TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE SIEBZEHNTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 40 ABBILDUNGEN y •V. WIEN IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG 1955 TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE IN WIEN BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE v Bisher erschienen: Heft 1 1932. 214 S. 8 Tafeln und 88 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Heft 2 1934. 85 S. 30 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Neudruck Aus dem Inhalt": F. Sedlacek, Auer von Welsbach. Heft 3 1936. 101 S. 64 Abb. und ein Kunstblatt. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Heft 4 1938. 80S. 38 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Heft 5 1938. 138S. 92Abb. Schriftleitung: o. ö. Prof. K. Holey. Vergriffen Heft 6 1939. 82 S. 35 Abb. und 1 Plan. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Heft 7 1940. 154 S. 102 Abb. und 2 Tafeln. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard. Vergriffen Heft 8 1942. 88 S. 55 Abb. Schriftleitung: Dr. Ing. L. Erhard | und o. ö. Prof. Dr. K. Holey. Vergriffen Heft 9 1947. 44 S. 10 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Aus dem Inhalt: V. Schützenhofer, Vom k. k. Fabriksprodukten - Kabinett zum Wiener Technischen Museum von heute. — V. Schützenhofer, Aloys von Widmanstatten. Fortsetzung aut der 111. Umechlagteüe BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE IN WIEN FORSCHUNGSINSTITUT FÜR TECHNIKGESCHICHTE BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE SIEBZEHNTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. PHIL. JOSEF NAGLER MIT 40 ABBILDUNGEN WIEN IN KOMMISSION: SPRINGER-VERLAG • 1955 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, Vorbehalten Printed in Austria Inhaltsverzeichnis Seite Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft. Von Univ.-Prof. Dr. Jakob Baxa. 1 Die Entwicklung der Zuckererzeugung mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. Von Dipl.-Ing. Rolf Niederhuemer . 31 Österreichs Beitrag zur ersten Herstellung von Radiumverbindungen im großen durch das Ehepaar Curie. Von Dr. E. A. Kolbe. 45 Georg Agricola. Zur 400. Wiederkehr seines Todestages. Von Dr. Ing. Franz Kirnbauer . 50 Werfner Eisen. Von Univ.-Prof. Dr. jur. et phil. Heinrich Benedikt. 68 Die Entwicklung der Oxy genstahl verfahren. Von Dipl.-Ing. O. Cuscoleca und Dr. H. Trenkler. 95 Johann von Scharfenberg und das Gold-Arsen-Problem. Von Univ.-Prof. Dr. phil. Dr.-Ing. Heinrich Quiring, Berlin.103 Aus der Frühzeit der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft. Von Dipl.-Ing. Dr. techn. Ernst Neweklowsky.118 Josef Maria Eder. Zum hundertsten Geburtstag .124 Mitteilungen und Berichte: In memoriam: Hofrat Prof. Dr. Karl Holey .127 Dr. h. c., Dr. Ing. Franz Fattinger .129 Enthüllung des Denkmales für die Erbauer der Mariazellerbahn.131 Technikgeschichtliche Bücherschau. Von Dipl.-Ing. Fritz Sykora .135 Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1956. Von Therese Stampfl .154 ft# 1 (l r\;v|l‘i;i.'ß4V: *> X ; »tV kfrifti^ji., r»y'|3f;;. ■_. ,. ‘ W:? “ Üi tjfcä ■■tiwii'fih •. ■ - & "fan- T. -tt J. *-* J*! i-jM iTVi’iK, 1 ; Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken- Actiengesellschaft Von Universitätsprofessor Dr. Jakob Baxa, Wien Mit 8 Abbildungen Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft ist eine gemeinsame Gründung der beiden Industriellenfamilien Schoeller und Skene. Die Familie Schoeller, die aus Düren im Rheinland stammt, wo sie zuerst im Jahre 1250 urkundlich nachweisbar ist, faßte in Österreich im Jahre 1820 durch Gründung der Tuchwarenfabrik Gebr. Schoeller in Brüten Fuß. Am 20. Juli 1833 begründete Alexander Schoeller (1805 bis 1886) unter seinem eigenen Namen das weltbekannte Großhandlungshaus in Wien, das seit 1869 den Firmen Wortlaut „Schoeller & Co.“ führt. Neben einer Reihe von anderen Unternehmungen gründete er 1850 die Zuckerfabrik Czakowitz, 1853 eine Solche zu Czaslau und 1857 zu Wrdv. Die Familie Skene entstammt einem alten schottischen Adelsgeschlecht, das urkundlich zuerst unter König Eduard I. im Jahre 1296 erwähnt wird. Philipp Wilhelm Skene, 1790 zu Köln geboren, war ursprünglich Soldat in der niederländischen Armee, dann Kaufherr zu Verviers in Belgien, das seit dem Wiener Kongreß (1815) zum Vereinigten Königreiche der Niederlande gehörte. Knapp vor Ausbruch der belgischen Revolution wanderte Skene im Jahre 1830 nach Österreich aus. Er ließ sich in Brünn nieder, wo er im Jahre 1833 eine Färberei und im Jahre 1841 eine Tuch- und Leinenfabrik begründete. Von seinen beiden Söhnen ergri ff der ältere, Alfred Skene (1815 bis 1887), zunächst wie sein Vater den militärischen Beruf. Er war ursprünglich österreichischer Dragoneroffizier, quittierte jedoch im Jahre 1846 den Dienst wieder, um sich der Leitung seiner industriellen Unternehmungen zu widmen. Von seiner Militärzeit her verband ihn eine vertraute Freundschaft mit dem Feldmarschalleutnant Johann Kempen, Freiherrn von Fichtenstamm, der in der Aera Bach von 1852 bis 1859 Polizeiminister war. Nach Wiedererrichtung des konstitutionellen Lebens in Österreich wandte sich Alfred Skene auch der politischen Tätigkeit zu. In den Jahren 1861 bis 1885 gehörte er dem österreichischen Reichsrat an und war eine anerkannte Autorität in Fragen der Zoll- und Handelspolitik sowie in allen Finanzfragen. Mit seinem jüngeren Bruder August Skene, der am 6. November 1829 zu Verviers geboren worden war und nach vollendeten Studien in die Firma 2 Jakob Baxa seines Bruders eintrat, gründete Alfred Skene im Jahre 1851 die Zuckerfabrik Dolloplass und im Jahre 1859 die Zuckerfabrik Prerau. Im Jahre 1867 vereinigten sich die beiden Brüder Skene mit Alexander Schoeller zur Gründung der Zuckerfabrik Leipnik in Mähren. Das Jahr 1867 war ein Schicksals]ahr Österreichs. Während die Monarchie zu Beginn der Fünfzigerjahre infolge der Siege Radetzkys in Italien und der Niederwerfung des ungarischen Aufstandes hoch angesehen dastand, befand sie sich in den Jahren 1859 bis 1866, zwischen den Niederlagen von Solferino und Königgrätz in einer schleichenden, politischen Dauerkrise, während welcher man alle Augenblicke revolutionäre Bewegungen in Ungarn erwarten mußte. Durch diese ungünstige politische Lage wurde auch das ganze Wirtschaftsleben schwer gelähmt. Der Ausgleich mit Ungarn vom Jahre 1867, der durch die Königskrönung des Kaisers Franz Josef in Budapest besiegelt wurde, die am 8. Juni dieses Jahres mit ungeheurer Pracht stattfand, leitete eine neue Epoche des wirtschaftlichen Aufstieges und einer industriellen Blüte ein. Einige Tage vor diesem bedeutsamen Ereignis, am 28. Mai 1867, wurde die „Leipniker Rübenzuckerfabriks-Actiengesellschaft“ als Unternehmen zur Errichtung und zum Betrieb einer Rübenzuckerfabrik zu Leipnik in Mähren in das Wiener Handelsregister eingetragen. Unter den Gründeraktionären finden wir neben dem k. k. priv. Großhändler Alexander Ritter von Schoeller und den beiden Fabriksbesitzern Alfred und August Skene den k. k. priv. Großhändler und Fabriksbesitzer Karl Borkenstein, ferner zwei weitere Mitglieder der Familie Schoeller, nämlich Gustav Ritter von Schoeller, offenen Gesellschafter der Firma Gebrüder Schoeller in Brünn, und Philipp Ritter von Schoeller, Zuckerfabriksdirektor zu Czakowitz bei Prag, sowie schließlich Robert Schorisch, Mitbesitzer der Zuckerfabrik zu Groß-Tany in Ungarn und Mitpächter der Zuckerfabrik zu Wieselburg. Zum Präsidenten der Leipniker Rübenzuckerfabriks A. G. wurde August Skene gewählt, während Robert Schorisch zum technischen Leiter der Fabrik bestellt wurde. Er war ein erfahrener Chemiker und Ingenieur, der seine industrielle Laufbahn im Jahre 1844 als Direktor der Zuckerfabrik Dürnkrut begonnen hatte. Bankier der Gesellschaft war Alexander von Schoeller. Das Grundkapital betrug 500000 Gulden, zerlegt in 500 Aktien zu je tausend Gulden, die auf Namen lauteten. Nachdem die Gesellschaftsstatuten Ende Februar 1867 vom zuständigen Ministerium genehmigt worden waren, wurde bereits im März mit dem Fabriksbau in Leipnik begonnen. Bauleiter war der Architekt Karl Jirusch aus Groß-Seelowitz, wo sich die von Florentin Robert 1842 nach einem Brand neu errichtete Musterzuckerfabrik befand. Die Maschinen wurden von der Firma Danek & Co. in Prag geliefert, die Werkseinrichtungen von der Ersten Brünner Maschinenfabriksgesellschaft, von Ernst Krackhardt und von Brand & Lhullier, die kupfernen Kugel-Vakuen und Rohrleitungen von Dolaynski, Wien und Heinik in Prerau. Die Zentrifugen wurden von Albert Fesca aus Berlin bezogen, die Gasanstalten wurden von der Firma Martinka & Co in Prag eingerichtet und die Bedachung von Josef Fillen, Prag, hergestellt. Der Bau der Fabrik wurde so rasch durchgeführt, daß der Betrieb bereits im Herbst 1867 aufgenommen werden konnte. Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 3 Die Leipniker Fabrik war eine sogenannte gemischte Fabrik, sie war zur unmittelbaren Erzeugung von weißer Ware aus der Rübe sowie zur Raffination von fremdem, gekauftem Rohzucker eingerichtet. Außer kontrahierter Bauernrübe wurde die Rübe zum Großteil von vier eigenen Ökonomien aus der nächsten Umgebung bereitgestellt. An Sorten wurden hauptsächlich Brodeware (Hutzucker), der in Faßverpackung, und Melispile (Stückzucker), der als Sackware zum Versand gelangte, erzeugt. Der Zucker fand wegen seiner vorzüglichen Güte reißenden Absatz, so daß es im Anfang überhaupt keine Lagervorräte gab. Das erste Geschäftsjahr 1867/68 ergab einen Reingewinn von 32729 Gulden. Durch dieses günstige Ergebnis ermutigt, beschloß eine außerordentliche Generalversammlung vom 10. April 1869 den Ankauf der Groß-Tanyer Zuckerfabrik im ungarischen Komitate Komorn, an der Robert Schorisch finanziell beteiligt war, um den Betrag von 140000 Gulden und zum Erwerb der hiezu erforderlichen Mittel die Erhöhung des Aktienkapitals auf 800000 Gulden. Ferner gelangte man zu Beginn der Siebzigerjahre zu der wirtschaftlichen Erkenntnis, daß unter den damaligen Verhältnissen die Trennung der Rohzuckererzeugung und der Raffination des Rohzuckers auf weiße Ware in verschiedenen Betriebsstätten vorteilhafter wäre als die unmittelbare Erzeugung von weißer Ware aus der Rübe in ein und derselben Fabrik. Die Gesellschaft faßte daher den Entschluß, an dem für den Rohzuckerbezug aus den verschiedensten Richtungen so überaus günstigen Bahnknotenpunkt Lundenburg eine reine oder trockene Raffinerie zu errichten. Im April des Jahres 1871 wurde der für den Bau erforderliche Grund erworben. Den Bau der Raffinerie Lundenburg leitete wieder Architekt Karl Jirusch aus Groß-Seelowitz, die Maschinen und Einrichtungen wurden von denselben Firmen geliefert. Der Bau wurde so rasch durchgeführt, daß der Raffineriebetrieb schon am 22. Februar 1872 auf genommen werden konnte. In einer außerordentlichen Generalversammlung vom 27. Juli 1871 wurde der bisherige Firmen Wortlaut in „Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft“ abgeändert, um den erweiterten Wirkungskreis der Gesellschaft auch in der Firma ersichtlich zu machen. •Zu dem Entschlüsse, die Lundenburger Raffinerie zu errichten, trug wesentlich das überaus günstige Ergebnis des vierten Geschäftsjahres bei, das einen Reinertrag von 400000 Gulden, also die Hälfte des damaligen Aktienkapitals ab warf. Zur Deckung der Baukosten der neuen Raffinerie in Lundenburg wurde in der erwähnten Generalversammlung vom 27. Juli 1871 das bisherige Aktienkapital von 800000 Gulden auf 2000000 Gulden erhöht. Durch den großen Börsenkrach des Jahres 1873 und die damit verbundenen zahllosen Konkurse erlitt die Firma auch Verluste, die sie jedoch bei ihrer vorsichtigen und klugen finanziellen Gebarung nicht schwer trafen. Da die ungarische Zuckerfabrik Groß-Tany die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllte und hauptsächlich wegen der schlechten Qualität der dortigen Rübe fortgesetzt mit Verlust arbeitete, wurde sie nach der fünften Kampagne 1873/74 stillgelegt. Die Inneneinrichtung wurde an andere Fabriken verkauft und auch die Gebäude und Grundstücke verwertet. Während die Lundenburger Raffinerie in den ersten Jahren nur Brode (Hutzucker) erzeugte, wurde im Jahre 1874 von Direktor Robert Schorisch die Würfel- 4 Jakob Baxa zuckererzeugung und im Jahre 1877 das sogenannte Osmose verfahren eingeführt, wodurch sich die Ausbeutung weißer Ware aus dem Rohzucker wesentlich steigerte. Der technische Aufstieg der Fabrik läßt sich am besten aus der wöchentlich verarbeiteten Rohzuckermenge erkennen, über deren ständige Steigerung die nachfolgende Tabelle unterrichtet: 1871/72 . . 2050 dz 1886/87 . . 5000 „ 1887/88 . . 6000 „ 1890/91 . . 7000 „ 1891/92 . . 8000 „ Robert Schorisch war eine über den Kreis des eigenen Unternehmens hinaus als technischer Erfinder hoch angesehene Persönlichkeit. Er hat sich insbesondere um die Vervollkommnung der Filtration große Verdienste erworben. In einer zwanzigjährigen Tätigkeit hat er den technischen Ausbau der beiden Fabriken Leipnik und Lundenburg unermüdlich gefördert. Wegen seines hohen Alters und angegriffener Gesundheit mußte er im Oktober 1887 die Leitung beider Fabriken niederlegen und in den Ruhestand treten. Er starb im Jahre 1889 zu Graz. Am 29. November 1891 starb in Wien nach langer Krankheit auch Präsident August Ritter von Skene. Er erfreute sich in der ganzen österreichischen Zuckerindustrie der größten Wertschätzung. Er war seit 1874 Vizepräsident und seit 1887 Präsident des „CentralVereines für Rübenzuckerindustrie in der Österreichisch- Ungarischen Monarchie“. Daneben beteiligte er sich noch in hervorragender Weise an der Verwaltung großer heimischer Kreditinstitute. Im Jahre 1873 erhielt er den Orden der Eisernen Krone III. Klasse verliehen, 1882 wurde er in den österreichischen Ritterstand erhoben und mit dem Komturkreuz des Franz Josefs-Ordens mit dem Stern ausgezeichnet. Die wirtschaftliche Entwicklung der beiden Fabriken unter seiner bewährten Leitung spiegelt sich in den nachfolgenden Produktionsziffern: Leipnik Weiße Ware dz 1868/69 . 32561 1870/71 . 42464 1878/79 . 52982 1880/81 . 67417 1883/84 . 87 250 Nach der Kampagne 1886/87 wurde die Weißzuckererzeugung in Leipnik eingestellt, es wurde seither hier nur noch Rohzucker erzeugt, der in der Lundenburger Raffinerie auf weiße W T are verarbeitet wurde. Lundenburg Weiße Ware dz 1871/72 . 46792 1872/73 . 103961 1874/75 . 149362 1877/78 . 196109 1885/86 . 222000 * 1886/87 . 240000 1889/90 . 296 770 Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 5 Als inländisches Absatzgebiet kamen in erster Reihe Niederösterreich mit Wien . und Ungarn in Betracht, wohin der meiste Zucker geliefert wurde, sodann Krain, Galizien, Mähren, Schlesien und Steiermark. Verhältnismäßig geringfügige Mengen wurden damals in den Alpenländern Oberösterreich, Kärnten, Tirol und Salzburg, ferner in Triest und Fiume und schließlich in Böhmen abgesetzt, wo ja die böhmischen Fabriken den Markt beherrschten. Schon im Herbst 1872, nach dem ersten Betriebsjahr der Lundenburger Raffinerie, wurde auch der Export aufgenommen, indem damals das erste Faß Bild 1. Dr. Richard von Skene. 1867 -1947. Pile (Stückzucker) nach dem Orient abrollte. Der am 24. April 1877 ausgebrochene Russisch-Türkische Krieg behinderte zeitweise den Export, da der Donauverkehr gesperrt wurde, anderseits förderte er den Absatz von Würfelzucker, da diese leicht handliche Sorte den Militärverwaltungen sehr willkommen war. Die exportierte Menge bewegte sich in den Jahren 1878/79 bis 1890/91 durchschnittlich zwischen 90000 und 100000 dz und betrug 33 bis 42% des Gesamt verkauf es. Als hauptsächliche Exportländer, wohin der Leipnik-Lundenburger Zucker ausgeführt wurde, sind zu nennen: die Schweiz, ferner die damals sogenannten ,,Donaufürstentümer“: Rumänien, Bulgarien, Serbien und Griechenland, die Levante, Nordafrika, Persien, Indien, Japan und selbst Südamerika (Argentinien und Chile). Nach dem Tode August von Skenes übernahm sein Sohn Dr. Richard Ritter von Skene die Führung der laufenden Geschäfte der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. Er war am 11. September 1867, im Gründungsjahr der Gesellschaft, 6 Jakob Baxa zu Wien geboren worden und empfing seine Gymnasialbildung an der altberühmten, 1784 von Christian Gotthilf Salzmann begründeten Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal bei Gotha in Thüringen. Sodann studierte er an der Wiener Universität Rechtswissenschaft und promovierte hier zum Doktor beider Rechte. Den ersten praktischen Unterricht in der Zuckererzeugung erhielt er bei seinem Oheim Geheimrat Carl von Skene in Klettendorf bei Breslau, der von 1887 bis 1929 der Direktion der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. angehörte. Am 1. August 1890 trat Dr. Richard von Skene in die Firma ein. Hier erwartete ihn zunächst eine sehr schwere Aufgabe. Während die Gesellschaft die sonst für ein industrielles Unternehmen so gefährlichen Gründerjahre mühelos überwunden hatte, gelangte sie infolge fortgesetzter Verlustjahre ab 1885/86 in eine nicht unbedeutende Krise. Sie vermochte seither weder eine Dividende auszuzahlen, noch auch Abschreibungen vorzunehmen, so daß die beiden Fabriken viel höher zu Buch standen, als ihr tatsächlicher Wert betrug. Rasch entschlossen führte Doktor Skene zur Bereinigung der Bilanzen eine Reduktion des Aktienkapitals von 3000000 auf 2400000 Gulden durch, die in zwei außerordentlichen Generalversammlungen vom 17. Februar und 24. April 1892 beschlossen wurden. Der frei werdende Kapitalbetrag von 600000 Gulden wurde teilweise zur Deckung des Verlustes der Kampagne 1890/91 und der bei der Kapitalsreduktion aufgelaufenen Spesen, teilweise zur Abschreibung auf der Lundenburger Raffinerie verwendet, so daß die Buchwerte beider Fabriken wieder den tatsächlichen Verhältnissen entsprachen. Das Geschäftsjahr 1891/92 warf wieder eine Dividende von 10 Gulden für die Aktie ab. Die Geschäftsleitung gab damals der Hoffnung Ausdruck, daß es auch in Hinkunft gelingen werde, den Aktionären eine ständige Rente zu sichern, ein Versprechen, das sie über ein halbes Jahrhundert eingehalten hat. Seither gab es bis zum Katastrophenjahr 1945 kein dividendenloses Betriebsjahr in der Gesellschaft. Die krisenhafte Lage der gesamten österreichischen Zuckerindustrie zu Beginn der Neunziger jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte ihren letzten Grund in dem System der schrankenlosen Konkurrenz zwischen den einzelnen Fabriken, das in früheren Jahrzehnten zur Entwicklung der Industrie sehr heilsam war, ihr aber jetzt zum Verderben ausschlug. Während andere Industrielle noch immer auf dem Boden des freien Wettbewerbes standen, war Dr. Richard von Skene trotz seinen jungen Jahren damals schon so weitblickend, daß er klar erkannte, die schleichende Krise der Zuckerindustrie könne nur durch eine planmäßige Wirtschaft beseitigt werden, deren Leitung sie selbst in die Hände nehmen müsse. Schon in einer Direktionssitzung vom 13. November 1890 wurde von der Gesellschaft beschlossen, einem zu gründenden Raffinerievereine beizutreten und am 17. Juni 1891 wurde ein weiterer Beschluß gefaßt, sich bei einer zustande kommenden „Kontingentierung“ des Inlandabsatzes einer gleichmäßigen Herabsetzung der Produktionsquote zu fügen. Durch die planlose Überproduktion der letzten Jahre und das Bestreben, die Vorräte unter allen Umständen abzusetzen, war der Markt derart überführt und der Zuckerpreis derart herabgesunken, daß er die Produktionskosten nicht mehr deckte. Daher war die Kontingentierung, das heißt die einvemehmliche Festsetzung der für den Inlandverbrauch bestimmten Zuckerproduktion und die Bestimmung der den einzelnen Fabriken daran zukommenden Quote unbedingt Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft notwendig. Daneben blieb die Erzeugung für den Export dem freien Belieben jeder einzelnen Fabrik überlassen. Am 8. Juli 1891 kam nun der erste, später berühmt gewordene „Kartellvertrag der Zuckerraffinerien vom Juli 1891“ zustande, an dessen Fertigstellung Dr. Richard Skene hervorragenden Anteil genommen hatte. Darin kamen die Zuckerfabriken überein, im Betriebsjahr 1891/92 in dem gemeinsamen Zoll- und Handelsgebiete der österreichisch-ungarischen Monarchie kein größeres Quantum als 2300000 dz Zucker zu versteuern und in Verkehr zu setzen. Davon entfielen auf die Fabriken in Böhmen 900000 dz, auf jene in Mähren, Niederösterreich, Schlesien und Galizien 950000 dz und auf jene in Ungarn 450000 dz. Die im Kartellvertrag festgesetzte Quote für die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. betrug 132000 dz. In der vorhergegangenen Kampagne 1890/91 wurden von der Gesellschaft insgesamt 273981 dz verkauft, wovon. 109100 dz auf den Export und. 164881 „ auf den Inlandverkehr entfielen. Summe 273981 dz Durch den Beitritt zum Kartell erlitt die Firma daher eine Einschränkung der Inlandsquote um 32 881 dz, ein Opfer, das sie der Gesamtheit der Industrie brachte. Der erste Kartell vertrag vom 8. Juli 1891 übte sofort einen wohltätigen Einfluß auf die Beständigkeit der Produktion aus. Er wurde am 28. März 1893 durch das „Übereinkommen vom März 1893 über die Erneuerung des Kartells der Zuckerraffinerien“ verlängert, worin die gesamte Inlandsmenge bereits auf 2703585 dz und die Leipnik-Lundenburger Quote auf 136919 dz erhöht werden konnte. Für die Kampagne 1894/95 scheiterte jedoch die geplante Verlängerung der Kontingentierung infolge der Errichtung neuer Raffinerien und der gesteigerten Ansprüche einzelner kontingentierter Fabriken. Die Folge davon war ein empfindlicher Rückgang des Inlandspreises, aus dem kaum die Produktionskosten gedeckt werden konnten. Durch diese Erfahrung gewitzigt, nahmen die Fabriken die Verhandlungen wieder auf und brachten für die beiden folgenden Kampagnen neue Übereinkommen zustande, bis schließlich am 26. Juli 1897 das große Zuckerkartell auf einen vollen Zeitraum von fünf Jahren abgeschlossen wurde, an dem fast die gesamte Zuckerindustrie Österreich-Ungarns beteiligt war. Dr. Richard von Skene nahm an allen diesen schwierigen Verhandlungen einen führenden Anteil und die Direktion der Gesellschaft sah sich veranlaßt, ihm in diesen Jahren wiederholt ihren Dank und ihre Anerkennung für den Eifer auszusprechen, mit dem er die Geschäfte führte. Wir sehen ja heute in diesen alten Kartellverträgen nur die friedlichen, für die einzelnen Fabriken vereinbarten Produktionsziffern, aber dahinter bergen sich doch Sitzungen von unendlich langer Dauer bis ins Morgengrauen und Redeschlachten von homerischem Ausmaß; denn die einzelnen Fabriken kämpften doch untereinander mit zäher Hartnäckigkeit um jeden Doppelzentner Zucker, bevor die endgültige Einigung zustande kam. Eine große Sorge aber bereitete in dieser Zeit der Direktion schon das künftige Schicksal der Leipniker Stammfabrik. Im Gegensatz zu ihrer hohen Erzeugung 8 Jakob Baxa in früheren Jahren konnte sie von 1891/92 bis 1901/02 oft kaum eine Produktion von 30000 dz Rohzucker erreichen, während die Rohzuckerverarbeitung in der Lundenburger Raffinerie im gleichen Zeitraum von 244000 bis 379000 dz anstieg. Die Leipniker Fabrik, die doch als Rohzuckerversorgungsquelle der Raffinerie gedacht war, lieferte also kaum 10% des erforderlichen Bedarfes. Schuld an dieser geringen Produktion trug vor allem die große Knappheit der mährischen Rübenanbaufläche, die für die zahlreichen, dicht nebeneinander liegenden Fabriken nicht ausreichte, und daher die Unmöglichkeit, die Rübenverarbeitung zu steigern. Da tauchten zu Beginn des Jahres 1901 verläßliche Nachrichten auf, daß der Plan der Errichtung einer niederösterreichischen Zuckerfabrik im Marchfeld von verschiedenen Seiten ernstlich in Erwägung gezogen werde. Hier bestanden damals nur die beiden Fabriken Hohenau und Dürnkrut, es war also noch Raum genug für eine dritte Fabrik vorhanden, welche die Lundenburger Raffinerie hinreichend mit Rohzucker versorgen konnte. Aber rasches Handeln war geboten. Daher faßte die Gesellschaft am 11. April 1901 über Antrag von Dr. Richard von Skene den Beschluß, in Leopoldsdorf im Marchfeld eine neue Rohzuckerfabrik zu erbauen. Das Rübengebiet der neu zu errichtenden Fabrik grenzte an jenes der benachbarten Dürnkruter Zuckerfabrik, die der Firma Kürschner & Bachler gehörte. Die Leipnik- Lundenburger Zuckerfabriken A. G. war damals schon bereit, die Dürnkruter Fabrik käuflich zu erwerben, aber die Verhandlungen verliefen ergebnislos, weil der von der Firma Kürschner & Bachler geforderte Kaufpreis mit Rücksicht auf die damalige technische Rückständigkeit der Dürnkruter Fabrikseinrichtungen viel zu hoch war. Am 20. August 1901 wurde von der Gesellschaft beschlossen, den bisherigen Verwalter der Mratiner Zuckerfabrik Josef Hauser als Betriebsdirektor für die Leopoldsdorfer Fabrik aufzunehmen. Unter seiner fachkundigen Leitung wurde der Bau der Rohzuckerfabrik in den Jahren 1901 und 1902 durchgeführt. Als Baumeister wurde der Architekt Viktor Benes aus Prag herangezogen. Die Inneneinrichtung wurde von der Firma Breitfeld, Danek & Co., Prag-Karolinenthal, geliefert. Die Kessel wurden von der Ersten Brünner Maschinenfabriksgesellschaft in Brünn erbaut. Die Eisenkonstruktionen stammen von der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft. Den Schornstein errichtete die Firma Alfons Custodis, die Brückenwaagen lieferte die Firma C. Schember & Söhne und die Werkzeugmaschinen Ernst Dania & Co. Zuerst wurde das Anschlußgeleise zur Bahnstation hergestellt, dann mit dem Fabriksbau begonnen. In der Nacht nach der Gleichenfeier vom 30. November 1901 stürzte infolge eines gewaltigen Orkans ein Teil der Westfront des Fabriksgebäudes wieder ein, aber dank dem andauernden milden Wetter konnte der bedeutende Schaden noch vor Eintritt des Winterfrostes ausgebessert werden. Kaum war der österreichische Inlandmarkt durch die Vereinbarungen des großen Zuckerkartells geordnet, so stiegen am Horizont drohende Wetterwolken für den österreichischen Export auf. Schon seit dem Jahre 1860 erhielten die österreichischen Zuckerfabriken für die über die Zollinie hinweggebrachten Zuckermengen Steuerrückvergütungen, die sich im Laufe der Zeit zu Ausfuhrprämien entwickelten, Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 9 durch welche die österreichische Zuckerindustrie mächtig gefördert wurde und zu einer führenden Wirtschaftsmacht auf dem Weltmarkt emporstieg. Seit dem Zuckersteuergesetz vom Jahre 1888 betrug diese Exportbonifikation 2 fl. 30 für 1 dz Raffinade und 1 fl. 60, bzw. 1 fl. 50 für Rohzucker I. und II. Klasse. Ähnliche Ausfuhrprämien wurden aber auch von allen anderen Rübenzuckerländern (Deutschland, Frankreich, Belgien und Rußland) gewährt, so daß schließlich alle Weltmärkte mit Zucker überführt waren und die Zuckerpreise dementsprechend auf einem Tiefpunkt anlangten. Die englischen Rohzuckerfabrikanten auf den westindischen Antillen (Jamaica, Barbados usw.), die bei diesen Preisen nicht mehr bestehen konnten, wandten sich an die Regierung ihres Mutterlandes um Abhilfe. England war damals der Hauptzuckerkonsument der Welt und bezog außerordentlich hohe Zuckermengen aus Deutschland und Österreich-Ungarn. Damals waren in England die Konservativen unter Joseph Chamberlain am Ruder und dieser beschloß, den Kolonien des Empire aus nationalen und imperialistischen Interessen jede Hilfe angedeihen zu lassen. Schon seit 1898 tagte die Brüsseler Zuckerkonferenz, aber die Rübenzuckerländer, die ja kein Interesse am Zustandekommen einer Konvention hatten, zogen die Verhandlungen durch allerhand Ausflüchte hinaus und trieben offen Sabotage. Schließlich wurden sie ergebnislos abgebrochen. Als sie im Jahre 1901 wieder aufgenommen wurden, zog England andere Saiten auf. Es forderte zum Schutz seiner westindischen Kolonien die Abschaffung aller staatlicher Exportbonifikationen und die Senkung des hohen Schutzzolles der Rübenzuckerländer auf 5 Franken. Österreich hatte seit alter Zei? einen Schutzzoll auf Raffinade von 13 Gulden oder 26 Kronen nach der 1900 eingeführten neuen Währung. Für den Fall eines Scheiterns der Brüsseler Konferenz drohte Chamberlain mit einem englischen Einfuhrverbot für prämiierten Zucker. Es läßt sich denken, daß bei dieser politischen Lage die Stimmung in der österreichischen Zuckerindustrie sehr düster war. Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. exportierte in der Kampagne 1900/01 rund 200000 dz, wofür sie vom Staat 460000 Gulden oder 920000 Kronen Exportbonifikationen erhielt. Dieser hohe Betrag stand jetzt ganz auf dem Spiele. Aber weder Deutschland noch Österreich konnten die Verhängung eines englischen Einfuhrverbotes auf ihren Zucker riskieren, England war doch ihr größter und bedeutendster Abnehmer. Daher kam trotz allen Widerständen der Zuckerindustrie am 5. März 1902 die Brüsseler Zuckerkonvention zustande, in der sich die beteiligten Staaten Frankreich, England, Deutschland, Österreich sowie noch eine Reihe anderer Länder zur Abschaffung der Exportprämien und zur Herabsetzung des Zolles verpflichteten. Aber die Rübenzuckerländer trugen noch einen letzten Erfolg davon. Der neue Schutzzoll wurde nicht, wie ursprünglich verlangt, mit 5, sondern mit 6 Franken festgesetzt und der Wirkungsbeginn der Konvention wurde auf 1. September 1903 hinausgeschoben, so daß praktisch die Exportbonifikationen noch volle eineinhalb Jahre ausbezahlt werden durften. Auch die Leipnik- Lundenburger Zuckerfabriken A. G. trachtete daher in den kritischen Jahren der Brüsseler Zuckerkonferenz danach, mit allen Mitteln den Export auf ein Höchstmaß zu steigern, um vor Inkrafttreten der Konvention noch in den vollen Genuß der Exportbonifikation zu gelangen. Über die Entwicklung des Exports in diesen Jahren unterrichtet nachfolgende Tabelle: 10 Jakob Baxa indenburg Export dz 1899/1900 . . 170681 1900/01 . . 202106 1901/02 . . 281610 1902/03 . . 191960 1903/04 . . 183985 1904/05 . . 97750 1905/06 . . 240110 In der österreichischen Zuckerindustrie herrschte vor dem 1. September 1903, dem „Dies ater“, an dem die Konvention in Kraft treten sollte, eine wahre Angstpsychose, man fürchtete den Weltuntergang. Was geschah aber? An diesem Tage stiegen auf allen Zuckerweltmärkten die Preise genau um den Betrag der aufgehobenen Bonifikationen, so daß diese jetzt zwar nicht mehr von den Regierungen, sondern von den Zuckerverbrauchern im Zuckerpreis bezahlt wurden. Das lehrt die obige Tabelle ganz genau. In der prämienfreien Kampagne 1903/04 ist der Export gegenüber der prämiierten Kampagne 1902/03 nur geringfügig zurückgegangen, erst 1904/05 gab es einen gewaltigen Exportrückgang auf die Hälfte des Vorjahres, was noch mit den wüsten Preisspekulationen an den Zuckerterminbörsen in diesen Tagen zusammenhängt, aber schon im folgenden Jahr war dieser Schock überwunden und der Export begann wieder aufzublühen. Die englische Regierung hatte die Brüsseler Konvention erzwungen, aber die Zeche bezahlte schließlich der englische Konsument durch die Zuckerpreiserhöhung aus seiner eigenen Tasche. Er hat sich dafür aber auch prompt gerächt. Bei den nächsten englischen Wahlen wurden Chamberlain und die konservative Partei gestürzt. Die Liberalen gelangten ans Ruder und dachten nicht daran, weiterhin die Interessen der westindischen Kolonien zu vertreten. Der Minister Sir Edward Grey gab als Mitglied der neuen liberalen Regierung eine Erklärung ab, daß es mit der liberalen Politik und dem Interesse des englischen Verbrauchers unvereinbar sei, weiterhin Prämienzucker zu pönalisieren, das heißt mit einem Strafzoll zu belegen. Tatsächlich hat England mit Wirksamkeit vom 1. September 1913 seinen Austritt aus der Brüsseler Konvention vollzogen. • In Österreich war auch die Staatsregierung in größter Sorge, besonders um den künftigen Ertrag der Zuckersteuer, die damals jährlich 200000000 Kronen einbrachte. Sie war bestrebt, das seit dem Jahre 1897 so wohltätig wirkende Zuckerkartell auch in Hinkunft als staatliche Einrichtung beizubehalten. Sieben Monate vor Inkrafttreten der Brüsseler Konvention wurden im österreichischen Abgeordnetenhaus, zwar wie immer nach lebhaften Debatten, aber mit sehr großer Mehrheit, zwei Gesetze vom 31. Jänner 1903, RGBl. 26 und 27, verabschiedet, die vom Kaiser sofort sanktioniert wurden. Das private Zuckerkartell der Industrie war am 31. Oktober 1902 abgelaufen und infolge der ganz unsicheren Umstände nicht wieder erneuert worden. In diesen Gesetzen wurden sämtliche österreichische Raffinerien und Rohzuckerfabriken zu einer staatlichen Zwangskörperschaft zusammengeschlossen und jeder eine entsprechende Inlandserzeugungsquote zugeteilt, da aber in den Gesetzen von Abgaben die Rede war, welche die Raffinerien den Rohzuckerfabriken zu leisten hatten, erklärte die Überwachungskommission der Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Act iengesellsehaft 11 Brüsseler Zuckerkonvention diesen Umstand für eine Wiedereinführung verbotener Prämien und erhob gegen die Gesetze ihren Einspruch. Tatsächlich mußten sie durch eine Kaiserliche Verordnung vom 1. August 1903 noch vor Inkrafttreten wieder aufgehoben werden. Auch die Rohzuckerfabrik in Leipnik wurde ein Opfer der Brüsseler Zuckerkonvention. Nach ihrem Inkrafttreten am 1. September 1903 sah sich die Leipnik- Lundenburger Zuckerfabriken A. G. veranlaßt, der Frage näherzutreten, ob es unter den gegebenen Verhältnissen nicht ratsam wäre, den Betrieb der Leipniker Fabrik einzustellen, da ja durch die Senkung des Zollschutzes von 26 auf 5 K 65 (6 Franken) und den gleichzeitigen Wegfall der durch das Kartell garantierten Anteile am Weißzuckerpreise diese Fabrik in eine schwierige Lage geriet. Am 12. Februar 1904 entschloß sich dann die Direktion nach reiflichster Überlegung, da bei der ungünstigen Lage der Leipniker Fabrik eine größere Rübenmenge ohne allzu hohe Kosten nicht beschafft werden konnte, zu dem gewiß nicht leichten Schritt, die alte Stammfabrik in Leipnik nach 37 Kampagnen stillzulegen und das bisherige Rübengebiet benachbarten Fabriken zu überlassen. Eine Änderung des Firmenwortlautes aus diesem Anlaß kam schon deshalb nicht in Frage, weil damals in Lundenburg noch eine zweite Raffinerie bestand, die ,,Kuffnersche Lundenburger Zuckerfabriks- Aktiengesellschaft“, und man sich im Geschäftsleben, um die beiden Firmen miteinander nicht zu verwechseln, längst daran gewöhnt hatte, kurz zwischen „Leipnik- Lundenburg“ und „Kuffner-Lundenburg“ zu unterscheiden. Nach dem Wegfall des alten Zuckerkartells entbrannte natürlich der Konkurrenzkampf zwischen den Fabriken um den Inlandsmarkt aufs neue und die Preise sanken fast auf die Exportparität. Alle Fabriken waren sich jedoch jetzt darüber einig, daß die Verhältnisse während des Bestandes des fünfjährigen Kartells weitaus besser waren. Da kam, nicht zuletzt durch die unablässigen Bemühungen von Dr. Richard von Skene durch das sogenannte „Protokollarische Übereinkommen“ vom 24. September 1906 ein neuer Vertrag sämtlicher an der früheren Kontingentierung beteiligten österreichischen Raffinerien auf die Dauer von zwei Jahren zustande. Darin wurde zur Geschäftsführung ein aus acht Firmen bestehendes Komitee bestellt. An der Spitze der mährischen Gruppe erscheint die Leipnik- Lundenburger Zuckerfabriken A. G., womit die Industrie die verdienstvollen Bemühungen von Dr. Richard von Skene um das Wiederzustandekommen des Kartells ehrend anerkannte. Das neue Übereinkommen wurde nach seinem Ablauf bis 1914 alljährlich verlängert. In der Kampagne 1908/09 erlitt die Gesellschaft einen schweren Schaden durch eine in den türkischen Häfen ausgebrochene Boykottbewegung gegen die Einfuhr von ausländischem Zucker, so daß der ausschließlich für den Export in die Levante erzeugte Pilezucker vorübergehend überhaupt unverkäuflich war. Das hängt noch mit der sogenannten Annexionskrise zusammen. Im Jahre 1878 hatte Österreich über Auftrag des Berliner Kongresses zur Beendigung der unablässigen Kämpfe der Komitatschibanden die beiden türkischen Provinzen Bosnien und Herzegowina besetzt. Rechtlich gehörten sie aber immer noch zur Türkei. Durch die am 27. Juli 1908 ausgebrochene jungtürkische Revolution wurde der Sultan gezwungen, eine moderne konstitutionelle Verfassung einzuführen und die Jungtürken wollten Technikgeschichte, 17. Heft 2 12 •Jakob Baxa auch in den beiden von Österreich militärisch besetzten Provinzen Parlamentswahlen durchführen. Um dies zu verhindern, erklärte Kaiser Franz Josef am 5. Oktober 1908 einseitig die Annexion von Bosnien und Herzegowina. Darauf verhängten die Jungtürken einen Boykott über alle österreichischen Waren. Nach der Stillegung von Leipnik besaß die Firma als Rohzuckerversorgungsquelle der Lundenburger Raffinerie nur die Leopoldsdorfer Fabrik in Nieder Österreich. Da gelang es ihr, im Jahre 1911 neuerdings in Mähren festen Fuß zu fassen, und zwar durch Erwerb der beiden Zuckerfabriken Kwassitz und Wschetul, die sich zum größten Teil im Besitz der Industriellenfamilie von Proskowetz befanden, deren Mitglieder in der Geschichte der österreichischen Zuckerindustrie eine bedeutende Rolle spielen. Zu diesem Zwecke wurde zufolge Beschlusses der Generalversammlung vom 23. Oktober 1911 das Aktienkapital von K 4800000,— auf K 6000000,— erhöht. Da aber die im Jahre 1850 gegründete Fabrik in Kwassitz in dem mit Fabriken dicht besiedelten Mähren an dem gleichen Übel einer ganz unzulänglichen Rübenanbaufläche wie die stillgelegte Leipniker Zuckerfabrik litt, faßte die Firma von vornherein schon bei den Ankaufsverhandlungen den Entschluß, Kwassitz wegen des unrentabel gewordenen Betriebes stillzulegen und die Kwassitzer Rübe in Wschetul zu verarbeiten. Demzufolge wurde der Betrieb in Kwassitz nach der Kampagne 1912/13 eingestellt und ein Teil der Kwassitzer Einrichtung nach Wschetul übertragen. Da die Tätigkeit des Zuckerkartells in der Öffentlichkeit, hauptsächlich in den Zeitungen, heftig angegriffen wurde, sah sich das k. k. Handelsministerium veranlaßt, eine Kartellenquete einzuberufen, die vom 27. bis 29. Februar 1912 zu Wien tagte. Der damalige Kleinhandelspreis für ein Kilogramm Würfelzucker betrug eine Krone, und das schien den Konsumenten viel zu hoch. Man machte dem Kartell den Vorwurf, daß es den Zucker übermäßig verteure. Die Industrie wies aber nach, daß sie nur den gesetzlichen Zollschutz von K 5,65 ausnutze, was keine strafbare Handlung wäre. Die eigentliche Ursache des hohen Zuckerpreises sei die staatliche Zuckersteuer, die bei einem Kilo Würfelzucker 38 Heller betrage. Der Staat war jedoch zu einer Herabsetzung der Steuer aus fiskalischen Gründen nicht zu bewegen. Namens der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. nahm auch Dr. Skene als Experte an dieser Enquete teil. Er beteiligte sich auch lebhaft an der Wechselrede. Als der Vorschlag auftauchte, daß die Regierung oder eine einzusetzende Behörde, kurz ein staatliches Amt das Recht besitzen solle, Kartellbeschlüsse, die volkswirtschaftlich nachteilig wären, zu untersagen, erwiderte er hierauf mit folgenden, für seine ganze Gesinnung so bezeichnenden Worten: „Ich glaube, daß eine derartige Beschränkung der Freiheit der Industrie und auch des Handels überhaupt unakzeptabel ist. Es erscheint ganz ausgeschlossen, daß die Industrie von Strömungen, die sehr wechseln, abhängig und darauf angewiesen sein soll, daß die Preise und die Bedingungen ihr jeweils von einer Kommission gestattet werden. Ich glaube, das würde jede Entwicklung der Industrie unmöglich machen.“ Der ^wirtschaftliche Aufstieg der Fabriken spiegelt sich in den folgenden Tabellen: Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 13 Leopoldsdorf Rohzucker dz 1902/03 . . 70416 1903/04 . . 99860 1906/07 . . 114787 1910/11 . . 121511 1912/13 . . 183283 Lundenburg Weiße Ware dz 1898/99 . . 345386 1901/02 . . 432003 1910/11 . . 535267 1912/13 . . 527321 Mit einer Weißzuckererzeugung von einer halben Million Doppelzentner war Lundenburg eine der größten Raffinerien auf dem ganzen Kontinent. Die im Jahre 1911 erworbene mährische Zuckerfabrik Wschetul erzeugte bis dahin Weiß- und Rohzucker. Nach der Kampagne 1911/12 wurde die Weißzuckererzeugung, die ja Sache der Lundenburger Raffinerie war, sofort eingestellt und in Wschetul nur noch Rohzucker hergestellt. In der Kampagne 1912/13 erzeugte Wschetul. 90353 dz und Leopoldsdorf. 183283 ,, Summe des eigenen Rohzuckers 273636 dz • Da die Rohzuckerverarbeitung in der Kampagne 1912/13 in der Lundenburger Raffinerie insgesamt 598678 dz betrug, so machte der in eigener Regie gewonnene Rohzucker nahezu schon die Hälfte des Einwurfes aus, während noch etwas mehr als die Hälfte durch Ankauf fremden Rohzuckers gedeckt werden mußte. Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges im August 1914, durch den der Auslandsverkauf jäh abgeschnitten wurde, war die Firma zunächst in größter Sorge wegen der großen Lagervorräte, die aber in einigen Monaten spielend abgingen. Eine schwere Schädigung erlitt der Rübenbau durch die Kaiserliche Verordnung vom 20. Februar 1915, RGBl. Nr. 40, wodurch der Rübenbau zugunsten des Baues anderer Feldfrüchte um 30% eingeschränkt wurde. Die Folgen zeigten sich im Herbst durch eine entsprechend gesunkene Rübenernte in den beiden Fabriken Leopoldsdorf und Wschetul. Die beginnende Zuckerknappheit sowie die Furcht vor unbegründeten Preissteigerungen veranlaßten die Regierung zur staatlichen Regelung der Zuckerwirtschaft durch Errichtung der mit Ministerialverordnung vom 7. Juli 1915, RGBl. Nr. 195 ins Leben gerufenen Zuckerzentrale in Wien, wobei man sich der bereits vorhandenen Organisation des Zuckerkartells bediente. Mit der längeren Dauer des Krieges machten sich besonders in den späteren Jahren schon Schwierigkeiten und Hindernisse im Erzeugungsvorgang geltend. Seiner vaterländischen Pflicht bewußt, beteiligte sich das Unternehmen aus den Erträgnissen der Kriegsjahre mit namhaften Summen an der Zeichnung sämtlicher Kriegsanleihen. Zahlreiche Beamte und Angestellte der Gesellschaft fanden auf dem Felde der Ehre den Heldentod. Durch den Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie im November 1918 wurde die Gesellschaft besonders schwer getroffen. Die beiden Fabriken 2 * 14 Jakob Baxa Lundenburg und Wschetul fielen in das Staatsgebiet der neubegründeten Tschechoslowakei, während die Wiener Zentrale, von der bisher alle Fabriken geleitet wurden, und die Leopoldsdorfer Fabrik bei Österreich verblieben. Infolge Kohlenmangels konnte Leopoldsdorf die Kampagne nur mit Unterbrechungen durchführen und die Rüben Verarbeitung statt im Jänner erst in den letzten Tagen des Monates März 1919 beenden. Von der verhältnismäßig großen Rübenernte von 478000 dz konnten nur 308000 dz auf Zucker verarbeitet werden, während der Rest anderweitig verwertet werden mußte. Noch trostloser waren die Verhältnisse im Betriebsjahr 1919/20, wo von 241000 dz Rübe nur 126000 dz, also nur die Hälfte, auf Zucker verarbeitet werden konnte. Österreich besaß jetzt nur vier Zuckerfabriken (Bruck, Dürnkrut, Hohenau und Leopoldsdorf), die der staatlichen Bewirtschaftung der „österreichischen Zuckerstelle“ unterstanden, die ab 13. Dezember 1918 an die Stelle der früheren Zuckerzentrale getreten war. Diese Stelle setzte den Rübenpreis in Befolgung einer reinen Konsumentenpolitik viel zu niedrig an, so daß der Rübenbau ständig zurückging. Um den Rübenbezug der Leopoldsdorfer Fabrik auf eine gesicherte Grundlage zu stellen, dachte Dr. Richard von Skbne daran, die Landwirte durch eine Aktenemission derart an dem Unternehmen zu beteiligen, daß sie gleichzeitig mit der Aktienzeichnung die Verpflichtung zur jährlichen Ablieferung einer bestimmten Rübenmenge übernehmen sollten, eine Verbindlichkeit, die als Reallast auf dem betreffenden Grundbesitz eingetragen werden sollte. Aber die Landwirte wollten eine derart weittragende Verpflichtung nicht übernehmen. Die Zuckerfabriken erhielten von der Österreichischen Zuckerstelle nur die Gestehungskosten zuzüglich einer geringfügigen Amortisations- und Gewinnquote vergütet. Da aber in jenen Tagen der rastlosen Papiergeldinflation der Geldwert ständig sank und alle Waren im Preise stiegen, mußte der Staat selbstverständlich den Fabriken die auf gelaufenen Mehrkosten ersetzen. Mit 1. März 1922 trat die Zuckerstelle in Liquidation, aber die inländischen Erzeugnisse der Kampagne 1921/22 blieben noch zur Gänze zu ihrer Verfügung. Durch den Anschluß des Burgenlandes im Jahre 1921 kamen zwei weitere Zuckerfabriken, Hirm und Siegendorf, zu Österreich, so daß es jetzt über sechs Betriebsstätten verfügte. In jenen Tagen des furchtbaren Zuckermangels ertönte in Laienkreisen überall der Ruf nach dem Bau neuer Fabriken und die Banken hätten gerne das Kapital hiefür beigestellt, aber Dr. Richard von Skene verfocht im Namen der Industrie den Grundsatz: Ein Bau neuer Fabriken ist nicht notwendig, notwendig ist allein die Ausdehnung des Rübenanbaues und eine entsprechende Erweiterung der Verarbeitungsfähigkeit der vorhandenen Betriebe. An diesem Grundsatz wurde auch festgehalten. Erst im Jahre 1929 wurde eine neue Fabrik in Enns gebaut, die den westlichen Teil von Niederösterreich und das ganze Land Oberösterreich für den Rübenbau gewann. Infolge der Staatentrennung wurde am 30. August 1921 in Lundenburg eine neue Gesellschaft, die „Lundenburger Zuckerraffinerie Aktiengesellschaft“ mit einem Kapital von Kc 6000000,— gegründet, welche die Fabriken Lundenburg und Wschetul übernahm. Da aber infolge der besonderen Verhältnisse in der Tschechoslowakei die Spannung zwischen Roh- und Weißzucker damals so gering war, daß eine reine Raffinerie ohne gleichzeitige Rübenverarbeitung unrentabel war, Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 15 wurde Lundenburg im Jahre 1930 stillgelegt, hingegen Wschetul zu einer modernen Raffinerie ausgestaltet. Leopoldsdorf war 1901 als Rohzuckerfabrik gebaut worden, aber da man jetzt in der Republik Österreich konsumfähige Ware brauchte, wurde sie stufenweise in eine Raffinerie umgebaut. In der Kampagne 1921/22 nahm sie die Kristallzuckererzeugung und 1922/23 die Würfelzuckererzeugung auf. Da der Umbau der Leopoldsdorfer Rohzuckerfabrik besonders in den späteren Etappen gewaltige Summen erforderte, wurde durch einen Beschluß der Generalversammlung vom 5. Mai 1923 das Aktienkapital von K 6000000,— auf K 12000000,— erhöht. Nach Liquidation der Österreichischen Zuckerstelle am 1. März 1922 und Wegfall der staatlichen Bewirtschaftung galt es vor allem, die Rübenanbauer durch eine kluge Preispolitik zur Ausdehnung des Rübenbaues zu gewinnen. Da die Landwirte in jenen Tagen der steigenden Zuckerpreise an der aufsteigenden Konjunktur des Endproduktes Anteil nehmen wollten, vereinbarten die Zuckerfabriken unter Führung von Dr. Richard Skene mit den Rübenanbauern erstmalig für die Kampagne 1922/23 eine derartige Preisfestsetzung, daß sich der Rübenpreis nach dem Zuckerpreis in den Herbstmonaten richten und von ihm abhängen solle, wobei für die Vergütung des Zuckers in Geld gewisse Durchschnittsnotierungen der Wiener Warenbörse vereinbart wurden. Diese Preisbildung hat sich derart eingelebt, daß sie bis zur Kampagne 1937/38 unverändert in Geltung blieb. Sie hat zum Wiederaufstieg des Rübenanbaues in Österreich wesentlich beigetragen. Als Ersatz für das frühere Zuckerkartell schlossen sich die vier niederösterreichischen Fabriken im Jahre 1922 zu einer Verkaufs Vereinigung zusammen, mit deren Führung die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. betraut wurde, die somit den größten Teil der inländischen Produktion als Treuhänderin verkaufte und die anderen Fabriken nach Maßgabe ihrer jeweiligen Erzeugung an dem durch diesen Verkauf erzielten Gesamterlöse beteiligte. Da die Zuckerfabrik Dürnkrut als einzige von allen anderen damals nur Rohzucker erzeugte, wurde mit ihr ein weiteres Abkommen getroffen, demzufolge sie sich verpflichtete, zwei Drittel ihrer Erzeugnisse nach Leopoldsdorf zur Raffination zu liefern, wogegen ihr ein der Rohzuckerausbeute entsprechendes Weißzucker quantum in Geld verrechnet wurde. Eine Fabrik sprang später aus der Verkaufs Vereinigung aus und die drei Fabriken Hirm, Siegendorf und Enns hatten sich von vornherein in ihrer Preis- und Verkaufspolitik freie Hand Vorbehalten, aber trotzdem haben sie alle die von der Verkaufsvereinigung festgesetzten Preise eingehalten und nie unterboten, so daß es niemals zu einem Konkurrenzkampf unter den Fabriken kam. Die Verkaufs Vereinigung ging bei der Preisfestsetzung von dem tschechoslowakischen Exportpreis ab Lundenburg aus, zu dem der österreichische Zuckerzoll, die Fracht Lundenburg—Wien und die Kosten der Transportversicherung geschlagen wurden, so daß man den tschechoslowakischen Preis in Wien erhielt. Dieser wurde dann immer um eine kleine Spanne unterboten, um den tschechoslowakischen Zucker, solange der Eigenbedarf aus der österreichischen Erzeugung noch nicht gedeckt war, zu konkurrenzieren. Nach voller Bedarfsdeckung des österreichischen Verbrauches durch die heimische Erzeugung wurde durch diese geschickte Preispolitik die Einfuhr des 16 Jakob Baxa tschechoslowakischen Zuckers verhindert. Die Verkaufs Vereinigung hat alle Auswüchse und Schäden der sonst auf dem Zuckermarkt oft so übertriebenen Preisspekulation eingedämmt und blieb bis Frühjahr 1938 bestehen. In der Generalversammlung vom 15. Mai 1926 wurde die nach dem Goldbilanzengesetz neu aufzustellende Golderöffnungsbilanz genehmigt und das bisherige Aktienkapital von K 12000000,— auf S 4500000,— umgestellt. Schon seit Gründung der Leopoldsdorf er Fabrik im Jahre 1901 bestand bei der Gesellschaft die Neigung, die benachbarte Zuckerfabrik in Dürnkrut zu erwerben, Bild 2. Dürnkruter Zuckerfabrik, errichtet 1844, seit 1926 im Besitz der Leipnik- Lundenburger Zuckerfabriken A.-G. V9SSG- | I » > | I t * 1 * » » , I I Mil f t M Ji "äH-'ks ■.*W"**- gitm doch scheiterten damals die mit der Firma Kürschner & Bachler geführten Verhandlungen an der Höhe des geforderten Kaufpreises. Aber im Jahre 1902 bekam diese Firma den hohen Preis von anderer Seite bezahlt. Die Firma Kürschner & Bachler w r ar nämlich ein sogenannter „Außenseiter“ (outsider), der dem großen Zuckerkartell vom Jahre 1897 nicht beigetreten war und daher durch seine Beschlüsse nicht gebunden wurde. Solche Leute sind beim Kartell natürlich nicht beliebt, aber die Firma machte jetzt einen sehr schlauen Schachzug und bot dem Kartell selbst diese noch freie Fabrik zum Verkaufe an. Das Kartell ging sofort darauf ein, es wurde die Gründung einer Dürnkruter Zuckerfabriks A. G. zum Ankauf des Unternehmens beschlossen und sämtliche kartellierte Fabriken wurden eingeladen, sich nach Maßgabe ihrer Rüben- bzw. Rohzuckerverarbeitung an der Aktienzeichnung zu beteiligen. Zufolge eines Beschlusses vom 23. Oktober 1902 beteiligte sich auch die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. in weitschauender Voraussicht kommender Möglichkeiten an dieser neuen Aktiengesellschaft, doch war ihr anfänglicher Aktienbesitz ganz gering. Die Dürnkruter Aktien kotierten nicht an Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Act iengesellschaft 17 der Wiener Börse, sie kamen nicht ins große Publikum, die Zuckerfabriken behielten sie im Portefeuille. Auch waren sie in den ersten Jahren, wo die gänzlich veraltete Fabrik völlig umgebaut wurde, erträgnislos. Die Zuckerfabriken in Böhmen und * «ük-'Sf Aufnahme: Sinn. Bild 3. Zuckerfabrik Dürnkrut — Diffusion. Galizien hatten an diesen Dürnkruter Aktien, die sie aus bloßer Kartellverpflichtung gezeichnet hatten, nicht das mindeste Interesse und dachten schon daran, sie abzuschreiben, da sprach es sich in der Industrie bald herum, daß die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. jeden Posten Dürnkruter Aktien zu den kulantesten Bedingungen übernehme. Mit großer Freude verkauften die anderen Zuckerfabriken ihre Dürnkruter Aktien, da sie ja das schon verloren geglaubte Geld wieder erhielten, und die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. erwarb so binnen 18 Jakob Baxa wenigen Jahren die Majorität in der Dürnkruter Zuckerfabriks A. G. Seit dem Jahre 1922 wurde das Verhältnis mit Dürnkrut noch inniger, indem seither zwei Drittel des Dürnkruter Rohzuckers in der Leopoldsdorf er Fabrik verarbeitet wurden. Diese enge Interessengemeinschaft führte im Jahre 1926 zur vollständigen Fusion der Dürnkruter Zuckerfabriks A. G., so zwar, daß diese Firma im Handelsregister gelöscht und mit der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. vereinigt wurde, die jetzt die beiden Fabriken Leopoldsdorf und Dürnkrut betrieb. Zur Durchführung der Fusion wurde in der Generalversammlung vom 25. November 1926 das Aktienkapital von S 4500000,— auf S 6000000,— erhöht. Lediglich zur Erhöhung des Nennwertes der Aktien, der mit den tatsächlichen Verhältnissen ins Gleichgewicht gebracht wurde, sah sich die Gesellschaft veranlaßt, das Aktienkapital ohne neue Aktien auszugeben, mit Beschluß der Generalversammlung vom 4. Mai 1931 auf S 8000000,— und mit Generalversammlungsbeschluß vom 20. August 1935 auf S 12000000,— zu erhöhen. Seit dem Jahre 1922 betrieben sämtliche österreichische Zuckerfabriken eine gemeinsame Propaganda für die Hebung des Rübenbaues, die zufolge ihrer klugen Rübenpreispolitik auch von vollem Erfolge gekrönt war. In der Kampagne 1932/33 deckte die österreichische Zuckererzeugung zum ersten Male völlig den einheimischen Bedarf, so daß seither alle Zuckereinfuhren aus der benachbarten Tschechoslowakei, die bisher das jeweilige Bedarfsdefizit gedeckt hatten, unterblieben. Die Zuckerindustrie mußte sich jedoch dem österreichischen Finanzministerium gegenüber verpflichten, die Produktion auf die inländische Bedarfsdeckung zu beschränken, da bei der damaligen trostlosen Lage auf dem Weltzucker markt jeder Export mit Verlust verbunden war, staatliche Mittel zur Exportfinanzierung jedoch unter keinen Umständen bewilligt werden könnten. Der ansteigende Rübenanbau, die großen Ernten und der durch die allgemeine Krise bedingte Rückgang des Zuckerkonsums hatten zur Folge, daß rund 500000 dz Zucker am 1. September 1935 den österreichischen Zuckerfabriken unverkauft zur Verfügung standen. Es war etwa die gleiche Menge, die in diesem Jahr von Leopoldsdorf erzeugt worden war. Dr. Richard Skene sprach namens der Zuckerindustrie zuerst beim Finanzministerium vor, es möge den Export dieser unverschuldeten Überproduktion durch Beihilfe eines entsprechenden Zuschusses ermöglichen, aber das Finanzministerium hat diese Bitte glatt abgelehnt. Da blieb kein anderes Mittel übrig, als eine radikale Einschränkung der Rübenanbaufläche, die Dr. Skene mit derselben rasch entschlossenen Energie durchsetzte, wie im Jahre 1892 die Reduktion des Leipnik-Lundenburger Aktienkapitals. Im Einvernehmen mit den Landwirten wurde die gesamte Anbaufläche von 49500 ha für die nächstfolgende Kampagne auf 43000 ha herabgesetzt. Das nützte aber nichts. Die Kampagne 1935/36 brachte wieder eine Rekordernte und die unverkäuflichen Zuckervorräte stiegen am 1. September 1936 auf 829000 dz an. Abermals mußte im Jahre 1936/37 die Anbaufläche auf 37 000 ha verringert werden, um die Produktion endlich dem gesunkenen Zuckerverbrauch anzupassen. Die Industrie verlor durch diese bedauerliche Maßnahme ein volles Viertel ihrer kostbaren Rübenanbaufläche. Das Finanzministerium partizipierte natürlich an diesem Verluste durch die geringeren Steuererträge. Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 19 Abgesehen von dieser schweren Krise herrschte jedoch in der österreichischen Zuckerwirtschaft seit dem Betriebsjahr 1931/32 eine vollkommene Stabilität. Der Rübenpreis betrug seither S 5 für 1 dz und der unversteuerte Zuckerpreis S 50 für 1 dz. Der wirtschaftliche Aufschwung des Unternehmens spiegelt sich in seiner Raffinadeerzeugung: Leopoldsdorf Weiße Ware dz 1923/24 . 137075 1924/25 . 214382 1926/27 . 270043 1927/28 . 328043 1931/32 . 378988 1933/34 . 410111 1934/35 . 505135 1936/37 . 297414 Durch die politischen Vorgänge am 13. März 1938 verlor Österreich seine Souveränität und die österreichische Zuckerindustrie wurde der Hauptvereinigung der deutschen Zuckerwirtschaft in Berlin unterstellt. Der Zustand war ganz ähnlich wie im alten Österreich-Ungarn. Jede Fabrik erhielt von der Haupt Vereinigung ein bestimmtes Erzeugungskontingent zugewiesen. Die Rübeneinzugsgebiete der Fabriken wurden von allen Enklaven und Überschneidungen bereinigt, so daß die beiden Fabriken Leopoldsdorf und Dürnkrut jetzt über ein geschlossenes Rübengebiet im nächsten Umkreise der Fabrik verfügten. Durch die Neuregelung der Absatzgebiete verlor die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. ihre alten Kunden in Tirol und Vorarlberg, die von bayrischen Zuckerfabriken beliefert wurden. In der Generalversammlung vom 31. Mai 1939 wurde das Aktienkapital, das nach der amtlichen Umrechnung 1 RM = 1,50 S mit RM 8 000000,— zu Buch stand, nach der später erlassenen Umstellungsverordnung auf RM 12000000,— umgestellt. Da die Fabriken jetzt nicht nur zur Zuckererzeugung, sondern auch zur Futtermittelerzeugung verpflichtet waren, wurde mit einem Kostenaufwand von RM 2 200 000,— in der Leopoldsdorfer Fabrik eine große Rübentrocknungsanlage errichtet. Der Zuckerpreis betrug unverändert RM 67,50 für 1 dz, der Rübenpreis zwischen RM 3,20 bis RM 3,60. Er wurde der Fabrik von der Hauptvereinigung vorgeschrieben. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges im September 1939 ging in den späteren Jahren die Rübenanbaufläche und Zuckererzeugung ständig zurück und die Materialpreise stiegen an. Die Fabriken Leopoldsdorf und Dürnkrut mußten zwar den auf getragenen Rübenpreis an die Landwirte zahlen. Da dieser jedoch bei der sinkenden Produktion einen wirtschaftlichen Schaden bedeutete, erhielten sie von der Hauptvereinigung einen staatlichen Zuschuß zum Rübenpreis zur Deckung des bilanzmäßigen Verlustes. In den späteren Kriegsjahren wurde zwar der Produktionsprozeß durch die zahlreichen Fliegeralarme zuweilen empfindlich gestört, aber die Beschädigungen durch Luftangriffe waren verhältnismäßig ganz gering. Da brach im April 1945 über das Unternehmen die Katastrophe herein. Infolge Annäherung der Kriegsfront an die Ostgrenze Österreichs gerieten alle fünf hier gelegenen Zuckerfabriken in das unmittelbare Kampfgebiet, während 20 Jakob Baxa aber die Fabriken in Bruck, wo das Zuckermagazin zerstört wurde, und in Siegendorf, wo nur einige kleinere Objekte vernichtet wurden, verhältnismäßig glimpflich davon kamen, wurden Hohenau, Dürnkrut und insbesondere Leopoldsdorf auf Bild 4. Zuckerfabrik Leopoldsdorf. das Schwerste betroffen. Dürnkrut wurde durch Artillerie in Brand geschossen. Die Magazine und Kanzleien mit den Beamtenwohnungen brannten vollständig nieder; das Hauptfabriksgebäude erlitt schweren Dachschaden, die Maschinenanlagen wurden durch herabstürzende Trümmer erheblich beschädigt, doch blieb das Kesselhaus und die Kraftanlage unversehrt. Die Zuckerfabrik Leopoldsdorf erlitt die schwersten Verwüstungen in ihrer Innenanlage durch Sprengungen, die Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Act iengesellschaft 21 am Morgen des 9. April von einem Sprengkommando der deutschen Nachhut vorgenommen wurden. Das Kesselhaus, die Turbinen und Zentrifugen wurden dadurch Bild 5. Zuckerfabrik Leopoldsdorf. Pumpenspiegel — Verdampfstation. weitgehend zerstört. Das eigene Artilleriesperrfeuer zwang die Besatzung zum Abzug, dadurch geriet noch das Dach des Rübenhauses und die Würfelei in Brand. Nachdem die Russen schon in der Fabrik eingetroffen waren, wurde noch das Trockenrübenmagazin in Brand geschossen, das eine volle Woche brannte. Das Zuckermagazin blieb wohl unversehrt, aber der gesamte Zucker wurde als Beutegut beschlagnahmt. Die Wiener Zentrale im Schoellerhaus in der Landskrongasse brannte vollständig 22 Jakob Baxa aus, alle Akten wurden vernichtet, nur die Buchhaltung und der Geldbestand in den eisernen Kassen konnten gerettet werden. Aber den schwersten und unersetzlichsten Verlust erlitt die Gesellschaft in jenen Tagen durch den Tod ihres Betriebsführers Richard von Skene jun. Er war schon der Vertreter der dritten Generation, den Dr. Skene, nachdem sein älterer Sohn früh verstorben war, zu seinem Nachfolger heranzog. Richard von Skene jun., im Familienkreis Dicky genannt, wurde am 5. Mai 1909 zu Wien geboren und erhielt seine Gymnasialbildung am Theresianum, jener angesehenen Lehranstalt, die aus der von der Kaiserin Maria Theresia gegründeten Ritterakademie hervorgegangen war. Nach abgelegter Reifeprüfung machte er seine große Tour ins Ausland, nach England und Deutschland, wo er an den Universitäten von Oxford, Hamburg und Berlin Vorlesungen über Volkswirtschaftslehre hörte. Aber es war nicht seine Absicht, das Hochschulstudium zu ergreifen, sondern es drängte ihn nach praktischer Tätigkeit. Schon 1930, im Alter von 21 Jahren, trat er in die Firma ein, wo er an seinem Vater den besten Lehrmeister fand. Wegen seiner glänzenden Begabung, die er sofort im Geschäftsleben bewies, wurde ihm schon 1931 die Prokura verliehen und 1936 wurde er in die Direktion gewählt. In der Direktionssitzung vom 29. Juli 1938 wurde er im Sinne der deutschen Rechtsvorschriften zum Betriebsführer der Wiener Zentrale und der beiden Fabriken Leopoldsdorf und Dürnkrut ernannt. Dadurch erwuchs ihm ein außerordentlich umfangreicher Aufgabenkreis, den er mit jugendlicher Tatkraft bewältigte. Als Leiter der reichdotierten Wohlfahrtseinrichtungen der Gesellschaft hat er niemals das Ansuchen eines Arbeiters oder Angestellten abgeschlagen, er wußte auch, den modernen Anforderungen der Zeit entsprechend, das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter als gemeinsamen Dienst an einem gemeinsamen Werk zu gestalten, und als er einst bei einem Fabriksball den Tanz mit einer einfachen Arbeiterin eröffnete, hat er durch diese kleine Courtoisie, die stürmisch bejubelt wurde, die alte Klassenkampfideologie in den Herzen der Arbeiter restlos überwunden. Richard von Skene jun. war gleichzeitig Leiter der Wirtschaftsgruppe Zuckerindustrie der österreichischen Fabriken. Als solcher mußte er in zahlreichen Vorsprachen bei der Hauptvereinigung der deutschen Zuckerwirtschaft in Berlin alle Anliegen, Beschwerden und Wünsche der österreichischen Zuckerindustrie persönlich vortragen, er hat auch immer alles durchgesetzt und sich so um die gesamte österreichische Zuckerindustrie in der schweren Kriegszeit außerordentlich verdient gemacht. Er hat in den Apriltagen des Jahres 1945 in den Kämpfen um Wien den Heldentod erlitten. Außer ihm sind, ähnlich wie im ersten, so auch im zweiten Weltkrieg zahlreiche Angestellte und Arbeiter der Gesellschaft, deren Namen heute durch Gedenktafeln in den Fabriken der Nachwelt überliefert werden, auf dem Felde der Ehre gefallen. Sie kämpften und starben und liegen auf allen Schlachtfeldern der Erde und auf dem Grunde des Meeres begraben: ,,wie das Gesetz es befahl“. Dem Wiederaufbau der zerstörten Werke stellten sich zunächst die größten Schwierigkeiten entgegen. Im Anschluß an die letzten kriegerischen Ereignisse war ein vollständiger Wirtschaftsstillstand eingetreten, es fehlte zunächst an allen Transportmitteln und an der Möglichkeit, für die zerstörten oder schwer beschädigten Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 23 Maschinen Ersatz zu beschaffen. Erst langsam und. allmählich kam das ganze Wirtschaftsleben wieder in Gang. Die Gesellschaft entschloß sich, zuerst den Wiederaufbau von Dürnkrut in Angriff zu nehmen. Diese Fabrik war viel geringer beschädigt und daher unter den damaligen Verhältnissen auch leichter instand zu setzen. Da Dürnkrut die kleinere Anlage ist, bestand auch die große Gefahr, daß sie vielleicht behördlich stillgelegt worden wäre, wenn man zuerst das große Werk in Leopoldsdorf wiederauf gebaut hätte. War ja noch vor wenigen Jahren auch die Zuckerfabrik Hirm zugunsten jener von Siegendorf stillgelegt worden, von der sie nur 8 km entfernt war. Dürnkrut war bis 1945 eine Rohzuckerfabrik, deren Produkte in Leopoldsdorf raffiniert wurden. Da die Gesellschaft aber eine konsumfähige Ware auf den Markt bringen mußte, wurde ein Teil der unversehrt gebliebenen Leopoldsdorfer Raffinadeanlage nach Dürnkrut übertragen und die Dürnkruter Rohzuckerfabrik behelfsmäßig in eine Raffinerie verwandelt. Auch wurden die zerstörten Dürnkruter Anlagen, die man ja mit Rücksicht auf die damaligen Umstände nicht durch Neuanschaffungen erneuern konnte, durch brauchbare Maschinen und Maschinenbestandteile des Leopoldsdorfer Werkes ersetzt. So glückte es, im Verlauf von eineinhalb Jahren die Dürnkruter Fabrik wieder derartig betriebsfähig zu machen, daß sie gemeinsam mit den übrigen beschädigten Zuckerfabriken im Herbst 1946 die Rüben Verarbeitung und Kristallzuckererzeugung wieder auf nehmen konnte. Da das Leopoldsdorfer Werk aus seinen unversehrten Beständen Maschinen an Dürnkrut abgegeben hatte, war nach Fertigstellung des Dürnkruter Wiederaufbaues der von Leopoldsdorf durch große Materialknappheit gekennzeichnet. Die Wiederinstandsetzung der beschädigten Leopoldsdorfer Inneneinrichtung erfolgte fast ausschließlich in eigener Regie unter Leitung des Konstruktionsbüros der Fabrik in den eigenen Werkstätten. Der Wiederaufbau dauerte volle vier Jahre und erforderte einen Kostenaufwand von S 17000000,—. Die Leopoldsdorfer Fabrik konnte die erste Kampagne seit der Zerstörung im April 1945 erst wieder im Jahre 1949 durchführen. Dr. Richard von Skene war 1944 nach 54 Dienstjahren von der Leitung des Unternehmens zurückgetreten und führte seither den Ehrenvorsitz im Aufsichtsrat. Es war ihm noch vergönnt, die Wiederinbetriebnahme der Dürnkruter Zuckerfabrik zu erleben. Am 4. Juni 1947 ist er zu Wien gestorben und wurde seinem Wunsche nach in aller Stille bestattet. Was sein Wirken für die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. und die gesamte österreichische Zuckerindustrie bedeutete, das ist in diesen Blättern zu lesen. Wie sein Vater war er auch noch in anderen Unternehmungen der Papier- und Textilindustrie, in Finanz- und Versicherungsinstituten tätig. Er war, seit März 1917, der letzte Präsident des „CentralVereines für Rübenzuckerindustrie Österreichs und Ungarns“, nur seine reichen Erfahrungen, die er schon während seiner Tätigkeit in der alten Monarchie gesammelt hatte, befähigten ihn dazu, auch in der Republik Österreich das Schicksal der Zuckerindustrie entscheidend mitzubestimmen, das sich ohne seine Mitwirkung vielleicht ganz anders gestaltet hätte. Er war ein gläubiger Protestant, der die Vorschriften seines Glaubens pflichtgetreu erfüllte. In der Religion suchte er den Trost für die schweren Schicksalsschläge, die ihm das Leben bereitete. Er hat ein Patriarchen- 24 Jakob Baxa alter von 80 Jahren erreicht, aber fast alle seine Kinder begraben. Hinter dem Sarge seines geliebten Sohnes, mit dem er so viele Hoffnungen begrub, ging er aufrecht und ungebrochen mit dem edlen Anstand und in der Haltung eines alten Römers. Nach Dr. Richard von Skene übernahm sein Schwager Robert von Schoeller die Leitung des Unternehmens. Er wurde am 25. Juli 1873 zu Adamsthal Bild 6. Robert von Schoeller 1873—1950. bei Brünn geboren und war nach Beendigung seiner Studien zuerst in der Textilindustrie tätig. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts trat er in die Chropiner Zuckerfabriks A. G. ein. Das war eine mährische Fabrik, die ihr Verkaufsbüro in Wien hatte. In dieser Stellung, in der er sich um den Aufstieg dieser blühenden Fabrik äußerst verdient machte, blieb er bis zu jenem Zeitpunkt, als auch diese Firma infolge der Staatentrennung in ein tschechoslowakisches und österreichisches Unternehmen geteilt wurde, wobei ihm die Leitung über die Österreichische Chropiner Zuckerfabriks A. G. zu fiel. Robert von Schoeller war ein vollkommen ruhiger Mann, den nichts aus der Fassung brachte, trotz regster Anteilnahme an allen Verhandlungen ergriff er nur selten das Wort, er arbeitete ganz im Stillen. Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 25 Sein großes Lebenswerk war die Leitung der Zuckerfabrik Dürnkrut, die ihm 1902 bei Gründung der Dürnkruter Zuckerfabriks A. G. übertragen wurde und die er auch nach der Fusion mit der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. beibehielt. Die Zuckerfabrik Dürnkrut ist die älteste von allen Zuckerfabriken in der Republik Österreich. Sie wurde 1844 von Johann Baptist Ghirardello, einem Photo: D’Ora Benda, Wien. Bild 7. Dipl.-Ing. Paul Ferstel. Geb. 1896. ehemaligen Kolonialzuckerraffineur aus Triest, und dem Kupferschmied Ferdinand Dolaynski aus Wien gegründet, der die Inneneinrichtung lieferte. Ihr erster Direktor war Robert Schorisch. Schon im Jahre 1845 ging sie in das Eigentum eines Wiener Großhändlers Karl Klein über. Im Jahre 1867 wurde sie von der Firma „Josef Boschans Söhne“ erworben und 1901 an die Firma Kürschner & Bachler verkauft. Robert von Schoeller übernahm die Dürnkruter Fabrik im Jahre 1902 in einem völlig verlotterten Zustand mit einem ganz veralteten Maschinenpark. Da die Dürnkruter Zuckerfabriks A. G. kein bedeutendes Eigenvermögen hatte, konnte der Neuaufbau nur sehr sparsam und mit beschränkten Mitteln durchgeführt werden, erst nach der Fusion mit der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. war die Möglichkeit gegeben, die modernsten Investitionen durchzuführen. Was Robert von Schoeller in einer mehr als 40jährigen Tätigkeit aus dieser Fabrik gemacht hat, lehren die folgenden Produktionsziffern: 26 Jakob Baxa Zuckerfabrik Dürnkrut Rohzucker dz 1902/03 . 62674 1906/07 . 86290 1912/13 . 100558 1925/26 . 114903 1928/29 . 191349 1930/31 . 254004 1934/35 . 316444 1935/36 . 287 237 Mit der Zuckerfabrik Dürnkrut war seit alters eine eigene Ökonomie verbunden, die Robert von Schoeller aufs sorgfältigste betreute. Jede Woche fuhr er zur Inspektion in die Fabrik, wo er sich eingehend vom Stande der Arbeiten überzeugte. Sodann ging er hinüber in den Meierhof, wo er einen Rundgang durch die Ställe machte und das Vieh besichtigte. Hierauf fuhr er in einem Steirer wagen zur Überprüf mig des Standes der Saaten auf die Felder bis zu den entlegensten Vorwerken hinaus. Die Auswahl des besten Saatgutes und Nutzviehes, der oft zähe Handel mit den schlauen und verschlagenen Viehhändlern aus Vorarlberg und Tirol, der Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte zum günstigsten Zeitpunkt, das war so recht seine Freude, wie überhaupt der Landwirtschaft seine große, heimliche Liebe galt. So hat er im Laufe der Jahre aus der Ökonomie Dürnkrut eine sehenswerte Musterwirtschaft gemacht und genoß als rationeller Landwirt das höchste Ansehen in allen beteiligten Kreisen. Es war sicher der größte Schmerz seines Lebens, als die Ökonomie infolge der kriegerischen Ereignisse im April 1945 nicht nur ihres gesamten Viehstandes beraubt wurde, sondern auch vom toten Inventar die meisten Maschinen und Gerätschaften verlor, so daß damals buchstäblich nur die leeren Ställe und Scheunen sowie die kahlen Felder übrigblieben. In den Katastrophentagen von 1945, wo ja alle politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse noch ganz unsicher waren und man überhaupt nicht wußte, was aus der ganzen Zuckerindustrie werden würde, lag eine sehr schwere und große Verantwortung auf seinen Schultern. Er hat sofort alle notwendigen und erforderlichen Maßregeln ergriffen und insbesondere alle finanziellen Transaktionen vorgenommen, um den Weiterbestand des so schwer geschädigten Unternehmens zu sichern. Am 31. März 1948, als der Wiederaufbau schon weit fortgeschritten und für die Zukunft nichts mehr zu fürchten war, trat er in den wohlverdienten Ruhestand. Er erlebte noch die große Freude der Wiederinbetriebnahme des Leopoldsdorfer Werkes und starb am 7. Juni 1950 zu Wien, von einer zahllosen Trauergemeinde zu Grabe geleitet. Der Geschichtschreiber hat bisher nur von den Toten erzählt, aber jetzt, wo die Darstellung immittelbar an die Schwelle der Gegenwart herantritt, muß auch der Name des Mannes genannt werden, mit dem der technische Wiederaufbau der beiden zerstörten Werke Dürnkrut und Leopoldsdorf untrennbar verbunden ist. Es ist dies der gegenwärtige oberste Leiter der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G., Dipl.-Ing. Paul Ferstel. Er wurde am 12. April 1896 zu Wien geboren und entstammt einer angesehenen Familie. Heinrich Freiherr von Ferstel (1828 bis 1883), der Erbauer der Votivkirche und Wiener Universität sowie Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 27 zahlreicher anderer öffentlicher und privater Bauwerke, einer der genialsten und berühmtesten Baumeister seiner Zeit, war sein Großvater. Paul Ferstel studierte am Wiener Schottengymnasium und machte schon den ersten Weltkrieg als Kampfflieger mit. Sodann absolvierte er die Wiener Technik, wo er sich dem Maschinenbau zuwandte. Als fertiger Diplomingenieur begann er seine praktische Tätigkeit zuerst bei der Andritzer Maschinenfabrik in Graz, um sie später bei den Paukerwerken fortzusetzen. Am 1. Mai 1936 trat er als Prokurist bei der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. ein, wo er bald zum technischen Direktor aufstieg. Aufnahme: Al. Hochberger. Bild 8. Leopoldsdorfer Zuckerfabrik. 2ggg$?_j Auch zu Beginn des zweiten Weltkrieges wurde er nochmals zur Frontdienstleistung einberufen, aber bald wieder seinem bürgerlichen Berufe zurückgegeben. Seit 11. Oktober 1944 gehört er dem Vorstand der Gesellschaft an. Nach der Katastrophe von 1945 hat er zuerst die Rekonstruktion der schwerbeschädigten Dürnkruter Fabrik geleitet und sodann in Leopoldsdorf aus einem wüsten Trümmerhaufen, wo alles kunterbunt durcheinander lag, zu einer Zeit ärgster Materialknappheit, wo wegen jedes Nagels und jeder Schraube ein staatliches Bewilligungsverfahren eingeleitet werden mußte, in zäher, harter und unermüdlicher Arbeit eine der schönsten und größten Raffinerien des Kontinentes wieder errichtet. Der technische Wiederaufbau beider Fabriken ist sein geistiges Werk und seine schöpferische organisatorische Leistung. Zum Dank hiefür hat ihm die Gesellschaft am 1. April 1948 den Vorsitz des Vorstandes eingeräumt und hiemit die Zukunft der Firma an vertraut. Ganz kurz sei hier nur erwähnt, daß die Gesellschaft jederzeit in vorbildlicher Weise ihren sozialen Pflichten gegenüber ihren Arbeitern und Angestellten nachgekommen ist. Sie besitzt geräumige Siedlungshäuser für alle Werkszugehörigen, Technikgeschichte, 17. Heft. 3 28 Jakob Baxa auch für die Kampagnearbeiter, schöne Sportplätze für Fußball und Tennis, Freibäder, Kindergärten, Werksbüchereien mit guter Literatur, reichdotierte Unterstützungsfonds für Krankheit, Alter und Invalidität, sie veranstaltet Betriebsausflüge und Ferienaktionen und gewährt Darlehen für Eigenheime, weil hier der bewegliche Mensch wieder mit der Erde verwurzelt wird. Ältere Arbeiter mit längeren Dienstzeiten haben fast alle ein Häuschen mit Garten und heute natürlich auch ein Motorrad. In Dürnkrut gehen schon drei, in Leopoldsdorf zwei Arbeitergenerationen aus der Umgebung in die Fabrik. Mit dem Wiederaufbau der zerstörten Werke ging auch der allmähliche Wiederaufbau der im Jahre 1945 gänzlich verlorengegangenen Rübenanbaufläche Hand in Hand. In den bitteren Jahren nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde zuerst wahllos aus allen Himmelsrichtungen weiße Ware importiert, aber sobald die Zuckerfabriken wieder arbeitsfähig waren, wurde nur noch Rohzucker, meist aus Kuba, eingeführt, der in den heimatlichen Betrieben raffiniert wurde. Auch die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. hat eine ganze Reihe solcher Kubakampagnen durchgeführt. In der Herbstkampagne 1953/54 erzeugte die Firma in beiden Fabriken insgesamt 619851 dz Weißzucker, was einem Drittel des Gesamtbedarfes von Österreich entspricht, der mit 1800000 dz beziffert wird. Die staatliche Bewirtschaftung des Zuckers wurde beibehalten. In ihrer Produktion haben die Fabriken heute wieder freie Hand, aber der Zuckerpreis wird von der Regierung bestimmt. Seit 16. Juli 1951 betrug er unverändert S 558,— für 1 dz Normalkristalle. Ab 1. April 1955 wurde er auf S 535,— ermäßigt. Verzeichnis sämtlicher Fabriken der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken Aktiengesellschaft Mähren: Leipnik (1867 bis 1904), Lundenburg (1872 bis 1918, stillgelegt 1930), Kwassitz (1911 bis 1913), Wschetul (1911 bis 1918). Ungarn: Groß-Tany (1869 bis 1874). Niederösterreich: Leopoldsdorf (ab 1901), Dürnkrut (gegr. 1844, ab 1926). Finanzielle Entwicklung Betriebs jahr Aktienstückzahl Aktienkapital 1867/68 500 fl. 500000,— 1870/71 800 „ 800000,— 1871/72 2000 „ 2000000,— 1876/77 3000 „ 3000000,— 1891/92 12000 „ 2400000,— 1899/1900 K 4800000,— 1911/12 15000 „ 6000000,— 1923/24 30000 „ 12000000,— 1924/25 S 4500000,— 1926/27 40000 „ 6000000,— 1930/31 „ 8000000,— 1934/35 „ 12000000,— 1937/38 RM 8000000,— 1938/39 „ 12000000,— 1942/43 „ 18000000,— 1946/47 S 18000000,— Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 29 Ganz zum Schlüsse möge eine noch oft erörterte Frage behandelt werden. Alle übrigen österreichischen Zuckerfabriken, die Brücker, Ennser, Hohenauer, Siegendorfer und Tullner führen in ihrem Firmen Wortlaut ihren Standort, den sie niemals gewechselt haben. Das war nicht immer so. Die Ennser hieß ursprünglich Ober- österreichische und die Tullner Niederösterreichische Zuckerfabriks A. G. Im Gegensatz dazu firmiert die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. nicht nach ihren heutigen Standorten Leopoldsdorf und Dürnkrut, sondern nach ihren ehemaligen, die heute beide in der Tschechoslowakei liegen. Daher hat man die Firma nach 1918 oft mit der tschechoslowakischen Lundenburger Zucker-, raffinerie A. G. verwechselt und irrtümlich selbst für ein tschechoslowakisches Unternehmen gehalten. Es ist richtig, das widerspricht offen dem eigenen Generalversammlungsbeschluß vom 27. Juli 1871, wonach der Wirkungskreis der Gesellschaft auch in der Firma ersichtlich sein soll. Aber die Firma hat niemals daran gedacht, ihren Namen zu ändern. Der erste Grund ist rein nüchtern und entspricht altem Kaufmannsgebrauch. Es gibt alte solide Firmen, die schon Jahrhunderte denselben Namen tragen, obwohl das Geschlecht der ursprünglichen Inhaber längst ausgestorben ist und der jetzige Besitzer ganz anders heißt. Seit 1873 kotieren die Aktien der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. an der Wiener Börse. Sie sind ein Begriff der Solidität und ein beim Publikum sehr beliebtes Papier. Was 80 Jahre recht und billig war, soll auch in Zukunft so bleiben. Der zweite Grund ist ein idealer, es ist die Ehrfurcht der Firma vor ihrer eigenen Geschichte und Vergangenheit. So wie etwa die alten deutschen Kaiser bis zum Untergang des Heiligen Römischen Reiches im Jahre 1806 und nach ihnen noch die vier Kaiser von Österreich bis 1918 den von Friedrich II. im 13. Jahrhundert angenommenen Titel eines „Königs von Jerusalem“ führten, obwohl dieses Königreich längst wieder verlorengegangen war, ebenso führt die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. in ihrem Firmen Wortlaut zwei Orte, die einst zu Österreich gehörten, aber dann an die Tschechoslowakei, an ein fremdes Land, fielen und nennt sich nach zwei Fabriken, von denen die erste schon seit einem halben Jahrhundert, die zweite seit einem Vierteljahr hundert überhaupt nicht mehr existiert. Es ist für die Firma zugleich eine Erinnerung an jene schöne Zeit, wo die Schiffe der österreichischen Handelsmarine auf allen sieben Weltmeeren den Leipnik-Lundenburger Zucker in die entferntesten Länder verfrachteten, wo die Fabriksmarke auf allen Weltmärkten bekannt und hochgeachtet war, während sie heute nur der heimische Kaufmann und die österreichische Hausfrau kennt. Wer die Geschichte der Firma studiert hat, wird es verstehen, daß sie auch für alle Zukunft an ihrem ursprünglichen Namen festhalten wird. Benützte Schriften Edmund Kutschera: Der Centralverein für Rübenzuckerindustrie in der österr.-ung. Monarchie. Wien 1904. Edmund Bernatzik: Die österreichischen Verfassungsgesetze, 2. Aufl. Wien 1911. Siegmund Ziegler: Die Zuckerproduktion der Welt und ihre Statistik, 2. Aufl. Brünn 1912. Verhandlungen der vom k. k. Handelsministerium veranstalteten Kartellenquete, I. Zuckerindustrie, Wien 1912. 30 JA.KOB Baxa: Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft Gustav Mikusch: Jahr- und Adressenbuch der Zuckerfabriken und Raffinerien Österreich-Ungarns. Wien 1914/15. Gustav Mikusch: Die Zuckerindustrie, ihre Lage im alten Österreich während des Weltkrieges und ihre Aussichten in Deutschösterreich. Wien-Leipzig 1921. Jakob Baxa: Die Geschichte der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. Wien 1930. Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen September bis Dezember 1859 (Historische Blätter, S. 102, Wien 1931). Hans Fr. v. Dumreicher: 100 Jahre Haus Schoeller. Aus Vergangenheit und Gegenwart. Wien 1933. Jakob Baxa: Die Zuckererzeugung 1600 bis 1850. Jena 1937. Jakob Baxa: Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. 1930 bis 1940 und ihr Rübeneinzugsgebiet. Wien 1940. Jakob Baxa: Studien zur Geschichte der Zuckerindustrie in den Ländern des ehemaligen Österreich. Wien 1950. Otto Maresch: Die Geschichte der Zuckerfabrik Leopoldsdorf der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 1901 bis 1951. Wien 1952. Die Entwicklung der Zuckererzeugung mit besonderer Berücksichtigung Österreichs Von Dipl.-Ing. Roll Niederhuemer Mit 7 Textabbildungen Zum Süßen der Speisen und Getränke verwendete man in früheren Zeiten Honig und Manna (den eingetrockneten Saft der Mannaesche). Der Zucker, aus Zuckerrohr gewonnen, wurde in Europa erst zur Zeit der Kr^uzzüge bekannt, in seinem Ursprungsland in Ostindien kannte man ihn jedoch schon sehr lange, vielleicht sogar schon vor Christi Geburt. In Ägypten und am Hofe des Kalifen war der Rohrzucker im frühen Mittelalter weit verbreitet, jedoch war er sehr teuer, so daß er. meist nur als Medikament und nur von den reichsten Leuten als Genußmittel verwendet werden konnte. Zur Zeit der Kreuzzüge verbreitete sich nun der Zuckeranbau und die Verarbeitung und Raffination des Zuckers weiter in den Mittelmeerländern und in Südeuropa. Erst um 1500 brachte man das Zuckerrohr nach St. Domingo, wo sich auf den umliegenden Inseln allmählich eine mächtige Rohrzuckerindustrie entwickelte, die unter der Führung der Insel Cuba heute noch von großer Bedeutung ist. Die Gewinnung des Zuckers aus dem Zuckerrohr erfolgte lange Zeit auf zie m lich primitive Weise, bis dann erst später der Konkurrenzkampf mit dem Rübenzucker auch hier technische Fortschritte brachte. Der zuckerhältige Saft wurde zu allererst durch eine Art Quetschmühle aus dem Zuckerrohr ausgepreßt, indem ein vertikaler Läufer am Boden herumgeführt wurde. Bald jedoch verwendete man gußeiserne Walzen, die meist senkrecht auf gestellt waren und die über ein Räderwerk durch einen Göpel oder durch Wasserkraft in Betrieb gesetzt wurden (Bild 1). Zwischen ihnen — es waren meist drei Walzen — wurde nun das Zuckerrohr ausgepreßt und die übrigbleibende „Begasse“ wurde zum Heizen der Kessel verwendet. Infolge der hohen Außentemperatur in den Anbaugebieten mußte man den Saft schnell weiterverarbeiten, denn schon nach 20 Minuten konnte er in Gärung übergehen. Er wurde also durch Rinnen direkt in die sogenannten „Klärpfannen“ — große Kupferkessel — geleitet, in denen der Saft sofort mit etwas Kalk erhitzt wurde. Der sich dabei bildende Schaum wurde abgeschöpft und der klare weingelbe 32 Rolf Niederhuemer Saft kam nun in die Siedepfannen. Gewöhnlich waren fünf Siedepfannen hintereinander in einem Herd, eine immer etwas höher als die andere eingebaut und hinter der letzten und kleinsten war der Rauchabzug. Auch hier wurde der Saft immer mit etwas Kalkwasser versetzt, gekocht und der Schaum entfernt. Von Kessel zu Kessel wurde der Saft immer sirupöser und aus dem letzten kleinen Kessel kam er dann in die ,,Kühlpfannen“, in denen er bis zum beginnenden „Körnen“ abgekühlt wurde. Der Zucker durfte weder zu stark, noch zu wenig eingekocht werden, weil sich entweder der nichtkristallisierende Sirup, die Melasse, nicht absondern ließ oder der Zucker nicht völlig auskristallisieren konnte. War der Zucker ausgekühlt und vollkommen kristallisiert, so kam er in Fässern in das Tropfhaus. Diese Fässer hatten Löcher in den Böden, die unvollständig mit Zuckerrohrstücken verstopft waren, so daß die Melasse abtropfen konnte. Nach drei bis sechs Wochen war die Melasse abgeflossen und was überblieb war der Rohzucker oder Kistenzucker, der je nach Qualität weiße bis dunkelbraune Farbe zeigte. In manchen Gebieten gab es auch eine Art Raffination, indem man das Kristallisieren und Abtropfen in Zuckerhutformen vornahm und die Zuckermasse mit einem Tonbrei „deckte“. Das Wasser aus diesem Tonbrei verdrängte die restliche Melasse und löste dabei wohl auch ein wenig von dem kristallisierten Zucker auf. Dieser ablaufende sogenannte „grüne Sirup“ wurde wieder eingedampft. Die aus den Formen genommenen Hüte trocknete man in geheizten Räumen, zerstampfte sie und brachte sie dann in Kisten gepackt zum Versand. Dieser Rohzucker (Moscovade) oder der etwas gereinigte Weißzucker (Cassonade) war nun das hauptsächliche Handelsprodukt, das nach Europa kam und hier nun in Raffinerien weiter gereinigt wurde, denn der raffinierte Zucker war mit einem weit höheren Einfuhrzoll belegt. Die Beschreibung dieses Verfahrens bezieht sich auf die Zeit um 1700. Die Raffination des Zuckers in den Anbaugebieten war auch primitiv und reine Manufaktur, während der auf dem europäischen Kontinent sich entwickelnde Raffinationsbetrieb beinahe schon fabrikmäßig genannt werden kann. Die Raffination, wie sie z.B. in Guadeloupe durchgeführt wurde, zeigte Anlagen mit zwei oder drei Kesseln, die jeder eine eigene Feuerstelle hatten. Im ersten Kessel wurde der rohe Zucker mit Kalkwasser gekocht, der aufsteigende Schaum abgeschöpft und dann der Sirup durch weiße Tücher, die in Körbe eingelegt waren, abgeseiht. Im nächsten Kessel behandelte man nun den Saft wieder mit Kalkwasser und mit zu Schaum geschlagenen „ganzen Eiern“ so oft, bis er ganz rein war. Darnach kam er in den Abkühler, wurde in Formen gefüllt, mit Tonerde gedeckt und dann in der Trockenkammer getrocknet. An Stelle der Eier nahm man in den kontinentalen Raffinerien auch Ochsenblut zur Reinigung des Zuckersirups. In Europa wurden, wie schon erwähnt, die Raffinerien in einem viel größeren Maßstab aufgezogen, es gab bereits 1550 die erste Zuckerraffinerie in Holland und 1750 wurde die erste Rohrzuckerraffinerie auf österreichischem Boden in Fiume gebaut. Die erste Zuckerraffinerie auf dem Boden des heutigen Österreichs entstand 1785 in Klosterneuburg. Zwei Jahre später wurde dann die Raffinerie zu Königsaal in Böhmen gegründet und 1792 errichtete man die erste Zuckerraffinerie auf Wiener Boden. Die Entwicklung d. Zuckererzeugung mit besonderer Berücksichtigung Österreichs 33 hnun s t h saasaMfe ’i ? 1 »i»TTT 3V ! ÜS£fi psf tin ’s* t -W1!L.rt v» mm KfiSÖÄ35l*l Äw Bild 1. Alte Zuckerrohrmühle um 1700. (Aus: Diderot, Encyclopedic.) Im wesentlichen teilte sich der Arbeitsgang bei der Raffination des Zuckers in die Abscheidung der Unreinigkeiten, das war das „Klären“, und in die Abscheidung des nichtkristallisierbaren Zuckers, der Melasse, welcher Vorgang „Decken“ genannt wurde. 