Blätter für Technikgeschichte Band 80 | 2018 ZUKUNFT □ technisches museumwien < echnisches museumwien Blätter für Technikgeschichte Band 80 | 2018 Herausgegeben im Auftrag des Technischen Museums Wien. Die Blätter für Technikgeschichte sind das österreichische Forum zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit technikhistorischen Fragestellungen. Redaktion und Lektorat: Anne-Katrin Ebert Eva Hörmanseder Bettina Jernej Hubert Weitensfelder Alexandra Wieser redaktion-blaetter@tmw.at © Technisches Museum Wien Alle Rechte Vorbehalten Grafik: Ursula Emesz Wien 2018 ISSN 0067-9127 ISBN 978-3-903242-02-9 Umschlagfoto: Ausschnitt „March of Intellect“ von William Heath, um 1828 Quelle: V0041098, Wellcome Library, London (CC BY 4.0) 9 Einführung Beiträge 13 Tilo Grenz Präsenstechniken und ihre Spuren: Zur soziologischen Vergegenwärtigung von Zukunft 31 Florian Bettel Ware Zukunft - Erzählung und Kommerzialisierung von Fortschrittsdenken im 19. Jahrhundert 55 Christian Stadelmann Künstliche Intelligenz - ein Missverständnis 75 Hubert Weitensfelder Hundert Jahre Zukunft? Neue Technologien in Österreich seit 1918 - Aspekte und Diskurse 101 Peter Payer „Die Technische Stadt“ Wie eine Großausstellung in Dresden urbane Zukunftsvisionen prägte 1 29 Azra Korjenic, Anna Vaskova Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen 151 Johannes Sima Vergangenheit als Zukunft: Aspekte der Zukunft im Denkmalschutz. Grundlagen und Maßnahmen für den Erhalt von Baudenkmalen Buchbesprechungen 175 Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute. München: Carl Hanser Verlag 201 7 Hubert Weitensfelder 177 Stefan Poser: Glücksmaschinen und Maschinenglück. Grundlagen einer Technik- und Kulturgeschichte des technisierten Spiels. Bielefeld: transcript Verlag 2016 Christian Stadelmann 179 Lukasz Nieradzik: Der Wiener Schlachthof St. Marx. Transformation einer Arbeitswelt zwischen 1 851 und 1914 (= Ethnographie des Alltags 2). Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 201 7 Hubert Weitensfelder 180 Dennis Göttel, Florian Krautkrämer (Hg.): Scheiben. Medien der Durchsicht und Reflexion. Bielefeld: transcript Verlag 2017 Alexandra Wieser 182 Nikola Langreiter, Klara Löffler (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des „Do it yourself“ (= Edition Kulturwissenschaft 90). Bielefeld: transcript Verlag 2017 Hubert Weitensfelder 187 Autorinnen und Autoren Einführung Die Zukunft: Sie ist im Nachdenken über Technik und Technikgeschichte allgegenwärtig, doch waren diese Zukunftsvisionen meist implizit und selten Gegenstand der Reflexion. Lange Zeit erfolgte der Blick auf die technischen Entwicklungen der Vergangenheit im Vertrauen auf die stete Weiterentwicklung in Gegenwart und Zukunft. Der Glaube an den technischen Fortschritt bot schon seit längerem eine wesentliche Orientierung sowohl hinsichtlich der eigenen zeitlichen Verödung in der Gegenwart als auch hinsichtlich der Erwartungen an die Zukunft. Das Schwinden dieser Gewissheiten scheint ein neueres Phänomen, wie sich auch anhand der Geschichte dieser Zeitschrift erkennen lässt. Der erste der nunmehr 80 Bände der „Blätter für Technikgeschichte“ ist im Jahr 1932 erschienen. Betrachtet man die Titel der seither veröffentlichten Beiträge, so scheinen bestimmte Stichwörter immer wieder auf, darunter „Geschichte“, „Entwicklung“, „Werdegang“ und „Gedenken“. Da wurde auf Anfänge zurückgeblickt und auf meist personenbezogene Jubiläumsdaten Bezug genommen. In jedem Fall wurde über Vergangenes berichtet, meist mit einem zeitlichen „Sicherheitsabstand“, der ein qualifizierteres Urteil zu erlauben schien. Andere Zeiten stellten keine Perspektive dar. Seit etwa 1990 änderten sich die Themen in den „Blättern“ deutlich; nun wurden vermehrt Überlegungen über das Fach Technikgeschichte und über seine Beziehungen zu anderen Disziplinen angestellt. Eine Reihe von Autorinnen verließ die überkommenen Wege, viel Neues wurde angedacht. Darüber hinaus erschienen einige Bände, die aktuelle Entwicklungen im Technischen Museum aufgriffen. In mehrfacher Hinsicht erfolgte eine nähere Hinwendung zur Gegenwart. Seit 2010 sind die Jahresbände bestimmten Themen gewidmet: den Textilien, der Arbeit, der Chemie, der Mobilität, den Materialien und der materiellen Kultur. Bemerkenswert ist, dass erst im Doppelband 75/76 (2013/14) ein Beitrag auftauchte, dessen Verfasser den Begriff „Zukunft“ aufgriffen und sich unter dem Titel „In the Year 2525“ konkret mit der Zukunft des Verkehrs befassten - allerdings ging es dabei um Zukunftsbilder früherer Jahrzehnte. In einem weiteren Artikel im darauf folgenden Band wurden die Seltenen Erden im Titel als „umkämpfte Rohstoffe für Gegenwart und Zukunft“ charakterisiert. Doch war auch in diesem Fall nicht die Rede von zukünftigen Entwicklungen. Das vergangene Jahrzehnt hat in historiografischer Sicht dem Blick auf die Zukunft eine gewisse Konjunktur beschert. Das spiegelt sich auch in der Sammel- 9 tätigkeit und den Ausstellungsprojekten am Technischen Museum Wien wider. Es erschien daher angebracht, im Rahmen der „Blätter für Technikgeschichte“ erstmals die Zukunft in den Titel eines ganzen Bandes aufzunehmen, und zwar in der Gewissheit, dass die Autorinnen recht unterschiedliche Zugänge zur Thematik wählen würden. Im ersten der sieben Beiträge beschäftigt sich Tilo Grenz mit der soziologischen Vergegenwärtigung von Zukunft ausgehend von der Frage, welchen Stellenwert die Zukunft in der Soziologie hat. Er konstatiert, dass die Zukunftsorientierung zur menschlichen Existenz gehört und als soziales Phänomen immer orts-, zeit- und perspektivengebunden ist und erarbeitet den Umgang mit der Zukunft in der Soziologie als Wissenschaft, bringt Fallbeispiele aus dem Bereich der vermeintlich zukunftsträchtigen App-Anwendungen, die uns mehr Auskunft über das Zukunftsverständnis unserer Gegenwart geben. Florian Bettel blickt in die Zukunftsszenarien der Vergangenheit, die auch heute noch Assoziationen mit Science-Fiction hervorrufen. Er spannt den Bogen von ersten Ideen pneumatischer Bahnen, die Mitte des 19. Jahrhunderts auch realisiert wurden, sich für den Personenverkehr aber nicht etablierten, bis hin zu heutigen Überlegungen des „Hyperloop“. Mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt sich Christian Stadelmann in seinem Artikel. Er analysiert die Diskussionen um Kl und unterschiedliche „intelligente Systeme“ und geht dabei historisch bis ins 1 8. Jahrhundert zurück. Letztendlich wurden Zukunftsprognosen und Hypothesen zumeist von der tatsächlichen technischen Entwicklung beziehungsweise der Realität im Lauf der Zeit ein- oder besser gesagt überholt, wie etwa das Beispiel des Schachcomputers zeigt. Die Industrie als Zukunftsmotor für neue Technologien in Österreich versucht Hubert Weitensfelder zu lokalisieren. In Rück- und Ausblicken skizziert er diese Entwicklung ab 1918; spricht von hype cycles, blickt in die Vergangenheit von Zukunft und erörtert zeitgenössische Diskurse sowohl innerhalb der Technikerriege als auch der breiten Bevölkerung, die zunehmend Mitsprache bei relevanten Themen, wie der friedlichen Nutzung von Atomkraft, der Entwicklung von Computern und Kybernetik, Robotern und Fertigungstechnik in Österreich, fordert. Peter Payer berichtet von der Dresdner Ausstellung im Jahr 1928, die die „Zukunft der Stadt“ zum Thema hatte. Hier wurden ideale Stadtentwürfe (die Technische Stadt) sowie das Kugelhaus als moderne zukunftsweisende Bauform 10 präsentiert. Die Idee des Kugelhauses wurde später auch in Österreich verwirklicht und als Kunstprojekt die „Republik Kugelmugel“ ausgerufen. Im sechsten Beitrag geben Azra Korjenic und Anna Vaskova einen aktuellen Einblick in ihre Forschung zum innovativen und umweltschonenden Bauen. Ihre zahlreichen Projekte belegen die positiven Auswirkungen für Mensch und Umwelt. Für zukunftsorientiertes Bauen bedarf es immer multifunktionaler Systemlösungen, um Energie zu gewinnen, Staub zu binden und die Luftqualität zu erhöhen. Eine nachhaltige Stadt- und Gebäudeentwicklung trägt unter anderem dazu bei, die Klimaschutzziele zu erreichen. Abschließend wird auch noch der spannenden Frage, wie die Zukunft der Denkmale aussehen beziehungsweise wie man Baudenkmalen eine solche geben könnte, nachgegangen. Johannes Sima postuliert die Vergangenheit als Zukunft für die Denkmalpflege und stellt die neueste Richtlinie des Bundesdenkmalamtes für die Zukunft von historischen Gebäuden vor. Nur eine Erhaltung der Denkmale in der Gegenwart sichert auch deren Zukunft. Die Redaktion 11 Präsenstechniken und ihre Spuren Tilo Grenz Präsenstechniken und ihre Spuren: Zur soziologischen Vergegenwärtigung von Zukunft 1 Einleitung Die folgenden Darstellungen unternehmen einen Zeitensprung. Ausgehend von der Frage, welchen Stellenwert die .Zukunft 1 im Fach der Soziologie einnimmt, wird es notwendig, bei der Geschichte soziologischen Denkens anzusetzen. Notwendig ist diese historische Annäherung deshalb, weil sich die fachtypische Zuwendung zum Zukünftigen bis hin zum Verständnis sogenannter digitaler Spuren erst aus bestimmten Weichenstellungen und Grundsatzdebatten, die z. T. bis heute anhalten, nachvollziehen lässt. Es werden zwei Einsichten herausgestellt: Erstens ist Zukunftsorientierung ein Grundmoment menschlicher Existenz. Zweitens ist Zukunft immer ein orts-, zeit- und perspektivengebundenes soziales Phänomen. In dieser Herleitung kristallisiert sich ein weitestgehend geteiltes Verständnis heraus, mit dem Zukunft dort soziologisch denkbar wird, wo sie in der einen oder anderen Weise von Menschen, mit bestimmten Relevanzsetzungen, mithin stillschweigenden Erwartungen und bestimmten Ressourcen sozial relevant gemacht wird. Im Fokus auf das Spezifikum digitaler Medientechniken und ihrer ökonomischen Entstehungs- und Fortentwicklungskontexte (dem empirischen Gegenstand dieses Beitrags) lässt sich dann zeigen, dass die Herstellung des Künftigen im digital-technischen .Heute 1 , wie dies z. B. bei bestimmten mobilen Apps zum Ausdruck kommt, weder reine Zukunftsschau oder Zukunftsvision ist, noch einzig und allein über bereits vergangene Erfahrung begriffen werden kann. Die Auseinandersetzung mit der Entstehung und Veränderung digitaler Medien der alltäglichen Lebensverrichtung legt offen, wann und inwiefern in die soziotechnische und sozioökonomische Hervorbringung des .Neuen 1 Erwartungen an die Zukunft eingeflochten sind. Sie zeigt aber auch, dass in die (Daten-) Architektur dieser Techniken ein Moment des Präsentischen eingezogen ist, das 1 Die Überschrift ist an den Titel eines Sammelbandes von Ronald Hitzier und Michaela Radenhauer aus dem Jahr 2005 angelehnt: Ronald Hitzier, Michaela Radenhauer (Hg.): Gegenwärtige Zukünfte. Interpretative Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Diagnose und Prognose. Wiesbaden 2005. 13 Tilo Grenz Entwickler und Betreiber nicht ignorieren können und sie zu Kurskorrekturen veranlasst. Diesem Aufriss folgend, wird im anschließenden Kapitel zunächst dargestellt, inwiefern Zukunftsgewandtheit eine wesentliche Grundlage des menschlichen Denkens und Handelns ist und im Anschluss an die geschichtsträchtige Debatte zur sozialwissenschaftlichen Erkenntnis zwischen .Erklären 1 und .Verstehen“ die soziologische Perspektive auf Zukunft als sozial relevant gemachter Ausschnitt der Realität plausibilisiert. Im Anschluss an die Herleitung einer genuin soziologischen Blickrichtung, werden im darauffolgenden Kapitel zwei Fallbeispiele aus der eigenen Forschung vorgestellt, bei denen Mediatisierung als Geschäftsmodell - insbesondere im Fokus auf den kulturverändernden Stellenwert digitaler Medientechniken - der Gegenstand ist: Behandelt werden mediati- sierte Fitness und de-mediatisierte Kommunikation an einem je konkreten Geschäftsmodell und Kernprodukt. Fachgeschichtliche Weichenstellungen Der Mensch als zukunftsorientiertes Wesen „Die Soziologie ist eine an der Erfahrung orientierte und der Zukunft zugewandte Wissenschaft .“ 2 Friedrich Jonas führt in dieser Bestimmung, die er seiner zweibändigen „Geschichte der Soziologie“ voranstellt, in höchstem Maße verdichtet und präzise zusammen, was die vielleicht größte Zerrissenheit der Soziologie ausmacht: Denn .Zukunft“ ist - oder auch: die Zukünfte sind - ein in mehrfacher Hinsicht ambivalent bewertetes, mithin heikles Thema innerhalb des Fachs und der Fachgeschichte der Soziologie. Das ist nicht etwa der Fall, weil sich die Soziologie zum Thema .Zukunft“ nicht verhält oder gar nichts zu sagen hätte. Die methodologisch-methodische Frage, ob, und wenn ja, inwiefern in empirisch fundierter - d. h. am jeweiligen Untersuchungsgegenstand methodisch verfolgter - Weise Aussagen über künftige Entwicklungen bzw. eben: die Zukunft getroffen werden können, befeuert immer wieder intensive Debatten und treibt Grenzziehungen innerhalb des Faches an. Deutlich wird dies z. B. an der Kontroverse um die Fachzugehörigkeit sogenannter Zeit-, Gegenwarts- und Gesellschaftsdiagnosen, oder aber bei der Gegenüberstellung statistischer 2 Friedrich Jonas: Geschichte der Soziologie. Band 1, Opladen 1981, S. 11. 14 Präsenstechniken und ihre Spuren Modellbildung und verstehender Zugänge. 3 Die Zukunftsfrage ist ebenso ein Thema bei der Grenzziehung zu anderen Disziplinen oder Bereichen wie etwa zur Trend- oder Zukunftsforschung. 4 Diese Debatten sind eng verknüpft mit erkenntnisbezogenen Annahmen, die sich zwischen sogenannten erklärenden und verstehenden Ansätzen auftun, die sich wiederum um eine intensive Diskussion zum Verständnis von Theorie als entweder historisch oder ahistorisch heften. Das ambivalente Verhältnis der Soziologie zur Zukunft rührt aber auch daher, dass in das Fach anthropologische Vorannahmen eingestrickt sind, die die Sozialität des Menschen in dessen Fähigkeit und Gezwungenheit zur Zukunftsorientierung verankern: Im Verstände der philosophischen Anthropologie ist der Mensch ein Mängelwesen 5 , der um seine Mängelhaftigkeit weiß und daher „vorgreifende Anpassung“ unternimmt, dem unabweisbaren „Appell zur .Verbesserungsbedürftigkeit 1 “ folgend. 6 Pointiert artikuliert Reinhart Koselleck im Anschluss an Immanuel Kant: 7 „Der Mensch als weltoffenes Wesen, genötigt, sein Leben zu führen, bleibt auf Zukunftssicht verwiesen, um existieren zu können. Die empirische Unerfahrbarkeit seiner Zukunft muss er, um handeln zu können, einplanen. Er muss sie, ob zutreffend oder nicht, voraussehen.“ Von elementarer Bedeutung ist der Zukunftsbezug auch in der mundan-phä- nomenologischen Fundierung der Soziologie, die Alfred Schütz im Zwischen- kriegs-Wien der 1920er-Jahre entwickelte, diskutierte und in seiner einzig zu Lebzeiten erschienenen Monographie „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“ 8 vorlegte. Schütz ist zentraler Wegbereiter der interpretativen Methodologie der Soziologie und Basisdenker der neueren Wissenssoziologie. Peter L. Berger und Thomas Luckmann setzen in ihrem breit referenzierten Werk „Die gesell- 3 Alexander Bogner: Gesellschaftsdiagnosen. Ein Überblick. Weinheim, Basel 2015; Fran Osre- cki: Die Geschichte der Gegenwartsdiagnostik in der deutschsprachigen Soziologie, in: Stephan Moebius, Andrea Ploder (Hg.): Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Wiesbaden 2017, S. 115-130; Hitzier, Radenhauer, Gegenwärtige Zukünfte, siehe Anmerkung 1; Christian Dieckhoff: Modellierte Zukunft: Energieszenarien in der wissenschaftlichen Politikberatung. Frankfurt am Main 2015. 4 Michaela Radenhauer: Wie forschen Trendforscher? Zur Wissensproduktion in einer umstrittenen Branche, in: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research Volume 5(2) (2004), Artikel 36, online unter: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:011 4-fqs0402366 (14.2.2018) 5 Arnold Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, in: Karl-Siegbert Rehberg (Hg.): Arnold Gehlen. Gesamtausgabe. Der Mensch, Band 1, Frankfurt am Main 1986; Peter L. Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt am Main 1969. 6 Hans-Georg Soeffner: Vorgreifende Anpassung. Zum Umgang mit dem Wissen um das menschliche Genom, in: Hitzier, Radenhauer, Gegenwärtige Zukünfte, siehe Anmerkung 1, S. 238. 7 Reinhart Koselleck: Zeitschichten. Studien zur Historik. Mit einem Beitrag von Hans-Georg Ga- damer. Frankfurt am Main 2003, S. 237-243, hier S. 205. 8 Alfred Schütz: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Frankfurt am Main 1974 (erstmals in Wien 1932). 15 Tilo Grenz schaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ 9 exakt bei den von Schütz elaborierten Prämissen der Sinnkonstitution in der sozialen Welt an. Der Einfluss der mun- danphänomenologischen, also gleichsam diesseitigen Erkenntnistheorie und der mit ihr vorbereiteten „handlungstheoretischen Wende in der Soziologie“, 10 wird oftmals auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts datiert. Er wurzelt aber in erheblicher Weise in den kommunikativen Wissenskulturen der Diskussionszirkel, Kreise und Privatseminare der Wiener Zwischenkriegszeit. 11 Alfred Schütz, von Hause aus Bankjurist, war durch Felix Kaufmann 12 auf die Schriften des Phänomenologen Edmund Husserl aufmerksam gemacht worden. Der bekannte Nationalökonom Ludwig von Mises brachte Schütz im Rahmen seines „Privatseminars“, dessen Teilnehmer handverlesen waren, auf die Lektüre Max Webers, einem der drei .großen * 1 Gründerväter der deutschsprachigen Soziologie. Schütz beabsichtigte, durch eine gezielte Fundierung des Begriffs des „sinnhaften Handelns“, den Weber zum zentralen Grundbegriff der Soziologie erhoben hatte, 13 einen seines Erachtens dringend notwendigen Fundierungsbeitrag zur Bestimmung der Soziologie als eigenständige Disziplin zu leisten. Im Werkaufbau der „Gesellschaftlichen Konstruktion“ Bergers und Luckmanns, die ihrerseits Schüler von Alfred Schütz waren, kommt die „Grundannahme [zum Ausdruck], dass alle gesellschaftlich konstruierte Wirklichkeit aufruht auf der subjektiven Orientierung in der Welt und dem sinnhaften Aufbau der sozialen Welt.“ 14 Wenn dabei von .Orientierung 1 die Rede ist, so ist damit auf Zukunft bzw. auf den Zukunftsbezug als ein integrales Strukturmoment des Handelns verwiesen. In seinem Vollzug ruht Handeln auf einem - mal reflektierten, meist verinnerlichten - Entwurf auf (Handlung), mit dem ein in der Zukunft als 9 Berger, Luckmann, siehe Anmerkung 5. 10 Martin Endress: Die »Alfred Schütz-Werkausgabe«. Konzeption und editorisches Profil, in: Carsten Klingemann, Michael Neumann, Karl-Siegbert Rehberg u. a. (Hg.): Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1995. Opladen 1999, S. 281. 11 Tilo Grenz: Spuren der Soziologiegeschichte. Prozessorientierte Analysen Kommunikativer Wissenskulturen, in: Stephan Moebius, Andrea Ploder (Hg.): Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Wiesbaden 2016, S. 115-130; Michaela Radenhauer, Tilo Grenz: Alfred Schütz und die Wiener Kreise. Zur kommunikativen Vereinbarung des Unvereinbaren. Antrag auf Forschungsförderung, Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung (bewilligt, Forschung laufend) 2016. 1 2 Ingeborg Helling: Alfred Schütz, Felix Kaufmann, and the Economists of the Mises Circle: Personal and Methodological Continuities, in: Elisabeth List, llja Srubar (Hg.): Alfred Schütz - neue Beiträge zur Rezeption seines Werkes. Amsterdam 1988, S. 43-68; Peter Kurril-Klidgaard: The Viennese Connection: Alfred Schutz and the Austria School, in: The Quarterly Journal of Austrian Economics 6 (2011), Heft 2, S. 35-67. 13 Max Weber: Soziologische Grundbegriffe. 4. Auflage, Tübingen 1978, S. 31. 14 Ronald Hitzier: Welten erkunden, in: Soziale Welt 50 (1999), Heft 4, S. 142. 16 Präsenstechniken und ihre Spuren bereits abgelaufenes Handeln gemeint ist. Diese Antizipation, die Schütz als „modo futuri exacti “ 15 charakterisiert, baut auf bereits gemachter Erfahrung, also auf Erfahrungswissen auf und damit, zumindest in dieser proto-soziologischen Grundlegung der Soziologie , 16 nie auf dem Eindruck eines vom ,Hier und Jetzt 1 abgekoppelten Künftigen. Die Antizipation ist damit stets Vorerinnerung . 17 Die Bedingung der Möglichkeit, dass ich etwas, das ich noch nie erfahren habe, antizipieren kann, wird damit kategorisch ausgeschlossen. Es kann - in dieser bekannten Perspektive - konstatiert werden, dass „die Fähigkeit unseres Bewusstseins zum gedanklichen Vorgriff in die Zukunft wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass wir überhaupt handeln können .“ 18 Die soziale Herstellung von Zukünften Ohne Frage vollziehen solche Programme, bei denen aktuelle Ereignisse, Abläufe und Sachverhalte in die Zukunft verlängert werden, die also einer „Modellierten Zukunft“ gelten , 19 eine andere Bewegung, die zuweilen sogar auf die Soziologie verallgemeinert wird. In seiner differenzierten Betrachtung von „Zeitschichten“ geht Koselleck so weit, die Bewährung des Faches der Soziologie an die Erwartung zu koppeln, über das Potential und Arsenal seiner Methoden Hochrechnungen immer umfangreicherer Variablen zu bewerkstelligen. Dies schließlich ,,zwing[e] die Soziologen zur Prognose, ob sie wollen oder nicht“. Wissenschaften wie Politologie, Ökonomik oder Soziologie seien heute besonders gefordert, da sie „Strukturen hochrechnen, um Zukunftstrends aus ihnen abzuleiten .“ 20 Auch in der Auseinandersetzung mit Modellierung, (sozial)wissenschaftlichen Prognosen und dem Zukunftswissen der Soziologie vermengen sich unterschiedliche Diskussionsstränge, die mithin auf Erwartungen zurückgehen, die lange zurück im Anspruch der damals neuen Wissenschaft selbst befeuert worden waren. Das zeigt sich prototypisch im populären Diktum Auguste Comtes, der Soziologie als „physique sociale“ begriff und für das neue Fach einen spezifischen Denkstil postulierte: „So besteht der wahre positive Geist darin zu sehen 15 Schütz, siehe Anmerkung 8, S. 70. 16 Thomas Luckmann. Schützsche Protosoziologie? In: Angelica Bäumer, Michael Benedikt (Hg.): Gelehrtenrepublik - Lebenswelt. Edmund Husserl und Alfred Schütz in der Krisis der phänomenologischen Bewegung. Wien 1993, S. 321-326. 17 Schütz, siehe Anmerkung 8, S. 75f. 18 Hubert Knoblauch, Bernt Schneller: Prophetie und Prognose. Zur Konstitution und Kommunikation von Zukunftswissen, in: Hitzier, Pfadenhauer: Gegenwärtige Zukünfte, siehe Anmerkung 1, S. 25. 19 Dieckhoff, siehe Anmerkung 3. 20 Koselleck, siehe Anmerkung 7, S. 203. 17 Tilo Grenz um vorauszusehen, zu erforschen was ist, um daraus auf Grund des allgemeinen Lehrsatzes von der Unwandelbarkeit der Naturgesetze das zu erschließen, was sein wird .“ 21 Die Schwierigkeit, die damit einhergeht, die Logik naturgesetzlicher Schlüsse auf das Soziale zu übertragen, prägte (und prägt ) 22 intensiv die Fachgeschichte - und übrigens nicht zuletzt auch hitzige Streitigkeiten in den bereits erwähnten Wiener Gelehrtenkreisen der Zwischenkriegszeit . 23 Klärungsbedürftig ist damit, auf welche leitende Annahme sich (sozial-wissenschaftliche Erkenntnis beziehen kann und soll. Im cartesianischen Verstände kann sie abzielen auf eine äußere Realität, die auch das Soziale prägt, nach spezifischen Gesetzmäßigkeiten abläuft und daher auch entsprechend dieser durchmustert und erklärt werden kann. Diese - aus der naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeitsperspektive 24 - begriffene Realität braucht aber keineswegs eine äußere zu sein, die menschliches Handeln an etwaigen Verhaltensprinzipien misst. Sie kann auch als gleichsam nach ,innen 1 verlegte Annahme erfolgen, wenn etwa zweckrationales bzw. zielorientiertes Handeln als Basismotiv jeglichen (intentionalen) Tuns begriffen wird. Max Weber hatte in seiner Differenzierung der vier „Bestimmungsgründe sozialen Handelns “ 25 betont, dass „zweckrationales Handeln“ lediglich ein, wenn auch zeithistorisch dominanter, Typus des Handelns ist, keineswegs allerdings der universalhistorisch vorherrschende, dem alles Tun immer und überall, d. h. auch in die Zukunft hinein, folgt. Prinzipiell ist menschliches Handeln mit Weber ein mit ,,subjektive[m] Sinn“ verbundenes „äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden“ 26 , wobei ,Sinn‘ als Handlungsintegral weder auf universalhistorisch geltende Motivierungen, noch auf absolute Beliebigkeit verweist. So kann schließlich die von Max Weber und Alfred Schütz grundgelegte und insbesondere von Peter L. Berger und Thomas Luckmann weiterentwickelte Einsicht in Anschlag gebracht werden, dass Kultur 21 Auguste Comte: Rede über den Geist des Positivismus [Discours sur 1‘esprit Positif] III, in: Iring Fetscher (Hg.): Rede über den Geist des Positivismus. Hamburg 1994 (erstmals 1844), S. 15. 22 Norman Braun: Theorie in der Soziologie, in: Soziale Welt 59 (2008), Heft 4, S. 373-395. 23 Bruce Caldwell: Hayek’s Challenge: an intellectual biography of F. A. Hayek. Chicago 2004, S. 64f.; Reinhard Knoll: Die phänomenologische Alternative in den Sozialwissenschaften, in: Bäu- mer, Benedikt, siehe Anmerkung 16, S. 225-234. 24 Als eigenständige Wissenschaft konnte sich die Soziologie erst mit den bzw. im Zuge von verschiedenen Gesellschaftslehren (wesentlich: der französischen Aufklärung) entwickeln, wie das Friedrich Jonas eindrücklich zu zeigen vermag (Jonas, siehe Anmerkung 2), aber eben auch ganz maßgeblich im Zusammenhang mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften, von denen sie sich - im Grunde bis heute - emanzipiert. 25 Weber, siehe Anmerkung 13, S. 34-36. 26 Weber, siehe Anmerkung 13, S. 9; genau heißt es bei Weber: „.Handeln' soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden.“ 18 Präsenstechniken und ihre Spuren und Gesellschaft, dass typisches Handeln und damit auch Relevanzen, Deutungen und Erwartungen sich im historischen Prozess verändern, und, dass wir es mit historisch wandelbaren Weisen der Wirklichkeitskonstruktion zu tun haben. Das heißt auch, dass eine objektive Welt sozialer Gesetzmäßigkeiten unabhängig von der jeweils zeithistorisch konditionierten Blickwendung nicht existiert. Dieser Zuschnitt der Erkenntnis verschließt sich nun der Prognostik und der Begreifbarkeit des Zukünftigen. Und so verwundert es nicht, wenn schon Max Weber Anfang der 1 920er-Jahre betont: „Wer,Schau 1 wünscht, gehe ins Lichtspiel; sie wird ihm heute massenhaft auch in literarischer Form auf eben diesem Problemfeld geboten. Nichts liegt den überaus nüchternen Darlegungen dieser der Absicht nach streng empirischen Studien ferner als diese Gesinnung. Und - möchte ich hinzusetzen - wer .Predigt* wünscht, gehe ins Konventikel.“ 27 Eine Soziologie, die die Wandelbarkeit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Rechnung stellt und die Unvorhersehbarkeit von Künftigem voraussetzt, rückt zugleich die - dahingehend keineswegs so nüchterne - Faszination an den mannigfaltigen Wirklichkeiten und deren Rekonstruktion ins Zentrum. Daraus leitet sich eine Sichtweise ab, die gezielt neugierig und unvoreingenommen, statt prognostisch oder gar prophetisch, danach fragt, wo, wie, durch wen und in Bezug worauf Zukunft sozial relevant gemacht wird. Festgehalten werden muss dabei mit Reinhold Popp, der sich an den Ansprüchen der Zukunftsforschung abarbeitet: „Zukunft existiert (noch) nicht und lässt sich daher - im engeren Sinne des Begriffs Zukunftsforschung - nicht erforschen! (...) Zukunftsforschung kann nämlich - jedenfalls im Bereich der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften - nicht,vorausschauen 1 , sondern nur die vielfältigen Formen der gegenwärtigen individuellen und institutionellen Auseinandersetzungen mit der Zukunft erforschen, also Zukunftsbilder, -pläne, -programme, -ängste, -wünsche, -hoffnungen, -befürchtungen, -projektionen, -Vorstellungen u. ä.“ 28 Sehr ähnlich heißt es bei Hans-Georg Soeffner, der ebenso die Gegenwartsverankerung von Zeitbezügen betont: „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind von der - sich ständig bewegenden und verändernden - Gegenwart bestimmte Zuwendungsformen zu unseren sich ebenfalls ständig bewegenden 27 Max Weber: Vorbemerkung. Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Tübingen 1988, S. 14, zit. durch Knoblauch, Schnettler, siehe Anmerkung 18, S. 41. 28 Reinhold Popp (Hg.): Zukunft und Wissenschaft. Wege und Irrwege der Zukunftsforschung. Band 2, Berlin, Heidelberg 201 2, S. 18, zitiert in: Leila Akremie: Kommunikative Konstruktion von Zukunftsängsten: Imaginationen zukünftiger Identitäten im dystopischen Spielfilm. Wiesbaden 2016, S. 5. 19 Tilo Grenz und verändernden Erinnerungen und Erwartungen .“ 29 Das Folgende schließt an jüngere Arbeiten an, die dezidiert Konstruktionen von Zukunft fokussieren: Zu nennen wäre die Forschung zu „Pioniergemeinschaften“ 30 , zu Forschungslabors 31 oder zu „Zukunftsängsten“ im Medium Spielfilm 32 , sowie Überlegungen zu Methodenfragen, die die Möglichkeiten der Erforschung solcher mithin hochaktuellen Phänomene zum Thema haben . 33 Im Folgenden werden zwei Fälle aus dem Feld gegenwärtiger Informations- und Kommunikationstechnik herangezogen, um an diesen einen möglichen soziologisch-empirischen Zugriff auf Zukunft aufzuzeigen. Zum Thema wird damit der Umstand, dass und inwiefern individuelle und kollektive Zukunft im ,Hier und Jetzt 1 sozial relevant gemacht wird. Die Auseinandersetzung mit Zukunft nimmt hierbei die Gestalt von Technikentwurf, Technikgestaltung und Technikadaptation an und erfolgt mit Blick auf Anbieter, Betreiber und Entwickler, also auf diejenigen, die Medientechnik konzipieren, ausgestalten, anbieten und betreuen . 34 29 Hans-Georg Soeffner: Die Zukunft der Soziologie, in: Ders. (Hg.): Transnationale Vergesellschaftungen. Verhandlungen des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010. Herausgegeben in deren Auftrag von Hans-Georg Soeffner. Wiesbaden 2013, S. 48. 30 Andreas Hepp: Pioneer communities: Collective actors of deep mediatisation, in: Media, Culture & Society 38 (2016), Heft 6, S. 918-933. Das Konzept stützt sich auf ethnographische Forschung zu „Makern“ und zur „Quantified-Self“ Bewegung, die hinsichtlich ihres Versuchs der gezielten Einflussnahme auf den Medienwandel betrachtet werden, wobei u. a. die gemeinschaftsstiftende und Agenda-setzende Relevanz spezifischer Zukunftsszenarien herausgestellt wird. 31 Paul Rabinow, Talia Dan-Cohen: A Machine to Make a Future. Princeton 2005. Darin geht es um Molekularbiologen in einer Biotech-Company („Celera Diagnostics“). Im Fokus stehen die Biologen, die an der,vordersten Front 1 der Genomentschlüsselung arbeiten und dabei an einem Sequenzer operieren. Die Autoren halten fest, dass der Erfolg dieses Unterfangens zwar hochgradig unsicher sei, dass aber diese Maschine, so sie funktioniert, die Zukunft nachhaltig prägen würde: „Should this enterprise succeed, it would no doubt be an important machine, one that would make a future.“ (S. 2) 32 Akremie, siehe Anmerkung 28. 33 Michi Knecht: Ethnographische Praxis im Feld der Wissenschafts-, Medizin und Technikanthropologie, in: Stefan Beck, Jörg Niewöhner, Estrid Sorensen (Hg.): Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung. Bielefeld 201 2, S. 245-274; Tilo Grenz: Für eine gegenwartsdiagnostisch orientierte Ethnographie, in: Ronald Hitzier, Simone Kreher, Angelika Po- ferl u. a. (Hg.): Old School - New School. Zur Frage der Optimierung ethnographischer Datengenerierung. Essen 2016, S. 81-95. 34 Tilo Grenz: Mediatisierung als Handlungsproblem. Eine wissenssoziologische Studie zum Wandel materialer Kultur. Wiesbaden 2017; Tilo Grenz, Michaela Radenhauer: Kulturen im Wandel: Zur nonlinearen Brüchigkeit von Mediatisierungsprozessen, in: Friedrich Krotz, Cathrin Despot- ovic, Merle Marie Kruse (Hg.): Mediatisierung als Metaprozess. Transformationen, Formen der Entwicklung und die Generierung von Neuem. Wiesbaden 2016, S. 187-210; der referenzierte Text gibt eine kondensierte Zusammenstellung der Zielstellungen und Ergebnisse dieser Perspektive auf Mediatisierungsprozesse. Die im Folgenden kurz paraphrasierten Fallbeispiele waren Gegenstand unserer Forschung im DFG-finanzierten Projekt „Mediatisierung als Geschäftsmo- dell“ (Leitung: Prof. Dr. Michaela Radenhauer), das seinerseits ein Teilprojekt im interdisziplinären Schwerpunktprogramm 1505 „Mediatisierte Welten“ war. 20 Präsenstechniken und ihre Spuren Vergegenwärtigung und Gegenwart - Zwei aktuelle Fälle Mediatisierte Fitness Das erste Beispiel basiert auf einer Organisationsethnographie in einem Tochterunternehmen einer europaweit etablierten Fitnessstudiokette. Das Mutter-Unternehmen hatte sich seit den 1990er-Jahren im Bereich des sogenannten „Studiotrainings“ etabliert, 35 das im Kern darauf basiert, trainingswilligen Kundinnen den Raum und die Ressourcen, d. h. etwa Hanteln, Trainingsgeräte und vor allem Trainingspläne, zur individuellen körperorientierten Betätigung bereitzustellen. Mit der Auskopplung eines Tochterunternehmens verband sich die Idee, unter Rückgriff auf digitale Medienformate ein zeitgeistiges Geschäftsmodell als Parallelstrategie zu verfolgen. Auf einer Online-Plattform sollten Nutzerinnen für ihre, wie auch immer gearteten und wodurch auch immer motivierten, ernährungs- und bewegungsbezogenen Ziele den jeweils geeigneten Plan vorfinden. Dem Anleitungsgenre zugehörig ist der Trainingsplan, der Stationen, Übungen, Wiederholungen und grundlegende Zielstellung umfasst, im Fitness-Bereich fest etabliert und institutionalisiert. Das neue Angebot sah vor, verschiedene, seinerzeit zeitgeistige, webbasierte Softwareanwendungen auf einer Plattform zusammenzuführen. Die Tools ermöglichten es Nutzerinnen zum einen, anbieterseitig vorbereitete Pläne ausfindig zu machen, zu modifizieren und zu nutzen. Im Zentrum standen, zum anderen, solche Inhalte, die von Nutzerinnen erstellt und modifiziert werden sollten (user generated content) und zudem das wechselseitige (thematische) User-Feedback zu individuellen Trainingskonzepten. Das Konzept bestand darin, dass User sich für jeden Trainingstag eigenständig Trainingseinheiten in minutiös-detaillierten Teilschritten per Mausklick zusammenstellen, wahlweise aber auch Pläne teilweise oder komplett übernehmen, die andere Nutzerinnen auf die Plattform gestellt haben. Letztere, d. h. theoretisch unbegrenzt viele von Nutzerinnen entwickelte Trainingspläne bildeten die substantielle Basis der als neuartig begriffenen Geschäftsidee. Mit dieser Konzeption verband sich das Zukunftsszenario, die einst primär körperliche Aktivität um eine translokale, d. h. nicht mehr räumlich gebundene 35 Im Anschluss an Michi Knecht (siehe Anmerkung 33, S. 268), die mit Blick auf die Debatte zum ethnographischen Präsens die mangelnde Historizität und Wandel-Sensibilität von Präsensbeschreibungen konstatiert, wird im Folgenden gezielt die Vergangenheitsform verwendet; siehe Anmerkung 33. 21 Tilo Grenz Planungsaktivität am heimischen bzw. am mobilen Bildschirm zu erweitern . 36 Physische und geistige Aktivitäten verschmelzen hierbei in spezifischer Weise. Charakteristisch für diese Vorstellung des Trainierens ist die herbeigeführte Selbstbezüglichkeit der Fitness-Treibenden . 37 Schritt für Schritt sollte die im Tochterunternehmen vorangebrachte Mediatisierung des Trainierens, durch den Ausbau der bestehenden Infrastruktur der Fitness-Studios um Schnittstellen zum medientechnischen Handlungskontext ausgeweitet werden. Diese umfassende Anlage einer medial vernetzten Fitness-Infrastruktur sollte mittelfristig einen wettbewerbsstrategisch vorteilhaften Innovationsdruck am Fitness-Markt erzeugen. Die technische Gestalt der Online-Plattform war nicht das Ergebnis der Umsetzung eines einmal fixierten und dann umgesetzten Entwurfs, sondern fortwährender Anpassungen. Denn die datenarchitektonische Qualität digitaler Medien, die sich als Spurengeneratoren 38 charakterisieren lassen, ermöglichte es den Betreibern, die Inanspruchnahme von Features, Eingabebereichen, Seiten und Seitenbereichen der Plattform detailliert zu registrieren, zu analysieren und zu bewerten. Solcherlei Daten, die die Betreiber als Spuren werteten, wurden durch Programme der sogenannten Echtzeit-Webanalyse generiert, veranschaulicht und der Interpretation zugeführt. Dadurch wurde permanent numerische Evidenz in Form von Zahlenangaben und Abbildungen generiert. Die Konsequenz dieser Spuren-Evidenz bestand darin, dass die Betreiber wieder und wieder Überarbeitungen, Umgestaltungen und Revisionen am Medium Vornahmen. Der rechtliche Status nutzergenerierter Trainings- und Ernährungspläne blieb anhaltend unsicher. Wie sich die Beteiligungsmotivation der User in diesem breiten Möglichkeitsraum mittel- bis langfristig entwickeln würde blieb schlicht- weg unvorhersehbar. Zudem stellte sich für die Plattform aufgrund des immerfort einwirkenden Datenflusses und seines Aufforderungscharakters eine permanente Unruhe ein. Diese Unsicherheitsmomente resultierten schließlich in einem drastischen Strategiewechsel: Entgegen der breiten Orientierung an 36 Andreas Hepp, Matthias Berg, Gindy Roitsch: Die Mediatisierung subjektiver Vergemeinschaftungshorizonte: Zur kommunikativen Vernetzung und medienvermittelten Gemeinschaftsbildung junger Menschen, in: Friedrich Krotz, Andreas Hepp (Hg.): Mediatisierte Welten. Forschungsfelder und Beschreibungsansätze. Wiesbaden 2012, S. 227-256; Grenz, siehe Anmerkung 34, S. 75. 