Wasserführung noch etwa 80000 PS liefern können, für die Herstellung von Karbid und Kalkstickstoff in ihren Werken in Almissa und Sebenico aus. Die Werke arbeiten nach dem FRANK-CARO-System der Kalkstickstofferzeugung. Die Kalkstickstoffproduktion Sebenicos betrug 1912/13 bereits 5000 t/Jahr, über Almissa fehlen entsprechende Zahlen. Die Fabrikation von Kalkstickstoff zerfällt in zwei Stufen, nämlich die Er- 8 Bild 1. PAULiNG-Ofen zur elektrischen Luft-Stickstoffbindung (Ullmann : „Enzyklopädie der technischen Chemie“, 2. Aufl., Band 9, S. 29, Bild 19). Entwicklung und Stand der Stickstoffdünger Industrie in Österreich. 9 zeugung von Karbid durch Zusainiuenschnielzen von Koks und Kalk im elektrischen Ofen und die nachfolgende sogenannte Azotierung des erkalteten, fein gemahlenen Karbids in Öfen besonderer Konstruktion durch überleiten von reinem Stickstoff über das angewärmte Karbid. Es ist an dieser Stelle der Hinweis von Interesse, daß die Entwicklung der modernen Karbiderzeugung im elektrischen Großofen auf österreichischem Boden in Jaice bei der Bosnischen' Elek- trizitäts-A. G. (kurz Elektrobosna genannt) vor sich gegangen ist. Das Verdienst dieser Entwicklung gebührt A. Helfen stein 3 , welcher als erster 1904 zunächst einen Ofen für 4000 PS betrieb und hierauf einen Drehstromofen für 10 000 PS *—> s sN \\\ ' W n: \s \ ^ \\ I \\ S \ N s N I ■. \ \ Bild 2. Großazotierofen (Winnacker-Weingaertner: „Chemische Technologie“, Band II, S. 274, Bild 22). konstruierte, in welchem er die gesamte verfügbare Kraft der Anlagen vereinigte, die ursprünglich auf 30 kleine Öfen verteilt war. Das im Elektroofen erschmolzene Karbid erkaltet in den sogenannten Karbidpfannen, wird in Backenbrechern vorzerkleinert und in Rohrmühlen auf Staubfeinheit gemahlen. Das Karbidpulver wird in eiserne stehende Körbe aus Siebblech von etwa 11 Fassungsvermögen unter Zwischenlage von Wellpappe oder körnigem Material, z. B. bereits fertigem Kalkstickstoff, gefüllt; der gefüllte Korb wird in den Ofen, einen ausgemauerten Zylinder mit Deckel und Zu- und Ableitung für den Stickstoff bzw. die Abgase eingesetzt. In der Mitte der Füllung steht ein Papprohr, in welchem sich ein Kohlenstab befindet. Durch zeitweise Erhitzung dieses Stabes mittels elektrischen Stroms wird die Reaktion des staubförmigen Karbids mit dem in den Ofen eingeleiteten Stickstoff in Gang gesetzt; hat das Karbid „gezündet“, 3 Askenasy: Einführung in die technische Elektrochemie, Bandl: Helfenstein, Die Karbiderzeugung. 2 * 10 Paul Dolch: so verläuft die stark Wärme entwickelnde Reaktion selbsttätig weiter. Bei dem Aufschwung, den die Kalkstickstoffindustrie genommen hat, wurden später Azotierbehälter mit einem Fassungsvermögen von 8 bis 101 und größer entwickelt Der Kalkstickstoffblock wird nach dem Erkalten auf Staubfeinheit gemahlen und als Staub, geölt oder granuliert, in den Handel gebracht. Er enthält etwa 20 bis 21°/o Stickstoff gebunden, daneben im wesentlichen gebrannten Kalk, der sich vorteilhaft in der Zusammensetzung des Düngers auswirkt. So standen die Dinge in der Erzeugung der Stickstoffindustrie in Österreich, als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach. Die Zufuhr von Chilesalpeter, die 1913 rund 93 0001 betragen hat, fiel aus und das Problem des Ersatzes von Chilesalpeter durch künstlichen Stickstoffdünger wurde brennend, da die vorhandenen Anlagen in keiner Weise in der Lage waren, der Landwirtschaft den fehlenden Chilesalpeter zu ersetzen. Dieser Stand der Dinge findet einen sinnfälligen Ausdruck in der Schrift von M. Dolch (f 1931) „Zur Stickstof ff rage“, Wien 1916, der sich bemühte, die Lage klar zu kennzeichnen. Verständnis für die Möglichkeiten einer heimischen Stickstoffindustrie zu schaffen und Wege zur technischen und wirtschaftlichen Lösung der Stickstofffrage für Österreich aufzuweisen. Die Schrift gliedert sich in fünf Abschnitte. Zunächst werden einige grundlegende Angaben über den Stickstoffhaushalt in der Landwirtschaft gebracht. Es folgt ein kurzer Bericht über die Verwendung des Luftstickstoffs. Anschließend folgt ein Abschnitt über den Stickstoffdüngemittelmarkt und die Zukunft der Luftstickstoffindustrie sowie ein Bericht über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Stickstofffrage und abschließend Bemerkungen über ein Stickstoffsyndikat. In technischer Hinsicht setzt sich der Verfasser der Schrift unter Beibringung ausführlicher technischer und wirtschaftlicher Unterlagen für die Errichtung von Kalkstickstoffabriken in Österreich ein. „Der Kalkstickstoffindustrie darf in jeder Hinsicht eine durchaus günstige Prognose gestellt werden, insbesondere dann, wenn billige elektrische Energie in großem Maße zur Verfügung steht, wie in den Wasserkräften unserer Alpen.“ Der Gedanke, die Bindung des Luftstickstoffs in Österreich mit Hilfe des Kalkstickstoff-Verfahrens durchzuführen, wurde in den Jahren 1916 bis 1918 in die Wirklichkeit umgesetzt: es wurden in Österreich drei Kalkstickstoffabriken erbaut; eine Kalkstickstoffanlage im Anschluß an die Staatliche Pulverfabrik in Blumau, eine Karbid- und Kalkstickstoffabrik in Falken au an der Eger auf Basis der dortigen Braunkohle und eine Karbid- und Kalkstickstoffabrik in Maria-Rast (Südsteiermark) unter Ausnutzung der Wasserkraft der Drau in den Faalwerken oberhalb Marburgs. Durch den unglücklichen Ausgang des Krieges verlor Österreich die Kalkstickstoffabriken in Falkenau und Maria-Rast, während die Kalkstickstoffanlage in Blumau zum Erliegen kam. Es blieb nur noch die PAULiNG-Anlage in Patsch bei Innsbruck mit einer Erzeugung von etwa 1000 t Stickstoff im Jahr, die aber 1927 ,*&r s •Sp8f|; ■siteMHvMK%P£!«e,. ■Ss&Hi Mm Öte*' .*h$ -- ■ gögg^f] t sksms w xj.tßz U \j7 Ssf-n im. t jgy .»<>«<• */:■*■&»-. • tei U# w. Bild 6. Salpetersäure-Absorptionstürme. ausgebrauchte Reinigungsmasse 1 Gebläse (bis 8 m WS) I Sauerstoff —> Spaltanlage <— Wasserdampf (Gas- und Luftsättiger, Wärmeaustauscher, Spaltofen, Abhitzekessel) 1 Spaltgas 1 Rußfilter i Konvertierungsofen (Umwandlung von Kohlenoxyd in Wasserstoff unter C0 2 -Bildung) 1 Schlußkühler 1 Gasometer für Kontaktgas Das von Teer, Ammoniak und Benzol befreite Kokereigas der Hütte Linz gelangt durch eine über 1 km lange Leitung über eine Meßstelle, in der die Mengen und die verschiedenen Kennwerte, wie Dichte, Temperatur, Druck, Heizwert, gemessen werden, ins Werk. Das angelieferte Gas, das noch durch Schwefelver- bindungen verunreinigt ist, wird zunächst im Gebläsehaus auf einen etwas höheren Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 15 Druck gebracht und dann der Entschwefelungsanlage zugeführt. Diese besteht aus zweimal vier großen, hintereinandergeschalteten Kästen mit je zwölf Horden, auf denen Gasreinigungsmasse ausgebreitet ist. Die Masse, die im wesentlichen aus Eisenoxydverbindungen besteht, besitzt’ die Eigenschaft, bei einer Temperatur von 35 bis 40° den Schwefelwasserstoff aus dem Gas zu binden; die dabei entstehenden Eisenverbindungen werden durch geringe Mengen Sauerstoff, die im Gas enthalten sind, „regeneriert“, d. h. die Eisensulfide werden unter Abscheidung von elementarem Schwefel in Eisenoxyde zurückverwandelt. Der Schwefel reichert sich auf diese Weise in der Masse allmählich an. Nach einer bestimmten Zeit wird die Masse aus den Kästen entfernt und der Verwertung des Schwefels zugeführt. Das entschwefelte Kokereigas wird durch Gebläse den nachgeschalteten Spaltsystemen zugeführt. In der Spaltanlage wird bei über 1000° in Gegenwart eines Kontaktes durch teilweise Verbrennung von Methan mit Sauerstoff und Luft unter Zusatz von Wasserdampf die Aufspaltung der Kohlenwasserstoffe zu Kohlenoxyd und Wasserstoff durchgeführt. Der Sauerstoff wird zum Teil als reiner Sauerstoff, der in einer LiNDE-Anlage aus Luft erzeugt wird, zum Teil direkt als Luft dem Spaltofen zugeführt, wobei das Verhältnis von Luft zu Linde- Sauerstoff so gehalten wird, daß nach der Spaltung und Konvertierung das Verhältnis von Wasserstoff zu Stickstoff im Kontaktgas dem erforderlichen Verhältnis 3 :1 entspricht. Die Spaltanlage besteht aus Gas- und Luftsättiger, in denen durch Berieselung mit Warmwasser der erforderliche Wasserdampf dem Gas zugeführt wird, aus Wärmeaustauschern zwecks Vorwärmung und aus dem eigentlichen Spaltofen, in dem die Zersetzung der Kohlenwasserstoffe vor sich geht; ferner aus einem Abhitzekessel, in dem ein Teil der fühlbaren Wärme des aus dem Spaltofen abströmenden „Spaltgases“ zur Dampferzeugung verwendet wird. Das Spaltgas ist etwas rußhältig und muß, ehe es der nachgeschalteten Konvertierung mit Wasserdampf zugeführt wird, ein Rußfilter durchstreichen. Die Konvertierungsanlage besteht gleichfalls aus Wärmeaustauschern und Dampfsättigern und dem Konvertierungsofen. In diesem wird in Gegenwart eines Kontaktes bei etwa 400° der Großteil des Kohlenoxyds durch Wasser dampf in Kohlendioxyd und Wasserstoff umgesetzt. Das so entstehende Kontaktgas gelangt schließlich in den Schlußkühler, der in seinem oberen Teil mit Frischwasser berieselt wird, um eine weitgehende Kühlung herbeizuführeu, und wird dann dem Gasometer für Kontaktgas zugeführt. Um sich von Schwankungen in der Koksofengasanlieferung einigermaßen unabhängig zu machen, wurde eine Generatoren an läge zur Erzeugung von Wassergas durch Vergasung von Koks mit Sauerstoff, Luft und Wasserdampf errichtet. Die Generatoren stellen die übliche Type normaler Drehrostgaserzeuger dar. Durch den Zusatz von Sauerstoff zum Wasserdampf ist es möglich, den an sich wärmeverbrauchenden Wassergasprozeß, der üblicherweise durch „Blasen“ und „Gasen“ diskontinuierlich durchgeführt wird, zu einem stetigen zu gestalten. Der Sauerstoff wird dabei in dem Ausmaße in Form von Luft eingebracht, daß im fertigen Synthesegas ein Verhältnis von Stickstoff zu Wasserstoff gleich 1:3 erhalten wird; der Rest des Sauerstoffs im Vergasungsmittel entstammt, wie beim Spaltofenbetrieb, der LiNDE-Anlage. 16 Paul Dolch: II. Hochdruckbetriebe. Die Hochdruckbetriebe, insbesondere der Kontaktofen, stellen das Herz der Fabrik dar. Alles, was vorher geschieht, ist Vorbereitung, um die Partner für die Reaktion bei der Bildung von Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff zusammenzubringen. Im Kontaktofen geht die Vereinigung zum Ammoniak vor sich, und alles, was nachfolgt, ist Überführung des Ammoniaks in eine Form, die als Dünger Verwendung finden kann. Die Vereinigung der Reaktionspartner im Kontaktofen erfordert besondere Bedingungen, die für das Werden der synthetischen Stickstoffindustrie, wie oben ausgeführt, von großer Bedeutung waren, nämlich einerseits hohen Druck (zirka 200 bis 300 atü), anderseits beträchtlich hohe Temperatur (zirka 550 bis 650°). Im einzelnen verlaufen die Vorgänge in den Hochdruckbetrieben wie folgt: Kontaktgas (Gasometer) i Hochdruck-Kompressor (1.—3. Stufe, 28 atü) i Druckwasserreinigung —» CO 2 (C0 2 -Wäsche) 1 Hochdruck-Kompressor (4.—6. Stufe, 300 atü) I Blauwäsche (CO, C0 2 ) —> Rückgas (mit Kupferlauge) (CO) 1 Weiß wasche (mit Ammoniakwasser 25%)—> Rest C0 2 1 Reingas (300 atü) (Frischgas) 1 Kontaktofen (zirka 300 atü, zirka 550—650° C) (mit Kreislauf) Lager für flüssiges Ammoniak <— Abscheideflasche für —> Verdampfer flüssiges Ammoniak (300 atü) Tief kühler (Gegenstrom) Ammoniakgas Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 17 4 elektr. Heizung Gisßntritt Das in den Niederdruckbetrieben erzeugte Koutaktgas wird aus dem Gasometer den Hochdruckkompressoren zugeführt, die wegen des hohen Enddruckes von zirka 300 at in sechs Stufen arbeiten. Nach der dritten Stufe gelangt das Gas mit einem Druck von 28 atii in die Druckwasserreinigung, in der es von dem Großteil der Kohlensäure durch Auswaschen mit Wasser in hohen stehenden Zylindern befreit wird. Da das Wasser in der Druckwäsche gleichfalls einen Druck von 28 at besitzt, muß es zwecks Abgabe der Kohlensäure auf normalen Druck gebracht werden. Um die in dem Druckgefälle zur Verfügung stehende Energie auszunutzen, erfolgt die Entspannung des kohlensäurehaltigen Wassers in einer Strahlturbine (PELTON-Radturbine) mit Schaufelrad. Die wiedergewonnene Energie beträgt etwa 50% der zur Erhöhung des Wasserdruckes auf 28 at notwendigen. Das aus der Druckwäsche abgehende Gas gelangt nun in die vierte bis sechste Stufe der Hochdruckkompressoren und verläßt diese mit zirka 300 atü. Anschließend erfolgt die Feinreinigung des Gases für die Synthese, und zwar in zwei Stufen. Zunächst wird mit am- moniakalischer Kupferlauge in der sogenannten Blauwäsche das Kohlenoxyd und der größte Anteil der im Gas noch vorhandenen Kohlensäure ausgewaschen. Anschließend folgt eine Wäsche mit zirka 25%igem Ammoniakwasser, die sogenannte Weißwäsche zur Entfernung der letzten Spuren von Kohlensäure. Nach dem Verlassen der Wäsche besteht das Gas im wesentlichen aus Wasserstoff und Stickstoff in dem gewünschten Verhältnis 3:1 und einem sehr- geringen Gehalt an Methan, das der Spaltung entgangen ist, und an Argon, das mit dem Sauerstoff im Niederdruck in die Spaltanlage eingebracht wurde. Dieses sogenannte Reingas oder auch Frischgas wird mit 300 atü hinter dem Kontaktofen dem Gaskreislauf zugesetzt als dung von NH 3 verbrauchten Mengen an H 2 und N 2 . Die nicht unbeträchtliche Menge Kohlenoxyd, die in der Blauwäsche ausgewaschen wird, wird nach Entspannung, Erwärmung und Evakuierung der Waschlauge als Rückgas erhalten und in die Konvertierungsaniage der Niederdruckbetriebe zurückgeführt, in der die Umwandlung des Kohlenoxydgases mit Wasserdampf erneut vor sich geht. Die Umsetzung von Stickstoff und Wasserstoff im Kontaktofen gibt Wärme ab und erhält so die für die Umsetzung notwendige Temperatur von 550 bis 650° / / ßjsfijhrung ; T i /Cjlontakrrohre / / Jsoiierung / Gasspulung / Regenerator Jsoiierung Kiitoas emtntt Gis Ausrritt v Bild 3. Kontaktofen für die Ammoniaksynthese. (Win n acker - Weingaertner : „Chemische Technologie“, Band II, S. 190, Bild 11). Ersatz für die durch Bil- 18 Paul Dolch: aufrecht, sobald der Ofen einmal durch Anheizen mittels elektrisch geheizter Widerstände, die in den Kontaktofen eingebaut sind, auf Temperatur gebracht ist. Der Kontaktofen stellt ein geschlossenes System vor, in welchem das Synthesegas im Kreislauf geführt, das gewonnene Ammoniak in flüssiger Form abgeschieden und das verbrauchte Stickstoff-Wasserstoff-Gemisch als Frischgas ersetzt wird. Der Ofen selbst besteht aus einem hohen Stahlzylinder, in welchem sich ein Röhrenbündel von Wärmeaustauschrohren, der in Rohren untergebrachte Kontakt und die elektrischen Heizkörper zum Anheizen des Ofens befinden. Die Wandstärke beträgt entsprechend den hohen Temperaturen und Drucken etwa 80 bis 100 mm. In der hinter dem Kontaktofen angebrachten Abscheideflasche wird das Ammoniak in flüssiger Form unter einem Druck von 300 at gesammelt, nachdem das Kreislaufgas in einem Wasserkühler, Wärmetauscher und Tiefkühler auf tiefe Temperatur gebracht wird. Ein Teil der Produktion kann auf das Flüssig- Ammoniak-Lager genommen werden; die Verdampfung des Ammoniaks erfolgt in einem Gegenstromtiefkühler. Das verdampfte Ammoniak wird zur Hälfte dem Säurebetrieb zugeführt, wo es in Salpetersäure verwandelt wird; die andere Hälfte gelangt direkt in den Salzbetrieb, in dem es mit der im Säurebetrieb erzeugten Salpetersäure zu Ammonnitrat bzw. Düngesalz umgewandelt wird. III. Säurebetrieb. Die Säurebetriebe umfassen die Umwandlung von Ammoniak in Salpetersäure durch Verbrennung des Ammoniaks mit Luft zu Stickoxyden auf katalytischem Wege und die Absorption dieser Stickoxyde mit Wasser zu Salpetersäure: Ammoniakgas J Luft —> Verbrennungsofen 1 Abhitzekessel —» Dampf 25 atti 1 Gebläse 1 Gegenstrom-Absorptionstürme —» Abgase 1 Salpetersäure 50%ig Das von den Hochdruckbetrieben kommende Ammoniakgas wird mit gefilterter Luft gemischt und in Kontaktöfen mit liegenden Platinnetzen als Katalysatoren verbrannt. Bei der Reaktion entstehen große Wärmemengen, die zur Erzeugung von Dampf in einem Röhrenumlaufkessel ausgenützt werden. Der Dampf wird dem Dampfnetz zugeführt, das die verschiedenen Betriebe mit Dampf speist. Die abgekühlten Gase der Verbrennungsöfen gelangen durch ein Gebläse aus Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 19 säurefestem Material in die Absorptionsanlage. Diese Anlage besteht aus einer Anzahl von hohen Berieselungstürmen aus säurefestem Spezialstahl, die mit Itaschigringen aus Steinzeug angefüllt sind. Die einzelnen Türme sind im Gegenstrom geschaltet, d. h. im letzten Turm treffen die beinahe erschöpften Gase mit neu aufgegebenem Wasser zusammen, während im ersten Turm die frischen Gase von bereits auf etwa 40°/« angereicherter Salpetersäure berieselt werden. Die Säure verläßt den ersten Turm mit einem Gehalt von 50°/o und wird dem Salzbetrieb zugeführt. IV. Salzbetrieb. Im Salzbetrieb wird die Salpetersäure mit Ammoniak neutralisiert. Es entsteht hierbei eine Ammonnitratlauge, die bis auf einen geringen Gehalt an Wasser eingedampft wird. Zur Herstellung des fertigen Düngers wird diese Fertiglauge mit Kalkstein, der in Sichtermühlen zu Staubfeinheit gemahlen ist, gemischt und die breiige Masse mit einer Pumpe auf einen Spritzturm gebracht. Der Produktionsgang geht wie folgt vor sich: Salpetersäure \ Kalkstein I Kalkmühle (Mahltrocknung) 1 Kalkmehl Ammoniak / Neutralisation < -> Laugekreislauf | (Vakuumkühlung Verdampfstation 1 Fertiglauge Ammonnitratlauge (hochkonzentriert) 1 Mischbehälter 1 Turmpumpe i Spritzturm 1 Aufbereitung J Kalkammonsalpeter KAS-Speicher 4 Verladeanlage Da bei der Mischung der Salpetersäure mit dem Ammoniak die Neutralisationswärme frei wird, wird eine Kühlung der Lauge durch einen Laugekreislauf vor- Technikgeschichte, 13. Heft. 3 20 Paul Dolch: genommen, so daß die Reaktionswärme in weitem Maße zur Wasserverdampfung ausgenützt wird. Die Kühlung der Umlauflauge erfolgt durch Evakuierung, so daß die überschüssige Wärme zur teilweisen Vorverdampfung der Lauge benutzt wird. In der Verdampferstation wird die Frischlauge in Umlauf Verdampfern, die kontinuierlich arbeiten, eingedickt. Wie bereits bemerkt, wird die Maische von Fertiglauge mit Kalksteinmehl aus dem Mischbehälter von der sogenannten Turmpumpe einer Spritzzentrifuge zugeführt, die in einen sehr geräumigen, 20 m hohen Turm in der Mitte der Decke eingebaut ist. Hier wird in einem raschlaufenden Zylinder aus Edelstahl, der mit Bohrlöchern versehen ist, das Gut in Tröpfchen zerteilt und in einem den Turm von unten nach oben durchziehenden Kaltluftstrom zum Erstarren gebracht. Die erstarrten Körnchen sammeln sich auf dem Boden des Turmes, von wo sie von einem ständig kreisenden Ausräumer durch einen Schlitz geworfen und mit einem Wuchtförderer in die sogenannte Salzapparatur gebracht werden. Diese Apparatur besteht neben Transporteinrichtungen aus Grob- und Feinwalzwerk, Kühltrommel, Wuchtsieb und Pudertrommel. Im Grob- und Feinwalzwerk sollen eventuell gebildete Klümpchen zerkleinert werden; in der Kühltrommel wird das Gut weiter abgekühlt, durch nachfolgende Siebung von gröberen Anteilen getrennt, um schließlich in einer Pudertrommel mit geeigneten Puderstoffen bestaubt zu werden. Diese Behandlung gibt dem nun fertigen Erzeugnis, dem Kalkammonsalpeter, beste Lagerfähigkeit. Transportanlagen fördern den fertigen Kalkammonsalpeter in einen Silobau, aus dem über Absackanlagen das Produkt automatisch in Säcken von 50 und 75 kg Inhalt verpackt und über die Verladestationen direkt dem Versand zugeführt wird. Der fertige Kalkammonsalpeter enthält 20,5°/o Stickstoff und etwa bis 40% kohlensauren Kalk. Er ist dadurch gekennzeichnet, daß er den Stickstoff zur Hälfte in Form von leicht assimilierbarem Salpeterstickstoff und zur Hälfte als Ammoniakstickstoff enthält, der einer längeren Zeit zur Wirkung im Boden bedarf. Der Kalkammonsalpeter gelangt im Ausland unter dem Namen „Nitramoncal“ in den Handel. Es mag interessehalber erwähnt werden, daß am 20. Oktober 1950 die 1-millionste Tonne Kalkammonsalpeter seit Kriegsende produziert wurde. , Hiermit ist die Beschreibung des Produktionsganges der Kalkammonsalpetererzeugung beendet. Neben den Produktionsbetrieben sind im Werk eine Reihe wichtiger Nebenbetriebe und -einrichtungen vorhanden, die für den Betrieb einer derartigen Anlage unerläßlich sind. Es sei auf das Wasserwerk, die Dampferzeugung, die elektrischen Umformerstationen, die unmittelbar für den Betrieb tätig sind, ferner auf die Einrichtungen der Laboratorien, die zum Teil der Überwachung der Produktion und des Fertigproduktes dienen, zum Teil mit For- schungs- und Entwicklungsaufgaben beschäftigt sind, und vieles andere hingewiesen. Neben den Betrieben sind umfangreiche Werkstätten vorhanden, die eine stetige Sicherstellung des Betriebsablaufes gewährleisten. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß die österreichische Stickstoffwerke Aktiengesellschaft in Linz über den Rahmen der Kalkammonsalpeterfabrikation hinaus schon frühzeitig durch Aufnahme weiterer Betriebe auf den verschieden- Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 21 sten Sektoren der chemischen Industrie ihren Wirkungskreis in großem Ausmaße erweitert hat und in dieser Richtung bestrebt ist, der österreichischen Wirtschaft gute Dienste zu leisten. Schrifttum. Die Darstellungen im ersten Teil der Arbeit sind aus persönlicher Anteilnahme an der Entwicklung der Stickstofffrage in den Jahren von etwa 1910—1930 gebracht. Außer der bereits genannten Literatur sei auf die Zusammenstellung des älteren Schrifttums in dem ausführlichen Buch von B. Waeser: „Die Luftstickstoffindustrie“, 2. Aufl., 1932 hingewiesen. Ferner auf die entsprechenden Kapiteln in den Handbüchern: Ullmann: „Enzyklopädie der technischen Chemie“, 2. Aufl. Kirk-Othmer : „Encyclopedia of Chemical Technology“ seit 1947. Thorpe : „Dictionary of Applied Chemistry“ seit 1927. Eine kurze Zusammenstellung findet sich bei: Winnacker-Weingaertner : „Chemische Technologie“, Bd. II, 1951. Zur Geschichte der Ammoniaksynthese neuerdings: Mittasch: „Geschichte der Ammoniaksynthese“, 1951, eine Veröffentlichung von im Jahre 1920 zusammengefaßten Niederschriften der BASF, die einen äußerst interessanten Einblick in die Entwicklungsarbeit beim Aufbau des Haber-Bosch-Verfahrens geben. Photos der Tafeln: K. Meyer, Wien. 3 * m ä Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. Von Dipl.-Ing. Erich Kurzel-Runtscheiner. Mit 11 Bildern. „Ynnsbrugg gleichwol ein kleine Stat Aber ein grossen Namen hat. Darjnen ist reche Wirdtschaft Mer den in andern Stattn werhafft“. (Georg Rösch von Geroldshausen „Der Fürstlichen Grafschaft Tyrol Landt- reim“, Innsbruck 1558.) Innsbruck an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. An der nach Norden gerichteten Mauerfront der wehrhaften kleinen Residenzstadt Innsbruck, die Kaiser Maximilian I. besonders bevorzugte und förderte, Öffnete sich damals das Tor zu der auf 5 Holzjochen ruhenden Innbrücke, die, seit sie im zwölften Jahrhundert gebaut worden war, von so großer verkehrstechnischer Bedeutung ist, daß die Stadt von ihr den Namen und das Abbild ihres Grundrisses als Wappensymbol erhielt. Knapp unterhall) der Brücke, bei der das Unterinntal beginnt, stand die alte mauerumschlossene und turmbewehrte Innsbrucker Burg, deren Haupthof Albrecht Dürer, als er 1495 aus Italien zurückkehrte, sowie auch die Ansicht der gesamten Stadt, in drei berühmt gewordenen, noch heute in der Wiener graphischen Sammlung „Albertina“ verwahrten farbigen llandzeichnungen festgehalten hat. Von hier aus trat Kaiser Maximilian I., der im Herbst 1518, wie schon oft vorher, in der Innsbrucker Burg residierte, die er im Stile der Zeit prächtig hatte ausbauen und mit dem „Goldenen Dachl“ genannten, noch heute erhaltenen Erker hatte zieren lassen, auf einem Innschiff jene Reise nach Österreich an, während welcher er am 13. Januar 1519 in Wels starb. Der erkrankte Kaiser war auf ein Schiff gebettet worden und dieses begann, von den geschickten Händen der in diesen Wasserreisen wohlerprobten Inn- schiffer mit langen Rudern gesteuert, den Inn abwärts zu schwimmen. Bald hatte das kaiserliche Schiff Innsbruck und das am Sillarm nahe der Einmündung in den Inn gelegene „wohlgestaffieret Zeughauss“, das Kaiser Maximilian, der Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 23 Schöpfer der neuzeitigen Artillerie erbaut hatte, hinter sich gelassen und zog nun das reiche und arbeiterfüllte Unterinntal abwärts. Die Reise, die auf den beschwerlichen Landwegen nach adeliger Sitte reitend zurückzulegen, dem an Magenkrebs leidenden Kaiser unmöglich gewesen wäre, führte auf dem Wasserweg des Inn bis Braunau und wurde von dort aus zu Land über Itied nach Wels fortgesetzt, von wo aus Linz erreicht werden sollte, was aber des Kaisers Tod verhinderte. Das werktätige Alt-Innsbruck. Bild 1. Innsbruck mit dem Blick auf den Patscherkofel um 1495. Nach einer farbigen Handzeichnung von Albrecht Dürer, „Albertina“, Wien. “TOV [ Irr 1 I ‘ 3^'.' Für Innsbrucks technikgeschichtliches Gesicht in den hundert Jahren zwischen 1450 und 1550 war die Verarbeitung von Stahl und von Erz besonders charakteristisch; denn sie besaß zu jener Zeit Weltruf. In Stadt und Umgebung diente damals Stahl als Werkstoff der Plattner, der Sporer, der Bogner, die hier „stachlinpogen“, das heißt Armbrüste vorzüglicher Qualität erzeugten, der Messerer und der „Schermesserer“, die Rasiermesser machten, der Feilenhauer, der „Fingerhueter“, der Schmiede, Schlosser, „Schlüsselpindter“ und Schleifer. Das Erz und die Buntmetalle waren die Werkstoffe der Bildgießer, der Stückgießer, der Glockengießer, der „Glufnmacher“, die aus Messingdraht Nadeln, und der „Glufnknopfmacher“, die die Messingknöpfe erzeugten, der Schellenmacher, die die Schellen herstellten, deren man nicht nur für Pferdegeschirre, sondern in großer Zahl als Zierde der modischen Kleidung benötigte, der Kom- pasmacher, der „Scripturalmacher“, die Schreibzeuge verfertigten, und der „Wagmacher“, die Waagen erzeugten. Außerdem waren im damaligen Innsbruck und in seiner Umgebung laut der Aufzählung der Gewerbe, die Georg Rösch von Geroldshausen in dem zum Neujahr 1560 ebenfalls in Innsbruck unter dem Pseudonym Georg Reuter von Gaysspitz veröffentlichten Büchlein „Ain 24 Erich Kurzel-Runtscheiner: Wunschspruch / von allerley Welthenndlen / Werckesleuten vn Gewerben / von Newem zusammegetrage“ gibt, folgende Künstler und Handwerker ansässig: Maler, Bildschnitzer und Steinmetze, „Surgilier“, die Edelsteine schliffen und schnitten, „Wirffelmacher“, die Würfel- und „Paternostermacher“, die Rosenkränze herstellten, Uhrmacher, Drechsler, „Kampelmacher“, „Kardettschen- macher“, Besenbinder und Bürstenbinder, Kessler, Kesselflicker und Siebmacher, Bräuer und Distilierer, Müller und Bäcker, Lebzelter, „Ilolahipper“ und Kuchenbäcker. Dann gab es Weißgerber und Gerber, Kürschner und Taschner, Schuster und „Altreysen“, die die Schuhe flickten, Bleicher, Wollschlager, Färber und Weber, Tuchwalker und Tuchscherer, Teppichmacher und Schleierwirker, Schneider, Hutmacher, „Schaubhueter“, die Strohhüte- und „Pyret- macher“, die Barette herstellten. Auch Papiermacher und „Pirgamener“, Buchdrucker und Buchbinder, Brief- und Kartenmaler übten hier ihr Gewerbe aus. Orgelbauer, „Trumetenmacher“, „Trummenmacher“, Lautenmacher, Geigenmacher und Saitenmacher erzeugten Musikinstrumente. Dann gab es Messingschläger, Messingbrenner, Glasmacher und Flaschenmacher, „Püchsengießer, Püchsen- maclier und Büchsenschiffter“ sowie endlich auch „Salitermacher“, die den Salpeter zu gewinnen wußten, der für Lust- und Kriegsfeuerwerkerei unerläßlich war. Dann boten auch Maurer, Zimmerleute, Schreiner, Wagner, Radschmiede und Radmacher ihre Dienste an. Aus dieser Aufstellung ergibt sich, wie vielfältig Künste und Gewerbe am Beginn der Neuzeit schon aufgespalten waren, die in Innsbruck, wo '— wie auch in anderen Städten des Deutschen Reiches — seit Jahrhunderten der Rechtsgrundsatz galt, daß Stadtluft frei mache, sich angesiedelt hatten. Außer Kunst und Handwerk hatten in der Landeshauptstadt zahlreiche Verwaltungsstellen ihren Sitz. Neben den Stadtbehörden und der „tyrolischen Kanzley“ amtete hier auch die Regierung von „Ober-Österreich“, das damals Tirol und Teile von Vorarlberg und der den Habsburgern gehörenden „Vorlande“ umfaßte. Diese hohe Behörde bestand, wie der verdiente Verfasser der Innsbrucker Chronik, Conrad Fischnaler berichtet, aus dem politische und militärische Agenden führenden „Regiment“, aus der die Finanzgeschäfte betreuenden „Kammer“, die sich auch in Innsbruck damals und später durch ewigen Geldmangel auszeichnete, und aus dem „Wesen“, in dem neben der Betreuung der zwischenstaatlichen Beziehungen auch die besonders wichtige Verwaltung der Forste, der Salinen, des Berg- und Hüttenwesens und die Förderung der Künste und Gewerbe zusammengefaßt war. Innsbruck, dessen ummauerter Bezirk am Beginn des sechzehnten Jahrhunderts kaum mehr als eine Bodenfläche von etwa je 600 m Länge und Breite umfaßte, also kleiner war als fast alle anderen deutschen, damals zumeist noch wenig volkreichen und engen Städte, war trotzdem zu einem Verwaltungsmittelpunkt von großer Bedeutung geworden. Daß dies geschehen konnte, ergab sich aus der Geschichte der Stadt, in der sich jene des Landes Tirol als eines Teiles des damaligen Deutschen Reiches spiegelte: Schon in der Zeit des Römischen Kaiserreiches führte im Innsbrucker Becken eine Brücke über den Inn; eine Siedlung Oenipontum gab es wohl nicht, dagegen ein Castrum Brionium ad Oenum—Vel- didena und eine römische Zivilstadt Veididena, die etwa an der Stelle der späteren Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 25 Prämonstratenserabtei Witten lag. Mit dem Verfall der Römerherrschaft ging die älteste Innbrücke zugrunde. Das 1138 gegründete Stift Wilten betrieb alsbald nahe der verkehrswichtigen Stelle, wo der Brennerweg, die Sill entlang, von Süden kommend den Inn erreicht, eine Fähre. Diese wird noch 3210 erwähnt, obwohl schon 1180 zum erstenmal über das Bestehen einer mittelalterlichen Innbrücke an Stelle der späteren Stadt Innsbruck berichtet wird. Wenn auch dieser Flußübergang nun wieder bestand, ging der Hauptwarenverkehr doch weiterhin über die im frühen Mittelalter entstandene „Ellbögener Straße“ und über die Hügel, die das Inntal südöstlich von Innsbruck begrenzen, so daß dieser Weg den Inn erst bei Hall an einer Stelle erreichte, wo er in alten Zeiten wahrscheinlich auf einer Furt überquert werden konnte. Schon 1209 erwähnt Arnold von Lübeck „Innsbrugge“ als „civitas“. In dieser entstand kaum 20 Jahre später eine Münzstätte. 1234 erhielt Innsbruck von dem Grafen von Andechs ein Stadtrecht. Nach dem 1264 erfolgten Aussterben dieses Hauses wurde Tirol unter Albrecht IV., der sich als Erster „Graf von Tirol“ nannte, aus dem Herzogtum Bayern gelöst. Nach kurzer Teilung, die Albrechts Tod folgte, vereinigte Meinhard II. 1284 wiederum die Landesteile nördlich und südlich des Brenners, die nun durch 635 Jahre — bis 1918 — vereinigt blieben. Meinhards Enkelin Margarethe Maultasch, trat, kinderlos trotz zweimaliger Ehe, als ihr letzter Gemahl, einer der Söhne Kaiser Ludwig des Bayern, 1361 starb, ihre Herrschaftsrechte an ihren habsburgischen Vetter Rudolf IV. den Stifter ab. In dem nun entstehenden Erbstreit gingen die späterhin an Bergsegen reichen Gerichte Rattenberg, Kitzbühel und Kufstein 1369 an Bayern verloren. Erst Maximilian, der spätere Kaiser, konnte diese Gebiete 1504 im sogenannten Bayerischen-pfälzischen Erbfolgekrieg zurückgewinnen. Er besaß seit 1490 in Tirol die Rechte eines Landesherrn neben seinem Onkel Sigmund, der als Herrscher über Tirol, des silberreichsten Landes der damaligen Welt, den Beinamen „der Münzreiche“ erhalten hat, es aber trotzdem verstand, den Segen des Stammlandes restlos zu vergeuden. Inzwischen war Innsbrucks Stellung, die lange Zeit durch das rivalisierende Hall gefährdet schien, durch eine verkehrsregelnde Maßnahme endgültig sichergestellt worden: 1481 hatte Herzog Sigmund als Landesfürst angeordnet, daß die vom Brenner nordwärts ziehenden Fuhrwerke ihre Waren nicht mehr über die Ellbögener Straße nach Hall, sondern zur Niederlage in Innsbruck, das hiermit das Stapelrecht erhielt, zu führen hätten. Damit war die Stadt Innsbruck endgültig zu jenem wichtigen Verkehrsknotenpunkt geworden, der sie bis heute geblieben ist; dies wurde zur Grundlage eines trotz aller Widrigkeiten unaufhaltsamen Aufstieges. Stahl und Erz. Innsbruck war, seit Maximilian 1490 der Mitregent seines kinderlosen Oheims geworden war, nicht nur alsbald zum Sitz der Zentralgewalt eines großen Teiles der Habsburgischen Lande, sondern auch — vom neuen Herrn bewußt dazu gemacht — zu einem der Mittelpunkte des Kunstbetriebes und der Wehrindustrie der damaligen Zeit geworden; hier war das Zentrum von vier der wichtigsten 26 Erich Kurzel-Runtscheiner : Sonderzweige der Technik jener Tage, der Plattnerei, des Bildgnsses, des Bergbaues, dessen Hauptverwaltungsstelle in Innsbruck ihren Sitz hatte, und des Geschützwesens, dem Maximilian durch sein großes artilleristisches Können und durch seine Förderung eine das Heerwesen und die Kriegskunst aller europäischen Völker beeinflußende neue Gestalt zu geben wußte. In der Wehrtechnik des ausgehenden Mittelalters war die Plattnerei zu besonderer Bedeutung gelangt. Im Zuge dieser Entwicklung war Innsbruck bald zu einem Vororte dieser technischen Kunst geworden. Der Plattenharnisch ist am Anfang des vierzehnten Jahrhunderts in Mailand entstanden. Die Kunstfertigkeit, die die Anfertigung dieser Schutzbewaffnung voraussetzt, blieb durch Jahrzehnte ein Monopol der in dieser Stadt ansässigen Meister. Wie andere Fürsten, so versuchten auch die Habsburger die Sonderstellung Mailands zu durchbrechen. Schon 1412 hatte in Wiener Neustadt, in der Residenz Albrecht V. (als Kaiser II.) ein Harnascher Ulrich eine Plattnerwerkstätte. Der Tiroler Landesherr Friedrich mit der leeren Tasche (1406—1439) übernahm ihn wohl im genannten Jahr in seinen Dienst. Als ältester urkundlich genannter in Tirol ansässiger Plattner erscheint aber 1424 ein Meister Hans. Er ist in Mühlau, damals „zu den Mulen“ oder „Mulein“ genannt, angesiedelt. Dort entstand, durch die Wasserkraft des Wurmbaches begünstigt, eine Art Industriesiedlung. Die sich entwickelnde Mühlauer Plattnerei wurde auch von Herzog Sigmund dem Münzreichen (1427—1497) wirksam gefördert. Dies hatte zur Folge, daß die Tiroler Harnischschlägerei rasch zu hoher Blüte gelangte und daß ihre Erzeugnisse bald auch von fremden Fürsten begehrt wurden. Wenige Jahre nach dem Regierungsantritt Herzog Sigmunds (1439) muß sich die Meisterfamilie der Treytz in Mühlau angesiedelt haben. Aus der Werkstatt der Treytz, deren Begründer der 1469 in Innsbruck verstorbene Konrad Treytz war, gingen um die Jahrhundertwende so vortreffliche und prächtige Erzeugnisse der Plattner- kunst hervor, daß diesen damals nur die Harnische an die Seite gestellt werden konnten, die die ebenfalls in Mühlau ansässigen Plattner Caspar Biederer und Konrad Seusenhofer verfertigten. Aus der Werkstatt Seusenhofers stammt auch der Leibharnisch, den Maximilian I. in seinen Mannesjahren bei ritterlichen Taten als Stechzeug trug. Als im Jahre 1502 — also noch zu Lebzeiten Maximilians — die Arbeiten für sein Grabmal beginnen sollten und die mit diesen betrauten Meister auch in Mühlau Werkstätten zugewiesen erhielten, wurde die Mühlauer Siedlung zu enge. Maximilian kaufte daher 1505 eine Behausung am Georgentor in Innsbruck und errichtete hier an jener Stelle, wo heute das Tiroler Landhaus steht, eine zweite Plattnerei. Während die einfacheren Harnische auch weiterhin in Mühlau erzeugt wurden, sollten von nun an die Prunkharnische in der südlich der Stadt neu begründeten Plattnerei angefertigt werden. Mit der Leitung dieser Werkstatt, die nun die Hof plattnerei wurde, betraute Maximilian seinen Leibharnischmeister Konrad Seusenhofer. Eine Stelle im „Weisskunig“ erzählt, daß Maximilian auch durch eigenes Eingreifen zur Verbesserung der Harnischerzeugung beigetragen habe: Ein Härteverfahren, das den Treytz seinerzeit bekannt gewesen sei, wäre durch Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 27 „Absterben“ der wenigen, die darum wußten, in Vergessenheit geraten. Maximilian hätte, als ihm dies berichtet wurde, „der künstlichen hert... mit großem vleiss nachgedacht und die aus seinem aigen Verstand erfunden und die seinem hofplatner in der obgemelten Platnery, mit namen Conrad Seysen- hofer, gelernt und underwisen“. Noch hundert Jahre später war dieses Härte- verfahren unübertroffen. Dies beweist eine Stelle in Shakespeares „Othello“ (V. Akt, 2. Szene, in der von einem „sword of Spain, in Isebrock’s temper*, also von einem spanischen Schwert, das nach dem Innsbrucker Verfahren gehärtet war, die Rede ist. Mit dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts begann dann das Tiroler Plattnerhandwerk hinzuschwinden, nachdem es durch zweihundert Jahre zur Ehre und zu Nutz des Landes in aller Welt bestanden hatte. Der Bildguß hatte schon immer Maximilians Interesse besessen. Besondere Förderung empfing diese Betätigung, die nicht bloß als ein Zweig der Kunst, sondern auch als ein technisches Verfahren gewertet werden muß, seit Maximilian 1502 den Entschluß gefaßt hatte, sich ein großartiges Grabmal zu schaffen. Dieses sollte im Rahmen der zahlreichen von ihm angeordneten „Gedächtniswerke“, wie Vinzenz Orer- hammer in seinem 1935 in Innsbruck erschienenen prächtigen Werk „Die Bronzestandbilder des Maximiliangrabmales in der Hofkirche zu Innsbruck“ darlegt, „indem es die Vorfahren des Fürsten verherrlicht, den Ruhm des Stammes und den Ruhm des Kaisertums an sich preisen und so mittelbar die Größe und Erhabenheit des Herrschers aufzeigen“. Dieses Ziel sollte dadurch erreicht werden, daß an einem Tumbabau, der die Mitte des Grabmals bilden sollte, Marmorreliefs die Taten Maximilians darstellten, und daß 20 kleinere Bronzebüsten römischer Cäsaren den „Ruhm des Kaisertums“ und 40 große Bronzestandbilder den „Ruhm des Hauses Habsburg“ verkündeten. Den Mittelpunkt des Ganzen sollte ein knieendes Bronzebildnis des Bild 2. Kaiser Maximilian I. im Gußhaus. Nach „Vita Friderici et Maximiliani“ um 1505. Staatsarchiv, Wien. * BfTG/1, S. 104. Wien 1932. 