34 Rolf Niederhuemer Das Klären erfolgte zunächst durch Erhitzen des Zuckers, der in Kalkwasser gelöst mit geschlagenem Ochsenblut gekocht w urde. Später, etwa um 1810, gab man außer dem Ochsenblut auch noch Knochenkohle dazu. Auf dem Zuckersaft bildete sich nun eine zusammenhängende Schaumdecke. Das Erhitzen geschah in Klärpfannen, die sehr bald schon nicht mehr mit offenem Feuer geheizt wurden, sondern einen doppelten Boden hatten, in den Dampf von 2 at eingeleitet wurde. Das ,,Klärsei“ wurde nun filtriert, und zwar durch die sogenannten TAYLORschen Filter (Bild 2), bestehend aus einem kupferausgeschlagenem' Kasten mit daran an UNI MNI ii m * m i «* t m 1 LI Bild 2. Querschnitt durch einen Taylorschen Filterschrank. (Aus: Prechtl, Technologische Enzyklopädie.) Kupferröhren befestigten Leinwandschläuchen. Das ganze war nun, um ein schnelles Abkühlen des Sirups zu verhindern, in einem Kasten untergebracht. Ein zweites sehr wirksames und vor allem leicht zu reinigendes Filter war das Rahmenfilter, bestehend aus einer Anzahl hölzerner Rahmen, die beiderseitig mit Leinwand bezogen waren. Die Rahmen hatten eine Ausnehmung, die beim Zusammenstellen dann den Abzugskanal für den filtrierten Saft bildeten. Diese Rahmenfilter stellten die Vorläufer unserer heutigen Filterpressen dar. Nach dem Filtrieren wurde nun der Zuckersaft in Siedepfannen „eingekocht“. Das waren kupferne Kessel, in einem Ofen fest eingemauert, mit Steinkohlenfeuer erhitzt. Praktischer waren schon die Kippfannen mit Schnabel, die mittels einer Kette zu heben waren, um so den Zucker, sobald er bis zur „Finger“- oder „Pustprobe“ eingedampft war, in die Kühlpfanne zu gießen. Diese „Kühlpfannen“ waren sogar teilweise mit Dampf heizbar, um ein gleichmäßiges Kristallisieren zu gewähren. Hatte die Zucker masse die Konsistenz eines dünnen körnigen Breies, wurde sie dann in große, tönerne un- Die Entwicklung d. Zuckererzeugung mit besonderer Berücksichtigung Österreichs 35 glasierte Zuckerhutformen (zirka 30 Zoll hoch) eingefüllt. Diese Formen hatten an der Spitze Löcher, die mit Leinwandpfropfen zugestopft wurden. Sobald der Zucker abgekühlt und die Kristallisation somit beendet war, wurden die Pfropfen entfernt, damit der ,,grüne Sirup“ abfließen konnte. Nach etwa acht Tagen wurde dann wieder mit einer Schicht eisenfreien Tones oder mit einer dünnen Zuckerlösung gedeckt, bis die Zuckerhüte die gewünschte Reinheit hatten. Jetzt nahm man sie aus den Formen, drehte in Maschinen die Spitzen, die noch immer etwas Sirup enthielten, ab und stellte die Zuckerhüte dann in die Trockenkammer, die auf einer Temperatur von etwa 50° C gehalten wurde. Je nach Reinheit wurde der Hutzucker nun in Raffinade-, Melis-, Lumpen- und Farin-Zucker eingeteilt. Daneben wurde in den Raffinerien auch Kandiszucker erzeugt, wobei in die nicht so stark eingekochte Zuckerlösung Bindfäden eingehängt wurden, an denen sich bei langsamer Kristallisation große Zuckerkristalle bilden konnten. 1747 veröffentlichte Andreas Siegmund Marggraf, ein Schüler des Begründers der Phiogistontheorie Georg E. Stahl, in einer Schrift der königl. Preuß. Akademie der Wissenschaften seine Versuche, wonach er in den Zuckerrüben kristallisierbaren Zucker gefunden hatte, der genau dieselben Eigenschaften aufwies, wie der aus dem Zuckerrohr erzeugte. Bereits in dieser Schrift wies er auf die Möglichkeit der Auswertung im Großen hin. Die praktische Erprobung blieb aber erst Franz Car], Achard, seinem Schüler und Nachfolger, Vorbehalten, der 1801 das schlesische Rittergut Cunern erwarb und darauf die erste Zuckerrübenfabrik erbaute. Er befaßte sich nicht nur mit der technischen Durchführung der Zuckergewinnung aus den Runkelrüben, sondern auch mit der Verbesserung des Anbaues dieser Rüben und gab für die Landwirte ein besonderes Flugblatt zu diesem Zweck heraus. Die gewaschenen Rüben wurden in Scheiben geschnitten, mit Kalkwasser oder auch gewöhnlichem Wasser zwei Stunden gekocht und dann ausgepreßt. Das Wasser und der ausgepreßte Saft wurden noch heiß durch ein Tuch geseiht und dann in Kupferkesseln eingekocht. Der gebildete Schaum wurde entfernt, nochmals Kalk zugegeben und weitergekocht. Dann wurde noch einmal durch wollene Tücher filtriert und dann zu Sirupkonsistenz eingedampft. Diesen Sirup nun stellte man in flachen Schalen in warmen Räumen auf und überließ ihm der Kristallisation. Wenn diese beendet war, wurde die Melasse durch Auspressen in feuchter Leinwand entfernt. , Der Rohzucker wurde in den Kolonialzuckerraffinerien nun genau so raffiniert wie der indische Rohrzucker. Auch aus Ahornbäumen versuchte man Zucker zu gewinnen, indem man sie im Frühjahr einige Zentimeter über dem Boden anbohrte und den abfließenden Saft mit etw as Kalkwasser kochte und dann eindickte. Den so erhaltenen Sirup ließ man dann in flachen Schalen kristallisieren. 1797 wurden darüber von Prof. Hermbstädt in Berlin Versuche gemacht und Carl Böhringer arbeitete seit 1807 in Böhmen (Nassaberg) erfolgreich nach diesem Verfahren. Ebenso versuchte man aus den Stengeln des Mais kristallisierbaren Zucker zu gewönnen, was aber mißlang. 36 Rolf Niederhuemer Die ersten Versuche der Zuckergewinnung aus Runkelrüben in Österreich wurden 1800 von Prof. Freih. v. Jacquin im Botanischen Garten in Wien auf Anordnung des damaligen Finanzministers Graf Sauratj durchgeführt. Die älteste Zuckerrübenfabrik entstand dann in St. Pölten 1803 unter der Leitung von Dr. Ries. 1810 war Hofrat Johann Waykarth der zweite, der auf niederösterreichischem Boden eine Rübenzuckerfabrik errichtete, und zwar in Inzersdorf. Die Beschreibung des Fabrikations Vorganges in dieser Fabrik gibt ein ungefähres Bild über die technischen Einrichtungen zu dieser Zeit. Die Zerkleinerung der Rüben erfolgte mit zwei Walzen, in die der Länge nach Sägen eingelassen waren und die durch ein Räderwerk in schnelle Umdrehung versetzt wurden. Die Antriebskraft lieferten drei Pferde. Über diesen Walzen waren Kästen aus Holz angebracht, in die die Rüben eingefüllt wurden und nun mit dem Eigengewicht auf die Walzen drückten. Später wurde diese Zerkleinerungsmaschine verbessert und diese Walzen durch zwei vertikal stehende mit starken Reibeisen versehene Scheiben ersetzt, die die Rüben zu einem Brei zerrieben. Anschließend wurde dieses Mus in einer gewöhnlichen Presse ausgepreßt. Die Reinigung erfolgte mit Schwefelsäure in Holzbottichen und anschließend, nach Neutralisation mit Kreide, in Pfannen aus verzinntem Eisenblech, die in hölzerne Bottiche eingepaßt waren und mit Wasserdampf geheizt wurden. Nach Entfernung der Schaumdecke wurde der weinklare Saft in Verdampfungspfannen, die genau so gebaut waren wie die Klärpfannen, auf Sirupdicke eingedampft. Anschließend wurde der Saft in Sedimentiergefäßen stehengelassen, um den entstandenen Gips ganz abzuscheiden. Darnach wurde, so wie früher beschrieben, der Zuckersirup zur Kristallisation in flachen Gefäßen stehengelassen. Die Kristallmasse wurde in kleine Säcke gefüllt und in einer Presse ausgepreßt, der Zucker mit ein wenig heißem Wasser angemaischt und noch einmal gepreßt und dann getrocknet. Immer noch war die ungenügende Reinigung des Saftes der große Nachteil, der ein starkes Eindampfen verhinderte, und die letzte Konzentration nur durch ein Verdunsten in stark erhitzten Räumen in flachen Schalen ermöglichte, was natürlich viel Zeit erforderte. Die Ausbeute an Zucker war etwa 3—4%, bezogen auf das Gewicht der Rüben. Die 1806 verhängte Kontinentalsperre war für die Zuckerrübenfabrikation ein großer Aufschwung, die jedoch mit ihrem Ende (1813) auch für diese Fabriken zu einem Großteil das Ende bedeutete. Es wurden nun nur Raffinerien gebaut und zu dieser Zeit — 1818 — baute man auch in Wien eine Kolonialraffinerie, die von einem Mitarbeiter des Engländers Howard auf das modernste eingerichtet wurde. Damals kamen erstmals die Vakuumverdampfung und die Filterpresse, beides Erfindungen von Howard, nach Österreich. Ein Wiederaufleben der europäischen Rübenzuckerindustrie war erst von dem Augenblick an zu bemerken, als verschiedene Staaten dem Rübenzucker Steuerbefreiung gewährten. So wurde auch in Österreich durch einen Erlaß Kaiser Franz I. vom 11. Jänner 1831 die inländische Zuckererzeugung auf zehn Jahre von der Entrichtung einer Erwerbsteuer befreit. Die Entwicklung d. Zuckererzeugung mit besonderer Berücksichtigung Österreichs 37 1828 wurde zu Daschitz in Mähren von Franz von Grebner, einem k. k. Oberleutnant, nach dem Fall der Kontinentalsperre die erste Zuckerrübenfabrik in Österreich gegründet. WlMWlJ mmmmm LMJf B TOJW P f & ' vrte fsc t ■Wt 'OTWl » 'Smyrna . iimp irt * f*i *f* *K!W*m * mSmSSSämSSSSSSääH^ wm&BBSä* > bt „ i ^ J( \ Bild. 3. PECQUEüRsche Dampfpfanne mit ausschwenkbarem Heizrohrsystem. (Aus: Prechtl: Technologische Enzyklopädie.) Hier erfolgte die Saftreinigung auch noch mit Schwefelsäure und anschließend mit Kalk, darnach mit Tierkohle, Blut und Milch. Der gewonnene Rohzucker wurde dann in eine Raffinerie zur weiteren Bearbeitung geschickt. 1831 wurde dann in Daschitz auch eine Raffinerie erbaut, in der nun Rohrzucker und Rübenzucker raffiniert wurden. Hier stellte man auch das erste Mal Würfelzucker her, der von dem damaligen Direktor Christoph Rad erfunden wurde. In Niederösterreich errichtete 1830 Graf Colloredo-Mansfeld in seiner Herrschaft in Staatz eine Versuchsfabrik, die Dr. Ludwig August Krause leitete. Zum 38 Rolf Niederhuemer Auspressen der zerkleinerten Rüben wurden hier bereits hydraulische Pressen verwendet. Die Saftreinigung erfolgte mit Kalk, die Klärung mit Tierkohle und Blut. Der Sirup ließ sich jedoch noch immer nicht bis zur Kristallisation versieden. Der Fortschritt der technischen Errungenschaften auf diesem Gebiet läßt sich sehr gut aus den Schilderungen in der Technologischen Enzyklopädie von Prechtl (1855) erkennen. Bild 4. Schema des Pellet ANschen Röhrenverdampfers. (Aus: Preciitl, Technologische Enzyklopädie.) Die Reibemaschinen haben sich nicht wesentlich verändert, aber zum Auspressen wurden jetzt schon durchwegs hydraulische Pressen verwendet. Das Klären des Saftes erfolgte sofort nach dem Pressen durch Erhitzen mit Kalk in Pfannen oder Kesseln, deren ganzer Boden (Doppelboden) mittels Dampf geheizt wurde. Nach dem Absitzen wurde die Trübe zuerst durch ein Vorfilter mit Tierkohle und dann durch einen TAYLORschen Filterschrank filtriert. Das Prinzip dieser Filtriereinrichtung wurde schon früher beschrieben. Bei großem Kalküberschuß begann man damals bereits schon durch Einleiten von Kohlensäure den überschüssigen Kalk auszufällen. Die Kohlensäure wurde hauptsächlich durch Verbrennen von Holzkohle oder Koks gewonnen. Gleich nach erfolgter Neutralisation erhitzte man den Saft wieder, um ihn weiter einzudampfen. Dazu verwendete man dampfgeheizte Pfannen, z. B. die Die Entwicklung d. Zuckererzeugung mit besonderer Berücksichtigung Österreichs 39 von Pecqueur (Abb. 3), die leicht zu reinigen waren, da die Dampfrohre, die zum Erhitzen des Saftes dienten, aus der Pfanne herausgedreht werden konnten. Durch die Röhren wurde Dampf von 2—3 at Druck geleitet. Eine andere Vorrichtung zum Eindicken des Zuckersaftes war der Röhren Verdampfer nach Pelletan (Abb. 4), bei der der Zuckersaft über ein System waagrechter dampfbeheizter Röhren, die übereinander angeordnet waren, floß, so daß er dann unten konzentriert aufgefangen werden konnte. Bild 5. Vacuumverdampfer um 1850. (Aus: Prechtl, Technologische Enzyklopädie.) Die weitere Reinigung erfolgte durch eine Kohlefiltration. Früher wurde der Saft mit feingepulvertem Tierkohlenstaub und Blut erhitzt. Das Blut entfernte dann durch das Gerinnen die Kohle wieder aus dem Saft. Jetzt verwendete man bereits gekörnte Knochenkohle, die dann nach Gebrauch einer sogenannten Wiederbelebung unterzogen wurde. Diese Filtration wurde in hohen Zylindern durchgeführt, die mit der gekörnten Knochenkohle gefüllt waren. Die früher bei den sogenannten DuMONTschen Filtern angebrachten Siebböden wurden weggelassen und dafür vor die Mündung des Abflußrohres ein Seiher gegeben. Zur Schonung des Hauptfilters wurden auch hier Vorfilter verwendet. Zur Konzentration dieser Säfte verwendete man nun nur mehr selten kleine Kippfannen über freiem Feuer, sondern meist offene Dampfpfannen nach Pecqueur. In größeren Fabriken hatte man auch bereits Vakuumapparate in Gebrauch. Die ersten Vakuumapparate konstruierte Howard in England, wobei das Vakuum durch Luftpumpen und durch Kondensation der Dämpfe erzeugt wurde. Die von 40 Rolf Niederhuemer Roth in Frankreich gebauten Apparate wurden nur anfangs durch eine Pumpe evakuiert, dann ließ man Dampf einströmen, der durch Wassereinspritzen wieder kondensierte und so das Vakum aufrechterhielt. Allerdings entstanden so sehr große Kondenswassermengen. Andere Konstrukteure kühlten die Dämpfe in einem Röhrensystem gleich mit dem nachher verwendeten Dünnsaft, so daß dieser vorgewärmt wurde. Einen der für damalige Zeiten modernen Vakuumapparate zeigt das Bild 5, wobei A die Kochpfanne und B den Kondensator darstellen, b' ist ein Siebrohr zum Einspritzen von kaltem Wasser. Gearbeitet wurde bei einem Barometerstand von 4—6 Zoll und einer Siedetemperatur des Saftes von 50—60° R. Eine wesentliche Verbesserung der neuen Vakuumapparate bestand in der wiederholten Benutzung einmal erzeugter Dämpfe, so auch der „Maschinendämpfe“. Die von Ing. Tischbein in Magdeburg amerikanischen Apparaten nachkonstruierten Vorrichtungen hatten drei liegende lokomotivkesselartige Pfannen mit horizontalen Heizrohren, die von Saft umgeben waren. Der Nachteil dieser Apparate war der, daß sie sehr schlecht zu reinigen waren und daher nur vollkommen kalkfreie Säfte eingedampft werden konnten. Nun baute Florentin Robert in Selowitz (Mähren) als erster Verdampfer, bei denen die Röhren senkrecht standen und der Saft in den Röhren und der Heißdampf außen war. Dadurch vereinfachte sich die Konstruktion und die Reinigung. Bild 6 zeigt einen solchen Verdampfer, wobei A die erste Pfanne und B die zweite Pfanne ist. Der in Pfanne A erzeugte Dampf heizte die zweite Pfanne, daran angeschlossen war der Kondensator, und Rohr 0 führte zu einer „nassen“ Luftpumpe. „Naß“ deshalb, weil sie nicht nur Luft, sondern auch Kondenswasser mit absaugte. Eingebaute runde Glasfenster, sogenannte „Lupen“, dienten zur Beobachtung des Saftes während des Siedens. In einem dieser Apparate kochte man nun den Zucker entweder „blank“, also so weit, daß der Zucker aus der klaren Lösung dann unter Rühren in „Kühlern“ auskristallisierte, oder auf „Korn“, wobei die Kristallausscheidung bereits in der Pfanne erfolgte. Die Kristallmasse kam nun in Formen aus Ton oder gestrichenem Eisenblech. Die Formen wurden „gestopft“ — die untere Öffnung mit einem Stück Leinwand verschlossen, dann „aufgesetzt“ mit der Spitze nach unten und nun gefüllt. Nach 24 Stunden wurde der untere Stöpsel entfernt und der Sirup in die „Pötten“ ablaufen gelassen. Durch „Decken“ mit Tonbrei oder Zuckerlösung wurde weiter gereinigt. Um das Abziehen der letzten Feuchtigkeit vollständig zu erlangen, wurden oft „Nutschapparate“ angewendet, liegende Röhren, die an der Oberseite trichterförmige Öffnungen hatten, in die die Formen mit der Spitze gesteckt wurden. Ein Kautschukring schloß luftdicht ab und dann wurde durch eine Pumpe abgesaugt. Zum völligen Austrocknen wurden die „Zuckerbrote“ dann in den Trockenraum gebracht. * Zur Reinigung der Nachprodukte, die aus dem „grünen“ und dem „Deck“- Sirup hergestellt wurden, benützte man bereits Zentrifugalmaschinen. Die Trom- Die Entwicklung d. Zuckererzeugung mit besonderer Berücksichtigung Österreichs 41 mein dieser Maschinen hatten Wandungen aus Messingdraht und konnten pro Charge mit 60—100 Pfund Zuckermasse gefüllt werden. Die Umdrehungszahl dieser Maschinen betrug etwa 1200—1400 pro Minute. Nach 10—15 Minuten war der Sirup von den Kristallen getrennt. Das Decken mit verdünntem Sirup geschah gleich in den Zentrifugen. Bild 6. RoBERTscher Mehrfachverdampfer. (Aus: Prechtl, Technologische Enzyklopädie.) Zu dieser Zeit versuchte man auch bereits auf anderem Wege als durch das Zerreiben und Auspressen der Rüben zu einem brauchbaren Zuckerextrakt zu kommen. So arbeitete Mathieu de Dombasle seit 1828 in seiner Fabrik in Roville bei Nancy nach dem von ihm erfundenen „Mazerationsverfahren“, wobei die Rüben fein zerschnitten, auf 65° vorgewärmt in sechs Bottichen mit heißem Wasser behandelt wurden. Dieses Auslaugen erfolgte im Gegenstromprinzip, so daß immer auf die fast ganz ausgelaugten Schnitzel frisches Wasser kam und auf die frischen Schnitzel schon ziemlich konzentrierter, erhitzter Saft geleert wurde, der auf diese Weise fast die Dichte des ausgepreßten Rübensaftes erreichte. Ein anderes Verfahren war das von Sebastian Schützenbach erfundene Extrahieren von getrockneten Rübenschnitzeln. Die auf Darrflächen getrockneten Rübenschnitzel haben den Vorteil, daß sie längere Zeit gelagert werden können, be- 42 Rolf Niederhuemer vor man sie verarbeitet. Sie wurden dann mit verdünnter Kalkmilch angefeuchtet und dann mit heißem Wasser (70° R) ausgelaugt. Auch mit kaltem Wasser versuchte man die Rübenschnitzel auszulaugen (Pelle- tan), was jedoch kein günstiges Resultat lieferte. Das Diffusionsverfahren, das den Ausgangspunkt der hohen Entwicklung der Zuckerindustrie weiterhin bildete, wurde von Julius Robert (geb. 1826 in Himberg zu Wien), dem Sohne Florentest Roberts, entwickelt. 1856 begann J. Robert in der Selowitzer Zuckerfabrik zusammen mit August Müller, dem damaligen Fabrikchemiker, mit Versuchen der Saftgewinnung durch Diffusion. 1864/65 wurde der erste Großversuch angestellt, bei dem Fachmänner des In- und Auslandes anwesend waren. Bei der Kampagne 1865/66 wurde bereits mit einer eigenen Diffusionsbatterie die Saftgewinnung durchgeführt. Die Diffuseure, die zu einer Batterie zusammengeschlossen waren, bestanden aus zylindrischen, oben konischen Gefäßen aus Eisenblech, die miteinander durch Übersteigrohre verbunden waren. Die Entnahme der entzückerten Schnitzel erfolgte dann seitlich unten. Die Auslaugung mit heißem Wasser erfolgte im Gegenstromprinzip ähnlich dem Dombasle- Verfahren. 1868 war das RoBERTsche Diffusions verfahren bereits in 14 österreichischen und in zehn deutschen Fabriken eingeführt. Wenn auch vor Robert schon einige sich mit diesem Problem beschäftigt haben, so ist es doch unzweifelhaft Robert gewesen, der es in eine wirklich fabrikmäßig anwendbare Form gebracht hat, was ja durch die rasche Ausbreitung dieser Methode erwiesen wurde. Seit dem Jahre 1888 arbeitet die österreichische Zuckerindustrie ausschließlich nach dem Diffusionsverfahren. Prinzipielle Änderungen in der Rübenzuckerfabrikation gab es nun eigentlich nicht mehr. Natürlich wurden die einzelnen Maschinen verbessert und vor allem vergrößert und leistungsfähiger gemacht. Eine Verbesserung, und zwar eine sehr wichtige, wäre auch noch zu erwähnen, die Verbesserung an der Zuckerrübe selbst, die durch Züchtung und vor allem durch eine starke Düngung von einem Zuckergehalt von 5% auf einen Gehalt von 16—20% veredelt wurde. In kurzen Worten nun noch den Fabrikationsgang von Rübenzucker in einer modernen Fabrik. Nach der Wäsche der Rüben kommen diese über eine automatische Waage in die Schneidemaschine, wo sie zu nudeligen Schnitzeln mit dreieckigem Querschnitt gehobelt werden. In Diffusionsbatterien aus acht bis zehn Diffuseuren werden sie im Gegenstromprinzip mit 70—80° C heißem Wasser ausgelaugt. Dieses wird in Röhrenerhitzern, sogenannten Kalorisatoren, immer wieder auf ge wärmt. Die ausgelaugten Schnitzel werden getrocknet und als Viehfutter verwendet. Der Saft wird mit Kalkmilch vermengt und darnach in sogenannten Saturationspfannen mit Kohlensäure gesättigt. Nachdem auf 95° C erwärmt wurde, wird in Filterpressen durch Tücher filtriert, wobei nun mit dem Kalziumkarbonat ein Großteil der Kolloidstoffe, der Phosphorsäure, der Oxalsäure und der Farbstoffe entfernt wird. Diese Saturation wird meist wiederholt, es wird abermals filtriert und nun Die Entwicklung d. Zuckererzeugung mit besonderer Berücksichtigung Österreichs 43 kommt der Dünnsaft in die Mehrfachverdampfer, in denen er zu Dicksaft mit einem Zuckergehalt von 50—60% eingekocht wird. Dieser Dicksaft wird im Vakum bei 70° weiter konzentriert, bis Kristalle entstehen. Es wird Dicksaft nachgezogen und weiter eingedampft, bis sich eine zähe Masse mit etw-a 60—70% Kristalle und 30—40% Muttersirup bildet. Diese Füllmasse wird nun in einen Trog gefüllt und gerührt, damit sie nicht erstarrt, und anschließend zentri- (Aufnahme: Technisches Museum.) Bild 7. Teilausschnitt des Modells einer Zuckerrübenfabrik im Technischen Museum, Wien. fugiert, wobei der Muttersirup abgeschleudert wird, den man noch einmal einkocht und zum Rohzucker II verarbeitet. Die Raffination teilt sich in die Affination — bei der der Zucker nur mit reiner Zuckerlösung eingemaischt und zentrifugiert und in den Zentrifugen mit Wasser oder Dampf gedeckt wird — und in die eigentliche Raffination. Dabei wird der Rohzucker zu Sirup gelöst, noch einmal mit Kalkmilch und Kohlensäure behandelt und dann zur vollkommenen Entfärbung durch Carbofilter (Aktivkohle) filtriert und in Vakuumkocher wieder eingedampft. Daraus w ird nun Kristallzucker, Würfeloder Staubzucker (gemahlene Raffinade) hergestellt. Diese Arbeitsgänge einer modernen Zuckerfabrik können an einem großen und übersichtlichen Modell der Leopoldsdorfer Zuckerfabrik im Technischen Museum Technikgeschichte, 17. Heft. 4 44 Rolf Niederhuemer: Die Entwicklung der Zuckererzeugung (Bild 7) besichtigt werden, wobei man sich ein sehr anschauliches Bild von der Zuckergewinnung machen kann, viel besser als dies mit noch so vielen Worten möglich ist. Schrifttum M. Diderot: Encyclopedic ou dictionnaire raisonne des sciences, des arts et des metiers. III-ieme edition, 1772. K. Kamarsch : Techn. Wörterbuch, 1844. J. J. Prechtl: Technolog. Encyklopädie, 1855. Friedr. Strohmer: Die techn. Entwicklung der Zuckerindustrie in Österreich (Weltausstellung Paris 1900, Katalog der österr. Abtlg.). S. Feitler: Die Zuckerfabrikation, 1913. J. Baxa: Die Zuckererzeugung 1600—1850, 1937. • • Österreichs Beitrag zur ersten Herstellung von Radiumverbindungen im großen durch das Ehepaar Curie Von Dr. E. A. Kolbe, Wien* Mit 1 Abbildung Im Monate März 1955 wurde im Wiener Künstlerhaus die von der Österreichischen Liga für die Vereinten Nationen in Wien veranstaltete Ausstellung „ATOM, die Auswertung der Atomkraft für friedliche Zwecke“ abgehalten. Unter den im Großformat hergestellten Abbildungen namhafter Physiker und Atomforscher, welche in dieser Ausstellung gezeigt worden waren, befand sich auch ein Bildnis von Marie Curie, geb. Sklodowska. Durch ihre eigenen Arbeiten sowie durch jene, welche sie gemeinsam mit ihrem Gatten, dem Physiker Pierre Curie, ausführte, ist, wie Thirring * 1 angibt, das Wunderland der Kernphysik eröffnet worden. Es dürfte nun von Interesse sein, zu erfahren, in welcher Weise die Österreichische Staatsverwaltung die erstmalige Gewinnung größerer Mengen Radiumverbindungen durch das Ehepaar Curie gefördert hat und in welchem Umfange die kais.-königl. Berg- und Hüttenverwaltung in St. Joachimsthal im Erzgebirge, Böhmen 2 sowie der dortige Werksbeamte Ing. Gustav Kroupa 3 an dieser Förderung teilgenommen haben. Kroupa war von 1896 bis 1900 als Hüttenverwalter und später als Oberhütten- verwalter in St. Joachimsthal tätig, woselbst ihm die Leitung der dortigen Uran- * Vgl. auch Köthener Chemiker-Ztg. Nr. 22, Jg. 57 (1933), und Montanistische Rundschau Nr. 9, XXV. Jg. (1933), ferner Österr. Chemiker-Ztg. Nr. 16, XXXVII. Jg. (1934), S. 138. 1 H. Thirring, Die Geschichte der Atombombe, S. 11. Wien 1946. 2 M. Kraus, Das staatliche Uranpecherz-Bergbaurevier in St. Joachimstal. Sonderabdruck aus „Bergbau u. Hütte“, H. 1—10, Wien 1916. 3 Vgl. Aufsatz über Kroupa in den „Tägl. Montanberichten“, When 1932, 23. Jg., Nr. 67. 4 * 46 E. A. Kolbe farbenfabrik 4 übertragen worden war. In dieser Fabrik wurden im erwähnten Zeiträume jährlich rund drei Waggons, gleich 30000 kg, Uranpecherz, welches von den zugehörigen Gruben des dortigen Bergbaureviers geliefert worden war, verarbeitet. Das Uranpecherz oder die Pechblende besaß einen durchschnittlichen Gehalt von etwa 50% U 3 0 8 5 , wobei bemerkt wird, daß diese Formel nur annähernd richtig ist 6 . St. Joachimstal war damals der wichtigste Fundort für das Uranpecherz. Dieses Uranerz war das technisch bestgeeignete Ausgangsmaterial für die Bild 1. Ing. Gustav Kroupa (1857—1935). Gewinnung aller Uranverbindungen. In dieser Fabrik wurde das zerkleinerte Erz nach einem dort erprobten Verfahren 7 verarbeitet und die im weiteren Verlauf erhaltene Reaktionsmasse mit Wasser vollständig ausgelaugt. Die wässerige Lösung enthielt die gesamten Uranverbindungen, welche nach einer chemischen Methode 4 Broschüre „St. Joachimstal“, III. Abschnitt, „Die staatliche Uranfarben- und Radiumpräparatenfabrik“. Herausgegeben vom k. k. Ministerium für öffentl. Arbeiten in Wien, 1911, S. 41 f. 5 M. Kraus, a. a. O., ferner F. Soddy, Die Natur des Radiums, übersetzt von Prof. G. Siebert, S. 22. Leipzig 1909. 6 K. A. Hofmann und U. R. Hofmann, Anorganische Chemie, 9. Aufl., S. 583, 1941, ferner Gmelins Handbuch der anorganischen Chemie, 8. Aufl., „Radium und Isotope“, System Nr. 31, S. 7. 1928. 7 Ausgearbeitet vom St. Joachimstaler Hüttenchemiker Adolf Patera im Jahre 1852, siehe Broschüre „St. Joachimstal“, II. Abschnitt, S. 34. Herstellung von Radiumverbindungen im großen durch das Ehepaar Curie 47 ausgefällt und dann verwertet wurden. Der in den sogenannten Filterbeuteln verbliebene nasse, praktisch uranfreie Rückstand wurde als Laugerzrückstand bezeichnet. In der St. Joachimstaler Uranfarbenfabrik wurden mehrere Sorten Uranoxyd erzeugt, welche z. B. zum Gelbfärben von schön grün fluoreszierenden Glasflüssen sowie in der Porzellanindustrie zur Herstellung braunschwarzer Verzierungen oder Aufschriften auf Gefäßen und Gebrauchsgegenständen verwendet wurden. Außerdem wurde dort auch Uranylnitrat hergestellt, welches unter dem Namen Urannitrat in den Handel gelangte. Kroupa hatte bald nach seinem Dienstantritt in der Uranfarbenfabrik wahrgenommen, daß die dort abfallenden Laugerzrückstände als wertlos betrachtet und deshalb aus den Filterbeuteln in die vorbeifließende Wesseritz entleert wurden. Sie gingen daher gänzlich verloren. Bei der Untersuchung dieser Laugerzrückstände im Probiergaden — so nannte man früher das dortige Werkslaboratorium — fand er, daß sie einen geringen Silbergehalt besaßen, weshalb er beabsichtigte, sie nach Ansammlung größerer Mengen in der Schmelzhütte des Staatlichen Montanwerkes in Pribram auf Edelmetall verarbeiten zu lassen. Die Ansammlung dieser Laugerzrückstände erfolgte im St. Joachimstaler Werk ohne höheren Auftrag, nur auf Veranlassung von Kroupa. Bei der Uranfarbenfabrik wurden damals monatlich 800 bis 850 kg oder jährlich rund 1 Waggon gleich 10000 kg solcher Rückstände erhalten. Zur Zeit, als Kroupa mit der Ansammlung der Laugerzrückstände begonnen hatte, es war dies im Jahre 1896, dachte niemand daran, daß in diesen Rückständen bisher noch unbekannte chemische Elemente enthalten sein könnten. Die noch im Jahre 1896 erfolgte Entdeckung Becquerels, daß Uransalze eine eigentümliche Art von Strahlen aussenden, die ähnlich wie die im Jahre 1895 von Röntgen entdeckten X-Strahlen auf eine photographische Bromsilberschicht einwirken, ließ damals keinen Schluß auf eine etwa mögliche Verwertung der praktisch von Uran Verbindungen freien Laugerzrückstände zu. In der ersten Jahreshälfte 1898 hatte zuerst Frau Curie darauf hingewiesen, daß die Pechblende möglicherweise ein Element enthalten könnte, das weit radioaktiver als das Uran ist. Gegen Jahresmitte 1898 hatte sie in gemeinsamer Arbeit mit ihrem Gatten aus der Pechblende eine Substanz gewonnen, welche nach beider Meinung ein noch nicht beschriebenes Element enthielt, welches sie, falls sich sein Vorhandensein bestätigen sollte, Polonium nannten. Pierre und Marie Curie entdeckten in der Pechblende in der zweiten Jahreshälfte 1898 jenes wichtige neue chemische Element, welchem sie den Namen Radium gaben. Am 29. Oktober 1898 übersandte das Ackerbauministerium in Wien der ihm unterstellten Berg- und Hüttenverwaltung in St. Joachimstal mehrere Briefe von Pierre Curie in Paris, welche er an das genannte Ministerium gerichtet hatte, zur weiteren Erledigung. Sie bezogen sich auf die Überlassung von St. Joachimstaler Laugerzrückständen. Nach Kroupas Angaben soll eines dieser Schreiben ungefähr folgenden Inhalt aufgewiesen haben: „Wir haben ein neues Element aufgefunden. Wir möchten es in größerer Menge aus den St. Joachimstaler Rückständen, die nach der Extraktion des Urans verbleiben, herstellen. Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns eine größere Menge solcher Rückstände überlassen, am besten schenken würden, weil wir derzeit nicht in der Lage sind, sie zu kaufen.“ Kroupa, dem die Erledigung dieses Schreibens oblag, machte seinem Vorstande, Bergrat 48 E. A. Kolbe Babanek, den Vorschlag, Herrn Curie mit Rücksicht darauf, daß das Ergebnis der in Aussicht genommenen Arbeiten auch für das staatliche Montanwerk St. Joachimstal von Nutzen sein könnte, 1000 kg Laugerzrückstände kostenfrei zu überlassen. Bergrat Babanek stimmte diesem Vorschläge zu. Kurze Zeit darauf wurde die betreffende Sendung unfrankiert nach Paris auf gegeben. Das Eintreffen der erwähnten Sendung Laugerzrückstände im Gewichte von 1000 kg = 1 Tonne in der cole de Physique in Paris, wo sich der vom Ehepaar Curie als unzureichender Arbeitsraum benützte Hangar befand, löste bei Frau Curie helle Freude aus 8 . Diese 1000 kg St. Joachimstaler Laugerzrückstände waren ausschlaggebend für die Durchführung aller weiteren, sehr mühevollen, jedoch erfolgreichen Arbeiten des Ehepaares Curie. Sie ermöglichten zum ersten Male die Herstellung einer größeren Menge Radiumverbindungen und in weiterer Folge das Studium ihrer Eigenschaften und Wirkungen. Bisher hatten die beiden Forscher ihre Untersuchungen nur unter Verwendung von Pechblende ausgeführt. Rutherford 9 schrieb darüber: „Herr und Frau Curie verdankten die Beschaffung ihres Ausgangsmaterials dem Entgegenkommen der österr. Regierung (gemeint ist: der österr. Staatsverwaltung), welche ihnen in hochherziger Weise die erste Tonne vorbehandelter Uranrückstände aus den staatlichen Fabriken zu Joachimstal in Böhmen zur Verfügung stellte.“ Am 6. Juli 1899 sandte Pierre Curie ein Schreiben an das Ackerbauministerium in Wien, in welchem er sich für die Überlassung von St. Joachimstaler Laugerzrückständen bedankte. Die St. Joachimstaler Uranfarbenfabrik erhielt vom Ehepaar Curie zur Erinnerung an ihre Arbeiten einen Apparat zur Messung der Radioaktivität der in Frage kommenden Substanzen. Am 13. September 1899 langte aus Paris beim Ackerbauministerium in Wien ein Ansuchen um nochmalige Überlassung von 1000 kg St. Joachimstaler Laugerzrückstände ein. Daraufhin hat das Ackerbauministerium die erforderlichen Verfügungen getroffen. Das Ehepaar Curie erhielt einige Male Laugerzrückstände aus St. Joachimstal 10 . Die nach Paris gesandten Laugerzrückstände wurden dort nach dem von Debierne * 11 ausgearbeiteten Verfahren auf Radium- und Polonium Verbindungen verarbeitet. Nach Kroupas Angaben wurden von den unter seiner Leitung in der-Uranfarbenfabrik in St. Joachimstal in den Jahren 1896—1900 angesammelten vier Waggons = 40000 kg Laugerzrückstände 10000 kg dieser Rückstände dem Ehepaar Curie in Paris käuflich überlassen. Ferner wurde die gleiche Menge Laugerzrückstände für Rechnung der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien im Werke Atzgersdorf bei Wien der Chemischen Fabrik der Österr. Gasglühlicht- und Elektrizitäts-Gesellschaft unter Haitinger 12 und Ulrich 13 auf Radiumverbindungen verarbeitet. Die 8 Eve Curie: Madame Curie, Fischer Bücherei, S. 114, 1952. 9 Siehe Broschüre ,,St. Joachimstal“, IV. Abschnitt, S. 45. 10 Eve Curie: Madame Curie, S. 119. 11 Chem. News, Bd. 88, S. 136. Weitere Angaben über die Verarbeitung von Laugerzrückständen siehe Gmelins Handbuch d. Anorg. Chemie a. a. O. 12 Sitzber. Akad. d. Wissensch., Math.-Naturwiss. Kl. Wien, Bd. 117, S. 619, ferner Pa weck, Zeitschr. f. Elektrochem. Bd. 14, S. 619. 13 Österr. Chemiker-Ztg., XXXV. Jahrg., S. 205. Herstellung von Radiumverbindungen im großen durch das Ehepaar Curie 49 daraus hergestellten Radiumpräparate gelangten sodann in das Radiuminstitut der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien 14 , wo sie seither Forschungszwecken dienen. Von der verbliebenen Rückstandsmenge wurden kleinere Teilmengen an Kranke für Radiumkompressen abgegeben, der Rest jedoch zurückbehalten. Diese damals verbliebenen Restmengen sowie die später in der Uranfarbenfabrik laufend abgefallenen Laugerzrückstände wurden von 1907 angefangen in der der Sankt Joachimstaler k. k. Berg- und Hüttenverwaltung angegliederten, unter der Leitung von Dr. Ulrich gestandenen Radiumpräparatenfabrik auf Radiumchlorid, Radiumbromid, Radiumkarbonat und Radiumsulfat verarbeitet. Die in Sankt Joachimstal hergestellten Radiumpräparate besaßen in Anpassung an den späteren Verwendungszweck einen mehr oder minder hohen Gehalt an Reinsubstanz. Dementsprechend wurden auch die Preise für die zu verkaufenden Mengen festgesetzt. Vor dem ersten Weltkrieg wurde für ein Gramm reines Radiumchlorid ein Preis von über 400000 österreichischen Kronen erzielt. Eine Teilmenge dieses Salzes wurde sogar zum Preise von 428000 österreichischen Kronen je ein Gramm abgegeben. Wurde z. B. ein Radiumpräparat mit einem Reingehalt von zehn Milligramm Radiumchlorid verkauft, so belief sich der Verkaufspreis auf rund 4000 österreichische Kronen. Die St. Joachimstaler Radiumpräparatenfabrik stand mit ihrer Produktion in der ganzen Welt bis zum Aufblühen der amerikanischen Radiumindustrie an erster Stelle. Die größten Mengen von Radiumverbindungen wurden nach dem ersten Weltkriege in einer in Belgien errichteten Anlage gewonnen, in welcher Uranerze aus dem Gebiete von Katanga in Belgisch-Kongo verarbeitet wurden. Die Preise für Radiumpräparate wurden durch die belgische Produktion verbilligt. Derzeit ist man in der Medizin bei bestimmten Behandlungsfällen nicht mehr unbedingt auf Radiumverbindungen angewiesen. Anstatt solcher lassen sich auch künstlich hergestellte Isotope mancher chemischer Elemente, welche in Kernreaktoren erhalten werden, verwenden. Die entsprechenden Isotope sind erheblich billiger als Radiumpräparate. Kroupa 15 , dem das Verdienst gebührt, durch die auf eigene Initiative erfolgte Ansammlung von Laugerzrückständen nicht nur die erste Herstellung von Radiumverbindungen in der geschilderten Weise gefördert, sondern auch die daraufhin erfolgte Gewinnung wertvollster Radiumpräparate ermöglicht zu haben, verfolgte die weiteren Forschungsergebnisse auf dem Gebiete der radioaktiven Stoffe, insbesondere des Radiums, mit großem Interesse. Er war deshalb später als hüttenmännischer Referent des k. k. Ministeriums für öffentliche Arbeiten in Wien, dem die staatlichen Hüttenwerke seit 1907 unterstellt -waren, in der Lage, an der weiteren Ausgestaltung der St. Joachimstaler Fabrikanlagen richtunggebend mitzuwirken. 14 Vgl. das Werk „Radioaktivität“ von Stefan Meyer und Egon von Schweidler, Wien 1916. 16 Hofrat Ing. Gustav Kroupa wurde am 30. August 1857 zu Mutejovice, Bezirk Rakonitz, Böhmen, geboren. Er starb am 31. Mai 1935 in Wien. Seine irdischen Überreste ruhen am Friedhofe zu Wilhelmsburg a. d. Traisen in Niederösterreich. Das mitveröffentlichte Bild stammt aus seinen letzten Lebensjahren. Georg Agricola Zur 400. Wiederkehr des Todestages des großen Naturforschers, Humanisten und Joachimsthaler Werksarztes. Von Dr. Ing. Franz Kirnbauer Mit 11 Abbildungen Im Herbst 1955 jährte sich zum 400. Male der Todestag des großen Humanisten, Arztes und Freundes des Bergbaus und der Bergleute, Dr. Georg Agricola (Bild 1). Dieses Tages zu gedenken, ist für jeden österreichischen Techniker eine Ehrenpflicht. Denn Agricola hat nicht nur verschiedene technische Werke weitgespannten Formates herausgegeben, die seiner Zeit weit vorauseilten, er war auch lange Jahre als Arzt der Bergleute in Joachimsthal überaus segensreich tätig. Dabei konnte er sich diejenigen grundlegenden Kenntnisse auf dem Gebiet des Bergbaus und der technischen Einrichtungen dieses Arbeitszweiges verschaffen, die ihn nachmals befähigten, sein berühmtes Werk ,,De re metallica“ herauszugeben. Lebenslauf Georg Argicola, der „Vater der Mineralogie“, wurde am 24. März 1494 in Glauchau, dem Hauptort der damals Schönburgschen Herrschaften, wahrscheinlich als Sohn eines Tuchmachers oder Färbers, geboren. Der Familienname ist latinisiert, und es schreibt sich noch sein Bruder selbst Bauer. Über seine Jugend und seine Familie selbst ist nur wenig bekannt. Einiges Licht bringen in diese Verhältnisse neuere Freiberger Forschungen hinein 1 . Sicher ist, daß er in Leipzig studierte, wo er sich noch als „Georg Pawer de Gluch“ an der Universität inskribierte. Seine Studien erstrecken sich zunächst auf Theologie, Philosophie und Philologie. Sein berühmtester Lehrer war Petrus Mosellanus, einer der führenden Humanisten. Als Baccalaureus artium verließ Agricola im Jahr 1518 die Universität, um eine Lehrtätigkeit an der bekannten Ratsschule in Zwickau zu übernehmen, deren Leiter (Rektor) er 1520 wurde. Aus dieser Tätigkeit heraus entstand im gleichen Jahr als sein erstes Werk eine lateinische Grammatik. Schon nach zwei Jahren aber ging Agricola zum Medizinstudium nochmals an die Universität Leipzig. Die durch die Zwickauer Religionsverkünder Thomas Münzer und Meister Nikol Storch Franz Kirnbauer: Georg Agricola 51 heraufbeschworenen Unruhen, die damals auf dem Höhepunkt standen, mögen ihm den Abschied erleichtert haben. 1523 ging Agricola nach Italien und studierte dort weiter, und verblieb auch dort, als sein Lehrer Mosellanus 1524 starb. Agricola promovierte in Italien. Im Jahr 1526 kam Agricola nach Deutschland zurück. Er ließ sich 1527 als Stadt- und Bergarzt und Apotheker in Joachimsthal, der österreichisch-böhmischen Bergstadt, nieder, die auf Grund der reichen Silbererzvorkommen damals gerade eine Zeit großen Aufschwunges erlebte. Es bestanden damals etwa 900 Silber- Bild 1. Georg Agricola (1494—1555). Unbezeichneter Kupferstichaus: Joh. Sambucus, Icones veterum. . . medicorum, 1574. erzgruben mit rund 9000 Mann Belegschaft, darunter etwa 1000 Steiger, Ingenieure und Chemiker, in Joachimsthal und Umgebung. Als Bergarzt kam daher Agricola beruflich mit vielen von ihnen in Berührung. Auch befuhr er selbst die Grube, ausgerüstet nach Knappenart mit Geleucht, Berghäkel und Zscherpertasche. So erwuchs durch persönlichen Augenschein und durch zahlreiche Rücksprachen mit Knappen und Fachleuten der Bergbau- und Hüttenbetriebe das Interesse, das Agricola befähigte, seinen Forschungseifer auf das Gebiet des Berg- und Hüttenwesens auszudehnen. In Joachimsthal entstand sein erstes Buch über Bergbaufragen, die im Jahr 1530 bei dem Verleger Froben in Basel erschienene Schrift: ,,Berm annus, sive de re metallica“, womit er seinem Freunde, dem Joachimsthaler Hüttenschreiber Lorenz Bermann, ein Denkmal für alle Zeiten setzte. Auf Grund dieses Werkes erhielt Agricola Verbindung mit zahlreichen auswärtigen Bergleuten und Gelehrten, wodurch er selbst wieder mannigfache Anregungen bekam und bald darauf über den Kreis seiner anfänglichen Tätigkeit in Joachimsthal hinaus- 52 Franz Kirs bauer wuchs. Nach 1530 muß er darum Joachimsthal verlassen haben und nach Chemnitz gegangen sein, wo er seit 1533 als Arzt und Naturforscher bis zu seinem Tode am 21. November 1555 lebte und die Geschicke der Stadt lange Jahre als Bürgermeister leitete. In diesen Jahren entstanden zahlreiche Werke, die sich vor allem mit Fragen der Mineralogie und des Bergbaus, aber auch mit Maßen und Gewichten oder zoologischen Dingen beschäftigten. Um 1534 war er „Hof historiograph“ des Herzogs Georg von Sachsen und arbeitete u. a. an einem fürstlichen Stammbaum. Die Krönung seines Lebenswerkes ist jedoch das über 600 Seiten starke Buch „De re metallica“ oder „Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen“ (Bild 2), dessen Erscheinen bei Froben in Basel im Jahr 1556 er nicht mehr erlebte. Dieses Hauptwerk Agricolas stellt in zwölf Büchern (Abteilungen) mit 273 sehr klaren Holzschnitten ein umfassendes Kompendium der gesamten Berg- und Hüttenkunde in klassischem Latein dar, das den Weltruhm seines Verfassers begründete und demselben schon zu seinen Lebzeiten, also noch vor Erscheinen, vollste Anerkennung brachte. Das zeigt auch ein Schreiben des Kurfürsten August vom 15. Jänner 1555, in dem dieser Agricola um eine deutsche Ausgabe bat, die seinem Verfasser selbst durchzuführen nicht mehr vergönnt war. Agricola kann für sich beanspruchen, hierin neben vielen anderen technischen und naturwissenschaftlichen Dingen jede Mißachtung des Bergmannsberufes energisch zurückzuweisen, da er einmal die Arbeit der Bergleute vor Ort persönlich, zum andern aber auch gleichzeitig ihren Wert für die Volkswirtschaft in allgemeiner Hinsicht kennengelernt hatte. Persönlichkeit und geistige Universalität Bei Georg Agricola verbindet sich eine reiche Kenntnis der klassischen Kultur mit eigenem Nachdenken und einem hohen Ethos. Er selbst äußerte sich einmal über seinen Forschungstrieb wie folgt: „Wenn ich die Ergebnisse meiner Forschung schriftlich mitteile, bin ich wohl zuweilen genötigt, mit einigem Nachdruck die Schriften anderer zu bekämpfen und zu widerlegen; aber, wahrlich, nicht aus unredlicher Absicht, achtungswerte Männer herabzusetzen, Männer, welche der Erforschung der Natur so viel Zeit und Mühe geopfert haben, sondern, im Feuereifer, schwarze Nebel zu zerstreuen, welche unsere Kenntnisse von der unterirdischen Natur umhüllen und ein neues Licht darüber anzuzünden. Erreiche ich diesen Zweck nicht ganz, stifte ich durch meine Arbeit nicht den gehofften Nutzen, so ist es dem heiligen Dunkel zuzuschreiben, hinter welchem die Natur vorzüglich die Gegenstände im Inneren des Erdkörpers verbarg.“ Man sieht aus den wiedergegebenen Worten, wie stark die Mineralogie und Geologie Agricola zu grundsätzlicher Besinnung und Auseinandersetzung mit dieser „unterirdischen“ Welt herausforderte. H. Hartmann schreibt hierüber 2 : „Man kann von psychologischer Art dieser inneren Auseinandersetzung sprechen, manchmal grenzt sie ans Metaphysische. Vergessen wir nicht, daß, zumal für die damalige Zeit, aber grundsätzlich doch immer und nicht zuletzt bei dem wahrhaft universalen Meister, bei Goethe, das Reich der Tiefe, der unterirdischen Dinge, der ,Mütter', zu den großen Kündern des Ursprungs gehört. Im Verhüllen und im Offenbaren, im feindlichen Ablehnen und im verheißungsvollen Gewähren hat die Natur ihre Schätze nicht nur bewahrt, sondern auch immer wieder gespendet. Geobg Agricola 53 GEORGII AGRICOLAE DE RE METALLICA LIBRI XII► Q.VI* busOffida,Inftrumenta,Machmac,acomnia denicp ad Metallic cam fpe&anria, non modo luculentiflime defcribuntur,fed &per effigies, fuislocisinfertas,adiun LVl> Cum Priuilegio Imperatoris in annos v. & Galiiarum Regis ad Sexennium. Bild 2. Titelblatt der lateinischen Originalausgabe 1556 von Agricolas „De re metallica“. Dafür hat Agricola den entscheidenden Sinn gehabt; gewiß fließt solche Haltung aus seiner universellen geistigen Art überhaupt, aber wir würden ihn als Mineralogen mißverstehen und nicht richtig würdigen, wenn wir in ihm nur den Mann sähen, der Gesteine aufzählt, Bergwerksmaschinen beschreibt, sich fragt, wie denn die Alten diese oder jene Gesteinsart benannt haben. All dies gewinnt erst Leben und Farbe durch die, man mag ruhig sagen ,kosmische 4 Grundhaltung des Agricola, die hier einen Teil, und zwar einen viel zu wenig beachteten, ja oft verachteten Teil, der Schöpfung der Allnatur sieht.