37 Grenz, siehe Anmerkung 34. 38 Tilo Grenz, Heiko Kirschner: Unravelling the App Store: towards an interpretative perspective on tracing, in: International Journal of Communication. Special Issue .Digital Traces in Context' Volume 1 2 (201 8), S. 61 2-628. 22 Präsenstechniken und ihre Spuren zeitgeistigen Formaten der nutzergenerierten Inhalte und Vernetzung entschied man sich dagegen, Pläne von Nutzerinnen für alle Nutzerinnen einzubinden und dafür, auf Trainingsinformationen von einschlägigen Expertinnen zu setzen. In die menschengemachte Gestalt und Gestaltung der Technik ist in diesem Fall ein Zeithorizont eingezogen, denn in der nutzerführenden Oberfläche, mitsamt ihrer Buttons, Eingabe- und Seitenbereiche etc., und in die gleichsam dahinterliegende Softwaregestalt, die Trainingsplansuche und -gestaltung ermöglichen, ist der Entwurfscharakter des Handelns berücksichtigt - eine Charakteristik, die im Übrigen nicht nur digitalen Techniken zu eigen ist, die aber gleichwohl nicht in jegliche Technik eingezogen ist und auch durchaus unterschiedliche medienphänomenologische Effekte zeitigt . 39 In der Planungskomponente, die bereits in der Wendung Trainingsplan augenscheinlich ist, kommt plastisch zum Ausdruck, inwiefern die Ausrichtung bestimmter (Teil-)Aktivitäten das in der individuellen Zukunft als erreicht imaginierte (Teil-)Ziel voraussetzt. Auch wenn sie in der routinierten Verwendung unsichtbar werden, gehorchen Medien der alltäglichen Lebensverrichtung der Logik einer prinzipiellen Vorentworfen- heit des Handelns (und seiner Teilschritte), das wiederum einer sequenziellen first-things-first-Reihung folgt. Neben dieser medienarchitektonischen Tiefendimension des Zukunftsbezugs verweist das Beispielfeld auf einen bestimmten Bezugshorizont, d. h. auf ein Verhältnis, in das Gegenwart und Zukunft hier in sozialen Deutungs- und Gestaltungsprozessen gesetzt werden. Ausgangspunkt ist eine Zukunftserwartung, mit der das vernetzte Trainieren eigenverantwortlicher Akteure zentral gestellt wird, und zwar als ein Zustand, der gezielter Herstellungsakte in der Gegenwart bedarf. Abstrakter ausgedrückt: Leitend ist die Annahme einer notwendigerweise dirigierten, linearen Fortentwicklung von der Gegenwart auf ein (Fern-)Ziel hin. Zukunft gerät damit, sozusagen handlungsfeldspezifisch, zu einem Plan, der mittels Lenkung und Regulierung hervorgebracht werden kann bzw. soll. Gegenwart und Zukunft befinden sich in einer Relation, die durch Kontinuität charakterisiert ist. De-Mediatisierte Kommunikation Während im vorherbeschriebenen Beispiel der Fitness-Plattform soziale, räumliche und zeitliche Entgrenzungen zum Ausdruck kommen, die im Sinne einer linearen Entwicklungsperspektive sozial relevant gemacht werden, folgt das zweite Beispiel einer anderen Logik: Unter der begrifflichen Klammer 39 Paul Eisewicht, Tilo Grenz: App-Fotografie - Zur Veralltäglichung interpretativer Konservierung, in: Thomas Eberle (Hg.): Photogaphie und Phänomenologie. Bielefeld 2017, S. 117-132. 23 Tilo Grenz „De-Mediatisierung“ geht es um die mit unterschiedlichen Motiven verknüpfte, gezielte Begrenzung der medientechnisch induzierten Entgrenzung . 40 Damit gerät ein breites Spektrum gegenwärtiger Phänomene in den Blick, worunter z. B. gegenwartsdiagnostisch orientierte Sachliteratur, Achtsamkeitsangebote, oder Bewegungen wie „slow media“ fallen. An dieser Stelle soll allerdings wieder ein konkretes Beispiel aus der Mediatisierungsforschung zu mediatisierten Geschäftsmodellen und dabei aus dem Bereich kommerzieller Digitalmedien herangezogen werden: eine sogenannte Blocking App . 41 Blocking Apps haben in den letzten Jahren erhebliche Verbreitung erfahren . 42 Es handelt sich um einen Typus mobiler Applikationen, der mittlerweile dem Genre der productivity-Apps zugerechnet wird. Ihre Zwecksetzung finden diese Anwendungen als Informations- und Kommunikations-Blocker, die also Websites unerreichbar und Kommunikationskanäle gezielt ,kappen* sollen. Im betrachteten Fall wurde die - in den einschlägigen App Stores - angebotene und über eine zusätzliche Website vermarktete App mittels einer bestimmten Kommunikationsstrategie aufgeladen. So wurde der Nutzwert der App in der Außendarstellung gezielt mit einer Problembestimmung verknüpft, die in aktuellen massenmedialen Darstellungen omnipräsent war: die fortwährende Ablenkung von alltagsweltlich (eigentlich) notwendigen, wesentlichen bzw. entscheidenden Angelegenheiten, deren - argumentativ als solche in Stellung gebrachte - Ursache in der Digitalisierung aller Lebensbereiche verödet wurde. Damit wurde das zeitgeistige Narrativ einer „digital distraction “ 43 aufgegriffen und Technik als omnipräsenter „Störfaktor“ präsentiert (Interview), womit das Geschäftsmodell 40 Tilo Grenz, Michaela Radenhauer: De-Mediatisierung: Diskontinuitäten, Non-Linearitäten und Ambivalenzen im Mediatisierungsprozess (Einleitung), in: Michaela Radenhauer, Tilo Grenz (Hg.): De-Mediatisierung: Diskontinuitäten, Non-Linearitäten und Ambivalenzen im Mediatisierungsprozess. Wiesbaden 2017, S. 3-23. Unter dem Schlagwort „De-Mediatisierung“ werden solche Gegenstände subsumiert, die als ein Sich-Widersetzen gegen soziale und kulturelle Konsequenzen des informations- und kommunikationstechnischen Fortschritts zu bestimmen sind. Die soziologische Auseinandersetzung mit De-Mediatisierung beansprucht, die nur selten gezielt betrachteten .Kehrseiten 1 mehr oder weniger abstrakter Mediatisierungstendenzen (z. B. Vernetzung, Beschleunigung, De-Lokalisierung, Verdatung etc.) zum Gegenstand zu machen bzw. genauer: zu betrachten, wie, durch wen, und mit welchen Konsequenzen medialer Fortschritt behandelt wird. 41 Auch dies ist ein Fall aus dem bereits in Anmerkung 34 beschriebenen Forschungszusammenhang. 42 Siehe zum folgenden Fall auch Heiko Kirschner: Zurück zu den wirklich wichtigen Dingen - Blo- cking-Apps als milde Lösungen für problematisierte Mediatisierungstendenzen, in: Radenhauer, Grenz, siehe Anmerkung 40, S. 225-236. 43 Matt Ritchel: Growing up digital, wired for distraction, in: The New York Times, 21.11.2010. 24 Präsenstechniken und ihre Spuren eine gegenwartsdiagnostische Seitenlage erhielt . 44 Das Unternehmen partizipierte zugleich rekursiv am massenmedialen Diskurs, indem es Presseberichte über das eigene Unternehmen bzw. Produkt in die organisationale Selbstbeschreibung integrierte. Auch wenn die jeweilige Überzeugungstiefe der Personen, nämlich gegen die mediale Entgrenzung der Erreichbarkeit zu opponieren, in Frage gestellt werden kann, so können diese Anbieter als Akteure einer „Politisierung der Nebenfolgen“ neuer Technologien bestimmt werden . 45 Das Angebot - die App mitsamt den verbreiteten Erläuterungen - wurde als Lösung auf das gesellschaftliche Problem der Ablenkung beschrieben, d. h., als gleichsam instrumenteile Gegenstimme zum ansonsten unaufhaltsamen informations- und kommunikationstechnischen Fortschritt. Diese Hintergrundannahme korrespondiert auch bereits mit dem vergleichsweise einfachen Funktionsumfang der App in ihrer ersten Version: Nutzerinnen konnten über einen Sperrbildschirm die Informationen und Signale (z. B. Anrufe und E-Mails) konkreter Kontakte blockieren. Ein Update des ursprünglichen Funktionsumfangs ergänzte Features, mit denen Nutzerinnen ihr eigenes Mediennutzungsverhalten statistisch detailliert aufgeschlüsselt und mittels visueller Abbildungen rückgemeldet wurde. Nutzerinnen orientierten sich an diesen Rückmeldungen. Sie griffen die Informationen massenweise als Zeitbudgetressource auf, um das eigene Medienhandeln in Augenschein zu nehmen und anzupassen. Ein Teil der Inanspruchnahme der neuen Produktversion korrespondierte mit der Problemkonstruktion und der angebotenen Lösung der Anbieter. Eine Einsicht der Anbieter aus der permanent mitlaufenden Verdatung des Nutzerinnenhandelns bestand darin, dass die Zahl derjenigen in unvorhergesehener Weise zunahm, die wegen ihrer zunehmend reflektierten und modifizierten Mediennutzung auf die App sukzessive verzichteten. Dies aber stellte insofern ein erhebliches Problem dar, als das Sammeln, Aggregieren und Verkaufen von Nutzungsdaten ein Kernelement des Geschäftsmodells darstellte. Dieses wurde nun, mit der massenhaften Nicht-Nutzung, die im Sinne der 44 Dies erinnert an die bei Michael Hutter, Hubert Knoblauch, Werner Rammert und Arno Windeier (2011) beschriebene Logik einer reflexiven Innovation, insofern zeitdiagnostische Debatten im Zuge von Innovationen, die einen Eigenwert erhalten haben, geradezu ,reflexartig’ in aktuelle Entwicklungstätigkeiten eingezogen werden und den Gang und die Richtung von (technischen) Veränderungen beeinflussen; Michael Hutter, Hubert Knoblauch, Werner Rammert u. a.: Innovationsgesellschaft heute: Die reflexive Herstellung des Neuen, in: Technical University Technology Studies Working Papers, 4 (2011), S. 1-29. 45 Ulrich Beck, Wolfgang Bonss, Christoph Lau: The Theory of Reflexive Modernization: Problematic, Hypotheses and Research Programme, in: Theory, Culture & Society 20 (2003), Heft 2, S. 1-33. 25 Tilo Grenz problematisierten Ausuferung der digitalen Kommunikation eigentlich einen Erfolg bedeutete, bedroht. Als Antwort auf die zunehmende Nicht-Nutzung entschied man sich für eine erneute Funktions-Erweiterung der App: Der App wurden nun „Gamification- Maßnahmen“ (Feldzitat) hinzugefügt, um Nutzerinnen an das Produkt zu binden. Weitere solcher Maßnahmen fanden dann auch in anderen Bereichen des Angebots statt. Mit der Aussicht auf eine Belohnung, sollten Nutzerinnen dem Unternehmen ihren Blocking-Erfolg schriftlich in Form kleiner,Stories' mitteilen, um diese wiederum auf der Website platzieren und über Social-Media-Kanä- le verteilen zu können. Bestand also das ursprüngliche Ziel darin, Nutzerinnen mittels Digitaltechnik vom Bildschirm zu lösen, so führte die Kommerzialität des Angebots zusammen mit der unvorhergesehenen Nutzung dazu, Nutzerinnen gezielt an den Bildschirm zu binden. Auch dieses digitale Medium reflektiert das handlungslogische Prinzip des Entwurfs, d. h. einem mehr oder weniger klaren, in der Zukunft liegenden Ziel oder Teilziel, an dem sich (Teil-)Aktivitäten im Hier und Jetzt orientieren. Ein Unterschied zum ersten Medientypus ergibt sich allerdings in Bezug darauf, dass nicht die anhaltende, minutiöse und jeweils im Entwurf verfasste Planung in der Gestalt des Mediums berücksichtigt (und gleichermaßen geprägt) wird, sondern, dass hierbei im planenden Vorausgriff Entscheidungen getroffen werden, deren Umsetzung (d. h. etwa konkret: die Deaktivierung des Dateneingangs für eine bestimmte Zeitspanne) an die Technik delegiert wird. Schließlich wird auch in diesem Fall ein bestimmter, vom ersten Fall zu unterscheidender zeitlicher Bezugshorizont erkennbar: Ausgangspunkt ist hier nicht ein herbeizuführender Zustand, sondern die Annahme, dass sich im Zuge des technischen Fortschritts ein Zustand stabilisiert, der bereits die Gegenwart prägt und durch die fortschreitende Ausdehnung zeitlicher, sozialer und räumlicher Entgrenzungen gekennzeichnet ist. Der partielle Verzicht, der durch das entsprechende Medienrepertoire (u. a. Blocking Apps) zu erreichen ist, wird damit beiläufig als ein diskontinuierliches Moment im ansonsten kontinuierlich voranschreitenden Wandel begriffen. Gegenwart und Zukunft stehen somit in einer Relation, die durch Diskontinuität gekennzeichnet ist. Präsenstechniken als Spuren in die Gegenwart In beiden Fallbeispielen finden sich je unterschiedliche und auf anderen Ebenen verlaufende Zukunftserwartungen: Zum einen geht es um ein Trainings-Szena- 26 Präsenstechniken und ihre Spuren rio, in denn TrainierendeR und Trainerin technisch induziert in Personal-Union auftreten (sollen), zum anderen eine als problematisch hypostasierte Gegenwart und in puncto allgegenwärtiger Distraktion abzuwendende Zukunft. Es zeigt sich, dass damit analytisch verschiedene Bezugshorizonte differenziert werden können: Dominiert im einen Feld die Annahme einer herbeizuführenden bzw. herbeiführbaren Zukunft (im Sinne einer „Vision“), dominiert im anderen Fall die Annahme einer Zukunft, die durch Intervention (partiell) abgewendet oder immerhin individuell umgelenkt werden kann. Dieser Unterschied spiegelt sich auch wider in der wirtschaftswissenschaftlichen Differenzierung von strategischem Management (im Sinne ,,visionäre[r] Zukunftsvorstellungen“) und strategischer Planung (im Sinne „sich bereits in der Gegenwart abzeichnen- de[r] Entwicklungstendenzen, welche in die Zukunft extrapoliert werden “). 46 Wie gezeigt wurde, sind die artikulierten und auch stillschweigend mitlaufenden Bezugshorizonte eng mit den jeweiligen Ausgestaltungen und Potentialen digitaltechnischer Apparate verzahnt. Für diese Apparate ist eine bestimmte Dynamik zu gewärtigen, bei der beständig medienbezogenes Handeln vor-entworfen wird und dieser Entwurf gleichermaßen empirisch im Hier und Jetzt validiert und angepasst wird. Neben den Relevanzierungen von Zukünften, die sich aus je unterschiedlichen (Produkt-)Ansprachen und Digitaltechniken rekonstruieren lassen, erweisen sich in beiden Fällen - früher oder später - softwaretechnische und organisational Rückkopplungen bzw. „feedback loops“ zwischen aktueller Medieninanspruchnahme und möglicher Modifikation als Momente, die die Strategien der Anbieter mithin erheblich irritieren und zu Wendepunkten führen : 47 Die permanent die Medien begleitende Nachjustierung basiert auf einem Kerncharakteristikum digitalen Materials, das im laufenden Betrieb observational fundiert und funktional orientiert verändert wird . 48 Grundlage hierfür ist die bezeichnende Doppelstruktur digitaler Medien, die einerseits Ressource alltäglichen Handelns (bzw. ökonomisch ausgedrückt: Produkt) und zugleich ein differenziertes Beob- 46 Sascha Kraus: Strategische Planung und Erfolg junger Unternehmen. Wiesbaden 2006, S. 37. 47 Grenz, Kirschner, siehe Anmerkung 38; Tilo Grenz, Gerd Möll, Jo Reichertz: Zur Strukturierung von Mediatisierungsprozessen. Überlegungen zu einer Theorie der reflexiven Mediatisierung am Beispiel von Poker, Fitness und Rechtsmedizin, in: Friedrich Krotz, Cathrin Despotovic, Merle Marie Kruse (Hg.): Die Mediatisierung sozialer Welten: Synergien empirischer Forschung. Wiesbaden 2014, S. 73-91; Scott Lash: Reflexivity as non-linearity, in: Theory, Culture & Society 20 (2003), S. 49-57, hier S. 50. 48 Grenz, siehe Anmerkung 34, S. 177-1 80. 27 Tilo Grenz achtungsinstrumentarium, also hier: eine moderne Ressource der betrieblichen Vergewisserungspraxis, sind . 49 Allein schon empirisch wäre es allerdings ein Kurzschluss, die Datenaggregation (Benutzungsdaten) und die anbieter- bzw. entwicklerseitige Modifikation der Medientechnik in ein kausal-deterministisches Ursache-Wirkungs-Verhältnis zu setzen. Wesentlich ist vielmehr die sozial abgeleitete und erhandelte Relevanz, die diesen technisch aggregierten und veranschaulichten Daten beigemessen wird. Erst wenn Akteurlnnen den (oftmals numerischen) Daten einen Indiziencharakter zuschreiben, erst wenn die Daten so interpretiert werden, als seien sie beiläufig hervorgebracht, erst dann gewinnen sie handlungspraktische Evidenz. Denn erst dann werden sie sozial als (digitale) Spuren relevant gemacht, die auf ihren Hinweischarakter hin von Akteurlnnen betrachtet, gedeutet und als Ausgangspunkt möglicher notwendiger Anpassungsmaßnahmen verstanden werden . 50 In diesem Sinne handelt es sich bei digitalen Medien in ihrer Anlage als in ihrer technischen Gestalt offene .Spurengeneratoren’ um Präsenstechniken. Im modus operandi der Spurenevidenz drängen sie sich Betreiberinnen und Entwi- cklerlnnen regelrecht auf, sie führen aber insbesondere dazu, den mithin wertbeladenen Fokus auf die zu gestaltende oder aufziehende Zukunft zugunsten einer Aufmerksamkeit auf präsente Problemstellungen aufzugeben, zumindest zur Seite zu stellen. Präsenstechniken sind dergestalt prototypisch für eine im doppelten Sinne reflexive Gestalt heutiger (Digital-)Technik: Als offene bzw. offen gehaltene Systeme basieren sie erstens auf einer Logik permanent einlaufender Informationen, stabilisieren also institutionalisierte Dauerreflexion im Technischen. Insofern führt eine Zunahme des (Experten-)Wissens keineswegs zur Steigerung der Beherrschbarkeit, Planbarkeit und Rationalisierbarkeit und so nimmt dieses sozio-technische Gefüge den Charakter ,,hergestellte[r] Unsicherheit“ an . 51 49 Tilo Grenz: Digitale Medien und ihre Macher. Mediatisierung als dynamischer Wechselwirkungsprozess, in: Tilo Grenz, Gerd Möll (Hg.): Unter Mediatisierungsdruck. Änderungen und Neuerungen in heterogenen Handlungsfeldern. Wiesbaden 2014, S. 19-50. 50 Grenz, siehe Anmerkung 34, S. 145; Grenz, Kirschner, siehe Anmerkung 38; grundlegend: Sybille Krämer: Was ist also eine Spur? Und worin besteht ihre epistemologische Rolle? Eine Bestandsaufnahme, in: Sybille Krämer, Werner Kogge, Gernot Grube (Hg.): Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Frankfurt am Main 2007, S. 11-33. Die bei Krämer als Kerncharakteristikum verstandene „Unmotiviertheit“ von Spuren ist allerdings Gegenstand sozialer Zuschreibung, wie dies im vorliegenden Fall beschrieben wird. 51 Anthony Giddens: Risiko, Vertrauen und Reflexivität, in: Ulrich Beck, Anthony Giddens, Scott Lash (Hg.): Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt am Main 1996, S. 317. 28 Präsenstechniken und ihre Spuren Zweitens drückt sich die reflexive Gestalt gegenwärtiger (Digtal-)Techniken in ihrem Selbstkonfrontations- bzw. Selbstgefährdungspotential aus, wie dies beide herangezogenen Fallbeispiele illustrieren. Die Wechselseitigkeit von datenbasierter Beobachtung der Inanspruchnahme und des wiederholten Umbaus der Medienarchitektur hat das Potential, ursprüngliche Zielstellungen zu unterminieren. Die institutionalisierte Dauerreflexion zeitigt nicht-intendierte Nebenfolgen, die, wie gezeigt, ganz maßgeblich die Relation von Gegenwart und Zukunft betreffen. Deutlich kommt dies an den drastischen Strategiewechseln in beiden Fallbeispielen zum Ausdruck. Im Fall der Fitness-Plattform werden avancierte mediale Features zurückgenommen (mit dem Risiko, das ökonomisch relevante Innovationspotential einzubüßen), im Fall der Blocking App wird die ursprüngliche Zielsetzung gleichsam in ihr Gegenteil verkehrt und alles unternommen, um Kunden an den Bildschirm zu binden (mit dem Risiko der Unglaubwürdigkeit). Die Lösung von Problemen im Hier und Jetzt der Gegenwart dominiert letztlich die Handlungsprogramme, die eigentlich auf die soziale Herstellung einer in bestimmter Weise artikulierten Zukunft gerichtet sind. Der Motor dieser Umgewichtung findet sich in der Dominanz der Nebenfolgenbearbeitung, die sich mit Scott Lashs pointierter Charakterisierung der reflexiven Moderne beschreiben lässt: „Here system dis-equilibrium and change are produced internally to the system through feedback loops. These are open systems. Reflexivity now is at the same time system destabilization. Complex systems do not simply reproduce. They change. It is the ‘chaos’ or noise of the unintended consequences that leads to system dis-equilibrium .“ 52 Mit der Einsicht, dass „Akteursstrategien [...] kontraintentionale Effekte“ und unvorhergesehene Nebenfolgen zeitigen, die nicht stillzustellen sind, verbindet sich somit, zusammenfassend, eine Wendung, die die dominanten Zeithorizonte betrifft . 53 Die prinzipielle Nicht-Prognostizierbarkeit der Zukunft verschiebt die Relation von Gegenwart und Zukunft, womöglich nicht nur hin zur „Selbst-The- matisierung von Kontingenz“ 54 , sondern in Richtung einer gegenwartscharakteristischen Aufwertung der Gegenwart, hin zu einem Präsentismus. Dies nun korrespondiert mit dem von Helga Nowotny betonten Umstand, dass die Frage 52 Lash, siehe Anmerkung 47, S. 50. 53 Manfred Moldaschl: Institutioneile Reflexivität. Zur Analyse von „Change“ im Bermuda-Dreieck von Modernisierungs-, Organisations- und Interventionstheorie, in: Michael Faust, Maria Funder, Manfred Moldaschl (Hg.): Die „Organisation“ der Arbeit. München, Mering 2005, S. 355-382, hier S. 363. 54 Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Wiesbaden 1991, S. 86. 29 Tilo Grenz danach, was Zukunft ist, wie, wo und von wem sie gesellschaftlich behandelt wird, nicht von Innovation und dessen zeithistorischen gebundenen Verständnissen loszulösen ist . 55 Wenn Nowotny folgert, dass an die Stelle der zunehmend als ungewiss etikettierten Zukunft im Zuge der Modernisierung „Innovation“ getreten ist, dann ist diese in erheblicher Weise in gegenwartsorientierten Absicherungsprozessen verankert. Trotz der Neuerungen, die hier mit Blick auf Präsenstechniken zur Diskussion gestellt werden, bleibt abschließend festzuhalten: Als Wissenschaft, die sich gleichsam exklusiv mit dem „menschlichen Zusammenleben, dessen Erscheinungsformen, Entstehungszusammenhängen und Folgewirkungen “ 56 befasst, ist die Soziologie, trotz ihrer begründeten Enthaltsamkeit in Sachen prognostizierender Aussagen, mehr denn je mit der Erwartung konfrontiert, Aussagen über aufziehende, anstehende oder gar drohende Entwicklungen zu liefern. Soziologie kann und wird Aussagen über die Zukunft stets als Gegenwartswissenschaft abgeben können - nochmals mit Friedrich Jonas gesagt: an der Erfahrung orientiert und Zukunft zugewandt. Dieser Beitrag soll vor Augen führen, worin dabei ihre Leistung liegt: Sie besteht darin, mit methodisch kontrolliertem und systematischem Zugriff die Pluralität der gesellschaftlichen (Zukunfts-) Konstruktionen zu rekonstruieren, indem sie danach fragt, wo, durch wen, wie und mit welchen (auch nicht-intendierten) Effekten Zukunft sozial relevant gemacht und hervorgebracht wird. 55 Helga Nowotny: Introduction: The Quest for Innovation and Cultures of Technology, in: Helga Nowotny (Hg.): Cultures of Technology and the Quest for Innovation. New York 2006, S. 2-23. 56 Ronald Hitzier: Perspektivenwechsel. Über künstliche Dummheit, Lebensweltanalyse und Allgemeine Soziologie, in: Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 4 (1997), S. 5-18, hier S. 5. 30 Ware Zukunft Florian Bettel Ware Zukunft - Erzählung und Kommerzialisierung von Fortschrittsdenken im 19. Jahrhundert Einleitung Große technische Visionen werden in der Politik, auf Ebene von Wirtschaftsunternehmen und nicht zuletzt in der Populärkultur verhandelt. So sorgt derzeit ein neuartiges Transportsystem für Furore, das 201 2 vom Ingenieur und Unternehmer Elon Musk (* 1971) präsentiert wurde. Musk schlägt mit dem „Hyperloop“ vor, Personen in luftleeren Röhren mit annähernder Schallgeschwindigkeit zu transportieren. Seither berichten Journalist/innen, Blogger/ innen und „Influencer“ in regelmäßigen Abständen über diese „Bahn der Zukunft“ 1 . Fotorealistische Renderings sowie erste Teststrecken lassen die Öffentlichkeit das futuristische Transportmittel erfahren, ohne dass es für Passagiere bislang tatsächlich zugänglich wäre. Musks Entwurf, Passagiere in Röhren auf hohe Geschwindigkeit zu beschleunigen, Strecken zu weit entfernten Orten schnellstmöglich zu überwinden, kann auf eine 200-jährige Geschichte zurückgreifen. Um 1 800 wurde die historische Vorlage des Hyperloop, die pneumatische Bahn, vermehrt in technischen Journalen behandelt. Seither erarbeiteten Ingenieure viele Varianten der Tunnelbahn, präsentierten und diskutierten diese - keine davon sollte jedoch jemals realisiert werden. Sie alle beschrieben ein Transportsystem der Zukunft, ohne jemals in der Gegenwart anzukommen. Dennoch begründeten einige dieser Konzepte den unternehmerischen Erfolg der Ingenieure, die sie bekannt gemacht hatten. So zeigt sich, dass es diesen Ingenieuren durch das geschickte Spiel mit der Öffentlichkeit gelang, die Aufmerksamkeit, die sie für ihren Projektvorschlag erhalten hatten, für die Umsetzung eines verwandten Projekts zu verwerten. 2 Mit Zukunftsentwürfen lässt sich Geld machen, dies gilt nicht nur für Ingenieure, sondern auch für die Populärkultur. Herausgeber/innen illustrierter Blätter und 1 Paul Schneeberger: Studenten der ETH entwerfen die Bahn der Zukunft, in: Neue Zürcher Zeitung, 28.7.2017, online unter: www.nzz.ch/schweiz/hyperloop-1000-kmh-fuer-die-schweiz-und- europa-ld.1308253 (14.2.201 8) 2 Florian Bettel: Futures & Options. Utopische Bildwelten des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Wiener Rohrpost, in: Eberhard Miner, Matthias Winzen (Hg.): Technische Paradiese. Zukunft in der Karikatur des 19. Jahrhunderts. Oberhausen 2016, S. 207-225. 31 Florian Bettel populärwissenschaftlicher Periodika griffen die technischen Visionen gerne auf, berichteten über die sensationellen Entwürfe, spitzten diese zu oder machten sich - wie im Falle der Karikatur - darüber lustig. Populäre Autor/innen ließen die Entwürfe in ihre Fortsetzungsromane einfließen und Spieleproduzent/innen verwendeten die technischen Visionen als Ausgangspunkt für die Entwicklung von Brettspielen. Der vorliegende Beitrag möchte den Fokus auf die kommerzielle Verwertung von „Vorauserwartungen“ 3 legen. Er geht von der These aus, dass innerhalb eines transnationalen kulturellen Raums eine genreübergreifende Erzählung von technischen Zukünften in Populärkultur, Wirtschaft und Ingenieurswissenschaft vorausgesetzt werden muss, die als Grundlage für die Realisierung, d. h. Kapitalisierung, großer Infrastrukturprojekte dient. Die Erzählung schafft eine kollektiv geteilte und emotional aufgeladene Idee, die sich sowohl in der Populärkultur als auch in der technischen Praxis kommerziell verwerten lassen. Dieser These geht der Beitrag anhand der Geschichte der pneumatischen Bahn sowie ihrer Erzählungen nach. Der Schnellzug der Zukunft In den mondänen Schweizer Bade- und Luftkurorten bewegten sich wohlhabende Tourist/innen, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus aller Herren Länder angereist waren, in Wanderkleidung durch die Straßen. Es galt, die umliegenden Berggipfel zu besteigen, sich dabei anzustrengen und sich gegenseitig zeitlich zu unterbieten - oder eben nur den Schein zu wahren. Die Eidgenossen hatten den Tourismus bereits im 19. Jahrhundert als gern gesehene Einkommensquelle erschlossen und seither technische Errungenschaften dazu verwendet, um die Alpen zu untertunneln und mit Seil- oder Zahnradbahn die Berge für Reisende einfacher zugänglich zu machen. Der 1882 eröffnete Gotthardtunnel, ein Bauwerk, das international für Aufsehen sorgte, 4 schloss ehemals entlegene Regionen wie das Tessin an die Verkehrsströme des europäischen Festlandes an und öffnete sie für Reiselustige. 5 Für diejenigen, die sich dem Bergsteigen lieber 3 Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute. München 2017, S. 57. 4 Anonym: The St. Gothard Tunnel, in: Scientific American Supplement, 8.9.1877, S. 1392f.; Karl Mikolaschek: Die Maschinen beim Baue des Gotthardtunnels. Reisebericht, in: Technische Blätter (1877), S. 89-95; Franz Kreuter: Ueber Eisenbahnen im Gebirge, in: Zeitschrift des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins 15 (1884), S. 228-261, hier: S. 230f. 5 Agnes Gouzy, Catherine Donzel, Martin Rasper u. a.: Legendäre Reisen in den Alpen. München 2015, S. 10, 93. 32 Ware Zukunft entziehen oder aber sich davon erholen wollten, hatte der Luxustourismus viel zu bieten, um sich die Zeit etwas zu vertreiben. Auf einer Fahrt mit einem Dampfschiff über einen der wunderbar gelegenen Seen ließ sich das Alpenpanorama bestaunen, in den Billardcafes konnten sich die Spieler, wenn schon nicht wie bei einer Bergtour schwitzend, agonal messen und in den Salons der edlen Hotels wurde musiziert und gelesen (Abb. 1). Das Zerstreuung suchende Publikum fand in den eigens produzierten touristischen Periodika dieser Zeit die Themen wieder, denen sie auf ihren Reisen und Ausflügen ständig begegneten: Kritik an Geschäftsgebarungen von Eisenbahnunternehmen, Eröffnung neuer Bäder, neue Alpensportarten - kurz eine ungeheure Beschleunigung des Alpenraumes mit massivem Einsatz von Technik. LÜfPI Abb. 1 Schweizerhofquai in Luzern, zwischen 1881 und 1900 Quelle: Rijksmuseum Amsterdam, RP-F-00-5365-47 (CCO, Public Domain) In einem dieser Blätter, der Schweizer Hotel-Revue, konnte man 1906 vom „Schnellzug der Zukunft“ 6 erfahren. Die Schweizer Hotel-Revue erschien erstmalig 1892 mit dem selbstgesteckten Ziel, mit dem „stets reger werdenden 6 Jules [eigentl. Michel] Verne: Der Schnellzug der Zukunft, in: Schweizer Hotel-Revue, 21.4.1906, S. 2. 33 Florian Bettel Fortschrittssinn in kultureller und industrieller Beziehung Schritt [zu] halten.“ 7 Der Bericht über den Schnellzug der Zukunft entsprach der Blattlinie und so konnten die Leser/innen auf die fantastische Reise durch ein System aus unterseeischen Eisenrohren, verankert am Meeresgrund des Atlantik, mitgenommen werden. Das geschilderte neuartige Transportsystem verband Boston (USA) mit Liverpool (England), indem in „diesen Riesenröhren [...] eine Reihe Waggone angebracht werden [sollten], die durch künstlichen Luftdruck, ähnlich wie die Gegenstände in einer Rohrpost, fortbewegt würden.“ 8 Die prachtvoll ausgestatteten, elektrisch beleuchteten Salonwagen, pneumatisch auf rund 1000 Kilometer pro Stunde beschleunigt, ließen die Passagiere, so die Vision, die Strecke Boston-Liverpool in zwei Stunden und 40 Minuten zurücklegen. Trotz der enormen Geschwindigkeit der einzelnen Waggone, die „fast mit der Schnelligkeit einer Kanonenkugel“ durch die Röhren sausten, vermochte der Erzähler „nichts als ein dumpfes, ganz leises Geräusch“ zu vernehmen, „das, wie ich vermutete, durch die Fortbewegung unseres Zuges hervorgebracht wurde“ 9 - und das obwohl er aufmerksam und begierig lauschte. Den Tunnelausgang und damit das Ende der Fahrt erreichte der Erzähler im Übrigen nicht mehr. Er erwachte noch im Waggon aus seiner Fantasie, das revolutionäre Transportsystem erwies sich als Traumbild. Der Erzähler war über einigen amerikanischen Zeitungen eingeschlafen, die Grundlage seiner traumhaften Raserei durch den Atlantik waren, wie er sein Publikum wissen ließ. Seine Vision war mit dieser Bemerkung in der zeitgenössischen technischen Entwicklung verankert. Der Erzähler und der Autor der Geschichte teilten sich denselben Namen: Jules Verne. Der Autor Jules Verne (1 828-1905), der zum Zeitpunkt des Erscheinens des „Schnellzuges der Zukunft“ in der Schweizer Hotel-Revue bereits über ein Jahr tot war, hatte die Erzählung schon zuvor vielfach publizieren lassen. 10 Sie lässt sich bis in das Jahr 1888 zurückverfolgen, wo sie als „Un express de l’avenir“ in Le Figaro im September erschienen war. * 11 Der Autor Jules Verne war im Jahr 1906 bereits eine bekannte Marke, mit der sich Zukunftsdarstellungen gewinnbringend verkaufen ließen. Vernes Sohn Michel (1861-1925), der die kommerzielle Verwertung von Jules’ Werk übernommen hatte, war sich bewusst, welche Vermarktungsmöglichkeiten der Name seines Vaters bot. Mi- 7 Die Redaktion: Unser Antrittsprogramm, in: Schweizer Hotel-Revue, 1 2.3.1892, S. 1 f., hier: S. 1. 8 Verne, Schnellzug der Zukunft, siehe Anmerkung 6. 9 Ebd. 10 Bernd Fiessner: Tunnelblicker, in: mare. Die Zeitschrift der Meere 88 (2011), S. 74-79, hier: S. 76. 11 Michel Verne: Un express de l'avenir, in: Le Figaro. Supplement litteraire du dimanche, 1.9.1888, S. 138-139. 34 Ware Zukunft chel schrieb die Autorenschaft der Erzählung konsequenterweise seinem Vater zu, wo es hingegen Michel selbst war, der 1888 die Vision einer pneumatischen Unterseeverbindung zwischen Amerika und Europa in Le Figaro in Form einer Kurzgeschichte niedergeschrieben hatte. Die Erwähnung des Erzählers, er wäre über amerikanischen Zeitungen eingeschlafen, die über ein entsprechendes Geschäftsmodell eines gewissen Colonel Pierce berichteten, ließ sich Ende der 1880er-Jahre durchwegs anders kontextualisieren als 1906. Seit den 1860er-Jahren diskutierte man Pneumatik im urbanen Raum als zukünftige Antriebstechnik, in den 1870ern fand sie vor allem als Stadtrohrpost international breite Anwendung. 12 Selbst in den ausgehenden 1 880er-Jahren, während die Massenmobilisierung mittels Ottomotoren noch kaum absehbar war, konnte die Pneumatik als Zukunftstechnik gelten. 1906 hingegen zeigten sich in den Großstädten mit dem modernen Fahrradtypus und der anlaufenden industriellen Produktion von Automobilen bereits Fortbewegungsmittel, die den Individualverkehr im 20. Jahrhundert maßgeblich bestimmen sollten. 13 Die Elektrifizierung und der weitere Ausbau der Stadtbahn- und U-Bahnlinien nahm der Pneumatik im öffentlichen Personennahverkehr eine weitere Zukunftsperspektive. Träumen vom pneumatisch angetriebenen Schnellzug der Zukunft durfte Michel Vernes Erzähler 1906 jedoch noch im Fernverkehr bei der rasenden Überwindung von großen Distanzen - eine Hoffnung, die das Flugzeug in Form des Wright Flyer noch kaum zu erfüllen vermochte. Colonel Pierce - Eine Figur der technischen Moderne Vernes literarische Figur, Colonel Pierce, ein charismatischer und visionärer Erfinder wie Unternehmer, lässt sich tatsächlich auf Colonel John H. Pierce zurückführen, der sein futuristisches Transportsystem dem Boston Daily Globe im Sommer 1887 vorstellte. 14 Der damals 39-jährige Pierce vermittelte dem Journalisten, der für das Interview in den kleinen Ort Plantsville, Connecticut, gereist war, einen sehr positiven Eindruck, wie der Reporter schrieb. Mehr noch, er ließ sich von Pierces Enthu- 12 Florian Bettel: „Der .vollkommenen 1 Welt um einen großen Schritt näher.“ Die Rohrpost am Arbeitsplatz in fünf Darstellungen, in: Blätter für Technikgeschichte 73 (201 2), S. 1 27-148, hier S. 128-137. 13 Wolfgang König: Massenproduktion und Technikkonsum. Entwicklungslinien und Triebkräfte der Technik zwischen 1880 und 1914, in: Ders., Wolfhard Weber: Netzwerke, Stahl und Strom (= Propyläen Technikgeschichte, Band 4), Berlin 1997, S. 263-552, hier: S. 442-475. 14 Anonym: 1000 Miles an Hour. From Boston to Liverpool in an Afternoon, in: Boston Daily Globe, 5.8.1887, S. 4. 35 Florian Bettel Abb. 2 Colonel John H. Pierce Quelle: Boston Daily Globe, 5.8.1887, S. 4 siasmus mitreißen und betonte, welch guter Interviewpartner ihm gegenübersaß, ,,[h]e lost no time. [...] Models, patents, scientific papers and drawings were scattered about his apartments.“ 15 Pierce legte dem Journalisten dar, alle technischen Fragen wären gelöst, eine Tunnelverbindung zwischen Boston und Liverpool mittels pneumatischer Röhren folglich herstellbar. Neben der bekannten Rohrposttechnik berief sich Pierce vor allem auf die Erfahrungen und das Wissen, die vorangegangene Ingenieure bei der Verlegung der ersten telegraphischen Unterseekabel sammeln konnten, um die Machbarkeit seines Plans zu unterstreichen. Auch den Unterseekabeln wäre die öffentliche Meinung sehr skeptisch begegnet, meinte Pierce, daher müsste man die Öffentlichkeit über die Nützlichkeit seiner Erfindung aufklären - und diese läge klar in der Zeitersparnis. Pierce stellte klar, dass die versprochene Fahrzeit mit der - seiner Darstellung nach - unbegrenzt steigerungsfähigen Geschwindigkeit beliebig gesenkt werden könnte. Lediglich die Finanzierung wäre noch offen, er müsste daher noch potente Investoren für seine Pläne interessieren, um zumindest eine kurze Teststrecke errichten zu können. Die Boston Daily Globe-Reportage zeichnete mit Pierce nicht bloß die idealtypische Figur eines Erfinders, der die langgehegte Idee seines Lebens verwirklicht sehen wollte, sondern auch einen fähigen Unternehmer, der von den Lizenzgebühren seiner vorangegangenen Entwicklungen gut leben konnte, einen draufgängerischen Veteranen, der sich bereits im Alter von 14 Jahren freiwillig zur Union Army im Amerikanischen Bürgerkrieg gemeldet hatte, und einen medienerfahrenen Journalisten und Herausgeber. Der Journalist, der Pierce 1887 besuchte, gab den Leser/innen bereits in seiner Einleitung einen Hinweis darauf, wie eng verwoben literarische Fiktion und Unternehmertum der Ingenieure waren, indem er feststellte, dass die Geschichte des Erfinders ebenso gut Pro- 15 Ebd. 36 Ware Zukunft dukt der Vorstellungskraft Jules Vernes hätte sein können. 16 So mag es kaum verwundern, dass Michel Verne diesen vielschichtigen Colonel Pierce als Protagonisten in seine Erzählung aufnahm und ihm viel Raum gab, seine Vision den Leser/innen begreifbar zu machen. Der Piercesche Ingenieurtypus war 1 887 bereits wirtschaftlich erfolgreich - verkörpert beispielsweise im Herausgeber des Scientific American, Alfred Ely Beach (1828-1896) - und sollte nicht zuletzt auch noch Romanfigur werden, wie Mac Allan, Held in Bernhard Kellermanns (1879-1951) Bestseller „Der Tunnel“ (1913). 17 Die unternehmerischen Ingenieure hatten mit der Zukunft einen Rohstoff für sich entdeckt, den sie für sich zu nutzen wussten. Die Zukunft bot den modernen Entdeckern ein Refugium und ein Ziel, wonach sie ihr Tun ausrichten konnten. Was bereits im 18. Jahrhundert mit neuen statistischen Methoden berechenbar geworden zu sein schien, 18 diente im Laufe des darauffolgenden Jahrhunderts vermehrt umtriebigen Ingenieuren als Terrain für Pläne, Fantasien und Visionen. Bei der kommerziellen Verwertung der möglichen Zukünfte konnten die Ingenieure auf populäre Darstellungen zurückgreifen, die bereits seit vielen Jahren in unterschiedlichen Medien kursierten. 