TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE SECHZEHNTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 60 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG • 1954 TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE Bisher erschienen: Heft 1 1932. 214 S. 8 Tafeln und 88 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Heft 2 1934. 85 S. 30 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Neudruck Aus dem Inhalt: F. Sedlacek, Auer von Welsbach; Heft 3 1936. 101 S. 64 Abb. und ein Kunstblatt. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. ' Vergriffen AusdemInhalt:L. Erhard, Vom Lebenssinn der Technik. — A. Lechner, Viktor Kaplan. — F. Sedlacek, Die Dr. Carl Auer-Welsbach-Gedächtnisaus- stellung im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien. — Mitteilungen und Berichte: Tätigkeitsbericht des österreichischen Forschungsinstitutes für Technikgeschichte. — Die Enthüllungsfeier des Auer-Welsbach - Denkmals. — Buchbesprechung: Lebenserinnerungen von Dr. techn.h. c. Dr. mont. h. c. G. Günther. — A. Bran, Bibliographie zur Geschichte der Technik. — Erläuterung zum Kunstblatt: Haymon und Thyrsus. Heft 4 1938. 80S. 38 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L.Erhard. Vergriffen Heft 5 1938. 138S. 92Abb. Schriftleitung: o. ö. Prof. K. Holey. i Vergriffen Aus dem Inhalt: H. Srbik, Widmung an Hofrat Dr. Ing. L. Erhard.— C. Matschoss, Technische Kulturdenkmale als Quellen zur Geschichte der Technik. — K. Holet, Die technischen Denkmäler in Österreich und ihre Verbundenheit mit Volk und Boden. — J. S ames, Die Reste der Schwarzenberg- Schwemmanlagen an der großen Mühl. — E. Kurzel-Runtscheiner, Zwei Meister der Kunstmechanik am Hofe Kaiserin Maria Theresias: Ludwig Knaus und Friedrich von Knaus. — V. Schützenhofer, Josef Werndl, der Mann und sein Werk. — A. Bihl, Julius Lott, der Erbauer der Arlbergbahn. — J. Altmann, Aus der Ahnenreihe österreichischer Kraftwagen. — F. Fattinger, Geschichte einer der ältesten Industriestätten: Treibach in Kärnten. — F. Sedlacek, Das Werden des Kärntner Bleiweißverfahrens. — C. Schraml, Versuch der Einführung der Gasbeleuchtung bei den Salzwerken des Kammergutes. — E. Neweklowsky, Die Ladenkarlfahrt auf der Steyr. — C. Schraml, Der Holzaufzug und die Wasserriesen im Außerweißenbach. — G. Strele, Die Entwicklung der Wildbachverbauung in Österreich. — V. Thiel, Geschichte der Donauregulierung bei Wien. — F. Kirnbaüer, Bergmännische Zeichen: Die Entwicklung von Bergbauzeichen auf Landkarten. — Bergmännische Wasserzeichen in altem Steyrer Schreibpapier. Fortsetzung au/ der III. UmtchlagseUe. BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE p*"V‘ Iliipjl-ja Mi V-iW 1 . ■■■•>* •-'- ‘»W V ?-.- 73 •«**ä».' :*.»> Jü\fylibhl ^ Tvv*»; IV. .> $y*r± *-' *!' Stää ,r--t. Ll^E^Lftf TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE SECHZEHNTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 60 ABBILDUNGEN WIEN • IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG • 1954 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, Vorbehalten. Printed in Austria. Inhaltsverzeichnis. Seite Hundert Jahre Semmeringbahn. Von Ministerialrat i. R. Dipl.-Ing. Viktor Schützenhofer. 1 Die Großglockner-Hochalpenstraße. Von Hofrat Dipl.-Ing. Franz Wallack . 8 Präzisions-Zeitmessung in der Vor-Huygensschen Periode. Von Dr. H. vonBertele, Dr. Ing. Dipl.-Ing. A. M. I. E. E., London, übersetzt von Tng. Hans Kominek, Wien. IG Zur ältesten Geschichte des Bernsteins. Von Prof. Dr. phil. Dr.-Ing. Heinrich Quiring, Berlin-Charlottenburg. 44 Johannes Mathesius und der Bergbau. Zur 450. Wiederkehr seines Geburtstages. Von Dipl.-Ing. Dr. mont. Franz Kirnbauer . 51 Alte Eisenindustrie im Lavanttal. Von Dr. Karl Dinklage .. 08 Mitteilungen und Berichte: Technikgeschichtliche Bücherschau. Von Dipl.-Ing. Fritz Sykora. 101 Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1955. Von Therese Stampfl. 117 rr\ . .afmHforw/fctJartnl j' y • , . . . 1*7/ Jt« it»;! f.fKI >fi u« V . i£mflRft'« »K • '* >(• 4 «*'?»/<.'■• a !!••»•»/ ijt *o<>i>uvfei < t . as /*• »/•*• /i -/i W .jytl ü.ir f.vTv*''ic>»lu .acini .1 M.j .!/ / ..'«iri-.^tvl -V«I •'«CI ;) f .... . .........., , . . 09*'H ■■■ unioiitt ,%•’{ tH*7 ve>H *#iii ’ritltxrfW-"* mS i-4- .. .......... . '4IfH* ’im 11t vl l:jd ) fUjV'M '.«tVIJfl'ip . . "'.»to*- *Kl«l***MV/ Stil »'S KfÄHjji'tH %<»t> \«..i ■ .-vv^MhV «jcwhKoI {«: . . . .... \*u *7 . n'n*nt .•«! .^tTl. .kr^itl /*,7 *lt . ....... ... I. •/■.« XV. K.1 IMt./l . 7 >•( !#’ m *.K« i»*».! yiH'äfnrttttf TI I .... „. Hundert Jahre Semmeringbahn. Von Dipl.-Ing. Viktor Schützenhofer, Wien. Mit 4 Abbildungen. Mit der am 17. Juli 1854 erfolgten Aufnahme des Vollbetriebes auf der Semmeringbahn wurde eine Lücke im Bahnnetz des damaligen Kaisertums Österreich geschlossen und die Verbindung vom Norden nach dem Süden des Landes bis Laibach hergestellt, die der Schöpfer dieser Bahnstrecke, der große österreichische Eisenbahnbauer Carl Ritter von Ghega drei Jahre später bis Triest verlängerte. Die Schließung der Lücke war um so bedeutsamer, als ihr ein gewaltiges Hindernis, die Alpen, im Wege stand, deren Bezwingung durch eine Ixikomotiveisenbahn ein beispielgebendes Weltereignis darstellte. Der Betrieb einer solchen Eisenbahn über einen Gebirgsstock wie den Semmering wurde damals von vielen anerkannten Fachleuten als undurchführbar angesehen. Tiefes technisches Wissen, eingehende Studien ausländischer Bahnbetriebe sowie ein bewundernswerter Weitblick ließen Ghega nicht nur die volle Unrichtigkeit der Ansichten seiner fachlichen Gegner erkennen, sondern überzeugten ihn davon, daß die von ihm vorgeschlagene Betriebsart für die Semmeringbahn und für durchlaufende Gebirgsbahnen überhaupt allein anwendbar sei. Carl Ritter von Ghega wurde am 10. Jänner 1802 als Sohn eines k. k. Marinebeamten in dem damalig österreichischen Venedig geboren. Nach einer Vorbildung im St. Anna-Militärkollegium seiner Vaterstadt sowie mathematischen und bauwissenschaftlichen Studien an der Universität in Padua, verlieh diese dem erst Siebzehnjährigen das Doktordiplom der Mathematik. Als staatlicher Ingenieur — der Landesbaudirektion Venedig — war dann Ghega fast siebzehn Jahre im Straßen-, Wasser- und Brückenbau in den italienischen Provinzen Österreichs tätig und trat, nachdem er die Anfänge des Eisenbahnwesens anderer Länder kennengelernt hatte, 1836 in den Dienst der Generaldirektion der Kaiser Ferdinands-Nordbahngesellschaft mit der Aufgabe, die Projektierung und Leitung von Streckenbauten zu übernehmen. Vier Jahre später kehrte er in den Staatsdienst zurück und baute Straßen und Brücken in Tirol. Ende 1841 folgte er dem Rufe der — 1840 auf Anregung des damaligen Hofkammerpräsidenten Freiherrn von Kübeck — von der österreichischen Regierung in Wien errichteten Viktor Schctzenhofer. Generaldirektion der Staatseisenbahnen und wählte damit endgültig den ihm so große Erfolge bringenden Eisenbahnbau als Lebensberuf. Das österreichische Eisenbahnnetz war um diese Zeit noch nicht groß. Es hatte eine Länge von 364 km und umfaßte die Strecken Wien-Brünn, Lundenburg- Olmütz, Floridsdorf-Stockerau und Wien-Neunkirchen. Ghega wurde mit dem Studium der Bahnlinie von Gloggnitz nach dem Süden des Landes betraut. Die Strecke Neunkurhen-Gloggnitz war als Privatbahn schon in Ausführung und konnte noch 1842 eröffnet werden. Anfangs dieses Jahres wurde Ghega nach England und Nordamerika entsandt, um sich über die dortigen Erfahrungen im Bahnbau zu unterrichten und das Erfahrene für die ihm gestellten Aufgaben nützlich zu verwenden. Das Ergebnis dieser Studienreise legte er in einer Denkschrift nieder. Die darin enthaltenen, für den Bau und Betrieb der Semmeringbahn besonders wichtigen Stellen seien wie folgt herausgegriffen: „Die Einrichtung aus stationären Dampfmaschinen, Seilen und Köllen hätten sich als Betriebssystem auf Eisenbahnen, vorzüglich auf Bahnlinien für einen größeren Personen- und Warenverkehr nicht sonderlich bewährt. Die Anwendung dieses Systems dürfte kaum weitere Fortschritte machen, dafür aber dem Loko- motivbetriebe auch für kühnere Bahnsteigungs- und Krümmungsverhältnisse eine ausgedehntere Benützung Vorbehalten sein. Selbst die englischen Ingenieure neigen sich zu dieser Ansicht hin und der, daß die praktische Anwendbarkeit der athmosphärischen oder pneumatischen Apparate auf den Fährbetrieb der Eisenbahnen sehr in Zweifel zu setzen sei. Unter allen auf Eisenbahnen bestehenden Triebmitteln ist doch die Lokomotive als die dem praktischen Gebrauche zusagendere und minder komplizierte bewegende Kraft anzusehen.“ Ghega war zum überzeugten Vertreter der Anwendung des reinen Adhäsionsprinzips für durchlaufende Eisenbahnlinien und auch damit für die Semmeringüberquerung geworden. In Berücksichtigung des damaligen allgemeinen Standes des Lokomotivbaues und besonders dem Österreichs, dessen schwerste Lokomotiven ein Dienstgewicht von nur 22 t besaßen, hielt er vorerst noch an Bahnneigungen nicht größer als ein Fünfzigstel und Krümmungshalbmesser nicht kleiner als 300 m fest, überzeugt aber davon, daß die Technik immer das zu leisten imstande sein würde, was die jeweiligen Verhältnisse erfordern und dies auch für den Lokomotivbau gelte, rechnete er mit einer raschen Entwicklung desselben, die eine Verbesserung der Bahnanlagemöglichkeiten und durch diese, eine Verringerung der Bahnanlagekosten mit sich bringen müsse. So sind die ständig mehr vervollkommten Semmeringbahn-Trassenvarianten der Jahre 1844 bis 1848 entstanden — darunter allerdings auch eine von der Regierung verlangte, abwechselnd für Lokomotiv-. Pferde- und athmosphärischen Betrieb erstellte, von Ghega aber begreiflicherweise nicht befürwortete—, so kam es zu seinem, vom Minister von Bruck genehmigten Vorschlag einer Preisausschreibung für die drei bestgeeignetsten Lokomotiven der im Bau befindlichen Semmeringbahn und schließlich zur Schaffung Hundert Jahre Semmeringbahn. 3 der vorläufig endgültigen Semmeringlokomotivtype durch Wilhelm von Engerth. Darauf soll später zurückgekommen werden. ('• \ L., v ...ys— r ' ('/ C 1 jt < //J O' r * - '/XL & r. ....4,.^ a . //av /j Photo: Technisches Museum, Wien. Bild 1. Carl Kitter von Ghega 1802—1800. Erbauer der Semmeringbahn. Nach mehrjährigen, durch die Widersacher Ghegas, aber auch durch die Finanznöte des Staates verursachtem Zögern, entschied sich 1847 die Regierung zur Annahme des GHEGAschen Vorschlags „der Semmeringüberschienung mit einer reinen Adhäsionsbahn“. Es dauerte aber noch ein weiteres Jahr, bis der Minister für öffentliche Arbeiten, von Baumgartner — am 17. Juni 1848 —. 4 Viktor Schützenhofer. die Baugenehmigung erteilte, die zudem zweifellos nur durch die damals in Österreich, besonders aber in Wien herrschenden revolutionären Verhältnisse und die Notwendigkeit einer möglichst ausgiebigen Arbeitsbeschaffung beschleunigt wurde. Daß der Minister für öffentliche Arbeiten gerade dem verhältnismäßig rangjungen Negrelli die Leitung der — auch mit dem Semmeringbahnbau befaßten — Sektion für den Staatseisenbahnbau anvertraute, geschah gewiß bewußt. Negrelli, der der großen Allgemeinheit meist allein als der Verfasser des zur Ausführung gelangten Suezkanalprojektes bekannt ist, hatte nicht nur schon große Verdienste um den Eisenbahnbau in Österreich, sondern auch in anderen 1 .ändern erworben und war mehrfach von ausländischen ltegierungen als Berater *«r .■ •iV ‘V' ( Photo: Technisches Museum, Wien. Bild 2. Viadukt „Kalte Kinne“ der Semmeringbahn im Bau. auf diesem Gebiete herangezogen worden. 1 Schon 1842 hatte er die Denkschrift „Die Eisenbahnen mit Anwendung der gewöhnlichen Dampfwägen (gemeint sind Lokomotiven) als bewegende Kraft über Anhöhen und Wasserscheiden, sind möglich“ verfaßt und gab im gleichen Jahr die Druckschrift „Gebirgs- eisenbahnen“ heraus. 2 Darin behandelte er die im Ausland für den Betrieb derartiger Eisenbahnen vielfach in Verwendung stehender Hilfsmittel, wie standfeste Dampfmaschinen, Pferdezug und dergleichen, verwarf aber diese auf das entschiedenste und trat für den reinen Adhäsionsbetrieb, wenn auch noch unter Anwendung von Spitzkehren ein. Den vorapprobierten Antrag auf Genehmigung des Semmeringbahnbaues legte Negrelli kurz nach dessen Einreichung und nach einer zwischenzeitig vorgenommenen Trassenbereisung seinem Minister vor. 1 Viktor Schützenhofer, „Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk“, Blätter für Technikgeschichte, Heft 11, in Kommission Springer-Verlag, Wien 1949. * L. Negrelli, „Über Gebirgseisenbahnen“, in Commission der Friedrich Beckschen Universitätsbuchhandlung, Wien 1842. Hundert Jahre Semmeringbahn 5 Der tatsächliche Baubeginn erfolgte im August 1848 mit der Herstellung der Strecke Gloggnitz-Payerbach. Die daraufhin in Tageszeitungen und Fachzeitschriften sowie von Fachorganisationen vielfach leidenschaftlich geführte Opposition gegen die Ausführung des genehmigten Gesamtprojektes und Befürwortung eines Seilbahnbetriebes in den eigentlichen Bergstrecken, konnte die Regierung nicht unberücksichtigt lassen. Der mit dem Einspruch, unter dem Vorsitz des Kaisers am 1. März 1849 abgehaltene Ministerrat pflichtete der unerschütterlichen Ansicht Ghegas und der ihm übergeordneten Generaldirektion der Staatseisen- jr 'f3w: L * Photo: Technisches Museum, Wien. Bild 3. Krausel-Viadukt der Semmeringbahn im Bau. bahnen bei und beschloß die Fortsetzung des Semmeringbahnbaues nach dem bereits genehmigten Bauplan. An der Spitze der fachlichen Gegner des Ghegaschen Semmeringbahnprojektes, also der alleinigen Anwendung des reinen Adhäsionsprinzips bei demselben, stand der österreichische Ingenieur- und Architekten-Verein. Die Tageszeitungen schlossen sich dessen Stellungnahme an und konnten das, bei einer Ausführung des Ghegaschen Projektes zu erwartende Debakel nicht düster genug schildern. Als die Tatsachen aber die Richtigkeit der Ghegaschen Annahmen bewiesen hatten, zögerte der österreichische Ingenieur- und Architektenverein nicht, in loyalster Weise Ghegas Wissen, Weitblick und Welterfolg zu würdigen und späterhin sein Andenken hochzuhalten. An dieser Stelle sei auch des Ansturms gegen den Bau von Eisenbahnen überhaupt in ihrer Frühzeit, also in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, gedacht und daran erinnert, daß nicht nur durch die Eisenbahn bedrohte Interessenten, wie Fuhr- werker, sondern auch bedeutende Staatsmänner, wieder große Politiker Thomas Adolphe 0 Viktor Schützenhofer. Thiers, (1er die Eisenbahnen als bloßes Spielzeug ansah, und Gelehrte, wie der Physiker Dominique Francois Arago, der erklärte, daß Reisende beim Durchfahren längerer Tunnels ersticken müßten, den Eisenbahnen jede Zukunft absprachen. Dagegen kann die Haltung der österreichischen Regierung, sowohl beim Nordbahnbau als auch besonders beim Bau der Semmeringbahn nicht genug hervorgehoben werden. Ihren Ratgebern, wie Ghega, Riepl und Francesconi vertrauend, hat sie durch ihre unbeirrbare Haltung Österreichs Wirtschaft erheblichen Nutzen gebracht und Österreichs Ansehen in der Welt gefestigt. Im Sommer des Jahres 1850 wurden die Bauarbeiten durch den Ausbruch der Cholera in Arbeitslagern sowie durch zwei Preisstürze geringfügig verzögert. Die Prüfung und die Preisfahrten der an der Konkurrenz teilnehmenden vier Lokomotiven — einer bayrischen, einer belgischen und zwei österreichischen — fand in der Zeit vom 18. August bis 16. September 1851 statt. Den Photo: Technisches Museum, Wien. Bild 4. Panorama der Semmeringbahn mit der Weinzettel wand. **v P,. •. n: - ersten Preis erhielt die bei Maffei, München, erbaute „Bavaria“, die die gestellten Bedingungen „bei einem Achsdruck von höchstens 6.9 t und einem Brutto von 188 t in Steigungen von 1/40 und in Bögen von 190 m Radius mit einer Geschwindigkeit von 11.4 km zu befördern“, wesentlich iiberbot, während diese von den übrigen Konkurrenten mindestens erfüllt wurden. Damit war die Fnhalt- barkeit der gegnerischen Behauptungen, die eine Adhäsionsbahn für die Semmeringüberquerung als ungeeignet bezeichnet hatten, schlagend bewiesen. Mängel der Preislokomotiven, welche sich beim Probebetrieb zeigten, veranlaßten den als Fachmann herangezogenen Rat des Handelsministeriums, Wilhelm von Engertii, diejenige Type der Semmeringlokomotive zu erstellen, die in insgesamt 82 Stücken bei Cockerill in Seraing sowie bei Kessler in Eßlingen gebaut wurde und Jahrzehnte zur vollsten Zufriedenheit in Betrieb war. Im Oktober 1853 war die Semmeringbahn im Oberbau fertiggestellt und blieben nur noch einige Hochbauten und bahnbetriebliche Einrichtungen zu vollenden, so daß ein beschränkter Güterverkehr möglich wurde. Die Aufnahme des Vollbetriebes erfolgte am 17. Juli 1854. Die fertiggestellte Linie (Gloggnitz-Mürzzuschlag) wias eine Bahnlänge von rund 41 km, größte Neigungen von 1/40 und kleinste Krümmungsradien von 190 m auf. Mehr als die Hälfte der Bahnlinie hatte Neigungen von 1/40 bis 1/50. Tn ihrer ge- Hundert Jahre Semmeringbahn. 7 samten Länge sind 15 Tunnels — darunter der Scheiteltunnel mit einer Länge von 1481m — und 16 Viadukte — darunter der über die Schwarza hei Payerbach mit einer Länge von 228 in — eingebaut. Die Höhenunterschiede Anfangs- und Endpunkt der Bahnlinie gegenüber dem Bruchpunkt im Scheiteltunnel betrug 459 m bzw. 218 m. Die höchste Erhebung der Bahnlinie über die Meeresfläche hei Triest betrug 898 m. Die Trassierungsmethoden Ghegas, die den eigenartigen Terrainverhältnissen angepaßt werden mußten, machten Schule. Die Kunstbauten, von denen die Viadukte über die „Kalte Kinne“ und die Schwarza hei Payerbach sowie über den Wagnergraben, den Jägergraben und den Adlitzgraben, ferner der lange Scheiteltunnel, dessen Ausführung durch den großen, auf ihn lastenden Gebirgsdruck und starke Wassereinbrüche erschwert wurde, verdienen besondere Erwähnung und finden noch heute größte Beachtung. Ghega hat die Vollendung der Semmeringbahn nicht lange überlebt. Es war ihm aber noch vergönnt, die Fertigstellung der Bahnverbindung Wien-Triest, zu der er — auch durch den Bau des Streckenabschnittes Laibach-Triest — so maßgeblich bei getragen hat, mitfeiern zu können. Am 14. März 1860 ist Ghega gestorben. Der Bau der ersten Adhäsions-Gebirgsbahn hat die Bewunderung der ganzen Welt gefunden. Heute, nach hundert Jahren, ist diese Großleistung zur Selbstverständlichkeit geworden und der Leistungsträger nur wenigen bekannt. Der Technikgeschichte obliegt es, auch das persönliche Verdienst entsprechend festzuhalten und dafür Sorge zu tragen, daß die Dankesverpflichtung von der Nachwelt nicht vergessen wird. Schrifttum, Ghega, Carl Ritter von : Malerischer Atlas (1er Eisenbahn über (len Semmering. Carl Gerold & Sohn. Wien 1854. Birk, Fr. A. : Pie Semmeringbahn. Denkschrift zum 25jährigen Jubiläum ihrer Betriebseröffnung. Lehmann u. Wentzel, Wien 1879. Pas Fünfundzwanzigjährige Jubiläum der Semmeringbahn. Festgabe für die Teilnehmer an (1er Jubiläumsfeier am 17. Mai 1879. Verl. R. v. Waldheim, Wien 1879. Pie GHEGA-Feier des österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins aus Anlaß des fünfzigjährigen Jubiläums der Eröffnung der Semmeringbahn. Sonderabdruck aus der Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins 1904, Nr. 28, 25 und 20, Wien 1904. Festschrift anläßlich der Feier des 75jährigen Bestandes (1er Semmeringbahn. Herausgegeben von (1er österreichischen Verkehrswerbung, Wien im Juni 1929. Corte, Cesar Conte : Pie Rolle der Rothschilds bei dem ersten Aufkommen der Eisenbahnen in Europa in: „Per Aufstieg des Hauses Rothschild“, Wien 1949 und 1953. Die Großglockner-Hochalpenstraße. Von Dipl.-Ing. Franz Wallack, Bruck Mit 6 Abbildungen. Die Alpen bilden das größte Verkehrshindernis Mitteleuropas; ihr mehr als tausend Kilometer langer Hauptkamm erstreckt sich vom Mittelländischen Meer bis in die Nähe Wiens. Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, dieses Hinder- Munchen Ventdtg Bild 1. Karte der Alpenpässe. nis an jenen Stellen, die verhältnismäßig die geringsten Schwierigkeiten boten — den Alpenpässen —, zu überschreiten. Aus notdürftigen Saumpfaden wurden im Laufe der Jahrhunderte fahrbare Wege, die vorerst nur bis zum Beginn der Bergstrecken reichten und nach und nach über die Alpenpässe hinweg vorgetrieben wurden: die Vorläufer der heutigen Alpenstraßen. Nur wenige Alpenübergänge waren um die Zeit vor 1800 bereits durchgängig fahrbar gemacht worden, darunter die österreichischen Straßen über Brenner, Loibl und Semmering, die ob ihrer mustergültigen Anlage die Anerkennung und Bewunderung der Zeitgenossen erweckten. Franz Wallack : Die Großglockner-Hochalpenstraße. 9 Mit dem Jahr 1800 begann dann die erste Epoche des Alpenstraßenbaues, die durchgehende Chaussierung der Straßen in allen Ländern, die an den Alpen Anteil haben. Dieser Zeitabschnitt endete mit dem Jahr 1854, in dem die erste Alpenbahn dem Betrieb übergeben wurde. Ü r TS C H LA Bad Rtictvnhall ^ ^ D E s' —stfnpaß Lvfer Kufstein 'St. Johann i T. Kftzbiihel \ Bischofshofen Saoitefdcn St Johann f. P tfitttrsitt & tVörgl | Bruck ß F c r'fetten fusctertörl JL 4 _ ) (\ Edelweiß Sp w D . . GofnsgnrBe^ m y y Badgastem Franz Joseffwhpf^w^X Nochtor o ßorksfetn 6roHglocknen. M>t ' l ' 5tntlut J 730 m 1 q Mattnitz _JObiach' Boran Jnnsbrvcit / £ Winklern Lienz Spittal TA L Cbecdrouburgx. Vt Ooitberg °oß y Mauthcn V Flocken Paß E N —x. 1 Ye nr-aiQ Bild. 2. Lageplan der durch die Großglockner-Hochalpenstraße geschaffenen Nord-Siid- Koute quer durch Österreich. Der zweite Abschnitt, vom Eisenbahnbau stark beeinflußt und konkurrenziert, reichte bis zum Jahr 1900. Die Alpenstraßen mußten nahezu den gesamten Güterverkehr an die Alpenbahnen abgeben und drohten zu veröden. Niemand ahnte damals, welche Umwälzung die im Jahre 1866 gemachte Erfindung des Benzinkraftwagens im Verkehrswesen hervorrufen würde; sie leitete den dritten Abschnitt im Alpenstraßenbau um 1900 ein, in dem sich der Kraftwagen Schritt für Schritt die Alpenstraßen eroberte und zum schärfsten Konkurrenten der Eisenbahnen wurde. 10 Franz Wallack. 3i*yJ>20-v Satotorg « ! 15 - - 4 70 Bad Reichenhalt 0 -9-615 - 4 - Steinpaß I I 6->-56«—«(- W/J/ren '2 4 - 629 ^ lofer Saalfelden Zell am See 52 - 6 - 756 Bruck Edelweiß-Sp 2571 y^Fu scher törl Fuscherlacke 5» Nochtor Guttal Kasereck - Franz Josefshöhe 2368 '■o Gamsgrube 25os DÖlsach Mauthen 171 ‘ 4 - 707 Plöcken Paß 183-6-1355 S96 — y' Patuzza 29 -o- 323 -i- Tolmezzo Iiild 3. Längenschnitt der Nord-Süd-Koute der Großgloekner-Hochalpenstrnße. An der Entwicklungsgeschichte der Alpenstraßen und Alpenbahnen hatte Österreich einen führenden Anteil. Im ersten Abschnitt des Alpenstraßenbaues erbaute der österreichische Ingenieur Carlo Donegani in den Jahren 1820 bis 1825 die Stilfserjoch- straße, die mit ihrer Scheitelhöhe von 2758 m bis zum Jahre 1937, in dem die Straße über den 2769 m hohen Col de l’Iseran fertiggestellt wurde, die höchste Alpenstraße war. Im zweiten Abschnitt war der österreichische Ingenieur Carl von Ghega, der in den Jahren 1848 bis 1854 der Schöpfer der ersten Alpenbahn, der Semmeringbahn, wurde, der Wegbereiter der Eisenbahnen in den Alpen. Ihm verdankte der Alpenstraßenbau die Nutzbarmachung aller Erfahrungen, die beim Bau der Alpenbahnen gewannen wurden. Im dritten Abschnitt des Alpenstraßenbaues wurden bis zum Jahre 1930 der Hauptsache nach nur strategisch wichtige Alpenstraßen — in Österreich z. B. die Dolomitenstraßen — gebaut und andere, bereits bestehende Alpenstraßen notdürftig den durch den Kraftwagen gesteigerten Ansprüchen angepaßt. Um diese Zeit führten vom Col di Tenda (nördlich von S. Remo) bis zum Semmering- paß 25 Straßenzüge über den Alpenhäuptkamm, während 10 Eisenbahnlinien ihn überschritten bzw. durchstießen. Unter den Straßen über den Alpenhauptkamm erreichte jene über Die Großglockner-Hoclialpenstraße. 11 den Großen St. Bernhard mit 2473 m die größte Scheitelhöhe. Das Luftlinienintervall zwischen den einzelnen Straßenpässen schwankte zwischen 8 km und 79 km und erreichte nur zwischen dem Brennerpaß und Radstätter Tauernpaß die außergewöhnlich große Entfernung von 156 km, die ohne jede Straßenverbindung war. Hier war es nun wieder Österreich, das mit der Erbauung der Großglockner-Hochalpenstraße in den Jahren 1930 bis 1935 die erste tur den Kraftwagenverkehr angelegte hochalpine Straße schuf, die mit ihrer Scheitelhöhe von 2506 m nicht nur die höchste, sondern auch die landschaftlich schönste Straße ^ .. & Bild 4. Parkplatz Fusehertörl, 2428 m ü. d. M., mit Klick auf den Brennkogel (Nordrampe). über den Alpenhauptkamm und damit richtungweisend für den ferneren Alpenstraßenbau wurde. In den Jahren 1924 und 1925 projektiert, fiel der Baubeginn der Großglockner- Hochalpenstraße in die Zeit einer stürmischen Aufwärtsbewegung des Kraftwagenverkehrs. Was 1925 noch als entsprechend gelten konnte, war 1930 bereits weit überholt und ein offener Blick in die zukünftige Weiterentwicklung des motorisierten Verkehrs zwang dazu, sich rechtzeitig umzustellen und möglichst den später zu erwartenden Verkehrsverhältnissen Rechnung zu tragen. In der Zeitspanne zwischen 1925 und 1930 beschränkte sich die Vorbereitung für diesen Hochgebirgsstraßenbau auf seine Propagierung. Österreich hatte nach dem unglücklichen Ausgang des ersten Weltkrieges Südtirol an Italien abtreten müssen. Dadurch wurde der Radstädter Tauernpaß der westlichste Straßenübergang über die Alpenhauptkette innerhalb der Grenzen Österreichs und die ehemals von Lienz durch das Pustertal über Franzensfeste und den Brennerpaß nach Innsbruck und Nordtirol führende Straßenverbindung, die über eigenstaatlichem Technikgeschichte, 16. Heft. 2 12 Franz Wallack. Gebiet verlief, ging verloren. Das 156 km lange verkehrslose Intervall im Alpenhauptkamm zwischen Brennerpaß und Radstädter Tauernpaß sollte daher auf österreichischem Gebiet durch einen neuen Straßenzug duchstoßen werden, der möglichst weit im Westen lag. So konnte zwischen den nördlich und südlich der Alpen liegenden Bundesländern eine neue Verbindung hergestellt und darüber hinaus eine Nord-Süd-Straßenroute quer durch Österreich geschaffen werden, die von den Niederungen an der Donau in die oberitalienische Tiefebene führen sollte. Die Idee dieser Straßenführung enthielt verkehrstechnisch eine große Werbe- Bild 5. Auffahrt zur Franz .Tosefs-Höhe (Südrampe). '.«V £ ISsS'., mm Wirkung; verstärkt wurde die Werbekraft dieser Idee noch dadurch, daß die Straße die Hauptkette der Ostalpen an ihrer schönsten Stelle, in unmittelbarer Nähe ihrer höchsten Erhebung, dem Großglockner, überqueren sollte. Die Mittel zur Verwirklichung dieses Straßenbauprojektes schienen jedoch unaufbringlich zu sein. Da kamen zwei Momente dem Projekt zugute: Das große Projekt des Tauernkraftwerkes der A. E. G. Berlin und die immer größeren Umfang annehmende Arbeitslosigkeit in Österreich. Das Tauernkraftwerkprojekt verlangte den Ausbau von Zubringer-Werkstraßen, die Verringerung der Arbeitslosigkeit die Schaffung von neuen Arbeitsmöglichkeiten. Der ehemalige Finanzminister Dr. Otto Juch und der Landeshauptmann von Salzburg Dr. Franz Rehrl regten die Bauinangriffnahme der Großglockner-Hochalpenstraße als Zubringerstraße zu den südlichen Baustellen des Tauernkraftwerkes an und es gelang diesen beiden Männern, die Finanzierung dieses Straßenbaues — wenn auch in vorerst bescheidenem Umfang — zu erreichen. Die Großglockner-Hochalpenstraße. 13 So kam es im August 1930 zum Baubeginn der beiden Straßenrampen im Norden von Fusch bis ins Hochmais, im Süden von Heiligenblut auf die Franz- Josefs-Höhe. Für die Verbindung der beiden Straßenrampen über den Alpenhauptkamm hinweg standen mehrere Varianten zur Debatte, über deren Ausbauwürdigkeit eingehende Studien gepflogen wurden. Nach Überprüfung aller vorgeschlagenen Wahllinien durch in- und ausländische Sachverständige fiel die Entscheidung zugunsten der ursprünglichen Hochtor-Linie, nämlich für die offene Linienführung Fuschertörl-Mittertörl-Hochtor mit nur zwei kurzen Scheiteltunnels von zusammen 428 m Länge. > 3 ^ - ' *** yvj*: Bild G. Ausblick vom Parkplatz Franz Josefs-Höhe, 2362 m ü. d. M., auf das Großglocknermassiv. Nach Sicherstellung* der Finanzierung durch den Bund wurde der Bau der Scheitelstrecke im August 1933 in Angriff genommen und im August 1935 beendet. Die Gesamtbauzeit währte also von 1930 bis 1935; dies bedeutet aber nicht, daß fünf Jahre lang gebaut wurde, denn an den hochgelegenen Baustellen konnte alljährlich nur durch fünf Monate gearbeitet werden. So wurde diese gigantische Bauarbeit in insgesamt 25 Monaten bewältigt. Von Bruck im Salzachtal bis Heiligenblut im Mölltal entstanden 47,8 km Hauptverkehrsstraße zwischen Nord und Süd mit den beiden Scheitelpunkten am Fuschertörl in 2428 m Höhe und am Hochtor (im Tunnel) in 2506 m Höhe. Von dieser Durchzugsstraße abzweigend, wurden zwei Aussichtsstraßen angelegt: Auf Salzburger Boden die 1,6 km lange Edelweißstraße vom Fuschertörl auf die Edelweißspitze (2571m ü. d. M.) und auf Kärntner Boden die Gletscherstraße vom Guttal (1859 m ü. d. M.) auf die Franz Josefs-Höhe (2369 m ü. d. M.) mit einer Länge von 8,7 km, die ihre Fortsetzung als drei Meter breiter und 2,6 km langer Promenadeweg bis zum Wasserfallwinkel-Gletscher (2548 m ü. d. M.) erhalten hat. 2 * 14 Franz Wallack. Mit Ausnahme der Zweigstraße auf die Edelweißspitze, die fünf Meter nutzbare Fahrbahnbreite hat, wurde die Straße durchwegs mit sechs Meter Fahrbahnbreite angelegt. Die Höchststeigungen über kurze Strecken betragen 12°/o, auf der Edelweißstraße 14°/'o. Die Fahrbahn ist mit staubfreiem Belag, in den Tunnels mit Betondecke, in den Kehren mit Kleinsteinpflasterung ausgestattet. Infolge der großen Höhenlage ihres Scheitelpunktes ist die Straße alljährlich im Durchschnitt nur während fünf Monaten für den durchgehenden Verkehr befahrbar. Die geringste Befahrbarkeitsdauer ergab sich im Jahre 1936 vom 31. Mai bis 29. September mit 110 Tagen, die längste im Jahre 1953 vom 24. Mai bis 29. Dezember mit 218 Tagen. Die Befahrbarkeit der Straßenrampen ist zwar eine längere, für den Verkehr auf der Straße jedoch fast bedeutungslos. Die Eigenart der von der Straße erschlossenen Hochgebirgslandschaft und die großartigen Ausblicke von den Endpunkten der Zweigstraßen auf die Edelweißspitze und auf die Franz Josefs-Höhe geben der Großglockner-Hochalpenstraße den Charakter einer Fremdenverkehrsstraße allerersten Ranges. Andere Baßstraßen steigen zur Baßhöhe auf, um nach ihrer Überschreitung sofort wieder ins Tal abzusteigen. Die Großglockner-Hochalpenstraße, die in einer Länge von mehr als 20 km in Höhen über 2000 m verläuft, lenkt den auf ihr pulsierenden Verkehr an die Endpunkte der beiden Aussichtsstraßen, die Hauptziele der Straßenbesucher. Im Raume Fuschertörl-Edelweißspitze und Glocknerhaus- Franz Josefs-Höhe ballt sich zu bestimmten Tagesstunden der Spitzenverkehr in der Hochsaison zu einer Verkehrsdichte zusammen, die einen außerordentlich großen Bedarf an Parkierungsflächen zur Folge hat. Jahr für Jahr wird daher an der Vergrößerung der bestehenden und an der Schaffung neuer Parkplätze gearbeitet, um den steigenden Anforderungen Rechnung zu tragen. Der Verkehr auf der Straße, der vor dem Weltkrieg im Jahre 1938 sein Maximum mit 374.465 Besuchern brachte, sank 1939 schon merklich ab und war in den Kriegsjahren bis 1945 nahezu bedeutungslos. Im Jahre 1946 begann der Verkehr mit 30.278 Passagieren wieder aufzuleben und steigerte sich von Jahr zu Jahr, bis er 1953 eine vorher noch nicht erreichte Höchstfrequenz von 537.769 Besuchern erzielte; die Anzahl der in diesem Jahre gezählten Motorfahrzeuge betrug: 78.494 Personenkraftwagen, 7809 Autobusse und 42.237 Motorräder. Da die Großglockner-Hochalpenstraße auf dem Boden zweier Bundesländer — Salzburg und Kärnten — liegt und eine einheitliche Leitung des Baues und der Erhaltung der Straße erwünscht war, wurde sie nicht als Bundesstraße, sondern als Privatstraße erbaut. Man wählte die Form einer Aktiengesellschaft, deren Aktien ausschließlich im Besitze des Bundes und der beiden Länder Salzburg und Kärnten sind und stattete das Unternehmen mit dem Rechte der Einhebung einer Straßenbenützungsgebühr aus. Diese Gebühr wird von jedem Besucher der Straße eingehoben und stellt der Gesellschaft die Mittel zur Verfügung, die für die dauernde Instandhaltung, Betrieb und Schneeräumung, den weiteren Ausbau der Parkplätze und für die sonstigen Erfordernisse der Straße sowie zur Entrichtung der Steuern und Abgaben erforderlich sind. An der Aufbringung der Kosten für alle diese Ausgaben beteiligen sich daher nicht alle Steuerzahler, sondern ausschließlich die Benutzer der Straße. Die Aktionäre — Bund und Län- I lie (Iroßgloekner-Hoehalpenstmße. 15 der Salzburg und Kärnten — verzichteten auf die Ausschüttung einer Dividende; sie begnügen sich mit dem durch den Verkehr auf der Straße erhöhten Erträgnis der Steuern und Abgaben des im Bereich der Straße liegenden Fremdenverkehrsgebietes. So wird beispielsweise für das Jahr 1953 der Deviseneingang bei der österreichischen Nationalbank aus dem Ausländerverkehr auf der Großglockner- Hochalpenstraße mit rund neunzig Millionen Schilling eingeschätzt, während das Erträgnis der Mineralölsteuer für den auf dieser Straße verbrauchten Treibstoff allein rund vier Millionen Schilling betrug. Die von Jahr zu Jahr zunehmende Motorisierung des Verkehrs bringt nicht nur den Straßen des Flachlandes, sondern auch den Gebirgsstraßen eine immer stärkere Frequenz und stellt alle Staaten vor die Notwendigkeit, den daraus erwachsenden Anforderungen gerecht zu werden. Die Bereitstellung der Mittel für Straßenerhaltung und Straßenneubauten bleibt hinter den Erfordernissen weit zurück; sie wird erst dann annähernd ausreichen, wenn einerseits jene Steuern und Abgaben, die aus dem Straßenverkehr einfließen, ausschließlich wieder der Straße zugute kommen und wenn anderseits die Straßenbenützer darüber hinaus für die Zurverfügungstellung der Fahrbahn einen volkswirtschaftlich tragbaren Beitrag leisten. Die ganze Last der Finanzierung des Ausbaues und Neubaues unserer Straßen kann nicht unserer Generation allein aufgebiirdet werden. Langfristige Anleihen, deren Tilgung und Verzinsung von den Verkehrsteilnehmern aufgebracht werden muß, sind notwendig, sollen die Versäumnisse der Vergangenheit aufgeholt und unser Straßennetz auch für die zukünftige Entwicklung modernisiert werden. Was von der Großglockner-Hochalpenstraße beim Baubeginn erwartet wurde, hat sie in den nun zwanzig Jahren ihres Bestehens gehalten. Sie wurde verkehrstechnisch ein wichtiges Bindeglied zwischen Nord und Süd und sie wurde eine Aktivpost des Fremdenverkehrs in Österreich, die aus dem Wirtschaftsleben nicht mehr weggedacht werden kann. Sämtliche Photos und Skizzen von Dipl. -Ing. F. Wallack. Präzisions-Zeitmessung in der Vor-Huygensschen Periode. Von Dr. Hans v. Bertele, Dr. Ing. Dipl.