“ 54 Franz Kirnbauer Diese Haltung hat ihn denn auch dazu geführt, in so lebendiger und farbiger Weise in die Welt der Tiefe herabzusteigen, ihre Geheimnisse zu erforschen und vor den Menschen auszubreiten. Mineralogie, Geologie und Bergbaukunde Als Arzt war Georg Agricola nach Joachimsthal gegangen, um eine Lücke in der Heilkunde seiner Zeit auszufüllen und durch Praxis etwas dazu zu lernen, V. r*e $!, ¥*'4 «SKSSSä OS?* S Sfis lisaasi! Bild 3. Aufsuchen der Erzgänge mit der Wünschelrute und durch Schurfgräben. insbesondere auf dem Gebiet der medizinischen Verwertung der Mineralien. Sein Fleiß galt aber auch der Steinkunde. Hierbei war er immer bestrebt, im Wege der Erfahrung selbstprüfend, ordnend und einteilend, den Blick nicht von der Überlieferung zu verlieren, um so die Mineralogie aus der Gesamterkenntnis der Menschen bis zu seiner Zeit zu verstehen und als neue Wissenschaft in die bereits weiter fortgeschrittene Gesamterkenntnis einzubauen. Agricola begnügte sich nicht bloß mit einer Aufzählung der verschiedenen Minerale und Gesteinsarten, sondern er verstand es, eine solche Ordnung in sein System zu bringen, daß sich mit den Mineralien sogleich gewisse geologische Vorstellungen verbinden. So unterschied er einmal das, was aus der Erde herausfließt oder ausströmt, und dann die Fossilien, also irdische und unterirdische feste Körper. Die erste Gruppe teilte er wieder ein in Flüssigkeiten, Luft, Gase und Feuer. Mag auch diese Unterscheidung heutzutage als unvollkommen angesehen werden, Georg Agricola 55 so bedeutete sie für damals doch eine Zusammenfassung und Ordnung der bis dahin ungeordneten und unbekannten Erscheinungen. Dadurch brachte er die Naturerkenntnis um einen erheblichen Schritt weiter; denn die Einheit der Stoffe wurde nun durch Agricola im Prinzip anerkannt und bewiesen, so daß die Erde bei aller Mannigfaltigkeit der Erscheinungen wieder zu einem einheitlichen Gegenstand der Forschung wird. Die unterirdischen festen Körper teilte Agricola wieder ein in zusammengesetzte und nicht zusammengesetzte. Hierbei leitete ihn ein ausgesprochen bergmännisches Motiv, weil das, was ihm in den Bergen entgegentritt, immer wieder die Metalle sind. Bild 4. Darstellung verschiedener Gänge: steil oder geneigt einfallend oder gekrümmt verlaufend. Die einfachen mineralischen Substanzen teilte er wieder in vier Gruppen: Erde, erstarrte Flüssigkeiten, Steine und Metalle. Weiters unterschied er als zweite Hauptuntergruppe die gemischten festen Minerale, die er in folgende Unterteilungen gliederte: Mischung von Stein und erstarrten Säften, Mischung von Stein und Metall zu gleichen Teilen, Mischung von Stein und Metall mit mehr Metall bzw. mehr Stein, ferner schwefeliger Pyrit. Ist auch diese Einteilung heute nicht mehr aktuell und mag man auch den Wert einer Systematik gering beurteilen, so ist es unzweifelhaft, daß ein systematischer, zusammenfassender und ordnender Geist wie Georg Agricola der Wissenschaft dennoch einen sehr großen Dienst erwiesen hat. Denn durch die Ordnung der unübersehbaren Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen wurden erst die Probleme erkennbar, die zu weiteren Forschungen anregen. Stammt also von Agricola erstmals die Einteilung der Mineralien nach wissen- 56 Franz Kirnbauer '«affeg / ^m ^ift °x * £ 3 «§g|\ V\Äs«^ll. 5M3SB Bild 5. Abteufen von Schächten. Links dargestellt die bevorstehende Löcherung eines Stollens mit dem Schurfschacht. schaftlichen Gesichtspunkten, die er nach äußerer Beschaffenheit und Farbe, Durchsichtigkeit, Geschmack, Geruch, Härte, Schwere, äußere Gestalt und nach ihrem chemischen und physikalischen Verhalten unterschied, so wandte er in der Geologie sich hauptsächlich der Frage nach der Entstehung der Erde zu. Agricola steht hierbei wohl unter dem Einfluß des mittelalterlichen Denkens, ist aber dennoch bereits bestrebt, sich plastische Bilder von den historischen Vorgängen auf und in der Erde zu machen. Hierbei verläßt er sich vorwiegend auf seine Georg Agricola 57 eigenen Beobachtungen, wenn er auch die Arbeiten Früherer immer berücksichtigt und aus wertet. So studierte er eingehend die Erosionstätigkeit des Wassers bei der Veränderung der geologischen Struktur und befaßte sich viel mit Gedanken über das Unterirdische in den Erzbergbaugebieten. Hierbei verabsäumte er es niemals, das ganze Geschehen unter dem Gesichtspunkt einer „Ganzheitlichen“ Betrachtung zu untersuchen. Man darf sagen, daß er hierbei die Keime zu einer dynamischen Geologie und Meteorologie legte. Immer mehr war er hierbei auf Wm .wwwwwv IG\\\\\\\\\\ Bild 6. Wettertrommel, eine Einrichtung zur Frischwetterversorgung der Grube. den Bergbau und dessen Aufgaben eingestellt und es waren seine Betrachtungen ganz besonders dort erfolgreich, wo bergbauliche Vorgänge in Frage kamen. Doch konnten diese „kleinen“ Beobachtungen, wie Georg Agricola selbst erkannte, das geologische Problem nicht erschöpfen. Bei seinem Streben nach voller Erkenntnis war es nur natürlich, daß er hierbei auf die Frage von Erdbeben und Vulkanismus stieß. Wenn Agricola hierüber auch kein geschlossenes geologisches Bild geben konnte, so zeigen einzelne seiner Bemerkungen doch deutlich, daß er durchaus den großen Blick hatte und zusammenfassend zu denken vermochte. Er vertritt hierbei die Ansicht, daß es unterirdische Feuer gebe und ahnt damit die heutige Auffassung vom feuerflüssigen Erdkern voraus. Jedenfalls hatte Agricola das entscheidende Verständnis für die geologischen Grundsätze. Er hat nicht an eine für immer feststehende Schöpfung der Erde 58 Franz Kirn batjer gedacht, sondern den Entwicklungsgedanken klar erfaßt. Wenn er an weite Zeiträume denkt, so hat er damit eine kopernikanische Tat vollbracht. Er hatte hierbei zwar noch kein festes System, aber neue Wege angebahnt und jedenfalls seinen weiten und umfassenden Blick für das große Geschehen in der Natur bewiesen. Über seine Einstellung zur Gesteinslehre, vom geologischen Standpunkt aus — Aufbau der Erdrinde und die dabei zu beobachtende Bedeutung der Steine —, ist zu sagen, daß Agricola als Aufbaumaterial für die Erdrinde vier Hauptgruppen unterscheidet: Marmor, tonige und mergelige feste Arten, Kiesel und Felsen. An anderen Stellen sieht sein Gesteinssystem wieder etwas anders aus, indem es offenbar für die praktischen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Er unterscheidet dann Sandstein, Mühlstein, Schiefer und Kalkstein. Stratigraphische, also schichtenmäßige Unterscheidungen kennt er jedoch kaum, doch versucht er, in bahnbrechender Weise zu einer Ordnung der Gesteinsarten zu gelangen. Über den Aufbau der Erdkruste schreibt Agricola im Dritten Buch seines „Bergwerksbuches“ und behandelt, obwohl er wesentlich Mineraloge und Bergmann ist, die Frage nach dem Verhältnis von Gängen (Flözen) und anderen ihnen ähnlichen Lagerstätten. Erstere ziehen sich kilometerlang durch andere Gesteinsarten, in „Lagerstätten“ treten bestimmte Minerale oder Gesteinsarten gehäuft auf. Agricola hatte also deutlich ein Verständnis für den Unterschied zwischen Gängen (Lagergängen und auch Flözen) und anderen Lagerstätten. Damit schuf er aber auch eine einwandfreie Grundlage für die heutige sogenannte „Formationslehre“, also die Lehre von den Gesteinslagerungen, die dann Johannes Mathesius, der bedeutende Nachfolger Agricolas in der Deutung und Erforschung bergmännischmineralogischer Verhältnisse und Erscheinungen, weiter ausbaute. Faßt man die Bedeutung Agricolas für die Geologie seines Heimatlandes Sachsen zusammen, so kann gesagt werden, daß er zwar auf diesem Gebiet noch kein geschlossenes Bild schaffen, aber einen guten Grund hierfür legen konnte. Was aber Agricolas Bedeutung für die allgemeine Geologie anbelangt, so kann festgestellt werden, daß er die physikalische Geologie geschaffen hat, das heißt jene, die nach streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten vorgeht, und die bisher nicht bekannten Begriffe der Bewegung, Verwerfung, des Gebirgsdruckes und der Mineralchemie herauslöste und ins klare Licht der Erkenntnis stellte. Auf dem Gebiet dessen, was wir heute Bergbaukunde nennen, leistete Agricola Einmaliges und Vorbildliches. Alles Wissen seiner Zeit war im „Bergwerksbuch“ so sorgfältig zusammengetragen und so objektiv verarbeitet worden, daß das Werk mehrere Auflagen erlebte und bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts benutzbar blieb. Die gegenwärtig übliche Einteilung in Minerlogie, Geologie und Bergbaukunde stammt nicht von Agricola, sie hat erst Werner seinem Gesamtwerk zugrunde gelegt, wobei er die Geologie als Geognosie (Erkenntnis der Erd Verhältnisse) bezeichnete. Das Werk „De re metallic a“ ist mit 273 außerordentlich eindringlichen Holzschnitten versehen, die zum größten Teil von Manuel Deutsch und Basilius Wefring stammen und technische Einzelheiten aller im Bergbau und Hüttenwesen um die Mitte des 16. Jahrhunderts gebräuchlichen Werkzeuge, Maschinen und Einrichtungen wiedergeben. Als Frühdruck technischen Schrifttums ist dieses Buch einzig dastehend. Georg Agricola 59 »fl (^SsS Bild 7. Vermessen eines Schachtes und eines Stollens durch den Markscheider. Über den Bergwerksbesitzer schreibt Agricola, daß er nicht nur Nutznießer sein soll, sondern sich selbst um sein Bergwerk kümmere; er soll das Wichtigste davon verstehen und auch gelegentlich mit Hand anlegen, um die Arbeiter anzuspornen. Vor dem Schürfen soll man die Orts- und Wasserverhältnisse genau erkunden und überhaupt alle näheren Umstände prüfen. Das Schürfen durch Naturbeobachtung und mit der Wünschelrute (Bild 3), das Streichen und Fallen von Erzgängen (Bild 4) und alle beim Beginn eines Bergwerks notwendigen Arbeiten vom ersten Schurfbau Technikgeschichte, 17. Heft. 5 60 Franz Kirnbauer weg, werden beschrieben. Im Fünften Buch wird das Abteufen von Schächten, Auffahren von Stollen, Strecken, Gesenken und Überhauen ausführlich dargestellt (Bild 5). Weiters wird das hierbei gebrauchte Gezähe samt den technischen Einrichtungen für die Wasserhaltung und Wetterführung (Frischluftversorgung in der Grube) eingehend beschrieben (Bild 6). Auch die Vermessungsarbeiten durch den Markscheider erwähnt Agricola genau (Bild 7). Das Achte Buch ist der Aufbereitungstechnik gewidmet. Es wird dargestellt, wie: ,,Ertz klaubt wird, gepicht, geröst, gequetscht, gemahlen, gewaschen, im Röstofen geröst und gebranndt.“ Der Zweck des Röstens ist einmal der des Mürbe- und Brüchigmachens der Erze, zum anderen, um Schwefel- und Arsengehalte zu entfernen. Liest man diese Abschnitte, so ist man erstaunt, wie weit die Bergbautechnik damals schon durch rein empirische, jahrhundertealte Erfahrungen vorangeschritten war. Sie hat durch weitere Jahrhunderte dann keine nennenswerten Verbesserungen gebracht. Erstaunenswert ist die Sorgfalt und das Eingehen, womit Agricola, von der geisteswissenschaftlichen Seite her kommend, sich in all die vielen, oft sehr mühsamen technischen Einzelheiten des Berg- und Hüttenwesens seiner Zeit eingearbeitet und durch Bilder und Erläuterungen zur Darstellung gebracht hat. Chemie und Hüttenwesen Trotz seiner Ablehnung der Chemie und Alchemie hat Georg Agricola der Chemie der Minerale und damit der Forschung einen Dienst erwiesen, wenn er feststellte, daß die Elemente in Wahrheit gleichbleibende, nicht verwandelbare Substanzen sind. Ihn bewegten nur die praktischen Fragen nach dem Metallgehalt eines Erzes und der vorteilhaftesten Weise der Gewinnung auf mechanischem oder chemischem, also aufbereitungsmäßigem oder hüttenmännischem Wege. Hier vollbrachte er eine große Leistung, indem er das Wissen seiner Zeit in musterhafter Weise, gleichwie in allen übrigen Sparten des Bergbau- und Hüttenwesens, zur Darstellung brachte. Selbst Gedankengänge entwickelte Agricola in diesem Abschnitt, welche als Anfangsgründe der Lötrohr-Probierkunde und der heutigen Spektralanalyse angesehen /werden können. Er beschreibt verschiedene Arten von Probieröfen, Tiegeln, Scherben und sonstigen Geräten und erwähnt auch die Strichprobe, um den Feingehalt von Goldlegierungen aus Münzen herauszubekommen. Das Neunte Buch der ,,De re metallica“ befaßt sich mit dem Ausscheiden der Metalle aus den Erzen durch Schmelzen. Es werden ausführlich die Schmelzöfen beschrieben, ein Vorgang, der damals und auch später für alle Fachleute ein wertvoller Dienst war. Denn man konnte sich auf seine Beschreibungen verlassen, ohne unnütze Investitionen befürchten oder selbst Gefahr laufen zu müssen, etwa durch die Möglichkeit von Explosionen in Schacht- oder Haubenöfen. Die „Stucköfen“ zur Eisengewinnung, wie sie in Kärnten und Steiermark damals bereits in Gebrauch waren und worüber noch zu sprechen sein wird, sowie Schmelzöfen für die übrigen Metallerze, aber auch Anleitungen bezüglich der Eisengewinnung und Stahlerzeugung sowie des sogenannten „Verzinnens“ von Eisen bringt Agricola überaus ausführlich und mit besonderer Klarheit und Sachlichkeit, wie man selbst Georg Agricola 61 heute noch feststellen darf. Auch die Scheidekunst, das Trennen von Gold und Silber, erläutert er in verständlicher Weise. Agbicola hat sich somit keine Mühe verdrießen lassen, auch auf dem Gebiet der chemischen Technik im Bergbau und des Eisen- und Metallhüttenwesens seine Aufgabe so universal wie möglich zu erfüllen. Eine neue Epoche der Wissenschaft ging von diesem Forscher aus. a erf IM fe üüftei Bild 8. Sackzugförderung in den Alpen Soziale Probleme Georg Agricola nahm seine Arbeit über das Berg- und Hüttenwesen seiner Zeit im Geiste des Fortschritts und mit einem wahrhaft sozialen Verständnis auf, unter ganz besonderer Berücksichtigung der psychologischen und sozialen Verhältnisse der Bergleute einerseits und der Organisation der Bergbaue anderseits. Immer wieder weist er auf die menschlichen Züge beim Arbeiter hin. Durch alles, was er schreibt, geht ein echter Zug von Bergfröhlichkeit und Naturverbundenheit. Im Ersten Buch des ,,Bergwerksbuches“ spricht Agricola davon, daß der Leiter eines Bergwerkes etwas von Medizin und Krankenbehandlung verstehen müßte. Damit steht Agricola weit seiner Zeit voraus und ahnt von den kommenden sozialen Einrichtungen der späteren Jahrhunderte. Dieses Buch enthält auch das Lob des Bergbaus und eine allgemeine Behandlung der für und gegen den Bergbau sprechenden Fragen. Im Fünften Buch behandelt Agricola das praktische Tun und Leben der Bergleute, spricht von der Schichteinteilung, den Berufsarten der 5 * 62 Franz Kirnbauer Häuer, Haspler, Förderer und Erzkücher. Volles Verständnis für echte Menschlichkeit und für die Gesundheit des Leibes des Nächsten und Mitmenschen leuchten aus allen diesen Ausführungen. Agricola, selbst Zeit seines Lebens dem katholischen Glauben treu geblieben, war trotzdem ein Mann von großer Duldsamkeit und Großzügigkeit anderen gegenüber. Er besaß einen stark entwickelten Sinn für das überraschend schnelle Aufblühen der Wirtschaft in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten. Mitten in den Problemen seiner Zeit steht er, seien es wirtschaftliche oder sozialpsychologische. Als Arzt und Humanist ist er ein Mensch, der aus sozialem Bewußtsein heraus vorbeugend wirken will, der das Bergbauhandwerk ehrt und ihm seinen goldenen Boden erhalten will. Goethe über Agricola Goethe, der dem Bergbau, der Mineralogie und den Berg- und Naturwissenschaften wie der Chemie sehr aufgeschlossen gegenüberstand, würdigte Agricola in seiner Farbenlehre 2 mi t folgenden ehrenden Ausführungen: ,,... so wollen wir unseres Landsmanns Georg Agricola gedenken, der schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in Absicht auf das Bergwesen, dasjenige geleistet hat, was wir für unser Fach hätten wünschen mögen. Er hatte freylich das Glück, in ein abgeschlossenes, schon seit geraumer Zeit behandeltes, in sich höchst mannigfaltiges und doch immer auf einen Zweck hingeleitetes Natur- und Kunstwesen einzutreten. Gebirge, aufgeschlossen durch Bergbau, bedeutende Naturprodukte roh aufgesucht, gewältigt, behandelt, bearbeitet, gesondert, gereinigt und menschlichen Zwecken unterworfen, dieses war es, was ihn als einen Dritten, denn er lebte im Gebirge als Bergarzt, höchlich interessierte, indem er selbst eine tüchtige und wohl um sich schauende Natur war, dabey Kenner des Altertums, gebildet durch die alten Sprachen, sich bequem und anmutig darin ausdrückend. So bewundern wir ihn noch jetzt in seinen Werken, welche den ganzen Kreis des alten und neuen Bergbaus, alter und neuer Erz- und Steinkunde umfassen und als ein köstliches Geschenk vorhegen. Er war 1494 geboren und starb 1555, lebte also in der höchsten und schönsten Zeit neu hervorbrechenden, aber auch sogleich ihren höchsten Gipfel erreichenden Kunst und Literatur.“ Nicht nur Goethe, sondern auch Leibnitz, Alexander von Humboldt, Graf Reden, Hardenberg und viele andere hervorragende Geistesgrößen nahmen ihren „Agricola“ gern zur Hand, um sich Rat und Anregung aus ihm zu holen, wurde er doch als eine erstaunliche Leistung des Wissens betrachtet und von den Gelehrten aller Länder gerühmt. Agricola und der Bergbau in Österreich Agricola erwähnt den Bergbau in Österreich mehrfach in seinen Werken 3 . So beschreibt er einmal im „Bermannus“ den Bergbau in Schwaz, dann im Buch „De re metallica“ an zahlreichen Stellen verschiedene Bergbauorte, hier geübte Aufbereitungs- und Schmelzverfahren, Markscheidergeräte und -instrumente u. a. m. Auf die österreichischen Alpenländer weist eindeutig die Abbildung über das Befördern von Erzen mittels Sackzuges sowie auf Schlitten hin (Bild 8). Er schreibt Georg Agricola 63 KKlLiKjL’j wMm mmm. H mm Bild 9. Oberer Teil des Bildes: Rösten von Erzen (Thermische Aufbereitung). Unterer Teil, links: Kärntner Bleischmelzofen, rechts: Sächsischer Schmelzofen hier wörtlich: „Die Kärntner füllen die Erze zur Winterszeit in lederne Säcke und legen von diesen zwei oder drei auf kleine hölzerne Schlitten, die vorne höher als hinten sind. Ein beherzter Fahrer setzt sich auf diese Säcke und lenkt den Schlitten 64 Franz Kirnbauer nicht ohne Lebensgefahr mit einem Stabe, den er in der Hand führt, ins Tal.“ Auch von Hand aus werden solche gefüllte Erzsäcke vom Förderstollen weg ins Tal oder bis dorthin gezogen, wo Pferde und Maultiere die Last übernehmen können, während die leeren Säcke durch starke Hunde wieder auf den Berg zur Arbeitsstelle getragen werden. Neben dieser besonderen Sackzugförderung, die übrigens auf dem Steirischen Erzberg in ähnlicher Form viele Jahrhunderte hindurch in Gebrauch war, bringt Bild 10. Agricolas Alpenkompaß, 1556. ( 3 / 5 der natürlichen Größe.) Agricola mehrfache Mitteilungen über die Aufbereitung und das Schmelzen von Erzen in den Alpenländern. So wird beispielsweise das Pochen von Gold- und Silbererzen sowie das Stauchsiebsetzen erwähnt und das Schmelzen von Eisenerzen im Sumpf of en, im Rennfeuer sowie im Frischofen ausführlich beschrieben. Auch das Verhütten von Gold- und Silbererzen im Spurofen sowie das Schmelzen von Bleierzen in Kärnten (Bleiberg) (Bild 9) werden dargestellt. Besonders wird auch auf die Güte der Bleiberger Erze sowie des Bleis hingewiesen, da dieses, im Gegensatz zum erzgebirgischen Blei, silberfrei ist. Auch ein Markscheidergerät aus Österreich beschreibt Agricola, den sogenannten „Alpenkompaß“ (Bild 10) mit einer eigenen Alpenteilung. Es ist dies ein Setzkompaß mit Zeiger. Aus der Redewendung Agricolas, daß damit in den „Stollen, Georg Agricola 65 die in den höchsten Bergen betrieben werden“, vermessen wird, kann vielleicht vermutet werden, daß es sich um einen Tiroler Einbussolenkompaß mit drehbarer Regel 'handelt. Schinzeuge, die damals ebenfalls schon im österreichischen Bergbau stark verwendet wurden, kennt jedoch Agricola nicht. Auch erwähnt er nicht die österreichischen Salzbergbaue. 0M t'jfS:*'-' Bild 11. Christoph Weitmoser (1506—1558). Nach einem alten Ölgemälde. Außer diesen sachlichen Beziehungen ist noch eine persönliche Beziehung zu Österreich zu erwähnen, die darin besteht, daß Philipp Bech, der Baseler Übersetzer der lateinischen „De re metallica“-Ausgabe ins Deutsche, dieses im Jahr 1557 erschienene Buch dem Gasteiner Gewerken Christoph Weitmoser (Bild 11) widmete. In einer langatmigen Vorrede, wo er auch auf den Wert und Unwert des Bergbaus eingeht, wird zum Schluß die Widmung dieses Werkes an den mächtigen Gasteiner Bergbautreibenden ausgesprochen und damit begründet, daß das Buch auch für den Gasteiner Bergbau von Bedeutung sein könne, und Bech zudem der Lehrer der beiden Söhne Weitmosers war. Christoph Weitmoser lebte von 1506 bis 66 Franz Kirnbauer 1558 und führte den Gasteiner Golderzbergbau zu seiner höchsten Blüte. Nach ihm verfiel er wieder infolge persönlicher und geologisch-lagerstättenkundlich begründeter Ursachen. Die Widmung Bechs an Weitmoser trägt folgende Worte: „... Ich erwarte, daß Eurer Herrlichkeit, wenn Sie durch den Bergbau zu großem und ehrlichem Reichtum gelangen, darum dieses Buch desto lieber und angenehmer sein werde und Sie diese meine Arbeit, die aus guter und wohlmeinender Absicht entstand, gnädig und günstig annehmen und mich Eurer Herrlichkeit allzeit in Gnaden befohlen sein, der zu dienen ich zu allen Zeiten ganz willig und geneigt bin. Der allmächtige Gott, der Berge und Täler, Klüfte und Gänge allen Menschen zum Nutzen erschaffen und mit schönen Bildungen veredelt hat, und selber Silber und Erz zur Notdurft der Menschen wachsen läßt, wolle durch seine milde Güte und Barmherzigkeit Eurer Herrlichkeit Bergwerke in der Gastein und Rauris, in Schlemmingen, Bleiberg bei Villach in Kärnten und anderwärts in Gnaden segnen und Ihnen nach seinem göttlichen Willen täglich viel Erz bescheren und Seinen Geist und Seine Gnade Eurer Herrlichkeit mit allen Ihrigen und uns reichlich mitteilen, damit Eure Herrlichkeit solch herrliche und teure Gottesgaben zu seiner Ehre und zur Erhaltung der Kirchen und Schulen, auch zu täglicher Notdurft glücklich gebrauchen und unsern nächsten bedürftigen Menschen christlich und freiwillig damit dienen und immerdar behilflich sein mögen durch Jesum Christum, unsern Herrn und Heiland, Amen.“ Schlußwort Es hegt an uns Menschen des 20. Jahrhunderts, das Lebenswerk eines Mannes wie Georg Agricola dankbar zu würdigen, der so vielen unter und vor uns das sonst so fremde Gebiet der Mineralogie, Geologie und Bergbaukunde erschlossen hat. Als eine außergewöhnliche Figur der deutschen Geistes- und Wissenschaftsgeschichte steht Agricola vor uns. Alles, was spätere Mineralogen und Bergingenieure leisteten, ist die folgerichtige Entwicklung dessen, zu dem er den Grund legte. Denn wie kein anderer verstand es Agricola, seine tiefgründigen Kenntnisse naturwissenschaftlicher und technischer Art in einer weitgespannten Zusammenschau, wie sie das Werk „Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen“ darstellt, zu vereinen und durch Bilder (Holzschnitte) von seltener Klarheit allgemein verständlich zu machen. Sein langer Aufenthalt im alten österreichischen Bergbauort Joachimsthal, aus dem die silbernen ,, Thaler “ damals in alle Welt flössen, trug zu seinem universellen Bildungs- und Erkenntnisgang zweifellos wesentlich bei. Wie äußerte sich übrigens ein bekannter Techniker und Staatsmann unserer Tage vor kurzem über Agricola ? Anläßlich seiner Ehrenpromotion in Tübingen am 25. November 1954 würdigte der Bergingenieur und frühere Präsident der USA Herbert Hoover das Werk von Georg Agricola in seiner Dankesrede mit folgenden Worten: Einige Jahre vor dem Ersten Weltkriege gingen meine Frau und ich daran, das erste umfassende Buch über jenen Zweig der Ingenieurwissenschaften, auf den ich mich spezialisiert hatte, aus dem Lateinischen zu übersetzen. Es handelte sich um das Werk „De re metallica“ von Georgius Agricola — ein mächtiger Folioband mit Georg Agricola 67 über 600 Seiten und vielen aufschlußreichen Illustrationen... Vielleicht wird es Sie interessieren, zu wissen, daß dieses Buch eines seit langem vergessenen deutschen Gelehrten in gewissem Grade mit zur Entdeckung jenes Goldes und Silbers beigetragen hat, mit dem die spanischen Konquistadoren von Peru und Mexiko aus im 15. und 16. Jahrhundert die Welt überschütteten. Aller Wahrscheinlichkeit nach bediente man sich beim Abbau dieser Edelmetalle der von Agricola in seinem Buch beschriebenen Methoden. Zur damaligen Zeit gab es kein anderes Lehrbuch auf diesem Gebiete. Zu Ehren des Gelehrten sei hier vermerkt, daß er die Grundsätze vieler auch heute in der Metallurgie noch üblicher Verfahren zu erläutern und darzustellen vermochte. Wir haben nur die Maschinen und das ganze technische Beiwerk vervollkommnet...“ Während die deutsche Neuübersetzung des Werkes erst im Jahre 1928 erschien, hatte Herbert Hoover, der den hervorragenden Wert dieser Schrift erkannte, sie bereits 1912 durch die von ihm und seiner Frau in fünfjähriger Arbeit hergestellte Übersetzung in die englische Sprache seinem und den anderen englisch sprechenden Völkern erschlossen. In dem Vorwort seiner englischen Ausgabe sagt Hoover über den Verfasser: „Georg Bauer, ein deutscher Ingenieur und Gelehrter, der sich Georgius Agricola nannte, hat 20 Jahre an diesem Buch gearbeitet, und man kann sein Buch als einen Meilenstein in der Entwicklung zweier der wichtigsten grundlegenden Gewerbe bezeichnen. Deshalb ist es wichtiger, dieses Buch der Nachwelt zu erhalten, als zahllose andere Bücher, die lediglich über Zerstörungswerke von Menschenhand berichten.“ Schrifttum 1 H. Wilsdorf: Zum Georg-Agricola- Gedenkjahr (1555—1955). Bergakademie 7. (1955), Heft 1, S. 1. 2 H. Hartmann: Georg Agricola. Stuttgart 1953. Band 13 der Reihe „Große Naturforscher“, herausgegeben von H. W. Frickfinger. Allgemein sowie S. 56. 3 F. Kirn Bauer: Georg Agricola und der alpenländische Bergbau. Agricola- Festschrift der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1955. Werfner Eisen Von Dr. jur. et phil. Heinrich Benedikt Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien Mit 1 Abbildung I. Unter den Erzbischöfen Über die Bergbaue und das Eisenwerk von Werfen geben die im Salzburger Landesregierungsarchiv verwahrten Akten 1 bis 1814 vollständige und für die nächstfolgenden Jahre vereinzelte Auskunft. Für den Vormärz konnten die Bestände des Hofkammerarchivs herangezogen werden und von 1848 bis in die Siebziger jahre gewähren die im letzten Krieg verlagerten, nun glücklich heimgelangten und geordneten Akten des Finanzarchivs 2 Einblick in alle Einzelheiten. Für freundliche Hilfe bleibe ich dem Direktor des Landesregierungsarchivs in Salzburg, Dr. Herbeut Klein, dem Leiter des Finanz- und Hofkammerarchivs, Dozenten Dr. Hanns Leo Mikoletzky, Staatsarchivar Dr. Walter Winkelbauer und Dr. Maria Woinovich zu Dank verpflichtet. Der Hochofen ,,in der Blientau“, 1770 errichtet, ist der jüngste des Landes Salzburg. Er ist der einzige, der, wenn auch in erneuter Gestalt, auf seinem alten Platz weiterarbeitet. Die anderen sind verschwunden. Dem Umstand, daß das Werk ein Jahrhundert lang Staatseigentum war, daß auch die geringsten Vorfälle den Oberbehörden gemeldet, in allem und jedem deren Weisungen eingeholt und die Schriften aufbewahrt wurden, verdanken wir eine für die Geschichte der Technik, der Wirtschaft, der sozialen Zustände, aber auch für die Kriegs- und politische Geschichte wertvolle Quelle. Die Besiedlung des Salzachtales wurde durch den Bergsegen veranlaßt, der 1 Oberämtliche Bergwesens Acten 1460—1814. Werfen 1661—1788 (Fase. 117), 1789- 1807 (Fase. 118), 1808—1814 (Fase. 119). — Mappen aus der k. k. Bergwesens Registratur Salzburg XXI. Werfen 1759 —1812. — Zeichnungen zur Relation des k. k. Bergrathes Franz Alberti über den Zustand der zum k. k. Berg- und Hüttenamte Werfen gehöriger! Bergbau-Gebäude und Hüttenwerke 1835. 2 Akten aufgelassener Lokal-Mont an-Behörden. Werfen: Berg- und Hüttenamt- Akten. Heinrich Benedikt: Werfner Eisen 69 seit der Steinkupferzeit ausgebeutet wurde 3 . Der Eisenbau beginnt mit den Kelten. Es ist höchstwahrscheinlich, daß auch am Moos- und Windingberg bei Werfen norisches Eisen gewonnen wurde 4 . Bereits zur Römerzeit waren die Eisengruben, welche die norischen Messer lieferten, mit denen der Parvenu Trimalchio, die köstliche Romanfigur des arbiter elegantiarum Petronius, protzt, verstaatlicht. Sie wurden teils in eigener Regie, teils durch Pächter betrieben. Aus der keltisch- römischen Zeit stammt das Wort für den im Schmelzgang gewonnenen Fladen (f latum, flare = blähen) und die auf die römische massa ferri zurückgehende Mass (Massl). An der Römerstraße, welche Aquileia, den Stapel für norisches Eisen, über die Tauern mit Germanien verband, lag die Poststation Vocarium (Werfen), die auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet ist 5 . Die Römerstraße verfiel, aber ihrem Zuge folgte weiter der Handelsweg, der nach seinem wichtigsten Gut die Eisenstraße genannt wurde. Der Wert der vielen Besitzungen des Erzstifts Salzburg in Steiermark und Kärnten lag vor allem in den Bergwerken. Das Bergregal des Erzbischofs ist seit dem 10. Jahrhundert — für das obere Lavanttal schon 931 — nachweisbar 6 . Das Bergregal ist das Hoheitsrecht des Landesfürsten, die mineralischen Lagerstätten als ihr Eigentümer aufzusuchen und zu Tage zu fördern. Das Recht zum Aufsuchen von Erzen wurde nach gehörigem Ansuchen, der Mutung, vom Landesfürsten für eine bestimmte Fläche verliehen. Das verliehene Recht hieß Berglehen. Der Lehensträger nannte sich Gewerke, eine Gemeinschaft von Belehnten Gewerkschaft. Die Gewerken waren zur Ablieferung des gewonnenen Bergsegens an den Landesfürsten verpflichtet. Der Berg war in der Hand von Bauern, die Haus und Hof, Feld, Wald und Weide und das Schürf recht als bäuerliches Zinsgut besaßen. Das waren die ,,Eisenbauern“. Die Einrichtung der Lehnschaften, die Vergebung von Grubenfeldern und die Überwachung der Erschließung oblagen dem landesfürstlichen Bergmeister. Der Tiroler Silber- und Kupferbau war auf das Villacher Blei angewiesen. Das Schwarzkupfer aus Rattenberg und Schwaz wurde abgeseigt, das heißt mit Blei 3 G. Kyrle, Urgeschichte des Kronlandes Salzburg. Wien 1918. -— L. Franz, Vorgeschichtliches Leben in den Alpen. Wien 1929. — Zschokke und Preuschen, Das urzeitliche Bergbaugebiet von Mühlbach-Bischofshofen. Materialien zur Urgeschichte Österreichs. Wien 1932. 4 E. Fugger, Das Dientener Tal und seine alten Bergbaue. Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde Bd. 49 (1909). 5 Die Tabula Peutingeriana wurde von Konrad Celtis entdeckt und dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger geschenkt. Sie ist die zu Ende des 13. Jahrhunderts von einem Mönch in Kolmar verfertigte Kopie nach einem aus dem 4. Jahrhundert stammenden, schwer beschädigten, nicht mehr vorhandenen Original. Eugen von Savoyen kaufte die Tabula Peutingeriana von einem Antiquar und Kare VI. erwarb sie aus dem Nachlaß des Prinzen. Peutinger, der Stadtschreiber von Augsburg, ist mit dem Bergwesen durch sein Gutachten von 1499 verbunden, welches er in dem Streit zwischen Jakob Fugger und seinem ungarischen Kompagnon Thurzo abgab. (E. Hering, Die Fugger, Leipzig 1939.) S. 78. 6 L. Beck, Die Geschichte des Eisens. 5 Bde. Braunschweig 1891—1903. I, 757f. — H. Pirciiegger, Das Steirische Eisenwesen bis 1564. Mit einem Überblick über das Kärntner Eisenwesen, Graz 1937. S. 34—42. — K. Dinklage, Alte Eisenindustrie im Lavanttal. BfTG 16 (1954). 70 Heineich Benedikt verschmolzen. Das silberhaltige Blei lief von dem schneller erkaltenden Kupfer ab. In Salzburg war man vom Bleiberg unabhängig, da es bei Werfen Bleigruben gab, welche die Hütte in Mühlbach versorgten. Die Bleilager waren der Grund dafür, daß zu Werfen ein „Blei- und Galmei-, auch Eisenberg-Verwalter“ eingesetzt wurde. Auch die Goldwäscherei in der Salzach wurde in Werfen betrieben 7 . Als während der bayrischen Herrschaft Tischlermeister Dominik Plassoänio zu Piding eine Goldmine entdeckt zu haben wähnte, wurde ihm von München ein 5%iger Anteil an aller künftiger Eroberung zugesichert und dabei von folgender Erwägung ausgegangen: „Da die k. General-Bergwerks-Administration vollends überzeugt ist, daß in der angeblichen Gegend kein Gold jemals werde entdeckt werden, so wird die k. prov. Bergwesen- Direction von selbst einsehen, daß oben verfügte Äußerung blos die Absicht haben könnte, den Wunsch des Angebers vollends zu befriedigen und für die Zukunft alle weiteren Untersuchungen abzuschneiden 8 .“ Der Bergbau Die Erzlager der Ostalpen scheiden sich in zwei Zonen, die südliche erreicht ihre höchste Mächtigkeit im Hüttenberger Erzberg in Kärnten, die nördliche verläuft an der Grenze zwischen den nördlichen Kalkalpen und dem Urgebirge von Schwaz in Tirol über Werfen, Admont, Eisenerz, Mariazell, Neuberg bis Reichenau in Niederösterreich 9 . Daß im eisenhaltigen Gebirge von Werfen schon von den Kelten Bergbau betrieben wurde, ist durch im Hölltal, sowie am rechten als linken Bachufer an vielen Stellen, sowie in der Nähe des Bergbaus Schäferötz und auch im Blühnbachtal gefundene kuchenförmige Schlacken bezeugt. Nach Koch- Sternfeld ist das im Falkensteinschen Saalbuch 1180 erwähnte „Gut in Pongow r e, das gibt 12 Massen Eisen“ in die Gegend von Werfen zu verlegen 10 . Das Werfner Eisen gewann erhöhte Bedeutung, als die Hütte in Plachau nach dem Versiegen der näher gelegenen Gruben auf die Eisensteine des Moos- oder Flachenberges angewiesen war. Dieser Berg liegt in der Nähe von Bischofshofen auf dem linken Salzachufer, der Einmündung des Fritztals gegenüber. Die Baue wurden am nordöstlichen und nördlichen Gehänge in einer Höhe von 1000 m und darüber eingetrieben. Der Lagerzug schwingt sich vom Moosberg in nordwestlicher Richtung auf, durchzieht den Hoferauberg, fällt gegen das Höllental, erhebt sich wieder gegen Schäferötz und setzt sich gegen das Blühnbachtal fort. Die horizontale Ausdehnung der Erzlagerstätte vom Moosberg nach Schäferötz bildet ein Rechteck von 4 km Länge und 2 km Breite und der hier liegende Brauneisenstein reicht noch für viele Generationen. Die Werfner Brauneisensteine gehören der Triasformation an, sind mürbe und leicht gewinnbar, bilden Linsen oder stockförmige Lager zwischen den Werfner Schichten im Liegenden und dem Guttensteiner Kalk 7 F. Martin, Die politische und amtliche Verfassung der Pflegegerichte Werfen, Mittersill und Saalfelden am Ende des 18. Jahrhunderts, dargestellt von Josef Ferner, Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde Bd. 67 (1927) und Bd. 68 (1928). 8 K. Gen.-Bergwelksadm. an k. Bergwesensdir., München, 26. März 1811. 9 H. Klopfer-H. Riehl, Das steirische Eisenbuch. Graz 1937. 10 Josef Durlinger, Historisch-statistisches Handbuch von Pongau. Salzburg 1867. Werfner Eisen 71 im Hangenden und erreichen eine Mächtigkeit bis über 20 m. Sie sind von Dolomit, Breccia, Rauhwacken und meist vollkommen zu Sand und Thon zersetzten Schiefern begleitet. Am Flachenberg wurde außer Brauneisensteinen ein brauner Eisenspat, Pflinz, auch ,,Kernerz“ genannt, mit einem Gehalt von unter 22% Eisen abgebaut. In diesem armen Spateisenstein kann das ursprüngliche Erz erblickt werden, aus dessen Umwandlung die Brauneisensteine entstanden. Die Kernerze mußten vor der Verschmelzung geröstet werden 11 . Der alte Bergbau am Flachenberg wurde von Gewerken betrieben. Der Bergzehent bestand seit Paris Lodron in der „Decimation“, der 10%igen, 1646 auf 15% und 1702 auf 20% erhöhten Abgabe von der an die ärarischen Hütten verkauften Ausbeute 12 . Die große Zahl der Gewerke und der unrationelle Betrieb, der, wie Berghauptmann von Lürzer sich ausdrückte, „ohne jeden bergmäßigen Vorbedacht nach Art der Maulwurf“ geschah, ließen es nötig erscheinen, 1789 eine Bergordnung für den Flachenberg zu erlassen und die Vermarkscheidung anzuordnen, welche vom Oberbergmeister Josef Peter Seer durchgeführt wurde. Der Seigerriß von 1795 wurde 1832 durch den k. k. Bergmeister Kajetan Kendlbacher ergänzt 13 . Auf dem Flachenberg waren 12 Berglehen oder Grubenmaße 14 vergeben. Die Schornberg-, die Pertill-, die Köcken- oder Wirts-, die Lämmerhof-, die Trigl- oder Hof-, die Tischler- und die beiden Lichtmanneggerischen Gruben gehörten privaten Gewerken, von denen die Brüder Bonymayr, Michael Oberreiter, Siegmund und Andrä Steinbacher, Matthias Lämmerhofer, Johann und Adam Thurner und Jakob Moser genannt werden. Von den vier dem hochfürstlichen Handel eigenen Gruben standen nach 1820 nur zwei in Betrieb, die Handels- und die nach dem früheren Gewerken benannte Tischlergrube, welche im Jahresdurchschnitt 300 bis 400 Truhen 15 lieferten. Sämtliche Lieferungen des Flachenberges erreichten 2000 bis 3000 Truhen. Die Hauer erhielten ungefähr die Hälfte des Wochenlohnes als „Pfennwert“ in Naturalien, nämlich 3 Pfund Schmalz, 6 Pfund Korn- und 3 Pfund Weizenmehl und 3 Laib Brot. Der wichtigste Pfennwert war Schmalz. Der Bedarf an Butterschmalz, wobei die Bergwerke als Käufer von ausschlaggebender Bedeutung waren, verdrängte seit dem 15. Jahrhundert den Fettkäs vom Tisch des Bauern, dessen Nahrung nunmehr aus Brennsterz und Magerkäs bestand. Der Pfennwert- 11 M. V. Lipold, Die Grauwackenformation und die Eisensteinvorkommen im Kron- lande Salzburg. Jb. d. geolog. Reichsanstalt V (1854), 369—386. — Geognostisch- bergmännische Notizen über die Eisenerzlagerstätten im Herzogtum Salzburg. Österr. Ztschr. f. Berg- u. Hüttenwesen 18. Jg. (1870), 383, 391 ff. 12 G. Mussoni, Die Eisengewerkschaft Achtal 1537—1919. Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde Bd. 60 (1920). — Vital Jäger, Berg und Hütte Schwarzleo bei Leogang Bd. 82/83 (1942/43). 13 V. Jäger, Die Eisenhütten in Flachau und ihr Schürf bereich. Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde Bd. 56 (1916) und Bd. 57 (1917) m. Abb. 14 Im Salzburgischen galt das Ferdinandeische Grubenmaß. 1819 wurde für alle österreichischen Länder das Grubenmaß mit 224 Wiener Klafter Länge, 56 Breite und 100 Höhe bestimmt. (Joseph Tausch, Das Bergrecht des österr. Kaiserreiches, Klagen- furt 1822. S. 182, 208, 247.) 15 Das Ladegewicht einer Truhe betrug im Durchschnitt 400 kg. 72 Heinrich Benedikt handel war notwendig, da den Einzelnen die Versorgung oft nicht möglich war 16 . Zum Bezug des Pfennwerts erhielten die landesfürstlichen Knappen Kupferstücke, die mit einem „Wahrzeichen“ — einem Buchstaben, einer Zahl, einem Wappen, einer Tierfigur — versehen waren und die im hochfürstlichen Handel eingetauscht wurden. Die ältesten dieser Kupferstücke stammen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 17 . Die Arbeitszeit umfaßte wöchentlich sechs Schichten. Die Knappen fuhren um 7 Uhr ein, hielten von 11 bis 12 Uhr Mittagspause und verwendeten die letzte Stunde von 4 bis 5 Uhr zum Zurichten von Grubenholz oder Erzaufladen. Die Hauerarbeit betrug somit 8 Stunden. Samstag wurde die Arbeit um 11 Uhr beendet und erst Montag um dieselbe Stunde eingefahren, damit die Knappen das Wochenende im Tal verbringen konnten. Die Arbeit ruhte ferner an 35 Feiertagen, von denen in der Mariatheresienzeit 17 aufgehoben wurden. Zu den auch weiterhin gebotenen Feiertagen in der Pflegschaft Werfen gehörte der Tag des Kirchenpatrons St. Ciriak. Hier wie anderswo weigerte sich das ganze Land, an den abgeschafften Feiertagen zu arbeiten 18 . Der einzelne Hauer brachte nicht mehr als 300 Truhen im Jahre auf. Die Schuld an dieser geringen Leistung wurde damals wie heute dem „Absentieren“ zugeschrieben. Im Blahhaus wurde während der Schmelzkampagne ununterbrochen gearbeitet und die Arbeiter wurden dort auch in der Zeit, da der Ofen Stillstand, für die aufgehobenen Feiertage entschädigt. „Der Hutmann gibt vor, daß das Bergpersonal zum öfteren stürzet, daß die Blaharbeiter die abgewärtigten Feyertag mit bösem Beispiel hereinbringen durften und feyern, sie aber müssen derlei Tage bei der Arbeit ersterken.“ Aus einer Tabelle über das 1. Vierteljahr 1790 geht hervor, daß bei einem Belag von 15 Mann 6 Schichten mit Hochzeitgehen, vier wegen Krankheit, eine wegen Erkrankung der Frau, eine wegen des Begräbnisses der Mutter und sechs wegen Steinsprengungen verloren gingen. Um den Ausfall wettzumachen, schlug Bergrat Schroll vor, zwei Arbeiter aus Rauris kommen zu lassen, die dort überzählig waren und „auch wegen zu geringer Kleidung den dortigen Bergbau Winterszeit nicht besteigen konnten“ 19 . Das von eigenen Erzführern mit „Erzrossen“ nach Werfen gebrachte Erz wurde ausschließlich im Winter bei guter Schlittenbahn durch das Fritztal und über Eben nach Flachau geführt. Die Römerstraße war verfallen und wurde erst wieder durch Erzbischof Johann Jakob von Kuen-Belasi 1564 fahrbar gemacht und 1719 auf eine Anregung Karls VI. unter Erzbischof Franz Anton Graf von Harrach zu einer breiten Poststraße ausgebaut. Erzbischof Kuen-Belasi Heß auch den Saumpfad durch Paß Lueg durch Sprengungen fahrbar machen. Unter demselben Kirchenfürsten erhielt der Brennhof in Werfen mit seinem schönen Hof seine heutige Gestalt 20 . 16 F. Tremel, Der Frühkapitalismus in Innerösterreich. Graz 1854. 17 Karl Roll, Die Bergwerksmarken des Erzstiftes Salzburg. Numismatische Zeitschrift, Neue Folge Bd. 4 (1911). 18 Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde Bd. 67, S. 77. 19 Protokoll über den Befund der Werfnerischen Eisensteingebäude, Lend, 12. Oktober 1790. 20 J. Hörrer, Orts-Chronik des Marktes Werfen im Pongau, S. 29f. Werfen 1879. Werfner Eisen 73 Als 1762 Patritius Kurz von Goldenstein „Tyrollischer Herr und Landmann, Hochfürstlich Salzburgischer wirklicher Hofrath, Pfleger und Probst zu Werfen, Landrichter zu Bischofshofen und beider Orthen Bergrichter“ sein Amt übernahm, fand er keine Beschreibung der Eisengruben, keine Liste der Gewerken vor, erhielt auch aus Salzburg keine Akten und keine mündliche Auskunft und war einzig und allein auf die von den Gewerken vorgelegten „Verleih- und Ansatzbriefe“ angewiesen 21 . Um ein klares Bild über die Ertragfähigkeit der einzelnen hochfürstlichen Betriebe zu gewinnen, ordnete das Bergkollegium die Aufstellung von Jahresbilanzen an. Auf Grund der von der „hochfürstlich Salzburgisch Bley-, Gallmey- und Eisenbergwerks-Verwaltung auch Buchhaltung Werfen“ aufgestellten Jahresabschlüsse berichtete der Oberrevisor Felix Fempacher an die „Hochwohl- und Hochedelgebohrene, eines Hochfürstlich-Hochlöblichen Berg- und Münzwesens Collegii allhier in Salzburg verordnete Herren, Herr Director und Obrist-Haupthandlungs-Inspector und andere Käthe, gnädig und hochgebietende Herren“, daß das Pfleggericht Werfen in den letzten 8 Jahren nicht nur nichts an die Haupthandlung abführte, sondern einen Verlust von 3938 fl. 6 kr. 2 pf. auswies. Daran war vor allem der Blei- und Silberbergbau am Blientegg 22 schuld. Er wurde aufgelassen und der Bergbau des Pfleggerichts beschränkte sich auf den Abbau der Eisenerze. Das Erz wurde von Flachau bezahlt, das auch den „Sam- kost“, die Entlohnung der Erzführer, übernahm 23 . • 1768 wurden 300 Truhen von einem im Vorjahr entdeckten Brauneisenstein am Windingberg im Winter nach Flachau geliefert. Im Juni waren dort bereits 1300 Truhen erobert und Bergverwalter Felix Dismas Edler von Herrisch berichtete, der Windingberg könnte leicht zwei Blahhäuser versorgen 24 . Thaddäus Anselm Lürzer von Zehendthal „Wirklicher Hofkammer- und Bergwerk-Collegien-Rath über Hochfürstliche Ertzgebirge, aufgestellter Berghauptmann und alleinig dirigirender Bergwerks, auch Haupt-Handlungs- und Messing-Hüttwerks-Commissarius“ erstattete ein Gutachten über den Winding- berger Bergbau an den Erzbischof Sigismund Christoph Grafen von Schratten- bach (1753 bis 1771) und dieser verfügte mit eigener Hand die Vorlage von Proben aus den Neuschürfen und Verrechnung der Kosten 25 . Der Name des Erzbischofs, unter dem der Bergbau auf dem Windingberg eröffnet wurde, ist im Siegmundstollen verewigt, der ebenso wie das Salzburger Neutor die Worte tragen könnte TE SANA LOQUUNTUR. Der Windingberg, dessen erster Anbruch von dem rührigen Pfleger und Bergrichter Kurz von Goldenstein verfügt wurde, erhielt eine Bergschmiede und eine „Knappenstube samt Kuchl“. Das Holz dazu, 6 Fichten und 12 mehr, die zu Klüppeln für den Erzweg und zu Brennholz verhackt wurden, lieferte das hof- 21 Kurz v. G. an Bergwerksdeputation 16. November 1781. 