19 In den fantastischen Bildwelten der Populärkultur bildete sich ab, wohin die Zeitreise gehen sollte. Die Stoßrichtung, von der Vergangenheit in die Gegenwart und weiter in die Zukunft, fand sich reich illustriert auf Brettspielen, in populärwissenschaftlichen Abhandlungen, der Science-Fiction-Literatur sowie der Karikatur. Die solcherart transnational diskutierten Visionen bildeten eine „emotionale Basis“ 20 für die großen Vorhaben der Ingenieure und den Fortschrittsglauben, wie man ihn auf Weltausstellungen feierte. Einige Ingenieure entwickelten ein ausgeprägtes Gespür dafür, diese weithin verbreiteten Visionen für ihre Unternehmungen kommerziell zu bedienen. Sie beherrschten das Spiel mit der Öffentlichkeit, um politische Akteur/ innen für ihre Zwecke zu gewinnen, Investoren zu finden oder die Notwendigkeit ihres Anliegens (über) zu betonen. 21 16 Ebd. 17 Bernhard Kellermann: Der Tunnel. Cadolzburg 2015; zur Konjunktur der Ingenieursfigur in der deutschsprachigen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts vgl. Robert Leucht: Dynamiken politischer Imagination. Die deutschsprachige Utopie von Stifter bis Döblin in ihren internationalen Kontexten 1848-1930. Berlin, Boston 2016, S. 259-262. 18 Theresa Haigermoser: Das Ideal einer berechenbaren Zukunft. Zur Rationalisierung des Zeitbegriffs im 18. Jahrhundert, in: Herbert Lachmayer (Hg.): Experiment Aufklärung im Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Ostfildern 2006, S. 261-267, hier: S. 261. 19 Bettel, Futures & Options, siehe Anmerkung 2. 20 Radkau, siehe Anmerkung 3, S. 58. 21 Bettel, Futures & Options, siehe Anmerkung 2. 37 Florian Bettel Colonel Pierces Vorgänger Colonel Pierce konnte 1887 an die populäre Vision der pneumatischen Bahn anknüpfen, die damals schon eine lange Geschichte hatte. Bereits 1810 beschrieb der englische Ingenieur George Medhurst (1759-1827) 22 in „A new Method of conveying Letters and Goods“ 23 eine Röhrenbahn. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es mit Straßen und Kanälen zwei konkurrierende Verkehrswege - und beide waren für Medhurst ungenügend. Er strebte daher ein System für den Warenverkehr an, das diesen mit hoher Geschwindigkeit und mit großer Zuverlässigkeit ermöglichen konnte. Für den Autor war klar, dass der Verkehr mit über 1 60 Kilometer pro Stunde nur durch einen mechanischen Körper herzustellen war, nämlich mit Luft. Er begründete dies mit ihrem geringen Gewicht, ihrer Stärke und ihrer großen Elastizität. 24 Medhurst schlug die Errichtung von Kanälen entweder aus Ziegeln, Steinen, Eisen oder Holz vor, in denen Wagen fahren sollten, die so anzupassen wären, dass sie den Querschnitt des Rohres möglichst abdichteten. Damit wäre es möglich geworden, Tonnen von Gütern rasch und effizient zu transportieren. Im Personentransport wollte Medhurst sein System damals nicht einsetzen, er beließ es bei einer theoretischen Abhandlung. Techniker aus anderen Sparten griffen seine Idee später auf. Sie konzipierten pneumatische Bahnen, die auch für den Transport von Passagieren vorgesehen waren. Einer von ihnen war John Vallance, Bierbrauer in Brighton. 25 Vallance beschäftigte sich schon länger mit der Dynamik von Luft. 26 1823 wurde ihm ein Patent zugesprochen, das eine Kommunikationsmethode beschrieb, „by which persons may be conveyed, goods transported, or intelligence communicated from one place to another.“ 27 Er wollte dies mit größerer Geschwindigkeit erledigen als es auf der Straße, 22 Friedrich Becker: Die atmosphärische Eisenbahn. Frankfurt am Main 1844, S. 3f.; H. Sternberg: Außergewöhnliche Eisenbahnsysteme, in: Edmund Heusinger von Waldegg (Hg.): Handbuch für specielle Eisenbahn-Technik, Band 1-55, hier Band 1, Leipzig 1870, S. 658-719, hier: S. 693; Ingmar Arnold: Luft-Züge. Die Geschichte der Rohrpost. Berlin 2016, S. 31-33. 23 George Medhurst: A new Method of conveying Letters and Goods with great Certainty and Rapidity by Air. London 1810. 24 Ebd., S. 5-11. 25 Andrew Pritchard: English Patents. Being a Register of all those granted for Inventions in the Arts, Manufactures, Chemistry, Agriculture, etc. London 1847, S. 150. 26 1821 erhielt er ein Patent auf die Klimatisierung von Räumen, vgl. ebd. 27 Ebd., S. 174. 38 Ware Zukunft dem Wasserweg oder mittels Dampfwagen 28 möglich war. 29 Auch Vallance regte den Bau eines Tunnels an, der zwischen Brighton und London Güter und Passagiere befördern sollte. Um die Fähigkeiten seines Systems zu demonstrieren, errichtete Vallance eine Teststrecke. Die Einwohner/innen Brightons besichtigten den Probetunnel, ihre positiven Reaktionen ermutigten Vallance; sein Vorhaben, das in der „größten pneumatischen Maschine der Welt“ 30 resultieren hätte sollen, wurde jedoch niemals ausgeführt. Die frühe Idee, pneumatische Bahnen auf Überlandstrecken einzusetzen, verschwand in den folgenden Jahrzehnten. Sie wurde gänzlich von den Bemühungen überdeckt, atmosphärische Eisenbahnen für diesen Zweck zu etablieren. 1827, nur zwei Jahre nach der Fahrt der ersten Lokomotive auf der Stockton and Darlington Railway, beschrieb Medhurst, der seine ursprüngliche Idee der pneumatischen Bahn bereits aufgegeben hatte, in seinem Traktat „A new System of Inland Conveyance“ die wesentlichen Grundzüge der atmosphärischen Eisenbahn. 31 Dabei sollten Waggons ohne Einsatz einer Lokomotive mittels Luftüber- bzw. -unterdruck angetrieben werden. Die pneumatisch übertragene Kraft zog in einem Rohr unterhalb der Wagen, zwischen den Schienen, einen Kolben vorwärts. Eine Kupplung verband Kolben und Waggon, das Rohr musste dazu geschlitzt werden. Um diesen Schlitz abzudichten, wurden unterschiedliche Systeme eingesetzt, damit möglichst keine Luft austreten bzw. einströmen konnte. 32 1839 gelang die erste Umsetzung der von Medhurst beschriebenen Idee. Dabei handelte es sich um eine Teststrecke, errichtet von Jacob und Joseph Samuda auf ihrem Fabrikgelände in Southwark, heute Teil Londons. Im darauffolgenden Jahr wurde eine Teilstrecke der Thames Junction Railway (1840-1843) mit einem pneumatischen Antrieb ausgestattet. 33 Internationale Kommentatoren beobachteten die Entwicklung der atmosphärischen Eisenbahn und verbreiteten 28 Mit Dampfwagen, die nicht an Schienen gebunden waren, experimentierte man seit dem zweiten Drittel des 18. und verstärkt zu Beginn des 19. Jahrhunderts, vgl. Akos Paulinyi: Die Umwälzung der Technik in der industriellen Revolution, in: Ders., Ulrich Troitzsch (Hg.): Mechanisierung und Maschinisierung (= Propyläen Technikgeschichte, Band 3), Berlin 1997, S. 269-495, hier: S. 439-449. 29 Pritchard, siehe Anmerkung 25, S. 174. 30 Eigene Übersetzung, John Vallance: A Letter to the Kensington Canal Company on the Substitution of the pneumatic Railway for the common Railway [...]. London 1833, S. 20. 31 George Medhurst: A new System of Inland Conveyance, for Goods and Passengers. London 1827; zur atmosphärischen Eisenbahn vgl. Bettel, Futures & Options, siehe Anmerkung 2, S. 215f. 32 Ebd.; Irini Athanassakis: Die Aktie als Bild. Zur Kulturgeschichte von Wertpapieren. Wien, New York 2008, S. 149-152. 33 Becker, siehe Anmerkung 22, S. 11. 39 Florian Bettel Abb. 3 Medhursts atmosphärische Eisenbahn Quelle: George Medhurst: A new System of Inland Conveyance, for Goods and Passengers, [...]. London 1827, o. S. Nil: •• *j5Sf»v die technische Innovation. 34 Die Erfahrungen, die man mit der Errichtung und dem Betrieb sammeln konnte, wurden dokumentiert und über technische und populärwissenschaftliche Journale in alle Welt verbreitet. Sie bildeten die Basis für weitere pneumatische Applikationen. Die atmosphärische Eisenbahn konnte sich jedoch nicht dauerhaft als Alternative zur Adhäsionsbahn im Überlandverkehr etablieren. 35 In den 1860er-Jahren setzte sich hingegen die Vorstellung durch, man könne pneumatische Bahnen im urbanen Raum zur Anwendung bringen. 36 Damals endeten die meisten Eisenbahnen in den großen Kopfbahnhöfen vor den europäischen Städten. Dies war der Technik der Lokomotive ebenso wie der Stadtentwicklung geschuldet. Die Bahnhöfe waren „kein integraler Bestandteil der Stadt.“ 37 Aufgrund der engen Straßenverhältnisse, „Belästigung durch Rauch, Funken, Asche u. dergl.“ 38 , ausgestoßen von den Lokomotiven, und der bestehenden Explosionsgefahr der Kessel bzw. des Brands durch Funkenflug nahm man Abstand davon, die Eisenbahn durch die Häuserschluchten fahren zu lassen. 39 34 Ebd., S. 12. 35 Sternberg, siehe Anmerkung 22, S. 666. 36 Zur allgemeinen Entwicklung des Individualverkehrs in den Städten vgl. König, siehe Anmerkung 13 . 37 Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2000, S. 152. 38 Otto Büsing: Betrieb der Straßenbahnen durch Dampf und andere mechanische Motoren, in: Heusinger von Waldegg, siehe Anmerkung 22, Band 5 (1878), S. 581-608, hier: S. 603. 39 Schivelbusch, siehe Anmerkung 37, S. 152-157. 40 Ware Zukunft Abb. 4 Rammells vielbeachteter Prototyp einer pneumatischen Untergrundbahn Quelle: The Illustrated London News, 10.9.1864, S. 276 btesita! Ü.M. 'Hl 1864 sorgte eine pneumatische Bahn für Aufsehen. In Sydenham, heute ein Teil Londons, nahe des Crystal Palace präsentierte Thomas Webster Rammelt (1814-1879) eine 550 Meter lange Versuchsanlage. Besucher konnten sich in einem modifizierten Eisenbahnwaggon durch den eigens errichteten Tunnel von annähernd drei Metern Durchmesser transportieren lassen (Abb. 4). 40 Der Ort der Präsentation der neuen pneumatischen Bahn war nicht zufällig gewählt. Crystal Palace war das Ausstellungsgelände, auf das sich die internationale Aufmerksamkeit des (Fach-)Publikums richtete. Der Luftdruck, der für die Beschleunigung von Rammells Waggon auf 40 Kilometer pro Stunde notwendig war, nahm sich verhältnismäßig gering aus. Der Grund hierfür war, dass die Querschnittsfläche der Waggons, die sich an den Durchmesser des Tunnels anschmiegten, mehr Kraft aufnehmen konnte als die der Pistons der atmosphärischen Eisenbahn. Bewegte Luft, die zwar in großen Mengen benötigt wurde, dafür keinen hohen Druck aufweisen musste, war technisch effizienter herzustellen als stark komprimierte Luft, die bei atmosphärischen Eisenbahnen notwendig war. 41 40 Anonym: Air Traction, in: The Living Age 77, 1863, S. 89-91; The Illustrated London News, 10.9.1864, S. 275; Alfred Ely Beach: The Pneumatic Dispatch with Illustrations [...]. New York 1868, S. 22 f.; Arnold, siehe Anmerkung 22, S. 44-53. 41 Sternberg, siehe Anmerkung 22, S. 669f. 41 Florian Bettel [nÖgTS f*Wg5l Abb. 5 Prototyp des Beach Pneumatic Transit Quelle: Alfred E. Beach: The Pneumatic Dispatch with Illustrations. A Compilation of Notices and Information concerning the Pneumatic System of Transportation as now building and operating in England. New York 1868, S. 41 In den 1860er-Jahren führten Ingenieure Experimente mit unterschiedlichen Lokomotiven, angetrieben unter anderem durch Federwerke und extern produzierten Wasserdampf, im urbanen Raum durch. Bis zum Ende der 1870er-Jahre befand man sich in diesem „Stadium des Experimentirens“ 42 . Ein endgültiges Urteil, welche Antriebstechnik sich durchsetzen würde, konnte damals nicht gefällt werden. 43 Einer, der die unterschiedlichen Experimente genau verfolgte, war der Unternehmer und Verleger Beach. 44 In seiner Redaktion gingen Berichte über die Experimente englischer und französischer Ingenieure ein, die Eisenbahnzüge mittels Luftdruck antreiben ließen. Beach editierte diese Berichte und fasste die aktuelle technische Entwicklung 1868 in der Publikation „The Pneumatic Dispatch with Illustrations“ zusammen. 45 1867 trat Beach selbst den Beweis dafür an, dass der pneumatische Betrieb von Personenbahnen technisch möglich war. Auf der Messe des American Institute präsentierte er einen funktionierenden Prototyp der Anlage, die ihm für New York City vorschwebte (Abb. 5). 46 42 Büsing, siehe Anmerkung 38, S. 603. 43 Ebd., S. 581-603. 44 Arnold, siehe Anmerkung 22, S. 95f.; Joseph Brennan: Beach Pneumatic. Alfred Beach’s Pneumatic Subway and the beginnings of rapid transit in New York, New York 2004-2005, in: web.ar- chive.org/web/20071 206035956/http://www.columbia.edu:80/~brennan/beach/ (14.2.2018); Julia Solis: New York Underground. The Anatomy of a City. New York 2005, S. 61-66. 45 Beach, siehe Anmerkung 40. 46 Arnold, siehe Anmerkung 22, S. 94-104; Brennan, siehe Anmerkung 44; Solis, siehe Anmerkung 44, S. 62. 42 Ware Zukunft 4^ Abb. 6 „Linder Broadway Reception“ Quelle: Scientific American, 5.3.1870, S. 154 Ein Jahr später ging Beach an die Umsetzung seiner Vision und ließ einen rund 100 Meter langen Tunnel unterhalb des Broadways graben. 47 Am 26. Februar 1870 präsentierte Beach den fertiggestellten pneumatischen Tunnel und die dazugehörige Wartestation der Öffentlichkeit. Im Zuge der „Under Broadway Reception“ 48 , wie Beach diese Eröffnungsfeier nannte, durften die geladenen Gäste, unter ihnen Journalisten und Politiker, die Versuchsstrecke und den Betrieb der pneumatischen Untergrundbahn im Maßstab 1:1 erleben. Die Bahn konnte bis zu 20 Personen in einem Waggon befördern (Abb. 6). Die Presse feierte die pneumatische Untergrundbahn als Sensation - Beachs mediale Strategie ging auf: sein Projekt dominierte die Berichterstattung. 49 Als Pierce seine Variante einer pneumatischen Bahn dem Boston Daily Globe-Reporter 1887 als revolutionäre transatlantische Verbindung zwischen Europa und Nord-Amerika schilderte, war der Beach Pneumatic Transit bereits Geschichte. Drei Jahre lang konnte Beach seine Versuchsstrecke betreiben, ehe er den Betrieb einstellen musste. Auch sonst hatte sich die pneumatische Bahn nirgendwo dauerhaft materialisiert; nur die Stadtrohrpost, eine simplifizierte Variante der pneumatischen Beförderung, sorgte international für Furore. 50 Der 47 Scientific American, 5.3.1870, S. 154. 48 Ebd., S. 155. 49 New York Times, 27.3.1 870, S. 5. 50 Bettel, Rohrpost, siehe Anmerkung 12. 43 Florian Bettel Traum, die pneumatische Bahn würde große Distanzen in kürzester Zeit überwinden, blieb jedoch weiterhin präsent und durfte in populären Medien weitergeträumt werden. Fantastische Reisen mittels Luft Medhursts Idee, Luft zur Übertragung von Antriebsenergie im überregionalen Verkehr anzuwenden, fand bald den Weg in die Populärkultur. Zwischen 1825 und 1829, also um die Zeit der Publikation seines zweiten Entwurfs, seine Erfindung als atmosphärische Eisenbahn umzusetzen, 51 veröffentlichte William Heath (1795-1840) eine Serie von Drucken mit dem Titel „March of Intellect“. 52 Der Titel der satirischen Blätter spielte auf eine damals in England heftig geführte Debatte um die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen des Fortschritts in Technik und Wissenschaft an. In die Bildmitte der dritten Tafel ließ Heath eine pneumatische Bahn ragen, die eine illustre Gruppe von Reisenden von Greenwich Hill direkt nach Bengalen transportierte. Überhaupt fanden sich viele weitere Arten mit oder in der Luft zu Reisen in Heaths Darstellung: Flugmaschinen mit vorgespanntem Drachen oder in Form riesiger Fledermäuse, Ballons, die Plateaus mit ganzen Artillerieeinheiten schweben ließen, und Postbeamte, die flügelschlagend ihre Zustellungen erledigten. Heaths satirische Überzeichnung schreckte auch nicht davor zurück, eine Gruppe irischer Emigrant/innen mittels Kanone durch die Luft zu befördern und das „Programm zur Bezahlung der Staatsschulden“ als Luftschloss in den Wolken zu errichten (Abb. 7). In den folgenden Jahren blieb die Darstellung der pneumatischen Bahn in populären Medien präsent. Anlass hierfür waren oftmals die weiter oben geschilderten Experimente mit der Transporttechnik, die als Nachrichten in illustrierten Zeitungen oder als visionäre Vorhaben in populärwissenschaftlichen Zeitschriften, wie Die Gartenlaube oder Scientific American, gebracht wurden. Zudem schien die Erzählung eine gewisse Eigendynamik zu entwickeln, wie dies bereits bei Heath ersichtlich war. Die Darstellung der pneumatischen Bahn erzählte viele Geschichten: über vergangene Experimente, aktuelle Anwendungen und zukünftige Umsetzungen. 1856 meldeten beispielsweise die satirischen Fliegenden Blätter, das „Telegraphiren von Personen [sei] keine Fabel mehr!“ 53 51 Medhurst, siehe Anmerkung 31. 52 Mirjam Elburn: William Heath und Robert Seymour, in: Miner, Winzen, siehe Anmerkung 2, S. 10-18; catalogue.wellcomelibrary.org/search~S5/o37252i (14.2.2018) 53 Fliegende Blätter 24 (1856), S. 1 28. 44 Ware Zukunft t(QTt( ho* Umc älMi; i ,-i- MASffl of INTEIULISC'F 'KL^- ■. kjsgs gs*: -« £ *V ;>, f* : m. *V ZV Abb. 7 „March of Intellect“ von William Heath, um 1828 Quelle: V0041098, Wellcome Library, London (CC BY 4.0) ,,[D]as Prinzip der atmosphärischen Eisenbahn“, mutmaßte der anonyme Autor eingangs, „ist bekannt“. So führte er nur kurz aus, „daß durch eine stehende Dampfmaschine die Luft in einer längs der ganzen Bahn laufenden Röhre ausgepumpt, und durch den Luftdruck der an einem hermetisch schließenden Kolben befindliche Eisenbahnwagen sammt dem daranhängenden Train fortgetrieben wird.“ 54 Nun war es die Idee des Autors, Gewicht zu sparen, indem man die Passagiere in Kapseln verpackt in die Röhre verfrachtete und damit auf die Waggons verzichten könnte (Abb. 8). Mit einer abenteuerlichen mathematischen Gleichung errechnete er, „daß z. B. ein Reisender auf diese Art die Reise von Wien nach Paris in 1 Minute 8 Sekunden zurücklegt,“ um mit der augenzwinkernden Bemerkung zu schließen: „Wie wichtig diese Erfindung für die schnelle Beförderung von Courieren etc. ist, braucht nicht erwähnt zu werden.“ 55 54 Ebd. 55 Ebd. 45 Florian Bettel x^\\\\v&\\v«i\ cäwsxv^c«sxvvxvvvx>vs>xvcsxvvvvvsnvvvvn.'vnn\nxnxv , osnv , v\n .AV.vvVX^VN y/mw vSaSS A^VCijSS^SWCCiWS^V^^ Abb. 8 „Das Telegraphiren von Personen keine Fabel mehr!“ Quelle: Fliegende Blätter, 24 (1856), S. 1 28 1856 war der kurze internationale Boom der atmosphärischen Eisenbahn bereits vorüber. Die in den 1840er-Jahren in England, Irland und Frankreich errichteten Strecken waren zum Teil bereits wieder geschlossen und demontiert. Die satirische Darstellung konnte dennoch voraussetzen, dass die Funktionsweise einem breiteren, nicht notwendigerweise technisch geschulten Publikum bekannt war. Dies deutet darauf hin, dass die Idee der pneumatisch angetriebenen Eisenbahn nicht nur in technischen Journalen behandelt wurde, sondern Teil der Populärkultur war. Die 1860er-Jahre lösten mit der urbanen pneumatischen Bahn eine erneute Hochkonjunktur der lokomotivlosen Antriebstechnik aus. Ihre Geschichte ist parallel zur Geschichte der ersten städtischen Untergrundbahnen zu lesen, für die eine Alternative zur Dampfmaschine dringend notwendig schien (Abb. 9). 56 Die Berichte über die Experimente mit der pneumatischen Bahn wurden zu einem internationalen Medienphänomen, die Kommentare versprachen ihr eine große Zukunft. Beachs Versuch, die Popularität der Erfindung Ende der 1860er-Jahre in einem erfolgreichen Unternehmen aufgehen zu lassen, war der wohl prominenteste Mediencoup dieser Zeit. Der Wiener Ingenieur Franz Felbinger (1844-1906) griff Beachs mediale Taktik auf und es gelang ihm, aus einem Bluff Kapital zu schlagen: Felbinger wurde 1874 vom k.k. Handelsministerium beauftragt, die Stadtrohrpost in Wien zu errichten sowie die notwendigen Empfangs- und Sendeapparate zu liefern. 57 Die Durchführung des Auftrags mit staatlich gesichertem Kapital war keine Selbstverständlichkeit für den 30-jährigen Zivilingenieur, der 56 Florian Bettel: Eroberung des Untergrunds. Das Projekt der pneumatischen Leichenbeförderung zum Wiener Zentralfriedhof von 1 874. Dissertation, Wien 2010, S. 1 69-1 81. 57 ÖStA, HM Telegraf Index 1874, Band 1009. 46 T Ware Zukunft i i sisSlil ;!&!iiii> »*$83® ptfigp ;. ■x&fTfrAx&TH 'ifäffifötii/ti'f'i -V C/ •Vf/-' -'• MSI ■ ■ '/q mW& IhM^M l» , *>: - < A <■ ‘ " ’• , MM S®rsjä*& Ä, L , PgSi WM m f&yb Sill! ■:\ - : r. äfc%88! äüflk. ■SSwwf' Abb. 9 „Die Eisenbahn unter der Themse. Die Schöpfungen des Mont-Cenis- und jetzt des St. Gotthard-Tunnels lassen die unternehmenden Ingenieure des Jahrhunderts nicht schlafen und sie werden nicht Ruhe geben, bis sie nicht ihr dermaliges [aktuelles] Ideal, den Tunnel unter dem Canal la Manche I [...] in’s Leben gerufen haben. Bei den Mitteln, über die Ingenieure von heute [...] verfügen, wäre dieser Themse-Tunnel ,eine Spielerei' [...]. Angesichts dieser Thatsache sind [...] die [...] Techniker darin einig, daß die Inangriffnahme des submarinen Tunnels zwischen Frankreich und England nur eine Frage der Zeit sei.“ Quelle: lllustrirtes Wiener Extrablatt, 5.11.1874, S. 1 bis zu diesem Zeitpunkt weder ein vergleichbar großes Unternehmen zu verantworten gehabt hatte noch über Expertise im Bereich der Pneumatik verfügte - er präsentierte lediglich im selben Jahr eine intensiv diskutierte und politisch brisante Vision einer pneumatischen Bahn . 58 Am Beispiel der Wiener Stadtrohrpost lässt sich zeigen, dass die populären Darstellungen der pneumatischen Bahn mediale Aufmerksamkeit erregte und das Versprechen einer Utopie bedeutendes Kapital für Ingenieure darstellte . 59 58 Franz Felbinger, Josef Hudetz: Begräbnisshalle mit pneumatischer Förderung für den Central- Friedhof der Stadt Wien. Wien 1874. 59 Bettel, Futures & Options, siehe Anmerkung 2. 47 Florian Bettel Colonel Pierces Nachfolger Pierce entwarf seine atlantische Unterseebahn 1887 und war damit eine von vielen Stimmen in einer regen Debatte, wie man Pneumatik gewinnbringend im Transportwesen anwenden könnte. Zwischenzeitlich hatte sich gezeigt, dass die urbane pneumatische Bahn wohl Konzept bleiben würde, lediglich in verkleinerter Form als Rohrpost galt sie transnational als Kommunikationstechnik der Zukunft. 60 Pierce knüpfte mit seinem Entwurf eher an die Überlegungen an, die Medhurst ursprünglich publizierte und die Vallance realisieren wollte: die pneumatische Bahn als futuristisches überregionales Verkehrsmittel. Eine Vision, die längst schon Teil der Populärkultur war, wie dies beispielsweise Heath und die Fliegenden Blätter zeigten. fSCMÄV* m . z;a LfcS riliU — irAKL DU TU1IE Si‘|. \ IRAKIS Abb. 10 Robidas Vision des Bahnhofs einer pneumatischen Südbahn in Paris Quelle: gallica.bnf.fr/Bibliotheque nationale de France, catalogue.bnf.fr/ark:/12148/cb31227434c (16.4.2018) 60 „Flat erst Jedermann sein Briefleitungsrohr [...] dann sind wir der vollkommenen 1 Welt um einen großen Schritt näher.“ Anonym: Die pneumatische Post in Wien, in: Über Land und Meer 36 (1 876), Heft 39, S. 774. 48 Ware Zukunft Einer, der die pneumatische Bahn bereits vier Jahre vor Pierce im interkontinentalen Verkehr imaginierte, war der französische Karikaturist und Schriftsteller Albert Robida (1848-1926). In seiner 1883 erschienenen Satire „Le Vingtieme Siede“ entwarf Robida ein Zerrbild des zukünftigen 20. Jahrhunderts, in dem die Bewohner/innen seiner Groteske ganz selbstverständlich mit der pneumatischen Bahn zwischen den Kontinenten reisten (Abb. 10). 61 Die Rohrpost hingegen war in Robidas 20. Jahrhundert bereits obsolet und durch die Telefonie verdrängt; eine bemerkenswerte Darstellung, mit der der Autor die zu seiner Zeit einzige - wenngleich miniaturisierte - Anwendung der pneumatischen Bahn als veraltete Technik herunterspielte. Im selben Text aber entzündete er erneut das utopische Potenzial dieser Technik für den überregionalen Hochgeschwindigkeitsverkehr. Pierce griff also eine Idee auf, die bereits fester Bestandteil einer transnationalen Populärkultur war. Den Boston Daily Globe-Journalist brauchte er daher nicht weiter mit seinen ingenieurwissenschaftlichen Darstellungen zu überzeugen, er musste nur an die weithin bekannte Erzählung einer interkontinentalen Röhrenbahn anknüpfen, um die Begeisterung sowohl des Reporters als auch seines Publikums zu wecken. Pierce hatte die Bekanntmachung seiner Erfindung sorgsam vorbereitet. In kleinen Dosen gab er bereits vor der Reportage im Boston Daily Globe Informationen an die Öffentlichkeit weiter und erzeugte damit große Aufmerksamkeit. 62 Dies führte dazu, dass der Bericht über Pierces Erfindung vom 5. August von vielen Blättern aufgegriffen und weitergetragen wurde. „Ein regelrechtes Jules Verne’sches Vorhaben“ titelte etwa The Atlanta Constitution am 8. August. Der Artikel beurteilte das Projekt durchwegs kritisch, indem der Autor anmerkte, dass es sich tatsächlich um nichts Neues handle und die Kapazität des Systems für den Transport von Menschen und Gütern viel zu gering sei, um ein profitables Unternehmen damit zu begründen. 63 Nichtsdestoweniger blieb die Idee der pneumatischen Bahn in den folgenden Jahrzehnten populär. Im August 1 965, lange nach dem erneuten Abdruck Michel Vernes Erzählung in der Schweizer Hotel-Revue, veröffentlichte ein Mitarbeiter der amerikanischen Lockheed Missiles and Space Company einen 61 Albert Robida: Le Vingtieme Siede. Paris 1883, S. 311f. 62 Vgl. u. a. Anonym: A Plantsville Inventor, in: The Hartford Courant, 9.7.1887, o. S.; Anonym: A Pneumatic Tube to Europe, in: The New York Times, 16.7.1887, o. S. 63 Eigene Übersetzung. Anonym: A Regular Jules Verne Scheme, in: The Atlanta Constitution, 8.8.1887, S. 4. 49 Florian Bettel weiteren Entwurf einer durch Luft angetriebenen Röhrenbahn. 64 L. K. Edwards wollte mit seinem Projekt die Metropolen der US-amerikanischen Ostküste besser anbinden. Die gesamte Strecke sollte von Washington bis nach Boston verlaufen und die darin verkehrenden Kapseln mit einer Geschwindigkeit von rund 800 Kilometer pro Stunde unterwegs sein. Edwards betonte die Vorzüge seines Systems und hob neben der hohen Geschwindigkeit vor allem die Laufruhe, die Sicherheit und die für die Passagiere fast unmerkliche Beschleunigung und Verzögerung seines Transportsystems hervor - allesamt Punkte, die Verne bereits im „Schnellzug der Zukunft“ beschrieb und so sind es ebendiese Vorzüge, die heute in der Medienberichterstattung zum Hyperloop bemüht werden. 65 Verzeitlichte Utopien Ingenieure in der zweiten Hälfte des 1 9. Jahrhunderts konnten auf der kollektiven Erzählung aufbauen, dass Utopien nicht nur topografisch sondern auch zeitlich entrückt sein konnten. 66 In der Zeit nach 1848 galt Utopie als politischer Kampfbegriff und wurde eher abwertend verwendet, was dazu führte, dass auf die Eigenbezeichnung „Utopie“ weitgehend verzichtet wurde; viel lieber bemühte man den Begriff „Zukunft“, so u. a. als „Zukunftsbild“. 67 Der technische Fortschritt machte viel von dem realisierbar, was zuvor als utopisch angesehen wurde. So gab es neben der negativen Verwendung des Begriffs auch noch eine, die auf die schrittweise Annäherung an das Ideal hindeutete. 68 „Die Zukunftsutopie ist eine spezifische Leistung des Geistes, der sich auf die Zukunft hin so entwirft, daß die Realisation nachfolgen kann.“ 69 Mit ihren Visionen eigneten sich Ingenieure das an, was noch kommen sollte; sie wurden zu Produzenten der Zukunft. 70 Sie wollten ihre Projekte und Pläne umsetzen - von Utopien sprach kaum jemand. 71 64 L. K. Edwards: High-Speed Tube Transportation, in: Scientific American 213 (1965), Heft 2, S. 30-40. 65 Vgl. u. a. Hyperloop’s Next Successful Test Launch Brings It Closer Than Ever, online unter: www. youtube.com/watch?v=MU4LTv_eNgQ (14.2.201 8) 66 Reinhart Koselleck: Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie, in: Ders.: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache. Frankfurt am Main 2006, S. 252-273. 67 Leucht, siehe Anmerkung 17, S. 8f. 68 Koselleck, siehe Anmerkung 66, S. 263, 266. 69 Ebd., S. 261. 70 Haigermoser, siehe Anmerkung 18. 71 Reinhart Koselleck merkt an, dass der deutsche Übersetzer von Louis-Sebastien Merciers (1740-1814) Erzählung „Das Jahr 2440. Ein Traum aller Träume“ (1771) ebenfalls nicht von Utopie spricht, vgl. Koselleck, siehe Anmerkung 66, S. 261. 50 Ware Zukunft Die um die Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend in Berufsverbänden organisierten Ingenieure, wie der 1848 gegründete Österreichische Ingenieur- und Architekten-Verein (ÖIAV) oder der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) ab 1856, 72 sammelten und verhandelten internationale Themen und Fragenstellungen des Zukünftigen und entwickelten sie in Zeitschriftenbeiträgen und Vorträgen weiter, die sich an ein Fachpublikum wandten. Die Recherche im ÖIAV-Bibliothekskatalog offenbart die inhaltlichen Zielsetzungen des Vereins: zentral waren Überlegungen zur Verkehrstechnik, insbesondere die Beschleunigung internationaler Verkehrswege, beispielsweise in Form der Untertunnelung des Ärmelkanals, und zur Stadt der Zukunft. 73 Galt in einem Kommentar der Vorschlag eines Ingenieurs als gelungen, wollte man die gute Konzeption und den Stellenwert für den jeweiligen Kontext hervorheben, so war „eine grössere Zukunft zu erwarten“ 74 oder der Erfindung wurde „eine grosse Zukunft prognos- ticirt.“ 75 Generell richtete man sich und dem Stand der Ingenieure aus: „Möge es unseren Vereins-Genossen gelingen, in fernen Landen, jeder in seinem ihm zugewiesenen Wirkungskreise, seinem Vaterlande und sich eine schöne Zukunft zu sichern.“ 76 Zukunft galt den Ingenieuren als Rohmaterial, das es zu bearbeiten galt, und zugleich als Maßstab, an dem sie sich im Wettlauf der Ideen zu messen hatten. 77 Der vorherrschenden Erzählung, der Fortschritt trage die Gesellschaft von der Vergangenheit 78 in die Zukunft, begegnete die breite Öffentlichkeit in Zeitungen, in der Literatur und nicht zuletzt auch im Spiel. In reichen Illustrationen erzählten Brettspiele, wie „British Sovereigns“ 79 , erschienen zwischen 1840 und 72 Wolfhard Weber: Verkürzung von Zeit und Raum. Techniken ohne Balance zwischen 1840 und 1880, in: König, Weber, siehe Anmerkung 13, S. 11-261, hier: S. 115f.; Sylvie Schweitzer: Der Inqenieur, in: Ute Frevert, Heinz-Gerhard Haupt (Hq.): Der Mensch des 19. Jahrhunderts. Essen 2004, S. 67-85. 73 Österreichischer Ingenieur- und Architekten-Verein (Hg.): Katalog der Bibliothek des Oesterrei- chischen Ingenieur- und Architekten-Vereines in Wien. Wien 1900. 74 J. George Hardy: Ueber continuirliche Bremsen überhaupt und die Vacuum-Bremse von Smith insbesondere, in: Wochenschrift des ÖIAV, 22.4.1876, S. 162-167, hier: S. 162. 75 Wochenzeitschrift des ÖIAV, 1 5.1.1 876, S. 24. 76 Ernest Pontzen: Mittheilungen aus Brasilien, in: Wochenzeitschrift des ÖIAV, 1.1.1876, S. 7-8, hier: S. 8. 77 Zum agonalen Element, den Abgrenzungsprozessen innerhalb der Gattung Utopie vgl. Leucht, siehe Anmerkung 17, S. 4-7, 1 61 -1 63. 78 Koselleck verweist auf die sukzessive Aufbereitung spezifischer Qualitäten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - in Unterscheidung zueinander - als Voraussetzung der Verzeitlichung der Utopie. Koselleck, siehe Anmerkung 66, S. 261. 79 Vielen Dank an Liddy Scheffknecht und Ernst Strouhal für diesen und viele weitere wertvolle Hinweise. Die vorgestellten Spiele sind im Game Lab Vienna (Abt. Kulturwissenschaften, Univ. f. angewandte Kunst Wien) einzusehen. Vgl. Victoria & Albert London, CIRC.401 -1964, online unter: collections.vam.ac.uk/item/026325/british-sovereigns-board-game-wallis-edward/ (14.2.2018) 51 Florian Bettel 1847, und „The Pyramid of History“ 80 , um 1860, die Menschheitsgeschichte aus britischer Perspektive. Die Spielfelder mit Darstellungen unterschiedlicher historischer Ereignisse ließen die Spieler/innen auf eine Reise gehen, die vom Würfel angetrieben wurde. Wenngleich die Strecke über unterschiedliche Ereignisfelder führte, die den Spielablauf beeinflussten, so endete die Erzählung in der historischen Gegenwart im Zeitalter Königin Victorias (1819—1901 ). 81 Der Würfel brachte den/die Spieler/in aber keineswegs geradlinig vom Start ins Ziel, vielmehr unterwarf sie/er sich der Jüdischen Passivität“ 82 - und so entschied im Brettspiel „Round the World with Nellie Bly“ 83 (1890) weder Geschick, Ausdauer noch Intellekt darüber, ob man es wie die amerikanische Journalistin Nellie Bly (1864-1922) mit den 1889 gegebenen Verkehrsmitteln in 72 Tagen um den Globus schaffte, oder aber die Technik versagte und man an Ort und Stelle verharren musste. Im „Jeux fin de siede“ 84 , ebenfalls 1890 erschienen, verwies das finale Feld weniger in die Gegenwart denn in die Zukunft. Zu sehen war die am Horizont eines Ozeans strahlend aufgehende Sonne (Abb. 11). Sie kündigte das 20. Jahrhundert an, nachdem das vorletzte Feld das vorausgegangene Jahrhundert beerdigt hatte. Das gesamte Spiel widmete sich den naturwissenschaftlichen und technischen Neuerungen der vergangenen Jahrzehnte, im letzten Feld gab der Illustrator Hinweise auf kommende Innovationen: Ein Turm, um ein Vielfaches höher als der Eiffelturm, erstrahlte die Szenerie, 85 fantastische Flugmaschinen, die wie Schiffe durch die Lüfte ruderten, Brücken mit riesigen Spannweiten sowie - im Bildvordergrund - eine pneumatische Bahn: „Paris-Marseille en 5 minutes. Embarcadere“ 86 stand auf einem Schild geschrieben. 80 Collection Ville de Rambouillet, HIS XIX46. 81 Zur Beziehung zwischen Spiel und Propaganda vgl. Ernst Strouhal: „Die gesteigerte patriotische Empfindung unserer Tage...“ Zur Transformation der Spiele im Ersten Weltkrieg entlang des Schachspiels von Arnold Schönberg, in: Ders. (Hg.): Agon und Ares. Der Krieg und die Spiele (= Schauplätze der Evidenz, Band 3), Frankfurt am Main, New York 2016, S. 125-144. 82 Ernst Strouhal: Die Welt im Spiel. Atlas der spielbaren Landkarten. Wien 2015, S. 13. 83 www.nyhistory.org/exhibit/round-world-nellie-bly (14.2.2018) 84 „Spiel der Jahrhundertwende“ (eigene Übersetzung), www.giochidelloca.it/scheda.php?id=439 (14.2.2018) 85 Zum Konkurrenzvorschlag zu Gustave Eiffels Turm für die Weltausstellung 1889, der die Errichtung des gigantischen Beleuchtungsturms „Colonne-Soleil“ vorsah, vgl. Wolfgang Schivelbusch: Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert. München, Wien 1983, S. 125-130. 86 „Paris-Marseille in fünf Minuten. Landungsplatz“ (eigene Übersetzung). 52 Ware Zukunft ■VaäW »cAQfe*L ’waiÄSs Sans Abb. 11 Pneumatische Bahn im „Jeuxfin de siede“ Quelle: Sammlung Adrian Seville, 439, www.giochidelloca.it/scheda.php?id=439 Der bewusste Einsatz von Technik als Protagonistin in der Erzählung am Spielbrett lässt sich in vielen weiteren Beispielen zeigen. Die fantastischen Innovationen der historischen Gegenwart, wie beispielsweise die Fahrt mit Montgolfieren in „Le Nouveau Jeu des Ballons Aerostatiques ä l’Usage des Esprits Eleves“ 87 , erschienen bereits 1784, oder ein Radrennen zwischen Frauen und Männern in „Game of Bicycle Race“ 88 , erschienen 1891, waren sensationell genug, um den Verkauf der Ware „Spiel“ zu fördern. Mit der Projektion der technischen Möglichkeiten in die Zukunft, wie eben in „Jeux fin de siede“, verhielt es sich ebenso. Am Spielbrett, beim Versuch, sich die Zeit zu vertreiben, ließen sich die Spieler/innen ein Stück weit mitnehmen; sie unterwarfen sich den Regeln und dem Zufall. 89 Auf der Reise durch das 19. Jahrhundert passierten die Spieler/ innen Felder mit technischen Innovationen, signifikanten Weltausstellungen und gigantischen Infrastrukturprojekten. Wenn sie jedoch, bereits das Ziel vor Augen, auf dem vorletzten Feld landeten, so mussten sie - einer besonders perfiden Regel geschuldet - „Jeux fin de siede“ neu beginnen. 87 www.giochidelloca.it/scheda.php7icN1 277 (14.2.2018) 88 www.nyhistory.org/exhibit/game-bicycle-race (14.2.2018) 89 Stefan Poser versteht unter „Zeitgebundenheit des Spiels“ das Berücksichtigen der Entstehungskontexte der Spiele in der historischen Analyse. Stefan Poser: Glücksmaschinen und Maschinenglück. Grundlagen einer Technik- und Kulturgeschichte des technisierten Spiels. Bielefeld 2016, S. 315-319. 53 Florian Bettel Schlussbetrachtungen Fantastische Orte, die Traum oder Albtraum der Moderne Raum bieten sollten, waren im 19. Jahrhundert nicht mehr ausschließlich topografisch entrückt. Entlang der Geschichte der pneumatischen Bahn lässt sich zeigen, dass Ingenieure die Zukunftsversprechen, die mit technischen Innovationen einhergingen, zu kommerzialisieren wussten. Das pneumatische Transportsystem schaffte es aus dem technischen Diskurs schon bald in die Populärkultur und erlangte entsprechend breite Bekanntheit. Eine tatsächliche Anwendung fand die pneumatische Bahn jedoch nie. Weit in die Zukunft gerichtetes Fortschrittsdenken, so könnte man formulieren, wurde zusehends warenförmig; Utopie und Dystopie traten im 1 9. Jahrhundert in das Zeitalter ihrer kommerziellen Verwertung ein. In der Populärkultur zeigt sich zudem, dass sie die Unbedingtheit des technischen Fortschritts durchaus satirisch zu brechen vermochte, wie beispielsweise in Darstellungen wie „March of Intellect“ sowie in den Fliegenden Blättern - oder aber in der Form, wie im Spiel „Fortschritt“ vermittelt wurde, denn die Ver- zeitlichung der Utopie am Spielbrett stellte eine besondere erzählerische Form dar; ein linearer Lauf der Geschichte war nicht zu spielen. Würde man heute „Jeux fin de siede“ neu auflegen, so fände sich Pierces Vision eines Transportsystems, das Kapseln in metallenen Röhren scheinbar unendlich zu beschleunigen vermochte, am Spielbrett wieder: Am Horizont des dämmernden 21. Jahrhunderts würde sich wohl im finalen Feld ein Rendering des futuristischen Hyperloop abzeichnen. 