-Ing. A.M. I. E.E., London, Privatdozent der Technischen Hochschule, Wien. Aus dem Englischen übersetzt von Akad. Restaurator Ing. Hans Kominek, Technisches Museum, Wien. Mit 15 Abbildungen. I >ie Priorität von Huygens, als Erster Pendel und Unruhen 1 in mechanischen Stand- und Taschenuhren zum Zwecke einer Verbeserung der Zeitmeßgenauigkeit verwendet zu haben, wird mitunter von Wissenschaftlern und Historikern im Hinblick auf einige mit Tycho Brahe in Verbindung stehende Dokumente bezweifelt (1). Diese (vgl. z. B. Bild 1 und 2) werden als Nachweis für die Verwendung von Pendeln oder gleichwertigen Schwingsystemen als Gangregler der mechanischen Uhren vor der HuYGENSschen Periode angesehen. Huygens Einführung des Pendels als Regulator für mechanische Uhren fußt auf der Galileo GALiLEischen Entdeckung (veröffentlicht in der Discorsi 1638) vom Isochronismus des Pendels, das ist die durch das Vorhandensein einer Eigenfrequenz des Systems bedingte Unabhängigkeit der Schwingungsdauer von der jeweiligen Schwingungsweite. Hier soll weiterhin ein solches System kurz als eigenperiodisch im Gegensatz zu den vorherigen aperiodischen Systemen bezeichnet werden. Die Entdeckung des Isochronismus bildet einen der Ausgangspunkte der modernen Mechanik; daher ist die Feststellung der Person, welche die entsprechenden Zusammenhänge zum ersten Male erkannte, von allgemeinem Interesse für die Wissenschaft und reicht'in der Bedeutung weit über die Grenzen der Uhrenkunde hinaus. Huygens erhielt ein Patent auf die Verwendung des Pendels für Uhren (2) und diese Tatsache weist darauf hin, daß das Prinzip öffentlich nicht bekannt war. Die Frage kann also nur die sein, ob irgendein außergewöhnlicher Wissenschaftler ein eigenperiodisches Schwingsystem vor Huygens für Zeitmeßvor- 1 Im folgenden soll, dem heutigen Sprachgebrauch nachkommend, das Wort Unruhe für die Kombination einer radförmigen Masse mit einer Haarfeder gebraucht werden, während Foliot und Wag den federlosen Doppelhebel und das federlose Balancerad bezeichnen sollen. HANS V. Bertele : Präzisions-Zeitmessung in (1er Vor-HüYGENSSchen Periode. 17 richtungen benutzt hat, ohne das Arbeitsprinzip der Öffentlichkeit bekanntzugeben. Die eingangs genannten zeitgenössischen Hinweise beziehen sich vor allem auf Jost Burgi, einen besonders bemerkenswerten Instrumentenbauer und Uhr- "•*4*= -w Photo: H. A. Lloyd. Bild 1. Tycho Brahes Uhren in Uranienburg im Jahre 1587. Zwei der vier von Brahe erwähnten Uhren sind auf der rechten Seite dieses Stiches ersichtlich. Im Original (8) kann ein kleines Hilfszifferblatt innerhalb des Haupt Zifferblattes erkannt werden. macher, der von 1552 bis 1632 lebte und an den Höfen von Kassel und Prag gearbeitet hat; die kritischen Stellen sind auf der nächsten Seite zusammengestellt. Vorerst soll aber Bürgis Person etwas beleuchtet werden. über Burgi sind sehr wenig persönliche Daten bekannt; besonders seine Jugend und Erziehung liegt völlig im Dunkel. Er stammt aus der Schweiz, wo er in Lichtensteig im Toggenburg geboren wurde. A. von Drach (3) nimmt ohne bekannten Grund an, daß Burgi bei den Harrecht in Straßburg als Lehrling begann, bevor er im Juli 1579 in die Dienste Wilhelm IV., Landgraf von Hessen, als Uhrmacher und Mechaniker eintrat. Am Hofe zu Kassel fand er 18 HANS V. BERTELE. eine außerordentlich rege astronomische Tätigkeit vor; dort hatte der Landgraf eben die Verwendung mechanischer Uhren für die Bestimmung der Sternpositionen eingeführt; sollte die neue Methode vollen Erfolg bringen, so waren dafür Uhren mit höherer Genauigkeit als bisher unerläßlich. Zugleich mit diesen Forderungen fand Burgi auch die notwendigen Grundlagen, um seine mechanischen Fähigkeiten voll zu entwickeln. Sein außergewöhnliches Können wird an verschiedenen Stellen betont; dies geschieht sowohl im Zusammenhang mit Uhren- und Instrumentenmacherei, wie auch ganz allgemein hinsichtlich Photo: Landesmuseum, Kassel. Bild 2. Reproduktion des auf Burgis neue Uhren bezüglichen Teiles von Rothmanns Aufzeichnungen, geschrieben etwa 1586; für Übersetzung vergleiche it. 3 auf Seite 19. seiner Beobachtungsgabe und seiner mathematischen und geometrischen Kenntnisse. Allerdings schien er selbst nicht viel Wert darauf zu legen, hervorzutreten; deswegen wohl wird Burgi oft übersehen. Die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte er meist auf dem Hradschin unter den bedeutenden Künstlern und Wissenschaftlern, die Kaiser Rudolf II. (1552—1612) dort zusammengebracht hatte und wo Burgi mit Tycho Brahe und Keppler zusammenarbeitete. Die historischen zeitgenössischen Berichte über Burgis Verbesserungen bezüglich der Zeitmessung sind die folgenden: 1. Ein Brief des Landgrafen von Hessen an Tycho Brahe (4) vom 14. April 1586 mit der Bemerkung: „Kürzlich wurden mit seinen (Burgis) Uhren die genauen Längengrade des Orion, des kleinen und großen Canis beobachtet; sie zeigen die Minuten und Sekunden mit einer derartigen Genauigkeit an, daß die Differenz zwischen zwei Kulminationen weniger als eine Minute betrug (aus dem Original übersetzt, das in einem Gemisch von Deutsch und Latein geschrieben ist). Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HUYGENSSclien Periode. 19 2. Eine Rechnung an Burgi (5), adressiert vom 27. August 1586, lautend auf 25 Taler für eine Gewichtsuhr mit Stunden-, Minuten- und Sekundenanzeige. 3. Eine Stelle in einer Handschrift (6) des Astronomen Rothmann (etwa 1586), welche zufolge ihrer Wichtigkeit als Photokopie in Bild 2 gezeigt wird, lautet folgendermaßen: „Soweit es unsere Uhren betrifft, haben wir drei für unsere Beobachtungen, doch wäre es zu langweilig und würde auch zuviel Zeit in Anspruch nehmen, sie zu beschreiben. Eines muß erwähnt werden, daß die erste dieser Uhren drei Zeiger besitzt, welche nicht nur Stunden und Minuten an- zeigen, sondern auch einzelne Sekunden. Die Dauer einer Sekunde ist nicht sehr kurz und entspricht etwa der Dauer der kürzesten Note in einer mittelmäßig langsamen Melodie. Der Gang ist nicht von der üblichen Art, sondern wird durch ein neuerfundenes System gebildet, wobei jede einzelne Bewegung desselben gerade einer Sekunde entspricht. 4. Eine Notiz von J. J. Becher (7) (1680), der auf eine schriftliche Mitteilung des Caspar Doms, eines befreundeten holländischen Astronomen, hinweist, und worin im Zusamenhang mit dem gerade seinen Siegeslauf antretenden Pendel Becher berichtete, daß er in Prag in der Zeit Kaiser Rudolfs II. eine von .Tost Burgi gebaute Pendeluhr gesehen habe, die Tycho Brahe verwendet hat. Diese Notiz wird wiederholt als Beweis der Existenz einer wirklichen Pendeluhr angeführt. Würde Bechers Erzählung für sich allein dastehen, so könnte man sie übergehen; hat doch das Gedächtnis die Tendenz, Eigenheiten der Gegenwart in eine uns ferner liegende Zeit zu verlegen. Zu Bechers Zeit war die Erfindung Huygens bereits an Standuhren und tragbaren Uhren eingeführt und das Pendel war als Voraussetzung für genaue Zeitmessung allgemein anerkannt. In jenen Tahren haftete allerdings dem Worte Pendel noch eine gewisse Unklarheit an und es wurde oft allgemein zur Kennzeichnung eines eigenperiodigen Systems in mechanischen Uhren verwendet, ohne zwischen dem physikalischen Pendel, das ist einer an einem Stab befestigten Masse und einer Unruhe zu unterscheiden. So mag Doms vielleicht nicht mehr gesehen haben als ein auffälliges Wag oder ein Foliot. Jedoch lassen die anderen drei Hinweise wenig Zweifel darüber, daß Burgi irgendeinen außergewöhnlichen neuen Zug in die Kunst der Zeitmessung eingeführt hat. Rothmann, als einer der führenden Astronomen seiner Zeit, war zweifellos die richtige Person, die Wichtigkeit eines solchen Schrittes auf Grund seiner eigenen Erfahrungen zu ermessen und die Ableitung der KEPPLERSchen Gesetze sind Tatsachenbeweise für die gewaltigen Fortschritte der damaligen Zeitmessung. Die Astronomen müssen demnach schon vor 1600 Uhren besessen haben, deren Ganggenauigkeit viel höher war als jene der uns geläufigen schönen und komplizierten musealen Renaissanceuhren. Um Licht in diese widerspruchsvollen Verhältnisse zu bringen, wurde eine systematische Suche nach Uhren von Burgi unternommen. Ausgangspunkt hiezu bildeten die wertvollen Angaben des Herrn Fust, Konservator des Heimatmuseums Lichtensteig, der Vaterstadt von Burgi, die den Weg zu sechs damals bekannten und als authentisch von Burgis Hand stammenden Uhrwerken wiesen. Im Zuge der hievon ausgehenden Forschungen gelang es, später noch drei weitere, 20 Hans v. Bertele. Tabelle 1. Die heute bekannten Nr. Aufbewahrungsort ; Uhrtyp i Herstellungsdatum Art der Zeitweisung 1 j Conservatoire des Arts et Metiers, Paris Globusuhr 1 1580 Neben rotierendem Globus 3 Zifferringe: 2 x XII Stunden 1 X XII Stunden 1 X VI Stunden 2 ! Hessisches Landes-Mu- 1 seum Kassel Globusuhr 1582 Neben rotierendem Globus 1 Zifferblatt 2 x 12 Stunden, 2 Ziffernringe 1 x XXIV Stunden 2 x XII Stunden 3 Hessisches Landes-Mu- i seum Kassel vertikale Tischuhr mit : Holzgehäuse j auf Dreh- j schemel j 1585/1590 Hauptzifferblatt 2 x XII Stunden, rotierender Jahres-Kalenderring, Rückseite enthält Sonnenuhren und 2 Hilfszifferblätter 4 Hessisches Landes-Museum Kassel ! viereckige Horizontal- ! Tischuhr 1591 * 2 Zifferblätter 2 x XII Stunden, 1 X XII Stunden, daneben viele astronomische Angaben 5 Hessisches Landes-Mu- seum Kassel ! Globusuhr ' 1593 6 Ehern. Herzogi.' Museum Gotha Globusuhr 1594 7 Hessisches Landes-Mu- seum Kassel vertikale doppelseitige Tischuhr in Holzgehäuse 1595/1600 1 Zifferblatt 1 x 24 Stunden, 1 Zifferblatt 1 X 12 Stunden, Schlagwerk 8 Kunsthistorisches Museum Wien vertikale Tischuhr in reich-gra- viertem Bronzegehäuse 1605/1609 oberes Blatt: Tychonisch-Koperni- kanisches Planetensystem. Unteres Blatt: Ptolomeisches Planetenstandsblatt und 24-Stunden- Uhr 9 Kunsthistori- sches Museum Wien vertikale Tischuhr in Bergkristall- gehäuse nach 1605 eher um 1612 drei getrennte Zifferblätter für 12 Stunden, 60 Minuten und 60 Sekunden sowie rückseitigem Mond- blatt und zentralem Himmelsglobus Anmerkung: Die in der Literatur meist Burgi zugeschriebene monumentale Tisch - von Burgi. Eine früher übersehene Inschrift gibt als Meister Baldewein und Diebold Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HUYGENSSchen Periode. 21 Uhrwerke von JOST Burgi. Gangart 1 Grund für Burgis Autorschaft Schrifttum Spindelgang mit Rad-Wag; heute auf Unruhe umgebaut. Ursprünglich Borsten für Ampli- i tuden-Begrenzung l Signatur ; P. Mesnage (9) Spindelgang mit Rad-Wag; heute auf Unruhe umgebaut. Ursprünglich mit Borsten für Amplituden-Begrenzung 1 Signatur 1 R. Hallo (10) Spindelgang mit Rad-Wag. Borstenbegrenzung der Amplitude und 24stündiges Gewichtsremon- toir i wegen auffälliger technischer Verwandtschaft zu Kr. 7, Werksfeinheiten und Kasseler Provenienz i P. A. Kirchvogel (11), H. v. Bertele (12) i Spindelgang mit Rad-Wag; ein 1 einzelner Stahlbolzen als Amplituden-Begrenzung. Mikrometer- i Eingriffsveränderung ursprüngliche Rechnungen vorhanden P. A. Kirchvogel (13) H. v. Bertele (12) nicht untersucht Signatur R. Hallo (10) nicht untersucht G. Speckhart (14) Kreuzschlag mit 2 Foliots. 12- Stunden-Federungsremontoir wegen weitgehender Analogie mit Mechanismen von Nr. 8 H. v. Bertele (12) großer Windflügel in Trommel oberhalb Gehäuse, außerdem ein Gewichtsremontoir i weitgehende Werks- ähnlichkeiten mit Nr. 3 H. v. Bertele (16), Dr. 0. Reicher (17) i Kreuzschlag mit 2 Radunruhen (Sekundenschlag). Heute mit zusätzlicher Haarfeder zweimalige Signatur Erwähnungen mehrfach vergl. z. B. (15). Genaue erstmalige Beschreibung von H. v. Bertele (16) uhr im Kasseler Landesmuseum, das sogenannte „Große Planetenwerk“, ist nicht und als Herstellungsjahr 1567 an. 22 Hans v. Bertele. ganz besonders bedeutende Werke Burgis zu agnoszieren. Diese sind zwar nicht signiert, technische und künstlerische Einzelheiten haben aber die eindeutige Identifizierung ermöglicht. Tabelle 1 zeigt den heutigen Stand an bekannten BuRGi-Uhren mit knappen Angaben der jeweiligen besonderen Eigenheiten der betreffenden Uhr und Hinweisen auf Literaturangaben, soweit solche vorhanden. Zu Beginn der hier beschriebenen Untersuchungen aber waren die entwicklungsgeschichtlich entscheidenden Werke (Nr. 3, 7 und 8 der Tabelle) noch un- Uv mm-' KVS Photo: Landesmuseum, Kassel. Bild 3. Uhrwerk einer Globusuhr von Burgi (Nr. 2 von Tabelle 1). Reglerhebel mit kalibrierter Skala 1 bis 9 für sehr feine Justierung der Borsten zur Linken ersichtlich. bekannt. So mußte vorerst versucht werden, aus den bekannten AYerken Burgis seine die Ganggenauigkeit der Uhren betreffenden Entwicklungstendenzen einigermaßen abzuschätzen. Die Globusuhren Nr. 1, 2, 5 und 6 sind offensichtlich nicht für so genaue Zeitbestimmung gedacht gewesen, wie sie für astronomische Zwecke erforderlich ist. Es war vielmehr ihr Zweck, damit einen allgemeinen überblick über die Bewegung der Gestirne als Ganzes zu geben; die Zifferblätter waren nur eine Hilfseinrichtung, um die Sternpositionen mit den jeweiligen Tageszeiten zu koordinieren. Es ist daher unwahrscheinlich, daß dort ein Gangsystem mit besonderer Genauigkeit vorgesehen war. Auch stammt die ursprüngliche Ausführung des Globus aus einer Zeit, bevor die neue Methode der Zeitbestimmung in Sekunden das erste Mal erwähnt wurde. Es überrascht daher nicht weiter, daß in diesen Globusuhren der damals gebräuchliche Gang mit einer Wag mit Ausschlagbegrenzung durch verstellbare Borsten benutzt wird. Sowohl bei der Pariser Globusuhr Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HuYGENSschen Periode. 23 als auch bei der ersteren Kasseler Globusuhr ist heute eine Unruhe vorhanden. Die entsprechenden Haarfedern wurden alter nachträglich mit großer Sorgfalt eingebaut; obzwar ängstlich die gesamte ursprüngliche, in Bild 3 sichtbare Justiereinrichtung verwendet wurde, kann doch der Umbau deutlich erkannt werden. Es befinden sich nämlich an der Grundplatine des Uhrwerkes zwei Gruppen von vier Löchern diagonal gegenüber, welche offenbar für die Haltung von zwei Borsten bestimmt waren. Das von Burgi vorgesehene Hebelsystem gestattete Jt® mm sm. • 2 ^ -i ■* * Photo: Landesmuseum. Kassel. Bild 4. Burgis viereckige Tischuhr (Pos. 4, Tabelle 1); der Oberteil des Deckels trägt ein Planisphäricum und im Mondzeiger versenkt eine kleine rotierende Mondkugel, deren Bewegung durch ein Conchoidengetriebe vom Zentrum her übertragen wird. allerdings, den Oszillationsbogen viel genauer einzustellen, als es früher durch einen einfachen Hebel allein möglich war. Dies ist der erste Hinweis dafür, daß Bürgi sich mit den Gangsystemen seiner Uhren von allem Anbeginn befaßt hat. Das zeigt auch sofort die viereckige Tischuhr (Pos. 4 in Tabelle I), die nebst anderen ungewöhnlichen astronomischen Angaben die Unregelmäßigkeiten der Bewegung des Mondes um die Erde durch den jeweiligen Stand der Epizyklen zeigt; entsprechende Zifferblätter für die Epizyklen erster und zweiter Ordnung sind auf der Rückseite des oberen Deckels angebracht. Der Oberteil des Deckels trägt ein Planisphäricum und im Mondzeiger versenkt eine kleine rotierende Mondkugel, deren Bewegung durch ein Conchoidengetriebe vom Zentrum her übertragen wird. Das überwiegen der astronomischen Anzeigen gegenüber den normalen Zifferblättern deutet darauf hin, daß auch diese Uhr als Anschauungsbehelf und nicht als Beobachtungsinstrument gebaut worden war. Aus diesem Grunde konnte man auch in dieser Uhr nicht den genauesten, damals möglichen 24 Hans v. Bertele. Gang erwarten. Tatsächlich ist auch hier nur eine Wag mit Amplitudenbegrenzung verwendet, die auf der Rückseite des Werkes angeordnet ist; doch ist die Wag ungewöhnlich schwer, schlägt Sekunden und die Amplitudenbegrenzung erfolgt durch einen einzigen Stahlbolzen, der zur genauen Justierung zusammen mit der Lagerplatte durch eine Mikrometereinrichtung fein verstellt werden kann. Dies bedeutet einen weiteren Fortschritt im Vergleich zu den Konstruktionen der Globusuhren und liegt wieder in Richtung Burgis besonderen Bemühens um das Gangproblem. Die letzte Hoffnung, das Rätsel von Jost Burgis „neuerfundenem, genauen Gangsystem“ zu lösen, war daher bei dieser Sachlage auf die Bergkristalluhr (Bild 5) zusammengeschrumpft, die sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet. Die Wiener Bergkristalluhr war ursprünglich im Besitz Kaiser Rudolfs II. am Hradschin in Prag und wurde bereits im 17. Jahrhundert in die Schatzkammer nach Wien überführt. Bis heute ist sie die einzige noch bestehende, von Burgi signierte Uhr; zuerst fällt auf, daß sie ein Sekundenzifferblatt besitzt, welches wahrscheinlich das älteste bestehende überhaupt ist. 2 Dies drängte zu dem Schluß, daß, wenn irgendwo, Burgi hier seine präziseste Methode zur Zeitmessung angewendet hat. Es ist eigentlich naheliegend, daß er an diesem einzig dastehenden Juwel, wo die recht kostspielige Kunst, große Stücke Bergkristall zu schneiden, in weit umfangreicherem Ausmaße angewendet wurde, als bei irgendeiner anderen Uhr der Welt, sein bestes Wissen und Bemühen angesetzt hat. Die Tatsache, daß das Schneiden von Bergkristall am Hofe zu Prag besonders gepflegt worden war, läßt an der Annahme Defossez (19) zweifeln, daß diese Uhr in Kassel hergestellt und vom Landgrafen an den Kaiser geschickt wurde. Es scheint vielmehr, daß es ein Erzeugnis Burgis während seines Aufenthaltes in Prag ist, wohin er zum ersten Male 1592 kam; wahrscheinlich stammt sie sogar erst aus seinem zweiten Aufenthalt von 1604 an, wo er sich ständig in Prag niedergelassen hatte. Der feine Sternglobus unter der Kuppel des Gehäuses muß zweifellos ein großes Ausmaß persönlicher Überwachung durch Burgi erfordert haben nnd die Werksanlage selber macht einen außerordentlich ausgereiften Eindruck. Anscheinend ist das Werk der Wiener Uhr bisher nie mit kritischen Augen untersucht worden, da hierüber keine anderen Einzelheiten zu finden waren, als lediglich die erst kürzlich gemachte Vermutung, daß sie eine Hemmung mit nur geringem Rückfall besitzen dürfte (1). Die Ursache für dieses mangelhafte Wissen liegt in der Schwierigkeit, in das Triebwerk einzusehen, weil das schön geschliffene, dicke Bergkristallgehäuse eine starke Parallaxe bewirkt, die sich von Stelle zu Stelle ändert. Eine weitere Ursache für die Unmöglichkeit einer Einsicht sind die Platinen, welche im rechten Winkel zum Zeigersystem stehen und 2 Im Nürnberger Museum befindet sich eine frühe gewichtsgetriebene Uhr mit Sekunden-, Minuten- und Stundenzifferblatt und gewöhnlicher Hemmung. Doch scheint es die Arbeit eines strebsamen Kleinstadt-Uhrmachers aus dem 17. Jahrhundert zu sein, der möglicherweise die in Kassel oder in Prag geschauten Neuerungen in seiner Uhr wiederholen wollte, obwohl das Museum angibt: „Vermutlich aus löten Jahrhundert stammend“ (18). Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HuYGENSsehen Periode. 25 mm. * „>***? v . "röte.:... * ,>• / ■' >*♦ ' ; 1 1 ¥. .1 äJüJtä®' / < . Photo: Kunsthistorisches Museum, Wien. Bild 5. Frontalansicht der Bergkristalluhr von Jost Burgi im Wiener Kunsthistorischen Museum. Die drei Zifferblätter zeigen von oben nach unten: Sekunden, Minuten und Stunden. Dies ist heute die einzige der noch vorhandenen Uhren von Burgi mit Sekundenanzeige. Uhrwerk und Sockel sind fein vergoldet und der Sockel hat Silberauflagen. Unter dem halbkugelig gewölbten Gehäusedeckel dreht sich ein Sternglobus aus Bergkristall mit eingravierten Sternbildern; im Inneren desselben befindet sich eine Armillarsphäre. 26 Hans v. Bertele. somit das Uhrwerk eifersüchtig abschirmen. Außer dem Vorhandensein von zwei Wag-Rädern kann hinter den prächtig durchbrochenen Kloben von außen nichts festgestellt werden, als das, daß die Bergkristalluhr kein Pendel im heutigen Sinne besitzt. -s, - Bild 6. Linke Seite des Werkes von Bild 5. Es ist zu beachten, daß dies die richtige Lage ist. Der obere Flansch liegt am Rande des geschälten Bergkristall-Prismas auf. Das Bild sieht etwas eigentümlich aus, wohl daher, weil der Photograph das Werk zur bequemeren Bildaufnahme auf den Kopf gestellt hat. So war es tatsächlich unmöglich, die Frage zu beantworten, welche Art Gang Burgi in seinen Präzisionsuhren verwendet und ob er dabei das Pendel benutzt hatte. Bei diesem Sachverhalt war es keine besondere Überraschung, im Herbst 1952 festzustellen, daß die Uhr effektiv seit Menschengedenken nicht untersucht worden war, weil die Direktion des Kunsthistorischen Museums verpflichtet war, jeden Eingriff abzulehnen, welcher eine Gefährdung des kulturgeschichtlich und künstlerisch einmaligen Stückes bedeuten könnte. Nach einer Darlegung des Problems, welches durch eine Zerlegung der Bergkristalluhr gelöst werden könnte, Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HuYGENSsehen Periode. 27 erklärte sich die Museumsdirektion zu einer eingehenden Untersuchung des Mechanismus bereit, und stellte auch in großzügiger Weise die Dienste der notwendigen Spezialisten zur Verfügung. Die Öffnung des Gehäuses bereitete dem Konservator des Museums wohl gewisse Schwierigkeiten, doch gelang auch dies f * Bild 7. Rechte Seite des Werkes von Bild 5. und damit war schließlich das Uhrwerk für eine Untersuchung bereit. Der nunmehr zugängliche Mechanismus bot sofort die unerwartetste Überraschung. Es kam ein Oszillatorsystem zum Vorschein, welches weitgehend von den bekannten Gang- ausführungen verschieden ist. Beschreibung der Wiener Bergkristalluhr von Jost Burgi. Bilder 6 und 7 zeigen die beiden Seitenansichten mit den zwei radförmigen Wagen. Das Zusammenwirken dieser Wagen, die nicht, wie im ersten Moment zu vermuten, auf einer gemeinsamen Welle befestigt sind, kann aus dem ausgebreiteten Prinzipschema (Bild 8) besser ersehen werden, als es ein Lichtbild in- Technikgeschichte, 16. Heft. 3 28 Hans v. Bertele. folge der gedrungenen Bauweise möglich machen würde. Das Charakteristische daran ist, daß die zwei Wagen C1 und G 2 immer in entgegengesetzter Richtung sich bewegen und von einem gemeinsamen Steigrad e gesteuert werden, welches ^CL/wdi. Bild 8 a. Aufgerolltes Wirkschema des Mechanismus von Burgis Bergkristalluhr. yi Haupttriebrad; g 1 Saite zum Aufziehen der Momenten-Ausgleichsfeder; g 2 Saite zum Nachziehen der Momenten-Ausgleichsfeder; rb Remontoir- (Ausgleichs-) Federgehäuse; G 1, C 2 Wag-Räder; a 1, a 2 Wagspindeln; e Steigrad; LI und L 2 Hebel für die Kupplung der Wagspindeln; sh Kupplungsachse; WH Gegengewicht (Kopf eines Kriegers); TR Trieb zu den drei Zeigern und dem Himmelsglobus (der Stundenzeiger und die zugehörigen Räder sind weggelassen); 1 Doppelhebel mit Zahnsegment, über Stiftenrad von Viertelstundenschlagwerk betätigt; PW Stiftenrad in Verbindung mit Viertelstundenschlagwerk. Bild 8b. Vergrößerte Ansicht des Steigrades und der Lappenanordnung. abwechselnd in die auf den beiden Spindeln befestigten Paletten eingreift. Die beiden Wagen sind miteinander durch ein Hebelsystem verbunden. An einer Wag ist außerdem eine Haarfeder h befestigt, von der man aber absehen muß, da dieselbe eine spätere Zutat ist, wie weiter unten nachgewiesen wird. Die Übersetzung zu den Zeigern ist derart eingerichtet, daß eine vollständige Arbeitsperiode der beiden Wagen genau einer Sekunde entspricht. Das Steigrad Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HUYGENSSclien Periode. 29 selbst wird dabei von einem raffiniert ausgedachten Momenten-Ausgleichssystem angetrieben, welches alle Viertelstunden nachgezogen wird und damit den Antrieb sehr gleichmäßig macht. Zahlenwerte für einige charakteristische Daten der Bergkristalluhr sind in nachfolgender Tabelle 2 zusammengestellt. Tabelle 2. Einzelheiten der Wiener Bergkristalluhr. Gesamthöhe. 195 mm Höhe des Uhrwerkes. 86,0 ,, Durchmesser der Wag. 22,0 ,, Durchmesser des Steigrades. 30,5 ,, Breite der Seitenplatinen. 24 Zahnteilung. 1,6 ,, Außendurchmesser des achtkantigen Kristallgehäuses. 82,0 ,, Durchmesser des Äquatorringes. 68,0 ,, Der Zusammenbau des mechanischen Teiles der Wiener Bergkristalluhr unterscheidet sich vollständig von den früheren Bauarten. Nach Entfernung des Bergkristallgehäuses und des vergoldeten Sockels zeigt sich das Uhrwerk als ein zu- Bild 9. Burgis Signatur auf der rechten Platine der Bergkristalluhr (vgl. Bild 5). sammenhängender Block, der durch vier in einer oberen und unteren Ringplatte fixierte Säulen gebildet wird. Rechts und links von den drei übereinanderstehenden Zifferblättern der Frontalansicht (Bild 5) finden wir auf den beiden Seiten zwei ähnliche Platinen (Bilder 6 und 7), deren jede eine — aber verschieden gestochene — Signatur Burgis trägt. Bild 9 zeigt jene der rechten Seite in vergrößertem Maßstab. Zwischen den eben angeführten Endplatinen befinden sich zwei schmälere Platinen, die durch die Öffnung des die Konstruktionsteile oben zusammenfassenden flanschartigen Ringes in Bild 12 sichtbar sind. Die vier Platinen bilden drei getrennte Werksräume für die beiden Schlagwerke und das Gehwerk in der Mitte. Sie enthalten dementsprechend die I^agerbohrungen für die verschiedenen Triebe. Jede der äußeren Platinen trägt außerdem einen Kloben zur Lagerung je einer der beiden Wag-Räder. Wir benützen die Buchstaben der Zeichnung von Bild 8 und sehen in der Draufsicht von Bild 12 die Welle sh, welche die zwei Hebelpaare L 1 und L 2 kuppelt, und rechts neben dem Zentrum vorbeiführt. Sie trägt ein Gegengewicht in der Form eines helmbewehrten Kriegerkopfes Wh, teilweise in Email, teils 3 * 30 Hans v. Bertele. vergoldet, um den Gewichtsunterschied der beiden Hebelgruppen LI und L 2, welche verschiedener Länge sind, zu kompensieren. Keine der beiden Spindeln a 1, a 2 erstreckt sich über die ganze Breite des Uhrwerks. Im Mittelpunkt (1er Öffnung, gleichfalls in Bild 12 sichtbar, befindet sich das Steigrad e mit 60 Zähnen. Es steht parallel zu den Endplatinen und im rechten Winkel zu und knapp unterhalb der beiden Wag-Spindeln, die im Photo nicht erkenntlich sind. In zwei parallelen Ebenen knapp neben dem Steigrad sind zwei kleine Kloben angeordnet, welche die entsprechenden Spindelzapfen tragen. Jede Spindel besitzt einen Lappen, der in das Steigrad eingreift. Das Steigrad ist jedoch kein Kronenrad, wie das bis damals ausnahmslos üblich war. Wie in Bild 8 gezeigt, haben wir hier die vollständig revolutionierende Idee einer Hemmung mit Lappen in derselben Ebene wie das Steigrad. 3 Dies ist vielleicht der bemerkenswerteste Fortschritt von Jost Burgis Wiener Uhr. Die Flachform des Steigrades ermöglicht die Ganggenauigkeit zu verbessern. Einerseits können die Zähne eines Flachrades präziser ausgearbeitet werden als bei Kronenrädern, anderseits ist die Einhaltung eines gleichbleibenden kleinen Abstandes zwischen Spindellappen und Zahnspitze leichter erreichbar, wenn Lappen und Rad sich in derselben Ebene befinden. Bei den langen Spindeln der üblichen Kronenradtriebe ergibt sich eine bevorzugte Abnützung des oberen Imagers, was in Kürze zu stärkerem Schaukeln führt als beim Flachrad und daher die Ungenauigkeit erhöht. Das Steigrad e (Bild 8) wird von einem Hauptzahnrad M angetrieben, welches auf seiner Achse eine kleine Trommel d trägt, auf der zwei voneinander unabhängige Darmsaiten g 1 und g 2 in entgegengesetztem Drehsinn auf gewunden sind, gl führt zu dem Hauptfedergehäuse tvb, g 2 zum oberen Ende des Doppelhebels l, das andere Ende von e ist zu einem Zahnsegment ausgebildet, welches in ein Stiftrad eingreift, das mit dem Viertelstundenschlagwerk gekoppelt ist. Auf diese Weise wird g2 alle 15 Minuten von d abgezogen und dadurch gl nachgespannt. Es handelt sich somit um einen bewußten Antriebsmomentausgleich durch ein viertelstündig arbeitendes Remon- toir. 4 Die Remontoirfederdose rb ist in der Mitte von Bild 13 ersichtlich, das das Uhrwerk von unten zeigt. Die zwei großen Trommeln gehören zum Viertelstunden-und Stundenschlagmechanismus; beide arbeiten über dicke Darmsaiten auf Schnecken mit Spiralnuten. Das Durchmesserverhältnis von Antriebstrommel d und Ausgleichsfedergehäuse rb beträgt etwa 1:5; die Feder rb selbst ist sehr dünn und lang, wodurch eine starke Vorspannung von ungefähr 10 vollständigen Windungen möglich ist. Da die Antriebstrommel bei jedem Aufzug bloß eine Umdrehung vollzieht, verändert sich die Spannung der Aufzugsfeder innerhalb einer Arbeitsperiode bloß um etwa ± l°/o. Eine andere interessante Eigenheit der Bergkristalluhr ist die direkte Kupplung der Trommel d über die vertikale Spindel Tr auf die Zeitweisungssysteme der Uhr. Auf diese Art ist das Zeitmeßsystem von zusätzlichen Massen und 3 Bisher wurde in der uhrentechnischen Literatur das flache Steigrad mit zwei Spindellappen in Gegenbewegung Dutertre zugeschrieben, der dieses 1724 in Vorschlag brachte (20). 4 Ich folge hier dem Brauch der uhrentechnischen Literatur der westlichen Länder, indem als „Remontoir“ eine Einrichtung im Uhrwerk bezeichnet wird, die selbsttätig von einem besonderen Triebwerk periodisch aufgezogen wird und auf diese Weise das auf das Gangsystem ein wirkende Antriebsmoment mehr oder weniger vergleichmäßigt. Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HUYGENSseheu Periode. 31 Reibung verursachenden Einflüssen weitgehend entlastet. Daraus kann man schließen, daß Burgi die störenden Einziehungen solcher Komponenten deutlich erkannt hatte und sich intensiv damit beschäftigte, diese so vollkommen als möglich auszuschalten und das eigentliche Zeitmeßsystem unbeeinflußt arbeiten zu lassen. I >ie betätigten Zeitweisungssysteme sind : a) drei gesonderte Zeiger für Stunden, Minuten und Sekunden, wie auf Bild 5 ersichtlich. b) Mondstandsindikationen, wozu auf der Rückseite der Uhr ein eigenes Blatt angeordnet ist, und zwar ein Zifferblatt, welches das Mondalter anzeigt und darüber zur Veranschaulichung der Mondphasen eine kleine Kugel, eine Hälfte hell, die zweite dunkel, auf einer lotrechten Achse rotierend. c) ein Himmelsglobus zur Verdeutlichung der jährlichen scheinbaren Bewegung der Sterne am Firmament. I >er Himmelsglobus besteht aus einer durchsichtigen Bergkristallkugel, welche die Bekrönung des Uhrwerks bildet. Darauf sind die Hauptsternbilder und die Tierkreiszeichen figural, entsprechend ihrer mythologischen Bezeichnung, mittels Diamant eingraviert. Die Kugel ist hälftig geteilt und hohl; im Inneren enthält sie eine Armillarsphäre aus blau angelassenem Stahl. Dieser Himmelsglobus dreht sich einmal im (siderisehen) Tag herum; seine jeweilige Lage kann am kalibrierten Äquatorring abgelesen werden, der auf dem oberen Flansch des Uhrwerkskörpers eingraviert ist. In der Trennfuge zwischen den beiden Kugelhälften des Himmelsglobus läuft ein Sonnenbild, das einmal im Jahr den vollen Umfang zurücklegt und auf diese Weise die jeweilige Sonnenposition im Tierkreis anzeigt. Nach dieser allgemeinen Beschreibung der Werksanordnung der Bergkristalluhr kann nunmehr an die eigentliche kritische Überprüfung des Mechanismus bezüglich des ihm zugrunde liegenden Gangprinzips herangegangen werden. Kritische Untersuchung des Gangprinzips der Wiener Bergkristalluhr Jost Burgis. So wie sich heute der Mechanismus entsprechend Bild 8 darbietet, liegt eindeutig ein eigenperiodisches System nach dem Unruheprinzip vor. Allerdings ist die gegenwärtig an der rechten Wag befestigte Haarfeder offensichtlich ein Produkt des 19. Jahrhunderts, denn sie ist außergewöhnlich fein, besitzt 7 Windungen und ist an einem kleinen Bronzeblock befestigt, der an einem Kloben mit einer versenkten Niete festgemacht ist. Auf der Feder gleitet ein Reiter, der von außen durch eine im Bergkristallgehäuse gebohrte Öffnung ohne Silber- fassung vermittelst eines kleinen Triebes mit Vierkant verstellt werden kann. Der zunächstliegende Schluß war der, daß Burgi tatsächlich schon das I.mruheprinzip angewendet hat und daß die gegenwärtige Haarfeder bloß ein anscheinend zu Beginn des vorigen Jahrhunderts vorgenommener Ersatz für die Originalfeder Burgis sei. Demnach hätte Burgi also bereits den Isochronismus 32 Hans v. Bertele. eines aus Masse und Feder bestehenden schwingungsfähigen Systems gekannt und auf diese Weise die Verbesserung in der Zeitmessung erreicht. Eine nähere Untersuchung des ganzen Systems enthültt jedoch verschiedene Momente, die eindeutig gegen diese Ansicht sprechen, und zwar: 1. Das Zahnrad und das Zahnsegment mit dem Reiter sind zwar gleichfalls aus gebläutem Stahl, ähnlich der alten Bauweise, hergestellt, sie sind aber viel gröberer Ausführung, als die über jeden Zweifel stehenden Originalteile. Photo: Nationalmuselim. Kopenhagen. Bild 10. Kreuzschlagdetail der Nicolas -RADEEOEF-Uhr im Dänischen National-Museum in Kopenhagen. 2. Das Loch im Bergkristallgehäuse, das zum Vierkant der Federverstellung führt, hat keine Silbermontierung, wie sie der Aufzug besitzt. 3. Die Öffnung in dem einen Kloben, die für die Montage und Bewegung des Reiters und der Haarfeder vorgesehen ist, scheint zu einem späteren Zeitpunkt hergestellt zu sein, obwohl sie sorgfältigst der Form und Bauart angepaßt. ist. 4. An keinem andern Platz des Uhrwerks gibt es eine Niete. Wenn tatsächlich eine Haarfeder mit einem Regulierreiter von Anfang vorhanden gewesen wäre, dann wäre es irgendeine Schraubverbindung für die Haarfeder gewesen. Die ursprüngliche Anordnung muß also aus 2 Wagen ohne Haarfeder und sogar ohne Begrenzung der Aplituden durch die damals üblichen Borsten bestanden haben. Bei diesem Sachverhalt aber muß die ursprüngliche Regelung der Bergkristalluhr vermittels einer Variation des aus dem Momenten-Ausgleichssystem abgeleiteten Antriebes erfolgt sein. Die jetzige Feder- und Reiteranordnung wäre demnach eine spätere Zugabe, anscheinend zu dem Zweck erfolgt, die Regelung auf die neuzeitlich gebräuchliche Form zu bringen. Vielleicht war auch dem Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HUYGENSsclien Periode. 