TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE VIERZEHNTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 48 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG • 1952 TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN Heft 1 Heft 2 Heft 3 Heft 4 BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE Bisher erschienen: 1932. 214 S. 8 Tafeln und 88 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Aus dem Inhalt: H. Srbik, Die Kulturverbundenheit der Technik. — L. Erhard, Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. — K. Holet. Der Schutz der technischen Denkmale in Österreich. — Österreich als Ingenieurland: J.Fuglevicz, Das Bergwesen Österreichs. — 0. Keil-Eichenthurm, Das Hüttenwesen Österreichs. — E. Merlicek, Österreichs Wasserbau. — F. Brock, Österreichs Energiewirtschaft. — B.ENDERES,Das österreichische Verkehrswesen. — E. Stelzer, Technologie. — 0. Kunze, Technisch-wissenschaftliche Institutionen. — G. Kyrle, Die Gold-, Silber-, Blei- und Kupfergewinnung in urgeschichtlicher Zeit der österreichischen Alpen. — F. Sedlacek, Thyrsenblut. — G. Hradil, Der Geistschacht am Röhrerbühel in Tirol. — A. Lciir, Altösterreichische Münzstätten. — A.Demmer, Haswell und seine dampf-hydraulischen Schmiedepressen. — 0. Böhler und H. Schwoiser, Zur Geschichte des österreichischen Edelstahles. — K. Tänzer, Sondergewerbe in der Eisenwurzen. — H.Pösendeiner, Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. — L. Hauska, Bedeutende Holzbringungsanlagen des 12. bis 19. Jahrhunderts in Österreich. — E. Merlicek, Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft.—Alte Salzwege vom Salzkammergut nach Böhmen: C. Schraml, Der Weg des Salzes von Hallstatt nach Linz. — J. Sames, Der Weg des Salzes von Linz nach Budweis. — F. Drexler, Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich. Persönliche Erinnerungen. — H. Pfeuffer, Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik. — E.DesCovich, Fritz Franz Maier und seine Schiffsform. — Mitteilungen und Berichte: S. Brosche, Gründungsgeschichte des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. — Das Forschungsinstitut für Geschichte der Technik, aktenmäßig dargestellt von der Institutsleitung. — J. Leisching, Ein altes Wendeltreppen-Modell im Salzburger Museum. — A. Bihl, Bibliographie zur Geschichte der Technik Österreichs. 1934. 85 S. 30 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Aus dem Inhalt: F. Sedlacek, Auer von Welsbach. 1936. 101 S. 64 Abb. und ein Kunstblatt. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Aus dem Inhalt: L. Erhard, Vom Lebenssinn der Technik. — A. Lechner, Viktor Kaplan. — F. Sedlacek, Die Dr. Carl Auer-Welsbach-Gedächtnisausstellung im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien. — Mitteilungen und Berichte: Tätigkeitsbericht des österreichischen Forschungsinstitutes für Technikgeschichte. — Die Enthüllungsfeier des Auer-Welsbach- Denkmals. — Buchbesprechung: Lebenserinnerungen von Dr. techn. h. c. Dr. mont. h. c. G. Günther. — A. Bihl, Bibliographie zur Geschichte der Technik. — Erläuterung zum Kunstblatt: Haymon und Thyrsus. 1938. 80 S. 38 Abb. Schriftleitung Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Forttrtzung auf der III. UmtcMagteife. BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE I TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE VIERZEHNTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 48 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRING ER® VERLAG • 1952 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, Vorbehalten. Printed in Austria. Inhaltsverzeichnis Seite 150 Jahre Kaolingewinnung in Kriechbaum bei Schwertberg. Von Dr. Ing. Franz Kirnbauer, Wien-Mödling. ] Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur und ihre Beziehung zur Entwicklung der technischen Verwendung des Kaolins. Von Dr. Ing. Franz Kirnbauer, Wien-Mödling. 8 Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869 -1918. Von Dr. Oskar Regele . 38 Über die Captif-Schraube des Wilhelm Kress. Von Dr. Oskar Regele . 55 Beginn der Ferrolegierungen für die Edelstahlerzeugung in Österreich. Von Dr. Dr.h.c. Franz Fattinger sen., Stübing, Steiermark. 61 Joseph Mauritius Stummer von Traunfels. Von Dipl. Arch. Dr. Hedwig Gollob 64 Mitteilungen und Berichte: Die Enthüllungsfeier der Nikola TESLA-Büste im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien. Von der Institutsleitung. 81 Technikgeschichtliche Bücherschau. Von Dr. techn. Erich Kurzel-Runtsciieiner 91 Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1953. Von Therese Stampfl . 104 i.W at.iiixt •VJf v«f> '»t.i ’) 7 ><« ,U X'i > wiAirwi« A i J H ‘imI* -.4 r ;»•> / l ! M-O'!•>*» ‘«t» II'! /V i 5 «.*!•«* Jl«;.*r?VAl 5/./ V 7 -I 3 K Bi'!;.’’«. nMi' \tXP ^kA ■«•sh tl j '- 'fV »i:-* 150 Jahre Kaolingewinnung in Kriechbaum bei Schwertberg Von Franz Kirnbauer, Wien-MÖdling Mit 4 Abbildungen Das Kaolin vor komm en von Kriech bäum, in den Gemeinden Allerheiligen und Schedlberg gelegen, befindet sich etwa 5 km nordöstlich des Marktes Schwertberg, Oherösterreich. Es ist seit genau 150 Jahren bekannt, denn in den Marktkommuneschriften der benachbarten Pfarre Tragwein wird 1803 erstmalig ein Einwohner der Ortschaft Kriechbaum, namens Theodor Reischl, Bewohner des heute noch bestehenden Dürrwieshäusls, als „Weissenmacher“ erwähnt. In der handgeschriebenen Chronik von Tragwein ist weiters das Jahr 1827 eingetragen als Beginn des Verkaufes von „weißer Erde“ nach Linz zu Zwecken des Uniformweißens. Das Militärärar verwendete damals Kaolin außer zum Weißen der Soldatenuniformen auch zum Putzen der Riemen und des Zaumzeugs. In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts betrieb dann der Besitzer des Bauerngutes „Krenschuster“ — heutiges „Lindner-Haus“, Kriechbaum Nr. 9 — namens Stockinger, die Kaolingewinnung in allerkleinstem und allereinfachstem Maße. Der Kaolin wurde in Gruben, etwa in der Größe von Kalkgruben, Übertags gewonnen, in einfachen Holzbottichen von den groben Rückständen gereinigt und mittels Pferdefuhrwerks an die Hafner nach Linz verkauft. Weiters verwendeten auch die Steyrer Hafner den Kaolin aus Kriechbaum gerne, den sie unter dem Namen „Schwertberger Ton“ bezogen. Auf einfachste Weise gereinigter Kaolin wurde um diese Zeit auch an die Handschuhmacher in Enns verkauft. Um 1860, nach anderer Überlieferung im Jahre 1852, kam der Wilhelmsburger Brenner Ignaz Wahlmüller nach Kriechbaum, erwarb einige kaolinführende Grundstücke, darunter das Bauernhaus „Simon unter der Leiten“ (das seinerzeitige „Pfeiffer-Haus“) und errichtete die erste Schlämmanlage an der Bezirksstraße Schwertberg—Tragwein. Die Einrichtung war äußerst einfach: Der in hölzernen Klärbecken verdickte Kaolinschlamm wurde in kräftigen Leinwandsäcken zwischen zwei starken Eichenholzplatten, die durch Hebel und Holzschrauben gegeneinander gepreßt wurden, entwässert und im Freien getrocknet. Wegen der besseren Qualität des geschlämmten Kaolins bildete Wahlmüller eine 2 Franz Kirnbauer mächtige Konkurrenz für Krenschuster, so daß sich dieser schließlich gezwungen sah, die Erzeugung aufzugeben, da er für seinen minderwertigen Kaolin keine Abnehmer mehr fand. über die Tätigkeit Ignaz Wahlmüllers sind übrigens noch folgende Einzelheiten zu erwähnen: Die tagbaumäßige Gewinnung von Rohkaolin erfolgte zuerst auf dem Gebiet der Ortschaft Schedlberg, also westlich der Bezirksstraße Schwertberg—Tragwein, und zwar an jener Stelle, wo sich gegenwärtig noch eine kleine Vertiefung oberhalb der Sandhalde befindet bzw. bislang der Ziegelofen stand. Der Abbau erfolgte auf Grund eines Pachtvertrages mit dem Grundeigentümer, dem Besitzer des Hofes „Bauer in der Oedt“, dem Landwirt Ferdinand Schmiedberger, Schedlberg Nr. 8. Wahlmüller zahlte für jeden in Anspruch genommenen Quadratklafter Bodens 1 Kreuzer jährlich an Schmiedberger. I >er hier gewonnene Rohkaolin war vorzüglich und von hohem Feinkaolingehalt. Die vorhandene Schlämmaschine konnte jedoch den Kaolin nicht genügend aufbereiten, da das Fehlen von größeren Mengen an Grobsand im Rohmaterial dies verhinderte. Außerdem geriet Ignaz Wahlmüller in Streit mit Schmiedberger, da dieser eine Erhöhung des Pachtschillings beanspruchte. Er begann daher 1880 mit der Abdeckung des Kaolinlagers östlich der früheren Stelle, das ist auf der anderen Seite der Straße, in der Ortschaft Kriechbaum. Wahlmüller legte hier einen neuen Tagbau an. Es war diejenige Stelle, wo sich später dann lange Zeit hindurch die beiden sogenannten „Wienerberger Teiche“ befanden und wo gegenwärtig der Christinen-Tagbau mit dem Christinenschacht-Mundloch angelegt ist. Am 27. Mai 1893 starb Ignaz Wahlmüller, ein Mann von großer Tatkraft, Umsicht und Fleiß. Als Gesamterbin wurde seine Frau eingesetzt, die im Jahre 1894 den Besitz ihrem Sohn Viktor übergab. Viktor Wahlmüller erweiterte die Anlage seines Vaters durch Errichtung von drei großen Klärbecken aus Bruchsteinmauerwerk, stellte eiserne Filterpressen auf und erbaute neue Trockenhütten. Auch die tiefbaumäßige Gewinnung des Rohkaolins führte er erstmals hier ein. Bedeutende Schwierigkeiten ergaben sich für Viktor Wahlmüller aber im Mangel einer entsprechenden Wasserhaltung an den Kaolingewinnungsstellen im Tagbau sowie in der Grube. Die vorhandenen Pumpen entsprachen nicht den Erfordernissen. Im Jahre 1897 war daher Waiilmüller bereits stark verschuldet. Auch die durchgeführten Neuanlagen konnten seine Kaolingewinnung nicht verbessern oder verbilligen, so daß er sich nach Erschöpfung der Betriebsmittel entschloß, sein Werk zu veräußern.. Von ihm erstand der Budweiser Händler R. Pollak, der sich mit dem Pilsener Rechtsanwalt Dr. A. Klein verbunden hatte, 1898 das Kaolinvorkommen samt den dazugehörigen Anlagen. Pollak und Klein führten den Betrieb in mäßigen Grenzen ein Jahrzehnt lang unter dem Namen „Dr. Klein u. Comp., Kaolin- und Chamottewerke Schwertberg“ weiter. Die Firma erwarb auch Abbaurechte auf den benachbarten, im Gemeindegebiet Schedlberg liegenden kaolinführenden Grundstücken und begann durch Errichtung einer neuen Schachtanlage, den Kaolin auch dort tiefbaumäßig in kleinem Maßstab zu gewinnen. Da dies aber nicht auf fachliche, bergmännische Weise geschah, zeigte sich alsbald die Unwirtschaftlichkeit dieser Art der Kaolingewinnung. Das Unternehmen stieß daher 150 Jahre Kaolingewinnung in Kriechbaum bei Schwertberg 3 die Anlagen wieder ab, zumal die Betriebsmittel vollkommen erschöpft waren. Ein Verkaufsanbot Kleins und Pollaks wurde von der „Montan-Actien-Gesell- schaft“ in Prag angenommen und Ingenieur V. Better im Herbst 1910 mit dem Abbohren der zugehörigen und benachbarten kaolinhöffigen Grundstücke betraut. Nach Abschluß dieser Bohrungen um Weihnachten 1910 kam der Kaufvertrag zwischen Pollak-Klein und der Prager Montan-Actien-Gesellschaft im Jänner 1911 zustande. Der Kaufpreis betrug 60.000 Kronen. I lurch V. Better wurde die Schachtanlage stillgelegt und der Rohkaolin wieder tagbaumäßig gewonnen. Noch 1911 wurden vier größere Trockenhütten errichtet, die alten kleinen Filterpressen mit eisernen Kammern außer Betrieb gesetzt und durch zwei Jakobi-Kammerpressen von je 1,20 m 3 Inhalt ersetzt. 1913 wurden weitere zwei Pressen, Bauart Xetsch, von gleicher Leistung aufgestellt und drei neuzeitliche Klärbecken von etwa 200 m 3 Inhalt in Eisenbeton durch eine Brünner Bauunternehmung errichtet. Die Leistung der Anlage stieg wohl auf 1800 t Reinkaolin im Jahr, die Qualität des Reinkaolins blieh jedoch infolge der unzureichenden und unzweckmäßigen Schlämmeinrichtung auch weiterhin sehr schlecht. Die Rückstände an Sand und Schlicker häuften sich derart, daß die Baulichkeiten his zu den Fenstern überschwemmt waren. Während des ersten Weltkrieges ruhten die Gewinnungsarbeiten auf Kaolin in Kriechbaum vollständig. Nach dem Umsturz stieß die Prager Montan A. G. die Anlagen im Mai 1920 an einen Wiener namens Kaufmann ab, der eine Genossenschaft zu bilden versuchte, die das Unternehmen wieder aufrichten und die Anlagen in Betrieb nehmen sollte. Dies mißlang jedoch, da das Gesellschaftskapital sowie alle Vorräte aufgebraucht waren. Im März 1921 erwarb die Wienerberger Ziegelfabrik u. Bau-A. G., Wien, die Anlagen und errichtete unter Verwendung eines Teiles der vorhandenen Baulichkeiten sowie einiger Einrichtungen in Kriechbaum eine neue Schlämmanlage, die bei äußerst beträchtlichem Kostenaufwand in ihrer Leistung jedoch völlig ungenügend und deshalb nur im Jahre 1924 und da nur im ganzen sechs Wochen lang in Betrieb war. Während des Krieges 1914 bis 1918 hatten die Gewinnungsarbeiten in Kriechbaum, wie erwähnt, vollständig geruht. In den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren wurden jedoch von neuer Seite an neuen Stellen Bohrungen und Schürfarbeiten auf Kaolin ausgeführt, deren Anreger, Begründer und Leiter Dr. Rudolf Illner, der nachmalige Generaldirektor der im Jahre 1921 von ihm gegründeten „KAMIG“ A. G., war. Ihm schwebte eine eigene Kaolingewinnung östlich der bisher bekannten Kaolinstellen zum Zwecke einer wirtschaftlichen Ei gen Versorgung Österreichs mit diesem vor allem für die heimische Papierindustrie wichtigen Rohstoffe vor. Seine Schürfungen waren von Erfolg begleitet, so daß 1922 die „KAMIG“ österreichische Kaolin- und Montan-Industrie, Wien, zunächst als GmbH., dann 1924 als A. G. gegründet werden konnte. Im Frühjahr 1924, nach Erbauung einer neuzeitlichen Kaolin-Aufbereitungsanlage in Josefstal bei Schwertberg und einer vom Bergbau dahin führenden 3,7 km langen Seilbahn, eröffnete die „KAMIG“ A. G. in Kriechbaum den Betrieb zur tagbau- und tiefbaumäßigen Gewinnung des Rohkaolins. Dieser auf moderner Grundlage geführte Berghau hat sich von kleinen Anfängen heraus bis zu 4 Franz Kirnbauer einer gegenwärtigen Jahresförderung von 155.000 t Rohkaolin entwickelt (Abb. 1). Drei Schrägschächte, der 1925 abgeteufte Rudolf-Schacht, der 1932 abgeteufte Xelly-Schacht und der 1948 eingeweihte Christinen-Schacht sowie ein großer Tag- Bild 1. Gesamtansicht des Kaolinbergbaus Kriechbaum bei Schwertberg, Oberösterreich ■ 'A.JI " , ■ e*" bau mit neuzeitlichen Bagger- und Förderbandanlagen zur Rohkaolin- und Abraumgewinnung — der Christinen-Tagbau — kennzeichnen jetzt den Stand der bergmännischen Ausrichtung und des Abbaus von heute (Abb. 2). Im Taghau- •-***v* ? S»»***<■ Bild 2. Feierliche Eröffnung des Christinen-Schachtes (Herbst 1948). Im Vordergrund Schrägschacht-Mundloch, im Hintergrund Kaolin-Tagbau. Weiße Fläche = Kaolinlagerstätte, darüber tertiäre Tone und Sande, im Baggerschnitt betrieb wird der Rohkaolin von Hand aus an niederen Stößen hereingewonnen. Früher wurde der Rohkaolin auch mittels Löffelbaggers oder händisch im Schurrenbau bei hohen Stößen und in sogenannten „Abbaumühlen“ gewonnen. Tiefbaumäßig erfolgt die Rohkaolingewinnung im Kammerbruchbau bei weitestgehendem Verhieb der Pfeiler in söhligen Scheiben von 4 m Mächtigkeit (Abb. 3). 150 Jahre Kaolingewinnung in Kriechbaum bei Schwertberg 5 Im Jahre 1928 wurde seitens der „KAMIG“ der „Oberwinkler“-Grimd zugekauft. 1933 erweiterte das Unternehmen seinen kaolinführenden Grundbesitz abermals durch Ankauf des „Schmiedbergergutes“ und im darauffolgenden Jahr durch Erwerb der der „Wienerberger“ gehörigen Grundstücke, so daß nunmehr die gesamte Kaolinlagerstätte von Kriechbaum in einer Hand vereinigt ist. Der privatrechtliche Grunderwerb kaolinführenden Bodens ist in Österreich nötig, da der Kaolin nicht unter dem Bergregal steht (Staatsvorbehalt) und somit das Gewinnungsrecht an den Grundbesitz gebunden ist. Ein ansehnlicher eigener Forstbesitz ergänzt den Grundbesitz der „KAMIG“. Die Aufbereitung des Kohkaolins erfolgt in der Schlämmanlage in Josefstal hei Schwertberg auf modernste Weise (Abb. 4). Besonderes Augenmerk wurde auf eine ständige Verbesserung der erzeugten Kaolinsorten sowie auf eine Erhöhung der Ausbeute gelegt. Im Jahre 1936 wurde durch die „KAMIG“ die Erzeugung eines Sonderkaolins, des sogenannten „Kolloidkaolins“, erstmalig aufgenommen. Zehn Jahre später konnte die Produktion an Kolloidkaolin durch neue Verfahren wesentlich erhöht werden. Aus den rund 155.0001 Rohkaolin, die in der Schlämmerei in Josefstal gegenwärtig aufbereitet werden, werden jährlich rund 50.0001 Reinkaolin erzeugt. Das Ausbringen schwankt zwischen 27 bis 35°/o. Der Belegschaftsstand von Grube und Aufbereitung beträgt im Durchschnitt 500 Mann. Der „KAMIG“-Kaolin stellt in seinen verschiedenen Sorten einen wertvollen heimischen Rohstoff dar. Er wird hauptsächlich als Füllstoff und Beschwerungsmittel in den Papierindustrien Österreichs und des nahen Auslandes verwendet, zum Teil aber auch in anderen wichtigen Industriezweigen, wie in der Porzellan- und übrigen keramischen Industrie, in der Gummiindustrie, in Kabel-, Wachstuch- und Kunststoffabriken, in der Kosmetik, Pharmazeutik sowie chemischen und Seifenindustrie. Weitere Verwendungszwecke für Schwertberger Kaolin sind: In der Farben- und Lackherstellung sowie für Malerz wecke, dann in der Textilindustrie, zur Tapetenherstellung, Schleifmittelerzeugung, öl- klärung, Wein- und Obstsaftschönung, Dachpappenerzeugung, in der Bleistiftindustrie, für Schädlingsbekämpfungsmittel, feuerfeste Mörtel, zur Ultramarinherstellung sowie zur Erzeugung von Aluminiumsulfat. Der in der Aufbereitung anfallende Sand und Schlicker können in Josefstal infolge Platzmangels nicht verhaldet werden und werden daher mit der Seilbahn wieder nach Kriechbaum zurückbefördert. Dort werden sie zu großen, weißen Bild 3. Tiefbaumäßige Kaolingewin- nung (Abbauort) 6 Franz Kirnbauer „Sandbergen“ mit ausgedehnten Schlickerhalden auf geschüttet, die der Landschaft ihr Gepräge geben. Aufbereiteter und trennscharf klassierter Quarzsand wird als Formsand, Glassand, Filtersand, Streusand und Bausand (Edelputz) verwendet. — Vor einigen Jahren wurden mehrfache Funde eiszeitlicher Tier- und Pflanzenreste in Kriechbaum gemacht, die zum Teil im oberösterreichischen Landesmuseum in Linz, zum Teil im Werksmuseum der „KAMIG“ in Kriechbaum aufbewahrt werden. Zur Geschichte der Kenntnis der Geologie von Kriechbaum ist zu sagen: Die erste Erwähnung des Kaolins von Kriechbaum im oberösterreichischen mineralogischen Schrifttum findet sich bei C. Ehrlich in einem Aufsatz „Nutzbare *>”**:- ■:. r ^s. r ■ Bild 4. Kaolinaufbereitung Josefstal der KAMIG A. G. Gesteine Überösterreichs und Salzburgs“ aus dem Jahre 1857, der „reinere weiße Tone, in einzelnen Tertiärpartien des Mühlkreises, so bei Tragwein“, erwähnt und von ihnen mitteilt, „daß sie auch zur Bereitung von Geschirr wie auch als Putzmittel besonders für Militärmonturen dienen“. — Im Jahre 1920 erstellte W. Hammer von der Geolog. Bundesanstalt, Wien, ein geologisches Gutachten, das aber mangels fast jeglicher Aufschlüsse sowie genauerer Bohrungen bergmännisch unzureichend bleiben mußte. Erst dem Verfasser war es Vorbehalten, auf Grund eingehender Arbeiten in der Zeit von 1932 bis 1936 den geologischen Bau des Kaolinvorkommens von Kriechbaum zu erkennen. Es handelt sich um ein „Lager entlang eines tektonischen Bruchrandes“. Auf dieser Grundlage war es möglich, die weitere Ausrichtung der Lagerstätte durch Streckenauffahrungen und Bohrungen in den letzten Jahren großzügig in Angriff zu nehmen sowie mengenmäßig eine vollständige Erfassung des Kaolinvermögens zu erreichen. Der zweite Weltkrieg 1939 bis 1945 stellte große Anforderungen an die „KAMIG“, sowohl an die Belegschaft als auch an den Betrieb, an die Betriebsleitung wie auch an die gesamte Arbeiterschaft. Trotz Personal- und Materialmangels wurde die Produktion bis 1943 auf voller Höhe gehalten. Im letzten Kriegsjahr 1944, vor allem aber im ersten Nachkriegsjahr 1945, in den Monaten 150 Jahre Kaolingewinnung in Kriechbaum bei Schwertberg 7 vor dem Zusammenbruch, häuften sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten derart, daß sie schließlich zu einer vollständigen Stillegung des Werkes führten. Es ist das Verdienst des Bergverwalters der Grube, in diesen unruhigen Zeiten den Abtransport von Maschinen oder Werkseinrichtungen verhindert zu haben. Der Initiative und Tatkraft der gegenwärtigen Leitung der „KAMIG“ A. G. sowohl in Kriechbaum-Josefstal als auch in Wien nach dem Zusammenbruch im Frühjahr 1945 war es zu danken, daß die zunächst als unüberwindbar anzusehenden Schwierigkeiten in erstaunlich kurzer Zeit gemeistert wurden. Durch eine vorbildliche Zusammenarbeit aller Beteiligten gelang es, Bergwerk und Aufbereitungsanlage rasch zu überholen und den Betrieb wieder zum Anlaufen zu bringen. Eine werkstreue, fleißige und heimatgebundene Arbeiterschaft unterstützte die Bestrebungen der Betriebsleitung in bester Weise. Sie war auch in diesen schweren Zeiten eines der wertvollsten Aktiven des Unternehmens, neben den unversehrten maschinellen Einrichtungen und der Lagerstättensubstanz. Im Jahre 1946 nahm die „KAMIG“ A. G. ihren Betrieb in Kriechbaum und Josefstal bereits wieder auf, zunächst mit halber Produktion, im Jahre 1948 mit voller Förderung und unter voller Ausnützung der gesamten Leistungsfähigkeit der Aufbereitungsanlagen. Der Wiederaufbau der Handelsbeziehungen, vor allem des Exportes von „KAMIG“-Kaolin, gelang ebenfalls in überraschend schneller Weise. Um den in- und ausländischen Anforderungen nach „KAMIG“-Kaolin gerecht werden zu können, entschloß sich das Unternehmen, eine neue, schon vor einigen Jahren durch Bohrungen festgestellte Kaolinlagerstätte bei Weinzierl unweit Perg aufzuschließen. Im Sommer 1952 wurde hier mit der tagbaumäßigen Rohkaolingewinnung begonnen und gleichzeitig eine nach den modernsten Gesichtspunkten eingerichtete Aufbereitung erbaut und in Betrieb genommen. So stellt der Kaolinbergbau Schwertberg, der sich in den 150 Jahren seines Bestehens von kleinsten Anfängen heraus zu einem bedeutenden Bergbauunternehmen Österreichs entwickelt hat und wertvolle, qualitativ hochwertige Rohstoffe für die in- und ausländische Wirtschaft liefert, ein Beispiel für die ungebrochene Schaffenskraft österreichischer Geistes- und Handarbeit dar. Sämtliche Abbildungen wurden vom Photoatelier Karl Meyer, Wien VI, hergestellt. Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur und ihre Beziehung zur Entwicklung der technischen Verwendung des Kaolins Von Franz Kirnbauer, Wien-Mödling Mit 23 Abbildungen Eines der ältesten Wiener Stadtgeschäfte, das Porzellanhaus Albin Denk, feierte am 16. Oktober 1952 das seltene Jubiläum des 250jährigen Bestandes. Zur Freier hatten sich Bürgermeister Jonas, Handelsminister Böck-Greissau und (±1 Hurvr:.F Bild 1 Bild 2 Bild 3 Bild 1. Markenzeichen der Wiener Porzellanfabrik Augarten Bild 2. Malersignatur des Arkanisten F. Hunger, um 1718 Bild 3. Bindenschild-Marke der Wiener Porzellanmanufaktur a. d. J. 1744 Handelskammerpräsident Dr. Klink eingefunden. Die derzeitige Besitzerin Frau Wunderlich schilderte den Werdegang des Geschäftes, das im Jahr 1702 gegründet wurde und seinen Laden im sogenannten Eisgrüblhaus auf dem heutigen Petersplatz hatte. Es ist das älteste Porzellanhaus Österreichs und mit der Porzellanerzeugung und Porzellankunst in Österreich sowie dem Handel mit Porzellan seit den Tagen der Gründung aufs engste verbunden. In den ersten Jahren seines Bestandes nur mit ausländischem Porzellan handelnd, führte und führt seit 1718, dem Jahre der Gründung der Wiener Porzellanfabrik, die die Zweitälteste der Welt ist, das Haus Denk vornehmlich Wiener Porzellan. Die Porzellanfabrik Augarten trägt den offiziellen Firmentitel „Wiener Porzellanfabrik Augarten Aktiengesellschaft zur Erneuerung und Fort- Franz Kirnbauer: Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 9 Setzung der vormaligen Staatlichen (Aerial-) Porzellan-Manufaktur Wien“ und führt als Markenzeichen bekanntlich das Bindenschild-Wappen mit Herzogshut (Abb. 1). In der nachfolgenden Abhandlung wird nur die Geschichte der Wiener Porzellan-Manufaktur behandelt. Die Geschichte der übrigen österreichischen Porzellanfabriken ist nicht Gegenstand dieser Untersuchung. Die Wiener Porzellanmanufaktur unter Du Paquier 1718—1744 Der Gründer der Wiener Manufaktur war der aus Trier stammende Hofkriegsratagent Claudius Innocentius Du Paquier. Er berief den Emailleur und Vergolder Christoph Hunger und den Werkmeister der Meißner Porzellanmanufaktur Samuel Stölzel nach Wien. Es mag wirklich nicht leicht gewesen sein, diese bereits damals anerkannten Meister nach Wien an ein neues Unternehmen zu fesseln, denn die beiden hatten in der König]. Sächsischen Porzellanfabrik in Meißen gute Stellungen und geachtete Namen. Außerdem war bekannt, daß Kurfürst August II. das Geheimnis Böttgers streng hütete. Das erste Meißner Porzellan, 1709 von dem Dresdner Alchimisten Johann Friedrich Böttger erfunden, wurde buchstäblich mit Gold aufgewogen. Doch das Gold Du Paquiers siegte über die Sparsamkeit Augusts II. und um 1718 gelang es der Initiative Du Paquiers, die Wiener Porzellanmanufaktur in Betrieb zu setzen. Um diese Zeit, es war nach den großen Siegen des Prinzen Eugen, war für Österreich ein großer Aufschwung gekommen. Kaiser Karl VI. hatte ein Patent erlassen, in dem industrielle und kommerzielle Gründungen unterstützt wurden. Im Jahre 1718 erhielt Du Paquier das gewünschte Privilegium. Dasselbe befindet sich noch heute im Staatsarchiv Wien. Dieses kaiserliche Privilegium wurde am 27. Mai 1718 zu Laxenburg unterzeichnet und berechtigte die Inhaber, die durch ungemeine Wissenschaft, Mühe, Sorge, Fleiß, Gefahr und Unkosten, ohne daß das Aerar im Geringsten etwas dazu vorschießen durfte, erzeugte fein gemalte, gezierte und auf allerhand Art verzierte Porzellanmajolika und indianisches Geschirr, Gefäß und Gezeug, wie solche in Ostindien und anderen fremden Ländern gemacht werden, allein zu erzeugen und sowohl im Großen als Kleinen in den Erbländern zu verkaufen. Die erste Porzellanherstellung in Wien durch Du Paquier und seine Mitarbeiter erfolgte in einem Kleinbetriebe in der Roßau in der ehemaligen Drei- Mohrengasse im jetzigen 9. Bezirk, und zwar in einem dem Grafen Kuefstein gehörigen Hause mit 10 Arbeitern und einem Brennofen. Eine der ersten Malersignaturen aus dieser Zeit, die Unterschrift Hungers, zeigt Abb. 2. Der materielle Erfolg blieb jedoch anfangs aus und die beiden Meißner Fachleute, die nicht entsprechend bezahlt werden konnten, flüchteten nach drei Jahren heimlich aus Wien, nicht ohne vorher die wertvollsten Modelle zu zerstören. Die Manufaktur schien verloren. Du Paquier war jedoch eine zähe Natur und verzweifelte nicht. Da die beiden Porzellanmeister oder, wie sie damals genannt wurden, „Arkanisten“, das Ge- 10 Franz Kirnbauer heimnis der Zusammensetzung und Erzeugung des Porzellans nicht verraten hatten und Du Paquier nur wußte, daß „Erde“ verwendet wurde, versuchte er alle möglichen Stoffe, bis er schließlich darauf kam, daß die „Passauer Erde“, eine Art von Rohkaolin, das Richtige sei. Passau gehörte damals zu Österreich, so daß der Bezug dieses Kaolins keine Schwierigkeiten bot. Du Paquier fand auch bald wieder andere, zuverlässigere Meister, sammelte Künstler von Namen um sich |»r jtfg tstum v. r. [ff] rr, • •« 10 -W» W' P»i »j ■rt 1 ;rri' r-.rl igjVsrj 'iSpSSgri |*V’Ä tfaxfc'. ■: V Bild 4. K. k. Porzellanfabrik in der Rossau Bildarchiv Österr. Nationalbibliothek, Fond Städtische Sammlungen, Wien und setzte sich mit seinen Erzeugnissen dank seiner Energie und seinem Kunstverständnis durch. Schon um 1721 war die Wiener Porzellanmanufaktur aus den schlimmsten Anfängen heraus und übersiedelte, weil sich die Räume mittlerweile als zu klein erwiesen hatten, aus der Schmidgasse (der heutigen Eiechtensteinstraße) in eine andere Gegend der Roßau, in die nahegelegene Gräflich BRÄUERsche Sommervilla. Die Gasse, in der sich Du Paquiers Fabrik befand, heißt noch heute Porzellangasse. Das Gebäude stand ungefähr dort, wo sich gegenwärtig die Verwaltung der österr. Tabakregie befindet (Abb. 4). Unverdrossen wurde gearbeitet und die Konkurrenz mit dem sächsischen Porzellan aufgenommen. Eine Spezialität Du Paquiers bildete der zarte Unter- ton seiner Porzellanmasse und die Glasur. Das Unternehmen arbeitete nun mit großen künstlerischen und technisch vollkommeneren Mitteln. Hauptsächlich wurde Gebrauchsporzellan erzeugt, Schüsseln, Teller und Tassen, letztere innen vergoldet (Abb. 5). Die eigenartige Formenschönheit und der farbige Dekor des Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 11 V, Bild 5. Sechsseitige Teekanne mit Reliefauflage, Wiener Porzellanmanufaktnr, aus der Zeit um 1720. Wien, Österr. Museum für angewandte Kunst Technikgeschichte, 14. Heft. 12 Franz Kirnbauer Wiener Porzellans wurden bald berühmt und die Tassen galten als beliebtes Sammelobjekt. Die hervorragendsten Schöpfungen der Du-PAQUiER-Zeit sind Schwarzlotmalerei mit Gold und die weltberühmten Malereien des Porzellanzimmers aus dem DuBSKY-Palais im österreichischen Museum für angewandte Kunst am Stubenring (Abb. 6 und 7). Wenn zunächst Du Paquier sich mehr an chinesische Vorbilder in der Dekoration hielt, so begann doch schon zu seiner Zeit sich das AYiener Künstlertum durchzusetzen und der „Chinoiserie“ die „deutsche Blume“ entgegenzuhalten. Gerade letztere ist es aber, die den Weltruf der Wiener und Meißner Erzeugnisse ausmacht. Ja die Beliebtheit dieser Blumenmalerei ging so weit, daß sich die Chinesen bemühten, diesen Dekor nachzuahmen und im Auftrag der Ostindischen Kompagnie, die ihre phantastischen Einnahmen aus dem ostindischen Porzellangeschäft bedroht sah, nach Europa zu liefern. Aber ebenso wie die Chinoiserie immer nur eine Nachahmung chinesischer Malerei blieb, so blieb auch die chinesische Nachahmung des „deutschen Blumen“-Dekors weit hinter dem Original zurück. Der Chinese kannte unsere europäischen Blumen nicht und es wurde ein unverständliches Ornament daraus. Die Manufaktur unter Maria Theresia 1744—1780 1 >ie Epoche zwischen 1730 und 1740 war für das Alt-A\ 7 iener Porzellan sehr entscheidend. Die Werke .jener Zeit erreichten eine künstlerische AMllwertigkeit, die in der ganzen AVelt Anerkennung fand. Allerlei Figurenmalerei, intime Schäferszenen und mythologische Darstellungen gaben unter Maler Botten- grubers Einfluß dem AATener Porzellan eine eigene Note. Die erste Blütezeit der Wiener Manufaktur war angebrochen. Trotz seiner großen künstlerischen Erfolge hatte aber das \\ 7 erk vielfach mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, so daß Du Paquier gezwungen war, die Manufaktur dem Staat anzubieten. Im Jahre 1744 entschloß sich Kaiserin Maria Theresia, die als weitblickende Herrscherin Österreichs die Bedeutung kunstgewerblichen Schaffens für die X olkswirtschaft klar erkannt hatte, die Fabrik in staatliche Verwaltung zu übernehmen. Die Unterschrift Du Paquiers auf dem \ T erkaufsvertrag vom 10. Mai 1744 zeigt Abb. 8. Von nun an führte die Manufaktur als staatliche Fabrik das österreichische Landeswappen, den Bindenschild, als Marke, den der Volksmund „Bienenkorb“ nannte, und damit die weltberühmte Bezeichnung für echtes AATener Porzellan schuf (Abb. 3). Seit der Übernahme der Fabrik durch den Staat machte sich auch eine straffere Organisation geltend. Die alten Warenbestände wurden abgestoßen und sodann einheitliche Preisbestimmungen festgesetzt. Um 1749 entdeckte man in Schmölnitz in Ungarn eine schöne weiße Kaolinerde, die der bisher verwendeten Passauer Erde überlegen war. Die Stücke aus der neuen Wiener Masse wurden mit dem Bindenschild in blauer Unterglasur bezeichnet. Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 13 Bild 6. Große Schüssel vom sogenannten Jagdservice mit Tierkampfszene. Schwarzlotmalerei, um 1725 —1730, aus der Wiener Porzellanmanufaktur. Wien, Österr. Museum für angewandte Kunst 2 ' 14 Franz Kirnbauer Der veränderten Geschmacksrichtung wurde durch Ankauf von Kupferstichvorlagen zur Anregung der Maler und Bildhauer Rechnung getragen. Dann sah man sich nach Meißner Arbeitern um, die den Rokokostil beherrschten. Die unter Du Paquier gepflegte Schwarzlotmalerei kam auch jetzt noch vor, doch traten an Stelle der Laub- und Bandelwerkmotive Landschaften und sogenannte Mosaikmusterungen. Die Kopien ostasiatischer Vorbilder verschwanden allmählich. Die „Deutschen Blumen“ verloren den chinesischen Charakter und wurden naturalistischer behandelt sowie sorgfältiger ausgeführt. Die Einwirkung französischer Stichvorbilder dokumentierte sich in Szenen galanter Gesellschaften im Freien, die in Purpur und bunten Farben gemalt wurden. Statt der barocken Henkel und Griffe fanden sich jetzt naturalistische Gebilde, wie grünes Astwerk mit Blättern und bunten Blumen in Relief. Im Jahre 1750 berief man den Meißner Modelleur Ludwig Lück, der in den zwei Jahren seiner Tätigkeit bestimmend auf die Entwicklung der Gefäßformen einwirkte, nach Wien. Zackige, geriffelte, meist mit Purpur erhöhte Rocaillen in Relief legten sich um die Ränder der Gefäße. Die Gesamtformen wurden bewegter, entsprechend dem muscheligen Charakter der Reliefauflagen. Um die gleiche Zeit war auch der Meißner Maler Philipp Ernst Schindler in Wien tätig, auf den die feinen Figurenmalereien, Watteauszenen, Reitergefechte nach Rugendas, Schäfer- und Bauernbilder sowie Jagddarstellungen und Amoretten zurückzuführen sind. Ende der Sechzigerjahre machte sich bereits der Einfluß von Sevres geltend. Service mit rundmaschigem Goldnetzwerk auf dunkelblauem Grund und farbigen Figurenbildern in weißen Reserven stammen aus jener Zeit. Die Wiener sogenannten Kaufrufe, Porzellanfiguren aus dem Volksleben darstellend, sind weiters für diese Zeit sehr kennzeichnend (Abb. 9 und 10). Gegen Ende der Siebzigerjahre litt die Wiener Porzellanmanufaktur an Überproduktion und auch die künstlerische Leistung ließ zu wünschen übrig. 1788 wurde in der Wiener Zeitung öffentlich die Feilbietung ausgeschrieben, glücklicherweise ohne daß sich, trotz günstiger Bedingungen, ein Käufer oder auch nur ein Pächter gefunden hätte. Kaiser Joseph IT. entschied daher am 5. August 1784 wie folgt: „Wenn der Porzellanfabrik ein wahrer wirtschaftlicher Erfolg gegeben werden soll, so muß die Hofstelle sich in deren Verwaltung nicht im geringsten mengen, sondern es ist ein geschickter Mann auszuwählen, dem man ein paar Tausend Gulden Gage gibt und zehn Prozent von allem Gewinn und Ersparnis, welche er über die jetzigen Ausgaben machen kann,“ und weiter: „wenn man ihm freie Hand läßt, aufzunehmen und abzudanken, wen er will, auch zu erzeugen, was und wie er will, kann die Sache allein gehen.