54 Künstliche Intelligenz Christian Stadelmann Künstliche Intelligenz - ein Missverständnis Eine gesellschaftspsychologische These, die im Wesentlichen auf Sigmund Freud (1857-1939) zurückgeht, weiß von den großen Kränkungen in der Geschichte der Menschheit: Die erste ist die Etablierung des heliozentrischen Weltbildes, der Erkenntnis also, dass nicht die Erde - und damit der Mensch - der Mittelpunkt des Universums ist. Sie ist 1509 von Nikolaus Kopernikus (1473-1543) formuliert und zu Beginn des 17. Jahrhunderts durch Galileo Galilei (1564-1641 /42) nachgewiesen worden. Die zweite Kränkung hat Charles Darwin (1809-1882) 1859 mit der Veröffentlichung von „Über die Entstehung der Arten“ 1 ausgesprochen, indem er den Menschen zum mehr oder minder zufälligen (und vorläufigen) Ergebnis der Evolution erklärt und damit seine Sonderstellung in der Schöpfung in Frage gestellt hat. Auch diese Kränkung kam nicht unvorbereitet; auch sie hatte eine Vorlaufzeit, die man in der Weise deuten kann, dass sie aufgrund rationalen Denkens auf der Hand lag, es aber eine Anmaßung gewesen wäre, sie in ihrer ganzen Konsequenz zu formulieren. Die vehementen Widerstände, die bisweilen heute noch gegen beide Erkenntnisse bestehen, zeigen nur an, wie tief diese kollektiven Kränkungen die Menschheit getroffen haben. Freud nennt dann als dritte Kränkung diejenige „psychologischer Natur“, nämlich die Erkenntnis und Analyse unterbewusster Vorgänge. Sie, so Freud, träfe die Menschheit am empfindlichsten. 2 Aus der Distanz von 100 Jahren kann man behaupten, dass er die menschheitsgeschichtlichen Irritationen, die seine eigene Arbeit ausgelöst haben, überschätzt hat. Wie auch immer. Trotz dieser schmerzhaften Erkenntnisse ist die Integrität des Selbstbildes des Menschen bislang insofern gewahrt geblieben, als er mit Bewusstsein und Gefühlen ausgestattet ist. Nunmehr aber, so lautet die Fortführung der freudschen These, stehen wir an der Schwelle zur womöglich letzten Demütigung, der sogenannten digitalen Kränkung. Sie ist zunächst vor allem aufgrund der NSA-Affäre virulent geworden. Im Sommer 2013 hat der vormalige 1 Charles Darwin: On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. London 1859. 2 Sigm[und] Freud: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, in: Imago. Zeitschrift für Anwendungen der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften 5 (1917), S. 1-7. Hier verwendet: Ders.: Darstellungen der Psychoanalyse. Frankfurt am Main 1985 (1969), S. 130-138, hier S. 135, online unter: http://archive.org/stream/eineschwierigkei29097gut/pg29097.txt (27.3.2018) 55 Christian Stadelmann CIA-Mitarbeiter Edward Snowden (* 1983) aufgedeckt, dass die US-amerikanische National Security Agency unabhängig von Verdachtsmomenten das Internet und die Telekommunikation weltweit überwacht. Die Erkenntnis, dass grundsätzlich jeder Mensch ohne eigenes Wissen „gläsern“ geworden ist, hat damals große Verunsicherung ausgelöst, und es ist daraus die Angst vor einer noch viel tiefergreifenden Kränkung erwachsen. Letztlich, nimmt man an, wird zu jenem Zeitpunkt, an dem der Mensch seinen eigenen Geist entschlüsselt, die menschheitsgeschichtlich größte Kränkung erfolgen. 3 Wahrscheinlich, so wird allenthalben gemutmaßt, ist das auch jener Moment, in dem eine Maschine gebaut wird, die intelligenter ist als der Mensch und sich infolgedessen selbst verbessern und weiterentwickeln wird - und zwar exponentiell. Ausgedrückt in der Sprache der Science Fiction werden dann die Maschinen die Herrschaft über die Welt übernehmen. Tatsächlich sind wir schon heute in bestimmten Bereichen mit maschinellen Fähigkeiten und Leistungen konfrontiert, die jene des Menschen in den Schatten stellen - Fähigkeiten und Leistungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten Teil der Vorstellung gewesen sind, dass wir die „Krone der Schöpfung“ seien. Gefährdet scheint insofern nichts weniger als der göttliche Auftrag, sich die Erde untertan zu machen. Symbolisch schwer wiegt da der Schachwettkampf, den im Mai 1997 der damals regierende Weltmeister Garri Kasparow (* 1963) gegen den IBM-Compu- ter „Deep Blue“ ausgetragen hat. Nachdem Kasparow bereits ein Jahr zuvor ein einzelnes Spiel - aber nicht das Turnier, in dem sechs Partien gespielt wurden - gegen den Computer verloren hatte, ging nunmehr das gesamte Turnier an „Deep Blue“. Er gewann 3,5 zu 2,5. Jenes Brettspiel, das sinnbildlich für die Brillanz menschlichen Denkvermögens stand, wurde fortan von einer Maschine beherrscht. Zwar wurde umgehend auch betont, dass Erfolge im Schachspiel technisch gesehen nur eine Frage der Rechenleistung seien und menschliches Denken weit differenziertere Möglichkeiten der Intelligenz bereithalte. Aber eine gewisse Verunsicherung blieb zurück. Umgekehrt hatte man auf diesen Moment aber auch hin gefiebert. Es handelte sich ja nicht einfach nur um die Leistung einer Maschine, sondern vielleicht mehr noch um eine des menschlichen Geistes, der imstande ist, eine Maschine herzustellen, die im Schach über den weitbesten Schachspieler triumphiert. Allerdings geht diese Leistung mit der Entdeckung einher, dass eine geistige Überlegenheit des Menschen offenbar kein kulturgeschichtliches Axiom ist. Das hat irritiert, umgehend aber auch die 3 Reinhard Haller: Die Macht der Kränkung. Wals bei Salzburg 2015, S. 93. 56 Künstliche Intelligenz Phantasien neu beflügelt. In den Jahren nach dem vielbeachteten Schachturnier traten Mathematiker und Informatiker auf den Plan, und sie diskutierten sehr konkret über die zu erwartenden Auswirkungen einer dem Menschen überlegenen „künstlichen Intelligenz“. Bis dahin waren solche Überlegungen eher Gedankenspiele der Science Fiction-Autoren und phantasievoller Medien gewesen. Weitere kleine Kränkungen als Wegweiser hin zur nächsten großen folgten. Nach der Niederlage des Menschen gegen den Schachcomputer wurde verkündet, dass das weitaus komplexere Spiel Go auch fürderhin eine Domäne des Menschen bleiben werde. Knappe 20 Jahre stimmte das auch. Im März 2016 aber gewann der Google-Computer „AlphaGo“ gegen den Go-Meister Lee Sedol (* 1983). Der Unterschied zum Schachturnier bestand darin, dass es nunmehr auch für die Programmiererinnen nicht mehr nachvollziehbar war, wie der Computer seine Spielzüge berechnete. „Deep Learning“ geriet zum neuen Zauberwort. Abermals gesteigert wurde die allgemeine Erregung, als Anfang 2017 auch noch die Software „Libratus“ ein Poker-Turnier gewann. Poker, so hatte man bis dahin verkündet, sei für den Computer eine zu große Hürde, weil das Spiel keinen völlig klaren Strukturen folgt und weil es auch auf intuitives Bluffen ankommt. Die Hergänge dieser „Niederlagen“ des menschlichen Geistes waren jeweils ähnlich. Die geschlagenen Meister reagierten geradezu schockiert, fast immer jedenfalls menschlich-emotional. Als die Quizprofis Kenneth Jennings (* 1974) und Bradford Rutter (* 1978) Mitte Februar 2011 in der Show „Jeopardy!“ dem eindrucksvoll vorgestellten Computer „Watson“ von IBM im Ratespiel unterlagen, erklärte Jennings: „Ich für meinen Teil begrüße unseren neuen Computer-Herrn.“ 4 Resignierend klatschten die beiden Unterlegenen dem eigentümlich visualisierten Statthalter einer Software in ihrer Mitte Beifall. Jenseits des Menschen In den Jahren nach dem Sieg von „Deep Blue“ gegen Garri Kasparow im Schach ist eine Fülle von Literatur zum Thema „künstliche Intelligenz“ entstanden. Unbeschadet der dynamischen Entwicklung der Computertechnologie und gesellschaftlicher Auswirkungen sind einige damals erschienene Bücher nachhaltig wirksam geblieben. Das gilt zum Beispiel für Rodney Brooks* (* 1954) 4 Im Original: „I for one welcome our new computer overlords“, online unter: https://www.youtube. com/watch?v=POObmODBvwl, Minute 33:36 (6.3.201 8) 57 Christian Stadelmann „Flesh and Machines“ aus 2002. 5 Der Autor setzt sich darin ausführlich mit der Frage auseinander, ob Maschinen menschengleich werden können oder nicht. Er fragt nach den Bestandteilen, aus denen Menschen und Maschinen zusammengesetzt sind, und danach, wie diese Bestandteile miteinander interagieren. Brooks stellt fest, dass es keinen „besonderen“ Stoff gibt, der den Menschen auszeichnet und gegenüber der Maschine unvergleichlich macht, und setzt sich - zum Teil recht polemisch - mit den Argumenten auseinander, die Gegner und Befürworter der Vorstellung von einer digitalen Kränkung Vorbringen. Er selbst nimmt eine scheinbar sehr rationale Position ein, indem er erklärt, dass der menschliche Körper aus Komponenten zusammengesetzt sei, „die nach klar definierten (wenn auch nicht vollständig bekannten) Regeln interagieren, die sich letztlich aus der Physik und Chemie ableiten. Er funktioniert wie eine Maschine mit vielleicht Milliarden von Teilen, die in ihrer Operations- und Interaktionsweise alle wohl geordnet sind. Wir selbst sind also, so wie unsere Ehemänner und Ehefrauen, unsere Kinder und Haustiere, Maschinen.“ 6 Dennoch kann er auch nur Vermutungen darüber anstellen, welche technischen Schritte zu setzen wären, damit Maschinen Ergebnisse erzielen, die mit der biologischen Evolution vergleichbar wären. Er bekennt, dass er letztlich nur aufgrund seiner Glaubensüberzeugungen den Menschen für eine Maschine halte. Daraus folgert er wiederum, dass es keinen Grund für die Annahme gebe, dass wir nicht eine Maschine aus Silizium und Stahl bauen könnten, „die sowohl echte Gefühle als auch Bewusstsein“ hätte. 7 Ähnlich im Kern, aber noch weniger rational argumentiert Raymond Kurzweil (* 1948) in den Büchern, die er seit den Jahren um 2000 veröffentlicht. 2005 erschien unter dem prophetischen Titel „The Singularity is Near. When Humans Transcend Biology" eine ausführlich dargelegte Prognose, wonach 2045 das Jahr sei, in dem sich das andauernde exponentielle Wachstum der kognitiven Leistungen „künstlicher Intelligenz“ explosionsartig ausweiten würde. Diese Behauptung ist nichts anderes als eine Auslegung des sogenannten mooreschen 5 Rodney Brooks: Flesh and Machines. How Robots will Change Us. Cambridge 2002. Auf Deutsch erschienen: Rodney Brooks: Menschmaschinen. Wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen. Frankfurt am Main 2002. 6 Rodney Brooks: Menschmaschinen. Wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen. Taschenbuchausgabe, Frankfurt am Main 2005, S. 191. 7 Ebd., S. 199. Im Original: „My own beliefs say that we are machines, and from that I conclude that ther.e is no reason, in principle, that it is not possible to build a machine from silicon and steel that has both genuine emotions and consciousness.“ (Brooks, siehe Anmerkung 5, S. 180) 58 Künstliche Intelligenz Gesetzes - 1965 formuliert und bis heute mehr oder minder gültig wonach die Rechenleistung von Computern wenigstens alle zwei Jahre verdoppelt wird. Kurzweil verknüpft diese Prognose mit der Idee von einer quantitativ fassbaren Intelligenz. Er erklärt, dass zu Anfang der 2030er-Jahre die globale Rechenleistung von Maschinen in etwa jener der geschätzten Rechenleistung der Menschen entsprechen werde, dass Computer aber 2045 eine Milliarde Mal leistungsstärker sein werden als menschliche Intelligenz. 8 Das Ansehen Kurzweils ist insbesondere auch dadurch gestiegen, dass er 2012 vom Google-Mitbegründer Larry Page (* 1973) für dessen Konzern als „Director of Engineering“ angeworben worden ist. In der schillernden Kultur des Silicon Valley, wo Machbarkeitsphantasien großes Renommee genießen, sind diese abenteuerlich hergeleiteten Prognosen noch wirkmächtiger geworden. Sie haben eine geradezu messianische Kraft entfaltet; eine große Anhängerschaft hat sich um ihren Autor versammelt. Weltweit ist der Begriff der „Singularität“ auch in Alltagsmedien zu einem gerne benutzten Schlagwort geworden. 9 Eigentlich handelt es sich dabei um eine Verknappung des Begriffs „Technologische Singularität“, der bereits 1993 geprägt worden war. Sein Schöpfer, Vernor Vinge (* 1944), Informatiker, aber bezeichnenderweise auch Science Fiction-Autor, sagte damals vorher, dass innerhalb von 30 Jahren übermenschliche Intelligenz geschaffen und kurz darauf das Zeitalter des Menschen beendet sein werde. 10 Die Idee ist von verschiedener Seite aufgegriffen und auch in Europa popularisiert worden. 11 Heute, 25 Jahre nach Vinges Prophezeiung, kann man, auch ohne eine waghalsige Prognose zu treffen, konstatieren, dass die Zeit zur Erfüllung dieser Verheißung allmählich knapp wird. Manfred Dworschak (* 1959), Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitschrift „Der Spiegel“ merkt sarkastisch an, dass sich bei Prognosen ein Zeitrahmen von drei bis vier Jahrzehnten 8 Ray Kurzweil: The Singularity is Near. When Humans Transcend Biology. New York 2005, S. 135f. Vgl. auch: Ders.: Die Intelligenz der Evolution. Wenn Mensch und Computer verschmelzen. Köln 2016 (zuerst erschienen 1999 unter dem Titel „Homo Sapiens. Leben im 21. Jahrhundert - was bleibt vom Menschen?“) und Ders.: How to Create a Mind. The Secret of Human Thought Revealed. New York 2013. 9 In österreichischen Medien vgl. u. a.: Gregor Kucera: Die Entstehung einer neuen Spezies, in: Wiener Journal. Das Magazin der Wiener Zeitung, 25.8.2017, S. 10-13. Oder Markus Kessler: Die Angst vor der klugen Maschine, in: Kurier, 7.1.2017, S. 20. Für diverse Hinweise auf einschlägige Zeitungsartikel und Webseiten bedanke ich mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen im Technischen Museum Wien, diesfalls insbesondere bei Peter Pöll. 10 Vgl. https://edoras.sdsu.edu/~vinge/misc/singularity.html (8.2.2018) 11 Unter anderem von Florian Rötzer: Als Cyborg ewig leben, in: Der digitale Mensch, Spiegel special (3) 1997, S. 72-78. 59 Christian Stadelmann bewährt habe, denn, „wenn sie am Ende nicht eintreffen, ist der Verkünder in Rente und nicht mehr zu belangen.“ 12 Das ist eine gerechtfertigte Warnung vor allzu leichtfertiger Rezeption von leichthin ausgesprochenen und wenig begründbaren Prognosen, zumal, wenn sie in eine Zukunft hinein ausgesprochen werden, die relativ weit entfernt ist und von der auch die versiertesten Expertinnen und Experten - auf welchen Gebieten auch immer - nicht sagen können, welche gesellschaftlichen Implikationen sie für uns bereithält. Konkret zur Vorstellung der „Technologischen Singularität“ hat Rodney Brooks auch spöttische Worte für die seiner Meinung nach sehr persönlichen Motive seines Kollegen Ray Kurzweil gefunden, der bereits für das Jahr 2020 Rechnerleistungen voraussagte, die uns allmächtig machen würden: „Natürlich wird Kurzweil um das Jahr 2020 selbst 70 Jahre alt sein. Und er ist entschlossen, wenigstens so lange zu leben - er hat in Vorbereitung darauf auch schon ein Buch über fettarme Diäten und die Vermeidung von Herzkrankheiten geschrieben. Wenn er es bis 2020 schafft, kann er es überallhin schaffen.“ 13 Seine Vorfreude auf Unsterblichkeit verdankt Kurzweil wahrscheinlich dem Physiker Frank J. Tipler (* 1947), der 1994 eine prognostische Variante davon äußerst gewagt und populär-esoterisch vorgebracht hat. 14 Das Forschungsfeld der „künstlichen Intelligenz“ wird immer Gefahr laufen, dass seine Seriosität von der Science Fiction, von der sehr persönlichen Phantasie ihrer Vertreter und von den damit verbundenen Möglichkeiten, das Publikum zu erstaunen, Journalisten zu beeindrucken und potenzielle Geldgeber zu umgarnen, unterlaufen wird. Indem es an rationaler Naturwissenschaft ansetzt, dann aber in irrationale Schöpfungsallmacht übergeleitet wird, die auch noch mit obskuren Jenseitsvorstellungen gepaart sein kann, kann es unversehns einen quasi-religiösen Charakter bekommen. Da ist es dann aber angeraten, den Prognosen, wie auch der Persönlichkeit der Prognostiker mit nüchterner Zurückhaltung und überlegter Vorsicht zu begegnen. 1 2 Manfred Dworschak: Vogel Strauß auf Rädern, in: Der Spiegel, 48 (201 6), S. 110-113, hier S. 112. 13 Brooks, siehe Anmerkung 6, S. 226. Eine zwar satirische, gleichwohl aber sehr anschauliche Analyse der sehr persönlichen Unsterblichkeitsphantasien der global äußerst erfolgreichen und verehrten Internet-Unternehmer wird vom österreichischen Kabarettisten Thomas Maurer in dem 2017 uraufgeführten Programm „Zukunft“ angestellt. 14 Frank J. Tipler: Die Physik der Unsterblichkeit. Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten. München 1994. Erwähnt wird Tipler von Kurzweil in dessen Publikationen allerdings nicht. 60 Künstliche Intelligenz Aus der Geschichte der künstlichen Intelligenz Verschiedentlich wird Kritik am Begriff „künstliche Intelligenz“ geäußert. Er stelle eine Verbindung zwischen Mensch und Technik her, die es so nicht gäbe und verspreche zu viel. Man sollte damit aufhören, diese modernen Wunderdinger als eine Art Vormenschen zu beschreiben und statt „künstliche Intelligenz“ beispielsweise „anthropic computing“ verwenden. 15 Der Gedanke, den Begriff „Intelligenz“ auf Computer anzuwenden, geht auf das Jahr 1950 und den einflussreichen Informatiker Alan Turing (1912-1954) zurück. Er grenzte ihn gegenüber dem des Geistes und damit den Computer gegenüber Gefühlen, Empfindungen und Erinnerungen ab. 16 Bald nach seinem Tod, 1956, ist „artificial intelligence / künstliche Intelligenz“ zum Leitbegriff der berühmt gewordenen „Dartmouth Conference“ erkoren worden, einer Zusammenkunft von Wissenschaftlern, die sich nichts weniger zum Ziel gesetzt hatte als „herauszufinden, wie Maschinen dazu gebracht werden können, Sprache zu benutzen, Abstraktionen vorzunehmen und Konzepte zu entwickeln, Probleme von der Art, die zurzeit dem Menschen Vorbehalten sind, zu lösen, und sich selbst weiter zu verbessern.“ 17 Ihre Proponenten sind nämlich davon ausgegangen, dass grundsätzlich alle Aspekte des Lernens oder andere Merkmale von Intelligenz so präzise beschrieben werden können, dass eine Maschine gebaut werden kann, die diese Vorgänge simuliert. 18 Die Tagung war für zehn Forscher konzipiert und auf zwei Monate angelegt (tatsächlich dauerte sie dann nur einen Monat). Nachhaltig bedeutend geworden ist sie weniger ihrer Ergebnisse wegen als vielmehr aufgrund der symbolischen Wirkung, die von ihr ausgegangen ist. Und diese ist vor allem der zentralen 15 Jerry Kaplan: Al’s PR Problem. Had artificial intelligence been named something less spooky, we'd probably worry about it less. MIT Technology Review, 3.3.2017, online unter: https://www. technologyreview.eom/s/603761/ais-pr-problem/ (2.5.2018). Im Original: „We should stop describing these modern marvels as proto-humans and instead talk about them as a new generation of flexible and powerful machines.“ Vgl. : Manuela Lenzen: Künstliche Intelligenz. Was sie kann & was uns erwartet. München 2018, S. 18. 16 Alan M. Turing: Computing Machinery and Intelligence, in: Mind. A Quarterly Review of Psychology and Philosophy, 59 (1950), Nr. 236, S. 433-460. Auf Deutsch erschienen als: Alan M. Turing: Kann eine Maschine denken? In: Walther Ch. Zimmerli, Stefan Wolf (Hg.): Künstliche Intelligenz. Philosophische Probleme. Stuttgart 1994. 17 John McCarthy, Marvin L. Minsky, Nathaniel Rochester u. a.: A Proposal for the Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence, 31.8. 1955, veröffentlicht in: AI Magazine, 27 (2006), Heft 4, online unter: https://www.aaai.org/ojs/index.php/aimagazine/article/view/1904/1802 (18.2.2018) 18 Im Original: „The study is to proceed on the basis of the conjecture that every aspect of learning or any other feature of intelligence can in principle be so precisely described that a machine can be made to simulate it.“ Ebd., S. 1 2. 61 Christian Stadelmann Stellung des Begriffs „artificial intelligence“ geschuldet. Dass eine Tagung mit einem derart ambitionierten Ziel damals ausgerichtet werden konnte, hat auch mit der politischen Akzeptanz zu tun, die die Informatik und Automatisierungskonzepte zu dieser Zeit in den USA genossen. Groß waren die Hoffnungen darauf, dass sie starke Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben insgesamt und das politische Machtgefüge im Speziellen haben würden, wenngleich diese Erwartungshaltung damals auch schon von der Sorge begleitet war, dass massenhaft Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Wahrscheinlich aber überwog einfach der Gedanke, dass es notwendig sei, die Maßstäbe in der Forschung zu setzen und nicht womöglich vorgesetzt beziehungsweise gegenübergestellt zu bekommen. Die Begeisterung für die Kybernetik, aus der die wissenschaftliche Arbeit an der „künstlichen Intelligenz“ bei aller zeitweiligen Konkurrenz der Fachvertreter zueinander letztlich hervorgegangen ist, war zu dieser Zeit an einem vorläufigen Höhepunkt angelangt. Die Forschung war mit ihrer allgemeinwissenschaftlichen, politischen und populären Rezeption in ein Amalgam eingebunden, von dem rückblickend nicht gesagt werden kann, wer da wen wie sehr und auf welche Weise beeinflusst hat. Die Diskussion um Kybernetik, „Elektronengehirne“, Roboter und Automatisierung, die damals geführt wurde, war jedenfalls gesellschaftlich sehr breit - und aus heutiger Sicht auch ein wenig wirr. Beispielsweise stellte die U.S. Navy 1958 „Perceptron“ vor, ein künstliches neuronales Netz. Es handelte sich um ein raumfüllendes Rechengerät, das mit Elektronenröhren arbeitete und mit Lochkarten bedient wurde. Dass es von selbst herausfand, ob diese Karten links oder rechts gestanzt waren, regte die Phantasie der „New York Times“ an. „Perceptron“ würde bald herumlaufen, reden und denken und sich schließlich auch fortpflanzen wollen. 19 Alltagsnäher waren die Verheißungen, die eine US-amerikanische Unternehmensorganisation 1954 in einer Flugschrift verbreitete, in der sie die Automatisierung pries. An „der Schwelle einer goldenen Zukunft“ würden wir stehen - einer Zukunft, in der „die Talente und das Können der Arbeiter [...] in dem kommenden irdischen Paradies ihre Belohnung finden“ würden. Der „Zauberteppich unserer freien Wirtschaft“ würde sich, geleitet „durch elektronische Geräte, beflügelt durch Atomenergie“ und bedient vom „reibungslosen, mühefreien Funktionieren der Automation [...] nach fernen und nie geträumten Horizonten“ bewegen. 1 9 Dworschak, siehe Anmerkung 1 2, S. 11 2. 62 Künstliche Intelligenz Und deshalb werde es das größte Erlebnis auf Erden sein, sich auf diesem Zauberteppich auf die Reise zu begeben. 20 Ob die Autoren dieser Zeilen glaubten, was sie da schrieben, sei dahingestellt; sie waren aber offenkundig der Ansicht, dass die Adressaten daran glauben könnten. Von Seiten der Gewerkschaften wurde den Automatisierungsbestrebungen jedenfalls großes Misstrauen entgegengebracht. Sowohl in den USA, als auch in Großbritannien kam es in jenen Jahren zu Streiks in der elektrotechnischen beziehungsweise in der Automobilindustrie. 21 Indirekte Unterstützung hatten die um ihre Arbeitsplätze Besorgten bereits 1947 von Norbert Wiener (1894-1964) erhalten, dem Begründer der Kybernetik. In einem einflussreich gewordenen Buch, das 1958 auf Deutsch unter dem Titel „Mensch und Menschmaschine“ erschienen ist, hat er ein Kapitel den praktischen Auswirkungen der Automatisierung gewidmet und eine „Arbeitslosigkeitenlage“ vorhergesagt, mit der verglichen „die Depression der dreißiger Jahre als harmloser Spaß erscheinen“ werde. 22 Trotz weitgehender Automatisierung vieler Industriezweige hat sich die Vorhersage massenhafter Arbeitslosigkeit nur in wirtschaftlich besonders monokulturellen Landstrichen bewahrheitet. Aber auch vorhergesagte Auswirkungen, die über die Frage der Arbeitsplätze hinausgingen, sind ausgeblieben. Der Automatisierungsprozess der vergangenen 60 Jahre hat keinen grundlegenden Wandel des sozialen Lebens bewirkt. Popularisierung und Widersprüche Verschiedentlich ist damals auch für den privaten Bereich eine Robotisierung erwartet worden, die weit über den Waschvollautomaten hinausgehen sollte. Die kybernetischen Modelle, die in jenen Jahren auf den Universitäten gebaut und diskutiert wurden, regten phantasiebegabte Erfinder dazu an, sich nicht lange mit Laborversuchen aufzuhalten, sondern ohne lästigen Umweg den dienstbaren Roboter für den Haushalt zu bauen. So stellte der Wiener Claus-Christian Scholz-Nauendorff (1915-1992) von 1958 bis 1964 eine Serie von „Maschi- 20 Zit. n. L. Nitschmann: Mensch-Maschinen und Maschinen-Menschen, in: Die Zeit, Jahrgang 13, Nr. 31,31.7.1958. 21 Ebd. 22 Norbert Wiener: Mensch und Menschmaschine. Frankfurt am Main 1958, S. 136-159, hier 158. Zur Automatisierungsdebatte vgl. Martina Hessler: Die Ersetzung des Menschen? Die Debatte um das Mensch-Maschinen-Verhältnis im Automatisierungsdiskurs, in: Technikgeschichte 82 (2015), Heft 2, S. 109-136. 63 Christian Stadelmann nenmenschen“ her, die er als Haushaltshilfen eingesetzt wissen wollte. Die letzten beiden Exemplare dieser Serie konnten sich, von Elektromotoren angetrieben, auf Rollen ruckweise vorwärtsbewegen. Für die Illustrierten jener Zeit wurden diese Gestalten mit einem Staubsauger in der Hand fotografiert oder als Butler in Szene gesetzt, die der Dame des Hauses den Tee einschenkten und die Haare kämmten. Die Auftritte dieser „Maschinenmenschen“, mehr noch aber die Interviews, die deren Schöpfer gegeben hat, muten aus heutiger Sicht höchst skurril an. Mit großer Selbstverständlichkeit erläutert er da die Vorzüge seiner Geschöpfe als bedürfnislose Dienerschaft und deutet an, dass das Ende der Hausarbeit gekommen sei. Er redet davon, dass seine Roboter Charakter haben und dass man durch sie „der Seele der Technik auf die Spur“ komme. 23 Wiewohl den Reportern die plumpen Inszenierungen, die da für ihre Fotografen vorgenommen wurden, bewusst gewesen sein müssen, haben sie die Erzählungen offensichtlich kritiklos übernommen und um der „guten Story“ Willen freimütig kolportiert. Solche Reportagen haben sehr viel mehr die Vorstellungen von Robotern geprägt als die vergleichsweise zaghaften Versuche der Hoch- schul-Kybernetiker, wenngleich auch diese ihre Forschungen nicht frei von fik- tionalen Roboter-Bildern betrieben haben. Auch in die Belletristik der späten 1950er-Jahre hat die Kybernetik Einzug gehalten. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911-1991) lässt seinen Homo faber 1957 vor der jungen Sabeth mit seinem Wissen um die hochmoderne Wissenschaftsrichtung prahlen. Er erklärt ihr den Begriff „Kybernetik“ und verweist „sie auf Norbert Wiener: Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine, M.I.T. 1948.“ 24 Daraufhin belächelt er „die Roboter, wie sie die Illustrierten sich ausmalen“, schwärmt vom „Elektronen-Hirn“, um dann aber auch der Begriffsverwirrung zu erliegen und den Computer als „Roboter“ zu bezeichnen. Der Wiener Informatiker Heinz Zemanek (1920-2014) mahnt bei der Verwendung des heute nicht mehr gebräuchlichen, damals aber sehr zeitgemäßen Begriffes „Elektronengehirn“ zur Vorsicht. Sie wecke zu weitgehende Vorstellungen, erklärt er 1952 und stellt dann doch gleich auch die Frage: „Ist die Technik 23 Fernsehberichte des Österreichischen Rundfunks, um 1966, gezeigt im Technischen Museum Wien. Die erwähnten „Maschinenmenschen“ sind ebenfalls dort aufgestellt: „MM7, Selektor“ von 1961 (vgl.: data.tmw.at/obiect/171447) und „MM8, Contina“ von 1964 (vgl.: data.tmw.at/ob- ject/588678). 24 Max Frisch: Flomo faber. Ein Bericht. Taschenbuchausgabe Frankfurt am Main 1977, S. 75. 64 Künstliche Intelligenz daran, auch den allermenschlichsten Bezirk, den des Denkens, zu erfassen?“ 25 Anlass für diese Frage war ihm der Ansatz, dass die Funktionsweise der Röhrentechnik eines Computers mit der des Gehirns vergleichbar sei. Und weil eine Nachricht im Gehirn in einem Umlaufmechanismus so lange kreise, bis sie wieder abgerufen beziehungsweise in einem chemischen Speicher abgelegt und aufbewahrt würde, seien auch die Speichermethoden vergleichbar. Und so folgert Zemanek: „Es kann kein Zweifel bestehen, dass sich die Tätigkeit einer solchen Maschine mit einem Teil dessen deckt, was landläufig als Denken bezeichnet wird.“ 26 Diese Überlegungen zeigen aber einen anderen Ansatz an als jenen, den Alan Turing vorgeschlagen hatte. Bei vielen Fachleuten jener Zeit setzte sich nämlich allmählich die Vorstellung durch, dass der Computer ein Abbild des menschlichen Geistes sei und nach den gleichen Prinzipien arbeite wie das analoge Gehirn, und dass infolgedessen das Gehirn ein Modell für den Computer sein könnte. 27 Anders gesagt: Weil Software im selben Verhältnis zum Computer stehe wie Geist zum Gehirn, lasse sich Geist folgerichtig auch konstruieren. Der Informatiker David Gelernter bezeichnet diese Vorstellung heute als „die wichtigste, einflussreichste und (intellektuell) zerstörerischste Analogie der letzten hundert Jahre.“ 28 Um nun den im Gehirn wirksamen Prinzipien auf die Spur zu kommen, suchten die Fachleute bereits in den Jahren vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ernsthaft die Funktion neuronaler Strukturen zu ergründen. Es war schließlich John von Neumann (1903-1957), einer der Computerpioniere, der 1946 in einem Brief an Norbert Wiener ernsthafte Zweifel an ihren eigenen Forschungen formulierte. Er kritisierte, dass sie sich ausgerechnet das Gehirn, das komplizierteste Objekt unter der Sonne, als Modell ausgesucht haben und dass dessen außergewöhnliche Komplexität der Grund dafür sei, dass sie in ihren 25 Heinz Zemanek: Denken Elektronengehirne? In: Die Warte. Blätter für Forschung, Kunst und Wissenschaft, Nr. 44, 1.11.1952, S. 1. 26 Ebd., S. 2. 27 Vgl. Peter Asaro: Computer als Modelle des Geistes. Über Simulation und das Gehirn als Modell des Designs von Computern, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 19 (2008), Heft 4 (Themenheft Geschichte der Kybernetik), S. 41-72, besonders S. 42f. 28 David Gelernter: Gezeiten des Geistes. Die Vermessung unseres Bewusstseins. Berlin 2016, S. 221. 65 Christian Stadelmann Bestrebungen, synthetische Automaten-Gehirne zu konstruieren, nicht weiter- gekommen sind. 29 Nicht von ungefähr findet sich diese Kritik an den Bestrebungen der eigenen Zunft nur in einem Brief, der ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen war. Man kann davon ausgehen, dass sie angesichts der allgemeinen Euphorie und wohl auch angesichts von Fördermitteln, die für die Arbeit notwendig gewesen sind, nicht offen vorgetragen worden ist. In weiten Forscherkreisen war man überzeugt davon, dass es in absehbarer Zeit möglich sei, die Funktionsweise des Gehirns zu simulieren. Auf grundsätzlich-philosophische Vorbehalte, vorgebracht etwa von Günther Anders (1902-1992), wurde ohnehin nicht eingegangen. Dieser befand, dass wir eine „prometheische Scham“ vor der Technik empfinden und uns ihr unterordnen würden. 30 Wir seien heute invertierte Utopisten. Während sich nämlich die richtigen Utopisten eine Welt vorstellen würden, die sie nicht schaffen könnten, würden wir uns die Welt, die wir erschaffen, nicht vorstellen können. 31 Anders formulierte das unter dem Eindruck der Bedrohung durch die Atombombe, meinte aber die technischen Entwicklungen seiner Zeit allgemein. Bezogen auf die Frage nach den Möglichkeiten des Elektronengehirns lässt sich rückblickend konstatieren, dass angesichts der herrschenden Machbarkeitsphantasien ein gehöriges Maß an Utopismus im Spiel war. Das Vorhaben, alle Aspekte des Lernens oder anderer Merkmale von Intelligenz präzise zu beschreiben und infolgedessen eine Maschine zu bauen, die diese Prozesse simuliert, war aus heutiger Sicht äußerst verwegen. Der Begriff der „künstlichen Intelligenz“ wurde jedenfalls geprägt, ohne dass dafür eine tiefergehende philosophische, medizinische oder humanwissenschaftliche Reflexion ausgemacht werden könnte. 29 Asaro, siehe Anmerkung 27, S. 61. Dort, aus Neumanns Brief an Norbert Wiener im Wortlaut: „Our thougths - I mean yours and Pitts 1 and mine - were so mainly focused on the subject of neurology, and more specifically on the human nervous system and there primarily on the central nervous system. Thus, in trying to understand the function of automata and the general principles governing them, we selected for prompt action the most complicated object under the sun [...]. The difficulties are almost too obvious to mention: They reside in the exceptional complexity of the human nervous system, and indeed of any nervous system.“ 30 Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München 1956; Taschenbuchausgabe, 2. Auflage München 2002, S. 21-95. Der Begriff „prometheische Scham“ nimmt Bezug auf den Titanen Prometheus aus der griechischen Mythologie, der den Menschen geschaffen, beziehungsweise ihm die Zivilisation gebracht hat. Indem wir nun technische Geräte hersteilen, die unseren psychischen und physischen Horizont übersteigen, empfinden wir eine Scham vor dieser Technik. Vgl. Konrad Paul Liessmann: Günther Anders. Philosophieren im Zeitalter der technologischen Revolution. München 2002, besonders S. 53f. 31 Günther Anders: Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen zum atomaren Zeitalter. München 1981, S. 96. 66 Künstliche Intelligenz Was denkt denn da? Bis heute gibt es keine Definition dessen, was „Intelligenz“ ist. Man verwendet den Begriff in einem sehr breiten Bedeutungsspektrum, meint damit zunächst vielleicht einfach nur unterschiedliche Möglichkeiten der Informationsverarbeitung; man denkt an Auffassungsgabe, Lernfähigkeit, Begabung oder das Begreifen komplexer Zusammenhänge. Solche Leistungen lassen sich aber schwer miteinander in Beziehung setzen. Die Vorstellung, dass Intelligenz messbar sei, ist auch trotz ständiger Verfeinerung der Methoden zur Erhebung des Intelligenzquotienten umstritten, Ordnungsmodelle, die für „Intelligenzen“ erstellt werden, sind bestenfalls Annäherungen. Man subsumiert unter dem Begriff Leistungen, die bei unterschiedlichen Personen höchst unterschiedlich ausgeprägt sind: Klugheit, Belesenheit, Weisheit, Bauernschläue, Kreativität und Vorstellungskraft, Intuition, Willensstärke, Verschlagenheit, die Kunst der Rhetorik und die der Orientierung im Raum, Problemlösungskompetenz, strategisches und diplomatisches Geschick und so weiter und so fort. Erst in jüngerer Zeit wurde der Begriff der „Intelligenz der Gefühle“ (emotionale Intelligenz) eingeführt, 32 aber auch das weit über kognitive Fähigkeiten hinausgreifende Konzept der Resilienz müsste in die Versuche, Intelligenz zu definieren und zu messen, miteinbezogen werden. Und hier nun lässt sich der Begriff endgültig nicht mehr greifen. Ohne zunächst auf technische Implikationen einzugehen, müssten wir aber streng genommen, wenn wir „künstliche Intelligenz“ hersteilen wollten, entweder auf all diese Nuancen eingehen oder uns auf eine Definition von „Intelligenz“ einigen, die eine halbwegs verbindliche Übereinkunft findet, damit sie schließlich nachgebaut werden kann. Tatsächlich beschränkt sich die Idee von technisch konstruierter „Intelligenz“ aber auf leicht unterschiedlichen Interpretationen dessen, welche Schlüsse sich aus dem mooreschen Gesetz ableiten lassen, der Feststellung also, dass sich die Rechenleistung von Computern in regelmäßigen Abständen verdoppelt. 33 Beim mooreschen Gesetz handelt es sich aber nicht einmal um ein physikalisch begründbares Naturgesetz. Vielmehr ist es eine Art Faustregel, die, 1965 von Gordon Moore (* 1929), einem Mitbegründer des Halbleiterherstellers Intel, formuliert, bis heute ihre Gültigkeit behalten und allein dadurch eine gewisse Wirkungsmacht erlangt hat. In kaum einer wissenschaftlichen Publikation, geschweige denn in den Medien, wird ihm widersprochen, 32 Geordnet zusammenfassend vgl. Joachim Funke, Bianca Vatterrodt: Was ist Intelligenz? München 1998, S. 59f. 33 https://de.wikipedia.org/wiki/Mooresches_Gesetz (3.3.2018) 67 Christian Stadelmann also soll das auch hier nicht geschehen. Festzuhalten bleibt aber, dass sich „Intelligenz“ in das hier angedeutete Bedeutungsspektrum in keiner Weise mit diesem „Gesetz“ in Einklang bringen lässt. Und wenn wir uns ehrfurchtsvoll mit „Deep Learning“ auseinandersetzen und keine Ahnung davon haben, wie eine Software zu ihren erstaunlichen Ergebnissen gekommen ist, so gilt es, einmal mehr innezuhalten. „Es könnte sein, dass wir eine kognitive Leistung intelligent nennen, solang wir nicht verstanden haben, wie sie zustande kommt“, 34 gibt die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen spitz zu bedenken. Jedenfalls, so scheint es, haben wir völlig aus dem Blick verloren, dass das ursprüngliche Konzept von „künstlicher Intelligenz“ darauf abzielte, menschliches Denken zu modellieren. Trotz bemerkenswerter begrifflicher und interpretatorischer Unscharfen gibt es nur wenig Widerspruch gegen die Entwürfe einer „künstlichen Intelligenz“. Womöglich liegt das daran, dass keine der vielen Wissenschaften, in deren Feld sie hineinspielt, genügend methodisches Rüstzeug mitbringt, auch nur halbwegs verbindliche Aussagen darüber zu treffen, worüber sie sich da austauschen. Alle sind sie sehr zurückhaltend gegenüber den gar forschen und selbstbewussten Ansagen, die von den Apologeten der „künstlichen Intelligenz“ getroffen werden. Ein Referenz-Skeptiker ist aber sicherlich der Neurowissenschaftler Antonio Damasio (* 1944). Er betont, dass es das definierende Merkmal von Neuronen sei, auf den Körper hin ausgerichtet zu sein, und dass diese Eigenschaft das eigentliche Argument für die Ausbildung eines Willens sei. 35 Bereits in „Descartes’ Error”, jenem Buch, mit dem er 1 994 in weiten Kreisen bekannt geworden ist, hat Damasio die These vertreten, dass es die Verbindung von Geist und Körper ist, die den Menschen definiert. Alle Berechnungen, die darauf abzielen, die menschliche Intelligenz zu erreichen oder zu übertreffen, würden diese grundlegende Realität ignorieren. Der Geist sei nicht losgelöst vom Körper, und der Körper sei Teil des Bewusstseins des Menschen. 