33 „Restaurator“ von 1800 bloß Sinn und Handhabung des Momenten-Ausgleichssystems nicht verständlich. Diese Überlegungen fanden ihre erste Bestätigung, als im Zuge der Suche nach BuRGi-Uhren zwei unmittelbar nach Burgis Zeit entstandene merkwürdige Uhren von Nicolas Radeloff zutage kamen, welche funktionell der Bergkristalluhr eng verwandt sind. Die kritischen Teile dieser gegenwärtig im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen und im Schloß Rosenborg bei Kopen- * v > ■ .! Photo: Nationalmuseum, Kopenhagen. Bild 11. System zur Ableitung eines gleichmäßigen Drehmoments durch eine Kugel, welche über die im Gehäuse fixierte Spirale abläuft und den äußeren Käfig dreht, der den Antrieb des Werkes vornimmt. hagen aufbewahrten Uhren zeigen die Bilder 10 und 11. Die Ausbildung der Ziffernringe dieser beiden Uhren mit Stunden- und Minuteneinteilung, sowie das Vorhandensein von einem eigenen Minutenzeiger neben dem Stundenzeiger weisen darauf hin, daß die beiden RADELOFF-Uhren zu ihrer Zeit als Präzisionsuhren gedacht waren. Bild 10 zeigt Einzelheiten des Ganges und der zwei gegeneinander arbeitenden Foliots der oben genannten ersten Uhr. Beide RADELOFF-Uhren besitzen ein Paar löffelartige Foliots ohne Haarfeder. Diese gegeneinander arbeitenden aperiodischen Systeme sind das Äquivalent zu den beiden gegeneinander sich bewegenden Wagen der Wiener Uhr. Dieses besondere Gangsystem soll weiterhin als Kreuzschlag bezeichnet werden. Außerdem haben die beiden RADELOFF-Uhren ein merkwürdiges, von der Wiener Bergkristalluhr vollkommen verschiedenes Kon- stant-Momentensystem; bei den RADELOFF-Uhren läuft nämlich eine Kugel ent- 34 Hans v. Bertele. lang einer Spiralführung nach abwärts und bewegt dadurch einen Stahlkäfig, welcher das Drehmoment auf das Hebelwerk weiterleitet. Diese Anordnung ist in Bild 11 gezeigt. Jede Kugel wird nach Verlassen des Käfigs sofort selbsttätig durch eine neue Kugel aus dem Vorratsmagazin im Oberteil der Uhr ersetzt. Da diese Bauart jedoch keine einfache Drehmomentveränderung zuläßt, sind die Trägheitsmomente der Kreuzschlagarme durch Verschrauben der löffelartigen Massen justierbar. Bei diesem Sachverhalt wurde es um so notwendiger, die Nachforschungen nach Originalwerken von Burgi mit verstärkter Intensität weiterzuführen, um womöglich Zwischenstufen der Entwicklung zur Bergkristalluhr zu finden. Die gewißheitgebende Bestätigung, daß Burgi in der Wiener Bergkristalluhr den vermuteten Kreuzschlag zweier freier, d. i. aperiodischer, Wagen verwendet hat, und überdies noch ein Einblick in die schrittweise Entwicklung von Burgi zu dieser Gangart brachte aber im Herbst 1952 die Auffindung zweier, unter hilfreichster Mitwirkung von Herrn P. A. Kirchvogel, dem Leiter der Staatlichen Kunstsammlung des Landes Hessen in Kassel, als Werke Burgis agnoszierter Uhren. Es handelt sich dabei um die in Tabelle 1 als „vertikale Tischuhr im Holzgehäuse auf Drehschemel“ bezeichnete Uhr Nr. 3 und um die „vertikale doppelseitige Tischuhr in Holzgehäuse“ Nr. 7. Die erstere ist eine durch 3 Monate mit einem Aufzug arbeitende Federuhr mit einem Gewichts-Remontoir, die als Gangregler noch die gewöhnliche Wag mit Borsten zur Amplitudenbegrenzung besitzt. Die zweite aber hat bereits den Kreuzschlag und ein der Wiener Bergkristalluhr sehr nahestehendes Feder- remontoir; nur erfolgt hier das Nachziehen in längeren Intervallen (alle 12 Stunden) und das Gangrad ist noch das früher übliche Kronrad. Nähere Einzelheiten über diese zwei BuRGi-Uhren finden sich in dem eingangs genannten Originalbericht (12), wo auch ein überblick über die vor Burgis Zeiten verwendeten Reguliermethoden gebracht ist. Dieses Bild wird schließlich noch durch einige andere Uhren aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vervollständigt, die auch mit Kreuzschlaggang 5 ausgerüstet sind. Auffällig ist, daß diese meist von den bedeutendsten Uhrmachermeistern der damaligen Zeit stammen. Obzwar die Ausführungen dieser Kreuzschlagsysteme nicht immer die werkmännische Höhe der Burgi- oder Radeloff- Anordnungen aufweisen, so zeigt doch ihre Existenz zumindest, daß die Kreuzschlagidee von den zeitgenössischen Fachleuten als eine hochwertige Verbesserung erkannt wurde, obwohl sie in der Fachliteratur der letzten zwei Jahrhunderte nicht vorkommt. Die Kriegswirren, in welche Mitteleuropa in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts verwickelt war, einerseits und anderseits die Erfindung des einfacheren Pendels 1681 machen es verständlich, daß Burgis Kreuzschlag 5 Von dieser Ausführung gibt es u. a. zwei Uhren, im Kunsthistorischen Museum in Wien (vgl. 15) von H. Buschmann und Nicolaus Plankh und eine im Deutschen Museum in München. Die letztere ist eine von G. Mayr sorgfältig ausgeführte astronomische Uhr; die Kreuzschlaghebel sind dabei kurz und haben nicht genügend Elastizität, um den Rückstoß merkbar auszugleichen. Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HuYGENSSchen Periode. 35 nicht in größerem Umfang verwendet worden war und dadurch in Vergessenheit geraten ist. So kann mit Gewißheit der Schluß gezogen werden, daß Burgis mysteriöser Fortschritt in der Erhöhung der Ganggenauigkeit von Uhren für astronomische Beobachtungen dem Kreuzschlag zu verdanken ist. Wie im Schreiben an Tycho Brahe (4) vermerkt, ist es Burgi gelungen, mit seinem neuen Gangsystem die Fehlweisung auf die Abweichung von weniger als y v jf* ' *( X&K l-W* iglllÜ Photo: Kunsthistorisches Museum, Wien. Bild 12. Einsicht in das Uhrwerk der Wiener Bergkristalluhr (Bild 5) von oben nach Entfernung des rotierenden Globus; durch die Öffnung des Äquatorringes sind Teile des Steigrades und des Kupplungshebelsystems sichtbar. Photo: Kunsthistorisches Museum, Wien. Bild 13. Unterseite des Uhrwerkes der Bergkristalluhr Bild 5. Die kleine Trommel enthält die Remontoirfeder. Die zwei großen Trommeln gehören für das Stunden- und Viertelstunden-Schlagwerk; beide sind mit Schnecken ausgerüstet, um gleichmäßigen Schlagrhythmus während der ganzen Uhr-Laufzeit zu sichern. eine Minute pro Tag zu reduzieren. Um jedoch Burgis Fortschritt voll zu würdigen, muß dies mit der früher erhaltenen Zeitmeßgenauigkeit verglichen w r erden. Wir besitzen keinen den Aufzeichnungen des Landgrafen entsprechenden Bericht über die alteren Uhren, welche die Wagen oder Foliots mit oder ohne Amplitudenbegrenzung besaßen. Doch ist man unschwer in der Lage, sich von der Arbeitsweise solcher Systeme zu überzeugen. Man muß hiezu eine derartige alte Uhr in arbeitsgängig guten Stand bringen und hierauf die täglichen Fehlweisungen über einige Zeit hindurch registrieren. Dabei ward man immer wieder überrascht über das unregelmäßige Aufeinanderfolgen von plötzlichen großen Gangveränderungen und einigermaßen gleichmäßiger Arbeitsperioden. Tabelle 3 gibt eine Übersicht über die täglichen Abweichungen, die von den verschiedenen aperiodischen Systemen zu envarten sind, zusammen mit Ver- 36 Hans v. Bertele. gleichswerten, wie sie mit Uhren aus der Zeit bald nach Einführung des Pendels erhalten wurden. Burgis neues Gangsystem hat, wie man aus Tabelle 3 ersieht, die Ungenauigkeit auf 3% des vorher möglichen reduziert. Das ist ein Fortschritt erster Ordnung, der entwicklungsgeschichtlich der Einführung des Pendels oder der Entwicklung des Chronometerganges nahekommt. Tabelle 3. Charakteristische Genauigkeitswerte der verschiedenen Zeitmessungstypen. Type der Zeitmessung Ungefähre Zeit Tägliche Abweichung Bezug 1. Einfache Rad-Wag oder F oliot mit Spindelgang um 1500 zu, ab dz 1 Stunde (angenommen) persönliche Beobachtungen 2. Rad-Wag oder Foliot mit Spindelgang und Borsten-Amplituden- Begrenzung um 1550 bis 1660 ungefähr ±15 Minuten (angenommen) persönliche Beobachtungen 3. Kreuzschlag von Jost Burgi 1586 ±30 Sekunden (angenommen) Brief von Wilhelm IV. an Tycho Brahe (4) 4. Kurzes Pendel mit Spindelgang nach Huygens von 1657 ± 20 Sekunden, aber unregelmäßig, in langen Intervallen persönliche Beobachtung 5. Langes (Royal)-Pendel mit Ankergangart nach W. Clement von 1694 ±10 Sekunden persönliche Beobachtung 6. Langes-Pendel mit ruhender Hemmung um 1710 beständig, nicht mehr als ungefähr 3 Sekunden innerhalb eines Monats persönliche Beobachtung Wirkungsweise des Kreuzschlages. Funktionell steht der Kreuzschlag den aperiodischen Foliots und Wagen mit Amplitudenbegrenzung durch Borstenanschläge nahe. Seine Wirkungsweise kann am besten an Hand von Bild 14 verstanden werden; dieses veranschaulicht das Spiel der Kreuzschlaghebel l und m mit den an ihren Enden fixierten Massen A und B. 0 und 0 * bedeuten die mittleren Stellungen, in denen die beiden Kreuzschlaghebel richtungmäßig übereinstimmen, während 1 und 1 * gleichzeitige Bewegungszwischenpositionen der beiden Hebel in Richtung der Pfeile darstellen. Nachdem diese durch die beiden kleinen Zahnräder t' und t" miteinander verbunden sind, besitzt ein Hebel für sich bei Vernachlässigung des Totganges in der Kupplung als dynamisches Äquivalent das doppelte Trägheitsmoment. Auf diese Weise können wir die mechanischen Überlegungen auf einen Hebel reduzieren. In der Stellung 1 steht der Lappen von 1 im Eingriff mit dem Steigrad e, während der von m frei ist. In 2 erfolgt die Freigabe des Lappens 1 und der Hebel schwingt frei bis Position 3. Hier kommt der Zusammenstoß des mit m verbundenen Lappens mit dem folgenden Steigradzahn zur Wirkung und Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HUYGENSschen Periode. 37 die Bremsung setzt ein. Sind die Verbindungshebel zu den Massen entsprechend lang und biegsam, dann vermeidet das Kreuzschlagsystem einen harten und plötzlichen Stoß. Der Druck auf den Zahn des Steigrades entspricht der Abbremsung der Schwerpunkte wie C und C' der Massen A und A'. Dabei wird deren kinetische Energie in potentielle Energie elastischer Verformung der Hebelarme verwandelt. Nachdem die Geschwindigkeit in 4 auf Null gesunken ist. werden die Massen zufolge der Hebelverformung eine Rückwärtsbeschleunigung o o* Bild 14. Schaubild zur Erläuterung der Wirkungsweise des Kreuzschlages. Zu bemerken ist die Durchbiegung in den Extremstellungen, wie sie nach dem Durchgang im Spindellappeneingriff erfolgen. erfahren, derart, daß sie in 3 bereits angenähert dieselbe Geschwindigkeit erreicht haben wie im Augenblick des Anschlages, jedoch in der entgegengesetzten Richtung. Der Geschwindigkeitsunterschied wird dem im Bereich des Winkels y erlittenen Informationsverlust entsprechen. Nachdem es sich um eine elastische Deformation handelt, wird der Geschwindigkeitsunterschied klein sein. Der Stellungsunterschied zwischen 3 und 4 ist in Bild 14 der Deutlichkeit wegen übertrieben groß gezeichnet; in Wirklichkeit ist derselbe gering. So entsteht zufolge der Durchbiegung der Hebel ähnliche Wirkung wie beim Anschlägen gegen Borsten, die so angeordnet sind, daß der Borstenanschlag zeitlich mit dem Eingriff des nachfolgenden IWippens zusammenfällt. Der Kreuzschlag arbeitet aber wesentlich exakter als ein Borstensystem, aus folgenden Gründen: 1. die Energierückgewinnung bei jeder Richtungsumkehr wird durch die elastischen Eigenschaften der metallischen Kreuzschlaghebel geregelt und nicht durch die organischen Borsten bestimmt; sie ist daher höher und viel gleichmäßiger, weil die Elastizität von Borsten durch die Einflüsse der Umgebung und Alterung sehr stark variiert. 38 Hans v. Bertele. 2. Die Umkehr (lauer in (len Endstellungen ist kürzer als bei Borsten. Außerdem ist sie nicht den Veränderungen unterworfen, die sich hei Borstenregulierung in Abhängigkeit der relativen Stellung des Borstenanschlagmomentes zum nachfolgenden Lappenanschlagsmoment ergeben. 3. Die Oszillation erfolgt symmetrisch in beiden Hälften, unabhängig von der tatsächlichen Periodenlänge, welche durch die Größe des angewandten Treibmomentes bestimmt ist. Borstenregelung aber bedingt eine starke Ungleichmäßigkeit, da die Borsten bei verschiedenen Kontrollhebelstellungen meist ungleichen Abstandswinkel zu den Schwingungsmittellinien einnehmen. 4. Die Biegsamkeit der Kreuzschlagarme vermittelt nicht nur Energierückgewinnung, sondern vermindert bedeutend auch den Verschleiß, der bei starren Foliots und Wagen unvermeidlich ist. Als Folge davon können Kreuzschlaguhren länger in gutem Zustand bleiben und gleichmäßiger gehen als die früheren Bauarten. 5. Zufolge Verwendung von zwei gesonderten, nur durch die beiden Stifträder t’ und t" gekuppelten Spindeln mit nur je einem Lappen ist eine wesentlich genauere Einstellung der Freigabe und Eingriffswinkel möglich; überdies gestattet dies den freien Bogen zwischen 2 und 3 in Bild 14 gerade nur so groß einzustellen, daß der Zahn etwas über den Lappenwendepunkt hinausgelangt, so daß ein Steckenbleiben mit Sicherheit verhindert wird. Die Vergrößerung von Lappen und Steigradzähnen in der rechten Ecke von Bild 8 zeigt, wie die Innenseite der Räder abgeschrägt ist, um Eingriff über die gewünschte Zeitspanne sicherzustellen. 6. Die Ausbildung der Massen an den Hebelenden mit verhältnismäßig großen Oberflächen verursacht einen zusätzlichen Luftwiderstand, der den Verlauf des Spiels der Kreuzschlagarme mitbestimmt. Da der Luftwiderstand weniger umgebungsabhängig ist als die Zapfenreibung, so wird auf diese Weise der Einfluß von Lufttemperatur- oder Feuchtigkeitsveränderungen auf die Lagerreibung und damit auf den Bewegungsverlauf verringert und damit Gangveränderungen geringer als es unter sonst gleichen Verhältnissen bei Foliots oder AVagen zu erwarten wäre. Die Wirkungsweise des Kreuzschlages wird am einfachsten am zeitlichen Verlauf der charakteristischen mechanischen Größen verfolgt. Tn Bild 15 sind hiezu Steigradfortschritt, Wagausschlag, Wagspindel, Winkelgeschwindigkeit und am Lappen angreifendes Moment dargestellt. Energierückgabe ist in Bild 15 momentan und 100°/oig angenommen,* so daß sich eine Sägezahnkurve mit gleich- schenkeligem Zahnschnitt ergibt, wobei dann die sich im stationären Betrieb einstellende Winkelgeschwindigkeit a> dem Gleichgewicht zwischen Treibmoment M und den Reibungsverlusten entspricht. Im Hinblick auf die Möglichkeit, jeden der beiden Lappen unabhängig für sich zu justieren, ist es möglich, mit einem sehr kleinen freien Bogen ( f p — <5) zu arbeiten (die Strecke 1^2 im Diagramm Bild 15 ist aus Anschaulichkeitsgründen übertrieben groß gezeigt). Als Folge davon verschwindet der Rückfall fast vollständig, so daß der Steig- * Nicht als Wirkungsgrad zu verstehen. Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HUYGENSSchen Periode. 39 radfortschritt sehr gleichmäßig wird und die Bewegung des Sekundenzeigers fast so stetig wie bei Synchronuhren erscheint. In Bild 15 b ist das antreibende Moment doppelt so groß wie in Bild 15 a, dementsprechend ist auch die Steilheit des Steigradfortschrittes P verdoppelt. Dieser starke und momentenproportionale Einfluß das Treibmomentes auf die Gang- geschwindigkeit ergibt nun eine bequeme Art, die Regulierung der Ganggenauigkeit durch Veränderung des Niveaus der Ausgleichs- (Remontoir-) Federspannung 00 (b) Bild 15. Zeitliches Arbeitsdiagramm des Kreuzschlages: Treibmoment M, Winkelbewegung cp, Geschwindigkeit der Spindel und des Steigradfortschrittes P ; es ist angenommen, daß das Treibmoment in b doppelt so groß ist wie in a . 1. Augenblick der Freigabe, 2. Augenblick des Anschlages r Rückstoß. vorzunehmen; natürlich hat auch Burgi dies sowohl bei der vertikalen Kasseler Tischuhr (Nr. 7 von Tabelle 1) als auch bei der Wiener Bergkristalluhr vorgesehen. Nach dieser Analyse erscheint der Kreuzschlag als das logische Ergebnis der Bestrebungen eines außerordentlich feinfühligen Beobachters, den mechanischen Schwierigkeiten der aperiodischen Gangsysteme zu begegnen; Burgis Kreuzschlag stellt wohl unzweifelhaft die endgültig in dieser Richtung erzielbare Verbesserungsstufe dar. Nichtsdestoweniger hat das Kreuzschlagsystem schwer- 40 Hans y. Bertele. wiegende grundsätzliche Nachteile. Um damit eine hohe Ganggenauigkeit zu erzielen, müssen die freien Bogen und Preigabewinkel peinlich genau eingestellt und eingehalten werden; daher erforderten die Kreuzschlaguhren sehr gute Werkmannsarbeit und viel mechanisches Verständnis für die Justierung. Ohne Spezialschulung erscheint weder die Herstellung noch die richtige Einstellung derselben möglich. Dies waren zweifelsohne die Gründe, warum Kreuzschlaguhren schon vor der Einführung der Pendeluhren so selten waren. Der aber letzten Endes unbedingt gegen eine allgemeine Verbreitung des Kreuzschlages sprechende Grund ist die Tatsache, daß der Kreuzschlag doch ein aperiodisches System ist, welches zwangsläufig unter den Einflüssen der Umgebung leidet. Altern der Schmierstoffe, Abnutzung der Triebe und Zapfen oder Hebellängenänderungen infolge Temperaturschwankungen müssen sich unweigerlich in starken Gangfehlern aus- drücken. Dies sind Probleme, welche durch die rein mechanische Perfektion des Kreuzschlages nicht gelöst werden können. Es ist wenig wahrscheinlich, daß Burgi z. B. Längenänderungen durch Temperatureinflüsse zum Bewußtsein gekommen ist. Eine systematische Ausschaltung der umgebungsbedingten Einflüsse, die für erhöhte Präzision in der Zeitmessung entscheidend ist, war dem Beginn des kommenden wissenschaftlichen Zeitalters Vorbehalten. Huygens und Robert Hooke haben durch Einführung des Pendels und der heute üblichen Unruhen die grundsätzlichen Fehler jedes aperiodischen Gangsystems eliminiert. Auf dieser Basis hat die hervorragende Werkmannsarbeit der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aufstrebenden englischen Uhrmacherei, mit Tompion, Clement und Graham an der Spitze, die neuen Ideen wirklich brauchbar gemacht und rasch verbreitet. Aus dieser Zeit stammt der große Ruf der „englischen Uhr“. Zu diesem Kreis gehört auch noch das Genie eines Harrison, der in jahrzehntelanger Besessenheit die recht unzugänglichen Einflüsse der Umgebungstemperatur und der Rückwirkung des Hemmungsmechanismus auf die Eigenzeit des Gangsystems soweit ausgeschaltet hat, daß schließlich sein Chronometer den für damalige Verhältnisse fast märchenhaft hohen Preis von 20000 engl. Pfund gewann, gleichzeitig aber damit der englischen Schiffahrt ein außerordentlich wertvolles Hilfsmittel zum Wettbewerb zur See zur Verfügung stellte. Trotz der späteren großen Weiterentwicklung ist die Hilfe, die der von Burgi entwickelte Kreuzschlag den Astronomen seiner Zeit gegeben hat, leicht zu verstehen. Tycho Brahes Uhren vom Hradschin sind verlorengegangen und irgendwelche besondere Angaben von Tycho oder Keppler hierüber sind uns nicht bekannnt. Doch gibt es eine Bemerkung von Johannes Hevelius, eines namhaften Astronomen des 17. Jahrhunderts, die uns zu verstehen gibt, daß vor der Einführung des Pendels die Kreuzschlaguhren als die genauesten Zeitmesser betrachtet wurden. Hevelius (21) schreibt: „...jedoch hatte ich nie Gelegenheit, irgendeine Uhr zu finden, auch nicht eine mit einer kreuzweise arbeitenden Doppel- Balance (liberamentum duplice), die überhaupt keine Unregelmäßigkeit gehabt hätte.“ G. H. Baillie, zweifellos einer der besten Kenner alter Zeitmeßvorrichtungen und ihrer Entwicklung, kommentiert dies (22) folgendermaßen: „Ich kann mir nicht vorstellen, was kreuzweise arbeitende Doppelbalance bedeuten soll; es könnte höchstens ein anderer Name für ein Foliot sein, bei dem zwei Hebel Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HUYGENSschen Periode. 41 unter rechtem Winkel zusammengesetzt waren.“ Soweit ist heute der Kreuzschlag in Vergessenheit geraten, daß es im ganzen horologischen Schrifttum der letzten 300 Jahre keinen anderen Hinweis zur Aufklärung der von Hevelius gemachten Bemerkung über die zu ihrer Zeit so wichtige Neuerung gab. Zusammenfassung. Die uns heute bekannten Uhren Burgis sind Zeugen für eine ganz einmalige Kombination von Wissenschaftler, praktischem Uhrmacher und Künstler in Burgis Person. Seine wissenschaftlich kritische Leistung zeigt sich, abgesehen von den andernorts beschriebenen mathematischen und geometrischen Leistungen, in der bewußten und höchst vollkommenen Ausnützung aller Möglichkeiten, welche den zu seiner Zeit üblichen aperiodischen Gangsystemen mechanischer Uhren innewohnten. Beim Verfolgen der Einzelheiten der durch die Pos. 1, 3, 4, 7 und 9 festgelegten Entwicklungsreihe (Tabelle 1) wird es ganz klar, wie Burgi systematisch die Einflüsse von Umkehrpunktlage der Wag, Variation des Antriebsmomentes, Symmetrie der beiden Bewegungshälften der Wag, Größe des Freilauf winkeis und der Umkehrschnelligkeit erfaßt hat und wie er sich bemüht hat, dieselben im Sinne bester Ganggenauigkeit zu beeinflussen. Das handwerkliche Können ersieht man nur zum Teil aus den Photographien. Erst eine persönliche Betrachtung kann die richtige Vorstellung der wirklichen Höhe desselben vermitteln. Burgis Werkmannsarbeit steht doch selbst über den allerbesten anderen Leistungen anderer Spitzenuhrmacher, an denen die Spätrenaissance keineswegs arm war. Wir haben ihm auf dem Gebiete der Zeitmeßkunst folgende Forschritte zuzusprechen : a) Den Sekundenschlag bei aperiodischen Gangsystemen; b) die Geschwindigkeitsregulierung von aperiodischen Uhren durch Veränderung des Eingriffswinkels mit Hilfe einer fein einstellbaren Verlagerung der Spindellager; c) die genaue Regulierung der Amplitudenwerte der Wag durch mikrometer- artige Einrichtungen mit Zeigern und Hilfszifferblättern; d) die symmetrische Begrenzung der Wag-Ausschläge bei verschiedenen Reglerstellungen; e) den Antriebsmomenten-Ausgleich für Federuhren mit Hilfe von Gewichtsund Federremontoirs; f) den Kreuzschlaggang mit seiner besseren Ausnützung der Antriebsenergie und verbesserten Reguliermöglichkeiten; g) die Einführung der Sekundenweisung durch ein eigenes Sekundenblatt; h) die Einführung des ebenen Steigrades an Stelle des Kronrades. Für diese Ideen und ihre hervorragende konstruktive Verwirklichung gebührt Jost Burgi Platz unter den ersten Uhrmachern aller Zeiten. Die hervorragende künstlerische Bedeutung Burgis schließlich wird in einem im Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums, Band 51, erscheinenden Aufsatz ausführlich gewürdigt. 42 HANS V. BERTELE. Burgis Entwicklungsarbeiten zur Verbesserung der Zeitmeßgenauigkeit sind nunmehr recht lückenlos und vollständig zu überblicken. Sie können als logische Endentwicklung der mittelalterlichen Uhrentechnik beschrieben werden, enthalten aber nicht den geringsten Hinweis dafür, daß Burgi jemals an ein Pendel oder irgendein anderes eigenperiodiges Schwingsystem für die Gangregelung mechanischer Uhren gedacht hat. So läßt sich endlich die Frage mit einem endgültigen Nein beantworten, ob Burgi nicht vielleicht Gallileos Entdeckung des Isochronismus des Pendels vorweggenommen hatte; damit kann man die in dieser Hinsicht seit mehr als zwei Jahrhunderten immer wieder auftauchenden Zweifel nun endgültig aufgeben. Die offensichtlichen Grenzen der Leistungsfähigkeit des Kreuzschlags aber bedeuten keine Schmälerung von Burgis Verdiensten; er erscheint als der erste Horologe, welcher bewußt die Idee der Genauigkeit in der Zeitbestimmung in die wissenschaftliche Tätigkeit der Menschen eingeführt hat; er hat auch die hiezu erforderlichen praktischen Hilfsmittel Wirklichkeit werden lassen. Wir können sicher sein, daß viele wissenschaftliche Arbeiten von Tycho Brahe und Iveppler durch Burgis Uhren sehr wesentlich unterstützt worden waren; zweifelsohne waren zumindest mehrere davon mit Sekunden Weisung ausgerüstet. Doch darüber sind wir nur auf Vermutungen angewiesen. Wie dem aber auch sei, die heute bekannten Uhren Burgis erbringen den Beweis dafür, daß die Einführung der Sekundenweisung durch Burgi keine Fabel, sondern Wirklichkeit ist. Wir kennen heute drei Uhren Burgis mit Sekundenschlag, wobei eine — die Wiener Bergkristalluhr — nicht nur einen Sekundenschlag, sondern sogar auch ein eigenes Sekundenblatt besitzt. Das Verblüffendste und Unerwartete in der Aufklärung des BuRGi-Problems erscheint aber doch, daß seine Leistung gegen die so oft ausgesprochenen Vermutungen ohne Pendel oder entsprechende eigenperiodische Schwingsysteme möglich gewesen war. Schrifttum. 1. L. Defossez: ,,Les savants du XVIIieme Siede et la mesure du temps“. 1946, Edition du Journal Suisse d’Horlogerie et de Bijouterie-Lausanne. Pg. 57: Burgi et 1’ invention du pendule. 2. Patent seitens der Generalstaaten vom 16. 6. 1857, das bald darauf auch von Holland und Westfriesland an Huygens bestätigt wurde. Huygens hat die entsprechenden Rechte an Salomon de Coster, Uhrmacher im Haag, dann weitergegeben. 3. Alhard von Drach: „Jost Burgi, Kammeruhrmacher Kaiser Rudolph II. Beiträge zu seiner Lebensgeschichte und Nachrichten über Arbeiten desselben.“ Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses. XV. Tempsky, Wien 1894. 4. Tychonis Brahe Dani Epistolarum Astronomicorum Libri . . .; Norimbergae 1601; pg. 269. 5. Aus Archiven der Landesbibliothek in Kassel. 6. Astronomische Manuskripte der Landesbibliothek in Kassel; Ms. astr. 5; No. 7. Dieselben sind zwar nicht datiert, können aber bezüglich ihres Entstehungsdatums recht genau auf den Zeitraum zwischen 1585 und 1590, die Arbeitszeit von Roth- mann in Kassel, festgelegt werden. Präzisions-Zeitmessung in der Yor-HUYGENSSchen Periode. 43 7. Johannes Joachim Becher: „De Nova Temporis dimetiendi Ratione et Accurata Horologiorum Constructione, Theoria et Experientia.“ Ad Societatum Regiam Anglicanam in Collegio Greshanensi, Londini, January 1680. 8. Tycho Brahe: Astronomiae instauratae Mechanica . . . Wandesburgi 1598. 9. P. Mesnage: „Un chef d’Oeuvre de Jost Burgi au Conservatoire des Arts et Metiers de Paris.“ Journal Suisse d’Horlogerie, Mai und Juni, 1949. 10. R. Hallo: „Von alten Uhren im Hessischen Landesmuseum.“ Die Uhrmacherkunst, 55, pg. 662; 1930. 11. P. A. Kirchvogel: „Astronomisch-Mechanische Kunstwerke in Kassel aus der Zeit der Spaetrenaissance.“ Hessenland 50; pg. 69/78. 1939. 12. H. von Bertele: Precision Timekeeping in the pre-Huygens Horological Journal, Dezember 1953, London. 13. P. A. Kirchvogel: „Eine Standuhr aus dem 17. Jahrhundert im Landesmuseum Cassel.“ Hessenland. No. 718, 1938. 14. Gustav Speckhart in Nuremberg: „Die Uhren im Herzogi. Museum in Gotha.“ Leipzig 1886. 15. Q. Leitner: „Die hervorragendsten Kunstwerke der Schatzkammer des Oest. Kaiserhauses.“ Wien 1870/73. 16. H. von Bertele: „Jost Burgis Beitrag zur Formenentwicklung der Uhren“; Band 51 des Jahrbuches der Wiener kunsthistorischen Sammlungen, Wien 1954. 17. Eine detaillierte Beschreibung ist von Dr. O. Reicher in Aussicht genommen. 18. R. Albrecht: „Die Raederuhr.“ Verlag Albrecht, Rothenburg a. d. Tauber. 19. L. Defossez: es per ref. 1. See pg. 56, Horloges et Globes Coelestes. 20. Tardy: „La pendule fran^aise.“ Tardy, Paris, 1950. 21. Johannes Hevelius: „Machinae Coelestis“; pars prior... Gedani 1673—1679. 22. G. H. Baillie: „Clocks and Watches.“ An historical bibliography. N. A. G. Press Ltd., London 1951. Technikgeschichte, 16. Heft. 4 Zur ältesten Geschichte des Bernsteins. Von Prof. Dr. phil. Dr.-Ing. Heinrich Quiring, Techn. Universität Berlin-Charlottenburg. Mit 5 Abbildungen. Der Bernstein gehört zu den ersten von Menschen getragenen Schmuckmineralen. Das älteste Kunstwerk aus Bernstein wurde bei Meiendorf-Hamburg (Tode 1934) gefunden. Es ist eine durchlochte Bernsteinscheibe des Magda- lönien II (um 11.000 v. Chr.) mit einem eingeritzten Wildpferdkopf. Der Bernstein dürfte an der Nordseeküste aufgelesen sein, wo er noch jetzt in pfundschweren Stücken ans Land gespült wird. Ferner lagen Bernsteinstückchen in der Magdalönschicht der Gudenus-Höhle hei Krems 1 , in der Mokrauer-( Kostelik )- Höhle in Mähren (Wankel) und in der Zitny-Höhle 2 . Dieser österreichischmährische Bernstein scheint aus den Karpaten (Galizien), aus Böhmen oder aus Niederösterreich zu stammen. In den Beskiden und in Galizien gibt es bernsteinähnliche fossile Harze im tertiären Karpatensandstein bei Mizun, Bründel, Pasicsza, Trzebinia, Krakau und Podgorodgyrze-Lemberg, im böhmischen Tertiär bei Aussig und Skuc, in Niederösterreich bei Höflein, Gloggnitz, Jauling und St. Veit. Dunkelroter Bernstein (5 Stücke) lag nach L. Frossard (1870) in der Magdalönschicht der Grotte d’Auressan (Döp. Hautes Pyrenees 3 ). In Tertiärschichten (Ligniten) von Barjac (Dep. du Gard) ist dunkelroter Bernstein eingelagert. Stücke dieses Bernsteins scheint der Altsteinzeitmensch gefunden, aufgesammelt und in seine Höhle gebracht zu haben. Der Mensch des Magdalönien hat auch andere Steine gesammelt, durchbohrt und als Halsschmuck verwandt, so Gagat, Kohle, Flußspat, Nephrit. Diese altsteinzeitliche Vorliebe für Steinschmuck ging in der darauffolgenden Mittelsteinzeit (9000 bis 4800 v. Chr.) fast völlig verloren 4 . Ackerbau und Viehzucht nahmen jedenfalls in Nordwest-Europa und im nördlichen Mitteleuropa das 1 H. Obermaier und H. Breuil : Die Gudenushöhle in Niederösterreich. Mitt. Anthropol. Ges., 38, Wien 1908, S. 277. 2 M. Hoernes : Der diluviale Mensch in Europa. Braunschweig 1903. 3 L. Frossard : Note sur la grotte d’Aurensan. Mat. pour l’histoire de l’homme. 1870. S. 205 bis 216. 4 H. Quiring : Ursprung der Bildkunst. Urania 11, Jena 1948, S. 283 bis 290. Heinrich QuirinG: Zur ältesten Geschichte des Bernsteins. 45 Interesse so sehr in Anspruch, daß der Bauer und Viehzüchter kein Schmuck- bedürfnis mehr hatte. Auch Stein-, Bein- und Hornwerkzeuge zeigen bis auf ganz wenige Ornamente reine Zweckform. Die Schmuckablehnung hielt sich nördlich der Alpen und Pyrenäen bis in die Jungsteinzeit hinein. Erst um 2000 v. Chr. treten in Großbritannien Bernsteinanhänger in Form durchbohrter Steinhämmer auf (Reallex. d. Vorgesch. IV, 2, S. 544). Der Frühbronzezeit um 1600 v. Chr. gehören die 5 Bernsteinbeile von Hordum in Thyland (= Teutonenland, Nordjütland, W. Schulz 1949) an. Auch der Ostseebernstein diente damals als Schmuck, wie der bei Schwarzort aus dem Ivurischen Haff gebaggerte Pferdekopfanhänger zeigt. Dennoch bleibt im Norden . \ Bild 1. Zwei Skarabäen aus schwarzem (gealtertem) Bernstein. Belagstücke der Mumie des Tutanchamon. Nach Carter. der Steinschmuck selten. Am Mittelmeer, in Ägypten und Vorderasien stellte sich dagegen mehr und mehr der Wunsch nach glänzenden und farbigen Schmucksteinen ein. Im 4. und 3. Jahrtausend wurden undurchsichtige, gut polierbare bunte Steine, so der grüne Amazonenstein, Malachit, Jaspis und Türkis, der rote und rotbraune Karneol, Sarder und Jaspis, der blaue Lapislazuli und die gestreiften Achate und Onyx begehrt. Als erste durchsichtige Steine trug man den wegen seines Irisierens bewunderten Bergkristall und den violetten Amethyst. Bernstein fehlt in Ägypten unter den Steinschmuckfunden vor dem 2. Jahrtausend v. Chr. In Mesopotamien haben sich dagegen in archaischen, also vor- akkadischen Schichten (vor 2358 v. Chr.), unter dem Tempelturm von Assur Bernsteinperlen gefunden, über die Herkunft des Bernsteins hat sich bisher nichts ermitteln lassen. Erst im Grabe des Tutanchamon (1358 bis 1351) lagen viele Schmuckstücke aus Bernstein: ein Fingerring, ein Haarring, zwei Skarabäen, eine Halskette aus 55 Bernsteinperlen, eine Halskette aus abwechselnden Bernstein- und Lapislazuli-Perlen, ein Paar Ohrringe mit Bernstein- und Goldperlen. Der Bernstein erwies sich bei der Untersuchung als sehr mürbe, im durchfallenden Licht dunkelrot, im auffallenden fast schwarz. In Alkohol und Azeton war 4 * 46 Heinrich Quiring. der Bernstein stark löslich 5 , während z. B. frischer Ostsee-Bernstein nur zu 17 bis 42°/o in Alkohol und bis zu 16°/'o in Azeton löslich sein soll (Klebs). Wir müssen aber bedenken, daß der 3300 Jahre alte Bernstein des TuTANCHAMOX-Grabes erheblich verändert (verwittert) ist. Auch Ostsee-Bernstein wird beim Liegen an der Luft in wenigen Jahrzehnten dunkler und mürber. Die geringere Wider- <<< * Bild 2. Stahldolch mit Bergkristallknopf aus dem Grabe des Tutanchamon. Nach Carter. Standsfähigkeit des Bernsteins im Grabe des Tutanchamon gegen Lösungsmittel kann ebenfalls eine Alterserscheinung sein. Die Verbindung der Bernsteinperlen mit Gold und dem damals über alles geschätzten Lapislazuli deutet auf eine hohe Bewertung des Bernsteins hin. Die Herkunft des Bernsteins des TuTANCHAMON-Grabes ist wegen der erheblichen stofflichen Umwandlung sehr schwierig zu beurteilen. Doch vermag eine urkundliche Quelle darüber Auskunft zu geben, obwohl sie bisher noch nicht dazu herangezogen wurde. imaMB«ea£ Bild 3. Scheide des Stahldolches aus dem Grabe des Tutanchamon. Nach Carter. Auf den Tafeln von El Amarna findet sich ein Brief des Königs Tusratta von Mitannu (1387 bis 1367) an Amenophis (Echnaton) IV. (1375 bis 1358), den Schwiegervater des Tutanchamon. In diesem Brief sind die zahlreichen und wertvollen Schmuckstücke der Mitgift aufgezählt, die Tusratta seiner Tochter Tatuhepa für Amenophis IV. mitgegeben hat 6 . Unter den 16 verschieden benannten Edelsteinarten findet sich auch der aban („Stein“) Sag. Kal. 78 abnu Sag. Kal hat Tusratta seiner Tochter mitgegeben. .1. A. Knudtzox hat den Stein nicht zu deuten versucht. R. C. Thompson 7 hat den aban Sag. Kal als unbestimmbar bezeichnet. Daher hat ihn der sich auf Thompson stützende Boson in dem von ihm verfaßten Abschnitt „Edelsteine“ des Reallexikons für Assyriologie 8 nicht einmal erwähnt. Nach dem TusRATTA-Brief wechselten in 5 A. Lucas in H. Carter : The Tomb of Tut-Ankh-Amon. Bd. II. fi J. A. Knudtzon: Die El-Amarna-Tafeln. I. Leipzig 1915, S. 189 bis 233. Verschwägerungen zwischen den Königshäusern von Ägypten und Mitannu waren nicht selten. So hatte Thutmosis IV, eine Tante, Amenophis III. Giluhepa, die Schwester des Tusratta zur Frau. 7 II. C. Thompson : A dictionary of Assyrian Chemistry and Geology. Oxford 1936, S. 185. 8 E. Ebeling u. B. Meissner: Reallex. d. Assyriol. Bd. II, Berlin und Leipzig 1838, S. 266 bis 273. Zur ältesten Geschichte des Bernsteins. 47 (len Schmuckketten der Tatuhepa SAG.-IvAL-Steine mit blauen Lasursteinen und roten Karneolen ab. Er dürfte daher gelb gewesen sein. Nicht nur, weil im Sumerischen sig „gelb“ bedeutet, sondern weil in einem Schmuckstück 10 Trauben aus rotem Karneol mit 5 Feigen aus aban Sag. Kal. kombiniert sind 9 . Entscheidend ist aber die Tatsache, daß nach Plinius (Hist. nat. 27,16) die Ägypter den Bernstein sakal nannten. / . 4 , Bild 4. Goldstatue des etwa 16jährigen Tutanchamon auf der Fischjagd. Nach Carter. Trifft die Deutung des aban Sag. Kal als Bernstein zu, so spricht zunächst das vorakkadische — die Dynastie von Akkad regierte 2358 bis 2182 v. Chr. über das Zweistromland — Sag. Kal für ein hohes Alter der Bernsteinkenntnis, worauf ja auch der vorakkadische Bernstein unter dem Tempelturm von Assur hinweist. Die zahlreichen SAG.-KAL-Steine der TATUHEPA-Mitgift bezeugen, daß im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts v. Chr. Bernstein in größerer Menge gewonnen, über das Schwarze Meer zu den an dessen Südostküste wohnenden Mitanniern gelangt und in deren auch später noch durch ihre hochstehende Metallkunst berühmten Werkstätten zu Schmuck verarbeitet wurde. Nach dem Untergange des Mitannireiches (1365 v. Chr.) setzten die Chalder und Chalyber („Erz- und Stahl- 9 J. A. Knudtzon : a. a. O. S. 199. 48 Heinrich Quiring. leute“; griech. %aXvtp „Stahl“) die Tradition fort. Nach Lehmann-Haupt 10 und Herzfeld saßen sie zwischen Schwarzem Meer und Wan-See. Sie waren Meister in der Schmelztechnik und Edelsteinbearbeitung. Daß ihnen auch die Erfindung der Stahlerzeugung zukommt, geht daraus hervor, daß unter den Geschenken Tusrattas an Amenophis III. Stahldolche mit kostbaren Edelsteingriffen und knäufen waren. Da darunter auch ein Stahldolch mit einem Knauf aus aban hiliba * 11 , d. h. Bergkristall, war und im Grabe des Tutanchamon ein solcher Stahldolch mit einem feingeschliffenen Bergkristallknauf lag — nach A. Lucas 12 keine ägyptische Arbeit —, so stammte dieser damals sehr kostbare Stahldolch ebenso aus Mitannu wie die bisher älteste Stahlwaffe überhaupt, das im 15. Jahrhundert v. Chr. geschmiedete Beil von Ugarit 13 . Man wird daher mit großer Wahrscheinlichkeit sagen können, daß auch die Bernsteinschmuckstiicke im Grabe des Tutanchamon Geschenke aus Mitannu waren, und man darf auch behaupten, daß das damals in dem Briefe verwandte Wort Sag. Kal ins Ägyptische als sakal .,Bernstein“ übergegangen ist. Es ergibt sich nun die Frage, woher die Mitannier den von ihren Juwelieren verarbeiteten Bernstein bezogen. Um Ost- oder Nordseebernstein wird es sich kaum gehandelt haben. Denn von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer hat sich zwar in der klassischen Antike ein Handelsweg entwickelt, für das 2. Jahrtausend v. Chr. sind aber keine Anzeichen für einen solchen Konnex erkennbar. Im damals von skytischen Völkern bewohnten Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres gibt es dem Ostseebernstein gleichartigen 14 und gleichwertigen Bernstein in tertiären Schichten am Dnjepr bei Perejaslaw und Jekaterinoslaw sowie auf den Dnjepr-Inseln Peskowatyi, Beljajew und Golodajew, ferner am Udy bei Poltawa, bei Berislaw in Cherson und bei Kachowka in Taurien. In diesen Bezirken ist nach Funden schon im Altertum nach Bernstein gegraben worden. Man kann annehmen, daß die Bernsteingewinnung in diesen nordpontischen Bezirken im Anfänge des 14. Jahrhunderts v. Chr. auf genommen wurde und kurz vor 1375 die ersten, Steine nach Mitannu gelangten und zu Schmuckstücken verarbeitet wurden; denn in den vorhergehenden 7 Briefen TusR vttas 15 an Amenophis III. (1411 bis 1375) sind keine SAG.