28 Erich Kurzel-Runtscheiner: Monarchen einnehmen, der inmitten seiner ideellen Vorbilder und leiblichen Vorfahren dem Allerhöchsten Herrn jene Ehre erweist, die diesem gebührt. Während die Herstellung der Marmorreliefs erst viel später in die Wege geleitet und von 1563 an, vom Bildhauer Alexander Colin von Mecheln meisterhaft durchgeführt wurde und auch die Büsten römischer Kaiser zwar teilweise hergestellt, aber dann nicht im Rahmen des Grabmals aufgestellt wurden, ließ Maximilian die Arbeiten an den Erzbildern sofort beginnen. Obwohl uns die Standbilder heute im wahrsten Sinn des Wortes als „Meisterwerke aus einem Guß“ erscheinen, sind sie doch „Gemeinschaftsarbeit“: Für jedes dieser Bildwerke stellte ein Maler zunächst eine „Statuenzeichnung“ kleineren Formats her. Dann schuf er nach dieser mit seinen Hilfskräften eine naturgroße, „auf Tücher gerissene“, in orthogonaler Projektion gehaltene „Visierung“, nach der ein Bildschnitzer aus Holz ein „Gußmodell“ fertigte; nach ihm formte ein Gießer eine „Gußform“, in der der Guß im Wachsausschmelzverfahren erfolgte. Die Werkstatteinrichtungen für die beinahe über ein halbes Jahrhundert verteilten Bildgüsse wurden in dem nun als Vorstadt zu Innsbruck gehörenden Mlihlau 1502 geschaffen. Ein im Tirolischen Landesarchiv in Innsbruck verwahrter Plan, den Maximilians Hofmaler und Hofbaumeister Jörg Kölderer gezeichnet hat, von dem auch der leider längst abgetragene Wappenturm der alten Hofburg in Innsbruck bemalt wurde, zeigt die Mühlauer Anlagen im Zustand um das Jahr 1530: Entlang dem die Triebkräfte für die Gebläse der Schmelzöfen spendenden Wurmbach sehen wir die Schmelzhütten, die Gußwerk- stätten und die Wohngebäude auf gereiht; hier werkten die „Grabgießer“ und schufen jene noch heute bewunderten und zu den größten künstlerischen und technischen Leistungen gehörenden 28 Standbilder, die den Innsbrucker Kenotaph Maximilians als „gewaltige Grabbegleiter“ umstehen, während sein Leib in der Georgskapelle des einstmals Babenbergerburg und später Kaiserburg gewesenen Gebäudes in Wiener Neustadt begraben liegt, in dem 1751 bis 1938 die Theresianische Militärakademie untergebracht war. Die Leiter der Werkstätten, deren Aufgabe die Herstellung der Standbilder und der übrigen Plastiken gewesen ist, waren nacheinander der Maler Gilg Sesselschreiber, der Gießer Stephan Godl und nach einer Unterbrechung von Jahren der Gießer Gregor Löffler. Gilg Sesselschreiber, dem die Arbeiten für das Grabmal 1502 anvertraut wurden, war ein genialer Künstler, aber wenig verläßlich, arbeitsfreudig und betriebsam. Sesselschreiber beherrschte durch sein künstlerisches Können seine Werkstatt völlig, obwohl ihm seit 1508 in Stephan Godl ein zwar kongenialer Meister der Gießkunst zur Seite stand, der aber doch nur Handwerker, nicht aber Künstler im eigentlichen Sinne gewesen ist. Trotzdem wurde Godl, als nach mancherlei Mißhelligkeiten Sesselschreiber 1520 entlassen wurde, die Führung der Werkstätte übertragen. Godl konnte nur ihr technischer und geschäftlicher Leiter sein. Daher wurde ihm im Hofmaler Jörg Kölderer eine Künstlerpersönlichkeit hohen Ranges beigeordnet, ja im gewissen Sinn sogar übergeordnet. Als Godl 1534 starb, führte dies und die mangelnde Initiative der Regierung zu einer viel jährigen Unterbrechung der Bildguß-Arbeiten für das Grabmal. Erst 1547 wurde ein Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 29 neuer Leiter für die Werkstätte im berühmten Gießer Gregor Löffler bestellt, der diese Stellung bis zu seinem 1565 erfolgten Tod innehatte. Ihm stand als Künstler der Augsburger Maler Amberger zur Seite. Neben den Guß Werkstätten in Mühlau war dortselbst im noch heute, wenn auch im umgebauten Zustand bestehenden Bilderhaus, eine „Visierstuben“ als Arbeitsraum des Malers und seiner Gehilfen eingerichtet. Hier wurden die großen Visierungen ausgearbeitet und aufbewahrt; später standen hier auch die fertigen Statuen, bis sie fast acht Jahrzehnte nach Kaiser Maximilian I. Tod in der Hofkirche in Innsbruck aufgestellt wurden. Sowohl Stephan Godl als auch Gregor Löffler waren ihres Zeichens eigentlich Büchsenmeister und Stückgießer; sie gehörten einer in ihrer Zeit hochgeachteten Gilde an. Denn damals entwickelte sich die Pulverwaffe eben zu den Anfängen der Artillerie im neuzeitlichen Sinne. Kaiser Maximilian I. wurde von seinen Zeitgenossen mit vollster Berechtigung als „Meister der Arkelei“ gefeiert; denn er warder erste artilleristische Fachmann seiner Zeit. Er hat neben anderen Zeughäusern, deren Inhalt er von tüchtigen Künstlern in den drei Bänden der mit farbenprächtigen Miniaturmalereien auf jeder Seite gezierten „Zeugbücher“ abkonterfeien ließ, auch in Innsbruck zwei Zeughausbauten errichtet. Eines von diesen, der ältere Bau, stand neben der Innbrücke an der Wasserseite der ummauerten Stadt, das neue Zeughaus aber, das „Büxenparadies“, wie es die Zeitgenossen hießen, wurde 1507 an der Wiedereinmündung eines der Wasserkraftnutzung und der gewerblichen Nutzung dienenden Sillarmes in die Sill errichtet. In dessen Nähe war auf Befehl Maximilians auch ein sicherer Einschußplatz für die Geschütze ausgesteckt worden. Beide Zeughäuser Innsbrucks standen unter einheitlicher Leitung. In ihnen wurden nicht nur die besten Kriegswaffen jener Zeit fertiggestellt und verwahrt; es waren auch, wie der „Tyroler Landreim“ berichtet, „Darjnn geschickht Werck- Bild 3. Epitaph für den Büchsenmeister und Stückgießer Gregor Löffler. Museum Ferdinandeum, Innsbruck. 30 Erich Kurzel-Runtscheiner: leut vberauss. Georndt durch den Zewgmaister wol Zu der handt so bald manss habn sol“. Das Gebäude dieses Zeughauses hat sich als einziges seiner Art — im Bauzustand kaum verändert — erhalten. Es wäre Ehrenpflicht, dieses Gebäude als Zeuge der großen maximilianischen Zeit in alter Form, die aus Abbildungen der Zeit ersichtlich ist, wiederherzustellen und museal zu gestalten. Maximilian war sicher einer der bedeutendsten Kriegstechniker aller Zeiten. Die Neuerungen, die er auf dem Gebiete der Bewaffnung einführte, waren so bedeutsam, daß sie eine völlige Umstellung der Kampf weise erzwangen. Die von ihm in die Wege geleiteten Fortschritte hätten ihm aber ohne seine tüchtigen Mitarbeiter niemals gelingen können. Unter diesen ragte insbesondere Maximilians oberster Hauszeugmeister, der unermüdliche und erfahrene Bartholomäus Freysleben hervor. Ihm unterstanden zahlreiche treffliche Büchsenmeister und Stückgießer, von denen neben den schon erwähnten Stephan Godl und Gregor Löffler, dessen Vater Peter Leyminger, genannt Löffler, und dessen andere Nachfahren, ferner Jörg und Alexander Endorfer und die Seelos als Meister ihres Faches weit über die Grenzen Deutschlands bekannt waren. Daß der Kaiser so vorzügliche Mitarbeiter und Verwirklicher seiner Pläne zu finden wußte, ist, ganz abgesehen von dem ihm eigenen waffentechnischen Können, sein großes Verdienst gewesen. Nach dem 1519 eingetretenen Tod Maximilian I. aber wurden die Vorsorgen für den Ausbau der kaiserlichen Artillerie alsbald geringer. Kaiser Karl V. ordnete kaum zehn Jahre nach seines Vaters Tod den Umguß der Geschütze an. Dieser wurde 1530—1554 in Innsbruck und in Augsburg durchgeführt. So schmolz 1537 Gregor Löffler auf Befehl seines kaiserlichen Herrn auch die maximilianischen Riesengeschütze, die bei der 1504 erfolgten Beschießung und Erstürmung der Feste Kufstein mitgewirkt hatten, in einem eigens dazu gebauten Ofen ein. Als Moritz von Sachsen 1552 an der Spitze der Schmalkalden in Tirol einfiel, wäre Kaiser Karls Flucht vielleicht nicht nötig gewesen, wenn der Enkel das artilleristische Instrument Maximilians noch unversehrt in seiner Hand gehalten hätte. Auch diesmal war ein wehrtechnisches Ereignis entscheidend gewesen: Die Ernberger Klause hatte der rasch herangeführten Artillerie der Schmalkalden nicht standhalten können. So konnten sich deren Heerhaufen, kaum aufgehalten, ins Inntal ergießen. Die fürstlichen Heerführer der Schmalkalden blieben, als sie den Hauptzweck ihres Zuges nach Tirol, die Gefangennahme des Kaisers vereitelt sahen, nur zwei Tage in Innsbruck. Am 25. Mai 1552 fuhren sie den Inn abwärts zu Schiff nach Passau, während ihr Kriegsvolk requirierend und plündernd durch das Oberinntal abzog. Nach wenigen Wochen waren die kriegerischen Ereignisse des Schmalkaldeneinfalles wie ein böser Alptraum vorüber. Sie hatten aber der Wirtschaft und der Technik Tirols einen nie wieder gutzumachenden Schaden zugefügt; und Metz, Toul und Verdun, die die Schmalkalden Frankreich für seine Schützenhilfe zugesagt hatten, blieben dem Reich für immer verloren. Kaiser Karl V. aber mußte die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen, ein großes, durch eine Zentralgewalt geleitetes Weltreich zu schaffen, einsehen. Mit der Welt zerfallen, dankte er 1555 ab. Mit diesem weltgeschichtlichen Ereignis ging Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 31 auch die Blütezeit des tirolischen Geschützgußes ihrem Ende entgegen. Ein Grund liiefür mag neben der mangelnden Förderung durch den Landesherrn auch die Erschöpfung der Begabung in den um Innsbruck ansässigen Stückgießer- Familien gewesen sein, die nach großen Leistungen von drei oder sogar von vier Generationen in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts erloschen ist. Verschiedene Werkstoffe. Innsbruck als Verkehrsknotenpunkt. Damit sind die Spitzenleistungen, die Innsbruck als Hauptort Nordtirols und des Unterinntals zur Entwicklung der Technik beigesteuert hat, auf lange Zeit zu Ende. Die große Pause wird nur einmal durch zwei Bauernsöhne aus dem benachbarten Oberperfuß unterbrochen, durch Peter Anich und Blasius Hueber, die sich in der Kartographie des achtzehnten Jahrhunderts ehrenvolle Plätze errungen haben. Diese beiden wurden, angeleitet von Professoren der Universität Innsbruck und gefördert vom Hofrat der Landesregierung und Bergbauhistoriker Josef von Sperges, zu vorzüglichen Landmessern. Als Kunstmechaniker, Kartographen, Astronomen und Gelehrte im Bauernkleid schufen sie 1760—1774 unter unsäglichen Mühen und ihrer Gesundheit nicht achtend, als die erste geographisch richtige Karte eines Berglandes jene Tirols. Als Anich und Hueber 1765, während der Vermessungsarbeiten in den Sümpfen der Etschniederung südlich Bozens an Malaria erkrankt, nach Innsbruck zurückkehrten, sollten sie dem eben mit der Kaiserin Maria Theresia und dem ganzen Hofstaat aus Anlaß von Vermählungsfeierlichkeiten dort eingetroffenen Kaiser Franz Stephan von Lothringen vorgestellt werden. Da dieser als naturwissenschaftlich geschulter Sammler großes Interesse für die Arbeiten der beiden aus dem Bauernstand hervorgegangenen Landmesser gezeigt hatte, als er ein von Peter Anich hergestelltes Globenpaar besichtigte, das noch heute im Museum Ferdinandeum in Innsbruck verwahrt wird, erhoffte man von Seite des Kaisers Förderung für das entstehende Kartenwerk. Der Kaiser aber wurde am 18. August 1765 in der Innsbrucker Hofburg plötzlich von einem Schlaganfall dahingerafft und Peter Anich folgte ihm, nach langem Siechtum, am 1. September 1766 in seinem Heimatdorf in den Tod. So mußte Blasius Hueber die große Karte Tirols, die zur Zeit ihrer Entstehung als „die vollkommenste ihrer Art“ galt, allein vollenden. Der Leichnam Kaiser Franz Stephans wurde am 24. August 1765 durch das Unterinntal zu Schiff gegen Wien überführt. Kaiserin Maria Theresia folgte dem Trauerkondukt, ebenfalls den Wasserweg benutzend, mit ihrem Hofstaat wenige Tage nachher. Acht Jahrzehnte später kam nochmals ein Kaiser mit seinem Hofstaat zu längerem Aufenthalt nach Innsbruck. Es war Ferdinand I., der im Mai 1848 sich durch die Revolution in Wien bedroht fühlte, nach Innsbruck flüchtete und hier bis zum August 1848 residierte. Diesmal war die Hin- und Rückreise des Hofstaates auf den im Lauf des letzten Jahrhunderts sehr verbesserten unterinntaler Landstraßen erfolgt. Wenige Jahre später hätte für die Reise durch das Unterinntal schon die Eisenbahn benutzt werden können. Denn schon 1858 wurde der Betrieb der Unter- 32 Erich Kurzel-Runtscheiner: inntalbahnen eröffnet, über deren Bau im Anschluß an eine gleichzeitig herzustellende Eisenbahnlinie von München nach Salzburg 1851 zwischen Bayern und Österreich ein Staatsvertrag abgeschlossen worden war. Erst mit diesem Ereignis und seit der Aufnahme des Verkehrs auf der Brennerstrecke 1867 sowie auf der Arlbergstrecke 1884, begann die günstige Verkehrslage Innsbrucks sich voll auszuwirken. Dem Bau dieser Hauptbahnlinien folgte alsbald jener der ersten von Innsbruck ausgehenden Nebenbahnlinien, der 1891 zunächst als Dampfeisenbahn in Betrieb gesetzten Lokalbahn von Innsbruck nach Hall und der nach Igls führenden Mittelgebirgsbahn, die 1900 ebenfalls als Dampfeisenbahn eröffnet wurde. Der Bau dieser beiden Bahnen und der weitere Ausbau der von Innsbruck ausgehenden Verkehrsanlagen ist dem Wirken des aus Bozen stammenden Oberbaurates Josef Riehl und seiner Nachfolger in der Führung des von ihm 1870 in Innsbruck begründeten Ingenieurbüros, Oberbaurat Karl Innerebner und Oberbaurat August Mayer zu danken. Riehl leitete auch den Bau einer elektrischen Schmalspurbahn ins Stubaital in die Wege, die nach kaum einjähriger Bauzeit 1904 eröffnet wurde. Sie verbindet Innsbruck mit Fulpmes, wo eine aus einem bodenständigen Eisenwesen her vor gegangene Kleineisenindustrie angesiedelt ist, die, auf genossenschaftlicher Basis organisiert, Messer, Eispickel und Steigeisen erzeugt. Ebenfalls 1904 erbaute Riehl auch die Standseilbahn auf: das Hungerburgplateau; dann ergänzte er 1905—1908 die Innsbrucker Lokalbahn durch elektrisch betriebene Bahnlinien durch die Stadt und elektrifizierte 1909 auch die Linie Innsbruck—Hall. Heute sind Straßenbahn, Lokalbahn und Mittelgebirgsbahn, auf denen nur elektrische Züge verkehren, in ein einheitliches Unternehmen zusammengeschlossen. Ferner erbaute Riehl 1910 bis 1913 die von Innsbruck nach Reutte führende Mittenwaldbahn. Diese vom Inntal über schwierigstes Gelände an steilen Hängen und durch Tunnels bis nach Seefeld ansteigende Normalspurbahn ist die erste mit elektrischer Traktion nach dem Einphasen- Wechselstromsystem mit 16 2 / 3 Perioden betriebene, mit eigenem Bahn Wasserkraftwerk ausgestattete Vollbahn am europäischen Festland; von ihr als Keimzelle nahm die Elektrifizierung des Eisenbahnnetzes in Österreich und in Deutschland Bild 4. Mittenwaldbahn — Schloßbachklamm. 1 - 3 $^.. Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 33 den Ausgang. Wenn noch erwähnt wird, daß Riehl auch die Zillertalbahn, die Bahn von Bludenz nach Schruns und die elektrische Zahnradbahn von Bozen auf den Ritten erbaute und daß die kühne Seilschwebebahn vom Hungerburgboden auf das Hafelekar auf einen seiner Projektgedanken zurückgeht, dann versteht man es, wie das Scherzwort entstehen konnte, „die Eisenbahnkarte Tirols sei die Visitenkarte Riehls“ und daß der Innsbrucker Maler Esterle freundschaftlich scherzend Riehl zeichnete, wie er mit einem Korkzieher im Zuge einer Bahntrasse Tunnels in Tirols Bergwände bohrt. Der Ausbau eines so vielverästelten von Innsbruck ausgehenden Schienenbahnsystems hat dieser Stadt zwar alle Vorteile und das Wachstum eines großen Verkehrsknotenpunktes gebracht, aber den bis dahin regen Schiffsverkehr am Inn und den Fuhrwerksverkehr auf den Straßen um die Stadt zunächst zum Absterben gebracht. Seit dem Aufstieg des Kraftwagens haben sich aber die Straßen wieder belebt. Sogar der seit Jahrhunderten übliche Botenverkehr zwischen der handelstüchtigen Innsbrucker Altstadt und der umliegenden Landschaft, ist in den Jahren der Zwischenkriegszeit zu neuem Leben erwacht; nur wird er heute nicht mehr mit Pferdefuhrwerken, sondern mit Lastkraftwagen bewältigt. Heute sind die Straßen von Innsbruck durch parkende Personenkraftwagen aus aller Herren Länder überfüllt; sie bringen die zahllosen Fremden ins Land, die, durch dessen landschaftliche Schönheit angezogen, hier Sommer- und Winterurlaube genießen. In Innsbruck wohnen heute über 90000 Menschen. Die aus der günstigen Verkehrslage entstandenen Gegebenheiten, der große Fremdenverkehr und die in der Stadt und in ihren Vorstädten angesiedelte Industrie bieten den Einwohnern Erwerb und angenehme Lebensbedingungen. Stahl und Erz sind heute nicht mehr wie einst die Grundlage der Werktätigkeit dieser Stadt; die Erzeugung von Textilien, die aus der bodenständigen Schafwollmanufaktur und Lodenerzeugung Bild 5. Innsbrucker Nordkettenbahn — Station Seegrube und Bergstation. 34 Erich Kurzel-Runtscheiner: insbesondere zu einer umfangreichen Baumwollindustrie emporwuchs, nimmt heute im Innsbrucker Erwerbsleben die erste Stelle ein. Auch ist Innsbruck der Mittelpunkt der hochentwickelten Elektrizitätswirtschaft Tirols. Ferner bestehen hier Kunstmühlen, Erzeugungswerkstätten von Kaffeesurrogaten, Selcherwaren und anderen Lebensmitteln sowie auf dem Gebiet des Kunstgewerbes Werkstätten für Glasmalereien und Mosaiken. Auch im Buch- und Kunstdruck steht Innsbruck an hervorragender Stelle. Die Art seiner Bewohner und insbesondere die charakterlichen Verschiedenheiten zwischen Nord- und Südtiroler macht der Staatsarchivar Anton Dörrer in der Einleitung seines kulturgeschichtlich so interessanten Buches „Bozner Bürgerspiele“ mit folgenden Sätzen verständlich: „Die felsigen und schneegeschmückten Bergriesen und Sperrwände, die diesem Innsbruck einen wuchtigen, bis zum Kämpferischen unerbittlich gesteigerten Ernst der Abgeschlossenheit auf die Stirne drückten, der stärkere Einschlag von Kraft, Zähigkeit und Eigenwillen ist an dieser Bevölkerung nicht zu verkennen... Nach wie vor wetterleuchtet elementare Schwere im Leben und Schaffen dieser Alpenstadt und ihres Landes.“ Wasser und Salz. Wenn man die Brücke überschritten hat, die der Stadt Innsbruck den Namen gegeben hat, um sich nun am linken Flußufer stromabwärts zu wenden, folgt man im Zug der heutigen Innstraße dem einstigen Hauptverkehrsweg durchs Unter- inntal: Links über der Stadt liegt Schloß Büchsenhausen, das an jener Stelle steht, an der sich 1528 der Stückgießer Gregor Löffler auf dem vom späteren Kaiser Ferdinand I. erworbenen Gartengrund eine Gußhütte und 1548—1550 eine schloßartige Heimstatt erbaute, die er das Büchsenhaus nannte. ^Noch heute wie einst heißt der nun folgende Teil dieser Verkehrsader „Hoher Weg“. Ihn überwölbt, als erste von drei nahe aneinander liegenden Brücken über den Inn, steil ansteigend, jene der Hungerburgbahn. Ihr folgt die Mühlauer Innbrücke; sie steht an der Stelle, wo schon Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, der für seine Gattin Philippine Welser Schloß Ambras zur weltberühmten fürstlichen Heimstätte ausgestalten ließ, 1581 für Hof zwecke eine Holzbrücke erbaut hatte, die dann 1643 dem allgemeinen Verkehr freigegeben wurde. In den Jahren 1838 bis 1842 wurde diese alte Brücke durch eine Kettenbrücke ersetzt, die sowohl in brückenbautechnischer als auch in architektonischer Hinsicht eine Meisterleistung ihrer Zeit gewesen ist. Sie wurde als erste Kettenbrücke Tirols nach dem Entwurf und unter der Bauleitung des auch als Wildbachverbauer und Wasserbauer berühmt gewordenen Tiroler „Baudirektionsadjunkten“ Josef Duile errichtet. Die eisernen, in den damals noch blühenden Tiroler Eisenwerken Piller- see und Jenbach hergestellten Ketten, die die hölzerne Fahrbahn trugen, hingen zwischen den zwei aus Quadersteinen gebauten Brückentürmen, die dem Ganzen „einen wertvollen Rahmen verliehen und dieses Bauwerk geradezu zu einem Wahrzeichen Innsbrucks machten“. Aus Verkehrsrücksichten mußte man sich 1937 entschließen, die fast hundertjährige Kettenbrücke durch eine neuzeitliche Vollwandträger-Stahlbrücke zu ersetzen, die auf zwei Flußpfeilern ruht. Folgt man dem Inn weiter stromabwärts, dann gelangt man alsbald zur Brücke Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 35 der 1858 dem Verkehr übergebenen „Unterinntaler-Bahn“, deren Gleise zwischen dem Innsbrucker Hauptbahnhof und dem Inn über einen Steinbogenviadukt geführt sind. Die Eröffnung des Verkehrs dieser Eisenbahnstrecke, die von Innsbruck ausgeht, in Wörgl den Anschluß an die von Salzburg kommende Bahnlinie findet, um sich sodann nach Norden zu wenden und an Kufstein vorbei in Rosenheim die Strecke München—Wien zu erreichen, hat im Wirtschaftsleben des Unter- inn tales eine entscheidende Umwälzung herbeigeführt, deren technische Auswirkungen noch zu schildern sein werden. Dem Tale folgend, gelangt man, an reichen am Fuß der Berghänge liegenden Dörfern vorbei, nach Hall in Tirol, von dem die Beschriftung einer 1561 entstandenen und dem „Schwazer Bergbuch“ beigebundenen Haller Stadtansicht berichtet : „Hall die Statt ligt ein meil wegs von Insprugg, und hat alda die Rö... Kai... äst ain große und langwirige Gotsgab und Saltzfindens... und übertrifft dis Saltz, an der güeten vil anderes Saltz. Got geb gnad, das es Ehwig bestendig bleib.“ Hall verdankt seine Entstehung einerseits dem Flußübergang, der hier fast ein Jahrtausend besteht, und den reichen Salzfunden seiner Berge. Als diese in den ersten Jahren des dreizehnten Jahrhunderts (vor 1217) erschlossen wurden, nannte man die Saline, wie der Leiter des Innsbrucker Landesarchivs Otto Stolz berichtet, nach dem Schloß Thaur — salina in Intal iuxta Tavr castrum (1232) —, zu dessen Gerichtsherrschaft das Halltal und das diesem vorgelagerte Inntal gehörte. Eine Volkssage will behaupten, daß der Heilige Romedius, der im vierten Jahrhundert als Zeitgenosse des ersten Bischofs von Trient St. Virgilius im Nonsberg lebte und dort noch heute im Wallfahrtsort San Romedio verehrt wird, der Begründer der Haller Salzgewinnung gewesen sei. Wenn diese tatsächlich auf eine Persönlichkeit namens Romedius zurückgeht, dann ist sie sicher nicht mit dem genannten Heiligen identisch. Es könnte sich aber um einen Ministerialen des Tridentiner Bistums handeln, dem an der Wende vom zwölften zum dreizehnten Jahrhundert die Herrschaft Thaur gehörte, und der — worauf der Name Romedius schließen läßt — aus dem Nonsberg über den Brenner kam. Ol) die Salzgewinnung im Halltal in der allerersten Zeit der Ausbeutung der Funde mit natürlicher Quellsole arbeitete oder schon mit einer Sole, die durch künstliche Auslaugung bergmännisch gebrochenen Salzgesteins gewonnen wurde — 1283 taucht erstmalig die Bezeichnung „fodina salis“ in Verbindung mit dem Namen des aus dem Salzkammergut herbeigerufenen Salinenfachmannes Niklas von Rohrbach auf —, läßt sich aus den Urkunden nicht sicher feststellen. Eine alte Überlieferung aber will wissen, daß Dörrgerüste und Pfannhaus zuerst im Inneren des Halltales gestanden hätten; 1256 aber spricht eine Urkunde zum ersten Mal vom „salczhaus zu Hall“. Diese Verlegung des Salinenbetriebes an den Inn war wohl der Hauptanlaß zum raschen Anwachsen Halls zur bedeutenden Stadt. Hier wie anderswo ist das allgemeine Begriffswort „Hai“, das seit Urzeiten eine Stätte der Salzgewinnung bedeutet, zum Ortsnamen geworden. Die von Niklas von Rohrbach eingeführte Gewinnungsmethode, den „Saltz- kern davonzuhauen“ und ihn dann obertags auszulaugen, wurde, wie das Schwazer Bergbuch berichtet, noch 1561 geübt; wann im Halltal mit der Auslaugung im Technikgeschichte, 13. Heft. 4 36 Erich Kurzel-Runtscheiner: mSBmmi&i ■tJiyjj? «i» 6 , : :•- :izi ^ *. .