36 Darüber hinaus würden Kl-Programme nur eine begrenzte Ähnlichkeit mit den tatsächlichen mentalen Abläufen bei Menschen aufweisen. Sie würden zwar über Kognition, nicht aber über Affekte verfügen, so Antonio Damasio, 34 Lenzen, siehe Anmerkung 15, S. 30. 35 Antonio Damasio: Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. München 2013, S. 50. 36 Vgl. Ders.: Descartes’ Error. Emotion, Reason, and the Human Brain. London 1994. Auf Deutsch erschienen: Antonio Damasio: Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München 1 994. 68 Künstliche Intelligenz „das heißt, die intellektuellen Schritte in ihrem .intelligenten' Geist können nicht in ein Wechselspiel mit früheren, begleitenden oder vorhergesagten Gefühlen eintreten. Ohne Gefühl jedoch löst sich ein großer Teil der Hoffnung auf ihr Menschsein in Luft auf [...].“ 37 David Gelernter ergänzt, dass sehr komplexe Aspekte der Wahrnehmungen eines Menschen in einem Gefühl „zusammenfließen können“ und dass Emotionen von grundlegender Bedeutung für Geist und Denken und entscheidend für die Fähigkeit sind, „aus dem Gedächtnis die gespeicherten Informationen herauszugreifen.“ 38 Gefühle sind entscheidend für unser Denken, weil sie es in Gang setzen, „weil sie über unsere Bedürfnisse bestimmen, über unsere Befürchtungen, unsere Ängste und unseren Hass.“ 39 Auf Grundlage solcher Überlegungen sind Analogien zum Computer schwer herzustellen. Die Skeptiker der „künstlichen Intelligenz“ haben allerdings ein argumentatives Problem. Ebenso wie die Apologeten leichtfertig ihre Prognosen zum besten geben, äußern jene seit Jahrzehnten ihre Vorbehalte, die sie dann revidieren müssen. Dass Computer die jeweiligen Großmeister im Schach, im Go und im Pokerspiel besiegen könnten, hielten sie so lange für denkunmöglich, bis genau dies eintrat. Die Prognosen der Skeptiker sind insofern nicht besser als jene der Apologeten. Bei der Beurteilung der „Leistungen der Technik“ wird üblicherweise aber auch geflissentlich ausgeblendet, dass hinter den zweifellos beeindruckenden Erfolgen dieser Computer ganze Teams von Programmiererinnen stehen und dass jede dieser Leistungen in einem ziemlich schmal begrenzten Bereich erbracht wird. Das Ziel, eine „allgemeine künstliche Intelligenz“ („artificial general intelligence") zu schaffen, macht derzeit noch einen äußerst ambitionierten Eindruck. Man versucht zum Beispiel, es dadurch zu erreichen, dass Roboter (und nicht einfach nur Computer) eine künstliche Kindheit durchlaufen sollen. 40 Die Fährnisse dieses Weges sind noch nicht absehbar. Trotzdem und unbeeindruckt von derartigen Details wird seit einigen Jahren in Permanenz von einem Rückzugsgefecht der menschlichen gegenüber der „künstlichen Intelligenz“ berichtet. Der in den letzten Jahren zum Star avancierte Historiker Yuval Harari (* 1976) warnt eindringlich vor der Überantwortung unseres Handlungsspielraums an die Computer. Die unausweichliche Konsequenz sei die, dass die 37 Ders.: The Strange Order of Things. Life, Feeling and the Making of Cultures. New York 2018. Auf Deutsch erschienen: Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur. München 2017, das Zitat: S. 235. 38 Gelernter, siehe Anmerkung 28, S. 118. 39 Ebd., S. 119. 40 Vgl. Lenzen, siehe Anmerkung 15, S. 33 und S. 91-94. 69 Christian Stadelmann meisten Menschen schlechterdings verkümmern würden. 41 Einige Menschen aber würden in die Lage versetzt, sich ständig zu erneuern und so - zumindest theoretisch - unsterblich zu werden. Mit derartigen Zukunftsszenarien begibt sich Harari in die Nähe der sogenannten Post- und Transhumanisten, die mit nicht verifizierbaren Thesen ein Ende beziehungsweise eine grundlegende Änderung des Menschseins prognostizieren. Im Gegensatz zu Ray Kurzweil blickt er diesem menschheitsgeschichtlichen Moment allerdings nicht in froher Erwartung entgegen. Harari gehört auch beileibe nicht zu den technokratischen Esoterikern, die Heilsversprechen ablegen oder, umgekehrt, dystopische Warnungen aussenden. Die Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft des Verhältnisses von Mensch und Maschine hat mittlerweile sehr weite Kreise erfasst. In einem offenen Brief rufen seit 2015 prominente Vertreter aus Wissenschaft und Web-Kultur - von Stephen Hawking (1942-2018) bis Elon Musk (* 1971) - dazu auf, behutsam mit den Möglichkeiten der „künstlichen Intelligenz“ umzugehen - in welcher Weise auch immer. 42 Ihrer Meinung nach ist es offensichtlich, dass wir Geister riefen, die wir nun nicht mehr loswerden. Die gesellschaftlichen Auswirkungen von technischen Innovationen sind längerfristig nicht vorhersehbar. Und so haben naturgemäß weder Skeptiker noch Apologeten konkrete, wissenschaftlich auch nur halbwegs abgesicherte Vorstellungen davon, was da auf die Menschen zukommt. Man ist mitunter mit hilflosen bis desperaten Mutmaßungen konfrontiert, die, obschon sie sich wissenschaftlich gerieren, jeder methodologischen Sorgfalt entbehren. Haltlose Prognosen werden massenhaft kolportiert und mit Bildern garniert, die, für welchen Alltagsfall auch immer, suggerieren, dass hier eine „künstliche Intelligenz“ am Werk ist, der wir aber nicht mehr Herr sind. Wir stehen einer medialen Phalanx, sowohl an Verheißungen als auch an Bedrohungsszenarien, gegenüber, die einmal mehr Anlass zu Zurückhaltung und Vorsicht geben sollte. Aus der Vorgeschichte der künstlichen Intelligenz Ein möglicher Umgang mit den Unwägbarkeiten des Themas ist es, sich noch konsequenter auf das Feld der Geschichtswissenschaft zurückzuziehen als ich dies hier bisher schon gemacht habe. Denn in der Tat sind die bislang diskutierten Überlegungen ihrem Wesen nach nicht erst in den vergangen 70 Jahren 41 Yuval Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen. München 2017, Kapitel III: Homo sapiens verliert die Kontrolle, S. 377-537. 42 https://futureoflife.org/ai-open-letter-german/ (6.3.2018) 70 Künstliche Intelligenz entwickelt worden. Im 18. Jahrhundert wurde ausführlich erörtert, ob Körper und Geist getrennt voneinander funktionieren oder ob beide ein und demselben Prinzip gehorchten. Erstaunlich einflussreich war damals der atheistische Arzt Julien Offray de La Mettrie (1709-1751), der als philosophisches Enfant terrible galt, von dem man letztlich nicht genau wusste, ob er auch ernst meinte, was er von sich gab. Erfasste den Körper konsequent als Maschine auf, die aus Nerven und Stützmasse bestehe und auf die die ihn umgebenden Gegenstände über die Sinne einwirkten. Diese Umwelteindrücke würden über die Nerven, deren Fortsätze und die Hirnhäute an die Seele übermittelt. 43 Die damals theoretisch geführten Debatten zeitigten auch eine Reihe realer Objektivationen: Maschinen und Automaten, die mit der Idee spielten, die Funktionalität von Lebewesen nachzubilden. Berühmt geworden ist beispielsweise der um 1770 vorgestellte „Schachtürke“ von Wolfgang von Kempelen (1734-1804), ein Automat, der künstliches Denken suggerierte und auf diesbezügliche Vorstellungen referen- zierte. In gewissem Sinne handelte es sich um den Vorläufer des Schachcomputers; im Gegensatz zu jenem führte er aber die Figuren tatsächlich mit einer mechanischen Hand, und konnte nur deshalb Schach spielen, weil er von einem denkenden Menschen bedient, als „Handpuppe“ eingesetzt und als Androide vermarktet wurde. In seinem Körper - einem Kasten, auf dem das Schachbrett lag - saß der wirkliche Schachspieler. Eine ausgefeilte Spiegeltechnik verbarg ihn vor neugierigen Blicken, auch wenn bei Vorführungen die Türen des Kastens geöffnet wurden. Der „Schachtürke“ war also keineswegs ein technisches Wunder, er war vielmehr ein zauberkünstlerisches Meisterwerk. Anders verhielt es sich mit der Sprechmaschine, an der Wolfgang von Kempelen jahrzehntelang arbeitete und die er 1791 in einer Publikation vorstellte. 44 Dieser Versuch, das menschliche Sprechen nachzubilden gilt allgemein als ernstzunehmende wissenschaftliche Leistung, die für lange Zeit Maßstäbe auf dem Feld der Sprachsynthese gesetzt hat. Sie ist deshalb bis heute Gegenstand systematischer Forschung. 45 Ein Blasebalg, die „Lunge“, erzeugt einen Luftstrom, der durch Rohrblätter, künstliche Membrane, strömt. Die Konstruktion der Maschine war ausgesprochen komplex und brachte auch Lautkombinationen hervor, die 43 Dabei steht die Seele nicht im Widerspruch zu La Mettries Konzept. Auch sie ist bei ihm Materie. Vgl. Alex Sutter: Göttliche Maschinen. Die Automaten für Lebendiges bei Descartes, Leibniz, La Mettrie und Kant. Frankfurt am Main 1988, hier besonders S. 133f. und S. 265f. 44 Wolfgang von Kempelen: Mechanismus der menschlichen Sprache nebst einer Beschreibung seiner sprechenden Maschine. Wien 1791. 45 Vgl. Fabian Brackhane, Richard Sproat, Jürgen Trouvain (Hg.): Wolfgang von Kempelen: Der Mechanismus der menschlichen Sprache (=Studientexte zur Sprachkommunikation, Band 87 und 88). Dresden 2017. 71 Christian Stadelmann über die Selbstlaute hinausgingen. Kempelen hatte damit bei öffentlichen Darbietungen offenbar auch einen gewissen Erfolg, die Nachbildung der menschlichen Sprache gelang ihm aber nicht. Das ist insofern nicht verwunderlich, als diese in einem vielfältigen und höchstens teilbewussten Zusammenspiel von Lunge, Luftröhre, Stimmbändern, Rachen, Nase, Mundhöhle, Zunge und Zähnen zustandekommt. Zu Kempelens Zeiten waren die grundlegenden Funktionen des Sprechens zwar schon erforscht, exakt erklärt werden konnte es aber nicht, geschweige denn, dass es in seinen Nuancen erfasst werden hätte können oder die Materialien zu dessen Nachahmung zur Verfügung gestanden hätten. Tieferliegende sprachliche Besonderheiten - dass beispielsweise Menschen mit unterschiedlichen Sprachkulturellen Hintergründen bestimmte Laute unterschiedlich gut aussprechen können - können mechanisch ohnehin nicht nachgebildet oder auch nur technisch interpretiert werden, was doch die Grundlage dafür wäre. Angesichts der Schwierigkeiten, die bei der praktischen Umsetzung aufgetreten sind, verwundert es nicht, dass diesbezügliche Versuche allmählich erlahmt und schließlich eingestellt worden sind. Im 20. Jahrhundert kam man vom Konzept der mechanischen Sprachsynthese völlig ab. Die technische Umsetzung und auch die Intentionen, die hinter den heute gebräuchlichen computerbasierten Sprachsynthesesystemen stehen, haben überhaupt nichts mehr damit zu tun. Die Sprechmaschine ist letztlich als - zweifelsfrei aufschlussreicher - Misserfolg menschlicher Erfinderkunst zu verbuchen. Die Geschichte der Sprachsynthese ist insofern interessant, als sie, hier nur knapp skizziert, veranschaulicht, wie weit die Versuche, biologische Funktionen nachzubilden, von den tatsächlichen Möglichkeiten, diese für eine technische Nutzung umzusetzen, abweichen. Ebenfalls aus dem 1 8. Jahrhundert rührt ein anderes, noch bekannteres Beispiel dafür: die künstliche Ente von Jacques de Vaucanson (1709-1782). Erstmals vielleicht in der Neuzeit machte sich ein versierter Techniker 46 daran, „künstliches Leben" zu schaffen. Er konstruierte gegen Ende der 1730er-Jahre eine Ente, die sitzen, stehen, watscheln, schnattern, flattern, Wasser trinken und Maiskörner verschlucken konnte. Was ihr aber vor allem Berühmtheit und eine dauerhafte Präsenz im Bewusstsein der Menschen eingetragen hat, ist der Umstand, dass sie die gefressenen Körner auch verdaut und ausgeschieden hat. Einige Zeit, nachdem sie die Körner aufgepickt hatte, tröpfelte Kot aus dem „Darm“ der Ente. Wie beim „Schachtürken“ handelte es sich auch hier um eine bewusste Täuschung. Der „Vogel“ sammelte die 46 Zunächst hatte Vaucanson eine Ausbildung bei den Jesuiten erhalten. 72 Künstliche Intelligenz aufgenommene Nahrung in einem Behälter. Seinen Kot sonderte er aus einem anderen ab, der getrennt davon war. Wie der „Schachtürke“ ist auch die Ente verloren gegangen. In beiden Fällen kreuzten sich jedenfalls außergewöhnliche menschliche Leistung mit suggestivem Handpuppenspiel. Sowohl die Präsentation der vaucansonschen Ente als auch die des „Schachtürken“ erinnert uns nicht von ungefähr an gegenwärtige Präsentationen von wunderbaren Roboter-Wesen, die erstaunlich menschen- oder tierähnlich agieren und denen wir auf YouTube fasziniert zuschauen. Einzig die zeitliche Distanz lässt uns im einen Fall wissend lächeln. Im anderen Fall staunen wir verblüfft. Was hier noch besonders interessiert, ist die Tatsache, dass auch zu Zeiten, als Vaucanson seine Ente baute, die Medizin nicht wusste, wie eigentlich die Verdauung eines Lebewesens funktioniert. Sehr wohl zeigte sie ein großes Interesse daran und machte auch Fortschritte bei ihrer Erforschung. Zu Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Anatomen die Drüsen des Verdauungsapparates entdeckt. Man ging davon aus, dass ein Fermentationsprozess stattfand, an dem Mund, Magen, Herz und Blut beteiligt waren. 47 Erst am Ende des 18. Jahrhunderts folgte im Zuge der Forschungen des Chemikers Antoine Laurent de Lavoisier (1743-1794) die Erkenntnis, dass es sich um eine Form der Verbrennung handelt, für die Sauerstoff notwendig ist. Mag sein, dass just die Entwicklung der medizinischen Forschung auf diesem Gebiet Vaucanson dazu inspirierte, mit mechanischen Mitteln die Verdauung zu imitieren. Gewiss spielt auch die erstmals genutzte Möglichkeit eine Rolle, einen biegsamen Schlauch - den Darm - aus Gummi fertigen zu können. Er kann aber eigentlich zu keinem Zeitpunkt daran geglaubt haben, dass er im Bauch seiner Ente tatsächlich eine Verdauung erzeugen könnte, denn er konnte nicht wissen, was Verdauung war. Die Menschen, die bei den Vorführungen der Ente Schlange standen - manche von ihnen zahlten angeblich einen Wochenlohn für den Eintritt 48 - und über die Ausscheidungen des Automaten staunten, glaubten augenscheinlich daran. Nun kann man aus diesen historischen Beispielen nicht ohne weiteres Analogien zu den gegenwärtigen Entwicklungen auf dem Gebiet der Robotik und „künstlichen Intelligenz“ herstellen. Aber das Gemenge aus seriöser, wissenschaftlicher Forschung und sensationslüsterner Schöpfungsphantasie weist zweifelsfrei Parallelen auf und gemahnt doch sehr an diese historischen Phänomene, die wir entweder biologisch oder technisch entschlüsselt haben. Wie 47 Roy Porter: Die Kunst des Heilens. Eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute. Heidelberg, Berlin 2000, S. 221 f. 48 Vgl. John Jordan: Roboter. Wiesbaden 2017, S. 48. 73 Christian Stadelmann seinerzeit bei den Versuchen der Nachbildung menschlicher Sprache und tierischer Verdauung sind wir im Begriff, eine menschliche Funktion nachzubauen, ohne dass wir sie tatsächlich auch verstehen würden - den menschlichen Geist und das menschliche Denken, nämlich. Und wie seinerzeit Wolfgang von Kempelen glaubte, das Sprechen zu verstehen und Jacques de Vaucanson behauptete, die Verdauung zu verstehen, so sind wir der Ansicht, dass wir wissen wovon wir sprechen, wenn von Intelligenz die Rede ist. Vielleicht kann man aus den historischen Beispielen auch noch einen anderen, hermeneutisch durchaus interessanten Aspekt ablesen: die technische Interpretation biologischer Vorgänge hat zweifelsohne auch eine breitenwirksamere Auseinandersetzung mit den Phänomenen - in diesen Fällen denen des Sprechens und der Verdauung - gefördert. Bei aller unreflektierten sprachlichen Gleichsetzung biologischer mit technischen Vorgängen fördert eine solche wohl auch die Selbsterkenntnis des Menschen. Der Begriff der Intelligenz wird heute mit weit größeren Vorbehalten verwendet wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Und das liegt wohl auch daran, dass über die Versuche der technischen Herstellung von Intelligenz die Reflexion über die tatsächliche menschliche Intelligenz deutlich vertieft worden ist. 74 Hundert Jahre Zukunft? Hubert Weitensfelder Hundert Jahre Zukunft? Neue Technologien in Österreich seit 1918 - Aspekte und Diskurse Einleitung Am 6. Mai 1982 trat Paul Petrovic, Professor für Straßenbau an der TU Wien, vor eine ausgewählte Öffentlichkeit. An diesem Tag zelebrierte der „Fachverband der Fahrzeugindustrie“ im großen Saal des renommierten Wiener Musikvereins sein 75-Jahr-Jubiläum. Unter den Anwesenden befand sich auch der Bundespräsident. Petrovic sprach zu diesem Anlass über die „Rolle des Technikers in der Welt von morgen“. Unter anderem führte er aus: „Das Denken des Naturwissenschaftlers und Technikers ist in ganz besonderem Maße durch die Zukunft bestimmt und nicht durch die Gegenwart und nicht durch die Vergangenheit. Das heißt nun nicht, daß wir auf Gegenwart und Vergangenheit mit ihren Traditionen und Erfahrungen keine Rücksicht nehmen sollen. Aber Planen heißt ja für die Zukunft tätig sein. Der Techniker, der neue Verkehrswege plant, der Kraftfahrzeuge entwirft und baut, der Hochbauten, Brücken, Versorgungseinrichtungen, Maschinen und Geräte konstruiert, sie alle suchen mit ihren Gedanken die Zukunft. Wenn wir den Beruf eines Technikers mit anderen Berufen vergleichen, dann erkennt man unmittelbar und sehr deutlich seine nur auf die Zukunft ausgerichtete und an ihr orientierte Bindung. Für den Techniker ist der Gedanke an die Zukunft etwas ganz Natürliches, er ist gewissermaßen das Fundament seines Berufes. Und die heute lauthals in Erscheinung tretenden Futurologen, Zukunftsforscher, Prognostiker und wie sie alle heißen, setzen den Techniker eigentlich in Erstaunen, denn viel Neues erfährt er von ihnen [...] nicht. Das einzig Neue daran ist lediglich, daß sich jetzt scheinbar auch Personen mit der Technik auseinanderzusetzen beginnen, die früher keine Verbindung zu ihr gehabt haben. Es sind offenbar jene Personen - und sie verkörpern einen nicht geringen Prozentsatz aller Menschen, auch der hochgebildeten -, die die 75 Hubert Weitensfelder Technik als schlecht und schädlich ansehen, vor allem die gegenwärtige Technik und ihre zukunftsgerichtete Orientierung.“ 1 Petrovic bezog sich in seinen Bemerkungen auf die Erfahrung vieler Techniker- Innen, dass nicht wenige ihrer materiellen Schöpfungen lange Zeit sichtbar blieben und damit gewissermaßen in die Zukunft ragten. Seine Rede steht für das Selbstbewusstsein des Technikerstandes. Dieses war schwer erkämpft, denn über Jahrzehnte hatten die Technikerlnnen um vermehrtes Ansehen ihres Metiers in der Gesellschaft gerungen. Andererseits waren gerade die Vertreter dieses Standes nunmehr zunehmend verunsichert, mussten sie doch feststellen, dass viele, die nicht ihre Studien absolviert hatten oder technikfernen Beschäftigungen nachgingen, über die Gestaltung der zukünftigen materiellen Welt und ihre Strukturen mitbestimmen wollten. Und nicht nur das: Sie vertraten auch andere Vorstellungen von kommenden Zeiten. Diese Rede ist eine Momentaufnahme aus einem Zeitraum von rund 100 Jahren, der im Folgenden betrachtet werden soll. Es handelt sich um eine erste Zusammenschau von Materialien zu diesem Thema. Für Deutschland ist vor kurzem eine umfangreiche Darstellung erschienen, dessen Autor die Geschichte der Zukunft seit 1945 reflektiert und viele Anregungen bereithält. 2 Hier müssen dagegen, auch aus Platzgründen, einige Einschränkungen getroffen werden. Im Folgenden wird nicht die Rede von technischen Produkt- bzw. Konsumgüter- oder Prozessinnovationen sein. Die Rolle des Staates oder der Bundesländer als Taktgeber bzw. Steuerungselement für technische Entwicklungen wird nur kurz angeschnitten, 3 ebenso einige Zeitabschnitte und Branchen, in denen der Begriff „Zukunft“ immer wieder propagiert wurde und dabei zum ideologischen Konstrukt, zur Worthülse oder zum Thema für Sonntagsreden verkam. Das betrifft beispielsweise Visionen bzw. Planungen in der NS-Zeit oder die Inanspruchnahme von Zukunft als Motor für den Strukturwandel in der Landwirtschaft. 1 Paul Petrovic: Die Rolle des Technikers in der Welt von morgen, in: ZÖIAV 18/1 (1983), S. 1 -3, das Zitat S. 1. Die „Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins“ wechselte im Lauf der Jahrzehnte öfters ihren Namen bzw. wurde unter zwei Titelbezeichnungen geführt. Diese Unterschiede werden in der hier verwendeten Sigle nicht weiter berücksichtigt. - Für seine kritische Durchsicht des Manuskripts danke ich Helmut Lackner. 2 Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute. München 2017. 3 Vgl. dazu etwa Rupert Pichler, Michael Stampfer: Forschungspolitik in Österreich nach dem Krieg. Offene Gegensätze, stillschweigende Arrangements, in: Wolfgang L. Reiter, Juliane Mikoletzky, Herbert Matis u. a. (Hg.): Wissenschaft, Technologie und industrielle Entwicklung in Zentraleuropa im Kalten Krieg (= Ignaz-Lieben-Gesellschaft: Studien zu[r] Wissenschaftsgeschichte 1). Wien 2017, S. 33-66. 76 Hundert Jahre Zukunft? Für die Erste Republik liegt der Fokus überwiegend auf den Begleitmaßnahmen für technischen Wandel mittels Rationalisierung sowie auf neuartigen Betrachtungen industrieller Arbeit und ihrer psychologischen Begleiterscheinungen. Vielfach dienten auf diesem Gebiet die USA als Vorbild. In der NS-Zeit führten Kriegsschäden ebenso wie Vertreibungen zu schweren Verlusten an Zukunftspotentialen. Nach 1945 traten erneut US-dominierte Konzepte von Produktivität und deren Vermittlung im Rahmen des Marshallplans in den Vordergrund. Der Krieg sowie technische Entwicklungen für militärische Zwecke hatten neue Technologien und Aspekte des Blicks auf die Zukunft in Gang gesetzt. Dazu zählten die Nutzung der Atomkraft für Forschung und Energiegewinnung, die Entwicklung von Computern sowie neue interdisziplinäre Betrachtungen und Ansätze zum Systemdenken, wie dies in der Kybernetik der Fall war. Die Anfänge der Mikroelektronik auf Basis der Halbleitertechnik wirkten sich allmählich auf Prozesse in der Fertigungstechnik aus, namentlich in den 1980er-Jahren mit dem Einsatz von Industrierobotern und durch neue Konzepte wie CIM, das „computer integrated manufacturing“. Eine Generation später bahnt sich nunmehr vergleichbares Gedankengut einen Weg, und zwar durch Konzepte von „Industrie 4.0“ bzw. durch cyber-physikalische Systeme. Material über technologische Aspekte von Zukunft in Österreich in den vergangenen 100 Jahren findet sich in vielerlei Unterlagen. Eine nicht sehr ergiebige, aber kontinuierliche Quelle ist die „Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins“. Ihrer Ausrichtung und ihren Ansprüchen als Standesorgan der Technikerlnnen ist ein weiterer Abschnitt gewidmet. Erste Republik und NS-Zeit Die Zeitenwende 1918 stellte im Denken über neuartige Wege in der Technologie in Österreich durchaus eine Zäsur dar. Doch reichen einige wichtige Trends tiefer in die Vorkriegszeit zurück. Dazu zählen Ansätze zur Neuorganisation industrieller Arbeit und Produktion. Starke Bestrebungen in dieser Richtung gingen seit den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts von den USA aus. Die langfristig erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Konzepte in dieser Richtung lieferte der US-Ingenieur Frederick W. Taylor mit seinen Vorstellungen von einem „Scientific Management“. Taylor und andere schlugen eine Reihe von Maßnahmen zur Rationalisierung vor. So wurden etwa die Bewegungen und der Zeitaufwand von Beschäftigten in ihrer jeweiligen Arbeit genau untersucht und 77 Hubert Weitensfelder anschließend optimiert. Betriebliche Abläufe wurden zunehmend zentral geplant und kontrolliert, Tätigkeiten exakt festgelegt und die Kopfarbeit von der Handarbeit getrennt. Mit den neu definierten Qualifikationsniveaus entstanden auch weitere Arbeitsplätze für un- und angelernte Personen, vielfach zu Lasten der bislang gut bezahlten Facharbeiter. Darüber hinaus gaben schneller arbeitende Maschinen zunehmend den Arbeitstakt vor, neuartige Akkord- und Prämienlöhne verdichteten die Abläufe. In Wien erfolgten solche Maßnahmen seit der Wende zum 20. Jahrhundert unter anderen in großen elektrotechnischen Betrieben, die als Zweigunternehmen deutscher Konzerne geführt wurden, etwa bei Siemens & Halske sowie in den Siemens-Schuckert-Werken. Dort wurden Kalkulations- und Lohnbüros eingerichtet sowie Stempeluhren und neue Zeitvorgaben für die Arbeiterinnen eingeführt. 4 Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel Österreich-Ungarn in mehrere Nachfolgestaaten. Unter ihnen wies vor allem die nunmehrige Tschechoslowakei eine hochwertige industrielle und gewerbliche Basis auf. Außerdem verfügte das Land über große Kohlevorkommen. Dem gegenüber befand sich die junge Alpenrepublik Österreich in einer wesentlich schwierigeren Position. Das Land besaß nur wenige industrielle Ballungsräume und viele kleinere und mittelgroße Betriebe. In Wien und im Wiener Becken wurden Produkte der Elektrotechnik und Maschinen, Lokomotiven und Waggons sowie Kraftfahrzeuge und Textilien erzeugt. In der Obersteiermark konzentrierte sich die Schwerindustrie, in Vorarlberg bestand ein weiteres Zentrum der Textilproduktion. 5 Nach dem Verlust der Kohlenlager in Mähren und Schlesien sah sich Österreich mit einer prekären Energieversorgung konfrontiert. Die Wasserkräfte in den Alpen waren noch kaum ausgebaut. Daher bemühte man sich auch um Anschluss an die internationale Forschung zur Nutzung natürlicher Kraftquellen. So beteiligten sich österreichische Techniker 1924 mit vielen Referaten an der ersten „Weltkraftkonferenz“ in London. Darüber hinaus geschah eine Reihe weiterer Maßnahmen zur Rationalisierung und Restrukturierung der Wirtschaft. 1920 entstand ein „Österreichischer Normenausschuss für Industrie und Gewerbe“, 4 Gerhard Meißl: „Bei aufsteigender Konjunktur werden wir die Scharte auswetzen!“ Akkordierte Modernisierung in der Wiener Metall- und Maschinenindustrie (1900-1914), in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 3 (1992), Heft 3, S. 319-340, hier S. 322-326. 5 Andreas Resch, Reinhold Hofer: Österreichische Innovationsgeschichte seit dem späten 19. Jahrhundert. Indikatoren des Innovationssystems und Muster des Innovationsverhaltens. (= Innovationsmuster in der österreichischen Wirtschaftsgeschichte 6), Innsbruck, Wien, Bozen 2010, S. 19-23. 78 Hundert Jahre Zukunft? es folgten ein „Österreichischer Verband für die Materialprüfung der Technik“, ein „Ausschuss für wirtschaftliche Betriebsführung“ und ein „Österreichisches Kuratorium für Wirtschaftlichkeit“. 6 Seit 1920 erschien eine „Taylor-Zeitschrift“, die Redaktion hatte ihren Sitz in Wien. Zu den Herausgebern zählte der Wiener Jurist und Ökonom Rudolf von Granichstaedten-Czerva. Aus der schwierigen Lage der Nachkriegszeit heraus sah er im Taylorismus den besten Weg, um in Zukunft mit geringstem Einsatz die größtmögliche Effizienz zu erzielen. 7 In der Zeitschrift erschienen Beiträge über Aktivitäten zur Förderung des Taylorismus und verwandter Denkströmungen in einer Reihe von Ländern. So berichtete ein Techniker der Automobilfabrik Daimler in Wiener Neustadt, wie dieses Unternehmen seine Lehrlinge durch psychotechnische Tests auf ihre Eignung prüfte, um die besten Kandidaten zu erhalten. Zuvor waren viele Lehrlinge aufgrund der Leistungen ihrer Väter für den Betrieb bzw. durch deren persönliche Beziehungen ausgewählt worden. Nunmehr wurden bei den gezielten Untersuchungen Augenmaß, Feingefühl und Geschick der Hände sowie das technische Verständnis der Kandidaten überprüft. 8 Tayloristisches Gedankengut machte sich auch außerhalb von Betrieben bemerkbar. So wurde im Juli 1926 in Wien eine „Österreichische Gesellschaft für die Technik im Haushalt“ gegründet. Ihre Ziele waren Forschung und praktische Versuche zur Rationalisierung weiblicher Hausarbeit, Zeit- und Kraftersparnis bei den damit verbundenen Tätigkeiten sowie die Förderung von Produktion und Absatz verbesserter hauswirtschaftlicher Geräte und Utensilien. 9 Auch das innovative Konzept der Fließbandarbeit wurde aufgegriffen. 1913 war dieses von Henry Ford in Detroit öffentlichkeitswirksam für die Automobilerzeugung eingeführt worden und fand alsbald Nachahmer. So musste die 6 P. Bretschneider: Österreich in der internationalen Gemeinschaftsarbeit auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet, in: Wilhelm Exner (Hg.): 10 Jahre Wiederaufbau. Die staatliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Republik Österreich 1918-1928. Wien 1928, S. 485-487. 7 Rudolf von Granichstaedten-Czerva: Der Taylorismus - die Rettung aus unserer Wirtschaftsnot! In: Taylor-Zeitschrift. Monatshefte für wissenschaftliche Betriebsführung und rationale Wirtschaft unter besonderer Berücksichtigung des Taylor-Systems, Jahrgang 1 (1920), Heft 4, S. 57f. 8 Reinhard Mildner: Die Eignungsprüfung an Lehrlingen bei der Aufnahme für die Österreichische Daimler-Motoren-A.-G. in Wiener-Neustadt, in: Taylor-Zeitschrift, Jahrgang 4 (1923), Heft 7, S. 42-44, Heft 9, S. 53-61. Diese Maßnahmen bei Daimler fanden auch international anerkennende Erwähnung: Paul Devinat: Scientific Management in Europe (= International Labour Office, Studies and Reports Series B, 17). Genf 1927, S. 75. 9 Richard Lotties: Die Österreichsche Gesellschaft für Technik im Haushalt, in: Taylor-Zeitschrift, Jahrgang 7 (1926), Heft 7/8, S. 51 -57. Zur Diskussion des Taylorismus vgl. auch Richard Vahrenkamp: Von Taylor zu Toyota. Rationalisierungsdebatten im 20. Jahrhundert. Lohmar, Köln 2010, S. 3-74. 79 Hubert Weitensfelder „Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft“ in Steyr nach dem Krieg andere Produkte erzeugen als bisher und begann daher mit der Herstellung von Kraftfahrzeugen. 1923/24 schickte das Unternehmen Ingenieure zum Studium in die USA; im Jahr darauf nahm Steyr die Fließbanderzeugung auf. 10 Mehrere andere Institutionen befassten sich ebenfalls mit der Rationalisierung. So gründete die Wiener Handelskammer ein Gewerbeförderungsinstitut zur Rationalisierung kleinerer Unternehmen. Der Niederösterreichische Gewerbeverein rief einen „Amerika-Ausschuss“ zum Studium von Vorbildern ins Leben. Und die Niederösterreichische Landwirtschaftskammer befasste sich mit der Rationalisierung bäuerlicher Betriebe. * 11 In der Zeit zwischen den Kriegen schufen einzelne Personen und kleine Gruppen wichtige Grundlagen für ein Forschungs- und Wissensgebiet der Technik, das erst in den kommenden Jahrzehnten eine technische Realisierung finden sollte, nämlich für die Raumfahrt und Weltraumforschung. Zu den (alt-)österreichischen Pionieren auf diesem Gebiet zählte beispielsweise Guido von Pirquet (1 880-1 966). Der gelernte Maschinenbauer beteiligte sich 1 928 an einem Buch mit dem Titel „Die Möglichkeiten der Weltraumfahrt“ und schrieb Beiträge in der Zeitschrift „Die Rakete“ des deutschen „Vereins für Raumschiffahrt“. Franz von Hoefft (1 882-1 954) studierte Chemie und gründete 1926 in Wien die „Wissenschaftliche Gesellschaft für Höhenforschung“. Er befasste sich mit Raketentreibstoffen. Der Elektrotechniker Herman Potocnik (1892-1929) publizierte 1928 das Buch „Das Problem der Befahrung des Weltraums - der Raketenmotor“. Darin entwarf er unter anderem eine Raumstation. Die größte Bekanntheit erlangte Hermann Oberth (1894-1989) mit seinen Publikationen „Die Rakete zu den Planetenräumen“ (1923) und „Die Wege zur Raumschiffahrt“ (1929). Er konstruierte auch Raketenmotoren. Nach dem Zweiten Weltkrieg griff Wernher von Braun in den USA auf Oberths Ideen zurück. Max Valier (1895- 1930) veröffentlichte mit Unterstützung Oberths 1924 die Publikation „Der Vorstoß in den Weltenraum“. Er experimentierte mit verschiedenen Raketenantrieben und kam bei einem Versuch ums Leben. Friedrich Schmiedl (1902-1994) experimentierte in den 1920er-Jahren mit Feststoffraketen und propagierte deren Einsatz für die Postbeförderung. Eugen Sänger 10 Andre Pfoertner: Die Steyr-Daimler-Puch AG (SDPAG): Der Traum vom österreichischen Automobil, in: Emil Brix, Ernst Bruckmüller, Hannes Stekl (Hg.): Memoria Austriae. Drei Bände, Wien 2004-2005, Band 3, S. 311 -351, hier S. 31 2f. 11 Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien (Hg.): Rationalisierung, Arbeitswissenschaft und Arbeiterschutz. 2. erweiterte Auflage Wien 1928, S. 250. 80 Hundert Jahre Zukunft? (1905-1964) schließlich veröffentlichte 1933 ein Buch über „Raketen- Flugtechnik“. 12 In der NS-Zeit ging viel Zukunftspotential verloren. Im Zweiten Weltkrieg starben in Österreich etwa 400.000 Menschen, neben Kampfhandlungen auch durch den Holocaust. Die Schäden beliefen sich in heutiger Währung auf rund 57 Milliarden Euro. 13 Schwere Verluste entstanden auch durch Arisierungen. So wurden viele begabte und angesehene jüdische Technikerlnnen vertrieben. Zu ihnen zählte Fritz Pollak (1872-1970). Er hatte an der Universität Wien im Fach Chemie promoviert und machte sich als Pionier der österreichischen Kunststoffindustrie einen Namen. 1912 gründete er einen chemischen Betrieb. In den 1920er-Jahren erfand Pollak den wahrscheinlich nach ihm benannten Kunststoff „Pollopas“. 1930 oder 1931 traf seine Firma eine Patentvereinbarung mit der „Deutschen Dynamit Nobel AG“ in Troisdorf bei Bonn. In der Folge erzeugte dieses Unternehmen eine Vielzahl von Geschirr und Haushaltswaren aus Pollopas. Auf der Weltausstellung 1937 in Paris erhielten die Produkte einen Grand Prix zuerkannt. Im Jahr darauf musste Fritz Pollak in die USA emigirieren. Nach dem Krieg kehrte er nach Österreich zurück. 1955 wurde ihm für seine Erfindungen die Auer-Welsbach-Medaille verliehen. Pollak wurde auf dem Friedhof in Wien-Döbling begraben. 14 Nachkriegszeit und Zweite Republik 1949 stellte das „Institut für Wirtschaftsforschung“ in einer Studie fest, dass im Zeitraum von 1937 bis 1948 die durchschnittliche Produktivität um 70 bis 80 Prozent gesunken war. Im Jahr darauf wurde ein „Österreichisches Produktivitäts-Zentrum“ (ÖPZ) gegründet und unter anderem mit Vertretern aus Industrie, Gewerkschaft und Kammern besetzt. Im Jahrzehnt von 1950 bis 1959 betreute das ÖPZ 248 Reisen mit 1477 Teilnehmerinnen in die USA sowie 198 Reisen mit 1054 Personen nach Westeuropa. Ein wissenschaftlich-technischer Filmdienst in dieser Institution stellte sich der Aufgabe, mit Filmen die Idee der „productivity“ nach US-Vorbild zu propagieren. 15 Dafür wurden 1951 in Österreich 12 Fritz Sykora: Pioniere der Raketentechnik aus Österreich, in: Blätter für Technikgeschichte 22 (1960), S. 189-204. 13 Resch, Hofer, siehe Anmerkung 5, S. 34. 14 Kay Meiners: Der Kunststoff Pollopas im Technischen Museum Wien - ein Beitrag zur materiellen Kultur der Moderne, in: Blätter für Technikgeschichte 78/79 (2016/17), S. 11 -21, hier S. 13-17. 15 Ramon Reichert: Film und Rationalisierung. Die Industriefilme des Österreichischen Produktivitäts-Zentrums während des European Recovery Program, in: Blätter für Technikgeschichte 62 (2000), S. 45-109, hier S. 49-52, 57. 81 Hubert Weitensfelder 100 Filmprojektoren aufgestellt. Im Jahr darauf kaufte der Filmdienst auch zwei Filmwagen an, unter anderem zwecks Vorführungen für Lehrlinge in Betrieben sowie für berufsbildende Schulen. 16 Im Auftrag der „Austria Wochenschau“ entstand eine Reihe von Filmen, um den Marshallplan zu popularisieren und auch der Landwirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Sie trugen Titel wie „Gute Ernte“, „Festtage der Jugend“ (beide 1950) sowie „Wunden vernarben“ (1952). Letzterer thematisierte die kostenlose Lieferung von Saatgut und Kunstdünger. Andere Filme betrafen etwa rationellen Gemüseanbau, Hühnerzucht und Milchwirtschaft. 17 Ähnlich wie nach dem Ersten Weltkrieg, so engagierte man sich in Österreich wieder für eine internationale Tagung zur Energienutzung. 1956 fand in Wien die nunmehr fünfte „Weltkraftkonferenz“ statt. 18 Atomkraft, ein Intermezzo Zu den Technologien mit Zukunft zählte nach dem Krieg die friedliche Nutzung der Atomenergie. Dabei lag der Fokus zunächst nicht auf der Energiegewinnung. Beim österreichischen Gesamt-Energieverbrauch stand bis 1965 die Braunkohle an der Spitze; erst danach wurde sie vom Erdöl überholt. In den 1970er-Jahren gewannen Wasserkraft und Erdgas an Bedeutung. Die Atomenergie wurde seit den 1950er-Jahren für die Isotopenforschung in der Werkstoff- und vor allem der Metallkunde propagiert. 1955 beteiligte sich Österreich an der „1. Internationalen Konferenz über die friedliche Verwendung der Atomenergie“ in Genf. Im Jahr darauf wurde eine „Österreichische Studiengesellschaft für Atomenergie GmbH“ gegründet. 1957 entstanden die internationale Atomenergie-Organisation mit Sitz in Wien und die Europäische Atomgemeinschaft. Ferner wurde im niederösterreichischen Seibersdorf ein Reaktorzentrum errichtet. Die dortigen Forschungsschwerpunkte lagen auf Physik und Elektronik, Chemie, Biologie, Medizin, Metallurgie und Industrie. In den 1960er-Jahren arbeiteten in Seibersdorf rund 500 Personen. Seit Ende dieses Jahrzehnts engagierte sich eine konservative ÖVP-Alleinregierung für die Erzeugung von Atomstrom. 1968 wurde eine „Kernkraftwerksplanungs- ges.m.b.H.“ gegründet und nach einer Standortentscheidung für Zwentendorf 16 Ebd., S. 92f. 17 Ramön Reichert: Im Kino der Humanwissenschaften. Studien zur Medialisierung wissenschaftlichen Wissens. Bielefeld 2007, S. 239-245. 