22 Riß vom Blei- und Silbei'berg am Blientegg 1759. Mappen XXI, Nr. 4. 23 Das mittelhochdeutsche soumen, Lasten durch Tragtiere befördern, und soume, Traglast, gehen auf den lateinischen Ausdruck summa zurück, der im gleichen Sinn in ganz Italien gebraucht wurde. 24 An Bergwerkskollegium 2. Juli 1768. 25 Lürzer an BWK 23. November 1768. — Bergwerksrevisorium an Berg- u. Münzwesens-Collegium 18. Dezember 1769 m. Beil. 74 Heinrich Benedikt urbare Weberlehen in der Imlau, das dem Bauern Hanns Lubhardt gehörte. Er begehrte eine Vergütung des seiner Viehweide durch die Bauten und die Aufbereitungsstätte zugefügten Schadens. Der Supplikant erhielt über Antrag des Bergrichters für die Holzlieferungen pro praeterito et pro futuro ein Jahrespauschal von 5 fl. Als 1779 die baufällige Knappenstube abgetragen und für 76 fl. 13 kr. eine neue errichtet wurde, fällten die Knappen für ihre neue Wohnung und für Scheidstöcke 40 Fichten, 12 Lärchen, 3 „Dachbaum“ (für Schindeln) und 30 kleinere Stämme, worauf Sebastian Wiener, der damals auf dem Weberlehen saß, um 30 fl. Schadenersatz bat. Er wurde abgewiesen, da das Pauschal von 5 fl. den ganzen Holzbedarf der Grube umfasse 26 . Von dem Werkzeug und dem Gerät der Bergschmiede sind die Inventarien erhalten, aus denen uns manche entschwundene Bezeichnung anblickt und der Fachmann ein Bild von der Arbeitsweise gewinnen kann 27 . Das Arbeitszeug wurde von den 5 Schmieden der Umgebung verfertigt, die sich gegenseitig unterboten. Am 15. Oktober 1824 wurde ein Tarif, den das Werk aufstellte, von den Schmieden angenommen und unterzeichnet. Anfang August 1770 besichtigte der Bergmeister in Lend J. P. Seer die Erzbaue am Flachen- und Windingberg. Am Windingberg arbeiteten 12 Knappen, zu wenig, um das für das in Aussicht genommene neue Blahhaus erforderliche Erz zu fördern, und der Bergmeister beantragte, den Stand um weitere 5 Hauer zu erhöhen. Er riet „mit einem Stollort das Gebirg aufzuschließen und die in allen Erzgebirgen vorkommenden unedlen Mittel oder Kämpe zu durchbrechen“. Am 16. September 1770, einem Sonntag, besichtigte Berghauptmann von Lürzer nach dem Gottesdienst und Mittagmahl in Begleitung von Kurz von Goldenstein den vor 5 Jahren wegen der großen Transportkosten aufgelassenen gewerkschaftlichen Bergbau an der Rothen Wand am Schreckenberg 28 im Gutensteiner Kalk des Tennengebirges. Dort gab es reichen Blutstein, wie sonst nirgends in den Werfner Gruben und Lürzer veranlaßte, daß der Bau mit 3 Hauern wieder belegt werde. Am nächsten Tag begab sich Lürzer in aller Früh nach Hoferau, zu dem sehr schönen „blutsteinartigen Anbruche im harten Gebirge“ und sodann nach dem Windingberg in der Imlau, wo der Erzvorrat bereits auf 4000 Truhen angewachsen war. Er empfahl eine Sackziehe, wie sie in Gastein, Rauris und an anderen Orten in Verwendung w r ar, anzulegen, die von den Knappen oder eigenen „Sackzieh-Furgedinger“ bedient werden könnte 29 . Die Kosten des „Sackzieh- gezeugs“ wurden auf 150 fl. veranschlagt. Man berechnete, daß ein Mann in einem Zug je nach Beschaffenheit der Riesen 24 bis 30 Kübel Erz ins Tal bringen werde und dies drei- bis viermal im Tag, also eine Tagschicht von 96 Kübel oder 16 Truhen und im Monat 480 Truhen leisten könne. Mit Pferd- oder Ochsenfuhren war der 26 Kurz v. G. an BWK 20. November 1769. — Entscheidung der BWK 2. Dezember 1796. — Resolution 21. August 1779. — Herrisch an BWD 1784. 27 Beilagen zum Bericht des Bergverwalters v. Herrisch an BWK 2. Juli 1768. 28 Riß vom Gebirg Schröckengraben und Fallwand 1759. Mappen XXI, Nr. 3. 29 Die erste Erwähnung eines Sackzuges findet sich 1564. Die mit Erz gefüllten Schweinshautsäcke wurden von den Sackziehern auf Gestellen, die vorn kleine Räder, hinten Kufen hatten, auf steiler Bahn zu Tal gebracht (Tremel, Frühkapitalismus). Werfner Eisen 75 Transport nicht zu bewältigen, da auf eine Fuhr nur 9 Kübel verladen und von einem Tier nur 2, höchstens 3 Fuhren im Tag geleistet wurden 30 . Im Winter 1769/70 wurden 990 Truhen Winding- und Schröckenberger Eisenstein nach Flachau geliefert. Die Unkosten einer Truhe Schröckenberger Erz waren so hoch wie die von 4 Truhen des Windingbergs, auf den von nun an das höchste Augenmerk gerichtet war. Mit Dekret des Bergkollegiums vom 18. Jänner 1773 erhielt der Bergmeister und Markscheider auf der Lend, J. P. Seer, den Auftrag, nach dem von ihm vorgelegten Grund- und Seigerriß des Windingberges den Hoffnungsbau mit Stollen-Aufschließung fortzusetzen. 1778 wurden von dem Knappen Johann Kloiber in dem von Werfen anderthalb Stunden entfernten Höllberg zwei Neuschürfe entdeckt ,,die fast noch mit allem Erzt am Tage stehen“. Vor Jahren hatte schon sein Vater „im hintern Höllen“ einen Neuschurf gefunden, aber verlassen, da er zu wenig Erz ergab. Die neuen Funde zeigten ein günstiges Ergebnis. Nachdem Johann Kloiber 300 Truhen geliefert hatte, überließ er die beiden Neuschürfe dem Ärar, wofür er 9 fl. 30 kr. erhielt 31 . Bald nach der Aufnahme des Bergbaus im Höllgraben fand der Vorsteher der Grube, Johann Baumgartner, einen „hintersten Anstand“, der mit Erzanbrüchen reich gesegnet war. Er erhielt für die Entdeckung eine Belohnung von 7 fl. 12 kr. Vierzehn Jahre später brannte das Häuschen Baumgartners im Werte von 150 fl. ab. Inzwischen waren mehrere tausend Truhen dort gefördert worden und die Hofkammer ließ ihm 2 Dukaten aushändigen 32 . Da im Höllgraben ein Unterstand für die Knappen fehlte,- wurden die dort arbeitenden 10 Mann über den Winter auf den Windingberg und in die Hoferau verlegt, wo ordentlich geheizte Bergstuben standen. Als die Hölle dann auch eine Bergstube erhielt, lieferte der Bauer Ciriak Faist Gruben- und Brennholz auf Grund eines fünfjährigen Vertrages. Der Jahresbedarf wurde mit 10 Stamm Grubenholz und 13 Klafter 33 Brennholz veranschlagt. Die Stämme wurden von der Bergverwaltung bezeichnet. Für den Stamm erhielt er 10 kr., für die Klafter 26 kr. 34 . Das Scheidwerk am Windingberg gab Anlaß zu Klagen. Das Übel lag in den Beimengungen von Blei, welche die Verschmelzung erschwerten und die Güte der Flossen beeinträchtigten. Die ungenügende Reinheit erforderte einen unverhältnismäßig hohen Zuschlag von Eisenschiefer und beanspruchte allzu sehr die Feuerfestigkeit des Ofens. Die lököpfige Belegschaft, selbst der Hutmann, konnte wirklichen Eisenstein von eisenschüssigem Kalkstein nicht unterscheiden. Bergrat Schroll schlug vor, bedenkliche Scheid Werkstücke nach jeder Bergfahrt zu rösten. Auch beantragte er, beim Blahhaus die „Wasserstätte“ für einen ganzjährigen Erzvorrat zu vergrößern, da durch die Wässerung viele taube Kalkteile weggeschwemmt 30 Bericht Lürzers 25. September 1770. 31 Resolution 17. Juni 1780. 32 Kurz an BWD 28. Jänner 1779. — BWD Dekret 13. Feber 1779. — Hofkammer 23. Feber 1793. 33 1 Klafter = 3,3389 m 3 . 34 Relation Schroll 20. Juli 1789. Technikgeschichte, 17. Heft. 6 76 Heinrich Benedikt werden. Die Anlage einer 15' (Schuh 35 ) langen, 25' weiten und 6' hohen Wasserstätte mit 4 Abteilungen wurde auf 70 fl. geschätzt 36 . Knappen gab es genug und es kamen Jahre vor, in denen der eine oder andere, wenn genug Vorräte angesammelt waren, arbeitslos wurden. Die staatsgebundene Wirtschaft sah ihr Ziel in der Erhaltung der Harmonie des sozialen Körpers und suchte wie die Gütererzeugung auch die Geburten zu regeln, wozu sie sich des Ehekonsenses bediente. Als der Hutmann Johann Pacher, ein 44jähriger Witwer, um die Bewilligung ansuchte, die 30jährige Magd Marie Kalcher aus Bischofshofen zu ehelichen, mußten, wie üblich, die materiellen Voraussetzungen für den künftigen Haushalt amtlich geprüft w T erden. Pacher stand seit seinem 11. Lebensjahr im hochfürstlichen Bergdienst. Er bezog einen Wochenlohn von 2 fl. Auch sein Sohn war bei der Bergarbeit angestellt und lebte mit ihm. Die Notwendigkeit für beide, eine Haushälterin zu finden, war offenkundig. Die „Weibspersohn“ besaß eine Hauseinrichtung, 50 fl. in bar, die sie nach ihrem Vater, einem Maurer und Kleinhäusler erbte, und erwartete von ihrem Vetter, einem Bauer zu Goldegg, ein Geschenk von 40 fl. Pacher hoffte einmal nach seiner Mutter, die in Berchtesgaden lebte, 100 fl. zu erben. Er machte sich für den Fall, daß seinem Ansuchen stattgegeben würde, erbötig, neben seinen Verrichtungen als Hutmann auch die Berg- und Zeugschmiede zu übernehmen, da der alte Bergschmied „am Rande des Grabes oder wenigstens der Unbrauchbarkeit“ stand. Das ist nur ein Fall von vielen. Zuweilen wurde der Ehekonsens versagt, weil der Haushalt nicht gesichert war, die schwache Leibesbeschaffenheit des Bewerbers an seiner dauernden Verdienstmöglichkeit zweifeln ließ, ein Unterhaltsanspruch eines „natürlichen“ Kindes das Einkommen schmälerte, der Ehelustige kein guter Hauswirt w ar und seinen Dienst nur mittelmäßig versah oder die Braut sich keines guten Rufes erfreute. Noch 1847 wurde dem Frischarbeiter Franz Strobl die Bewilligung zur Ehe mit der Kaminfegerstochter von Oberndorf, Rosalie Zeritti, „wegen Trunkenheit, Leichtfertigkeit und Schuldenmacherei“ vom Pfleggericht versagt 37 . Ein Knappe, der ohne Bewilligung des Berggerichts heiratete, nachdem er sich nach Vorlage einer Unbedenklichkeitserklärung seitens des Bürgermeisters den Konsens des Pfleggerichts beschafft hatte, wurde sofort entlassen, aber, da er ein fleißiger Arbeiter und die Frau eine vernünftige Wirtsperson mit 100 fl. Vermögen war, wieder aufgenommen. Zur Strafe fiel durch zwei Wochen sein Lohn an die Bruderlade. Bergrat Schroll besichtigte vom 24. bis 26. November 1792 nach einer dreijährigen Pause die Bergbaue. Die Förderung am Windingberg ließ stark nach, die am Höllenberg nahm zu. Schroll ließ am Windingberg, wo bisher auf freiem Platz geröstet wurde, eine von einer 3' hohen Mauer eingefaßte Roststätte her- richten, um gleichmäßiger und mit geringerem Holz verbrauch zu rösten. Als Schroll den Windingberg befuhr, lenkte der bereits erwähnte Hutmann Pacher seine Aufmerksamkeit auf einen angrenzenden Wald in der Schäffer-Ötz. Schroll begab sich dorthin und fand mehrere Spuren älterer bergmännischer 35 1 Schuh oder Fuß (') = 31,6081 cm. 36 Commissionsprotokoll Nr. 1 vom Juli 1778. — Bericht Herrisch 9. September 1778. — Relation 20. Juli 1789. 37 Pfleggericht 9. Feber 1847. Werfner Eisen 77 Untersuchungen, so einen halbverfallenen Schürfstollen und „einen 5 Fuß mächtigen Eisenstein-Abbruch, welcher zur Eroberung gleichsam schon in Bereitschaft war“. Der Neuschurf wurde sofort mit 2 Mann belegt und die Auszimmerung des alten Stollenmundes angeordnet 38 . In den nächsten Jahren wurden in Schäferötz mehrere Stollen aufgeschlossen und Halden angelegt. 1803 erhielt der ,, Sch äfferbauer“ Josef Haas eine Schadensrente von jährlich 4 fl. für den entfallenden „Graszins“, die, als weitere Neuschürfe eingetrieben, Erz- und Scheidkaune und Roststätten angelegt wurden. 1807 auf 6 fl. erhöht wurde. Der Schäferbauer besorgte im Nebenverdienst das Erzziehen von Schäferötz 39 . Die Eisensteingrube in der Schäferötz, 1809 vom Oberberghutmann Kendlbacher vermessen und beschrieben, übertraf alle andern Bergbaue, sie lieferte um die Jahrhundertwende jährlich 1900 Truhen, w ährend am Windingberg nur 800, in Höllen 500 Truhen erobert wurden. Das Blahhaus in der Blientau Die Befreiung des Metalls von den im Erz enthaltenen Beimengungen geschieht durch die Verhüttung im Schmelzofen. Die älteste Eisengewinnung erfolgte im Rennfeuer in tiefen, ausgemauerten und mit Lehm verkleideten Gruben, die mit Lagen von Holzkohle und gerösteten Braunerzen gefüllt witrden. Durch das Rösten wird die Kohlensäure ausgetrieben, Schwefel oxydiert, durch die chemische Veränderung des Erzes das Verschmelzen erleichtert und durch die Gewichtsverminderung Fracht und Kohle erspart. Wie heute wurde ein „Zuschlag“ von Kalk und Schiefer beigesetzt, um mit den Begleitmineralien der Erze und der Kohlenasche zur Schlacke zu verschmelzen. Wind wurde mit Ästen zugefächelt. Nach weniger als 24 Stunden wurde ein weiches unreines Eisenstück, 7 kg schwer, herausgezogen. An Stelle der Schmelzgruben der Kelten traten auf luftigen Höhen angelegte Windöfen. Seit der Erfindung des Blasebalgs konnte der Ofen im Tal stehen und im Werkgaden unter einem Dach mit dem Hammer vereinigt w erden und seit der Mitte des 13. Jahrhunderts löste die Wasserkraft die Balgtreter ab. Der Windofen entwickelte sich zum Stuckofen, der einer kräftigeren Luftzufuhr bedurfte, weshalb er an das Bachufer verlegt wurde, wo Wasserräder die Bälge antrieben. Auch jetzt wurde das Eisen in teigigem Zustand, den Rohluppen, aus dem Ofen gezogen und unter wiederholtem Erhitzen ausgehämmert und auch jetzt gewann man nur Schmiedeeisen und nicht das noch unbekannte Gußeisen, da die hohen Temperaturen nicht erreicht wurden, um das Eisen flüssig zu machen. Der Stuckofen mußte vor jeder Tagesarbeit gelöscht, die Ofenbrust niedergerissen und frisch gemauert werden. Als das von den Büchsenmachern erfundene Schmelzverfahren von den Eisenhütten übernommen wurde, trat an Stelle des Stuck- der Blahofen, dessen Wesen darin besteht, daß flüssiges Eisen durch Abstich gewonnen wird. Die Erfindung des Bläh- oder Floßofens nahm von Kärnten ihren Ausgang. 1538 verlieh der Erzbischof von Salzburg, Cardinal Mathätjs Lang, 88 Kommissionsrelation an Hofkammer 18. Jänner 1793. 39 Bericht an lf. Kammer 23. August 1807. 78 Heinrich Benedikt das zur Herrschaft Gmünd gehörige Bergwerk in der Krems einer Gewerkschaft, welcher der Landeshauptmann Christoph Khevenhüller angehörte. Hier, in Kremsbrücken wurde, wie urkundlich feststeht, 1541 der Floßofen gebaut, der nach Wiessners Ansicht der erste in den Alpenländern ist 40 . Vielleicht aber gab es einen noch älteren. Die älteste Abbildung eines Blahofens zeigen drei um 1525 entstandene Gemälde von Herry met de Bles, nach dem Käuzchen seiner Maler- —aP r ~^6 « i i; »i^ * » fnfm 4P ■\*mm * k 1 Bild 1. Blahhaus in der Blientau. Original im Landesregierungsarchiv in Salzburg. marke il Civetta genannt. Nahe dem ab gebildeten Bläh werk steht ein mächtiges Bergschloß. Könnte das nicht Hochosterwitz sein, welches gerade im Jahre 1541, in welchem das Blahhaus urkundlich erwähnt wird, an Khevenhüller verpfändet wurde 41 ? Eine bemerkenswerte Erwähnung eines Floßofens im Salzburgischen verdanken wir Alfons Müllner 42 . Die neue, der Gewinnung von Gußeisen dienende Anlage hieß nach dem zur Erreichung der Schmelzhitze dienenden, von Wasserkraft betriebenen Gebläse und weil man darin das Erz zum Rauheisen blähte, Bläh- oder Blahhaus. Die Be- 40 H. Wiessner, Geschichte des Kärntner Bergbaues III. Teil. Kärntner Eisen. Klagenfurt 1953. 41 E. v. Kurzel-Runtscheiner, Stuckofen und Flußofen zur Eisengewinnung und deren älteste Abbildungen. Der Siegesländer Berg- u. Hüttenmann Bd. 20 (1938), 55—59. — H. Benedikt in Wiener Zeitung v. 25. Dezember 1952. 42 A. Müllner, Geschichte des Eisens in Inner-Österreich VII, 58ff. Werfner Eisen 79 Zeichnung taucht zuerst 1389 auf 43 . Der Ausdruck Floßofen zeigt an, daß das flüssige Eisen sich in das aus Sand vorbereitete Floßenbett ergießt, wo die Schlacke, mit Wasser begossen, erstarrt und abgezogen wird. Der Ofen wird mit Holzkohle angeheizt, das Gebläse angelassen und der Ofen abwechselnd mit Erz und Kohle beschickt. Im Gegensatz zum Stuckofen arbeitet der Blahofen ununterbrochen. Die Umwandlung des Stuck- in den Blahofen geschieht durch seine Erhöhung, durch die Verengung des Schachts am Gebläse und in der Anbringung einer Öffnung für den Abstich des Roheisens. Da seine Leistung doppelt so groß ist, führte er zu einer Verminderung der Anzahl der Hütten. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts stand der Blahofen in der Hütte, deren Dach von der Esse überragt wurde. In Kendlbruck steht als historisches Denkmal ein erhaltener Floßofenstock und eine Frischfeueresse 44 . Da im Blahofen das Eisen hochgekohlt wurde, mußte diesem für die Stahlerzeugung nachteiligen Umstand durch das „Herdfrischen“ Rechnung getragen werden, die Einschmelzung des Roheisens im Schmiedeherd und Entkohlung durch die oxydierende Wirkung von Wind und aufgegebener Eisenschlacke. In dem ersten und grundlegenden Werk über Eisenhüttenkunde, das wir dem Schweden Emanuel Swedenborg verdanken, findet sich eine genaue Beschreibung der Floßöfen, wie sie im Salzburgischen standen 45 . 1567 erfand der von Ferdinand I. geadelte Hans Gasteiger einen mechanischen Antrieb, um die Roheisenluppen statt mit Haken und Menschenkraft mit Wasserkraft aus dem Ofen zu ziehen. Das „Ziehwerk“ bestand darin, daß um die Welle, welche sonst die Blasbälge antrieb, ein Seil gezogen wurde. Das Wasserrad trieb die Welle, das Seil wickelte sich um sie und zog die Luppe aus dem Stuckofen und, wo dieser durch Floßofen verdrängt war, die Flößen aus dem Sandbett 46 . Ein solches Zieh werk wird in einem Bericht der Werfner Hütte ausdrücklich erwähnt. Als „des heil. Röm. Reichs Fürst und Herr Siegmund Christoph Erzbischof zu Salzburg, geborener Legat des heil. Apost. Stuhls zu Rom und des Deutschlandes Primat“ im Jahre 1764 Werfen besuchte, trugen ihm die Eisensteingewerke am Flachenberg zu Bischofshofen Jacob Hueber, Matthias Lemmerhofer, Georg Lechner und Consorten die Bitte vor, er möge in der Blientau 47 ein hochfürstliches 43 F. Tremel, Grundzüge des steirischen Eisenwesens vor 1800. Ber. über den 3. österr. Historikertag in Graz. Veröffentlichungen d. Verb, österr. Geschichtsvereine 4, (Wien 1954), S. 208—216. 44 Modell im Museum für österreichische Kultur in der Wiener Hofburg. 45 Emanuel Swedenborgii Regnum Subterraneum sive Minerale de Ferro deque modis liquidationum ferri per Europam passim in usum receptis. Dresdae ac Lipsiae 1734. — Beck III, 157 f. 46 E. v. Kurzel-Runtscheiner, Wasserbau am Beginn der Neuzeit. Die Warte. Beilage der österr. Furche Nr. 10 vom 5. März 1949. 47 Für den Ort, in dem die „Konkordiahütte“ steht, hat sich der Name Tenneck eingebürgert, der ihm vom Erzherzog Franz Ferdinand, dem Schloßherm von Blühn- bach, verliehen wurde, so wie er die Heugasse, die zu seiner Residenz im Wiener Belvedere führte, weil ihm ihr Name nicht nobel genug klang, in Prinz-Eugen-Straße umtaufen ließ. Über die Namen des Werks und der Bahnstation: F. D. Ditfurth, Namensgewirr um das Blahhaus. Werkzeitung Eisenwerk Sulzau-Werfen vom November 1954. — Ich folge bei den Ortsnamen nicht der heute geltenden, sondern der jeweiligen Schreibweise, um deren Wandlungen zu zeigen. 80 Heinrich Benedikt Blahhaus aufstellen. Die Ortswahl war durch die Wasserkraft für das Gebläse, den Blühnbach, gegeben, den man noch Plimpach schrieb. In der Zeit der Romantik wurde der Name zu Blühenbach veredelt. Die Heiligenlegende leitet ihn von dem Reis ab, das Erzbischof Hartwig Graf von Sponheim (991 bis 1023) pflückte und das in seiner Hand erblühte. Die Gewerke stellten dem Landesfürsten vor, daß auf dem Flachenberg das ganze Jahr gearbeitet werde, aber das Erz nur im Winter nach Flachau geführt werden könne und liegen bleibe, wenn nicht genug Schnee fiel, wie es 1762 der Fall war. Der „Sam“ nach Flachau koste ein Mehrfaches als der Fuhrlohn nach Plientau betrüge und ein dort errichtetes Blahhaus könnte zu einem wesentlich billigeren Fuhrlohn das hochfürstliche Eisenhammerwerk Ebenau mit Flößen beliefern. Flachau würde in der Erzversorgung nicht verkürzt werden, denn im Flachenberg läge genug Erz, um dieselben Mengen wie bisher dorthin zu liefern. Die Bischofshofner Gewerken richteten, wie ihnen bedeutet wurde, eine Eingabe an die Regierung. Da die Bittschrift „nur simpliciter anhero dirigiret“, wurden „die Supplicanten abgewiesen* *. Aber der Amtsschimmel vermochte nicht die Anregung der Gewerken niederzutreten und als 1767 das reiche Erzvorkommen im Windingberg entdeckt wurde, fand sie plötzlich eine begeisterte Aufnahme. Der Bergbau war immer mehr hinter den Salinen zurückgesetzt worden, da diese in der Versorgung mit Holz bevorzugt wurden, von dem die Halleiner Sud- pfamien Unmengen verzehrten. Berghauptmann Lürzer von Zehendthal sah in dem „durch das Übergewicht des Salzwesens niedergedrückten und allbereits in Zügen liegenden Bergwerk“ ein „Rettungs- und Hilfsmittel“ für die Staatsfinanzen und die Volkswirtschaft, „da das Bergwesen ein gleiches landesherrliches regale wde das Salz wesen“ sei und „opportet unum facere et alterum non ommittere“. Hallein bereitete der Aufstellung eines neuen Floßofens Schwierigkeiten. Aber zu dem Halleiner Salzbergwerk gehörte auch der Eisenhammer in der Ebenau, der die Pfannen herstellte und dem ein Blahhaus in der Plientau wohlfeilere „Floßen- oder Raucheisen“ liefern konnte. So stand dem Nachteil ein Vorteil gegenüber. „Qui sentit onus sentiat etiam commodum“, zitiert der rechtskundige Berghauptmann. Auch hoffte man zur Verhüttung in der Plientau „bei dem so reichen Eisenstein, dergleichen in keiner Nähe herum befündlich ist**, verhältnismäßig wenig Holzkohle zu benötigen. Dazu kam, daß in schneearmen Wintern, in denen die Zufuhr aus den entfernten Hütten nach Ebenau nicht möglich war, Pfannbleche aus dem Ausland bezogen worden waren. Der Oberwaldmeister wurde beauftragt, nach Holz, das für Hallein uneinbringlich war, Ausschau zu halten. Die für Hallein unzugänglichen Gebiete waren so groß, daß ein Blahhaus in der Plientau „gleichsam ewig mit Waldungen versehen sei** 48 . Die Hofkammer verhandelte am 5. September 1767 unter dem Vorsitz ihres Vizepräsidenten Baron von Rohlingen im Beisein des Kammerdirektors Franz Anton A man , der Räte Baron Grimming, von Lasser, de Berti, von Eichen- 48 „Unmaßgebliches Gutachten“ Lürzers 22. August 1767. Werfner Eisen 81 heim, von Stockhammer, von Paltenhofen, von Geyer, de Andreis und des Berghauptmanns Lürzer von Zehendthal als Kammerprokurator über den Bericht des Bergwerkskollegiums zur Bittschrift der Flachenberger Gewerke vom Juli 1765. Das Referat führte Franz Anton de Berti. Die Gewerke verpflichteten sich bei jedesmaliger Schlittenbahn auch Flachau zu versorgen, wo man auf die Beimischung des Flachenberger Eisensteins zur Gicht besondern Wert legte, ,,weillen“, wie es in dem Gesuch der Gewerke heißt, ,,auch öfter das beste Erzt ohne Beisetzung ander alleinig sich nit bemeistern lassen“. Die Bittschrift wies darauf hin, daß die Verwaltung des Blahhauses nur geringen Aufwand erfordere, da der Blei- und Galmei-, auch Eisenberg-Verwalter zu Werfen — es war dies zu dieser Zeit der Interim-Amtierer Felix Dismas von Herrisch — neben seinen andern Obliegenheiten die Aufsicht führen könnte, womit auch die Errichtung eines Wohnhauses wegfiele. Die Pflegschaft Hallein wurde einvernommen, betonte ihren Anspruch auf alle nach Hallein gewidmeten Herrn- und Freiwälder des Pfleggerichts Werfen, aus denen das Holz mit ,,Laitfuhren“ oder durch Triften zur Salzach gebracht und dort zum großen Rechen geschwemmt werden könnte, legte aber keinen Einspruch ein, daß in den ausgelackten (Bauern-) Wäldern die Besitzer und in den unausgelackten (hochfürstlichen) eigens angestellte ,,Kohlgredinger“ das Blahhaus versorgten. Das Messinghüttwerk Oberalben bezog für seinen Eisenhammer in Ebenau bisher die Flößen aus Flachau, Dienten und Achtal 49 . Die Flößen aus Achtal, das am günstigsten lag, kamen einschließlich des Fuhrlohnes auf 3 fl. 16 kr. zu stehen. Die Erzeugung eines Zentners Schmiedeeisen aus Achtaler Flößen stellte sich auf 9 fl. 10 kr., bei den Flößen aus Flachau und Dienten auf 18 bis 19 fl. Ebenau erhielt nur ein Fünftel seines Bedarfs aus Achtal. Von Blientau wurde die ganze erforderliche Menge sicher und wohlfeiler erwartet. Der zu errichtende Blahofen sollte jährlich mit 2000 Truhen Eisenstein versorgt werden. Das Gewicht der Truhen ist ungleich. So beträgt es in einem Jahr im Durchschnitt bei der Win- dinger Truhe 750, der Schäferötzer 708 und der Höhlner 672 Pfund. Da der neue Blahofen ausschließlich für Ebenau arbeiten sollte, mußten die Halleiner Salinen zu seiner Aufstellung die halben Kosten tragen. Die ausschließliche Leitung blieb dem Bergwerkskollegium Vorbehalten, welches den Anlaß benützte, dem Pfleger in Hallein zu bedeuten, er möge sich auch nicht in das Messinghüttenwerk Ober alben mischen 50 . Im Juni 1767 lagen 4569 Truhen Eisenstein bereit 51 , die Errichtung des Blahhauses drängte. Die Hofkammer unter dem Präsidium des Grafen Carl Hannibal von Dietrichstein übertrug dem Hofkammerdirektor Franz Anton von Aman mit geheimem Dekret vom 17. Feber 1770 die Oberaufsicht über den Bau. Der Platz wurde ,,neben dem Fuchsenlehen oder Pliembachfeld gegen die Leopfer Brüggen auf der hochfürstlichen Frey neben der Landstraßen“ in einer Länge 49 Achtal liegt in dem 1816 an Bayern abgetretenen Gebiet. G. Mussoni, Die Eisengewerkschaft Achtal 1537—1919. Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde Bd. 60 (1920). 50 Relatio ad Cameram in Consilio Camerae 5. September 1767. 51 Consilium Metallurgicum et Monetale an Hofkammer 3. Juni 1767. 82 Heinrich Benedikt von 70' und Breite von 45' ausgesteckt. Für den Kohlenbarren war dieselbe Breite bei einer Länge von 100' und eine bequeme Einfahrt bei der „Pliembach Brüggen“ vorgesehen. 500' oberhalb des Platzes stand der Holzrechen, der das für die Festung Hohen Werfen bestimmte Holzdeputat auf fing. Die für das Gebläse erforderliche Schwellung des Wassers konnte durch Erhöhung mit ein oder zwei Baumlagen erreicht werden. Beim Rechen wurde das Wasser in einen Gang zum Blahhaus geleitet. Der Abfall ging zwischen Kohlbarren und Blahhaus zur Rechten und dem Fuchsenlehen zur Linken zurück in den Blühnbach, wobei genug Raum für die Erzkästen verblieb 52 . Dem Bau des Blahofens in der Blientau diente der 1763 neuerbaute in Bundschuh im Pfleggericht Moosham im Lungau als Muster. Grundriß und Profil, „nicht einstimmig, sondern in etwas varirend“ wurden vom „hf. Salzb. Gold-Silber-Blei- Kobald- und Eisenberg: dann Poch-Wäsch-Schmelz: wie auch Bla- und Hammer- werks-Händl-Verwes-Amt in Longau“ zu Ramingstein am 21. April 1770 der Berghauptmannschaft vorgelegt. Die Ausführung wich in Einzelheiten vom Plan ab. Alljährlich wurde mit einem „laufenden Schmelzausweis“ eine Beschreibung des Ofens mit einer Zeichnung vorgelegt, welche die genauen Maße 53 anführen. Danach maß der Ofen vom Bodenstein bis zur Form 1' 3", von der Form bis zum Kohlsack 7' 6“, vom Kohlsack bis zur Gichtöffnung 15' 3", erreichte somit die Höhe von 24'. Die Weite vom Bodenstein bis zur Form betrug rund im Diameter 2' 3", beim Kohlsack 5' und bei der Gichtöffnung wieder 2' 3". Alle Maße, besonders genau die der Formen, durch welche der Wind geblasen wird und der Düsen werden angegeben. Die Oberaufsicht über den Bau des Ofens erhielt der Maurermeister Rupert Jäger aus „Dämsweg“, der den Bundschuher Ofen gebaut hatte. Er traf Ende Mai 1770 in Werfen ein, wo sich auch der Hofkammerdirektor von Aman einfand. Beim Tamsweger Maurermeister hatte der „junge, aber erfahrene und geschulte“ Maurermeister zu Werfen, Joachim Glanner, der eigentliche Bauführer, sich, wenn er es dessen bedurfte, Rat zu holen. Der Blahmeister Hans Zifferer vom Flachauer Hammerwerk leitete die Aufsetzung des Bodenstocks, wofür er vom Flachauer Verwesamt 1 fl. als tägliches Deputat erhielt. Die Zimmerarbeit beim Blahhaus und Kohlenbarren wurde an den Zimmer- und Werksachverständigen Hanns Pfeffer aus Lend vergeben, der auch in Bundschuh gearbeitet hatte. Glanner und Pfeffer hatten schon mehrere Blahofen gebaut und verstanden sich auf die Ausfütterung mit „Feyersteinen“. Das Wasserwerk oblag Hanns Pfeffer „als einem in dieser Sphaera sonderlich geübten Mann“ 54 . Er erhielt die Stelle als Blahmeister. Hanns Pfeffer war, als er in die Blientau kam, ein Mann von 49 Jahren. Er blickte auf eine vierzigjährige Dienstzeit zurück. Mit neun Jahren arbeitete er als Köhlerbub, mit vierzehn trat er als Zimmerer in Dienten ein, wo er Meister wurde und 19 Jahre blieb. 6 Jahre verbrachte er auf Reisen, um „die Einrichtungen nützlicher Maschinen“ kennenzulernen, 3 Jahre wirkte er beim Hammer- und Blahhaus St. Andrä und in Bundschuh und 7 Jahre als Zimmermeister auf der Lend. Das Gebläse bestand aus einem 62 Relation Aman 23. Juli 1770. 63 1 Schuh oder Fuß (') = 31,6081 cm, 1 Zoll (") = 2,63401 cm. 54 Relation Aman 23. Juli 1770. Werfner Eisen 83 unterschlachtigen Wasserrad, welches eine Welle in Bewegung setzte, die 2 Zapfenpaare trug. Senkrecht zur Wellenachse waren 2 Blasbälge auf gestellt. Die Deckel der Balgkästen wurden durch eine Hebstange und die vorspringenden Zapfen der Welle gehoben. Von den Balgkästen drang die Luft durch die Düsen und die Form ’ in den Blahofen. Zwischen dem Düsenrüssel und der Mündung der Form war ein freier Zwischenraum von 3 bis 4". Düsen und Form wurden in paralleler Lage gehalten, damit der Wind die Mündungen der Form gleichmäßig bestreichen konnte. Die Baukosten 55 des Blahhauses stellten sich auf 4779 fl. 30 kr. Sie wurden zur Hälfte von der Pflegamtskasse Hallein, zur Hälfte von der Haupthandlung in Salzburg getragen. Im Sommer 1772 wurde das fertiggestellte Blahhaus von Erzbischof Hieronymus Graf von Colloredo (1772 bis 1803) besichtigt, dem neuen, „aufgeklärten“ Landesfürsten, einem guten Verwalter der Finanzen und Freund der Künste, in dessen Auftrag Michael Haydn die „Hieronymusmesse“ schrieb 56 . Der Ofen konnte jederzeit angeblasen werden. Zur Verschmelzung lagen 2550 Truhen Eisenstein, 140 Truhen Schiefererz und 1664 Sack „Koll“ bereit. Der Kollvorrat reichte nur für 5 Wochen. Man rechnete 6 Sack auf eine Truhe Erz 57 . In den Scheidkästen und auf den Erzstürzen bei den Bauen war der Vorrat der bei der -nächsten Schlittenbahn hereingeführt werden sollte, so groß, daß man von der am Windingberg 16 Köpfe zählenden Knappschaft die Hälfte verabschieden wollte. Die Inbetriebsetzung des Ofens wurde durch den Mangel an Koll verzögert. Holzkohle lag genug auf den Meilern, aber die Kohlbauern zeigten keine Lust, zu den vom Bergrichter festgesetzten Preisen zu liefern. Eine andere Sorge verursachte der Mangel an Tonschiefer, ohne den, wie die Erfahrung in Flachau lehrte, die „Rauch- und wild Erze“ in keinen guten Fluß kamen. Man bezog, da man in der Nähe keinen fand, den Schiefer aus St. Johann. Auch hier trat eine Verzögerung ein, da sich Kurz von Goldenstein nicht so bald mit den Schiefergewerken über den Preis einigen konnte. Er bot, wie ihm vom Bergwerkskollegium vorgeschrieben wurde, 1 fl. 10 kr. 58 für die Truhe und mußte auf die Ermächtigung des Kollegiums warten, einige Kreuzer darüber zu bewilligen. Die Eroberung des Schiefers kostete den Gewerken 30 kr. die Truhe, die Fracht nach dem 6 Stunden entfernten Blahhaus kam bei der „dermaligen Teuerung der Futterei und des Habers“ auf 50 bis 55 kr. zu stehen. Ein Pferd konnte im Tag nur eine Truhe führen. Kurz von Goldenstein fand unweit vom freien Bürgerberg beim Markt St. Johann einen Neuschurf mit ergiebigem Schiefer, gut flüssig und von mittlerem Eisengehalt, wie eine Probe in Flachau erwies. Er schloß mit dem Windingberger Erzfuhrmann Thomas Gassner einen Kontrakt, bei nächster Schlittbahn 400 Truhen zu einem Fuhrlohn von 50 kr. ins Blahhaus zu führen. Der Schiefer wurde durch landesfürstliche Knappen gebrochen 59 . 55 Geh. Hofkanzlei an L. v. Aman 17. Feber 1770. — Extract aus der Werfnerischen Blahhausrechnung 1772. 56 H. Jancik, Michael Haydn. — Erich Schenk, Wolfgang Amadeus Mozart, 1955. 67 Kurz v. G. an BWK 25. August 1772. 58 Der Gulden zu 60 Kreuzer. 58 Kurz v. G. 4. August 1773. 84 Heinrich Benedikt 1790 lieferten die gewerkschaftlichen Schief ererzgebäude im Pfleggericht St. Johannes, Christian Häpl am Kollbühel, Lorenz Gehrwolf zu Oberhundris, Paul Geplegger zu Unterhundris, Mathäus Moser zu Grubbühel und Peter Lechner daselbst, ferner Sebastian Herzog zu Grafenhof insgesamt 538 Truhen. Mehr als die Hälfte lieferte Moser, der seine Grube um 250 fl. gekauft hatte. Sein Tonschiefer wies 15% Eisengehalt auf. Der Preis stellte sich beim Blahhaus auf durchschnittlich 1 fl. 26 kr. Erst um 1800 wurde die Schiefergrube am Grubbühel beim Grublhof im Eingang des Blühnbachtals, eine halbe Stunde vom Werk entfernt, ausgebeutet 60 . Die Inbetriebsetzung des Ofens wurde auf den Frühling 1773 verschoben. Es wurde damals in Erwägung gezogen, nur jedes zweite Jahr, abwechselnd mit Flachau zu schmelzen 61 . Im April 1773 wurde der Ofen angeblasen. Der Flachauer Verweser Joseph Hofstätter wohnte der ersten Erzverblähung bei. Es lag für 45 Wochen Erz, aber nur für 20 Wochen Kohle und Schiefer gar nur für 8 Wochen da. Auch zeigte sich, daß der Kohlbarren zu klein und der Bau eines zweiten nötig war 62 . Zur Verfrachtung der Flößen, die als Bergwerksprodukt mautfrei waren, nach Ebenau wurde von Kurz von Goldenstein ein Vertrag mit einem Fuhrmann geschlossen. Er erhielt für die Fuhre, Wagen oder Schlitten 10 kr. 63 . Der Ofen wurde alljährlich im Frühjahr angeblasen und stand ein halbes Jahr im Betrieb. Im Winter ruhte die Arbeit, da oft zu wenig Wasser da war, das Gebläse zu treiben, und die Gerinne vereisten. Obwohl das Eisenwerk nicht zu Markt Werfen gehört, wurde es nach Werfen benannt, weil der Sitz der Bergwerksverwaltung bis 1842 im Brennhof, in der Mitte des Marktes war. Erst später nahm die Hütte den Namen Sulzau-Werfen auf. ,,Sulzaw ob dem Plümbach bei Werfen“ wird zuerst als Lehensgut in einer Eintragung von 1332 erwähnt 64 . Von 1776 an liegen regelmäßige Betriebsberichte vor. In einer Woche (14 Schichten) wurden aus rund 500 Zentner 65 Erz bei einem Verbrauch von 214 Sack Kohle 56 Flößen abgeblasen, die 100 Ztr. Roheisen und bis zu 3 Ztr. Brock- oder Wascheisen ergaben. 1 Ztr. Roheisen benötigte 5 Ztr. Erz und 2 Sack Kohle. 1776 wurde am 18. März zu blahn begonnen und das Schmelzen nach 33 Wochen am 21. Juli eingestellt, da die vordere Wand durch die Hitze allzu hergenommen war. Am 12. August wurde wieder angeblasen und bis zum 8. September gearbeitet. Im nächsten Jahr stieg die Erzeugung auf 115 Ztr. in der Woche. 1778 wurde der Ofen am 3. Mai angelassen. In 22 Wochen wurden 907 Truhen Windingberger, 60 Tabell über die gewerkschaftlichen Schiefererztgebäude 1790. — Moser an Hof- kammer 24. November 1794. — Mappen XXI. Schiefergrube am Grubbühel. 61 de Negri an Hofkammer 10. Oktober 1772. 62 Kurz v. G. an BWK 5. Juni 1773. 63 Herrisch an BWD 17. Feber 1776. 64 F. Martin, Zbr Geschichte von Pfarrwerfen und St. Veit. Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde Bd. 86/87 (1946/47). • 65 1 Zentner (100 Pfund) = 56 kg. Werfner Eisen 85 31 Hoferauer und 25 Schreckenberger Eisenstein und 632 Schiefer, zusammen 1595 Truhen oder 11885 Ztr. vergichtet und 2456 Ztr. Flößen erzeugt. Der Kohlenverbrauch betrug 5062 Sack 66 . Die Erzeugung war so groß, daß sich Vorräte sammelten, die nur langsam Absatz fanden. Deshalb wurde 1782 der Ofen für ein Jahr kalt gelassen und von den 19 Arbeitern neun verabschiedet, die übrigen, auch die 4 Blahknechte zur Bergarbeit herangezogen 67 . 1777 legte der Blahmeister Johann Pfeffer eine von ihm erfundene Verbesserung des Gebläses vor. Die in Blientau verwendete Windmaschine war nach dem Modell der von Maria Zell konstruiert. Die Erfindung Pfeffers besteht erstens in der geänderten Form des Windkastens, den er ,,im Quadrat“ herstellt, wobei ,,die zwei Seiten in Zirkel verfertigt“ werden, „wie es die Hebladen, durch welche der Wind gedruckt wird, erfordert“, zweitens „truckt auch der untere Boden den Wind zwar, jedoch nicht durch eine Eisenstang, welche durch den oberen Boden herauf durch einen Schamei und Waag gezogen wird, sondern durch ein Heblad allein, wie ansonst ein ledner Balg pflegt gedruckt zu werden“ und drittens wird der Kasten „zwar am Holz, aber nicht wie Tischlerarbeiten mit Leimen und Nageln, sondern durch einen andern Forti zusammengefüget, so daß, wenn Holz ausdürret und Wind ausgeht, die Maschin durch einen Schrauben zusammengetrieben werden kann“. Die Herstellung erforderte nur einen Aufwand von 150 fl. und leistete dasselbe wie zwei Lederbälge, die 350 fl. kosteten 68 . Als das Hammerwerk Sankt Andrä 1788 durch Hochwässer schwer beschädigt wurde, erhielt Pfeffer mit seinen beiden Söhnen den Auftrag, den „Hammer- Wasserschlagbau“ neu aufzustellen 69 . Am Ende eines Quartals zufriedenstellender Arbeit wurden auf Befehl des Erzbischofs dem Blahmeister 2 Speciestaler und den beiden oberen und beiden unteren Ofenknechten je ein halber Speciestaler ausgefolgt 70 . Im Dezember 1778 baten die Bläh werkarbeiter um einen Beitrag aus der Handels- kasse zum „St. Barbara Tinzl-Tag“, wie dies bei allen Bergwerkshandeln üblich war. So wurden in Dienten den Schmelzern 9 fl. zum Festmahl verabfolgt und in früheren Jahren den Werfner Knappen 5 fl. 15 kr., wovon der Geistliche, der das Hochamt am 4. Dezember zelebrierte, der Bergrichter und der Bergwerksbeamte je 1 fl. 30 kr. und der Hutmann 45 kr. erhielten. Als der Werfner Bergbau nach Schließung der Blei- und Zinkgruben zusammenschrumpfte, wurde die Zuwendung eingestellt und der „Tinzl Tag“ auf alleinige Kosten des Berg- und Hüttenvolkes gehalten. Herrisch leitete die Bitte weiter und die Bergknappen erhielten wieder 5 fl. 15 kr. und die Blahwerksarbeiter 2 fl. 30 kr., wovon der Blahmeister 46 kr. und jeder Schmelzer 26 kr. bekam 71 . 66 Werfnerisches Blahwerksregister 1778. 67 Herrisch an Bergwerksdirektion 20. Feber 1781. 68 Herrisch an BWD 5. Dezember 1777. — Resolution 13. Dezember 1777. 69 Hofkammer 17. Jänner 1789. — F. Reitlechner, St. Andren, 7. Hornung 1789 an hf. Eisenwerksverwaltung Werfen (Werksarchiv). 70 Decretum an die Einrichtungscommission 8. August 1778. 71 Herrisch an BWD 9. Dezember 1778 m. beil. Gesuch und Resolution 19. Dezember. 86 [Heinrich Benedikt Während die eine der 12-Stunden-Schichten den Ofen bediente, konnte sich die andere in einem im Blahhaus eingebauten Verschlag, zu dem eine Leiter führte, ausstrecken. Der Verschlag war offen, der oft eisigen Zugluft ausgesetzt, und die Arbeiter zogen es vor, sich auf die Bänke beim Blahofen zu legen. Zum Kochen stand ein kleiner Herd zur Verfügung. Nur die sechsköpfige Familie des Blah- meisters hatte eine kleine Wohnung. Blahknechte und Arbeiter richteten 1791 eine vom Verwalter Bernardin Oberreiter unterstützte Beschwerde an die Hofkammer im Bergwesen und erreichten, daß ihnen eine Stube mit Küche und Kammer in dem Wirtschaftsgebäude des Zacherlwirts neben dem Blahhaus eingeräumt wurde, wofür dieser einen Jahreszins von 5 fl. erhielt. Neben dem Blahhaus lag das Fuxenlehen, ein Bauerngut, das dem bürgerlichen Wirt Johann Nicklas in Markt Werfen gehörte. Das Blahhaus stand auf einer „hochfürstlichen Frey“, die mit „lauter gemeine Laubstam als Eiben, Eschen, Buchen und Erlen“ bewachsen war. Durch den Bau des Blahhauses wurde die Frei eingeengt und Nicklas entging dadurch der ihm und andern Nachbarn zukommende „Blumbruch“ und die Laubsammlung, so daß er genötigt war, Streu zu kaufen. Auch erwuchs ihm ein Schaden durch die seinem Hof entgehende „Gailung“. Er erhielt als Entschädigung und auch zum Trost für die Rauchplage und die Tag und Nacht herrschende Unruhe eine jährliche Rente von 4 fl. 1774 erhielt er unentgeltlich 100 Stamm Bauholz zur Errichtung eines Stalls, damit die Kohl- und Erzführer ihre Pferde einstellen könnten. Nicklas, der eine „bürgerliche Wirths-Tafern“ in Markt Werfen besaß, suchte auch um eine Schankkonzession für das Fuxenlehen an. Da der Widerstand der anderen Wirte in Werfen zu erwarten Avar, beantragte Kurz von Goldenstein, ihm nur Avährend der Wintermonate, da zu dieser Jahreszeit die Zufuhren erfolgten, und nur an die Fuhrleute lediglich den Ausschank von Kaltenhauser Bier und Branntwein und die Verabreichung von Käs und Brot zu gestatten, ohne Auskochen oder Herberge bieten zu dürfen. Das Kaltenhauser Brauhaus Avar erzbischöflich und so lag die Zustimmung im Interesse des Landesfürsten 72 . Erst, wenn man die SchmelzausAA’eise, die auch die kleinsten Vorfälle melden, zur Hand nimmt, begreift man, wie mühsam ein Schmelzgang war, mit welchen Störungen man ständig rechnen mußte, welche Kenntnis, Erfahrung, Ruhe und Geistesgegenwart vom Blahmeister gefordert Avurden. Bald ist das Aufschlagwasser unstet, weil Holz auf dem Blühnbach getriftet wird, arbeitet das Gebläse unregelmäßig und bilden sich Hanger im Ofen, bald ist der Abstich zu hart, von weißem oder grobem Bruch, und der Sinter schAver und dunkelgrün, bald verlegen die Hanger beim Herabgleiten die Form und treiben den Wind in eine falsche Richtung, bald muß die Form herausgenommen Averden, ohne den Schmelzgang zu unterbrechen, um sie mit einem steileren oder flacheren Winkel Avieder einzusetzen, bald schlägt die Flamme durch den Ofen und das Schmelzen muß eingestellt werden, oder es springt der Schraubenzapfen, wenn nicht gar der Wellbaum des Gebläses und der Ofen darf nur mit Kohle beschickt Averden, um in Brand zu bleiben, bis der 72 Hofkammerbefehl 15. Juli 1774. — Bericht Kurz v. G. 2. Mai 1776. — Von Sr. hf. Gnaden an Hofkammer 17. Mai 1776. VYerfner Eisen 87 Schaden mit Eisenbändern behoben wird, oder es reißen die Seile bei den hölzernen Federn zum Aufhalten der Wieglbäume. Einmal springt das Kammrad. Zum Glück ist ein neues in Dienten bestellt und wird gleich abgeholt . Vier Wochen später springt das neue Kammrad, die Gebläsemaschine steht abermals still und ein alter Lederbalg muß herhalten, der durch die Arbeiter, die sich abwechseln, Tag und Nacht gedrückt wird, bis das am nächsten Tag von Dienten gelieferte, nunmehr dritte Kammrad eintrifft und aufgezogen wird. Das Erz ist ungleich, Brauneisenstein und Pflinz, ungeröstet und geröstet, gut und schlecht aufgescheidet. Die ständige Sorge ist, zu verhüten, daß als Folge des kalten Gebläses die Sintermassen sich als „Hurter“ an den Wänden und am Boden ansetzen, eine „Ofensau“ bilden und zur Einstellung zwingen, bis der Ofen abkühlt und sie entfernt werden kann. Auch der Beisatz verursacht Sorge. St. Johanner Schiefer allein gibt wegen seines Eisengehalts ein größeres Floßenge wicht, aber das Roheisen ist nicht das beste. Blientauer Schiefer allein bildet Hanger und es erfordert immer neue Versuche, die richtige Mischung zu finden, die einen guten Schmelzgang bewirkt und ein Roheisen von „feinem Abbruch“ ergibt. Der Blahmeister versuchte durch Verpochung der Stuf- und Schiefererze die Schmelzung zu beschleunigen, aber von dem „gepochten Zeug“ flog viel durch den Kamin davon und, um dies abzustellen, mußte es mit Wasser begossen werden. • Es wurde in 2 Schichten gearbeitet, in jeder war ein Blahknecht beim Abstich und zwei bei der Schur beschäftigt. Bei gutem Blahgang wurden bis zu 15 Sätzen in der Stunde eingeworfen, dann hatte ein Mann mit dem Kohl- und Erzanfüllen voll zu tun, während ein andrer den Aufzug füllte und das Auspraschen besorgte. Das Erzvorlaufen zur Fürmaßverrichtung besorgten 2 Knappen und 4 Taglöhner. Andre Taglöhner waren mit dem Erzrösten und dem Füllen der Roststätten, dem Kohl-, Erz- und Schiefer-Vorziehen beschäftigt. 2 Werkszimmerer waren bei den ständigen Reparaturen tätig. Der Ofen mußte fast alljährlich teilweise erneuert werden. Nach jeder Kampagne wurde eine Ansicht des mehr oder weniger schadhaften Ofens nach Salzburg geschickt 73 . Seit dem 16. Jahrhundert wurden bei den Floßöfen zur „Zustellung“, das heißt zur Auskleidung des Schachtes, wo er durch sehr hohe Hitze besonders in Anspruch genommen war, vor allem in dem unter der „Rast“ befindlichen engen zylindrischen Teil, dem „Gestell“, in den die Düsen des Gebläses münden, eigene, feuerfeste Steine verwendet. Linne unterschied einen eigenen Saxum fornacum (Hochofenstein), worunter er einen bestimmten Sandstein verstand. Die beim Bau des Blientauer Ofens verwendeten Ofensteine kamen von Schellgaden im obersten Murtal. In der Folge bezog man Steine von Rastjetzen bei Hofgastein, die als Talkschiefer mit Übergängen in Serpentin beschrieben werden 74 . Die Erneuerung des Ofens 73 Mappen XXI. Eisenschmelzofen zu Werfen 1809 nach einem 11 Wochen langen Schmelzgang. — Gestalt nach der Schmölzung 1811. 