“ Die Manufaktur unter Baron Sorgenthal 1781—1805 Unter Sorgenthal, dem früheren Leiter der k. k. Wollerzeugung-Betriebe in Linz, der 1784 zum Direktor der Wiener Porzellanmanufaktur ernannt wurde, begann die zweite Blütezeit des Alt-Wiener Porzellans. Wiener Vasen mit Bildern nach dem Muster des Klassizismus, Schalen mit grotesken Ornamenten, mit Bil- Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur Bild 7. Deckelhumpen in Silbermontierung mit bunten deutschen Blumen und Laub-, Bändel- und Gitterwerk-Dekor, Wiener Porzellanmanufaktur, mn 1735. Wien, Üsterr. Museum für angewandte Kunst 16 Franz Kirnbauer dern im Stil Raffaels entstanden. Die Anregung zur Dekoration dieser neuen Geschirre gaben die antiken Wandmalereien, die damals in Herkulanum und Pompeji wieder aufgedeckt wurden sowie die Grotesken Raffaels in den Loggien des Vatikans, die durch Stiche verbreitet waren. Eine Reihe entzückender Alt- Wiener Figuren und Gefäße, die zu den Perlen keramischer Kunst gezählt werden dürfen, wurden in dieser Zeit erzeugt (Abb. 11). Als Plastiker dieser Epoche ist vor allem der Künstler Grassi zu nennen, der jahrelang seine Modelle aus den römischen Ausgrabungen in Pompeji und anderen Städten holte. Der Arkanist Leithner erfand 1792 das berühmte „Leithner Blau“, die Farbe, die für Wiener Porzellan geradezu charakteristisch geworden ist. Der Bedeutendste jener Zeitepoche ist aber der IHgurenmaler Weichsel- Bild 8. Unterschrift Du Paquiers auf dem Verkaufsvertrag (1744) baum, der 58 Jahre in Wien tätig war. In der Wiener Porzellanmanufaktur wurde auch das berühmte Relief gold, die unerreichte Spezialität, Gold in ölen aufzulösen und auf Porzellan zu malen, erfunden, die für das Erzeugnis jener Epoche tonangebend war. Tm Jahre 1805 starb Konrad Freiherr Sörgel von Sorgenthal, der berühmteste Direktor der Wiener Manufaktur. Unter ihm war die Wiener Porzellanfabrik zur ersten der Welt geworden und noch heute bedeutet die „Epoche Sorgenthal“ für jeden Sammler einen festen Begriff höchster künstlerischer Leistung. Biedermeierzeit 1805—1848 Der Nachfolger Baron Sorgenthals wurde Matthias Xiedermayer. Er übernahm die Fabrik zu dem Zeitpunkte, da die Heere Napoleons sich über Europa ergossen und auch Wien von den Franzosen besetzt wurde. Das wertvolle Porzellan lockte die Franzosen an, und als einer der ersten erschien im Jahre 1806 Talleyrand, der Außenminister Napoleons, in der Manufaktur in Wien und mit ihm die ganze Generalität. Niedermayer war es gelungen, die wertvollsten Stücke noch rechtzeitig nach Budapest zu verlagern, trotzdem aber hatte die Manufaktur so manches wertvolle Stück und Service an die Eroberer abzuliefern. Erst die Verbindung mit dem Generalintendanten Darru ermöglichte eine etwas schonendere Behandlung der Porzellanmanufaktur, und es kam sogar zu einer Art freundschaftlichen Verhältnisses mit der Porzellanmanufaktur Sövres, mit der technische Ratschläge und Probestücke ausgetauscht wurden. Aus dieser Zeit stammt das berühmte NAPOLEON-Service, das die Manufaktur nicht weniger als 3000 Gulden kostete und das für die Hofhaltung Napoleons in das Geschichte der Wiener Porzellanmainifaktur 17 Schönbrunner Schloß geliefert wurde. Noch manches andere wertvolle Service mußte an Napoleons Marschälle abgegeben werden. Noch heute sind die wundervollen Formen und Farben jener Zeit, der Blütezeit des Empire, zu bewundern. Noch mehr als im Jahre 1806 hatte die Wiener Porzellanmanufaktur im Jahre 1809 zu leiden. Das Werk hatte für die Landwehr eine eigene Kompagnie gestellt, Bild 9. Gemüseverkäuferin, Alt-Wiener Figur, 18. Jhdt. Bild 10. Fischerknabe, Alt-Wiener Figur, 18. Jhdt. die sich unter den Freiwilligen bei Ebelsberg auszeichnete. Diese feindselige Stellungnahme gegen Napoleon mußte die Fabrik schwer büßen. Nach dem unglücklichen Jahre 1809 erschien auch in der Wiener Manufaktur ein französischer Kriegskommissar, der nicht nur das gesamte Bargeld beschlagnahmte, sondern auch sämtliches Material für die Eroberer sicherstellte. Trotzdem kämpfte Niedermayer mit allen Kräften um den AVeiterbestand der Manufaktur und es gelang ihm, den Betrieb auch über diese Krise hinwegzuretten. Er wurde belohnt durch den unerhörten Aufschwung und Absatz, den die Manufaktur während des Wiener Kongresses erlangte, der mit seinem Zustrom kunstfreudiger Fremder eine neue Blütezeit brachte. 18 Franz Kirnbauer Die Wiener Porzellanfabrik fand dann in der Biedermeierzeit neuerdings größte Förderung. Die „bürgerliche Intimität“, die Ausbildung des gefühlvollen Familienlebens, griff mit Begierde nach der bisher nur von den Aristokraten gepflogenen Sitte des Erwerbs von Porzellanstücken. Besonders beliebt war es, in der Fabrik eigene Geschenkstücke zu bestellen, so zu Geburtstagen und Namenstagen Schokoladetassen mit Monogrammen, Ansichten, Bildern, Allegorien, mit Versicherungen ewiger Liebe und Freundschaft u. ä. Die Manufaktur unter Kaiser Franz Joseph 1848—1864 Schon Ende des 18. Jahrhunderts waren auf den Kaolinfeldern in der Umgebung von Karlsbad die ersten böhmischen Porzellanfabriken gegründet worden. Die reichen Rohstoffvorkommen zusammen mit den unerschöpflichen Wäldern, mit der in nächster Nähe gefundenen hochwertigen Braunkohle, ermöglichten eine billigere Erzeugung als in Wien. Noch aber war der Transport der Ware ein großes Hindernis und auch die künstlerische Leistung dieser Fabriken konnte an die Wiener Erzeugnisse nicht herankommen. Als aber zur Biedermeierzeit Porzellan auch Gemeingut des Bürgerstandes wurde und die Massenerzeugung in Wien das künstlerische Niveau herabsetzte, machte sich bereits die böhmische Konkurrenz stark fühlbar. Und als endlich zu Ende der Biedermeierzeit infolge des Baues von Eisenbahnen ein sicherer Transport der wertvollen und gebrechlichen Ladung ermöglicht wurde, war das Schicksal der Wiener Porzellanmanufaktur besiegelt. Nach den Revolutionsjahren 1848/49 erlebte das Wiener Werk nochmals durch den jungen Kaiser eine neue Förderung. Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth wurden in prachtvollen Bisquitarbeiten abgebildet und das reich gewordene Bürgertum bevorzugte augenscheinlich die Erzeugnisse der kaiserlichen Manufaktur. Aber auch die nordwestböhmische Porzellanindustrie war mittlerweile durch Zusammenlegung zur Großindustrie geworden. Ihr Einfluß im Parlament und Herrenhaus setzte die Stillegung der Wiener Fabrik durch. Im Jahre 1864 genehmigte der Kaiser die vom Parlament beschlossene Auflassung der Wiener Porzellanmanufaktur, da sich die Ansicht durchgesetzt hatte, daß eine Staatsfabrik eigentlich keine Berechtigung habe und nur geeignet wäre, private Interessen zu schädigen. Stillegung der Wiener Porzellanfabrik und Verwendung der Formen in böhmischen Fabriken 1864—1922 Wenn auch die Tore der Porzellanfabrik in Wien geschlossen worden waren, so war der Geist in ihren Formen erhalten geblieben. Zunächst versuchten einige Unternehmer in der Nähe von Wien, dann später das Haus Wahliss, in Karlsbad mit den alten Formen der ehemals kaiserlichen Manufaktur die beliebten und gut eingeführten Service in Formen sowie auch Dekor nachzumachen. Aus dieser Zeit stammen recht unglückliche Kopien der herrlichen Alt-Wiener Erzeugnisse Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 19 Bild 11. Deckelvase auf rundem Sockel mit blauem Fond und Golddekor. Wiener Porzellanmanufaktur, um 1800, Periode Sorgenthal. Wien, Osterr. Museum für angewandte Kunst 20 Franz Kirnbauer besonders der Empirezeit. Diese böhmischen Erzeugnisse, der alten Wiener Manufaktur nachgeahmt, konnten sich nie recht einführen. Es fehlte nicht nur an der richtigen Masse, sondern vor allem an den geübten künstlerischen Händen, und es zeigte sich: wenn zwei dasselbe tun, so ist es doch nicht das gleiche. Die neue Wiener Porzellanmanufaktur im Augarten Die Errichtung der Zollschranken gegen die Tschechoslowakische Republik ermöglichte nach dem ersten Weltkrieg die Wiederaufnahme einer eigenen Porzellanindustrie im neuen Österreich. Es fanden sich wieder kunstsinnige und opferfreudige Männer unter Führung des Wiener Bankhauses Liebig & Co. zu- Bild 12. Die neue Wiener Porzellanfabrik im Augarten. Photo: Julius Scherb, Wien sammen, die mit aller Energie die zerstreuten, aber glücklicherweise noch nicht verlorengegangenen Formen sammelten und den 1864 abgeschnittenen Faden der alten Wiener Tradition anknüpften. Da die alte k. k. Porzellanfabrik in der Roßau schon lange einem modernen Bau hatte weichen müssen, in dem sich heute, wie erwähnt, die österr. Tabakregie in der Porzellangasse befindet, mußte vor allem ein neues würdiges Heim gefunden werden. Die Wahl des österreichischen Staates, der bei der Wiederbelebung seiner einst weltberühmten Porzellanmanufaktur im Verein mit bayrischen und österreichischen Kunstfreunden größtes Entgegenkommen zeigte und ebenso wie die Stadt Wien das Unternehmen in jeder Hinsicht förderte, fiel auf den Augarten. Man kann diese Wahl als die denkbar glücklichste bezeichnen, denn der Augarten bedeutet an und für sich ein Stück Alt-Wiener Tradition (Abb. 12). Im Spätsommer 1922 wurde mit dem Umbau des Saalgebäudes begonnen und gleichzeitig im Einvernehmen mit dem Bundesdenkmalamt ein Anbau hinzugefügt, um den historischen Charakter des Hauses in keiner Weise zu stören. Die ersten Erzeugnisse dieser neuen Wiener Porzellanmanufaktur, die von einem erstklassigen Fachmann, Kommerzialrat Thomas, eingerichtet wurde, knüpften glücklich an die alte Tradition an, indem man zunächst wieder alte For- Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 21 men hervorholte und neu gestaltete (Abb. 13 und 14). Bald war die Wiener Porzellanmanufaktur Augarten, wie sie nunmehr heißt, der Sammelplatz der Wiener Künstler der Nachkriegszeit. Die ersten Jahre der wiedereröffneten Fabrik fielen noch in die Inflationszeit. Führend an der Neugründung der Fabrik war das Bankhaus Liebig beteiligt, das leider gegen Ende der Zwanzigerjahre Bild 14. Jäger mit Hund, Alt-Wiener Figur, 18. Jhdt. Bild 13. Schlittschuhläuferin, Alt-Wiener Figur, 18. Jhdt. jählings selbst in Schwierigkeiten geriet; damit schien das Schicksal der kaum wieder ins Leben gerufenen Manufaktur ebenfalls besiegelt zu sein. Aber schon die wenigen Jahre der Arbeit auf Wiener Boden hatten genügt, um die Erzeugnisse dieser neuen Porzellanfabrik in aller Welt bekannt und begehrt zu machegi. Und so fanden sich neuerdings Gönner, die es ermöglichten, die alte Tradition fortzusetzen, den Namen der wiedererstandenen, Jahrhunderte alten Manufaktur neuerdings zu Ehren zu bringen und die Erzeugnisse der Manufaktur Augarten in die erste Reihe der Porzellanfabriken des Kontinents zu rücken. Schon nach wenigen Jahren war Wiener Porzellan mit dem der Königl. Porzellanfabrik Kopenhagen oder der Porzellanfabrik Berlin gleichwertig, und sowohl Wiener 22 Franz Kirnbauer figurale Erzeugnisse wie auch Wiener Serviceporzellan wurde von Sammlern und Kennern bevorzugt. Kriegsschäden erlitt das Werk im Jahre 1945 durch Bombentreffer, doch gelang es verhältnismäßig rasch, sie wieder zu beheben. Die Porzellanmanufaktur Augarten ist Bild 15. Rosenkavalier. Entwurf: Dobrich Wiener Porzellanfabrik Augarten somit nicht nur dem Namen nach Fortsetzerin der ehemals kaiserlichen Manufaktur, sondern sie hat es auch in der Tat verstanden, in den drei Jahrzehnten ihres Bestandes unter der langjährigen Leitung von Direk- Bild 16. Gemsbock. Entwurf: Robert Ullmann Wiener Porzellanfabrik Augarten tor Emil Friedl dem Namen und dem künstlerischen Ruf der alten Manufaktur alle Ehre zu machen (Abb. 15 bis 18). Sie verbindet hierbei bewußt alte Tradition mit neuem künstlerischem Schaffen als Beweis unvergänglicher österreichischer Werk- und Wertarbeit (Abb. 19 bis 22). Entwicklung der technischen Verwendung des Kaolins Kaolin und Porzellan bei den Chinesen Yao heißt der Stoff, aus dem schon im alten China hauchdünne Gefäße oder Menschen- und Tiergestalten hergestellt wurden, die durch ihr zauberhaft anmutendes Material sich großer Wertschätzung erfreuten. Marco Polo, der große Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur tiS 24 Franz Kirnbauer AVeltreisende um die Wende des 13. zum 14. Jahrhundert, hatte auf seiner Fahrt nach dem Fernen Osten köstliche Werke dieser Gattung kennengelernt. Er gab ihnen den Namen Porzellan, da ihm der Stoff, aus dem sie gemacht waren, ähnlich dem der Kaurischnecke erschien, die er, weil sie in der Form einem Schweinchen gleicht, nach dem Italienischen poreella nannte. AVenn auch die Legende annimmt, daß schon vor beinahe viertausend Jahren in China Yao-Porzellan bekannt gewesen sei, so kann man mit Sicherheit nur sagen, daß erst von der Wende des sechsten Jahrhunderts nach Christi an in China Porzellanmanufakturen existierten. Die Kostbarkeit des Materials wurde dem des hochgeschätzten Halbedelsteines Jade gleichgestellt und deshalb wurde es als „künstliche Jade“ bezeichnet. Selbst kleine Scherben, die damals nach Europa gebracht worden waren, wurden wie kostbare Edelsteine zu Schmuckstücken verarbeitet. Erst nach Entdeckung des Seeweges nach Indien kam Porzellan in größeren Mengen nach Europa. Aus märchenhafter Ferne stammend, war seine Herstellung von dunklen Geheimnissen umgeben und zahlreiche Schatzsucher und Phantasten versuchten, der Bereitung dieser Kostbarkeit auf die Spur zu kommen. Trotz dieser langen Bekanntschaft mußte das Porzellan in Europa wieder neu erfunden werden, was Johann Friedrich Böttger gelang, der im Jahre 1709 zu Meißen erst das rotbraune Steinzeug und bald darauf auch das weiße Porzellan erfand. In verhältnismäßig kurzer Zeit entwickelten sich dann die Manufakturen von Meißen, Wien, Sevres, Nymphenburg, Berlin usw. zu ihrer Berühmtheit. AVährend das Wort „Yao" im Chinesischen gleichzeitig auch die generelle Bezeichnung für das Fabrikat und den Brennofen ist, heißt ein anderes Wort für Porzellan in China auch tse oder tse-ki, in der Mandschusprache yche. Das Wort der Chinesen für Porzellanerde „kao-ling” soll der Name eines Hügels sein, an dem zuerst die „AVeiße Erde“, der Kaolin, gewonnen wurde. Hochwertige Kaolinsorten führen deshalb heute noch die Handelsbezeichnung „China clay“. Die alte deutsche bergmännische Bezeichnung für Kaolin ist „Steinmark“, die schon Agricola 1557 gebraucht. Man erkennt in ihr deutlich Weichheit und AVeiße der Farbe. Aus dem Persischen nacre für Perlmutter stammt die Bezeichnung Nakrit, der Name eines weiteren Kaolinminerals. Keramische Industrie Die Geschichte der Auffindung und Verwendung des Kaolins kann von derjenigen des Tones nicht getrennt werden. Zudem ist die Geschichte des Kaolins auf das engste mit der Geschichte des Porzellans, wie bereits erwähnt, und zum Teil mit derjenigen der Papiererzeugung, aber auch der Kosmetik, verbunden. Die Herstellung von Tongefäßen ist eine der ältesten Kunstfertigkeiten des Menschen. Zunächst formte er sich wohl Gefäße aus irgendwelchen ihm zur Hand liegenden plastischen Massen, die er an der Luft trocknen ließ. Bald aber dürfte er durch das Bestreben, die Gefäße künstlich zu trocknen, das Brennen derselben erlernt haben. Durch die Berührung des Tones mit der Holzasche stellte sich unwillkürlich Glasur ein, die dann zielbewußt weiter angewendet wurde. Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 25 Bild 18. Diana und Hubertus. Entwurf: Prof. Opitz. Wiener Porzellanfabrik Augarten 26 Franz Kirnbauer Ganz die gleichen Vorgänge sehen wir ja übrigens auch heute noch hei den kulturell niedrigst stehenden Völkern. Die Ägypter verfertigten bereits kunstvoll glasierte Steine und bunte Gefäße, hei den Assyrern finden wir farbige Mosaiken und Homeii schildert anschaulich die Tätigkeit des Töpfers. Später geriet aber diese Kunst vollständig in Vergessenheit, da sich die Griechen mit fortschreitender Kultur edleren Stoffen, wie Marmor, Alabaster und edlen Metallen, zuwandten. Bild 19. Wiener Porzellanfabrik Angarten. Verarbeitung der Massekuchen auf der Schlagmaschine zwecks Homogenisierung. Photo: Bildarchiv Österr. Nationalbibliothek Die keramische Industrie mußte somit im 8. Jahrhundert erst wieder von den Mauren, welche farbenprächtige Ziegel bei Errichtung ihrer Moscheen benutzten, nach Europa neu eingeführt werden. Auf der Insel Majorka wurde die Erzeugung farbiger Gefäße und Ziegel derart verbessert, daß die Bezeichnung Majolika noch auf diesen Ursprungsort hindeutet. Im 16. Jahrhundert feierte dann die Majolika in Italien, Deutschland und Holland Triumphe, besonders in der Krug- und Ofenindustrie. England wurde dagegen erst im 18. Jahrhundert mit der Erfindung Wedge woods von diesem Aufschwung erreicht und erst durch die Einfuhr chinesischen Porzellans wurde wieder ein Niedergang dieser Industrie herbeigeführt. Das Mutterland des Porzellans ist demnach China. Besonders im 17. und 18. Jahrhundert gelangte hier die Porzellankunst unter dem Kaiser K’ang-Hsi Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 27 (1662 bis 1722) zu höchster Vollendung. Die Japaner übernahmen die Porzellan- herstellung von den Chinesen und übten sie in großem Umfang seit Beginn des 17. Jahrhunderts, vor allem für die Ausfuhr nach Europa, aus, wobei die Holländer einen regelrechten Einfuhrhandel betrieben. Bruchstücke alten Porzellans waren in China so kostbar, daß sie von den Mandarinen und anderen Würdenträgern gleich Edelsteinen an ihren Kopfbedeckungen getragen wurden. Geschichte des europäischen Porzellans Aach Europa gelangte das chinesische Porzellan, wie erwähnt, seit dem Ende des 13. Jahrhunderts in vereinzelten Stücken. Die ersten Versuche, hier Bild 20. Wiener Porzellanfabrik Augarten. Tellerdrehen (Überformen) Photo: Associated Press, Wien Porzellan nachzumachen, erfolgten gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Venedig, dessen Glasfabrikation einen überlegenen Ruf genoß. Bereits um 1500 wurde hier sowie gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts an verschiedenen italienischen Fürstenhöfen sogenanntes „Medici“-Porzellan erzeugt, das aber dem Porzellan in unserem Sinne noch keineswegs entsprach. Im 17. Jahrhundert schuf namentlich Holland eine in der Zierweise an ostasiatische Vorbilder sich anlehnende Ersatzware in den Delfter Fayencen. Erst am Ende des 17. Jahrhunderts gelang es in Frankreich, ein Frittenporzellan (Weichporzellan) zu erfinden, das sich aber von dem echten harten Porzellan noch stark unterschied. Die Herstellung des europäischen Hartporzellans glückte dann bekanntlich zuerst Friedrich Böttger gemeinsam mit E. v. Tschirnhaus in Dresden (1708/09). Im Jahre 1710 erfolgte die Gründung der ersten europäischen Porzellanmanufaktur auf der Albrechtsburg in Meißen. Außer dem roten Böttger- Steinzeug stellte man echtes weißes Porzellan her. Die Gefäßkeramik, Bemalung und dekorative Klein- und Großbildnerei wurden unter hervorragenden Meistern Technikgeschichte, 14. Heft. 3 28 Franz Kirnbauer reich ausgebildet. Das Porzellan erwies sich als ein dem Formgefühl des Rokokos besonders entsprechender Werkstoff. Der Ruf „Schaff Gold, Böttger!“ ist bekannt. Wie es dazu kam, möge kurz ausgeführt werden: Johann Friedrich Böttger, in Schleiz am 4. Feber 1682 als Sohn eines Münzkassiers geboren, war ein Sonntagskind. Er übersiedelte mit seinen Eltern nach Magdeburg. Mit 14 Jahren kam er zum Apotheker Zorn nach Berlin in die v* Bild 21.■ Wiener Porzellanfabrik Augarten. Entnahme eines Rohlings aus der Gießform Photo: Bildarchiv Österr. Nationalbibliothek Lehre. Hier lernte er die Chemie, d. h. er wurde in die Geheimnisse der Alchemie eingeweiht und in die Zunft der „Adepten“ aufgenommen. Wie damals allgemein üblich, versuchte auch Böttger, den Stein der Weisen zu finden, bzw. aus unedlen Stoffen Gold herzustellen. Im Jahr 1701 soll er bereits die erste Probe gediegenen Goldes gewonnen haben. Die Kunde davon drang bis an den sächsischen Hof. AYie viele Herrscher zur damaligen Zeit, war auch Kurfürst Friedrich August I. oder August der Starke überaus begierig, zur Auffrischung seiner persönlichen und Staatsfinanzen einen Goldmacher bei sich zu haben. Kurz entschlossen, und um ihn nicht dem preußischen König zu überlassen, ließ er daher Böttger im Oktober 1701 gefangennehmen und nach Dresden bringen. Hier, bzw. in Meißen, hielt er ihn dann jahrelang in willkürlicher Weise seiner Freiheit beraubt. „Schaff Gold!“ lautete die Weisung des Kurfürsten an Böttger. H Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktnr 29 Der Freiberger Oberzehnder, Bergamtmann Pabst, fand den Goldmacher „bei gutem und aufrichtigem Gemüthe und sonderlicher Erkänntnis in rebus naturali- bus et naturae secretis“. Böttger verlangte Schutz vom Kurfürsten, aber Freiheit gegen die eidliche Versicherung, nicht zu fliehen. I >ann könnte er dem Lande „in dem Gebürge und denen Bergwerken“ viel nützen. Im Jahre 1702 schickte Pabst von Freiberg aus Geräte und einige Hüttenarbeiter nach Dresden, wo Böttger auf der Jungfernbastei an seinen Versuchen. * EC* , <0 . Bild 22. Wiener Porzellanfabrik Angai ten. Bemalung einer Figur der Spanischen Reitschule Photo: Bildarchiv Österr. Nationalbibliothek Gold aus unedlen Metallen zu erzeugen, arbeitete. Da ihm dies nicht gelang und er den Zorn Augusts des Starken fürchtete, floh er am 20. Juni 1703 über Prag und Wien bis nach Enns. Hier wurde er aber von den Häschern des Kurfürsten wieder eingeholt und nach Dresden zurückgebracht. Tschirnhaus, ein berühmter Gelehrter und Gründer der Glashütte Dresden, sowie Pabst erhielten nun den Auftrag, den Alchimisten gemeinsam zu überwachen. Nun war Böttger, kaum 20 Jahre alt, tatsächlich „der Goldmacher des Königs“ und Tschirnhaus sein Aufseher und Examinator. Wenn nun Böttger aus seinen verworrenen Anfängen auf den klaren Weg einer positiven und erfinderischen Arbeit gedrängt wurde, so hat er dies Tschirnhaus, diesem unbestechlichen Mann zu danken, vor dem es keine Flausen gab und der gewohnt war, Ideen in stetiger Ausdauer zum Ziel zu führen. 3 * 30 Franz Kirnbauer Am 30. November 1707 wurde Johann Friedrich Böttger zum „Inventor“, d. i. technischen Leiter einer neugegründeten technischen Untersuchungsanstalt für Mineralogie und Keramik in Meißen bestellt. Bis dahin war er in Dresden, Meißen, Königstein und dann wieder in Dresden eingesperrt und gefangen gehalten worden. Im Jahre 1709 gelang Böttger, wie bereits erwähnt, anstatt der Erfindung des Goldes, erstmalig die Herstellung des Ilartporzellans, also des „Porzellans“, wie man heute kurz sagt. Im gleichen Jahr erfand er auch die Glasur. Zu Beginn des Jahre 1710 begutachtete eine Kommission der bedeutendsten Männer Dresdens die Erfindungen Böttgers, worauf am 23. Jänner des gleichen Jahres noch die Porzellanmanufaktur in Meißen gegründet wurde. Denn August der Starke, ein Fürst, der in seiner Liebhaberei für chinesisches Porzellan alle anderen Fürsten seiner Zeit weit übertraf, hatte die Bedeutung der Erfindung Böttgers sofort klar erkannt. Zudem war er handelspolitisch durchaus merkantilistisch eingestellt und bestrebt, die heimische Industrie zu fördern und gegen fremde Konkurrenz zu schützen. Im Frühling 1714, nach dreizehn Jahren, gab der Kurfürst Böttger ob seiner Erfolge die Freiheit wieder. Doch durch die lange Haft geschwächt, ergab sich der Mann, dem Europa nachmalig die Kultur des Porzellans verdankt, dem Trunk und starb lungenkrank bereits am 13. März 1719. Kaolingrube Aue i. Sa. Das erste Kaolinvorkommen, das für die Porzellanherstellung in Europa ausgebeutet wurde, ist dasjenige von Aue in Sachsen. Es lieferte Böttger die nötige „Porzellan-Erde“, damals auch nach dem Entdecker des Lagers „ScHNORiische Erde“ genannt. Über die Geschichte dieses ersten europäischen Kaolinbergwerkes, dessen Förderung zur Porzellanerzeugung verwendet wurde, ist folgendes bekannt: Der Schneeberger Handelsherr Hans Veit Schnorr begann im Jahre 1700 in der St. Andreas Fundgrube einen Roteisensteingang abzubauen, wobei er auf eine weiße Erde stieß. Er verwendete sie als Zuschlag bei der Kobaltglaserzeugung auf dem ebenfalls ihm gehörigen Blaufarbenwerk Niederpfannenstiel im sächsischen Erzgebirge. Im Jahre 1709 schickte er eine Probe dieser weißen Erde an Böttger nach Meißen. Dieser erkannte die Brauchbarkeit des Kaolins. Schnorr erhielt das ausschließliche Privileg, diese weiße Erde abzubauen, doch wurde dasselbe 1730 insofern beschränkt, als ihm jede weitere Lieferung an das Blaufarbenwerk verboten wurde, er vielmehr nur an die Königliche Porzellan- Manufaktur nach Meißen liefern durfte. Das Grubenfeld bei Aue war 60x100 m groß. Dem Zuge der Zeit folgend, wurde die Gewinnung der „weißen Erde“ mit viel Geheimnis umgeben. Angestellte und Arbeiter der Grube wurden eidlich zur Geheimhaltung verpflichtet, ja, sie durften nicht einmal außer Landes ziehen, um die Kenntnis dieses wichtigen Rohstoffes der endlich geglückten Porzellanbereitung nicht zu verbreiten. Es setzte aber bald ein allgemeines Suchen nach Kaolin im weiteren Erzgebirge und im übrigen Sachsen ein, ohne daß jedoch eine irgendwie bedeutendere Lagerstätte zunächst gefunden wurde. Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 31 Das Lager (1er Grube „Gottes Geschick Fundgrube“ bei Sosa, in der Nähe von Schwarzenberg, wurde im Jahre 1725 entdeckt und 1726 in Abbau genommen. 1733 kaufte die Meißener Manufaktur das Vorkommen. Ein Abbau fand jedoch kaum statt. Der Kaolin ist hier an einen Eisenerz führenden Quarzgang gebunden und bildet ein Nest im Granit. Aus dem Jahr 1731 wird ein Vorkommen „Weiße Maus Fundgrube“ erwähnt, dessen Abbau aber verboten wurde. Im Jahre 1832 fand man an der kleinen Bockau bei Sosa am Fuß des Auersberges ein gangartiges Kaolinvorkommen, das den Namen „Weißes Glück Fundgrube“ erhielt.. Dieser Kaolin ergab in Meißen ein sehr durchscheinendes Porzellan. Der Abbau bei Sosa und Aue wurde jedoch im Jahr 1838 bzw. 1855 wegen Erschöpfung eingestellt. Gegenwärtig besitzt die Sächs. Porzellanmanufaktur wertvolle Kaolinvorkommen bei Kemmlitz und Seilitz, unweit Mügeln. Porzellanmanufakturen Nach den bedeutenden Erfolgen in Sachsen nahm das übrige Europa die Porzellanherstellung mehr oder weniger bald auf. Die Gründungsjahre der ersten Porzelianmanufakturen in den einzelnen Ländern sind die folgenden: 1710 Meißen, 1718 Wien, 1720 Venedig, 1744 St. Petersburg, 1746 Höchst, 1747 Nymphenburg, 1751 Berlin, 1756 Sevres, 1759 Madrid. Die Wiener Porzellanmanufaktur bezog, wie erwähnt, ihren Kaolin bis zum Jahre 1809 aus der Gegend von Passau. Nach dem Verlust Passaus wurde der Mineraloge Friedrich Mohs, seit 1802 Bergrat in Wien und 1811 Professor in Graz, beauftragt, neue geeignete Kaolinvorkommen in Österreich zu suchen. Nach Mißerfolgen in Niederösterreich und Mähren fand Moiis im Bezirk Elbogen und Saaz 21 Fundorte guten böhmischen Kaolins. Die ersten Versuche zur Porzellanherstellung in Nordwestböhmen wurden von einem Fuhrmann namens Franz Harerditzl in Rabensgrün bei Schlaggenwald unternommen. Harerditzl fand in Gabhorn bei Petschau und später in Donawitz bei Karlsbad größere Kaolinlager und gründete 1791 in seinem Heimatdorf die erste Porzellanfabrik in Form einer Aktiengesellschaft. Er erzielte aber nur Steingut. Im Jahre 1792 errichtete im nahen Schlaggenwald der Bergmeister Georg Paulus mit Hilfe eines gelernten Porzellanmachers aus Thüringen eine zweite, diesmal lebensfähige Porzellanfabrik. Wieder wurde unfreiwillig zuerst Steingut, später daneben aber auch schon echtes Porzellan hergestellt. Im Jahr 1793 wurde die dritte österreichische Porzellanfabrik in Nordwestböhmen, im Ort Klösterle, Bezirk Kaaden, errichtet. Hier verwendete inan bereits Zettlitzer Kaolin. Nikolaus Weber war der Leiter des Unternehmens in Klösterle. ln diese Zeit fällt somit der Beginn des Zettlitzer Kaolinbergbaus. Fm das Jahr 1824 wurden die ersten zweckmäßigen Kaolinschlämmereien erfunden, desgleichen Poch- und Mahlwerke für Feldspat und Quarz eingerichtet. So entwickelte sich der nordwestböhmische, damals österreichische, jetzt tschechoslowakische Kaolinbergbau von kleinen Anfängen heraus bis zu seiner gegenwärtigen Bedeutung. 32 Franz Kirnbauer Europäische Porzellankunst Die europäische Porzellankunst stand in engstem Zusammenhang mit der verfeinerten Kultur der europäischen Fürstenhöfe. Nicht selten wechselten die führenden Handwerker und Künstler die Manufakturen. Das 19. Jahrhundert brachte einen künstlerischen Abstieg. Eine Neubelebung der Porzellankunst erfolgte Ende des 19. Jahrhunderts von Kopenhagen aus. Sie führte im 20. Jahrhundert zu einem neuen künstlerischem Aufschwung in allen Ländern Europas, besonders auch in Österreich. Das Porzellan ist aus unserer Kultur nicht mehr wegzudenken. Durch seine Erfindung schenkte Böttger im Jahre 1709 dem europäischen Kulturkreis den Werkstoff, auf dessen unübertrefflichen hygienischen Vorzügen sich nicht nur unsere ganze heutige Kultur der Tafel aufbaut, sondern der es zugleich ermöglichte, plastische Kunstwerke zu billigen Preisen so zu vervielfältigen, daß die Handschrift selbst des größten Künstlers an allen Stücken unversehrt blieb. Wie bei dem Kupferstich und bei der Radierung, ist auch bei der Porzellanvervielfältigung jedes einzelne Stück als dem Original gleichwertig anzusprechen. Damit war zum ersten Male seit der Antike plastische Kunst weiten Volkskreisen wieder zugänglich gemacht. Noch am Ausgang des 17. Jahrhunderts befanden sich plastische Kunstwerke nur in Ausnahmefällen in anderen Häusern als in denen der Kirche oder der Fürsten, und wo es der Fall war, waren es zumeist Heiligenfiguren, d. h. Träger kultischer und nicht rein künstlerischer Belange. Dies wurde mit der Erfindung des Porzellans anders. Schon nach wenigen Jahrzehnten waren vor allem durch Kändler in Meißen die Grundlagen unserer gesamten heutigen Tierplastik und figürlichen Kleinplastik gelegt, und nun ergoß sich ein Strom von Kleinplastik ins Volk, wie ihn die Welt seit den Tagen der Antike nicht wieder gesehen hatte. Die Begeisterung der Zeitgenossen über diese graziösen Gebilde war ohne Grenzen. Es ist als ob der ganze Hunger des Volkes nach Plastik, der solange angestaut war, nun plötzlich alle Welt ergiffen hätte. Wie kaum anders zu erwarten war, hat die Leichtigkeit der Vervielfältigung von Plastiken in Porzellan dazu geführt, daß sich im Laufe der Zeit viele Kräfte zweiten oder dritten Ranges auf diesem Gebiete versucht haben. Es ist aber zweifellos ein grundlegender Irrtum, deswegen den Werkstoff selbst, wie es leider zuweilen in Künstlerkreisen geschieht, als zweitrangig zu bezeichnen. Es war ohne Zweifel ein großes Glück für das deutsche und europäische Porzellan, daß August der Starke, kaum daß der Werkstoff technisch gemeistert war, einem Plastiker von ganz großer Begabung fast unmöglich erscheinende Dinge in diesem Werkstoff abverlangte. Kändler hat sich dieser Aufgabe meisterhaft entledigt. Man muß in der Tat bis in die römische Antike zurückgreifen, ehe man wieder auf Tierdarstellungen von gleicher künstlerischer Höhe stößt, wie sie die von Kändler für das Japanische Palais in Dresden geschaffenen Großtiere darstellten. Das Gesamtwerk Kändlers kann wohl mit Recht als die größte plastische Leistung der europäischen Kunst im 18. Jahrhundert gelten, und diese Leistung steht in Porzellan vor uns. Neben dieser kulturellen und künstlerischen Bedeutung des Porzellans treten Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 33 in neuer Zeit noch viele andere, vor allem technische Verwendungsarten von größter Bedeutung hinzu. Auf sie näher einzugehen, verbietet der Raum. Als Beispiel soll nur auf die Bedeutung der Verwendung des Porzellans in der Elektroindustrie und Elektrotechnik sowie in der chemischen Industrie hingewiesen werden. Wenig bekannt ist auch die Verwendung des Porzellans zu Münzen und Geld. In Siam dienten Scheiben aus Porzellan als Spielmarken in den Spielhäusern. In Deutschland wurden 1919 bis 1923 Porzellanmünzen durch die Staatl. Manufaktur Meißen geprägt, sind aber nicht amtlich zur Einführung gelangt. Technische Verwendung des Kaolins Wenn über die Bedeutung des Porzellans in einer Darstellung über die Entwicklung der technischen Verwendung des Kaolins so ausführlich gesprochen wurde, so nur deshalb, weil die Bedeutung des Porzellans für unsere Zeitgeschichte sowie kulturelle und technische Entwicklung so überragend groß ist und damit auch der Anteil des unscheinbaren Rohstoffes „weiße Erde“ oder Kaolin, der im Porzellan einen wesentlichen Bestandteil ausmacht. — Die gleiche Bedeutung wie für das Porzellan hat der Kaolin selbstredend auch für die Herstellung von Steinzeug und Steingut, doch kann davon abgesehen werden, hierauf näher einzugehen. Eine weitere bedeutende Verwendung findet der Kaolin, wie bereits eingangs erwähnt, gegenwärtig in der Papierindustrie. Die Papierherstellung ist bekanntlich, gleich der Porzellanherstellung, ebenfalls sehr alt. Das Papier soll im Jahr 105 n. Chr. von dem Chinesen Ts’ai Lun erfunden worden sein. Die von ihm benutzten Rohstoffe waren Baumrinde, Lumpen, Hanf und Fischnetze. In Turkestan lernten die Araber die Kunst des Papiermachens durch chinesische Kriegsgefangene zu Samarkand im Jahr 751 kennen. 794 wurde in Bagdad eine staatl. Papier-Manufaktur errichtet, über die Araber kam das Papier nach Europa. Ende des 12. Jahrhunderts finden sich die ersten Spuren einer Papiererzeugung in Deutschland. Als die erste sicher nachgewiesene Papiermühle auf europäischem Boden gilt die zu Fabriano in Italien (1340). Die erste sicher bezeugte deutsche Papiermühle ist die für Ulm an Stromer im Jahr 1389 erbaute Geismühle bei Nürnberg, wo am 22. Juni 1390 das erste Papier hergestellt wurde. Die älteste österreichische Papiermühle ist diejenige zu Leesdorf unweit Baden bei Wien (1513). Um das Jahr 1640 wurde der „Holländer“ erfunden. Im Jahre 1718 kam der erste „Holländer“ nach Deutschland. Die Papiererzeugung wurde im 19. Jahrhundert wesentlich vervollkommt und maschinell eingerichtet, vor allem durch die Erfindung der Langsiebmaschine. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurde dann der Kaolin als Füllstoff in der Papierindustrie eingeführt und nimmt seitdem einen beachtlichen Rang hierin ein. Die jährlich in der Papierindustrie benötigten Kaolinmengen sind in allen Kulturstaaten bedeutend. Die in der Papierindustrie verlangten Sorten müssen sich durch hohen Weißegrad auszeichnen, verbunden mit großer Deckfähigkeit und niedrigem Leimverbrauch. Der Kaolin gibt dem Papier das Gewicht, erhöht die 34 Franz Kirnbauer Haftfähigkeit der Druckfarbe und gewährleistet eine geschlossene Oberfläche sowie Undurchsichtigkeit des Papiers. Bei farbigen Papieren bewirkt der Kaolin ein bedeutendes Aufhellungsvermögen. Als Papierkaolin wird in Österreich Schwertberger und Aspanger Kaolin verwendet. Weitere V er wen dungsgebiete bestehen in der Anwendung des Kaolins als Füllstoff in der Gummiindustrie, weiters an Stelle von Ton hei der Herstellung von Bleistiftminen, sowie in der Kosmetik, Pharmazie und chemischen Industrie. Diese Anwendungsmöglichkeiten für Kaolin wurden zu Ende des 19. Jahrhunderts bzw. im 20. Jahrhundert neu erschlossen. Besonders feine Kaoline sind unter dem Namen „Kolloidkaolin“ seit ungefähr 20 Jahren auf dem Markt eingeführt. Die Verkaufswerbung hiefiir setzte von USA. aus ein. Auch die „Kamig“ österr. Kaolin- u. Montanindustrie A. 0. Wien, wandte der Herstellung dieser neuen Kaolinsorten bald ihr Augenmerk zu und besitzt seit einiger Zeit ein Verfahren, nach welchem auch die feinsten Kol- loidkaoline wirtschaftlich hergestellt werden können. Kolloidkaolin wird besonders gern in der Kosmetik angewandt. Auch in der Pharmazie wird Kolloidkaolin auf Grund seines hohen Basenaustauschvermögens für mannigfache Zwecke verwendet, so z. B. als Salbengrundlage oder als Mittel gegen ruhrartige Erkrankungen, Gifte und Fäulnisstoffe, auf Grund seiner günstigen hohen Adsorptionseigenschaften. Weitere Anwendungen als Mittel gegen zu hohe Magensäure, als Streupulver und für Zahnpasten sind bekannt. Kaolin wird ferner in der Dermatologie für Schüttelmixturen und flüssige Puder verwendet, welche hei Ekzemen angewandt und nach dem Aufstreichen an der Hautoberfläche trocknen sollen. Die bekannteste Verwendung von Kaolin in der chemischen Industrie ist die zur Herstellung von Aluminiumsulfat. Die Darstellung mittels Schwefelsäure ist seit über 100 Jahren bekannt. In Österreich hat die Kamig A. G. seit 1935 ein neues Aluminiumsulfat-Verfahren entwickelt, das sich mit Erfolg gegen Konkurrenzverfahren des In- und Auslands durchsetzen konnte. Kaolin wird weiter auch zur Erzeugung von Ultramarin gebraucht. Ultramarin ist ein schwefelhaltiges Natrium-Tonerde-Doppelsilikat. Die Darstellung erfolgt durch Glühen (Kalzinieren) des Kaolins zusammen mit Glaubersalz oder Soda, Schwefel und Kohle (Pech). Ziemlich unbekannt ist die "Verwendung von Kaolin als Ausgangsprodukt zur Herstellung von Sillimanit. Sillimanit ist ein wasserfreies Aluminiumsilikat und bildet sich künstlich durch Zerfall des Kaolins hei 1300 bis 1500° C. Sillimanitsteine zeichnen sich durch außerordentlich hohe Feuerfestigkeit aus. Rohkaolin wird auch in der Feuerfest-Industrie zur Schamottesteinerzeugung u. a. verwendet. Unter Umständen dient er auch als Rohstoff zur Tonerdeerzeugung. Um das gesamte Anwendungsgebiet des Kaolins, wie es in den letzten 50 Jahren erschlossen wurde, noch kurz zu kennzeichnen, seien bloß stichwortartig folgende Verwendungszwecke aufgezählt: Verwendung in der Seifenindustrie als Füllstoff hzw. Ersatzseife in Kriegszeiten. Verwendung als Füllstoff bzw. als Substanzträger in der Kabel-, Wachstuch-, Kunststoffe- und Kunstharzfabrikation, ebenso in bescheidenem Maße in der Schallplattenindustrie. Für die Farben- Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 35 und Lackherstellung sowie für Malerzwecke werden Kaolin-Spezialsorten als Farbstoffträger und Konsistenzverbesserer verwendet. Weitere Anwendungsgebiete des Kaolins sind noch: In der Textilindustrie für Appreturzwecke, bei der Tapetenherstellung als Streichmasse, bei der Schleifmittelerzeugung zusammen mit Feldspat zur Herstellung der keramischen Bindung, zur Klärung von ölen und Treibstoffrückständen, in der Dachpappenfabrikation, hei der Iiahmen- und Leistenherstellung, für feuerfeste Mörtel und Hochofenstichlochstopfmassen, endlich als Trägermittel für Schädlingsbekämpfungsmittel. Die Aufzählung der modernen Verwendung des Kaolins zu so zahlreichen und gänzlich verschiedenen Zwecken darf nicht abgeschlossen werden, ohne nochmals Bild 23. Kaolinbergbau auf der Insel Milos aus der Zeit 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr. Alter Stollen Photo vom Verfasser auf die ursprüngliche und erste Verwendungsart in Europa zuriick- zukonnnen. Entgegen der ältesten Anwendung des Kaolins in Asien, in China, zur Porzellanherstellung, war die erste und älteste Verwendung des Kaolins in Europa diejenige zum Zwecke des Puderns. Auf der Insel Milos konnte Verfasser im Sommer 1951 nämlich einen jungantiken Kaolinbergbau aus der Zeit 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr. feststellen, dessen Stollen zum Teil noch recht deutlich kenntlich sind (Abb. 23), wenn auch zugeschwemmt, und mehrfach Funde enthielten. Der Kaolin von Milos ist ungemein fein und quarzfrei, da aus vulkanischen Aschen entstanden, und wurde als Puder für die Ägypterinnen in das Nilland mit Segelschiffen verfrachtet. Neben dieser ältesten für Griechenland belegten \ T erwendung des Kaolins ist auch diejenige für Kaolin von Aue und anderen europäischen Vorkommen ursprünglich zum Pudern von Gesicht und Perücken sowie zum Glätten der Handschuhe im Innern. Bevor der Kaolin von Aue in Sachsen noch an Böttger geliefert wurde, wurde er bereits bergmännisch abgebaut und gewerbs- 36 Franz Kirnbauer mäßig als Puder und Glättmittel verkauft. Auch die erste Anwendung des in Kriechbaum hei Schwertberg vorkommenden Kaolins zu Zwecken des Uniformweißens sowie für Hafner- und Töpfereizwecke ist bekannt. Entstehung des Kaolins Zur Entstehung des Kaolins ist abschließend noch kurz zu sagen: Das Alter des gesamten Kosmos seit der Schöpfung kann auf rund 5 Milliarden Jahre geschätzt werden. Der Erdball, auf dem wir leben, weist ein Alter von etwa 2 bis 3 Milliarden Jahre auf. Der feurig-flüssige Gashall kühlte sich allmählich ah und es bildete sich eine feste Gesteinsoberfläche. Im Innern der Erde befindet sich aber heute noch ein flüssiger Glutschmelzfluß, wovon die Vulkane Zeugnis ab- legen. Vor vielen Millionen Jahren entstanden aus solchen glutflüssigen Schmelzflüssen Gesteine, die Granit, Porphyr oder ähnlich, genannt werden und deren Kennzeichen ist, daß sie aus Feldspat, Quarz und Glimmer bestehen. Durch Zersetzung solcher feldspathaltiger Gesteine sind nun K a o 1 in 1 ager- stätten gebildet worden. Die meisten auf der Welt bekannten Kaolinvorkommen sind zu Beginn oder Mitte der Tertiärzeit entstanden, demnach vor einem Zeitraum von etwa 50 bis 40 Millionen Jahren. Die Zersetzung des Feldspates erfolgte entweder unter Mooren durch niedersickernde Wässer, die reich an Kohlensäure und humussauren Lösungen waren, oder durch Gase, die entlang von Spalten aus dem Erdinnern hochstiegen. So entstanden die meisten der bekannten Kaolinlagerstätten vor vielen Millionen Jahren an Ort und Stelle, geschützt durch ehemalige Meeresablagerungen, die sie vor Abschwemmung bewahrten. Doch gibt es auch umgelagerte Kaolinlagerstätten oder solche, die aus vulkanischen feldspatreichen Aschen entstanden sind. Wenn daher der Bergmann von heute, in der Grube vor Ort stehend, den Kaolin gewinnt, über sich die Hangend-Tone des einstigen Meeresbodens, so ist er sich wohl nur selten bewußt, daß er mit seiner Grubenlampe nicht nur den Ort seiner täglichen Arbeit und seines Broterwerbes, sondern auch zugleich ein unerhört großes geologisches Geschehen beleuchtet. Durch sorgfältige Reinigungsprozesse wird der gewonnene Rohkaolin so aufbereitet und veredelt, daß das Endprodukt, der Rein kaolin, wunderbar weiße, aus allerkleinsten Kristallschüppchen bestehende weiche Massen bildet. Der chemischen Zusammensetzung nach ist der Kaolin als ein wasserhaltiges Aluminiumsilikat, chemisch schematisiert von der Formel A1 2 0 8 .2 Si0 2 .2 H 2 0 anzusprechen. In Österreich wird derzeit an vier Örtlichkeiten Kaolin bergmännisch gewonnen: In Kriechbaum bei Schwertberg und Weinzderl durch die Kamig A. G., in Mall er sb ach durch die Mineral-Verwertungsgesellschaft mbH. und in Ausschlag-Zobern durch die Aspanger Kaolin- und Steinwerke A. G. Der Schwertberger Kaolin wird hauptsächlich keramisch und als Füllstoff, der Maliersbacher in der Keram- und Feuerfest-Industrie, der Aspanger Kaolin, mineralogisch von anderer Zusammensetzung als oben angegeben, als Füllstoff in verschiedenen Industrien verwendet. Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur 37 Schrifttum G. Agricola, Zwölf Bücher vom Bergwerk, Basel 1557. B. Scholz, Über Porzellan und Porzellanerden vorzüglich in den österreichischen Staaten. Jahrbücher des k. k. Polytechnischen Institutes in Wien, 1. Bd. 1819. J. v. Falke, Die k. k. Wiener Poizehan‘'abrik. Ihre Geschichte und die Sammlungen ihrer Arbeiten im k. k. Österr. Museum. Wien 1887. C. Hintze, Handbuch der Mineralogie, Leipzig 1897, S. 834. J. Folnesics, E. W. Braun, Geschichte der Wiener Porzellan-Manufaktur. Wien 1907. E. Heinze und W. Peters, Die Erfindung des europäischen Porzellans. Archiv für Gesch. d. Natu*Wissenschaften u. d. Technik. Bd. II, S. 159 u. 399. Leipzig 1910. F. Strunz, Die Erfindung des europäischen Porzellans. Österr. Chemiker-Zeitung, Juli 1912. J. Folnesics, Die Wiener Porzellan-Sammlung Karl Meyer. Wien 1914. A. Bauer, Die k. k. Ärarial-Porzellan-Manufaktur in Wien. (Zur 200-jährigen Wiederkehr des Tages ihrer Gründung.) Alt-Wiener Kalender 1918, S. 82. E. W. Braun, Ausruferiiguren aus Alt-Wiener Porzellan. Alt-Wiener Kalender 1918, S. 97. R. Ernst, Wiener Porzellan des Klassizismus ,,Die Sammlung B.-B. Wien 1925, Amalthea-Verlag. N. Kalkschmied, Der Goldmacher Joh. F. Bö ti ger, Stuttgart 1926. B. Dämmer, O. Tietze, Nutzbare Minerale. 2. Auflage, Bd. II, Leipzig 1928. W. Dienemann, O. Burre, Die nutzbaren Gesteine Deutschlands und ihre Lagerstätten. I, S. 61, Stuttgart 1928. O. v. Falke, Wiener-Porzedan Sammlung Karl Meyer. Auktionskatalog Glückselig GmbH. Wien 1928. E. Friedl, Chronikum der Wiener Porzellanfabrik Augarten. Maschinenschriftliche Vervielfältigung. Wien 1928. Anonym, Geschichte der Keramik im Sudetengau. Keram. Rundschau 1939, Nr. 15. J. Chr. F. v. Langermann, Schaff Gold, Böttger. Roman. Verlag Bohn und Sohn, Leipzig 1940. F. Kirnbauer, Nutzbare Feldspat- und Kaolin-Lagerstätten Mittel-, Ost- und südeuropas. Berichte der Freiberger Geol. Ges. 18 (1941), S. 100. A. J. Scheele, A. Exner, Kunstauktion Porzellan des Wiener Klassizismus, Sammlung B.-B. Wien, Wien 1941. Stroiimer-Nowak, Alt-Wiener Porzellan, Wien 1946. W. Mrazek, Wiener Porzellan aus der MamVaktur Du Paquiers (1718 bis 1744). Wien 1952. Verlag d. Österr. Museums f. angewandte Kunst. Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869—1918 Von Oskar Regele Mit 6 Abbildungen aus der Bildersammlung des Kriegsarchivs Unter dem Eindruck des letzten, des technischen Jahrhunderts, hat sich bisweilen die Meinung verbreitet, die Kriegführung hätte in den vorangegangenen Epochen mit der Technik wenig zu tun gehabt, man hatte vornehmlich die Feldschlachten vor sich, die von mehr oder minder dürftig bewaffneten Massen aus- gefochten wurden. Und doch ist die Kriegstechnik so alt wie die Kriegführung selbst, denn die Erzeugung aller Waffen, die Überwindung der natürlichen Hindernisse, wie der Gebirge oder Flüsse, besonders aber das Ringen um Fortifikationen, also um Festungen, Burgen oder befestigte Lager, erforderte jederzeit gründliche technische Vorbereitungen. Jahrtausende zurück benützten die Assyrier Kampfwagen und machten Feuerangriffe mit Pech und Schwefel; die Griechen kämpften mit Sichelwagen; die Römer wurden durch ihre Militärstraßen und -brücken wie auch durch gute Wurfmaschinen berühmt; die Chinesen und Araber bedienten sich betäubender Gase und Dämpfe, der Minenkrieg ist uralt und das griechische Feuer der Byzantiner fehlt in keiner Chronik der Kriegstechnik. Die Waffenfabrikation hat nicht nur das Handwerk gefördert, die Geschützerzeugung hat — nach Sombart 1 — am meisten zur Fortentwicklung der metallverarbeitenden Industrie, das Schießwesen zur Entwicklung der Meßverfahren beigetragen. Zur Entstehung der nordböhmischen Industrie gab Wallenstein den Anstoß, als Schöpfer der schwedischen kann Gustav II. Adolf gelten. So gingen Krieg und Technik neben- und miteinander und der Sezessionskrieg 1861—1865 zeigte bereits alle Züge jener Kriegstechnik, wie sie sich dann in den beiden letzten Weltkriegen in größtem Ausmaße verwirklichte. Das 19. und das beginnende 20. Jahrhundert bedeuten einen besonders markanten Wandel, bedingt durch die Möglichkeit des schnelleren Ortswechsels, des rascheren und genaueren Schießens, der vereinfachten Verständigung, der gesteigerten Waffenwirkung, der chemischen Kriegführung, der Panzer, des Luftkrieges und der allgemeinen maschinellen Arbeit. Vergleicht man die Truppen, welche in den Jahren 1878/79 Bosnien und die Herzegowina besetzten. „Krieg und Kapitalismus“, München 1915. Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 18(39 —1918 39 mit jenen des ersten Weltkrieges, dann wird der mächtige Unterschied in Bewaffnung und Ausrüstung offenkundig. Es ist nur ein knappes halbes Jahrhundert — 49 Jahre — von 1869, dem Gründungsjahr des Technischen Militärkomitees bis zu dessen Ende 1938, in dieser Zeit aber bekam die Infanterie nach dem einfachen Hinterlader das Repetiergewehr und die erste automatische Waffe, die Artillerie ging zum Hinterlader, zum Rohrrücklauf, von 15 cm-Rohren zu schweren Kalibern bis 42 cm und zu verfeinerten Rieht- und Beobachtungsmitteln über, die Befestigungen mußten wegen der vervielfachten Sprengwirkung mit Panzer und Eisenbeton ausgestattet werden, das Verkehrswesen nahm einen großartigen Aufschwung (Fahrrad, Dampf, Motor, Seilbahnen, schwere Brücken), Telegraph, Telephon, Funkwesen u. a. m. bereicherten Beobachtung und Verständigung, schließlich folgten dem Kugelballon die Lenkluftschiffe und die Flugzeuge. Schon dieser kursorische Überblick gibt einen Begriff davon, welche Arbeit von der Technik erfindend, planend, versuchend und erzeugend geleistet werden mußte, was ohne eine speziell für solche Arbeit festorganisierte Institution unmöglich gewesen wäre. Auch in den ältesten Zeiten begegnen uns hervorragende Kriegstechniker, wie z. B. Dionysios I. von Syrakus oder Archimedes, der nichts anderes war als der ■Geniechef von Syrakus. Die Renaissance kannte leitende Kriegsingenieure, Leonardo da Vinci war der Generalingenieur Cesare Borgias, Michelangelo bewährte sich als der Generalinspektor der florentinischen Landesverteidigung und Bramante übte ähnliche Funktionen im Kirchenstaate aus. In Österreich reicht die Entwicklung einer technischen Militärzentrale sehr weit zurück. Es ist bezeichnend, daß dem 1556 von Ferdinand I. gegründeten Hofkriegsrat — dem damaligen Kriegsministerium — nicht weniger als vier technische Ämter eingegliedert waren: das Obrist-Land- und Hauszeugamt, das Fortifikationsamt, der General-Superintendent der Bauten und Brücken und das Obrist-Schiffmeisteraint, welch letzteres bis 1843 bestand. Man sieht, daß die Technik nicht an letzter Stelle reihte und daß man sich ihrer Bedeutung voll bewußt war, wie es ja auch schon zu Maximilians Zeiten der Fall war. In der Folge entwickelten sich hauptsächlich zwei Zentren der militärischen Technik, nämlich die Artillerie- und die Geniedirektion, welche Zweiteilung dauernd aufrecht blieb, wobei nur die Bezeichnungen des öfteren wechselten. Im Jahre 1845 standen unter dem General-Artilleriedirektor und dem Generaldirektor für das Genie- und Fortifikationswesen das Artillerie-Hauptzeugamt und das Geniehauptamt. Zehn Jahre später finden wir die unmittelbaren Vorgänger des Technischen Militär-Komitees, das „Artillerie-Comite“ und das „Genie-Comite“, 2 die 1856 Hilfsorgane des Kriegsministeriums und mit allerhöchster Entschließung vom 29. Juni 1869 3 im „K. k. Technischen und administrativen Militär- 2 In diesen beiden Komitees finden wir Wilhelm V. Lenk, der die Schießbaumwolle für die Artillerie verwertbar machte, den Technologen M. Ebner v. Eschenbach, Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien, den späteren Landesverteidigungs- minister und Präsidenten der Donauregulierungskommission Freiherrn v. Scholl, Karl Moering und den um die erste Semmeringbahn-Trassierung verdienten Franz R. v. Scheibenhof. 3 Normalverordnungsblatt für das k. k. Heer, 57. Stück aus 1869. 40 Oskar Regele komitee“ vereinigt wurden. Damit begann die Geschichte der modernen technischen Zentrale der österr.-ungar. Armee, die 1889 zum „k. u. k.“ und 1895 zum „k. u. k. Technischen Militär-Komitee“ wurde, im Wesen aber bis 1918 ihre ursprüngliche Organisation von 1869 beibehielt. Das Komitee feierte noch im österreichischen Bundesheere als „Kriegstechnisches Amt“ eine Wiederauferstehung, um dann 1938 endgültig zu verschwinden. Alle Militärstaaten besaßen oder besitzen ähnliche wissenschaftliche Institute, die als Forschungsanstalt, Studienausschuß, Beirat oder ähnlich anders bezeichnet werden. Das Technische Militärkomitee war nur für die Landmacht, die damals auch die Flugwaffe in sich einschloß, bestimmt, die Kriegsmarine hatte ihr eigenes, Bild 1. Das k. u. k. Technische Militär-Komitee 1869- 1918 Wien VI, Getreidemarkt Nr. 9 Heute Technische Hochschule Wien, Institute für Chemie und Maschinenbau 1885 gegründetes „Marinetechnisches Komitee“ in Pola, das unter einem „Präses“ acht Abteilungen und eine Versuchs-Flugstation umfaßte. Neben dem Artillerie-, Torpedo- und Seeminenwesen befaßte es sich mit Schiffbau, Maschinenbau, Technologie, Elektrotechnik, Hydrographie und Navigation. Als Arbeitsstätte diente dem Komitee das Gebäude Nr. 9 am Getreidemarkt im VI. Wiener Gemeindebezirk, das in den Jahren 1862—1864 auf den Gründen des ehemaligen Jesuitenhofes, in dem sich früher der Fortifikationsbauhof befunden hatte, nach den Plänen der Geniedirektion errichtet wurde. 4 Zunächst zogen die Genieämter ein, bis es dann 1869 dem Militärkomitee zugewiesen wurde. Die einsetzende sehr beträchtliche Vermehrung der Agenden erforderte im Laufe der Jahre bauliche Vergrößerungen, doch konnte mit der traditionellen ärarischen Sparsamkeit und Organisationsökonomie auch für eine Großmachtarmee bis 1918 4 Anton Schindler: „Militärgebäude“, in: M. Pauls „Technischer Führer durch Wien“, Wien 1910. Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869 —1918 41 (las Auslangen gefunden werden. Nach dem ersten Weltkrieg ging das Gebäude in den Besitz der Technischen Hochschule Wien (Institute für Chemie und Maschinenbau) über, fand daher einen berufenen und würdigen Nachfolger. Das Kriegstechnische Amt des Bundesheeres war im benachbarten Neubau in der Gumpendorferstraße 1 a untergebracht. Für das Technische Militärkomitee wurden „Organische Bestimmungen“ zuerst 1869, dann 1873 und zuletzt 1894 erlassen. 5 Die letzten blieben bis zum Ende der Monarchie in Geltung, ihre auszugsweise Wiedergabe bietet das beste Bild vom Wesen und Wirken dieses Amtes, das wie die anderen wissenschaftlichen Institute, das Kriegsarchiv, das Militärgeographische Institut und das Heeresmuseum, eine sog. Heeresanstalt und dem Ministerium als Hilfsorgan untergeordnet war. Seit 1873 waren dem Komitee für gewisse Zeiten der höhere Artillerie- bzw. Geniekurs, die Artillerieschießschule und die Kurse für Artilleriestabsoffiziere, Intendanten, Rechnungsräte, Bauverwalter und Verpflegsbeamte unterstellt. Die Organischen Bestimmungen besagten: „Das technische Militär-Komitee hat die Bestimmung, die Fortschritte der Wissenschaft und Technik in bezug auf deren Verwertung für Kriegszwecke im allgemeinen, insbesondere aber in Beziehung auf das Artillerie-, Genie-, Pionier-, Train-, Eisenbahn- und Telegraphen-, dann das Intendanzwesen zu verfolgen... es ist zur Prüfung und Begutachtung solcher Angelegenheiten berufen, bei welchen der Entscheidung fachgemäße und wissenschaftliche Untersuchungen, Studien, Entwürfe oder Versuche vorangehen müssen... ihm obliegt die Prüfung technischer Erfindungen und Vorschläge, die Durchführung der bezüglichen Versuche bzw. die Mitwirkung bei letzteren. Es hat über alle, aus seinen Studien hervorgehenden Anschauungen und Erfahrungen für die Vervollkommnung der Kriegsmittel dem Reichs-Kriegsministerium Anträge zu stellen,... zur Verwertung der erlangten Versuchsresultate für das Kriegswesen Vorschläge zu erstatten... Die für den technischen Dienst... erforderlichen Dienstbücher und Vorschriften hat das technische Militär-Komitee auf Grund der wissenschaftlichen Forschungen und der gewonnenen Erfahrungen teils selbst zu verfassen, teils bei deren Verfassung mitzuwirken..., ihm fällt ferner die fachgemäße Prüfung und Begutachtung von wichtigeren Befestigungsprojekten und von Entwürfen größerer Militärbauten zu, es liefert der Heeresleitung die nötigen statistischen Zusammenstellungen auf Grund der von den Truppen und Heeresanstalten einlangenden Nachweisungen und sonstigen Behelfe... es hat die Ergebnisse der eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit und sonstige nützliche Kenntnisse und Erfahrungen durch periodische Publikationen weiteren militärischen Kreisen zugänglich zu machen.“ Das Komitee war in vier Sektionen, diese wieder in Abteilungen gegliedert. Allen Teilen war die gemeinsame Aufgabe gestellt: die in- und ausländische Entwicklung auf den zuständigen Gebieten evidenzmäßig festzuhalten und zu stu- 5 Normal Verordnungsblatt für das k. k. (k. u. k.) Heer: 57. Stück von 1869, 63. Stück von 1873 und 52. Stück von 1894. 42 Oskar Regele dieren, alle Projekte, Erfindungen, Anträge und Berichte zu begutachten, für neue Waffen und Geräte die Konstruktionsbedingungen festzulegen und die Projekte auszuarbeiten, alle Versuche durchzuführen, die neuen Fabrikate zu übernehmen und zu kontrollieren, schließlich für alle Neueinführungen die zugehörigen Reglements und Anleitungen zu verfassen. Im einzelnen waren noch ressortmäßig zugewiesen: 1. Sektion: 1. Abteilung. Munitionswesen. Einrichtung der Laboratorien, Schieß- und Zündpräparate, Geschützvisitierung, Geschütz- und Kleingewehrmunition. 2. Abteilung. Theoretische Arbeiten und Versuche für Geschütze und Gewehre. Kalkül der Schießtafeln. Gebrauch und Instandhaltung der Waffen. Lehrbücher. Artillerie-Festungskrieg. 3. Abteilung. Konstruktionswesen. Konstruktion des Artillerie-, Waffen- und Fuhrwerksmaterials. Konstruktions-Tafeln. 4. Abteilung. Ausrüstung und Zeugs wesen. Ausrüstung der gesamten Artillerie, der Armee- und Truppentrains. Dienst in den Artillerie- und Train- Zeugs-Anstalten. Nomenklatur. II. Sektion: Schieß Versuchskommission. 1. Abteilung. Befestigung und Festungskrieg. Gesamter Festungskrieg, soweit er den Geniestab betrifft. Entwurf und Ausführung von Befestigungen. 2. Abteilung. Fortifikatorisches Evidenzbüro. Detailheschreihung befestigter Plätze. Erzeugung der Umgehungspläne der Befestigungen. Mitarbeit an den Feldelaboraten des Landesbeschreibungsbüros des Generalstahes. Feldausrüstung für die Armee- und Belagerungs-Geniechefs. Genie- und Plan- Archiv. 3. Abteilung. Pionier- und Minen wesen. Technischer Dienst und technische Ausrüstung aller Truppen, besonders der Pioniertruppe und des Eisenbahn- und Telegraphen-Regimentes. Permanente und feldmäßige Minenanlagen. Feld-Signalwesen. 4. Abteilung. Militär-Hochbau- und Ingenieur wesen. Hochbauten. Wasser-, Brücken-, Straßen- und Eisenbahnhau. III. Sektion: 1. Abteilung. Militärstatistik. Vergleichende Statistik über die physischen, intelektuellen und moralischen Zustände im eigenen Heer und im Ausland. Verwertung der Ergebnisse. Länderstatistik über Ressourcen des Inlandes und Auslandes. Mitarbeit an den Feldelaboraten des Landesbeschreibungsbüros des Generalstabes. 2. Abteilung. Intendanz wesen. Verpflegung und Bekleidung auf Grund chemisch-technischer Untersuchungen. Gesamtes Intendanzwesen. IV. Sektion: Alle für Bewaffnung und Ausrüstung erforderlichen Arbeiten aus den Gebieten der Chemie, Physik, Technologie, Elektrotechnik, Maschinenwesen und Instrumentenkunde. Handhabung der ballistischen und sonstigen psysikalischen Versuchsapparate. Mitwirkung bei der Erzeugung von Kriegsbedürfnissen in Militär- und Zivilbetrieben. Mitarbeit an Gesetzen und Verordnungen auf dem Gebiete der Explosivindustrie, des Monopol- und Patentwesens. Schieß- und Sprengpräparate, Zünd-und Beleuchtungsmittel, Explosivstoffe. Tech- Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869—1918 43 nologische Prüfung von Bau- und Konstruktionsstoffen. Technologie der Aero- nautik. Photographie. Elektrotechnik. Blitzschutz. Telegraphie und Signalwesen. Werkstätten. Präsidial-Adjutantur mit Protokoll und Expedit. Redaktion der „Mitteilungen des technischen Militärkomitees über Gegenstände des Artillerie- und Geniewesens“. Bibliot liek. Lithographie. Photographie. Der dem Ministerium unmittelbar untergeordnete Leiter des Komitees führte den Titel „Präsident“, er war also nicht Kommandant, wie sein militärgeographischer Kollege, und nicht Direktor, wie die Leiter des historischen und musealen Dienstes. Es war eben ein Komitee, dem präsidiert wurde. Der Präsident hatte im besonderen die für die einzelnen Sonderaufgaben aus den Sektionen gebildeten gemischten Kommissionen zu leiten, denn es gab nur wenige Fragen, die ausschließlich in einer Sektion oder Abteilung allein hätten gelöst werden können. Der Präsident hatte auch das Recht, in wissenschaftlichen Angelegenheiten mit allen in Betracht kommenden militärischen und zivilen Stellen direkt in Verbindung zu treten, Fachmänner der ganzen Armee nach Bedarf zur Mitarbeit heranzuziehen und seine eigenen Organe zu informativen Zwecken militärischen Übungen beiwohnen zu lassen. Der vom Kaiser ernannte Präsident mußte entweder dem Artillerie- oder dem Geniestabe angehören und bekleidete den Rang eines Generalmajors oder Feld- marschalleutnants. Von 1869—1918 gab es 12 Präsidenten, von denen acht aus der Artillerie- und vier aus der Geniewaffe kamen. Nach Jahren ausgedrückt, wurde das Komitee rund 32 Jahre von der Artillerie und 17 Jahre von der Genie verwaltet, es liegt somit ein deutliches über wiegen der Artillerie vor, was sich nicht nur durch die ziffernmäßige Stärke der Artillerie innerhalb des Heeres, sondern auch mit der ausschlaggebenden Rolle erklärt, welche die Artillerie in dieser Epoche zu spielen begann. Mit Rücksicht auf den überragenden Anteil, den die Präsidenten des Komitees auf die gesamte Armee-Entwicklung und auf die Schlagfertigkeit der Truppen genommen haben und darauf, daß die im Kriege erzielten Erfolge nicht zuletzt auf die Güte der Bewaffnung und Ausrüstung Bild 2. Arthur Graf Bylandt- Rheidt (1821—1891) Feldzeugmeister, Ritter vom Goldenen Vliese, erster Präsident des Technischen Militär -Komitees Technikgeschichte, 14. Heft. 4 44 Oskar Regele zurückzuführen waren, verdienen es die Präsidenten, der Nachwelt namentlich überliefert zu werden: 6 1. Bylandt-Rheidt, Arthur Graf (* 1821, f 1891), Ritter des Goldenen Vlieses, Feldzeugmeister, Reichskriegsminister. Artillerie- und Generalstabsoffizier, 1864 Präses des Artillerie-Comitös, 1869—1876 Präsident. Von ihm stammen ballistische, waffen- und schießtechnische Arbeiten. 2. Salis-Soglio, Daniel Freih. v. (*1826, tl919), Feldzeugmeister, General-Genieinspektor. 1876—1880 Präsident. Hatte großen Anteil am Ausbau der österr.-ungar. Reichsbefestigung und der Festung Przemysl, deren Fort Nr. I seinen Namen trug. 3. Schmarda, Karl Ritter v. (* 1826, 11899), Feldmarschalleutnant, Artillerieoffizier, 1880—1884* Präsident, dann Artilleriearsenal-Direktor. 4. Kreutz Friedrich (* 1819, t 1898), Feldmarschalleutnant, Artillerieoffizier, 1884—1890 Präsident. 5. Vogl Julius (* 1831, f 1895), Feldmarschalleutnant, Genieoffizier, 1890—1895 Präsident, verdient um die Panzerkonstruktionen, Mitschöpfer der Tiroler Sperren. 6. Geldern-Egmond zu Arqen, Gustav Graf (*1837, fl915), Feldzeugmeister, General-Genie-Inspektor, Genieoffizier, 1895—1903 Präsident, war schon vorher zweimal im Komitee, erbaute die Talsperre von Malborghet. 7. Wuich Nikolaus, Freih. v. (*1846, f 1910), Feldmarschalleutnant, Artillerieoffizier, 1903—1908 Präsident, vorher lange Jahre im Komitee. Ballisti- ker von Weltruf, seinem ersten Werke „Die Theorie der Flugbahnparabel“ (1876) folgten weitere 51 größere Arbeiten über Ballistik, Waffen- und Schießtechnik. Schöpfer der Automobil-Abteilung im Komitee, von der die Motorisierung in der Armee ausging. 8. Zednik Edler v. Zeldegg (*1853, fl926), Feldzeugmeister, Artillerieoffizier, 1908—1912 Präsident. 9. Goglia v. Zlota Lipa, Ferdinand, Ing. (* 1855, f 1941), Feldzeugmeister, Ar- 6 Die biographischen Daten sind den Schematismen und Ranglisten der k. k. (k. u. k.) Armee, den Personaldokumenten des Kriegsarchivs (Abt. 1) und Fr. Gatti: „Gesch. d. Techn. Militärakademie“, 1901 —1905, entnommen. Die Präsidenten 1914—18 hat Amtsrat Franz Aigner erhoben. Bild 3. Nikolaus Freih. v. Wuich, Feldmarschalleutnant (1846 —1910) Ballistiker von Weltruf Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869 —1918 45 tillerieoffizier, 1912—1914 Präsident. Armee-Kommandant und General-Artillerie- Inspektor. 10. Austerlitz, Leopold Dr. (*1858, fl924?), Generalmajor, Artillerie-Offizier, 1914—1915 Präsident, schon vorher viele Jahre, auch als Sektionschef, im Komitee. 11. Tomse Edler v. Savskidol, Josef (*1850, 1 1938), Feldmarschalleutnant, Artillerieoffizier, 1915—1918 Präsident. 12. Janda-Eble Edler v. Burgringen, Adolf Ing. (* 1866, f 1931?), Genieoffizier, 1918 Präsident, vorher Sektionschef im Komitee. Das Personal des Komitees setzte sich aus verschiedenen Kategorien von Offizieren und Beamten zusammen. Nach dem Stande von 1914 waren eingeteilt: 2 Generale, 1 Offizier des Generalstahskorps, 17 Offiziere des Artillerie- und 6 des Geniestahes, 9 Offiziere der Artillerie und 7 der Pioniere, 5 Ingenieuroffiziere, 28 sonstige Offiziere, 1 Arzt,. 3 Intendanten und 9 technische Beamte, zusammen 88 Personen. Zu diesen kamen noch rund 150 Mannschaftspersonen und außerdem noch „zugeteilte“ Offiziere aus den Truppenkörpern, die zur Bearbeitung bestimmter Fachfragen im Komitee verwendet wurden. Im Kriege vergrößerte sich selbstverständlich das Personal beträchtlich. Die als Fachreferenten wirkenden Offiziere besaßen neben ihrer militärischen Berufsausbildung noch eine ergänzende Schulung in verschiedenen Wissenszweigen durch Kommandierung an Zivilhochschulen, welchem Umstande es auch zuzuschreiben war, daß sie neben ihrem Normaldienst noch als Professoren an der Kriegsschule, am höheren Artillerie- bzw. Geniekurs und am Intendanzkurs vorzutragen hatten. Die Zugehörigkeit der Sektion III zum Komitee war der Anlaß, daß 1869 die Bezeichnung „Technisches und administratives Militärkomitee“ gewählt wurde, um zum Ausdruck zu bringen, daß eben auch das Gebiet der Heeres-Administration mit der Intendanz bearbeitet werde. Da jedoch die in dieser Sektion zu leistenden Arbeiten zum größten Teil doch wieder technischer Natur waren, kam man später von der erweiterten Benennung ab. Die Tätigkeit des Komitees wird manchmal mit der Vorstellung einer aus- 1* Y ;*7l i; Bild 4. Moritz Ritter von Brunner (1839—1904) Feldmarschalleutnant und Sektionschef, Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, verdient um die technische Modernisierung der Landesverteidigung < 4 * 46 Oskar Regele schließlichen Erfindertätigkeit in Verbindung gebracht. Es gehörte nun ohne Zweifel bei jedem Mitarbeiter erfinderischer Geist zur Erfüllung seiner Pflichten und es können zahlreiche Angehörige des Komitees auf eigene Erfindungen hinweisen, wovon noch die Rede sein wird. In diesem Zusammenhänge lohnt es sich übrigens, vom militärischen Erfindertum einmal etwas Grundsätzliches zu sagen. Vor allem ist es kulturhistorisch höchst interessant, daß viele Basis-Erfindungen der Kriegstechnik und solche, die der Kriegführung wesentlich zugute kamen, nicht vom Militär ausgegangen sind, in Österreich nicht und in der übrigen Welt auch nicht. Wenn wir solche Erfindungen auf zählen und die Erfindernamen oder doch zumindest solche Techniker nennen, die einen entscheidenden Fortschritt auf dem betreffenden Gebiete herbeigeführt haben, wird die aufgestellte Behauptung ihre weitgehende Bestätigung finden: Repetiergewehre (Mannlicher, Mauser), automatische Waffen (Maxim), Rohrrücklauf (Ehrhardt), Eisenbahnbrücken (Eifel, Kohn, Roth), Sprengstoffe (Schönbein, Nobel), Elektrizität (Galvani, Volta), Funkwesen (Hertz, Marconi), Ballistik (Cranz), Geschützindustrie (Krupp, Schneider, Skoda), Panzer (Gruson), Raupenzug (Tom German), Luftballon (Montgolfier), Flugzeug (Wright, Etrich, Junkers), Telegraph-Telephon (Reis, Morse, Bell), Lokomotive (Trevithik, Stephenson), Motor (Daimler), Fahrrad (Drais), Kraftwagen (Marcus, Ford, Porsche), Radar (Appleton), rauchloses Pulver (Reid, Johnson), Unterseeboot (Fulton). Auch die Atomwaffen verdanken ihre Entstehung Nichtmilitärs — von Rutherford bis Einstein, der 1939 ihre Erzeugung von Roosevelt gebieterisch forderte —, mag auch angeblich der k. u. k. Artilleriehauptmann Karl Gröber bereits im Jahre 1886 die Möglichkeit der Atomspaltung vertreten haben. 7 Die Stärke der militärischen Erfinder lag mehr in der Kleinarbeit, in der Verbesserung, in der zweckmäßigen Dienstbarmachung technischer Neuerungen für die speziellen militärischen Erfordernisse, in der Fortentwicklung von Ideen, die in ihrer Urform nicht verwendbar waren. Die Aufgabe des Technischen Militärkomitees war es nicht, zu erfinden, sondern die Erfindungen zu studieren und dann zu verwerten, wobei es anderseits oft genug vorkam, daß militärische Bedürfnisse zivile Techniker anregten und zu Erfindungen veranlaßten, die sie sonst vielleicht gar nicht gemacht hätten. Eine andere Erfinderkategorie ist das Heer jener Erfinder, die mit ihren Projekten die militärischen Studienämter überrennen und sich dann schwer gekränkt zurückziehen, wenn ihre Erfindung nicht unverzüglich zu hohem Preis angekauft wird. Der Präsident des Komitees, Feldzeugmeister v. Salis-Soglio, bringt in seiner Autobiographie 8 recht heitere Details zu diesem Kapitel. Natürlich mag es auch Fälle gegeben haben, in denen Erfinder, wie es sich nachträglich herausstellte, zu Unrecht abgewiesen worden sind, das gehört dann in den Bereich menschlicher Unzulänglichkeiten, die vor keiner auch noch so erlesenen Arbeitsgemeinschaft Halt machen. In Österreich-Ungarn war in dieser Frage noch ein 7 Mitteilung des Majors a. D. Ing. Leopold Dolleneck vom 12. April 1950 und Wiener Zeitung“ Nr. 60/1950. 8 „Mein Leben“, 2. Bd, S. 86 f. Stuttgart-Leipzig 1908. Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869—1918 47 anderes Moment mitentscheidend, und zwar der Geldmangel. Bekanntlich wurde für die Landesverteidigung der Habsburger-Monarchie im Verhältnis weniger aufgewendet als z. B. im kleinen Königreich Serbien und weniger, als fast in allen anderen Militärstaaten. Die Erprobung von neuen Erfindungen kostet jedesmal ungeheure Summen, und w t o es am Gelde mangelt, da müssen die vorhandenen Mittel für das jeweils Unentbehrlichste auf gewendet werden — und vor diese Lage sah sich auch das Technische Militärkomitee Zeit seines Bestandes gestellt. Die Rolle des Kriegsministeriums gegenüber dem Komitee bestand in der Auftragerteilung, in der Finanzierung von Neueinführungen und in der Regelung der organisatorischen und personellen Fragen. Verantwortlich dafür, ob technische Neuerungen rechtzeitig und vollwertig der Armee zugeführt wurden, waren drei Faktoren: das Militärkomitee für die technisch-wissenschaftliche und -praktische Arbeit, das Ministerium für die entsprechende Zuweisung von Geldmitteln und letzten Endes die Volksvertretungen für die ausreichende Budgetierung der Landesverteidigung. Nur von diesem Gesichtspunkte sind die nach einem verlorenen Krieg erhobenen und gewiß nicht unberechtigten Vorwürfe wegen unzureichender Rüstung und dadurch entstandener überflüssiger Verluste und militärischer Mißerfolge zu überprüfen. Was nun die Schöpfungen des Technischen Militärkomitees betrifft, erscheint es mehr als schwierig, personelle Einzelanteile festzustellen. Der Charakter militärtechnischer Arbeit bringt es mit sich, daß zumeist eine Gemeinschaftsarbeit vorliegt und daher viele hochverdiente Mitarbeiter anonym bleiben. Die große Bewährungsprobe für das Komitee stellte der erste Weltkrieg dar und es kann — überblickt man auch bloß einige der technischen Hauptgebiete — nicht geleugnet werden, daß diese Probe bestanden wurde. Das Artilleriematerial der k. u. k. Armee war in aller Welt als erstrangig anerkannt, fast, noch mehr das kunstvolle Schießverfahren, das den quantitativen Mangel an Waffen und Munition oft und oft auszugleichen vermochte. Aus den Reihen des Komitees erfand General Alfred Kropatschek ein modernes Repetiergewehr, General Georg v. Dormus eine Mitrailleuse, Hauptmann v. Kararetz ein automatisches Zielgerät für die Luftabwehr und Oberst Kazimir Erle einen neuartigen Distanzmesser, während Hauptmann Anton Kürzen (mit Kühn) die grundlegende „Waffenlehre“ schrieb. Als Spitzenleistung leben noch in der allgemeinen Erinnerung der 30,5 cm-Motormörser und die 42 cm-Küstenhaubitze. Für letztere hat 1909 Hauptmann Adolf Schweeger die Konstruktionsanträge ausgearbeitet, nach denen das schwere Geschütz ein wahres Kunstwerk wurde. Es hatte nicht nur einen Ertrag von 14.600 m mit damals ungeheurer Geschoßwirkung, es wurde durch ein geistvolles Richtverfahren aktiviert und hatte durch den Generatorzug eine Marschfähigkeit bis in Hochgebirgsstellungen. Die Befestigungen der österreichisch-ungarischen Monarchie dürfen für sich den Ruhmestitel beanspruchen, daß keine einzige dem Feind durch Kampf in die Hände fiel. Die ausgehungerte Festung Przemysl stellt neben Port Arthur die letzte große erfolgreiche Festungsverteidigung der Geschichte dar, die seither nicht mehr erreicht werden konnte. Die Namen Salis-Soglio, R. v. Brunner und Geldern-Egmond sind mit dem Ausbau dieser Festung verbunden. General- 48 Oskar Regele Genie- und Armeeinspektor Ernst Freiherr v. Leithner, Verfasser mehrerer fortifikatorischer Werke, ist der Erneuerer der Festung Krakau gewesen, die dann der Feldzeugmeister Kuk mit Erfolg verteidigte. Hauptmann im Geniestabe Viktor Tilschkert kann als der Hauptbegründer der Panzerfortifikation gelten, er war aber auch um die Verwertung der Feld- und Seilbahnen für den Nachschub und um die Einführung der Fleischkonserven verdient Der Theresien- ritter General Ellison v. Nidlef — 1918 Chef des Luftfahrwesens — schuf mit seiner Turmhaubitze für Gebirgsforts eine der besten Panzerkonstruktionen. Soll noch ein drittes Gebiet militärtechnischer Bewährung hervorgehoben werden, dann sind es die gewaltigen Strom Übergänge, die von den k. u. k. Pionieren 1914/1918 durchgeführt worden sind, und die unbestritten zu den vollendetsten gerechnet werden, die bis dahin vorkamen. Auch hier trifft das Verdienst vorzüglich das Komitee, denn das Gelingen war abhängig von der Hocii- wertigkeit des Brückengerätes, der Motorboote, der Truppenausrüstung und der technischen Ausbildung. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß sich die Tätigkeit des Komitees in den genannten ausschließlich militärischen Bereichen erschöpft hätte, über die Kampfgebiete hinaus vermögen das Komitee und seine Angehörigen auf Lösungen technologischer, verkehrstechnischer und industrieller Aufgaben hinzuweisen, die dem allgemeinen technischen Fortschritt zugute kamen. Einen Einblick in dieses Schaffen gewährt am besten die Anführung einiger Techniker aus dem Komitee, ohne daß aber damit gesagt sein soll, daß andere, nichtgenannte, nicht ebenso verdient gewesen wären. Das Soldatenglück machte sich hier sehr geltend; hatte ein Offizier z. B. ausschließlich an den Richtverfahren zu arbeiten, dann blieb er bloß einem kleinen vertrauten Kreise bekannt, hatte ein anderer z. B. technologisch zu arbeiten, konnte er damit rechnen, daß er in der weiten auch zivilen Fachwelt anerkannt werde. Das Lebenswerk des einzelnen erstreckt sich ferner auf die ganze Lebenszeit, so daß es vorkommt, daß Offiziere, die im Komitee dienten, in ihrem Spezialfach auch noch in anderer Dienstverwendung und auch außerberuflich tätig blieben, also mit Leistungen hervortraten, als sie dem Komitee nicht mehr angehörten. Ihr Gesamtwerk bleibt jedoch mit dem Komitee verbunden. Auf dem Gebiete der Sprengmitteltechnik waren zunächst von praktischer Bedeutung die Arbeiten des Geniehauptmanns Adolf Kutzlnigg über den Minenkrieg. T)er Geniehauptmann I. F. Trautzl befaßte sich mit dem Schieß- woll-Dynamit, führte Bleiblock-Proben für Sprengstoff-Kraftmessungen ein und bearbeitete die Messungen von Explosionsgeschwindigkeiten. Aus seiner Feder stammen u. a.: „Explosive Nitrilverbindungen“ (1869), „Die Dynamite“ (1876) und „Sprengtechnische Fragen“ (1885). Er wurde Generaldirektor der Dynamit- Nobel-A. G. Philipp Hess, Hauptmann im Geniestabe, dann Sektionschef im Komitee und Artillerie-Generalingenieur, nahm hervorragenden Anteil an der Entwicklung des Dynamits, und ist der Schöpfer der Spreng- und Zündmittel, die in der k. u. k. Armee normiert waren. Ihm gelangen Flammenbilder der Kom- pressions-Glüherscheinungen. Von seinen Arbeiten wären zu nennen: „über Sicherheitssprengstoffe und die Methoden ihrer Erprobung“ (1898) und „Die Naturwissenschaften im Dienste des Krieges“. Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869 —1918 49 Unter den Photographen des Militärkomitees ragt der Genieoffizier Josef Pizzighelli hervor, dem der Ausbau der Photographie im Komitee zu verdanken war. Seine „Anleitung zur Photographie“ und sein „Handbuch der Photographie“ behalten in der Fachliteratur auch jetzt noch ihren Wert für die Geschichte der Photographie. Pizzighelli entwickelte mit Arthur Hürl 9 1893 das Kopierverfahren der Platinotypie und wurde nebst drei anderen Preisen mit der Voigt- LÄNDER-Medaille der Photographischen Gesellschaft Wien ausgezeichnet. Oberstleutnant H. Freih. v. Cles und Artiller ie-Zeugsoffizial F. Swoboda erfanden 1914 im Komitee einen Kine- matographenapparat für Tagesaufnahmen von Artilleriegeschossen. Einige Angehörige des Technischen Militärkomitees brachten es in der Kartographie zu einem geachteten Namen. General H. Daublebsky v. Sterneck wirkte an der Landesvermessung der Türkei mit und verfaßte eine I-andes- beschreibung von „Bosnien, Herzegowina, Nord-Montenegro“. Der Genieoffizier Julius R. v. Albach kam in das Militärgeographische Institut, wo er die Kartenzeichnung dadurch reformierte, daß er die Schraffendarstellung durch die Schummerung ersetzte. Ihm wurden die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft und die höchste Auszeichnung der internationalen geographischen Ausstellung in Venedig verliehen. Kommandant des Militärgeographischen Institutes wurde 1895 Christian Freih. v. Steer, der als Genieoffizier bei den Sprengarbeiten für die Wiener Hochquellenwasserleitung die Dynamitsprengstoffe erprobte, mit denen er im Komitee Versuche anzustellen gehabt hatte. Er war Präsident und Ehrenpräsident der Geographischen Gesellschaft. Eine bemerkenswerte Persönlichkeit war der erste Chef der III. Sektion im Komitee, der dem Generalstab entstammende Universitätsprofessor und Generalkriegskommissär Valentin R. v. Streffleur, der bekannte Herausgeber der nach ihm benannten militärischen Zeitschrift. Er war wegweisend in der Militärstatistik und als Katasteringenieur und Kartograph sehr geschätzt. Franz Walter, Artillerieoffizier, widmete sich mehreren technischen Pro- 9 Feldmarschalleutnant Arthur Freih. v. Hübl (1852—1932), Dr. h. c„ Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Kommandant des Militärgeographischen Institutes, war bahnbrechend für die Kartenreproduktion. Bild 5. Philipp Hess (1845—1926) Artillerie-Generalingenieur und Sektionschef, erfolgreicher Sprengtechniker 50 Oskar Regele blemen. 1890 publizierte er die vielbeachtete Arbeit „Über die Verwendbarkeit künstlich erzeugter Kälte für militärische Zwecke“ und 1894 wurde seine Studie über „Die Konserven“ preisgekrönt. Seine „Ausgewählten Kapitel aus dem Gebiete der chemischen Technologie“ waren in allen militärtechnischen Hochschulen als Studienbehelf eingeführt. Nach Ausscheiden aus der Armee war er Direktor der Wiener Gaswerke. Ein anderes sehr verbreitet gewesenes Unterrichtswerk stammte von Daniel v. Salis-Soglio: „Konstruktionsdetails der Kriegsbaukunst“ (1880), das die Aufgabe hatte, die theoretischen Grundlagen für alle technischen Verrichtungen zusammenzufassen. Es beinhaltete Maurer- und Steinmetzarbeiten, Tischler-, Schlosser- und Maschinenarbeiten, Eisenpanzerkonstruktionen, fortifikatorische Projektierungen und Beispiele von Befestigungen. General Dr. techn. Ing. A. Prochaska v. Mühlkampf, 1917/18 Kommandant des Flieger-Arsenals, gehörte dem Eisenbetonausschuß des Ingenieur- und Architektenvereines und als Fachkonsulent dem Technischen Museum an. Ein zweiter Eisenbeton-Fachmann war der Genieoffizier J. Mandl, der 1902 in Wien unter den ersten sieben technischen Doktoren promovierte und außer einem „Dehrbuch der höheren Mathematik“ als Frucht seiner Studien „Zur Theorie der Zementeisen-Konstruktionen“ veröffentlichte. An der Spitze der B rückenbau-Techniker steht General Franz Herrert, durch viele Jahre Abteilungsvorstand im Komitee und als Konstrukteur der seinen Namen tragenden „Eisernen Straßen-Brücke“ berühmt geworden. Seine auch vom Auslande übernommene Brücke war eine zerlegbare Gelenksgitterbrücke auf eisernen Jochen oder auf 45-t-Brückenschiffen mit einer Tragfähigkeit bis zu 30 t. Herrert erfand noch den „Kavallerie-Brückentrain Herrert“, er ist ferner der Mitschöpfer des Schiffahrtskanals im Eisernen Tor, wo er die Aussprengung von 32.000 m 3 und den Hafenbau in Orsova leitete. Der bereits mehrfach erwähnte Salis-Soglio erhielt als Präsident des Komitees den Auftrag zum beschleunigten Bau einer Eisenbahnbrücke über die Save bei Bos- nisch-Brod während der Okkupation Bosniens 1878/79. An der Durchführung des Baues dieser historischen Brücke waren die Genieoffiziere O. Beck v. Nordenau und A. Juda beteiligt, welche die unmittelbare Bauleitung übernehmen mußten, als die zivilen Unternehmer nicht ausreichten. Zur Verkehrsgeschichte des Okkupationsgebietes zählt auch die vom späteren Feldzeugmeister J. Meister über die Drina bei Gorazda gebaute hölzerne Bogenbrücke. Sehr nachhaltig war die Tätigkeit des Komitees auf dem Gebiete des Verkehrswesens, und so manche im Komitee erprobten Neuerungen nahmen ihren Weg in den Alltag. Ferdinand Artmann vom Geniestab, Professor der Chemie, der für sein Buch „Die Lehre von den Nahrungsmitteln“ die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft erhielt, in Wien die erste Konservenfabrik errichtete und Feldbacköfen erfand, konstruierte eine Straßen-Lokomotive und plante 1871 für Wien eine Stadtbahn als Gürtellinie. Von ihm stammt das Projekt zur Bahn Wien—Aspang, deren Verwaltungsrat er dann als Vizepräsident angehörte. Direktor dieser und der Schneeberg-Bahn wurde der ehemalige Geniestabshauptmann Alfred v. Tunkler, ebenfalls ein Angehöriger des Technischen Militär- Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869—1918 51 komitees . 10 Der aus der Genietruppe stammende Emil R. v. Guttenberg war als Generalstabshauptmann im Komitee eingeteilt und beschloß seine Laufbahn als k. k. Eisenbahnminister. Einen hervorragenden Platz im Verkehrswesen nahm weiters der Artilleriehauptmann R. Wolf ein, der im Komitee Leiter des Automobilwesens war und die Automobil-Versuchsabteilung einrichtete. Am Auto-Straßenzug * 11 schwerer Lasten hat er entscheidend mitgearbeitet, die Seilwinde ist eine seiner praktischen Erfindungen. Als Schöpfer der Motorfeldbahn I ■■'«c.. - S4 Bild 6. Versuchslaboratorium im Technischen Militär-Komitee am Getreidemarkt (1914) muß der spätere Ernährungsminister Landwehr v. Pragenau genannt werden, der als Generalstabshauptmann im Komitee diente. Um auch noch das Flugwesen zu streifen, sei bemerkt, daß das Militärkomitee mit an der Wiege österreichischer Luftfahrt gestanden ist und daß es dem Pionier der Lüfte, Wilhelm Kress, Förderung hat angedeihen lassen . 12 Einen ersten zusammenfassenden Bericht über „Militärische Luftfahrzeuge“ verfaßte im Komitee Koloman Kiticsän . 13 Das Technische Militärkomitee war auch an der Errichtung ärarischer Hochhauten stark beteiligt. Von diesen Bauten leisten — nach Entfall einer militäri- 10 Sohn des Geniestabsobersten Andreas R. Tunkler v. Treuimfeld, der dem Genie-Komitee angehörte, 1850 eine Lokomotive für die Semmeringbahn entwarf, 1855 die elektromagnetische Telegraphie in der Armee einführte und als Fortifikateur internationalen Ruf genoß. 11 Artillerie-Zugwagen lieferten Fiat, Praga-Raaba, Graf und Stift, Saurer und Büssing. 12 Siehe S. 55 ff. dieses Heftes. 13 „Mitteilungen über Gegenstände aus dem Artillerie- und Geniewesen“, Nr. 4/7 aus 1912. 52 Oskar Regele sehen Benützung — viele noch heute dem Staat und der Bevölkerung wertvollste Dienste. Das Charakteristische der Militärbauten aus der Zeit des Komitees waren strenge Zweckmäßigkeit und Billigkeit, zwei jederzeit richtunggebende Grundsätze. Der o. Professor der Technischen Hochschule Wien, Hofrat Fr. Gruber, Präsident des Ingenieur- und Architektenvereines, erbaute in Wien die Albrechts- kaserne, den Aspangbahnhof, das Rudolfinerhaus und verfaßte die „Anleitungen für den Neubau von Kasernen und Militär-Spitälern“. Der oberwähnte F. Artmann ist der Erbauer des Verpflegsmagazins in der Brigittenau. Feldmarschallleutnant R. v. Peche — noch aus dem alten Genie-Comite übernommen — führte den Umbau des Militärgeographischen Institutes durch, und der Geniestabsoffizier ,'l. v. Fornasari war der Bauleiter der Technischen Militärakademie in Mödling und der Artilleriekadettenschule in Traiskirchen, zwei Schulbauten, mit denen man nach 1918 Staat machte und die auch jetzt noch zu begehrten Objekten im Staate zählen. Am Ende dieser Reihe steht der Feldzeugmeister J. E. v. Ceipek. Er schuf als neues Aufnahmeverfahren die Tachymetrie, war lange Redakteur der Mitteilungen des Komitees und erwarb sich im Hochbau bleibende Verdienste. Für den Bau der Garnisonskirche in Trebinje wurde er Ehrenbürger dieser Stadt und in der Halle des Regierungsgebäudes am Stubenring lesen wir seinen Namen als ersten auf den Marmortafeln, die zur Erinnerung an die Errichtung des Prachtbaues gestiftet worden sind. Ceipek war Bauleiter beim Bau des k. u. k. Kriegsministeriums in Wien, das von 1913—1918 der obersten militärischen Behörde der österreichisch-ungarischen Wehrmacht als Heim diente, das dann 1945 vandalisch durch Inbrandsetzung innen vollständig zerstört wurde, in seiner baulichen Ausführung aber doch derart widerstandsfähig war, daß es ohne allzugroße Opfer renoviert werden konnte. Die Namen könnten noch vervollständigt werden, wir könnten noch den Sappeurhauptmann Friedrich Musil als den Erschließer der Zistersdorfer Ölquellen oder den Graphiker Friedrich Teubel nennen, der als Artillerieoffizier dem Komitee zugeteilt war. Dann gäbe es noch viele Komiteeoffiziere, die außerhalb der Technik zu hohen Würden kamen, wie u. a. der Kriegsminister und Armeekommandant, Feldmarschall Freih. v. Krobatin, die Armeekommandanten v. Puhallo und A. Krauss, die Generalinspektoren Pucherna, Beschi, Skvor und Gologorski, der Südwestfront-Generalstabschef Konopicky, der Geniechef der Festung Przemysl Schwalb, der Theresienritter A. Lehar. Es dürften aber die genannten Namen hinreichen, um zu zeigen, wie viele ausgezeichnete Männer der k. u. k. Armee den technischen Wissenschaften erfolgreich gedient haben. Zu den unvergänglichen Schöpfungen und zum Erbe des k. u. k. Technischen Militärkomitees gehören seine Publikationen. Während die unzähligen technischen Dienstbücher, die das Komitee für jede neue Waffe, jedes neue Gerät verfaßte, von der Leuchtpatrone angefangen bis zu den umfangreichen Artillerie- Unterrichten und dem „Technischen Unterricht für die k. u. k. Pioniertruppe“, die heute nur mehr militärhistorischen Wert besitzen, behalten die vom Komitee herausgegebenen „Mitteilungen“ ihren bleibenden Wert, enthalten sie doch Beiträge zur Entwicklung fast aller technischer Fachgebiete aus der Zeit von 1869—1918. Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869—1918 53 1878 schrieb Johann Sterbenz bei Herausgabe seines Sach-Registers, es wären nun schon 20 Jahre vergangen: „Und doch sind namentlich in den Mitteilungen der Comites der beiden Spezialwaffen große Schätze wissenschaftlicher Arbeiten und praktischer Erfahrungen niedergelegt, die auch heute für Studienzwecke ungeschmälerten Wert besitzen.“ 14 Dasselbe gilt heute für die „Mitteilungen“, die 1919 ihr Ende gefunden haben. 1 >as k. k. Genie-Comite begann 1856 mit der Herausgabe von „Mitteilungen des k. k. Genie-Comites“, die sich 1865 „Mitteilungen über Gegenstände der Ingenieur- und Kriegswissenschaften“ nannten. Das Artillerie-Comit£ gab seinerseits 1857 die „Mitteilungen des k. k. Artillerie-Comites“, von 1866 an „Mitteilungen über Gegenstände der Artillerie- und der Kriegswissenschaften“ heraus. Nach der Errichtung des Technischen Militärkomitees erschienen an Stelle der beiden ebengenannten Schriften vom 1. Jänner 1870 an die „Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie- und Geniewesens“, die das Kennzeichen „G—68“ führten. Diese Mitteilungen gliederten sich in Aufsätze, Notizen, Bücherbesprechungen, Zeitschriftenschau und Patentangelegenheiten. Die Jahresbände hatten Stärken von 1000 bis 2000 Seiten nebst Beilagemnappen. Der letzte Band erschien noch 1919 als der 50. Jahrgang seit 1870, als der 62. seit 1857 und als der 63. seit 1856. Außerdem erschienen fallweise — im ganzen 64 — Supplement-Hefte „zu reserviertem Dienstgebrauch“. Einen Sammel-lndex zu dieser Reihe gibt es nicht, wohl hat aber jeder Einzelband einen sehr genauen Index. Das Register von Sterbenz wurde noch zum Teil ergänzt durch eine Extrabeilage zum Jahrgang 1869. 15 Die Sektion III veröffentlichte das „Militärstatistische Jahrbuch“, die „Sanitätsberichte des k. u. k. Heeres“ und „Statistische Berichte“. Das Komitee verfügte über eine ausgewählte Fachbibliothek mit etwa 20.000 Bänden aus 23 Wissensgebieten, die sich heute im Kriegsarchiv befindet. Für sie gilt das von den „Mitteilungen“ Gesagte. Mag sie schon seit einem halben Jahrhundert stillgelegt sein, sie enthält zur Geschichte der Technik aller Richtungen wertvollste Beiträge, denn auch die modernste Technik fußt immer wieder auf älteren und ganz alten Erkenntnissen. Nicht unerwähnt sei schließlich das Manuskript zu einem auf Anregung des Ingenieur- und Architekten-Yereines in Wien geplant gewesenen Werke „Technik im Weltkrieg“, zu welchem noch das Kriegsministerium und das Komitee bis 1918 Material sammelten. 16 Das Archiv des Technischen Militärkomitees ruht ebenfalls im Kriegsarchiv und stellt mit seinen 1624 Faszikeln und 382 Bänden von 1864—1920 eine wahre Fundgrube für Techno-Historiker dar. 17 Die Literatur zur Geschichte des Technischen Militärkomitees ist mehr als dürftig, was wohl damit zusammenhängt, daß gerade über dieses Institut 14 Joh. Sterbenz, Alphabetisches und chronologisches Sach-Register zu den „Mitteilungen über Gegenstände der Artillerie- und Kriegswissenschaften 1857—69“ und der „Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie- und Geniewesens, 1870—1876“, Wien 1878. 15 Genie-Comite, Inhaltsverzeichnis der Bände 1 —14 der „Mitteilungen über Gegenstände der Ingenieur- und Kriegswissenschaften, 1856 -1869“. 16 Kriegsarchiv, Manuskripte, MS, T., 85 Faszikel. 17 „Inventar des Kriegsarchivs Wien“, 1952. 54 Oskar Regele: Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees. stets das strengste Stillschweigen beobachtet werden mußte. Koloman Kiticsan schilderte das Komitee in einem bebilderten Aufsatz „Das k. u. k. Technische Militärkomitee“ in dem Sonderheft „Die Wehrmacht der Monarchie“, Nr. 10/11 von 1914 der „Modernen Illustrierten Zeitung“, über das Gesamtgebiet der vom Komitee bearbeiteten technischen Fragen orientiert das zweibändige Werk von Victor R. v. Niesiolowski-Gawin „Ausgewählte Kapitel der Technik“, Wien 1904. Für die technischen Neuerungen, die der Krieg 1914—1918 brachte, kommt als Quelle die amtliche Zusammenstellung „Neuorganisationen während des Krieges“, 18 die bis zum 15. September 1917 reicht, in Betracht. 18 Kriegsministerium, Abt. 5, Nr. 11.000 res. von 1917. Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1917. Uber die Captif-Schraube des Wilhelm Kress Von Oskar Regele Mit 1 Abbildung Vor nicht langer Zeit ging durch die Presse die Nachricht, daß in amerikanischen Großstädten die Postzustellung von nun an mit Hilfe von Hubschraubern, die auf den Dachterrassen landen, erfolgen wird, daß in Louisiana ebensolche Flugzeuge zur Versorgung der ölbohrstellen verwendet werden und daß der britische Transportminister den Hubschrauberverkehr im Herzen von London praktisch erprobt hat. Hatte schon der zweite Weltkrieg in der Entwicklung der Hubschrauber große Fortschritte gebracht, so wird man jetzt ruhig sagen können, daß dieses technische Problem des senkrechten Startens und Landens endlich seine Lösung gefunden, nachdem es die Menschheit von jeher beschäftigt hat. Auch Wilhelm Kress wandte dieser Frage größtes Interesse zu und seine Konstruktion einer Captif-Schraube stand lange im Vordergründe aeronautischer Versuche. Es sind jetzt 75 Jahre (1877) seit dem ersten gelungenen Modellflug, 51 Jahre (1901) seit dem ersten, vom Mißgeschick verfolgten Start des KRESs’schen Wasserflugzeuges und 61 Jahre (1891), seit der unermüdliche Erfinder „seine frei fliegenden Modelle von Flugapparaten, und zwar das Modell eines lenkbaren Drachenfliegers und das Modell einer Captif- Schraube“ 1 der Militärverwaltung vorgelegt hat. Seit dem Erscheinen der ausführlichen Darstellung von E. Kurzel-Runtscheiner 2 wird es w r ohl nicht mehr möglich sein, über Kress grundsätzlich Neues zu bringen, kleine Ergänzungen lassen sich aber noch immer aus bisher unerschlossenen Quellen heranholen. Über die technischen Einzelheiten der Captif-Schraube von Kress finden sich in der Luftfahrtliteratur genaue Angaben. 3 Diese auf Anregung des Militär- 1 Schreiben des W. Kress an das Reichskriegsministerium in Wien vom 30. September 1896, das sich im Luftfahrtmuseum des Kriegsarchivs befindet. 2 Blätter für Technikgeschichte, 10. Heft: „Wilhelm Kress. Ein österreichischer Pionier der Luftfahrt.“ Wien 1948. 3 Kress, W., „Captiv-Schraube“ in: „Zeitschrift für Luftseh if fahrt und Physik der Atmosphäre“, 6/1900, S. 125 ff., und „Aviatik. Wie der Vogel fliegt und wie der Mensch fliegen wird.“ Wien 1905. S. 35 ff. — Hoernes, H., „Buch des Fluges“, Wien 1911/12, Bd. Ill, S. 7 und 318.— Hämmerle, H., „Hubschrauber“ in: „Luftflotten“, Sonderheft der Mil.-wiss. Mitteilungen, Wien 1928 (Allgemeine Einführung). 56 Oskar Regele Komitees entworfene Captif-Schraube läßt sich nicht ohneweiters unter die Hubschrauber einreihen, denn sie war keine freifliegende Konstruktion, wie es die eigentlichen Hubschrauber mit direkt angetriebenen Schrauben oder die Autogyros mit Zugschraube und durch den Flugwind in Umlauf gesetzten Schrauben (Windmühlenflugzeuge) sind. Kress nannte ja selbst seine Konstruktion „Captif- Schraube“, weil sie ähnlich dem Captif-Ballon (Fessel-Ballon) mit der Erde ständig verbunden war, u. zw. durch ein Motorkabel. In einer Begutachtung durch das Technische Militär-Komitee findet sich die Feststellung: 4 „Es kann nur ge- Bild 1. Captif-Schraube von Wilhelm Kress Archiv Technisches Museum in Wien sagt werden, daß infolge des Umstandes, als bei der Captif-Schraube die eigentliche Kraftquelle von dem Flugapparate nicht mit in die Höhe zu nehmen und zu tragen ist (sondern nur das, den elektrischen Strom zuführende Kabel), die Verhältnisse für die Realisierung dieses Projektes erheblich günstiger liegen, wie für jeden anderen freifliegenden Flugapparat.“ In dem schon erwähnten Schreiben an das Ministerium vom 30. September 1896, in welchem sich Kress als „Techniker“ unterschreibt, wird ausgeführt, daß auf Anraten des Ministeriums vom 20. April 1892 statt eines zeichnerischen Projektes ein Modell hergestellt wurde und hiezu wörtlich bemerkt: „... Es ist ja allbekannt, wie schwer es für alle Erfinder, insbesondere aber für solche auf aeronautischem Gebiete ist, Unterstützung zu finden..., wurde mir in der Folge durch bescheidene pekunäre Unterstützung des genannten Hof rates Prof. Boltzmann und eigene Opfer schließlich möglich, eine Captif-Schraube in natura ausführen zu können; der beschränkten Geldmittel wegen allerdings nur in V 2 der wirklichen Größe... Dieser Flugapparat wurde im April d. J. (1896) 4 Sect. IV., Nr. 3/12 vom 27. Dezember 1897. Über die Captif-Schraube des Wilhelm Kress 57 soweit fertig, um die ersten fundamentalen Proben machen zu können, zu welchem Zwecke mir das... Militär-Komitee... gestattete, diese Versuche in seinen Lokalitäten... zu machen... Auf Grund dieser Versuche bin ich nun in der Lage zu sagen..., daß mein Apparat hinsichtlich seines Eigengewichtes, Kraftbedarfes und Hubvermögens tatsächlich genau jene Bedingungen erfüllt, welche Theorie und Rechnung... erfordern. Nur der elektrische Motor... wurde nicht... geliefert, wie bei der Bestellung ausbedungen..., statt der zugesicherten vollen Pferdestärke hat der gelieferte Motor... nur V 3 bis V 4 normale Pferdestärke... Es wäre daher ein nicht berechtigter Einwand, aus der Unzulänglichkeit des gegenwärtig vorliegenden Motors auf die Unbrauchbarkeit solcher Motoren für den gedachten Zweck überhaupt zu schließen... Aus dem Gesagten geht sonach hervor, daß ich den mir seinerzeit gestellten Bedingungen vollkommen entsprochen habe, da ich nunmehr nicht nur... Zeichnungen, sondern auch einen großen Versuchsapparat ganz in Stahl ausgeführt... habe...“ Kress bittet anschließend das Ministerium um neuerliche Begutachtung und Herstellung einer naturgroßen Captif-Schraube, was 8000 bis 10.000 fl. kosten würde. Dem Gesuch ist eine Schilderung der „Vorteile der Captif-Schraube gegenüber dem Captif-Ballon“ beigelegt, welche ein klares Erfassen des Problems und richtige Beurteilung auch vom militärischen Standpunkte zeigt. Als Vorteile werden genannt: 1. kleiner Wagenpark (1 Schrauben-, 1 Dampfmotor- und Primär- Dynamo-, 1 Kohlenwagen), oftmalige Aufstiegsmöglichkeit und geringer Betriebsstoffnachschub. 2. Unempfindlichkeit gegen Wind. 3. Einfacher Ortswechsel und geringe Erkennbarkeit durch den Feind. 4. Unempfindlichkeit gegen Beschießung und fallschirmartige Landemöglichkeit bei Versagen der Maschine. 5. Billigkeit. Statt vier Ballons können 14 Captif-Schrauben angeschafft werden, die außerdem keinen Gasnachschub brauchen, der beim Ballon „300mal teurer ist als ein Aufstieg der Captif-Schraube“. 6. Bewegungsfreiheit „soweit das Kabel reicht“, Möglichkeit des Aussetzens von Beobachtern über Hindernisse hinweg. Am Ende seiner Darlegungen sagt der Gesuchsteller: „Im letzten Jahrzehnt habe ich die mühevollsten Studien und Arbeiten nicht gescheut, um die für militärische Zwecke so wichtige Captif-Schraube mit Erfolg zur Reife zu bringen. In einem anderen Großstaate hätte ich wahrscheinlich schon längst Anerkennung und Unterstützung gefunden. Es war mir aber eine Gewissenssache, hier in Wien, in meiner zweiten Heimat, nichts unversucht zu lassen... ehe ich mich entschließe, meine flugtechnischen Fähigkeiten und... Erfahrungen anderwärts zur Verfügung zu stellen.“ Die Stellungnahmen des Reichskriegsministeriums und des Technischen Militär-Komitees 5 zur Frage der Captif-Schraube reichen in die Jahre 1891 bis 1898 und sie bringen wertvolle Aufklärungen, weshalb die KRESS-Captif-Schraube vor mehr als einem halben Jahrhundert nicht Wirklichkeit geworden ist. Am 9. Dezember 1891 wurde Kress verständigt, 6 daß seine eingesendete Skizze 5 Kriegsarchiv Wien, Abt. 3, Akten des Kriegsministeriums und des Technischen Militär-Komitees. 6 Technisches Militär-Komitee, Präs. 193/38—1891. 58 Oskar Regele noch kein Urteil zulasse und daß Detailpläne vorzulegen wären. Das Ministerium ließ am 20. April 1892 wissen, 7 daß es die Vorteile des Projektes nicht verkenne, daß man aber konkreten Versuchen erst nähertreten könne, wenn aus den Plänen die Wahrscheinlichkeit der Brauchbarkeit hervorgehe. Mit 8. Februar 1895 meldet der Präsident des Komitees, Feldmarschalleutnant Vogl, an das Ministerium: „Der einzige derzeit bekannte Konkurrent des Drachenballons, welcher denselben eventuell erfolgreich überflügeln könnte, ist die Captif-Schraube, welche im abgelaufenen Jahre auch in ein neues Stadium getreten ist. Der Erfinder derselben, Herr Wilhelm Kress, hat nämlich einen Geldgeber gefunden... kann dem Gelingen der Erfindung immerhin mit einiger Berechtigung entgegengesehen werden.“ Das Komitee berechnet den Kohlenbedarf für einen Captif-Schrauben-Auf- stieg mit 60 kg gegen 10.000 kg beim Ballon und die Kosten des Trains einer Schraube mit 25.000 fl. gegen 100.000 fl. beim Ballon. Von der Captif-Schraube wird gefordert, sie müsse bei Maschinendefekt zum Schutze des Beobachters als Fallschirm wirken, was Kress in seinem Gesuche vom 30. September 1896 dann zusagte. Ein Gutachten des Komitees vom 26. November 1896 8 enthält sehr eingehende Beurteilungen, über die im Komitee im Sommer 1896 durchgeführten praktischen Versuche heißt es, das 30 kg schwere Modell der Schraube brauche 1 HP zum Erheben. Mit dem vorhandenen Elektromotor der Firma Trouve- Paris, der statt der bestellten 1 HP bloß 0,57, für kurze Augenblicke maximal 0,8 HP besitze, sei ein Auftrieb von 16 kg erzielt worden. „Man kann daraus folgern, daß das Modell tatsächlich frei in die Luft aufsteigen würde, wenn eine ganze Pferdekraft den Flügeln zugeführt werde.“ Kress verlange — wird weiter ausgeführt — einen 15 HP-Motor, nicht schwerer als 150 kg. „Sollte die Herstellung eines Elektromotors von so minimalem Gewicht möglich sein, so ist unstreitig ziemliche Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß die Erzeugung einer Captif-Schraube, welche sich frei in die Luft zu erheben vermag, gelingen könnte.“ Das Komitee erklärt schließlich die von Kress gemachten Überlegungen als vollkommen richtig, beziffert das Risiko eines Versuches nur mit 5000 fl., da der Motor leicht eine andere Verwertung finden könne und kommt zum Schlüsse: „Wenn in Betracht gezogen wird, wie bedeutend größere Beträge von anderen Staaten auf aeronautische Experimente mit viel minderer Aussicht eines günstigen Erfolges verwendet werden... (folgen Hinweise auf die Luftschiff-Versuche!!)...“, müsse das Eingehen auf Versuche entschieden befürwortet werden. Der Kommandant der „Militäraeronautischen Anstalt“, Hauptmann Josef Trieb , 9 nahm ebenfalls eine durchaus positive Stellung ein und erklärte: „Da dem Projekt die Lebensfähigkeit nicht abgesprochen werden kann, hält das Kommando die Sache... für so wichtig, daß sie einer Förderung im Sinne der Bitte des Erfinders würdig ist.“ Ende des Jahres berichtete noch das Komitee dem Ministerium, 10 die Firmen Siemens und Halske, Wien, Ganz & Co., Budapest, und Oerlikon, Zürich, wären 7 Technisches Militär-Komitee, Präs. 7/11—1892. 8 Technisches Militär-Komitee, Sekt. IV., Nr. 1062—1896. 9 Zählte 1890 zu den ersten Militär-Ballonfahrern Österreichs und erbaute als General im Kriege 1914—1918 die Karst-Wasserleitung. 10 Sekt. IV., Nr. 1291 vom 12. Dezember 1896. Über die Captif-Schraube des Wilhelm Kress 59 bereit, den nötigen Motor zu liefern, das Ministerium möge nun eine Entscheidung treffen. Das Jahr 1897 brachte einen gewissen Abschluß der Verhandlungen zwischen den militärischen Stellen und dem Erfinder. Nachdem das Komitee im März „die Verwendung eines erübrigten Geldbetrages für die Ausführung eines Versuches mit der KRESS’schen Captif-Schraube genügend gerechtfertigt“ erachtete, schrieb das Ministerium am 4. Mai an Kress , 11 daß es zwar noch immer den Wert des Projektes nicht verkenne, aber doch keine Mittel dafür aufwenden könne, „da es speziell auf dem Gebiete der Aeronautik von Erfindungen, welche sich noch im Versuchstadium befinden, grundsätzlich keinen Gebrauch macht“. Das Ministerium werde, sobald eine verwendungs- fähige Captif-Schraube zur Verfügung stehe, diese erwerben und das Technische Militärkomitee könne die Bedingungen noch formulieren. Dem Ministerium ist diese Entscheidung keineswegs leicht gefallen, was aus dem Konzept der Erledigung zu erkennen ist. Ursprünglich lautete nämlich das Konzept dahin, das Ministerium sei im Prinzip bereit, zu zahlen, doch sollen vorher die Ansprüche bekanntgegeben werden. Dieser Entwurf ist dann durchgestrichen und im oben wiedergegebenen Sinne abgeändert worden. 12 Damit war aber die Angelegenheit noch nicht beendet, denn am 27. Dezember 1897 meldete das Komitee abermals dem Ministerium, 13 daß sich alle maßgebenden Stellen — Ministerium, Aeronautische Anstalt und Komitee — für eine Finanzierung der T ersuche ausgesprochen hätten und der Motor von Siemens und Halske mit 15—20 HP um 6000 fl. geliefert werden könne. Weiter „wird bemerkt, daß von den etwa 150 aeronautischen Projekten, welche das Militärkomitee seit dem Jahre 1884 zu begutachten hatte, dieses vorliegende Projekt einer Captif- Schraube von Wilhelm Kress das Erste und Einzige ist, welches zur wirklichen Ausführung beantragt wurde, weil für kein anderes Projekt die Chancen des Gelingens so relativ günstige wären, wie bei diesem... Die Versuche mit einer Captif-Schraube würden daher als grundlegend und entscheidend für die Frage der technischen Ausführbarkeit dynamischer Flugapparate überhaupt anzusehen sein und hätten daher auch im Falle des Mißlingens einen mindestens wissenschaftlichen Wert für das Problem der Luftschiffahrt...“ und abschließend wird gesagt: „...mit Hinweis auf die weitaus bedeutenderen Geldausgaben, die in Deutschland, Frankreich, Rußland für entschieden minderwertigere aeronautische Projekte gemacht wurden, kann daher das Militärkomitee nur... befürworten.“ Dieser neuerliche Appell des Komitee- Präsidenten v. Geldern-Egmond bewog nun auch wieder das Ministerium, sich weichherziger zu zeigen, und der Sektionschef Feldmarsehaileutnant R. v. Brunner — einer der um die technischen Fortschritte in der Armee meistverdienten Generale — traf die Entscheidung: „7. Abt. Die Angelegenheit energisch in die Hand nehmen und als dringend betrachten! B.