• . X Bild 6. Gedenktafel an einem 1503 erfolgten Stollendurchschlag am Haller Salzberg. Museum Ferdinandeum in Innsbruck. Berg selbst — in den noch heute üblichen Sinkwerken — begonnen wurde, kann nicht festgestellt werden. Den großen Bedarf an Holz für den Salzsud triftete man, wie das Schwazer Bergbuch 1556 berichtet, schon zu dieser Zeit „aus dem Obern Intal und anderen Telern“; er wurde in Hall „an den Rechen und Landt gebracht, auch die waldt, mit großen fleis gehaut und gearbait“. Seit dem Anschluß an das Eisenbahnnetz wird auch in Hall Kohle beim Salzsud verwendet. Hall hat am Ende des Mittelalters auch als Münzstätte große Bedeutung er- Das Unterinntal, eine teclmikgeschichtliche Landschaft. 37 langt. Hier wurden im Münzerturm seit Herzog Sigmunds Zeiten die Guldengroschen geschlagen, die die Vorläufer des Talers waren; hier ließ 1809 Andreas Hofer die „Sandwirtszwanziger“ prägen. Am Innufer stehen noch heute aus Stein gebaute Lagerhäuser, die an die Zeit der regen Innschiffahrt erinnern. An der Haller Brücke, über die die einst so verkehrsreiche Straße vom Brennpr führte, stand früher das „Badl“, in dessen mit Sole gefüllten Holzzubern die Kranken Heilung zu finden hofften. Heute steht am Nordrand von Hall, das noch immer sein malerisches Stadtbild bewahrt hat, das neuzeitige Kurmittelhaus, dem neben der reinen Sole auch eine erdig alkalische Heilquelle zur Verfügung steht. An ihm vorbei führt ins Halltal die Salzstraße zum „Hohen Salzberg“, der mit seinen Herrenhäusern und Knappenhäusern das Ziel vieler Fremder geworden ist. über die Geschichte der Saline berichtet das Bergbaumuseum, das in einem der vielen alten Baulichkeiten des Stadtkerns von Hall untergebracht ist. Wasserkraft und elektrischer Strom. Dem Lauf des Inn folgend, erreicht man bald die nach einem Brand neu errichteten Anlagen des Stiftes Fiecht, das auf die 1138 gegründete Benediktinerabtei und auf eine schon vorher bestehende Klostersiedlung St. Georgenberg zurückgeht. Dessen Wallfahrtskirche steht auf einem Felsenkegel und ist auch heute noch ein vielbesuchtes Ausflugsziel. Kaum einer der Besucher wird wissen, daß sich im steilen, schluchtartig sich verengenden Stallental, durch das er emporsteigt, die Spuren einer der ältesten Wasserbringungs- und Wasserkraftanlagen auf heimischem Boden erhalten haben. Die hier im elften Jahrhundert entstandenen Wasserbauten werden in der Chronik des Stiftes erwähnt, die berichtet, die Mönche hätten nach einer 1097 durch Kaiser Heinrich IV. erfolgten Begabung „mit merklicher kost nach dem berg den Felssen hauen lassen, den prunn und mühlbach zu dem gotshaus geführt“. Noch heute zeugt eine in die senkrechten Felswände der Georgenberger Klamm gehauene Galerie für die technische Sparte der einstigen Kulturarbeit der Klöster, zu der auch die Einführung des Wasserrades in Mitteleuropa zu zählen ist. Diese St. Georgenberger Wasserkraftanlage scheint auch einer frühen technischen Abbildung zugrunde zu liegen: Um 1430 zeichnete der sogenannte „Anonymus der Ilusitenkriege“ auf ein Blatt seiner in München verwahrten technischen Bilderhandschrift ein von einem kirchenbekrönten Felsberg aus gespeistes turbinenartiges, um eine senkrechte Welle umlaufendes Wasserrad. Alle Einzelheiten der Zeichnung lassen den Schluß zu, daß es sich um die St. Georgenberger Anlage handle. Von der Wasserkraftmaschine sagt die Beschriftung „Ain pabst in Rom hat sy erdacht“. Nur wenige Stunden Weges von dieser mittelalterlichen Nutzung der Kraft des Wassers hat das zwanzigste Jahrhundert das Achenseekraftwerk errichtet. Dieses, ein Meisterwerk neuzeitlicher Energiebewirtschaftung, wurde 1914 bis 1927 gebaut, nachdem der Plan schon ein halbes Jahrhundert vorher erstmalig gefaßt worden war. Als natürliches Staubecken dient der etwa 420 m über der Sohle des 4 * 38 Erich Kurzel-Runtsciieiner: Inntales liegende Achensee. Dessen Landschaft ist völlig unversehrt, da einzig das Einlaufwerk mit einigen Teilen über den Seespiegel emporragt. Auch der Hang des Inntales, in dem der Druckschacht geführt ist, läßt nichts von den gigantischen Kräften ahnen, die der Mensch hier der Natur abgezwungen und sich dienstbar gemacht hat. Nahe dem Innufer steht das Krafthaus, aus dem der Strom für den Betrieb der Eisenbahnen und für das Tiroler und bayrische Überlandnetz entnommen wird. Zwischen ihren Masten gespannte Stromleitungen, denen das Auge weithin durch das Inn- tal zu folgen vermag, führen zu den Verbrauchern. Das Achenseekraftwerk arbeitet in Verbund-' Wirtschaft mit den südbayrischen und den Tiroler Kraftwerken zusammen, von denen insbesondere jene des Zillertales, als zum Gebiet des Unterinntales gehörig, erwähnt sein mögen. Silber, Kupfer, Eisen und Glas. Das Unterinntal war am Ausgang des Mittelalters durch glückhaften Bergsegen eine der reichsten Landschaften Deutschlands geworden. Nicht nur Eisen, auch Kupfer und Silber in großen Mengen wurde hier gewonnen. Durch den ergiebigen Silberbergbau am Falkenstein wurde Schwaz um 1500 einer der bedeutendsten Bergwerksorte der Welt. 1427 werden die ersten Verleihungen von Eisenerz und Silbererz „an dem gepirge ob Swacz" erwähnt. Schon 1480 aber, als der spätere Kaiser Maximilian I. nach Tirol zog, um die Erbschaft dieses Landes von seinem Onkel Sigmund dem Münzreichen zu erwerben, empfingen den jungen Fürstensohn 7400 Gewerken und Bergleute, die Schwaz damals bereits beherbergte, „im Gewehr und mit fliegenden Fahnen". Denn der Bergbau hatte sich rasch entwickelt. Er machte Schwaz in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zum Mittelpunkt des internationalen Silberhandels. Dies hatte zur Folge, daß auch die mächtigste Kaufherrenfamilie der damaligen Zeit, die Augsburger Fugger, einen ihrer Sprossen nach Schwaz entsandte. Noch heute Bild 7. Das Fuggerhaus in Schwaz in Tirol; unter dem Erker ein Standbild Georgs von Frundsberg. Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 39 erinnern dort das Fuggerhans and viele Kostbarkeiten des benachbarten Schlosses Tratzberg an dieses Geschlecht. Die Fugger haben in der Zeit ihrer Beteiligung am Bergban Tirols frühkapitalistische Betriebsformen in diesem Lande eingeführt nnd damit große Erfolge erzielt. Die FuGGERSche Bergwirtschaft gereichte aber dem Land Tirol nicht zum Segen. Sie steht in schlechter Erinnerung, da der Kaubban und die verständnislose, oft unmenschliche Behandlung der „Bergbau- lössfe* •Dpyjäir-- **&*&.■• ’’'&****#& 'j Bild 8. Brixlegger Bergwerkstafel 1515, renoviert 1813. Staatliche Bergbaudirektion in Brixlegg. verwandten“ nur zu sehr den unheilvollen Begleiterscheinungen eines großkapitalistischen Betriebes im schlechten Sinn entsprach. Der Schwazer Bergbau soll in der Zeit seiner Hochblüte zwischen 1520 und 1530 etwa 30.000 Knappen und andere „Bergbauverwandte“ beschäftigt haben. Dann allerdings kam rasch der Abfall. Die Gründe, die ihn herbeiführten, waren einerseits der Raubbau, den die meist landfremden Gewerken betrieben, anderseits die Auswirkungen der Edelmetallfunde im eben in die Weltwirtschaft eintretenden Amerika. Während das Schwazer Bergbuch 1561 am Falkenstein 36 Hauptgruben mit 144 Stollen zählte, war bis vor nicht allzulanger Zeit auf diesem Berg nur ein einziger Stollen im Betrieb; und auch dieser diente nicht mehr der Gewinnung von Silber, sondern jener von Quecksilber. Erst nach 1938 40 Erich Kurzel-Runtscheiner: kam wieder ein Yersuchsbergbau auf Silber in Gang, der aber nicht lange darauf als erfolglos aufgegeben wurde. Der Mittelpunkt des einst in Nordtirol blühenden Eisenwesens war Jenbach. Neben den uralten Schmieden, denen der nie gefrierende Kasbach als Kraftquelle diente, waren 1526 an dessen Ufern die ersten Silberschmelzhütten erbaut worden; sie waren bis dahin am Lahnbach bei Schwaz gestanden, dessen Ausbrüche die Verlegung nach Jenbach erzwangen. Nach starken Rückschlägen, die das Versiegen des Silbersegens am Falkenstein ausgelöst hatte, kam für Jenbach neuer Aufstieg durch die Eisenerzfunde, die am Ende des siebzehnten Jahrhunderts „auf der Schwader“ gemacht wurden. Alsbald entstand eine Eisenschmelze und eine Eisenhütte, die auch um 1850 noch in Hochbetrieb stand. Berühmt in aller Welt wurden die Jenbacher Sensen, die auch heute noch erzeugt werden, während in den durch Jahrzehnte stillgelegten Jenbacher Berg- und Hüttenwerken während des zweiten Weltkrieges Betriebe der Flugzeugindustrie auf getan wurden. Seit 1945 heißt das Unternehmen Jenbacher Werke und erzeugt landwirtschaftliche Maschinen und Fahrzeuganhänger sowie Dieselmotoren und Diesellokomotiven. Unter den landwirtschaftlichen Geräten, die hauptsächlich für die österreichischen Bauern bestimmt sind, seien insbesondere Dreschmaschinen verschiedener Bauart erwähnt. Die Dieselmotoren werden als ortsfeste Motoren zum Antrieb von Maschinen im Gewerbe, im Bauwesen und in der Landwirtschaft sowie zum Einbau in Lokomotiven, Schlepper, Zugmaschinen und Straßenwalzen verwendet; ein großer Teil der Dieselerzeugnisse wird in überseeischen Ländern abgesetzt. Heute beschäftigen die Jenbacher Werke 3000 Arbeiter. Werkshallen und Werkswohnungen wurden gebaut. Jenbach ist durch dieses Unternehmen zu einem wohlhabenden Industrieort geworden. In Jenbach zweigt der alte Handelsweg vom Inntal ab, der am Achensee vorbei und durch das Achental auf kürzester Strecke nach Bayern führt. Die alte Straße wurde eben in modernster Weise ausgebaut, als der zweite Weltkrieg ausbrach und die Bauarbeiten eingestellt werden mußten. Unweit Jenbach schwingt sich bei Wiesing eine kühne Steinbogenbrücke über den Inn, während die Straße selbst in weitmaschigen und aussichtsreichen Kehren zum Achensee aufsteigt. Diese Straße wird bis zum Achensee 1952 fertig sein; sie wird jene Transportleistung zum Straßendurchgangsverkehr machen, die nun noch auf dieser Strecke an die 1889 erbaute Zahnrad-Dampf bahn gebunden ist, die von Jenbach aus das Inntal und den Achensee verbindet. Sie klimmt an den Steilhängen des Kasbachtales, rund 440 m Höhenunterschied in 3V 2 km an einer Zahnstange überwindend, zur Wasserscheide zwischen Inntal und Achensee empor, um dann etwa 3 km in sanftem Gefälle.als Reibungsbahn zum See hinabzuführen. Der Betrieb auf dieser Schienenverbindung soll nach Fertigstellung der neuen Autostraße eingestellt werden. Von Jenbach geht auch die Zillertalbahn aus, die, als schmalspurige Dampfeisenbahn erbaut, am 20. Dezember 1900 eröffnet wurde, nun aber mit Triebwagen befahren wird. Die Endstation ist Mairhofen, wo sich das Tal fächerförmig zerteilt. In den Seitentälern sind die Zentralen der Zillertaler Kraftwerke eingebaut. Von Zell am Ziller ausgehend, entsteht die Gerlosstraße, die die zweite von Kraft- Das Unter inntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 41 wagen befahrbare Verbindung zwischen Tirol lind Salzburg werden wird; sie ist von Hof rat Dipl.-lng. Franz Wallack geplant, der auch die Großglockner- Hochalpenstraße baute. Von Jenbach, das am Nordhang liegt, wird talab bald das südlich des Inn gelegene Brixlegg erreicht. Auch hier blühte einst Bergbau und Hüttenwesen. Die Lage am Alpbach machte Brixlegg insbesondere zum Standort von Schmelzwerken. Hier steht auch die einzige heute noch den Betrieb fortführende Kupfer- und Silberschmelzhütte Tirols. Noch am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aber bestand das „Hauptschmelz-Hüttenamt zu Brixlegg“, das über 20000 Gulden jährlichen Gewinn ab- warf. Auf der nördlichen Talseite liegt Kramsach, wo ein Messingwerk und eine Glashütte stehen. Diese wurde schon im ersten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts von der kunstsinnigen Landesherrin Tirols Claudia von Medici gegründet und hat auch noch in unserm Jahrhundert Glaswaren nach Alttirolern Mustern erzeugt, die sich allgemeiner Beliebtheit erfreuten; seit einigen Jahren aber ist diese Glashütte stillgelegt. Dieser Werkstoff spielt aber auch heute noch in der Wirtschaftsbilanz Tirols eine große Kölle. Denn als mächtiger Devisenbringer sind die Glasschmucksteine zu werten, die zur Erstellung vor allem der sogenannten Gablonzer Erzeugnisse benötigt werden. Sie entstehen in dem im Jahre 1895 in Wattens errichteten Unternehmen D. Swarovski, Glasfabrik und Tyrolit-Schleifmittel-Werke. Als Swarovski vor mehr als 50 Jahren aus dem Sudetenland nach Tirol kam, war Wattens ein kleines unbekanntes Dörfchen; heute ist es ein wohlhabender Fabriksort. Hier werden auf von Swarovski und seinen Söhnen entwickelten Sondermaschinen nach von ihnen selbst erdachten Verfahren Glasschmucksteine aller Art und in vielen Farben erzeugt. Neben diesem Erzeugungszweig sind im Lauf der Entwicklung ein Betrieb zur Erzeugung technischer Schleifmittel, die Tyrolit-Sehleifmittel- werke Ges. m. b. H. in Schwaz, ein Betrieb zur Erzeugung von optischen Geräten, derzeit vornehmlich von Brillengläsern und Doppelfernrohren, die Swarovski- Optik Ges. m. b. H. in Absam bei Solbad Hall i. T., und schließlich die Erzeugung von Rückstrahlern aus Trippelglasprismen für Fahrzeuge und Verkehrszeichen aller Art entstanden. Wer heute, durch das Unterinntal hinunterfahrend, an Bild 9. Privileg Kaiser Joseph I. von 1706 Stephan Strakhl für Führung der Papiermühle Wattens verliehen. Aus dem Firmenarchiv. ^ '-/S^ -Trtntfrlio Jump's tFjsKkt nt n «ettm ?R<1>re t reSWtf XriiTWm evrm.imf : gj 8 wfc 4 'H»!«wrn “SajfrntttxHun bfimvitil' JE«iüWr m -txasrt* sh i\ßg fcCTflC-n« UiAWMpim) ,n?» ist i mt'sn ■ Tntnfftt 42 Erich Kurzel-Runtscheiner: Wattens herankommt, dem werden die schönen Werks Wohnhäuser auf fallen, die die SwAROVSKi-Werke, erfüllt von sozialem Geist, in die Landschaft gestellt haben. Hier steht auch die Papierfabrik Wattens. Sie wurde, eine der ältesten Papiermühlen Österreichs, 1559 mit einem Privileg Kaiser Ferdinands I. ausgestattet, vom früheren Berggerichtsschreiber zu Schwaz und Richter der Herrschaft Rettenberg, Ludwig Lassl, errichtet. Durch all die Jahrhunderte konnte der Betrieb dieser Papiermühle, die 1862 durch Aufstellung einer Lang- siebmaschine zum „Papierfabrik-Etablissement“ wurde, aufrecht erhalten werden. Das Unternehmen blüht, zum Konzern der Bunzl & Biach A. G. in Wien gehörig, noch heute; die Erzeugnisse werden, in jeder Hinsicht konkurrenzfähig, nun wieder, wie vor Beginn des zweiten Weltkrieges, in alle Welt versandt. Wo in seinem weiteren Lauf der Inn an die Südlelme seines Tales herandrängt, liegt das malerische Städtchen Rattenberg. Einst war es reich als Sitz der Innschiffer und vieler Gewerkenfamilien. Heute ist es Fremdenverkehrsort; denn Rattenberg hat, wie wenige Städte (selbst in Tirol), das mittelalterliche Stadtbild bewahrt. An Kundl vorbei, einst auch ein Bergwerksort, heute bekannt durch seine Bierbrauerei, führt Eisenbahn und Straße nach dem als Verkehrsknotenpunkt bedeutenden Wörgl: Hier zweigt die Bahn nach Kitzbühel und ins Salzburgische ab, von hier gehen Autostraßen einerseits ins Brixental, nach Hopfgarten und nach Kitzbühel, anderseits über Söll und Elmau nach St. Johann in Tirol. Südlich von Wörgl steht in den Bergen der Großbauernhof „die Hörbig“. Von hier zog, gleich anderen tirolischen Landsleuten, die es verstanden, sich in der Welt angesehene Stellungen zu erwerben, der tüchtige Orgelbauer Alois Hörbiger aus. Er ist in Atzgersdorf bei Wien ansässig geworden, der Großvater Hanns Hörbigers, dessen Name als Erfinder der massenarmen, reibungs- frei geführten Stahlplattenventile für Pumpen und Kompressoren sowie als Schöpfer der Welteislehre berühmt geworden ist. Kohle und Zement. Bei Wörgl ändert der Inn seine Laufrichtung, indem er sich, die Nördlichen Kalkalpen durchbrechend, nach Norden wendet. Bald ist Kirchbichl erreicht. Hier stand im sechzehnten Jahrhundert ein FuGGEitsches Drahtzieh werk. Der Kanal, (1er dessen Wasserräder beaufschlagte, besteht noch heute. 1717 wurde an diesem künstlichen Wasserlauf bei Kastengstatt ein Hammer- und Walzwerk errichtet, das aber 1871 stillgelegt werden mußte, als nach Eröffnung des Bahnbetriebes die Konkurrenz der außerhalb Tirols gelegenen Montanindustrie übermächtig wurde. In Kastengstatt und im gegenüberliegenden Angath standen einst Schiffswerften, die die Innschiffe bauten; die „Inn-Schöffleute“, die mit Stolz auf ein von Kaiser Karl VI. verliehenes Privileg hinweisen konnten, fuhren mit ihren Fahrzeugen von hier bis Passau, bis Wien, ja bis Belgrad, während die Zillenfahrt und die Holzflößerei den Lauf des Inn schon vom Oberinntal aus benutzten. Bald nach der 1868 erfolgten Eröffnung des Eisenbahnverkehrs durch das Unterinntal ging die Innschiffahrt ihrem Ende entgegen. Die Schiffahrt und all das, was durch Jahrhunderte mit ihr im Zusammenhang stand, ist endgültig dahin, überwältigt Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 43 von dor Technik der Neuzeit. Heute aber sehen wir dort, wo einstmals auf den Schopperstätten die „Plätten“ genannten Innschiffe gebaut wurden, wo Flöße und Schiffe den Innstrom belebten, das mächtige Wehr des Innkraftwerkes Kirchbichl, das den Inn in einer stromauf sich weit hinziehenden Haltung aufstaut. gjaWU« jkiL. m vast Bild 10. Votivtafel mit Ansicht von Schwaz. Im Vordergrund Schiffszug am Inn. Ölbild von Georg Höttinger, 1725. Schwazer Heimatmuseum, aus dem Besitz der gräflichen Familie Enzenberg. Nahe von Kirchbichl wurde schon 1776 der Kohlenbergbau heimisch. Man nahm damals am „Pölfen“ genannten, südlich der Orte Schwoich und Häring gelegenen Gebirgsstock den Abbau des Flözes von Häring auf. Die Aufbereitung der Kohle aber erfolgte in Kirchbichl. Die Iläringer Kohle ist so schwefelhaltig, daß deren Verbrennung in größeren Mengen durch den abziehenden Schwefelrauch sogar den Pflanzenwuchs schädigte. Aus dem Schwefel, der aus der Iläringer Kohle gewonnen wurde, konnten sogar Zündholzköpfchen erzeugt wer- 44 Erich Kurzel-Runtscheiner: den; dies nutzte eine Schwefelhölzchenfabrik aus, die einst in Kirchbichl bestand. Dieser hohe Schwefelgehalt der Häringer Kohle bringt auch die Gefahr leichter Selbstentzündung mit sich. Schon im sechzehnten Jahrhundert war aus einer solchen in Häring ein Flözbrand entstanden. Von diesem berichtet 1558 der „Tiroler Bergreim“: „Bei Kuefstein ein Perg brinnen thuet, Am Pelchen genannt, an (ohne) sonder Huet, Gibt Kalch, darf keiner ferrern gluet.“ Es wurde damals, also bei Häring, naturgebrannter Kalk gewonnen. An eine andere Verwendung der Braunkohle dachte man noch nicht. Seit 1836 wieder- LssSSd ■ : "*L I* 1 tum».* i . .rt i ä fc. I Bild 11. Zementwerk Perlmoos um 1860. Nach einem Briefkopf des Unternehmens. holten sich die Kohlenbrände, die seit 1872 nicht mehr gedämmt werden konnten. Daher mußte die Grube 1942 aufgegeben werden; das Flöz schwelt untertags weiter. Vom Unterinntal hat auch Österreichs Zementindustrie ihren Ausgang genommen. Ihr Begründer ist der Straßenmeister Franz Kink, einst Bürgermeister von Kufstein, der 1842 feststellte, daß das Gestein des als Fundstätte der Häringer Kohle schon erwähnten Gebirgsstockes Pölfen auch als Ausgangswerkstoff der Zementerzeugung besonders geeignet sei. 1843 errichtete Kink bei dem von ihm •gefundenen mächtigen Lager von tertiären Mergeln in Schwoich und bald darauf in Häring je eine Romanzementfabrik. Die Erzeugung von Romanzement bedient sich eines Verfahrens, das der Engländer James Parker erdachte und 1796 erstmalig verwendete, indem er natürlichen hydraulischen Kalk pulverisierte und im Kalkofen brannte. Die Bezeichnung, die der Erfinder seinem Werkstoff gab, sollte darauf hinweisen, daß Romanzement Eigenschaften besitzt, die ihn den berühmten altrömischen Mörteln gleichwertig machen. Kink verbesserte Parkers Verfahren, was ihm wegen der Güte der Ausgangsstoffe möglich wurde, die ihm bei Kufstein zur Verfügung standen. Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 45 Durch das rasche Aufblühen von Kinks Zementfabrik fühlte sich der pensionierte Steuereinnehmer Alois Kraft 1854 bewogen, bei Häring einen Mergelbruch zu eröffnen; ihm gelang als erstem die Herstellung von Xaturportland- zement. Dieses auf der in Perlmoos gelegenen Zementmühle Krafts entwickelte Verfahren ist also eine in Tirol gemachte Erfindung. Denn bis dahin konnte Portlandzement nur aus einem künstlichen Gemenge von Kalk und Ton hergestellt werden. Die ersten Versuche dieser Art hatte 1813—1818 L. J. Virat in Paris angestellt; sie wurden 1824 vom Londoner Baumeister Joseph Aspdin wieder aufgenommen und führten zu vollem Erfolg. Aspdin nannte seinen künstlichen Werkstoff nach dem damals in England bei Bauten viel verwendeten Portlandstone Portlandzement, eine Bezeichnung, die später für alle Zemente verwendet wurde. Erst 1838 aber gelang es, den Portlandzement so zu verbessern, daß er die Güte des Romanzementes erreichte. Kraft, der über die zum Ausbau seines Verfahrens nötigen Geldmittel nicht verfügte, verband sich mit dem Salzburger Großhändler Angelo Saullich. 1872 wurde das von beiden geführte Unternehmen unter der Bezeichnung Perlmooser Zementfabrik in eine Aktiengesellschaft verwandelt, die auch die von Kink gegründete Zementfabrik in sich aufnahm. Seit damals hält diese Aktiengesellschaft, die in weiterer Folge auch in anderen Teilen Österreichs bestehende Zementwerke erwarb und neue errichtete, die führende Stelle ihres Erzeugungszweiges. In diesen Werken werden Zemente bester Qualitäten und gewünschter, je nach dem Verwendungszweck abgestimmter Eigenschaft in Drehofen gebrannt und der Klinker in Rohrmühlen gemahlen. In Kufstein, von wo dieser bedeutsame Zweig der Industrie der Steine und Erden seinen Ausgang genommen hat, endete Friedrich List, ein hochbegabter Volkswirtschafter, durch Selbstmord. Er war, nachdem er in USA. wertvolle Erfahrungen gesammelt hatte, nach Deutschland zurückgekehrt, blieb aber hier in seinem Streben ohne Erfolg. Am Ende seines wohl nicht ganz unverschuldet von Widrigkeiten erfüllten Lebens war List „der Deutsche ohne Deutschland“, der den Deutschen Zollverein anregte, der das deutsche Eisenbahnsystem entwarf, nach Kufstein gekommen. Am 30. November 1846 griff er am Fuße des Tuxer- köpfh zur Pistole; er ruht im Friedhof der Stadt, die ihn durch Errichtung eines Denkmals geehrt hat. Kufstein seit 1945. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges ist nun Kufstein, das seinerzeit ein bedeutendes Zentrum des Verkehrs zu Wasser und zu Land, sowie eine mächtige Feste gewesen, aber später zur stillen Kleinstadt geworden war, von neuem Lebenswillen erfüllt, zum Mittelpunkt eines aufblühenden Industriegebietes geworden. Wie beengt waren noch die Verhältnisse in Kufstein zur Zeit, als Josef Madersperger, der Pionier des Maschinennähens, 1768 dort geboren wurde. Gab es damals noch die Innschiffahrt, die Leben auch in die Kleinstadt brachte, so hörte dieser Auftrieb auf, nachdem 1858 der Eisenbahnanschluß durch das Unterinntal nach Bayern geschaffen worden war. Die engen Verhältnisse blieben bis zum Ende des zweiten Weltkrieges bestehen. Als endlich die Waffen ruhten, 46 Erich Kurzel-Runtscheiner: kamen, namentlich aus dem Sudetenland, neue Menschen ins KufSteiner Gebiet; sie brachten für Kufstein bis dahin unerhörte Ideen mit und waren von Tatkraft und Arbeitswillen erfüllt. So sind in und lim die kleine Stadt in wenigen Jahren nach den neuzeitlichsten Verfahren arbeitende und über vorzügliche maschinelle Ausrüstung verfügende Kleinbetriebe entstanden, durch die Kufstein zu einem kleinindustriellen Zentrum wurde. Da gibt es chemische Werke, die wie die Alpine Chemische Industrie Arzneimittel, und wie die Elchemie G. m. b. H. Grundstoffe der Waschmittelindustrie erzeugen. Aus dem Werk der Frosta-Kühlung stammen elektro- automatische Kühlschränke und Kühlanlagen. Das Alpenländische Metallwerk Bühl ist spezialisiert auf Buntmetalle und Armaturen, Uxa, Vogelsinger & Co. auf Temper-, Kleineisen- und Metallguß, Pirlo & Co. erzeugt Blechemballagen, Konservendosen und andere Blechmassenartikel, die Simmerwerke ölbeständige Dichtungsringe für die Kraftfahrzeug- und für die Maschinenindnstrie, Fritz Striede im Reihenbau Prothesen, die die Kufsteiner Knnstgliedererzeugung, die insbesondere auch der Natur nachgebildete Kniegelenke fertigt, in aller Welt berühmt gemacht haben. Seit 1946 in Kufstein (früher im Böhmerwald) aber besteht die Tiroler Glashütte Johann Rotz Enkel, die Edelglaswaren nach alten und neuen Mustern erzeugt. Von diesem Anstieg zu industrieller Tätigkeit und Prosperität in und um Kufstein konnten sich alle Teilnehmer an der Feier überzeugen, die 1950 zur hundertsten Wiederkehr des Todestages Josef Maderspergers — er starb völlig verarmt am 2. Oktober 1850 in Wien im St. Marxer Altersheim, den man nun aber mit vollem Recht als den größten Sohn dieser Stadt feierte —, ins Unterinntal gekommen waren. Aus diesem Anlaß wurde in Kufstein eine Nähmaschinenschau, ausgehend von dem im Wiener Technischen Museum verwahrten Prototyp Maderspergers, der sogar nähend vorgeführt werden konnte, veranstaltet. „Was hätte es für Österreichs Volkswirtschaft bedeutet“, schrieb der Landeshauptmann von Tirol Dr. Alfons Weissgatterer anläßlich dieser Feier, „wenn man es verstanden hätte, die Erfindung Maderspergers im eigenen Land zu nützen? Im Gedenken an ihn wollen wird das Unsere tun, um eine Wiederholung seines Schicksals unwahrscheinlich zu machen!“ Madersperger gehört trotz allem Mißgeschick, das ihn traf, zu den geistigen Ahnherrn einer gewaltigen Industrie; daß er ein Sohn des Unterinntales war, ist ein Beweis für die wertvollen Eigenschaften der dort lebenden Menschen. Schrifttum. „Schwazer Bergbuch“ 1556 (1561), bebilderte Handschrift (Exemplare in Leoben, Wien, Innsbruck, München). Georg Rösch von Geroldshausen, „Der Fürstlichen Grafschaft Tyrol Landtreim“, Innsbruck 1558. Georg Reutter von Gaysspitz (Georg Rösch von Geroldshausen), „Ain Wunschspruch . . .“, Innsbruck 1560. Conrad Fischnaler, „Tyroler Landreim und Wunschspruch . . .“, Innsbruck 1898. Konrad Fischnaler, „Innsbrucker Chronik“, Innsbruck 1929. Vinzenz Oberhammer, „Die Bronzestandbilder des Maximilian-Grabmales in der Hofkirche zu Innsbruck“, Innsbruck 1935. Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. 47 ,,Tiroler Technik“, Sonderheft der „Tiroler Heimatblätter“, 1935. Heinrich Pösendeiner, „Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie“ in: BfTG/1, S. 128—137, Wien 1932. Johann Jacob Fugger, „Spiegel der Ehren des Erzhauses Österreich“, Nürnberg 1668. Marx Treitzsauerwein, „Der Weise Kunig“, Wien 1775. 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Johann Radinger, der berühmte Lehrer des Maschinenbaues an der Wiener Technischen Hochschule, schließt die Vorrede zur 1892 erschienenen, völlig uin- gearbeiteten dritten Auflage seiner Studien „über Dampfmaschinen mit hoher Kolbengeschwindigkeit“, deren Ergebnisse, seit dieses Werk 1870 erstmalig gedruckt worden war, „in allen Fachwerken auf- genommen und von allen technischen Kanzeln gelehrt wurden“, mit folgendem Satz: „überall ist (durch dessen Darlegungen) in die Zukunft und nach den Grenzen gespäht, und oftmals ergibt sich die Erkenntnis der Möglichkeit noch weiteren Ansteigens der hohen Kolbengeschwindigkeit und mit dem noch weiterer Vervollkommnung des kraftvoll-herrlichsten Menschenwerkes — der Dampfmaschine.“ Während dieses Buch Radingers die theoretischen Grundlagen enthielt, auf denen sich die Dampfmaschine in den letzten drei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts entwickeln konnte, hat Alfred Collmann als Erfinder von zwangsläufigen Steuerungen für Kolbendampfmaschinen für die energiewirtschaftliche Praxis dieser Zeit Entscheidendes geleistet und den Fortschritt auf diesem Sondergebiet der Technik, das seine ureigenste Domäne wurde, maßgebend beeinflußt. Alfred Collmann wurde am 17. April 1851 in Wien geboren. Durch den Beruf des Vaters Conrad Collmann, der eine in der Laxenburgerstraße gelegene Bild 1. Alfred Collmann, Jugendbildnis. ! Vv" Alfred Collmann — Lebensweg und Leistung. 49 Eisengießerei besaß, wurde der Junge schon frühzeitig zu technischer Betätigung hingeleitet. Nach Beendigung der Mittelschulstudien an einer Wiener Realschule bezog Collmann 1867 die Maschinenhauschule des Polytechnischen Instituts in Wien. Er war hier einer der Schüler von Professor Grimus von Grimburg und von Johann Radinger, der damals dessen Adjunkt — so hießen zu jener Zeit die Konstrukteure — und Dozent der Maschinenkunde am Wiener Polytechnischen Institut gewesen ist. 1871 trat Collmann, nachdem er seine Studien durch Erwerbung des Ingenieurdiploms erfolgreich abgeschlossen hatte, in die Praxis des Maschinenbaues ein. Collmann ging zunächst nach Cannstatt zur Maschinenfabrik Decker &Co. und war dort durch zwei Jahre als Konstrukteur tätig. 1873 verließ Collmann diese Stellung, um bei der Turbinenfabrik Johann Jakob Riester in Föß bei Winterthur die Stelle eines Betriebs- und Konstruktionsingenieurs zu übernehmen. In dieser blieb er bis zum Jahre 1877 mit dem Bau von Wasserturbinen beschäftigt. Dann übernahm Collmann die Stelle eines Konstrukteurs in der Baienthaler Maschinenfabrik in Baienthal bei Köln am Rhein. Schon zu Beginn seines Baienthaler Aufenthaltes hat Collmann 1877 erstmalig den Gedanken gefaßt, den einströmenden und den ausströmenden Dampf in Dampfmaschinenzylindern durch zwangläufiges Anheben und Senken von Doppelsitzventilen zu steuern. Die praktische, auch für schnellgehende Dampfmaschinen brauchbare Lösung erfolgte zunächst durch die sogenannte „zwangläufige CoLLMANN-Steuerung mit Wälzhebelwirkung“ vom Jahre 1878 (Bild 3). Diese später als „alte CoLLMANN-Steuerung“ bezeichnete Bauart, bei der die Ventile für alle Füllungsgrade vom Steuerungsmechanismus gehoben und unter Federdruck zwangsweise wiederum gesenkt wurden, ergab wesentlich bessere Ventilbewegungen, als selbst die besten der damals üblichen Dampfmaschinensteuerungen, wie etwa die Drehschieber verwendende CoRLiss-Steuerung oder die Ventilsteuerungen mit Luftpuffern beinahe identischer Bauart, die seit 1870 von Gebr. Sulzer in Winterthur und seit 1872 von der Maschinenfabrik Augsburg gebaut wurden. Denn schon bei der „alten CoLLMANN-Steuerung“ fielen die Verschlußlinien der Ventile sehr steil und regelmäßig ab; trotzdem zeigte sich knapp vor der horizontalen Ventilschlußlage bei raschem Ventilschluß sanftes Aufsetzen der Ventilkörper. Die verbesserte Steuerwirkung war bei dieser Steuerung Collmanns von den Reibungswiderständen unabhängiger und hierdurch viel zuverlässiger geworden. Ein unvermeidliches konstruktives Folgeübel der „alten CoLLMANN-Steuerung“ Bild 2. Alfred Collmann, Altersbildnis. 50 Alfred Collmann — Lebensweg und Leistung. war, wie bei allen anderen nachfolgenden Zwanglaufsteilerungen, der viel größere Kegelwiderstand gegenüber den bald darauf entstehenden Luftpuffer-Klinken- steuerungen. I )a aber trotzdem bei der „alten CoLLMANN-Steuerung“ dieser große Kegelwiderstand durch sehr kräftige WATTSche Regulatoren noch genügend be- Bild 3. „Alte Collmann- Steuerung“ mit Wälzhebel Wirkung (1878) aus: „Die Entwicklung der Collmann- Steuerungen und deren Ventilbewegungen“. Die Exzenterstange E ist am Hebel H 1 mit dem Drehpunkt h im Punkte g angelenkt. An diesen Hebel schließt sich der Kniehebel i, k, l (Kniegelenk imPunkte k) an. Vom Punkte l aus wird über die Wälzhebel Wj und iV 2 die Steuerbewegung auf die Ventilstange V übertragen. Die Horizontalbewegung des Kniegelenks k, welche die Bewegung des Punktes l und damit den Ventilhub maßgeblich beeinflußt, wird vom Hebel 77 2 bewirkt. Dieser ist einerseits über a an Z angelenkt, während er in b mit einem Gleitschuh auf der Exzenterstange E gleitet. Z ist seinerseits in c an dem Arm einer vom Regler gesteuerten Welle R gelagert. Durch Verdrehen von R durch den Regler wird c gehoben und gesenkt und dadurch die Horizontalbewegung von k und damit die Füllung geregelt. herrscht werden konnte, waren die Zuverlässigkeit dieser Steuerung und deren verbesserte Ventilfunktionen die Ursachen, daß während der Patentdauer über 2000 Nummern der „alten CoLLMANN-Steuerungs-Dampfmaschinen“ von einer Keihe von Maschinenfabriken ausgebaut wurden. Alfred Collmann — Lebensweg und Leistung. 51 Collmanns epochemachende Erfindung im Maschinenbau der damaligen Zeit wurde, als sie noch 1878 auf der in diesem Jahr in Paris stattfindenden Weltausstellung zur Schau gestellt war, von allen Fachleuten anerkannt und bewundert; sie brachte Collmann die Verleihung der Ehrenlegion und gab in den darauffolgenden Jahren Anregung zur Entstehung einer größeren Anzahl Zwanglaufsteuerungen mit Wälzhebelwirkung. Obwohl Collmann alsbald erkannt hatte, daß er nur als unabhängiger Ingenieur jene hohen Ziele erreichen werde können, die er sich gesteckt hatte, mußte er doch noch eine Zeitlang als Industrieangestellter Weiterarbeiten. Zunächst blieb er bis 1880 in Baienthal. Dann aber folgte ein vierjähriger Aufenthalt in England, während welchem Collmann bei der Maschinenfabrik Appleby Bros, in London die Stelle eines Konstrukteurs innehatte. Die Weitläufigkeit, die Collmann von je ausgezeichnet hatte, fand hier ihre letzte Vollendung. 1884 war Collmann sow r eit, daß er sich selbständig machen konnte: er übersiedelte nach Wien und ließ sich hier als freischaffender Ingenieur nieder, um als Ratgeber einer Reihe von Maschinenfabriken in Österreich, in Ungarn, in Deutschland, in Rußland und in Frankreich seine Gedanken über den Bau von Kolben-Dampfmaschinen in großem Stil zu verwirklichen. 1890 bestand die „alte CoLLMANN-Steuerung“ noch so gut vor dem Forum der maschinenbaulichen Praxis, daß, als Radinger daranging, die Versuche vorzunehmen, auf denen er die Feststellungen der schon erwähnten dritten Auflage seines Buches „über Dampfmaschinen mit hoher Kolbengeschwindigkeit“ aufbauen konnte, unter den 32 untersuchten Dampfmaschinen 8 Maschinen mit „alter CoLLMANN-Steuerung“ gewesen sind. Sie alle waren Erzeugnisse der Ersten Brünner Maschinenfabriks-Gesellschaft in Brünn in Compoundanordnung' mit unter 90° versetzten Kurbeln; sie leisteten zwischen 70 und 600 PS. Radinger gab, die Schiebersteuerungen und die Ventilsteuerungen seiner Zeit untereinander vergleichend, 1892 in obgenanntem Buch folgendes Urteil ab: „Ventilsteuerungen sind nur bis ungefähr 100 Touren per Minute verläßlich. Ausnahmen kommen wohl vor, erheischen aber besondere Aufmerksamkeit. Für hohe Tourenzahlen haben sich bis heute nur die Steuerungen mit hin- und hergehenden oder schwingenden Schiebern bewährt.“ Collmann, der unabhängig von Radinger zur selben Erkenntnis gekommen war, hatte, als Radingers Buch 1892 neuerlich erschien, durch den Wunsch geleitet, eine auch bei höheren Umlauf szahlen völlig entsprechende Ventilsteuerung zu schaffen, bereits eine neue Erfindung gemacht. Es war dies die „einfache zwangläufige CoLLMANN-Steuerung mit Doppeldaumenbewegung“, mit der er 1891 hervortrat. Bei dieser meist kurzweg „neue CoLLMANN-Steuerung von 1891“ genannten Bauart bewegte ein einziger Steuermechanismus die beiden Einlaßventile. Diese einfachste CoLLMANN-Zwang- laufsteuerung (ö. P. 42/1673, D. R. P. 67.391 vom Jahre 1891) wurde anfänglich in Verbindung mit dem kräftigen Vertikalregulator der „alten CoLLMANN-Steuerung“ ausprobiert. Bald darauf verband Collmann aber diese Steuerung mit einem um eine waagrechte Welle umlaufenden Federregulator; diese Welle war zugleich jene Steuerwelle, die neben dem Dampfzylinder angeordnet ist und von deren Exzenter die Steuerhebel in Bewegung gesetzt werden. Technikgeschichte, 13. Heft. 5 52 Alfred Collmann — Lebensweg und Leistung. Diese einfachste „neue CoLLMANN-Steuerung“ wurde vom Erfinder 1892 durch eine Vorrichtung zum zwangläufigen Momentverschluß mittels Klinke, ähnlich der abgebildeten Zeichnung (Bild 4), wesentlich verbessert, wobei jedoch die Wälzdaumen noch beibehalten wurden. 1893 wurde der Öldämpfungspuffer, der schon in der Steuerung von 1892 vorgesehen war, dahingehend verbessert, daß der TV# -i-sy*-; Bild 4. „Neue CoLLMANN-Steuerungen mit Flüssigkeitspuffer“ (1895) aus: „Die Entwicklung der Collmann -Steuerung und deren Ventilbewegungen“. Die Exzenterstange S schwingt mit dem Funkt B, am Hebel l angelenkt, um P. Gleichfalls im Funkte B ist am Hebel l die hakenförmige Klinke m gelagert, die durch die Feder / relativ zu l so lange in der gezeichneten Lage gehalten wird und daher die Gegenklinke n mitnimmt und dadurch das Einlaßventil V g abhebt, bis sie infolge der oszillierenden Bewegung von l an den Hebel Q anscldägt und auslöst. Das Ventil schnellt hierauf unter Federdruck auf seinen Sitz zurück, wird aber knapp vor dem Aufsetzen durch den Flüssigkeitspuffer K gebremst. Die Füllungsregelung erfolgt durch Verdrehen des Hebels Q um die Welle It, die vom Regler gesteuert wird. Das Auslaßventil V a wird über den Wälzdaumen 1)' und den Hebel P' gesteuert. Querschnitt der öldrosselstellen sich knapp vor dem Aufsetzen des Ventils wesentlich verringert, wodurch das Aufsetzen der Ventile besonders stoßarm wird (Bild 4). Der Wälzdaumen wurde nur zur Steuerung des Auslaßventiles beibehalten, beim Einlaßventil jedoch weggelassen. Für alle von Collmann entwickelten Steuerungsbauarten sind die wohlgeformten und nach theoretischen Erwägungen entwickelten Ventilerhebungskurven charakteristisch, die sich auch in der Praxis vollauf bewährten. Besonders vollkom- Alfred Collmann — Lebensweg und Leistung. 53 men sind diese für den ruhigen (lang und die Wirtschaftlichkeit des Betriebes der Kolbendampfmaschinen entscheidenden Kurven hei der „neuen CoLLMANN-Steu- erung mit Flüssigkeitspuffer“; denn hei ihr erfolgt ein für alle Füllungen genau gleicher tadellos rascher Ventilschluß mit besonders sanftem Aufsetzen der Ventile. Mit „neuen COLLMANN-Steuerungen“ wurden in den der Erfindung folgenden Jahrzehnten beinahe 2500 Kolbendampfmaschinen in vielen Ländern ausgerüstet; schon 1901 konnte ein „Bericht über die Erfolge aller die Collmann- Steuerungs-Patente ausbauenden Maschinenfabriken“ anläßlich der Lieferung der tausendsten Dampfmaschine mit „neuer CoLLMANN-Steuerung“ herausgegeben werden. Drei der darin aufgezählten Maschinenfabriken hatten für CoLLMANN-Maschinen auf der Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 je einen Grand Prix erhalten. Der Welterfolg dieses österreichischen Ingenieurschaffens ergibt sich auch daraus, daß die Gesamtleistung aller jener Kolbendampfmaschinen, die mit der „alten“ und mit der „neuen CoLLMANN-Steuerung“ arbeiteten, mit 1 Mill. PS zu beziffern ist. Die größten Einheiten, die jemals mit CoLLMANN-Steuerung versehen, gebaut wurden, waren zwei im elektrischen Kraftwerk Baku aufgestellte 3000 PS liegende Kondensations-Vierzylinder-Dreifachexpansionsmaschinen; sie hatten 1400 mm Hub, 770/1190/2 X 1400 mm Zylinderbohrungen und liefen mit 83 Umdrehungen minütlich. Neben mehreren Einheiten mit Leistungen zwischen 1000 und 1500 PS wurden meist Fabrikzentralen-Maschinen zwischen 100 PS und 800 PS Leistung mit CoLLMANN-Steuerung versehen. Nebstbei wurde der von Collmann entwickelte Steuerungs-Flüssigkeitspuffer bald nach seinem Bekanntwerden auch zur Betätigung der selbsttätigen Ventile von Luftkompressoren mit bestem Erfolg verwendet. Während der Laufdauer der diesbezüglichen Patente wurden über 100 Großkompressoren mit Collmann- scher Ventilbewegung ausgerüstet. Nach dem Ablauf der Schutzfristen seiner letzten Patente hat Collmann, da inzwischen durch das Vordringen der Dampfturbinen die Konjunktur des Kolbendampfmaschinenbaues einem raschen Ende zuneigte, seine Ingenieurtätigkeit auf diesem Gebiet eingestellt. Sie wurde, da bald darauf der erste Weltkrieg ausbrach und da sich dessen Folgen und die Folgen der Nachkriegsverhältnisse mehr und mehr bemerkbar machten, auf diesem Gebiet nicht wiederum aufgenommen. Von Collmann in Gemeinsamkeit mit seiner Tochter Alice Weibel erworbene Patente auf einen „direkten Friktionsräder-Dynamoantrieb der Laufräder von elektrischen Lokomotiven oder Triebwagen“ blieben ohne Auswirkung auf die Praxis. Alfred Collmanns Wirken als Ingenieur, Erfinder und Organisator brachte ihm nicht nur große finanzielle Erfolge, sondern auch hohe Ehrungen. Es wurde bereits berichtet, daß er seit 1878 Ritter der Ehrenlegion war und daß anläßlich der Weltausstellung des Jahres 1900 in Paris drei mit seinen Steuerungen ausgerüstete Kolbendampfmaschinen mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurden. 1931 verlieh ihm die Technische Hochschule in Wien, als deren Hörer Collmann sich sein Ingenieurkönnen erworben hatte, aus Anlaß seines 80. Geburtstages das Ehrendoktorat. 