18 Wolfgang L. Reiter: Die Fünfte Weltkraftkonferenz Wien 1956 - ein erster Schritt Österreichs nach 1945 in die Internationalität, in: Reiter, Mikoletzky, Matis, siehe Anmerkung 3, S. 311 -336. 82 Hundert Jahre Zukunft? (Niederösterreich) 1970 eine „Gemeinschaftskraftwerk Tullnerfeld Ges.m.b.H.“ ins Leben gerufen. Insgesamt wurde der Bau von drei Atomkraftwerken angedacht. Grundlage für den Einstieg der Elektrizitätswirtschaft in dieses Feld war eine erwartete starke Zunahme des Stromverbrauchs. Seit 1973 erhielten die Befürworterinnen der Atomkraft einigen Auftrieb durch den ersten Ölpreisschock und den Bericht des „Club of Rome“ über die absehbare Erschöpfung natürlicher Ressourcen. Dagegen formierte sich aber 1976 eine „Initiative österreichischer Atomkraftwerksgegner“. Am 5. November 1978 sprachen sich die Teilnehmerinnen einer landesweiten Volksabstimmung mit knapper Mehrheit gegen den Bau von Zwentendorf aus. Kurz darauf beschloss das Parlament ein „Atomsperrgesetz“, das die Nutzung der Kernspaltung für die Energieversorgung untersagte. Im Jahr darauf ereignete sich im US-Atom- kraftwerk Three Mile Island in Harrisburg ein Unfall, 1979/80 folgte ein zweiter Ölpreisschock. Beides heizte die Diskussion erneut an. Mit der Katastrophe von Tschernobyl 1986 sahen sich die Atomkraftgegnerinnen endgültig bestätigt. 19 Computer und Kybernetik Die Entwicklung von Computern baute auf der gedanklichen Leistung mehrerer Generationen von Mathematikern und Philosophen auf. Am Anfang stand im 17. Jahrhundert Gottfried Wilhelm Leibniz mit seiner binären Arithmetik. Später wurde die Mathematik formalisiert und als Zeichensystem für die maschinelle Verarbeitung nutzbar gemacht. Der englische Mathematiker Alan Turing konstatierte im Jahr 1937, dass jedes Handeln, das auf einer klaren Vorschrift basiert, von einer Maschine realisiert werden kann. Dem deutschen Bauingenieur Konrad Zuse gelang es als Erstem, das Rechnen und logische Schließen maschinell zu simulieren. Der erste vollelektronische Computer, der ENIAC (Electronic Numerical Integrator and Computer), nahm 1945 in den USA seine Tätigkeit auf. Die Maschine vermochte 5000 Additionen in der Sekunde vorzunehmen. Ihre 18.000 Elektronenröhren waren aber wahre Stromfresser, gaben viel Hitze ab und hielten 19 Helmut Lackner: Von Seibersdorf bis Zwentendorf. Die „friedliche Nutzung der Atomenergie“ als Leitbild der Energiepolitik in Österreich, in: Blätter für Technikgeschichte 62 (2000), S. 201-226. Vgl. jetzt dazu Christian Forstner: Von „Atoms for Peace“ zum „Reaktorzentrum Seibersdorf“: Implementierung transnationaler Wissensströme, in: Reiter, Mikoletzky, Matis, siehe Anmerkung 3, S. 263-302; Elisabeth Röhrlich: Die Gründung der „International Atomic Energy Agency“ (IAEA) in Wien: Österreich, die atomare Herausforderung und der Kalte Krieg, in: Reiter, Mikoletzky, Matis, siehe Anmerkung 3, S. 337-366. 83 Hubert Weitensfelder den Anforderungen nicht lange stand. 1948 entwickelten US-Techniker den Transistor als neues Grundelement des Computers. Er beruhte auf der Halbleitertechnik, also auf den Eigenschaften von Werkstoffen wie Silizium oder Germanium, elektrischen Strom je nach Bedingung zu leiten oder zurückhalten. Transistoren liefen nicht heiß, und sie waren kleiner, sparsamer und langlebiger als Röhren. 20 Zu den österreichischen Pionieren im Rechnerbau zählte Heinz Zemanek (1920-2014) aus Wien. Er baute in den Jahren 1956 bis 1958 als Assistent an der Technischen Hochschule Wien mit einigen Mitarbeitern den ersten Transistorrechner in Kontinentaleuropa. Dafür stellte die Dr.-Theodor-Körner-Stiftung die allerdings geringe Summe von 30.000 Schilling zur Verfügung. Die für den Rechner verwendeten 3000 Transistoren stammten von der Firma Philips. Aufgrund ihrer vergleichsweise bescheidenen Dimensionen erhielt die Maschine die Bezeichnung „Mailüfterl“, im ironischen Gegensatz zu den in den USA gebauten Computern, die eher mit Hurrikans verglichen wurden. 21 Begleitend zur Konstruktion des „Mailüfterls“ baute Zemaneks Gruppe mehrere kybernetische Grundmodelle, darunter eine Schildkröte zur Simulierung bedingten Reflexverhaltens. Sie basierte auf Theorien des ungarisch-amerikanischen Neurologen und Psychiaters Andrew J. Angyan. 22 Ferner entstanden eine „Maus im Labyrinth“ und ein „Homöostat“. Homöostase bezeichnet die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts in einem dynamischen System durch einen internen regelnden Prozess, etwa in Organismen. Zemanek leitete von 1 961 bis 1976 das Labor des US-Computerkonzerns IBM in Wien und lebte anschließend einige Jahre als IBM-Fellow in Deutschland. Das „Mailüfterl“ stand bis 1966 in Betrieb. Anschließend kam es als Leihgabe des Wiener Technischen Museums an die Johannes-Kepler-Universität in Linz und ist heute wieder im Technischen Museum Wien ausgestellt. 23 Zum Abschluss von Zemaneks Zeit als IBM-Fellow erschien 1985 eine Schrift, die seine Leistungen würdigte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er 355 Beiträge 20 Herbert Matis: Die Wundermaschine. Die unendliche Geschichte der Datenverarbeitung: Von der Rechenuhr zum Internet. Frankfurt am Main, Wien 2002, S. 15f., 247f. 21 Heinz Zemanek: Der österreichische Beitrag zur Entwicklung der Rechenmaschinen, in: Heinz Zemanek: Ausgewählte Schriften. Anläßlich meines 85. Geburtstages. Wien 2005, S. 29-38, hier S. 31 f. 22 Heinz Zemanek: Messerscharfes Österreich. Wittgenstein und die Informatik. Österreichische Beiträge zur Formalisierung, in: Zemanek, siehe Anmerkung 21, S. 195-218, hier S. 212. Vgl. auch Heinz Zemanek: Vom Mailüfterl zum Internet. Geschichte, Perspektiven und Kritik der Informationstechnik (= Wiener Vorlesungen im Rathaus 78). Wien 2000. 23 Matis, siehe Anmerkung 20, S. 252f. 84 Hundert Jahre Zukunft? publiziert. In seinem rasant sich verändernden Forschungsgebiet reflektierte er in zwölf davon über zukünftige Entwicklungen. 24 1971 hielt Zemanek einen Einführungsvortrag zu einem Seminar an der TH Wien, das der Einführung eines Fachs Informatik gewidmet war. Nach seiner Auffassung war Informatik mehr als ein Konglomerat aus Mathematik, Nachrichtentechnik, den Wirtschaftswissenschaften, Statistik, Physik, Mechanik und Fertigungstechnik. Zemanek konstatierte, Informatiker seien Ingenieure für abstrakte Objekte; sie bezögen ihr Wissen aus der Anwendungs-, Programmie- rungs-, Organisations- und Beschreibungstheorie. Im gleichen Jahr, 1971, regte Zemanek die Gründung einer Institution an, um Investitionen in die elektronische Datenverarbeitung sowie entsprechende Ausbildung und Forschung zu gewährleisten. Zu diesem Zweck versuchte er zunächst die Gründung einer neuen Sektion im „Österreichischen Verband für Elektrotechnik“, die aber nicht zustande kam. Daraufhin wurde 1975 eine „Österreichische Computergesellschaft“ (ÖCG) ins Leben gerufen, deren erster Präsident Zemanek wurde. Ihre Ziele waren die Herausgabe eines Mitteilungsblattes, Koordinationen und die Einrichtung von Arbeitskreisen, die Gründung von Landesgruppen, Vorträge, die Förderung internationaler Zusammenarbeit sowie Kooperationen mit ausländischen und internationalen Computer-Fachorganisationen. Seit 1978 erschienen außerdem jährlich rund vier Bände im Rahmen einer eigenen Schriftenreihe, seit etwa 1983 fanden Lehrkurse an einer eigens gegründeten Computerakademie statt. 25 Zemanek regte auch die Etablierung der Kybernetik in Österreich an. Der Begriff „Kybernetik“ wurde 1948 vom US-amerikanischen Mathematiker Norbert Wiener (1894-1964) geprägt, und zwar als übergeordnete Bezeichnung für eine Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen, Organismen und sozialen Organisationen. Technische Beispiele sind etwa Thermostate zur Selbstregelung von Heizungen und Fliehkraftregler. Kybernetik war von Anfang an eine interdisziplinäre Angelegenheit, ihre Begriff- lichkeiten blieben aber oft schwammig. Zur Verbreitung dieser Denkschule trugen in den Jahren 1946 bis 1953 zehn Konferenzen in den USA bei, die von der Macy-Stiftung zur Förderung medizinischer Forschung finanziert wurden. Zu 24 Heinz Zemanek: Veröffentlichungen, in: Gerhard Chroust (Hg.): Heinz Zemanek - Ein Computerpionier. Beiträge zur IFIP Tagung, 30.1.-1.2.1985. Die Rolle abstrakter Modelle in der Informationsverarbeitung (= Schriftenreihe der Österreichischen Computer Gesellschaft 27). Wien, München 1985, S. 21-35. 25 Wilhelm Frank: Heinz Zemanek, die OCG und Österreich, in: Chroust, siehe Anmerkung 24, S. 77-82. 85 Hubert Weitensfelder ihren Zielen zählte das Verständnis der Funktionen des menschlichen Gehirns und seine Simulation durch Computer. Auf diesen Macy-Konferenzen waren vorwiegend Mathematiker, Physiker und Elektrotechniker, Neurophysiologen, Psychologen und Psychiater vertreten. Zu den renommiertesten Teilnehmerinnen zählten neben Norbert Wiener der Mathematiker John von Neumann - einer der Urheber des modernen Computers -, die Anthropologinnen Gregory Bateson und Margaret Mead, der Soziologe Paul Lazarsfeld sowie der aus Wien gebürtige Biophysiker Heinz von Foerster (1911-2002). Dieser forschte ab 1949 an der Universität von Illinois in Urbana; von 1958 bis 1975 war er dort Direktor des „Biological Computer Laboratory“. Forschungsgegenstände waren Systemtheorie und die Analyse biologischer Prozesse sowie ihre Formalisierung und Implementierung auf Rechnern. 26 1969 fand im Wiener „Museum des 20. Jahrhunderts“ ein Einführungsseminar in die Kybernetik statt; dieses wurde von Heinz Zemanek eingeleitet. Die Eröffnungsrede hielt der damalige Bundeskanzler Josef Klaus, der ein großes Interesse an Kybernetik hegte. Ein wichtiger Akteur war auch der 1939 in Wien geborene Robert Trappl. Er absolvierte 1961 einen Programmierkurs in Wien und ging zwei Jahre später an das Wiener „Institut für Höhere Studien“. 1966 wurde Trappl Assistent am Institut für allgemeine und vergleichende Physiologie; 1969 hielt er erstmals eine Einführung in die Biokybernetik. 1971 habilitierte sich Trappl für Biokybernetik und Bioinformatik. Damit wurde er gewissermaßen zum ersten habilitierten Kybernetiker in Österreich. 1970 gründete Trappl nach dem Vorbild der „Österreichischen Studiengesellschaft für Atomenergie“ in Seibersdorf eine „Österreichische Studiengesellschaft für Kybernetik“. Sie organisierte Tagungen, darunter eine alle zwei Jahre stattfindende „Europäische Konferenz für Kybernetik und Systemforschung“, und publizierte Berichte. Ferner gab sie eine Zeitschrift heraus, die in den USA verlegt wurde, das „Journal of Cybernetics“, seit 1978 „Cybernetics and Systems: An International Journal“. 1979 legte die Gesellschaft gemeinsam mit der US-amerikanischen „Society for General Systems Research“ und der „Netherlands Systems Group“ die Grundlage für eine „International Federation for Systems Research“ (IFSR). Diese nahm ihren Sitz 1980 in Laxenburg südlich von Wien. 1976 übernahm Trappl die Leitung eines neuen Instituts für Medizinische Kybernetik. 1984 entstand 26 Albert Müller: Eine kurze Geschichte des BCL. Heinz von Foerster und das Biological Computer Laboratory, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11 (2000), Heft 1, S. 9-30. 86 Hundert Jahre Zukunft? außerdem ein „Österreichisches Forschungsinstitut für Artificial Intelligence“ (ÖFAI), dem er ebenfalls Vorstand. Zum Thema „Artificial Intelligence“ prophezeite Trappl 1985, dass sie das Selbstverständnis vom Menschen wesentlich verändern werde. Er führte aus: „Die Intelligenz gilt als eine der wichtigsten Eigenschaften der menschlichen Persönlichkeit. Gegenwärtig wollen Al-Programme dem [!] Menschen unterstützen, in Zukunft werden sie ihn in vielen Belangen ersetzen. Wie [Marvin] Minsky bereits 1966 sagte, ist es unrealistisch zu glauben, daß Maschinen fast so intelligent werden wie wir und dann ihre Intelligenz nicht mehr zunehmen wird. Wie werden wir mit einer Intelligenz fertig werden, die höher ist als unsere? Es wäre denkbar, daß wir - die wir gegenwärtig in einer Zeit mit extremer Betonung der Ratio leben - uns wieder mehr auf unsere Spontaneitäten, unsere Gefühle, und unsere Kreativität besinnen.“ 27 So waren die 1 960er- bis 1980er-Jahre ein Zeitalter regen Aufbruchs und Austausches über Computer, Mikroelektronik, Roboter & Co. Zu den Computerherstellern im Land zählten die „Österreichische Philips Industrie Ges.m.b.H.“ in Wien und die V.l.E. (Vogel Industrie Elektronik) in Bruck an der Leitha (Niederösterreich). 28 Zum Thema Mikroelektronik fand in Wien seit 1975 im Abstand von zwei Jahren jeweils eine Tagung im Rahmen einer Internationalen Fachmesse für industrielle Elektronik statt. Die Vorträge wurden publiziert. 29 Österreichische Autoren wandten sich nun vermehrt der Vermittlung des Neuen für ein größeres Publikum zu. Der 1950 in Wien geborene gelernte Chemiker und Publizist Stefan M. Gergely schrieb ein offenbar viel gelesenes Buch zu diesem Thema. 30 Es kam zur rechten Zeit, denn 1 985 beschloss die österreichische Bundesregierung ein Förderungsprogramm für Mikroelektronik. 31 Der Publizist Hubert Feichtlbauer (1932-2017) veröffentlichte ein populäres Buch über Computer. Er leitete seinen Text mit der Wiedergabe einer opti- 27 Robert Trappl: Kybernetik und Artificial Intelligence, in: Chroust, siehe Anmerkung 24, S. 95-108, hier S. 95-98; Kybernetik in Österreich. Ein Gespräch zwischen Robert Trappl und Albert Müller, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 19 (2008), Heft 4, S. 113-125, hier S. 114-120. 28 Alois Brusatti, Verena Hofstätter: Produkt Innovationen. Band 1: 99 österreichische Erfolgsprodukte mit Weltgeltung. Wien 1986, S. 104-111. 29 Vgl. etwa: Redaktionskomitee und Organisationskomitee der ME 85 (Hg.): Mikroelektronik in Österreich. Berichte der Informationstagung ME 1985. Wien, New York 1985 und Mikroelektronik 1987. Berichte der Informationstagung ME 87. Wien, New York 1987. 30 Stefan M. Gergely: Mikroelektronik. Computer, Roboter und Neue Medien erobern die Welt. 3. aktualisierte Auflage München 1985 (erstmals 1983). 31 Friedrich Bleicher, Burkhard Kittl: Die Fertigungstechnik - 199 Jahre Tradition und ständiger Wandel, in: Detlef Gerhard (Hg.): Die Fakultät für Maschinenwesen und Betriebswissenschaften (= 200 Jahre TU Wien, Band 5). Wien, Köln, Weimar 2015, S. 35-48, hier S. 37f. 87 Hubert Weitensfelder mistischen Zukunftsvision des Alltags aus dem US-Magazin „Time“ ein und kommentierte: „So also wird das sein: Schreiben, Rechnen und Lesen, Kaffeekochen und Autostarten, Denken und Fühlen, Hassen und Lieben wird der Computer uns abnehmen. Wird es so sein? Für den Augenblick nur soviel: Es gibt tatsächlich Wissenschaftler und nicht nur Dichter, die solches Voraussagen - auch, was das Hassen und Liebe betrifft. Andere widersprechen dem mit Leidenschaft. [...] Wissen Sie noch, was ein Rechenschieber ist? In der Oberstufe des Gymnasiums diente er etlichen Nachkriegs-Studentengenerationen als wertvolle Rechenhilfe. Heute besorgt das gleiche und viel mehr ein Taschenrechner, den man bereits um den Preis einer Theaterkarte kaufen kann. Und jeder kann damit Prozentrechnen, Sinus und Cosinus ermitteln, vom Addieren und Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren ganz zu schweigen. Der Computer macht’s möglich.“ 32 Roboter und Fertigungstechnik Die rasche Entwicklung der Mikroprozessoren bildete die Basis dafür, dass die Fertigungstechnik in den 1980er-Jahren starke Umbrüche erlebte. In der Folge etablierten sich neue Formen computergestützter Konstruktion und Fertigung (CAD/CAM, Computer Administrated Design and Manufacturing). Flexible Maschinen sollten nun neue Stufen der Produktfertigung emöglichen. Damit verbanden sich Vorstellungen von der Entstehung voll automatisierter, menschenleerer Fabriken. Dieser Wandel wurde am Institut für Fertigungstechnik der TU Wien aktiv mitgestaltet. 1982 übernahm Helmar Weseslindtner (1940-2008) dessen Leitung. Zwei Jahre später entstand hier ein Versuchslabor für Industrieroboter. Die Wissenschafterlnnen arbeiteten mit großen Unternehmen wie Kapsch, Schrack, Siemens und Philips zusammen. 33 1982 verfassten Weseslindtner und zwei weitere Autoren aus Wien und Graz erstmals eine Studie über Industrieroboter in Österreich. Auftraggeber war das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung. Dabei berücksichtigten die Autoren auch die internationale Entwicklung. Sie sagten für die Zukunft eine 32 Hubert Feichtlbauer: Der Computer macht's möglich. Ein Sachbuch für jedermann. Graz, Wien, Köln 1978, S. 9-11, das Zitat: S. 11. 33 Bleicher, Kittl, siehe Anmerkung 31, S. 35-38. 88 Hundert Jahre Zukunft? wesentliche Neustrukturierung der Produktion voraus. Gründe seien steigende Lohnkosten, preiswerte neue Technologien für die Automatisierung sowie ein Trend zu kleineren Stückzahlen (Losgrößen) in der Gütererzeugung. Sie schätzten, dass Roboter mit Sensoren in den kommenden 20 Jahren bis zu ein Drittel der Arbeitsplätze in der Industrie besetzen könnten, was in Österreich über 400.000 Arbeiterinnen betreffen würde. 34 Der erste Industrieroboter im Land, ein Schweißroboter für die Motorraderzeugung, war 1977 installiert worden. Bis 1981 kamen in Österreich rund 40 Stück zum Einsatz, und zwar vor allem zum Schweißen und Spritzlackieren. 35 Für die Studie wurden Fragebögen an über 1350 Firmen ausgesendet, 250 Antworten kamen zurück. 36 Darin wurden rund 70 Roboter gemeldet, die vor allem in der Metallverarbeitung, Maschinen-, Fahrzeug- und Elektroindustrie Verwendung fanden 37 Darüber hinaus war 1980 ein Fragebogen an 504 Betriebe ergangen, um den Stand von NC(Numerical Control)-gesteuerten Maschinen zu erfassen. Diese Erhebung ergab 615 Stück, darunter Drehmaschinen (49,8 Prozent), Bearbeitungszentren und Fräsmaschinen (23,6), Bohrmaschinen und -werke (15,6) sowie Sonstige (elf Prozent). 38 In Österreich existierten 1983 zwei größere Roboterhersteller, nämlich die VOEST-Alpine in Linz und die IGM (Industriegeräte- und Maschinenfabriks-GmbH) in Wiener Neustadt. 39 Zur gleichen Zeit wurde unter der Leitung von Peter Fleissner am „Institut für sozio-ökonomische Entwicklungsforschung“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eine weitere Erhebung über Roboter durchgeführt. Ihre Finanzierung erfolgte durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank. Die Untersuchung erschien 1984 im Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Im Hauptkapitel wurden Fallbeispiele in fünf großen Betrieben analysiert, und zwar nach folgenden Aspekten: Kriterien der Beschreibung; Ökonomie des Einsatzes; Auswirkung auf Beschäftigung, Qualifikation und Arbeitsbedingungen; Rationalisierung und Humanisierung der Arbeit. Dabei handelte es sich um Roboter an Einzelarbeitsplätzen, da die österreichische Industrie keine großen Taktstraßen wie die großen deutschen Autohersteller 34 Helmar Weseslindtner: Roboterstudie. Industrieroboter - Entwicklung und Herstellung in Österreich. Wien 1983 (maschingeschrieben), S. 4-6. 35 Ebd., S. 77. 36 Ebd., S. III. 37 Ebd., S. 136. 38 Ebd., S. 224-226. 39 Ebd., S. 280. 89 Hubert Weitensfelder besaß. 40 Die Darstellung schloss mit Bemerkungen zu Konsequenzen für die gewerkschaftliche Politik gegenüber Robotereinsätzen und mit Überlegungen zur staatlichen Industriepolitik. 41 1984 beschrieb Helmar Weseslindtner seine Sicht einer zukünftigen flexiblen Automation in der Fertigung genauer. Für 1990 sagte er voraus, dass Industrieroboter mittels weiter entwickelter Sensortechnik annähernd die Fähigkeiten eines Menschen erreichen würden. Fünf Jahre später sollten 50 Prozent der Arbeiten bei der Automontage mit programmierbaren Systemen durchgeführt werden. Weseslindtner empfahl den Unternehmen, die Umstellung auf eine flexible Automation nicht zu verzögern. 42 Die Veränderung von Produkten und Produktionsabläufen in naher Zukunft sagte bald darauf auch Franz Wojda vom Institut für Arbeits- und Betriebswissenschaften der TU Wien voraus. Er fasste zusammen: „Veränderungen der Produkte werden sich beispielsweise ergeben durch • Ersetzen elektro-mechanischer durch mikroelektronische Bauteile, • Substitution metallischer Werkstoffe durch beispielsweise faserverstärkte Kunststoffe, Keramik, • Nutzung der Möglichkeiten neuer Fertigungstechnologien bei der Produktgestaltung (beispielsweise Miniaturisierung), • gesteigerte Anforderungen an die Umweltverträglichkeit (beispielsweise Vermeidung von Emissionen, problemlose Abfallbeseitigung, geringe Lärm- und Vibrationsentwicklung). Veränderung der Produktionsverfahren werden sich beispielsweise ergeben durch • Einsatz neuer Bearbeitungstechnologien und Bearbeitungsmethoden mit veränderten Möglichkeiten hinsichtlich Bearbeitungsgeschwindigkeit und • Genauigkeit sowie auch automatisierter Steuerungsmöglichkeiten, • Automatisierung von Vorgängen, die heute noch überwiegend händisch 40 Rene Dell’mour, Peter Fleissner, Wolfgang Hofkirchner u.a.: Industrieroboter in Österreich. Verbreitung und Auswirkungen bis zum Jahr 2000. Wien 1984, S. 55-83. 41 Fleissner befasste sich auch weiterhin mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der technischen Entwicklung, vgl. Peter Fleissner (Hg.): Technologie und Arbeitswelt in Österreich. 4 Bände. Wien 1987. 42 Helmar Weseslindtner: Das Institut für Fertigungstechnik der Technischen Universität Wien in' ZÖIAV 1 29 (1 984), Heft 10, S. 333-335. 90 Hundert Jahre Zukunft? ausgeführt werden müssen, beispielsweise in der Teilefertigung, Montage, Qualitätskontrolle und Lagerung, • Routineeinsatz von CAD und CAM sowie der Integration zu einem Computer Integrated Manufacturing (CIM), • fortschreitende Automatisierung der Produktionssteuerung (beispielsweise vollautomatisierte Datenerfassung und Auswertung von Mengenausstoß, Ausfallszeiten und -Ursachen an den Aggregaten, automatisierte Losgrößenoptimierung und Lagerbewirtschaftung, automationsgestützte Auftragsabwicklung).“ 43 Einige einheimische Hersteller von Werkzeugmaschinen stellten sich mit ihren Produkten auf die neuen Anforderungen ein. Zu ihnen zählte die Maschinenfabrik Heid AG in Stockerau (Niederösterreich). Wie ein Ingenieur dieses Unternehmens erklärte, hatte man hier angeblich bereits 1958 mit der Entwicklung einer numerisch magnetbandgesteuerten Drehmaschine begonnen. Die Firma lieferte auch frühe NC-Drehmaschinen mit Lochstreifensteuerung. 44 Heid erzeugte darüber hinaus auch Rundschleifmaschinen. Konzeptuell wurden bereits für die Grundmaschinentypen Ausbaustufen eingeplant, um die Drehmaschinen optimal an ihren jeweiligen Einsatz anzupassen. Damit ließen sich erfolgreich sehr unterschiedliche Branchen beliefern, darunter Flugzeug-, Kraftfahrzeug - und Schiffsmotorenhersteller, die Erzeuger von Gas- und Dampfturbinen sowie von Armaturen und schließlich die Erdölindustrie. 45 Auch die VOEST-Alpine in Linz erzeugte CNC(Computerized Numerical Cont- rol)-gesteuerte Universal-Drehmaschinen. Sie übertrafen etwa die älteren Leit- und Zugspindel-Drehmaschinen darin, dass ein qualifizierter Dreher lediglich eine Maschine bedienen konnte und dabei alle Steuerungs-, Mess- und Schaltvorgänge ausführen musste. Nockengesteuerte Maschinen wiederum wiesen lange Umrüstzeiten auf. Beide Maschinenformen benötigten außerdem Sonderwerkzeuge und Zusatzeinrichtungen, um Werkstücke mit komplizierter Form zu erzeugen. Diese Schwächen sollten mit den neuen VOEST-Alpine-Maschinen behoben werden. 46 43 Franz Wojda: Maschinenbau mit Zukunft, in: ZÖIAV 130 (1985), Heft 1, S. 1 f., das Zitat S. 1. 44 Hermann F. Koril: Heid: Von der Drehbank zum flexiblen Fertigungssystem, in: ZÖIAV 133 (1988), Heft 3, S. 145f. 45 Eduard Kunst: Heid-CNC-Produktions-Drehmaschinen, in: ZÖIAV 127 (1982), Heft 10, S. 356- 361. 46 Hans Jörg Sellner: CNC-gesteuerte Universal-Drehmaschinen: ein wirtschaftliches Produktionsmittel, in: ZÖIAV 127 (1982), Heft 10, 353-356, hier S. 353. 91 Hubert Weitensfelder Die Vorteile flexibler Automatisierung charakterisierte 1985 auch Gerfried Zeichen vom Institut für Feinwerktechnik der TU Wien. Er bemerkte, dass Konsumenten nach ständig neuen Erzeugnissen und steigender Typenvielfalt verlangten, und meinte, die Industrie müsse darauf mit häufigem Produktwechsel bei zunehmend kleineren Losgrößen reagieren. Dafür biete die flexible Automation die technische Grundlage. Der Autor nannte konkrete Fallbeispiele. Für Österreich stellte er fest, dass wegen des kleinen Inlandsmarktes automatisierte Massenfertigung mit Fließbändern und Transferstraßen die Ausnahme bildete. Daher müssten viele Massenprodukte importiert werden. Mehrere Branchen hätten sich aber mit Erfolg auf Spezial- und Marktnischenprodukte verlegt und könnten somit von der flexiblen Automation profitieren, indem sie angepasste Erzeugnisse zu leistbaren Preisen herstellten. So hatten bereits in der Vergangenheit große deutsche Konzerne wie Mercedes, BMW, Volkswagen und Siemens Entwicklungen und Fertigungsaufträge an österreichische Unternehmen vergeben, die als flexible Zulieferer galten. Als Beispiel erwähnte Zeichen eine Kooperation von Mercedes-Benz mit der Steyr-Daimler-Puch AG zum Bau von Allradfahrzeugen sowie der Mer- cedes-„G“-Reihe, die in besonders vielen Sonderausstattungen erzeugt wurde. Kurz darauf hatte auch Volkswagen Aufträge für Allradfahrzeuge nach Österreich vergeben. 47 In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre wurden am Wiener Institut für Fertigungstechnik Möglichkeiten der integrativen Fertigung (CIM - Computer Integrated Manufacturing) untersucht. Damit verbunden waren Konzepte wie CAD (Computer Aided Design), CAP (Computer Aided Planning) und PPS (Produktionsplanung und -Steuerung). Zu Forschungszwecken entstand am Institut ein erstes CIM-Labor. Dafür wurden Computerhersteller wie IBM, Siemens Nixdorf und DEC (Digital Equipment Corporation) eingebunden. 48 Das Konzept des „Computer Integrated Manufacturing“ erweckte große Hoffnungen, konnte aber in der Realisierung letztlich nicht überzeugen. Das zeigt sich an einem Beispiel aus der deutschen Autoindustrie, nämlich bei Volkswagen in Wolfsburg. Anfang der 1980er-Jahre besuchte eine Delegation dieses Autokonzerns Japan und war beeindruckt vom dortigen massiven Robotereinsatz. In der Folge entschloss sich das Management, die bislang teure, zeitaufwendige und personalintensive Endmontage in Wolfsburg teilweise zu automatisieren. 47 Gerfried Zeichen: Situation und Aussichten der Flexiblen Automation in der österreichischen Industrie, in: ZÖIAV 130 (1985), Heft 12, S. 427-431. 48 Bleicher, Kittl, siehe Anmerkung 31, S. 38. 92 Hundert Jahre Zukunft? Zu diesem Zweck wurde 1983 die sogenannte Halle 54 gebaut. Mit den dort installierten Robotern sollten rund 1000 Beschäftigte eingespart werden. Die Initiatoren bemerkten aber schnell, dass die mit Sensoren versehenen Roboter nur dann wie vorgesehen arbeiteten, wenn der ganze Prozess auf Zehntelmillimeter genau funktionierte. So exakt waren aber viele zu montierende Teile nicht gefertigt. Daher verfehlten die Roboter ihr Einsatzziel, ihre mangelhafte Arbeit musste oft von Menschen nachgebessert werden. Somit erwies sich die teure, öffentlichkeitswirksam propagierte Halle 54 letzten Endes als ein Flop. 49 Seit den 1990er-Jahren veränderten Internet und Digitalisierung zunehmend das Alltagsleben, aber auch die Bedingungen für die Produktion. Physikalische und digitale Welt wurden zunehmend als allmählich konvergierende „Cyber Physical Systems“ (CPS) oder „Cyber Physical Production Systems“ (CPPS) betrachtet. Im deutschen Sprachraum wurde in diesem Zusammenhang seit dem Jahr 2011 der Begriff „Industrie 4.0“ öffentlich propagiert. Nunmehr sollen Maschinen und prozessierte Teile bzw. Erzeugnisse mit Hilfe der mittlerweile stark weiterentwickelten Sensortechnik miteinander vernetzt werden, unter anderem mit dem Ziel, flexibler auf Kundenwünsche reagieren und damit auch Losgrößen senken zu können. Um anspruchsvolle Konzepte dieser Art zu realisieren, wurden beispielsweise an der TU Darmstadt, der TU München sowie am Institut für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart Lernfabriken eingerichtet. Die TU Wien etabliert seit 201 2 eine solche Produktionsstätte im neu entwickelten Stadtteil Aspern am Rand von Wien. Beteiligt sind die Institute für Fertigungstechnik und Hochleistungslasertechnik, für Managementwissenschaften sowie das Institut für Konstruktionswissenschaften und Technische Logistik. 50 Welche Zukunft? Einige Kontroversen Diskurse über die zukünftige Entwicklung der Technologie verliefen nicht immer konfliktfrei, bisweilen mündeten sie in handfeste Auseinandersetzungen. Das lässt sich in Österreich etwa am Beispiel der Techniker-Standesvertretung und ihrer maßgebenden Zeitschrift zeigen. Ihre Ursprünge reichten weit zurück: 49 Martina Heßler: Die Halle 54 bei Volkswagen und die Grenzen der Automatisierung. Überlegungen zum Mensch-Maschine-Verhältnis in der industriellen Produktion der 1980er-Jahre, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 11 (2014), S. 56-76, hier S. 56f., 63, 66-69. 50 Kurt Matyas, Detlef Gerhard, Burkhard Kittl: TU Wien Learning and Innovation Factory (LIF), in: Gerhard, siehe Anmerkung 31, S. 101-107. 93 Hubert Weitensfelder 1 864 bildete sich der „Österreichische Ingenieur- und Architektenverein“ aus zwei älteren Vereinen. Während des Zweiten Weltkriegs waren der Verein wie auch die Zeitschrift aufgelöst. 1958 schlossen sich die zuvor in den Bundesländern organisierten Ingenieurvereine zusammen, was die Stellung des Vereins stärkte. In diesem Zusammenhang wurde auch die Zeitschrift neu gestaltet. Jahrzehntelang erschienen darin vorwiegend Beiträge über Hoch-, Tief- und Wasserbau, beispielsweise über die Donau- und die alpinen Speicherkraftwerke, über Autobahnen, Brücken und Tunnels, den Ausbau des Wiener Verkehrsnetzes, die Donauregulierung und den Schwechater Flughafen sowie die Erweiterung der dortigen Raffinerie, ebenso über Gebäude, welche kulturellen Zwecken gewidmet waren. Seit den frühen 1970er-Jahren gewannen Themen des Umweltschutzes an Raum: Nun ging es vermehrt um die Reinhaltung von Gewässern und Luft, um Wärmepumpen und Sonnenenergie sowie anderes mehr. 51 Etwa seit dieser Zeit fanden bisweilen auch Beiträge über neuartige Technologien und Themen Aufnahme; beispielsweise über mikroelektronische Rechner 52 , über Elektrofahrzeuge 53 , die Zukunft der Eisenbahnen 54 und des Energieverbrauchs 55 sowie über kohlenfaserverstärkte Werkstoffe. 56 Ein Mitarbeiter im Amt für Wehrtechnik des Verteidigungsministeriums informierte die Leserschaft über die Weltraumfahrt der USA. 57 Ferner erschienen Aufsätze über Bionik 58 und Kybernetik. 59 51 Wilfried Nöbauer: Auslöschung, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Wertewandel. Der Österreichische Ingenieur- und Architekten-Verein von 1938 bis 1988, in: ZÖIAV 133 (1988), Heft 3, S. 91-95. 52 Josef Huber: Elektronische Rechenanlagen und ihre praktische Anwendung im Bauingenieurwesen, in: ZÖIAV 109 (1964), Heft 3, S. 82-87; Gerhard Chroust: Logische Grundlagen elektronischer Rechenmaschinen, in: ZÖIAV 114 (1969), Heft 4, S. 104-11 2; Reinhard Schmid: Technische Grundlagen elektronischer Rechenmaschinen, in: ZÖIAV 114 (1969), Heft 4, S. 11 2-121. 53 Manfred Nonnenmann: Entwicklungsstand und Zukunftsaussichten des Elektrofahrzeuges, in: ZÖIAV 11 5 (1970), Heft 1 2, S. 451-459. 54 R. Jaworski: Erneuerung und Zukunft der Eisenbahnen in Österreich. Gedanken zur Modernisierung der Österreichischen Bundesbahnen, in: ZÖIAV 126 (1981), Heft 7, S. 237-244, ZÖIAV 1 26 (1981), Heft 9, S. 330-336, ZÖIAV 1 26 (1981), Heft 10, S. 366-378. 55 Franz Culetto, Gerd Neumann, Alfred Reichl u. a.: Energieverbrauch und dessen Deckungsmöglichkeiten in Österreich bis zum Jahre 2000 - Chancen und Grenzen der Ölsubstitutionstechnologien, in: ZÖIAV 126 (1981), Heft 2, S. 44-58. 56 W. Watt, L. N. Phillips: Die Entwicklung kohlenstoffaserverstärkter Werkstoffe, in: ZÖIAV 115 (1970), Heft 12, S. 459-464. 57 Edwin J. Th. Kordik: Das Apollo-Mondprogramm und die Saturn V-Trägerrakete, in: ZÖIAV 118 (1973), Heft 2, S. 40-49; Edwin J. Th. Kordik: Aus der Pioneer-, Voyager- und Venera-Weltraum- forschung, in: ZÖIAV 1 29 (1 984), Heft 1 2, S. 414-421. 58 Peter Kottik: Bionik - Biologie und Technik, in: ZÖIAV 11 9 (1974), Heft 1, S. 1 9-24. Kottik war Assistent am Institut für Schiffstechnik der TH Wien. 59 Peter Kottik: Begriffe der Kybernetik, in: ZÖIAV 119 (1974), Heft 8, S. 253-261. 94 Hundert Jahre Zukunft? Einen bemerkenswerten Beitrag in der Zeitschrift publizierte Johann Millendor- fer (1921-2001). Thema war die Einstellung der Landesbewohner zur Technik und ihrer Zukunft. Millendorfer war Physiker sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaften Er hatte 1969 in der „Österreichischen Forschungsstiftung für Entwicklungshilfe“ in Wien eine „Studiengruppe für internationale Analysen“ gegründet. Gegenüber den zeitgenössischen Ansätzen zur Vorhersage von Szenarien der Zukunft zeigte sich Millendorfer skeptisch. Er schrieb: „Die Frage nach der Zukunft hat die Menschheit schon immer beschäftigt. Wir wissen von den Auguren, von den Orakelsprüchen des Altertums, welche Geschichte machten, und von den Astrologen Wallensteins. Heute kommt die Zukunftsforschung mehr und mehr in Mode, und die neuen Auguren erheben im Gegensatz zu ihren mit Gedärmebeschau, Handlinienlesen, Sterndeuten usw. arbeitenden Kollegen der Vergangenheit den Anspruch, wissenschaftlich zu sein. Angesichts zahlloser Fehlprognosen - die von wirtschaftlichen Fehlprognosen (z.B. die des seinerzeit berühmten Harvard-Barometers bei der Weltwirtschaftskrise) über technische Fehlprognosen (z.B. die des Beraters Churchills über die Unmöglichkeit von Raketen mit flüssigem Treibstoff) bis zu Bevölkerungsfehlprognosen (z.B. die der UNO für Südamerika 1960) reichen - und angesichts der widersprüchlichen Prognosen für die Zukunft - die z.B. einerseits für das Jahr 2000 Unsterblichkeit verheißen (C.H. Stine) und andererseits ab 2000 den Untergang der Menschheit Voraussagen (J. [Jay Wright] Forrester) - erhebt sich die Frage: Was unterscheidet die neuen Auguren von den alten und wieweit ist ihr Anspruch der Wissenschaftlichkeit berechtigt?“ 60 Millendorfer legte eigenes Material und jenes anderer Institute vor, das auf Befragungen in Österreich basierte. Dabei ging es unter anderem um zukünftige Entwicklungen betreffend Moral, Ehrenhaftigkeit, Glück, inneren Frieden und anderes. Millendorfer kam zum Schluss: „Österreich gehört zu jenen Ländern, in denen positiven Zukunftsaussichten geringe Wahrscheinlichkeit beigemessen 60 Johann Millendorfer: Österreich 1980 - Methoden und Ergebnisse längerfristiger Prognosen, in: ZÖIAV 119 (1974), Heft 1, S. 1 -9, hier S. 1. Millendorfer veröffentlichte gemeinsam mit dem Juristen und Ökonomen Christof Gaspari auch zwei Bücher, in denen die Ergebnisse langjähriger Studien über die zukünftige Entwicklung Österreichs detailliert vorgestellt wurden: Christof Gaspari, Hans Millendorfer: Prognosen für Österreich. Fakten und Formeln der Entwicklung. 2. Auflage Wien 1973; Christof Gaspari, Hans Millendorfer: Konturen einer Wende. Strategien für die Zukunft. Graz, Wien, Köln 1978. 95 Hubert Weitensfelder wird. Es ist gleichzeitig jenes Land, in dem die Bevölkerung am wenigsten eine Veränderung des Zustandes erwartet.“ 61 In einem „Psychogramm“ konstatierte Millendorfer mangelnde Offenheit der Landesbewohner gegenüber der Welt und der sozialen Umwelt. An Gegenmaßnahmen forderte er unter anderem die Pflege und Intensivierung menschlicher ebenso wie internationaler Beziehungen. Nicht zuletzt ging es ihm dabei um die „Förderung zukunftsbezogenen Denkens“. Er meinte: „Zu diesem Punkt zählt vor allem eine bewußte Ausweitung des zeitlichen Planungshorizontes. Der kurzfristige Stil im Denken und Handeln - Dringendes vor Wichtigem - muß durch ein Forcieren von zukunftsbezogenen langfristigen Vorhaben (z.B. Forschung, Entwicklungshilfe, Raumplanung, Prospektivstudien usw.) überwunden werden. Wer sich aber mit der Zukunft befaßt, dabei den Mut zur Wahrheit aufbringt und an der Wertschätzung des Nächsten und des Gemeinwesens festhält, der entwickelt auf ganz natürliche Weise einen heilsamen Optimismus.“ 62 Gerade über diese Befassung mit der Zukunft brachen aber mitunter Gegensätze zwischen den planenden Technikern und Teilen der Bevölkerung auf. In einem lokalen Konflikt 1970 in Kitzbühel beispielsweise mussten die Bergbau-Fachleute gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit einen deutlichen Rückschlag hinnehmen. Im Norden dieser Tiroler Gemeinde war von der Mitte des 16. bis zum 18. Jahrhundert eine Silber-Kupfer-Erzlagerstätte abgebaut worden. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, den Bergbau wieder aufzunehmen, schloss die österreichische „Kupferbergbau Mitterberg Ges.m.b.H.“ Anfang 1969 einen Kooperationsvertrag mit der „Union Corporation Limited“ mit Sitz in Johannesburg und London. Diese erhielt wenige Monate später eine Schürfberechtigung. Dagegen formierte sich aber 1970 massiver Widerstand in Teilen der Bevölkerung. Viele Einheimische befürchteten Auswirkungen auf den Tourismus und lehnten außerdem die mögliche Zuwanderung ausländischer Bergleute ab. Die Protestierenden erhielten von allen im Tiroler Landtag vertretenen Parteien Unterstützung. Am 19. September 1970 fanden sich in Oberndorf bei Kitzbühel in Anwesenheit des Ministers für Handel, Gewerbe und Industrie rund 5000 61 Millendorfer, siehe Anmerkung 60, S. 7. 