“ 11 Reichskriegsministerium, Abt. 5, ZI. 831—1897. 12 Merkwürdigerweise liegt die an Kress ergangene Reinschrift, die aber die Spuren erfolgter Postbeförderung trägt und die tatsächlich abgesendet worden war, dem Akte bei. 13 Technisches Militär-Komitee, Sekt. IV., Nr. 3/12—1897. Technikgeschichte, 14. Heft. 5 60 Oskar Regele: Über die Captif-Schraube des Wilhelm Kress Auf Grund dieser Verfügung erhielt das Militär-Komitee am 16. Jänner 1.898 eine neue Weisung, nämlich, vor Eingehen auf einen Versuch mit naturgroßer Schraube zunächst noch die Sicherheitsfaktoren für den Fall eines Kabeldefektes zu untersuchen und mit dem in halber Größe verfertigten Modell Fallversuche anzustellen. Die Kosten dieser Versuche trage das Ministerium. 14 Zu einer konkreten Weiterentwicklung ist es aber nicht mehr gekommen, so daß es eigentlich bei der Entscheidung vom 4. Mai 1897 blieb. Um die Jahrhundertwende fanden bekanntlich die Versuche mit dem Wasserflugzeug statt, die wegen des mangelhaften Motors scheiterten und Kress in seinen Arbeiten weit zurückwarfen. Die Geschichte seiner Captif-Schraube zeigt eindeutig, daß er in dieser Frage sehr richtig vorausgesehen hat und daß die militärischen Faktoren die Bedeutung der Erfindung zutreffend eingeschätzt haben. Kress flössen zwar keine überreichen Mittel zu, doch kann man nicht sagen, man hätte ihn nicht gefördert. 15 Der Armee fehlten auf jeden Fall die Mittel und die Technik der Motoren hielt mit den Ideen noch nicht Schritt. Wenn man bedenkt, daß 1914 keine einzige der kriegführenden Armeen einen Hubschrauber besaß, daß alle Armeen nicht nur bis 1918, sondern sogar noch im zweiten Weltkriege da und dort den Fesselballon benützten, dann scheint es wohl auch in Österreich richtig gewesen zu sein, sich in einem Experiment nicht zu weit vorzuwagen, das noch keine absolut sicheren Aussichten bot. Auch die Reichen unter den Staaten haben es nicht getan. 14 Kriegsministerium, Abt. 7, Nr. 6884—1897. 15 Das KRESS-Komitee zahlte 20000 fl., Kaiser Franz Joseph I. spendete 5000 K und gewährte dem Erfinder eine Lebensrente, die Sammlung Miller-Aichholz brachte 13500 K, Erzherzog Leopold Salvator bot 10000 K. (Hoernes, „Buch des Fluges“, Bd. Ill, S. 318 f.) Beginn der Erzeugung von Ferrolegierungen für die Edelstahlerzeugung in Österreich Von Franz Fattinger, Stübing Mit 1 Abbildung Als im Herbst 1914, teilweise unerwartet, der erste Weltkrieg ausbrach, kam die österreichische Eisen- bzw. Stahlindustrie immer mehr in die Bedrängnis, den Mangel an Rohmaterialien, in erster Linie Ferrolegierungen, irgendwie zu beheben, denn bisher wurde dies alles aus dem Auslande bezogen. Die österreichischen Firmen, wie Gebr. Böhler und Co., Poldihütte usw., bemühten sich daher, Lieferanten zu finden und regten eine, mit Hilfe des Kriegsministeriums durchzuführende Erzeugung im Inlande an. Dazu waren aber in erster Linie Rohmaterialien notwendig, die in Österreich kaum oder gar nicht vorhanden waren. Diese ernste Sachlage wurde durch die Entwicklung des ersten Weltkrieges immer kritischer. Zuerst die größeren Firmen, dann über deren Drängen das Kriegministerium brachten diesen Verhältnissen großes Verständnis entgegen. Es wurden an alle in Frage kommenden Industrien Aufforderungen gerichtet, Mitteilungen über die Möglichkeiten der Beschaffung von Rohmaterialien und deren Verarbeitung in Österreich zu machen. Unter anderem wurden auch die Treibacher Chem. Werke, deren Generaldirektor ich damals war, eingeladen, sich zu äußern. Ich beschäftigte mich schon einige Zeit damit für die Treibacher Werke, deren beinahe alleiniges Arbeitsgebiet Cereisen und Feuerzeuge waren, weitere Einkommensmöglichkeiten zu schaffen, und hatte schon längere Zeit auch die Ferrolegierungen für Stahlfabrikation in Betracht gezogen und diesbezüglich meine Vorstudien bearbeitet und geleitet und meine Mitarbeiter in dieser Richtung beauftragt, Durch die durch mich geschaffenen Werkstätten, insbesondere eine große Schlosserei mit entsprechenden Ingenieuren und Arbeitern, war es mir möglich, in Treibach selbst einen kleinen Elektroofen zu bauen, in dem ich die notwendigen Versuche zur Aufarbeitung von Rohmaterial durchführen konnte. Ich hatte das Glück, auch die richtigen eifrigen Mitarbeiter zu finden, unter denen ich besonders Betriebsleiter Karl Matulka und Ing. Fritz Goebel hervorheben möchte. Es gelang mir, mit deren Hilfe einen kleinen Elektroofen zu bauen, der einige hundert Kilogramm Material pro Tag verarbeiten konnte und sehr anpassungsfähig war. Als erstes Erzeugnis war Ferromolybdän ins Auge gefaßt, da für dieses Produkt österreichische Beschaffungsmöglichkeiten bestanden. In den Betrieben der Bleiberger Bergwerksunion waren durch viele Jahrzehnte Abfälle bzw. Halden angesammelt 5 * 62 Franz Fattinger worden, da man die inolybdänführenden Bleierze für weniger geeignet hielt. Die Bleiberger Union kam nun auf die einfache Idee, diese vorhandenen Halden, hauptsächlich durch Frauenarbeit, durchklauben zu lassen, die an dem Aussehen erkenntlichen molybdänhaltigen Bleierze auszuscheiden, wodurch mit einem Schlag wesentliche Molybdänerzmengen zur Verfügung standen. Ich hatte in Treibach die Vorarbeiten für die Aufarbeitung dieser Erze auf Ferromolybdän schon studiert und durchgeführt, so daß ich, als ich die Aufforderung zur Äußerung erhielt, nicht nur schriftliche Mitteilungen machen, sondern sofort damals an die Firma Böhler Muster von Ferromolybdän übermitteln konnte. Die Firma Böhler sandte mit größter Beschleunigung ihren Oberingenieur Rossipai. nach Treibach, denn die ganze Angelegenheit war ja für die Munitionserzeugung, d. h. Kriegsführung, von wesentlichem Interesse. Leider ist Herr Ing. Rossipal damals einem Straßenbahnunfall zum Opfer gefallen. Die Arbeiten gingen aber weiter. Die Bleiberger Union lieferte das molybdänhaltige Rohmaterial, die Trei- bacher Chemischen Werke verschmolzen es, und so begann die Erzeugung von Ferromolybdän in Österreich. Schwierigkeiten traten nur auf, weil sich die Firmen, welche das Ferromolybdän durch das Kriegsministerium zugeteilt erhielten, über die Quote natürlicherweise erst einigen mußten. Dies wurde jedoch bereinigt, und durch den immer größer werdenden Bedarf an Ferrolegierungen wurde auch das Problem der Beschaffung immer wichtiger. Ferrolegierungen enthalten neben dem Hauptmetall und Eisen stets die üblichen Eisenbegleiter in mehr oder weniger großer Menge. Diese Begleitelemente, und besonders der Kohlenstoffgehalt, können für die Herstellung und den Anwendungszweck der Ferrolegierungen ausschlaggebend sein. Das Herstellungsverfahren richtet sich im hohen Maße nach dem chemischen Verhalten des Metalls und seiner Verbindungen und nach dem geforderten Reinheitsgrad und Kohlenstof fgehalt der Legierung. Für die Herstellung kommen folgende Verfahren in Betracht: '1. Die Reduktion mit Kohlenstoff im Hochofen, 2. die Reduktion mit Kohlenstoff im Elektroofen, 3. die silikothermische Reduktion im Elektroofen, 4. die aluminothermische Reduktion im Tiegel ohne äußere Wärmezufuhr. Ich bemühte mich, Rohmaterialien aus dem Auslande zu bekommen, ebenso hatten alle interessierten Firmen das gleiche Interesse, Rohmaterial zu beschaffen und umarbeiten zu lassen. Die Treibacher Chemischen Werke haben dementsprechend so weit als möglich Vorarbeiten in ihren Laboratorien und Werkstätten geleistet. Es gelang einigemal, Rohmaterial verschiedener Art trotz der Verhinderungsversuche des Auslandes hereinzubringen und aufzuarbeiten. Längere Zeit war es möglich, insbesondere nach dem ersten Weltkrieg, Wolfram-Rohmaterial, welches in erster Linie aus China stammte, zu beschaffen. Ganz interessant war eine zufällige Gegebenheit, daß im Flugstaub der Schiffe, welche Rohöl verfeuern, wesentliche Mengen Vanadin enthalten sind, so daß Treibach außer Molybdän-, dann Wolfram- und Vanadin-Ferrolegierungen liefern konnte. Ich habe damals in Villach ein größeres vom Militär freigewordenes Objekt erworben und dort eine Ferrolegierungsfabrikation eingerichtet, welche bis heute Ferrolegierungen für die Edelstahlerzeugung in Österreich 63 liefert. Es wurden dort große Mengen von Ferrowolfram, Ferromolybdän, Ferrovanadin erzeugt. Auch Ferrochrom- u. a. Legierungen wurden zeitweise versucht. Dadurch wurde der Stahlindustrie das nur aus dem Auslande bis dahin zugängliche Rohmaterial an Hand gestellt. Mit allen möglichen in Frage kommenden Rohmaterialien, wie Chrom, Wolfram, Molybdän, Vanadin, Titan usw. wurden die entsprechenden Versuche durchgeführt, um jene Produkte, welche in Österreich trotz des Mangels an Rohmaterial aus ausländischem Rohmaterial Bild 1. Elektroofen in der Villacher Elektrohütte zur Erzeugung von Ferrolegierungen für die Edelstahlindustrie *#•%. t #>> durch österreichischen Geist und durch österreichische Arbeit rationell hergestellt werden können, zu schaffen. Über die wirtschaftliche und technische Größe des Problems gibt ein Artikel der Metallwirtschaft 21 (1942, Nr. 23/24, Seite 358 und 359) Auskunft und Angaben über die schwedischen Verhältnisse. Es gelang mir damals, in der Elektrohütte Villach einen neuen Elektroofen zu konstruieren und zu bauen, der an Stelle der bisher benützten vertikalen Regulierungen der Elektroden auch eine horizontale Regulierung und damit eine bessere Einteilung des Elektrodenkreises ermöglicht, so daß ich in dem einen Ofen viele verschiedene Legierungen oder Produkte hersteilen konnte. Dadurch ist in Villach damals schon die Grundlage für die Entwicklung der Ferrolegierungsindustrie in Österreich in die Wege geleitet worden. Joseph Mauritius Stummer von Traunfels Von Hedwig Gollob Mit 9 Abbildungen Die Baukunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trägt eine Zwiespältigkeit in sich. Einerseits gibt dieses Zeitalter der technischen Konstruktion mit seinem experimentellen Wesen bestimmte Direktiven, anderseits sind aber auch starke, von der Dichtung und Malerei kommende Impulse am Werk. Selbst wenn diese Romantiker in der Baukunst jener Jahre mit ihren überaus reichen und phantasievollen Entwürfen einsetzten, so bindet der mathematisch-konstruktive Geist jede vorgehabte Konzeption. Darum sehen damals die Stilnachahmungen der Gotik, die das Ideal der Romantik waren, wesentlich anders aus als die Vorlagen der Vergangenheit. Die mathematisch-fiktive Linie erscheint gegenüber der intuitiven, von anderen geistigen Vorstellungen beherrschten Ideeneinstellung des 14. und 15. Jahrhunderts. Es war ein Zeichen von Unkenntnis der Situation, wenn beim Vergleiche solcher gotischer Originale mit den Bauwerken von Meistern des 19. Jahrhunderts ungünstige Qualitätsurteile gegen diese ausgesprochen wurden, denn die Grundlagen der vergangenen Kunst des ausgehenden Mittelalters waren wesentlich durch das eigene Kunstwollen bedingt. In den Formen des 19. Jahrhunderts aber war ein anderer Wille mit voller Berechtigung vorherrschend. Ein Fehler wurde bei der Betrachtung der Baukunst des 19. Jahrhunderts darin begangen, daß man allzu sehr die Eroberung der konstruktiven Form von der äußerlichen künstlerischen Form zu trennen glaubte. Der künstlerische Sinn zeigt sich ebenso in der Art der Beherrschung und Verwendung der konstruktiven Möglichkeit. Die konstruktiv arbeitenden Architekten waren gleichsam die Vorläufer der heutigen Auffassung der Baukunst und diese Richtung befand sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in großem Aufschwung, doch wurde sie reaktionär von einer wundervollen Romantik überschlagen. Es hat den Anschein, als wären diese beiden Richtungen ideell einander feindlich gegenübergestanden. Schließlich kam doch die Romantik zum vollen Siege. Erst um die Jahrhundertwende trat die hochentwickelte konstruktive Richtung mit ihren Forderungen auf, was zu dem Resultate führte, daß Hedwig Gollob: Joseph Mauritius Stummer von Traunfels 65 heute in der breiten Masse ein wahrer Vernichtungskampf gegen jede „Schmuckform“ die Oberhand gewann. Jene Vorkämpfer der technischen Richtung dürfen wir kaum in der Privatbaukunst suchen, sondern die Bauten des technischen Fortschrittes und der Organisation, der Bahnhofsbau und die Bahnanlagen, die Brückenbauten, die Gestaltungen der Industrie, des Bankwesens und des öffentlichen Dienstes werden ihr Arbeitsbereich. Ein Hauptmeister dieser Richtung in Österreich war Joseph Mauritius Stummer. Er ist als Sohn des Maurermeisters Matthias Stummer am 18. März 1808 in Korneuburg geboren. Die Familie stammte wohl aus dem Traungaue, wo sie noch heute verbreitet ist. Das in späteren Jahren Architekt Stummer von Kaiser Franz Joseph verliehene Adelsprädikat der Stummer von Traunfels dürfte auf jene Verbundenheit hinweisen. Nach Absolvierung der sogenannten Normalhauptschule in Korneuburg besuchte der junge Stummer das humanistische Gymnasium in Wien zuerst bei den Schotten und dann an der alten Universität. Anschließend studierte er von 1823 bis 1827 an der technischen Abteilung des Polytechnischen Institutes in Wien, der späteren Technischen Hochschule. In der gleichen Zeit vollendete er seine Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste in Wien unter der Leitung Peter Nobiles. Während dieser theoretischen Lehrzeit lief auch seine praktische Schulung. In den jeweiligen Ferien arbeitete er unter Leitung seines Vaters im Baugewerbe als Maurerlehrling in Korneuburg, so daß er 1826 den Lehrbrief des Maurerhandwerkes, das ist das „Diplom des gesamten Handwerkes der Steinmetze und Maurer in Korneuburg“ erwarb. 1 In den Ferien des Jahres 1830 leitete er den Bau der Dampfbäder im k. k. Militärspital in Wien sowie den Bau eines kleinen Wohnhauses für die k. k. Wasserbaudirektion an der großen ärarischen Donaubrücke zu Zwischenbrücken. Im Jahre 1831 kehrt er an die Technik zurück und beginnt als Assistent der Lehrkanzel für Baukunst seine Laufbahn an dieser Anstalt. In jener Stellung blieb er Bild. 1. Josef Mauritius Stummer von Traunfels 1 Vergleiche die Lebensdaten im sogenannten „Stummer- Archive“ im Besitze des Univ.-Professors Rudolf Stummer von Traunfels in Kranzeihofen bei Velden am Wörthersee und in den beiden Personalakten im Wiener Eisenbahnarchiv. 66 Hedwig Goelob bis 1833 und wurde dann mit der Supplierung der Lehrkanzel nach dem Ausscheiden Prof. Purkinjes betraut. Im selben Jahre wird er Bauleiter des von seinem Vater übernommenen Zubaues zum Allgemeinen Krankenhause in Wien. Im Jahre 1836 wird er vom Kaiser zum Professor der Lehrkanzel ernannt. Seine umfassende Tätigkeit an den Reformen des methodischen Unterrichtes in seiner Eigenschaft als Lehrer am Polytechnischen Institut ist vielfach gewürdigt worden. * 2 3 4 Im Jahre seiner Ernennung erscheint Stummer das erstemal im Eisenbahnwesen. Es galt dem Ausbau der Pferdeeisenbahn bei Greinburg a. d. Donau sowie einzelner Objekte im Bereiche dieser Verkehrsanlage, wie die Pferdeschwemme und der Holzrechen bei Greinburg a. d. Donau. Diese lokalen Pferdeeisenbahnen fin ff flu i Entwurfskizze Stummers Bild 2. Technische Hochschule Wien, Lehrkanzel für Hochbau (Prof. Merinsky) sind charakteristische Erscheinungen für den innerösterreichischen Eisenbahnbetrieb, welcher sich nur in solchen kleinen Teilstrecken bewegte, zum Unterschied von den Linien der südlichen Privat- und Staatsbahnlinien sowie jener der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn. Diese machen auf uns noch heute den Eindruck eines einheitlichen Konzeptes, wohl darum, weil sie auf dem von Franz Xaver Riepl verfaßten Gesamtplan einer Eisenbahnverbindung quer durch die Habsburger Monarchie — Bochnia, Wien, Triest — fußen. So entwickelt sich in den Dreißiger jahren jener Komplex von Arbeitsbereichen, der für Stummers ganzes Leben richtunggebend wurde. Die großen Staatsbauten, die Industriebauten und der Eisenbahnbau. Ein sprudelnder Strom von künstlerischen Ideen bewegt sein Gemüt. Die aus diesen Jahren stammenden Mappen seiner Entwürfe und Projekte, welche sich heute im Archiv der Lehrkanzel für Hochbau an der Wiener Technischen Hochschule befinden, legen dafür Zeugnis 2 Vgl.: 1. Exner, W. F., Das Polytechnische Institut in Wien, Wien 1861. 2. Die k. k. Technische Hochschule in Wien 1815—1915, Gedenkschrift hg. v. Professorenkollegium, red. v. J. Neuwirth, Wien 1915. 3. Lechner, A., Geschichte d. Technischen Hochschule in Wien, Wien 1942. 4. Czautscher, Fr., Die oberösterreichischen Eisenbahnen von 1832—1882, Diss., Universität Wien 1951. Joseph Mauritius Stummer von Traunfels 67 ab. Er ringt um die monumentale Form und sieht in den klassischen Architekten Serlio und Palladio seine Vorbilder. 3 Neue Raumideen, wie sie der junge Industriestil verlangte, brechen völlig mit überkommenen Vorstellungen. Die Organik des Baues, ausgehend von seinem Arbeitszweck, wird der Ausgangspunkt aller Entwürfe. Großzügig und klar sind die Gliederungen der Mauerflächen, die keine Detailwirkung aufkommen lassen. Stummer müht sich seit 1835 um Planzeichnungen für den Ausbau des Polytechnischen Institutes, welches bis dahin nur aus dem Nordtrakte bestand. Im Jahre 1836 hat er die Zeichnungen für den südwestlichen, südlichen und den großen Hoftrakt mitsamt den Stiegenhäusern fertig und krönt das Ganze durch den freundlichen Pavillon im zweiten Hofe, saammm ■111I I m»mm W Entwurfskizze Stummers Bild 3. Technische Hochschule Wien, Lehrkanzel für Hochbau (Prof. Merinsky) welcher 1951 umgebaut wurde. Die Zeichnungen sind noch heute in Mappen auf der genannten Lehrkanzel der Technischen Hochschule einzusehen und wurden 1945 in verdienstvoller Mühe entborgen und sachgemäß geordnet. Am 2. April 1835 genehmigte der Kaiser Architekt Stummer den Auftrag des „polytechnischen Institutsbaues für die Gewerbe-Produkten-Ausstellung“ und überträgt ihm die Leitung des Baues „mit der Erwartung, daß Stummer das durch sein Projekt und seine bisherige Verwendung begründete Vertrauen zu recht- fertigen sich bemühen wird“. 4 Der Bau wurde 1839 fertig und Stummer bekam auch eine Summe bewilligt, um den vorhandenen Nordtrakt seinem Konzeptionsschema entsprechend zu restaurieren. Am 18. Mai dieses Jahres hat der Kaiser „dem Professor Stummer aus Anlaß der soliden Ausführung des Institutsbaues und der hiebei erzielten bedeutenden Ersparung, indem seine bei der Leitung des Baues entwickelte angestrengte Tätigkeit, musterhafte Rechtlichkeit und bewährte praktische Sachkenntnis zur Erreichung eines so günstigen Resultates 3 Vgl. Gollob Hedwig, Prof. Joseph Mauritius Stummer. In: Veröffentlichungen der Lehrkanzel f. Hochbau (Prof. Merinsky) a. d. Techn. Hochschule Wien. Heraklith- Rundschau Heft 11. Radenthein 1951. 4 Vgl. Personalakt. 68 Hedwig Gollob ganz vorzüglich beigetragen haben, demselben das allerhöchste Wohlgefallen zu bezeigen und ihm eine Belohnung von 1500 flkz. zu bewilligen geruht“ (Abb. 4). Stummer hing immer mit großer Liebe an dem Institut. Er war der Schwiegersohn .1 oh. Joseph Prechtls, des Direktors des Polytechnischen Institutes geworden. Er war es auch, der die Aufstellung der von Tilgner ausgeführten Büste Prechtls vorschlug. Leider ist Stummer am 12. Februar 1891, noch vor den Feierlichkeiten der Denkmalenthüllung, plötzlich gestorben. 5 Bild 4. Technische Hochschule Wien, Lehrkanzel für Hochbau (Prof. Merinsky) Entwurf Stummers für den Ausbau der Technischen Hochschule Wien. Grundriß Im gleichen Jahr, in dem er mit dem Bau der Technik begann, erhielt er einen großen industriellen Auftrag, den Bau der Brauerei Held. Ferner muß in jener Zeit seine Tätigkeit bei der Nordbahn einsetzen. Jedenfalls wird anläßlich seiner Erwählung zum technischen Direktor dieses jungen Unternehmens im Jahre 1843 seine frühere Arbeit im Bereiche der Bahn anerkennend erwähnt. Er tritt dort an die Stelle Alois Negrellis, des Generalinspektors der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, welcher 1842 zu der Staatsbahn abging. Schon diese Stellvertretung bezeugt eine gewisse Wertschätzung Stummers im Eisenbahnbau. Mag sein, daß seine Beschäftigung in diesem Bereiche die Veranlassung war, daß er sich sehr stark für den konstruktiven Wert des Eisens interessierte, welches ja für den Hochbau eine große Bedeutung erreichen sollte. Der Eisenbahnbau war die Wiege des Eisenhochbaues geworden. Es ist verständlich, daß Stummer, als er im Jahre 1838 von der k. k. n.-ö. Landesregierung zum Mitglied der Stephansturmkommission ernannt wurde, gemeinsam mit Archi- 5 Vgl.: Reden, gehalten von Prof. J. Kolbe und stud, techn. Rudolf Berger bei der Enthüllung der PRECHTL-Büste an der k. k. Technischen Hochschule in Wien, am 11. Juni 1892. Joseph Mauritius Stummer von Traunfels 69 tekt Prof. Wilhelm Sprenger, dem späteren Hofbaurat, versuchte, beim Umbau des Turmhelmes zu dessen Sicherung eine Eisenkonstruktion einzubauen. Die Arbeiten an diesem Wiener Denkmal dauerten bis 1844. Bei der Vollendung der so bearbeiteten Spitze erhielt Stummer zum Zeichen der allerhöchsten Zufriedenheit den Ausdruck des Wohlgefallens. Leider hat sich diese Konstruktion, wie sich zwanzig Jahre später herausstellte, nicht bewährt und Stummer wurde unter Kardinal Rauscher neuerdings mit der Restaurierung des Stephansturmes betraut. Es war dies gewiß ein sehr ehrenreiches Arbeitsgebiet, das ihm hier übertragen wurde. Daneben liefen aber weitere Aufträge der öffentlichen Industrie. 1840 erhält er mit Dekret der allgemeinen Hofkammer vom 24. März den Auftrag, daß er „das Projekt für die Tabakfabrik in Schwaz in Tirol entwerfe“. Am 21. August teilt ihm der Vorstand der k. k. Tabakfabrik-Direktion Wien mit, daß die hohe allgemeine Hofkammer infolge Dekretes vom 8. d. Mts. „mit Vergnügen den Anlaß ergriffen, dem Professor Joseph Stummer für die mühevolle und gediegene Arbeit der Baupläne für die Tabakfabrik zu Schwaz eine Remuneration von 500 fl. zu bewilligen“. Im August machte Stummer über Beschluß der k. k. Hofkammer 1842® eine Studienreise nach Trient und Schwaz, „um die dort bestehenden und auf die notwendigen Neueinrichtungen der Schwazer Tabakfabrik Einfluß nehmenden Verhältnisse zu erheben“. Der Großteil der Pläne ist in einer Mappe des derzeitigen Archives der Lehrkanzel für Hochbau (Prof. Merinsky) an der Technischen Hochschule erhalten. Am 24. Februar 1846 ersucht die gleiche Tabakfabrik-Direktion Stummer zu dem von ihm verfaßten Projekte eines Adaptierungsbaues für eine aus einem Teile der k. k. ärar. Porzellanfabrik in der Rossau herzustellende Zigarrenfabrik einen Vertragsentwurf hinsichtlich ihrer Ausführung vorzulegen. 6 7 Man sieht aus diesen Berichten, daß Stummer als Angehöriger der Hofkammer und deren Architekt gerade den industriellen Teil in der Hand hatte, während Sprenger doch mehr für die Repräsentationsbauten allein zugezogen wurde. Allerdings trat Stummer später auch hier, wie wir sehen werden, an seine Seite. Stummers Eigenart bestand eben darin, daß er die konstruktiven und technischen Forderungen vollkommen beherrschte. So war damals das Problem der Beheizung der Staatsraumbauten, sowie anderer größerer Objekte in den Vordergrund gerückt. Wie wir aus den Zeichenmappen sehen, hat sich Architekt Stummer schon frühzeitig mit Beheizungskonstruktionen beschäftigt und die Herstellung der Militär-Dampfbäder, sowie ein besonderer Auftrag der Regierung beweist hier seine Fachkenntnisse. Es war ja selbstverständlich, daß die für die Zwecke der österreichischen Verwaltung in großen Dimensionen errichteten Gebäude auch eine heiztechnische Problematik in sich bargen. Im Jahre 1841 „beschließt im Aufträge des Finanzministeriums die Direktion des Polytechnischen Institutes in Wien die Errichtung einer sachverständigen Kommission zur Untersuchung, auf welche Weise die öffentlichen Ämter und Anstalten in zweckmäßigerer und billigerer Weise geheizt werden könnten: durch Ver- 6 Personalakt. 7 STUMMER-Archiv. 70 Hedwig Gollob bessernng der Heizapparate, Heizanlagen und Heizmethoden, durch Wahl besseren Heizmaterials müßte dieser Zweck erreicht werden können und damit eine entsprechende Herabsetzung der Verwaltungskosten zur Folge haben.“ 8 Von Seiten der Direktion des Polytechnischen Institutes wird Stummer zum Mitgliede dieser Kommission ernannt. Als Vorstand dieser wird von Seiten des Regierungspräsidiums Hof rat Freiherr von Lago ernannt. Wie wichtig damals diese Dinge genommen wurden, bezeugt ein Dankschreiben der Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1849 an Stummer für seine Arbeit über Entwurf und Kostenüberschlag eines Gebäudes zur Analyse und Untersuchung von Kohlen (Dampfkesselgebäude). Schließlich mußten ihm ja diese wissenschaftlichen Studien gerade als technischer Hauptfaktor der Nordbahngesellschaft zu Nutzen gereichen. Aus diesen und ähnlichen Vorfällen ersehen wir, daß Stummer mit einer gewissen Vielseitigkeit auf die aktuellen technischen Situationen eingestellt war. Als Vorstand der Lehrkanzel der Bauwissenschaften war auch der Land- und Wasserbau in seinem Arbeitskreise; so wurde er „infolge Dekretes des hohen k. k. n.-ö. Regierungspräsidiums zum unbeteiligten technischen Sachverständigen bei der Kommission zur Untersuchung des unzweckmäßig, wenig dauerhaften und schon öfters zerstörten Wasserfluders in der Thaya bei Laa“ aufgestellt (1841). Der größte Teil der öffentlichen Arbeiten wurde Stummer als Mitglied jenes Hofkammer-Baukomitees zuteil, in welches er am 17. März 1843 berufen worden war. Sein Arbeitsbereich in diesem Zusammenhänge war „die Ausführung aller zur angemessenen Unterbringung des allerhöchsten Hofstaates und der öffentlichen Ämter und Anstalten angeordneten Bauten“. 9 In dieser höchsten Stelle, die ein österreichischer Architekt erreichen konnte, arbeitete er mit Sprenger zusammen, der ja gerade so wie er aus der Schule Nobiles an der Akademie hervorgegangen war. Wir dürfen uns in keiner Weise von der späteren, völlig aus dem Kreise der Romantik abgeleiteten Literatur beeinflussen lassen, welche gegen diese Linie der funktionellen Architektur eine so scharfe Stellung nahm und welche meist von Nichtwienern hier eingeführt, von der Regierung später so sehr gefördert wurde. Gewiß hat auch die Romantik für Wien eine leider noch zu wenig geschätzte großartige Rolle gespielt und wir werden sehen, wie vorsichtig gerade im Fall Stummer anfangs von der Regierung zugunsten beider Parteien eingegriffen wurde. Während Sprenger scheinbar der neuen Richtung unversöhnlich gegenüberstand, so war es gerade die Regierung, welche bestrebt war, Stummers Organisationsgenie in den Dienst der romantischen Form zu stellen. Nun drängte sich aber an Stummer ein ganz großes neues Arbeitsgebiet heran, das sind die Neubauten der Wiener Banken. Das alte Bankogebäude in der Singerstraße wurde vorläufig von Stummer mit einem dritten Stockwerk erweitert und nach den Berichten aus dem STUMMER-Archiv reichlichst ausgestattet. Im Jahre 1843 überträgt nun „Seine Exzellenz der Herr Präsident der k. k. allgemeinen Hofkammer, Freiherr von Kübeck, dem Hofkammer-Bau-Comitö- 8 Personalakt. 9 Personalakt. Joseph Mauritius Stummer von Traunfels 71 Mitgliede Professor J. Stummer die Vorarbeiten für die Baulichkeiten am großen und kleinen Banko-Hause, bestehend im Prospekte und Vorausmaßen, Kostenüberschlägen und Antrag über die Art der Ausführung“. Hier handelt es sich um eine große bauliche Angelegenheit in del Herrengasse, in welcher eine Art Regierungsviertel des neuen Wiens geplant war. Gemeint ist mit dem großen Bankohause der Komplex der Nationalbank und mit dem ursprünglichen kleinen Bankohause auf dem TRAUNschen Grunde, wie es im STUMMER-Archive heißt, der auf dem Boden des damals abgebrochenen Palais Traun geplante Bau, zu welchem dann der Eckgrund des Hauses zum Engländer, gelegen Ecke Herrengasse-. 1 Ei in I Bild 5. Das große Banko-Gebäude in der Herrengasse (Nationalbank) Archiv der Stadt Wien (Rathaus) Strauchgasse, zugezogen wurde. 10 Durch die Zusammenziehung der beiden Gründe wurde aus dem ursprünglich kleineren Projekte das große Börsen- und Bankhaus, welches in seiner romantischen Komposition Ferstel zu bearbeiten hatte. Wie rasch Stummer arbeitete, geht daraus hervor, daß bereits am 23. Jänner 1844 „Seine Excellenz der Herr Präsident der k. k. allgemeinen Hofkammer das von Professor Joseph Stummer vorgelegte Projekt, betreffend des großen Banko- hauses mit Interesse durchgesehen hat und zollt der Meisterschaft, mit welcher die Pläne, Vorausmaße, Kostenüberschläge und Baubedingungen harmonisch ineinandergreifen und sich zu einem großartigen und in allen Details wohlüberlegten Ganzen gestalten, seine volle Anerkennung“. * 11 „Seine Majestät haben mit allerhöchster Entschließung vom 13. Juli 1. J. auf Grundlage des von Prof. Stummer gelieferten Bauprojektes die Ausführung der Bauten am großen Banko- gebäude zu genehmigen geruht und Seine Excellenz der Präsident der k. k. allgemeinen Hofkammer Freiherr von Kübeck drückt dem Professor J, Stummer 10 Eine Abbildung des ehemaligen Palais Traun befindet sich im Besitze der Grafen Traun und eine Abbildung des Hauses „Zum Engländer“ im Archive der Stadt Wien. 11 Personalakt. 72 Hedwig Gollob rücksichtlich seiner mühevollen und wohl gelungenen Ausarbeitung die vollste Anerkennung aus und rechnet auf dessen Geneigtheit, den Bau von Zeit zu Zeit persönlich zu besichtigen und hievon der Dikasterial-Gebäude-Direktion als Bauleitung seinen bewährten Rat angedeihen zu lassen (Wien am 9. August 1844).“ Die Baulichkeiten für das sogenannte kleine Bankogebäude wurden vorläufig verschoben und erst am 3. November 1855 erfahren wir, daß „der Bankgouverneur J. Pihsnitz dem J. Stummer für das Gutachten über die vorgelegten Projekte des neuen Bankgebäudes an der TRAUNschen Grundfläche in der Herrengasse“ dankt. 12 Das neue Bankgebäude sollte Ferstels Geschick für seine Lauf- Bild 6. Das FERSTELsche Bankgebäude in der Herrengasse Archiv der Stadt Wien (Rathaus) ’% * '-I '/M Jt Alf n,-, HJh.fi- mm 'dm,* L- .i» f, '%%> ä*sm bahn entscheiden. Dennoch gab man Stummer die Aufgabe der organisatorischen Revision der eingereichten Pläne. Dieses verständnisvolle Zusammenarbeiten Stummers mit den Baumeistern der Wiener Romantik erreichte das äußerst günstige Resultat, daß der Drang der Romantiker nach rein künstlerischer Konzeption durch Stummer im Rahmen der technischen Organisation des Baues gehalten wurde. Es ist dies eine damalige Stellung Stummers, welche sich bei einigen Bauten Wiens erweist. Dieses Eingreifen des technisch-organisatorischen Fortschrittes in den rein formalen Arbeitsbereich der österreichischen Romantik gereichte dieser sicherlich zum Vorteil. In jenem oben zitierten Akte vom November 1855 heißt es auch ausdrücklich „Seine Excellenz der Herr Bankgouverneur Josef Pihsnitz dankt dem Professor Joseph Stummer für die Sorgfalt und das mühevolle Eindringen in Einzelheiten der Bedürfnisse der Anstalt, mit welcher das abgegebene Gutachten über die vorgelegenen Projekte des neuen Bankgebäudes verfaßt wurde. Seine Excellenz spricht zugleich die achtungsvollste Anerkennung für das aus, was in dem Gutachten so kunstgerecht und takt- 12 STUMMER-Archiv. Joseph Mauritius Stummer von Traunfels 73 voll hervorgehoben wurde und der Nationalbank für ihr praktisches Vorgehen zum Leitstern dienen kann. Seine Excellenz behält sich vor, im Verlaufe der Vorbereitung zum Neubau noch einmal an die bewährte künstlerische Erfahrung des Professors zu appellieren. Josef Pihsnitz.“ Wir erkennen aus diesen Zeilen, wie sehr auch künstlerisch die Mitwirkung Stummers an dem Bau erwünscht war. Eine ganz ähnliche Funktion hatte Stummer bei dem heute abgetragenen Neubau der Credit-Anstalt. „Der Verwaltungsrath der k. k. priv. Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe hat den Professor Joseph Stummer einstimmig zum Mitgliede des niedergesetzten Comit£s .. v 2 ' 'rAj# S&i Bild 7. Regierungsgebäude in der Herrengasse 1846 —1848 Archiv der Stadt Wien (Rathaus) gewählt, dessen Beurteilung für den Neubau der Credit-Bank eingegangenen Concurs-Pläne unterzogen werden. Der Professor wird daher gebethen sich dieser Mühewaltung zu unterziehen. Die k. k. priv. Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe Wien, am 11. Mai 1857.“ Am 10. Juni desselben Jahres hält sich diese Anstalt für verpflichtet, „dem Professor J. Stummer ihren wärmsten Dank für die große Bereitwilligkeit, Ausdauer und Gewissenhaftigkeit auszusprechen, mit welcher sich derselbe der so anstrengenden und zeitraubenden Beurtheilung der eingegangenen Baupläne unterzogen hat. A. Frh. v. Rothschild. Richter, m. p.“. Ein Jahr darauf ergibt sich eine ähnliche Arbeitssituation. „Die israelitische Kultusgemeinde drückt dem Professor Joseph Stummer ihren tiefgefühltesten Dank aus für die künstlerische Anschauung und geistvolle Kritik bei Gelegenheit der Beurtheilung der vorgelegten Projekte für das Bethaus, sowie für den erprobten Rath und glänzend bewährte Erfahrung, welchen der Professor auch bei der technischen Ausführung des Baues mitwirkte und sich durch sein geistiges Zeitopfer ein dankbares Gedächtnis in den Annalen der hiesigen israelitischen 13 Personalakt. 74 Hedwig Gollob Gemeinde begründet hat. Der Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde... 27. Oktober 1858.“ 14 Es handelt sich bei dem zitierten Baue um die FÖRSTERsche Synagoge in der Leopoldstadt. Das Erfreulichste an den erwähnten Tatsachen ist das Eingreifen der höheren Stellen und Gemeinschaften, um die technische Durchgestaltung des Bauvorhabens in die richtigen fortschrittlichen Bahnen zu lenken. Die Hauptarbeit Stummers als technischer Konsulent und künstlerisch entscheidender Faktor war das neue Itegierungsgebäude in der Herrengasse. Im Jahre 1846 heißt es in seinem Personalakte: „Seine Excellenz der Herr Präsident Bild 8. Das erste Aufnahmsgebäude des Wr. Nordbahnhofes (1839) Archiv der Stadt Wien (Rathaus) * * i i -/fssa '■mn f/1 ! Häl V- -C" der k. k. allgemeinen Hofkammer Freiherr von Kübeck schreibt: Die mit Bericht vom 23. d. Mts. mir vorgelegten Ergebnisse der von Ihnen mit Umsicht und Eifer gepflogenen Verhandlungen zur Erzielung größerer Ersparungen bei der Sicherstellung mehrerer Arbeiten und Lieferungen zum Baue des neuen Regierungsgebäudes haben sich in der angedeuteten Richtung so günstig herausgestellt, daß ich mich dadurch veranlaßt finde, Ihnen hierüber meine besondere Anerkennung mit der Überzeugung auszudrücken, Sie werden auch bei den künftigen diesen Bau betreffenden Verhandlungen, welche ich ganz nach Ihrer Andeutung eingeleitet habe, in ihrem ersprießlichen Wirken fortfahren. Zugleich setze ich Sie in Kenntnis, daß ich den n. ö. Regierungs-Präsidenten eingeladen habe, Sie als ständiges Mitglied der bei der Regierung zur Ausführung des Baues niedergesetzten Commission einzuberufen. Kübeck.