5 * 54 Alfred Collmann — Lebensweg und Leistung. Collmann war mit einem hohen Sinn für das Praktische im Leben und das Wundervolle in Natur, Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. So stand er auch gesellschaftlich im alten Wien in enger Verbindung mit vielen Prominenten seiner Zeit. Die Brüder Hochenegg, Wagner-Jauregg, Chiari, Slatin-Pascha zählten zu seinen nächsten Freunden. Hörrigers Ideen fanden bei ihm frühestes Interesse. Mancher Sportzweig in Österreichs Bergen und auf unseren Alpenseen fand ihn als einen der ersten und verständnisvollsten Förderer. Noch bis in die letzte Zeit lenkte er fast täglich seine Schritte in das Künstlerhaus, zu dessen ältesten Mitgliedern er zählte. Viele Angehörige der Künstlergenossenschaft, deren Namen, wie der seine, in den Annalen Wiens ihren Platz haben, wie Angeli, Charlemont, Darnaut und viele andere, standen ihm freundschaftlich nahe. Die Wintermonate verlebte Collmann in Wien in einem vornehmen Zinshaus, das er sich in der Reisnerstraße erbaut hatte, die Sommermonate in seiner Villa am Millstätter See. Am 7. April 1937 ist Collmann, wenige Tage vor seinem 87. Geburtstag, in Wien, der Stadt, in der er geboren und in die er als erfolgreicher Ingenieur zurückgekehrt war, hochgeehrt und von allen verehrt, die ihn persönlich kannten, eines sanften Todes gestorben. Er wurde seinem Wunsch und seinem Wesen entsprechend in aller Stille zu Grabe getragen. Die Auswirkung der Ingenieurtätigkeit Alfred Collmanns strahlte aus in alle Welt. Er war einer jener, der das billige Sprüchlein vom „österreichischen Erfinderschicksal“ gründlich ad absurdum geführt hat. Collmann hat, wie er von sich selbst sagte, niemals ein Unternehmen gegründet, auch nicht durch Veröffentlichungen zu glänzen versucht, aber das sei ihm gelungen: „durch fertige Ausführungen wirklicher Maschinen weltweit zu wirken“. Quellennachweis. Aufzeichnungen und Fragebogen im Personenarchiv des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte. Patentschriften. Mitteilungen aus der Familie und von Freunden. Schrifttum. Johann Radinger, „Über Dampfmaschinen mit hoher Kolbengeschwindigkeit“, 1. Aufl., Wien 1870, 3. umgearbeitete Aufl., Wien 1892. „Bericht über die Erfolge aller die Collmann-Steuerungspatente ausbauenden Maschinenfabriken“, Wien 1901. „Die Entwicklung der Collmann-Steuerungen und deren Ventilbewegungen“, Wien, o. J. Ludwig Czischek, „Die Dampfmaschinen der Pariser Weltausstellung“ in: Zeitschrift des Österr. Ingenieur- und Architekten-Vereines, Wien 1901, Hefte 29, 31, 32, 47, 49, 50 und 51. M. F. Gutermuth, „Die Weltausstellung in Paris. Dampfmaschinen“ in: Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure, Berlin 1900, Heft 35, Berlin 1901, Hefte 6, 9, 11 und 22. Nachrufe: „Neue Freie Presse“, Wien, 13. April 1937, „Neues Wiener Tagblatt“, Wien, 18. April 1937, „Rundschau technischer Arbeit“, Berlin, 28. April 1937. Mitteilungen und Berichte Nikola Tesla-Kongreß im Jahre 1958 am Technischen Museum in Wien. Im .Jahre 1953 soll am Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien einTESLA-Kongreß abgehalten werden, der die Leistungen Nikola Teslas und die Auswirkungen auf die Hochspannungs- und Hochfrequenztechnik behandeln wird. Ivan Mestrovic, Amerikas größter Bildhauer, hat aus diesem Anlaß eine Büste seines Freundes Tesla modelliert. Die in Jugoslawien angefertigte Bronzebüste, ein Geschenk der jugoslawischen Regierung an das Technische Museum, wird noch im Jahre 1951 in Wien einlangen. Sie wird dort einen Ehrenplatz bekommen. In diesem Zusammenhang kommt das Buch des Rohrer-Verlages John .1. O’Neill „Nikola Tesla“ mit dem Untertitel „Der Gegenspieler Edisons“, sehr gelegen. Das Buch ist recht flüssig geschrieben und von solcher Lebendigkeit, wie es nur jemand schreiben konnte, der aus eigener Wahrnehmung die Person Teslas richtig zu charakterisieren imstande ist. Teslas große Verdienste um die Wechselstromtechnik und um die Hochfrequenztechnik sind noch immer nicht voll gewürdigt worden. Das vorliegende Buch gibt einen guten Einblick in das technische Schaffen Nikola Teslas. Tesla lebte der Wissenschaft. Für einen Erfinder hat er sich nicht gehalten. Er ist das Gegenstück zu Edison. Anders in den Charakterzügen geartet und andere Interessen, haben die beiden nie recht Freunde werden lassen. Dr. Josef Nagler. Technikgeschichtliche Bücherschau. Von Dipl.-Ing. Erich Kurzel-Runtscheiner. „Die Geschichtswissenschaft der Neuzeit hat sich mit dem letzten Jahrhundert österreichischer Wirtschaftsentwicklung nur ganz unzulänglich befaßt. Noch harrt der ganze Reichtum der wirtschaftlichen Tatbestände dieses Zeitraumes seiner Ausschöpfung.“ Diese Sätze leiten das mit gründlicher Sachkenntnis geschriebene umfangreiche Werk „Hundert Jahre österreichischer Wirtschaftsentwicklung 1848—1948“ ein, das der Professor an der Universität Wien Dr. Hans Mayer in Gemeinschaftsarbeit mit bekannten Könnern des Faches herausgab 1 . Diesem Werk gelingt es, den umschriebenen Zeitraum wissenschaftlich zu durchleuchten. Es gelangt dabei zu Erkenntnissen über die Gegebenheiten dieser entwicklungsreichen Periode, die weit über den aktuellen Anlaß hinaus von Wert sein werden. Der Ertrag dieser unter der Patronanz der österreichischen Biuideskammer der gewerblichen Wirtschaft entstandenen und herausgegebenen Arbeit so vieler hervorragender Männer der Volkswirtschaft Österreichs kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn es vermittelt nicht nur tieferes Verständnis der wirtschaftlichen Gegenwart durch Begreifen des Bestehenden aus dem Prozesse seines Werdens, sondern vor allem durch die sich daraus ergebenden Erkenntnisse der vielseitigen kausalen und wechselseitigen Zusammenhänge, und besonders der Art dieser Zusammenhänge sowohl zwischen den einzelnen volkswirtschaftlichen Vorgängen untereinander, als auch mit den Tatsachen und Wandlungen der Politik, der Staats- und Wirtschaftsverfassung, der gesellschaftlichen Machtverteilung und nicht zuletzt der jeweils prävalierenden sozialen Ideenrichtungen, .sowie der großen Konzeptionen führender Einzelpersönlichkeiten. Um diese hochgesteckten Ziele zu erreichen, wird in von umfangreichen Quellenangaben begleiteten und auf diesen sich stützenden Kapiteln zunächst die Entstehung und der Entwicklungsgang der Handelskammern in Österreich, dann Geld- und Währungspolitik, die Finanzpolitik, der Binnenhandel, der Außenhandel, die Industrie- und die Gewerbepolitik, das Verkehrswesen, die sozialpolitische und 1 Hans Mayer: „Hundert Jahre österreichischer Wirtschaftsentwicklung 1848 bis 1948“, herausgegeben mit Beiträgen von E. Garhofer, F. Geissler, L. Grailer, A. Gratz, O. Gruss, F. John, R. Kamitz, P. Müller, W. Weber, K. H. Werner, F. Wlcek, Wien 1949, Springer-Verlag. Erich Kurzel-Ruxtscheiner: Technikgeschichtliche Bücherschau. 57 sozialrechtliche Entwicklung, sowie endlich Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik in Österreich zwischen den Jahren 1848 und 1948 behandelt. Daß bei der pragmatischen Darstellung der Abläufe in all diesen Sparten auch des technischen Geschehens immer wieder gedacht wird, ist selbstverständlich. Einzelfälle auf diesem weitausgesteckten Felde der Geschichtsbetrachtung behandeln die Firmenjubiläumsschriften; auch diesmal liegt eine größere Anzahl von ihnen vor. Als erste ihrer Art sei die kleine, aber mit kundiger Feder niedergeschriebene Jubiläumsschrift „Hundert Jahre eines Wiener Geschäftshauses, die Firma Rudolf Kolroser von 1850—1950“ 2 erwähnt. Sie führt in einer modeindustriellen, von reizvollen Abbildungen aus der Zeit begleiteten Schilderung von den Tagen, in denen Wiens Innenstadt noch umwallt und durch Festungstore von der Umwelt abgeschlossen war, bis zur Lichtarchitektur des Verkaufslokals von heute, das seit 1850 die gegen den Ring gekehrte Ecke' des Schottenhofes einnimmt. Geschmackvoll in der farbigen künstlerischen Ausstattung ist die Schrift „100 Jahre Guntramsdorfer Druckfabrik A. G. 1849—1949“ 3 . Bedauerlicherweise gibt der gebotene geschichtliche Abriß kaum einen Hinweis auf die oftmals pionierhafte textiltechnische Entwicklung dieses vornehmen, auf Vitus Meyer (1786—1866) „k. k. priv. Großhändler und Gründer der Zitz- und Kattunfabrik zu Guntramsdorf“ zurückgehenden Unternehmens, das insbesondere für die Entwicklung der Appretur und der Farbenaufbringung wiederholt Vorbildliches leistete. An der Spitze des Textes einer Firmenschrift „1867—1951, Steyrermühl Papier- fabriks- und Verlags-Aktiengesellschaft“ 4 , die aus Anlaß der Aufstellung und Inbetriebsetzung der Papiermaschine „Gigant“ — PM 1 herausgegeben wurde, steht folgender Spruch eines alten Holländermüllers: Nun mahle sorgsam der Fasern Heer, Die einen wenig, die anderen mehr, Bald rösch, bald schmierig, bald grob, bald fein, Bald kurz, bald lang muß Faserstoff sein. Misch gründlich die Stoffe, Leim, Farbe und Erde, Daß gut Papier aus Faserbrei werde. Die neue Papiermaschine, der diese Schrift gewidmet ist, steht in einer 100 m langen und 10 m hohen neuerbauten Werkshalle. Die beschnittene Arbeitsbreite der Maschine beträgt 3750 mm. Die PM 1 kann sowohl holzhaltige als auch holzfreie Papiere in Gewichten zwischen 40 g und 220 g je Quadratmeter erzeugen. Das gigantenhafte Aussehen dieser unter einem den zur Papierbahn werdenden Brei 2 „Hundert Jahre eines Wiener Geschäftshauses. Die Firma Rudolf Kolroser von 1850—1950“, Wien 1950, im Selbstverlag. 3 „100 Jahre Guntramsdorfer Druckfabrik A. G. 1849—1949“, Wien ohne Jahr, im Selbstverlag. 4 „1867—1951, Steyrermühl Papierfabriks- und Verlags-Aktiengesellschaft“, Wien ohne Jahr, im Selbstverlag. 58 Erich Kurzel-Runtscheiner gegen Verschmutzung schützenden Glasdach arbeitenden Maschine zeigt ein der Firmenschrift beigeheftetes doppelseitiges Farbbild; ihr Erwerb, die Montage, der Bau der Hallen und Aufbereitungsanlagen samt Kraft- und Wasseranschlüssen wurde zu einem wesentlichen Teil aus Mitteln des europäischen Wiederaufbaufonds sichergestellt Durch die Inbetriebnahme der neuen Papiermaschine „Gigant“ konnte die Jahresproduktion der „Steyrermühl“ bei einem nur geringen Mehraufwand von Holz von 23000 t auf 40000 t Papier erhöht werden. „Vom Handwerk zur Industrie“ führte der 75jährige Weg die Optischen Werke C. Reichert Aktiengesellschaft. Dies bezeugt eine textlich und typographisch vorbildlich gestaltete Schrift, deren „Streiflichter aus unseren Werkstätten“ benannter Teil mit Photos der Erzeugnisse der Firma von selten gesehener Bildhaftigkeit ausgestattet ist. Das schöne Heft, die eben ausgegebene „Festschrift in memoriam Carl Reichert “ 5 (geboren am 26. Dezember 1851), zeigt auf ihrem Umschlag das farbenphotographische künstlerische Bildnis des vor einen Globus gestellten neuen binokularen Forschungsmikroskops „im weißen Kleid“ seines Gestelles. Es ist kaum anders möglich, als daß dieses Titelbild bei jedem, der mit solchen Geräten zu arbeiten hat, den Wunsch erregt, ein REiciiERT-Mikroskop dieser Art auf seinem Forschertisch stehen zu haben! Und damit ist der Zweck der Ausgabe dieser einschließlich Umschlag bloß 46 Seiten umfassenden Firmenschrift unter Verwendung vornehmster Mittel erreicht. Ganz anderer Art ist die von Friedrich Walter verfaßte, aus 332 Seiten bestehende Festschrift „70 Jahre Veitscher Magnesit, 1881—1951“ 6 . Hier ist alles auf Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit abgestellt; jedes der Werke des Unternehmens — Veitsch, Eichberg, Breitenau und Trieben — erhielt ein eingehend beschreibendes Kapitel, das mit Werks-Außen- und -Innenaufnahmen, sowie mit Abbildungen der Erzeugnisse ausgestattet ist. Die Kapitel, „Vom ,Mangan- bau Carl Spaeter und Max Sachs 4 zu ,Carl Spaeters A’eitscher Magnesitwerken* 1881—1899“, sowie „Veitscher Magnesitwerke Aktiengesellschaft 1899 bis 1951“ gehen voraus, ein Kapitel „Werk und Landschaft“ folgt. Das Ganze ist ein Abbild der Solidität, der Stabilität, der Tradition und der Weltbedeutung des seine Erzeugnisse in alle Erdteile liefernden österreichischen Unternehmens, dem diese Festschrift gewidmet ist. Ähnliche Grundsätze wurden bei der Ausstattung der Firmenschrift „Innwerk Aktiengesellschaft, München, Verwaltungssitz Töging-Inn“ 7 befolgt. Die Schrift weist auf die Leistungen dieser nun 33 Jahre bestehenden Kraftwerksgesellschaft hin, indem Übersichtskarten, Längenprofile, Lagepläne und Schnitte — alle farbig — sowie Innen- und Außenansichten der sieben Kraftwerke vorgelegt werden, die das Unternehmen zur Ausnützung der Kräfte des Laufes des Inn, angefangen vom Übertritt des Flusses auf bayrisches Gebiet nördlich Kufstein bis zur Einmündung in die Donau bei Passau errichtet hat. Weitere zehn Inn- 5 „Festschrift in memoriam Carl Reichert“, Wien 1951, im Verlag der C. Reichert A. G. 6 Friedrich Walter: „70 Jahre Veitscher Magnesit, 1881 — 1951“, Wien 1951, im Selbstverlag. 7 „Innwerk Aktiengesellschaft München, Verwaltungssitz Töging-Inn,“ München 1950, im Selbstverlag. Technikgeschichtliche Bücherschau. 59 stufen sind im Stadium der Vorbereitung und Projektierung. Schon nach dem Inbetriebsetzen des Flußkraftwerkes Neuötting, das im Frühjahr 1951 erwartet werden kann, wird das „Innwerk“ eine mittlere Jahresgesamtleistung von 2033 Millionen kWh abgeben können. Zu den siebzehn Flußkraftwerken des Gesamtaufbaues gehören auch jene von Braunau, Schärding und Passau, deren Leistung, da sie an jenen Teil des Laufes des Inn zu stehen kommen, wo dieser Grenzfluß ist, zwischen Österreich und Bayern zu teilen sein wird. Von diesen wurde der Ausbau des Kraftwerkes Braunau bereits begonnen. Es ist interessant, zu sehen, wieviel Firmenjubiläumsschriften durch ihren Inhalt und durch die Art ihrer Aufmachung davon verraten, ob in der Führung der Unternehmen ein großzügiger und neuzeitlicher Geist herrscht, oder ob sie mehr als zulässig und empfehlenswert traditionsgebunden geleitet sind: Diese Erkenntnis ergibt sich auch dann, wenn es sich nicht um Firmenschriften im eigentlichen Sinne der Wortbedeutung, sondern um Schriften handelt, die von Unternehmungen gefördert oder angeregt wurden, in denen Lebenslauf und Leistung großer Techniker geschildert werden, die an der Gründung oder am Aufbau der Werke maßgebend beteiligt waren. Ein Musterbeispiel für diese These ist die „Boscu-Schriftenreihe“ 8 , die von der Robert BoscH-Ges. m. b. II. in Stuttgart seit 1950 herausgegeben wird. Ist der Inhalt der Bändchen „Was ist Bosch?“ und „Bosch und der Dieselmotor“ noch mehr werkgeschichtlich, so gehört die Sammlung „Aufsätze, Reden und Gedanken von Robert Bosch“ zu den biographischen Schriften. Die letztgenannte Veröffentlichung gibt ein gutes Bild vom Menschen Robert Bosch und zeigt ihn als Ehrer der Menschenwürde. Die wirtschaftspolitischen Kapitel lassen erkennen, wie voraussehend und großzügig Bosch stets gewesen ist, und geben ein gutes Bild von der ungeheuren und erfolgreichen Arbeitsleistung dieses Mannes, der nicht nur zu fabrizieren, sondern auch, trotz Kriegen und Krisen, gut zu wirtschaften verstand. Die Folge 3 dieser Schriftenreihe „Bosch und der Dieselmotor“ ist besonders bemerkenswert durch vortrefflich gestaltete Abbildungen, in denen in neuartiger Weise die Objekte gezeichnet und mit hellen, durch teilweises Aussparen erzielten Lichtern versehen sind. Diese Schrift zeigt das Unternehmen insbesondere auch bei der Entwicklung des kompressorlosen Dieselmotors am Werk, dessen Entstehen erst die Verwendung des Dieselmotors als Fahrzeug- und Flugzeugmotor ermöglichte. Ein vom Sohn Rudolf Diesels, Eugen Diesel, und vom Archiv- und Werbeleiter des Werkes Augsburg der M. A. N. Georg Strössner verfaßter Bericht „Kampf um eine Maschine“ 9 befaßt sich mit den ersten nach USA. gebrachten und dort erzeugten Dieselmotoren. Es waren schwere, durch die nach den überraschenden Anfangserfolgen aufgetretenen Rückschläge in der Entwicklung des Dieselmotors veranlagte Kämpfe, die durchgestanden sein mußten, bis USA. zu 8 „Bosch-Schriftenreihe, 1. Folge: Aufsätze, Reden und Gedanken von Robert Bosch. 2. Folge: Was ist Bosch; 3. Folge: Bosch und der Dieselmotor“, Stuttgart 1950, im Verlag der Robert Bosch G. m. b. H. 9 Eugen Diesel und Georg Strössner: „Kampf um eine Maschine. Die ersten Dieselmotoren in Amerika“, Berlin 1950, Erich Schmidt Verlag. 60 Erich Kurzel-Runtsciieiner einem der in der Erzeugung von Dieselmotoren führenden Länder wurde. Besonders bemerkenswert ist es, wie durch bloßes Zitieren von schriftlich niedergelegten Urteilen von Zeitgenossen die handelnden Personen mit ihren charakteristischen Eigenschaften und mit ihren Leistungen dem Leser lebendig werden. Die Verlagshäuser Ullstein in Berlin und in Wien geben eine Bücherreihe heraus, mit der sie sich zum Ziel gesetzt haben, dem Leser jeweils mit irgendeinem Sondererzeugnis oder Sonderzweig der Technik, wenn man so sagen darf, von Individuum zu Individuum in Beziehung zu setzen. Zu dieser Bücherreihe gehören „Du und der Motor“ 10 und „Die Welt in der Retorte“ * 11 . Das erste dieser Bücher ist eine von Edwin P. A. IIeinze verfaßte „Moderne Motorenkunde für Jedermann“, das zweite eine „Moderne Chemie für Jedermann“ aus der Feder von Dr. II ans-Joachim Flechtner. Das erste ist ein Lehrbuch über den „Umgang mit Motoren“, wobei die schlechten Zensuren bei tückischem Verhalten nicht immer dem Motor, sondern oft dem Menschen erteilt werden müssen. Das zweite Buch berichtet über Treibstoffe, Fette und Seifen, Faserstoffe und Kautschuk, die — wir alle wissen es — heute bereits auf synthetischem Weg hergestellt werden können. Wurden doch sogar schon die von Lebewesen erzeugten Wirkstoffe, Vitamine und Hormone auf künstlichem Weg entwickelt. All das einschlägige Wissen wird nicht in trockener Form, sondern in populär gehaltenem Erzählerton vermittelt, so daß es bei glücklicher Auswahl sachkundiger Verfasser, trotz einwandfreier Richtigkeit, geradezu unterhaltend wirkt. Es sind Bücher, aus denen Jung und Alt jene Belehrungen schöpfen können, die für den reibungslosen Ablauf des Lebens von heute geradezu unerläßlich sind. Ein vom Ullstein- Verlag Wien herausgegebenes Buch führt zu den Anfängen der Hochsee-Schiffahrt. Es ist Thor Heyderdahl, der den Bericht über die Floßfahrt der „Kon-Tiki“ 12 niederschrieb. Mit dieser abenteuerlichen Reise sollte bewiesen werden, daß es möglich gewesen ist, mit den in der vorgeschichtlichen Zeit in Südamerika gebauten Indianerfloßen von Peru aus über den Stillen Ozean nach Polynesien zu gelangen. Die gelungene Fahrt des nach dem Stammeshäuptling und Indianergott „Kon-Tiki“ genannten, mit sechs Menschen bemannten seegehenden Großfloßes, die die der Sage nach vor etwa 1500 Jahren unternommene Flucht mit damals bekannten Mitteln wiederholte, hat gezeigt, daß die Annahme, Polynesien sei vom südamerikanischen Festland aus besiedelt worden, durchaus nicht abwegig ist. Daß das Buch, das diese Hochseereise in Wort und Bild schildert, zu einem „Bestseller“ geworden ist, beweist, wie sehr diese gut geschriebene Schilderung die Phantasie der Menschen von heute gefangen genommen hat. Wie das Buch „Kampf um eine Maschine“ unter Mitarbeit des Sohnes Rudolf 10 Edwin Heinze : „Du und der Motor. Eine moderne Motorenkunde für Jedermann“. Mit 172 Zeichnungen von Fritz Diopert und 24 Tafeln, Wien 1950, Ullstein Verlag. 11 Hans-Joachim Flechtner: „Die Welt in der Retorte — Eine moderne Chemie für Jedermann“. Neubearbeitete u. erw. Ausgabe mit 180 Zeichnungen von Gerda Becker und 16 Tafeln, Wien 1949, Ullstein Verlag. 12 Tiior Heyderdahl: „Kon-Tiki“. Ein Floß treibt über den Pazifik“, mit 66 Abb., 2 Karten, Wien 1951, Ullstein Verlag. Technikgeschichtliche Bücherschau. 61 Diesels entstand, so schrieb die Biographie „Hugo Junkers, ein Leben für Technik und Luftfahrt“ 13 ein enger Mitarbeiter des „Professors“, wie Junkers von den Intimeren genannt zu werden pflegte. Hichard Blunck schildert in dieser Biographie nicht nur das lieben und die technische Leistung von Hugo Junkers und seine Methode, jede neugeplante Entwicklung aus den Einkünften, die die vorhergehende abgeworfen hatte, zu finanzieren, sondern führt durch seine Darstellung auch den Beweis, daß im raschlebigen Zeitalter der Technik selbst die größten Einzelleistungen bald überholt werden und veralten; unvergänglich aber ist der (Jeist, aus dem die Leistung erwuchs: „Wo dieser Geist, der Geist der echten, freien Forschung in der Technik verkümmert oder aus ihr schwindet, da stirbt auch der technische Fortschritt ab.