-KAL-Steine erwähnt, obwohl auch in diesen Briefen viele Juwelengeschenke genannt sind. Wahrscheinlich hat Tusratta, dem auf der Höhe seiner Macht auch Assyrien untertan war, die nordpontischen Gebiete beherrscht. Die merkwürdige Tatsache, daß im Grabe des Tutanchamon nicht nur der zur Mitgift der Tatuhepa gehörige Stahldolch mit Bergkristallknopf (Abb. 2 und 3), sondern auch aus Mitannu stammender Bernsteinschmuck lag, vermag ein Problem zu lösen, das vor allem den Ausgräber Howard Carter beschäftigt hat. Denn Tutanchamons und seines Schwiegervaters Echnatons Schädelform ist so eigen- 10 C. F. Lehmann-Haupt : Armenien einst und jetzt, IT. 2, 1031. 11 .T. A. Knudtzon : a. a. O. S. 169. 12 A. LUCAS: Ancient Egyptian materials and industries, II. Aufl. London 1934. 13 C. F. A. Schaeffer : Ugaritica. Mission de Ras Schamra, ITT, Paris 1939. 14 B. DÄMMER und O. Tietze : Die nutzbaren Mineralien. Bd. IT, Stuttgart 1914, 8.454. 15 Knudtzon : a. a. O. S. 131 bis 189. Zur ältesten Geschichte des Bernsteins. 49 artig, daß kaum ein Zweifel daran bestehen kann, daß Tutanchamon ein Sohn des Echnaton war, worauf Carter mehrfach hingewiesen hat. Da Tutanchamon kein Sohn der Königin Nofretete war, da diese nur Töchter hatte — Tutanch- amon heiratete die Kronprinzessin Meritaton, seine Stiefschwester — so war er offenbar der Sohn einer Nebenfrau. Daß diese keine beliebige war, geht daraus hervor, daß nach den erhaltenen Statuetten schon der 12jiihrige Tutanchamon den Pharaonenhelm und der 16jährige die rote Krone von Unterägypten (Abb. 4) trug. Wenn wir nun den Mitannidolch und die zahlreichen Bernsteingegenstände beachten, so ergibt sich als wahrscheinlichste Lösung, daß Tutanchamon ein Sohn des Echnaton und der Tatuhepa, also ein Enkel Amenophis III. und des iJ i Bild 5. Bernsteinschnitzerei von Ancona. 4. Jhdt. v. Clir. Sammlung Morgan. Mitannikönigs Tusratta war. Falls Tatuhepa ihren mit 19 Jahren gestorbenen Sohn überlebt hat, wird wohl sie sich dafür eingesetzt haben, daß ihm der Dolch ihres Vaters und Schmuck aus pontischem Bernstein ins Grab mitgegeben wurden. So hat das Grab des Tutanchamon nicht nur die Ägyptologie, sondern auch die Geschichte der Mineralogie, der Technik und des Handelsverkehrs im 2. Jahrtausend v. Chr. bereichert. Daß anderseits die Herkunft des Grabinventars die Familienverhältnisse im ägyptischen Königshause zu klären vermochte, ist ein mehr zufälliges, aber nicht unwichtiges Ergebnis mineralogischer und etymologischer Erwägungen. In den im Anfänge des 12. Jahrhunderts v. Chr. angelegten und von H. Schlie- mann ausgegrabenen Schachtgräbern von Mykene haben sich ebenfalls Bernsteinschmuckstücke gefunden. Auch Gräber in der Innenstadt von Babylon enthielten Bernsteinperlen bis zu 1,9 cm Durchmesser. Da am Ende der Bronzezeit (um 1200 v. Chr.) auch in Mitteleuropa nördlich der Alpen die in der Kupferzeit noch ganz sporadischen Bernsteinfunde häufiger werden, kann im 13. und 12. Jahrhundert v. Chr., als die Phönizier, wie bis 1375 v. Chr. die Kreter und vor 1180 die Achäer, ihre Fahrten in den Atlantik aufnahmen, auch Nord- und Ostseebernstein bis ans Mittelmeer gelangt sein. 50 Heinrich Quiring: Zur ältesten Geschichte des Bernsteins. Daß aber auch im 1. Jahrtausend keineswegs aller nach Yorderasien verhandelte Bernstein von der Nord- oder Ostsee kam, hat die Identifizierung der im Brustschild des jüdischen Hohenpriesters eingesetzten Edelsteine (2. Mos. 28, 17 bis 20 u. 39, 10 bis 13) ergeben. Unter diesen Steinen ist der 7. hebräisch als lesem bezeichnet. Wenn auch im neuesten Wörterbuch 16 lesem als „unbestimmbarer Edelstein“ bezeichnet ist, so spricht doch sehr vieles dafür, daß es sich um Bernstein gehandelt hat. In der Septuaginta ist lesem mit ligyrion, in der Vulgata mit ligurius übersetzt. Es liegt also nahe, diesen Stein in Ligurien zu lokalisieren. Der einzige kostbare Stein, den Ligurien im Altertum lieferte, war der nach Bombicci bei Bologna, Scanello, Castel S. Pietro, Riole de Savignano und Modena gewonnene rötlichgelbe Bernstein (Theophrast: De lap. 28. u. 53: Plinius: Hist. nat. 37, 42). Bis ins 6. Jahrhundert v. Ohr. erhandelten die Phönizier diesen Bernstein im Golf von Genua. Noch im 4. Jahrhundert v. Chr. war der ligurische Bernstein Hauptrohstoff für die hervorragende etruskische Bernsteinmanufaktur in Vetulonia. Von Yetulonia wurde der nahe Orient, später auch Hellas mit Bernsteinschmuck und -Schnitzereien beliefert. Es sei an die künstlerisch hervorragende etruskische Bernsteinschnitzerei aus Ancona der Sammlung De Morgan 17 erinnert. Auch Strabo hat angegeben, daß in Ligurien viel Lynkourion vorkomme, das auch Elektron (Bernstein) genannt werde, kleine Schnitzel anziehe und wohlriechend sei. ln den Gräbern von Hallstatt hat man fehlerfrei auf der Drehbank gedrechselte bis 2 V 2 cm dicke rote, selten gelbe, Bernsteinkugeln gefunden. Da es in Norddeutschiand damals sicher keine Drehbank gab, wird man auch diese Kugeln als etruskische Arbeit und den Bernstein als aus Ligurien stammend anzusehen haben. Die ursprünglich nach der Ähnlichkeit mit dem Sonnenglanz auf Hellgold (Rohgold) angewandte Bezeichnung Elektron 18 war seit Herodot (Hist. 3,115) auf Bernstein übertragen worden. Daß man schon sehr früh die von Aristoteles und Plinius vertretene richtige Auffasung vom pflanzlichen Ursprung des Bernsteins hatte*, läßt sich aus der Sage entnehmen, daß nach dem Sturz Phaetons, des Sohnes des Sonnengottes, dessen Schwestern in Lärchenbäume verwandelt worden seien, deren Tränen zu dem sonnenglänzenden Bernstein erhärteten. 16 L. Koehler : Lexicon in Veteris Testamenti libros. Leyden 1950, S. 487. 17 H. Gressmann : Altorientalische Bilder zum Alten Testament. 2. Aufl Berlin und Leipzig 1926. Taf. 89, Fig. 206. 18 H. Quiring: Geschichte des Goldes. Stuttgart 1948, S. 95. Johannes Mathesius und der Bergbau. Zur 450. Wiederkehr seines Geburtstages. Von Dipl.-Ing. Dr. mont. Franz Kirnbauer, Wien-Mödling. Mit 14 Abbildungen. Am 24. Juni 1954 jährte sich zum 450. Male die Wiederkehr des Geburtstages von Johannes Mathesius, des „Pfarrherrn des Bergbaus“ und Verfassers zahlreicher bergmännischer Predigten (Bild 2). Da er durch 32 Jahre, von 1532 bis 1540 und von 1541 bis zu seinem Tode im Jahre 1565, in der böhmischen Bergstadt Joachimsthal lebte, so ist seine Beziehung auch zum alten österreichischen Bergbau gegeben. Es erscheint somit berechtigt, dieses Mannes und seines Wirkens als Techniker und „Prediger-Ingenieur“ zu gedenken, zumal seine Bedeutung als Verfasser der „Sarepta oder Bergpostill“, die im Jahre 1562 erschien, weit über Österreich und Deutschland hinausreicht. Joachimsthal, die alte Bergstadt 1 , war im Jahre 1516 nach den ersten Silbererzfunden durch die Tatkraft und den Unternehmungsgeist der Grafen Schlick gegründet worden (Bild 4). Infolge reicher Ausbeute des Silbererzbergbaus fand ein so rasches Aufblühen statt, daß der Ort im Jahre 1520 bereits über 8000 Bergleute zählte. Seit 1520 hatten die Grafen Schlick auch das Münzrecht. Die dort geprägten Geldstücke trugen das böhmische Löwenwappen dieses gräflichen Geschlechts und hießen bald „Joachimsthaler“ oder „Löwenthaler“ (Bild 3). In der abgekürzten Form „Thaler“ fand diese Münzbezeichnung dann in ganz Deutschland und Österreich, später auch in Nordamerika, im Nahen Osten und in Afrika Verbreitung (Maria-Theresien-Thaler in der Levante und gegenwärtig auch in Abessinien). Aus dem „Joachimsthaler“ entstand das Wort „Dollar“, die gegenwärtige Währungseinheit der USA. und Chinas, die somit zum alten österreichischen Bergbau in Beziehung steht. Der erstaunlichen Entwicklung des Bergbaus zu Joachimsthal folgte übrigens ein schon zu Lebzeiten Johannes Mathesius’ einsetzender und später schneller verlaufender Verfall, der hauptsächlich durch die Erschöpfung der reichen Silbererzgänge in den oberen Anreicherungszonen bedingt war. Die Ausbeute wurde mit zunehmender Teufe immer geringer. In neuerer Zeit wurde Joachimsthal bekanntlich dadurch wieder 1 H. Lorenz: Bilder aus Alt-Joachimsthal. Umrisse einer Kulturgeschichte einer erzgebirgischen Bergmannsstadt im sechzehnten Jahrhundert. Joachimsthal 1925. 52 Franz Kirnbauer. weltberühmt, daß man dort die Uranerze für die Gewinnung des Radiums entdeckte und den Uranerzbergbau intensiv gestaltete. In Joachimsthal lebten etwa eineinhalb Jahre gemeinsam zwei Männer, die für die Geschichte des Bergbaus von größter Bedeutung sind, nämlich 1532 bis 1533 Agricola und Mathesius. Georg Agricola (Bild 1), 12 Jahre lang Werksarzt in .Toachimsthal, wurde im Jahre 1533 dann nach Chemnitz berufen, wo er Photo: Technisches Museum, Wien. Bild l. Georg Agricola (1494—1555). auf Grund der in der Bergstadt gewonnenen und gesammelten Erkenntnisse sein berühmtes Bergbuch „De re metallica libri XII“ oder „Zwölf Bücher vom Bergwesen“ verfaßte, dessen Erscheinen im Jahre 1556 er aber nicht mehr erlebte. Johannes Mathesius dagegen verblieb von 1532, abgesehen von der in Wittenberg verbrachten Zeit, bis an sein Lebensende in Joachimsthal und steht mit dem Bergbau durch Abfassung zahlreicher bergmännischer Predigten in Beziehung, die ein ungemein lebendiges Bild der damaligen Zeit sowie der bergbaulichen Einrichtungen und Lebensgewohnheiten der Joachimsthaler Bergleute vermitteln. Mathesius war der erste, der technische Dinge, vor allem die bergbauliche Arbeitsweise, mit Dingen des religiösen Lebens in gedankliche Verbindung brachte und so viele Worte und Redensarten bergmännischen Inhalts aus der Mitte des 16. Jahrhunderts der Gegenwart erhielt. „Wort“ und „Werkzeug" wurden in Mathesius’ Predigten, deren er jährlich ein bis zwei für die Bergleute von Joachimsthal verfaßte, zu einer unnachahmlich reinen Symbiose und Symbolik verschmolzen 2 . 2 H. Weinreich: Wort und Werkzeug in den Predigten des Johann Matthesius. Deutsches Museum — Abhandlungen und Berichte 4 (1932), H. 2, S. 31. Johannes Mathesius und der Bergbau. 53 Mathesius’ Lebenslauf. Johannes Mathesius wurde am 24. Juni 1504 in Rochlitz, Sachsen, geboren und verbrachte seine Jugend an der Lateinschule. Von 1518 bis 1521 war er Zubußeinnehmer einer sächsischen Erzgrube und ging dann auf die Wanderschaft. In Ingolstadt besuchte er die Universiät, in München war er an lOANNEX . Math lsi vs 'jp'&är: Photo: Technisches Museum, Wien. Bild 2. Johannes Mathesius (1504—1505). der kurfürstlichen Bücherei beschäftigt, hernach in Odelshausen als Erzieher. Hier und in Fürstenfeldbruck las er Schriften von Luther, die ihn veranlaßten, in Wittenberg seine Studien fortzusetzen. Im Jahre 1530 war er Schulgehilfe in Altenburg und kam endlich 1532 als Rektor der Lateinschule nach Joachimsthal in Böhmen. Hier führte er Luthers Katechismus ein. Auch kam er dadurch, daß der Geschworene Matthes Sax ihn zum Mitgewerken seiner fündigen Zechen machte, mit dem Bergbau in Berührung. Mathesius ging 1540 nach Wittenberg zurück, um seine Studien zu beendigen, und trat dort in enge freundschaftliche Beziehung zu Luther und Melanchthon 3 . Auf Luthers Tischgespräche — er gehörte in Wittenberg zu dessen Freundeskreis — gründete sich die von Mathesius verfaßte „Lebensbeschreibung I)r. Martin Luthers 3 H. Freydank: Martin Luther und der Bergbau. Eisleben 1939. 54 Franz Kirnbauer. in 17 Predigten“. Im Jahre 1541 wurde er als Prediger wieder nach Joachimsthal berufen und wirkte dort, seit 1545 als evangelischer Pfarrer, in engster Verbundenheit mit dem Bergbau für die Bergleute und Einwohner der auf- L* & 'O Photo: Kunsthistorisches Museum, Wien. Bild 3. Erster .Toachimsthaler oder Löwenthaler. blühenden Bergstadt. Er war ein treuer Freund Georg Agricolas, und in seiner berühmten Predigtsammlung „Sarepta oder Bergpostill“ wird nicht nur BPAAEJl Bild 4. Hauswappen der Grafen Schlick, Joachimsthal. unmittelbar auf die Berufsarbeit der „Männer mit Schlägel und Eisen“, sondern auch auf die Geschichte des Bergbaus eingegangen. Am 8. Okt. 1565 starb er zu Joachimsthal, als „Pfarrherr des Bergbaus“ in die deutsche Literatur- Johannes Mathesius und der Bergbau. 55 geschichte eingegangen 4 . Zu seinen Lebzeiten noch, bereits 19 Jahre vor seinem Tode, verfaßte sich Mathesius eine eigene Grabinschrift, die dann auch auf seinen Grabstein gesetzt wurde 5 . Schriften des Johannes Mathesius. Johannes Mathesius — zeitgenössisch Matthesius geschrieben — verfaßte mehrere Schriften, deren wichtigste in bezug auf den Bergbau sind: ontwalttit freien yiio CbftftlP eben 25etgleutctt?;itpbilip* pen 2fcto*jn?j* 3ut: lei* vnb troff bet Streben (Eotteem $ 5 . imot^al ♦ öScpreoiget oureb 30@ittcinberg. Photo: Nationalbibliothek, Wien. Bild 5. Titelblatt der Predigt „Von den alten freyen Christlichen Bergleuten zu Philippi“, Wittenberg 1553. 1. Von den alten freyen Christlichen Bergleuten, Wittenberg 1533 (Bild 5). 2. Sarepta oder Bergpostill, Nürnberg 1562 (Format 16X29 cm). Spätere Auflagen Nürnberg 1564, 1565, 1571, 1587, 1670 und Freiberg/Sa. 1679 (Format 16X21,5 cm). Diese „Sarepta“ enthält 16 Predigten bergmännischen Inhaltes (Bild 6). 4 W. Serlo: Männer des Bergbaus. Berlin 1937, S. 103. 5 Johann Balthasar Mattesius: Hrn. M. Johannes Matthesii.... Lebens- Beschreibung . ..., Dresden 1705. 56 Franz Kirnbauer. 3. Dazu kommt noch eine Lutherbiographie, die Mathesius ebenfalls in Form von Predigten vor seiner Berggemeinde gehalten hat und die nach seinem Tode in Wittenberg veröffentlicht wurde. Diese Biographie vermittelt eine Fülle von Einzelheiten aus dem Leben des Reformators, berichtet durch einen Mann, der sich „ohne Scheu bis an den Tod als ein Bürger der Wittenbergischen Kirche und Glied und Schüler derselben Schule“ bekannte. Besondere Beachtung verdient die 17. Predigt von „D. Luthers seligen Berghistorien und Sprüchen zu Ehren des löblichen Bergwerks in St. .Toachimsthal“. Sarepta föfat twtyn C&jomfm* 7>S^CLM GXLVIIL S3erun$/ Zu$tnt>m/<£hte * 1tftnb/^r(fftfrKd^Exemplarifnfptett in fub faffet/ tmöjttfammen ^efuc^et »ctbe» t)on €tttem MathefifdKtt ^Rcufrfomtttfit AlJohannBalthaiarMathefius, _^ top3o&mm Smttmmmw/ 1705 » Photo: Nationalbibliothek, Wien. Bild 7. Lebensbeschreibung und Nachruf (1705). 16 Predigten bergmännischen Inhaltes umfaßt, streut Johannes Mathesius nun mit vollen Händen Schätze seines Geistes über die Hörer und Leser aus. 7 In dem Namen „Sarepta“ steckt die Anspielung auf jene biblische Bergstadt Sarepta oder Zarpath am Fuße des Libanongebirges, wo nach dem Zeugnis des Buches Hiob schon in der Frühzeit des Menschengeschlechtes Bergbau umging und später jene Witwe wohnte, der nach der biblischen Erzählung das Mehl im Kasten nicht ausging und das Öl im Gefäß nicht weniger wurde. Beim Bergprediger Mathesius übernimmt sein geliebtes Joachimsthal die Rolle der alten Bergstadt Sarepta. Ebenso gern spielt er auch auf die Bergstadt Philippi in Mazedonien (nordöstlich der Strumamündung, unweit Drama) an, die seinen Zuhörern aus der Apostelgeschichte geläufig sein mußte. Der Heiland hat „mit bergkleufftigen (d. i. im Bergbau geläufigen) Worten 58 Franz Kirnbauer. Man vermag deshalb noch heute zu verstehen, daß seine Zeitgenossen an ihm „eine bewunderungswürdige und beinahe göttliche Beredsamkeit“ lobten. Dabei verfügt er über eine Fülle von berg- und hüttentechnischen Kenntnissen. Auch in der Geschichte des Bergbaus und Hüttenwesens ist er beschlagen. Das mußte bei Mathesius natürlich der Fall sein, denn seine Zuhörer waren alle Fachleute, die ihrem Prediger genau nachprüften, was er ihnen aus ihrem eigensten Gebiet mitteilte. Über die Vielseitigkeit seiner Predigten unterrichtet schon ein Blick auf die ersten Blätter der „Sarepta“, wo eine kurze Inhaltsangabe jeder einzelnen steht. Es werden nur einige Themen herausgegriffen. Es handeln z. B. die Libanon Sarepta Bild 8. Landkarte Südeuropas und des Vorderen Orients mit Darstellung (1er biblischen Bergstädte Sarepta und Philippi. 1. Predigt von der alten Bergstadt Sarepta im gelobten Land, daß das Bergwerk ein gnädiger Segen und gute Gabe Gottes ist und Bergleute in einem seligen Stande stehen (entstanden 1554); 2. Predigt von Beginn und Ausbreitung der Bergwerke, welches die ältesten Bergleute gewesen, und wie sich christliche Bergleute halten sollen (1554); 3. Predigt vom Ursprung und Abnehmen der Metalle und mineralischen Bergarten und Erzen, daß Gott der rechte Erzmacher sei, wie ein Bergmann in bergläufiger Weise schürfen und bauen und in allerlei Bergfällen und -händeln sich christlich und ehrbarlich richten und verhandeln solle (1555); 4. Predigt „Vom Golde“ (1556); 5. Predigt „Vom gültigen Silber und Agstein“ (Bernstein) (1556); 6. Predigt vom Silber und dem ganzen Prozeß vom Silberbergwerk (1556); Schlange (1557); 7. Predigt vom Kupfer und Kupferbergwerk samt Erklärung Mosis kupferner Schlange (1557); 8. Predigt von Art und Eigenschaft des Eisens, wo und wie man Eisenstein gräbt, reimet und zu Gut macht; und gleichnussen offtmals erkleret, auch hat er seine Propheten und Apostel in die Bergstedt verordnet und den Bergkleuten zu Sarepta und Philippi inen eine ewige Kirche samlen lassen“. Johannes Mathesius und der Bergbau. 59 9. Predigt vom Zwitter und Zinnstein, Wismut und Blei; 10. Predigt von allerlei Berg- und Hüttenart und Schlacken; 11. Predigt von Bergsäften, als sind Alaun, Kupferwasser, Borax, Salpeter und vom Salz zu Halle in Sachsen; 12. Predigt von Schlägel und Eisen, Berggezähe und Bergarbeit und ihren schönen und nützlichen Künsten (1559); TENOR» 1$.$— Xtaet/Sort/fc>t gt if|/J>»r^a fp*«fcc ptf 603 vMdtftkdßl § 2U# qiKcfftüxr xm fcfyx* fei rein / 3n fe#ö/ gmgmi flt% vnb ßriru (Bott fd)uff rot golbt im p«ab t$i Sur flercf/jietjluß/vnb fm gm pttyfl abam t#r erffc>xrgmAn m *1 (Pufd) gofc/rent eifen/bw# (ein rot» tttettll (Sötte gab vrtb fegen ij!/ (Pol btm bete b:aucf)t on Arge hfl tTTad)l: (ein (Eottbwnf /tätigte t^rQftit b MU Photo: Nationalbibliothek, Wien. Bild 9. Geistliches Berglied aus der „Sarepta“ (1502). 13. Predigt vom Schmelzen, ... da das geistliche Schmelzen in der Hütten Gottes, welches ist die liebe Christenheit, mit der Berghütten Arbeit verglichen wird (1560); 14. Predigt von Münz, Gewicht und Zahl; 15. Predigt vom Glas und Glasmachen (1562); 16. Predigt von den alten Bergleuten zu Philippen. Hernach folgt eine Auslegung des 33. Psalms. Bis hieher enthält (1er Wiener Kodex 318 Folioblätter oder 634 Seiten. Die letzte Seite bringt ein „Geistliches Berglied“ (Bild 9), das zweifellos Mathesius gedichtet hat. Hernach folgt eine Chronik von Joachimsthal, deren genauer Titel wie folgt lautet (Bild 10): „Chronica der Freyen Bergkstadt in S. Jochimsthal / vom XVI. Jar an / biß zu ende des LXI. Jars. Sampt einer Außlegung des CXXXIII. Psalms.“ Nach einer Vorrede an den Oberhauptmann und beiden Regimentern Kayserl. freyen Bergstadt St. Joachimsthal folgt die Auslegung des Psalms. Zahlreiche Tabellen bringen Angaben über die damals in Joachimsthal bestandenen Gruben und deren Technikgeschichte, 16. Heft. 5 HO Franz Kirnbauer. Ausbeuten (Bild 11 und 12) sowie Zusammenstellungen über die Quartalsausbeute (Bild 13). Auch ein Berggebet ist in der Sarepta enthalten (Bild 14). So weiß Mathesius in den Predigten seine Hörer immer wieder zu fesseln, indem er ihnen in ständigem Wechsel von ihrer Arbeit und ihrem Berufe Neues oder Unbekanntes erzählt und daraus dann mancherlei Nutzanwendungen zieht, die ihr seelisches Wohl betreffen. Von sich selbst und seiner Stellung unter den Bergleuten sagt er einmal: „Ein geistiger Bergmann bin und bleibe ich, ob Gott £b:omc« txr fraxtt Söcrgf* fmöt In S. godnmfJtlwl ix»m XVI.Saran/taßittCTttabce LXI.jgare. £b:omc« txr fraxtt öcrgf (Sampuiror «ufksung b<$ 3o(wnn löttKfii. CXXXIlIAJJfdBW. Jßcft ßortrt tutSa cum M- D. LXII. Photo: Nationalbibliothek, Wien. Rild 10. Titelblatt der Chronik von Joachimsthal (1502). will, so lange ich lebe, und diene dem obersten Bergherrn Jesu Christo.“ Seine sonstige Einstellung zum Bergbau und den Bergleuten deckt sich vollständig mit der seines Lehrers Luther. Als Beispiel sei das zweite Gesetz aus dem erwähnten geistlichen Berglied angeführt, das, wie gesagt, zweifellos Johannes Mathesius zum Verfasser hat, aber ebensogut von Martin Luther stammen könnte (Bild 9): „Metall Gott’s Gab’ und Segen ist. Wohl dem, der’s braucht ohn’ arge List, Macht kein’ Gott draus, hängt’s Herz nit dran, Dient Gott damit und Jedermann.“ Die „Sarepta“ ist somit ein umfangreiches, stattliches Werk, und fast jede der 16 Predigten stellte, falls sie in ihrem gedruckten Umfang gehalten wurde, durch ihre Länge an die Zuhörer keine geringen Ansprüche. Aber niemals dürfte es den Mann aus dem Volke, den einfachen Bergmann ermüdet haben, wenn die Johannes Mathesius und der Bergbau. 61 «f • 0 1 *v R Sv '.«ft a * ■* §• & ♦ H JV 1 «* • ml r * 1 & - •ft» S o i! * 3 o N O K ^ 1 1 tft I s ; VN A VN •* r» j 9 t *♦ VN ♦ i X h f? r t5 i ca i h h ^ § tat» II fl r 1 1 w i s» 1? II i s ill. 1141 Pi s |V i ’i 11 11 3 « 5 i US UsSi tr i & i 1 i t{ * 'S s{ i« |i äff ff In Id) f ff l i P i 1 1* isU -8 e !u ° 3% i’i Ü -1 a t- O J 02 H O J 111 - m aj 33 T3 X n v > £i_± §, m g * ei ff » L % I J*f I* e ! 4 S * Si| s lij-g! &!' s;s si-i s iflili »I I ** -* I trf ♦♦ p5*i 5 SI o ’S ® Silk m m fiHr ii* il&b dd21b$ilM ill $ 3 I mm m\m B B >81 138118 T"rt I » I k n ! «S Wv TT /ilm MV ykLUJwU 1 IwU -A i »<,ytlwU ix M'wlutwixUlvjlwIwm a i O) £2 03 2 -1 * 0) 0) - 4-1 Ul 3 3 03 S3 ’S 3 2 s. £.- ft < 62 Franz Kirnbauer. Sonntagspredigt während des Gottesdienstes so unmittelbar an seine Werktagsarbeit anknüpfte. In allen Predigten nämlich, die sich ihrer Entstehung und Haltung nach auf die Jahre 1553 bis 1562 verteilen, redet der Pfarrherr zu seinen Zuhörern in der ihnen verständlichen, wie er es nennt, „bergkleuftigen“ Weise. Mit großem Eifer hatte er zunächst alle in der Bibel vorkommenden und auf den Bergbau und seine verwandten Betriebe bezughabenden Stellen ausfindig gemacht und herangezogen, ja manchmal sogar etwas gewaltsam ausgedeutet. folgen M'c (Mt/fo mein t»cmi twumern gang iwsfaunOK Schabe / imruon &at>cit fte aupeticgc» km tmc folgen Jqa«r| Jcal. I * ? *71 (t I fyytig Watkidwams f ioln am Cdrcfner. 82 1 tiiiJL J Öanct 0 cba|iun gejVlfcbofft jlolrt. 774 b * 3 1£_1 0onct (Concaöö ffolrt am 0 d)Ottenball (I dm ilScSS 13541 1 i Batbata p«ilo jtoln. J0I56 l *±9\ £_J feinet Bngtrta jioln. licit |tTiana be Eontajioln. 17$?3 i 53 J 1C 1 Äeid) jioln am Dörnberg. upo if 43 lC l£>digDiey i£cf arcs floht. 890t i y 4 ? 1 E 1 Jwdff Ädibtr jtoln am SJbctbam. 153 15 y 3 15t . *t 3 ancc Eucaa jioln am tHimlberg. vyöo | E. 10anct Daniel tirjfer jioln an allen gebirgm. 4773 129 , tp./i i Photo: Nationalbibliothek, Wien. Bild 13. Quartals-Ausbeuten Joachimsthaler Gruben. Gleichnisse und Bilder, die der Welt des Bergmanns entnommen sind, kehren in der „Sarepta“ auf Schritt und Tritt wieder. An einigen Beispielen sei dies dargelegt. Da heißt es in der 6. Predigt: „Der heylige Geist vergleychet die reyne lehr einem reynen oder gefeuerten Silber.“ Oder an anderer Stelle heißt es: „Die Bergleute dürfen der besonderen Fürsorge Gottes gewiß sein. Ist er doch der rechte Erzmacher und oberste Bergkherr.“ Und wieder an anderer Stelle: „Es zeuget auch diese und andere Historien und Sprüche in der heyligen Schrifft, das Bergkwerk ein gute Gabe und gnediger Segen Gottes ist.“ Aus der Bibel ist zu entnehmen, daß der Bergmann bei seiner gefährlichen Arbeit sich stets in Gottes Hand gegeben und seinem Schutz befohlen fühlen muß. Dies kommt immer wieder in den Redewendungen, die Johannes Mathesius in der „Sarepta“ Johannes Mathesius und der Bergbau. 63 braucht, vor. Der Bergmann muß „alle stund und augenblick zum seligen Abschied gerüst seyn“. In fleißigem Gebete wird er sich zu Beginn der Arbeitsschicht immer von neuem seines Gottes versichern: „Drumb sol ein Bergkmann / wenn er einfahren wil / das Vater unser je so wenig vergessen / als seines grubenliechts und fewer gezaws.“ Und in einer späteren Predigt wird derselbe Gedanke erneut £in öScbct vmb fluff* ttcmmtg Des Äerg# Wetclfö, tfVf £mcd)f iger ewig«; (Bott/ AtmUjfbci: X>Atcr/ bee Du iSccg vrtb C^rtl/ tlufft rü gtnge fd>affe(t / tmb fte mit fcfyöiteft gcfcbtcircit/ rcrcbclcfl/ vnb lefljefl ötlb«: vttb i£tt$ wad?f Deinem willen/J£rt$ bc/ fdicten/ vnb Deinen (Seift tmb gitrtbe vnts mittaknbao wird 51t beutet; ebrevn in crMtung bemeö worte *mb teglicber tiotburfft (eliglid) gebrnud» eit/vnb vttfernt £Iel>e|f cn Cbn* lid> Damit bienen bind) 3 bc; fum C^nflum tmfertt £j£mi/ 2fmcn» Photo: Nationalbibliothek, Wien. Bild 14. Berggebet aus der „Sarepta“ (1562). eingeschärft: „Drumb wie ein rechter Bergkmann one liecht / fewerzeug und compast nicht einferet / also sol ein jeder christliche Bergkmann seinen Catechis- mum in hutzen (seiner Provianttasche) und seiner unschlittaschen (Unschlitt = Talg für Grubenlicht) mit sich füren.“ Recht drastisch wirkt, wie Mathesius die Bestrafung der Sünder im jenseitigen Leben auf „bergkleuffige Weise“ seinen Bergknappen ausmalt: „Es ist zu besorgen / daß alle die so Gottes Goldt mißbrauchen und zu sünd und schandt durchdringen / den wirdt man solch zurlassen (zerlassenes oder geschmolzenes) Goldt in der helle (Hölle) in ihren schlund giessen.“ 64 Franz Kirnbauer. Die Bergleute sind und waren von altersher ein etwas leichtsinniges Völkchen, zumal wenn sie reiche Ausbeute erzielten, verpraßten sie ihr Geld und wurden übermütig. „Sie schlemmen und demmen / bis sie das gewonnen gütlein durchbringen“, sagt Mathesius. Und insbesondere sprachen sie schon damals gern einem guten Trunk zu, denn, „sie hatten gut und gelts werd (Wert) genug und daneben ihr hofierer und jubilierer und wurden vor iren hemmern / Öfen und treibherden außgederret“. Sie trieben es bald zu bunt und durch ihr ausschweifendes Leben verschuldeten gerade die ältesten Bergleute in der Menschheitsgeschichte, wie Mathesius meint, zum großen Teil das Strafgericht der Sintflut. Nach der Sintflut, so erklärt er, ist die Fortsetzung des Bergbaus vor allem die Erbschaft der Nachkommen Japhets gewesen. Die Predigten schildern dann weiter, wie die bergmännische Kunst ihre Verbreitung vom Morgenlande nach Griechenland, Mazedonien, in das Römmerreich und von dort auch nach Ungarn, Siebenbürgen, Schlesien, Böhmen, Steiermark und Kärnten, ins Fichtelgebirge, nach Salzburg, ins Inntal, nach Spanien, Frankreich, Lothringen, in den Oberharz, ins Mansfeldische usw. fand. Alles das ist geschickt und eindringlich der Verkündigung des göttlichen Wortes auf der Kanzel eingeflochten. Neben der Schilderung der bergbaulichen Tätigkeit und der Arbeit des Hütten man nes finden sich in den Predigten der „Sarepta“ auch noch etymologische und kulturgeschichtliche Betrachtungen. Oft wird versucht, die Namen von Mineralen oder bergmännische Ausdrücke zu erklären. Auch die Lebenshaltung und Arbeit des Bergmannes werden oft beschrieben, gegen Verschwendung vorgegangen und für Sparsamkeit gesprochen, so daß Mathesius in diesem Sinn ein richtiger Volkserzieher w T ar. Gezähe, Abbauverfahren, Maschinen, Markscheiderinstrumente werden oft geschildert und in seine Rede kunstvoll einbezogen. Es ist dies die 12. Predigt der „Sarepta“, die, wie erwähnt, die Überschrift trägt „Vom schlegel und eysen / bergkzaw und arbeyt / Magneten und Markscheyden / Wasserkünsten und Wetterfüren“. Als bergmännische Tätigkeiten werden hier genannt: schürfen, reschen, Stollen, schechten, strecken, hornstetten. Bis auf die Ausdrücke reschen und hornstetten leben diese Worte in der heutigen Bergmannsprache — zum Teil allerdings nicht mehr als Tätigkeitsworte, sondern als Hauptworte — weiter. „Reschen“ heißt „Röschen ziehen“, also Wasserabzuggräben herstellen, um das Gelände oder den Berg trocken zu machen, und „hornstetten“ bedeutet so viel wie „Haspelziehen“ (Hornstatt ist der Haspelraum, noch im 18. Jahrhundert und später im Salzbergbau des Salzkammergutes auch gebräuchlich). Auch die bergmännischen Gewinnungsarbeiten werden, wie erwähnt, genau beschrieben und aufgezählt, über das Feuersetzen spricht Mathesius wie folgt: „Wo die genge fest und knawig seyn / daß kein stahel darauff hafften wil / muß man setzen / und ein fewer vors ort machen / wie Hanibal das gepirge in Hispanien mit fewer und essig.“ Ebenso finden die Einrichtungen zur Erz- und Wasserförderung, also Göpel (Roßkunst) und Tretrad seine liebende Bewunderung. „So ist der Gepel auch eine schöne kunst / da man mit rossen / berg und wasser zutag austreibet / und in einer Schicht mehr* herausfördern kann / als an zweientzig haspeln.“ Und über die Wasserhaltung heißt es: „Wo man aber stöln nicht einbringen kan / da haben wasser- Johannes Mathesius und der Bergbau. 65 künste iren preiss / wenn man wasser mit kannen hebet an der scheiben / oder mit einem rade / welches die leute tretten oder dan man mit wasser und winden die wasser über sich bringet“ über den Kompaß sagt Mathesius: „Aber ein compast ist auch Wunders und lobenswert / dient zur edlen kunst des mar- scheidens.“ Den Sinn technischer Erfindungen und technischer Maschinen hat Johannes Mathesius übrigens klar erkannt, denn er sagt darüber: „Vil hende machen leichte werck, sagt man, aber feine köpffe machen auch leichte werck, und ersparen vil unkost.“ Höchst überraschend ist eine kurze Bemerkung, die sich gegen Schluß der 12. Predigt findet. Da ist nämlich von nichts geringerem die Rede als von einer Feuermaschine, welche dem Emporheben des Grubenwassers dienen soll. Auch das Schürfen wird von Mathesius ziemlich eingehend besprochen, ebenso beschreibt er Bergmannskrankheiten oder die Gefahren, die der Gesundheit des Menschen in den Hüttenwerken drohen. „So frisst Kobelt und kisswasser den heuern hende und füsse, und der Staub und Rauch vom kobelt sterbet vil Bergk- leut und erztscheider, wie der Hütt- und Bleyrauch vil schmeltzer und abtreyber verlehmet und umbbringet.“ Zum besseren Verständnis dieser Stelle sei noch erwähnt, daß damals bei den Bergleuten alles „Kobelt“ hieß, was beim Schmelzen kein Metall ergab, nach Schwefel und Arsenik roch und andere Metalle spröde machte. Auch die Rechtsverhältnisse im Bergbau werden mehrfach herangezogen. Mit großer Sachkenntnis und eindringender Liebe beschäftigt sich Mathesius verschiedentlich mit den Bestimmungen der sogenannten Bergordnung. Seiner Sendung gemäß, die immer in leicht faßlicher und handgreiflicher Weise dem einfachen Manne das Religiös-Begriffliche an der anschaulichen Welt des Werktags erklären will, stellt er hier sozusagen einer irdischen Bergordnung eine himmlische oder christliche Bergordnung gegenüber. So lauten z. B. einige Gebote dieser christlichen Bergordnung, wie folgt: „Ir Bergleut solt glauben, das Gott lesst ertze wachsen, denn wenn Gottes geschicklein zum gange feilt, so bricht und besteht kein ertz.“ Und das letzte dieser Gebote schärft den Bergleuten folgendes ein: „Keiner bring sein nechsten um sein Recht und Kux, mit geschwinden griffen und bösen pracktiken, denn untrew trifft seinen eygenen herrn.“ Selbst die damals in Joachimsthal gültige Bergordnung ist in einer der Predigten der Sarepta enthalten. Auch von der Heilkraft der Metalle, verbunden mit Wahrem und mit manchem Aberglauben, ist die Rede. Von der herzstärkenden Kraft des Goldes heißt es z. B.: „Zum Christenthumb oder sterckung des glau- bens, kan goldt kein krafft geben, ob es wol zur ertztney des leibes dient und das hertz stercket und erfrewet im natürlichen leben, wie hievon gelerte und erfarne ertzte zu urteilen wissen.“ Die Entstehung der Erze wird auch mehrfach besprochen. Diesen Überlegungen gegenüber wußte sich Mathesius, der „Pfarrer im Thal“, der Anteilnahme der Bergleute sicher. Es waren die folgenden Fragen: Woher kommen die Metalle? Wie hat man sich ihre Entstehung zu denken? Wie steht es mit ihrer 66 Franz Kirnbauer, Veränderung und ihrer Umwandlung? Wachsen die Erze, d. h. nehmen sie zu? Können die Erze auch wieder vergehen? Die Antworten, die er auf diese Fragen zu geben weiß, entnimmt er teils den Schriften der Alten, teils dem alchimistisch-astrologischen Vorstellungskreise seiner Zeit. Aber daneben zieht er zur Begründung auch immer wieder die alltägliche Erfahrung und Beobachtung heran. So entsteht denn bei ihm eine Gesamtansicht, die neben überwiegend mystischen Zügen doch auch schon die Anfänge echter Wissenschaftlichkeit erkennen läßt. Kurz zusammengefaßt, ist Mathesius’ Lehre von den Metallen folgende: Aus ursprünglich vorhandenen Dünsten entstanden und entstehen immerfort von neuem Quecksilber- und Schwefeldämpfe, und aus diesen gehen dann allmählich die Metalle hervor. Die so entstehenden Metallerze reichern sich nun dauernd an, und die Metalle verwandeln sich fortgesetzt in edlere Arten. Dieser fortwährende Umwandlungsprozeß endet schließlich einmal mit einem Wieder vergehen der Metalle bzw. der Erze. Daß bei dem Werden der Metalle die Wirkung der Planeten eine Rolle spielt, darin gibt Mathesius auf der Kanzel den alten Bergleuten recht. Ebenso aber ist er überzeugt, daß sich darin nur wiederum die Weisheit und Allmacht des Schöpfers bekundet. „Weyl aber die alten die siben haupt metal den siben Planeten und irrenden Sternen zuschreyben, und hieltens dafür, das ein jeder Planet durch seine Krafft und Wirckung ein Metal zu verwalten hette, wie den die Alchimisten ein jedes metal mit eines Planeten Namen nennen.“ Und an anderer Stelle ist zu lesen: Summa, Gott hat an Krafft seines Wortes, metalsamen in die tiefen Abgründe der erden geworfen, darauss er natürlicher- weyse, durch der Sonne, Monden und ander Stern und Element krafft, ein ertz nach dem anderen wachsen lesset.“ Auch geologische Fragen werden, insbesondere bei der Predigt über das Kupfer, an Hand des Mansfelder Kupferschiefers behandelt, ebenso das Auftreten warmer Heilquellen, die dafür bestimmt seien, kranken Bergleuten wieder Genesung zu verschaffen. Ein Mineral, auf das Mathesius in seinen Kanzelreden immer wieder zurückkommt, ist übrigens der Bernstein, von ihm „Agtstein“ bezeichnet. Mit Agstein oder Agtstein nannte man damals seit Agricolas und Mathesius Zeiten in buntem Wechsel bald eine Art naphthaähnliches Erdpech oder Bergpech oder auch eine Art Pechkohle (Cannelkohle) und bald den Bernstein. Sogar unbegreifliche Verwechslungen mit dem Magneten kommen wegen der elektrischen Anziehungskraft des geriebenen Bernsteins vor. Die 5. Predigt ist zur Hälfte dem Silber, zur Hälfte dem Bernstein gewidmet. Dort ist immer vom „hornstein“ oder „goldfarbenen Agstein“ die Rede. Auch eine Bernsteinindustrie hat es damals gegeben, wie aus der nachfolgenden Anspielung hervorgeht: „Denn wir haben nit alleine vom Paternoster steinen hi zu reden, da man vorzeyten das Gebet anzellt, oder geschnittenen Jakobsbilder, so man aus Hispanischen schwärzten oder Preussischen Gelben agstein machet.“ Auch die Kunst der Glaserzeugung, Salzgewinnung, Metalh erarbeitung, die Papierherstellung, die Kunst des Schreibens und die Erfindung des Buchdrucks werden von Mathesius behandelt. Johannes Mathesius und der Bergbau. 