“ Am 14. Juni 1848 spricht das Präsidium der k. k. n. ö. Landesregierung „bei Gelegenheit der Auflösung des Bau- Comites für den Bau des neuen Regierungs-Gebäudes dem Comite-Mitglied Joseph 14 SrmiMER-Archiv und Personalakt. Joseph Mauritius Stummer von Traunfels 75 Stummer die Anerkennung für die gehabte Mühewaltung aus (unterzeichnet) Lamberg .“ 14 Diese Nachrichten sind für die Baugeschichte des Regierungsgebäudes sehr wichtig. Zwei Jahre vorher erhält Stummer seinen größten Auf- t rag aus öffentlichen Mitteln, das ist das Hauptpostgebäude. Am 21. Oktober 1846, Z. 566 B. C. heißt es in seinem Personalakte: „Seine Excellenz der Herr Präsident der allgemeinen Hofkammer Freiherr von Küreck hat aus der Äußerung des Professors Joseph Stummer mit Beruhigung die Bereitwilligkeit entnommen, daß derselbe die zu entwerfenden Pläne, Vorausmaßen und anderen damit verbundenen Ausarbeitungen für das künftige Central-Post-Gebäude in der verhält-. Jmm W ßf* t | • Bild 9. Nordbahnhof (I. Bau) Innen Aus: Die Kaiser Ferdinands-Nordbahn Sekt. 1. Wien Rohrmann. Ohne Jahr ca. 1850 nismäßig kurzen Frist bis Ende November d. J. vorzulegen erklärt, und sogar ferner: Ich übertrage Ihnen Herr Professor als Mitglied des Hofkammer-Bau- Comites dadurch förmlich die anschließende Leitung dieses Baues. Kübeck .“ 15 Es war ein großzügiges Bauvorhaben, wobei das alte Bauwerk des Mautgebäudes mit Aufsetzung eines dritten Stockwerkes zum Mitteltrakte wurde und das abgetragene Barbarastift als Baustelle für den rechten Seitentrakt vorgesehen war. Der Platz für den linken Seitentrakt sollte durch Ankauf eines der Häuser Nr. 662 oder 663 geschaffen werden. Außerdem waren die GEROLD-Gründe und seine Lage am Dominikanerplatze vorgesehen. Im 2. und 3. Stock des rechten Seitentraktes sollte die damalige Generaldirektion der Staatsbahnen untergebracht werden. 10 Damit berühren wir aber ein Arbeitsgebiet Stummers, welches gleichsam sein zweites künstlerisches Lehen bedeutete. Die technischen Arbeiten der 1836 gegründeten Kaiser Ferdinands-Nordbahn waren das wichtigste Experimentierfeld des österreichischen und vielleicht europäisch-kontinentalen Eisenbahnwesens geworden. Mit beispielloser Energie und Schaffensfreude waren einzelne Idealisten is 15 Personalakt. 16 STUMMER-Archiv. Technikgeschichte. 14 Hefe. 76 Hedwig Goelob und voraussichtige Männer an deren Ausbau heran gegangen. 17 Nach Überwindung einiger Terrainschwierigkeiten war der für seine Zeit mächtige Nordbahnhof in den Jahren 1837 und 1838 fertiggestellt worden und bedeutete damals in seiner rationellen Organisation eine Musterleistung eines Aufnahmsgebäudes. Die strenge Trennung für die Obliegenheiten der ankommenden Personen und Güter von den abfahrenden sowie die gesamte Einteilung der Lagerräumlichkeiten und der Gebäude für die Betreuung des Wagenparkes und der aus England bestellte^ Lokomotiven ist wohlbedacht. Das Gebäude selbst erhielt eine ausgesprochen vornehme Note und erweist in seiner Nordfassade eine gewisse Ähnlichkeit mit dem damals im Ansbau befindlichen Komplexe der Technik in Wien. Die FÖRSTERSche Bauzeitung hat darüber im Jahre 1839 die ersten von ihr gestellten Normen für solche Bahnhöfe veröffentlicht. Stummer muß damals nach dem Wortlaut seiner Ernennung in die Direktion bereits im Arbeitskreise (1er Nordbahn tätig gewesen sein. Ein Vergleich mit den Zeichnungen seiner Projekte erweist gewisse Ähnlichkeiten mit dem Bahnhofsbau. Im Jahre seiner Erwählung in die Direktion war die Nordbahn in Verhandlung über den Weiterbau der Strecke Brünn—Olmütz und Leipnik—Oderberg. Ebenso war die Verbindung nach Ungarn über Gänserndorf und die Stockerauer Strecke in Planung. Ferner stellte sich heraus, daß der erst wenige Jahre bestehende Nordbahnhof den neuen Anforderungen nicht mehr genügte und eine organisatorische Umgestaltung verlangte. Diesem Bau wurde unter Stummers technischer Direktion insofern eine Neubearbeitung zuteil, ids man wohl die monumentale Front und das Gebäude der Abfahrt im Norden beibehielt und nur eine gewisse Verbindung mit den anschließenden Bauteilen durchführte; neu geplant aber mußten die Itemisen und die Werkstätten werden. Ebenso wurde das Magazin der Güteraufbewahrung vergrößert. Ein sehr interessantes Spiel ergab sich um den Ausbau (1er Linien, weil sich hier langsam aber stetig eine Konkurrenz mit den Staatsbahnlinien entwickelte, die schließlich zu dem bekannten jahrelangen Streite der Nordbahn mit der Staatsbahn führte. 18 Stummer übernahm dabei eine äußerst wichtige Rolle, die ihm große Ehrungen brachte. Seine ganze Aktion allerdings war nur dadurch möglich, weil er sich als langjähriger Architekt der Hofkammer mit Baron Kübeck entsprechend auseinandersetzen konnte, welcher ein wichtiger Faktor der Staatseisenbahnlinie war. Als Ingenieur war Stummer der Ansicht, daß nur technisches Eingreifen in die schwebenden Fragen die Situationen retten könnte. Der Angelpunkt des Einsetzens der nördlichen Staatsbahnlinien in den Bereich der Nordbahn war einerseits der Ausbau der Oderberger Strecke, welche durch verschiedene finanzielle Schwierigkeiten der Nordbahn, die immer mit sehr reellen Mitteln vorging, verzögert wurde, anderseits die Verbindung Olmütz—Prag—Bodenbach. Unter 17 Vgl. für das folgende: a) Geschichte der Eisenbahnen d. österr.-ung. Monarchie. Bd. 2. b) Kupka, P. F.: Die Eisenbahnen Österr.-Ungarns 1822—1867. c) Die ersten 50 Jahre d. Kaiser Ferd. Nordbahn 1836—1886. Wien (1886). 18 1. Die staatsrechtliche Bedeutung d. Streites d. Nordbahn geg. d. Staatsbahn. Wien, 1861. 2. Der Streit zw. d. Staatsbahn u. d. Nordbahn. Wien 1861. 3. Loewenfeld, F.: Die Kinderjahre d. Kais.-Ferd.-Nordbahn. Wien 1881. Joseph Mauritius Stummer yon Traunfels 77 Stummers Direktiven wurde nun der Streckenbau tier Linie nach Oderberg energisch in die Hand genommen, er selbst übernahm die Ausführung des technisch schwierigen Teiles. Berühmt wurde seine Oderbrücke bei Oderberg, für welche technische Großtat er vom preußischen König den roten Adlerorden erhielt. Am 10. Mai 1814, nach Vollendung der Leipnik—Oderberger Strecke „fühlt sich die Direktion der Nordbahn verpflichtet, Stummer für die energische tatkräftige Mitwirkung bei der Herstellung der Leipnik—Oderberger Bahnstrecke ihren wärmsten Dank auszusprechen, da dessen angestrengte Bemühungen ganz besonders zur glücklichen Eröffnung derselben am festgesetzten Tage beitrüg." Weiters richtete Stummer seine Gedanken auf die Ausgestaltung der Olmütz- Prager Linie und so bittet schließlich am 29. September 1848 der Minister für öffentliche Arbeiten das Polytechnische Institut, an welchem Stummer Professor war, ihn für die Untersuchung der Bahnstrecke Olmütz—Prag beiziehen zu dürfen. Damit arbeitet er im Bereiche der Nordbahn als deren technischer Direktor an dem Ausbau der Staatseisenbahn. Allerdings über Prag hinaus hat die technische Leitung der Nordbahn scheinbar nicht mehr eingegriffen, denn Stummer lag es vor allem daran, gerade jene Strecken, welche organisch im Wesen der Nordbahn lagen, in der Hand zu behalten. In diese Arbeitszeit fallen auch zwei brückentechnische Leistungen, welche Stummer im Sinne staatlicher Transporte mustergültig durchführte. Das eine war die plötzliche Zerstörung der Pontonbrücke bei Oderberg, bei welchem Ereignisse sich Stummer zufällig an Ort und Stelle befand und in anerkannt rascher Weise den Wiederaufbau durch führte. In einer ähnlichen Situation während der Kampfhandlungen gegen das aufständische Ungarn war 1849 durch Eisgang auf eine Länge von 120 Klafter die große Donaubrücke zerstört worden und es war Stummers viel gepriesenes Verdienst, in der für damalige Zeiten unerhört kurzen Zeit von 51 Tagen diese Strecke in Doppelgeleise wieder aufgebaut zu haben, während aktenmäßig von der Baubehörde mindestens 90 Tage errechnet worden waren. So waren Material und die großen Truppentransporte, welche die Kriegführung in LTngarn veranlaßten, bei Stummers „spezieller und ausschließlicher persönlicher Verantwortung des Baues und Transportes“ in prächtiger Weise zugunsten des österreichischen Unternehmens durchgeführt worden. Der Regierung war es vor allem darum zu tun gewesen, daß sich durch Stummers energisches Handeln keine große Unterbrechnung des Verkehres ergeben hatte und sogar die schweren 11 Lokomotiven samt Tender baldigst oder, wie es heißt, „binnen einigen Tagen über die Donau gebracht werden konnten“. Im Jahre 1858 hat Stummer beim Brande der großen Inundationsbrücke in Lundenburg rettend eingegriffen, wobei er „in erstaunlich kurzer Frist“ die Strecke wieder fahrbar machte. Durch solche Leistungen und das prompte Eingreifen Stummers in die Probleme der Nordbahn war er ein wichtiger Faktor in dem Existenzkämpfe der Nordbahn geworden. Die Staatseisenbahn, der nun die einst der Nordbahn an- gehörigen Ingenieure Francesconi und Negrelli zur Verfügung standen, war bei dem Ausbau ihrer nördlichen Strecken, wie wir sahen, allmählich zu dem Resultat gekommen, auf dem Wege der Nordbahn die Trasse durchführen zu lassen. Damit war bis zu einem gewissen Grade die Lage gerettet worden. Dies 6* 78 Hedwig Gollob änderte sich aber insofern, als diese nördliche Staatshahn an eine französische Gesellschaft üblen Namens und voll Speknlationsgeistes abgetreten wurde. Im Gegensatz zu dem soliden Entwicklungsgang der österreichischen Nordbahn, welche technisch selbst eine große Entwicklung hinter sich hatte, wollte dieses neue französische Unternehmen im Besitz der bereits ausgebauten Bahnen vollauf gegen die Nordbahn auftreten und in hinterhältiger Weise eine Parallelstrecke nach Wien mit Anschluß an die südlichen Staatsbahnlinien durchführen. Die Nordbahn hat nun in diesen schweren Zeiten Stummer zum Präsidenten erwählt; er war der richtige Mann, welcher sich durch seine technischen Leistungen die Geneigtheit der Regierung zu sichern und mit seiner bekannten Energie die Situation der Nordbahn zu ordnen verstand. In einem geradezu klassisch geformten Promemoria der Nordbahn an die Staatsverwaltung wurde im Hinblick auf das Privilegium die niedrige Art des Vorgehens der französischen Spekulanten gegeißelt. Doch dies war nicht so sehr das Entscheidende geworden, als vielmehr, daß Stummer durch technische Arbeiten und sein berühmtes Nordbahntableau, das er in den Weltausstellungen von Paris und London mit großem Erfolge ausstellte, die unumstößliche Bedeutung dieses Unternehmens in aller Welt kundgab. Der Kaiser ehrte ihn für seine Rührigkeit und Zurschaustellung der österreichischen Leistung auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens mit der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft und schließlich wurde von der Regierung der Staatseisenbahngesellschaft der Ausbau der Parallelstrecke verboten. Es w r ar dies ein glänzender Erfolg der Präsidentschaft Stum- mers. Die Direktion ehrte ihn mit einer Überreichung von 25 Nordbahnaktien im Werte von je 1000 Gulden und weiteren Geldgeschenken. 19 Stummer ergriff nun im Sinne des Willens der Staatseisenbahnverwaltung die Initiative und erbrachte einen großen Entwurf für eine einheitliche zentrale Wiener Bahnhofsanlage. Er verwirklichte den Wunsch der Staatseisenbahn nach einer Verbindung des Nordbahnbereiches mit den südlichen Linien dadurch, daß er bei der Planung eines heuen Nordbahnhofes nicht nur die neuen Bestimmungen der Kommission des Vereines deutscher Eisenbahnverwaltungen in musterhafter Form durchführte, sondern auch auf dem Wege der Nordbahn die Verbindungsbahn zur Südbahn gestaltete. Aus dem alten Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof machend, ließ er die verbindende Strecke vom Nordbahnhof selbst ausgehen, so daß in einer für den Staat sehr billigen Weise die seinerzeit erstrebte Nord-Süd-Richtung erreicht wmrde. Die Verbindung des Güterbahnhofes mit dem Güterverkehr der Donau erzielte er durch eine völlig neue Führung der Gütergleise, wobei gerade die Bestimmung der Deutschen Eisenbahnvenvaltung bezüglich der Trennung des Güterbahnhofes von der Strecke in genialer Weise durchgeführt und ausgenützt wmrde. Die Betriebe der Eisenbahnwerkstätten waren unter seiner Leitung nach Floridsdorf verlegt worden und haben dort eine große Entw icklung für den Bau des Fahrparkes erlebt. Stummer hatte sich nun im Jahre 1867 aus dem Arbeitsgebiete der von ihm sosehr geschätzten Technik als Lehrperson zurückgezogen, um sich ganz dem Eisenbahnwesen zu widmen. Seine Tätigkeit an der Technik allerdings 19 S r ummer Archiv. Joseph Mauritius Stummer von Traunfels 79 war von großem Erfolg für die Ausgestaltung des Unterrichtes geworden; und er hatte zum Abschluß seiner Tätigkeit eine monumentale statistische Arbeit über die Entfaltung des österreichischen Unterrichtswesens gemacht, welche ebensolche Ruhmeszüge machte, wie sein früheres Nordbahntableau. Sie wurde schließlich in das Büro des Staatsministers übertragen und dort ausgestellt. Für das Eisenbahnwesen nun gänzlich frei geworden, greift er auch in den Bereich der südlichen Linien über. Er leitet, vom Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Bauten zum Obmanne des Schiedsgerichtes ernannt, die Rückführung und Rückübergabe der südlichen Staatsbahnen und leitet in ähnlicher Funktion die Übernahme der Wien-Gloggnitzer Bahn in die Ararialregie. Auch im Arbeitsgebiete der Verbindungsstrecken der Südbahn wie der Semmeringtrasse war Stummer beschäftigt. Seine Mitwirkung bei der Durchführung der sogenannten Kärntnerbahn muß eine bedeutende gewesen sein, da sich bei Abschluß der Arbeiten Graf Thurn im besonderen verpflichtet fühlte, ihm seinen Dank auszu- sprechen. Auch hier war er überdies dann bei der Übernahme dieser Bahn in die Regie der Gesellschaft der lombardisch-venezianischen Centralitalien-Bahn am Werke. Es handelt sich in solchen Fällen wohl meist um die Bereinigung und Angleichung administrativer und tariferer Verhältnisse. In seine Tätigkeit an dem südlichen Eisenbahnnetze fällt auch sein umsichtiges Eingreifen bei dem Transporte der päpstlichen Freiwilligen im Jahre 1859 und 1860 nach Triest und zurück, wofür ihm der Papst am 12. Mai 1865 den St. Gregor-Orden Civil- klasse verliehen hatte. Der Eisenbahntransport in Kriegsfällen wurde damals für besonders wichtig angesehen und ein klagloses Zustandekommen solcher Beförderungen sehr gewertet. Im Jahre 1867 nimmt er an der Ausgestaltung der Theißbahn teil und wirkt 1871 als Präsident des Verwaltungsrates an der Lun- denburg—Nikolsburg—Grußbacher Strecke. Nun erweiterte sich auch der Wirkungskreis der Nordbahn nach Galizien; Stummer wurde in den Ausschuß der Carl-Ludwigsbahn ernannt. In den letzten Jahren erhielt er eine Reihe großer Auszeichnungen. Bei seinem Scheiden von der Technik, 1867, mit dem Titel eines Regierungsrates geehrt und wegen seines bewunderungswürdigen Verhaltens im Falle der Nordbahn mit dem Titel eines Hofrates bedacht, erreichte ihn gerade als Eisenbahnfachmann vom Kaiser die höchste Auszeichnung, indem er am 1. Jänner 1866 durch Verleihung des österr. Ordens der eisernen Krone in den erblichen Adelsstand derer von Traunfels erhoben wurde. 1867 wurde er im Vereine mit anderen berühmten Technikern der Eröffnung des Suezkanales beigezogen. In den letzten Jahren, noch bei der Ausarbeitung von Beschlüssen des Vereines deutscher Eisenbahnverwaltungen tätig, wirbt er auch für humanitäre Einrichtungen und wird 1872 Präsident der Moritz Freiherr v. KÖNioswARTER-Stiftung für Witwen und Waiseü nach nicht pensionsfähig gewesenen Beamten und Dienern von Kommunikationsinstituten und Banken. Im Jahre 1882 legte er seine Präsidentschaft an der Nordbahn zurück und beschloß sein arbeitsreiches Leben am 12. Februar 1891 in Wien. Ausdrucksvoll hatte anläßlich seiner Ernennung zum Hofrat der damalige Handelsminister Johann Ritter von Chlumecky sein Wesen mit folgenden Worten charakterisiert: „An der Spitze der Kaiser Ferdinands-Nordbahn steht durch lange Jahre 80 Hedwig Gollob: Joseph Mauritius Stummer von Traunfels ein Mann, welcher ein tatenreiches Leben hinter sich hat und mit gerechter Befriedigung auf die Werke seines Schaffens in verschiedenen Zweigen des öffentlichen Lebens zurückblicken kann: Joseph Stummer Bitter von Traunfels.“ Die literarischen Werke Joseph Stummers (Zusammenstellung bei C. Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, 40. Teil. Wien 1880) 1. Bildliche Darstellung der Geschichte der Kaiser Ferdinands-Nordbahn. Geschrieben 1852—1853 und in Druck erschienen Wien 1885. 2. Eisenbahn-Karte der wichtigsten Routen in Europa (Wien) 1859. 3. Engineering, deutsche Ausgabe dieser Techn. Wochenschrift, Wien 1874—1877. 4. Frommes österr. Ingenieur-Kalender, Wien 1875—1889. 5. Graphische Darstellung der vorteilhaftesten Eisenbahnrouten von Wien nach Stationen deutscher und continentaler Bahnen. Wien 1859. 6. Practische Anleitung zum Tracieren der Eisenbahnen. Weimar 1867. 7. Graphische Darstellung der Gliederung der österreichischen Lehranstalten. (Tabellen, welche für die Londoner Ausstellung gemacht wurden.) 8. Stummers Ingenieur. Herausg. (1874—1877, vgl. Nr. 3). Urkunden und Quellen zum Leben Joseph Stummers 1. Personalakten im Archiv des Eisenbahnministeriums. 2. Stemmet? - Archiv bei Univ.-Prof. Rudolf Stummer v. Traunfels in Kranzeihofen bei Velden am Wörthersee. 3. Entwürfe und Zeichnungen im Archiv der Lehrkanzel für Hochbau an der Technischen Hochschule in Wien. Mitteilungen und Berichte Die Enthüllungsfeier der Nikola Tesla-Büste im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien Mit 4 Abbildungen In Anwesenheit von Vertretern der amerikanischen, jugoslawischen und österreichischen Regierung sowie in Anwesenheit zahlreicher Festgäste wurde Büste Nikola Tesla am 29. Juni 1952 vor dem Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien die von Professor Ivan Mestrovic modellierte Büste des erfolgreichen Forschers Nikola Tesla feierlich enthüllt. Die Festrede hielt der Direktor des Technischen Museums, Dr. Josef Nagler, die hier wiederholt werden soll, weil sie das Leben und das Wirken Nikola Teslas anschaulich schildert. 82 Die Enthüllungsfeier der Nikola TESLA-Büste „Wir haben uns heilte hier zusammengefunden, um die Büste eines Mannes zu enthüllen, der einer der genialsten Menschen unserer Zeit war. Die Büste Nikola Teslas, die der berühmte jugoslawische, in Amerika lebende Bildhauer Ivan Mestrovic modelliert hat, die in Zagreb gegossen und von der jugoslawischen Regierung dem Technischen Museum aus Anlaß des im nächsten Jahr stattfindenden Internationalen Nikola TESLA-Kongresses gewidmet wurde, die Büste eines Mannes, der zwar kein NoBEL-Preisträger war, obwohl er es mehrfach verdient hätte, auf den die Welt aber stolz sein kann. Ein Mann, den drei Staaten für sich reklamieren. Österreich, weil Tesla als Alt-Österreicher in einem damals zu Österreich gehörigen Orte, Siniljan, Provinz Slika, Kroatien, im Jahre 1856 geboren wurde, in der alten österreichisch-ungarischen Monarchie, in Graz und Prag, studierte, in Wien im Jahre 1908 zum Dokter der technischen Wissenschaften ehrenhalber ernannt wurde und in Ungarn wissenschaftlich tätig war: Jugoslawien deshalb, weil der Geburtsort Teslas jetzt zu diesem Staate gehört; und nicht zuletzt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die diesem Genie die Gelegenheit boten, sich erst richtig zu entfalten, da die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Verwirklichung der Ideen Teslas in keinem anderen Lande so gegeben waren, wie dort. Tesla hat die Treue zu seiner Heimat zeitlebens bewahrt und war auch fern von ihr gerne mit seinen Landsleuten beisammen; er blieb auch in der Neuen Welt ein Kind seines Geburtslandes. Es ist schwer, mit wenigen Worten diese einzigartige Persönlichkeit zu schildern, bei der das Schaffen von seinem Leben nicht so leicht getrennt werden kann, weil man nur so seine wissenschaftlichen Erfolge wie auch seine finanziellen Mißerfolge verstehen kann. Er war Techniker und zugleich Idealist. Die Technik war ihm ein Mittel, soziale Ziele zu erreichen, der Menschheit zu helfen. Dieser Technik hatte er sich verschworen und seine Liebe zu ihr ging soweit, daß er ihr seine ganze Kraft widmete und sich deshalb vom weiblichen Geschlechte fernhielt, da er der Meinung war, daß er, falls er geheiratet hätte, in seinem Schaffen gehindert worden wäre. So lebte er nur für sich, bescheiden zurückgezogen, bald hier, bald dort, praktisch immer ohne eigene Wohnung. Wohnen und Schlafen waren für ihn nur unangenehme Notwendigkeiten des menschlichen Daseins. Forschen und Entwickeln waren seine Leidenschaften, ihnen opferte er seine Nachtruhe, sein Geld und bisweilen auch seine Gesundheit. Man kann nicht behaupten, daß er eine kräftige Konstitution sein eigen nennen durfte. Als Kind und auch noch in jungen Jahren, war er oft nahe daran, sein Leben frühzeitig zu beenden. Die Krankheiten, die Tesla mitmachte, waren eigener Art. Es scheint fast so, als ob seine Nerven durch seine intensive Gedächtnisarbeit wie Vampyre seinen Körper ausgesaugt hätten, und daß allein seine gute Erbmasse immer wieder den Sieg über alle Erkrankungen davongetragen hat. So wuchs Tesla von vielen Krankheiten geplagt, heran, alle Alterskollegen an Intelligenz weit überflügelnd. Sein sehnlichster Wunsch war, Techniker, und zwar Elektrotechniker zu werden. Die Grazer Technische Hochschule, die er besuchte, vermittelte ihm das Wissen seiner Zeit, bereitete ihm aber auch manche Enttäuschung, da er seiner Epoche weit voraus war und — vorerst nur in seinem Unterbewußtsein — die Die Enthüllungsfeier der Nikola TESLA-Büste 83 spätere durch ihn geschaffene Entwicklung vorausahnte, ohne jedoch schon imstande zu sein, seine genialen Ideen bis in die letzten Konsequenzen zu verwirklichen. Fast wäre er an seiner genialen Idee selbst irre geworden, als man ihm in einer Vorlesung die Unhaltbarkeit seiner Gedankengänge auseinandersetzte. Zwar schwer getroffen durch die mit allen Mitteln der Rhetorik und Logik geführte Widerlegung seiner Ideen, hielt er indes doch in grenzenlosem Selbstvertrauen an ihnen fest. Tesla ging nach Prag und beendete dort 1880 an der Universität seine Studien. Nun erstrebte er eine Anstellung bei einer bedeutenden Firma* da er der Meinung war, nur in einem ganz großen Unternehmen Verständnis für seine Pläne zu finden. Er ging nach Budapest, aber er mußte dort annehmen, was sich ihm darbot, er war ja noch unbekannt — ein Absolvent der Hochschule — sonst nichts in den Augen der Industrie — ein Anfänger —. Ja, er w T ar ein Anfänger, aber ein Wegbereiter einer neuen Epoche der Elektrotechnik. Was Michael Faraday entdeckte, das baute Tesla aus. Der Wechselstrom hatte es ihm angetan. Schon nach zwei Jahren, im Jahre 1882, gelingt ihm der große Wurf, er entdeckt das Drehfeld. W T ieder einmal erfaßt Tesla ein Taumel der technischen Begeisterung, ekstatische Freude, er weiß, er hat recht. Die Firma aber, bei der er arbeitete, wurde verkauft, und Tesla kam zum alliierten Unternehmen nach Paris. Er setzte große Hoffnungen auf Paris; dort, meinte er, sei der Ort, wo man für seine Ideen empfänglicher sein würde, von wo aus sich die Erfindung in alle Welt ausbreiten könnte. Statt aber an seinem Drehfeld arbeiten zu können, mußte er sich bei der Continental Edison Company dem Gleichstrom widmen. Er reparierte Gleichstrommaschinen und Motoren und wurde sehr bald Entstörer. Er konstruierte automatische Regler, half der Firma in schwierigen Situationen, hatte aber keinen Dank. In Straßburg, wo er für sie tätig war, konstruierte er einen Dynamo für Zweiphasen-Wechselstrom und einen Induktionsmotor. Es war für ihn einer der erhebensten Momente seines Lebens als der Motor, vom Generator gespeist, sich zu drehen begann, und als er die Umlauf - richtung des Drehfeldes änderte, sich in entgegengesetztem Sinne drehte. Tesla war damals erst 27 Jahre alt; er hielt eine Vorführung seiner Erfindung vor dem Straßburger Bürgermeister und den Straßburger Finanzleuten ab, Erfolg gleich Null. — Nach Paris zurückgekehrt, erlebte er neue Enttäuschungen; man prellte ihn um sein gutes Recht. Obwohl Tesla das Geld nur als ein notwendiges Übel der Zivilisation betrachtete, war er von solchem Verhalten angewidert und kündigte seine Stellung. Nun blieb ihm noch Amerika übrig. Dort hoffte er, für seine Ideen einen guten Boden vorzufinden. Aber auch hier hatte er anfänglich mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Er kam mit Thomas Alva Edison zusammen. Doch diese zwei so genialen Köpfe waren grundverschieden in ihrem Wesen. Edison war Erfinder und gleichzeitig guter Kaufmann — Tesla war Entdecker, Erfinder und Idealist. Die Bekanntschaft, von einer Freundschaft kann man wohl nicht reden, dauerte nicht lange. Tesla zog sich zurück, und es war gut so für ihn, denn sein Genie konnte sich erst jetzt richtig ungehindert entfalten, gemäß dem Spruch: „Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom 84 Die Enthüllungsfeier der Nikola TESLA-Büste der Welt." Tesla wurde arbeitslos und verdiente sich als Gelegenheitsarbeiter, ja sogar als Erdarbeiter, seinen kärglichen Lebensunterhalt. Aber wie im Entschluß Gottes nichts von ungefähr ist, so sollte auch diese Tätigkeit ihn weiterbringen. Ein Vorarbeiter der Erdarbeiter, dem er sein „technisches Herz“ ausgeschüttet hatte, führte ihn bei A. K. Brown der Western Telegraph Company ein. Brown sowie der Vorarbeiter opferten sogar ihr erspartes Geld für Teslas Pläne. Aus dieser Bekanntschaft mit Brown entstand die Tesla Electric Company in der South Avenue 33—35 am heutigen West Broadway. Damit aber entbrannte der große Kampf: Gleichstrom — Wechselstrom, der zwar kein prinzipieller, sondern ein finanzieller Kampf war. Edison war ein aus geschäftlichen Gründen eingeschworener Anhänger des Gleichstromes, Tesla des Wechselstromes. Tesla konstruierte in seiner Firma Einphasen-, Zweiphasen-, Dreiphasen-Generatoren und -Motoren und legte seinen Konstruktionen exakte Berechnungen zugrunde. Professor W. A. Anthony von der Cornell Universität dokumentierte in seinem Gutachten über Teslas Zweiphasenmotor, daß derselbe einen Wirkungsgrad aufweise, der den besten Gleichstrommotoren gleichkomme. Durch die Patentanwälte Duncan, Curtis und Page hatte Tesla am 12. Oktober 1887 sein grundlegendes Patent auf dem Gebiete des Drehstromes angemeldet. Obwohl er schon vielen sein System erklärt hatte, hatte glücklicherweise dieses Wissen niemand zu Teslas Schaden ausgenützt, da keiner geistig noch so weit war und die geschäftliche Chance des Wechselstromsystems erkannt hatte. Tesla ist damit der Vater des Drehstromes geworden. Seine Erfindung war dem Patentamt zu neu und zu umfassend, weshalb er sie auf zirka 30 Patente aufteilen mußte. Sein Vortrag vor dem American Institute of Electrical Engineers in New York, der den Titel trug: „Ein neues System von Wechselstrommotoren und -transformatoren“ ist weltberühmt geworden. Die Westinghouse Company hatte sofort die Vorteile des Wechselstromsystems erkannt und erwarb Teslas sämtliche Patentrechte. Tesla arbeitete jetzt in dieser Gesellschaft. Ein großes Stück seines Lebenswerkes hatte er damit vollendet. Wieder zog es ihn nach Europa. Die Weltausstellung in Paris bot ihm eine willkommene Gelegenheit und von hier aus fuhr er in seine Heimat, wo er fernab von dem Getriebe amerikanischer Großstädte seinen wohlverdienten Urlaub in seinem Geburtsorte verbrachte. Nach New York zurückgekehrt, arbeitete Tesla intensivst an dem Ausbau seines Wechselstromprojektes. Immer mehr erkannte man auch in Geschäftskreisen den großen Vorteil des Wechselstromes und seines Verteilungssystems. Hatten doch die von Edison erbauten Gleichstromverteilungsanlagen allerlei Nachteile: Spannungsabfälle in den Leitungen, dadurch nicht die gewünschte HO Volt Netzspannung, infolgedessen schlechtes Licht. Wollte man den Spannungsabfall möglichst verkleinern, so mußte man große Leitungsquerschnitte für die Stromzuführungen verlegen. Dies ergab aber ein teures Leitungsnetz. Bei Wechselstrom war es anders, denn diese Stromart konnte man transformieren und das Produkt aus Strom und Spannung blieb praktisch konstant. Man konnte mit hohen Spannungen bei kleinen Strömen dasselbe erreichen wie mit niedrigen Spannungen und mit hohen Strömen. Die niedrigen Ströme bei hohen Spannungen brauchten aber nur einen kleinen Leitungsquerschnitt, waren Die Enthüllungsfeier der Nikola TESLA-Büste 85 somit wirtschaftlicher. Auch war man für die Erzeugung der Energie bei der Verwendung von Wechselstrom nicht mehr an die Nähe des Verbrauchers gebunden, man konnte fernab von der Verbrauchsstelle eine vorhandene Wasser- kraftenergiequelle zur Wechselstromerzeugung heranziehen, den hochgespannten Wechselstrom mittels Leitungen kleinen Querschnittes bei niedriger Stromstärke über weite Strecken führen und ihn dann an der Verbrauchsstelle auf die niedrige Voltspannung bei großer Stromstärke herabtransformieren. Das Elektrizitätswerk war damit nicht mehr ortsgebunden. Der Besitzer der Westinghouse Electric Company in Pittsburg erkannte die kommerziellen Aussichten des TESLASchen Wechselstromsystems und bot Tesla eine Million Dollar für die nunmehr auf die Zahl 40 angewachsenen TESLASchen Wechselstrompatente. Tesla war damit einverstanden, jedoch unter der Bedingung, daß ihm für jedes PS erzeugter Wechselstrommaschinen und -motoren 1 Dollar Lizenz bezahlt würde. Leider konnte er sich mit den Ingenieuren der Westinghouse Company nicht befreunden, da diese auf seine wohlüberlegten Ratschläge nicht eingehen wollten. Er verließ verärgert Pittsburg und arbeitete wieder allein weiter. Westinghouse war mittlerweile durch Finanzmanöver der Gegner in große finanzielle Schwierigkeiten geraten. Vertragsgemäß hätte Westinghouse an Tesla Lizenzgebühren in der Höhe von zirka 12 Millionen Dollar zahlen müssen, was ihm in der damaligen Situation unmöglich war. Tesla jedoch verzichtete in dankbarer Erinnerung daran, daß Westinghouse der einzige war, der ihn richtig erkannt hatte und der dem Wechselstromsystem die Bahn eröffnete, mit großherziger, nobler Geste auf die Zahlung der 12 Millionen Dollar und auf jede weitere Zahlung von Lizenzgebühren. Diese Tat findet nicht ihresgleichen in der Geschichte. Für Tesla sank somit die Hoffnung, von Geldsorgen verschont zu sein. Denn die seinerzeitige Million blieb ihm auch nicht, da er die Hälfte an seine Finanziers, u. a. A. K. Brown, refundieren mußte. Von neuem begann Tesla seine wissenschaftliche Tätigkeit. Wieder reihte sich Erfindung an Erfindung. Er widmete sich jetzt der Hochfrequenztechnik. Bei seinen Forschungen auf dem Gebiete des Drehstromes war es ihm gelungen, Frequenzen von 10.000 Hz zu erzeugen; er erkannte sofort, daß er hier ein Gebiet betrete, das zu großen Erfolgen führen werde. Er entwickelte die eisenlosen Transformatoren für diese hohen Frequenzen, da er den schädlichen Einfluß des damaligen Eisens in den Transformatoren für hohe Frequenzen erkannte. Er baute auch Öltransformatoren und legte damit den Grund für die heutige Entwicklung der Hochspannungstransformatoren, wie sie beispielsweise den Bau kleiner Hochspannungstrafos für transportable Röntgenapparate ermöglichen, bei denen sich innerhalb eines geerdeten, mit öl gefüllten Behälters der Hochspannungstransformator und die Röntgenröhre befinden. Tesla machte bereits den Vorschlag, Uhrwerke mittels konstanter Frequenz als Synchronuhren zu betreiben. Er beschäftigte sich mit dem Prinzip der Resonanz in Wechselstromkreisen und dehnte seine Versuche von der Niederfrequenz auf die Hochfrequenz aus. Er konstruierte die berühmt gewordenen TESLA-Spulen, die noch immer im Physikunterricht die Schüler begeistern. Bereits 1890 hatte er die Wärmewirkung der Hochfrequenzströme entdeckt, und wenn heute mit Diathermie behandelt wird. 86 Die Enthüllungsfeier der Xikola TESLA-Büste so hat Tesla auch dazu schon den Grund gelegt. Teslas Vorträge zählten zu den interessantesten Erlebnissen für die Fachwelt: seine experimentelle Geschicklichkeit, seine kühnen Gedanken ließen die Zuhörer immer neue Sensationen erleben. Immer boten seine Vorlesungen Neues. In New York, in London, in Paris, überall größte Erfolge. Im Jahre 1893 durfte er es erleben, daß die Weltausstellung, die aus Aidaß der 400. Wiederkehr des Jahrestages der Entdeckung Amerikas veranstaltet wurde, mit Wechselstrom nach dem TESLA-System versorgt wurde. Der Wechselstrom hatte den Sieg davongetragen. Eine Auswirkung dieses Erfolges zeigte sich im Niagarafall-Pro.jekt, des größten damaligen Elektrizitätswerkes, das eine Mehrphasen-Wechselstromanlage erhielt. Was Michael Faraday im Jahre 1831 entdeckte, war durch die Arbeiten des kongenialen Tesla zur höchsten Vollendung gebracht worden. Daß es bei all diesen Erfolgen nicht an Neidern und solchen, die den Ruhm Teslas schmälern wollten, fehlte, ist selbstverständlich. Schließlich aber mußte man doch der Wahrheit die Ehre geben und anerkannte Tesla als den unumstrittenen Erfinder des Mehrphasensystems. 1897 erschien in der Zeitschrift „Electrical Reviews“ ein Interview mit Tesla, in dem er in großen Zügen seine radiotechnischen Entdeckungen darlegte. 1892 hatte er schon die Dedektorröhre für seine Radioanlage in Verwendung gebracht. 1893 bis 1898 erwarb er grundlegende Patente auf dem Gebiete der Hochfrequenztechnik. Der Plan des Weltrundfunks beschäftigte ihn längst. Seine reiche Sammlung radiotechnischer, von ihm erfundener Apparate vernichtete ein Brand im Jahre 1895 mit samt allen Plänen. 1898 war er bereits wieder so weit, daß er ein Schiff drahtlos steuern konnte. 1899 begann er mit seinem größten Werk, mit der Errichtung der 200 kW Radiostation in Colorado. Die Vorversuche hatten bereits beste Erfolge gezeitigt und gaben zu großen Hoffnungen Anlaß. Doch dieses so geniale Werk krankte an Geldmangel und wurde nie fertiggestellt. Tesla hätte eben immer Millionen zur Verfügung haben müssen, dann wären Milliarden daraus geworden. Was wir heute als neu bewundern, ob es das Prinzip des Elektronenmikroskopes ist, ob es stärkste Röntgenstrahlen sind oder die Leuchtstofflampen, die kosmische Strahlung, künstliche Radioaktivität, Todesstrahlen, alles hat Tesla bereits erprobt und zumindest vorausgesagt. Vielleicht wird viel Neues uns noch zuteil werden, wenn anläßlich des im nächsten Jahre stattfindenden TESLA-Kongresses bisher noch nicht Veröffentlichtes der Allgemeinheit bekannt werden wird. Was ich hier heute über Tesla zu seiner Würdigung Vorbringen durfte, war nur wenig, und dies auch nur in ganz großen Zügen, so daß ich keinen Anspruch darauf erheben darf, Tesla so gewürdigt zu haben, wie er es verdient. So wie ihm auch zeitlebens nie die Ehre zuteil geworden war, die ihm gebührt hätte, da er in seiner Bescheidenheit der Technik und nicht seiner Person zuliebe tätig war. Möge diese Feier und der Kongreß im nächsten Jahre dazu beitragen, dieses einzigartige Genie im rechten Lichte erstrahlen zu lassen.