“ Es gäbe keinen sicheren und billigeren AVeg als den der Forschung, um den Lebensstandard eines Volkes zu heben, um Güter zu schaffen und deren Export zu mehren, ohne andere Völker durch Konkurrenz zu beunruhigen. Worte, die für jedes Land und insbesondere auch für- das unsere gültig sind! Das Leben und die vielfältigen Leistungen von Samuel F. B. Morse schildert Oarleton Mabee unter dem stolzen Titel „The ameriean Leonardo“ 14 . Dieses Buch, das nun, von Grete Pfeiffer ins Deutsche übersetzt, vorliegt, schildert die wechselvollen Schicksale eines genialen Menschen, dem vierfache Begabung zuteil wurde: Erfinder großen Stils zu sein, tüchtig als Geschäftsmann, kämpferisch in der Politik und letzten Endes einer der begabtesten und geschätztesten Maler in den USA. während des zweiten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn auch die Malerei „die große Liebe“ im beruflichen Leben Morses gewesen ist, so interessiert hier am meisten das, was ihm für die Entwicklung der Telegraphie gelang: die Herstellung des ersten Drucktelegraphen, den Morse 1832 während der langen Schiffsreise entwarf, die ihn von Europa in die Heimat zurückführte, der Kampf für sein Telegraphensystem und der Bau der ersten Telegraphenlinie zwischen Washington und Baltimore, 1843/44 mit Hilfe der von Morse für seine Erfindung endlich gewonnenen Regierung der USA. Es ist erfreulich, daß nun auch das Leben dieses Großen, das an vielen Stellen wie ein erregender Roman ablief, eingehend und sachkundig geschildert wurde. Dasselbe gilt von der Lebensgeschichte „Alexander Graham Bell“, der dem Leser von der amerikanischen Verfasserin Catherine Mackenzie als Überwinder der Distanz, „the man who contracted space“, vorgeführt wird. Die wohlgelungene Übersetzung besorgte der Wiener J. X. Lorenz 15 . Die Verfasserin arbeitete in der Zeit von 1914 bis zum 1922 erfolgten Tode Bells in dessen Sekretariat; sie konnte also Sachkenntnisse genug erwerben, um, da sie auch weiterhin Bells autographischen Nachlaß benutzen konnte, eine eingehende Schilderung von Leben und 13 Richard Blunck: „Hugo Junkers, ein Leben für Technik und Luftfahrt“, Düssei dorf 1951, Econ-Verlag G. m. b. H. 14 Carleton Mabee: „Samuel F. B. Morse, der amerikanische Leonardo“, übersetzt von Grete Pfeiffer, Innsbruck und Wien 1951, Margarete Friedrich Rohrer Verlag. 15 Catherine Mackenzie : „Alexander Graham Bell, Überwinder der Distanz“, autorisierte Übersetzung von J. N. Lorenz, Wien und Innsbruck 1951, Margarete Friedrich Rohrer Verlag. 62 Erich Kurzel-Rtjntscheiner Leistung dieses Pioniers des Fernsprechwesens zu verfassen. Bell bemühte sich seit 1872 um die Entwicklung des Telephons, dessen Urform 1861 der Sprachlehrer Philipp Reis in Frankfurt a. M. vorführen konnte. Nachdem es Bell 1875 gelungen war, erstmalig ein Telephon zu schaffen, das eine wertvolle Bereicherung des Nachrichtenverkehrs zu werden versprach, setzten Kämpfe mit übermächtigen Gegnern, namentlich mit der Western Union Telegraph Company ein, die jahrelang dauerten und Bell das Leben vergällten. Endlich hatte er sich durchgekämpft und wurde, wie verschiedene Ehrendoktorate beweisen, allgemein anerkannt. Seit 1895 etwa galt Bells hauptsächlichstes Interesse dem Flugwesen; er ist der Erfinder der sogenannten Tetraederzelle, aus der die ersten personentragenden Flugdrachen zusammengebaut wurden. Auch als Erbauer von Flugzeugen hat sich Bell in seinen letzten Jahren betätigt. Dies alles schildert die nun vorliegende Lebensgeschichte, der — wie jener Morses — nur eines vorzuwerfen ist: der RoHRER-Verlag hat die beiden Bücher zwar sonst gut ausgestattet, es fehlen aber die Abbildungen des Erfundenen. „Ein Leben für den Funk“ betitelt Eugen Nesper seine Selbstbiographie 16 . Sie geht von den ersten tastenden und mit untauglichen Mitteln unternommenen Versuchen aus, ein brauchbares Funksystem zu schaffen. In diese Entwicklung griff 1905 Eugen Nesper ein. Zu seinen Erfolgen auf diesem Gebiet gehört es, daß 1906 die damals weitreichendste Sendestation Nauen geschaffen wurde. Im ersten Weltkrieg arbeitete Nesper für die Heeresleitung der Mittelmächte. 1917 übersiedelte Nesper nach Wien, wo er an der unter Förderung des k. u. k. Kriegsministeriums erfolgten Gründung der LoRENZ-Werke beteiligt war, die bald vorzügliche Funkgeräte schufen. 1919 kam nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie über die LoRENZ-Werke ein Ende mit Schrecken. In dieser Zeit entstand in Nespers Geist der Plan einer „drahtlosen Telephonie für jedermann“, der dann in langem Kampf zum organisierten Rundfunk führte. Seit 1921 lebte Nesper in Berlin als Konstrukteur von Rundfunk- und Bildfunkgeräten, Gutachter und Rundfunksprecher, bis er auf Wunsch der Reichsregierung, für die er Entwicklungsarbeiten leisten sollte, nach Dresden übersiedelte. Nach der Zerstörung dieser Stadt am 13. Februar 1945 gelangte Nesper nach Berlin, wo sich Angehörige der USA.-Besatzung seiner annahmen; der große Pionier der drahtlosen Nachrichtenübertragung lebt noch heute in einem der Westsektoren dieser Stadt. Seine Autobiographie ist ein aufschlußreiches Dokument und wird, vom Oldenbourg- Verlag München, reich bebildert, der interessierten ..Leserschaft vorgelegt. Eine Autobiographie ist auch „Der Werdegang eines Ingenieurs“, den E. Rosenberg schrieb 17 . Dieser geniale Elektrotechniker, ein gebürtiger Wiener, kam nach Jahren der Praxis in Deutschland und England 1916 zur Gesellschaft für elektrische Industrie nach Wien, die später nach Fusion mit dem von Franz Pichler gegründeten Weizer Werk zur „Elin“ wurde. In dieser Stellung wurde Rosenberg zum erfolgreichen Vorkämpfer der elektrischen Lichtbogen- 16 Eugen Nesper: „Ein Leben für den Funk. Wie der Rundfunk entstand“, mit 8 Abb. im Text und 28 Abb. auf Tafeln, München 1950, Verlag von R. Oldenbourg. 17 E. Rosenberg: „Der Werdegang eines Ingenieurs“, Wien 1950, Springer-Verlag. Technikgeschichtliche Bücherschau. 63 schweißung und zum Pioniererfinder auf diesem Sondergebiet. Die Autobiographie Rosenbergs, der seit 1939 in Bogota lebt, ist — vom Springer-V erlag in Wien in würdiger Form herausgebracht —, eine Fundgrube technisch geschichtlicher Daten und enthält viel Belehrendes, was für alte und junge Ingenieure wertvoll zu wissen ist. Eine Veröffentlichung ganz besonderer Art ist das von H. R. Hörbiger und M. Soeser geschriebene Buch „Welteis, Roman um ein Weltbild“ 18 . Es schildert nach Erinnerungen und Erfahrungen des ältesten Sohnes die Entstehung der von Hanns Hörbiger entwickelten und von Philipp Fauth propagierten Welteislehre oder Glazialkosmogonie. Der romanhaften Schilderung der Entstehung dieses aus den beruflichen Erkenntnissen Hanns Hörbigers emporwachsenden neuen Weltbilds gelingt es, die „Wunder des gestirnten Himmels über uns mit Mysterien des moralischen Gesetzes in uns zwanglos zu einer Einheit“ zu verbinden und dabei trotzdem ein sehr lesenswertes und angenehm lesbares Buch zu schaffen. Wie die zuletzt angeführten Bücher sich mit Leben und Leistung eines einzelnen befassen, so berichtet der von der österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegebene Sammelband „österreichische Naturforscher und Techniker“ 19 in 61 biographischen Kapiteln über zahlreiche bedeutende Männer, die zu ihren Lebzeiten in Österreich forschten und arbeiteten. Die Biographien dieser großen Toten — nur Verstorbene werden in diesem Buch behandelt — schrieben kenntnisreiche Vertreter der jemals in Frage kommenden Sparte der Wissenschaft und der Technik. Von unter uns noch Lebenden aber berichtet das vom Generalstaatsbibliothekar i. R. Dr. Robert Teichl bearbeitete „Lexikon schöpferischer und schaffender Zeitgenossen — Österreicher der Gegenwart“ 20 , das das Österreich-Institut herausgab. Wenn der Inhalt dieser beiden Bücher zusammengehalten wird, dann ergibt sich aus ihnen eine fast lückenlose Übersicht über die Schicksale und die Leistungen schöpferischer Menschen in Österreich zwischen 1750 etwa und heute. Als Heft 9 der Schriftenreihe der O. ö. Landesbaudirektion erschien die umfangreiche, viele statistische Daten enthaltende Arbeit „Wiederaufbau in Oberösterreich“ 21 , die die Tätigkeitsberichte der O. ö. Landesbaudirektion und des o. ö. Wiederaufbauamtes enthält. Wie alle vom Amt der O. ö. Landesregierung bisher offiziell herausgegebenen Schriften ist auch dieser Band textlich und typographisch vorbildlich gestaltet. Bildnisse der leitenden Männer, der berichterstattenden Ämter 18 H. R. Hörbiger und M. Soeser: „Welteis, Roman um ein Weltbild“, Wien und München 1951, Verlag Karl Kühne. 19 „Österreichische Naturforscher und Techniker“, herausgegeben von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1950, Verlag der Gesellschaft für Natur und Technik, 61 biographische Kapitel mit 97 Abb. 20 „Österreicher der Gegenwart“, Lexikon schöpferischer und schaffender Zeitgenossen, bearbeitet vom Generalstaatsbibliothekar i. R. Dr. Robert Teichl, herausgegeben vom Österreich-Institut, Wien 1951, Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei. 21 „Wiederaufbau in Oberösterreich“, Bd. Nr. 9 der Schriftenreihe der o. ö. Landesbaudirektion, herausgegeben vom Amt der o. ö. Landesregierung in Linz, Linz 1950, Kommissionsverlag des o. ö. Landesverlages Wels. 64 Erich Kurzel-Runtsciieiner begleiten den auf exakten Erhebungen und Daten aufgebauten Text. Was diese Berichte als aktuelle Leistungen von heute schildern, wird in wenigen Jahrzehnten technisches Geschehen von einst geworden sein. Nach Westdeutschland führt uns das Buch „Die Technische Hochschule Eredericiana Karlsruhe — Festschrift zur 125-Jahr-Feier“ 22 . Es berichtet in dem die Schrift einleitenden „Geschichtlichen Rückblick“ von der Gründung der heutigen Hochschule als Polytechnische Schule durch den Großherzog Ludwig von Baden im Jahre 1825 sowie von den weiteren Schicksalen. Mit berechtigtem Stolz wird darauf hingewiesen, daß diese Hochschule das Glück hatte, seit ihrer Gründung die jeweils bedeutendsten Männer ihrer Zeit als Lehrer und Forscher auf ihren Lehrstühlen zu haben, unter denen auf Franz Grashof, Fritz Haber, Heinrich Hertz, Max Le Blanc, Johann Gottfried Tull a und endlich auf unseren in Stadt Steyr geborenen Landsmann Ferdinand Redtenbaciier hingewiesen sei. Eine ausführliche Biographie dieses mit Recht als „Begründer des Maschinenbaues als Wissenschaft“ Gefeierten, verdanken wir dem derzeitigen Professor für Kolbenmaschinen, Dr.-lng. Otto Kraemer. Gerade die Geschichte der Technischen Hochschule Karlsruhe bestätigt die Erkenntnis, daß großzügige Personalpolitik gute Hochschulpolitik ist: mit den Leistungen der Inhaber der Lehrstühle wächst, fällt aber auch die Geltung jeder hohen Schule. ln New York lebt seit beinahe zwei Jahrzehnten die aus Wien stammende Graphikerin Lili Retiii. Sie erfreut den Ingenieur mit der mit jenem feinsten Verständnis für technisches Geschehen, das sie auszeichnet, ausgeführten Zeichnungsfolge „The 1950 Reconstruction of the White House — An artist’s impressions“ 23 . Es wurde nur eine kleine Auflage von 600 Exemplaren dieser auch für die Bibliophilen reizvollen Veröffentlichung gedruckt; nur die „big shots“ der Regierung und der Ingenieurkreise von USA. erhielten je eine Kopie. Für den Techniker besonders interessant ist die letzte Darstellung der von Lili Retiii gezeichneten Reihe, die zeigt, daß vom alten Bestand des 1829 vollendeten Baues des White House eigentlich nur mehr die Außenmauern stehen, während die gesamte Innenkonstruktion, die baufällig und einsturzgefährdet geworden war, in Stahlbetonbauweise erneuert wurde. In die von Professor Dipl.-Ing. Dr. techn. Julius Duiim herausgegebene Buch- sammlung „Technische Handbücher für Baupraktiker“ des Wiener Verlages Georg Fromme & Co. wurde auch ein Werk über „Geodäsie und Photogrammetrie“ eingereiht. Die großangelegte Arbeit, dieses Lehrbuch zu schaffen, das zwei Bände umfassen wird, wurde dem ord. Professor für Geodäsie und Photogrammetrie an der Wiener Hochschule für Bodenkultur Dr. Franz Ackerl 24 übertragen. Der nun vorliegende erste Teil enthält den Bericht über „Instrumente 22 „Die Technische Hochschule Fridericiana Karlsruhe — Festschrift zur 125-Jahr- Feier“, Karlsruhe 1950. 23 (Lili Rethi) “The 1950 Reconstruction of the White House —An artist’s impressions”, Washington 1950. 24 Franz Ackerl: „Geodäsie und Photogrammetrie“, l.Teil: „Instrumente und Verfahren der Vermessung und graphischen mechanischen Auswertung“. 218 Abb. und 14 Tabellen, Bd. VIII, 1. Teil der „Techn. Handbücher für Baupraktiker“. Herausgegeben von Dipl.-Ing. J. Duhm, Wien 1950, Verlag G. Fromme & Co. Technikgeschichtliche Bücherschau. 65 mul Verfahren (1er Vermessung und graphisch-mechanischen Auswertung“. Per Umstand, daß der Text dieses Bandes von 218 Abbildungen, graphischen Darstellungen und Zahlentafeln begleitet wird, zeigt, bis zu welchem Umfang der in diesem Werk behandelte Sonderzweig der Technik heute angewachsen ist. Der Name des Verfassers bürgt für die sachkundige und gründliche Darstellung. Er hat, bevor er nachAVien berufen wurde, vom Lehrstuhl seines Faches aus, an der Grazer Technischen Hochschule durch mehrere Jahre Vermessungs- und Bauingenieure in die Theorie und in die Praxis eingeführt. Die Herausgabe des zweiten Teiles „Rechnerische Bearbeitung der Vermessungsergebnisse“ soll in Bälde erfolgen. Das Gesamtwerk wird einen umfassenden Überblick über das umfangreiche Gebiet der Geodäsie und der Photogrammetrie von heute ermöglichen. Ein insbesondere für den Praktiker der Steinbearbeitung wichtiges Lehrbuch ist die vom ord. Professor der Wiener Technischen Hochschule Dr. Alois Kies- i.inger verfaßte „Gesteinskunde für Hochbau und Plastik“ 25 . In diesem Werk wird dem ausübenden Steinmetz, dem entwerfenden Baumeister und Architekten, sowie den verantwortlichen Baubeamten ein handlicher Behelf für die Praxis angeboten. Es ist wertvoll, daß hier einer der gewiegtesten Vertreter der wissenschaftlichen Gesteinsforschung jene Menge lebendiger Erfahrung, die er in langjähriger Beschäftigung mit Bauten aus allen Jahrhunderten und ihren Steinen erworben hat, in anspruchsloser und leicht verständlicher Form in das Gefüge einer Fachkunde eingebaut hat. Das Werk erscheint als ein Band der „Schriftenreihe des Wirtschaftsförderungsinstitutes der Kammer der gewerblichen Wirtschaft in Wien", deren großzügigen Förderung es insbesondere zu danken ist, daß der österreichische Gewerbeverlag das wertvolle Werk durch Ansetzen eines wirklich billigen Preises einem weiten Kreis zugängig machen kann. Wenn ein Lehrbuch „Praktische Statik — Einführung in die Standberechnung der Tragwerke mit besonderer Rücksicht auf Hoch- und Stahlbetonbau“ 26 am Titelblatt als Verfassernamen jenen des em. ord. Professors der Wiener Technischen Hochschule Dr. Ing. Rudolf Saliger aufweist, dann bedarf es keiner weiteren Empfehlung oder Anpreisung. Ein Beweis dafür, wie wertvoll dieses fast 700 Seiten umfassende Werk für Studierende und Praktiker ist, ergibt sich aus (1er Tatsache, daß es seit dem Jahr des ersten Erscheinens 1921 in sechs Auflagen gedruckt werden konnte. Aus Aulaß der Neuauflage wurde das Werk nochmals durchgesehen und dem Stand von heute angepaßt. Möge es dem Altmeister des österreichischen Stahlbetonbaues vergönnt sein, noch weitere Auflagen seines Standardwerkes in der bisnun bewährten Elastizität und Festigkeit bearbeiten zu können! Vom dreibändigen Werk „Der Brückenbau“, dessen Verfasser der 1945 verstorbene ord. Professor des Brückenbaues der Wiener Technischen Hochschule 25 Alois Kieslinger: „Gesteinskunde für Hochbau und Plastik, Fachkunde für Steinmetzen, Bildhauer, Architekten und Baumeister“. Schriftenreihe des Wirtschaftsförderungsinstitutes der Kammer der gewerbl. Wirtschaft für Wien, im Einvernehmen mit der Bundesinnung der Steinmetzmeister, mit 70 Abb., Wien 1951, Österreichischer Gewerbeverlag. 26 Rudolf Saliger: „Praktische Statik — Einführung in die Standberechnung der Tragwerke mit besonderer Rücksicht auf Hoch- und Stahlbetonbau“, 6. Aufl., Wien 1949, Verlag F. Deuticke. 66 Erich Kurzel-Runtscheiner Dr. Ing. Friedrich Hartmann war, lagen bei dessen Tod die Bände „Hölzerne Brücken“ und „Massivbrücken“ druckfertig vor. Der Nachfolger des Verstorbenen, ord. Professor Dr. Ing. Ernst Melan, gab schon 1946 die erste Teillieferung des Bandes „Stahlbrücken“ 27 heraus, wobei er sich als wissenschaftlicher Treuhänder des Nachlasses Friedrich Hartmanns betrachtete. Die zweite Teillieferung des Bandes, die das ganze Werk abschließt, ist nun erschienen. Damit liegt ein wahrhaft großes Werk, ein Standardwerk, vollendet vor uns, das einer, der bis heute als unübertroffener Meister des neuzeitigen Brückenbaues von allen Fachleuten deutscher Zunge anerkannt ist, geplant und hochgeführt hat. „Zahnrad-Getriebe“ 28 heißt eine hektographierte Fachschrift von 150 Seiten Text, der von 51 Abbildungen und von 2 Nomogrammen begleitet wird, in dem Ing. Rudolf Huber die neuzeitige Berechnung und Konstruktion von Zahnradgetrieben, Riementrieben und Kettentrieben dem interessierten Ingenieur, Techniker und Betriebsfachmann darlegt. Und wer wäre nicht an diesen Übertragungselementen interessiert, die an keiner neuzeitigen Maschinenkonstruktion fehlen? Der Wirkungsgrad und die Betriebskosten jeder Maschineneinheit sind eben doch auch abhängig vom Gütegrad des Entwurfes und der Ausführung der in ihr verwendeten Zahnradgetriebe. Der Verfasser bespricht in seiner Arbeit die Anwendung der Verzahnungsgesetze bei Rädern mit Zykloidenzähnen, mit Evolventenzähnen und bei solchen mit Zähnen mit sogenannten „korrigierten Flanken“. Gesondert behandelt werden, auf den grundlegenden Forschungsarbeiten von Prof. Earle Buckingham und der Firma für Zahnradbau Klingelnberg fußend, Berechnung und betriebssichere Konstruktion von Geradzahnstirnrädern, Schraubenrädern, Kegelrädern, Schneckengetrieben, sowie Riemen- und Kettentrieben. Auch dieses Buch des Industrie- und Fachverlages Dipl.-Ing. Rudolf Bohmann paßt sich dem Programm dieses Unternehmens an, das sich in dankenswerter Weise das Ziel gesetzt hat, Fachbücher zu schaffen, die einerseits der theoretischen Unterweisung dienen und anderseits die sofortige Nutzanwendung in der Praxis ermöglichen. Friedrich Bzoch, ein Werkmeister des Wiener Stadtbauamtes und geprüfter Meister für Maschinenbau, schrieb ein Hilfsbuch für die Instandhaltung maschineller Betriebseinrichtungen, das den Titel „Maschinenschlosser-Praxis“ 29 erhalten hat. Dieses, ebenfalls vom BoHMANN-Verlag herausgegebene Buch ist als Ratgeber für jene Jungarbeiter gedacht, die einen Aufstieg in höhere Berufskategorien anstreben. Auch ein Hilfs- und Nachschlagebuch über Werkstoffe, Konstruktionen und Arbeitsverfahren der Feinmechanik für Unterricht und Werkstatt „Feinmechanik“ 30 erscheint im BoHMANN-Verlag; es hat Dipl.-Ing. 27 Ernst Melan: „Der Brückenbau“, 3. Bd. „Stahlbrücken“ von Friedrich Hartmann, II. Teillieferung, Wien 1951, Verlag F. Deuticke. 28 Rudolf Huber: „Zahnrad-Getriebe“. „Berechnung und Konstruktion von Zahnradgetrieben, Riementrieben u. Kettentrieben“, 150 S. mit 51 Abb., 2 Nomogrammen und zahlreichen Wertetafeln, Wien 1951, Bohmann-Verlag. 29 Friedrich Bzoch: „Maschinenschlosser-Praxis“, Wien-Heidelberg 1950, Bohmann- Verlag. 30 Erwin Roscher: „Feinmechanik“, I. Bd. „Werkstoff, Passungen und Toleranzen“, 173 S., 16 Abb. und 59 Tafeln. Wien 1951, Bohmann-Verlag. ’J?echnikgeschichtliche Büch erschau. 