67 Bedeutung der „Sarepta“. Die Bedeutung der „Sarepta oder Bergpostill“ für die Gegenwart liegt nicht darin, daß von Johannes Mathesius, dem Zug der damaligen Zeit entsprechend, bergmännische Predigten verfaßt und seinen Bergleuten in Joachimsthal im Verlauf von neun Jahren (1553 bis 1562) vorgesetzt wurden, sondern sie ist weitaus tieferliegend 8 . I >ie wenigen Exemplare der „Sarepta“, die heute noch vorliegen, beinhalten vielmehr in ihren 16 Predigten einen sehr bedeutenden kulturgeschichtlichen Querschnitt durch die Welt der Technik um die Mitte des 16. Jahrhunderts, u. zw. in einer volkstümlich-packenden Form. Jene ist deshalb so anziehend für den Techniker von heute, der sich auch etwas mit der Entwicklung seiner Wissenschaft beschäftigt, weil das damalige Denken einerseits noch ganz unter dem Einfluß der Lehren des Aristoteles und unter dem Bann mittelalterlicher Astrologie und Alchimie stand, anderseits aber doch schon einige Keime zeigte, die durch die späteren bahnbrechenden Entdeckungen eines Galilei, Kepler, Newton und Huygens im Lauf des nun folgenden Jahrhunderts zur Entfaltung kommen sollten. So vermitteln die Predigten des evangelischen Pfarrers Johannes Mathesius aus der alten böhmischen Bergstadt Joachimsthal nicht nur einen Überblick über den Stand der mittelalterlichen Technik, insbesondere des Bergbaus, sondern unterrichten auch über den damaligen Stand der Naturwissenschaften in einprägsamer Weise. Technische Erfindungen und die Arbeitsvorgänge und die Arbeit selbst, wiederum insbesondere im Erzbergbau, drangen damals noch — da der Mensch mit seiner Arbeit aufs engste verbunden war — in das Kulturbewußtsein des Volkes ein und faßten dort festen Fuß. Sie halfen mit bei der Prägung der Kultur. Dies zeigt sich insbesondere in dem nachhaltigen Einfluß der Technik, vor allem des Bergbaus, auf die Gestaltung unserer Sprache, auf das enge Bündnis zwischen Wort und Werkzeug 2 . Denn gerade der deutsche und österreichische Bergbau im ausgehenden Mittelalter, im 15. und 16. Jahrhundert, mit seinen zahlreichen technischen Neuerungen und maschinellen uifd metallurgischen Erfindungen war um diese Zeit eine sehr bedeutende sprachschöpferische und spracherhaltende Kraft, was nicht weiter zu verwundern ist, wenn man die enge Verbundenheit zwischen dem Kulturfortschritt der Menschheit einerseits und dem jeweiligen Stand der Metallgewinnung und Metallverarbeitung anderseits, also der Bergbau- und Hüttentechnik, denkt. Zu den Dokumenten, die dies nachweisen, gehören vor allem drei Bücher, nämlich: Georg Agricolas „Bergwerksbuch“ und das von unbekannter Hand, vielleicht von Ludwig Lässl, verfaßte „Schwazer Bergbuch“, beide aus dem Jahr 1556 stammend, sowie die „Sarepta oder Bergpostill“ des Johannes Mathesius aus dem Jahr 1562. Die „Sarepta“ und die Bedeutung des Joachims- thaler Bergpredigers Mathesius anläßlich der 450. Wiederkehr seines Geburtstages den Bergleuten der Gegenwart und allen an der Technikgeschichte interessierten Menschen wieder etwas näherzubringen, sollte die Aufgabe vorstehender Zeilen sein. 8 Die ältesten bergmännischen Predigten stammen von Johannes de Paeta, Celi- fodina („Himmelsgrube“), Erfurt 1503, und sind lateinisch abgefaßt. Weiters: W. Heise, Geistliches Bergwerk. Der Anschnitt 5 (1953), Heft 4/6, S. 13. Alte Eisenindustrie im Lavanttal Von Dr. Karl Dinklage. Mit 16 Abbildungen. An nutzbaren Erzschätzen birgt Kärntens Boden vor allem Eisen und Blei. Nördlich der Drau verläuft von Kremsbrücke gegen Osten über Friesach und Hüttenberg ins obere Lavanttal ein Zug von Gneis und Glimmerschiefer, der langgestreckte Urkalklager enthält, in welche mächtige Eisenerzlagerstätten eingebettet sind; Blei- und Zinkvorkommen zeichnen hingegen den parallel verlaufenden Triaszug südlich der Drau aus. Unter den Eisenerzen ragen die des Hüttenberger Erzberges durch besondere Mächtigkeit und Gutartigkeit sowie starken Eisengehalt vor allen anderen hervor 1 . Da dies schon den Alten bekannt war, hat man hier auch Bodenzeugnisse für Eisenbergbau in vorgeschichtlicher und römischer Zeit gefunden 2 . Weniger mächtig und reichhaltig sind die Eisenerzlager des oberen Lavant- tales, wo zu Loben bei St. Leonhard vorwiegend Spateisenstein in Gängen auf- tritt, während an der Wölch bei Wolfsberg reichliche Brauneisensteinlinsen an Klüfte gebunden erscheinen und zu Waldenstein und Theißenegg Eisenglanz im Kontakt von Kalk und Glimmerschiefer gefunden wird 3 . Doch reicht auch in diesem Gebiet die Eisenindustrie mindestens bis ins Frühmittelalter zurück und der Gegend von St. Leonhard entstammt die älteste urkundliche Nachricht vom Kärntner Eisenwesen. Hier tauschte Erzbischof Odalbert von Salzburg am 27. Juni 931 4 von Graf Albrich, dem Neffen Herzog Arnulfs von Bayern, einen Windofen zum Eisenerzschmelzen („flatum ferri, quod aruzi dicitur“) und ein Abbaurecht auf Eisenstein gegen Hingabe einer Salzgewinnungsstelle bei Admont ein. 1 W. Hofbauer: Bergwerksgeographie des Kaisertums Österreich, 1888, S. 26. 2 F. Seeland: Beiträge zur Geschichte des Hüttenberger Erzberges. Österr. Zeitschr. f. Berg- und Hüttenwesen, 1885, S. 312ff.; derselbe: Eine alte Grubenlampe vom Hüttenberger Erzberg. Ebenda, 1890, S. 244; F. Miltner: Lampen im Klagenfurter Landesmuseum. Jahreshefte d. Österr. Arch. Inst., XXVI, 1930, Beibl., S. 99, Nr. 110; W. Schmid: Norisches Eisen, 1932, S. 11 ff. 3 V. Paschinger: Landeskunde von Kärnten und Osttirol, 1948/49, S. 67. 4 A. v. Jaksch: Monumenta historica ducatus Carinthiae, III, 1904, Nr. 94. Karl Dinklage : Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 69 Solche Windöfen (Bild 1), die an gebirgigen, heftigen Winden stark ausgesetzten Stellen erbaut wurden, waren Schachtöfen von etwa 1,90 bis 2,20 m Höhe und 1,60 bis 1,90 m Breite, die aus Steinen aufgebaut waren und lehmverkleidete Innenwände besaßen. Am Boden befand sich eine Grube, der Sumpf, zum Ansammeln des Eisens; in einer Seitenwand diente ein Schürloch, das während des Schmelzprozesses mit Lehm verschmiert wurde, zum Aufbrechen des Schmelzgutes und zum Ausnehmen der Eisenluppe. Für die nötige Luftzufuhr '# 0 / 70 / &c/J/ocken/oc/7^-H / //70’- /7 fbrm -i Q 316 Bild 1. Kärntner Windofen. Bild 2. Stuckofen um 1700. (Nach MÜnichsdorfer.) (Aus „Stahl und Eisen“, 1929, S. 490.) waren ein oder mehrere Kanäle angebracht, in die Düsen eingesetzt wurden, um durch Verengung des Windloches den Luftzug zu regeln. Der Wind wurde dadurch aufgefangen, daß der Eingang jedes Luftkanals trichterförmig erweitert war. Wenn der natürliche Wind stark war, fachte er das Feuer an; sonst mußte man in die Düsen Blasbälge einsetzen, um so den Verbrennungsprozeß zu beschleunigen. Aus einer solchen Nachhilfe entwickelte sich der Übergang vom bloßen Zugofen zu dem mit einem Blasbalg betriebenen Windofen 5 . Die Bälge wurden von Hand oder durch tierische Kraft betrieben. An derartige Schmelzstätten auf den Höhen des oberen Lavanttales hatte man noch im 16. Jahrhundert eine Erinnerung. In einem Bericht vom 16. Oktober 1545 weist der Besitzer des Waldensteiner Eisenbergwerks Hans Ungnad Freiherr von Sonnegg auf dieselben hin und zeigt, daß sie zu seiner Zeit bereits verschollen 5 W. Schmid: A. a. O., S. 17f. 70 Karl Dinklage. waren. Deswegen erwähnt er auch nur am Rande „die alten hamersteet und plawerch, die an vil orten auf dem geburg daselbst vor menschen gedenkhen durch die furderung der menschenhendt und der phärt gearbait und gebraucht sein worden, wie dan an vil orten und nun schier unmuglich zu glauben, aber doch an den noch vorhandnen sichtigen sinterheufen ze sehen ist“ 6 . In derartigen Sinter-, das heißt Schlackenhalden, hat man noch in unserer Zeit in der Hüttenberger Gegend Reste solcher alter Windöfen auf gefunden 7 . Das Verfahren in diesen Öfen schildert der 1874 verstorbene Hüttenberger Oberbergverwalter Friedrich Münichsdorfer, dem reiches, heute zum Teil nicht mehr erhaltenes archivalisches Quellenmaterial vorlag, folgendermaßen: „In die angewärmten Windöfen wurde Kohle gegichtet, Feuer angefacht, Erze darauf geworfen, abermals Brennstoffe und Erze aufgegeben, das halb gefrittete Produkt unter erneuter Kohlengichtung mehrmals an die Oberfläche gebracht, Schlacken abgelassen und dies solange fortgesetzt, bis das wenige aus den Erzen geschmolzene Eisen, etwa 2 bis 3 Zentner, sich am Boden des Ofens in einem teigartigen Klumpen sammelte, den man nach Herausschaffung durch die Bodenöffnung von den anhaftenden Schlacken reinigte und in den Handel brachte. Eine Schmelzung dürfte 10 bis 12 Stunden gedauert haben. Nach dem Aussehen der Schlacken hat man aus den besten Hüttenberger Erzen kaum 20 bis 25°/o Eisen ausgebracht“ 8 . Im 13. Jahrhundert, einer Zeit allgemeinen Auftriebs der gewerblichen Wirtschaft, begann man in Kärnten und Steiermark die Wasserkraft für den Antrieb der Blasbälge bei den Eisenschmelzöfen nutzbar zu machen. Die dadurch bewirkte stärkere Luftzufuhr gestattete die Erzeugung größerer Eisenmaße 9 . Nach dem „Stuck“ oder „Maß“, das in diesen moderneren Öfen erzeugt wurde, nannte man dieselben Stucköfen (Bild 2). Diese hatten nach Münichsdorfer auf der Vorderseite (Brustseite) unmittelbar vom Boden herauf eine Öffnung von 2 Fuß (63,2 cm) im Quadrat, die beim Betrieb mit einem Lehmkuchen verschmiert war. Diese Öffnung diente zum Herausschaffen das Schmelzgutes; auch wurde daselbst der Wind eingeblasen. Man bohrte mit einem Holzkeil in den Lehm ein Loch und setzte die Düsen der Blasbälge an, welch letztere auf Rollen beweglich waren, um sie leicht wegnehmen zu können. In der der Brustseite gegenüberliegenden Seite war ein Spalt von 63,2 cm Höhe und 10,4 bis 15,6 cm Breite angebracht und mit Lehm verschmiert; er diente zum Ablassen der Schlacke. Die innere Ofenwand war mit Lehm ausgeschmiert oder aus feuerfesten Steinen hergestellt. Die Öfen wurden angewärmt, sodann mit Kohle gefüllt, das Blasrohr der Spitzbälge ganz am Boden des Ofens durch die oben beschriebene Öffnung in dem mit Lehm verschmierten Raume der Brustseite angesetzt, an der Gicht fortwährend Lagen von Erzen und Kohlen aufgegeben und solange ge- 6 Hofkammerarchiv Wien: Innerösterreichische Miszellen, Fasz. 149, F. 370'. 7 W. Schmid : A. a. O., S. 20ff. 8 F. Münichsdorfer: Geschichtliche Entwicklung der Roheisenproduktion in Kärnten, 1873, S. 8. 9 H. Pirchegger: Das steirische Eisenwesen bis 1564 mit einem Überblick über das Kärntner Eisen wesen, 1937, S. 14. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 71 blasen, bis Funken durch die genannte Formöffnung herauskamen; nun wurde diese Öffnung verschmiert und etwas höher eine zweite angebracht. Die Formöffnung für den Blasbalg und das Schlackenloch wurden im Laufe des Prozesses immer höher gesetzt, je höher das Eisen im Ofen stieg; das Schlackenauge wurde stets offen gehalten. Stieg das Stuck bis gegen die Höhe des Formgewölbes, so wurde der Prozeß abgebrochen und die Kohle niedergebrannt; dann wurden die Blasbälge entfernt, die Brust eingerannt und das halberstarrte Produkt, Stuck oder Maß genannt, mit Stangen und Haken herausgezogen. Ein derartiger Prozeß (lauerte 19 bis 20 Stunden. Die Stucköfen besaßen im 16. Jahrhundert eine Höhe von 2 bis 3 in und eine Kohlensackweite von 1 bis 1,5 m, nahmen aber bis ins 18. Jahrhundert auf 4 bis 5 m Höhe und etwa 2 m Kohlensackweite zu 10 . Die Eisenverschmiedung erfolgte in älterer Zeit nur mit dem Handhammer. Die Nutzbarmachung der Wasserkraft für den Hammerbetrieb kam in Kärnten erst gegen Mitte des 14. Jahrhunderts von Italien her zur Einführung * 11 . Vor 1348 erhielt Francische in dem Canol von dem bambergischen Pfleger von Wiesen- thau die Genehmigung zur Errichtung eines Wasserhammers bei Diepolds- kirchen im Kanaltal, am 24. September 1356 Abt Florimund von Arnoldstein vom bambergischen Viztum die Erlaubnis, eine Schmiede an der Gailitz unterhalb Thörl zu schlagen 12 . Um dieselbe Zeit fanden Hammerwerke mit Wasserradantrieb auch im Lavanttal Eingang, während Rennherde und Stuckhütten mit wasserbetriebenen Bälgen schon vorhanden waren, wahrscheinlich seit dem 13. Jahrhundert. Guten Einblick in diese Verhältnisse gewährt ein Vertrag, den um 1355 Wülfing der Ungnad mit einer Gesellschaft, bestehend aus Pfarrer Pernger von St. Leonhard, dem als Unternehmer sehr tätigen Villacher Bürger Niklas Herten- kes und Matthias Schreiber zu St. Leonhard abschloß und der kurz darauf nach Wülfings Tod schriftlich festgelegt wurde 13 . Die drei Gesellschafter erhielten die Hammerstatt und den Hammer unter Waldenstein an der alten Sagstatt und dazu das Recht, acht wasserbetriebene, gehende Bälge für Rennherde oder Stucköfen zur Aufstellung zu bringen, die Tag und Nacht Eisen zerrennen bzw. erzeugen sollten; für ihren Hammer, die Herde, Öfen und Arbeiterhäuser sollten sie den Hauswald nutzen dürfen. Der Abbau allen Eisenerzes auf Ungnads und seiner Leute Gut war ihnen gestattet. Die drei Gesellschafter sollten ein Eisenindustriemonopol in der Herrschaft Waldenstein haben, von dem nur die Schmelzhütte Ottos von Wolfsberg ausgenommen war. Alle anderen bestehenden Schmelzhütten sollten abgetan, keine neuen Hütten und Hämmer am selben Wasser und Wald erbaut werden. Von jedem Bund erzeugten Stangeneisens zu 16 Zentnern sollten sie 1 Gulden zinsen. Nach vier Jahren sollte statt dieses Eisenzinses vom Hammer eine jährliche Bestandsgebühr von 12 Gulden entrichtet werden. Dieser Vertrag wurde offenbar abgeschlossen, um die Eisenarbeit im Waldensteiner Graben auf eine moderne breitere Grundlage zu stellen. Aus weiteren Bemerkun- 10 F. Münichsdorfer : A. a. O., S. 8f. 11 K. Dinklage u. A. Wakolbinger: Kärntens gewerbliche Wirtschaft von der Vorzeit bis zur Gegenwart, 1953, S. llOf. 12 Landesarchiv Klagenfurt: Urkunden v. 13. 1. 1355 und 24. 9. 1356. 1:5 Landesarchiv Klagenfurt: Urkunde v. etwa 1352—1362. 72 Karl Dinklage. gen erfahren wir, daß Otto am Rindermarkt zu Wolfsberg zwei Bälge, d. h. zwei durch Wasserkraft mit Gebläsewind versehene Stucköfen in der sogenannten oberen Hütte im Waldensteiner Graben besaß. Diese Urkunde ist ein deutliches Beispiel, daß um jene Zeit, Mitte des 14. Jahrhunderts, der Wasserradantrieb für die Blasbälge der Rennherde und Stucköfen gang und gäbe war, ein durch ein Wasserrad in Tätigkeit versetzter Hammer aber erst von Wülfing Ungnad in Waldenstein an Stelle eines alten Sägewerks errichtet worden war. Das Zer rennen und Weiterverschmieden von Eisenstucken wurde aber nicht nur in unmittelbarer Nähe der Eisenerzlagerstätten wie hier im Waldensteiner Graben vorgenommen, sondern die Stucke oder Maße wurden zur Weiterverarbeitung auch auf größere Entfernungen verfrachtet. So kommt es, daß wir im 14. Jahrhundert auch von einem Herd zum Eisenzerrennen an der unteren Uavant bei Mühldorf hören, den Erzbischof Ortolf von Salzburg am 27. April 1346 von Gutta, Witwe Rudolfs von Vansdorf, und ihren Söhnen Heinrich und Purchart um 70 Florentiner Gulden zunächst pfandweise erwarb, in dem Vertrag aber bereits die Bedingungen für einen späteren vollständigen Übergang dieses Werkes an Salzburg vorsah 14 . Solche Trennung von Eisenschmelz- und Weiterverarbeitungsstätten diente einer rationelleren Verwertung der zur Verfügung stehenden Holzkohlenvorräte, die durch die Stucköfen in der Nähe der Eisenbergwerke schon weitgehend aufgezehrt wurden, so daß für die Rennherde dann zu wenig übrigblieb. Im frühen 15. Jahrhundert hatte Heinrich Püchsenmaister einen Hammer zu Waldenstein im Graben unter dem Schloß. Sein Verleger, d. h. Geldgeber, war der Wolfsberger Bürger Peter Wernher, der ihm am 21. Juli 1417 80 Pfund guter Wiener Pfennige gab, wofür er Anspruch auf die Produktion des Hammers an geschlagenem Eisen für die nächsten zwei Jahre erhielt und zur Sicherheit den Hammer verpfändet bekam 15 . Im Fraßgraben bei St. Gertraud errichtete anfangs der dreißiger Jahre des 15. Jahrhunderts Bertl Hammersmid auf einer öde, wo ehemals eine Mühle gestanden war, einen Eisenhammer und ließ sich damit am 2. Juni 1432 von Bischof Anton von Bamberg belehnen 16 . Das Hochstift Bamberg war bereits seit einer Schenkung Kaiser Heinrichs II. vom Jahre 1007 Besitzer großer Teile des Uavanttales. Noch in einer Urkunde vom 22. April 1467 findet des Berthel in der Frays Hammer Erwähnung. Am 6. Oktober 1480 wurde dann Christoph Ungnad Herr von Sonnegg mit dem „Hammer in der Frayß, den etwann der Bertl daselbst neu aufgebaut hat“, von Bischof Philipp von Bamberg belehnt 17 . Aus einem Bericht der Wolfsberger Stadtverwaltung vom 14. April 1545 geht hervor, daß damals Hans Ungnad den Fraßgrabenhammer öd liegen ließ; doch war er beim Ankauf der Herrschaft Waldenstein durch den Bischof von Bamberg 1638 wieder in Betrieb 18 . Die alte Hammerschmiede hat sich beim Fraßwirt bis heute erhalten. Nur wird der Hammer seit Errichtung des Fraßgraben- 14 Archiv für vaterländische Geschichte und Topographie, 9, 1864, 8. 37, Nr. 877; Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien: Salzburger Kammerbücher, 2. 15 Landesarchiv Klagenfurt: Urkunde v. 21. 7. 1417. 16 Staatsarchiv Bamberg: Standbuch 2901. 17 Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien: Österr. Akten, Kärnten, Fasz. 19, F. 138. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 73 kraftwerkes im Jahre 1922 nicht mehr durch Wasserkraft, sondern mit elektrischer Energie betrieben. Eine Beschreibung der bambergischen Besitzungen in Kärnten von 1437 erwähnt außerdem bei St. Leonhard zwei Eisenhämmer, die je 3 Schilling zinsten 19 . Eine ganze Reihe Nachrichten zeugen von einer Intensivierung des bambergischen Eisenbergbaues im oberen Lavanttal um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Dabei waren wieder Unternehmergesellschaften am Werke. Zu ihnen zählten die obersten Beamten des Bischofs von Bamberg wie reiche Bürger, die sowohl als Verleger die Geldbevorschussung des Bergbaues betrieben als auch den Vertrieb des Eisens übernahmen und daran verdienten. So erhielten am 9. März 1448 der bambergische Viztum zu Wolfsberg Ulrich Truchsess, der Hauptmann Ritter Veit von Rotenhan, der Reichenfelser Pfleger Matheis Harrer sowie Wilhelm Schreltz, der als Unternehmer bekannte St.-Veiter Bürger Niklas Gleissenmulner und Linhart Merer gleiche Anteile an zwei Fundgruben Eisenerz am Schober in der Herrschaft Reichenfels, Jorst Kariup nur einen Anteil an der zweiten Grube. Am 11. Jänner 1448 verlieh der Bischof dem Unternehmer Achaz am Rayn und seinen Werksgenossen eine Fundgrube am Wagram bei St. Leonhard. Ähnlich war es in der Gegend von St. Gertraud. Am 29. September 1452 wurde Meister Niklas erlaubt, ein Bergwerk am Limberg auf dem Anwesen des Messer, dessen Name wohl von den Eisenmaßen herrührte, nach Kärntner Bergwerksrecht aufzuschlagen. Am 3. Juli 1458 erhielten schließlich Jobst Mosheymer, Hans Sittich, Conrad Kröglstein und Hans Hammersmid auf ein Jahr die Erlaubnis, ein Bergwerk im Preßenig, d. h. im Pressinggraben bei St. Gertraud, zu eröffnen und Erz zu suchen. Auch über die für diese Eisenindustrie nötigen Kohlen erfahren wir etwas aus dem Lehenbuch Bischof Antons. Am 22. Jänner 1452 verkaufte der Woifsberger Viztum Johann Stubner dem Wilhelm am Graben ein Holz am Schneeberg auf 15 Jahre zur Abstockung um 9 Pfund Pfennige und einen Zentner Eisen. Gleichzeitig erlaubte er Hans Korkling die Ausübung des Kohlenfuhrgeschäftes in den Forst für ein Jahr mit 2 Pferden gegen Entrichtung von 6 Schilling Pfennig pro Pferd. Am 14. Februar 1454 erhielt Linhart Koler ein Holz bei St. Leonhard um 5 Pfund 6 Schilling mit 8jährigem Abstockungsrecht. Mit der Beaufsichtigung der ganzen Bergbaue wurde der am 9. Oktober 1455 bestellte Bergmeister Wolfgang Terenberger betraut 20 . Aus diesen Nachrichten ersieht man, daß die Eisenindustrie im 15. Jahrhundert in den auch später betriebenen Bergbaugebieten von Waldenstein, St. Leonhard und St. Gertraud in guter Entwicklung war. Durch das 16. Jahrhundert erhielt sich jedoch nur der Eisenbergbau zu Waldenstein. Dies dürfte damit Zusammenhängen, daß König Maximilian durch Verordnungen vom 10. und 25. Jänner 1507 zugunsten der steirischen Eisenindustrie 18 Hofkammerarchiv Wien: Innerösterr. Miszellen, Fasz. 149, F. 387; Landesarchiv Klagenfurt: Wolfsberg-Gewerke, Fasz. XCI; H. Wiessner: Geschichte des Kärntner Bergbaues, III, Kärntner Eisen, 1953, S. 279. 19 W. Fresacher: Die Erträgnisse der bambergischen Besitzungen in Kärnten um 1437: Carinthia I, 131, 1941, S. 397; Landesarchiv Klagenfurt : Ständische Handschr. 1022 . 20 Staatsarchiv Bamberg: Standbuch 2901. 74 Karl Dinklage. von Vordernberg und Eisenerz die Einstellung aller anderen Eisenbergbaue in Steiermark und Kärnten, mit Ausnahme derer von Hüttenberg und Waldenstein und mit kleinen Vergünstigungen für die unbedeutenden Eisenwerke der Klöster St. Lamprecht, Admont und Klosterneuburg, verfügte 21 . Wie nachhaltig dieses Verbot wirkte, ersieht man auch aus der Tatsache, daß selbst der bedeutende Eisenbergbau in der Krems bei Gmünd in Oberkärnten in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts gänzlich darniederlag und erst nach dem Regierungsantritt König Ferdinands im Jahre 1538 neu auf genommen wurde 22 . Die Ausnahmebestimmung Königs Maximilians zugunsten des Waldensteiner Eisenbergbaues und die Tatkraft und Unternehmungslust des seit 1488 in Wolfsberg nachweisbaren 23 Kaufmanns Martin Freidl führte im frühen 16. Jahrhundert zur Ausbildung einer nicht unbedeutenden eisenverarbeitenden Industrie im Wolfsberger Raum. Wie weit diese noch ins 15. Jahrhundert zurückreicht, ist nicht auszumachen. Das Urbar der bambergischen Besitzungen in Kärnten vom Jahre 1437 kennt nur ein Sägewerk an der Reding hei Wolfsberg, aber noch keinen Hammer in der dortigen Gegend 24 . Eine nicht näher datierte Wolfsberger Hofkastenamtsrechnung des frühen 16. Jahrhunderts 25 stellt eine Übersicht dessen dar, was zu Martin Freidls Zeiten vorhanden und geschaffen war. Mert Kramer, wie Martin Freidl hier heißt 26 , hatte einen Eisenziehhammer am Priel zu Wolfsberg an der Stelle des heutigen Sensenwerkes J. M. Offner, der mit vier Wasserrädern versehen war. An der Schleifen bei St. Jakob nächst Wolfsberg, wo noch his 1924 die Wagenfedern- und Achsenfabrik Linhart in Betrieb war, befand sich ein Drahtziehhammer, der um 1500 um ein Wasserrad vermehrt worden war. Hingegen hatte den Hammer an der Groglitz an der Stelle des heutigen Sensen- und Gabelwerkes Johann Offner zu Schwemmt ratten das Wasser „zerrissen und hinweggetragen“, so daß im fraglichen Jahr kein Zins in den Wolfsberger Kasten floß. Zwei Hammerwerke zu Pollheini waren eben erst errichtet worden. Gegen 1525, nicht lange vor seinem Tode, erbaute Martin Freidl oberhalb Wolfsberg noch das Hammerwerk Frantschach, das später zu großer Bedeutung heranwuchs und 1881 einer der heute hervorragendsten Kraftzellstofffabriken Europas seinen Platz einräumte. In einem Vertrag vom 8. Juni 1528 über den Nachlaß Martin Freidls wird es „der new hamer an dem Zelach“ genannt. Neben der Bezeichnung Hammer am Zellach bürgerte sich der Name Frantschachhammer ein 27 . 21 Hofkammerarchiv Wien: Innerösterr. Miszellen, Fasz. 149, F. 253, 302. 22 K. Dinklage u. A. Wakolbinger: A. a. O., S. 155; H. Wiessner: A. a. O., S. 147. 23 Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien: Urkunde v. 13. 10. 1488; K. Dinklage: Vom Eisenwerk zur Kraftpapier-Fabrik, Geschichte des Industriewerkes Frantschach, 1954, S. 10. 24 W. Fresacher: A. a. O., Carinthia, 1941, S. 398. 25 Landesarchiv Klagenfurt: Herrsch. Bamberg, Fasz. LXI, Nr. 255. 26 So auch in Urkunde v. 2. 1. 1497: Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien; K. Dinklage : Frantschach, a. a. O., S. 10. 27 K. Dinklage: Frantschach, a. a. O., S. 11. Die Identität beider Bezeichnungen zeigt namentlich ein Vergleich des Wolfsberger Stadturbars v. 1674 (Stadtarchiv Wolfsberg: A 65), das zum „Hammer am Zellach“ einen Hinweis auf das Stadtrats- Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 75 Haupterzeugnis dieser Hämmer um Wolfsberg waren Draht und Nägel. Das geht auch aus einer Eingabe der Wolfsberger Bürger an den Bischof von Bamberg vom Jahre 1535 hervor, wo diese sich um Beseitigung von Handelsschranken für den Vertrieb der genannten Erzeugnisse nach Norden sowohl wie ins Untersteirische bemühten 28 , ebenso aus einer Eingabe Martin Freidls d. J. vom 18. April 1545, in welcher er betont, von seinen Eltern Draht- und Nagelschmiedwerke geerbt zu haben 29 . Der Hammer zu Frantschach war ein sogenannter .«jttjpf/j Kild 3. Zainhammer. (Aus J. Zeitlinger, „Sensen, Sensenschmiede und ihre Technik“, Jahrbuch des Vereins für Landeskunde und Heimatpflege im Gau Oberdonau, 91, 1944, S. 71, Abb. 490.) welscher Hammer, wie ihn auch eine Verkaufsurkunde vom 4. Jänner 1613 bezeichnet 30 . Dazu hatte Martin Freidl d. J. einen kleinen Bläh- oder Stuckofen in Frantschach erbaut, der ihn in die Lage versetzte, Eisenerz sowie Hammersinter zu verhütten. Doch verarbeitete er im allgemeinen die von Waldenstein bezogenen Stucke. Sie wurden unter dem Welschhammer (Wallaschhammer) in drei bis vier Stücke zerschrotet, im Löschherd ausgeheizt und direkt zu verschiedenen Grobwaren, im vorliegenden Falle vorwiegend zu Wallascheisen, ausgeschmiedet. Neben solchen Drahtwallaschen, d. h. dicken, verhältnismäßig kurzen, kolbenförmigen Rundeisen, fabrizierte ein Welschhammer noch Blechflammen, Büchsenprotokoll v. 7. 12. 1738 (Stadtarchiv Wolfsberg: A 14) enthält, wo derselbe Hammer ,,Frantschachhammer‘ ‘ genannt wird. 28 Landesarchiv Klagenfurt: Herrsch. Bamberg, Fasz. LXIII, Nr. 259, F. 80. 29 Hofkammerarchiv Wien: Innerösterr. Miszellen, Fasz. 149. 30 Landesarchiv Klagenfurt: Urkunde v. 4. 1. 1613; K. Dinklage: Frantschach, a. a. O., Bild 1. Technikgeschichte, 16. Heft. 6 76 Karl Dinklage. und Pfanneneisen, die ihre Weiterverarbeitung in Blech-, Büchsen- und Pfannenhämmern erfuhren. Zur Herstellung von Draht und Nägeln mußte man die Wallascheisen noch zu I »rahtzainen und Nagelprügeln strecken, was seit dem 16. Jahrhundert in schnelllaufenden Zainhämmern (Bild 3) geschah. Martin Freidl d. J. verfügte 1545 noch nicht über einen eigenen Zainhammer in Frantschach und mußte daher die Wallascheisen unter dem Schmiedhammer Überzainen, wie er sagte. Draht wurde aus den von Wallascheisen bereiteten Drahtzainen hergestellt, indem diese unter Mithilfe der Wasserkraft durch ein Zieheisen gezogen wurden. Es konnten mit der Zange bei jedem Ruck etwa 20 bis 25 cm gezogen werden. Dies wiederholte man so lange, bis man Drahtlängen von 10 bis 15 m erreicht hatte. Die Drahtzieher saßen auf Schaukeln mit Wasserradantrieb. Zur Anfertigung der Nägel war gutes Eisen erforderlich, das sich anspitzen ließ. Eisenstangen wurden in einem Schmiedefeuer erhitzt, das mitten in der Werkstatt stand, damit mehrere Schmiede bequem daran arbeiten konnten. Das Ende der Stange wurde jeweils auf dem Amboß zugespitzt und auf dem im Amboßstock befestigten Blockmeißel abgehauen. Dann steckte man die abgehauene Spitze in eines der im Amboß angebrachten Löcher und schmiedete den Nagelkopf aus. Bei kleineren Nägeln diente zum Ausschmieden der Köpfe wohl auch ein besonderes Nageleisen, das im Amboßstock befestigt war 31 . Unter Hans Ungnad Freiherrn von Sonnegg, der König Ferdinands oberster Feldhauptmann in den niederösterreichischen, windischen und kroatischen Landen sowie steirischer Landeshauptmann war, erfuhr die Waldensteiner Eisenindustrie erheblichen Aufschwung. Bürgermeister und Rat zu Wolfsberg berichten unter dem 14. April 1545, daß er einen neuen Hammer zum Eisenschmieden und eine neue Werkgaden zum Drahtziehen in Waldenstein erbaut, ebenso auf der Pack ein neues Eisenberg- und Hammerwerk errichtet habe. Hans Ungnad weist selbst in einem Bericht vom 16. Oktober 1545 darauf hin, wie rationell er seine neuen Hämmer, Blähhäuser und Werkgaden eingerichtet und konzentriert habe, nachdem an alten Blähöfen und Hämmern allein im Waldensteiner Graben in die dreizehn stünden. Hans Ungnad wurde von König Ferdinand auch mit einer Reihe von Eisenausfuhrprivilegien nach Untersteiermark und Ungarn (7. Mai 1543) sowie nach Graz (17. November 1543), ebenso mit einem solchen für Draht, Nägel und Hufeisen nach Norden ins Salzburgisehe (8. März 1541) ausgestattet. Am 5. August 1551 fügte König Ferdinand diesen Verleihungen ein besonders wichtiges Privileg hinzu, indem er Hans Ungnad das Recht erteilte, zu Waldenstein ein oder mehrere Hammerwerke aufzurichten und dort die Verzinnung dünnen Schwarzblechs durchzuführen. Auf diese Industrie sollte der Freiherr für die nächsten 20 Jahre das Monopol in den gesamten niederösterreichischen Landen haben. König Ferdinand schuf sich mit diesem Privileg außerdem einen guten Abnehmer für sein Schlackenwalder Zinn, dem er durch ein Einfuhrverbot für ausländisches Zinn im Oktober 1550 bereits Auftrieb zu geben versucht hatte. Hans Ungnad erhielt auch volle Handelsfreiheit für seine verzinnten Bleche. Dieselben wurden namentlich zur Dachdeckung verwendet. Für die Einführung 31 O. Johannsen: Geschichte des Eisens, 1953, S. 171, 173. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. dieses neuen Produktionszweiges zog Hans Ungnad auch Arbeiter und Hammerschmiede aus der Oberpfalz und vom Schneeberg im Fichtelgebirge herbei. Freilich hatte er mit der Konkurrenz des Yordernberger und Eisenerzer Eisenbergbaues schwer zu kämpfen. Zugunsten dieses sogenannten leobnischen Eisens wurde durch Erlaß König Ferdinands vom 4. Juli 1552 die Ausfuhr der Waldensteiner Kleineisenwaren und des oberkärtnerischen Eisens der Krems ins Salzburgische und ins Reich verboten, am 29. Juli des gleichen Jahres auch die Waldensteiner Eisenausfuhr nach Graz gestoppt. Nur mit den Dachblechen konnte Hans Fngnad überallhin handeln. Dabei war aber Waldenstein weitgehend auf Ausfuhrmöglichkeiten nach Norden und Osten angewiesen, weil es sich auf dem Italienweg gegenüber dem Hüttenberger Eisen hinsichtlich Entfernung und Qualität im Nachteil befand. Lediglich zur Draht- und Nägelerzeugung eignete sich das Waldensteiner Eisen gut, sagten damals die Sachverständigen 32 . Als der Gold- und Silberbergbau, der namentlich von den dreißiger bis in die siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts im oberen Lavanttal blühte und gute Erträgnisse abwarf, allmählich an Ergiebigkeit zurückging, begann sich auch der Bischof von Bamberg, der Herr dieses Gebietes, selbst für den Eisenbergbau zu interessieren. Ihm ist die Ingangbringung des Eisenerzabbaues an der Wölch bei St. Gertraud westlich der Lavant zu verdanken. 1576 ließ er Erkundigungen wegen des Eisenerzes in der Wölch einziehen und Viztum Georg von Wichsenstein schrieb ihm am 26. Mai des genannten Jahres: „Das Eyssenpergwerch in der Weichau belangent soll Euer Fürstlichen Gnaden mit ehister Gelegenheit nach Einziehung nottwendiger Erkhundigung Bericht zugefertigt werden.“ Ein Hütten- und Bergwerksregister von 1579 enthält bereits „Aüßgab auf das new Eyssenpergk- werck an der Welch im Lavnthal“. Im Pressinggraben bei der dort um 1530 errichteten Fronschmelzhütte, wo der Bischof bisher die ihm gebührenden Fronabgaben der Lavanttaler Gold- und Silberbergbaue hatte verschmelzen lassen, •wurde nahe dem Hofbauernanwesen nun ein Stuckofen samt Eisenhammerwerk aufgerichtet. Auch am Loben bei St. Leonhard begann man im Jahre 1597 mit Schürfungen nach Eisenerz 33 . Doch führten diese Unternehmungen zunächst noch nicht zu hinreichenden Erfolgen. Vielmehr verkaufte der Bischof von Bamberg beide Eisensteinbergbaue samt Hütten- und Hammerwerken zu Anfang des 17. Jahrhunderts dem steirischen Landesviztum Alran von Mosheim mit der Auflage, dieselben in Gang zu bringen. Dies tat der Käufer aber nur mit dem Bergbau bei St. Leonhard und hinterließ bei seinem Tode 1617 lediglich eine große Schuldenlast; selbst seinen Knappen, Blähhausleuten, Erzführern und Köhlern war er 1000 Gulden Lohn rückständig geblieben. Am 24. September 1618 kam nun der Kärntner Münzmeister Melchior Putz von Kirchheimegg in den Besitz dieser Eisenwerke und brachte auch den Bergbau an der Wölch sowie das Hütten- und Hammerwerk im Pressinggraben 32 Hofkammerarchiv Wien: Innerösterr. Miszellen, Fasz. 149; Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien: Urkunde v. 5. 8. 1551. 33 K. Dinklage: Frantschach, a. a. O., S. 36f.; Landesarchiv Klagenfurt: Herrsch. Bamberg, Fasz. XII, Nr. 50; XXVI, Nr. 102, F. 341; LXI, Nr. 255; XXVIII, Nr. 107. 6 * 78 Karl Dinklage. wieder in Gang 34 . Ans der bambergisehen Lehensurkunde über diese Werke vom 17. August 1622 35 für Melchior Putz ersieht man, daß die Anlagen im Pressinggraben aus einem Bläh- oder Stuckofen, einem großen welschen Hammer, der zur Erzeugung des Wallascheisens diente, und einem kleinen Hammer bestanden, der jedenfalls ein schnellaufender Zain- oder Streckhammer war. Die Werke zu St. Leonhard und im Pressinggraben samt den zugehörigen Bergbauen veräußerte Melchior Putz am 1. Mai 1622, bzw. 5. April 1623 weiter. St. Leonhard wurde nach nochmaligem Besitzwechsel am 24. April 1633 durch den Bischof von Bamberg selbst übernommen; Pressing kam an den Wolfsberger Bürger und Kaufmann Georg Melrer und nach dessen baldigem Tode an dessen Sohn Gottfried. Melrer befand sich bereits seit dem Jahre 160 6 36 im Besitz des unweit Pressing gelegenen Hammerwerks Frantschach und hätte nun nach dem Ankauf des Bergwerkes an der Wölch und des Hüttenwerkes im Pressinggraben aus diesen Liegenschaften eine hübsche Eisenindustrie aufbauen können, wenn seine Mittel dazu hingereicht hätten. So aber mußte er sich bald wieder entschließen, Pressing und Wölch abzugeben. Nach einem Zwischenspiel gelangten diese Realitäten am 14. Juli 1633 in den Besitz des unternehmungslustigen bambergisehen Hofkastners in Wolfsberg, Hans Sigmund Otto und des Wolfsberger Ratsherren und Kaufmannes Sebastian Fries 37 . Otto, der später der Ahnherr der Freiherren von Ottenfels wurde, hatte von mütterlicher Seite aus der Sippe der Oberstbergmeister Singer von Steinfeld eine starke Begabung für den Bergbau und die Montanindustrie geerbt. 1637 konnte er sich bereits dem Kaiser gegenüber rühmen, in den letzten sieben Jahren sieben neue Werkgaden, wie Zain-, Nagel-, Draht- und Streckhämmer, sowie im Pressinggraben einen neuen Stuckofen erbaut zu haben. An dem Nagelhammer, den er beim Prielhammer zu Wolfsberg erbaut hatte, fanden 72 Arbeiter Beschäftigung, an einer zweiten Nagelschmiede an der Schleifen unter St. Jakob 24. Vom Hammerwerk im Pressinggraben und Bergwerk an der Wölch kaufte Otto dem Fries seinen halben Anteil wieder ab und verlegte sich dann besonders auf die Förderung des Bergbaues. Dabei hatte er großen Erfolg, indem er 1636 Hoffnungsbaue bei alten Zechen vortrug, die 200 bis 300 Jahre früher für den Gold- und Silberbergbau angelegt, aber wegen des statt dessen angetroffenen dicken und festen Eisenganges verlassen worden waren. Da stieß Otto auf Eisenerze, mit denen nach seinen Angaben drei oder vier Stucköfen auf 100 und mehr Jahre mit genügend Material versehen werden konnten. Es gelang ihm, für diesen Glücksbau den Bischof Franz von Bamberg persönlich zu interessieren und durch Vertrag vom 24. April 1637 zum halben Teilhaber zu gewinnen. Das Hochstift erklärte sich auch bereit, zur schnelleren und rationelleren Verwertung der großen Welcher Bergschätze einen neuen Blähofen und Hammer bei Sankt 34 Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien: Urkunde v. 24. 9. 1618. 35 Landesarchiv Klagenfurt: Herrsch. Bamberg, Fasz. XXVIII. Nr. 118, F. 51. 36 Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien: Urkunden v. 1. 5. 1622, 4. 5. 1623, 24. 4. 1633, 29. 3. 1626 u. 7. 6. 1627; Stadtarchiv Wolfsberg: A 1, F. 53, 58; K. Dinklage: Frantschach, a. a. O., S. 24, 38 ff. 37 Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien: Handschr. 369, F. 223'. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 79 Stefan auf eigene Kosten zu erbauen, ebenso die Geldmittel für die Erzeugung eines größeren Vorrates an Kohle und Erz vorzustrecken 38 . Seit Ottos Entdeckung bildete der Bergbau an der Wölch, wo Otto 3 neue Stollen anlegte, einen sehr ergiebigen Abbauplatz für Brauneisenstein. Er hat dort auch das Rösten der Erze in vier Röstöfen, die er neu erbaute, eingeführt. Dasselbe geschah zur Auflockerung der Erze für die darauffolgende Zerkleinerung im Pochwerk, förderte die Oxydation und diente zur Reinigung des Erzes von Schwefel und anderen Beimengungen. Bei Sankt Stefan erbaute Otto an Stelle des anfangs von ihm errichteten Stuckofens im Jahre 1638 auch den ersten Floßofen des Lavanttales und brachte damit den kontinuierlichen Schmelz- und Verhüttungsprozeß hier zur Einführung, der in Kärnten zuerst 1541 in Kremsbrücke nach deutschem Vorbild geübt worden war und später über die Urtl bei Guttaring seinen Einzug in den Hüttenberger Raum genommen hatte 39 . Eine besondere Gunst lag bei den Floßöfen (Bild 4) vor allem darin, daß infolge der Durch- läufigkeit das Schmelzprozesses nicht jeweils neuerlich eingeheizt werden brauchte wie bei den Stucköfen, die man immer erkalten lassen mußte, ehe man das Stuck oder Maß herausnehmen konnte. Die Floßöfen standen Tag und Nacht im Schmelzbetrieb und es wurde während 24 Stunden 12- bis 16mal abgestochen. Die Erzausbeute war bei den Floßöfen deswegen größer, weil bei den hier herrschenden höheren Temperaturen das Eisenerz völliger aufgeschlossen wurde. In den Stucköfen kam es ja gar nicht zu einem eigentlichen Schmelzprozeß, sondern das Eisen gelangte lediglich bei seiner Ausfüllung aus den Erzen vermöge der Verbindung des Kohlenstoffes der Holzkohle mit dem Sauerstoff der Erze in einen teigigen Zustand. Nur ein geringer Teil wurde verflüssigt und als sogenanntes Graglach gewonnen. Daß man in der ersten Hälfte des 16. .Jahrhunderts die Möglichkeit erkannt hatte, diesas Graglach zu ver- frischen und so zu nützen, bildete einen Ausgangspunkt für die Einführung des Floßofenbetriebes. Die Verwendung der Floßöfen war auch sehr kohlesparend und erhöhte damit die Rentabilität der Unternehmungen. In den Stucköfen gewann man nach einer Berechnung des 18. Jahrhunderts einen Meiler = 10 Zentner Eisen •fau/rmai/er'werA' Hil(l 4. Floßofen um 1770. (Aus „Stahl und Eisen“, 1929, S. 493.) 38 Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien: Urkunde v. 24. 4. 1637. 39 K. Dinklage u. A. Wakolbinger: A. a. O., S. 151 f. 40 Gräflich Henckel v. Donnersmarcksches Archiv Reideben bei Wolfsberg: Aktenbestand „Bergwerke und Gewerken“, Rechnung des Pressinger Verwesers Hans Herrschi v. 1637; F. MÜnichsdorfer: a. a. O., S. 19. 80 Karl Dinklage. aus 39 Zentnern Erz unter Verwendung von 34 Schaff = 480 Kubikfuß Kohle, in den Floßöfen dagegen aus nur 33 Zentnern Erz, das hier besser ausgewertet wurde, bei Verwendung von nur 25 Schaff = 356 Kubikfuß Kohle. Durch die Erfolge Ottos beim Eisenbergbau an der Wölch stieg dort die Förderung sprunghaft. Hatte man von Georgi bis Michaelis 1630, d. h. in einem halben Jahr, dort ganze 100 Zentner Eisenerz gefördert, so wurden 1637 bei den Gruben Dreifaltigkeit und Barbara nicht weniger als 9293 Zentner Erz zu Tage gebracht 40 . Neben dem Floßofen erbaute Otto in St. Stefan auch einen Brescian- liammer, der verschiedene in Italien verlangte Flach- und Rundeisengattungen, wie Righa, Tondini, Ottangoli, Lama und Quadri, erzeugte 41 . Doch stürzte sich Otto durch seine großen Unternehmungen in Schulden, die sowohl zum Verlust des Werkes im Pressinggraben wie desjenigen zu St. Stefan führten. Pressing kam samt dem Bergbau Wölch zunächst an Ottos ehemaligen Kompagnon Fries und am 11. Oktober 1640 schließlich an den Bischof von Bamberg. Otto erhielt als gewisse Entschädigung 1641 von Bamberg die Genehmigung, einen Floßofen am Ragglbach bei St. Paul zu errichten, geriet aber auch mit diesem in immer größere Schulden. Nachdem der Ofen in Gläubigerhände übergegangen war, kam er in den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts zur Einstellung 42 . Den Hochofen zu St. Stefan aber versetzte der bambergische Viztum in Wolfsberg Rudolf’ von Stadion 1639 von da nach Waldenstein, dessen Werke und Bergbaue der Bischof 1638 an sich gebracht hatte 43 . Auf diese Weise befanden sich sämtliche Eisensteinbergbaue des Lavanttales von 1640 an im Eigenregiebetrieb des Bamberger Bischofs und bildeten so einen großen zusammenhängenden Industriekomplex, zu welchem 1722 auch das Hammerwerk Frantschach trat, das 1653 aus dem MELBERSchen Nachlasse an die Wolfsberger Kaufmannsfamilie Nunhardt gekommen war und nach dem Konkurse Franz Nunhardts (1721) vom Hochstift Bamberg als Lehensherrschaft heimgezogen wurde 44 . Waldenstein wurde freilich 1672 wieder abgegeben. Als der Bamberger Bischof am 20. September 1638 von der Landgräfin Margarete Elisabeth von Hessen die Herrschaft Waldenstein erwarb, die sie von ihrer Mutter, Gräfin Anna zu Leiningen, einer geborenen Ungnad, geerbt hatte, umfaßte das dortige Eisenwerk ein Blähhaus unter dem Schloß mit einem Stuckofen, einem Pocher und zwei Röstöfen sowie einem Zainhammer und eine Brettersäge, ferner das sogenannte hintere Blähhaus oberhalb Waldenstein mit zwei Stucköfen, die im Wechsel betrieben wurden, so daß der eine in Funktion war, während der andere erkaltete, einem Pocher und drei Röstöfen, dazu das Hammerwerk im Fraßgraben samt einem Sinterofen. Viztum Rudolf von Stadion, der den Floßofen Hans Sigmund Ottos nach Waldenstein versetzte, errichtete 41 Staatsarchiv Bamberg: Kärntner Litteralien B 31a, Verz. III, Nr. 12, F. 11; Hammer-, Nagelschmied- u. Drahtordnung in dem Herzogtum Kärnten v. 24. 4. 1759, S. 15. 42 Landesarchiv Klagenfurt: Herrsch. Bamberg, Fasz. XXVIII, Nr. 118. 43 Gräflich Henckel v. Donnersmarcksches Archiv Reideben: Aktenbestand „Bergwerke und Gewerken“. 44 K. Dinklage: Frantschach, a. a. O., S. 29, 31 ff. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 81 dort auch am „Umlaß“ einen Stuckofen und einen Hammer nebst zwei Heizöfen und einem Pocher, wo Eßeisen für den Ansatz der Blasbälge bei den Stuck- und Floßöfen erzeugt wurden. Er berichtet von einer neu erschlossenen Grube, die jährlich rund 1000 Meiler (560 t) Erz lieferte 45 . In dem 1639 von St. Stefan nach Waldenstein übersetzten Floßofen wurden auch in erheblichem Maße Erze von der Wölch bei St. Gertraud verhüttet und l>eispielsweise im Jahre 1654 aus solchen 116 Flößen im Durchschnittsgewicht von 330 Pfund (185 kg) erzeugt 46 . Jedoch war die Zufuhr umständlich und so wurde am 13. Juli 1672 Waldenstein wieder veräußert. Darauf entschloß sich der Bischof von Bamberg, nachdem er 1678 in St. Leonhard zur besseren Verhüttung der Loben er Erze ebenfalls einen Floßofen errichtet hatte, das Hammer- und Hüttenwerk aus dem Pressinggraben an das rechte Lavantufer nach St. Gertraud unmittelbar unter die Welcher Eisengruben zu verlegen und dort 1688 gleichfalls einen Floßofen zu erbauen. Die Kapazität das neuen Werkes war mit rund 350 Meilern (196 t), wie sie schon 1691 erreicht wurde, doppelt so groß wie im Pressinggraben. An Erzen wurden 1693 an der Wölch 26.212 Zentner (1467, 872 t) gefördert. Der Absatz für St. Gertraud war gut, denn am Ende des Jahres 1695 blieben von 162 Meilern 398 Pfund Nageleisen, das in Buschen und einzelnen Stangen abgegeben wurde, nur 7 Pfund in Vorrat, während die 21 Meiler Drahteisen gänzlich von den Gewerken abgenommen wurden, ebenso die 1375 Pfund Flammeisen von den Schmieden und von 3477 Pfund Schieneisen 680 Pfund. Diese Übersicht zeigt gleichzeitig das Erzeugungsprogramm von St. Gertraud. Auch Waldensteiner Erze wurden übrigens daselbst verhüttet, anderseits Erze vonjler Wölch nach St. Leonhard zur Verbesserung des dortigen Möllers geschafft 47 . Mit der Einrichtung von modernen Floßöfen statt der alten Stucköfen in jedem der bambergischen Werke des Lavanttales ging die bischöfliche Verwaltung mit gutem Beispiel voran. An der Kärntner Haupteisenwurzen in Hüttenberg hat es noch ein Jahrhundert länger gedauert, bis der neuzeitliche Verhüttungsprozeß dort allgemeine Einführung fand, ebenso am steirischen Erzberg. Nach einer Beschreibung von 1747 umfaßte das Werk St. Gertraud drei Röstöfen zum Vorbereiten der Erze, einen Floßofen, zwei Zerrennfeuer zum Ver- frischen der Flößen, zwei Wallaschhämmer und zwei Heizfeuer. In dem eng damit verbundenen nahen Frantschach war nach der Erwerbung durch Bamberg auch eine Erzverhüttungsanlage, bestehend aus zwei Röstöfen und einem Floßofen, erbaut worden, die aber später wieder zur Einstellung kam. Ferner waren dort ein Zerrennfeuer zum Verfrischen der Flößen, ein Wallaschhammer, der Drahtwallasche und Blechflammen erzeugte, und ein Blechhammer vorhanden, der aus den Flammen die Bleche herstellte, beide ausgestattet mit je einem Heizfeuer. In St. Leonhard schließlich stand ebenfalls ein Floßofen samt den nötigen Röstöfen; dazu kamen zwei Rennfeuer zur Flößenverfrischung, ein Wallaschhammer sowie ein Streckhammer, der die Erzeugnisse des Wallaschhammers zu 45 H. WlESSNER: A. a. 0„ S. 279, 286. 46 Landesarchiv Klagenfurt: Herrsch. Bamberg, Fasz. XX, Nr. 79, F. 155. 47 Landesarchiv Klagenfurt: Herrsch. Bamberg, Fasz. XXV, Nr. 99, F. 3, 11 usw. 82 Karl Dinklage. Schienen und Stangen streckte, beide ausgestattet mit je einem Heizfeuer 48 . Das Waldensteiner Werk war wegen seiner abseitigen Lage durch Bamberg 1672 veräußert worden und befand sich 1805, wo es der Wolfsberger Gewerke Johann Michael Offner erwarb, in Schönbornschem Besitz. So teilte es auch nicht das Schicksal der gesamten bambergischen Besitzungen in Kärnten, die am 15. Juni 1759 durch Kaiserin Maria Theresia um 1 Million Gulden angekauft wurden 49 . Auf diese Weise wurden die Eisenwerke zu St. Gertraud, Frantschach und St. Leonhard ärarisch; doch blieb in St. Gertraud der bambergische Oberverweser Josef Leopold Bohr im Amte. Das war für die Einführung verschiedener kohlesparender Neuerungen im Eisenwesen, die Maria Theresia wünschte, wenig günstig. In ihrer Berg-, Deutschhammer- und Kadwerksordnung zu Hüttenberg, Mosinz und Lölling vom 24. April 1759 hatte die Kaiserin ausdrücklich die ausgedehnte Erzeugung von Blattein statt Flößen in den Hochofenwerken verlangt, weil bei diesen verhältnismäßig dünnen Eisenscheiben der höhere Kohlenverbrauch, der durch das Einrennen der dicken Flößen in den Hämmern entstand, vermieden werden konnte. Als die geeignetste Dicke der Blattel bezeichnet der Naturforscher Hacquet 1781 V 2 Zoll (1,3 cm) 50 . Die Flößen hingegen hatten demgegenüber nach Jars 1758 bei einem Gewicht von 5 bis 6 Zentnern 4 Zoll (10,4 cm) Dicke, 4 Fuß (1,26 m) Länge und 1 Fuß (31,4 cm) Breite 51 . Im 19. Jahrhundert wurden die Anforderungen an die Dünne der Blattel noch gesteigert. I*. Tunner wünscht 1858 für solche eine gleichmäßige Stärke von nur I bis 2 Linien (2,2 bis 4,4 mm) bei V 2 bis 3 Fuß (15 bis 94 cm) Scheibendurchmesser, während er eine Floße als gegen 5 Fuß (1,50 m) lang, 9 Zoll (23,4cm) breit und nur 1 bis 3 Zoll (2,6 bis 7,8 cm) dick beschreibt. Eine beim Sensenhammerwerk Zeilinger in Himmelberg ausgegrabene Floße jener Zeit (Bild 5) zeigt gar nur die halbe Länge, nämlich 75 cm, dazu eine Breite von 29 cm und eine Dicke von 4 bis 6 cm bei einem Gewicht von 85 kg. Ein von ebenda stammendes Blattel, von dem sich eine Hälfte erhalten hat (Bild 5), besitzt einen Scheibendurchmesser von 40 cm und eine'Dicke von 7 mm. Das Gewicht der vorhandenen Hälfte dieses Blattels beträgt jetzt 6 kg, so daß die ganze Scheibe ehedem 12 kg gewogen hat 52 . Das Blattelmachen schildert B. F. Hermann 1780 folgendermaßen: „Sobald man merkt, daß zum Abstechen Zeit ist, so wird vor dem Auge ein rundes, etwa 1V 2 Schuh (47 cm) tiefes, einem umgekehrten Kegel ähnliches Floßenbett aus Ton und Kohlenlösche gemacht und fest zusammengestampft. In diese Grube nun läßt 48 Staatsbibliothek Bamberg: RB Msc. 113, F. 218; M. Wutte: Die Lage der bambergischen Herrschaften in Kärnten vor ihrem Verkaufe im Jahre 1759, Carinthia I, 1907, S. 189. 49 Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien: Urkunde v. 15. 6. 1759. 50 G. Hacquet : Mineralogisch-botanische Lustreise von dem Berg Terglou in Krain zu dem Berg Glokner in Tyrol im Jahr 1779 und 81, Wien 1784, S. 142. 51 G. Jars: Metallurgische Reisen in Deutschland, Schweden, Norwegen, England und Schottland vom Jahre 1757 bis 1769, übersetzt von C. A. Gerhard, 1777, S. 93. 52 P. Tunner: Die Stabeisen- und Stahlbereitung in Frischherden oder der wohlunterrichtete Hammermeister, 1858, I, S. 3, 5. Für freundliche Auskünfte in eisengeschichtlichen Fragen sei Herrn Ing. W. Zeilinger in Himmelberg vielmals gedankt. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 83 man das glühende Metall laufen, welches so dünn wie Wasser fließt. Ist die Gruhe voll, so stopft man das Auge zu, zieht die während dieser Zeit auf der Oberfläche gesammelten Schlacken ab und gießt kaltes Wasser aufs Metall, welches zwar in dem ersten Augenblick ein fürchterliches Geprassel und einen dicken Dampf verursacht, aber niemals für die Arbeiter gefährlich ist. Da sich nun diejenigen Metallteile, die vom Wasser berührt werden, augenblicklich zusammenziehen, ■ tc* l Bild 5. Floße und Blattel. (Sammlung Zeilinger-Himmelberg.) aneinanderhängen und also eine zusammenhängende Platte verursachen, so hebt man solche mit eigenen Zangen ab. Dies wird solange fortgesetzt, als sich noch Metall im Floßenbette befindet. Man macht sie von 2 Linien bis 1V 2 Zoll dick“ 53 . Baron Max Thaddäus von Egger, der das Hüttenwerk Treibach in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu europäischer Bedeutung entwickelte und daher 1784 von Kaiser Josef II. ob seiner Verdienste um die Eisenindustrie in den Grafenstand erhoben wurde, hat sich um die Einführung der Blattelarbeit und anderer Neuerungen auf dem Gebiete des Eisenwesens in Kärnten sehr angenommen. Er wurde auch 1773 von Kaiserin Maria Theresia ins Lavanttal entsandt, um in den dortigen ärarischen Hochofenwerken verschiedene produktive Neuerungen einzuführen. Herstellung von Blattein wurde bei den Hochöfen St. Gertraud 53 B. F. Hermann : Reisen durch Österreich, Steyermark, Kärnten, Krain, Italien, Tyrol, Salzburg und Baiern im Jahre 1780, Wien 1781, S. 136. 84 Karl Dinklage. und St. Leonhard eingerichtet und dabei eine gute Eisenqualität erzeugt. Wie die Blattei gebraten (vorgefrischt) werden müssen, das sollte der St. Leonharder Zer- renner noch bei einem Besuche in Treibaeh genauer kennen lernen, lautete ein Vorschlag Baron Eggers vom 1. Oktober 1773. Der Freiherr empfahl in seinem Iteisebericht die Einrichtung eines doppelten Gebläses im St. Gertrauder Hochofen nach Treibacher Vorbild, weil dadurch die Roheisenerzeugung quantitativ und qualitativ verbessert werden könne. Am 15. April 1774 wurde darauf die Einführung eines solchen beim Floßofen in St. Gertraud angeordnet. Ein Ofenknecht und Bild 6. Eisenhüttenwerk St. Gertraud i. L. um 1834 nach .T. Wagner ■'A*m lim i%r-' ein Zerrenner sollten nach Treibaeh zur Erlernung der dortigen Manipulation geschickt werden. Der Umhau des Floßofens zu St. Gertraud kostete 803 Gulden 47V 2 Kreuzer; die neuen ledernen Bälge machten 474 Gulden 45 Kreuzer aus. Aber bei der Einrichtung des Gebläses unterliefen Fehler, wie man einem Bericht vom 3. März 1775 entnehmen kann. Am 19. Mai 1775 wurde über den sehr schlechten Gang des neuen Floßofens geklagt, am 14. Juli die Verbesserung der bei der Einrichtung begangenen Fehler angeordnet. Der St.-Gertrauder Oberverweser Josef Leopold Bohr stand der Neuerung ablehnend gegenüber. Man kannte sich mit der Handhabung nicht aus. Schließlich beschloß man am 7. Juni 1776, den Floßofen zu St. Gertraud wieder nach der alten Methode einzurichten. Die aufgewandten Kosten waren umsonst gewesen 54 . Erst nach Absetzung Bohrs (1785) wurde auf Anordnung des gelehrten Klagenfurter Oberbergamtsdirektors Franz Anton von Marcher der Betrieb in St. Gertraud grundlegend verbessert und durch 54 K. Dinklage: Geschichtliche Entwicklung des Eisenhüttenwesens in Kärnten: Radex-Rundschau, 1954, H. 7/8; derselbe: Frantschach, a. a. O., S. 66ff.; Hofkammerarchiv Wien: Bancale, Fasz. 1397. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 85 Verringerung der Kohlengabe bei jeder Gicht auf die Hälfte, durch vorteilhaftere Mischung des aus Braun- und Spateisenstein bestehenden Möllers, durch stärkere Neigung der Form auf 9° sowie durch mehrfache Erhöhung des Ofens bis auf 7,43 m und Einführung von Kastenbälgen (1804) der Kohlenverbrauch sowohl bei der Erzeugung von Flößen wie Blatteln ganz erheblich herabgemindert, so daß 1806 eine Tageserzeugung von über 60 Zentnern (336 kg) bei einem durchschnittlichen Kohlenaufwand von 12V 6 Schaff (5,498 m 3 ) pro Meiler Roheisen erzielt werden konnte. Die Gebläsekästen der Kastenbälge maßen 3 Schuh 10 Zoll i I mi WM Bild 7. Eisenwerk St. Leonhard i. I.. um 1834 nach J. Wagner. (120,8 cm) im Geviert, gaben einen 3 Schuh 10 Zoll hohen Hub und gingen 14mal in der Minute. Jeder Kasten gab 51 Kubikschuh (0,1612 m 3 ) Wind. Die kupferne Form war 2 Zoll (5,2 cm) breit und l 3 / 4 Schuh (55,3 cm) hoch. Das Roheisen wurde in der Regel in 3 Zentner (168 kg) schweren Flößen abgelassen und beinahe mit gleichem Kalo wie das hüttenb er gische in den Hämmern verarbeitet, obwohl es sich kohlenstoffreicher zeigte als dieses. In 24 Stunden wurde 15- bis 20mal abgestochen. Auch auf dem Gebiete der Weiterverarbeitung der Flößen wurden durch den Oberverweser Alois Prettner in St. Gertraud große Fortschritte gemacht. Von Marcher berichtet darüber: „Nach zweyfacher Verfrischung der Flößen werden daraus auch die delikatesten Artikeln von Dünn-, Zah- und Langeisen nach allen Formungen, Krümmungen, Rundungen, Konkavitäten, Konvexitäten und Zusammenschweißungen ausgeschmiedet; auch können daraus feine Drahtwaren gezogen werden. Auf Nägl wird es nicht genutzet. Aber Stabeisen oder Streckwaren von mittlerer Gattung mögen dermalen auch beynahe schon nach einer Verfrischung ausgebracht werden; ja, nach der von Herrn Oberverweser Prettner hieher an das Oberbergamt gemachten Anzeige hat er nun auch nur ver- Karl Dinklage. 86 mittels einer Verfrischung verschiedene und auch feine Artikel von Weicheisenwaren erzeuget“ 55 . In Frantschach wurden nach dem Abgang Rohrs auch Neuerungen eingeführt. Im Jahre 1785 wurde ein dort vorhandener Brescianhammer, der nach alter Bres- cianer Methode für den Italienhandel bestimmte Flach- und Rundeisensorten herstellte, in einen Streckwarenziehschlag umgeändert. 1804 umfaßte das Werk Frantschach einen Wallaschhamer mit zwei Feuern zur Verarbeitung der Flößen und Blattel, einen Streckhammer und einen Streckschlag mit je zwei Feuern zur Weiterverschmiedung des Wallascheisens sowie zwei Ziehhämmer zur Drahtherstellung mit zwei bzw. einem Feuer. Das Werk St. Gertraud umfaßte nach derselben Quelle außer dem Floßofen einen Wallaschhammer und einen Streck- hammer mit je drei Feuern sowie einen Ziehhammer für den Drahtzug mit einem Feuer. Am 29. Oktober 1781 wurde die Erzeugung von Schiffsankerflügeln an dem Streckhammer zu St. Gertraud angeordnet 56 . Im Jahre 1796 wurde ein Wallaschhammer von St. Gertraud und ein solcher von St. Leonhard, weil die zur Verfügung stehenden Holkohlen im oberen Lavanttale mangelten, an den Raggl- bac-h in die Nähe der Kollnitzmühle versetzt, etwa an die Stelle, wo schon Hans Sigmund Otto im 17. Jahrhundert einen Floßofen betrieben hatte. So entstand das bis 1881 arbeitende Hammerwerk Kollnitz bei St. Paul im Lavanttal als ein Tochterwerk von St. Gertraud und St. Leonhard. Seine Errichtung kostete den Staat 30.000 Gulden. Laut einem Bericht vom 1. Dezember 1796 konnte es mit Ende des genannten Jahres den Betrieb auf nehmen 57 . Während der Franzosenkriege wurde zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu St. Leonhard und 1805 bis 1809 in St. Gertraud Munition gegossen, während in Frantschach Artilleriezeugeisen hergestellt wurde 58 . Von entscheidender Bedeutung für die Weiterentwicklung des Lavanttaler Eisenwesens war die Veräußerung der ärarischen Werke zu St. Leonhard, St. Gertraud, Frantschach und Kollnitz am 5. November 1825 an die Gebrüder Rosthorn, die Söhne des im Jahre 1795 von Kaiserin Maria Theresia aus Lancashire in England nach Wien berufenen Fabrikanten Matthias Rosthorn, die moderne, in England erprobte Methoden in die Kärntner Eisenindustrie einführten und vor allem das Werk Frantschach hoch entwickelten. Dort wurde 1828 zur Rationalisierung der Eisen Verarbeitung ein Walzwerk eingerichtet, nachdem Graf Egger bereits 1793 in Lippitzbach in Unterkärnten das erste Blechwalzwerk der Monarchie erbaut und Dr. Wodley 1801 in Gössering im Gitschtal ebenfalls ein solches errichtet hatte. Ein besonderes Verdienst aber haben sich die Gebrüder von Rosthorn dadurch erworben, daß sie in Frantschach 1830 an Stelle der alten Frischfeuer den außerordentlich stark kohlesparenden Puddlings prozeß nach englischem Vorbild einführten. Frantschach war, nächst Witkowitz in Mähren, das älteste Puddlingswerk der österreichisch-ungarischen Monarchie und hinsichtlich 55 F. A. Marcher: Beyträge zur Eisenhüttenkunde I 3, 1806, S. 270; Landesarchiv Klagenfurt: Berghauptmannschaft, Buch 606, 607, 608, 100. 56 Landesarchiv Klagenfurt: Berghauptmannschaft, Buch 606, 740, 207. 57 Hofkammerarchiv Wien: Bancale, Fasz. 1397. 58 Landesarchiv Klagenfurt: Wolfsberg-Gewerke, Fasz. IV, XIII, XXIII. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 87 der Feuerung der Puddlingsöfen mit Holz das früheste seiner Art. Beim Buddeln wurde durch ständiges Umrühren des im Flammofen geschmolzenen Roheisens der darin enthaltene Kohlenstoff mit dem Sauerstoff der Luft stärker in Berührung gebracht und so Schmiedeeisen oder Stahl viel rascher erzeugt als hei dem bis dahin gebräuchlichen Frischverfahren. Zur Erzeugung von 1 Zentner (56 kg) Hammereisen benötigte man drei Schaff (1,4694 m 3 ) Holzkohlen, zur Herstellung von 1 Zentner Puddeleisen 7 Kubikfuß Holz und zur Vollendung der Ware im Siemens-Gasschweißofen 5 Kubikfuß, zusammen also 12 Kubikfuß (0,3792 m 3 ); die alte Methode verbrauchte demnach viermal soviel Brennmaterial wie die neue 59 .' sÄ. i.ne v u j Bild 8. Eisenwerk Frantsehach um 1834 nach .T. Warner t v ber die Entwicklung des Hochofenwerkes St. Gertraud liegt neben schriftlichen Angaben Bildmaterial vor. Der alte Ofen hatte 5,69 m Höhe, wurde aber in der Folge erhöht, so daß er 1804 bei 1,26 m Kohlensackweite 7,43 m maß (Schachtlängsschnitt: Bild 9A). Die Gebrüder Rosthorn, die den Betrieb erwarben, erhöhten den Ofen 1826 weiter auf 8,25 m. Von dem damaligen Aussehen des Ofens und Werkes hat uns Josef Wagner eine eindrucksvolle lithographische Darstellung aus dem Jahre 1834 hinterlassen (Bild 6). Auch in St. Leonhard wurde der Hochofen auf 12,01 m erhöht 60 ; doch gibt die einschlägige Lithographie Wagners dieses Werk mehr von der Ferne wieder (Bild 7). Von Frantsehach liegen hingegen gute Lithographien sowohl aus dem Jahre 1834 (Bild 8) wie von 1840 vor. Zu der Zeit, wo Josef Wagner 1834 lithographische Abbildungen der genannten Werke schuf, waren dieselben bereits im Besitze der ältesten Kärntner 59 K. Dinklage: Frantsehach, a. a. O., S. 71 ff., 96ff. 60 F. Münicilsdorfer: A. a. O., S. 28. 88 Karl Dinklage. Aktiengesellschaft, (1er am 19. November 1832 gebildeten Wolfsberger Eisenwerks- gesellschaft, in welche die Gebrüder Rosthorn, die Veranlassung zu ihrer Gründung gegeben hatten, ihre sämtlichen Werke einbrachten und 40% des Aktienkapitals besaßen. 1837 traten sie aber aus der Gesellschaft wieder aus, nachdem sie aus dem von ihnen eingerichteten Puddlings- und Walzwerk in Frantschach viele wichtige Maschinen und Einrichtungen in das mit einem ergiebigen Braunkohlenlager verbundene Prävali gebracht hatten, um mit deren Hilfe dieses zu einem Eisenwerk erster Ordnung auszubauen und dann ebenfalls aus der Gesellschaft zu lösen. Auch den ausgezeichneten Direktor Josef Schlegel des Werkes Frantschach zogen die Rosthorns nach Prävali, wo er das Puddeln mit Braunkohle erfand. 1837 bestanden in Frantschach dann nur mehr vier Frischfeuer mit zwei Hämmern, zwei Holzpuddelöfen mit Puddelhammer und Walzwerk sowie ein Streckwerk, auf dem notdürftig Flacheisen hergestellt werden konnte. Doch die Wolfsberger Eisenwerksgesellschaft scheute keine Kosten, um den Ruf Frant- schachs wieder auf die Höhe zu bringen und dort 1838 das zweite Walzwerk für Eisenbahnschienen einzurichten, das es in Österreich gab; nur Prävali ging ihm voraus 61 . Der bedeutendste Kärntner Wirtschaftsfachmann jener Zeit, Jakob Scheliessnigg, schreibt darüber 1839: „In mehreren Betriebswochen ist in Frantschach eine 1000 Zentner übersteigende Erzeugung von aus Flammeln in Paketen geschweißten Rails mit zwei Schweißöfen erzielt worden, obgleich eine gute Schweißung sicherlich die doppelte Zeit einer hloßen Glühung in Anspruch nimmt. Die Resultate der Railserzeugung mit Paketenschweißung und mittels Holz sind für die Provinzen, die an guten Steinkohlen Mangel leiden, um so erfreulicher, als der Holzverbrauch per Zentner bei entsprechender Ofenkonstruktion, kaum begreiflich, außerordentlich klein erscheint“ 62 . In St. Gertraud und Frantschach wurden 1839 auch die Frischfeuer von der kärntnerischen Bratfrischarbeit, bei der die Blattei einem Glühfrischprozeß unterworfen worden waren, auf die schwäbische Kleinfrischerei mit Vorwärmherden und erhitztem Wind umgestellt. Dadurch waren die Strahlungsverluste geringer und die abziehenden Gase sowie die überhitze konnten zur Vorwärmung der Flößen ausgenutzt werden, was gegenüber der alten Methode, die 25 Schaff (12,245 m 3 ) Kohle pro Meiler (560 kg) Eisen erforderte, eine Brennstoffersparn is von 15 Schaff (7347 m 3 ) bedeutete. Das Railswalzwerk zu Frantschach erzeugte im Jahre 1840 29.708 Zentner Eisenbahnschienen, wovon 22.000 Zentner für die Raaber Bahn mit breiter Basis nach amerikanischer Art und die übrigen für die Mailänder Bahn nach englischer Art zum Einsetzen in Chairs bestimmt waren 63 . Im Jahre 1842 wurde in Frantschach dem Schienenwalzwerk ein Blechwalzwerk hinzugefügt. Das Railswalzwerk erzeugte außer Rails (Eisenbahnschienen) von der verschiedensten Form auch noch Tyres (Eisenbahnradreifen), Eisenbahn- 81 Landesarchiv Klagenfurt: Wolfsberg-Gewerke, Fasz. IV. 62 Bericht über die erste zu Klagenfurt im Jahre 1838 eröffnete Industrieausstellung, Graz 1839, S. 56. 63 Bericht über die zweite zu Graz im Jahre 1841 eröffnete Industrieausstellung, Graz 1843, S. 2. 64 H. Hermann, Text zu J. Wagner: Ansichten aus Kärnten, 1838/44, S. 361. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 89 radspeichen, Wagenachsen, Winkeleisen für Dampfkessel, Schiffsrippen u. dgl., das Blechwalzwerk große und starke Eisenplatten flir Dampfmaschinen, Schiffe und andere Zwecke und lieferte Platten von 24 bis 48 Zoll (139 cm) Breite und 20 Fuß (6,32 m Länge bei 1V 2 bis 6 Linien (3,39 bis 13,17 mm) Dicke. Die Bleche wurden mit großen Scheren beschnitten und mittels einer eigenen Vorrichtung abgesintert und beliebig gekrümmt 64 . Nicht nur die Frischeinrichtungen, sondern auch die Hochöfen in St. Gertraud und St. Leonhard, wo ebenfalls die schwäbische Kleinfrischerei betrieben wurde, erfuhren eine Verbesserung, indem sie mit hufeisenförmigen Lufterwärmungsapparaten versehen wurden. Die Erwärmung geschah in der Hegel auf 200 Grad Reaumur, wobei der eine Ofen weiße und Spiegelfloßen für die Frischfeuer und der andere graues Roheisen, zum Teil für Gußwaren, erzeugte. Die Wochenproduktion betrug pro Ofen 75 bis 80 Meiler mit 8V 2 Schaff (4,16 m 3 ) Kohlenaufwand und 38 bis 42% Ausbringen. 1840 erzeugten beide Öfen zusammen 4520 Meiler Roheisen. Um mehr Erze in St. Gertraud verarbeiten zu können, wurde dort 1839 ein zweiter Röstofen errichtet, dem 1844 ein dritter folgte. Ebenso wurde in St. Leonhard 1839 ein vierschächtiger Röstofen erbaut, dem 1844 und 1848 je ein zweischächtiger hinzugefügt wurde. Die Röstung geschah in kontinuierlich betriebenen Schachtöfen, welche viel rascher arbeiteten als die älteren Röststadel und diesen gegenüber weniger als die Hälfte an Kohlen brauchten. Alles geröstete und glühend im Wasser abgeschreckte Erz wurde jahrelang auf flachen Halden der Abwitterung überlassen, welche durch künstliche, mit Trocknung abwechselnde Bewässerung gefördert wurde. Dabei oxydierten die in den Erzen vorhandenen Sulfide zu Sulfaten und diese wurden durch das Wasser ausgelaugt. Im Jahre 1840 wurde in St. Leonhard und 1842 in St. Gertraud ein modernes Zylindergebläse an Stelle der alten Kastengebläseeinrichtung zum Betrieb des Hochofens, der Frischfeuer, der Schmiedeesse, des Zeugfeuers und später in St. Gertraud des Kupoloofens erbaut. Dort war das Gebläse ausgestattet mit drei Balanciers und drei doppelt wirkenden eisernen Zylindern von 113 cm Durchmesser und 89 cm Hub. In St. Leonhard dienten dem Gebläse zwei doppelt wirkende Zylinder von 3 Fuß (95 cm) Durchmesser und 4 Fuß (126 cm) Hub, die in der Minute etwa 30 cm 3 Wind gaben. Für die Hochöfen bedeutete die Einführung der Zylindergebläse eine Erhöhung der Leistung, die vorher in erster Linie durch die zu geringe Windmenge begrenzt war. Im Jahre 1844 erbaute die Wolfsberger Eisenwerksgesellschaft in St. Gertraud einen kleinen Kupoloofen und einen Flammofen mit Glühherd zum Guß von Walzen. Da der Guß schwerer und verwickelter Gußstücke aus dem Hochofen Schwierigkeiten machte, der Eisenguß aber um jene Zeit zunehmende Verwendung fand, benutzte man einen Guß zweiter Schmelzung. Hierzu schmolz man anfänglich das Eisen in Flammöfen um. Diese wurden schon seit dem Ende des 15. Jahrhunderts zum Umschmelzen von Bronze besonders für den Guß von Geschützen verwendet. Gegenüber den Umschmelzschachtöfen hatten sie den Vorteil, daß man darin das Metall gut durchmischen, Proben entnehmen und etwa erforderliche Zusätze geben konnte. Während man aber die Bronzeflammöfen mit Holz 90 Karl Dinklage. 1872 beheizte, benutzte man in den aus England kommenden Kupoloofen Steinkohle bzw. bei uns Braunkohle und erzielte den erforderlichen Zug durch einen hohen, unmittelbar an den Ofen angebauten Schornstein. Die Flammöfen eigneten sich wegen ihres großen Herdraumes auch zum Einschmelzen schwerer Stücke sowie wegen ihrer frischenden Wirkung zum Guß schwerer Geschütze und Walzen 65 . Am 11. Mai 1846 erwarb der oberschlesische Eisenindustrielle Graf Hugo von Henckel-Donnersmarck den gesamten Besitz der Wolfsberger Eisenwerksgesellschaft um einen so hohen Preis, daß den Aktionären jede Aktie zu 1000 Gulden mit 2100 Gulden honoriert werden konnte. Für das Hüttenwerk St. Gertraud hatte der Übergang in den Besitz von Graf Henckel weitreichende Folgen. Der alte Hochofen und all die hölzernen Gebäude in seiner Umgebung, die auf der stimmungsvollen, aber für ein Industriewerk recht altertümlich anmutenden Lithographie von Josef Wagner aus dem Jahre 1834 (Bild 6) zu sehen sind, wurden abgerissen und mußten massiven Hüttenbauten weichen, die auf der Höhe der damaligen Technik standen. Bereits im Jahre 1847 ging man an diese Umwandlung des alten Werkes und am 9. Juni 1848 konnte der neue 12,01m hohe Hochofen (Schachtlängsschnitt: Bild 9B), der heute noch steht (Bild 10), in Betrieb gesetzt werden. Die höchste Jahresproduktion des älteren Hochofens in St. Gertraud lag 1846 bei 40.134 Zentnern (2247,5 t), die des neuen 1853 bei 63.310 Zentnern (3545,4 t). Zur Herstellung von 1 Zentner Roheisen wurden im neuen Ofen 0,84 Schaff (0,4238 m 3 ) Holzkohle, 245 Pfund geröstete Erze und 9,2 Pfund Kalkzuschläge gebraucht, wobei das Eisenausbringen 40,58°/o betrug. Das bedeutete gegenüber dem älteren eine gewisse Verbesserung, wenn auch nur geringfügiger Art. In jenem hatte man 1 Zentner Roheisen aus 238 Pfund gerösteten Erzen, 2V 2 Pfund Kalkstein, den man im 19. Jahrhundert zur Herabminderung des Schwefelgehaltes des Roheisens dem Möller beizugeben begonnen hatte, und 0,9 Schaff (0,4408 m 3 ) Holzkohle erzeugt und die Eisenerze zu 41°/o ausgebracht. In dem neuen Hochofen wurden vor allem Floße und Gußeisen für den Eigenbedarf hergestellt. 1848 wurde auch ein neuer Flammofen errichtet und der bestehende Kupoloofen umgebaut. Im Flammofen wurden Walzen und größere Gußstücke gegossen, während der Kupoloofen nur als Aushilfe diente, wenn der Hochofen stand 66 . T Bild 9. Schachtlängsschnitte des Hochofens zu St. Gertraud in den Jahren 1809 bzw. 1872. 65 O. Joiiannsen: A. a. O., S. 302. 66 Landesarchiv Klagenfurt: Wolfsberg-Gewerke, Fasz. XIII. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 91 Am 20. Dezember 1851 erwarb Graf Hugo von Henckel-Donnersmarck auch das Eisenwerk Waldenstein (Bild 11) und vereinigte auf diese Weise wieder alle eisenerzeugenden Betriebe des oberen Lavanttales in seiner Hand. Hier hatten Andreas Graf Kenard und Ludwig Friedrich Westenholz, welche Schloß, Bild 10. Alter Hochofen zu St. Gertraud von 1848. GSSP Werk und Herrschaft am 30. Juni 1842 von Johann Michael Offner d. J. erworben hatten, den Hochofen von 6 auf 12,64 in erhöht und dadurch die Jahresproduktion von 9000. auf 20.000 Zentner gesteigert. 1846 wurde hier auch ein Gußwerk eingerichtet; doch litt der Betrieb unter der Enge des Tales, der ungünstigen Zufuhrmöglichkeit und vor allem unter der wenig guten Brauchbarkeit der hier mit 30 Klafter (56,84 m) Mächtigkeit anstehenden Eisenglimmer für die Herstellung von Eisenwaren. Man machte viele Hoffnungsbaue zur Aufschließung von besser verwendbaren Braun- und Spateisensteinen. Graf Henckel stellte aber 1858 schließlich das Guß werk ein und verringerte 1859 auch die Höhe des Hoch- Technikgeschichte, 16. Heft. 92 Karl Dinklage. ofens um 1,90 m, was sich ungünstig auswirkte 67 . Im Eisenwerk St. Leonhard wurde der Hochofen 1866 auf 12,64 erhöht. Ein schottischer Winderhitzungsapparat und fünf Gasröstöfen wurden auf die Gichtsohle gestellt und mit den an der Gicht abgefangenen Hochofengasen geheizt; doch litt die Anlage unter starker Flugstaubentwicklung und es fehlte auch öfters an den nötigen Holzkohlenmengen zum Betrieb des Hochofens 68 . Die bauliche Entwicklung des Werkes zeigt ein Vergleich der Abbildungen von Josef Wagner aus dem Jahre 1834 (Bild 7) und von F. Springer aus dem Jahre 1858 (Bild 13). Bild 11. Eisenwerk Waldenstein um 1858 (nach F. Springer). FXVi f f •«'"’SL Das Werk Frantschach, welches nach den Ausführungen des hervorragenden Kärntner Historikers Heinrich Hermann im Jahre 1844 den Mittelpunkt der ganzen Lavanttaler Eisenindustrie bildete und samt St. Gertraud, St. Leonhard und Kollnitz, den Gruben und den Holzschlägen nicht weniger als 809 Mann zwar zunächst noch von Graf Henckel etwas weiter ausgebaut und erreichte unter der Leitung der Wolfsberger Eisenwerksgesellschaft beschäftigte, wurde 1847 mit 45.338 Zentner Eisenbahnschienen und 16.726 Zentner Blech eine Spitzenerzeugung. Da man aber gelernt hatte, das Puddlings- und Walzwerk mit Braunkohlen zu betreiben und die besten Kohlen dieser Art in Fohnsdorf gewonnen wurden, nahm Graf Hugo von Henckel-Donnersmarck bald einen schon 1840 von Hof rat Peter Tunner gemachten Vorschlag auf, ein größeres Eisenwerk in der Nähe der Fohnsdorfer Kohlengruben zu errichten. So 67 F. MünichsDÖRFER : A. a. O., S. 29; Bezirksgericht Klagenfurt: Bergbuch der Eisenwerke des Klagenfurter Kreises, II, F. 833. Das Aussehen des Hochofens vor der Erhöhung von 1843 zeigt eine Lithographie J. Wagners von 1834. 