74 A. Kieslinger, Feuerfeste Natursteine. Montan-Zeitung, Wien, 69. Jg. (1953), S. 1—4. 88 Heinrich Benedikt erforderte durchschnittlich 200 Steine, von denen manche 15 bis 20, auch bis 70 Ztr. wogen 75 . Nur bei einem kurzen Schmelzgang von nicht viel über 4 Monaten genügte es meist, die Brustmauer auszubrechen, um den Ofen zu untersuchen, die kleinen Schäden zu beheben und die Risse zu „verschiefern“. 1794 wurde der eine der beiden Kohlbarren, um den Fassungsraum um 2500 Sack zu erhöhen und einen zweijährigen Vorrat von 13000 Sack für den Fall aufnehmen zu können, daß eine Kampagne ausfiele, vergrößert. Um wegen der Feuersgefahr der Straße nicht zu nahe zu kommen, wurde der Barren nicht 42', wie geplant, sondern nur um 32' verlängert und an einer Längsseite ein ,,Angehäng“, 112' lang und 12' breit, angebaut. Maurermeister Glaner und Blahmeister Pfeffer besorgten Plan und Ausführung 76 . Die Ordinari-Schichtler und Knappen erhielten in Werfen täglich 15 kr., in Flachau einen Kreuzer mehr. 1791 wollte die Hofkammer die Arbeiter in Werfen denen in Flachau gleichstellen, im Lohn und in der Arbeitszeit. In Flachau wurde am Sonnabend bis 3 Uhr gearbeitet, in Werfen nur bis 10 Uhr Vormittag. Hier erhielt der Werksarbeiter am Samstag für seine Arbeit von 6 bis 10 Uhr früh den ganzen Schichtenlohn und verwendete den Rest des Tages für eigene Arbeiten, die ihm oft mehr eintrugen, als die 6 Kreuzer, die der Flachauer in der Woche mehr erhielt. So erklärten einige, sie wollten lieber auf die Arbeit verzichten, als sich der neuen Ordnung unterwerfen. Auch weigerten sich die Arbeiter in den Monaten, in denen das Tageslicht es zuließ, wie es die Flachauer Schichtenordnung vorsah, bis 6 Uhr zu arbeiten. Sie waren gewohnt, um 5 Uhr zu schließen. In Werfen konnte ein Taglöhner einen Stundenlohn von 2 kr., ein Zimmermann oder Maurer 3 kr. begehren und so schien die Haltung der Werksarbeiter gerechtfertigt, während des Sommerhalbjahrs bei einer um eine Stunde verlängerten Arbeitszeit eine Uberschicht in der Woche ausbezahlt zu erhalten. So begnügte sich die Hofkammer, die Samstagsarbeit nur bis 12 Uhr zu erstrecken. Die Vergütung der Feiertagsschichten für Arbeiten, die nicht, wie die Hüttenarbeiter und Meister, Avöchentlich mit Einschluß der Feiertage entlohnt wurden, erfolgte in der Art, daß in einer Woche, in die außer dem Sonntag zwei gebotene Feiertage fielen, für den ersten kein, für den zweiten der volle Schichtenlohn ausbezahlt wurde, doch wird auch der erste Feiertag bezahlt, falls die entfallenden Stunden an andern Tagen eingebracht werden. Fällt nur ein Feiertag in die Woche, wird er ganz bezahlt, fällt er auf einen Samstag, erhält der Bergarbeiter, der an diesem Tage ohnehin zu Hause ist, keine Vergütung, wohl aber der Arbeiter im Werk 77 . Die Bezahlung der Feiertagsarbeit ist einer der Gründe für den Widerstand gegen die Verminderung der gebotenen Festtage. 75 Relation Schroll 20. Juli 1789. — Vortrag in der Hofkammer April und Dezember 1795. 76 Vortrag Schroll in der Hofkammer 22. Jänner 1794. — Bericht an Hofkammer 15. März m. beilJ Auf- und Grundriß. 77 Extract aus der Werfner und Flachauer Geldrechnung über die Taglöhne der ordentlichen Handltagwerker oder sogenannter Schichtler. — An Hofkammer 9. Mai, 20. Juli 1791. — Vortrag in Hofkammer 17. Dezember. — Hofkammer 10. Jänner 1793. — Werfner Eisen 89 Die Gründung des Blahhauses und der Abbau der ihm dienenden Gruben wurde zum Segen für Markt Werfen und den weiten Bereich seines Pfleggerichts. 1781 flössen 21401 fl. aus der Haupthandlungskassa nach Werfen für die Knappen in den Eisengruben, die Arbeiter im Blahhaus, die Kohl- und Pfennwertlieferungen und den Fuhrdienst. Erst an zweiter Stelle des Einkommens des Bezirks stand die Holzarbeit für die Halleiner Salinen und die Baustube in Salzburg mit 13000 fl. 78 . Zum Wesen des Staatsbetriebes gehört die übermäßige Belastung mit Verwaltungskosten. Zur Erledigung der einfachsten Angelegenheiten wurden Stöße Papier verbraucht, Anfragen an die Kollegien und Ämter der Berg- und Finanzverwaltung gerichtet, Konferenzen abgehalten, Referate verfaßt, Kommissionen eingesetzt, Dienstreisen unternommen, Zeit und Geld vergeudet und 10 Kreuzer ausgegeben, um einen zu ersparen. Am 1. April 1791 erging eine Generalverordnung für alle Verwesämter, mit welcher sie einen Gegenschreiber erhielten. Dieses Kontrollorgan hatte beim monatlichen Kassaabschluß anwesend zu sein, die Geldverrechnung und die Naturaldiarien über Erzeugung, Verwendung und Verkauf zu prüfen und womöglich alle Verfügungen des Verwesers gegenzuzeichnen. Es dauerte ein Jahrzehnt, bis der erste Gegenschreiber für das Werfner Werk ernannt wurde. Verwalter des Eisenwerks war um diese Zeit Bernardin Oberretter. Er bezog jährlich 288 fl. und ein Deputat von 25 Klafter Holz und 50 Pfund „lns- schlicht-Kerzen“, das mit 42 fl. bewertet war. 1795 erhielt er eine Zulage von 20 fl., so daß sich seine Gesamtbezüge auf 350 fl. erhöhten. Er heiratete die Handlungswitwe Gertraud Urban, die 1500 fl. in die Ehe brachte. Oberreiter führte alle Geschäfte ohne Schreiber, auch das Geld- und Naturaldiarium, das monatlich der Hauptbuchhandlung im Bergwesen eingesandt wurde. Als er die Weisung erhielt, dem neu eingesetzten Gegenschreiber die Gegenschlüssel einzuhändigen, bat er von der Übergabe des zweiten Kassaschlüssel befreit zu werden, da er fürchtete, durch die neue Kontrollmaßregel im Ansehen des Personals zu leiden. Sollte ihm aber die Schande nicht erspart bleiben, dann möge die Werksverwaltung in ein Verwesamt umgewandelt und er zum Verweser 2. Klasse mit dem Gehalt von 400 fl., einem freien Heiz- und Lichtgeld von 50 fl. und einem Taggeld auf Amtsreisen von 2 fl., dem doppelten wie bisher, ernannt werden. Der Unterschied zwischen Verweser und Verwalter bestand ausschließlich in der Höhe der Bezüge. Oberreiter mußte noch eine Zeit warten, bis er zum Verweser vorrückte. Der Gegenschreiber oder Mitamtierer erhielt einen Monatsgehalt von 20 fl. Er hatte 300 fl. als Kaution zu erlegen und eine Anstellungsgebühr von 12 fl. an das Kameral-Taxamt zu leisten. Am 1. Mai 1802 wurden dem Gegenschreiber Rupert Graf die Gegenschlüssel übergeben. In der Kassa waren 84 Dukaten (der Dukaten gleich 5 fl. 30 kr.) und gegen 400 fl. in Kopfstücken 79 und halben Kopfstücken in Silber und 9 fl. in Kupfermünzen. Gehorsamste Erinnerung von der Hauptbuchhaltung im Bergwesen an Hofkammer 5. November 1791. 78 Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde Bd. 68 (1928), S. 85f. 79 Kopfstücke nannte man die 20-kr.-, halbe Kopfstücke die 10-kr.-Stücke. Die alte Bezeichnung ist nur mehr in der handgreiflichen Bedeutung erhalten. Die schönen Hieronymus-Taler (2 fl.) verschwanden im Franzosenkrieg. 90 Heinrich Benedikt 1795 trat der Blahmeister Johann Pfeffer in den Ruhestand. Mit 9 Jahren hatte er als Köhlerbub seine Laufbahn begonnen und seit seinem 14. Jahr stand er im hochfürstlichen Dienst. Er war 75 Jahre alt, von denen er 61 im Dienst seines Landesherrn verbrachte. Das Werk beantragte, ihm einen seinem Aktivitätsgenuß in der Zeit außer der Kampagne gleichen Ruhegehalt von 8 bis 9 fl. im Monat zu bewilligen. Da der Antrag über die höchste Stufe des Provisionsnormale hinausging, genehmigte die Hofkammer nur den Monatsbezug von 7 fl. 13 kr., wie er für die I. Klasse der Schmelz-Oberhüttleute vorgesehen war. Der alte Pfeffer, der die Windkästen erfand und verfertigte, die zuerst in Werfen und dann in andern Hütten auf gestellt wurden, wurde wiederholt zu andern Berg- und Schmelzwerken zwecks Einführung neuer Maschinen beordnet, auch nach Hallein, wo er eine „Bodensaag“, wie er sie in Steyr sah, baute. 1779 erlitt er durch den Brand seines Hauses einen Schaden von 400 fl. Nachfolger des pensionierten Blahmeisters wurde sein 29jähriger, gleichnamiger Sohn. Während des üblichen Probejahrs erhielt er während des Schmelzganges 2 fl. 42 kr. wöchentlich und außerhalb der Kampagne einen Schichtenlohn von 22 kr., der in der Woche 2 fl. 12 kr. ausmachte. Auch erhielten die Blahmeister nach glücklichem Schmelzgang einen ,,Recompens für Übereifer“. Der alte Pfeffer war in den letzten Jahren „wunderlich“ und wehrte sich gegen Neuerungen bei der Röstung und Wässerung der Eisensteine, die höheren Ortes gewünscht wurden. 1800 sollte der junge Pfeffer seinen Posten mit dem Blahmeister in Dienten tauschen. Es kam nicht dazu, da dieser erkrankte und bat, mit Rücksicht auf sein hohes Alter ihn in Dienten zu belassen. Auch Pfeffer bat, von der Versetzung Abstand zu nehmen, da er sein Gütel nicht mehr in freien Stunden bearbeiten könnte und die ergrauten Eltern verlassen müßte. Der Grund der beabsichtigten Versetzung lag darin, daß Pfeffer wie aus einem Jagdprotokoll hervorging, „der Wilddieberei höchst verdächtig war“. Johann Pfeffer Sohn heiratete 1802 die Bauernknechtstochter Marie Schober aus Dienten, die 300 fl. mitbrachte. Er erhielt in diesem Jahre eine Jahreszulage von 12 fl. für seine Dienste als Werkszimmermeister 80 . Das Hammerwerk 1781 erhielt Plientau ein Hammerwerk, das im Herbst 1782 fertiggestellt war 81 . Es war vor allem zur Erzeugung von Pfannblechen für das Halleiner Sudwerk bestimmt. Sollten die Aufträge nicht ausreichen, konnten Nagl-Zain, Bauplatten und Schloßblech geschmiedet werden. Zur Erzeugung von Nagl-Zain eignete sich der Flachauer und St. Andräer Brigl, für Bauplatten und Schloßblech die St. Andräer und Dientner Flammen. Die Hütten lieferten den Zentner zu 20 fl. Das neue Hammerwerk erhielt den Auftrag, das zur Streckware erforderliche Eisen ein Jahr voraus zu bestellen und im Winter bei minderem Fuhrlohn zuführen zu lassen. Eine Beschreibung des damaligen Hammerbetriebes verdanken wir dem Franzosen Jars, der 1758 das steirische Eisenwesen studierte. Der einen Fuß über die - * 80 1806, Fase. 2. 81 Herrisch an BWD 7. Setember 1782. — Mappen XXI, Nr. 6, Blechhammer- Gebäude 1781 und Erweiterung des Hammerwerks 1811. Werfner Eisen 91 Hüttensohle erhöhte Frischherd, der oft nach seinem früheren Namen Zerrenfeuer genannt wird, war innen mit Eisenplatten bedeckt. Vor einer Seite befand sich unter dem Hüttenboden eine 2' tiefe Grube. Die dieser Grube zugewandte Eisenplatte hatte übereinander angeordnete Löcher, die 1 / 2 " weit waren. Durch sie floß die Schlacke in die nasse Grube. Die Herdsohle war mit Kohllösche bedeckt, darüber wurde Schlacke, über die Schlacke Kohle, über die Kohle das Floßeneisen und darüber wieder Kohle geschichtet. War die Masse weißglühend geworden, wurde sie gehoben und herausgezogen. Ein Kran legte sie auf einen Amboß, der Hammer schlug sie mit einigen Schlägen flach und teilte sie mit Hilfe des Setzeisens. Die Teile wurden nochmals angeheizt und zu viereckigen Stäben, 2 bis 3' lang und 2" stark, ausgeschmiedet und die Stäbe zur Härtung in fließendes Wasser geworfen, auf dem Amboß entzweigeschlagen und nach dem Bruch, der ihre Güte erkennen ließ, sortiert 82 . Anakreon klagt, daß ihn die Liebe mit einem roten Ball ins Herz getroffen hat, den sie bald wie ein Schmied behämmert, bald im eisigen Bach badet. Die Härtung im fließenden Wasser ist uralt. „Dieses Härterezept, seit urdenklichen Zeiten in unseren Ländern heimisch, besteht heute noch zu Recht ; die neueren Härtemethoden sind nichts anderes als vervollkommnete und wissenschaftlich begründete Spezialisierung dieser uralten Vorschrift“ 83 . Die Errichtung des Hammerwerks fiel in eine ungünstige Zeit. 1782 hob Joseph II. die Wirtschaftsbindungen auf. Die Folge davon war die Ausbreitung der steirischen Eisenwerke und die Errichtung neuer Eisenhärftmer. Die Erzeugnisse wurden billiger und schlechter, der freie Wettbewerb richtete die Unternehmer zugrunde (seit 1807 kaufte das Montan-Ärar die „Haupteisenwurzen“, den Betrieb am Erzberg, allmählich auf, um Betriebseinstellungen und Arbeitslosigkeit zu vermeiden) und die Salzburger Eisenhämmer litten unter der steirischen Konkurrenz. 1785 bestellte Hallein den üblichen Jahresbedarf von 1500 Zentner Flößen, aber kein Pfannblech, da dieses in Oberalm in genügender Menge erzeugt wurde. So mühte man sich in Blientau, Stab-, Flamm- und gestrecktes Eisen zu erzeugen. Aus 3 Ztr. Roheisen gewann man 1 Sam (250 Pfund) gestrecktes Eisen, wozu man 4 Sack Praschen verbrauchte. Für den Hammer durften nur Praschen verwendet werden, die zur Feuerung des Blahofens zu klein waren. Die beste Streckware wurde aus Dientner Flößen erzeugt 84 . Der Hammermeister Johann Schröckenfux arbeitete im Akkord. Er erhielt für den Sam Streckware 5 fl. 30 kr. und ein Jahrespauschal von 26 fl. für die Anfertigung und Erhaltung des „kleinen und großen Werkzeugs“ aus der Handelskasse. Stand der Hammer länger als 8 Tage still, erhielt er ein Wartegeld. Der Hammermeister hatte Heizer und Wassergeber mit Kost, Unterkunft und Lohn zu versorgen. Es gehörte zu seinen Pflichten, die Praschen durch einen Schichtenarbeiter reinigen, „auspratschen“ zu lassen 85 . Der Nachfolger des ersten Hammermeisters war Simon Zeferer, der, dreißigjährig, 1804 starb. Zeferer erhielt, 82 H. Rlopfer-H. Riehl, Das steirische Eisenbuch, S. 120ff. Graz 1937. 83 Leon Goebel, Neuere Erfolge und Erfahrungen auf dem Gebiete der Härtetechnik. Eisenbahn und Industrie 1906, Nr. 12/13. 84 Wochenbericht 7. und 8. Woche, 2. Quartal 1808. 85 BWD 28. Oktober 1786. Technikgeschichte, 17. Heft. 7 92 Heinrich Benedikt da die Hammerwerkswohimng für seine Familie zu klein war, ein jährliches Quartiergeld von 10 fl. Die Dienstwohnung, die er vorher innehatte, war an die Hauptmauer des Hammerwerks gebaut, ,,so daß bei dessen Gang alles in Bewegung gesetzt und sogar der Stubenofen öfters über den Haufen geworfen wurde“. Die ganze Wohnung bestand aus einem Zimmer und hier schliefen der Hammermeister mit Frau und drei Kindern und überdies der Heizer und der Wassergeber, bis es Zeferer ermöglicht wurde, eine Wohnung zu mieten. Der Bau eines Wohnhauses für Hammermeister und Blahknechte war nicht mehr aufzuschieben. 1797 taucht zuerst der Plan auf, ein großes Werkshaus aufzuführen und die Verwaltung aus dem Brennhof dorthin zu verlegen. Aber die Aufführung eines Hauses für die Verwaltung wurde wegen der hohen Kosten als nicht Tätlich befunden, da man damit rechnete, daß bei eintretender Baufälligkeit des Blahofens seine Neuaufstellung an einem für die Erz- und Kohlzufuhr vorteilhafter gelegenen Ort beschlossen würde. So wurde über Antrag Schrolls nur entschieden, zwischen dem Blahhaus und dem Hammer ein Wohnhaus für den Hammermeister und die Blahknechte zu errichten und für ein heizbares Zimmer für die Beamten, die im Blahhaus zu tun haben, vorzusorgen 86 . Die Holzkohle Einst dienten fast alle Forste des Salzburger Landes teils als landesfürstliches Regal, teils mit dem Reservat für das Bergwesen behaftet, den Sudhäusern, Schmelzhütten und Rad werken. Auch heute ist mehr als die Hälfte der Waldfläche des Landes Staatseigentum. Salinen und Montanbetriebe litten oft unter Holznot, die vor allem durch die Bauern verursacht wurde, welche die Holz-, Waldweide- und Laubstreu-Nutzung in einer forstschädigenden Weise ausübten und trachteten, durch Schlägerung und Waldbrände Weideboden zu gewinnen. Erzbischof Eber- hard schärfte 1202 das Verbot des Rodens mit den Worten ein: nulli liceat fundum eorum excolere vel pasturae animalium usurpare ut ligna in eisdem fundis possint recrescere. Nur dort, wo es, wie es in der Waldordnung des Erzbischofs Mathätjs Lang heißt, „unnütz Dörnach, Stawdach und Paschach“ gibt, darf der Waldmeister das Reuten gestatten 87 . Im fünften der zwölf Artikel gemeiner Bauernschaft von 1525 verlangen die Aufständischen das Holzungsrecht und die freie Benützung der Wälder, Wässer und Weiden als Almende 88 . Von der Waldordnung des Erzbischofs Mathätjs Lang von Wellenberg aus dem Jahre 1524 bis zu der des Erzbischofs Siegmund von Schrattenbach von 1755, welche durch das österreichische Forstgesetz von 1852 abgelöst wurde, wurden 10 Gesetze erlassen und diese Zahl allein zeigt schon, daß sie ihr Ziel nicht erreichten. Die Holzknappheit zwang zur Verordnung, daß neue Häuser auf gemauerten Sockeln stehen müssen, zum Verbot von Schindeldächern und deren Ersatz durch Stroh, zur Verdrängung der Holzgatter durch lebende Zäune, für welche Setzlinge unentgeltlich vom Waldmeister 86 Vortrag in Hofkammer 4. Feber 1797. 87 Otto Eckmüllner, Das Bauemwaldproblem einmal geschichtlich gesehen. Österreichs Forst- u. Holzwirtschaft 3. Jg (Wien 1948), 341 f. 88 F. Krones, Handbuch der Geschichte Österreichs, Berlin 1877. II, 635. — H. Hantsch, Die Geschichte Österreichs, 2. erw. Aufl., Graz 1947. I, 250. Werfner Eisen 93 beigestellt wurden. Die Sorge des Landesfürsten um die Bergwerke brachte die Pflege der Wälder mit sich. Der Bergbau ist der Vater der Forstwirtschaft. Den größten Holzbedarf hatten die Halleiner Salinen. 1500 wurde in der Salzach der große Griesrechen von Hallein aufgestellt, der das Triftholz aus einem Sammelgebiet von 100000 ha Waldland auf fing 89 . Das Holz, das im Bliihnbach getriftet und vor der Einmündung in die Salzach von einem Rechen aufgefangen wurde, diente in einem Ausmaß von 160 Klafter (544 m 3 ) zur Versorgung von Hohen- werfen 90 . Als 1765 der Plan, bei Werfen ein Blahhaus zu errichten, entstand, ließ der Bergrichter Kunz von Goldenstein einen Überschlag über die Holzmengen in jenen Bauerngläcken des Pfleggerichts aufstellen, von denen das Zubringen nach Hallein nicht möglich war. Der Bedarf für den Floßofen wurde bei einer Jahres Verarbeitung von 2000 Truhen Eisenstein mit 1700 Werfner- oder doppelt so viel Flachauer Sack 91 berechnet. Mit dieser Menge war die Kohlversorgung auf mindestens 90 Jahre gesichert 92 . Die aus dem grundsätzlich landesfürstlichen Eigentum ausgeschiedenen und den Bauern überlassenen Waldparzellen — Gläcken — waren durch Kohlwidmungen bestimmten Schmelzöfen und Hammerwerken zugewiesen. Nur für diese durfte der Besitzer eines Bauernwaldes kohlen. 1770 waren nach der Aufstellung des Oberwaldmeisters Christoph Michl 2418 Flachauer Sack (1692 m 3 im Gewicht von 254 t) auf den Meilern vorhanden: auf dem Lodron- schen Gut Schurgren Leithen, „unterm Taingebürg“, bei Mathias Krieger auf dem Graf Platzschen Gut Schröckenberg, bei Michael Ha\s auf dem Urbargut Hinter-Imlau, im Londronschen Vorder-Imlau, auf dem fürstlich Chiemseeischen Weberlehen am Windingberg, der Lodronschen Schwaig Weng, bei Georg Behrl auf dem Chiemseeischen Gut Sigistein, „aus denen anleitbaren Gläck unter der Feist Alpen“ und anderswo 93 . Für den Flachauer Sack wollte das Ärar 22 kr. 7 pf„ für den Werfner das Doppelte, 45 kr., zahlen. Zu diesem Preis wollten die Kohlenbrenner nicht liefern. „Daß dem übermäßigen Begehren und der bekannt allzu eigennützigen Habsucht der Unterthanen, besonders wenn es das hochfürstliche Aerarium betrifft, durch andere würksame Mittel Schranken gesetzt werden“, beantragte Kurz von Goldenstein beim Hofkammerdirektorium, anzuordnen, daß in Hinkunft die Schmiede die Kohle nur mehr aus den am schwersten zugänglichen Orten beziehen dürften, damit die näher gelegenen Meiler, die bei ihren geringeren Frachtauslagen billiger liefern konnten, dem Blahhaus Vorbehalten blieben. Auch wäre die Aufnahme von eigenen Kollerern auf hochfürstliche Kosten auf Verding (Akkord) oder Schichtlohn zu erwägen, um einen Druck auf die Bauern auszuüben, die auf die Dauer auf den Verdienst nicht verzichten könnten. Die Verkohlung in eigener Regie würde vermutlich teurer als der Ankauf zu den von den Bauern verlangten Preisen zu stehen 89 Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Oberösterreich und Salzburg. Wien 1889. Volkswirtschaft!. Leben, red. v. Karl Menger, S. 577ff. 90 Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde Bd. 67 (1927), S. 66. 91 Der Flachauer ist der normale Salzburger Sack von 22 x / z AViener Kubikfuß (1 Kubikfuß = 0,7 m 3 ). 1 Klafter Holz lieferte 4 Sack Kohle. 92 Bericht Kurz v. G. 93 Beschreibung oder Entwurf wegen Koll Lieferung zum neuen Blahhaus. Kurz v. G. an Hofkammerdirectorium 19. November 1770. 94 Heinrich Benedikt: Werfner Eisen kommen, es sei denn, man schwemmte das verdorbene Holz der vielen Windwürfe aus dem Plinbachtal, auch vom Pfleg Halleinischen Brennwald zum Blahhaus und ließe es dort verkohlen 94 . Die berechtigten Preissteigerungen den Bauern zu gewähren, hielt die Rücksicht auf das Halleiner Salzkammergut die Hofkammer zurück. Das Bergwerkskollegium beschloß, sich mit Kohle aus den „Gstüttalpen im Plien- bach“ zu behelfen, die seit Erzbischof Wolf Dietrich von Raiten ah (1587 bis 1611) der Pferdezucht dienten 95 , aber dies scheiterte am Mangel an Holzknechten 96 . Überständiges Holz und alte Windbrüche lieferten minderwertige Kohle — Pra- schen—, welche die Waldmeisterei den Schmieden zu wies. Zur Verbesserung mischten die Schmiede frisches Holz zu 97 . Wie die Holzfällung, wurde auch die Verkohlung von der Waldmeisterei überwacht. Der Unter waidmeister erhielt ein auf Gewohnheit beruhendes Forstgeld, auch Kohltag genannt, von 45 kr. von jedem Kohlhaufen. Alljährlich wurde im Feber oder März vom Bergrichter eine „Kohlbeschreibung“ abgehalten, zu der die Interessenten erschienen. Die Kohlbeschreibung, in welche die Abschlüsse eingetragen wurden, verzeichnete getrennt die Freiwaldungen, die später als Salinenwälder bezeichnet werden, und die anleitbaren Waldungen der Grundbesitzer im Bereich von Pfleg und Probstei Werfen und Landgericht Bischofshofen. Es fanden sich in der Regel gegen 130 Bauern, die sich um das Kohlgeschäft bewarben. Der Bedarf des Blahhauses betrug in einer Woche 230 Sack, in einer Kampagne von 30 Wochen 6900 Sack. Für die Erzröstung veranschlagte man 500, für das Hammerwerk 1400 Sack. Um eine kleine Reserve anzulegen, wurden jährlich 10000 Sack (7000 m 3 ) bestellt, aber diese Menge wurde erst nach Jahrzehnten erreicht 98 . Im Bereich der Pflegschaft gab es reichlich Holz, aber aus den Wäldern mußte auch Hallein versorgt werden und viel Holz erforderte der Werfner Mautweg. Johann Andreas Langlechner, „Oberwaldmeister in und außer Gebirg“, warnte 1788, daß dem Überfluß schon in zwanzig Jahren ein erheblicher Abgang folgen werde. Die Köhlerei war der Hauptverdienst der Waldbauern, aber der Gewinn, den sie einbrachte, war klein und manchmal blieb er ganz aus, so wenn die Kohlverdinger wegen der schlechten Lage des zu fällenden Holzes und der schwierigen Arbeit in den Windbrüchen den Kohlarbeitern und wegen des schlechten Wetters den Fuhrleuten den Lohn erhöhen oder einen neuen Weg anlegen mußten 99 . Die Anlage der Meiler und die Köhlerei war ein mühsames Geschäft 100 . (Wird fortgesetzt.) 91 Kurz v. G. an HK 20. Juni und 9. Juli 1771 mit Verzeichnis der Kohllieferanten und 25. August 1772. 95 Über die Ahnen des Blühnbachtals und die hochfürstliche Pferdezucht: H. Feuer- Sänger, Der Pinzgauer Noriker, S. 30. Innsbruck 1941. — Die Nachfrage der Erz- und Kohlführer nach Pferden war von großer Bedeutung für die Pferdezucht Salzburgs. 96 Kurz v. G. an BWK 15. März 1771. 97 Bericht Sigmund von Pichl auf Grund der Meldung des Unterwaldmeisters Johann Eberl 9. August 1788. 98 Vortrag Schroll in HK 4. Mai 1805. 99 Gesuch Lainer 5. Juli 1783. — Bericht S. v. Pichl 26. Oktober 1793. — Kontrakt 27. Juli 1794 und „Ideal-Riss“, farbiger Plan von der Gainfeld Waldung. 100 Über die Anlage der Meiler: W. Schneider, Die Holzkohlengewinmmg einst und heute. Universum 8. Jg. (Wien 1953), S. 17—21. Die Entwicklung der Oxygenstahlverfahren Von Dipl.-Ing. 0. Cuscoleca, Österreichisch-Alpine Montangesellschaft und Dr. H. Trenkler, Vereinigte Österreichische Eisen- u. Stahlwerke AG. Mit 5 Abbildungen Die gesamte österreichische Rohstahlerzeugung im Jahrg 1937 (zirka 650000 t) entsprach dem Bedarf des österreichischen Bundesgebietes und dem damaligen Export und die Kapazitäten der Hochofen-, Stahlwerks- und Walzwerksanlagen waren aufeinander abgestimmt. Der während des zweiten Weltkrieges begonnene Ausbau der Hütte Linz wurde noch während des Krieges nach Fertigstellung des Hochofenwerkes und vor Ausbau der Stahl- und Walzwerke abgestoppt, so daß nach Kriegsende durch eine übergroße Hochofenkapazität eine Diskrepanz zwischen Roheisen-, Stahl- und Walzkapazität vorlag. Die österreichische Stahlindustrie hatte sich daher neben der Beseitigung von Kriegs- und Demontageverlusten mit dem Problem des Ausgleiches dieser Kapazitätsdifferenzen unter Berücksichtigung eigener Rohstoff- und Energiequellen zu beschäftigen. Diese Überlegungen fanden ihren Niederschlag im Eisen- und Stahlplan 1948, der eine Rohstahlerzeugung von 1 bzw. 1,3 Mio jato vorsah und damit in der ersten Ausbaustufe dem erhöhten Stahlbedarf entsprechen sollte. Schon in diesem Plan wurde auf die Einführung eines Konverterverfahrens hingewiesen. Eine Erhöhung der Stahlwerksproduktion für Massenstähle auf dem Sektor der SM-Ofenkapazität wäre das Naheliegendste gewesen, wenn nicht aus der gesamten österreichischen Situation heraus bestimmte Rohstoffschwierigkeiten dagegen gestanden wären. An erster Stelle war es die Unmöglichkeit, weitere Schrottmengen auf dem österreichischen Schrottmarkt aufzubringen, die sich immer mehr verschärfende Schrottverknappung auf der ganzen Welt, die zu hohen Preisen und Ausfuhrverboten verschiedener Staaten führte, und gleichzeitig die ständige Verschlechterung der Qualität desselben. Der Anteil der Edel- und Qualitätsstahlerzeugung im Vergleich zur Kommerz- Stahlerzeugung liegt in Österreich im Gegensatz zu anderen Ländern — Schweden und Italien ausgenommen — hoch. Die Edelstahlerzeugung erfordert aus technischen 96 O. Cuscoleca und H. Trenkler Gründen besonders hohe Schrottsätze bester Qualität. Der Schrottanteil in allen Martinöfen Österreichs lag damit schon an der untersten wirtschaftlich tragbaren Grenze. Während die Hochöfen in Westeuropa und USA noch bis zu 20% des Einsatzes Schrott setzten, mußten die österreichischen Eisenwerke nicht nur auf diese Vorteile verzichten, sondern hatten schon für die Stahlerzeugung zu wenig Schrott. Eine Erhöhung der Elektrostahlerzeugung konnte daher von vornherein aus Gründen 1000 Tonnen/Jahr Rohsiahl Fremd- r EigeruchroH SchroHaufbringen — Elektrosbahl ___ 133233 3*35363733 *6 *7 *3 *9 5051 52 53 5*1955 Bild 1. Rohstahlerzeugung und Schrottauf bringen. der Schrott Versorgung nicht ins Auge gefaßt werden. Anfangs stand auch die geringe Stromdarbietung diesem Plan entgegen. Einer Ausweitung auf der Siemens-Martin-Seite stand neben der Schrottsituation auch noch der lange Zeit nach Kriegsende nicht gesicherte Bezug inländischen Heizöles und die knappe Versorgung mit heimischer Generatorenkohle entgegen. Die österreichische Stahlindustrie wäre aus dieser Situation heraus am Ende der Überlegungen einer Erhöhung der Stahlerzeugung gewesen, wäre es nicht gelungen, in Entwicklung befindliche Ideen zusammenzutragen, diese mit eigenen Ideen zu verbinden und nach ausgedehnten Versuchen ein vollkommen neues Stahl- herstellungsverf^hren erstmalig in Betrieb zu nehmen. Der Weg, der zu dieser Entwicklung führte, war ein langer. Das Bessemer- Verfahren hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam in Europa auf der Basis phosphorarmer Erze, vor allem in England, Schwe- Die Entwicklung der Oxy genstahl verfahren 97 den, im Siegerland und auch in Österreich, durchsetzen können. Um die Jahrhundertwende aber mußte dieses Verfahren dem SM-Ofen-Verfahren mit seinem hohen Ausbringen und der Möglichkeit, bis dahin wertlosen Schrott verarbeiten zu können, Platz machen. Daneben entwickelte sich das basische Bessemer-Verfahren, genannt Thomas-Verfahren, zu immer größerer Bedeutung. Die großen, phosphorreichen Erzlagerstätten, namentlich in Lothringen und Schweden, w aren die Grundlage für dieses Verfahren; vielmehr erst durch dieses konnten sie wirtschaftlich zum Abbau gebracht werden. Gegen Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde das Thomas-Verfahren für Deutschland auf dem Lizenzwege von dem Erfinder Thomas selbst erworben. Das Verfahren brachte der europäischen Stahlerzeugung einen nie geahnten Aufschwung. Die Rohstahlerzeugung Westeuropas weist 1% Bessemer- Stahl-, 35 bis 40% Thomas-Stahl- und 60% Siemens-Martin- Stahlanteil aus. In Österreich konnte das Thomas-Verfahren infolge Fehlens phos- phorhältiger Erze keine Bedeutung erlangen. Beide Verfahren also, sowohl das Bessemer- wie auch das Thomas-Verfahren, konnten daher für eine Rohstahlerzeugungsausweitung in Österreich nicht in Erwägung gezogen werden. Auch qualitative Überlegungen sprachen gegen diese Prozesse, da der nach ihnen erzeugte Stahl dem SM-Stahl unterlegen und in seiner Anwendbarkeit daher beschränkt ist. Österreich verfügt aber in bedeutendem Umfange über ausgezeichnet reine Erze, die es den Hüttenwerken ermöglichen, ein Stahlroheisen im Kokshochofen zu erzeugen, das auf Grund seiner geringen Gehalte an P und S, seines hohen Mn-Gehaltes und seiner Reinheit an sonstigen unerwünschten Begleitelementen für eine Qualitätsstahlerzeugung hervorragend geeignet ist. Die gerösteten bzw. gesinterten Erze vom Erzberg haben folgende Durchschnittsanalyse: 44,8 bzw. 42,8 % Fe 2,6 3,0 % Mn 0,14 0,80% S 0,0 % As 0,042% P 0,042% Ti 0,018% Cr 0,00 % Cu Das aus diesen reinen Erzen erblasene Roheisen versetzt die Stahlwerke in die Lage, weitgehendst Qualitätsstahl herzustellen und dieser hat damit die Grundlage für eine bedeutende Stahlindustrie und einen hervorragenden Exportanteil geschaffen. Die Linie der Qualitätsstahlerzeugung in den österreichischen Stahlwerken wurde nie verlassen und wird auch in der Zukunft nie verlassen werden dürfen. Eine neue Stahlqualität auf Grund eines neuen Stahlherstellungsverfahrens mußte daher die hohe Qualität österreichischen SM-Stahles nach weisen, um seine Berechtigung zu finden. In den letzten 20 Jahren ist der Sauerstoff zu den für die Stahlindustrie bestimmenden Faktoren, wie Erz, Kohle, Koks, Öl, Schrott und Energie, hinzugetreten. 98 O. Cuscoleca und H. Trenkler Schon Bessemer hatte im Rahmen seiner Erfindung über das Windfrischver- fahren 1856 auf die Verwendung von Sauerstoff hingewiesen. Er war also der erste, der reinen Sauerstoff zur Stahlherstellung vorgeschlagen hat. Eine praktische Anwendung des Sauerstoffes aber war zur damaligen Zeit nicht möglich, da die tech- Bild 2. Oxygenstahl-Kon verier in Betrieb. •>■***•, Rückfahrt nach Trenkowa 6 . „ : 1 7. „ : Einladen in Trenkowa. Wenn jeden siebenten Tag ein Schiff nach Trenkowa käme, so könnte man das Auslangen finden. In Trenkowa müßte ein kleines Wirtshaus gebaut werden, auch müßte der militärische Posten, der bloß aus 8 Mann besteht, verstärkt werden, da er vielleicht sonst nicht gegen serbische Überfälle genügt. Eine der beiden Revisionen sollte wegfallen. Da die Post Verbindung zwischen Semlin, Moldawa und Orsowa oft wochenlang dauert, sollte ein Befehl des Hofkriegsrates erwirkt werden, daß die Post der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft gleich der Dienstpost befördert werde. Aus der Frühzeit der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft 123 Wir wollen unseren Gewährsmann auf seiner Rückreise nicht mehr begleiten, sondern bloß berichten, daß er am 2. Oktober wieder in Pest ein traf. Ein Jahr später fuhr der damalige Hauptmann im preußischen Großen Generalstab und spätere General-Feldmarschall Helmuth von Moltke auf seiner Reise nach Konstantinopel von Wien auf der Donau bis Orsowa 7 . Am 18. Oktober 1835 wollte er ein Ruderschiff bis Preßburg benützen, da wegen der Hindernisse im Strom die Dampfschiffe erst von dort abgingen. Er kam aber nicht weit, denn das Fahrzeug mit seinen 12 Reisenden wurde, nachdem man hatte windfeiern müssen, durch den Wind ans Land geworfen und saß fe3t. Nach einer etwas abenteuerlichen Fahrt über Land traf er doch noch rechtzeitig in Preßburg ein, um mit der „Pannonia“ am nächsten Morgen nach Pest weiterfahren zu können, das in 14stündiger Reise erreicht wurde. Von hier fuhr er am 24. Oktober mit dem Dampfer „Franz I.“ donauabwärts. Moltke schildert das Schiff mit seiner Länge von 150 Fuß und seinen 60 Pferdestärken als zwar wesentlich größer, aber nicht so hübsch eingerichtet als die „Pannonia“. Am Abend wurde Semlin erreicht und am nächsten Morgen die Fahrt nach Moldawa fortgesetzt. Die weitere Reise erfolgte mit einem zierlichen offenen Segelboot, das von 8 Knechten gerudert wurde und bereits am Abend des 26. Oktober Orsowa erreichte. Hier fanden die Reisenden ein gutes Unterkommen. Die Weiterreise führte über Land durch die Walachei. Ohne auf die ungemein aufschlußreichen Beobachtungen Moltkes einzugehen, sei bloß bemerkt, daß sich seit dem Vorjahr, wie man dem Tagebuche entnehmen kann, die Verhältnisse doch einigermaßen gebessert hatten. Um an besonders gefährlichen Punkten Sprengungen durchführen zu können, war eben eine Taucherglocke eingetroffen. Man versuchte also damals bereits, den Stromhindernissen an den Leib zu rücken. Noch einer Reise sei Erwähnung getan. Im Jahre 1840 fuhr der Orientalist Jakob Philipp Fallmerayer die gleiche Strecke und schildert diese Reise in recht orgineller Weise in seinem Tagebuch 8 . Er reiste wieder ein Stück bequemer. Mit einer „Extrafuhr“ gings am 21. Juli in Wien zum Pratereck, wo die „Galathea“ bestiegen wurde, die Fallmerayer als elegant schildert und mit der er um Mitternacht in Pest ankam. Am nächsten Tag fuhr er mit dem Dampfer „Zrinyi“ weiter und kam am 24. in Drenkowa an, von wo aus er noch am gleichen Tage abends in einem Ruderschiff mit 8 Ruderknechten Orsowa erreichte. Am nächsten Abend fuhr er nach Skela Cladowa, wo neben elenden Schilfhütten der „Vapor“ „Pannonia“ vor Anker lag. Auf diesem Schiffe war nur der erste Platz reinlich, der zweite dagegen schmutzig. Am 29. Juli kam Fallmerayer nach Galatz. Von den Reisenden, die hundert Jahre später auf einem der Expreßdampfer in der bequemsten Weise nach Giurgiu fuhren, hatten wohl nur sehr wenige eine Ahnung davon, unter welch schwierigen Verhältnissen die Erste k. k. priv. Donau- Dampfschiffahrts- Gesellschaft sich einst ihren Weg in die unteren Donauländer suchen mußte. Der Bericht des Herrn Nose aus dem Jahre 1834 und die Reisebeschreibungen aus den Jahren 1835 und 1840 geben ein Bild davon. 7 Gesammelte Schriften und Denkwürdigkeiten des General-Feldmarsehalls Grafen Helmuth von Moltke 1 . Band, Zur Lebensgeschichte (1892) S. 103 ff. 8 Hugo Hassinger, Eine Donaureise im Vormärz, Wissenschaftliches Jahrbuch der Ersten Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft, Band 1 (1938), S. 65 ff. Technikgeschichte, 17. Heft. 9 Josef Maria Eder Pionier auf dem Gebiete der Photochemie und des Lichtbildwesens Zum hundertsten Geburtstag Die Erkenntnis, daß Österreich auf dem Gebiet der Technik und im Ingenieurwesen ein Eigenleben voll Schaffenskraft führt und reich an starken Persönlichkeiten ist, zeigt das Lebenswerk des österreichischen Forschers und Wissenschafters Josef Maria Eder, zu dessen 100. Geburtstag die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt, dessen Schöpfer Eder war, in feierlicher Weise seine Leistungen in Wort und Schrift ausführlich würdigte. Unserer Aufgabe gemäß wollen auch wir an dieser Stelle wenigstens ganz kurz Eders gedenken 1 . Josef Maria Eder wurde am 16. März 1855 in Krems an der Donau geboren. Sein Vater war Landesgerichtsrat, seine Mutter die Tochter des Juristen Ludwig von Borutzki, Bezirkshauptmann und Richter in Tulln in Niederösterreich. Eder studierte an der Universität in Wien Chemie, Physik und Mathematik, besuchte gleichzeitig die Chemische Fachschule an der Technischen Hochschule in Wien und nachdem er 1875 zum Dr. phil. promovierte, wurde er Assistent bei Prof. J. J. Pohl an der Lehrkanzel für Chemische Technologie an der Technischen Hochschule in Wien. Damals lernte er die ersten Anfänge der Photographie kennen, für deren Entwicklung er später ein so erfolgreicher Wegbahner geworden ist. Die Bedeutung seiner Pionierarbeit ist in der Glückwunschadresse ausgedrückt, die die Akademie der Wissenschaften in Wien Eder zu seinem 80. Geburtstag überreichte. Darin heißt es: ,,Die Tragweite derselben beruht insbesondere auf vier große Entdeckungen, die in der Entwicklung der Gelatinetrockenplatte, den ausgezeichneten Untersuchungen über die Sensitometrie, in der Einführung der Chlorbromsilberemulsion im Kopierprozeß und schließlich in der orthochromatischen Sensibilisierung gelegen sind. An diesen Entdeckungen hängen alle die Fortschritte, welche die große Entwicklung des Photo- und Kinematographiewesens zur Folge hatten. Wohl die wichtigste Anwendung der von Röntgen entdeckten Strahlen, die Röntgenstrahlenphotographie, haben Sie zuerst untersucht und so viele Anwendungen der Röntgenstrahlen in der Diagnose erst ermöglicht.“ Die Krönung Eders Lebensarbeit ist aber die Schaffung der Graphischen Lehr- 1 Eine ausführliche Biographie über Josef Maria Eder, verfaßt von Prof. Dr. Josef D aimer, erliegt im Personenarchiv des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte am Technischen Museum. Josef Maria Eder 125 und Versuchsanstalt in Wien. Sie wurde nach dem von ihm ausgearbeiteten Organisationsplan am 1. März 1888 eröffnet und Eder mit deren Leitung betraut, die er bis zur Erreichung der Altersgrenze im Jahre 1923 innehatte. Er sorgte für eine gute Einrichtung mit zweckmäßigen Laboratorien und Arbeitsstätten und für ein sorgfältig ausgewähltes Personal. Er selbst stellte sich an die Spitze der Vortragenden. Unter seiner Leitung führte er die Anstalt zu großen Erfolgen. Aus allen Teilen der Erde kamen Studierende, um an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt zu lernen; sie verbreiteten das Wissen und Können auf der ganzen Welt. •*** *#* ' . Eder wirkte gleichzeitig (von 1892—1924) als Professor für Photochemie an der Technischen Hochschule in Wien. Von 1917—1939 war er Mitglied der Kommission für die Abhaltung der II. Staatsprüfung für das chemisch-technische Fach. 1930 ehrte ihn die Technische Hochschule in Wien durch die Verleihung der Würde eines Ehrendoktors. Die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Forschungen veröffentlichte Eder in zahlreichen Publikationen. An dieser Stelle sei nur sein „Ausführliches Handbuch der Photographie“ (l.Aufl. 1884), dem in der zweiten Auflage (1891) bereits die „Geschichte der Photochemie und Photographie“ angeschlossen wurde, erwähnt. Bezüglich dieser Druckwerke wie aller sonstigen Veröffentlichungen aus Eders Feder verweisen wir auf die von Robert Zahlbrecht zusammengestellte „Josef Maria Eder-Bibliographie“ 2 . Darin befinden sich auch jene Schriften, die über Eder selbst handeln. 2 R. Zahlbrecht: Josef Maria Eder-Bibliographie. Mit einem Vorwort von Hofrat Prof. Luis Kuhn. Herausg. mit Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht, o* 126 Josef Maria Eder Über sein Leben und Wirken, die vielen Berufungen, Ehrungen und Auszeichnungen, ausführlich und chronologisch angeordnet, berichtet die Festschrift * * 3 der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, so daß sich eine Wiederholung an dieser Stelle erübrigt. Die großen Leistungen Eders sind wohl am besten gekennzeichnet durch die Worte seines Fach genossen, des Professors Dr. Erich Stenger, Vorstand des Institutes für angewandte Photochemie und wissenschaftliche Photographie an der Technischen Hochschule, Berlin, welcher zu Eders 85. Geburtstag schrieb: „Eder ist mehr als ein Name, er ist ein Begriff geworden, untrennbar verbunden mit der wissenschaftlichen und technischen Photographie in ihren unzähligen Verzweigungen: sie alle sind von ihm belebt und befruchtet worden. Wenn wir zurückblicken auf die überragende Fülle seiner Arbeiten, so tritt die Einzelleistung zurück hinter der Persönlichkeit Eders, die den ganzen Stoff formte, unterbaute und in unseren Erkenntnissen vertiefte. Eder ist der Begriff des die Belange der Lichtbildnerei ergründenden Forschers 4 .“ Sein Leben endete am 18. Oktober 1944 auf seinem Landsitz in Kitzbühel, Tirol. der N.-Ö. Landesregierung und der Stadt Krems von der Photographischen Gesellschaft in Wien, 1955. 3 Fritz Dworschak — Otto Krumpel: Dr. Josef Maria Eder, sein Leben und Werk. Zum 100. Geburtstag. Herausg. von der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, Wien 1955. 4 Stenger, Erich: Josef Maria Eder 85 Jahre alt. In: Photograph. Korrespondenz, AVien 1940, Band 76, S. 14/15. Mitteilungen und Berichte In memoriam In Dankesschuld geziemt es dem Technischen Museum — Forschungsinstitut für Technikgeschichte seines am 6. März 1955 verstorbenen einstigen Vorsitzenden des Arbeitsausschusses Hofrat Prof. Dr. Karl Holey ehrend zu gedenken. Architekt, Dipl.-Ing. Dr. techn., Dr. techn. h. c. Kahl Holey, o. Professor für Baukunst und Entwerfen an der Technischen Hochschule Wien, Dombaumeister zu St. Stefan. Hofrat Holey war schon bei den Vorarbeiten zu der Gründung eines Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik mit diesem eng verbunden. Die Erkenntnis, daß Österreichs Anteil an der Entwicklung der Technik weder im Inland noch im 128 In memoriam Hofrat Prof. Dr. Karl Holey Ausland hinreichend bekannt war, hat Holey immer wieder veranlaßt, die Bestrebungen zur Errichtung einer entsprechenden Pflegestätte zu unterstützen und zu fördern. Als er dann 1928 als Präsident dem Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Verein Vorstand, hat er seine ganze Persönlichkeit eingesetzt, um einem weiten Forum die Wichtigkeit einer derartigen Institution vor Augen zu führen. Auch bei der Bildung eines Arbeitsausschusses aus den Mitgliedern des Professoren- Kollegiums der Technischen Hochschule in Wien sowie der anderen Hochschulinstitute in Österreich hat Holey tatkräftig mitgewirkt. Nachdem — ehe das Forschungsinstitut für Technikgeschichte am 1. Juni 1931 seine Tätigkeit aufnehmen konnte — der zuerst gewählte Vorsitzende, Präsident Dr. Wilhelm Exner, am 25. Mai 1930 gestorben war, wurde dieses Amt sofort Holey übertragen, das er mit größter Hingabe bis zum Jahre 1938 ausübte. Holey hatte während dieser Zeit nicht allein sein wissenschaftliches Können und seine geistigen Kräfte in den Dienst der Pflege der Technikgeschichte gestellt, sondern er hat auch alle seine persönlichen Beziehungen uneigennützig eingesetzt, um dem Institut die finanziellen Schwierigkeiten zu erleichtern. Gemeinsam mit dem Institutsleiter Hofrat Dr. Ing. L. Erhard hat er stets mitgeholfen, die Arbeiten des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte zu fördern und damit das Ansehen Österreichs zu heben. Seinen weitreichenden Bemühungen ist auch das gute Gelingen der für Dr. Carl Auer-Welsbach durchgeführten Ehrungen zu danken, wobei er insbesondere auch seine künstlerische Beratung für die Errichtung des Auer-Denkmales in Wien zur Verfügung stellte. Desgleichen unterstützte er tatkräftigst die für die Ehrung Prof. Viktor Kaplans unternommenen Bestrebungen. Und als im Jahre 1938 der Arbeitsauschuß aufgehört hatte, zu bestehen, und das Institut 1941 bereits in die Obhut des Staates übergeführt war, blieb sein Interesse für die Arbeiten des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte aufrecht; er förderte es, wo immer er konnte. Karl Holey wurde am 6. November 1879 in Bodenbach an der Elbe geboren. Sein Vater war Forstkontrollor. Die Reifeprüfung legte er an der Realschule in Leitmeritz ab, kam danach nach Wien, studierte an der Technischen Hochschule in Wien Architektur und an der Universität in Wien Kunstgeschichte und Philosophie. 1904 beendete er seine Hochschulstudien. 