07 L)r. techn. Erwin Koscher zum Verfasser. Bisnun erschien der erste Band dieses Werkes, der über „Werkstoffe, Passungen und Toleranzen“ berichtet. Ausgehend von den Eigenschaften des Stahles, des Eisens und der Nichteisenmetalle sowie von ihrem unterschiedlichen Verhalten hei der feinmechanischen Fertigung wird in weiterer Folge der Oberflächenschutz der Metalle, die in einem der spanlosen oder in einem der spangebenden Verfahren hergestellten Halbfabrikate, die Wahl des Werkstoffes und dessen Prüfung in der Werkstatt eingehend behandelt. Besonders wichtig sind die Schlußkapitel des Hilfsbuches, die über Passungen und Toleranzen belehren und dabei ein Sonderwissen vermitteln, über das nur wenige fachliche Veröffentlichungen in für die Praxis brauchbarer Form berichten und dessen Kenntnis doch die unerläßliche Grundlage jedes Serien- und Austauschbaues geworden ist; welches Unternehmen von heute könnte bestehen, wüßte es nicht auf diesem Feld Bescheid? Des Verfassers „Feinmechanik“ ist vollauf geeignet, all das, was dem Praktiker hierin zu wissen not tut, ihm in leichtfaßlicher Form und in einem Umfang vorzuführen, der dem Betriebsingenieur vollauf genügt. An dieser Stelle sei auch auf ein schon 1941 erschienenes technik-geschichtliches Werk hingewiesen, da diese Veröffentlichung, in ihrer Art vortrefflich und einzigartig, ein selten aufgesuchtes Sondergebiet der Technik behandelt. Es ist das von Vincent J. M. Eras, Ehrenmitglied der International Association of Master Locksmiths im Gedächtnis an J. Lips (1847—1921), den Begründer der Lips-Fabrieken in Dordrecht, Mailand und Brüssel in holländischer Sprache herausgegebene Buch „Sloten en sleutels, dorr de eeuwen heen“ 31 . Es wird durch eine Terminologie und Etymologie des Schlosses, seiner Bestandteile und der Schlüssel eingeleitet; dann wird die Entwicklung des Schlosses durch mehr als zwei Jahrtausende unter Beibringung vieler seltener Abbildungen aus der Zeit und bei Wiedergabe von Originalobjekten dargelegt. Angefangen von den noch heute bei Völkern alten Brauchtums verwendeten hölzernen Fallriegelschlössern zu den ältesten aus metallischen Werkstoffen im alten Griechenland gebräuchlichen Tempelschlössern mit ihren riesenhaften Schlüsseln übergehend, wird die Entwicklung des Schlosses und des Schlüssels in deren verschiedenen Formen, sowie in einfacher und in künstlerischer Ausführung, vielfach an Hand von Stücken aus der reichen Lips-Sammlung, geschildert, um mit den neuzeitlichen Panzerkassen- und Stahlkammerschlössern zu enden. Dieses Buch ist insbesondere auch für ein Museum von Wert, das, wie das Wiener Technische Museum, selbst Besitzer einer umfangreichen Schloß- und Schlüsselsammlung ist. Diese wurde von Andreas Dillinger (1849—1919) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Ostalpenländern zusammengebracht. Es ist nur bedauerlich, daß diese Sammlungen des Technischen Museums in Eras’ Buch unerwähnt bleiben. Seit dem Erscheinen des 12. Heftes dieser Blätter im Jahre 1950, in denen zum erstenmal auf die Ciba-Veröffentlichungen, „Ciba-Zeitschrift“ und „Ciba-Rund- schau“ hingewiesen wurde, sind weitere Hefte von den patronisierenden chemischen Werken, Basel, herausgebracht worden. Es sind wahre Kabinettstücke von Sonderforschungsarbeiten darunter. Hier seien bloß einige aufgezählt, die für die 31 Vincent J. M. Eras: „Sloten en sleutels door de eeuwen heen“ van J. Lips Bzn, 1847—1921, stichter der Lips-fabrieken te Dordrecht, Milaan, Brussel. Technikgeschichte, 13. Heft. 6 68 Erich Kurzel-Runtsciieiner: Technikgeschichtliclie Bücherscliau. Techuikgeschichte von Bedeutung sind: in der Cibn-Zeitschrift: „Das Jod“ 32 (Nr. 116), „Antiseptik und Aseptik" 33 (Nr. 117), „Die Medizinschule von Padua“ 34 (Nr. 119), sowie „Ciba-Rundschau“: „Wasser und Abwasser“ 35 (91), „Die Seidenstadt Lucca“ 30 (92), „Indigo“ 37 ( 93), „Kautschuk" 38 (96), „Schweizerische Zeugdruckereien im achtzehnten und neunzehnten .Jahrhundert" 39 (97), „Schottisch“ 40 (98) und „Oberflächenbehandlung und Färben von Aluminium“ 41 (99). Alle diese Hefte enthalten nicht bloß wertvolle Texte, sondern auch interessante Abbildungen nach kaum gekannten Originalobjekten und Vorlagen. Der Verlag für Jugend und Volk in Wien brachte 1951 im Auftrag des Amtes für Kultur und Volksbildung einen Bilderatlas heraus, der kurzweg „Wien“ 42 betitelt ist. „Führer und Andenken für fremde Gäste zugleich“ sollte dieses Buch sein; dem Wiener aber sollte es die überschau über die Bauten, Sehenswürdigkeiten, Kulturgüter und Menschen seiner Heimatstadt ermöglichen. Diese Ziele wurden erreicht durch Aneinanderreihen von 162 photographisch prächtigen Aufnahmen, die typographisch vorzüglich wiedergegeben sind und einem darauffolgenden Textteil in deutscher, englischer und französischer Sprache, der vom Leiter des herausgebenden Amtes L. 0. Friedländer in wissenschaftlicher Prägnanz verfaßt wurde. Der Genannte gestaltete auch das ganze Werk, und man darf sagen: es ist wohl gelungen! Als letzte in der Reihe der Veröffentlichungen sei auf den „Gewerkschaftskalender 1952“ 43 hingewiesen; er ist im Verlag des österreichischen Gewerkschaftsbundes erschienen und enthält einen von gut wiedergegebenen Farbbildern begleiteten Vormerkkalender, dem Aufsätze über Österreichs kulturelles, wissenschaftliches und industrielles Leben folgen. Unter diesen sind technikgeschichtlich wichtig die folgenden: „Österreichs Anteil an der Erforschung der Erde“, „Österreichs Nobelpreisträger“, „österreichische Forschungen und Erfindungen von Weltgeltung“ und „Wien als Kunstgewerbestadt“. Von der gegenwärtigen Lage der Industrie und des Gewerbes in Österreich gelten die Sätze, mit denen der letztgenannte Aufsatz endet: „Man kann nicht sofort ein Äußerstes an Leistung und Erfolg verlangen, man muß, wohl oder übel, auch etwas für die Genesung und Wiedererstarkung opfern; dies um so mehr, als reiche Vergangenheit ein beredtes Zeugnis für die Leistungsfähigkeit nach der Genesung ablegt.“ 32 „Das Jod“, in: „Ciba-Zeitschrift“, Nr. 116, Basel 1949. 33 „Antiseptik und Aseptik“, in „Ciba-Zeitschrift“, Nr. 117, Basel 1949. 34 „Die Medizinschule von Padua“, in „Ciba-Zeitschrift“, Nr. 119, Basel 1950. 35 „Wasser und Abwasser“, in: „Ciba-Rundschau“, Nr. 91, Basel 1950. 36 „Die Seidenstadt Lucca“, in: „Ciba-Rundschau“, Nr. 92, Basel 1950. 37 „Indigo“, in: „Ciba-Rundschau“, Nr. 93, Basel 1950. 38 „Kautschuk“, in: „Ciba-Rundschau“, Nr. 94, Basel 1951. 39 „Schweizerische Zeugdruckereien im achzehnten und neunzehnten Jahrhundert“, in: „Ciba-Rundschau“, Nr. 97, Basel 1951. 40 „Schottisch“, in: „Ciba-Rundschau“, Nr. 98, Basel 1951. 41 „Oberflächenbehandlung und Färben von Aluminium“, in: „Ciba-Rundschau“, Nr. 99, Basel 1951. 42 „Wien“, herausgegeben im Auftrag des Amtes für Kultur und Volksbildung der Stadt Wien, Wien 1951, Verlag für Jugend und Volk. 43 „Gewerkschaftskalender 1952“, herausgegeben vom Verlag des Österr. Gewerkschaftsbundes. Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1952. Auszug aus den Karteien technikgeschichtlicher Ereignisse. Von Therese Stampfl. 0. 1812. o. 1812. 10. 1802 1 . ii. 1802. 12. 1827. 13. 1807. 14. 1817. 27. 1002. 28. 1707. 30. 1007. 29. 1832. 1. 1882. 12. 1027. 17. 1017. Januar. Karl Etzel, geboren in Heilbronn (Württemberg), Eisenbahnbauingenieur Direktor der k. k. priv. Südbahn Gesellschaft, Erbauer der Brennerbahn. Eduard van der Nüll, geboren in Wien, Architekt, Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien, erbaute gemeinsam mit Professor A. Siccard von Siccardsburg das Wiener Opernhaus. Carl Kitter von Giiega, geboren in Venedig, Erbauer der Semmeringbahn, Pionier des Straßen-, Wasser- und Eisenbahnbaus. Fritz Emperger, geboren in Braunau i. B. Eisenbetonfachmann; Erfinder des ,,Kontrollbalkens“ und der Betonkontrolle sowie der Messungen von Rißbreiten und Bloßlegungen in Rissen. Moritz Arzberger, geboren in Wien. Erfinder von automatischen Seeleuchten. David Schwarz, gestorben in Wien. Pionier der Luftfahrt, Vorläufer des Zeppelin-Luftschiffes, bei dessen Bau er „Victoria-Aluminium“ verwendete. Friedrich Ritter von Lössl, geboren zu Weiler im Allgäu. Eisenbahnbauer, Pionier auf dem Gebiete der Aerodynamik. Inangriffnahme der Bauarbeiten für die Errichtung eines Elektrotechnischen Instituts in Wien. Adam Freiherr von Burg, geboren in Wien. Bedeutender Mathematiker, Professor und Direktor des Polytechnischen Institutes in Wien. Karl Wurmb, gestorben in Wien. Erbauer der österreichischen Alpenbahnen. Franz Edler von Hardtmutii, geboren in Wien. Schöpfer des Koh-i-noor Bleistiftes. Februar. Adam Freiherr von Burg, gestorben in Wien. Bedeutender Mathematiker, Professor und Direktor am Polytechnischen Institut in Wien. Inbetriebnahme des Radiosenders in Klagenfurt der Österreichischen Radioverkehrs A.-G. Josef Riehl, gestorben in Innsbruck. Erbauer von Wasserkraftanlagen und Bergbahnen in Tirol. 1 Der Geburtstag von Carl Giiega, 10. Januar 1802, ist laut Einsichtnahme in das Geburtenbuch in Venedig richtig; andere Angaben sind unrichtig. 0 * 70 Therese Stamper 2. 1862. 2. 1947. 14. 1892. 15. 1822. 20. 1927. 24. 1847. 3. 1857. 25. 1857. 3. 1912. 5. 1842. 6. 1872. 9. 1887. 14. 1847. 14. 1907. 25. 1832. 25. 1887. J 2. 1927. 8. 1897. 8. 1897. 9. 1932. * 17.'1867. 19. 1887. 22/1897. März. Eduard Dolezal, geboren in Budwitz. Geodät und Pionier der Photogrammetrie, Professor an der Technischen Hochschule in Wien. Heinrich Goldemund, gestorben in Salzburg. Stadtbaudirektor von Wien, Ehrensenator der Technischen Hochschule in Wien, Mitbegründer des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe und des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte in Wien. Moritz Arzberger, gestorben in Triest. Erfinder automatischer Seeleuchten, wurde die k. k. priv. Gräfl. Thunsche Porzellanfabrik in Klösterle vom k. k. Landesgubernium als „landesbefugt“ anerkannt und ihr die Führung des kaiserlichen Adlers gestattet. Eröffnung der Pfänderbahn. Johann Thornton, gestorben in Baden bei Wien. Begründer der österreichischen Baumwollindustrie, erzeugte Textilmaschinen. April. Alois Ritter von Negrelli wird vom Wali von Ägypten zum Generalinspektor sämtlicher für den Suezkanal nötigen Arbeiten ernannt. Diese Berufung hat Negrelli mit Zustimmung der österreichischen Regierung angenommen. Franz Xaver Riepl, gestorben in Wien. Geistiger Schöpfer der Kaiser Ferdinands Nordbahn, der ersten Lokomotiveisenbahn in Österreich. Mai. Erstmalige Überfliegung des Semmerings mit “einer „Etrich-Taube“. Eröffnung der Bahnstrecke Wien—Gloggnitz. Auf dieser Strecke wurde bei Gumpoldskirchen der erste österreichische Eisenbahntunnel mit einer Länge von 160 m und zwar nach der „österreichischen Tunnelbaumethode“ gebaut. Johann Nepomuk Reithoffer, gestorben in Wien. Begründer der österreichischen Kautschukweberei. Georg Sigl, gestorben in Wien. Maschinenbauer, erzeugte Schnellpressen und Lokomotiven in Österreich. Kaiserliches Patent, nach welchem die Gründung der Akademie der Wissenschaften in Wien erfolgte. Friedrich Ritter von Lössl, gestorben in Wien. Eisenbahnbauer, Pionier auf dem Gebiete der Aerodynamik. Achilles Thommen, geboren zu Basel. — Eisenbahnfachmann. Mitarbeiter von Karl von Etzel an dem Bau der Brennerbahn, die er nach dem 1865 erfolgten Tod Etzels vollendete. Eröffnung der Zahnradbahn auf die Gaisbergspitze nach dem System Rigi. Juni. Inbetriebnahme des Radiosenders Innsbruck. Peter Ritter von Tunner, gestorben in Leoben. Begründer der Montanistischen Hochschule in Leoben. John Haswell, gestorben in Wien. Begründer des Lokomotivbaues in Österreich. Erfinder der dampf hydraulischen Schmiedepresse. Albert von Ettingshausen, gestorben in Graz. Professor für allgemeine und technische Physik an der Technischen Hochschule in Graz. Erster Spatenstich zum Bau des Musikvereinsgebäudes in Wien. Theobald Obach, gestorben in Wien, konstruierte die ersten Zweiseilbahnen. Franz Ritter von Rziiia, gestorben in Maria Kulm am Semmering, bedeutendster Tunnelbauer; von ihm stammt die „österreichische Tunnelbaumethode“. Gedenktage. 71 25 . 1832 . 26 . 1927 . 15 . 1872 . 19 . 1907 . 21 . 1907 . 27 . 1857 . 28 . 1852 . 29 . 1742 . 31 . 1842 . 31 . 1867 . 1 . 1932 . [ 1 . 1832 . 7 . 1852 . 10 . 1872 . 23 . 1287 . 24 . 1867 . 31 . 1842 . 1 . 1932 . 4 . 1842 . 20 . 1822 . 2 . 1932 . Franz Josef Kitter von Gerstnek, gestorben in Mladiegow bei Götscliin. Begründer des Polytechnischen Instituts in Prag. Eröffnung der Feuerkogel-Seilschwebebahn. Juli. Andreas Sauter, gestorben in Innsbruck, wirkte als Landesforstdirektor. Erste erfolgreiche Vorführung des neuen Kinoapparates von August Musger im Physikalischen Institut der Universität Graz in Anwesenheit von Fachleuten. Durchschlag des Tauern-Tunnels. wurde mit der Eröffnung des letzten Teilstückes der Bahnstrecke Laibach— Triest die erste Schienenverbindung Wien—Triest hergestellt. Michael Tiionet nahm auf die Namen seiner Söhne Franz, Michael, August, Josef und Jakob Thonet ein Privilegium auf die Erfindung „Dem Holze durch Schneiden und wieder zusammenleimen jede beliebige Biegung und Form in verschiedener Richtung zu geben“, das dann bis 28. Juli 1864 verlängert wurde. Joseph Emanuel Fischer von Erlach, gestorben in Wien, erbaute die erste Feuermaschine außerhalb Englands (in Schemnitz und in Wien). Johann Radinger, geboren in Wien, Professor für Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Wien. Adolf Martin Pleisciil, gestorben in Wien, Professor der Chemie an der Universität Wien, begründete 1847 die erste Emailgeschirrfabrik in Wien. August. Anton Lederer, gestorben in Wien, bedeutender Chemiker, erfolgreicher Beleuchtungs- und Elektrotechniker, führte die Thorierung der Wolframdrähte ein, ebenso die Edelgasbeleuchtung. Eröffnung der ganzen Bahnstrecke Linz—Budweis für den Personen- und Frachten verkehr. Philipp Forciiiieimer, geboren in Baden bei Wien, bedeutender Fachmann der theoretischen und angewandten Hydraulik. Erteilung der Konzessionsurkunde zum Bau einer Zahnradbahn auf den Kahlenberg bei Wien. Der Stadt Steyr wird das sogenannte „Große Privilegium“ vom habsburgischen Herzog Albrecht I. gewährt. Dieses besagt, daß alles Eisen, welches zur Stadt geführt wird, hier durch drei Tage den Bürgern zum Verkauf um einen billigen Preis feilgeboten werden müsse, den zwei achtbare Männer der Stadt zu bestimmen hätten. Erst dann dürfte der Verkäufer mit seinem Eisen weiterziehen. Dies war für den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt Steyr bedeutungsvoll. Eröffnung der Brennerbahn. Josef Riehl, geboren in Innsbruck, schuf Wasserkraftanlagen und Bergbahnen in Tirol. September. Öffentliche Verkehrsaufnahme auf der Großglockner-Hochalpenstraße in der Strecke Dorf Fusch—Hochmais. Inangriffnahme der Arbeiten zum Bau der Eisenbahnlinie Olmütz—Prag. Peter Mitterhofer, geboren in Partschins bei Meran, baute bereits 1866 eine der späteren Remington ähnliche Schreibmaschine. Oktober. Öffentliche Verkehrsaufnahme auf der Großglockner-Hochalpenstraße in der Teilstrecke Heiligenblut—Franz Josefshöhe. 72 Tiiekese Stampfl: Gedenktage. 7. 1787. !>. 1857. 10. 1037. 15. 180*2. *21. 1847. * 20 . 101 * 2 . 28. 1702. 4. 10*27. 17. 1837. 20. 1802. 7. 187*2. *20. 1577. 31. 10*27. Georg Altmütter, geboren in W ien, Technologe, begründete die systematische Werkzeuglehre. Josef Kessel, gestorben in Laibach. Erfinder der Schiffsschraube. Eröffnung der neuen Reichsbrücke über die Donau in Wien. Erste elektrische Probebeleuchtung der Stephanskirche in Wien. Es war dies überhaupt der erste Versuch in Wien, elektrische Beleuchtung in Kirchen anzuwenden. Eröffnung der Bahnstrecke Graz—Mürzzuschlag. Eröffnung der Mittenwaldbahn auf der Strecke Innsbruck—Mittenwald. Simon Stampfer, geboren in Windisch-Matrei, Tirol. Professor der praktischen Geometrie am Polytechnischen Institut, der späteren Technischen Hoch schule in Wien, hat auf dem Gebiet der Geodäsie hervorragende Leistungen vollbracht. November. Hugo Straciie, gestorben in Wien. Erfinder des „Doppelgases“, eines im Generator erzeugten Gemisches von Destillationsgas und Wassergas. Erste Versuchsfahrt auf der Teilstrecke der Ferdinands-Nordbahn von Floridsdorf nach Deutsch-Wagram. Die Eröffnung der Teilstrecke erfolgte am 6. Januar 1838. Anton Sciirötter Ritter von Kristelli, gestorben zu Olmütz. Entdecker des roten ungiftigen Phosphors. Dezember. Peter Ritter von Rittinger, gestorben in Wien. Bergingenieur, Pionier der neuzeitigen Erzaufbereitung auf nassem Weg. Hans Gasteiger, gestorben in Wien-Heiligenstadt. Bedeutender Wasserbaumeister, machte die Enns von Hieflau abwärts schiffbar und errichtete den großen Holzrechen im Ennstal bei Hieflau und Groß-Reifling. Eröffnung der Schmittenhöhen-Seilschwebebahn. Manzsche Buchdruckerei, Wien IX. Fortsetzung von der II. Umschlagseite. Heft Heft Heft Heft Heft Heft BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE 5 1938. 138 S. 92 Abb. Schriftleitung: o. ö. Prof. K. Holey. Aus dem Inhalt: H. Srbik, Widmung an Hofrat Dr. Ing. L. Erhard.— C. Matschoss, Technische Kulturdenkmale als Quellen zur Geschichte der Technik. — K. Holet, Die technischen Denkmäler in Österreich und ihre Verbundenheit mit Volk und Boden. — J. Sames, Die Reste der Schwarzenberg- Schwemmanlagen an der großen Mühl. — E. Kurzel-Runtscheiner, Zwei Meister der Kunstmechanik am Hofe Kaiserin Maria Theresias: Ludwig Knaus und Friedrich von Knaus. — V. Schützenhofer, Josef Werndl, der Mann und sein Werk. — A. Bihl, Julius Lott, der Erbauer der Arlbergbahn. — J. Altmann, Aus der Ahnenreihe österreichischer Kraftwagen. — F. Fattinger, Geschichte einer der ältesten Industriestätten: Treibach in Kärnten. — F. Sedlacek, Das Werden des Kärntner Bleiweiß Verfahrens. — C. Schraml, Versuch der Einführung der Gasbeleuchtung bei den Salzwerken des Kammergutes. — E. Neweklowsky, Die Ladenkarlfahrt auf der Steyr. — C. Schraml, Der Holzaufzug und die Wasserriesen im Außerweißenbach. — G. Strele, Die Entwicklung der Wildbachverbauung in Österreich. — V. Thiel, Geschichte der Donauregulierung bei Wien. — F. Kirnbader, Bergmännische Zeichen: Die Entwicklung von Bergbauzeichen auf Landkarten. — Bergmännische Wasserzeichen in altem Steyrer Schreibpapier. 6 1939. 82 S. 35 Abb. und 1 Plan. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Aus dem Inhalt: O. Lanser, Alte Brücken und Mühlen in Tirol. — F. Kargl, Siebzig Jahre Brennerbahn. — K. Holet, Hofrat Dr. Ing. E. h. Ludwig Erhard 75 Jahre. — Buchbesprechung. 7 1940. 154 S. 102 Abb. und 2 Tafeln. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Aus dem Inhalt: F. Kirnbauer, Die Entwicklung des Markscheidewesens im Lande Österreich. 8 1942. 88 S. 55 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard | und o. ö. Prof. Dr. K. Holey. Aus dem Inhalt: K. Holet, Ludwig Erhard. — K. Feiler, Geschichtliches über die Linz-Budweiser Eisenbahn, die älteste deutsche Schienenstraße. — 0. Dirmoser, Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. — Mitteilungen und Berichte: Tätigkeitsbericht des Forschungsinstitutes über die Jahre 1938 bis 1940. — Merkblatt zur Anlegung von Betriebsarchiven. 9 1947. 44 S. 10 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Aus dem Inhalt: V. Schützenhofer, Vom k. k. Fabriksprodukten - Kabinett zum Wiener Technischen Museum von heute. — V. Schützenhofer, Aloys von Widmanstatten. 10 1948. 91 S. 19 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Aus dem Inhalt: Kurt von Lössl und Ernst von Lössl, Friedrich Ritter von Lössl, I. Teil: Der Lebenslauf, II. Teil: Die Arbeiten Friedrich Ritter von Lössls auf aerodynamischem und flug-mechanischem Gebiet. — E. Kurzel-Runtscheiner, Wilhelm Kress, ein österreichischer Pionier der Luftfahrt. — R. Saliger, Ing. Gustav Adolf Wayss, ein Bahnbrecher des Stahlbetons. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1948 und 1949. Fortsetzung auf der IV. Umschlagseüe. FortMeüvmg von der III. ümtchlagseüe. BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE Heft 11 1949. 116 S. 41 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Aus dem Inhalt: F. Kirnbauer, Goethe, Naturwissenschaften und Technik. — V. Schützenhofer, Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. — E. Kurzel-Runtscheiner, Franz Freiherr von Wertheim. — H. Benedikt, Die Schreibmaschine des Grafen Neipperg. — R. Kieffer und F. Benesovsky , Zur Geschichte der Metallwerk Plansee G. m. b. H. in Reutte in Tirol. — H. Benedikt, Schiffahrt im Pongau. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre I960. Heft 12 1950. 112 S. 42 Abb. Schriftleitung: Dr. phil. Josef Nagler. Aus dem Inhalt: V. Schützenhofer, Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. — P. Siebertz, Rudolf Diesel und der Automobilmotor. Ein Beitrag zur Geschichte des Fahrzeugdiesels unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Ludwig Löhners darin. — 0. Regele, Herman von Hoemes. Luftschiffer, Flugtechniker und Luftfahrthistoriker. — F. Binder und M. Rohlena, Zum Gedenken an Dr.-Ing. h. c. Karl Wurmb, den Erbauer der österreichischen Alpenbahnen 1901—1907. — K. Melicher, Baugeschichtliche Bilder von der Arlbergbahn. — E. Kurzel-Runtscheiner, Kitzbühel, die alte Bergstadt. — F. Dangl, Österreichs Beitrag der Lumineszenzanalyse und Fluoreszenzmikroskopie. — E. A. Kolbe, Zur Geschichte der ehemaligen Staatl. Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der ehern, k. k. Salmiakfabrik in Nußdorf. Mitteilungen und Berichte: 75 Jahre Marcus- Automobil. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österr. Technikgeschichte im Jahre 1951.