68 F. Münichsdorfer : A. a. O., S. 28; Landesarchiv Klagenfurt: Wolfsberg-Gewerke, Fasz. XXIV. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 93 entstand in den Jahren 1851/52 das Puddlings- und Walzwerk Zeltweg. Dorthin verlegte Graf Henckel den Frantschacher Walzwerkshetrieb, weil er die rare Holzkohle ausschließlich der Roheisenproduktion seiner Hochöfen widmen mußte und die Kohlen des näher bei Frantschach gelegenen Wiesenau infolge ihrer geringen Qualität sich nach den technischen Kenntnissen jener Zeit nicht zum Puddeln und Schweißen eigneten, die Fohns- dorfer hingegen wohl. Der Braunkohlentransport von Fohnsdorf nach Frantschach aber erschien zu kostspielig. So wurde der größte Teil der Einrichtung der Bild 12. Eisenhammerwerk Kollnitz i. L. um 1858 (nach F. Springer). w »- .'•iääsöti. ■ *• % Frantschacher Fabrik nach Zeltweg verbracht. In den letzten Monaten des Jahres 1852 war das Werk Frantschach, mit Ausnahme einiger Achsenschweiß- feuer, ganz außer Betrieb 69 . Zwar hatte Graf Hugo Henckel auch weitere Absichten zum Ausbau von Frantschach, wie eine um 1855 geschaffene Idealansicht der geplanten, zu Ehren der Kaiserin so genannten Elisabeth-Hütte daselbst ahnen läßt 70 . Aber es kam nicht dazu. Das Werk erlangte nur noch eine geringe Bedeutung durch die Errichtung eines Zementstahlofens im Jahre 1860 und eines zweiten 1861. Der hier erzeugte Stahl wurde größtenteils zu Federn ausgewalzt und an die damals in Kollnitz (Bild 12) neu errichtete Wagenfedernfabrik abgesetzt. Zur Herstellung von Zementstahl mußten Eisenstangen in Tiegeln mit Kohle eingesetzt und tagelang geglüht werden 71 . Aber schon der Katalog der Wiener 69 H. Hermann, Text zu J. Wagner: A. a. O., S. 361 ff. Die Österreichisch-Alpine Montangesellschaft 1881—1931, S. 350 f. (W. Schuster); Landesarchiv Klagenfurt: Wolfsberg-Gewerke, Fasz. XIII. 70 Original-Aquarell im Besitze v. Frau TschammerJ Warmbad-Villach; K. Dinklage: Frantschach, a. a. O., Bild 6. 71 Landesarchiv Klagenfurt: Wolfsberg-Gewerke, Fasz. IV. 7 * 94 Karl Dinklage. Weltausstellung von 1873 billigt dem Eisenwerk Frantschach nur mehr eisengeschichtliches Interesse zu, wenn darin gesagt wird: „Durch die Errichtung des ersten Schienenwalzwerkes und dadurch, daß von hier aus die wichtigsten Reformen im Fache der Eisenraffinerie, der Puddlings- und Walzwerksbetrieb sich allmählich über die ganze österreichische Monarchie verbreiteten, hat dieses Werk speziell für den österreichischen Eisenhüttenmann ein historisches Interesse 72 .“ Das Eisenwerk Frantschach sowohl wie die Hochofenwerke St. Leonhard, Waldenstein und St. Gertraud, die 1876 bzw. 1883 eingestellt wurden, erlagen der Bilcl 13. Eisenwerk St. Leonhard um 1838 nach F. Springer. • ’ ftfr:*-..? schwindenden Konjunktur auf dem Welteisenmarkt, die sich nach dem Bankkrach von 1873 anbahnte und bis 1879 die tiefsten Eisenpreise des Jahrhunderts brachte, so daß alle kleineren Werke und Eisensteinbergbaue unrentabel wurden, und dies schon ehe in den frühen achtziger Jahren die innerösterreichische Konkurrenz des billigen, durch das Thomasverfahren von seinem Phosphorgehalt befreiten böhmischen Eisens dem Eisenwesen Kärntens eine tiefgreifende Schädigung zufügte. Graf Hugo von Henckel-Donnersmarck war aber nicht der Mann, der vor diesen Verhältnissen kapituliert hätte. Er zog daraus nur die notwendige Folgerung und stellte die Erzeugung zeitgemäß um. Durch diese Tat schuf der geniale Industrielle die Grundlagen für die Entwicklung Frantschachs zu einer der bedeutendsten europäischen Zellulosefabriken, in der er den bisher verkohlten Holzanfall seiner riesigen Wälder nutzbringend verwerten konnte 73 . 72 Specialkatalog der Collektivausstellung im Pavillon der kärntnerischen Montanindustriellen auf der Wiener Weltausstellung 1873, S. 23. 73 K. Dinklage: Frantschach, a. a. O., S. 117 ff.. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 95 Lediglich das Waldensteiner Erz ließ sich, wie man in der Folge erkannte, auf eine erfolgreiche Weise weiterverarbeiten. Nachdem 1891 das Schmelzwerk in Waldenstein demoliert worden war, wurde dort nämlich 1897 eine Farbenmühle errichtet, welche den da gewonnenen Eisenglimmer als Pigment für graue Eisenanstrichfarben verarbeitet. Es handelt sich in Waldenstein wohl um das mächtigste und reinste Vorkommen von Eisenglimmer, welches überhaupt bekannt ist. Weil der Glimmer hier in weichem Gestein ansteht, besitzt er gegenüber den im Urgebirge Spaniens, Norwegens und des deutschen Fichtelgebirges verkommenden spröden Eisenglimmern eine weiche Ivristallinität, durch welche Hild 14. Sensenhammer zu Wolfsberg um 1884 nach J. Wagner. 1 B sie M M SPSS .MV dichte und lückenlose, zusammenhängende Pigmentschichten auf den gegen Witterungs- und Raucheinflüsse zu schützenden eisernen Bahn- und Industrieobjekten erzeugt werden, welche man mit Waldensteiner Eisenglimmerfarben streicht. Durch ein im Jahre 1942 geschütztes Patent wird die Schwimmfähigkeit dieses Pigments soweit erhöht, daß die Farbenfabriken den Waldensteiner Eisenglimmer nur mit dem vorgeschriebenen Anteil von Bindemitteln vermischen brauchen, um eine nicht mehr hart absetzende Eisenglimmerfarbe zu erzielen. Durch jahrelange Versuche der Deutschen Reichsbahn, die 1927 zum Abschluß kamen, hat sich gezeigt, daß zum Rostschutz eiserner Objekte Bleimennig als Grundfarbe und zwei Deckanstriche mit Waldensteiner Eisenglimmer, der bis heute von den Deutschen Bundesbahnen ausschließlich verwendet wird, das beste vorhandene Mittel darstellen. Deutschland ist daher das Hauptabnehmerland für die Waldensteiner Glimmererzeugnisse, welche im übrigen auch nach Frankreich, England, Holland, Belgien und in die Schweiz ausgeführt werden, während der Inlandsabsatz gering ist. Der Waldensteiner Eisenglimmer wird daneben auch zur Herstellung von Kunststeinplatten und 96 Karl Dinklage. Edelputz, für Dachanstriche und Asphaltkitte, zur Grünfärbung antiker Gläser, zum Hervorbringen schöner Glanzeffekte bei der Erzeugung von Brokaten und Tapeten sowie besonders zur Ummantelung von Schweißelektroden verwendet. Das Unternehmen hat seit seiner Einrichtung im Jahre 1897 mehrfache Erweiterungen erfahren. Heute ist die Lavanttaler Montanindustrie-Gesellschaft besonders um die Rationalisierung des Betriebes mittels einer modernen Bunker- Misch- und Röstanlage bemüht. Der Abbau der glitzernden Erze (Bild 13), der ehedem noch in altertümlicher Weise mit Bohrer und Fäustel geschah, erfolgt seit 1939 mit Preßluft. Während im Jahre 1907 in Waldenstein 574 t Rohglimmerfarben gemahlen wurden, verzeichnete man 1937 einen Abbau von 1340 t Eisenglimmer, 1939 einen solchen von 1819 t, und 1951 einen Spitzenwert mit 2298 t 74 . Die im späteren 15. und namentlich im 16. Jahrhundert durch die Tatkraft der Familie Freidl emporgekommene eisenverarbeitende Industrie der Stadt Wolfsberg aber hat in ihren wichtigsten Werken am Priel und an der Schwemmtratten sich über die Krisen der Zeit hinweg fest behauptet. Das verdankt sie in erster Linie der Spezialisierung auf bestimmte Qualitätserzeugnisse. Seit dem 17. Jahrhundert ist innerhalb der Stadt Wolfsberg zwischen Altstadt und Neustadt auf einer Lavantinsel etwas oberhalb der alten Lavantbrücke eine Hammerschmiede nachweisbar, die im späteren 17. Jahrhundert der Hufschmied Melchior Westiner innehatte, auf den 1693 Paul Pogatz und 1735 Jeremias Tempe folgten. Am 6. September 1756 erwarb von Tempes Witwe der Verweser des bambergischen Eisenhüttenwerkes zu St. Leonhard Johann Georg Schwaiger den Hammer und baute diesen zu einem Blechhammerwerk aus. Nachdem der Betrieb mehrmals den Besitzer gewechselt hatte, übergab ihn Franz Karl Pauer, der ihn 1799 erworben hatte, am 11. August 1817 bestandsweise und am 30. Juli 1820 käuflich an den steirischen Gewerken zu St. Michael und Kaufmann zu Pettau Franz Baumgartner jun. Dieser kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, die steirische Sensenerzeugung in Wolfsberg heimisch gemacht und damit der dortigen eisenverarbeitenden Industrie eine neue und bis heute wichtige Grundlage gegeben zu haben. Mit Hofkammerdekret vom 12. Mai 1821 erwirkte er die Genehmigung, seinen Blechhammer in einen Sensenhammer (Bild 14) umgestalten zu dürfen, in welchem auf steiermärkische Art mit fünf Feuern und drei Schlägen täglich 170 oder jährlich 50.320 neunhändige Sensen erzeugt werden durften. Jedoch war ihm verboten, Flößen zu zerrennen und sich auf diese Weise vielleicht den Stahl für seine Sensen selbst herzustellen 75 . Die Ausstattung des Sensenwerkes zeigt, daß es von Anfang an größer und für die damalige Zeit sehr modern gedacht war; denn an sich hätte man nach den alten Sensenhammermethoden des 18. Jahrhunderts mit zwei Schlägen, dem Zain- und dem Sensen- oder Breithammer, und vier Feuern, nämlich dem Gärb- und Zainfeuer, dem Breitfeuer, dem Abrichtfeuer und dem Ausmachfeuer, das Aus- 74 B. Fritsch: Waldensteiner Eisenglimmer (erweiterte Fassung eines Aufsatzes in: Farbe und Lack, 56, S. 61); K. Dinklage u. A. Wakolbinger: A. a. O., S. 294. 76 Stadtarchiv Wolfsberg: A 9, 13, 16, 65; Landesarchiv Klagenfurt: Berghauptmannschaft, Buch 756, 766. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 97 langen gehabt. Beim Gärben wurden neun bis fünfzehn Schienen von Mock, einem Nebenprodukt der Stahlerzeugung, unter dem Zainhammer verschweißt, um daraus die Sensenrücken hersteilen zu können, ebenso vier bis sechs Stahlschienen für die Erzeugung der Schneide. Die ganze langwierige Arbeit des Gärbens hatte den Zweck, das von den Hammerwerken in recht ungleichmäßiger Zusammensetzung gelieferte Material zu mischen. Es wurden so kohlenstoffreichere, härtere und kohlenstoffärmere, weichere Lamellen innig verschweißt, wobei nicht nur das Gefüge verfeinert und vorhandene Schlackenreste herausgequetscht werden konnten, sondern vermutlich auch noch durch Zementation ein Ausgleich im Kohlenstoffgehalt der benachbarten Partien erzielt wurde. Sehr wichtig war es dabei, im Endprodukt gerade jenen Kohlenstoffgehalt zu erzielen, welcher für die fertige Sense die beste Schnittfähigkeit ergab. Nach der Gärbung wurden Ruck- und Schneideisen unter dem Zainhammer miteinander verzaint. Anschließend wurden diese Zaine unter dem Breithammer zu Sensenblättern gebreitet. Diese Rohsensen bedurften noch des Abrichtens zwecks Erzeugung größerer Festigkeit gegen eine Beanspruchung auf Biegen und Knicken und des Ausmachens, bei welchem die noch graue Sense gehärtet und schließlich blau gefärbt wurde. Der dritte Schlag, der 1821 Franz Baumgartner für seinen Sensenhammer genehmigt wurde, war ein Kleinhammer, der einmal die ungehärtete graue Sense zu glätten und dann bei der gehärteten blauen Sense Glanz und Politur zu erzeugen hatte. In einer Übersicht vom 23. April 1839 wird er auch ausdrücklich als Polierhammer bezeichnet, während das fünfte Feuer, das Färbfeuer heißt, welches hier vom Abrichtfeuer getrennt erscheint 76 . Franz Baumgartner, der den Blechhammer um 8000 Gulden erworben hatte, veräußerte das Werk nach erfolgtem Aufbau des Sensenhammers am 12. Februar 1822 um 16.000 Gulden an den Wolfsberger Gewerken Karl Stimpfl, der jedoch mit dem Betrieb in Schulden geriet und ihn schließlich am 8. Juli 1833 an die Wolfsberger Gewerken Alois und Josef Offner um 18.000 Gulden abgab. Diese bedeutenden Wolfsberger Unternehmer, vor allem Alois Offner, entwickelten das gemeinschaftliche Sensenwerk zu größerer Bedeutung. An die Stelle der alten, langwierigen Gärbmethode trat das vereinfachte Flammen- gärben. Die aus den Mock- und Stahlgarben gestreckten Schienen wurden nicht mehr getrennt in Rücken- und Schneidgarbe verarbeitet, sondern es kamen nur ganz wenige Schienen von Mock und Stahl zusammen in eine einzige Garbe, wurden verschweißt und zu einer langen Zeugstange ausgeschmiedet, an der die Stahlseite bezeichnet war. Seit 1875 begann man dann statt Gärbstahl zur Sensenerzeugung Tiegelgußstahl, teilweise auch Martin- oder Bessemerstahl zu verwenden. Nach 1897 bezog man dieses Rohmaterial sogar teilweise aus Schweden und Deutschland. Bei den Breithämmern trat eine Vereinfachung durch die Einführung auswechselbarer Hammerkerne ein. Das erleichterte das Schleifen der Hämmer sehr, ermöglichte ein schnelleres Breiten und eine höhere Tagesproduktion. Die Flammöfen wurden mit Glanzkohle geheizt statt mit Holzkohle; 76 J. Zeiti.inger : Sensen, Sensenschmiede und ihre Technik. Jahrbuch d. Ver. f. Landeskunde u. Heimatpflege i. Gau Oberdonau, 91, 1944, S. 91 ff.; Landesarchiv Klagenfurt: Berghauptmannschaft, Buch 582b. 98 Karl Dinklage. an Stelle der Blasbälge führte man Kasten- und Zylindergebläse ein. Das Sensenwerk wurde schließlich mit einer Turbine ausgestattet und die Hämmer wurden mit Transmissionen versehen. Doliermaschinen kamen auf. Das Blaufärben der Sensen geschah nicht mehr über offener Flamme, sondern in eigenen Öfen. Die Härtenpresse verhinderte Faltenbildung in der Struktur der Sensen. I^ackie- JJ V- m. I, m;V<, Sl Bild 15. Grauhämmern der Sensen unter dem Kleinhammer bei Johann Offner zu Wolfsberg. rung wurde im späteren 19. Jahrhundert eingeführt, um die Ware für das Auge des Käufers gefällig herzurichten. Durch Färbung und Lackierung zeichnen sich ja die steirischen Sensen noch heute vor den kärntnerischen grauen Sensen der Himmelberger (legend aus 77 . Die genannten Neuerungen auf dem Gebiete der Sensenerzeugung kamen einer Ausweitung der OFFNERSchen Sensenproduktion in Wolfsberg zugute. Am 28. Juni 1867 ersteigerte nämlich Alois Offner den Prielhammer und gestaltete denselben in der Folge zu einem ansehnlichen Sensenhammerwerk aus. Daneben trat der Stadthammer, von dem er am 22. Juli 1865 ein viertes 77 Landesarchiv Klagenfurt: Berghauptmannschaft, Buch 756, S. 343; Landtafel, Buch 429, S. 400; J. Zeitlinger: A. a. O., S. 114ff. Alte Eisenindustrie im Lavanttal. 99 Sechstel erworben hatte und der schließlich nach seinem Tode (1871) am 15. August 1875 gänzlich in den Besitz seiner Tochter Karoline Martinz überging, immer mehr in den Hintergrund, um schließlich in neuerer Zeit abgebrochen zu werden. Paul Swatek, der Schwiegersohn von Karoline Martinz, und dessen Söhne Paul und Robert sowie deren Neffe Dr. Ernst Swatek entwickelten hingegen den Prielhammer unter der Firma .1. M. Offner zur bedeutendsten Sensenfabrik Österreichs. Johann Offner aber, der Sohn Josef Öffners, des 1862 verstorbenen Besitzers des Eisenhammerwerks Schwemmtratten, und Neffe Alois Öffners, richtete seit 1867 in forschreitendem Maße in diesem Hammerwerk (Bild 16) die Sensenerzeugung (vgl. Bild 15) ein 78 . ***" . ****Sfrl Bild 16. Sensenfabrik Johann Offner in Wolfsberg um 1900. .^9 Schwemmtratten hatte laut der Hammer-, Nagelschmied- und Drahtordnung, welche Kaiserin Maria Theresia am 24. April 1759 dem Herzogtum Kärnten gab, einen Wallaschhammer mit zwei Feuern, einen Zainhammer zum Überzainen der Wallasche, acht Drahtziehen und eine Nagelschmiede mit fünf Stöcken umfaßt sowie laut Konzession vom 18. Dezember 1772 ein Zeug- und ein Ringelschmiedfeuer. 1822 war zur Erzeugung feiner Eisenwaren ein Feinstreckhammer hinzugefügt worden, während die Drahtzieherei und Nägelherstel lung hier aufgegeben und nur mehr an der Schleifen unter St. Jakob weiter betrieben wurde. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Josef Offner an der Schwemmtratten dann die Erzeugung von Stahl aufgenommen und stark entwickelt. Von dieser führte der Weg zur Sensenproduktion. Durch die sich ergebenden Ausfuhrmöglichkeiten nach den Iündern des Ostens bedeutete dieselbe eine gute wirtschaftliche Grundlage. Anfangs erzeugte Johann Offner, der seit dem Tode des Vaters Josef Betriebsleiter und seit 1870 auch Werksbesitzer war, noch den Rohstahl für seine Sensen selbst nach der alten Kärntner Stahlverfrischungsmethode, gab das aber dann zugunsten der ausschließlichen Sensenproduktion auf, als 78 Bezirksgericht Wolfsberg: Grundbuch d. Kat. Ged. Reding, E. Z. 12; Bezirksgericht Klagenfurt: Bergbuch der Eisenwerke des Klagenfurter Kreises, II, F. 917; F. C. Keller: Monographie des Lavanttales, 1902, S. 397. 100 Karl Dinklage : Alte Eisenindustrie im Lavanttal. die moderne Herstellung von Stahl im Tiegelguß-, Bessemer- und Martinverfahren die überlebte Herdfrischerei unproduktiv erscheinen ließ 79 . So hatten sich die beiden ältesten Hammerwerke Wolfsbergs, der Prielhammer und der Schwemmtrattenhammer, nun auf Sensen umgestellt. Der höchste Produktionsstand auf diesem Gebiet wurde mit nahezu 1,000.000 Stück Jahreserzeugung 1913 vor Beginn des ersten Weltkrieges erreicht. Man stellte auch Strohmesser, forst- und landwirtschaftliche Geräte her. Während des Krieges wurden Bajonette erzeugt. Eine weitere fabrikmäßige Produktionsstätte land- und forstwirtschaftlicher Geräte bildet seit 1918 das Zeughammerwerk Leonhard Müller nächst Frantschach. Nach dem ersten Weltkrieg stellte sich das Sensengeschäft wieder stärker ein und nahm beachtliche Formen an, bis durch eine russische Einfuhrsperre seit 1928 das Hauptabnehmerland ausfiel. Die wirtschaftliche Krise der dreißiger Jahre machte sich daher auf dem Gebiete der Sensenerzeugung besonders stark fühlbar. Während des zweiten Weltkrieges konnten viele Sensen in die besetzen Ostgebiete geliefert werden; nach 1945 mußte zunächst der Inlandsbedarf gedeckt werden, bis verschiedene alte Exportverbindungen wieder aufgenommen werden konnten. Doch erkannte Ing. Hans Offner, der seit 6. April 1904 das Sensenhammerwerk Schwemmtratten leitet und seit 11. Juni 1913 dessen Besitzer ist, die Notwendigkeit der Erweiterung seines Produktionsprogramms und nahm daher 1948 die Erzeugung aller Sorten von Stahlgabeln für landwirtschaftliche und industrielle Zwecke auf, mit denen er vorwiegend den Inlandsmarkt bedient. Dieser Maßnahme kommt, wie man heute schon sagen kann, eine ebenso große Bedeutung zu wie der Aufnahme der Sensenproduktion in Wolfsberg im Jahre 1821. Damit ist eine gute Grundlage für eine weitere Entwicklung der eisenverarbeitenden Industrie des Lavant- tales geschaffen, innerhalb deren Hans Offner heute auf eine zweihundertjährige Familientradition zurückblicken kann, nachdem sein Ur-Ur-Großvater Johann Michael Offner am 26. November 1755 den Besitz des Hammerwerkes Schwemmtratten angetreten hat 80 . 79 Landesarchiv Klagenfurt: Landtafel, Buch 446, S. 172, 599; ebenda: Bezirksgericht Klagenfurt, Verlässe, Fasz. 12, Nr. 166 (Nachlaß nach Josef Offner). 80 Lavanttal, Wirtschaftsperle Kärntens, ein Bericht über die geschichtliche und wirtschaftliche Entwicklung des Lavanttales bis zum Jahre 1951, herausgegeben v. Ploetz & Theiss, Wolfsberg, S. 48f.; Landesarchiv Klagenfurt: Bezirksgericht Wolfsberg, Buch 84, Urbar-Nr. 3, K. Dinklage: 200 Jahre Johann Offner, Sensen- und Gabelfabrik, 1755—1955. Mitteilungen und Berichte Technikgeschichtliche Bücherschau. Von Dipl.-Ing. Fritz Sykora unter Mitwirkung von Dr. Kurt Klaudy und Ing. Hans Kominek. Jede wissenschaftliche Forschung muß naturgemäß ins Detail gehen und daher können auch in wissenschaftlichen Arbeiten meist nur relativ kleine Teilgebiete behandelt werden. In der Fülle der Veröffentlichungen droht nun der große überblick verloren zu gehen, da zusammenfassende Arbeiten meist fehlen. Im Gegensatz dazu wird in der „Geschichte der Bauingenieurkunst “ 1 von Hans Straub die Entwicklung dieses Wissenszweiges in seiner Gesamtheit, nicht nur im Zusammenhang mit der Architektur, also der Kunst, sondern auch insbesondere im Zusammenhang mit der Mechanik und Statik gesehen. Das Buch beginnt mit der Antike und stellt vielfach die großen schöpferischen Persönlichkeiten in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Es ist besonders interessant, sich vor Augen zu halten, wie jung — im Vergleich zum Bauingenieurwesen — manche heute selbstverständlichen, scheinbar primitiven Erkenntnisse der Festigkeitslehre sind, welcher genialer Rechnungsmethoden sich die großen alten Baumeister bedienten, aber es überrascht auch oft, daß Männer, deren Werke wir heute noch bewundern, die Berechnungsgrundlagen für diese, offenbar nach — für unsere heutigen Begriffe — falschen Formeln, geschaffen haben. Die Kenntnis des Inhaltes dieses Buches, dessen Bebilderung sorgfältig ausgewählt und instruktiv ist, sollte für den Bauingenieur eine Selbstverständlichkeit sein. Eine weitere Neuerscheinung auf dem Gebiet des Bauingenieurwesens ist „The World’s Great Bridges “ 2 von H. Shirley Smith. Der Titel sagt beinahe zu wenig über den reichen Inhalt. Es handelt sich hier um eine kurzgefaßte, aber weitgespannte Geschichte des Brückenbaues überhaupt. Ein führender britischer Ingenieur erzählt aus seinen reichen Erfahrungen vom Werden der großen Brücken, von den Zwischenfällen bei ihrem Bau, aber auch von alten, längst vergessenen Projekten, auch aus fernen Iündern, wie 1 Hans Straub: „Die Geschichte der Bauingenieurkunst“. Basel 1949, Verlag Birkhäuser. 2 H. Shirley Smith : „The World’s Great Bridges“. London 1953, Phoenix House Ltd. 102 Fritz Sykora. Persien, Indien und China. Die Bilder führen nicht nur das Gigantische dieser Bauten, sondern auch die wahrhaft schwindelerregenden Gefahren hei der Montage vor Augen und erzählen von mancher Katastrophe, die eine Brücke zerstörte. Sie können aber auch von märchenhafter Romantik sein, wie die Nachtaufnahme vom Bau der Bay Bridge in San Francisco. Es ist vielleicht bezeichnend für die englische Einstellung zur Pflege der Technikgeschichte, daß der Generaldirektor des Britischen Industrieverbandes, Sir Norman Kipping, das Vorwort zu F. George Kays „Pioneers of British industry“ 3 geschrieben hat. Das Buch ist eine packende Technikgeschichte, erzählt an Hand von Einzelschicksalen, und zeigt, wie sehr die großen Männer der Technik entscheidend zum wirtschaftlichen Aufstieg ihres Landes beitragen können. Die Darstellung umfaßt die Entwicklung der Energiewirtschaft, der wichtigsten Industriezweige, des Verkehrs und des Nachrichtenwesens im weitesten Sinne des Wortes. Sie ist flüssig geschrieben, mit Episoden belebt und mit sehr vielen ausgesuchten Bildern hervorragend illustriert. Gleichsam zwei Kapitel, aus der vorstehenden Enzyklopädie herausgegriffen und ausführlich beschrieben, sind die beiden englischen Neuerscheinungen „A short history of wool and its manufacture“ 4 von E. Lipson und „Dynasty of Ironfounders“ 5 von Arthur Raistrick. Das erste angeführte Buch gibt einen historischen Überblick über Schafwolle und ihre Erzeugung. Technische Verfahren werden in diesem Buch nur so weit behandelt, als sie zum Verständnis der verschiedenen Rohfaser- und Fertig- produktenkennzeichnung erforderlich erscheinen. Der Schwerpunkt dieser Schrift liegt auf dem Gebiet der Wirtschaftsorganisation und Wirtschaftspolitik. Die scharfen Auseinandersetzungen — Freihandel gegen Schutzzölle, Kartell gegen Einzelunternehmer, den Kampf Agrarwirtschaft gegen Erweiterung des Graslandes— erleben wir über einen den größten Teil der Welt umspannenden Aktionsradius; erstellt doch allein das Britische Imperium von den etwa 750 Millionen Schafen Weltbestand ein Drittel und von den etwa 2 Millionen Tonnen Jahresproduktion an Rohfaser die Hälfte. Das bedeutet eine Macht, wie sie in letzter Zeit nur das Rohöl erlangt hat. Die Pfeilerstellung der Wolle als Textilfaser hat erst in den letzten Jahrzehnten durch die Einführung der künstlichen Faser gelitten. Es mag daher für das Erscheinen dieses Buches der richtige Augenblick gewählt worden sein, weil heute die ganze Evolution dieser Produktionssparte von der Einführung des Merinoschafes nach Spanien durch die Mauren bis zur modernen Kunststoffchemie durch Polymerisation von Molekülverbänden niederer Ordnung zum höchstwertigen Ersatzstoff überblickt werden kann. In der „Dynasty of Ironfounders“ wird die Geschichte der Darbys erzählt. Hätten die hier beschriebenen fünf Generationen von Eisengießern vor 1700 gelebt, dann wäre ihre Familienchronik wohl nie in Buchform erschienen. 3 George Kay : „Pioneers of British industry.“ London 1952, Rockliff. 4 E. Lipson : „A short history of wool and its manufacture.“ London 1953, William Heinemann. 3 Arthur Raistrick : „Dynasty of Ironfounders.“ London 1952, Longmans, Green and Co. 1 Technikgeschichtliche Bücherschau. 103 Die Geschichte dieser Eisenproduzenten beginnt aber mit dem 18. Jahrhundert, mit dem Einsetzen der industriellen Revolution, und so erleben wir die Technikgeschichte von 250 Jahren nicht als bloßen Dokumentenbericht, sondern als einen von Generation zu Generation immer zäher geführten Kampf des Menschen mit dem in der Kohlenglut erschmolzenen Werkstoff Eisen, ohne den vieles, was wir heute als technische Großtat bewundern, einfach undenkbar wäre. — Ein Thomas Newcomen erfindet die atmosphärische Maschine, eine Vorläuferin der Dampfmaschine; gußeiserne Dampfzylinder in immer größerem. Ausmaß und steigender Anzahl werden gebraucht; Zylinderbohrmaschinen mußten geschaffen werden; James Watt führt die Kondensationsdampfmaschine ein, die erste Lokomotive taucht auf und damit die Forderung nach gußeisernen Gleisschienen. Die erste gußeiserne Brücke wird gebaut, Kohle als Brennstoff für den Schmelzofen genügt nicht mehr, die Verwendung von Koks wird versucht. All dies erleben wir in historischer Treue zwischen den engbeschriebenen Kolonnen der Werkshuchhaltung und wohlgeordneten Geschäftskorrespondenz im Goalbrookdale Werk, alle Erfolge und Mißerfolge, Freuden und Enttäuschungen. Die Darbys waren Quäker und wie viele von ihnen von hoher Moral und strengem Verantwortungsbewußtsein erfüllt, auch dann, wenn es die Wertung der Leistungen aus der Vergangenheit galt. Aus dieser Einstellung heraus werden wir manches verstehen, was uns in diesem Buch altmodisch, ja primitiv anmutet, für den Engländer aber die liebevolle Pflege der von den Voreltern überlieferten Güter und Gewohnheiten bedeutet, der Tradition in reiner Form. Auch in Österreich gehört die Eisengewinnung zu den alteingesessenen Produktionszweigen. „Die technische Entwicklung des österreichischen Eisenwesens“ 0 wurde vom Grazer Joanneum in einer Bildserie veröffentlicht, die als Unterrichtsbehelf gedacht ist. Die gewählte neuartige Darstellung macht sie für alle Schulstufen geeignet. Ein eindrucksvolles Bild vom Stande der alten Goldschmiedekunst vermittelt, wenngleich nur als Nebenzweck, mit zahlreichen guten Photographien illustriert, das Buch über „Die Krone des Heiligen Stephan“/ Diese ist nicht nur ein christliches Kleinod, der kostbarste Schatz der ungarischen Nation und von eminent kunstgeschichtlicher Bedeutung, sie ist auch von ungeheurem historischem Wert, da wir sonst nur sehr dürftige Zeugnisse von der Entstehung des ungarischen Königtums besitzen. „Aber sie ist stumm, keine Inschrift kündet die Herkunft ihrer alten Bestandteile.“ Daher ist es für den Historiker besonders aufschlußreich, die Herkunft derselben zu erforschen. Einen ausgezeichneten Beitrag zu dieser Aufgabe liefert mit hervorragender wissenschaftlicher Exaktheit die nun vorliegende Arbeit von Mathilde Uhlirz, die als Band XIV der Veröffentlichungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung erschienen ist. B Kulturgeschichtliche Gesellschaft ani Steiermärkischen Lainlesinuseum Joanneum. Kulturgeschichtlicher Bilderbogen II. „Die Technische Entwicklung des österreichischen Eisenwesens“, 1. Teil. Nr. 1—8. Redaktion, Bilder und Text Oberingenieur Dipl.-Ing- Wilhelm Schuster. Graz 1953, Joanneum. 7 Mathilde Uhlirz : „Die Krone des Heiligen Stephan, des ersten Königs von Ungarn “ Graz-Wien-München 1951, Stiasny G. m. b. H. 104 Fritz Sykora. Wohl selten kommen in einer Druckschrift so viele namhafte Wissenschaftler zu Wort wie in dem „Ideen aus Österreich“ betitelten „Almanach 1954 des Notringes der wissenschaftlichen Verbände Österreichs“. 8 In 71 Beiträgen wird ein Querschnitt durch das geistig-wissenschaftliche Schaffen Österreichs gegeben. Es wäre zu wünschen, daß der Inhalt dieses Almanachs möglichst weiten Kreisen bekannt würde, um sie mit dem hohen Niveau und der Vielseitigkeit der österreichischen Wissenschaft bekannt zu machen. Weit über den Rahmen einer bloßen Aufzählung hinausreichend und daher sicherlich erwähnenswert ist der „Katalog über die Automobil- und Motorradsammlung der technischen Abteilung im United States National Museum“. 9 Zum Unterschied von den vielen Büchern über die Entwicklung des Automobils, die, wie immer gewissenhaft in der Auswertung der historischen Unterlagen, schon aus Gründen des in einem bestimmten Lande noch vorhandenen und zugänglichen Materials nicht immer übereinstimmen, besonders dann, wenn es um die Feststellung der Priorität einer Erfindung geht, haben wir hier einen sachlichen Bericht über die im Smithsonian Institut zur Schau stehenden historischen Wagen, mit Patentschriften und beglaubigten Dokumenten belegt, wodurch jede Type, jede Jahreszahl auch einen vor dem Weltforum bestehenden Wert erhält. Nach kurzem überblick über die Entwicklung des Dampfwagens, der, wenn wir dem Praktiker die Palme reichen wollen, mit der Konstruktion des Franzosen Oug- not aus dem Jahre 1769 beginnt, erleben wir die bekannten Namen Murdoch, Trevithick (alles Maschinen, die im Pariser Conservatoire National bzw. im Londoner Science-Museum aufbewahrt werden) und den für uns Österreicher in der ausländischen Literatur oft vermißten, in diesem Heft aber voll anerkannten Siegfried Marcus mit seiner Gasmaschine aus dem Jahre 1864 und dem ersten benzinbetriebenen Wagen von 1875. Von da an befaßt sich die Sammlungsbeschreibung eigentlich ausschließlich mit amerikanischen Automobilen. In der bekannten Reihe der Schlern-Schriften bildet das „Jenbacher Buch“ 10 einen schönen und interessanten Beitrag zur Heimatkunde Tirols. Es besteht aus einer Zusammenstellung von 30 Referaten, die die einzelnen Wirtschafts-, natur- und kulturgeschichtlichen Teilgebiete behandeln. Von technikgeschichtlicher Bedeutung sind neben den bautechnischen Abschnitten die Kapitel über das Achenseewerk, die Sensenschmiede, das Jenbacher Werk, das Jenbacher Hüttenwerk und den Bau und die Neuentwicklung der Zillertal-Bahn. Von gleicher Provenienz ist auch das „Haller Buch“, * 11 das anläßlich der 650-Jahrfeier der Stadterhebung von Hall herausgegeben wurde. Besonders zu er- 8 „Ideen aus Österreich.“ Notring-Almanach 1954. Wien 1954, Verlag des Notringes der wissenschaftlichen Verbände. 9 „Catalog of the automobile and motorcycle collection of the division of engineering United Staates National Museum.“ Washington 1950, Smithsonian Institution. 10 „Jenbacher Buch.“ Beiträge zur Heimatkunde von Jenbach und Umgebung. Innsbruck 1958, Universitäts-Verlag Wagner. 11 „Haller Buch.“ Festschrift zur 650-Jahrfeier der Stadterhebung. Innsbruck 1953, Universitäts-Verlag Wagner. Technikgeschichtliche Bücherschau. 105 wähnen im Rahmen dieser Bücherschau ist die darin enthaltene Geschichte der Haller Münze vom Jahre 1450 bis zu ihrer Aufhebung im Jahre 1805. Einen Beitrag zur jüngsten Industriegeschichte dagegen liefert Fritz Ter Meer mit seinem Bericht über eines der größten Industrieunternehmen der Welt, die I. G. Farben. 12 Es ist sicherlich von Interesse, ihre Entwicklung von ihren ersten Anfängen als Folge eines Memorandums aus dem Jahre 1903, das Carl Duisberg (ein damaliges Vorstandsmitglied der Farbenfabrik Bayer) nach einer Amerikareise verfaßt hat, bei der er unter anderem die Trustbildung studierte, bis zu ihrer Auflösung auf Grund einer Verordnung der Militärregierung zu verfolgen. Das Buch führt in wirklich ausgezeichneter Weise die Betriebsführung, die Fabrikationssparten und ihre Entwicklung, den Aufstieg und zwischen den Zeilen auch die Gründe für den Aufstieg vor Augen. So waren z. B. von den 3750 Akademikern rund 1000 mit Forschungs- und Entwicklungsarbeiten beschäftigt. Für die soziale Einstellung seien die Worte einer maßgebenden Persönlichkeit der I. G. Farben zitiert: „Ich sehe eine viel größere moralische Verpflichtung darin, den 125.000 Menschen ... eine gesicherte Existenz zu gewährleisten, als ... einfach immer wieder Dividenden auszuschütten soweit als möglich.“ Der Zweck des Buches, der vollkommen erfüllt wird (mag man zur I. G. Farben stehen wie man will), ist am Ende formuliert: Es sollte offen klargestellt werden, welche Bedeutung dieses Industrieunternehmen durch seine Fortschritte auf wissenschaftlichem, technischem und sozialem Gebiet für die ganze Welt hatte. Von den neu erschienenen Biographien ist besonders spannend und packend die des amerikanischen Großindustriellen Walter P. Chrysler . 13 In Form eines Erlebnisberichtes wird in diesem Buch sein Aufstieg vom Kehr jungen in einer Lokomotivwerkstätte über den Schlosserlehrling bis zum Autofabrikanten erzählt. Das Geheimnis seines Erfolges? Dieser Mann hatte ein ungeheuer feines Gefühl für das, was man eine Chance zu nennen pflegt. Und er hat jede seiner Chancen wahrgenommen, wobei er persönlich oft das größte Risiko in Kauf nahm. Aber seiner Verantwortung für das ihm an vertraute Vermögen war er sich jederzeit bewußt. Immer war er auf der Suche nach besseren Fabrikationsmethoden, stets kaufte er die besten Werkzeugmaschinen. Die amerikanische Originalausgabe trägt die Widmung „Für Deila“. Und diese seine Frau und Weggefährtin war es auch, die ihm Rückhalt und Ansporn in jeder Lage seines Lebens gab. Wir erleben nicht nur Chryslers meteorhaften Aufstieg, sondern auch die Krise, die seine Fabrik durchzumachen hatte und bei der er in allen Abteilungen einschneidende Einschränkungen vorgenommen hat, mit einer Ausnahme: das Budget der Forschungsabteilung wurde nie gekürzt. Chrysler schreibt darüber: „Jeder moderne Industrielle weiß und wird verstehen, warum das so sein muß.“ Es wäre wohl wünschenswert, daß dieser Grundsatz eines amerikanischen Geschäftsmannes auch in mehr europäischen Großunternehmen Eingang finden würde. 12 Fritz Ter Meer : „Die I. G. — Farben-Industrie-Aktiengesellschaft, ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung.“ Düsseldorf 1953, Econ-Verlag. 13 Walter P. Chrysler, in Zusammenarbeit mit Boyden Sparkes : „Mein Weg und Aufstieg.“ Hattingen 1950, Hundt-Verlag. 