62 Ebd.,S. 9. 96 Hundert Jahre Zukunft? Personen zu einer Demonstration ein. Im Dezember dieses Jahres gab daraufhin die „Union Corporation Limited“ ihr Vorhaben auf. 63 1978 lehnte, wie bereits kurz geschildert, die österreichische Bevölkerung die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks in Zwentendorf ab. Auf die wachsende Technikkritik reagierte der „Ingenieur- und Architektenverein“ zunehmend alarmiert. Im April 1978, also mitten in der hitzigen Diskussion über Zwentendorf, beschloss der Verwaltungsrat des Vereins die Gründung eines Ausschusses „Zur Hebung des Ansehens des Ingenieurstandes“. Nachdem die Bevölkerung gegen das Kraftwerk gestimmt hatte, veröffentlichte der Eisenbahnfachmann Wilhelm Saliger im Namen dieses Ausschusses einen Aufruf an die Leserschaft der Zeitschrift. Darin hielt er fest, dass seit rund einem Jahrzehnt die Feindschaft gegenüber Wissenschaft und Technik zugenommen habe. Saliger rief daher die Ingenieure auf, die öffentliche Stimmung im, wie er meinte, „objektiven Sinne zu beeinflussen“. Er lud seine Standesgenossen ein, kurze Beiträge an die Zeitschrift zu schicken, „in denen über (1) technische Fortschritte zur Sicherung der menschlichen Existenz, (2) Einrichtungen zur Kontrolle und zur Abwehr von Schädigungen und Belastungen des Lebensraumes durch Naturereignisse und durch industrielle Anlagen, (3) die mit ihrer schöpferischen Tätigkeit verbundene und ausgeübte Verantwortung, (4) die Verflechtung sozialer Veränderungen mit wirtschaftlich-technischen Entwicklungen, (5) die Bewertungsmethoden technischer Entwicklungen, (6) ihre technische Kreativität in Verbindung mit kulturellen Bestrebungen und ähnliches mehr berichtet wird. Dabei sollen die für die Öffentlichkeit erzielten Verbesserungen möglichst anschaulich und in Zahlen dargestellt werden.“ 64 63 Margret Haider: Seilbahngondeln statt Förderkörbe. Der Protest gegen den Bergbau in Kitzbühel (1970) (= Innsbrucker Schriften zur europäischen Ethnologie und Kulturanalyse). Münster, New York 2016, S. 16-19. 64 Wilhelm Saliger: „Pro und Kontra Technik - Auf der Suche nach dem richtigen Maß“ - Ein Appell an die Kollegen, in: ZÖIAV 1 25 (1980), Heft 2, S. 1. 97 Hubert Weitensfelder Darüber hinaus ersuchte Saliger, technikkritische Aussagen aus gedruckten Medien sowie aus Fernsehen und Radio zu sammeln und diese mit Quellenangabe, im Idealfall bereits mit einer schlagwortartigen Entgegnung versehen, einzuschicken. Solcherart sollten die Öffentlichkeit sowie Kollegen aus anderen Fachrichtungen die Möglichkeit erhalten, die Vor- und Nachteile technischer Projekte besser einzuschätzen. 65 Es sollte aber, zumindest aus der Sicht vieler Techniker, noch schlimmer kommen. Anfang der 1980er-Jahre plante die „Österreichische Donaukraftwerke AG“ an der Donau nahe Hainburg in Niederösterreich den Bau eines Wasserkraftwerks. Der Bau einer dafür notwendigen Staumauer sollte sieben Quadratkilometer Aulandschaft am nördlichen Donauufer überfluten. Daraufhin initiierte der „World Wildlife Fund“ (WWF) eine Kampagne zur Rettung dieser Auen und fand dafür breite Unterstützung. Am 5. Dezember 1984 erfolgte ein Rodungsbescheid für die Auen, daraufhin marschierten drei Tage später rund 5000 Menschen in die Aulandschaft. Nach einer weiteren Großkundgebung wurde schließlich von einer Realisierung des Projekts abgesehen. 1985 fand zu diesem Thema ein Volksbegehren statt. In diese Zeit fielen auch die Anfänge der dauerhaften politischen Etablierung grüner Bewegungen: Nach den Parlamentswahlen 1986 gelangte Freda Meissner-Blau mit ihrer Liste erstmals in den österreichischen Nationalrat. 66 Im gleichen Jahr gewährte die Zeitschrift des Ingenieur- und Architektenvereins erstmals einem Kritiker eine Stellungnahme in ihrem Blatt. Diesmal ging es wieder um einen lokalen bzw. regionalen Konflikt. In der Gemeinde Raaba bei Graz hatte der japanische Iki-Konzern um 1985 gemeinsam mit der staatlichen VOEST-Alpine den Bau eines Werks zur Erzeugung von Mikrochips geplant. Angeblich sollten damit rund 1000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Gemeinderat lehnte es aber ab, zu diesem Zweck ein Waldgebiet in der Größe von 200.000 Quadratmetern in ein Industrieareal umzuwidmen. Die Projektbetreiber reagierten harsch auf diesen Widerstand, man sprach vom rückschrittlichen „Geist von Raaba“. Ein Kritiker dieses Projekts, der Journalist Luis Fritschl, stellte dagegen die Frage, warum die VOEST-Alpine nicht einen Standort in ihrem obersteirischen Revier gesucht habe. Er bezweifelte, dass die Herstellung von Chips eine „intelligente Produktion“ sei, und meinte: 65 Ebd. 66 Vgl. etwa Anton Pelinka: Hainburg - mehr als nur ein Kraftwerk. Bewertung der Ereignisse um den Kraftwerksbau in Hainburg, in: Österreichisches Jahrbuch für Politik 1985, S. 93-107. 98 Hundert Jahre Zukunft? „Mikroprozessoren fordern unsere Industriepolitik zu einer Entscheidung heraus. Welchen Weg sollen unsere Ingenieure, Techniker und Unternehmer gehen: entweder Zulieferer, Zuarbeiter, Handlanger, Hilfsarbeiter von Industriegiganten in den USA und in Japan, letzten Endes Kulis eines mikroprozessualen Neokolonialismus werden - oder durch Entwicklung und Herstellung wirklich intelligenter Produkte diese Giganten der Chip-Massenproduktion als Zulieferer für die eigene High-Technology benützen?“ 67 Fritschls kritischer Kommentar blieb eine Einzelerscheinung in der ZÖIAV; in den nächsten Jahren folgten keine größeren Debatten mehr. Offenbar nahm man in der Zeitschrift nunmehr zur Kenntnis, dass sich das politische Klima auf Dauer verändert hatte. Ausblick Einiges von dem, was den Diskurs über zukünftige Technologien im 20. und frühen 21. Jahrhundert geprägt hat, ist nach wie vor ein Thema: die Rationalisierung, die Nutzung von Atomkraft, der Einsatz von Robotern und verbesserten Werkzeugmaschinen sowie die Auswirkungen der „Artificial Intelligence“. Neue Schlagworte sind dazugekommen: das Internet, die Digitalisierung und damit einhergehende Überlegungen, wie Letztere die Arbeitsbedingungen verändert. Heute weit verbreitete Schlagwörter wie „Industrie 4.0“ und andere .^^“-Kombinationen werden in dieser Form wohl von kurzer Dauer sein. Sie sind Ausprägungen eines hype-cycles mit oszillierenden Höhepunkten, Tiefständen und ebenen Verläufen. Ein Blick in die Vergangenheit von Zukunft, wie er hier versucht wurde, sollte nicht darauf zielen, im Nachhinein die Visionen früherer Zeiten ob ihrer scheinbaren Naivität zu belächeln. Vielmehr sagen Zukunftsvorstellungen einiges über die Gesellschaft und die Signatur jener Zeit aus, in der sie entstanden sind und nach wie vor entstehen. Vielleicht trägt eine solche Sichtweise dazu bei, einen qualifizierteren Blick für das Faktische und das Mögliche zu gewinnen. 67 Luis Fritschl: Der „Geist von Raaba“ und die Konsequenzen, in: ZÖIAV 131 (1986), Heft 1, S. 1 -4, das Zitat S. 4. 99 Die Technische Stadt Peter Payer „Die Technische Stadt“ Wie eine Großausstellung in Dresden urbane Zukunftsvisionen prägte Entwicklungskonzepte moderner Städte werden heute gerne mit dem Schlagwort „Smart City“ versehen als Synonym für die digitale Stadt der Zukunft, die vielfach vernetzt, intelligent gesteuert und so weit wie möglich berechen- und kontrollierbar ist. Wenngleich es mittlerweile vielfach Kritik an diesem Begriff gibt, etablierte er sich doch als räumliches Leitbild für die gegenwärtigen, stark technologiebasierten Veränderungen und Innovationen im urbanen Raum. 1 Blicken wir rund 90 Jahre zurück, stoßen wir auf ein ähnliches Label, das die Stadtvision der damaligen Zeit auf den Punkt brachte. Schon 1924 postulierte der Schriftsteller Alfred Döblin (1878-1957): „Es gibt heute nicht mehr Frankfurt oder München oder Berlin oder sogar Paris, London oder Rom. Es gibt heute nur die technische Stadt, die Großstadt. Sie hat eine örtlich verschieden gefärbte und temperierte Bevölkerung. Wie die Technik die Fassungen von Glühbirnen normalisiert, werden die Großstädte normalisiert.“ 2 „Die technische Stadt“ war in den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg zu jenem Zukunftsbegriff geworden, der zeitgenössische urbanistische Hoffnungen, aber auch - wie oben ersichtlich - Ängste und Befürchtungen sinnreich zu bündeln schien. Dabei stehen, wie der Stadtplaner Martin Mutschler vor kurzem erneut betonte, urbane und technische Entwicklungen seit jeher in engster Wechselbeziehung. War es doch die Schaffung technischer Infrastrukturen, allen voran zur Was- server- und Abwasserentsorgung, die die Entstehung städtischer Kulturen erst ermöglichte. Der sich etablierende Begriff der „Stadttechnik“ spielte und spielt für das Funktionieren urbaner Agglomerationen in den Köpfen aller, die planend und vorausschauend damit zu tun haben, bis heute eine zentrale Rolle. 3 1 Vgl. dazu Peter Payer: Stadt und Innovation, in: Ders., Marie Gruber (Hg.): Die Zukunft der Stadt. weiter_gedacht_. Ausstellungskatalog. Technisches Museum Wien, 9. Juni 2016 - 3. Juni 2018. Wien 2017, S. 9-13. 2 Alfred Döblin: Der Geist des naturalistischen Zeitalters (Erstausgabe 1924), in: Ders.: Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur. Frankfurt am Main 2013, S. 168-190, hier S. 179. 3 Vgl. Martin Mutschler: Technikgeschichte und Stadtentwicklung. Tübingen, Berlin 2014, S. 83-94. 101 Peter Payer Es war der Eindruck des enormen Städtewachstums ab den 1870er-Jahren, der in Europa erstmals Forderungen nach einer Gesamtplanung der bis dato relativ ungehindert expandierenden Metropolen evozierte. Reinhard Baumeister (1833-1917), Ingenieur in Karlsruhe, veröffentlichte 1876 seine wegweisende Publikation „Stadt-Erweiterungen in technischer, baupolizeilicher und wirtschaftlicher Beziehung“ - die Gründungsschrift des modernen Städtebaus. Darin wies er erstmals auf die Notwendigkeit einer umfassenden Planung hin, wollte man die urbane Zirkulation von Personen und Gütern effizienter organisieren und die grenzenlose Ausbreitung der Stadt verhindern. Neben den Technikern schlossen sich bald auch die Hygieniker den Forderungen nach einem rational gestalteten und funktionell definierten Stadtraum an. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Stadtplanung, so die Architekturhistorikerin Eve Blau, von zwei Grundgedanken bestimmt. Erstens die Vorstellung, es handle sich bei der Planung nicht um ein architektonisches, sondern um ein technisches Problem. Dementsprechend konzentrierten sich sämtliche Erweiterungspläne auf die technische Infrastruktur, insbesondere Verkehrswege und sanitäre bzw. hygienische Einrichtungen. Von grundlegender Bedeutung für dieses Konzept der „Ingenieursplanung“ war die Erfindung der Zoneneinteilung, mit deren Hilfe die Funktionen der Stadt rational analysiert werden sollten. Der zweite zentrale Gedanke war die Vorstellung von Stadt als biologischen Organismus mit Systemen, die Zusammenarbeiten müssen, um diesen gesund zu erhalten. Dazu diente ein sogenannter Regulierungsplan, der die Stadt erstmals in ihrer Gesamtheit darstellte, wesentliche infrastrukturelle Netze definierte (Straßenbahn, Stadtbahn, Trinkwasser, Abwasser, Gas, Elektrizität), einzelne Raumelemente analysierte (Straße, Häuserblock, öffentlicher Raum, Grünanlage) und schließlich alle Teile in rationeller Manier auf einen (theoretisch) unendlich erweiterbaren Stadtraster neu anordnete. 4 Lebenswichtiges Rückgrat all dessen war die sich zu einem komplexen Netzwerk formende technische Infrastruktur, bestehend aus Ver- und Entsorgungs-, Verkehrs- und Kommunikationsnetzen, die präzise aufeinander abzustimmen waren um ein möglichst reibungsloses Funktionieren der „Stadtmaschine“ zu gewährleisten. Umfassende technikbasierte Vernetzung der Stadt avancierte zu einem Kennzeichen der klassischen Moderne, mit weitreichenden sozialen und 4 Eve Blau, Monika Platzer (Hg.): Mythos Großstadt. Architektur und Stadtbaukunst in Zentraleuropa 1890-1937. München, London, New York 1999, S. 1 6-1 7. 102 Die Technische Stadt mentalen Folgen. 5 Quer durch Europa entwickelten die Kommunen ein bürgerlich geprägtes Selbstverständnis als „Leistungsverwaltungen“, mit der zentralen Aufgabe, die als krisenhaft wahrgenommene urbane Lebenswelt durch Ausbau der technischen Infrastruktur nachhaltig zu verbessern. 6 Dass man für die Bereitstellung von Wasser und Licht, die Beseitigung von Müll und Abwasser, die Fortbewegung in immer weiter entfernte Stadtteile bis hin zur Kommunikation mit anderen Menschen in ein übergeordnetes technisches System eingebettet war, das all dies bereitstellte, wurde für immer größere Teile der Bevölkerung zur prägenden Alltagserfahrung. Jedes einzelne Gebäude fungierte als Knoten im urbanen Netzwerk, mit dem es durch Leitungen, Röhren und Drähte verbunden war. 7 Dass diese Infrastrukturen in Zentraleuropa zumeist unsichtbar unter der Erde lagen als Teil eines gewaltigen Ausbauprogramms des unterirdischen Städtebaus, bestimmte - wie wir heute wissen - auf nachhaltige Weise modernes Wahrnehmungs- und Raumverhalten, soziale Praktiken und Codes, die letztlich von der Großstadt aus in weitere Teile der Gesellschaft diffundierten. Als „Labor der Moderne“ war die Großstadt der vorvorigen Jahrhundertwende somit auch in technischer Hinsicht wegweisend. Auch die Zwischenkriegszeit war geprägt von den Debatten und Konflikten, die mit der Anlage einer derart umfassenden Stadttechnik einhergingen. Machtpolitische, ökonomische, gesundheitspolizeiliche und soziale Diskurse bestimmten weiterhin die europäische Stadtentwicklung, die mit ihren technischen Ausbauprogrammen an die Vorkriegsleistungen anzuknüpfen trachtete. 8 Ein dabei wichtiges, international wahrgenommenes Zentrum stellte die deutsche Stadt Dresden dar, die - wie andere - seit Anfang des 20. Jahrhunderts von einer gewaltigen Urbanisierungswelle erfasst worden war. Wenngleich politisch konservativ orientiert, hatte man sich zu einem Ort kultureller und urbanistischer 5 Vgl. Joel Arthur Tarr, Gabriel Dupuy: Technology and the Rise of the Networked City in Europe and America. Philadelphia 1988; Dieter Schott: Die Vernetzung der Stadt. Kommunale Energiepolitik, öffentlicher Nahverkehr und die „Produktion“ der modernen Stadt. Darmstadt-Mannheim-Mainz 1880-1918. Darmstadt 1999; Dieter Schott: Infrastrukturnetze und soziale Ungleichheit: Die historische Perspektive, in: Moderne Stadtgeschichte (2017), Heft 2, S. 66-78. Zur Entwicklung in Wien vgl. jüngst Sändor Bekesi: Auf dem Weg zur Stadtmaschine? Zur infrastrukturellen Entwicklung Wiens in der frühen Gründerzeit, in: Wolfgang Kos, Ralph Gleis (Hg.): Experiment Metropole. 1873: Wien und die Weltausstellung. Ausstellungskatalog des Wien Museums. Wien 2014, S. 94-105. 6 Vgl. Friedrich Lenger: Metropolen der Moderne. Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850. München 2013, S. 149-202. 7 Zur Metapher des Netzwerks vgl. Hartmut Böhme, Jürgen Barkhoff, Jeanne Riou (Hg.): Netzwerke. Eine Kulturtechnik der Moderne. Wien, Köln, Weimar 2004. 8 Vgl. Wiebke Porombka, Heinz Reif, Erhard Schütz (Hg.): Versorgung und Entsorgung der Moderne. Logistiken und Infrastrukturen der 1920er und 1930er Jahre. Frankfurt am Main, Berlin, Bern u. a. 2011. 103 Peter Payer Innovationen mit überregionaler Ausstrahlung entwickelt. Eine moderne Kunsterziehungsbewegung und die Künstlergruppe „Die Brücke“ entstanden, der Großindustrielle Karl August Lingner, Hersteller des Mundwassers Odol, forcierte die Hygienebewegung und gründete ein einschlägiges Museum - und nicht zuletzt wurde auch das Ausstellungswesen im großen Stil vorangetrieben als Mittel der Selbstdarstellung und Positionierung im internationalen Städtewettbewerb. Dafür hatte Dresden eigens einen neuen, repräsentativen Ausstellungsort geschaffen: den im Mai 1896 eröffneten „Ausstellungspalast“ mitsamt dem ihn umgebenden Freiluftareal, situiert zwischen Stübelallee und Lennestraße. 9 Das zentrale Gebäude, ein großer Hallenbau mit Kuppel, glich von außen einer neubarocken Kathedrale. Im Inneren gab es einen Hauptsaal, zahlreiche Nebensäle, Hallen und dazugehörige Pavillons mit insgesamt 20.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, hinzu kam im Freien ein großzügig angelegter Park mit Teich. Seit dem Jahr seiner Eröffnung fanden hier zahlreiche Großveranstaltungen statt: Garten-, Kunst- und Bauausstellungen sowie bereits 1903 eine vielbeachtete Schau zur Entwicklung der Stadt. 10 1928: Ausstellungsschwerpunkt Stadt und Technik Seinen Ruf als Ausstellungszentrum suchte Dresden nach dem Ersten Weltkrieg zu bewahren und nach Möglichkeit auszubauen. Der im Frühjahr 1921 gegründete „Verein zur Veranstaltung der Jahresschau Deutscher Arbeit“ entwickelte ein Konzept zur längerfristigen Ausstellungstätigkeit. Oberstes Ziel war die Förderung von Industrie, Wissenschaft und Handwerk durch die Präsentation von Spitzenleistungen auf den unterschiedlichsten Gebieten des täglichen Lebens, wozu nicht zuletzt der städtische Alltag gehörte. Die jährlich ausgestellten Themen waren dementsprechend breit gestreut und reichten von Glas, Porzellan, Keramik (1922), Spiel und Sport (1923), Textilien (1924), Wohnung und Siedlung (1925), Gartenbau und Kunst (1926), Papier (1927), Die Technische Stadt (1928), Reisen und Wandern (1929) bis zur Hygiene (1930/31). Die Zahl der Aussteller schwankte jeweils zwischen 300 und 1400, die Be- 9 Vgl. Volker Helas: Vom Werden einer Ausstellungsstadt, in: Dresdner Hefte (2000), Heft 3, S. 3-11. 10 Die „Deutsche Städte-Ausstellung“ war eine nationale Leistungsschau kommunalen Fortschritts. Insgesamt 129 Städte und 420 Unternehmen präsentierten sich in der Großausstellung, deren Schwerpunkt u. a. auf moderner Technik lag. Vgl. Peter Payer: Die „Deutsche Städte-Ausstellung“ in Dresden (1903). Idee, Gestaltung, Wirkung, in: Ferdinand Opll, Andreas Weigl (Hg.): Städtebünde. Zum Phänomen interstädtischer Vergemeinschaftung von Antike bis Gegenwart (= Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 27). Wien, Innsbruck, Bozen 2017, S. 275-291. 104 Die Technische Stadt Abb. 1 Ausstellungsgelände in Dresden, Bildpostkarte, 1928 Quelle: Sammlung Peter Payer sucherzahlen waren stets beeindruckend und reichten von 750.000 bis über drei Millionen, wobei man das Ausstellungsareal mitunter beträchtlich erweiterte und auch den angrenzenden Großen Garten miteinbezog. Oft entstanden dabei architektonisch dominante Bauwerke, die das Gelände prägten, von festen Gebäuden, die über Jahre hinweg benutzbar waren bis hin zu Leichtbauten, die nur für eine bestimmte Ausstellung verwendet werden konnten. Etwa der „Grüne Dom“ (1926), ein begrünter Turm von 30 Meter Höhe, oder der 43 Meter hohe Turm der Presse, genannt „Der sprechende Turm“ (1 927). Begleitet wurden die Schauen stets von fachspezifischen Tagungen und Kongressen. 11 Die von 1 6. Mai bis 30. September 1928 laufende 7. Jahresschau Deutscher Arbeit folgte mit ihrem Titel „Die Technische Stadt“ dem urbanistischen Leitbild vergangener Jahrzehnte. Erneut stellte man ingenieurtechnische Strategien zur Lösung aktueller und künftiger Stadtprobleme in den Mittelpunkt, ergänzt um grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Technik. Aktueller Anlass war die Hundertjahrfeier der Sächsischen Technischen Hochschule in Dresden. Der geschäftsführende Direktor der Jahresschau, Carlwalter Straßhausen, fasste die Ziele der groß angelegten Veranstaltung folgendermaßen 11 Heidrun Reim: Jahresschauen Deutscher Arbeit in der Tradition Dresdner Ausstellungen, in: Stadtmuseum Dresden (Hg.): Dresdner Geschichtsbuch 4. Altenburg 1998, S. 123-133. 105 Peter Payer zusammen: „Der Zweck dieser Ausstellung ist es, zu zeigen, wie heutigentags die Technik in das Leben der Menschen eingreift, wie sie ein Helfer dem wird, der sie richtig erfaßt. In der Stadt spielt sich das Gemeinschaftsleben in den engsten Beziehungen ab, hier stellt das Arbeitstempo erhöhte Anforderungen, wollen die Stunden für Ruhe und Erholung voll ausgenutzt sein. Also kann die Bedeutung technischer Kenntnisse für den einzelnen Menschen am wirksamsten an dem Beispiel einer modernen Stadt Darstellung finden.“ 12 Eine „größere Vertrautheit zwischen Mensch und Technik“ herzustellen, sei das hehre Anliegen der Ausstellung. „Sie führt in die Geheimnisse technischen Lebens ein, indem sie den Lebensquellen der technischen Stadt, ihrem technischen Körper und ihrem Organismus den Schleier nimmt.“ 13 Mit den bekannten biologistischen Analogien sollte das Verständnis von Stadt als komplexes, zutiefst technisch determiniertes Konstrukt erhöht und ihr Funktionieren im Zeichen größtmöglicher Effizienz transparent werden. Dies spiegelte sich sodann in der Gesamtkonzeption der Schau wider, die 750 Aussteller und drei große Themenblöcke umfasste: 1. Lebensquellen: Der im Hauptgebäude untergebrachte Schlüsselbereich erläuterte die zentrale Bedeutung der Versorgung mit Gas, Wasser und Elektrizität. Wobei letzterer als innovativstes und zunehmend wichtiges technisches Gebiet besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde. „Ohne Elektrizität ist die technische Stadt nicht mehr denkbar“ 14 , hieß es denn auch apodiktisch im Ausstellungskatalog. 2. Organismus: Die Themen Heizung, Ernährung, Wäschereibetrieb, Verkehr und Nachrichtenwesen sowie Schutz für Leben und Eigentum (Polizei, Hygiene, Feuerwehr, Rettungswesen) wurden in den angrenzenden Hallen behandelt. Hier wandte man sich auch explizit an Frauen, die für ihren Haushalt und ihre Wohnung wertvolle Anregungen erhalten sollten. Denn: „Die Zeit der Wohnungsnot, die Zeit der Sparsamkeit zwingt auch die Frau, sich zur Technik zu bekennen.“ 15 3. Technischer Körper: Die Bereiche Hochbau und Tiefbau, inklusive Straßenreinigung und Müllverwertung sowie Straßenaufbauten waren in einem weiteren Hallenkomplex situiert. Im Mittelpunkt stand das dreidimensional ausgeführte Modell einer idealen Großstadt, entworfen von den beiden Dresdner Archi- 1 2 Die Technische Stadt. Siebente Jahresschau Deutscher Arbeit Dresden 1928. Ausstellungskatalog. Dresden 1928, S. 5. 13 Ebd. 14 Ebd., S. 20. 15 Dresden Jahresschau 1928. 7. Ausstellung. Die Technische Stadt. Werbefolder, o. S. 106 Die Technische Stadt mSifiggliaMlMfj igfjM . ‘ ■ 8 j \ \ \ , 11 ■■ * im Abb. 2 Ausstellungsbereich Elektrizität: Straßen- und Untergrundbahnen, Bildpostkarte, 1928 Quelle: Sammlung Peter Payer tekten Wolf und Arlt. Die für eine Million Einwohner konzipierte Phantasiestadt wies einen kreisförmigen Grundriss auf, mit konzentrischen Ringen in mehrgeschossiger und geschlossener Bauweise, durchschnitten von mehreren Ring- und Radialstraßen, ganz in der Tradition der schon zur Jahrhundertwende von Otto Wagner erdachten Idealstadt. Die einzelnen Räume waren anschaulich und für die Besucherinnen durchaus abwechslungsreich gestaltet. So konnte man zahlreiche Modelle bestaunen (neben dem einer ganzen Stadt auch von Einzelgebäuden, Kraftwerken, elektrischen Straßen- und Untergrundbahnen), dazu auch Pläne und technische Zeichnungen, Leitungsrohre und Kanalprofile in Originalgröße, Straßenlampen, Verkehrszeichen und Signalanlagen, Fernsprechzellen, eine „Autoanrufzelle für Kraftdroschken“, Schnelltelegraphen, Müllsammelgefäße, Feuerschutzeinrichtungen bis hin zu einer elektrischen Schnittlokomotive und einer Hochspannungsvorführung mit einer „1 Million Volt-Anlage“. Musterbetriebe führten live ihre elektrifizierten Arbeitsprozesse vor Augen, darunter eine Bäckerei, eine Konditorei, eine Fleischerei, eine Zahnarztpraxis und eine Großwäscherei. Ergänzend zur Hauptschau zeigte man eine Sonderausstellung der Technischen Hochschule, die neben betriebswissenschaftlichen Aspekten vor allem elektrotechnische Themenfelder sowie Spezialfragen der Metallurgie und Materialprü- 107 Peter Payer fung umfasste. Eigene Sonderbauten waren speziellen Institutionen und Firmen gewidmet, etwa einer Beratungsstelle für Stahlverwendung, der Technischen Nothilfe in Dresden, einem technischen Verlag, einer Versicherungsanstalt, die über die Gefahren des technischen Fortschritts informierte, oder einem Arbeitsamt, das seine technischen Einrichtungen zeigte. Von der Spitze des Ausstellungsturms, dem ehemaligen Presseturm der Vorjahresausstellung, konnte man sich einen Überblick über das Ausstellungsgelände verschaffen und mit Hilfe eines Automatenfernrohrs das Stadtgebiet bis hin zur Sächsischen Schweiz und zum Erzgebirge erkunden. Als besonderes Event fand hier abends eine „Feuergarbe“ statt. Besondere Aufmerksamkeit erregten zudem ein Stahlrahmenhaus, das veranschaulichte, wie man ein Wohngebäude innerhalb kürzester Zeit unter Verwendung von genormten Fertigteilen errichten konnte, sowie ein Pavillon, der einen modernen Rundfunkaufnahmeraum und ein Kino enthielt. 16 Letzteres wurde zu einer der Geburtsstätten des Tonfilms in Deutschland. Am Eröffnungstag der Ausstellung fand hier vor begeistertem Publikum die Welturaufführung des „sprechenden Films System Breusing“ statt. In der Art einer Kleinkunstaufführung sah und hörte man eine Studentengruppe singen, Schauspieler Erich Ponto rezitierte Verse von Wilhelm Busch, das Tanzspiel „Der Drachentöter“ war zu bestaunen und als Höhepunkt das vor dem Berliner Schloss aufgenommene Straßenbild „Die Wache zieht vorüber“, das - wie ein Zeitgenosse begeistert versicherte - „in feinster Abstufung alle Geräusche des Straßenlärms wiedergibt.“ 17 Zukunftsweisend war schließlich auch ein kleiner, zwölf Sitzplätze aufweisender Elektrobus, mit dem man in den angrenzenden Vergnügungspark fahren konnte. Dort angekommen, fanden die Besucherinnen u. a. ein Kasperltheater vor, eine Modelleisenbahn, einen japanischen Irrgarten, eine Skooter- und Kegelbahn, einen Tanzpalast und ein frei zu besichtigendes Planetarium. Dieses war in den Jahren 1925/26 errichtet worden und stellte mit seiner 25-Meter-Kup- pel ein „technisches Wunderwerk“ dar, das den Sternenhimmel mit Hilfe einer Zeiß-Apparatur in größtmöglicher Naturtreue wiedergab. 18 16 Die Technische Stadt, siehe Anmerkung 12, S. 77-78, 133-134. 17 Der Lignose-Hörfilm in Dresden, in: Österreichische Filmzeitung. Das Organ der österreichischen Filmindustrie (1928), Nr. 24, S. 12. Zum „Lignose-Hörfilm System Breusing“ vgl. https://de.wiki- pedia.org/wiki/Lignose_Hörfilm_System_Breusing#cite_note-10 (6.6.2018) 18 Die Technische Stadt, siehe Anmerkung 12, S. 140-141. 108 Die Technische Stadt Das Kugelhaus: technikaffine Zukunftsvision Absolutes Highlight und spektakulärste, auch international rezipierte Sensation war jedoch das Kugelhaus. Symbolträchtig aufgestellt genau vis-ä-vis des altehrwürdigen Ausstellungspalastes, demonstrierte das „neuzeitliche Geschäftshaus“ den Stand moderner Technik, gleichzeitig war es ein unübersehbares futuristisches Statement: „In solchen Gebäuden könnten wir in Zukunft leben!“ Der Entwurf stammte vom Münchner Architekten Peter Birkenholz (1876- 1961), der sich schon seit Längerem mit der Geschichte dieser Bauform und deren gestalterischer Umsetzung beschäftigte. 19 Die Ideen der französischen Revolutionsarchitektur und der russischen Konstruktivisten weiterentwickelnd, 20 hatte er bereits an einigen Wettbewerben teilgenommen. Für die nun erstmalige Realisierung seines kugelförmigen Experimentalbaus benötigte man in Dresden nur acht Wochen, wobei die Medien schon vorab darüber berichteten und den Baufortschritt interessiert begleiteten. Die tragende Konstruktion wurde von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN, Werk Gustavsburg-Mainz) in Stahlskelettbauweise errichtet, die Außenhaut bestand aus Glas (150 Fenster) und Aluminiumblech, der Sockel aus Beton. 21 Die Eisenkonstruktion wog insgesamt 280 Tonnen, 20.000 Nietverbindungen hielten sie zusammen. Der maximale Durchmesser des Kugelhauses betrug 24 Meter, die Gesamthöhe knapp 30 Meter. Auf einer Grundfläche von nur zehn mal zehn Meter schuf Birkenholz einen umbauten Raum von rund 7600 Kubikmeter. Maximale Raumausnutzung auf geringster Grundfläche, war das oberste Anliegen des Architekten. Sein Bau beinhaltete fünf Geschosse, war durch einen Personenaufzug erschlossen und wies in der Mitte einen kreisförmigen, atriumartigen Schacht auf, durch den man hinauf bzw. hinunter blicken konnte. Nur die oberste Etage hatte eine durchgehende Geschossfläche. Hier befand sich ein Cafe-Restaurant mit schräg liegenden Fensterfronten, die einen großzügigen Rundblick auf das umliegende Gelände ermöglichten. Die übrigen Geschosse wurden für Ausstellungszwecke genutzt. Verschiedenste Firmen zeigten moderne Einrichtungsgegenstände für die Wohnung, elektrische Küchengeräte, Büromaschinen, aber 19 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Birkenholz (6.6.2018). Eine fundierte Biografie von Peter Birkenholz, der sich zeitlebens mit Projekten für Kugelhäuser befasste, ist leider bis dato ausständig. 20 Vgl. Susanne von Falkenhausen: KugelbauVisionen. Kulturgeschichte einer Bauform von der Französischen Revolution bis zum Medienzeitalter. Bielefeld 2008. 21 Eine ausführliche Auflistung der beteiligten Firmen findet sich in: Die Technische Stadt, siehe Anmerkung 12, S. 135-136. 109 Peter Payer t Abb. 3 Kugelhaus, Bildpostkarte, 1 928 Quelle: Sammlung Peter Payer gSt » <«»**«*» lira » * J. i - auch Spirituosen, Zigarren, Zigaretten und begehrte Süßigkeiten wie Schokolade und Pralinen. In eigenen Bereichen waren ein (benutzbarer) Herren- und Dannenfrisiersalon untergebracht, ein Leseraum und kleine Sonderausstellungen zu den Themen Zigarettenherstellung und „Photo - Kino - Radio “. 22 22 Ebd., S. 136-139. 110 Die Technische Stadt Die Fassade des Kugelhauses fungierte als Werbeträger für das Cafe sowie die am Bau beteiligten Firmen. Weithin strahlende Leuchtbuchstaben, hergestellt vom Dresdner Ingenieurbüro Ernst Klotzsch, machten das Gebäude auch nachts zur visuell reizvollen Attraktion. Mit seinen gestalterischen und technischen Innovationen war das Kugelhaus zum Inbegriff und bemerkenswertesten Objekt der Ausstellung geworden. Seine geometrische Form stand paradigmatisch für die Suche nach neuen architektonischen Ausdrucksweisen auf Basis der technischen Möglichkeiten der Zeit. Den Organisatoren der Ausstellung war es damit gelungen, ein auch ästhetisch einprägsames Zukunftsbild zu generieren. „Die Technische Stadt“ als Werbeerfolg Begleitet wurde die 7. Jahresschau, wie auch ihre Vorgänger, von einer groß angelegten Werbekampagne. Der Dresdner Grafiker Willy Petzold (1885- 1978) schuf das zentrale Sujet zur Ausstellung. Es zeigt einen rötlichen, schräg gestellten, stählernen I-Träger, in dessen großformatiger Schnittfläche die Insignien der modernen Stadt zu sehen sind: Ein Nachtbild in expressionistischer Schwarz-Weiß-Manier mit sich auftürmenden Hochhäusern, Flugzeug, Straße, Fluss und Gleise mit Autos, Lastschiff und Eisenbahn. Ein symbolträchtig verdichtetes Konglomerat aus geometrischen Baukörpern und daueraktiven Verkehrsräumen, ohne Menschen, im Mittelpunkt allein die rational durchorganisierte, technisch determinierte, ökonomisch dauerproduktive Großstadt. Der in Mainz geborene Petzold hatte seine Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in Dresden erhalten. Seit den 1920er-Jahren war er als Gebrauchsgrafiker mit eigenem Atelier tätig. Einer seiner wichtigsten Auftraggeber war die Dresdner Zigarettenindustrie mit den Marken Eckstein, Haipaus und Salem. Für die Jahresschauen Deutscher Arbeit konnte er gleich vier Mal den ausgeschriebenen Wettbewerb gewinnen. Nicht zuletzt deshalb wurde er zu einem der bekanntesten Plakatkünstler seiner Zeit. Wobei seine Entwürfe von der Bildsprache stets ähnlich aufgebaut waren: Ein symbolgeladenes Motiv weist auf das zentrale Thema hin und dient als Blickfang, davon abgesetzt im unteren Drittel Titel und Dauer der Ausstellung in individuell gestalteter Schrift. Petzold war Mitglied der Dresdner Ortsgruppe des Bundes Deutscher Gebrauchsgrafiker. Mit politischen Wahlplakaten unterstützte er konservative Kräfte wie die Peter Payer Ausstellung Katalog Ri ».'•iSr' 7 AUSSTELLUNG Die TeclinisMH| lahresschau DrasHBiT Abb. 4 Cover des Ausstellungskatalogs, 1928 Quelle: Sammlung Peter Payer Deutsche Volkspartei, auch für die Nationalsozialisten war er später als Grafiker tätig. 23 Petzolds Entwurf für die 7. Jahresschau war auf sämtlichen Werbemedien zu sehen, neben dem Plakat auch am Cover des Ausstellungskatalogs, auf Postkarten und Folder, auf einer Werbemarke und als Inserat in Zeitungen und Zeit- 23 Vgl. Jürgen Döring: Der Dresdner Plakatkünstler Willy Petzold, in: Jahrbuch des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg (1993), Nr. 9-10, S. 174; http://www.stadtwikidd.de/wiki/Wil- ly_Petzold (12.12.2017) 112 Die Technische Stadt schritten. Gemeinsam mit dem Bild des Kugelhauses, das man ebenfalls als Werbemarke, Folder, Bildpostkarte und sogar als Lesezeichen verbreitete, wurde es zum dominierenden Motiv der Ausstellung - mit höchstem Wiedererkennungswert. Wesentliche Werbeträger waren darüber hinaus eine Vielzahl an Bildpostkarten, hergestellt von Dresdner Verlagen, die teils als „offizielle Karten“ der Jahresschau durchnummeriert waren. Sie zeigten Luftaufnahmen sowie Außen- und Innenansichten der Ausstellung und waren wohl auch als Sammelobjekte gedacht. Das am häufigsten ins Bild gesetzte Motiv war erneut das Kugelhaus. Als Star der Ausstellung erhielt es vom Kunstverlag Arno Eckard sogar eine Spezialkarte mit gereimtem Werbe-Gedicht: Neben einer künstlerischen Zeichnung, auf der das Gebäude umringt von Besuchermassen zu sehen ist - in der Luft erneut ein Flugzeug -, konnte man unter der Überschrift „Das erste Kugel-Haus“ lesen: „In Dresden auf der Jahres-Schau Sieht man für wenig Geld ein Kugel-Haus als neu’sten Bau, Das Erste auf der Welt! Ganz ohne Ecken wird’s gebaut Aus Eisen und aus Stahl; Ob hinten oder vorn man schaut, rund ist es überall. Im fünften Stock, vom Kaffee aus Kann man ganz Dresden seh’n, Von Räcknitz bis nach Loschwitz raus, Bis zu den Lößnitz-Höh’n. Wer dieses Wunder schauen will, Der merke sich genau: Ab Mitte Mai bringt Neues viel Die .Deutsche Jahres-Schau 1 .“ 24 24 Das erste Kugelhaus, Bildpostkarte, Kunstverlag Arno Eckard, Dresden. Sammlung Peter Payer. 113 Peter Payer VENUlDBESDENON KORAN BONVENON! Tf ■■ m*i £nS3*l X J| JL Abb. 5 Dresdens Sehenswürdigkeiten, Bildpostkarte in Esperanto („Komm nach Dresden Herzlich Willkommen“), 1930 Quelle: Sammlung Peter Payer Das Kugelhaus erlangte letztlich eine derartige Bekanntheit, dass es, wie auf einer Mehrbildkarte ersichtlich, zu einer Dresdner Sehenswürdigkeit aufstieg, gleichrangig neben Zwinger, Frauenkirche, Rathaus oder Augustusbrücke. Die Karte, in der Weltsprache Esperanto beschriftet, erschien 1930 anlässlich des 19. Deutschen Esperanto-Kongresses in Dresden. 25 25 Venu Dresdenon Koran Bonvenon! (Komm nach Dresden Herzlich Willkommen!), Bildpostkarte, Verlag Otto Wehlitz, Dresden. Sammlung Peter Payer. 114 Die Technische Stadt Auch mit dem Medium Film wurde die Ausstellung intensiv beworben. So berichtete der Dokumentarfilm „Das Schaufenster der Deutschen Industrie“ (1928) ausführlich über „Die Technische Stadt“ im Allgemeinen und das Kugelhaus und den ersten „Sprechenden Film“ im Besonderen. 26 Die umfangreichen, die vielen Neuheiten gebührlich herausstreichenden Werbemaßnahmen bescherten der Ausstellung einen gewaltigen Publikumserfolg. Die Zukunftsvision der (hoch)technisierten Stadt wurde damit stärker verankert und popularisiert. Von mehreren europäischen Städten aus, darunter Wien und Prag, wurden Sonderfahrten nach Dresden organsiert. 27 Insgesamt besuchten 1,8 Millionen Menschen „Die Technische Stadt“. Von den bisherigen Jahresschauen wurde sie somit nur von der groß angelegten Garten- und Kunstausstellung des Jahres 1926 übertroffen. 28 Mediale Rezeption zwischen Euphorie und Skepsis Umfassend war auch die Berichterstattung in den zeitgenössischen Medien. In- und ausländische Zeitungen und Fachzeitschriften widmeten sich der Schau von Beginn an mit größtem Interesse. Architektur- und Bauzeitschriften zeigten sich beeindruckt von der „ausgezeichneten und tiefgründigen Ausstellung“ 29 , lobten Teilaspekte wie die „interessanten Einblicke in die Belange der modernen Großstadt-Verkehrsregelung“ 30 oder die „systematische“ und „wissenschaftliche Behandlung“ des Feuerschutzes und des Rettungswesens. 31 Auch die österreichischen Zeitungen, Fachmedien genauso wie Tagespresse, berichteten ausführlich und zum Teil schon im Vorfeld über die Jahresschau, in der „viel Sehenswertes“ gezeigt werde. 32 Wie in allen anderen Ländern war es vor allem das Kugelhaus, das die bei weitem größte Aufmerksamkeit erfuhr. Apostrophiert als „erstes Kugelhaus der Welt“ sollte es der Ausstellung enorme internationale Bekanntheit verschaffen - und teils heftige Diskussionen hervor- 26 Vgl. Bundesarchiv Koblenz, Filmarchiv, Sign.: B 114108-1, BSP 26608-2, BSP 20051-2. 27 Vgl. Wiener Zeitung, 22.7.1928, S. 4; Prager Tagblatt, 16.8.1928, S. 5. 28 Reim, siehe Anmerkung 11, S. 126. 29 Zentralblatt der Bauverwaltung mit Nachrichten der Reichs- und Staatsbehörden (1928), Nr. 36, S. 587. 30 Stadt und Siedlung. Monatsheft zur Deutschen Bauzeitung (1928), Heft 9, S. 1 26. 31 Zeitschrift des Oesterreichischen Reichsverbandes für Feuerwehr- und Rettungswesen (1928), Heft 4, S. 52. 