1908 bis 1925 wirkte Holey im Dienste der Denkmalpflege. Als Generalkonservator stieß er auf manche technische Denkmale, die wert waren, dem Denkmalschutz unterstellt zu werden. Hier wendete er schon der Technikgeschichte sein Augenmerk zu. 1908 wurde Holey Dozent, 1915 a. o. Professor und 1925 o. ö. Professor an der Technischen Hochschule Wien, an der er bis zu seinem Übertritt in den Ruhestand verblieb. 1925 bis 1929 nahm Holey an den Ausgrabungen in Ägypten, zusammen mit Prof. H. Junker, teil. 1927 bis 1929 stand er dem Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Verein vor, und ebenso 1945 bis 1947. Holeys vielseitiges Wirken an dieser Stelle ausführlich zu würdigen, ist derzeit nicht möglich. Zum Abschluß sei daher nur erwähnt, daß sein Leben ebenso arbeitsreich w r ie erfolgreich war. In memoriam Dr. Ing. Dr. h. c. Franz Fattinger 129 Unser Gedenken gilt in gleicher Weise dem am 17. August 1954 verstorbenen einstigen Mitglied des Arbeitsausschusses und seinerzeitigen Generaldirektors der Treibacher Chemische Werke A.-G. Dr. h. c. Dr. Ing. Franz Fattinger, Dr. h. c., Dr. Ing. Franz Fattinger, Elektrochemiker. Generaldirektor der Treibacher Chemische Werke A.-G. dem wir insbesondere unseren Dank abstatten wollen für die große Unterstützung, die er dem Forschungsinstitut für Technikgeschichte angedeihen ließ, um die von diesem angestrebte Ehrung Dr. Carl Auers von Welsbach, dessen Vertrauen er seit 1908 besaß, würdig zu gestalten. Franz Fattinger wurde am 8. November 1881 in Waidhofen a. d. Ybbs als Sohn eines Gewerbetreibenden geboren. Er besuchte die Unterrealschule in Waidhofen a. d. Ybbs, die Oberschule an der Schottenfelder Realschule in Wien und studierte sodann an der Technischen Hochschule technische Chemie. Nach Abschluß der Hochschulstudien war er zwei Jahre bei der Firma Gebr. Medinger in Neufeld a. d. Leitha als Betriebsleiter tätig. Anschließend kam er als Vorprüfer in das Patentamt in Wien, wo er sich eine reiche Erfahrung im Patentwesen aneignete, die ihm später sehr zustatten kam. 1908 trat er in die damals noch kleinen chemischen Werke ein, die Dr. Carl Auer von Welsbach in Treibach besaß. Dort war ihm die Aufgabe gestellt, für die pyrophoren Legierungen der seltenen Erdmetalle, die Auer seinen anderen Erfindungen als dritte angereiht hatte, ein 130 In memoriam Dr. h. c. Dr. Ing. Franz Fattinger wirtschaftlich mögliches Herstellungsverfahren auszuarbeiten. Dies gelang ihm in verhältnismäßig kurzer Zeit. Fattinger hatte eine Reihe von Fabrikationsver- fahren eingeführt, vor allem das dann später in Treibach gehandhabte Röhrchen- Gußverfahren. Durch seine Erfindung des Streichfeuerzeuges hat er die Absatzverhältnisse für das Cereisen wesentlich beeinflußt und einen neuen Geschäftszweig für die Treibacher Chemische Werke A.-G. erschlossen. In die ersten Jahre seiner Tätigkeit in Treibach fallen patentrechtliche Arbeiten, besonders war er an der Durchführung der Cereisenpatentprozesse maßgeblich beteiligt. Neben der Produktion des Cereisens und der Feuerzeuge hat er auch die Produktion der Ferrolegierungen auf genommen sowie die Verwertung von Radium und Mesothorium enthaltenden Präparate und später die Elektrohütte Seebach bei Villach eingerichtet. Zur Sicherung der Strombasis ließ Fattinger die noch offenen Möglichkeiten für Großkraftwerke in Kärnten prüfen und schreitet, unterstützt durch Hofrat Dr. Ing. Franz Wallack, der als Erbauer der Großglockner-Hochalpenstraße bekannt ist, an den Ausbau der Mühldorf er Wasserkraftwerke, deren Präsident er war. Unter seiner Führung schaffen sich die Treibacher Chemische Werke A.-G. wieder eine eigene Fabrik in USA, Beteiligungen in Frankreich und einen Bauxit-Bergbau in Jugoslawien als Rohmaterialbasis für die auf genommene Erzeugung von Elektro-Schmelzzement. 1938 erwirbt Dr. Franz Fattinger das Gut Stübing bei Graz. Dort begründet er die Fattinger Kommanditgesellschaft, die auf dem Gebiete des chemischen Sektors vor allem Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel erzeugt und vertreibt, weiters ein Sägewerk und eine Holzwarenerzeugung besitzt. Enthüllung des Denkmales für die Erbauer der Mariazellerbahn Am 22. Mai 1955 fand in Mariazell die feierliche Enthüllung des Denkmales für die Erbauer der Mariazellerbahn statt. Die Festrede hielt der Direktor des Technischen Museums und des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte Dr. Josef Nagler, in der er folgendes ausführte: Hochansehnliche Festgäste! Wir haben uns heute hier zusammengefunden, um das Andenken zweier Techniker zu feiern und sie der Vergessenheit zu entreißen durch die Enthüllung eines Denkmales. Dieser Feierlichkeit ist die erste Fahrt eines modernsten E-Zuges vorausgegangen, den die Generaldirektion der Österreichischen Bundesbahnen mit heutigem Tag in den Dienst gestellt hat. Die Namen der beiden zu ehrenden Techniker sind: Ing. Josef Fogowitz, jener Landeseisenbahndirektor, der für das Zustandekommen, für die Veranlagung und den Bau der Niederösterreichisch-steirischen Alpenbahn, der sogenannten „Mariazellerbahn“, sich die größten Verdienste erworben hat. Daß es kein kleines Werk war, das dieser Techniker geschaffen hat, geht schon aus der Höhe der Bausumme hervor. Einem Bericht aus der Bauzeit sind interessante Details zu entnehmen. Es heißt dort: „Auf Grund dieser Entschließungen hat das Niederösterreichische Landeseisenbahnamt die mit Rücksicht auf die ungünstigen Terrainverhältnisse überaus umfangreichen und schwierigen Projektsarbeiten in den Jahren 1902 bis 1904 durchgeführt, so daß schon im November 1904 mit dem Bau der ersten 17 km langen Teilstrecke Kirchberg a. d. Pielach bis Laubenbachmühle begonnen werden konnte. Die weiteren Teilstrecken folgten sehr bald und bereits im Jahre 1906 konnte der Güterverkehr aufgenommen werden, der Personenverkehr erst 1907“. Die Leistung, die Fogowitz mit diesem Bahnbau vollbracht hatte, war keine alltägliche. Nur 27 km verlaufen von dieser Bahnstrecke in der Geraden, 34 km in Bögen, 53,4 km in Neigungen, bisweilen über 20°/ 00 , 17 Brücken und Viadukte waren zu erbauen. Der Gösingtunnel mit seiner fast 2400 m betragenden Länge gestaltete sich zu einem ganz bemerkenswerten Bauwerk. Fogowitz hat auch im Tunnelbau wertvolle Anregungen gegeben und dadurch große Ersparungen erzielt. Als die Bahn in Betrieb genommen wurde, wurde sie mit Lokomotiven der Lokomotivfabrik Krauss & Co. in Linz betrieben, die eine Stärke 132 Enthüllung des Denkmales für die Erbauer der Mariazellerbahn von 350 PS auf wiesen und die bei einer Steigung von 23°/ 00 130 Tonnen mit 25 km Geschwindigkeit befördern konnten. 1906 trat Fogowitz in den Ruhestand. Sein Nachfolger war Oberbaurat Ing. Eduard Engelmann, der nachmalige Landeseisenbahn-Baudirektor und Hofrat. Er ist der zweite Techniker, dessen wir heute gedenken wollen. Die Bahn, die Fogowitz erbaute, hatte bereits im ersten Betriebsjahr einen ungeahnten Erfolg im Güter- und Personenverkehr. Sind doch im ersten Betriebsjahr 400000 Fahrkarten allein nach Mariazell ausgegeben worden, 200000 nach anderen Orten. Die guten Ergebnisse der neuen Bahnlinie ließen in Oberbaurat Engelmann die Idee auf kommen, an eine Elektrifizierung der Bahn zu schreiten. Wieder entnehme ich einem Bericht die Worte: ,,Da in dem von der Bahn durchzogenen Gebiete reichliche, eine günstige Ausnützung gestattende Wasserkräfte vorhanden sind, hat die Landesvertretung mit Rücksicht auf die in diesem Falle gegebene Wirtschaftlichkeit des elektrischen Betriebes beschlossen, zunächst die Hauptlinie St. Pölten—Gußwerk für den elektrischen Betrieb umzugestalten“. Diese große Aufgabe hat Oberbaurat Engelmann vollbracht. Sein Vorgeher, der Erbauer der Bahnstrecke, hat in seiner Rede im Österreichischen Ingenieur- und Architekten- Verein im Jahre 1906 neidlos anerkannt: — um seine Worte zu gebrauchen — ,,es ist das Verdienst meines Nachfolgers des Herrn Oberbaurates Ing. Engelmann“. Viele Vorbilder im Lande hatte Engelmann nicht. Seit 1904 war als einzige elektrische Bahn in Österreich die Stubaitalbahn in Betrieb. Sie war mit 3000 Volt Wechselspannung erbaut worden, die Bahnmotoren waren Einphasen-Motoren. Engelmann entschied sich für die Mariazellerbahn für eine mehr als doppelt so hohe Spannung. Die Motoren, die er in Wien bei den Siemens-Schuckert-Werken bauen ließ, waren solidester Konstruktion, stehen sie doch nach mehr als vierzigjähriger ununterbrochener Dienstleistung noch immer in Verwendung. Die E-Lok des Jahres 1911 war die stärkste Schmalspurlokomotive zur Zeit des Baues. Der elektrische Betrieb hat sich ganz ausgezeichnet bewährt. So haben diese beiden Techniker, jeder in seiner Art, Pionierleistungen echt österreichischer Art vollbracht. Wer mit der Semmeringbahn den höchsten Punkt der Strecke erreicht hat, wird das Denkmal für den Erbauer dieser Bahnstrecke nicht leicht übersehen. Ich glaube, es ist nicht zu viel gesagt, wenn es immer wieder behauptet wird, und mit Recht, die Mariazellerbahn ist eine zweite Semmeringbahn, die ein Gebiet von wunderbarer landschaftlicher Schönheit erschlossen hat. Ist doch diese Gegend, in die diese Bahn führt, für den Touristen der Ausgangspunkt für herrliche Wanderungen, für Erholung in frischer, gesunder Luft im Sommer, im Winter ein Wintersportparadies. Für den gläubigen Katholiken die Stätte der geistigen Erholung und Erneuerung, die Stätte, an der im besonderen Maße die Magna Mater Austriae ihr Attribut wahr werden läßt, Mittlerin aller Gnaden für alle diejenigen zu sein, die in demütiger Erkenntnis ihrer menschlichen Schwächen zu Maria, der Zuflucht der Sünder, pilgern. *So haben die beiden Erbauer dieser Bahn auch dazu ihren Beitrag geleistet. Enthüllung des Denkmales für die Erbauer der Mariazellerbahn 133 Denkmal für die Erbauer der Mariazellerbahn. Josef Fogowitz, geboren 4. 9. 1856 Wien, gestorben 20. 2. 1940 Wien, Eduard Engelmann, geboren 14. 7. 1864 Wien, gestorben 31. 10. 1944 Wien, 134 Enthüllung des Denkmales für die Erbauer der Mariazellerbahn Sie werden die berechtigte Frage stellen, aus welchem Anlaß setzt das Technische Museum in Wien den beiden Erbauern ein Denkmal ? Die Frage is leicht beantwortet: weil sie es verdient haben und weil es bis jetzt noch nicht geschehen ist. Die Arbeiten eines Technikers werden in den seltensten Fällen richtig gewertet. Die Wenigsten wissen um die viele Arbeit, um die Verantwortung, die ein Techniker auf sich nimmt, wenn es sich darum handelt, Werke zu schaffen, die den Menschen dienen sollen. Man nimmt nur allzu gerne die Leistungen hin und betrachtet das gelungene Werk als Selbstverständlichkeit. Die Werke der Techniker sind eben keine Melodien, die ins Ohr gehen, sind keine Schlagerlieder, die geistlos im Rundfunk, auf Schallplatten oder auf dem Tonband abgedroschen werden. Mag auch der Verfasser so mancher Schlagerlieder geistigen Auswurf übelster Sorte produzieren, seine geistigen Exkremente stehen unter Urheberschutz. Wer immer davon öffentlich Gebrauch macht, muß Tantiemen bezahlen. Was aber bekommt der Techniker für seine Mühen, für sein langes und kostspieliges Studium ? Oft nicht einmal den ihm zustehenden Lohn, geschweige denn die gebührende Würdigung seiner Leistungen. Ganz anders ist die Arbeit des Technikers, sie ist das Ergebnis langen Studiums, ernster Arbeit und verantwortungsvollen Handelns. Aus diesem Grunde ist das Technische Museum mit seinem Forschungsinstitut für Technikgeschichte bemüht, den verdienstvollen Technikern zu ihrer Ehre zu verhelfen, damit ihre Leistungen nicht vergessen werden. Die Anregung zu dieser heutigen Feier hat seinerzeit der verstorbene Landesbaudirektor Dipl.-Ing. Prokop gegeben, dem wir gerne ein ehrendes Andenken bewahren wollen. Das Technische Museum hat sofort diese Anregung aufgegriffen und nunmehr auch zur Durchführung gebracht. In diesem Zusammenhang gebührt mein ganz besonderer Dank dem Herrn Generaldirektor Dr. Skazel der NEWAG, der durch einen namhaften Beitrag den Grundstock für dieses Denkmal gelegt hat. Des weiteren bin ich der Stadtgemeinde Mariazell, ihrem Bürgermeister Herrn Schöggl, sowie der Fremdenverkehrskommission Mariazell zu besonderem Dank verpflichtet, da sie durch die Beistellung des Platzes und die Steinmetzarbeiten die Aufstellung des Denkmales ermöglicht haben. Das Denkmal selbst ist der Entwurf und die Ausführung der Metalltreibarbeiten des akademischen Bildhauers Paul Ocsenasek, dem ich für seine künstlerische Leistung meinen Dank und meine Anerkennung hiermit zum Ausdruck bringe. Möge dieses Denkmal, das wir heute enthüllen werden, ein Beitrag sein zur Wertschätzung des Technikers, der seine Arbeit erfüllt als göttlichen Auftrag: „Macht euch die Erde untertan!“ Technikgeschichtliche Bücherschau Von Dipl.-Ing. Fritz Sykora unter Mitwirkung von Dipl.-Ing. August Weß und Ing. Hans Kominek. Da im Heft 15 (1953) keine „Technikgeschichtliche Bücherschau“ erschienen ist, bringen die Buchbesprechungen dieses Jahres hauptsächlich jene Werke, die bereits damals hiefür vorgesehen waren. Zunächst wollen wir, gleichsam als Gegenstück zu der bereits im Vorjahr gewürdigten „Geschichte der Bauingenieurkunst“ von Straub — sow r eit es die Periode von der Urzeit bis zur Renaissance betrifft —, „Die Maschinen im Leben der Völker“ von Franz Mar ta Feldhaus 1 erwähnen. Nach einer ausgezeichneten Einleitung, betitelt „Maschinen — der Menschen Schicksal“, behandelt der Verfasser, zunächst zeitlich geordnet, die Maschinen- und Werkzeugtechnik der Steinzeit, der Bronzezeit — Feldhaus nennt sie Gußzeit — und der Eisenzeit, von Feldhaus Schmiedezeit genannt. Die weitere Darstellung ist nach Kulturkreisen gegliedert und umfaßt Indien, China, W T estasien, Ägypten, die griechische und die römische Technik, die Eskimotechnik, die Technik der Germanen, Byzanz, die mohammedanische Technik und das gesamte Mittelalter. Die Textgestaltung ist äußerst klar, prägnant, interessant und anregend. Das Buch enthält eine Unzahl von Namen und Daten, die die gewaltige Arbeit ahnen lassen, deren es bedurfte, um es vorzubereiten. Es ist nur denkbar als das Ergebnis eines gigantischen Archivs, wie es das Feldhaus- Archiv tatsächlich ist, das ja buchstäblich die Lebensarbeit eines Spezialisten darstellt. Das Werk enthält viel Neues und stellt sich manchmal bewußt in Gegensatz zu althergebrachten Anschauungen. Meinungen ohne dokumentarischen Beleg werden zwar gebracht, aber auch als solche gekennzeichnet. Befremdend erscheint es allerdings, daß die Bibel zwar als Unterlage auch in diesem Werk benützt wird, was an sich zu begrüßen ist, daß jedoch manchmal einzelne sehr bekannte Sätze aus dem Zusammenhang gelöst und in einer reichlich primitiven Art ausgelegt werden. Die zahlreichen Bilder des Buches sind keineswegs alltäglich. Abschließend findet man ein äußerst umfangreiches Literaturverzeichnis sowie ein Sach-, Orts- und Personenverzeichnis, ebenso eine ausführliche Zeittafel. Im Schlußwort gibt der Verfasser 1 Franz Maria Feld haus : Die Maschine im Leben der Völker. Verlag Birkhäuser, Basel-Stuttgart 1954. 136 Fritz Sykora seiner Meinung über die Maschinen Ausdruck, von der man wohl sagen kann, daß sie Allgemeingültigkeit besitzt: „Maschinen sind weder gut noch böse. Sie werden zum Heil oder zum Verderben der Menschen angesetzt. Das war immer so und wird stets so bleiben.“ Besonders hervorzuheben wäre noch die außergewöhnliche Ausstattung des Buches. Unter den Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Geschichte des Verkehrsmaschinenbaues sei zunächst verwiesen auf ein Sonderheft der Zeitschrift „Eisenbahn“ 2 über die Entwicklung der Elektrovollbahnlokomotiven in Österreich und Deutschland. Nach einer einleitenden kurzen Betrachtung über die Anfänge des Elektrolokomotivbaues in aller Welt und einer Beschreibung der verschiedenen elektrischen Systeme, die ursprünglich in Erwägung gezogen wurden, findet man eine umfassende Aufzählung und Beschreibung, sowohl in konstruktiver als auch in betriebstechnischer Hinsicht nicht nur der tatsächlich gebauten, sondern auch der projektierten Elektrolokomotiven. Die Schrift ist mit außergewöhnlich viel Typenskizzen — auch von den oben erwähnten Projekten — und zahlreichen Bildern illustriert. Sie gibt einen wohl lückenlosen Überblick über die Entwicklung, der noch ergänzt wird durch einen ausführlichen statistischen Anhang mit den Daten der Lokomotiven. Dieses schöne Sonderheft wird sicherlich bei den zahlreichen Freunden des Eisenbahnwesens den verdienten Anklang finden. Ein zweites Buch auf dem Gebiete des Verkehrswesens, „Die Schiffahrt und Flößerei im Raume der oberen Donau“ von Neweklowsky 3 , der als ehemaliger Strombauleiter sich in dankenswerter Weise entschloß, seine beruflichen Erfahrungen und besonders auch die wertvollen Ergebnisse langjähriger Forschertätigkeit zu veröffentlichen, verdient ob seines umfassenden Inhaltes besondere Beachtung. Der erste Band behandelt die Flußschiffahrt von der Urzeit bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Außer den technischen Einzelheiten der zahlreichen heute nicht mehr vorhandenen Fahrzeugtypen werden die verschiedenen Arten der ehemaligen Schiffahrt auf der Donau und ihrer Nebenflüsse beschrieben. Die Eigenheiten der Gewässer, besonders im Hinblick auf die Schiffahrt, werden in einem eigenen Hauptstück auf gezeigt. Im zweiten Band wird die Entwicklung der Kraftschiffahrt von ihren ersten Anfängen am Beginne des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart besprochen. Ferner sind darin noch drei weitere Hauptstücke als Ergebnisse volkskundlicher Forschungen enthalten; sie berichten über die Schiffleute und ihr Brauchtum, über Kunstwerke, die ihre Arbeit sowie ihre Fahrzeuge zeigen und nicht zuletzt auch über die Schiffahrtssprache und zahllose mundartliche Eigenheiten, so daß dieses Werk auch außerhalb der für Schiffahrtstechnik interessierten Kreise Beachtung verdient. Sorgfältige Literaturhinweise sowie ein ausführlicher Quellennachweis im Anhang sind für weitere Arbeiten von Wert. Das Auffinden einzelner Stellen erleichtert 2 Hanns Stockklausner: 50 Jahre Elektro-Vollbahnlokomotiven in Österreich und Deutschland (Sonderheft „Eisenbahn“). Zeitschriftenverlag Ployer & Co., Wien 1952. 3 Ernst Neweklowsky : Die Schiffahrt und Flößerei im Raume der oberen Donau. Nr. 5 und 6 der Schriftenreihe des Institutes für Landeskunde von Oberösterreich. Herausgegeben von Dr. Franz Pfeffer. Oberösterreichischer Landesverlag, Bd. 1 Linz I9p2, Bd. 2 Linz 1954. Technikgeschichtliche Bücherschau 137 ein ausführlicher Personen-, Orts- und Sachweiser. Insgesamt 350 Bilder und 36 Tafeln erläutern das Gesagte. Schließlich ist für das Verständnis der zahlreichen Maße aller Art sowie der ehemaligen Geldwerte eine im Anhang befindliche Tabelle von Wichtigkeit. In seiner Broschüre „Vom Spinnen und Weben“ behandelt Friedrich Hassler 4 nach einer Einleitung über die Anfänge hauptsächlich den Aufschwung der Textilindustrie in der Zeit von der Erfindung des Schnellschützen durch Kay im Jahre 1733 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Das ist gerade jener Zeitabschnitt, der auch die sogenannte industrielle Revolution beinhaltet, als deren Faktoren man eben diesen Aufschwung der Textilindustrie zusammen mit der Erfindung der Dampfmaschine und der Eisenherstellung mit Hilfe von Kohle bezeichnen kann. Die Darstellungen sind vorbildlich wissenschaftlich exakt gehalten und werden nicht nur für den Technikgeschichtler, sondern vor allem auch für jeden Laien, der ein klein wenig von der Textilindustrie versteht, von großem Interesse sein. Anschließend an Hasslers Arbeit folgt eine bemerkenswerte Zeittafel sowie ein kurzer Führer durch die Textilabteilung im Deutschen Museum in München aus der Feder des Kustos A. Wissner. Abgeschlossen wird die Broschüre durch ein verhältnismäßig reiches Bildmaterial. Bemerkenswertes Interesse erregten in den letzten Jahren immer wieder gigantische Rechenmaschinen, mit deren Hilfe es gelang, Aufgaben in kürzester Zeit zu lösen, zu deren Ausrechnung Menschen viele Jahre lang gebraucht hätten. Diese Tatsache sowie die weitestgehende Vollautomatisierung der Industrie beleuchtet Rolf Strehl 5 in seinem Roboterbuch, das hauptsächlich ein zusammenfassendes Referat über vorhandene Meinungen von Fachleuten darstellt. Zwar besitzt der Roboter keine schöpferischen Ideen, doch wird in dem Buch die Möglichkeit angedeutet, daß die Arbeit der Automatengehirne das menschliche Gehirn ähnlich entlasten und ersetzen würde wie die Dampfmaschine die Muskelkraft. Strehl schreibt sehr interessant und außerordentlich packend, was aber in diesem Fall vielleicht eine gewisse Gefahr in sich birgt, daß der Laie daraufhin die Fähigkeiten des Roboters in mancher Hinsicht zu überschätzen geneigt sein wird. Erfreulicherweise werden nicht nur die bekanntesten modernen Roboter beschrieben, sondern es wird auch ein historischer Überblick über die Automaten geboten, bei dem auch Friedrich Knauss nicht fehlt, dessen Schreibapparat im Technischen Museum ausgestellt ist. Interessant und vor allem förderlich für das Verständnis der modernen Rechenmaschinen ist die Einführung in das binäre (zweizifferige) Zahlensystem, das bei den Elektronenhirnen an Stelle unseres dekadischen (zehnzifferigen) Zahlensystems tritt. Die Bebilderung des Buches ist stellenweise etwas gewollt gruselig. Leider haben sich auch kleine Fehler eingeschlichen. So st im mt z. B. die Bildbeschriftung des „Atommeilers“ nicht mit dem überein, was sich ein Techniker unter einem Atommeiler vorzustellen gewohnt ist. 4 Friedrich Hassler : Vom Spinnen und Weben. Deutsches Museum, Abhandlungen und Berichte, 20. Jahrgang (1953), Heft 3. Verlag von Oldenbourg, München, Deutscher Ingenieur-Verlag, Düsseldorf, 1953. 5 Rolf Strehl : Die Roboter sind unter uns. Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg 1952. 138 Fritz Sykora Zweifellos sind viele Menschen geneigt, über die gewaltigen Ergebnisse der modernen Physik deren Entwicklung zu vergessen, obwohl die Leistungen der früheren Generationen sicherlich neben den neuesten Erkenntnissen bestehen können, wenn man bedenkt, welch primitive Mittel damals zur Verfügung standen. In diesem Zusammenhang ist daher das Buch von Carl Ramsauer 6 besonders zu begrüßen, das die ,, Grund versuche der Physik in historischer Darstellung“ bringt. Der Autor hat die wichtigsten physikalischen Versuche ausgewählt — und wer sollte für die Auswahl kompetenter sein als ein Physiker —, beschrieben und diskutiert. Das Werk ist bei aller Sachlichkeit stets interessant zu lesen, es werden jedoch gewisse Kenntnisse der Mathematik vorausgesetzt. Der erste Band umfaßt Versuche auf dem Gebiet der Dynamik, der Wärmelehre, der Optik, der Elektrizizät und des Magnetismus. Sehr übersichtlich ist auch die Darstellungsweise der am Schluß neben den reichlichen Quellenangaben und dem Namens Verzeichnis gegebenen Zeittafel. Das Buch ist nicht nur für den, der sich speziell mit der Geschichte der Technik und Naturwissenschaften befaßt, interessant, sondern wird darüber hinaus auch jedem Physiker etwas zu geben vermögen. Verhältnismäßig zahlreiche Werke sind in letzter Zeit über die Geschichte der Chemie erschienen. Bedauerlicherweise haftet jedoch den nächsten drei unmittelbar im folgenden besprochenen Büchern ein gemeinsamer Mangel an: wo die Autoren an weltanschauliche oder religiöse Dinge anstreifen oder anstreifen müssen, haben sie dies in einer Form getan, die vielleicht den einen oder anderen Leser in seinen Gefühlen verletzen könnte. Da ist es zunächst erstaunlich, welche Fülle an Stoff Paul Walden 7 in seiner „Geschichte der Chemie“ auf dem knappen Raum von gut 100 Seiten Oktavformat bringen konnte. Er beginnt bei den ältesten bekannten Fertigkeiten der Menschen, die sich in die Chemie einordnen lassen, und endet mit der Atomchemie der Neuzeit. Er betrachtet die Geschichte vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus, ohne auf die wirtschaftlichen Auswirkungen näher einzugehen. Es ist aber keineswegs nur eine reine Aneinanderfügung der Ereignisse, sondern der Autor bespricht auch die philosophischen Voraussetzungen und Grundlagen der einzelnen Theorien. Das Buch setzt jedoch beim Leser eine gewisse Stufe chemischer Kenntnisse voraus. Am Schluß finden wir ein Namensregister und ein Literaturverzeichnis. Die Kenntnis dieses Buches wird bei all seiner Kürze den Gesichtskreis des Chemikers wohl wesentlich erweitern. Walter Greiling erzählt in seinem Buch „Chemie erobert die Welt“ 8 , in zwangloser Folge aneinandergereiht, eine Auswahl der wichtigsten Kapitel aus der Industrie- und Wirtschaftsgeschichte. Die Chemie ist hiebei der Ariadnefaden, der die einzelnen Abschnitte organisch miteinander verbindet. Aber man glaubt Greiling gerne die immer wieder hervorgehobene Behauptung, daß die Chemie 6 Carl Ramsauer: Grund versuche der Physik in historischer Darstellung. l.Bd.: Von den Fallgesetzen bis zu den elektrischen Wellen. Springer-Verlag, Berlin-Göttingen - Heidelberg 1953. 7 Paul Walden: Geschichte der Chemie. Athenäum-Verlag, Bonn 1950. 8 Walter Greiling : Chemie erobert die Welt. Econ-Verlag GmbH., Düsseldorf 1951. Technikgeschichtliche Bücherschau 139 auch in Wirklichkeit ein wesentliches Bindeglied der einzelnen Industrien untereinander darstellt und man ist, auch wenn man es schon weiß, geradezu überrascht, wie sehr die einzelnen Sparten miteinander verflochten und voneinander abhängig sind, wenn es einem in so eindringlicher und betonter Form, wie in diesem Buch, vor Augen gehalten wird. Die Sprache des Autors ist blendend und es wird mehr als einmal der Beweis erbracht, daß Zahlen und Statistiken am richtigen Ort und in der richtigen Form auch für den Laien fesselnd und interessant sein können. Greiling beginnt in seinem Buch mit Dr. Roebuck, dem Arbeitsgefährten von James Watt, und führt den Leser durch zw'ei Jahrhunderte, durch zw'ei Weltkriege bis zur Schilderung der Probleme der chemischen Wirtschaft von heute, bis zur Atomchemie und Photosynthese. Der Techniker wird sich bewußt, wie sehr jeder seiner Zweige über die dazu nötigen Materialien mit der Chemie verbunden und von dieser abhängig ist. Und der Laie w r ird mit Interesse verfolgen, welche spannungsreiche und interessante Geschichte, welche unwahrscheinliche Entstehungsursache so manche Gebrauchsstoffe des täglichen Lebens haben und wie so mancher durch sie emporgestiegen ist, während andere verarmten. Er wird darüber staunen, daß es Industriekonzerne gibt, deren Machtfülle ohne weiteres mit der eines mittelgroßen Staates zu vergleichen ist. Allerdings wird dem kritischen Historiker auf- fallen, daß nicht unterschieden ist zwischen konkreten Tatsachen und unwahrscheinlicher Überlieferung. So fährt z. B. Papin wüeder einmal in einem Dampfboot auf der Fulda. In der „Geschichte des Goldes“ von Quiring 9 sind in besonders glücklicher Weise chemische und historische wissenschaftliche Exaktheit mit einer ausdrucksvollen und interessanten Sprache gepaart. Der Verfasser hält in seinem Werk eine geschichtliche Gliederung nach Steinkupfer- und Kupferzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Mittelalter und Neuzeit ein. Diese großen Kapitel sind jeweils nach geographischen Gesichtspunkten weiter unterteilt. Die Angaben des Autors sind außerordentlich reichhaltig und detailliert. Am Ende jedes Abschnittes finden wir ein darauf bezügliches Literaturverzeichnis. In diesem Buch wird das Gold in Beziehung gebracht zur Wirtschaft und Kultur und der Autor versucht, den Nachweis zu führen, daß die Blütezeiten des Goldes vielfach mit den Blütezeiten der jeweiligen Kultur zusammenfallen. Eine überaus große Anzahl von Tafeln und Tabellen sowie zahlreiche Bilder tragen das ihrige zur Übersicht und Belebung bei. Die ungeheuer vielen Zahlenangaben sind sorgfältig ausgewählt und jede derselben wird auf Interesse stoßen. Einer sicherlich dankenswerten Aufgabe hat sich E. Pilgrim unterzogen, um uns in seiner „Entdeckung der Elemente“ 10 vertraut zu machen mit der Geschichte unseres Wissens um die Materie. Die Einführung des Buches beschäftigt sich kurz mit dem Stand der Kenntnis von den Elementen — oder was man darunter verstanden hat — und mit den Grundzügen der Chemie, angefangen vom Altertum bis zur Harnstoffsynthese Wöhlers in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Anschließend folgt die Geschichte der Entdeckung eines jeden einzelnen Elementes, 9 Heinrich Quiring: Geschichte des Goldes. Ferdinand Enke-Verlag, Stuttgart 1948. 10 E. Pilgrim: Entdeckung der Elemente. (Mit Biographien ihrer Entdecker.) Mundus- Verlag, Stuttgart 1950. Technikgeschichte, 17. Heft. 10 140 Fritz Sykora soweit wir davon Kenntnis besitzen. Der Verfasser hält sich auch hier an die historische Reihenfolge und beginnt bei den Metallen der Alten mit dem Gold und geht die Elemente durch bis zum Curium (96). Am Ende eines jeden Kapitels findet man jeweils den Lebenslauf der bedeutendsten darin genannten Wissenschaftler und wir Österreicher dürfen wohl mit unserem Anteil zufrieden sein. Das ausgezeichnete Buch ist sehr ausführlich und trotzdem außerordentlich flüssig geschrieben. Zahlreiche interessante Quellen sind zitiert. Einige Grundbegriffe der Atomchemie und Atomphysik werden erklärt, irgendwelche chemische Vorkenntnisse über die Schulbildung hinaus sind zum Verständnis nicht erforderlich. Am Schluß finden wir ein reichhaltiges Literaturverzeichnis sowie ein Namens- und Sachregister. Wenn Brot heute verwendet wird als Synonym für Nahrung schlechthin, darf man wohl die Frage stellen: Wie lange besitzt es die Menschheit ? Wie aßen die Menschen das Getreide vor der Entstehung des Brotes ? Eine Antwort darauf gibt Walter von Stokar in seiner „Urgeschichte des Hausbrotes“ 11 . Seine Forschungen basieren hauptsächlich auf mikroskopisch-chemischen Analysen vorgeschichtlicher Speisereste. Selbstverständlich werden auch alte Schriften, die Hinweise auf die Ernährung enthalten, herangezogen. Sein Buch enthält auch die Geschichte der Mehlpflanzen und die Entwicklung der Mühlen sowie einiges aus der Physiologie und Chemie, soweit daraus auf die Ernährung Schlüsse gezogen werden können. Stokar kommt zu dem Schluß, daß sich die Brotsäuerung, wohl zuvor schon bekannt, erst in der Bronzezeit langsam verbreitete. Zum Brot ist der Mensch erst gekommen, nachdem er zuerst die Pflanzennahrung in Breiform zubereitete, aus dem gleichsam zufällig der Fladen entstanden war, für den bereits nicht mehr alle Mehlpflanzen besonders geeignet erschienen. Schließlich brachte die Brotsäuerung eine weitere Beschränkung der in Betracht kommenden Ausgangspunkte mit sich, da zum Brot nur Getreide mit hohem Klebergehalt verwendet werden können. Über das Getreide selbst sagt Stokar, daß „zwischen einem Getreidekorn der Latenezeit und einem etwa aus der Zeit der napoleonischen Kriege kein großer Unterschied bemerkbar sei. Erst Liebigs bahnbrechende Arbeiten haben dann in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Getreidezüchtung einen neuen Aufschwung gegeben. Nunmehr scheinen wir vor einer weiteren Verbesserung der Brotfrucht zu stehen“. Das Buch liefert wegen der Bedeutung des behandelten Gegenstandes sowie wegen der hervorragenden wissenschaftlichen Exaktheit, gleichwohl aber flüssig geschrieben, einen ausgezeichneten Beitrag nicht nur zur Nahrungsmittelchemie, sondern zur Kulturgeschichte der Menschheit überhaupt. 1938 veröffentlichte Erich Stenger, der Besitzer bedeutendster photographischhistorischer Sammlungen, ein Buch über „Die Photographie in Kultur und Technik“ 12 . Dieses wurde nun wesentlich erweitert — der Textteil wurde verdoppelt, der Bildteil vervierfacht — als eine außerordentlich gründliche historische Arbeit unter dem Titel „Siegeszug der Photographie“ neu herausgegeben. Einleitend werden die Anfänge und Früh versuche der Photographie bis Daguerre und Niepce, 11 Walter von Stokar: Die Urgeschichte des Hausbrotes. Johann Ambrosius Barth- Verlag, Leipzig 1951. 12 Erich Stenger: Siegeszug der Photographie. Heering-Verlag, Seebruck am Chiemsee 1950. Technikgeschichtliche Bücherschau 141 bzw. Talbot behandelt. Anschließend wird die Entwicklung jedes einzelnen der photographischen Hilfsmittel, z. B. der Kameras, Objektive, Verschlüsse, aber auch der Dunkelkammer, Empfindlichkeitsbestimmung usw., um nur einige der 45 Abschnitte zu nennen, dargestellt. Hierauf folgt die Geschichte der Unzahl von Anwendungsgebieten der Photographie — sogar die „spiritistische Photographie“ wird behandelt — und als letztes großes Kapitel Betrachtungen über die Photographie als Beruf und Liebhaberei, als Kultur- und Wirtschaftsgut. Der 80 Tafeln umfassende Bildteil bringt außer den vielseitigen Anwendungsbeispielen für die Photographie von den ersten Anfängen der Daguerreotypie bis zur Aufnahme der Erde von einer Rakete aus 160 km Höhe auch die Porträts der bedeutendsten ihrer Pioniere sowie einge heitere Spottbilder auf die Photographie aus Witzblättern vergangener Tage. Außerdem sind auch in dem Textteil zahlreiche 'Abdrucke von Zeitungsanzeigen, Reklameblättern und Originalarbeiten, die die Photographie betreffen, eingestreut. Das Buch besitzt nicht nur ein ausführliches Namen- und Sachverzeichnis sowie einen Literaturnachweis, sondern es ist darüber hinaus an den Seitenrändern auf ergänzende und zugehörige Stellen im Buche selbst verwiesen. Es ist in historischer Hinsicht besonders detailliert gehalten, weniger jedoch in technisch-beschreibender Hinsicht, soferne ein Amateur etwa glaubt, aus dem Buch technische Ratschläge beziehen zu können. Das ist eine Beschränkung, die schon allein der Umfang des Buches gebietet. Die Ausführungen Stengers werden aber jedem, der sich für die Photographie und ihre Geschichte interessiert, in äußerst ansprechender Weise über alles was mit diesen Gebieten irgendwie zusammenhängt — die Kinematographie ausgenommen — informieren und wohl vielen auch viel Neues bringen. Besonders erfreulich ist der Umstand, daß die Photographie in diesem Buch betont dargestellt wird als die Frucht von Erfindern aus allen Kulturnationen und Österreich ist dabei unter diesen nicht die letzte. Aus dem Bauingenieurwesen wollen wir diesmal auf „A Decade of New Architecture“ von S. Giedion 13 verweisen. Dieses Werk ist besonders für den österreichischen Bautechniker interessant, der während des letzten Weltkrieges vom internationalen Ideen- und Erfahrungsaustausch abgeschnitten, nunmehr diese in mehrfacher Beziehung konfliktgeladene Periode an Hand einer Fülle von Bilddokumenten seiner Berufssparte aus aller Welt überblicken kann. Glücklich ist zweifellos der Umstand zu werten, daß die Herausgabe dieses Werkes unter der Ägide schweizerischer Neutralität erfolgte. So konnte der gelegentlich recht eigenwillige Autor auch „entartete“ sowie „bürgerlich-dekadente“ Bauformen in seine Sammlung aufnehmen, wenn sie nur geeignet erschienen, ein umfassendes, getreues Bild zeitgenössischen Architekturschaffens zu vermitteln, kennzeichnend im Sinne der hohen ethischen Zielsetzung der CI AM-Organisation: positiv mitzuhelfen beim Aufbau einer physikalischen Umwelt, welche unsere Bedürfnisse des Körpers und der Sinne befriedigt und zu einer Höherentwicklung der spirituellen Kräfte anregt. Demgemäß beanspruchen Städteplanung, Wohn- und Bürogebäude, weltliche und sakrale Lehrinstitute, Spitäler, Erholungs- und Vergnügungsräume sowie Gartenanlagen den größten Teil dieses Buches, und in einer Vielfalt, die einfach über- 13 S. Giedion: A Decade of New Architecture. Editions Girsberger, Zürich 1951. 10 * 142 Fritz Sykora wältigt. Das Buch ist in englischer und französischer Sprache geschrieben, mit kurz gefaßtem deutschen Anhang. Das Schwergewicht der Gestaltung liegt jedoch auf dem Bildbericht mit Hilfe von wunderbar geschauten Photos sowie technischen und figuralen Zeichnungen, einer Schriftart, die wohl von allen Architekten aller Länder verstanden wird. Als weitere Veröffentlichung auf demselben Gebiete möchten wir eine kurze Übersicht, einen Querschnitt gleichsam durch das Schaffen eines der eigenwilligsten und bedeutenden Architekten unserer Zeit, Frank Lloyd Wright 14 , anführen. Im Jahre 1951 wurde in Philadelphia eine Ausstellung über das Lebens werk dieses Mannes veranstaltet, die dann nach Europa transferiert wurde. Der Schweizer Architekt Werner Moser hat nun, sozusagen als Erinnerung für den Ausstellungsbesucher, versucht, in einer kurzen Bildreportage einen gewissen Überblick über das 60 Jahre umfassende selbständige Wirken Wrights zu vermitteln. Pläne und zum Teil farbige Photographien sowohl von den fertigen Bauten als auch von deren Modellen führen uns in zwangloser Folge seine bedeutendsten Bauwerke vor Augen. Die Bildbeschriftungen sind durchwegs in deutscher und englischer Sprache. Zwischen die Bilder gleichsam eingestreut sind einige kurze Aufsätze von und über Wright und die Art seiner Tätigkeit innerhalb seiner Arbeitsgemeinschaft in Taliesin-Ost im Sommer und Taliesin-West im Winter. Wenn die Bilder vom ungeheuren Ideenreichtum Wrights zu überzeugen vermögen, so legen die Worte seiner Aufsätze Zeugnis vom kompromißlosen Willen ab, bessere Wege zu weisen. So ist es doch bestimmt eine mutige Tat, wenn er als Amerikaner schreibt : „Dieser natürliche Reichtum . . . kann nur entstehen, wenn man lernt, die Maschine richtig zu beherrschen und zu nutzen — nämlich als reines Werkzeug — anstatt sie anzu- beten als Geldquelle.“ Eine Ansicht, die wohl richtungweisend für alle Industrielenker der Welt sein sollte. Daß man heute der Technikgeschichte in immer größerem Maße die gebührende Aufmerksamkeit schenkt, findet seinen Ausdruck unter anderem in der Tatsache, daß man darangeht, alte Dokumente einem breiteren Publikum durch Neudrucke nahezubringen. Besonders die Schriften der Bergbaukunde werden solcherart erneut verbreitet. Die neueste Erscheinung auf diesem Gebiet stellt nun die Herausgabe des wohl ältesten deutschen bergmännischen Reimdokumentes, der „Märe vom - Feldbauer“, dar, die mit Liebe und Sorgfalt von Franz Kirnbauer und Karl Leopold Schubert 15 besorgt wurde. Das Buch enthält neben dem Abdruck des Originaltextes dessen (erste veröffentlichte) neuhochdeutsche Übersetzung. Die Märe vom Feldbauer ist enthalten im Codex Palatinus Germanicus 341 und wird mit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert, wie wir dem germanistischen Kommentar des Buches entnehmen. Der Inhalt der Märe bringt die alte und leider immer neue Geschichte vom Betrüger, der in diesem Buch ein Feldbauer — so nannte man damals die Bergleute — ist, der sich vom reichen Gläubiger immer wieder Geld ausborgt, um das Erz zu heben, das aber nur in seiner Phantasie existiert. 14 Frank Lloyd Wright. Herausg. von Werner M. Moser, Verlag Buchdruckerei Winterthur AG., Winterthur 1952. 15 Franz Kirnbauer und Karl Leopold Schubert: Die Märe vom Feldbauer. Mqntan- Verlag, Wien 1955. I Technikgeschichtliche Bücherschau 143 Der mittelhochdeutsche Text des Buches stützt sich auf die seinerzeitige Veröffentlichung (1856) von Universitätsprofessor Franz Pfeiffer in seiner Zeitschrift „Germania“. Das Buch, dessen weitestgehende Verbreitung wohl sehr wünschenswert ist, enthält auch einige schöne Photographien alter Handschriften. Die montanistischen Erläuterungen sind sehr ausführlich und enthalten insbesondere auch die Übertragung der alten Maßangaben in unsere modernen gewohnten Einheiten. Bevor wir zu den Biographien übergehen, möchten wir noch ein Buch erwähnen, das die Frage nach dem Sinn der Technik berührt und zugleich eine Autobiographie darstellt: „Menschen, Völker und Maschinen“, die „Erinnerungen eines alten Ingenieurs“, von Friedrich Münzinger 16 . Wir erleben hier einen Aufstieg bis zur Weltkapazität auf dem Gebiete der Dampf kraft, der aber nicht auf Zufall und Chance beruht, sondern vielmehr auf Fleiß und Tatkraft, Wissen und Zuverlässigkeit, Gerechtigkeitssinn und Taktgefühl. Die Schilderung seines Lebens ist nur der Rahmen für die Meinung des Philosophen Münzinger. Der Autor setzt sich mit einer Unzahl von Problemen auseinander, die entstanden sind durch die Wechselwirkungen zwischen Menschen und Maschinen, Wirtschaft und Macht und Naturwissenschaften. Ob er nun zeigt, wie auch im Besetzungsregime Intelligenz und Kenntnis die plumpe Macht in Erstaunen versetzte, ob er sich offen zur Gegensatz- losigkeit zwischen Naturwissenschaft und Religion bekennt, ob er die Probleme zwischen Ost und West erörtert oder ob er sich in seinem letzten Kapitel „Was nun ?“ mit Zukunftsproblemen befaßt, immer betont er den Primat des Geistes. In flüssiger und oft amüsanter Art geschrieben, enthält das Buch, aus einer reichen Lebenserfahrung geschöpft, eine große Anzahl außerordentlich lehrreicher Episoden und eine Stellungsnahme zu den mannigfachsten Problemen des Lebens, deren Kenntnis für viele Leser von Nutzen sein kann und wohl auch sein wird. Unter den Biographien möchten wir an erster Stelle ein Buch erwähnen, das einem Mann gewidmet ist, der sehr zu Unrecht im Schatten derer steht, deren Mitarbeiter und ebenbürtiger Weggenosse er war: Wilhelm Maybach 17 . Die Lebensgeschichte dieses großen Technikers schreibt Kürt Rathke in so ansprechender Weise, daß man sein Buch sicher von der ersten bis zur letzten Seite mit großem Interesse, geradezu mit Spannung, lesen wird. Einzelne Szenen sind äußerst lebendig gestaltet, wodurch allerdings die Gefahr bestehen mag, daß die exakt-historische Treue etwas verwischt wird. Dadurch wird wohl dem Buch eine verdiente und weitgehende Verbreitung sicher sein, was bestimmt dazu beitragen wird, daß Maybach im Rahmen der allerbedeutendsten Pioniere im Motoren- und Automobilbau die gebührende Beachtung findet. Wenn der Autor aber zu historischen Rückblicken ausholt, dann sollte er mit der „Lebendigkeit“ nicht so weit gehen, daß er die Zuschauer über die „Dampfbootfahrt“ des berühmten Papin staunen läßt, die dieser wohl niemals durchgeführt hat, wie wir schon einmal in dieser Bücherschau kritisieren mußten. Natürlich mußte die Maybach- Biographie zugleich eine Geschichte des Benzinmotors werden, war doch Maybach der führende Konstrukteur der 16 Friedrich Münzinger : Menschen, Völker und Maschinen (Erinnerungen eines alten Ingenieurs). Verlag für angewandte Wissenschaften, Baden-Baden 1955. 17 Kurt Rathke: Wilhelm Maybach. Verlag Robert Gessler KG., Friedrichshafen 1953. 144 Fritz Sykora Firma Otto & Langen und später der Mitarbeiter von Gottfried Daimler, mit dem er die ersten marktfähigen schnellaufenden Benzinmotore schuf. Wir lesen die Geschichte von der Schöpfung der Mercedes-Wagen und seinem damaligen Auftraggeber „Herrn Mercedes“, dem österreichischen Generalkonsul in Nizza, dessen Tochter dem Wagen und damit einer Firma den heute so berühmten Namen gab, von der Zusammenarbeit Maybachs mit dem Grafen Zeppelin und schließlich von der Gründung der Maybach-Motorenbau-Gesellschaft, der aber bereits vom Anfang an $ein Sohn Karl Vorstand. Wilhelm Maybach, der „König der Konstrukteure“, wie ihn die Franzosen nannten, war stets sehr bescheiden, was wohl auch dazu beigetragen haben mag, daß bis heute sein Name nur wenigen im rechten Licht erschienen ist, und er erst in späten Tagen zu Reichtum kam. Besonders interessant für den Leser ist es, wenn der Autor des Buches Maybach selbst oder seine Partner in den zahlreichen abgedruckten Briefen zu Worte kommen läßt. In der Reihe „Große Naturforscher“ ist als Band 12 ein Buch über Oskar von Miller 18 erschienen. Es ist keine Biographie im herkömmlichen Sinne, da es neben der Schilderung von Millers Leben zu einem nicht unbeträchtlichen Teil ausgefüllt wird mit einer Beschreibung vom wohl größten Werk dieses Mannes, vom „Deutschen Museum in München“. Wir lernen zunächst Millers Vorfahren, insbesondere aber seinen Vater, Ferdinand, kennen und dann folgen schon die wichtigsten Daten der rasch aufwärtsstrebenden Laufbahn Oskar von Millers, eines Menschen, der alle in seinen Bann zog. Vor allem die Würdigung seiner Verdienste um die Elektrotechnik und schließlich die Geschichte der Gründung des Deutschen Museums. Der Stil des Buches ist außerordentlich flüssig, zahlreiche anekdotenhafte Episoden tragen das ihrige zur Belebung bei. Am Schluß ist eine Auswahl der Veröffentlichungen und Vorträge Oskar von Millers angefügt. Es geschieht selten genug, daß ein Buch auch nach 400 Jahren noch interessant genug erscheint, um neu gedruckt zu werden. Diese Auszeichnung wurde bekanntlich dem Werke „De re metallica“ von Georg Agricola zuteil und es verlohnt sich daher wohl, den Verfasser solch eines Buches zum Leben zu erwecken. Wenn es auch schon mehrere biographische Werke über Agricola gibt, so gelingt gerade dieses „zum Leben erwecken“ Hans Hartmann 19 in sehr guter Weise. Wir sehen Agricola in seine Zeit hinein- und seinen Zeitgenossen gegenübergestellt und wundern uns, wie vielseitig dieser Mann war. Hat er doch neben seinem oben erwähnten Hauptwerk noch zahlreiche andere Schriften und Bücher verfaßt und damit unter anderem (!) ein Wissensgebiet wie wohl kein anderer vor ihm exakt beschrieben, das sich heute bereits in drei Disziplinen aufspaltet: Mineralogie, Geologie und Bergbaukunde. Und das alles wurde geschaffen von einem berühmten Lehrer der Philologie, Arzt und Bürgermeister der Stadt Chemnitz. Es ist sicherlich eine interessante Fügung, daß Agricola einen guten Teil seiner montanistischen Studien in Joachims- 18 Ludwig Nockher: Oskar von Miller. Bd. 12 der Reihe „Große Naturforscher“. Herausg. von Dr. H. W. Frickiiinger. Wissenschaftliche Verlagssgesellschaft m. b. H., Stuttgart 1953. 