106 Fritz Sykora. Die Ergebnisse der modernen Forschung haben einen Umsturz im Weltbild der Physik 14 hervorgerufen und die Schöpfer dieses neuen Weltbildes versucht uns Hans Hartmann in einer Reihe von kurzen Biographien näherzubringen. Er berichtet in diesem ausgezeichneten Ruch von den großen Physikern des 20. Jahrhunderts, von Bohr, de Brogue, Curie, Einstein, Heisenrerg, Laue, Marconi, Planck, Röntgen und Rutherford. Wir erleben den Aufstieg und Erfolg, aber auch den Kampf und das oft tragische Schicksal jedes einzelnen dieser Forscher. Es berührt sehr angenehm, daß jeweils ein großes Augenmerk der menschlichen Seite der einzelnen Persönlichkeiten zugewendet wird. Schließlich wäre hier noch eine, nicht nur Technikern gewidmete, Biographiensammlung zu erwähnen: „Tiroler Köpfe" 15 von Karl Paulin. Der Verfasser hat in dieser Publikation natürlich auch die bedeutenden Männer der Wissenschaft und Technik seines Landes aufgenommen: Peter Anich, Kartograph, Josef Madersperger, Erfinder der Nähmaschine, Peter Mitterhofer, Pionier der Schreibmaschinenindustrie. Jedes Kapitel ist ein Stück Kulturgeschichte aus Tirol. Es ist interessant, wie leicht man schon allein auf Grund der erschienenen Festschriften die Gründerzeit oder das Aufblühen eines Industriesektors an Hand von gleichzeitigen Jubiläen gleichartiger Unternehmen festzustellen vermag. Man staunt immer wieder über das Alter mancher Firmen und wundert sich jedes Mal von neuem über das verhältnismäßig kurze Bestehen dieses oder jenes heute so selbstverständlichen Industriezweiges. Der Senior unter den diesmaligen Jubilaren ist die Wiener Zeitung. Vor rund einem Vierteljahrtausend, am 8. August 1703, erschien die erste Nummer des „Wiennerischen Diariums“, das seit 1870 „Wiener Zeitung“ heißt. Anläßlich dieses Jubiläums hat diese älteste bestehende Zeitung Europas eine Festschrift 16 herausgegeben, in der ihre Geschichte erzählt wird, die eng verbunden ist mit der Geschichte Österreichs, so eng, daß sie, wie der Bundespräsident in seinem Geleitwort sagt, „verschwand, als es kein Österreich mehr gab, aber alsbald wieder zur Stelle war, als Österreich wiedergeboren wurde“. Darüber hinaus finden wir in dieser Festausgabe aus berufener Feder zusammenfassende Artikel über alle Gebiete, mit der die Zeitung zu tun hat, wobei natürlich auch die Technik nicht vergessen ist. Diese Jubiläumsausgabe gibt einen Querschnitt durch Österreich und sein Schaffen, und enthält zahlreiche historische Rückblendungen. Alteingesessen ist in Österreich auch die Papierfabrikation. Es zeugt vom Ansehen und von der Beliebtheit von Emii. Linhart, daß die Neusiedler A. G. den 70. Geburtstag ihres Generaldirektors zum Anlaß nimmt, ihre Firmen- 14 Hans Hartmann : „Schöpfer des neuen Weltbildes.“ Große Physiker unserer Zeit. Bonn 1952, Athenäum-Verlag. 15 Karl Paulin : „Tiroler Köpfe.“ Innsbruck 1953. Universitäts-Verlag Wagner. 16 „250 Jahre Wiener Zeitung.“ Wien 1953, Druck und Verlag der österreichischen Staatsdruckerei. 17 „Aus der Geschichte der Neusiedler Aktiengesellschaft für Papierfabrikation.“ Wien 1953, Selbstverlag. Technikgesehichtliohe Biicherschau. 107 geschickte zu veröffentlichen. 17 Nach einem Überblick über die Anfänge der Papiermacherei in Niederösterreich wird über die trotz großer Widerstände 1793 erfolgte Gründung der Neusiedler Papierfabrik und ihre Weiterentwicklung sowie den Erwerb und die Entstehung der anderen Werke dieses Unternehmens berichtet. Das Buch ist geschmackvoll ausgestattet und mit zahlreichen, zum Großteil farbigen Bildern illustriert. Auf eine ebenfalls außerordentlich lange Bastandzeit — 150 Jahre — kann die bekannte Firma Zaberndruck 18 zurückblicken. — „Ein schmaler Band — auf wenigen Seiten zusammengefaßt, was dem Chronisten der Mitteilung wert erschien, in einer schnellebigen Gegenwart“, so wird im Nachwort die Werkgeschichte wohl treffend charakterisiert. Trotzdem oder gerade dadurch beweist diese altrenommierte Druckerei, was eine — wie in diesem Falle — außergewöhnlich geschmackvolle Ausstattung auch auf weidgen Seiten zu leisten vermag. Gleich alt wie das vorgenannte Unternehmen sind die GEORG-FiscHER-Werke in Schaffhausen, die sich mit dem Bau eines der bedeutendsten Elemente der modernen Verkehrsmittel befassen: mit dem Bau von Rädern. Das Rad ist dem modernen Menschen so selbstverständlich geworden, daß er es überhaupt rächt mehr beachtet. Man vergißt ganz, daß auch gerade das Rad eine Jahrtausende alte Geschichte hat, daß auch dieser älteste Diener der Menschheit konstruktive Probleme zu lösen gab und gibt. All diese Belange werden in vorbildlicher Weise in der Jubiläumsausgabe der GEORG-FiscHER-Werke 19 dargestellt, wobei natürlich der Entwicklung des Rades in der Firma und der Firmenentwicklung selbst ein besonderer Platz eingeräumt ist. Das Buch ist in der gewohnt vornehmen Ausführung der schweizerischen Jubiläumsausgaben gehalten und durch zahlreiche wertvolle Bilder belebt. Anläßlich des 100jährigen Bestehens haben die Handelskammern von Kärnten, Oberösterreich, Tirol und Vorarlberg Darstellungen der Wirtschaftsgeschichte ihres Bundeslandes herausgegeben. Die Vorarlberger Handelskammer, 20 die älteste unter den Jubilaren, gliederte ihr Buch in drei Teile. Der erste Teil ist der Geschichte der Handelskammer selbst gewidmet, der zweite Teil behandelt die Organisation der gewerblichen Wirtschaft Vorarlbergs nach 1945 und der dritte und weitaus größte Abschnitt dieses Buches, der mit reichem statistischen Material ausgestattet ist, die Struktur und Bedeutung der gewerblichen Wirtschaft in Vorarlberg. Es ist wohl interessant, zu erwähnen, daß der derzeitige Handelskammerpräsident ein Urenkel des Gründers der Vorarlberger Handelskammer ist. 18 „Einhundertfünfzig Jahre Zaberndruck.“ Mainz 1952, Selbstverlag. 19 „Aus der Entwicklung der Räder für Lastwagen und Omnibusse.“ Bearbeitet von Dipl.-Ing. H. Buss- Schriftenreihe zum 150jährigen Bestehen der Georg-Fischer-Werke. Schaff hausen 1952, Georg-Fischer-Werke. 20 „100 Jahre Handelskammer und gewerbliche Wirtschaft in Vorarlberg.“ Bearbeitet von Josef Sinz unter Mitwirkung von Bruno Karrer, Hans Nägele und Theodor Veiter. Herausgegeben von der Kammer der gewerbl. Wirtschaft in Vorarlberg. Feldkirch 1952, Verlag Franz Unterberger. Technikgeschichte, 16. Heft. 8 108 Fritz Sykora. I>ie Tiroler Fe.stausgabe 21 ist in drei Bänden erschienen. Der erste Band enthält in 23 Abhandlungen Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Tirols, der Band 2 die Kammergeschichte selbst und der dritte Band die gewerbliche Wirtschaft in Tirol in den letzten Jahrzehnten. Dieser ist auch mit reichlichem Zahlenmaterial versehen. Außerordentlich lebendig ist die Wirtschaftsgeschichte des Landes Oberösterreich 22 gehalten. Der erste Band mit dem Titel „Werden, Wachsen, Reifen“ beginnt mit der Frühzeit und endet mit dem Revolutionsjahr 1848. Der zweite Band „Männer, Mächte und Betriebe“ schildert die Entwicklung bis zur Neuzeit. Es wird die Entwicklung der Wirtschaft Österreichs in Verbindung mit dem Schicksal der sie gestaltenden Menschen erzählt und damit leistet dieses Buch auch als biographisches Werk einen wertvollen Beitrag zur Technikgeschichte. Im wahren Geist wissenschaftlicher Forschung entstand auch die Festgabe der Kärntner Handelskammer, 23 die in aufschlußreicher Weise das Werden der gewerblichen Wirtschaft von der Vorzeit bis zur Gegenwart sowie die industrielle Entwicklung in Kärnten behandelt. Mit zahlreichen Bildern lebendig illustriert, kann das Werk als Musterbeispiel für derartige Festschriften hingestellt werden. Sämtliche vorerwähnten Festschriften sind hervorragend ausgestattet, ihre Kenntnis ist für jeden, der sich mit der Materie eingehend zu befassen gedenkt, unerläßlich; sie sind darüber hinaus aber auch noch eine Fundgrube für den auf diesem Gebiet bereits versierten Fachmann. In wahrhaft vornehmer Gesinnung gegenüber Österreich und gegenüber dem Menschen ist die Festschrift der Perlmooser Zementwerke 24 abgefaßt. Darin ist nicht nur die Entwicklung der einzelnen Werke beschrieben, sondern es sind auch einige Arbeiten über die Geschichte des Zements an sich darin enthalten. Daneben finden wir auch Beiträge über die technische Ausgestaltung der Werke, über das Versuchswesen der Zementindustrie, ihre Bedeutung für die gesamte Wirtschaft und über die Formgebung im neuzeitlichen Stahlbetonbau. Besonders angenehm fällt auf, daß ein Aufsatz dem Sozialdienst der Perlmooser gewidmet ist, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht. 21 „Tiroler Wirtschaft in Vergangenheit und Gegenwart.“ Festgabe zur Hundertjahrfeier der Tiroler Handelskammer. Bd. I: „Beiträge zur Wirtschaft und Sozialgeschichte Tirols.“ Geleitet von weil. Hermann Gerhardinger und Franz Hüter ; Band II: „Kammergeschichte.“ Geleitet von weil. Hermann Gerhardinger, Franz Egert und Franz Hüter; Bd. III: „Die gewerbliche Wirtschaft in Tirol. Tatsachen und Probleme.“ Von Adolf Günther. Innsbruck 1953, Univ.-Verlag Wagner. 22 „Wirtschaftsgeschichte des Landes Oberösterreich.“ Herausgegeben im Auftrag der Kammer der gewerbl. Wirtschaft für Oberösterreich von Vinzenz Kotzina. Bd. I: Alfred Hoffmann: „W T erden, Wachsen, Reifen“; Bd. II: Erich Maria Meixner: „Männer, Mächte, Betriebe.“ Salzburg 1952, Otto Müller Verlag; Linz 1952, Verlag F. Wintersche Buchhandlung H. Fürsteiberger. 2S „Kärntens gewerbliche Wirtschaft von der Vorzeit bis zur Gegenwart.“ Herausgegeben von der Kammer der gewerbl. Wirtschaft für Kärnten. Gestaltet von Karl Dinklage und Alfred Wakolbinger. Klagenfurt 1953, Verlag Johann Leon sen. 24 „80 Jahre Perlmooser Zement.“ Sondernummer der Perlmooser Betriebszeitung. Wien, Dezember 1952, Selbstverlag. Technikgeschichtliche Bücherschau. 109 Eine jener Kleinigkeiten, deren sich der moderne Mensch überhaupt nicht mehr bewußt wird, obwohl sie seine Umwelt maßgebend mitgestalten, ist der Putz des Bauwerkes. Ein führendes Unternehmen der Putzindustrie, die „Terra- nova“, 25 hat nun anläßlich des 60jährigen Bestehens der Terranova-Industrie überhaupt und zugleich des 25jährigen Bestehens der österreichischen Fabrik eine sehr schöne, umfangreiche Broschüre herausgegeben, die neben einem überblick über die Werksgeschichte auch eine „Rückschau und einen Ausblick auf die Technologie der Terranova-Putzmörtel“ gibt, wobei auch die Anwendung für künstlerische Zwecke — Sgraffito, Fresko und Fresko-Secco — behandelt wird; der Text ist durch zahlreiche Bilder belebt. Die Definition des Begriffes Terranova- Putzmörtel ist in die Form eines heiteren technischen Feuilletons gekleidet. Den beginnenden Aufschwung der Elektroindustrie um 1900 belegen die zahlreichen 50 Jahr-Festschriften der einschlägigen Unternehmungen. Wohl selten ist die Geschichte eines Industrieunternehmens so eng verbunden mit der Geschichte seines Industriezweiges wie bei den Siemens-Schuckert-W erken. 26 Ihre umfangreiche Jubiläumsgabe ist der Entwicklung der Starkstromtechnik gewidmet und schildert in den ersten Kapiteln den Lebenslauf der leitenden Männer, die zu den hervorragendsten Pionieren auf elektrotechnischem Gebiete zählen. Eine Arbeit behandelt in allumfassender Zusammenschau die Bedeutung der Geschichte der Technik für die Geschichte der Menschheit. Es folgen Abschnitte über den Aufbau, die Zerstörung und den Wiederaufbau der Werke des Konzerns, über ihr Erzeugiingsprogramm, ihre Forschungslaboratorien — die Siemens-Schuckert- Laboratorien gehören zu den angesehensten wissenschaftlichen Instituten der Welt — und über die Tagesfragen der Starkstromtechnik. Das Buch ist in Gestaltung und Ausstattung des Rufes der Firma, die es herausgegeben hat, würdig und reicht in seiner fachlichen Bedeutung weit über den Rahmen einer Jubiläumsschrift hinaus. Ein Sonderlob gebührt den wiedergegebenen Meisterwerken der Farbphotographie. Desgleichen hat eine andere bekannte Elektrofirma, die bedeutendste Erzeugungsstätte für elektrische Zähl- und Meßgeräte in der Schweiz, die Landis & Gyr A. G. 27 in Zug, allerdings mit einiger Verspätung — ihr 50jähriger Bestand fiel in das Jahr 1946 — ein äußerst vornehm ausgestattetes Jubiläums werk herausgegeben. Es verdient vermerkt zu werden, daß davon nur 2000 numerierte Exemplare existieren. Das Buch behandelt die Entwicklung und Organisation der Firma und man sieht, welche Bedeutung auch hier, wie in jedem gut geführten Großunternehmen, der Forschungsabteilung beigemessen wird. In weiteren Arbeiten werden aktuelle Probleme des Erzeugungsprogramms, der Regelund Meßtechnik, behandelt. Ganz besonders hervorzuheben sind wiederum die reproduzierten Farbphotos, die nicht nur technische Sujets zum Vorwurf haben, 25 „60 Jahre Terranova 1893—1953.“ Rückschau und Ausblicke auf die Technologie der Putzmörtel. Wien 1953, Selbstverlag. 26 „Die Entwicklung der Starktstromtechnik bei den Siemens-Schuckert-Werken.“ Herausgeber SSW. A. G., Berlin-Erlangen 1953, Selbstverlag. 27 „50 Jahre im Dienste der Messung elektrischer Energie.“ Jubiläumsschrift der Landis & Gyr A. G. Zug 1951, Selbstverlag. 8 * 110 Fritz Sykora. sondern auch die Stimmung in manchem verborgen scheinenden Winkel des entzückenden Städtchens Zng in hervorragender Weise einfangen. Gleichzeitig mit der Entstehung der elektrischen Großfirmen begann man in den großen Städten die ersten elektrischen Straßenbahnen zu bauen und im Jahre 1903 erfolgte auch in Wien die Gründung der stadteigenen Verkehrsbetriebe 28 unter Bürgermeister Lueger. Zur 50Jahr-Feier haben die Wiener Stadtwerke eine kurzgefaßte Geschichte der Entwicklung des städtischen Verkehrswesens in Wien veröffentlicht und aus dem gleichen Anlaß wurde eine Ausstellung im Technischen Museum in Wien veranstaltet, die viel Anklang fand. Reiche Bebilderung beleben die Festschrift. Aber nicht nur Großunternehmen wurden um diese Zeit gegründet, es begann sich vielmehr auch das Elektro ge wer he organisatorisch zusammenzuschließen. Als um die Jahrhundertwende die Elektroinstallation ein Monopol der Fabriken und Elektrizitätswerke zu werden schien, gründete im Jahre 1902 Georg Montanus in Frankfurt sozusagen als Reaktion darauf den Verband deutscher Elektroinstallationsfirmen, um diesem Gewerbezweig einen gewissen Rückhalt zu verleihen. Der Zweck der Gründung wurde voll erreicht und Georg Montanus wurde so zum „Vater des deutschen Elektrohandwerks“. In Würdigung der Bedeutung Montanus’ und des VI)E hat nun der Bundesinnungsverband die Festschrift „50 Jahre deutsches Elektrohandwerk“ 29 herausgegeben. Diese behandelt in sehr ausführlicher Weise den Werdegang und die Wandlungen seiner Organisation und die Stellung in der übrigen elektrischen Industrie. Den Abschluß bildet eine kurze Geschichte des Elektromotors. Ebenfalls vor einem halben Jahrhundert fand ein für die Technikgeschichte besonders bedeutendes Ereignis statt: die Gründung des Deutschen Museums in München. Anläßlich dieses Jubiläums hat Geheimrat Zenneck 30 eine Geschichte des weltberühmten Instituts veröffentlicht. Darin wird sowohl die Gründung und das Wachsen in baulicher und gestaltungstechnischer Hinsicht als auch die organisatorische Entwicklung und der vielfache Zweck dieser Institution eingehend beschrieben. Das Buch enthält einen reichhaltigen Bildanhang über Sammlungsgegenstände, Ausgestaltung der Sammlungen und die leitenden Männer. Gleichzeitig erschien ein Bildbericht über den Wiederaufbau des Deutschen Museums von Rorert Poeverlein. 31 In zahlreichen Bildern wird die Gestaltung des Museums vor dem Kriege, seine Zerstörung und die Neugestaltung gezeigt. Man sieht, daß in der modernen Ausstellungstechnik eine ästhetische Gliederung und zahlenmäßige Beschränkung der Ausstellungsgegenstände an Stelle einer unübersichtlicheren Vielfalt von Objekten getreten ist. Dadurch wird das Augen- 20 „50 Jahre stadteigene Verkehrsbetriebe Wiens.“ Zusammenstellung: E, Görg. Bearbeitung: F. Frank: Wien 1953, Wiener Stadtwerke — Verkehrsbetriebe. 29 „50 Jahre deutsches Elektrohandwerk.“ Herausgegeben im Auftrag des Bundesinnungsverbandes des Elektrohandwerkes. Frankfurt a. Main 1952, Selbstverlag. 30 Jonathan Zenneck: „50 Jahre Deutsches Museum“ München 1953, Deutsches Miiseum. 31 Robert I'oeverlein: „Der Wiederaufbau des Deutschen Museums.“ München 1953, Deutsches Museum. Technikgeschichtliche Bücherschau. Ill merk des Besuchers auf das Wesentliche konzentriert, während er früher von der Fülle des Gebotenen vielfach nahezu erschlagen wurde. Man hat nach diesen Bildern den Eindruck, daß das neugestaltete Museum einen Fortschritt gegenüber den früheren Sammlungen darstellt. Desgleichen ist zum Geburtstag des Deutschen Museums eine überaus launige, in Versform abgefaßte Werbeschrift von Eugen Roth 32 und E. M. Cordier herausgegeben worden. Die Zeichnung ist die Sprache des Ingenieurs und entsprechende Zeichengeräte sind die selbstverständliche Voraussetzung für eine einwandfreie Darstellung. Die bekannte Firma Kuhlmann hat anläßlich ihres 50jährigen Bestehens eine hervorragend ausgestattete Geschichte des technischen Zeichnens, von Franz Maria Feldhaus 33 verfaßt, herausgegeben. Die einzelnen Zeichengräte und Materialien sind getrennt in ihrer geschichtlichen Entwicklung behandelt — auch auf das Radieren wurde nicht vergessen —, ein Kapitel ist der Geschichte des Ingenieurs schlechthin gewidmet. Man staunt über die Ausführung alter Zeichnungen ebenso wie man sich über manches kuriose Gerät oder die frühzeitige Erfindung von Spezialbehelfen wundert. Am Schluß lernt man einige hervorragende, aber wenig verbreitete moderne Hilfsmittel kennen, wie z. B. die Perspektivzeichenmaschine. Als um die Jahrhundertwende die Automobile mit dreißig und mehr Stundenkilometern die Straßen „durchrasten“, begann die Staubplage zu einem sehr ernsten Problem zu werden. Um ihrer Herr zu werden, begann man — zuerst in Monaco — Straßen zu teeren. Aber schon bald darauf experimentierte in Wien Hans Felsinger 34 mit entwässertem Teer und konnte bereits 1902 in der Nibelungengasse das erste Versuchsstück fertigstellen, das einen absoluten Erfolg darstellte und dem bald eine große Anzahl von wesentlich umfangreicheren Aufträgen folgte. Zugleich ist es 60 Jahre her, daß diese Firma den ersten „papierenen Teich“, die Abdichtung eines Bassins mit Teerpappe und Holzzement erfolgreich ausführen konnte. Dasselbe System wurde später bei dem allen Wienern bekannten Hochstrahlbrunnen angewandt, und zwar mit Erfolg, entgegen der Ansicht vieler Fachleute. Die Festschrift der Firma Felsinger ist humorvoll geschrieben und mit ebenso humorvollen Bildern illustriert. Die Diesel-Fernlastzüge sind aus dem heutigen Verkehrsbild nicht mehr wegzudenken. Jedoch sind es erst 30 Jahre her, seitdem zum ersten Male von der Firma Benz & Co. 35 ein Diesellastwagen ausgestellt und zum Kauf angeboten wurde. Es waren erhebliche konstruktive Änderungen notwendig, um den Dieselmotor für das Fahrzeug brauchbar zu machen. (So war es beispielsweise damals noch üblich, bei den stationären Dieseln Druckluft zur Zerstäubung des Brenn- 32 Eugen Roth und E. M. Cordier : „Unser Deutsches Museum“. München 1953, 33 Franz Maria Feldhaus : „Geschichte des technischen Zeichnens.“ Herausgegeben anläßlich des 50jährigen Bestandes der Firma Kuhlmann K. G. in Wilhelmshaven 1953. Oldenburg 1953, Stalling. 34 „50 Jahre Teerstraßen in Österreich.“ Wien 1953, Franz Felsinger, Selbstverlag. 35 „30 Jahre Mercedes-Benz-Diesel-Lastwagen.“ Zur Geschichte des Fahrzeug-Diesel- Motors. Zusammengestellt von Paul Siebertz. Stuttgart-Untertiirkheim 1953, Daimler- Benz A. G. 112 Fritz Sykora. Stoffes zu Hilfe zu nehmen). Diese Adaptierung und Entwicklung des Fahrzeug- motors aus dem Industriemotor beschreibt in überaus lebendiger Weise Paul Siebertz in dem Buch „30 Jahre Mercedes-Benz Diesel-Lastwagen“, dessen interessanter Textteil durch einen sorgfältig ausgewählten Bildteil harmonisch ergänzt wird. Anläßlich der Eröffnung des Trinkwasser- und Kraftwerkes Mühlau haben die Stadtwerke Innsbruck im Mai 1953 eine Festschrift 36 herausgegeben, in der sowohl die Anlagen als auch der Bau und die hygienischen und biologischen Verhältnisse dieses Werkes ausführlich dargestellt werden. Die Bedeutung dieses Wasser- und Elektrizitätsversorgungswerkes wird erst richtig klar, wenn man bedenkt, wie sehr in anderen Städten die Versorgung mit annähernd gutem Trinkwasser auf größte Schwierigkeiten stößt, während Innsbruck in der umgebenden Bergwelt nicht nur über bestes Wasser verfügt, sondern durch Ausnützung des Niveauunterschiedes der Wasserfassungen gegenüber den Trinkwasserspeiehern aus diesem Wasser darüber hinaus noch ein Viertel des Energiebedarfes decken kann. Gelegentlich der 135. Hauptversammlung des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute ist die Zeitschrift „Stahl und Eisen“ 37 wiederum in wesentlich erweitertem Umfang erschienen. Das vorliegende Heft enthält, von bekannten Fachleuten geschrieben, Beiträge über aktuelle Probleme der Eisen- und Stahlherstellung sowohl vom theoretischen, als auch vom praktisch-fabrikatorischen Standpunkt aus gesehen. Wegen ihres schon langjährigen Bestehens gibt die Zeitschrift in ihrer Gesamtheit zugleich einen guten Überblick über die Geschichte der Eisen- und Stahlherstellung im letzten Dreivierte]Jahrhundert. Im Folgenden werden noch einige, wiewohl nicht die Technikgeschichte betreffende, so doch bemerkenswerte Neuerscheinungen besprochen, die in die Bibliothek des Technischen Museums auf genommen wurden. Als erstes sei ein Buch über unsere Heimat angeführt, dem der Bundespräsident ein handschriftliches Vorwort gewidmet hat: „Österreich schöpferisch, schaffend, feiernd.“ 38 Es zeigt das Leben des österreichischen Menschen bei der Arbeit, sei es als Arbeiter der Hand oder des Geistes, aber auch die Gestaltung seiner Freizeit und des Feierabends, sei es als Sportler, Wanderer oder im Garten. Die Hälfte der Seiten dient der Wiedergabe hervorragender Photographien. Die Stadt Wien ist trotz aller Schicksalsschläge eine Weltstadt geblieben und die Planung für den Wiederaufbau und die Neugestaltung ist ein Auftrag voll historischer Verantwortung. Der von der Stadt Wien mit der Leitung der Stadtplanung beauftragte Professor Dr. Brunner hat einen Bericht über seine Entwürfe, die in den Jahren 1949 bis 1951 zu einem gewissen in sich abgerundeten Ergebnis gebracht wurden, veröffentlicht, der die Projekte möglichst weiten 36 „Das neue Trinkwasserwerk und Kraftwerk Mühlau.“ Herausgeber Stadtwerke Innsbruck. Innsbruck 1953, Selbstverlag. 37 „Stahl und Eisen.“ 73. Jahrgang, Heft 23. Herausgegeben vom Verein Deutscher Eisenhüttenleute. Düsseldorf 1953, Verlag Stahleisen. 38 „Österreich schöpferisch, schaffend, feiernd.“ Gestaltet von Karl Ziak. Wien 1952, Verlag des österr. Gewerkschaftshundes. Technikgeschichtliche Bücherschau. 113 Kreisen vor Augen führen soll. 39 Das Buch befaßt sich mit allen Problemen der Stadtplanung, sowohl mit den dringlichsten Neu- und Wiederaufbauten als auch mit weitblickenden Vorschlägen für die Zukunft. Die Bilder sind zum Großteil Photographien und Wiedergaben der Modelle, Pläne und Graphiken, die seinerzeit in der Ausstellung des Stadtbauamtes über die Stadtplanung in der Wiener Sezession gezeigt wurden. Einige der angeführten Projekte sind inzwischen den Wienern zur vertrauten Wirklichkeit geworden, andere allerdings im Zuge der Ereignisse schon wieder überholt. Gleichzeitig mit diesem Buch ist von der Stadtbaudirektion Wien ein Bericht über die Sitzungen 40 zur Vorbereitung dieser Entwürfe herausgegeben worden, der auszugsweise und in stark gekürzter Form die Protokolle und die in den Sitzungen angenommenen Beschlüsse enthält. Aus dem Bauingenieurwesen sei ferner das Werk über die „Schweizer Architektur“ von Hans Volkart angeführt. 41 Ein reiches Bildmaterial, kritische Aussprüche führender Schweizer Bauleute und ein kluger und klarer Text des Autors selbst bilden zusammen die ausgezeichnete Darstellung eines Bauschaffens, das uns manches zu sagen hat. Solidität kennzeichnet es, vom Entwurf bis zur materiellen Durchbildung, ebenso wie eine bemerkenswerte Immunität dem Modischen gegenüber, was bei der heute ungeheuren Beeinflussung des Schaffenden durch Presse und Kritik hoch anzurechnen ist; und die darauf beruhende „Haltung“ sollte gerade dort besonders geschätzt werden, wo sie fehlt. Wenn der Schweizer nicht bloß infolge der politischen Geschehnisse, sondern seinem Innersten, eher kleinbürgerlichen Wesen nach, deutlich gegen alles Monumentale Front macht, so ist dies ein volkspsychologischer Zug, der sich zufällig aber recht glücklich mit der augenblicklichen Kunstkritik deckt: Das Schweizer Bauen wirkt daher absolut modern. Freilich könnte man hier — und als Ergänzung zu Volkarts Buch, hinzufügen, daß sich ein wahrer Künstler im Innersten und bei einiger Freiheit von der „öffentlichen Kunstmeinung“ trotzdem kaum das Recht nehmen lassen dürfte, seinem Werk jene „Größe und Würde“ zu geben, die es verlangt und die jede Generation der Menschheitsgeschichte schuldig ist. „Schmiedeeisen und I^eichtmetall am Bau“ 42 ist ein in der Auswahl der 340 Abbildungen und im Aufbau des Anschauungsmaterials, vor allem aber in der Methode des Textes überaus geglücktes Fachwerk. Keine Form des geschmiedeten Metalls bleibt ohne, bei aller Kürze, völlig ausreichende technischhandwerkliche Erklärung. Auch für den, der nicht ausübender Schmied ist, wohl aber eiserne Bauelemente zu entwerfen oder zu beurteilen hat, bleibt kaum ein Zweifel darüber, was werkgerecht ist und was nicht. Die Frage allerdings nach der Daseinsberechtigung alter Werkstoffe und Arbeitsweisen gegenüber neu auf- 39 Karl H. Brunner : „Stadtplanung für Wien.“ Herausgegeben vom Stadtbauamt der Stadt Wien. Wien 1952, Verlag für Jugend und Volk G. m- b. H. 40 „Bericht über die Sitzungen der geineinderätlichen Kommission zur Vorberatung der Entwürfe von Flächenwidmungs- und Bebauungsplänen der Stadt Wien vom 4. April 1951 bis 27. Februar 1952.“ Zusammengestellt durch das Stadtbauamt Wien, Stadtbaudirektion. Wien 1952. 41 Hans Volkart : „Schweizer Architektur.“ Ravensburg 1951, Otto Maier-Verlag- 42 Wilhelm Braun-Feldweg: „Schmiedeeisen und Leichtmetall am Bau.“ Ravensburg 1952, Otto Maier-Verlag. 114 Fritz Sykora. kommenden und schon gar die, welche gemeinhin als erledigt gilt, es aber nicht ist, ob nämlich Werk- und Materialgerechtigkeit tatsächlich über gut und schlecht entscheiden, bleibt offen. In diesem Sinne wollen wir die Einleitung — sie klingt fast wie eine Entschuldigung dafür, daß heute noch über Handschmiedekunst fachlich geschrieben wird — als politisch zeitgebunden verstehen und als ein Zeichen der Unsicherheit, die gerade den Schaffenden oder Wissenden befällt, gegenüber der so oft von Außenstehenden gestellten, am Kern der Sache aber unweigerlich vorbeigehenden Frage, was nämlich unserer „technischen und sachlichen Zeitkunst“ gemäß sei. Falsch deswegen, weil eben Kunst niemals sachlich ist, sondern höchstens dahin mißverstanden werden kann, worauf sie sich, wie heute, aus Angst vor der Kritik von der Oberfläche zurückzieht und schamhaft verbirgt. Weil sie aber auch in der technisch sachlichsten Mode als Maß und Verhältnis ebenso weiterlebt, wie in „materialgerechter Technik“, so scheint auch dem Schmiedehandwerk seine Berechtigung nicht verloren und damit auch nicht einem guten erzieherischen Buch hierüber wie diesem. Eine erwähnenswerte englische Neuerscheinung ist „Economical Domestic Heating “. 43 Dieses Buch wendet sich besonders an jene Bau- und Heizungstechniker, die über das wettersichere Unterbringen in festgefügtem Haus den angenehmen Aufenthalt der Bewohner, betont durch gutgeregelte Zimmertemperatur, erreichen wollen. Der Autor beschreibt als Vorstudie den Wärmehaushalt des menschlichen Körpers und die statistischen Durchschnittsgrenzen, innerhall) deren ein Raum bei verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, sowie verschiedene Beschäftigungsarten temperaturmäßig als angenehm und behaglich empfunden wird. Auf dieser physiologischen Forderung gegründet, werden recht ausführlich vom Standpunkt der wirtschaftlichen Hausplanung die in Frage kommenden Brennstoffe und Wärmeaustauschmedien, Heizkörper und lleiz- systeme an Hand von reichhaltigen Tabellen, technischen Zeichnungen und Lichtbildern besprochen, wobei, für dieses englische Buch selbstverständlich, uns vom Kontinent jedoch überrascht, welcher großen Verbreitung und Beliebtheit der offene Herd sich auch heute noch in England erfreut, anderseits fehlt wieder die Ölfeuerung im Haushalt vollständig. Das hängt wohl mit den reichen im Lande befindlichen Kohlenfeldern zusammen. Der letzte Teil des Buches befaßt sich mit der Strahlungswärme der Sonne und ihre Ausnützung für Wohnhausheizung durch architektonische Maßnahmen, wie Lagen- und Größengestaltung der Fensterfront und zum Schluß wird die Haushaltheizung mit Hilfe einer eigenen Sonnenenergieheizanlage und geschlossenem Wasserumlauf system gezeigt. — Obwohl dieses Buch in erster Linie auf englische Verhältnisse abgestimmt ist, bringt es dennoch eine Menge allgemeingültiger und vor allem neuzeitlicher Erfahrungswerte, wie sie nur selten in derartiger Fülle auf so engem Raum zu finden sind. Erfreulicherweise wird wenigstens auf einigen Gebieten der Tatsache Rechnung getragen, daß internationale Zusammenarbeit und Erfahrungsaustausch für die Allgemeinheit immer fruchtbringender sind als Isolation. Einen dankens- 43 Henry Gordon Goddard : „Economical Domestic Heating.“ London 1952, E. & F- N. Spon Ltd. Technikgeschichtliche Biicherschau. 115 werten Beitrag hiezu lieferte Dr. Paul Schwarzkopf, einer der bestbekannten Fachleute auf dem Gebiete der Pulvermetallurgie, indem er im Juni 1952 ein Seminar „De re metallica“ veranstaltete, welches die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie vertiefen sollte. Die 29 durchwegs wissenschaftlich hochwertigen Referate dieser Tagung sind nun zusammengestellt und veröffentlicht worden. Sie geben einen sehr interessanten Einblick in die Tagesfragen der Metallurgie, insbesondere der Pulvermetallurgie. 44 „Energie und Atom“ 45 ist beinahe ein zu eng gefaßter Titel der ausgezeichneten und für den Laien geschriebenen Einführung in die eben erst aktuell gewordenen Probleme der Physik: Radar, Fernsehen, die Atombombe, Energiequellen von heute und morgen werden in ihrer Entwicklung und Funktion sehr anregend dargestellt. Ein Kapitel ist dem neuen physikalischen Weltbild gewidmet. Es sind aber auch die heute noch weniger bekannten Anwendungen der Atomphysik und Elektronik augeführt, die vielleicht morgen schon eine Selbstverständlichkeit sein werden, wie Kochen mit Radar oder die Anwendung der Isotope in der Medizin. Hier möchten wir auch auf eine sehr interessante, vom Deutschen Museum veröffentlichte Abhandlung von Heinrich Siedentopf 46 hinweisen, die einen kurzgefaßten überblick über die Theorien der Entstehung des Universums gibt. Die Arbeit, die sich an den gebildeten Laien wendet, berücksichtigt bereits die neuesten Ergebnisse der Physik und ihr Inhalt sollte eigentlich zur Allgemeinbildung des modernen Menschen gehören. Das Buch „Station im Weltraum“ 47 befaßt sich in sieben Abhandlungen mit den Problemen einer Raumstation eines künstlichen Mondes, der die Erde in ungefähr 1700 km Höhe in zwei Stunden umkreisen soll. Fast die Hälfte des Buches nimmt der Beitrag von v. Braun über den Bau und Betrieb eines solchen Satelitten ein. Die übrigen Aufsätze befassen sich hauptsächlich mit den Problemen der Physik der Atmosphäre, den Lebensbedingungen im Weltraum und den vielfältigen Zwecken, denen eine Raumstation dienen könnte. Die Beiträge sind durchwegs auf wissenschaftlich einwandfreiem, hohem Niveau, trotzdem aber außerordentlich klar und leicht verständlich. Ein Aufsatz, der sich bereits mit der juristischen Seite der Aufteilung des Weltraumes befaßt, will wohl etwas verfrüht erscheinen. Außerdem kann man solche Probleme mit Recht oder mit Gewalt lösen. Eins von beiden pflegt immer das stärkere zu sein. Es ist außerordentlich erfreulich, daß sich in diesem amerikanischen Buch unter den ganz wenigen, die in der geschichtlichen Entwicklung genannt sind, nicht weniger als 44 „Pulvermetallurgie.“ Vorträge, gehalten auf dem ersten Plansee-Seminar „De re metallica“ 22. bis 26. Juni 1952, Reutte, Tirol. Herausgegeben von F. Benesovsky. Wien 3953, Springer-Verlag. 45 Harry M. Davis : „Energie und Atom.“ Wien 1952, Humboldt-Verlag. 46 Heinrich Siedentopf : „Entwicklung im Weltall.“ Deutsches Museum, Abhandlungen und Berichte, 21. Jahrgang, Heft 1, 1953. Verlag von Oldenbourg, München, Deutscher Ingenieur-Verlag, Düsseldorf. 47 „Station im Weltraum.“ Herausgegeben von Cornelius Ryan. Frankfurt a. Main 3953, E. Fischer-Verlag. 116 Fritz Sykora. zwei Österreicher befinden: Guido von Pirquet und der unter dem Pseudonym Hermann Noordung bekannte Hauptmann Potocnik. Es wird einleitend ausdrücklich betont, daß die einzelnen Autoren jeweils nur ihre persönliche Meinung in den Aufsätzen vertreten. Gleichfalls ein Buch über Raketenflug hat Felix Linke 48 veröffentlicht, wobei er versucht, möglichst leicht verständlich und für den Laien faßbar alle Probleme, die mit Raketen und Raumfahrt Zusammenhängen, dem Leser näherzubringen. Last not least sei noch das Verzeichnis der Dokumentationsstellen und der periodisch erscheinenden Bibliographien in Österreich 49 angeführt. Während bis vor wenigen Jahren so viele wissenschaftliche Quellen unerschlossen in den Sammlungen gelegen sind, werden sie nun durch die Dokumentation, die zugleich detaillierte Gliederung und Kodifikation der vorhandenen Werke darstellt, erst der Wissenschaft dienstbar und zugänglich gemacht. Leider ist, wie der außerordentlich verdiente Präsident der österreichischen Gesellschaft für Dokumentation und Bibliographie, Professor DDr. Leo Kirste, im Geleitwort feststellt, die Dokumentation erst jungen Ursprungs. Und hier möge es als österreichische Pioniertat vermerkt sein, daß in unserem Forschungsinstitut für Technikgeschichte Dokumentation im obigen Sinne bereits seit dem Jahre 1930 erfolgreich betrieben wird und zu den Hauptaufgaben dieses Institutes zählt. 48 Felix Linke : „Raketenflug ins Weltall.“ München 1953, Franzis-Verlag. 49 „Dokumentation in Österreich.“ Verzeichnis der Dokumentationsstellen und der periodisch erscheinenden Bibliographien. Herausgegeben von der österreichischen Gesellschaft für Dokumentation und Bibliographie (Biblos-Schriften, Band 2). Wien 1953, Verlag Brüder Hollinek. Anmerkung. Die Werke Nr. 41 und 42 wurden von Architekt Dr. Kurt Klaudy, Nr. 4, 5, 9 und 43 ■ von Ing. Hans Kominek, alle übrigen Werke von Dipl.-Ing. Fritz Sykora besprochen. Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1955. Auszug aus Karteien technikgeschichtlicher Ereignisse. Von Therese Stampfl. Januar. 3. 1795. Josef Glanz, geboren in Lemberg. Wiener Kunstgießer. 4. 1875. Siegmund Strausz, geboren in Znaim. Pionier der Radiotechnik. 5. 1930. Otto Nuszbaumer, gestorben in Salzburg. Ihm gelang die erste drahtlose Übertragung eines Musikstückes. 5. 1870. Feierliche Schlußsteinlegung zum Bau des Musikvereinsgebäudes. 11. 1875. Johann Luppis von Rammer in Mailand gestorben. Pionier des Offensivtorpedos, erbaute 1866 das erste Fischtorpedo. 15. 1800. Ludwig Hardtmuth, geboren in Wien. 16. 1945. Friedrich Hartmann, gestorben in Wien. Bedeutender Brückenbauer, Professor an der Technischen Hochschule in Wien. Februar. 1. 1735. Blasius Hueber, geboren zu Oberperfuß in Tirol. Kartograph, Mitarbeiter von Peter Anich. 9. 1945. Emil Freih. Homann von Herimberg, gestorben in Wien. Er war Minister der öffentlichen Arbeiten, Dr. h. c. der Montanistischen Hochschule in Leoben und Pribram, Ehrenbürger von Leoben. 10. 1815. Erteilung eines Privilegs an Josef Madersperger auf seine Erfindung eines Nähapparates. 12. 1855. Ludwig Brevillier, gestorben in Wien. Begründer der k. k. priv. Holzschraubenfabrik in Neunkirchen, besaß auch eine Baumwollspinnerei in Schwadorf. 14. 1945. Gustav tauschen, gestorben in Zürich. Erfinder der lesend schreibenden Rechenmaschinen und vieler Neuerungen auf verschiedenen Gebieten. 15. 1850. Einrichtung des Telegraphenbetriebes zur allgemeinen Telegrammübermittlung für das Publikum. 15. 1950. Kasimir Graff, gestorben in Breitenfurt bei Wien. Universitätsprofessor, Direktor der Wiener Universitäts-Sternwarte. 20. 1875. Erlassung des organischen Statuts für die k. k. Technische Hochschule in Wien ..., mit dem die seit den 60er Jahren sich hinziehende Reorganisation, in der die Erhebung des polytechnischen Instituts zur Technischen Hochschule erfolgte, ihren endgültigen Abschluß fand. 118 Therese Stampfl. 20. 1880. Josef Stiny, geboren in Wappoltenreith, N.-ö. Professor