“ Im Anschluß daran überbringt Mr. F. M. Rush als Vertreter des amerikanischen Botschafters und Hochkommissars die Grüße des amerikanischen Volkes. In seiner Ansprache hebt er besonders das für Amerika so wichtige Niagarafall- Die Enthüllungsfeier der Xikola TESLA-Büste 87 Projekt hervor und die Gründung des „TESLA-Laboratoriums“ in New York, das Tesla zum Zwecke der selbständigen Forschungsarbeiten errichtet hat. Sodann übergibt der Vertreter der jugoslawischen Regierung, Minister Sava Kosanovic offiziell die TESLA-Büste dem Technischen Museum und begleitet diese übergäbe mit folgenden Worten: „Es ist für mich die größte Ehre im Namen der jugoslawischen Regierung und des großen Meisters Mestrovic’, die TESLA-Büste als ein Zeichen unserer Freundschaft für die Bundesrepublik Österreich dem Technischen Museum zu übergeben. _ .V . Bild 2. Der jugoslawische Minister Sava Kosanovic im Gespräch mit dem österreichischen Bundesminister für Handel und Wiederaufbau E. Böck-Greissau Xikola Tesla, der große Sohn des jugoslawischen Volkes, welcher seine grundlegende Erziehung in Österreich — in Graz — erwarb, um später nach den Vereinigten Staaten von Amerika zu gehen, um dort alle seine revolutionären und epochemachenden Entdeckungen und Forschungen zu realisieren und selbstlos der Welt zu schenken, soll als ein edles Symbol der Freundschaft Amerikas, Österreichs und Jugoslawiens dienen. Teslas Werk kann nun nicht vergehen und nicht sterben. Es dient mit der Entwicklung immer mehr und mehr der gemeinsamen Sache aller friedliebenden Völker der Erde, für Friede und Wohlsein der Menschheit im Geiste Teslas und besonders für die Freiheit der Völker und für die Freiheit und Würde des Individuums.“ Die nun folgende Enthüllung der TESLA-Büste leitet der Bundesminister für Handel und Wiederaufbau, E. Böck-Greissau, mit einer allseits mit Begeisterung aufgenommenen Ansprache ein: „Sie erleben jetzt das erhebende Schauspiel, daß drei Nationen wetteifern, Nikola Tesla zu ehren, indem sie sich einvernehmlich in die Ansprüche teilen, in der einen oder anderen Form an Nikola Tesla, an seinem Werdegang teilzu- 88 Die Enthüllungsfeier der Nikola TESLA-Büste haben, sei es nun, was seine Herkunft anlangt, sei es, was die Stätte betrifft, der er seine wissenschaftliche Ausbildung verdankt, sei es endlich und schließlich, was jenes Land betrifft, in dem er seine unerhörten wissenschaftlichen Erfolge J op.K KOr H ■ ctuaCMiu.aiia uoioKao je iciinia.mit imwiTM» H1IKD. I\ n;ci\. ko|ii jo iKctuaiiaii.c ii «m.iat)H Killt,«' 0. i«*K I |)ll'IH<> CTp> jCC HUSKtfO >naiij)«* uio ii naiiiio je raKoljep > e.iy.'KÖy .bLU'Kor i.ipuahii. bno je iiai^miK h po.io.ij\ 6, CB jereKH ipä(>aii im h ,ioö|>«TBop W.ie.KO lipe.l (HOjHM BpCWf IIOM > c\lic.10\l MT) n \a. C ncmoeow h i'rpaxotKimroiMii.fi! cjehaMO ce öecNipTiior MoüjcKa H fl.Mnuapmiii kpmho« ra je pom.io K.'ioeiijerao V3<>p iiajiLKHieimTiticKiBji'Miiodii. feMHIKH uyjoj bei.zs jyiia I>e>z ro.i. Bild 3. Ehrenurkunde des Technischen Museums in Wien für den Geburtsort Nikola Teslas Deutsche Übersetzung der vorstehenden Urkunde Dem unbekannten Bergdorf Smiljan entsproß der geniale Erfinder NIKOLA TESLA der die Kenntnis und Beherrschung des elektrischen Stromes mächtig förderte und ihn auch der menschlichen Gesundheit dienstbar machte. Er war ein Gelehrter und Patriot, Weltbürger und Wohltäter, weit voran seiner Zeit im kühnen Flug des Geistes. Mit Stolz, und Ehrfurcht gedenken wir des unsterblichen Mannes und danken dem Karstdorf, das ihn gebar als leuchtendes Vorbild edelsten Menschentums. Wien, 29. Juni 1952 Technisches Museum für Industrie und Gewerbe errungen und verwirklicht hat. Sie ersehen daraus die verbindende, die überbrückende Kraft des Geistes, des Geistes insbesondere dann, wenn er zum Genie gesteigert ist. Lassen Sie mich zunächst meinen Dank aussprechen, den Dank an die österreichisch-amerikanische Gesellschaft für die Vorbereitung und für die Die Enthüllungsfeier der Nikola TESLA-Büste 89 Mitwirkung an der Organisation des heutigen Festes, den Dank an die Vereinigten Staaten von Nordamerika für ihre Teilnahme an diesem Fest, meinen Dank aber in ganz besonderem Maße an unser befreundetes Jugoslawien, das uns ’iffB ll [trr iromasno plan ms ko selo Otavice-opcina Dmis dato je emjecanstvu IVAVA A\ESTRO\lCA s\ooa doba. cijim se vajarskim djelima divimo kao neprolaznim tvominama slobotlnog junackog srra.Hvata tihom sdu u si\o»krSu za kolijevku Ydikana.ciju ce slavu dijelitl s njime do üjeka. Penosni »me sto je h an bio na« iak i iio ce na» ostati drag prfjaWj do sutona svog zivota. Ovo »du Otavicama kao svje denianstvo \jerne prhrzenesfi. Atadcaifja hkovaifi umjetoosti Jipuia 1 9S2god Bild 4. Ehrenurkunde der Akademie der bildenden Künste in Wien für den Geburtsort Ivan Mestrovic’ Deutsche Übersetzung der vorstehenden Urkunde Das arme Bergdorf Otavice schenkte der Menschheit IVAN MESTROVIC den reichsten Künstlergenius seiner Zeit, dessen Bildwerke wir bewundern als unvergängliche Schöpfungen eines freien Heldenherzens. Dank sei dem stillen Dorf im grauen Karst für die Wiege des Großen, dessen Ruhm es immer mit ihm teilen wird. Wir sind stolz, daß Ivan unser Schüler war und ein lieber Freund uns bleiben wird bis an seinen Lebensabend. Dies dem Dorfe Otavice (Gemeinde Drnis) als Zeugnis treuer Verbundenheit. Wien, 29. Juni 1952 Akademie der bildenden Künste in der Person des Herrn Ministers Sava Kosanovic einen offiziellen Vertreter entsandt hat, meinen Dank auch an den Herrn Minister persönlich, der hier sozusagen in doppelter Eigenschaft anwesend ist, einerseits als Vertreter seiner Regierung, anderseits aber wahrscheinlich als der nächste derzeit noch lebende 90 Die Enthüllungsfeier der Nikola TESLA-Büste Verwandte Nikola Teslas, denn des Herrn Ministers Mutter war eine Schwester Teslas, und endlich meinen Dank an den großen Meister Ivan Mestrovic, dessen Kunstwerke die ganze Welt begeistern und der spontan sich selbst bereit erklärt hat, für die heutige Feier die Büste Nikola Teslas zu entwerfen, die Büste, die dann von der Jugoslawischen Regierung in Agram in Bronze umgesetzt wurde und die Herr Minister Kosanovic uns durch seine früheren Worte übergeben hat. — Die technische Bedeutung Nikola Teslas hat Herr Dr. Nagler wirklich meisterhaft geschildert und es ist dem, was er gesagt hat, von mir als Laien gewiß nichts hinzuzufügen. Ich kann in dieser Beziehung kaum ein Steinchen hinzufügen zu dem Bild dieses Geistesheros, dieses Umwälzers technischer Begriffe, dieses Grundlegers für verschiedene heutige, technische Selbstverständlichkeiten, die durch ihn selbstverständlich geworden sind, während sie vor seiner Zeit tief im Schoße der Natur als Geheimnisse geschlummert haben. Nikola Tesla war nicht nur, wie wir es aus den Ausführungen Dr. Naglers gehört haben, ein Genie des Geistes, er war auch ein Genie der Bescheidenheit, ein Genie der Selbstlosigkeit, ein Mann, der nur aus Idealismus gearbeitet hat, ein Mann, der keinen Geschäftsgeist besaß, ein Mann, der nicht einmal dafür gesorgt hat, daß in den technischen Nomenklaturen sein Name häufiger vorkommt, als es tatsächlich der Fall ist, ein Mann, der in seinem Alter in nahezu bitterer Armut gelebt hat, ein Mann, der in seinen letzten Jahren durch eine Pension, die ihm Jugoslawien ausgesetzt hat, gelebt hatte. Und gerade diese menschlichen Eigenschaften Nikola Teslas sind es, die ihn unserer österreichischen Seele besonders nahebringen und während wir heute hier zu seinem Lob, zu seiner Ehre versammelt sind, erleben und feiern in Jugoslawien zwei kleine Gemeinden in Gedanken mit uns, die Gemeinden Smiljan und Otavice. Die erstere, als Geburtsstätte Teslas, die zweite als Heimatort Mestrovic’. Ich werde mir gestatten, Seiner Exzellenz dem Herrn Minister zwei Ehrenurkunden zu übergeben, die ich ihn bitte, an ihre Plätze zu befördern und ich hoffe, daß diese Urkunden in den Gemeindestuben dieser beiden Orte Zeugnis ablegen werden für den Ruhm ihrer Söhne in der großen und fernen Welt. In unserer zerrütteten Gegenwart, zerrissen und gespalten durch die Machtansprüche, durch die Verteidigungsnotwendigkeiten weltweit divergierender Ideologien, ist es, als ob uns durch Tage, wie den heutigen, ein Leuchtfeuer auftauchen würde, so wie sie hie und dort, ab und zu aufflammen, um uns eine bessere Zukunft zu verheißen, eine Zukunft, in der die Macht des Geistes die dunklen Mächte des Materialismus überwunden und zu einer guten Entwicklung der Menschheit in der fernen Zeit führen werden. (Anhaltender Applaus.) In diesem Sinne, meine sehr Geehrten, bitte ich nun Se. Exzellenz, das Bild Nikola Teslas zu enthüllen. Ich übernehme diese Büste in die Obhut meines Ministeriums und ich bitte die Direktion des Technischen Museums, diese Obhut auszuüben. Nikola Tesla, wir grüßen Dich!“ Technikgeschichtliche Bücherschau Von Erich Kurzel-Runtscheiner „Für die Lebensbeschreibung großer Männer gibt es verschiedene Darstellungsmöglichkeiten. Man kann den Lebenslauf und die Leistungen des großen Mannes getrennt voneinander schildern oder beides ineinander verschlungen in fortlaufender Entwicklung darstellen. Ich habe mich für die zweite Art entschieden, da es sich um einen wissenschaftlichen Forscher handelt, dessen äußeres Leben ohne besondere schwerwiegende Ereignisse verlaufen ist, dessen eigentlicher Lebensinhalt vielmehr in seinen wissenschaftlichen Arbeiten und Erfolgen besteht.“ — Mit diesen Sätzen leitet Georg Lockemann seine Arbeit „Robert Wilhelm Bunsen, Lebensbild eines deutschen Naturforschers “ 1 ein, das in einer von der Wissenschaftlichen Verlagsanstalt in. b. H. Stuttgart durch Dr. H. W. Frickhinger unter dem Gesamttitel „Große Naturforscher“ 1949—1951 herausgegebenen Reihe von Biographien von Forschern auf dem Gebiete der Physik und Chemie erschienen ist. Zu dieser Reihe gehören außer der Biographie Bunsens, der als ein Forscher dargestellt ist, der mit königlicher Freigebigkeit seine Forschungen ohne persönlichen Gewinn der Menschheit zum Geschenk gemacht hat, die folgenden: „Ernst Abbe, der Schöpfer der Zeiß-Stiftung “, 2 dessen soziale Pioniertat Norbert Günther neben seine Leistung als Wissenschaftler und Industrieller stellt; Wilhelm Prandtl, der das ungebärdige chemische Genie Humphry Davy dem genialen Pflichtmenschen Jöns Jacob Berzelius 3 gegenüberstellt; Hermann Ebert, der dem universellen Geist und Forschertum von Hermann von Helmholtz 4 huldigt; Johannes Valentin berichtet, wie es Friedrich Wöhler 5 gelang, das Schwergewicht der chemischen Wissen- 1 Georg Lockemann : „Robert Wilhelm Bimsen. Lebensbild eines deutschen Naturforschers“, mit 7 Abbildungen, 1 Faksimiledruck, Stammtafel, Ahnentafel und Ahnenliste, Stuttgart 1949. 2 Norbert Günther: „Ernst Abbe, Schöpfer der Zeiss -Stiftung“, mit 21 Abbildungen im Text, 2. verbesserte Auflage, Stuttgart 1951. 3 Wilhelm Prandtl: „Humphry Davy — Jöns Jacob Berzelius, zwei führende Chemiker aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, mit 23 Abbildungen im Text, Stuttgart 1948. 4 Hermann Ebert : „Hermann von Helmholtz“, mit 5 Textabbildungen, Stuttgart 1949. 5 Johannes Valentin : „Friedrich Wöhler“, mit 8 Abbildungen und 1 Einschalttafel, Stuttgart 1949. Technikgeschichte. 14. Heft. 92 Erich Kurzel-Runtscheiner schaft nach Deutschland zu verlagern, die er in gemeinsamer Arbeit mit .Justus von Liebig förderte und ausbaute. Herbert Hassinger bietet als Heft 38 der „Veröffentlichungen der Kommission für neuere Geschichte Österreichs“ eine auf umfangreicher Quellenforschung aufgebaute Biographie von Johann Joachim Becher (1635—1682) 6 dar. Diese Arbeit ist als Beitrag zur stets interessanten Geschichte des Merkantilismus besonders darum wertvoll, da sie nicht nur die Beziehungen Bechers zur Habsburger Monarchie erschöpfend schildert, sondern auch das Dunkel aufzuhellen vermag, das bisnun über den letzten Lebensjahren lastete, die Becher in erfolglosem Kampf mit der Umwelt in England verbrachte. Dem Verlag Adolf Holzhausens Nfg., Wien, gebührt der Dank, diese wertvolle Schrift 1951 herausgebracht zu haben. Paul Siebertz, den der technikgeschichtlich Interessierte als den Verfasser der vorzüglichen Biographien von Daimler und Benz kennt, hat nun eine Lebensgeschichte von Ferdinand von Steinbeis verfaßt, die 1951 im Reclam- Verlag in Stuttgart erschienen ist 6a . Ferdinand von Steinbeis zählt zu den bedeutendsten Technikern und Wirtschaftlern des neunzehnten Jahrhunderts. Daß er beides konnte, hat ihn zu den großen Leistungen befähigt, die nicht nur seinem Vaterland Württemberg, sondern auch andern Ländern zugute kamen und noch kommen. Zum Techniker geboren, in der Wirtschaft erzogen, gibt er dieser schon, als sie ihm noch geben soll. Das Problem der Arbeiterfürsorge und der Berufserziehung beschäftigt ihn von seiner ersten praktischen Verwendung an und wird von ihm auch in seiner Doktorarbeit behandelt. Daß dessen richtige Lösung für eine gesunde Wirtschaft unerläßlich ist, davon ist er voll überzeugt. Die hüttenmännischen Leistungen — vom vierzehnten bis zum einundvierzigsten Lebensjahr — zeigen seine Bedeutung als Techniker und Wirtschaftler im einzelnen, die dann folgende Tätigkeit in der Zentralstelle für Handel und Gewerbe in Stuttgart läßt uns den souveränen Beherrscher der Wirtschaftsgestaltung eines Landes und darüber hinaus den Lehrmeister vieler anderer Länder erkennen. An der Tragik seines Abganges aus dem öffentlichen Leben — er zählte damals 73 Jahre — ist der vorerst viel Gefeierte selbst nicht schuldlos. Dem Parteienhader entrückt, sind sich aber die späteren Generationen wieder bewußt geworden, was sie ihm zu verdanken haben. Ist der Lebensgang Steinbeis’ schon an und für sich fesselnd, so ist Siebertz’ Darstellung desselben von einer nicht zu überbietenden Lebendigkeit und Lebenstreue. Der dem Verfasser eigene flüssige Stil, den er trotz der vielfachen Einschaltungen der — zur Lebenstreue beitragenden — direkten Rede beizubehalten imstande ist, macht das Studium der Biographie leicht und ihre Lektüre angenehm. Das Buch ist übrigens nicht Biographie allein, es ist auch ein Stück Zeitgeschichte. Professor Dr. Hugo Glaser verfaßte das im Schönbrunn-Verlag, Wien 1951, 6 Herbert Hassinger: „Johann Joachim Becher 1635—1682. Ein Beitrag zur Geschichte des Merkantilismus“, Wien 1951. 6a Paul Siebertz: „Ferdinand von Steinbeis, ein Wegbereiter der Wirtschaft“, mit Illustrationen. Die Besprechung dieses Buches wurde von Min. Rat Dipl.-Ing, Viktor Sch ützenhofer verfaßt. Technikgeschichtliche B iicherschau 93 verlegte Werk „Die Entdecker der Welt. Von Marco Polo bis zur Gegenwart“, 7 das die Lebensläufe, Leistungen und Schicksale von Handelsleuten, der Conquista- doren, Begründer von Kolonien, der Führer von Weltfahrten darstellt und über die Beweggründe berichtet, von denen sie alle sich leiten ließen. Ausgehend vom Weltbild der Antike, geleitet der Verfasser seine Leser bis zu den „Entdeckern von heute und morgen“, von denen er hofft, daß sie dazu hinführen werden, die Welt im Namen der Menschlichkeit und des Friedens endgültig und ganz in Besitz zu nehmen. Zu den vom Amte der Oberösterreichischen Landesregierung in verdienstvoller Weise herausgegebenen Schriften gehört die interessante Arbeit „Oberösterreichische Altstraßen — Die Straßen der Römer“, die der O.-ö. Landesverlag, Wels, in Kommission übernommen hat. 8 Diese Arbeit in so tiefschürfendem Können zu verfassen, konnte nur darum gelingen, da Herbert Jandaurek, der Ingenieur, der sie schrieb, in der Lage war, in mehr als 30jähriger Dienstleistung im Land Oberösterreich den Spuren der Altstraßen bis ins einzelne erfolgreich nachzugehen. Ein reiches Verzeichnis einschlägiger Literatur ist besonders wertvoll für alle jene, die sich eingehender mit dem Thema zu befassen wünschen. Der Altmeister der Erdkunde an der Wiener Universität, Professor Hugo Hassinger, schrieb ein Buch voll bedeutsamer Aufschlüsse, das unter dem Titel „Österreichs Anteil an der Erforschung der Erde“, 9 Wien 1949, als ein Beitrag zur Kulturgeschichte Österreichs, würdig ausgestattet vom Verlag Adolf Holzhausens Nfg., erschienen ist. Wir erfahren aus diesem Buch unter anderem, daß Wien in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein Weltzentrum der Astronomie und der Kosmographie gewesen ist, daß die Namensgebung dreier Weltteile von habsburgisehen Landen ausging und daß eine große Zahl fremder Länder und Meere von Österreichern erstmalig eingehend in Schrift und Karte dargestellt wurde. Kunstgeschichtliche Themen behandeln folgende Veröffentlichungen: „Der Dom zu St. Stephan zu Wien, Festschrift zur Wiedereröffnung des Albertinischen Chores A. D. 1952“, 10 ein Büchlein, klein an Umfang, aber bedeutsam durch die Bildbeigaben und die Verfasser der Texte, an deren Spitze sich der Bundespräsident gestellt hat. Drei vom österreichischen Museum für angewandte Kunst herausgegebene Hefte behandeln in kenntnisreicher Darstellung Sammlungsbestände dieses Instituts. Im ersten dieser reichillustrierten Hefte bespricht Dr. Siegfried Troll Herkunft, Zweck und Entstehung der kunstreichen Gattung „Altorientalische 7 Hugo Glaser: „Die Entdecker der Welt. Von Marco Polo bis zur Gegenwart“, mit zahlreichen Landkarten, Wien 1951. 8 Herbert Jandaurek: „Oberösterreichische Altstraßen, die Straßen der Römer“, mit 14 Abbildungen und 3 Karten, herausgegeben vom Amte der o.-ö. Landesregierung in Linz, Wels 1951. 9 Hugo Hassinger: „Österreichs Anteil an der Erforschung der Erde. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte Österreichs“, mit 1 Tafel und 4 Karten, Wien 1949. 10 „Der Dom zu St. Stephan. Festschrift zur Wiedereröffnung des Albertinischen Chors A. D. 1952“, im Eigenverlag der Dompfarre, Wien 1952. 94 Erich Kurzel-Runtscheiner Teppiche“. 11 Im zweiten berichtet I.)r. Ignaz Schlosser über „Venezianer Gläser“, 12 von denen das üsterr. Museum für angewandte Kunst eine größere Zahl besonders wertvoller Prototype aus dem 15. und 16. Jahrhundert besitzt. Das dritte dieser Hefte schildert in Wort und Bild „Wiener Porzellan aus der Manufaktur du Paquiers (1718—1744)“, 13 es ist dies eine Arbeit über die Anfänge des europäischen Porzellans, die Dr. Wilhelm Mrazek verfaßte. Dem Thema „österreichische Skulptur durch die Jahrhunderte“ 14 ist ein reichbebilderter Band gewidmet, den die Actien-Gesellschaft der Vöslauer Kammgarn-Fabrik an ihre Freunde versandte, um sie dazu anzuregen, „unsere Heimat oft zu besuchen und die Schönheit ihrer unsterblichen Kunst zu genießen“. Wenden wir uns nun dem Typus der firmengeschichtlichen Darstellungen und der Firmenjubiläumsschriften zu, wobei auf die folgenden hingewiesen und ihr Inhalt kurz skizziert sein möge: Anfang dieses Jahres erschien im Verlag für Geschichte und Politik, Wien, das von Dr. Maja Löhr, die wir durch ihre vorzüglichen Arbeiten zur Geschichte des innerösterreichischen Eisenwesens kennen, verfaßte Buch „Thörl — Geschichte eines steirischen Eisenwerkes vom 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart“. 15 Die Autorin berichtet, daß Thörl, das zu den ältesten Eisenhütten der Steiermark gehört, seit es im 14. Jahrhundert in das Licht der Geschichte tritt, aus einem wassergetriebenen Rauheisenhammer Schritt für Schritt zu einem weit ausgebreiteten neuzeitlichen Eisenwerk wurde, dessen Eisendrahterzeugung weltbekannt ist. Die erste Blüte Thörls fällt in die Zeit der Kaiser Friedrich III. und Maximilian I.; bei der schöpferischen Wehrerneuerung des letztgenannten wurde Thörl durch Leistung der kaiserlichen Büchsenschmiede aus der Familie der Pögel die Erzeugungsstätte der geschmiedeten Feuerwaffen aller Kaliber. Seit 1805 besitzen die Nachfahren des Gewerken Vinzenz Pengg die Werke in Thörl und führten sie, insbesondere seit Beginn dieses Jahrhunderts, zu neuer Blüte empor. Der Text ist von zahlreichen Kunstdrucktafeln nach Vorlagen alter, neuer und neuester Zeit begleitet. Diese gründliche Arbeit wird sicher großes Interesse in den Kreisen der eisenschaffenden Industrie und der Historiker aller Fachrichtungen erwecken: denn bisnun war die Geschichte Thörls im Dunkeln. Die hundertjährige Geschichte der Siegendorfer Zuckerfabrik (1852—1952), 16 eine Gründung der Familien Paztenhofer und Rothermann, wird in einem reichbebilderten stattlichen Band geschildert. Er berichtet nicht nur über diese burgen- 11 Siegfried Troll: „Altorientalische Teppiche“, Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien 1951. 12 Ignaz Schlosser: „Venezianer Gläser“, Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien 1951. 13 Wilhelm Mrazek: „Wiener Porzellan aus der Manufaktur Du Paquiers (1718 bis 1744)“, Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien 1952. 14 „Österreichische Skulptur durch die Jahrhunderte“, herausgegeben von der Actien- Gesellschaft der Vöslauer Kammgarn-Fabrik, Bad Vöslau. 15 Maja Loehr: „Thörl — Geschichte eines steirischen Eisenwerkes vom vierzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart“, Wien 1952. 16 „Siegendorfer Zuckerfabrik Conrad Patzenhofer’s Söhne 1852—1952“, Siegendorf 1952. Technikgeschichtliche Bücherschau 95 ländische Gründung von Familien, die bayrischen Stammes waren, sondern behandelt auch die Geschichte und Wirtschaftsentwicklung des Burgenlandes im allgemeinen. Besonders interessant sind die Hinweise darauf, in welcher AVeise die A^erfassungsänderungen im Rahmen des Habsburgerstaates, namentlich aber die 1867 erfolgte Trennung in zwei Reichshälften, sich auf Industrieunternehmungen auswirkten: wird dies auch nur am Beispiel Siegendorf dargestellt, so ist dieser Teil der Darstellung doch von allgemeingültiger Bedeutung für die Geschichte heimischer Industrien. Den AA 7 erdegang eines hundertjährigen Unternehmens aus dem Sektor des Ernährungswesens schildert auch die Festschrift „Hundert Jahre Mautner-Hefe 1850—1960“. 17 Zu den Betrieben der in AATen in der Zeit des A'ormärz ansässig gewordenen Industriellenfamilie Mautner-Markhof gehörte das seit 1839 gepachtete und wenige Jahre später erworbene, in den Baulichkeiten des ehemaligen St. Marxer Altersheims etablierte Brauhaus sowie die 1893 errichtete St. Georgs- Brauerei in Floridsdorf. In St. Marx entwickelte der Gründer des Familienkonzerns Adolf Ignaz Mautner-Markhof (1801—1889) im Jahrel850 das von ihm erdachte \ T erfahren zur Herstellung von Preßhefe. Im Simmeringer Werk der Familie, das unter Leitung der Nachfahren von Adolf Ignaz Mautner-Markhof, dem Sohn Carl Ferdinand (1835—1895), sowie der Enkel ATktor (1865—1890) und Theodor (1869—1947), und der Urenkel unter der Führung Manfreds v. Mautner-Markhof stets auf der Höhe des jeweiligen Standes der industriellen A 7 er- fahrenstechnik erhalten wurde, werden Preßhefe und Nährhefe neben anderen Nahrungsmitteln, wie Fruchtsäften, Sodawasser, Spirituosen und Essig, noch heute in Großerzeugung hergestellt. Die Preßhefe, die also eine Wiener Erfindung ist, gehört heute in der Brotherstellung und auch im Hauswesen beim Backen in der Röhre zu den unerläßlichen Zutaten. Die mit vielen farbigen Illustrationen ausgestattete Jubiläumsschrift „Hundert Jahre AA r ertheim“ 18 berichtet über den Aufstieg der bedeutendsten Industriegründung des in Krems in engen A 7 erhältnissen geborenen Franz AA t erthelm (1814—1883). Aus eigener Kraft erwarb sich dieser ein bedeutendes technisches AA 7 issen, das ihn in Verbindung mit der ihm eigenen Intelligenz dazu befähigte, seine Unternehmungen, die er mit einem kleinen Gewerbebetrieb zur Erzeugung von Holzbearbeitungswerkzeugen begann, zu einem weit über die Grenzen des Kaisertums Österreich hinaus bekannten Großunternehmen auszugestalten und für sich selbst den österreichischen Freiherrntitel zu erwerben. 1852 begann AA t ertheim in der AA 7 iener A 7 orstadt Erdberg mit 80 Arbeitern die Erzeugung einbruchsicherer und feuerfester Kassen. Wertheims Absichten in seinem letzten Lebensjahr gingen dahin, das Produktionsprogramm durch den Bau von Aufzügen zu erweitern. Heute erzeugt das zu großem Umfang und zu bedeutender Leistungsfähigkeit emporgewachsene Unternehmen neben Kassen, Tresors sowie Aufzügen für Personen und Lasten auch Bürostahlmöbel und Nahfördermittel; unter diesen sei insbesondere auf Rolltreppen hingewiesen, eine Fertigung, die erst in letzter 17 „Hundert Jahre Mautner-Hefe 1850—1950“, herausgegeben von Vereinigte Mautner Markhof’sche Preßhefe-Fabriken, Wien 1950. 18 „Hundert Jahre AVertheim 1852—1952“, Wien 1952. m 96 Erich Ktjrzel-Runtscheiner Zeit aufgenommen wurde. Das von Wertheim selbst auf der Wieden in der heutigen Mommsengasse errichtete Werkstattgebäude war eine für die damalige Zeit beispielhafte Erzeugungsstätte. Dasselbe Lob ist auch dem weiträumigen Industriekomplex der Wertheim-Werke zu spenden, der 1941 in der Wienerbergstraße bezogen werden konnte. Neben der Erzeugung an dieser neuen Stätte ging die Fertigung auch in der Mommsengasse weiter, bis in den Apriltagen 1945 die alte WERTHEiMSChe Fabrik ein Raub der Flammen wurde; sie hätte auch, ohne daß dieses Kriegsereignis eingetreten wäre, als industrielle Anlage nach den Richtlinien der Stadtplanung nicht weiter bestehen können. Die Zerstörung des alten Bestandes erwies aber, wie richtig und weitblickend die rechtzeitige Errichtung der neuen Werksanlagen gewesen ist. Wie die Wertheim-Werke, so kann auch die Waagenfabrik C. Schember & Söhne heuer auf ein Jahrhundert des Bestehens zurückblicken. 19 „Hundertjährige Unternehmungen sind in einer auch wirtschaftlich so stürmischen Zeit ebenso selten wie hundertjährige Menschen“, sagte Bundespräsitent Dr. Körner bei der Feier, auf der das von Conrad Schemrer (1811—1891) als Handwerksbetrieb auf der Jägerzeile — der heutigen Praterstraße — in Wien 1852 gegründete Unternehmen auf ein von Arbeit, aber auch von Erfolg erfülltes Jahrhundert zurückblickte. Der Gründer war aus Helsa bei Kassel 1836 nach Wien gekommen, war im Waagenbau tätig und dann als „Maschinführer“ mit dem im raschen Aufstieg begriffenen Eisenbahnwesen in Berührung gekommen. Von diesem erhielt das junge Unternehmen auch die ersten entscheidenden Aufträge auf Lieferung von Stationswaagen, Waggonwaagen und Lokomotivwaagen. Des Gründers Sohn, Carl AuGUSt Schemrer (1838—1917), erweiterte und verbesserte den Betrieb, dessen Erzeugnisse bald auch außerhalb der Grenzen der Habsburgermonarchie bekannt und begehrt wurden. Die Rollgewichtswaage und Kreiszeigerwaagen sowie Brückenwaagen größter Belastbarkeit und mit elektrischer Fernschreibeeinrichtung zur Gewichtskontrolle sind die Spezialerzeugnisse der Schember-Werke von heute, eines Unternehmens, das 1878 aus unzulänglichen Räumlichkeiten in der Leopoldstadt in das heute noch bestehende. AVerk in Atzgersdorf übersiedelte. Die Schember-Werke haben sich trotz schwerer Schädigungen am Ausgang des zweiten Weltkrieges schon längst ihren alten internationalen Ruf wiederum sichern und als Devisenbringer große Lieferungen an die ausländische Industrie, die ihre Waagen begehrt, übernehmen können. Ein genialer, in Österreich entstandener Erfindungsgedanke war es, das feuerfeste, faserförmige Mineral Asbest mit Portlandzement und Farbstoffen zu einem neuen Werkstoff, dem Asbestzement, zu verarbeiten. Dieser Gedanke war der Ausgangspunkt einer weltumspannenden Industrie, die für Österreich von großer wirtschaftlicher Bedeutung wurde. Ihre Entstehung und Ausbreitung schildert die Festschrift der Eternitwerke Vöcklabruck „50 Jahre Eternit“. 20 Der Erfinder des Werkstoffes Asbestzement, aus dem Eternit erzeugt wird, Ludwig Hatschek (1856—1914), war ein geborener Olmützer. Er erlernte ursprünglich das Brau- 19 ,,100 Jahre Schember-Waagen 1852—1952“, Wien 1952. 20 ,,50 Jahre Asbestzement-Industrie — 50 Jahre Eternit-Werke Ludwig Hatschek“, Vöcklabruck 1950. Technikgeschichtliche Bücherschau 97 gewerbe, das er bis zum Jahre 1892 im väterlichen Betriebe auch ausübte. Dann aber suchte er sich — das väterliche Unternehmen war in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden — ein neues Betätigungsfeld und erwarb eine Asbestwarenfabrik. Sein Leitgedanke war es, ein neues Erzeugnis auf den Markt zu bringen, das als Markenartikel abgesetzt werden konnte. So ging er an die Herstellung von Dachdeckmaterial aus Asbest; doch erst nach vier Jahren erfolgloser Versuche fand er die Lösung des Problems durch Verwendung von Portlandzement als Bindemittel für die Asbestfaser und in der Verarbeitung des Gemenges auf einer Pappenmaschine zu einem Kunststein. Hatsciiek meldete seine Erfindung in allen Kulturstaaten zum Patent an und gab dem Werkstoff den Namen „Eternit“. Ein aufreibender Kampf um die Erreichung und Verteidigung seiner Patente erschütterte seine Gesundheit, doch erlebte er noch den Aufschwung der von ihm begründeten Industrie zu einem Großunternehmen. Im Jahre 1900 hatte II atschek in Vöcklabruck sein Stammwerk in Betrieb setzen können. 1903 errichtete er eine Asbestwarenfabrik in Ungarn. Im selben Jahr wurde eine solche von Geschäftsfreunden in Frankreich gegründet, 1904 folgte USA., 1907 Belgien und Italien, 1908 Schweden. Heute arbeiten, auf alle Erdteile verteilt, weit über 200 Asbestzementwarenfabriken nach dem IlATSCHEKSchen Verfahren. Wenn auch Hatsciieks Patente abgelaufen sind, gereicht es Österreich doch auch jetzt noch zum ltuhm, daß dieses in aller Welt verwertete Verfahren in unserer Heimat entwickelt und von hier aus verbreitet worden ist. Die Festschrift, die aus Anlaß der 50jährigen Wiederkehr der Gründung eines Konstruktionsbüros durch Ingenieur Hanns Hoerbiger, des 25jährigen Bestehens der Firma Hoerbiger & Co. und des Abschlusses des Wiederaufbaues des Hoerbiger-Werkes in Wien-Simmering 21 im September 1951 herausgegeben wurde, enthält im ersten Teil eine jedem technikgeschichtlich Interessierten willkommene Gabe: einen mit wertvollen Abbildungen ausgestatteten Bericht über die historische Entwicklung der Ventile. In die Firmengeschichte eingehend, wird dargelegt, wie der einer alten Tiroler Bauernfamilie entstammende Hanns Hoerbiger aus einem 1894 erstmalig gefaßten und bald durch Patente geschützten Erfindungsgedanken massearme, reibungsfrei geführte Plattenventile für Gebläse, Pumpen und Kompressoren entwickelte. Diesen bald als „Hoerbiger-Ventil“ bezeichneten Maschinenbauteil entwickelte Hanns Hoerbiger und später seine beiden gleich ihm Ingenieure gewordenen Söhne zu immer größerer Vollkommenheit. Seit der Jahrhundertwende ist für Gebläse, Pumpen und Kompressoren in aller Welt kaum jemals ein selbsttätiges Einlaß- (Saug-) oder ein Auslaß- (Druck-) Ventil konstruiert worden, das nicht vom HoERBiGERSchen Erfindungsgedanken beeinflußt worden wäre. Nach HoERBiGERSchen Lizenzen wurden und werden diese Ventile in aller Welt gebaut, und die von Hanns Hoerbiger mit seinen beiden Söhnen nach so manchem Auf und Ab 1930 ins Leben gerufene Fabrikationsstätte in Simmering hat seither zahllose Ventile seiner Bauart dem Maschinenbau des Inlandes 21 „Festschrift aus Anlaß der 50jährigen Wiederkehr der Gründung des Konstruktionsbüros des Seniorchefs Ing. Hanns Hoerbiger, des 25jährigen Bestehens der Firma Hoerbiger & Co. und des Abschlusses des Wiederaufbaues unseres Werkes“, Wien 1951. 98 Erich Kurzel-Runtscieeiner und Auslandes einbaufertig geliefert. Auch wurden im Jahr 1951 in Bayern und im Elsaß Erzeugungsstätten für Hoerbiger-Ventile in Betrieb genommen sowie durch die Schwiegertochter des Erfinders geführte Verhandlungen erfolgreich beendet, auf Grund welcher in Südafrika eine Hoerhiger-Fabrik errichtet werden wird. Hanns Hoerbiger war aber nicht bloß ein genialer Maschinenbauer, Konstrukteur und Erfinder; er ist auch der Schöpfer der „Welteislehre“, in der er seine auf den Gebieten der Wärmetechnologie des Wassers in allen Zustandsformen — Eis, Flüssigkeit, Dampf — gewonnenen Erfahrungen auf den gesamten Kosmos übertrug. Hanns Hoerbiger nannte seine Weltbildungslehre auch „Kosinotechnik“. Sie wirkte in ihrer Einfachheit und durch die scheinbare Möglichkeit, in einer einzigen großen Schau — wie einst durch die Naturphilosophie — alles und jedes zu erklären, auf die Menschen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geradezu faszinierend. Einzelheiten der Welteislehre Hoerbigers wurden inzwischen durch die neuentstandenen Anschauungen über die Atomstruktur sowie durch astrophysikalische und Radarmessungen widerlegt. Jedenfalls aber hat sie Ausblicke eröffnet, die den astronomischen und geophysikalischen Gesichtskreis erweiterten und viele neue Erkenntnisse anbahnten. Über ein halbes Jahrhundert kommunaler Elektrizitätsversorgung einer Großstadt berichtet die mit vielen Abbildungen, Diagrammen und Kartenskizzen ausgestattete „Festschrift zum fünfzigjährigen Bestand der stadteigenen Elektrizitätswerke Wien“, 22 der am 8. April 1952 gefeiert werden konnte. Die beispielgebende Entwicklung zur Selbstversorgung ging vom Bürgermeister Dr. Karl Lueger aus; sie hat sich bestens bewährt und wurde seither oftmals von anderen Großstädten nachgeahmt. Heute versorgt die kommunale Elektrolieferung Wiens über 620.500 Wohnungen, 145.500 Gewerbetreibende, 2200 Industrien und 3400 landwirtschaftliche Unternehmungen mit Licht und Kraftstrom. Sie wurde zu einem tragenden Pfeiler, auf dem die Bequemlichkeit (1er Haushalte und das wirtschaftliche Leben der Bundeshauptstadt beruht. Eine künstlerisch schöne und wohldurchdachte Sonderschau wurde der Entwicklung, dem gegenwärtigen Zustand und den Zukunftsplänen der Wiener Städtischen Elektrizitätswerke aus diesem Anlaß gerecht. Der Wortlaut (1er Reden, die während eines Festaktes gehalten wurden, der im Februar 1949 in Treibach aus Anlaß des 90. Geburtstags des Gründers der Treibacher Chemischen Werke, Dr. Carl Freiherr Auer von Welsbach, und des fünfzigjährigen Bestehens der Chemischen Industrie in Treibach stattfand, ist zum Inhalt einer Festschrift 23 geworden. Sie enthält viele wertvolle Angaben über den Gründer des Unternehmens sowie über dessen Entstehen und Aufstieg, den auch das Geschehen des Jahres 1945 für nur kurze Zeit unterbrechen konnte. „Der neue Semmeringtunnel, der größte Investitionsbau der Nachkriegszeit“ 24 22 „Festschrift zum fünfzigjährigen Bestand der stadteigenen Elektrizitätswerke Wiens, 8. April 1952“, im Eigenverlag herausgegeben von den Wiener Stadtwerken — Elektrizitätswerken, Wien 1952. 23 ,,50 Jahre chemische Industrie in Treibach 1898—1948“, Treibach (Kärnten) 1949. 