19 Hans Hartmann : Georg Agricola. Bd. 13 der Reihe „Große Naturforscher“. Herausg. von Dr. H. W. Frickhinger. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft m. b. H., Stuttgart 1953. Technikgeschichtliche Bücherschau 145 thal betrieben hat, in demselben Ort, von dem aus dem Ehepaar Curie das Erz zur Verfügung gestellt wurde zu den Versuchen, die am Anfang des Atomzeitalters standen. Wie zeitlos und zeitnahe Agricolas Ansichten waren, zeigt auch der im Buche von Hartmann zitierte Satz: ,,Es ist vonnöten, daß man allewegen mehr Achtung auf die Gesundheit, denn auf den Gewinn habe.“ Er bringt damit eine Gesinnung zum Ausdruck, die auch heute noch mancherorts viel zur Lösung sozialer Probleme beitragen könnte. Die wissenschaftlichen Arbeiten eines Kopernikus waren zweifellos im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegend und er ist durch sie sicherlich einer der Mitbegründer unseres modernen Weltbildes geworden. Hermann Kesten 20 versucht, ein Bild von seinem Lebenslauf und seiner Zeit zu entwerfen. Seine Biographie ist fulminant geschrieben und eine Fülle von Jahreszahlen gibt Zeugnis vom Willen zu historischer Treue. Dennoch wäre es angebracht, in Sachen, die die Ehre der handelnden Personen berühren, weniger reißerisch zu schreiben und mehr Sachlichkeit walten zu lassen, das Bild wird sonst allzusehr verzerrt. Wie angenehm wirkt dagegen die sachliche Berichterstattung, deren sich Karl Holdermann und Walter Greiling 21 in der Carl-Bosch-Biographie bedienten. Das Buch ist deswegen keineswegs weniger fesselnd. Wir lernen Bosch kennen als den Mann, der das Verfahren der Stickstoffgewinnung aus der Luft von Haber bis zur praktischen Anwendung in der Großindustrie weiterentwickelte und mit der Schaffung des Doppelrohres die chemische Hochdrucktechnik begründete. Wir lernen diesen Nobelpreisträger kennen als einen Mann, der von seinen Mitarbeitern ungeheuer viel verlangte, dem aber auch selber keine Arbeit zu gering erschien, um selbst mit Hand anzulegen. Wir lernen ihn schließlich kennen als einen Anwalt der Vernunft und Mahner gegenüber einem System, dessen bitteres Ende er vorausgesehen hatte, als einen Mann, der die Forschung immer an entsprechend führender Stelle gesehen haben wollte, an die sie sicherlich hingehört und der sich bedenkenlos für die Wissenschaftler einsetzte, wenn ihnen ursachlicherweise Gefahr drohte. Uns Österreicher freut es, daß in diesem Zusammenhang auch Lise Meitner, eine gebürtige Wienerin, angeführt ist. Es sind aber auch heitere Episoden erwähnt, wie jene Grenzkontrolle, bei der Carl Bosch anstatt eines Passes dem offenbar nicht sehr gelehrten Zöllner eine Speisekarte präsentierte und — passieren konnte. Wie sehr haben sich die Zeiten doch seither geändert! Die Lebensbeschreibung Johann Thomas Trattners von Hermine Cloeter 22 ist man versucht, als eine behutsame Filigranarbeit zu bezeichnen. Die Gestalt Trattners erscheint vielfach in einem gewissen Zwielicht, denn er war nicht nur ein „Großunternehmer im Theresianischen Wien“, sondern auch als Nachdrucker von Büchern verschrien. Sehr interessant sind die Beziehungen zu den Großen seiner Zeit, zu Mozart oder Maria Theresia zum Beispiel. Text und Gestaltung des 20 Hermann Kesten: Copernicus und seine Welt. Welt im Buch-Verlag Kurt Desch, Wien-München-Basel 1953. 21 Karl Holdermann : Carl Bosch (Leben und Werk). Bearbeitet von Walter Greiling. Econ-Verlag, Düsseldorf 1953. 22 Hermine Cloeter: Johann Thomas Trattner (Ein Großunternehmer im Theresianischen Wien). Verlag Böhlaus Nachfolger G. m. b. H., Graz-Köln 1952. 146 Fritz Sykora Buches sind so gehalten, daß sie es dem Leser leicht machen, sich um Jahrhunderte zurück zu versetzen. Am Schluß des Buches befindet sich neben Faksimilien ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Von besonderem Interesse unter den zahlreichen erschienenen Festschriften sowohl wegen der Autorität der Personen, die darin zu Worte kommen, als auch wegen der großen Bedeutung des Ereignisses, dessen darin gedacht wird, ist das Buch der Klöckner-Humboldt-Deutz-AG. „75 Jahre Otto-Motor“ 23 . Aus demselben Anlaß fand im Jahre 1951 in Köln eine wissenschaftliche Tagung statt, die in einem Festakt am 19. Oktober ihren Höhepunkt und Abschluß hatte. Die Klöckner-Humboldt- Deutz-AG. hat nun in einer Gedenkschrift die Vorträge und Ansprachen, die bei dieser Feier gehalten wurden, herausgegeben. Das Buch enthält einleitend die begrüßende Ansprache des Vorsitzenden des VDI, H. Bluhm. Es folgt der Aufruf von A. Nägel aus dem Jahre 1936, in dem dieser vorschlägt, alle Motoren, „die durch Gemischansaugung, Vorverdichtung und Fremdentzündung gekennzeichnet sind“, als Otto-Motoren zu bezeichnen. Daran schließt sich die Gedenkrede auf Nikolaus August Otto von E. Flatz, in der das Leben N. A. Ottos in lebendiger Weise geschildert und seine Leistung entsprechend gewürdigt wird. Anschließend zeichnet der Oberbürgermeister der Stadt Köln, R. Görlinger, das Leben in Köln zur Zeit der Erfindung Ottos und deren Einfluß auf die Entwicklung der Stadt. M. Meyer überbringt als Rektor die Grüße der Universität Würzburg, deren Ehrendoktorat Otto bloß fünf Jahre nach seiner Erfindung bereits erhalten hatte. Der Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, W. Fucks, weist auf die Bedeutung der modernen Technik für die Menschheit hin; waren doch die alten Kulturen in ihrer Blüte überhaupt nur möglich dadurch, daß die Hälfte oder mehr der Bevölkerung der Menschen als vollkommen rechtlose Sklaven die Rolle im Dienste der anderen verrichten mußten, die heute die Maschinen erledigen. Die heutige Energieerzeugung stellt jedem Menschen das Äquivalent von 60 bis 70 Arbeitskräften zur Verfügung. Der Rektor der Universität Köln, Th. Wessels, betont als Volkswirtschaftler die Notwendigkeit der Zusammenarbeit seiner Disziplin mit der Technik. Bundespräsident Th. Heuss hebt die Bedeutung der Technikgeschichte hervor und geht bemerkenswert datailliert und in wundervoller Diktion auf einige Kernprobleme bei der Erfindung des Otto- Motors und gewisse Zusammenhänge und Parallelen in der Geschichte der Naturwissenschaften und Technik ein. Abschließend ist die großangelegte und großartige Festrede von F. Schnabel, „Der Aufstieg der modernen Technik aus dem Geiste der abendländischen Völker“, wiedergegeben. Schnabel führt hierin den Beweis, daß die technische Entwicklung im modernen Sinne als Voraussetzung eine Atmosphäre haben mußte, wie sie damals nur im Abendlande anzutreffen war — „zwischen Schottland, von wo James Watt stammte, und Florenz, wo Galilei zu Hause war, zwischen Paris, das jahrhundertelang Hauptsitz der exakten Naturwissenschaften gewesen ist, und der deutschslawischen Ostgrenze, auf der Ko- pernikus gelebt hat“. 23 75 Jahre Otto-Motor. Im Selbstverlag der Klöckner-Humboldt-Deutz-AG., Köln 195^. Technikgeschichtliche Bücherschau 147 Durch ihre Ausstattung fällt die Festschrift, die die Arland-Papier- und Zellstoff-Fabriken AG. 24 zum Abschluß des großen Investitionsprogramms herausgegeben hat, besonders auf. Ihr Inhalt beginnt mit der AitLANDschen Familiengeschichte und der Vorstellung des Vorstandes, Prof. Wultsch. Im nächsten Abschnitt wird die Gründung und Entwicklung der Papierfabrik in Andritz — seit Ende des 17. Jahrhunderts wird dort Papier hergestellt — sowie der Zellstoff-Fabrik Rechberg geschildert. Dann wird der Dank ausgesprochen allen jenen, die im Zuge des Marshall- Planes ihre Hilfe dem Wiederaufbau der Fabrik angedeihen ließen. Anschließend werden wir mit den führenden Köpfen des Betriebes bekannt gemacht. Nach Aufzählung des Erzeugungsprogramms und einer graphischen Darstellung seiner Entwicklung folgt abschließend eine Übersicht über die erfreulicherweise schon zu einer Selbstverständlichkeit gewordenen sozialen Einrichtungen, die von der Leitung dieses Unternehmens, wie ersichtlich, mit großzügigstem Entgegenkommen gefördert werden. Eine der bekanntesten pharmazeutischen Fabriken der Welt, E. Merck in Darmstadt, ist hervorgegangen aus dem Laboratorium einer Apotheke, und zwar der Engel-Apotheke am Schloßgraben dieser Stadt. Im Jahre 1827 gab der damalige Inhaber in einer Druckschrift, betitelt ,,Parmaceutisch-chemisches Novitäten- Cabinet“ 25 — das Faksimile der Titelseite des Vorwortes ist der Festschrift beigefügt —, seine Absicht bekannt, gewisse Heilmittel ,,im großen“ darzustellen. Die 1952 erschienene Festschrift beschäftigt sich ausführlich mit der Biographie des Apothekers E. Merck und den Anfängen der Arbeit im Labor, das nach und nach vergrößert wurde, bis schließlich die Erzeugung in eine besser gelegene, eigens dazu erbaute Fabrik verlegt wurde. Im weiteren berichtet die Schrift von zahlreichen Erfolgen der MERCKschen Forschung. Um die Jahrhundertwende wurde die Fabrik wiederum an einer verkehrstechnisch günstigeren Stelle neu errichtet und nahm an Bedeutung und Umfang immer mehr zu. Nach einem vorübergehenden Niedergang infolge des zweiten Weltkrieges ist heute dieser Betrieb mit einer Belegschaft von viereinhalbtausend Mann wieder wie einst zum weltberühmten Großerzeuger gesuchter Arzneimittel geworden, die auf allen Erdteilen, in den meisten Kulturstaaten der Welt, vertreten sind. Zu den ältesten schweizerischen Pionieren auf dem Gebiete der Elektrotechnik gehört Gustav Adolf Hasler. Das Unternehmen, das heute seinen Namen trägt, und das nach seinem Tod sein damals erst 22 Jahre alter Sohn übernommen hat, gehört zu den bedeutendsten Fabriken der Schweiz. Es ist hervorgegangen aus der 1852 in Bern vom Bau- und Postdepartement gegründeten Telegraphenwerkstätte. Die Festschrift enthält einleitend die Geschichte der Stadt Bern im betrachteten Zeitraum und darauf die Entwicklung der Hauptfabrikationszweige, der Drahttelegraphie, der Drahttelephonie und der Hochfrequenz bei der jubilierenden Firma. 24 Arland-Papier- und Zellstoff-Fabriken AG. (Festschrift zum Abschluß des großen Investitionsprogramms 1950—1952.) Im Eigenverlag der Arland-Papier- und Zellstoff - Fabriken AG., Graz-Andritz 1952. 25 CarlLöw: E. Merck, Darmstadt, 1827—1952. Darmstadt 1952. 148 Fritz Sykora Anschließend werden die übrigen Arbeiten der Hasler AG. 26 jeweils mit historischen Rückblicken beschrieben. Nach der Betrachtung der räumlichen Entwicklung sowohl der Firma an sich, als auch ihrer umfassenden Verkaufsorganisation folgt die eingehende Würdigung der beiden Chefs und schließlich eine Schilderung der umfassenden sozialen Einrichtungen. Das Buch enthält zahlreiche schöne Abbildungen, die Ausstattung entspricht der schweizerischen Tradition. Eine Sonderstellung unter den Jubiläumsgaben nimmt das umfangreiche Buch der Heraeus G. m. b. H., Platinschmelze Hanau 27 , ein. Sie enthält außer einem einleitenden historischen Artikel über die Erschließung hoher Temperaturen ausschließlich Beiträge über moderne Forschungsergebnisse und Entwicklungen auf den Arbeitsgebieten der Firma: Edelmetalle, Elektrowärme, Quarzglas und Technik der dünnen Schichten. Die zahlreichen Arbeiten stammen durchwegs aus der Feder bekannter Fachleute, die meist nicht Firmenangehörige sind, und bewegen sich auf einem außerordentlich hohen wissenschaftlichen Niveau. Die Autoren bringen zahlreiche Diagramme und zum Teil farbige Photographien. Die Ausstattung des Buches ist hervorragend. In besonders schönem Stil und mit besonders gewählten Worten ist die Festgabe anläßlich des 100jährigen Bestehens der Maschinenfabrik Andritz AG. geschrieben. Schon der Titel ist keineswegs schematisch: ,,Die Maschinenbauer von Andritz“ 28 . Der Text ist immer ansprechend und fesselnd, ohne jedoch von irgendwelchen marktschreierischen Mitteln Gebrauch zu machen. Das Buch, das man beinahe mit einem streng historischen Roman vergleichen kann, beginnt mit der Schilderung des Lebens jenes Eisenhandlungsdieners Josef Körösi, der das Unternehmen gründete, das sich zur heutigen Maschinenfabrik Andritz entwickeln sollte. Erschütternd in diesem Lebenslauf ist der edle Wortlaut des Testamentes dieses Industriellen. Das Werk überdauerte seinen Gründer. Wir hören von Spitzenleistungen, wie der Tatsache, daß die Andritzer Fabrik eine Lieferung innerhalb von sechs Wochen tätigen konnte, zu der andere Unternehmungen acht Monate als Termin gestellt hatten, aber auch von traurigen Tagen, wie sie eingetreten sind, als das Werk infolge einer wenig weitblickenden Finanzpolitik beinahe hätte stillgelegt werden sollen, von der Katastrophe des Kriegsendes und vom Wiederaufbau im neuen Österreich. Zahlreiche Bilder, in denen auch die Schönheit der Technik eingefangen ist, ergänzen die Festschrift in glücklicher Weise. Vom Aufschwung der Hüttenindustrie vor 100 Jahren geben zwei Jubiläumsschriften aus dem Ruhrgebiet Kunde. Am 16. Februar 1852 erhielt der Hörder Bergwerks- und Hüttenverein die königliche Bestätigung. Es war dies die erste Eisenhüttenaktiengesellschaft des Ruhrgebietes. Sie ist hervorgegangen aus der Hermannshütte, die ihrerseits eine Gründung jenes zu Unrecht vergessenen Piepenstock war, dessen Name schon vordem unter den Erzeugern von Nadel- und Panzerwaren — darunter verstand man aus Eisen- oder Messingdraht gefertigte Waren — 26 Hasler 1852—1952. Kommissionsverlag Guggenbühl & Huber, Zürich 1952. 27 100 Jahre Heraeus, Hanau. Zusammengestellt von K. Ruthardt. Brönners Druckerei, Frankfurt a. M. 1951. 28 Grete Scheuer und Mirko Jelusich: Die Maschinenbauer von Andritz. Anflritzer Verlagsanstalt, Graz-Andritz 1952. Technikgeschi chtliche Bücherschau 149 bereits einen guten Ruf hatte. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde in Dortmund die Dortmunder Bergbau- und Hütten-A. G. gegründet. Die Unternehmen, die sich aus diesen beiden Werken im Laufe der Zeit entwickelten, wurden am 1. September 1951 zur Dortmund-Hörder Hüttenunion AG. 29 vereinigt, nachdem sie bereits im Jahre 1926 unter eine gemeinsame Leitung gekommen, nach Kriegsende aber wieder „entflochten“ worden waren. Anläßlich des 100jährigen Bestandes wurde eine Festschrift herausgegeben, die die Probleme der Geschichte des Werkes insbesondere von der wirtschaftlichen Seite her aufzeigt und dabei ahnen läßt, wie sehr das Schicksal des Werkes, das letzten Endes jeden einzelnen Arbeiter angeht, vielfach unbarmherzig von einzelnen großen Köpfen, aber auch von finanzkräftigen Gruppen und Machthabern bestimmt wird. Ein beträchtlicher Teil des Buches ist auch den erfreulichen sozialen Einrichtungen dieses Unternehmens gewidmet. Ein'Sonderlob gebührt der graphisch-künstlerischen Gestaltung. Der zweite Jubilar aus der Hüttenindustrie ist Dahlbusch 30 . Die Festschrift ist dem Zweck gewidmet, ,,in erster Linie allen denen, die heute durch ihre Arbeit das Werk tragen, das Wachsen und Werden der Gesellschaft nahezubringen“. Darüber hinaus aber wird diese Schrift sicherlich von jedem, der sie zur Hand nimmt, mit Interesse verfolgt werden, denn ihr Inhalt ist sehr glücklich ausgewählt und interessant gestaltet. Er beginnt mit der Geschichte des Dahlbusches, in dem die Bauern zu Beginn des 19. Jahrhunderts Holz fällten, und mit der Schilderung der Schwierigkeiten, die die Überwindung der über der Kohle befindlichen Mergelschicht bereitete und an denen die ersten Unternehmer scheiterten. Die erste Gesellschaft, die gegründet wurde, war nicht erfolgreich. Erst die zweite Gründung vom 10. März 1852 hat sich durchgesetzt. Und nun beginnt der gigantische Kampf um die Hebung der Kohle. 1860 konnte die erste Kohle gefördert und schließlich 1863 der erste Gewinn in der Höhe von 659 (!) Mark erzielt werden. Dem Gewinn folgten die ersten sozialen Leistungen, die für den gefahrvollen Bergmannsberuf ja von besonderer Bedeutung sind. Und dann verfolgen wir das Auf und Ab der Ruhrzeche, das auch von entscheidendem Einfluß auf die ganze Umgebung war, schließlich die Lösung geradezu übermenschlich erscheinender Aufgaben beim Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg. Heute ist Dahlbusch eine Zeche, in der mehrere Familien bereits durch Generationen hindurch Brot und Arbeit finden und bei der an 2400 Mitarbeiter schon über 25 Jahre lang dienen, was wohl die beste Anerkennung für die Betriebsführung darstellt. In einer geschmackvollen und reichlich bebilderten Schrift zeigt die Maschinenfabrik und Eisengießerei Mengele 31 ihr 80jähriges Bestehen an. Nachdem wir die Geschichte und Entwicklung des Werkes kennen gelernt haben, werden wir durch die Arbeitsstätten dieser Fabrik geführt. Besonders hervorzuheben ist w r ohl das Glanzstück dieses Werkes, das sich bislang hauptsächlich mit landwirtschaftlichen Maschinen befaßte, eine 700 Tonnen-Abkantpresse mit 12,4 m Abkantlänge, ein 29 100 Jahre Dortmund-Hörder Hüttenunion AG., 1852—1952. Druck: Rheinländische Druckerei Josef März KG., Essen 1952. 30 Dahlbusch (Die Geschichte einer Ruhrzeche). Manuskript und Gestaltung: Carbona Informationsdienst, Düsseldorf 1952. 31 80 Jahre Mengele. 1872—1952. Selbstverlag, Günzburg a. d. Donau 1952. 150 Fritz Sykora Erzeugnis des erst im Jahre 1947 auf genommenen Pressenbaues. Erfreulich, daß auch in dieser Firma den sozialen Einrichtungen ein besonderes Augenmerk zugewandt wird. Auf eine alte Tradition kann auch die Maschinenfabrik Oerlikon 32 zurückblicken, die im Jahre 1951 anläßlich des 75jährigen Bestandes eine Jubiläumsschrift herausgegeben hat. Es gefällt uns besonders, daß bereits der erste Artikel nach dem Geleit den „Menschlichen Beziehungen“ gewidmet ist. Es folgen Aufsätze über die betriebliche Organisation der Firma sowie zwei Beiträge, die sich mit Forschung und Entwicklung beschäftigen, wie sie in großen und gut geführten Unternehmungen eine Selbstverständlichkeit sind. Den größten Teil der Festschrift nehmen die Aufsätze über die Entwicklung und Entstehung der einzelnen Fabrikationszweige ein: große elektrische Maschinen, Kleinmaschinen und Antriebe, Apparate für Motoren, Spezialprodukte wie Schweißgeräte usw\, Transformatoren, Hochspannungsapparate, Spezialapparate wie Stufenschalter, Betriebsüberwachung durch Schalttafeln und automatische Regler, Gleichrichter und Elektrolyseure, Dampfturbinen, die Oerlikon- Gasturbine sowie die elektrische Traktion einschließlich der bekannten Girofahrzeuge. Die Autoren der einzelnen interessanten, reich bebilderten Beiträge sind durchwegs hervorragende Fachleute. Der inzwischen verstorbene Direktor Krahn ist der Verfasser der Jubiläumsschrift der Schorch-Werke 33 , in deren Textteil er die wichtigsten Phasen der Entwicklung dieser Elektrofirma so interessant und flüssig schildert, daß der Leser buchstäblich davon überzeugt ist, daß keine wesentliche Sache weggelassen und kein unnötiges Wort zuviel ist. Besonders erschütternd ist das Schicksal dieser Fabrik nach dem zweiten Weltkrieg, als eine Zeitlang kein Werksangehöriger das vollkommen verwüstete Fabrikgelände betreten durfte, bis schließlich dieses Verbot gelockert wurde und 20 Leute mit den Aufräumungsarbeiten beginnen konnten und damit den Wiederaufbau eines Werkes in die Wege leiteten, dessen Belegschaft heute nach Hunderten zählt. Die äußerst zahlreichen Bilder rücken beachtlicherweise das künstlerische Moment bei der Betrachtung der Technik in den Vordergrund. Den Abschluß der Jubiläumschrift bildet eine Übersicht über das F ertigungspr ogr amm. Die Firma Scheiber & Kwaysser 34 , ein gesunder elektrotechnischer -Mittelbetrieb, dessen Gründung mit den praktischen Anfängen der Starkstromtechnik in größerem Stil zusammenfällt, hat anläßlich des 60jährigen Bestandes eine Festschrift herausgegeben. Sie enthält die Geschichte der Entwicklung der Fabrik, zum Teil an Hand des Lebenslaufes der leitenden Männer von einst und jetzt. Wir freuen uns sehr über den Beitrag „Human relations — seit 60 Jahren“, der die menschliche Verbundenheit der Betriebsführung mit der Arbeiterschaft zum Ausdruck bringt, sowie über die Ehrung der Arbeitsjubilare. Es folgen hervorragende, zum Großteil 32 75 Jahre Maschinenfabrik Oerlikon, 1876—1951. Druck Ringier & Co. AG., Zofingen 1951. 33 Anton Krahn : 70 Jahre Schorch, 1882—1952. Selbstverlag der Schorch-Werke AG. , Rheydt 1952. 34 60 Jahre Schaltgerätebau Scheiber & Kwaysser. Herausg. von Robert Edler, Verjag Julius Dressier, Wien 1953. Technikgeschichtliche Bücherschau 151 technikgeschichtliche Artikel aus der Feder Robert Edlers über den Schalterbau sowie Faksimilia alter Firmenkataloge. Das Heft enthält auch Anerkennungsschreiben aus dem Kundenkreis der jubilierenden Firma und abschließend eine Würdigung der Verdienste ihres wissenschaftlichen Mitarbeiters — eben Robert Edler — , der als erster die wohl einzigartige Lehrkanzel für Schalter- und Apparatebau an der Technischen Hochschule Wien innehatte. Im Herbst 1952 hat die Schweizerische Bundesbahn anläßlich ihres 50jährigen Bestehens eine ansprechende Denkschrift 35 veröffentlicht, in der in allgemein verständlicher Weise nicht nur auf ihre Geschichte, sondern auch auf den gegenwärtigen Stand der einzelnen Sparten ihres Betriebes eingegangen wird. Es ist bezeichnend für die demokratische Haltung in der Schweiz, daß seinerzeit im Gesetz, .durch das die Privatbahnen in die Hände des Staates übergeführt wurden, eine eigene Volksbefragung vorausgegangen war. Inhalt und Illustration sowie die Tatsache, daß sich das Thema Eisenbahn allerorts größter Beliebtheit erfreut, wird der Schrift einen zahlreichen und w r ohlwollenden Leserkreis sichern, noch dazu, wo es sich bei der Beschreibung der SBB um eine Bahn handelt, die auf der ganzen Welt als vorbildlich hingestellt werden kann. Sehr vornehm gestaltet ist die Festschrift zum 50jährigen Jubiläum der Stadtwerke Herne 36 , in der man „statt einer technisch-systematischen Behandlung des Stoffes die lebendigere Form einer nach geschichtlicher Methode gearbeiteten fortlaufenden Erzählung“ wählte. Die Geschichte von Herne — 1847 noch ein Dorf mit 999 Einwohnern, heute einer der Schwerpunkte des mittleren Ruhrgebietes — ist verbunden mit der Geschichte seiner Energieversorgungsunternehmen, die heute in den Stadtwerken zusammengefaßt sind; verdankt doch die Stadt Herne ihren Aufstieg den Zechen und die erste Zeche wiederum war auch der erste Gaslieferant. Im Jahre 1906 wurde mit dem Bau des E-Werkes Herne begonnen und dieses schließlich mit dem Gaswerk zu einem Unternehmen zusammengeschlossen. Viele interessante Details dieser Entwicklung sowie ihre Fortsetzung bis auf den heutigen Tag und ein Ausblick auf die Zukunftsaufgaben bilden den Inhalt der Jubiläumsgabe. Anläßlich der 50-Jahr-Feier der Zuckerfabrik Leopoldsdorf verfaßte 0. R. Ma- resch 37 eine sehr schöne Festschrift, deren Inhalt sich ausschließlich mit der Geschichte dieser Fabrik beschäftigt. Zwar hatte J. Baxa bereits historische Veröffentlichungen über die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken AG. geschrieben, zu der auch die Leopoldsdorf er Fabrik gehört, „doch diese Bücher hatten begreiflicherweise immer die Entwicklung des gesamten Unternehmens im Auge, den einzelnen Produktionsstätten konnten sie nur einen beschränkten Raum widmen“. Wir lesen von der interessanten Tatsache, daß der seinerzeitige Anlaß zur Gründung der Leopoldsdorf er Zuckerfabrik die Gefahr war, daß an Stelle der Leipnik-Lunden- 35 50 Jahre SBB. Verlag AG. Berner Tagblatt, Bern 1952. 36 Heinz-Otto Sieburg: Die Geschichte der Stadtwerke Herne 1903—1953. Herausgegeben von den Stadtwerken Herne. Carl Lange-Verlag, Duisburg 1953. 37 O. R.Maresch: Die Geschichte der Zuckerfabrik Leopoldsdorf der Leipnik- Lundenburger Zuckerfabriken AG. 1901—1951. Druck: Brauerei Schwechat 1951. 152 Fritz Sykora burger eine Konkurrenzfirma eine neue Zuckerfabrik im Marchfeld bauen würde. Wir erleben das Auf und Ab der Geschichte dieser Fabrik, die tragische Sprengung im Jahre 1945, nachdem man knapp vorher die im Werk verbliebenen Angestellten buchstäblich an den Fingern einer Hand abzählen konnte, da sich alles auf der Flucht befand und schließlich den großzügigen Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg. Den Abschluß der Schrift bilden Nachrufe von leitenden Persönlichkeiten, eine Übersicht über die derzeitige Leitung sowie eine Statistik. Auf allen Gebieten ist die Forschung eine der wichtigsten Grundlagen für eine gesunde Weiterentwicklung. Und hier wieder von besonderer Dringlichkeit sind wohl die Forschungen, die u. a. die Voraussetzungen schaffen sollen für die Sicherheit des Menschen in einem der gefahrvollsten Berufe, dem Bergmannsberuf. Auf diesem Gebiet ist die Versuchsgrube Tremonia in Dortmund eine wohl einzig dastehende Einrichtung auf der ganzen Welt. Während anderswo wohl Versuchsstrecken über Tag bestehen, ist hier die Möglichkeit geboten, die Versuche in einer aufgelassenen Grube unter naturgetreuesten Bedingungen vorzunehmen. Im Jahre 1927 wurde zum Zwecke der oben erwähnten Forschung die Versuchsgrubengesellschaft 38 ins Leben gerufen und hat nun aus Anlaß ihres 25jährigen Bestehens einen Rechenschaftsbericht über ihre wichtige und aufschlußreiche Tätigkeit gegeben. Nach einem einleitenden Artikel über Geschichte (vor der Grube Tremonia diente die Zeche Hibernia der Gesellschaft), Zweck, Anlagen und Personal der Versuchsgrube folgen die einzelnen Fachreferate über die durchgeführten Versuche. Es sind dies hauptsächlich Explosionsversuche, Grubenbrandversuche und Seilfahrt versuche. Sämtliche Beiträge sind hochinteressant und überzeugen von der Notwendigkeit und Dringlichkeit der durchgeführten Forschungen. Ein entzückendes Bändchen haben die Verbandstoff-Fabriken Paul Ha rtmann AG. 39 den „Freunden ihres Hauses“ gewidmet. In 17 Bildern haben sie eine Sammlung von alten Mörsern, Kannen, Büchsen, Prunkgefäße, Statuen und andere künstlerisch wertvollen Gegenständen aus Apotheken, jeweils versehen mit einer kurzen Beschreibung, herausgegeben, nicht nur um den Beschauer zu erfreuen, „sondern auch um vielen neuen Sammlern Anregungen zu geben, damit sich der Kreis derer weiter vergrößere, die sich der Erhaltung und Pflege von Kunstschätzen widmen, die ein sichtbarer Ausdruck des an Tradition und Kunstsinn so reichen Apothekerstandes sind“. Erwähnenswert im Rahmen dieser Bücherschau ist auch das Jahrbuch der Stadt Linz 1952 40 . Neben den technischen Daten der Stadtchronik sind vor allem folgende Beiträge zu nennen: „Die Schiffe mit dem Namen Linz“ von Ernst Neweklowsky, ferner, zwar nicht so sehr technisch aber doch die Randgebiete der 38 25 Jahre Versuchsgrube. Herausg.: Versuchsgrubengesellschaft m. b. H., Dortmund, Selbstverlag, Dortmund 1952. 39 Kostbarkeiten aus der Apotheke. Herausg. von den Verbandstoff-Fabriken Paul Hartmann AG., Heidenheim/Brenz. Druck: Hans Winter, Berlin SW 29, 1952. 40 Jahrbuch der Stadt Linz 1952. Herausg. von der Stadt Linz (Städtische Sammlungen), Schriftleiter Hans Kreczi. Druck: Demokratische Druck- und Verlagsanstalt, Linz 1953. * Technikgeschichtliche Bücherschau 153 Technikgeschichte berührend, „Die Stellung Oberösterreichs im österreichischen Münzwesen“ von Eduard Holzmair, der einen Überblick über die Numismatik, angefangen von den Kelten bis zum Notgeld nach dem ersten Weltkrieg gibt (zahlreiche Abbildungen) sowie der Beitrag von Georg Grüll „Die Linzer Handwerkszünfte im Jahre 1655“, der sich auf die damals gültigen Handwerksordnungen bzw. ihre heute noch erhaltenen Abschriften aufbaut — als Kuriosum lernen wir hier einen an die heutige Gallupbefragung erinnernden Fragebogen aus dem Jahre 1655 kennen — und schließlich die Arbeit von Alois Kopitz „Zur Geschichte der Linzer Klimastationen“, ein Überblick über die Meteorologie in den letzten 130 Jahren. Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1956 Auszug aus den Karteien technikgeschichtlicher Ereignisse* Von Therese Stampfl Januar 1. 1951. Inkrafttreten des Regierungsvertrages zwischen Österreich und Bayern, betreffend die Ausnützung der Wasserkräfte an den österreichisch-bayrischen Grenzflüssen, wobei gleichzeitig die Österreichisch-Bayrische Kraftwerke A.-G. in Simbach und eine Zweigniederlassung in Braunau am Inn gegründet wurde. 7. 1951. Univ.-Prof. Dr. Robert Ettenreich, gestorben in Wien. Bedeutender Fachmann der Hochfrequenztechnik. 10. 1951. Beschluß des Aufsichtsrates der Österreichisch-Bayrischen Kraftwerke A.-G. zum Bau des Innkraftwerkes Simbach-Braunau. 15. 1951. Josef Dollinger, gestorben in Wien. Chemiker, leitender Direktor der Wiener Gaswerke, führte auch den Wiederaufbau der stark zerstörten Anlagen des Gaswerkes in Simmering durch. Seine Fachkenntnisse wurden weit über die Grenzen Österreichs anerkannt. 23. 1891. Friedrich von Schmidt, gestorben in Wien. Dombaumeister zu St. Stephan in Wien, nahm insbesondere an dem Ausbau der Wiener Stadterweiterung maßgeblichen Anteil. Von ihm stammt u. a. das Neue Rathaus in Wien. Februar 5. 1796. David Rutschmann, gestorben in Wien. Augustinermönch, Mathematiker und Mechaniker, verfertigte eine astronomische Uhr, die als Meisterwerk seiner Zeit bezeichnet wurde. 7. 1951. Durchschlag des Stollens der Dürrachzuleitung zum Achensee. 10. 1861. Robert Grünhut, geboren in Brünn. Wirkte am Bau der österreichischen Staatsbahnen in Galizien und in den Alpen. 1890 erhielt er eine Berufung zum Bahnbau in die Schweiz. 14. 1951. Die Straßenbahnlinie Baden—Bad Vöslau wird außer Betrieb gestellt. 15. 1846. A. von Baumgartner erhält den Auftrag, in Österreich Telegraphenlinien zu errichten. Diese dienten zuerst Regierungszwecken und öffentlichen Ämtern. 16. 1951. Heinrich Ritter von Srbik, gestorben in Ehrwald, Tirol. Historiker, besonders der deutschen und österreichischen Geschichte, Mitglied und Förderer des Forschungsinstitutes für Technikgeschichte. * Siehe auch Heft 12 der „Blätter für Technikgeschichte“, Wien 1950, S. 108ff. Gedenktage 155 23. 1891. Arthur March, geboren in Brixen. Universitätsprofessor für Mathematik und Physik in Innsbruck. Hauptsächlichstes Arbeitsgebiet: „ Quantentheorie“. 28. 1926. Inbetriebnahme des Wasserkraftwerkes Gaming der Gemeinde Wien. März 2. 1931. Gründung der Erdölproduktions Ges. m. b. H., die gemeinsam mit der Gewerkschaft „Danubia“ am 27. Mai 1931 die Bohrung „Gösting 1“ begann. 5. 1886. Alexander Lehner, geboren in Wien. Bundesbahndirektor, einer der bedeutendsten und fähigsten Lokomotivbauer der Neuzeit. Schöpfer der 214er Lokomotive. 12. 1951. Friedrich Schaffernak, gestorben in Graz. Begründer und Leiter der wasserbaulichen Versuchsanstalt des hydrographischen Zentralbüros in Wien. 19. 1851. Erlaß des k. k. Finanzministers zwecks Errichtung einer chemischen Forschungsstätte bei der k. k. Tabakregie. 2. 1926. 5. 17 56. 9. 1836. 11. 1876. 20. 1911. 22. 1876. 25. 1876. 8. 1856. 16. 1951. 20. 1701. 22. 1881. 31. 1841. April Zu Wien und Berlin wurde die Telegraphen-Bildübertragung nach dem Carolus - System eingeführt. Eröffnung des Universitätsgebäudes am Universitätsplatz in Wien durch Maria Theresia. Der Bau wurde 1753 begonnen. 1857 wurde das Gebäude der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften übergeben. Leo Müller, Maschinist zu Jenbach im Unter-Inntal, Tirol, erhält ein Privileg auf die Verbesserung an den Buchdrucker-Schnellpressen, „in Folge welcher alle Theile derselben möglichst vereinfacht sind, so daß nur ein Zahnrad mehr nötig, und der Karren nebst Druckzylinder auf eine bisher eigen- thümliche Art bewegt wird, wodurch diese Pressen wegen ihrer Einfachheit und leichten Behandlung sich von allen bisher gebauten Schnellpressen unterscheidet, und auch für die kleinsten Druckereien mit Vortheil anwendbar sind“. Wilhelm Pfanhauser, geboren in Wien. Honorarprofessor, Dr. Ing. E. h. der Bergakademie Freiberg i. Sa., seit 1906 Direktor der Langbein-Pfanhauser- Werke A. G., Leipzig; wissenschaftlicher Mitarbeiter der Langbein-Pfanhauser- Werke und Berater auf allen Gebieten der Elektrochemie. Eröffnung der Telefonlinie Wien—Paris. Josef Fugle wicz, geboren in Czernowitz. Professor der Bergbaukunde an der Montanistischen Hochschule in Leoben. Wilhelm Petraschek, geboren in Pancsova (Banat). Ordinarius für Geologie und Lagerstättenlehre an der Montanistischen Hochschule in Leoben. Mai Schlußsteinlegung am Bau des Arsenals in Wien. Eröffnung der wiedererrichteten Bundesstraßenbrücke über den Inn zwischen Braunau und Simbach. Generalpatent für ganz Österreich, mit dem das Tabakmonopol geschaffen wurde. Friedrich Musil geboren. Pionier auf dem Gebiete der Erdölgewinnung, der an der Entdeckung des Zistersdorfer Erdölfeldes entscheidenden Anteil hatte. Karl Klic, geboren in Amau, Böhmen. Schöpfer der modernen Heliogravüre (1879) mit Aquatinta-Korn auf der Kupferplatte. Er war auch der erste, der den heliographischen Rotationsdruck mit der Rakel in die Kunstgraphik und Technik einführte. Technikgeschichte, 17. Heft. 11 156 Therese Stampfl Juni 14. 1951. Beginn der Bauarbeiten für das Innkraftwerk Braunau-Simbach. 24. 1911. Baubeginn für die Errichtung eines aeromechanischen Laboratoriums an der Technischen Hochschule in Wien als Versuchsanstalt für Luftschiffahrt und Automobilwesen im Anschluß an die Lehrkanzel, welche von Professor Richard Knoller geleitet wurde. Juli 12. 1981. Landung des Zeppelin-Luftschiffes in Wien am Flugplatz zu Aspern. 23. 1851. Kaiserliche Entschließung für die Errichtung einer ,,k. k. Zentralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus“. August 1. 1886. Eröffnung des Telephonnetzes Wien—Brünn als staatliche Telephonlinie. 3. 1951. Eröffnung des neuen Blechwalzwerkes in Linz. 5. 1946. Beginn der Baustelleneinrichtung für die Wiederherstellung der Kirche zu St. Stephan in Wien. 10. 1891. Österr. Privilegium von Dr. Carl Auer von Welsbach auf das Gasglühlicht mit Thor-Cer-Glühkörper, der den Welterfolg Auers bewirkte. September 14. 1911. Von den Gailwerken (Städtische Elektrizitätswerk-Villach) wird die Abgabe elektrischer Energie für öffentliche und private Zwecke aufgenommen. 22. 1951. Fertigstellung der Limbergsperre in Kaprun im Zuge des Ausbaues der Kraftwerksgruppe Glöckner-Kaprun der Tauernkraftwerke AG. Oktober 1. 1911. Auf der Mariazellerbahn wird auf der ganzen Strecke der elektrische Betrieb auf genommen. 5. 1726. David Rutschmann, geboren in Lehmbach im Schwarzwald. Augustinermönch in Wien, Mathematiker und Mechaniker, verfertigte u. a. eine astronomische Uhr, die als Meisterwerk seiner Zeit anzusehen ist. 14. 1816. Grundsteinlegungsfeier zum Bau der Technischen Hochschule in Wien. Die Oberleitung und Bauführung fiel dem Hofkommissionsrat und Hofbauratsdirektor Joseph Schemerl Ritter von Leytenbach zu. 14. 1886. Josef Dollinger, geboren in Wien. Chemiker, leitender Direktor der Wiener Gaswerke, führte auch den Wiederaufbau der stark zerstörten Anlagen des Gaswerkes in Simmering durch. Seine Fachkenntnisse wurden weit über die Grenzen Österreichs anerkannt. 15. 1821. Johann Ferdinand Ritter von Schönfeld, gestorben in Wien. Hofbuchdrucker, Besitzer eines Technologischen Museums, das den Zweck hatte, den Gewerbefleiß aller Klassen zu ermuntern. 16. 1866. Im Zuge einer umfassenden Reorganisation wird am Polytechnischen Institut in Wien der erste Rektor ernannt und dem Institut hochschulmäßige Verfassung gegeben. 21. 1951. Eröffnung der Dachstein-Seilbahn (erste Teilstrecke). November 8. 1881. Franz Fattinger, geboren in Waidhofen a. d. Ybbs. Chemiker, Mitarbeiter von Dr. Carl Auer von Welsbach; Generaldirektor der Treibacher Chemische Werke A.-G. in Treibach, Kärnten. 11. 1951. Inbetriebnahme eines Teiles der 20-kV-Schaltanlage des neuen Schalt- und Umspannwerkes in der Steiermark (Bruck a. d. Mur). Gedenktage 157 16. 1926. 17.J1831. 18. 1891. 19. 1951. 24. 1951. 24. 1951. 26. 1856. 28. 1911. 1. 1881. 12. 1951. 19. 1846. 24. 1766. Karl Klic (Klitsch), gestorben in Wien-Hietzing. Schöpfer der modernen Heliogravüre mit Aquatinta-Korn auf der Kupferplatte. Er war auch der erste, der den heliographischen Rotationsdruck mit der Rakel in die Kunst - graphik und Technik einführte. Privilegienerteilung an Johann X. Reithoffer und dessen Sohn Eduard, ferner des August Purtscher in Wien auf mehrere Verbesserungen und Entdeckungen in der Verarbeitung und Verwendung von Kautschuk. Georg Herzig, geboren in Hollabrunn, N.-Ö. Überbergrat bei der Obersten Bergbehörde in Wien. Durchschlag der nördlichen Stollenhälfte des Möllstollens des Tauern-Kraft- werkes Glockner-Kaprun. Eröffnung des neuen Westbahnhofes in Wien. Inbetriebnahme des 1. Wanderumspannersatzes 100 MVA und der 220 kV - Schaltanlage im Umspannwerk Bisamberg. Carl Heinrich Schlenk, geboren in Wien. K. k. Hofrat im Arbeitsministerium, Professor für Elektrotechnik am Technologischen Gewerbemuseum in Wien, Vorstand des Eichamtes für Elektrizitätszähler und Wasserverbrauchs- messer in Wien. Louis Adolf Gölsdorf, gestorben in Wien. Seit 1860 im Dienste der österr.- ungar. Staatseisenbahn-Gesellschaft, 1885—1908 Maschinendirektor der Südbahn. Dezember Als erste Femsprechanlage in Österreich wurde das Wiener Netz von der „Wiener Privat-Telegraphengesellschaft“ hergestellt und am 1. Dezember 1881 in Betrieb genommen. Durchschlag des 750 m langen Wasserstollens zwischen Thumberg und Wegscheid im Zuge des Ausbaues der Kampkraftwerke der NEWAG. Beendigung der ersten Telegraphenlinie von Wien über Lundenburg nach Brünn, welche zuerst Regierungszwecken und öffentlichen Ämtern, insbesondere dem Eisenbahndienst diente. Johann Tob. Bürg, geboren zu Wien. Berühmter Astronom, Professor der Physik am Lyzeum in Klagenfurt, Adjunkt der Sternwarte zu Wien, stellte 3000 Beobachtungen über die Knoten der Mondbahn auf. Manzsche Buchdruckerei, Wien IX. .->• • . v< •v. irefll'Wv.u; Uli Wiq>. ;•}>. «V'H-V •■■!{'■ itMi'Jt • •*!''• . I fl-Mfrl irt'i -V >/i .*<>/ X .öi-'i f >J «‘»tfe* *V|ii »v wi--.: .• =-^-i ; ^vV . -,;. •- v- - - •. ■ ■f*£ '•? lii v'*f-V «M,i •«•!. w< .44 ••«»■•»!; ^ (.au m : -iv U'» > - . . . . •’ »'Ui'' r-i / 41.» { ~ • ^ 111 \iivi'\r 1 . m . i n «*tan-*»0 ; I*ni ittr.i v«h-<^0 0 > ••.=* --vt*.*t? «* • .*■»• **•*:; »•«o?*0 ♦ WM .•-! J , ,. 10 , • . _ ; ,., f . 'Ti-VfuiÜft n r^^i'T iiA\ *;i")i : ■.*■*• •!• •< f n-.,: ^n;.: .* M •■ , f: I .i.Uiifii^ 'iJr.w ‘ H u*«. 1 -'- ,•«*.;•• f !.*?i3 .IWl .<-V -VjtUü T : »b 'b'tttt A ■ > ' , ' 1 *.Vi-< ■»"! 1 .; '/ .1 >*>)r niti' <• ' nt ! •*!.'• fX .i<*♦*' 1 ,tr~ X - **•■••> ,H .. •.,< ,;.-j •.n ?i*.i’’-i". 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Heft 11 1949. 116 S. 41 Abb. Schriftleitung: Dipl.-Ing. V. Schützenhofer. Aus dem Inhalt: F. Kirnbauer, Goethe, Naturwissenschaften und Technik. — V. Schützenhofer, Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk. — E. Kurzel-Runtscheiner, Franz Freiherr von Wertheim. — H. Benedikt, Die Schreibmaschine des Grafen Neipperg. — R. Kieffer und F. BenesOVSKY, Zur Geschichte der Metallwerk Plansee G. m. b. H. in Reutte in Tirol. — H. Benedikt, Schiffahrt im Pongau. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1950. Heft 12 1950. 112 S. 42 Abb. Schriftleitung: Dr. phil. Josef Nagler. Aus dem Inhalt: V. Schützenhofer, Löhner— vom Wagnergewerbe zur Großindustrie. — P. Siebertz, Rudolf Diesel und der Automobilmotor. Ein Beitrag zur Geschichte des Fahrzeugdiesels unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Ludwig Löhners darin. — O. Regele, Herman von Hoemes. Luftschiffer, Flugtechniker und Luftfahrthistoriker. — F. Binder und M. Rohlena, Zum Gedenken an Dr.-Ing. h. c. Karl Wurmb, den Erbauer der österreichischen Alpenbahnen 1901—1907. — K. Melicher, Baugeschichtliche Bilder von der Arlbergbahn. — E. Kurzel-Runtscheiner, Kitzbühel, die alte Bergstadt. — F. Dangl, Österreichs Beitrag der Lumineszenzanalyse und Fluoreszenzmikroskopie. — E. A. Kolbe, Zur Geschichte der ehemaligen Staatl. Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der ehemaligen k. k. Salmiakfabrik in Nußdorf. — Mitteilungen und Berichte: 75 Jahre Marcus-Automobil. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Srampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1951. Fortsetzung auf der IV. Umschlagseite Fortsetzung von der TU. JJmschlagseit«. BLÄTTER FÜR TECHNIKGESCHICHTE Heft 13 1951. 72 S. 26 Abb. Schrii'tleitung: Dr. ph.il . Josef Nagler. Aus dem Inhalt: P. Dolch, Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. — E. Kurzel-Runtscheiner, Das Unter- inntal, eine technikgeschichtliche Landschaft. — Alfred Collmann, Lebensweg und Leistung. — Mitteilungen und Berichte: J. Nagler, Nikola-Tesla- Kongreß. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1952. Heft 14 1952. 108 S. 48 Abb. Schriftleitung: Dr. phil. Josef Nagler. Aus dem Inhalt: F. Kirnbauer, 150 Jahre Kaolingewinnung in Kriechbaum bei Schwertberg. — F. Kirnbauer, Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur und ihre Beziehung zur Entwicklung der technischen Verwendung des Kaolins. — O. Regele, Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 1869—1918. — O. Regele, Über die Captif-Schraube des Wilhelm Kress. — F. Fattinger sen., Beginn der Ferrolegierungen für die Edelstahlerzeugung in Österreich. — H. Gollob, Joseph Mauritius Stummer von Traunfels. — Mitteilungen und Berichte: Die Enthüllungsfeier der Nikola-Tesla-Büste im Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien. — E. Kurzel-Runtscheiner, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1953. Heft 15 -1953. 112 S. 30 Abb. Schriftleitung: Dr. phil. Josef Nagler Aus dem Inhalt: E. Salcher, Die Entwicklung des Hydrographischen Dienstes in Österreich von 1893 bis 1953. — R. Ehrenberger, Die Entwicklung des wasserbaulichen Versuchswesens. — O. Lanser, Zur Geschichte des hydrometrischen Meßwesens. — O. Lanser, Die bisherige Entwicklung der Geschiebetheorien und Geschiebebeobachtungen. — E. Merlicek, Die Geschichte der Technik als Lehrmeisterin. — Entstehung und Werdegang der Kaplanturbine bei der Firma Storek. — Mitteilungen und Berichte: Nikola-Tesla-Kongreß für Wechselstrom- und Drehstromtechnik. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1954. Heft 16 1954. 122 S. 60 Abb. Schriftleitung: Dr. phil. Josef Nagler. Aus dem Inhalt: V. Schützenhofer, Hundert Jahre Semmeringbahn. — F. Wallack, Die Großglockner-Hochalpenstraße. — H. v.Bertele, Präzisions-Zeitmessung in der Vor-Huygensschen Periode. — H. Quiring, Zur ältesten Geschichte des Bernsteins. — F. Kirnbauer, Johannes Mathesius und der Bergbau. Zur 450. Wiederkehr seines Geburtstages. — K. Dinklage, Alte Eisenindustrie im Lavanttal. — F. Sykora, Technikgeschichtliche Bücherschau. — Th. Stampfl, Gedenktage der österreichischen Technikgeschichte im Jahre 1955.