24 „Der neue Semmeringtunnel, der größte Investitionsbau der Nachkriegszeit“, Sonderheft der Zeitschrift „Eisenbahn“, Wien 1952. Technikgeschichtliche Bücherschau 99 ist eine mit vielen Abbildungen, Qner- und Längsprofilen, Kartenskizzen und Diagrammen ausgestattete Schrift betitelt, die als Sonderheft der Zeitschrift ,,Eisenbahn“ erschien, ln dieser Veröffentlichung wird über die im November 1951 erfolgte Fertigstellung eines Bauwerkes berichtet, das für die reibungslose und vielseitige Abwicklung des Verkehrs auf der traditionsreichen Südbahnstrecke entscheidend geworden war. Bei dieser Arbeit standen die Techniker von heute plötzlich und unerwartet vor Schwierigkeiten, die an jene erinnerten, denen sich die Erbauer der Eisenbahn über den Semmering vor einem Jahrhundert gegenübersahen. Nun wird die Generalüberholung des von Ghega erbauten Tunnels in die Wege geleitet, womit eine der Voraussetzungen geschaffen sein wird, die vor der Elektrifizierung des Semmeringverkehrs verwirklicht sein müssen. Einen stattlichen und reichausgestatteten Band stellt die „Festschrift, herausgegeben anläßlich der Fertigstellung der zum Krafthaus Kaprun-Hauptstufe gehörenden Anlagen“ 25 dar. Beschrieben wird in Wort, Bild und Plan, auf welche Weise die bedeutendste Energiequelle Österreichs entsteht, deren erster Teil mit der Beendigung der großen Staumauer „Limbergsperre“ und der Inbetriebnahme zweier Großmaschinensätze fertig wurde. Es konnte bisnun ein Speicherraum von 84,5 Mio m 3 in Dienst gestellt werden. Das Werk vermag schon im gegenwärtigen Bauzustand im Regeljahr 207 Mio KWH, und zwar 184 Mio im Winter und 23 Mio im Sommer, der heimischen Wirtschaft zur Verfügung zu stellen. Noch ist aber der Gesamtplan längst nicht vollendet: steht doch der Ausbau der Möllüberleitung, des Mooserbodenspeichers mit seinen beiden Sperren und des Limbergkrafthauses erst in Ausführung. Sind diese erst geschaffen, was 1956 zu erwarten ist, dann wird das Energiedarbot. der Kraftwerksgruppe Glockner- Kaprun mit etwa 462 Mio KWH je Jahr vollausgenützt zur Verfügung stehen. Eine „Bibliographie zur österreichischen Wasserwirtschaft für die Jahre 1900 bis 1950“ 26 gab 1952 das Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau heraus. In diesem vom Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (Landesaufnahme) in Wien vervielfältigten Band werden die letzten Entwicklungen in der Stellungnahme zu den wasserwirtschaftlichen Problemen in Österreich unter Hinweis auf die einschlägigen Fortschritte, Neuerungen und Erfindungen dargelegt. In die Energiewirtschaft des südlichen Nachbarstaates führt das in englischer Sprache vorliegende, 1951 in Mailand herausgegebene Werk „The Edison Group“ 27 ein. Dieses gigantisches Elektrizitätsunternehmen entstand als „Societä Generale Italiana di Elettricitä, Sistema Edison, azienda per azioni“ 1884 aus einem zwei Jahre vorher von Giuseppe Colombo gegründeten Komitee. Die Aktiengesellschaft, deren Interessengebiet ganz Oberitalien umfaßt, beliefert heute etwa 2 Millionen Abnehmer mit mehr als 5 Billionen kWh je Jahr. I >ie reichbebilderte und mit vielen 25 „Festschrift, herausgegeben anläßlich der Fertigstellung der zum Krafthaus Kaprun- Hauptstufe gehörenden Anlagen“, herausgegeben von der Tauernkraftwerke A. G., Zell am See, September 1951. 26 „Bibliographie zur österreichischen Wasserwirtschaft für die Jahre 1900—1950“, herausgegeben vom Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau, Wien 1952. 27 „The Edison Group“, Milan 1951. 100 Erich Kurzel-Runtscheiner Plänen versehene Veröffentlichung gibt ein gutes Bild der Geschichte des Unternehmens sowie seiner Werke und sonstigen Einrichtungen, wie sie heute bestehen. Als eines der zahlreichen von Dipl.-Ing. Rudolf Rohmann Industrie- und Fachverlag herausgegebenen, vorzüglich gestalteten Lehrbücher erschien 1951 der Band „Elektrische Maschinen“, 28 den Josef Safarik und Josef Vojta, beide Diplomingenieure und Berufsschuldirektoren, verfaßten. Das Buch, das für Berufsschüler, Facharbeiter und Werkmeister bestimmt ist, behandelt das umfangreiche Gebiet der elektrischen Maschinen aller Art und legt ihre Wirkungsweise und ihre Betriebseigenschaften dar. Die von Hermann Wiessner verfaßte „Geschichte des Kärntner Bergbaues“ ist ein auf gründlichem Quellenstudium aufgebautes und von ins einzelne gehender Sachkenntnis zeugendes Werk. Der erste 1950 als 32. Band im Archiv für vaterländische Geschichte und Topographie erschienene Teil enthält die „Geschichte des Kärntner Edelmetallbergbaues“, 29 der zweite im selben Rahmen 1951 als 36737. Band erschienene Teil die „Geschichte des Kärntner Buntmetallbergbaues mit besonderer Berücksichtigung des Blei- und Zinkbergbaues“. 30 Die Herausgabe des viele Pläne, Abbildungen, Zahlentafeln, Literaturan gaben enthaltenden Werkes, das einen großartigen Beitrag zur Bergbau- und Technikgeschichte Österreichs bildet, ist dem Verlag des Geschichtsvereines für Kärnten zu danken, der seinen Sitz in Klagenfurt hat. Mit Recht nennt Dr. rer. pol. Arthur Bolliger, Basel, sein 1950 vom Springer-Verlag in Wien herausgegebenes Werk „Ein Beitrag zur Entwicklung des europäischen Textildruckes“ 31 eine historisch-systematische Untersuchung; es konnte nur von einem Verfasser geschrieben werden, dessen berufliche Tätigkeit in Unternehmungen des Textildruckgewerbes ihn hiezu befähigte. Für die Technikgeschichte ist insbesondere der erste, den Werdegang des Textildruckes in Europa behandelnde Teil von Wichtigkeit, während der zweite umfangreichere Teil sich mit der wirtschaftlichen Struktur des europäischen Textildruckgewerbes beschäftigt. Alwin Mittasch schrieb eine „Geschichte der Ammoniaksynthese“, 32 die 1951 im Verlag Chemie GmbH., Weinheim (Bergstraße), erschien. Das Werk wurde vom Verfasser Fritz Haber und Carl Bosch zugeeignet, denen die endgültige wissenschaftliche Gestaltung und der industrielle Erfolg dieser Synthese haupt- 28 Josef Safarik und Josef Vojta: „Elektrische Maschinen, Lehrbuch für Berufs-, Fach- und Werkmeisterschulen“, Wien-Heidelberg 1951. 29 Hermann Wiessner: „Geschichte des Kärntner Bergbaues, I. Teil: Geschichte des Kärntner Edelmetallbergbaues“, herausgegeben vom Geschichtsverein für Kärnten, 32. Band, Klagenfurt 1950. 30 Hermann Wiessner: „Geschichte des Kärntner Bergbaues, II. Teil: Geschichte des Kärntner Buntmetallbergbaues mit besonderer Berücksichtigung des Blei- und Zinkbergbaues“, 36./37. Band, herausgegeben vom Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt 1951. 31 Arthur Bolliger: „Ein Beitrag zur Entwicklung des europäischen Textildruckes, eine historisch-systematische Untersuchung“, Wien 1950. 32 Alwin Mittasch: „Geschichte der Ammoniaksynthese“, mit 4 Abbildungen im Text und 12 Bildtafeln, Weinheim (Bergstraße) 1951. Technikgeschichtliche Bücherschau. 101 sächlich zu danken ist. Der Text gibt einen Überblick über die Stufen der Entwicklung, über die industrielle Auswertung namentlich in Deutschland und über die weltwirtschaftliche Bedeutung des Verfahrens. Zahlreiche Abbildungen, Zahlentafeln, Tabellen und Diagramme begleiten den Wortbericht und führen zu wissenschaftlicher Vertiefung. Eine „ALFONS-LEON-Gedenkschrift“ erschien 1952 in Wien. Sie berichtet zunächst über den Lebenslauf und die Leistungen dieses o. Professors für Baustofflehre und Vorstand der Technischen Versuchs- und Forschungsanstalt und ,der Institute für Baustofflehre und mechanische Technologie 1 der Technischen Hochschule in Wien. Es folgen zahlreiche wissenschaftliche Beiträge von Freunden und Schülern des knapp vor dem Vollenden des 70. Lebensjahres 1951 Verstorbenen; sie geben ein gutes Bild des Standes der von Alfons Leon betreuten Disziplinen und der in Wien auf deren Feld in den letzten Jahren beigesteuerten Leistungen. Dr. Karl Feiler, Leiter des österreichischen Verwaltungsarchives und des Verkehrsarchives, berichtet in einer reizvollen Veröffentlichung über „Die alte Schienenstraße Budweis—Gmunden“; 34 sie enthält in dem von zahlreichen Abbildungen begleiteten Textteil „Ernstes und Heiteres aus dem Leben der einzigen großen Überlandbahn mit Pferdebetrieb“, die von Gerstner, Vater und Sohn, geschaffen, die Verbindung zwischen dem an Salz reichen Kammergut südlich der Donau und dem gewerbefleißigen Böhmen herstellte, dem es an Salzvorkommen fehlte. Die Persönlichkeit des Verfassers sowie das einzigartige Quellenmaterial, das ihm zur Verfügung stand und das von ihm ausgiebig benutzt wurde, bürgt dafür, daß in dieser Veröffentlichung ein geschichtstreues Bild entrollt wurde, das jedem Wißbegierigen, jedem für Heimatkunde und Technikgeschichte Empfänglichen viel Wissenswertes, Neues und Anregendes zu geben imstande ist. In das Wesen und die Leistungen der neuzeitlichen Schienenbahnen führt Brian Reed durch sein Buch „Modern Railways“ 35 ein. Es ist dies ein Band, der von Temple Press Limited, London, herausgegebenen „Boys’ powder and speed library“. Diese gehört zu einem Typus des englischen Buchwesens, der bedauerlicherweise hierzulande fast völlig fehlt; es sind dies Bücher, die in ihrer Diktion, Stoffbehandlung und Bebilderung nicht nur der heramvachsenden Jugend, sondern auch dem technisch-interessierten Erwachsenen vieles zu sagen haben. Zur selben wertvollen Reihe gehören auch „Modern British Aeroplanes“ 36 von Charles Gardner und „Speed. The Book of Racing and Records“, 37 dessen Texte aus der Feder verschiedener Fachmänner stammen. Es wäre wichtig, wenn sich auch in 33 „Alfons-Leon-Gedenkschrift“, herausgegeben von der Allgemeinen Bauzeitung, Wien 1952. 34 Karl Feiler: „Die alte Schienenstraße Budweis—Gmunden. Ernstes und Heiteres aus dem Leben der einzigen großen Überlandbahn mit Pferdebetrieb“, mit 40 Abbildungen auf XXIX Tafeln, Wien 1952. 35 Brian Reed: „Modern Railways“, London 1950. 36 Charles Gardner: „Modern British Aeroplanes“, London 1949. 37 „Speed. The Book of Racing and Records“, herausgegeben von J. C. Reynolds, London 1950. 102 Erich Kurzel-Rlntsciieiner Österreich Verleger fänden, die ähnlich sachkundige Bücher heraushrächten, die für die Heranwachsenden bestimmt sind, denen in dieser Art gebotene technische Belehrung auch in Österreich sicher erwünscht wäre. Ein Werk der Technikgeschichte im eigentlichen Sinn des Wortes ist das reich bebilderte, teilweise farbig illustrierte, von Francis I). Klingender verfaßte Werk „Art and the industrial Revolution“, 38 das der A’erlag Noel Carrington, London, 1947, herausgab. Das Buch, das die Zeit von etwa 1750 bis 1875 behandelt, in der die in ihren Folgen so bedeutsame „Technische Revolution“ sich abspielte, enthält, stets sich nur auf englische Verhältnisse beschränkend, eine große Zahl literarischer Dokumente und Bilddarstellungen, die seihst der technikgeschichtlich Interessierte außerhalb von Großbritannien kaum kennen wird. Darum vermittelt dieses Buch wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der Technikgeschichte und Wirtschaftsgeschichte. In hinreißender Diktion geschrieben ist das Buch von Max Reisch „Zwei Mann und 32 PS“, 39 das der Ullstein-Verlag, Wien, 1951, herausbrachte. Es berichtet über eine fast zweijährige Reise „im Auto um die Erde“ und wäre für jeden Reisenden, der auf eigenem Fahrzeug die durchquerten Länder aufsucht, von großem Wert, wenn nicht inzwischen der zweite Weltkrieg all die geschilderten Verhältnisse von Grund auf verändert hätte. So ist das Werk von Max Reisch heute nicht mehr als ein Erinnerungsbuch an ein kühnes erstmaliges Unternehmen und die fesselnde Schilderung einer großartigen Weltfahrt. Völlig neuartig ist die Darstellung, mit der Hermine Johnscher den biologischen Aufbau der Pflanzenwelt unter dem Titel „Eine seltsame Stadt“ 40 der Erkenntnis der Jugend nahegebracht hat. Dieses Buch wurde vom österreichischen Bundesverlag, dem viele wertvolle Erziehungsliteratur zu danken ist, 1951 in Wien herausgegeben. Besonders originell sind die zeichnerischen Darstellungen zum Lehen und über den Aufgabenkreis der einzelnen Pflanzenzellen in ihren verschiedenen Funktionen von Franz Placiiy. Leben, Fortpflanzung, Daseinskampf und Tod wird am Beispiel der Sonnenblume erklärt. I >as Buch ist sehr gut geeignet, dem jugendlichen Leser die Geheimnisse der Lebensvorgänge zu versinnbildlichen und darum wert, in jede Schulbücherei und ins Heim Heranwachsender aufgenommen zu werden. Last not least sei auf zwei in Westdeutschland erschienene industriegeschichtliche Werke hingewiesen, die — man darf dies bewundernd feststellen — alles, was auf diesem Felde seit Jahren veröffentlicht wurde, um Haupteslänge überragen. Es sind dies je eine Geschichte des Hauses Siemens und des Jenaer Zeiß- werkes. Der Verfasser des ersterwähnten Werkes ist Georg Siemens; ein Mitglied der Familie gleichen Namens, deren berühmtester Sproß der Pionier der elektro- 38 Francis D. Klingender: „Art and the industrial Revolution“, London 1947. 39 Max Reisch: „Zwei Mann und 32 PS. Im Auto um die Erde“, mit 56 Abbildungen und 9 Landkarten, Wien 1951. 40 Hermine Johnscher: „Eine seltsame Stadt. Eine Einführung in das Leben der Pflanze“, mit Bildern von Franz Plachy und Mikroaufnahmen von Ewald Schild, Wien 1951. Technikgeschichtliehe B iicherschau 103 technischen Industrie in Deutschland, Werner von Siemens, gewesen ist. Das nun geschlossen vorliegende Werk, das den Titel „Geschichte des Hauses Siemens " 41 trägt, umfaßt drei Bände und wurde vom Verlag Karl Alber, München (nun Freiburg-München) herausgegeben. Der erste Band, der 1947 erschien, umfaßt die Gründung des Hauses und die Geschehnisse der Jahre 1847 bis 1903; der zweite 1949 erschienene Band mit dem Untertitel „Technik als Schicksal" berichtet über die Jahre 1903 bis 1923; der dritte Band schildert „Die Dämonie des Staates", ihren Einfluß auf das SiEMENSsche Weltunternehmen und umfaßt, 1952 erschienen, die Geschehnisse der Jahre 1922 bis 1945. Das Packende über die übliche Art industriegeschichtlicher Schilderungen weit hinausgehende an diesem Werk ist, daß es der A’erfasser immer wieder versteht, die Schicksale des Hauses Siemens inmitten des wechselnden Weltgeschehens darzustellen und darzulegen, wie dieses stets die Entwicklung des Konzernes beeinflußte. Außerdem gelingt es dem Verfasser in selten anzutreffender Kunst, auch komplizierte technische Vorgänge, wirtschaftliche Überlegungen und Entwicklungen einfach und verständlich zu schildern. Man lese, will man dies würdigen, etwa die Seiten, die sich mit der Auffindung und Auswertung des dynamoelektrischen Prinzips befassen oder jene, die die Entwicklung der Telephonie darstellen, wie sie sich aus dem Erfindungsgedanken Pupins ergab. Techniker, Industrielle, Volkswirtschaftler, ja jeder am Weltgeschehen des letzten Jahrhunderts Interessierte wird immer wieder neue Gesichtspunkte finden, von denen aus dieses betrachtet werden kann und betrachtet werden muß. Jedermann wird aus dem Werk von Georg Siemens Vergnügen und Belehrung in Fülle gewinnen, wenn er es aufmerksam durchgeht. Das zweite der angeführten Werke ist die 1951 im Piscator-Verlag, Stuttgart, erschienene „Geschichte des Jenaer Zeisswerkes 1846— 1946“. 42 Als Verfasser zeichnet Dr. Friedrich Schomerus, der als „alter Zeissianer“ und langjähriger Personalreferent des Unternehmens bestens dazu legitimiert ist, diese ein Jahrhundert umfassende Geschichte eines weltberühmten Industriewerkes zu schildern. In stets die Aufmerksamkeit des Lesers vollauf beschäftigendem Stil wird die Gründung des Werkes durch Carl Zeiss (1816—1888), die Art, wie dessen Erzeugung durch Ernst Abbe (1840—1905) auf immer wissenschaftlicherer Basis aufgebaut wurde, die Umwandlung des Unternehmens in die „Zeiss-Stiftung“ geschildert. Auch die Führerpersönlichkeiten während der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts werden dem Leser nahegebracht und ein überblick über die Ausweitung des Fabrikationsprogrannnes gegeben. Es liegt ungeheure Tragik im Schicksal, das dem Unternehmen seit 1945 zuteil wurde. Aber auch zerspalten und verlagert auf neue Standorte, lebt es weiter. In diesem Buch grüßen in Wahrheit — wie der Autor sagt — die Ahnen des Werkes die Gegenwärtigen und diese die Zukünftigen. Möge der Gedanke sich verwirklichen, mit dem das Buch schließt — nicht nur für das Zeisswerk, sondern für uns alle: „Vor uns der Tag, hinter uns die Nacht.“ 41 Georg Siemens: „Geschichte des Hauses Siemens“; 1. Band ,,1847 —1903“ München 1947: 2. Band „Technik als Schicksal 1903 -1922“, München 1949; 3. Band „Die Dämonie des Staates 1922—1945“, Freiburg-Miinchen 1952. 42 Friedrich Schomerus: „Geschichte des Jenaer Zeisswerkes 1846—1946“, mit 30 Abbildungen auf 13 Tafeln, Stuttgart 1952. Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1953 Auszug aus Karteien technikgeschichtlicher Ereignisse Von Therese Stampfl Januar 2. 1858. Georg Altmütter, gestorben in Wien. — Technologe, Begründer der W erkzeuglehre. 4. 1928. Eröffnung der Kanzelbahn. 4. 1878 fand die Auswechslung der beiderseitigen Ratifikationen des Berliner Postvertrages zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland vom 7. Mai 1872 statt. 6. 1888. Eröffnung der ersten Teilstrecke der Kaiser Ferdinands-Nordbahn (Floridsdorf—Wagram), womit der erste öffentliche Personenzug den Verkehr einleitete. Die Fahrt dauerte 40 Minuten bis Deutsch-Wagram. 8. 1858. Friedrich Drexler, geboren in When. — Pionier auf dem Gebiete der Elektrotechnik. 8. 1878. Leopold Oerley, geboren in Wien. — Oberbanrat, Professor und Dekan der Fakultät für Bauingenieurwesen der Technischen Hochschule in Wiep, betätigte sich an Trassierungen verschiedener Bahnstrecken, Tunnelbauten und Straßenbauten. 15. 1878. Paul Ludwik, geboren zu Schlan in Böhmen. — O. ö. Professor für mechanische Technologie und Materialprüfungswesen an der Technischen Hochschule in Wien. 16. 1838. Nanette Anna Maria Stein, gestorben in Wien. — Gattin des Johann Andreas Streicher, die gemeinsam Pionierarbeit auf dem Gebiet des Klavierbaues geleistet haben. 23. 1918. Max Kraft, Ing. Dr. e. h., gestorben in Wien. — Professor für mechanische Technologie und Unfallverhütung an der Technischen Hochschule in Graz. 24. 1753 wurde die allererste von Friedrich von Knauss erfundene Schreibmaschine fertiggestellt, die für Louis Quinze zu Versailles bestimmt war. 31. 1858. Preisausschreiben der Stadt Wien zwecks Erhalt eines Stadterweiterungs- planes für die Bebauung der durch die Entfernung der Stadtmauern freigewordenen Grundfläche. Februar 3. 1863. Josef Duile, gestorben in Innsbruck. —Bedeutender Pionier auf dem Gebiet der Wildbachverbauungen und Flußregulierungen in Tirol. 5. 1928. Eröffnung der Personenseilschwebebahn auf die Bürgeralpe bei Mariazell. 7. 1878. Kasimir Graff, geboren bei Posen. — Universitätsprofessor, Direktor der Wiener Universitäts-Sternwarte. Therese Stampfl: Gedenktage 105 9. 1888. Julius Robert, gestorben in Seelowitz. — Erfinder des Diffusionsverfahrens zur Saftgewinnung in der Rübenzuckerindustrie. 9. 1818. Christian Reithmann (der Ältere), geboren in Fieberbrunn in Tirol. — Erfinder des Zwei- und Viertaktmotors. 10. 1868. August Musger, geboren in Eisenerz. — Österreichischer Erfinder der Zeitlupe. 10. 1873. Franz Wels, geboren in Marburg, Steiermark. — Pionier auf dem Gebiet des Flugzeugbaues. — Mitarbeiter an der ,,Etrich-Taube“. 20. 1913. Robert von Lieben, gestorben in Wien. — Erfinder der Verstärkerröhre, die für die Radiotechnik von größter Bedeutung ist. 22. 1723. Peter Anich, geboren in Oberperfuß in Tirol. — Bedeutendster Kartograph seiner Zeit, verfertigte astronomische und geodätische Apparate und Erd- und Himmelsgloben. 24. 1913. Wilhelm Kress, gestorben in Wien. — Pionier der Luftfahrt. März 1. 1888. Die ,,k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren“ wurde in dem von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellten Haus in Wien, Westbahnstraße 25, unter dei Leitung von Dr. Josef Maria Eder eröffnet. Nach Angliederung einer „Sektion für Buch- und Illustrationsgewerbe“ trägt das Institut seit 1897 den Namen „Graphische Lehr- und Versuchsanstalt“. 4. 1928. Eröffnung der Personenseilschwebebahn auf den Hahnenkamm. 6. 1933. Oberst Franz Hinterstoisser, gestorben in Wien. - Pionier der altösterreichischen Luftfahrt. 11. 1723. Patent, mit welchem Kaiser Karl VI. die erste österreichische Tabakregie, die sogenannte kaiserliche Tabakmanufaktur mit Fabriken in Hainburg und Triest gründete. 13. 1878. Otto Hönigsciimid, geboren in Prag. — Chemiker, Anorganiker und Spezialist für Atomgewichtsbestimmungen. — Mitarbeiter am Wiener Radiuminstitut. 16. 1843. Fridolin Reiser, geboren zu Gammertingen in Hohenzollern-Sigmaringen. Pionier der österr. Gußstahlerzeugung. Leiter der Gußstahlfabrik in Kapfenberg von 1867 bis 1908. 20. 1833. Georg Huebmer, gestorben zu Naßwald. — Bedeutender Schwemmeister, der u. a. 1783 auch die Schwemmanlage Naßwald-Hirschwang anlegte. 23. 1778. Paul Traugott Meissner, geboren in Mediasch, Siebenbürgen. — Begründer der modernen Luftheizungstechnik. 23. 1908. Konzessionserteilung zum Bau der Wechselbahn Aspang—Friedberg. 24. 1883. Julius Lott, gestorben in Wien. — Eisenbahnbauer, Vorstand der k. k. Direktion für Staatseisenbahnbauten, verfaßte das endgültige Projekt zum Bau der Arlbergbahn. April 10. 1778. Johann Arzberger, geboren in Arzberg bei Wunsiedl, Bayern. — Leiter der Fürstl. Salmschen Maschinenfabrik in Mähren, ab 1816 Professor der Lehrkanzel für praktische Maschinenlehre am Polytechnischen Institut in Wien. 14. 1928. Eröffnung der Personenseilschwebebahn auf den Patscherkofel. 16. 1863. Ferdinand Redtenbacher, gestorben in Karlsruhe, Baden. — Begründer der Wissenschaft des Maschinenbaues, Professor und Direktor der Technischen Hochschule in Karlsruhe. 21. 1938. Arthur Krupp, gestorben in Berndorf. — Großindustrieller und Wirtschaftspolitiker. 28. 1863. Franz Hinterstoisser, geboren in Aigen bei Salzburg. — Pionier der Luftfahrt. 106 Therese Stampfl 29. 1798. Nikolaus Poda von Neuhaus, gestorben in Wien. — Gelehrter Jesuit, errichtete in Graz ein physikalisches Museum; ab 1760 wirkte er an der Bergakademie in Schemnitz, wo er Markscheidekunst und Bergwerksmechanik vortrug. Mai. 1. 1878. Friedrich Haberlandt, gestorben in Wien. — Professor an der Hochschule für Bodenkultur, machte viele Neuerungen auf dem Gebiete des Seidenbaues, die einen gewaltigen Aufschwung der Seidenzucht bewirkten. 6. 1918. Eröffnung des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. 9. 1898. Eröffnung der Wiener Stadtbahn mit Dampfbetrieb. 9. 1928. Verstärkung des Radiosenders am Rosenhügel in Wien. 10. 1913. Inbetriebnahme der Kohlernbahn bei Bozen, erste Personenseilschwebebahn in Österreich. 11. 1813. Alois Auer Ritter von Welsbach, geboren in Wels. — Direktor und Neubegründer der k. k. Hof- und Staatsdruckerei in Wien. — Erfinder des N aturselbstdruckes. 14. 1828. Adalbert Waltenhofen Ritter von Eglofsiieimb, geboren in Admontsbühel, Steiermark. — Physiker und Elektrotechniker, entwarf einen Organisationsplan für den Bau eines neuen Elektrotechnischen Institutes in Wien. Er ist der Begründer des systematischen Unterrichtes für Elektrotechnik in Österreich. 15. 1778. Christian Georg Hornbostel, geboren in Wien. — Seidenerzeuger. 20. 1863. Franz Wilhelm Dafert Ritter von Senseltimmer, geboren in Wien. — Direktor und Organisator der k. k. Landwirtschaftlichen chemischen Versuchsstation in Wien. 21. 1878. Ernst Felix Petritscii, geboren in Triest. — Professor der elektrischen Fernmeldetechnik an der Technischen Hochschule in Wien. 28. 1933. Eröffnung des Großsenders Bisamberg der Österreichischen Radioverkehrs AG. Juni. 8. 1848. Gründung des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines in Wien. 15.—22. 1913. Zweites Internationales Flugmeeting am Wiener Flugfeld. 18. 1913. Karl Illner erreicht mit zwei Passagieren auf einem Lohner-Daimler - Pfeilflieger mit Austro-Daimler-Motor eine Höhe von 5010 m. 24. 1928. Aufnahme des Radiosenders in Linz der Österreichischen Radioverkehrs AG. 27. 1848. Erteilung der amtlichen Baubewilligung für die Lokomotivbahn über den Semmering. 30. 1898. Siegfried Marcus, gestorben in Wien. — Pionier des neuzeitlichen Automobilismus. Juli. 1. 1883. Inbetriebnahme der 71,8 km langen Talstrecke der Arlbergbahn Innsbruck— Landeck. 8. 1818. Einführung der öffentlichen Beleuchtung mit Gas in der Krugerstraße und Walfischgasse, nächst dem Kärntnertor, die zu den ersten Beleuchtungsversuchen am europäischen Kontinent gehört. 13. 1878. Ernst Robert Kaan, geboren in Wien. — Generaldirektor der österreichischen Bundesbahnen, hat sich um die Elektrifizierung der Bundesbahnen sehr bemüht. 15. 1858. Ludwig Löhner, geboren in Liesing bei Wien. 21. 1833. Jakob Breitenlohner, geboren in Weyr, Oberösterreich. — a. o. Professor der Meteorologie, Klimatologie und Standortlehre an der Hochschule für Bodenkultur, machte den ersten Entwurf zur Erbauung des Sonnblick- Observatoriums . 21. 1928. Eröffnung der Nordkettenbahn. Gedenktage 107 22. 1778. Ignaz Paur, geboren zu Tattendorf, Niederösterreich. — Begründer der Wiener Grieß- und Hochmüllerei. 22. 1923. Erstmaliges Befahren der Teilstrecke der Arlbergbahn von Innsbruck bis Telfs. 22. 1868. Max Mauermann, geboren in Tamowitz. — Er schuf 1912 den rostsicheren Stahl. 27. 1873. Inbetriebnahme der Drahtseilbahn auf den Leopoldsberg bei Wien. August 13. 1863. Heinrich Goldemund, geboren in Kojetein, Mähren. — Stadtbaudirektor von Wien, Mitbegründer des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. 16. 1868. Karl Pichelmayer, geboren in Bruck a. d. Mur. — Professor an der Technischen Hochschule in Wien, bedeutender Elektrotechniker. 16. 1883. Eröffnung der Internationalen Elektrischen Ausstellung in Wien. 21. 1893. Achilles Thommen, gestorben bei Mariaschutz am Semmering. — Bedeutender Eisenbahnfachmann, Mitarbeiter Karl von Etzels am Bau der Brennerbahn, die er nach Etzels Tod vollendete. 25. 1863. Ludwig Erhard, geboren in Aicha v. W. — Organisator und erster Direktor des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. 27. 1893. Peter Mitterhofer, gestorben in Partschins in Tirol. — Vorläufer der Schreibmaschinenerzeugung. 28. 1848. Jakob Degen, gestorben in Wien. — Konstruierteeinen Schwingenflieger und erfand den Kongavedruck und das Guillochirverfahren für die Banknotenherstellung. September 1. 1858. Carl Auer Frh. von Welsbach, geboren in Wien. — Erfinder des Gasglühlichtes, der Osmiumlampe und der funkenstiebenden Metalle. 5. 1878. Robert von Lieben, geboren in Wien. — Erfinder der Radio-Verstärkerröhre. 13. 1693. Josef Emanuel Fischer von Erlach, geboren in Wien. — Erbauer der ersten Feuermaschine in Wien. 14. 1883. Alexander Meissner, geboren in Wien. — Erfinder der Rückkopplung für Radiosender und Empfänger. 18. 1923. Gründung der österreichischen Luftverkehrs A. G. in Wien. Oktober 1. 1858. Alois Ritter von Negrei.li, gestorben in Wien. — Generalinspektor der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, nahm auf den Eisenbahnbau in Österreich großen Einfluß und wurde berühmt durch die Ausarbeitung der Pläne zur Erbauung des Suez-Kanales. 2. 1883. Karl von Terzaghi, geboren in Prag. — Professor an der Technischen Hochschule in Wien, bedeutender Fachmann für Tiefbau, Dammbau, Erdbaumechanik und Grenzgebiete. 2. 1933. Philipp Forchheimer, gestorben in Wien. — Bedeutender Fachmann der theoretischen und angewandten Hydraulik, Professor der Technischen Hochschule in Graz. 6. 1768. Josef Madersperger, geboren in Kufstein, Tirol. — Erfindung des ersten N ähapparates. 12. 1853. Schließung des Schienenstranges über den Semmering. 17. 1933. Franz Wilhelm Dafert Ritter von Senseltimmer, gestorben in Wien. — Direktor und Organisator der k. k. Landw. chemischen Versuchsanstalt in Wien. 17. 1803. Karl Karmarsch, geboren in Wien. — Technologe, Gründer der Technischen Hochschule Hannover. Technikgeschichte, 14. Heft. 8 108 Therese Stampfl : Gedenktage 18. 1888. Inbetriebnahme der Mühlkreisbahn: Urfahr—Neufelden—Rohrbach—Aigen. 22. 1888. Inbetriebnahme der ersten elektrischen Bahn in Österreich-Ungarn von Mödling in die Hinterbrühl. 24. 1873. Eröffnung der „Ersten Kaiser Franz Joseph-Hochquellenleitung“ in Wien. 27. 1903. Eröffnung des Elektrotechnischen Institutes der Technischen Hochschule in Wien. November 2. 1878. Friedrich Roth, geboren in Wien. — Konstrukteur der Roth-Waagner- Brücken. 14. 1833. Friedrich Arzberger, geboren in Wien. — Professor der mechanischen Technologie an der Technischen Hochschule in Wien. 16. 1878. Otto Albert Böhler, geboren in Wien. — Montanist und Industrieller. 16. 1778. Johann Josef Prechtl, geboren in Bischofsheim a. d. Rhön. — Organisator und erster Direktor des Polytechnischen Institutes in Wien; Pionier der Gasbeleuchtung. 18. 1853. Josef Melan, geboren in Wien. — Hervorragender Brückenbauer, besonders bekannt wegen der als „Melan -Bauweise“ bezeichneten Verbundweise von Eisenbeton. 18. 1933. Eröffnung der Stadlauer Donaubrücke der Österr. Bundesbahnen. 19. 1883. Durchbohrung des Arlbergtunnels. 21. 1848. Carl Ritter von Bruck, Direktor des Österr. Lloyd, wurde das Handelsressort unter Ausscheidung der landwirtschaftlichen Agenden und Eingliederung der „Öffentlichen Bauten“ übertragen. 24. 1823. Johann Kravogl, geboren in Lana bei Meran. — Er erfand das elektrische Kraftrad. 30. 1803. Christian Doppler, geboren in Salzburg. — Gehört durch sein 1842 entdecktes und nach ihm benanntes Prinzip zu den Begründern der klassischen Physik. Dezember 2. 1873. Erstmalige elektrische Beleuchtung in Wien am Schwarzenbergplatz. 15. 1933. Elektrifizierung der Nordrampe der Tauembahn von Schwarzach-St. Veit nach Mallnitz. 18. 1948. Wiederinbetriebnahme des 100 KV-Ölkabels des E-Kraftwerkes Simmering. 31. 1858. Zuerkennung der Preise anläßlich des Wettbewerbes für die Gewinnung eines Stadterweiterungsplanes für die Stadt Wien. Manzsche Buchdruckerei, Wien IX Fortsetzung eon der II. Umschlag feite. I I BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE Heft 6 1938. 138 S. 92 Abb. Schriftleitung: o. ö. Prof. K. Holey. Aus dem Inhalt: H. Srbik, Widmung an Hofrat Dr. Ing. L. Erhard.— C. Matschoss, Technische Kulturdenkmale als Quellen zur Geschichte der Technik. — K. Holet, Die technischen Denkmäler in Österreich und ihre Verbundenheit mit Volk und Boden. — J. Sames, Die Reste der Schwarzenberg- Schwemmanlagen an der großen Mühl. — E. Kurzel-Runtscheiner, Zwei Meister der Kunstmechanik am Hofe Kaiserin Maria Theresias: Ludwig Knaus und Friedrich von Knaus. — V. Schützenhofer, Josef Werndl, der Mann und sein Werk. — A. Bihl, Julius Lott, der Erbauer der Arlbergbahn. — J. Altmann, Aus der Ahnenreihe österreichischer Kraftwagen. — F. Fattinger, Geschichte einer der ältesten Industriestätten: Treibach in Kärnten. — F. Sedlacek, Das Werden des Kärntner Bleiweiß Verfahrens. — C. Schraml, Versuch der Einführung der Gasbeleuchtung bei den Salzwerken des Kammergutes. — E. Neweklowsky, Die Ladenkarlfahrt auf der Steyr. — C. Schraml, Der Holzaufzug und die Wasserriesen im Außerweißenbach. — G. Strele, Die Entwicklung der Wildbachverbauung in Österreich. — V. Thiel, Geschichte der Donauregulierung bei Wien. — F. Kirnbaüer, Bergmännische Zeichen: Die Entwicklung von Bergbauzeichen auf Landkarten. — Bergmännische Wasserzeichen in altem Steyrer Schreibpapier. Heft 6 1939. 82 S. 35 Abb. und 1 Plan. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Aus dem Inhalt: 0. Lanser, Alte Brücken und Mühlen in Tirol. — F. Kargl, Siebzig Jahre Brennerbahn. — K. Holet, Hofrat Dr. Ing. E. h. Ludwig Erhard 75 Jahre. — Buchbesprechung. Heft 7 1940. 154 S. 102 Abb. und 2 Tafeln. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Aus dem Inhalt: F. Kirnbaüer, Die Entwicklung des Markscheidewesens im Lande Österreich. Heft 8 1942. 88 S. 55 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard f und o. ö. Prof. Dr. K. Holey. Aus dem Inhalt: K. Holet, Ludwig Erhard. — K. Feiler, Geschichtliches über die Linz-Budweiser Eisenbahn, die älteste deutsche Schienenstraße. — 0. Dirmoser, Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens. — Mitteilungen und Berichte: Tätigkeitsbericht des Forschungsinstitutes über die Jahre 1938 bis 1940. — Merkblatt zur Anlegung von Betriebsarchiven. Heft 9 1947. 44 S. 10 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Aus dem Inhalt: V. Schützenhofer, Vom k. k. Fabriksprodukten- Kabinett zum Wiener Technischen Museum von heute. — V. Schützenhofer, Aloys von Widmanstatten. Heft 10 1948. 91 S. 19 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Aus dem Inhalt: Kurt von Lössl und Ernst von Lössl, Friedrich Ritter von Lössl, I. Teil: Der Lebenslauf, II. Teil: Die Arbeiten Friedrich Ritter von Lössls auf aerodynamischem und flug-mechanischem Gebiet. — E. Kurzel-Runtscheiner, Wilhelm Kress, ein österreichischer Pionier der Luftfahrt. — R. Saliger, Ing. Gustav Adolf Wayss, ein Bahnbrecher des Stahlbetons. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1948 und 1949. / Fortsetzung auf der IV. Umsehiagseite. Fortietzung von dor III. Umschlag teile. BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE Heft 11 1949. 116 S. 41 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Aus dem Inhalt: F. Kirnbauer, Goethe, Naturwissenschaften und Technik. — V. Schützenhofer, Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. — E. Kurzel-Runtscheiner, Franz Freiherr von Wertheim. — H. Benedikt, Die Schreibmaschine des Grafen Neipperg. — R. Kieffer und F. Benesovsky , Zur Geschichte der Metallwerk Plansee G. m. b. H. in Reutte in Tirol. — H. Benedikt, Schiffahrt im Pongau. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1950. Heft 12 1950. 112 S. 42 Abb. Schriftleitung: Dr. phil. Josef Nagler. Aus dem Inhalt: V. Schützenhofer, Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. — P. Siebertz, Rudolf Diesel und der Automobilmotor. Ein Beitrag zur Geschichte des Fahrzeugdiesels unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Ludwig Löhners darin. — 0. Regele, Herman von Hoernes. Luftschiffer, Flugtechniker und Luftfahrthistoriker. — F. Binder und M. Rohlena, Zum Gedenken an Dr.-Ing. h. c. Karl Wurmb, den Erbauer der österreichischen Alpenbahnen 1901—1907. — K. Melicher, Baugeschichtliche Bilder von der Arlbergbahn. — E. Kurzel-Runtscheiner, Kitzbühel, die alte Bergstadt. — F. Dan gl, Österreichs Beitrag der Lumineszenzanalyse und Fluoreszenzmikroskopie. — E. A. Kolbe, Zur Geschichte der ehemaligen Staatl. Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der ehern, k. k. Salmiakfabrik in Nußdorf. Mitteilungen und Berichte: 75 Jahre Marcus- Automobil. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österr. Technikgeschichte im Jahre 1951. Heft 13 1951. 72 S. 26 Abb. Schriftleitung: Dr. phil. Josef Nagler. Aus dem Inhalt: P. Dolch, Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. — E. Kurzel-Runtscheiner, Das Unter- inntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. — Alfred Collmann, Lebensweg und Leistung. — Mitteilungen und Berichte: J. Nagler, Nikola Tesla- Kongreß. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücher* schau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1952.