32 Vgl. dazu u. a.: Ebd., S. 50-53; Neue Freie Presse, 27.4.1928. S. 7; Arbeiter-Zeitung, 23.5.1 928, S. 9; Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines (1928), Heft 19-20, S. 171-172; Illustrierte Kronen-Zeitung, 8.3.1928, S. 7; Neuigkeits-Welt-Blatt, 22.3.1928, S. 1; Tages-Post, 6.6.1928, S. 9; Österreichische Illustrierte Zeitung (1928), Nr. 23, S. 9; Volksfreund. Unabhängiges Wochenblatt für alle Stände (1928), Nr. 31, S. 8. 115 Peter Payer rufen. Denn während die Befürworter von einem „kühnen Versuch“ sprachen 33 und die Vorteile der neuen Gebäudeform betonten (freiere Durchsicht, geringere Schattenwirkung, Vermeidung von scharfen unfallgefährdenden Straßenecken ), 34 reagierten die Kritiker skeptisch bis entsetzt. Fachkreise bemängelten, dass die Ausstellung durch das so prominent platzierte Kugelhaus „hart an den Rand einer Jahrmarktsveranstaltung“ gebracht werde . 35 Man sprach vom „Problem des Kugelhauses “ 36 und empfand es als zu „konstruiert“ und „dem allgemeinen Geschmack“ widersprechend, wie der Verein Deutscher Ingenieure formulierte. Selbst bei größtem Wohlwollen kam er zu dem Fazit: „Ein abschließendes Urteil über die Zweckmäßigkeit des Baues von Kugelhäusern läßt sich natürlich auch nach diesem Bau nicht fällen; [...] ästhetisch macht das Dresdner Kugelhaus keinen ungünstigen Eindruck, wenn es auch noch zweifelhaft erscheint, ob es in anderer Umgebung dieselbe Wirkung ausüben wird .“ 37 Abwartend prognostizierte man: „Zweifellos von manchem Reiz, dürfte es sich doch nur zu Vergnügungs- und Liebhaberzwecken durchsetzen .“ 38 Andere reagierten weniger diplomatisch. Sie taten, wie eine Salzburger Illustrierte, den Bau als „Kuriosum“ ab, bezeichneten ihn als das erste Kugelhaus und „wohl auch zugleich das letzte“ und luden die Leserinnen zu folgendem Gedankenexperiment ein: „Man nehme nur seine Phantasie an die Leine und führe sie ein wenig spazieren. Wie sähe eine Straße mit lauter Kugelhäusern aus? [...] Man denke sich nur einmal, unsere liebe Festung Hohensalzburg wäre seinerzeit als Kugelhaus erbaut worden ... Eine Seifenblase zu unseren Häuptern !“ 39 Kurzum, so die Kritiker: Eine „phantastische“, wenn nicht gar „wahnsinnige“ Idee und „zweifellos seltsame Wege“, die die moderne Architektur gehe . 40 Die Wiener „Illustrierte Wochenpost“, die sich in einer Spezialausgabe Gedanken über „die Welt in hundert Jahren“ machte, führte noch ein weiteres Argument ins Treffen. Schon allein aufgrund der sich rasant verändernden Mobilitätsanforderungen bleibe nur eine Schlussfolgerung: „Kugelhäuser sind Unsinn! Wenn man heute Kugelhäuser propagiert, beweist man, daß man für die Bedürfnisse des modernen Verkehrs kein Verständnis hat. Oder daß man nicht weitsichtig 33 Neue Freie Presse, 2.3.1929, S. 18. 34 Vgl. Arbeiter-Zeitung, siehe Anmerkung 32. 35 Zentralblatt der Bauverwaltung, siehe Anmerkung 29. 36 Zeitschrift ÖIAV, siehe Anmerkung 32, S. 172. 37 Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure (1928), Nr. 48, S. 1769. 38 Feierabend. Beilage zum Niederösterreichischen Grenzboten (1928), Nr. 131, S. 1. 39 Die Woche im Bild. Illustrierte Unterhaltungs-Beilage der „Salzburger Chronik“ (1928), Nr. 22, S. 2. 40 Ebd., Nr. 9, S. 1; Neuigkeits-Welt-Blatt, 22.3.1928, S.1. 116 Die Technische Stadt /»mr cslf c Pr-i*a Ms» Abb. 6 „Kugelhäuser, die neue praktische und gesunde Bauweise. - Die erste Kugelhausstrasse in Dresden, am 1. April dem Verkehr übergeben.“, Fotomontage, 1929 Quelle: Bildmontage in der Bilderwoche, 1929 genug ist. Kugelhäuser sollen praktischer sein, sagt man. Kugelhäuser sollen die Häuser der Zukunft sein, sagt man. Dreimal Unsinn! Diese Neunmalklugen der Kugelhäuser übersehen ganz und gar eine Forderung des Häuserbaues, daß nämlich auch die Dächer dereinst zur Bewältigung des Verkehrs werden dienen müssen. Darum wird in der Stadt der Zukunft kein einziges Kugelhaus Platz finden .“ 41 Vor allem populäre Unterhaltungsblätter und humoristische Zeitschriften griffen die teils überaus polemische Kritik auf. Sie visualisierten die Kugelhausstraße als Bildmontage, versehen mit einem ironischen Kommentar, oder brachten Karikaturen, die die praktischen Vorteile der Kugelform persiflierten . 42 In Leipzig wurde sogar ein Lustspiel mit dem Titel „Im Kugelhaus“ aufgeführt . 43 Und wie sahen die Organisatoren selbst ihre Ausstellung? Direktor Straßhausen gab sich schon vor der Eröffnung selbstkritisch. Er hob die Komplexität des Großprojekts hervor und gab zu bedenken, dass gerade diese Jahresschau 41 Illustrierte Wochenpost. Unterhaltungsblatt für Jedermann (1928), Nr. 1 2, S. 10. 42 Vgl. u. a. Fliegende Blätter (1928), Nr. 4333, S. 91; Neuigkeits-Welt-Blatt, 4.9.1928, S. 9; Vorarlberger Landes-Zeitung, 31.1 2.1928, S. 6. 43 Tagblatt, 5.8.1928, S. 8. 117 Peter Payer ß-KWv «L » „(Sd’au, 3l>tr«f, bab »är’ ein Jfjaue für bid)!" Abb. 7 Karikatur, 1928 Quelle: Fliegende Blätter, Nr. 4333/1928 „große Perspektiven eröffnet und ihrer Regie eine Aufgabe stellt, die an Mannigfaltigkeit nichts zu wünschen übrig läßt.“ Selten, meinte er, würden solche Projekte jedoch in allen Teilen einwandfrei gelingen und zweifelsohne oft Lücken aufweisen . 44 Der zu erwartenden ambivalenten Rezeption des Kugelhauses war er sich durchaus bewusst. Im Ausstellungskatalog schrieb er dann: „Es wird als Problem hingestellt und dem Fachmann überlassen, zu prüfen, ob Kugelhäuser für die Zukunft in dem oder jenem Falle zweckmäßig sind. Und wenn das Prob- 44 Carlwalter Strasshausen: Dresden und die Jahresschau, in: Rat der Stadt Dresden (Hg.): Das Buch der Stadt Dresden 1 927/28. Dresden 1 928, S. 79, 86. 118 Die Technische Stadt lematische dieses Gebäudes nicht anerkannt wird, dann hat es doch den Sinn eines Musterbeispiels heutiger Konstruktionstechnik.“ 45 Mit der generellen Werbewirkung der Jahresschau war man rückblickend äußerst zufrieden. „Die Technische Stadt“ half entscheidend mit, Dresden als führende Ausstellungsstadt international zu positionieren. Die Stadt selbst habe damit, so die Überzeugung der Verantwortlichen, „ihr Ansehen, ihr Prestige, ihre Kreditwürdigkeit“ gesteigert. Allein das Kugelhaus habe viele Besucher nach Dresden gelockt und den Ruf der Stadt in die ganze Welt verbreitet, von der Türkei bis nach England und Amerika. Für künftige Veranstaltungen könne man sich allerdings Verbesserungsmöglichkeiten vorstellen. So wäre eine Modernisierung des in die Jahre gekommenen Ausstellungspalastes durchaus sinnvoll, und auch ein nicht mehr ein-, sondern mehrjähriger Turnus der Großausstellungen wurde ins Auge gefasst. 46 Umstrittene Folgewirkungen für Städtebau und Kultur Zweifellos war mit dieser Großausstellung das allgemeine Bewusstsein über die zunehmende Technisierung des Alltags und damit auch der Stadt gestiegen. Die Wirkung ging damit, wie von den Organisatoren intendiert, weit über die eigentliche Ausstellungsdauer hinaus. Schon allein der enorme Präsentationsaufwand dieser wie noch zahlreicher anderer in den 1930er-Jahren folgenden Architektur- und Stadtausstellungen belegt, so der Architekturhistoriker Andreas Nierhaus, das enorme Potential, das man in der Zwischenkriegszeit dem Massenmedium Ausstellung zuschrieb um kulturelle Strömungen zu beeinflussen und reformierend und bewusstseinsbildend auf die Gesellschaft einzuwirken. 47 Andere Städte folgten dem Vorbild Dresdens und intensivierten ihre Anstrengungen zur Sichtbarmachung der engen Verflechtung von Stadt und Technik. So auch Wien, wo man im Jahr 1935 eine Festschrift zur Hundertjahrfeier des Wiener Stadtbauamtes herausgab, die ganz im Zeichen des - positiv konno- tierten - „technischen Zeitalters“ stand und sich ausführlich mit der Genese 45 Die Technische Stadt, siehe Anmerkung 1 2, S. 6. 46 Georg Seiring, Marta Fraenkel (Hg.): 10 Jahre Dresdner Ausstellungsarbeit. Jahresschauen deutscher Arbeit 1922-1929 und Internationale Hygiene-Ausstellung 1930/31. Dresden 1930/31, S. 13, 18, 20. 47 Vgl. Andreas Nierhaus: „Bauten, die eine bessere Welt abbilden“. Architekturausstellungen um 1930 zwischen Modell und Wirklichkeit, in: Ders., Eva Maria Orosz (Hg.): Werkbundsiedlung Wien 1932. Ein Manifest des Neuen Wohnens. Ausstellungskatalog des Wien Museums. Wien 2012, S. 28-35. 119 Peter Payer der diesbezüglichen Infrastruktur beschäftigte. Im Geleitwort stellte Stadtbaudirektor Franz Musil fest, dass deren Funktionieren vom Großstädter viel zu oft als selbstverständlich vorausgesetzt werde: „Täglich wandern Hundertausende Menschen zu Fuß von ihren Wohnstätten in die City oder benützen die Massenverkehrsmittel, ohne dabei auch nur mit einem Gedanken der Straße zu gedenken, die ihnen gesicherter Weg ist; und doch enthält der Erdkörper dieser Straßen die lebenswichtigen Nervenbündel des Großstadtkörpers, Kanal, Wasser - und Gasleitungen, Stark- und Schwachstromkabel, Preßluftleitungen und anderes. Alle diese Einbauten wollen geplant, geschaffen, sorgfältig überwacht, erhalten und weiterentwickelt sein. [...] Das Wiener Stadtbauamt hat im ersten Jahrhundert seines Bestandes rühmlich Anteil genommen - schaffend und regelnd - an der Auswirkung der Technik auf die Großstadt. In geradezu atemberaubendem Tempo haben sich diese Auswirkungen vollzogen. Das ganze Leben der Großstädter ist dadurch zwingend beeinflusst worden.“ 48 Gleichsam zur (unbekannten) Hauptperson erkoren wurde in dieser Betrachtungsweise der Techniker, der - dezent im Hintergrund und stets im Dienst der Allgemeinheit - seine Leistungen für sich sprechen ließ. 49 Das Bild des selbstlos agierenden Ingenieurs entstand, eines anonymen Helden, der abseits der Öffentlichkeit seinen essentiellen Beitrag für das reibungslose Funktionieren der Großstadt leistete. Ein Image, das in einschlägigen Fachpublikationen weiter vertieft wurde (und letztlich bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg hinein wirksam sein sollte). So wies auch das 1937 erschienene, populärwissenschaftliche Buch „Technik der Stadt“ auf die zentrale Rolle des Ingenieurs hin, der „im Erfolge seiner Tat den schönsten Lohn“ findet. Ganz im Geist der Dresdner Ausstellung erklärte Autor Eduard A. Pfeiffer den „lebendigen Kreislauf großer Siedlungen“ und die Notwendigkeit des Verstehens komplexer technischer Vorgänge. Als anschauliches Beispiel diente ihm dabei die seit einigen Jahren in den Straßen der Städte neu installierte Verkehrsampel: „Es gibt nichts Folgerichtigeres und Einfacheres als die Verkehrssteuerung mit der Drei-Farben-Ampel. Gleichwohl fühlt sich der Landbewohner (der Städter manchmal auch) ihrem Blinken gegenüber so hilflos und feindlich wie ein nächtens ins Scheinwerferlicht eines Kraftwagens geratener Hase, der verstört hin und her springt, bis er wohl gar unter die Räder kommt. Wem aber Ursache und Wirkung bekannt ist, Zweck und Ziel der Einrichtungen verständlich, Sinn und Bedeutung der Anlagen klar 48 Rudolf Tillmann (Hg.): Festschrift herausgegeben anlässlich der Hundertjahrfeier des Wiener Stadtbauamtes. Wien 1935, S. 13-14. 49 Ebd., S. 14. 120 Die Technische Stadt geworden sind, der wird durch eigenes Verhalten die Schwierigkeiten mindern, statt sie zu vermehren.“ 50 Die ungebremste Fortschrittsgläubigkeit der Moderne, vereint mit dem anhaltenden Impetus zur aufklärerischen Vermittlung von Technik, verfestigte die Überzeugung, dass mit Hilfe der Technik sämtliche Probleme der Großstadt zu bewältigen seien. Insbesondere die Elektrizität geriet, wie schon in Dresden, zum zentralen Element einer derartigen Stadtutopie, was sich dann auch in zahlreichen populären Massenmedien, von Film bis zur Literatur, niederschlug. 51 Dem entgegen standen kritische Bestandsaufnahmen zur Entwicklung von Stadt und Gesellschaft, formuliert vor allem von bürgerlich-konservativen Kreisen. So wies der deutsche Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich (1 886-1965), der von 1925 bis 1929 an der Technischen Hochschule in Dresden lehrte, auf die seiner Meinung nach grundlegende symbolische Bedeutung der zunehmend technisierten Stadt hin. In einem Vortrag, den er 1928 zur Eröffnung der Ausstellung hielt, attestierte er der Schau zwar eine umfassende Darstellung des Sachgehalts „technische Stadt“, was diese für die Seelenlage und das Lebensgefühl der Zeit bedeute, bleibe jedoch gänzlich ausgespart. Denn wenn es auch mit Hilfe der Technik gelungen sei, das Unheimliche, Fremde und Drohende des Daseins zu überwinden und zu beherrschen, werde doch durch die Komplexität moderner Technik selbst eine neue Unheimlichkeit hervorgerufen. Die ganze Erde entwickle sich, so Tillich, zur „technischen Stadt“, eine zunehmend erstarrte und naturfremde Welt, die kaum beherrschbar erscheine und in der sich auch die Sinnfrage neu stelle: „Der Boden, die Verbindung mit der lebendigen Erde, ist genommen. Der behauene oder künstliche Stein trennt uns von ihr. Das Eisenbetonhaus trennt uns mehr als Lehm, Holz und Backstein von den kosmischen Strömungen. Das Wasser ist in Röhren, das Feuer in Drähte gebannt. Die Tiere sind ausgeschlossen oder ihrer vitalen Kräfte beraubt. Bäume und Pflanzen sind eingeordnet in den technischen Zusammenhang, dem rationalen Zweck der .Erholung' zu dienen. Die Fremdheit bleibt trotz aller Aneignung, und sie steigert sich ins Unüberwindliche, alles Beherrschende in der Großstadt.“ 52 Eine ähnliche, auf die voranschreitende Rationalisierung und Normierung der 50 Eduard A. Pfeiffer: Technik der Stadt. Vom Schaffen der technischen Betriebe im lebendigen Kreislauf der großen Siedlungen. Stuttgart 1937, S. 1, 247. 51 Vgl. u. a. Otfrid von Hanstein: Elektropolis. Die Stadt der technischen Wunder. Stuttgart 1931; Frank Dittmann, Günther Luxbacher (Hg.): Geschichte der elektrischen Beleuchtung (= Geschichte der Elektrotechnik 26). Berlin 2017. 52 Paul Tillich: Die technische Stadt als Symbol, in: Ders.: Die religiöse Substanz der Kultur. Schriften zur Theologie der Kultur (= Gesammelte Werke Band IX.). Herausgegeben von Renate Albrecht. Stuttgart 1967, S. 307-311, hier S. 310. 121 Peter Payer modernen Welt abzielende Zivilisationskritik äußerte der eingangs erwähnte Psychiater und Schriftsteller Alfred Döblin, der die rasanten Veränderungen seiner Heimatstadt Berlin vor Augen hatte. Und auch sein weitgereister Kollege Stefan Zweig (1881-1942), ein genauer Kenner vieler Großstädte, beklagte bereits 1925 eine deutlich wahrnehmbare „Monotonisierung der Welt“: „Stärkster geistiger Eindruck von jeder Reise in den letzten Jahren, trotz aller einzelnen Beglückung: ein leises Grauen vor der Monotonisierung der Welt. Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. [...] Immer mehr scheinen die Länder gleichsam ineinandergeschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr die Städte einander äußerlich ähnlich.“ 53 Hintergrund dieser Analysen war die in Europa zunehmend heftiger geführte Amerikanisierungsdebatte. Die Angst vor dem Verlust der kulturellen Eigenständigkeit der europäischen Städte ging um, angefeuert von der „Präponderanz der Technik“ und den sich ausbreitenden „technischen Gleichförmigkeiten“. 54 Mit den sich in den 1930er-Jahren verschärfenden ideologischen Gegensätzen (und damit zusammenhängend auch jenen zwischen Stadt und Land) radikali- sierten sich schließlich die einschlägigen Zeitdiagnosen. Am Eindringlichsten formulierte dies der österreichische Kunsthistoriker Hans Sedlmayr (1896- 1984), der in seinen, erstmals 1939 publizierten Ausführungen explizit Bezug nahm auf die Dresdner Ausstellung - und hier insbesondere auf das Kugelhaus, das ja nach Beendigung der Jahresschau weiter in Verwendung geblieben war. Schon dass ein Kugelhaus überhaupt in dieser Ausstellung gezeigt wurde, war für Sedlmayr Ausdruck von übertriebener Sensationslust, von einem Hang nach allzu viel Inszenierung, Show und Reklame. Das Gebäude selbst erschien ihm „unsinnig“ und ein „schlechter Scherz“, wenngleich ein Symptom der Zeit, demonstriere es doch in seiner abstrakten Form den Verlust von Erdgebundenheit und verdeutliche so eine tiefgreifende kulturelle Krise: „Der Kugelbau enthüllt nicht nur die Lage der Baukunst, sondern er ist Signal eines noch allgemeineren Zustands der ,Bodenlosigkeit‘, der in den verschiedensten Gebieten des Lebens und des Schaffens zu beobachten ist.“ 55 Sedlmayrs Diktion von Miss- 53 Stefan Zweig: Die Monotonisierung der Welt, in: Neue Freie Presse, 31.1.1925, S. 1 -4, hier S. 1. 54 Ebd., S. 1,3. Vgl. dazu auch die Beiträge anderer Autorinnen in der „Neuen Freien Presse“ vom 1.1.1925, S. 1 -3; 24.1.1925, S. 11; 8.2.1925, S. 1 -3; 25.3.1925, S. 1 -4. Auf filmischer Ebene thematisierte später auch Charlie Chaplin in „Modern Times“ (Moderne Zeiten, 1936) die technikbedingte Normierung der Gesellschaft. 55 Hans Sedlmayr: Die Kugel als Gebäude, oder: Das Bodenlose, in: Hubert Schrade (Hg.): Das Werk des Künstlers. Kunstgeschichtliche Zweimonatschrift 1 (1939/40), S. 278-310, hier S. 310. 122 Die Technische Stadt bräuchen und pathologischen Neigungen, die sich in dem Bau widerspiegeln, reiht sich nahtlos ein in die herrschende NS-ldeologie. Seine antisemitische Haltung gipfelt schließlich darin, dass er in seiner ideengeschichtlichen Herleitung auf den sowjetischen Künstler El Lissitzky rekurriert mit der Beifügung „(ein Jude?)“. 56 Die Thesen vom „Verlust der Mitte“ d. h. des Menschlichen sollte Sedlmayr später in seinem gleichnamigen, überaus einflussreichen Buch zusammenfassen. 57 Was blieb: Künstlerische Visionen und pragmatische Grundsätze Peter Birkenholz war seiner Grundidee auch in den folgenden Jahrzehnten treu geblieben. Er entwarf zahlreiche weitere Kugelprojekte (u. a. auch eine „Kugelgarage“), letztlich sollte aber der Dresdner Bau sein einziges realisiertes Kugelhaus bleiben. 58 Im Gefolge der Wirtschaftskrise wurde es sogar als Modell nachgebaut und auf die Reise durch Europa geschickt mitsamt der Spendenaufforderung: „Dieses Kugelhaus wurde von 3 Arbeitslosen Brüdern in 976 Stunden erbaut. Jetzt ist es unser Erwerb.“ 59 Das Original bestand bis zum Jahr 1938, dann ließ die nationalsozialistische Stadtverwaltung das Kugelhaus abreißen. Zu sehr widersprach der wegen seiner runden Form als „undeutsch“ geltende Bau den Stilvorstellungen der neuen Machthaber, der Architekt selbst war wegen seiner jüdischen Abstammung in Misskredit geraten. 60 Auch der nahe gelegene Ausstellungspalast wurde im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört und in Folge nicht wieder aufgebaut. Heute befindet sich an der Stelle des damaligen Ausstellungsgeländes die „Gläserne Manufaktur“ der Volkswagen AG. Die Idee des Kugelhauses lebte andernorts weiter. Bereits im Dezember 1928 war in Cleveland, Ohio, das „Cunningham Sanitarium“, ein kugelförmiges, fensterloses Sanatoriumsgebäude eröffnet worden. In den 1950er-Jahren entstanden auch in Deutschland neue Kugelhäuser, entworfen diesmal von Johann 56 Ebd., S. 302. Zur antisemitischen Argumentation Sedlmayrs vgl. auch Falkenhausen, siehe Anmerkung 20, S. 116-118. 57 Hans Sedlmayr: Verlust der Mitte. Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit. Salzburg 1948. 58 Vgl. dazu auch den Nachlass von Birkenholz, der sich zu einem wesentlichen Teil im Deutschen Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg befindet. 59 Transportables Kugelhaus-Modell, Reklamekarte. Sammlung Peter Payer. 60 In den Zeitungen wurde die Meldung vom Abbruch des Kugelhauses teils mit Genugtuung kommentiert. So hieß es etwa im „Salzburger Volksblatt“: „Das Kugelhaus im Herzen des Dresdner Ausstellungsgeländes wird abgetragen und verschrotet (sic!). Sein Bau kostete seinerzeit eine halbe Million Reichsmark.“ (12.2.1938, S. 7) 123 Peter Payer 95 55 tee durch Li »aT^fcu, ! t&W !m*R- 3W3S fl k\n a ■ iöÄ t*«»s Affl dem Drtsdner Hugelhaua dl9 Raise durch Europa Abb. 8 Transportables Kugelhaus-Modell, Reklamekarte, um 1 930 Quelle: Sammlung Peter Payer Wilhelm Ludowici (1896-1983). Zahlreiche weitere, teils berühmt gewordene Kugelgebäude folgten, u. a. in Brüssel (Atomium) und Stockholm. 61 Und selbst in Dresden stellte man schließlich zur Jahrtausendwende die Ursprungsidee von Peter Birkenholz erneut ins Rampenlicht. Anlässlich des Baubeginns für ein neues Kugelhaus wurde eine Birkenholzkugel symbolisch durch die Altstadt ge- 61 https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_kugelf0rrniger_Bauwerke (6.6.2018). Vgl. dazu auch Werner Heil: Das Kugelhaus. Funktion, Gestaltung und städtebauliche Anordnung in schematischer Darstellung. Rhens 1988. 124 Die Technische Stadt :* : *SR3£«» ; 1 Abb. 10 „Republik Kugelmugel“ im Wiener Prater, Fotograf: Peter Gugerell, 2010 Quelle: https://de.wikipedia.Org/wiki/Kugelmugel#/media/File:Kugelmugel_03.jpg (6.6.2018) mugel“ aus und stellte gleichnamige Ortstafeln auf, eine Vorgangsweise, für die man ihn 1979 wegen Amtsanmaßung zu einer zehnwöchigen Gefängnisstrafe verurteilte. Im Juni 1982 verlegte Lipburger sein Kugelhaus in den Wiener Prater, wo er unweit des Riesenrades vom damaligen Bürgermeister Helmut Zilk die Genehmigung zur Aufstellung erhalten hatte. Auf einer eingezäunten Grundfläche von 100 Quadratmeter besteht hier seither die „Republik Kugelmugel“, als Kunstwerk und kulturpolitisches Statement, mit eigenem „Grenzübergang“ und der offiziellen Adresse „Antifaschismusplatz“. 63 Nach dem Tod des selbsternannten „Präsidenten von Kugelmugel“ erinnerte sein Sohn Nikolaus Lipburger nochmals an die Ursprungsintention des als „Dauerkuriosum“ bekannt gewordenen Baus: „Es war eine Utopie, die mein Vater hier verwirklichen wollte: eine bewohnbare Holzkugel als Zeichen von Autonomie, Antibürokratie, Freiheit.“ 64 Die Idee des Kugelhauses sollte letztlich in städtebaulicher Hinsicht Utopie bleiben und im Wesentlichen als architektonisch-künstlerisches Einzelprojekt weiterleben. Die technische Stadt indessen etablierte sich - mit angestoßen durch 63 https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelmugel (6.6.2018). Vgl. dazu auch http://www.kugelmugel.at/ (6.6.2018) 64 Falter. Stadtzeitung Wien, Wochenzeitschrift Nr. 9 (2016), S. 45. 126 Die Technische Stadt die Dresdner Großausstellung - auch weiterhin erfolgreich als urbanistisches Leitbild. Die Parameter dafür sind heute und wohl auch in Zukunft aktueller denn je. Denn dass gerade die technische Infrastruktur in besonderer Weise pfadabhängig ist, ist mittlerweile unter Stadtplanerinnen und -historikerlnnen common sense, basiert doch der Ausbau jüngerer Leitungsnetze zu einem wesentlichen Teil auf der technischen Grundausstattung der Moderne. Und nicht selten werden dabei, so die Kritiker, sozialräumliche Ungleichheiten der Vergangenheit für die Zukunft fortgeschrieben . 65 Der Boden als knappe und wertvollste Ressource einer Stadt wird mittlerweile zu einem entscheidenden Teil von Einrichtungen der Technik und des Verkehrs beansprucht. Als Gedächtnis der Stadt kommt ihm somit - real wie symbolisch - auch künftig eine zentrale Bedeutung zu, wie der Berliner Stadtbauhistoriker Johannes Cramer betont: „In allen Städten mit historischen Wurzeln liegen - oft viele Meter unter dem heutigen Gehniveau - unter dem Pflaster der gegenwärtigen Stadt die Relikte der Vorgängerstädte. Sie sind zugleich historisches Relikt, Nährboden der gegenwärtigen Stadt und Ressource für die Zukunft. Gerade in Zeiten der fortschreitenden Technisierung und Globalisierung sind diese Wurzeln für die Rückversicherung der Stadtgesellschaft in ihre eigene Vergangenheit und als identitätsstiftende Träger für einen zukunftsfähigen Städtebau unverzichtbar .“ 66 65 Vgl. Walter Matznetter: Die Zukunft historischer Infrastrukturen. Zur Bündelung staatlicher und privater Leitungsnetze, in: Payer, Gruber, siehe Anmerkung 1, S. 98-103. 66 Johannes Cramer: Architektur: Stadtplanung und Städtebau, in: Harald A. Mieg, Christoph Heyl (Hg.): Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart, Weimar 2013, S. 18-45, hier S. 43. 127 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen Azra Korjenic, Anna Vaskova Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen Gebäude und Umwelt Der gesamte Prozess des Bauens, von der Errichtung und Nutzung eines Gebäudes über Instandhaltung, Umbauten bis zum Abbruch, ist eng mit dem Verbrauch von Landfläche, Rohstoffen und Energie verbunden. Alle diese Komponenten sind in unterschiedlicher Form begrenzt verfügbar. Es gibt daher stets ein komplexes Wechselspiel zwischen unseren Gebäuden und unserer Umwelt. Dieses ökologisch, sozial und ökonomisch zu bewerten ist sehr komplex und schwierig. Aber nur mit einer Erfassung können wir Zusammenhänge erkennen, Wechselwirkungen verstehen und Verbesserungswege suchen. Dabei müssen alle Lebenszyklusphasen eines Bauwerkes berücksichtigt werden. Gemeint ist der Prozess von der Rohstoffgewinnung über den Transport, die Errichtung und Nutzung bis zum Rückbau. Gebäude, Mensch und Umwelt und die Erfassung der Wechselwirkungen Ähnlich wie Nachhaltigkeit selbst, basiert das nachhaltige zukunftsorientierte Bauen auf drei Ebenen. Hierbei handelt es sich um ökonomische, ökologische und soziale Aspekte, die in sich wieder viele Kriterien berücksichtigen. Die ökonomische Ebene bezieht sich auf sämtliche anfallende Kosten, wie z. B. für Anschaffung, Errichtung, Nutzung, Wartung und Instandhaltung. Die ökologische Ebene umfasst den schonenden Einsatz von Ressourcen und Energie. Die Umweltbelastung spielt auch eine wichtige Rolle. Zusätzlich bezieht sich diese Ebene auch auf die Flächeninanspruchnahme des Bauwerks. Die soziale Ebene berücksichtigt neben gestalterischen Faktoren auch den Gesundheitsschutz, der wiederum abhängig von thermischen, akustischen und visuellen Faktoren ist. t 129 Azra Korjenic, Anna Vaskova Die Berücksichtigung dieser drei Ebenen wird bei der Gestaltung der gesamten gebauten Umwelt (Gebäude und Umgebung) künftig vorausgesetzt, um gesund, nachhaltig und umweltfreundlich bauen zu können. 1 Mit verschiedenen ganzheitlich orientierten Bewertungssystemen (z. B. OI3 2 , ÖGNB 3 , ÖGNI 4 , LEED 5 usw.) gibt es nun eine Vielzahl mehr oder weniger gut gelungener Versuche diese Vielschichtigkeit strukturiert zu erfassen, um so das Bauen in Richtung eines minimierten ökologischen Fußabdrucks steuern zu können. Damit sind erste sehr wichtige Schritte zur gesamtheitlichen Betrachtung von Gebäuden getan worden, und sie werden auch permanent weiterentwickelt. Je nach Ursprungsland setzen die Bewertungssysteme andere Schwerpunkte bei der Auswahl und der Gewichtung der Qualitätskriterien. Realität ist aber auch, dass diese Bewertungssysteme in einem global geführten marktwirtschaftlichen Konkurrenzkampf zueinander stehen. Ein sehr umfangreiches Bewertungssystem, das sehr strenge Anforderungskriterien für seine Bestnoten hat, hat weniger Kundinnen und Nutzerinnen als eines, bei dem weniger Aufwand und Kosten für die Erreichung der Bestnote erforderlich sind. Daher ist eine gute Bewertung innerhalb eines Bewertungssystems noch keine Garantie für ein optimiertes Gebäude. Um aber überhaupt handhabbare Bewertungssysteme entwickeln zu können, mussten vorab sinnvolle Systemgrenzen definiert und gezogen werden. Daher gelten die Ergebnisse nur für die in diesen Grenzen erfassbaren Prozesse. In einer sich dynamisch verändernden Weltwirtschaft verändern sich jedoch Produktionsprozesse, Qualitäten, Standorte und Lieferketten permanent. Auch der 1 Siehe hierzu: Hygiene, Gesundheit und Umweltschutz. Österreichisches Institut für Bautechnik (= OIB-Richtlinie 3). Wien 2015, online unter: https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Landesnor- men/LBG40018833/LGBI_72-201 6_Richtlinie_3_sig.pdf (5.2.2018); Nachhaltigkeit von Bauwerken - Umweltproduktdeklarationen - Grundregeln für die Produktkategorie Bauprodukte (= ÖNORM EN 15804: 2014 04 15); Nachhaltigkeit von Bauwerken - Hintergrundinformationen zu möglichen, zusätzlichen Wirkungskategorien und Indikatoren für die Erfassung der umweltbezogenen Qualität von Gebäuden (= CEN/TR 17005:2016 10); Nachhaltiges Bauen - Leitfaden für die Anwendung von EN 15804 (= CEN/TR 16970:2016 07); Nachhaltigkeit von Bauwerken - Umweltproduktdeklarationen - Methoden für Auswahl und Verwendung von generischen Daten (= CEN/TR 15941:2010 05) 2 OI3 - Ökoindex OI3, online unter: https://www.ibo.at/materialoekologie/lebenszyklusanalysen/ oekoindex-oi3/ (5.2.2018) 3 ÖGNB - Österreichische Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, online unter: https://www.oegnb. net/ (5.2.2018) 4 ÖGNI - Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilien, online unter: http://www.ogni. at/de/verein/ (5.2.2018) 5 LEED - Leadership in Energy and Environmental Design, online unter: https://new.usgbc.org/leed (5.2.2018) 130 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen gleiche Rohstoff kann je nach Hersteller und Land mit unterschiedlicher Energieeffizienz und unterschiedlicher Energiequelle hergestellt werden. Aluminium aus Norwegen wird mit Wasserstrom, aus Saudi-Arabien mit Ölstrom und aus China großteils mit Kohlestrom hergestellt. Die Transporte der Baumaterialien zur Herstellung und deren Lieferung zur Baustelle sind sehr unterschiedlich. Der Bau selbst und die Verarbeitung der Bauteile auf der Baustelle können sehr unterschiedlich durchgeführt werden. Wie viel Energie für den Erdaushub aufgewendet werden muss, kann man schon in der Planung abschätzen. Wie und wie weit das Aushubmaterial aber dann fernverführt wird, hängt davon ab, welche Firma nach der Ausschreibung diesen Auftrag bekommt. Bauen ist das Zusammenfügen von zahlreichen Komponenten mit sehr vielen Prozessen durch sehr viele Akteure. Das alles vorab zu erfassen um gut planen zu können wird immer schwierig sein. Bewertungssysteme sind dabei aber eine wichtige Hilfestellung und sollten daher schon Teil der Projektentwicklung und Planungsinstrument sein. Sicher ist aber, dass nur eine gute interdisziplinär agierende Planung das Gebäude optimiert, mit allen Aspekten der Nachhaltigkeit. Gebäude und Umwelt in der Planung Gute Planung, Ausführung und Qualitätssicherung entscheiden nicht nur über die Baukosten, sondern gemeinsam mit dem/r Betreiberin, auch über die dominierenden Nutzungskosten, und diese Kosten sind sowohl im ökonomischen als auch im ökologischen umweltrelevanten Sinne zu sehen. Für gute nachhaltige Gebäude braucht es primär einen Bauherrn, der gute Planung anstrebt, beauftragt und auch bezahlt. Gute und nachhaltig orientierte Bauherren sehen bei der Entwicklung den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes und denken und handeln entsprechend langfristig. Das ist vor allem dann zu beobachten, wenn diese für sich selbst oder für die eigene Firma bauen. In der täglichen Realität sind diese aber am freien Markt eine kleine Minderheit. Die meisten Gebäude werden errichtet um so schnell wie möglich verkauft zu werden. Daher sind die Minimierung der Bau- und Planungskosten sowie die Maximierung der verkaufbaren Gebäudeflächen am gängigsten. Es gibt wenig Unterschiede zwischen Wohnbau und Büro- bzw. Gewerbebau. Nachhaltiges oder ökologisches Bauen wird erst dann interessant, wenn es für den Verkauf förderlich ist und die tatsächlichen oder vermeintlichen Mehrkosten durch einen höheren Marktwert gedeckt werden. 131 Azra Korjenic, Anna Vaskova Für eine auf Nachhaltigkeit orientierte Planung braucht es hohe Fachkompetenz, die idealerweise ein interdisziplinäres Planungsteam bietet, und relevante Informationen, die Kenntnisse über energieeffiziente Gebäudesysteme und Baumaterialien beinhalten. Gebäude, Umwelt und Energie Beim Verbrauch von fossiler Energie geht es nicht nur um deren Verfügbarkeit, da sie derzeit noch im großen Umfang vorhanden ist. Jeder Preisanstieg macht neue Lagerstätten ökonomisch zugänglich. Das Deponievolumen für die dabei entstehenden Abfallstoffe, wie etwa das C0 2 in unserer Atmosphäre, ist sehr begrenzt. Einen wirtschaftlichen Druck dieses globale Umweltproblem zu minimieren wird es schwer geben. Es sind daher Willensentscheidungen, getragen von Verantwortungsbewusstsein und Voraussicht, notwendig. Die energetisch relevanten Gebäudeeigenschaften werden bestimmt durch die Planung und Ausführung der Konstruktion und Hüllfläche, der Lüftungsstrategie und des Wärmeversorgungssystems. Mit den erfolgreichen Konzepten des energieeffizienten Bauens kann der Gesamtenergieverbrauch an Primärenergie sehr deutlich reduziert werden. Bei ge- samtheitlicher Betrachtung, und das betrifft nicht nur die Energiekostenersparnis, ist höchste Energieeffizienz auch wirtschaftlich nachhaltig. 6 Als Mindestanforderung gibt es einerseits einen, durchaus ambitionierten, nationalen Plan für die Energieeffizienz bei Neubauten. Das ökologische und ökonomische Optimum für die Ausführungsqualität liegt aber noch unter diesen Vorgabewerten. Es ist also wieder die Entscheidung des einzelnen Bauherren, ob er kurzfristig denkt oder langfristig optimiert baut. Viele technische Entwicklungen und wissenschaftliche Studien machen es den Bauherren immer leichter, verantwortungsvolle Entscheidungen treffen zu können. Gute Planung und der Niedrigstenergie- bzw. Passivhaus-Standard minimieren nicht nur die Energie für Heizung und Warmwasser, sondern auch den 6 e7 Energie Markt Analyse, Energieinstitut Vorarlberg: Analyse des kostenoptimalen Anforderungsniveaus für Wohnungsneubauten in Vorarlberg, online unter: https://www.energieinstitut. at/wp-content/uploads/2015/04/Endber_Studie_Kostenopti_29-1 1 -2013_kurz_format_Aus- schlusskl.pdf?x43267 (5.2.2018) 132 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen sommerlichen Kühlbedarf. Für komfortable Sommertemperaturen in den Innenräumen bestimmend sind wieder die Konstruktion und Hüllfläche, die Sommer-Lüftungsstrategie und das Verschattungssystem der Glasflächen. Je geringer der Heiz- und Kühlaufwand wird umso wichtiger werden alle anderen Energieverbraucher in einem Gebäude. Am Beispiel der sehr guten Monitoring-Ergebnisse des TU Wien Plus-Energiehochhauses 7 kann deutlich gezeigt werden, dass bei allen energieverbrauchenden Gebäudekomponenten anzusetzen ist. Es wird dabei auch gezeigt, dass für ein erfolgreiches Gebäudemanagement ein permanentes Monitoring notwendig ist. Mit diesen Informationen in Kombination mit neuen Softwareentwicklungen entstehen derzeit sich selbst optimierende Systeme. Im nächsten Schritt wird so nicht nur der Betrieb von Einzelgebäuden optimiert werden können, sondern jener ganzer Stadtteile. Jeder Neubau ist ein größerer oder kleiner zusätzlicher Energieverbraucher. Mit der Kombination des Niedrig- und Niedrigstenergiehaus-Standards mit dem Konzept des „Energiespeichers Beton“ können wir nun Gebäude realisieren, die für Heizung, Kühlung und Warmwasser nur minimal zusätzliche Energie verbrauchen. Die erneuerbaren Energien Wind- und Solarstrom haben immer wieder Produktionsspitzen, die bislang nicht im Stromnetz genutzt werden können. Dieses erfolgreich erprobte Konzept ist ökologisch und auch kosteneffizient. Der Windstrom-Erzeuger und Projektpartner WEB könnte so ca. 100.000 neue Wohneinheiten klimaneutral versorgen. 8 Damit bleibt bei der ökologischen Betrachtung des nun geringen Gesamtenergieverbrauchs (fast) nur mehr die Herstellungsenergie der Baustoffe übrig und wird entsprechend wichtig. 7 Thomas Bednar, Helmut Schöberl: Das Plus-Energie-Bürohochhaus der TU Wien - Gebäudeinnovationen in der Praxis (= Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (Hg.): energy innovation austria 5 (2016)), online unter: https://nachhaltigwirtschaften.at/resources/ nw_pdf/eia/eia_1 65_de.pdf (5.2.2018) 8 Felix Friembichler, Simon Handler, Klaus Krec u. a.: Energiespeicher Beton, Thermische Bauteilaktivierung, Planungsleitfaden Einfamilien- und Reihenhäuser (Projektbericht). Wien 2016, online unter: http://www.zement.at/downloads/downloads_201 6/PLANUNGSLeitfaden_2016_Energiespei- cher_Beton.pdf (5.2.2018) 133 Azra Korjenic, Anna Vaskova Gebäude, Umwelt und die Herstellung der Baustoffe Die Herstellung von Baumaterialien kann oft energieintensiv sein (komplexe Prozesse, hoher Energieaufwand für Brenn- und Trocknungsprozesse usw.) und kann dadurch negative Einflüsse auf die Umwelt (Staub, Abfälle, C0 2 usw.) haben. Als Hauptursache der globalen Erwärmung ist, neben anderen Treibhausgasen, der steigende C0 2 -Gehalt in der Atmosphäre anzusehen. Daher müssen die Nutzung von fossilen Energieträgern für die Herstellung von Baumaterialien, der Energieverbrauch im Laufe des Bau- bzw. Sanierungsprozesses sowie die Energieversorgung für die Gebäudenutzung und der Energieverbrauch beim Recycling auf ein Minimum reduziert werden. Erfreulicherweise gibt es auch Bauprodukte, die sogar bislang nicht nutzbare Abfallprodukte anderer Produktions- oder Recyclingprozesse nutzbar machen. Beispielsweise wird das Wärmedämmmaterial Glasschaumschotter aus den verunreinigten, im Glasflaschenrecycling nicht mehr nutzbaren Glasabfällen, produziert. Für die Erfassung der ökologischen Aspekte des Herstellungsprozesses von Produkten gibt es international vereinbarte Methoden der Erfassung und der Produktdeklaration. Dabei wird der gesamte In- und Output des Produktionsprozesses erfasst und ökologisch bewertet. Das hilft bei Auswahlentscheidungen und dem/r Herstellerln, seine/ihre eigenen Produktionsprozesse ökologisch zu optimieren. Eine derartige Produktdeklaration ist zwar einerseits hilfreich für das Marketing, verursacht aber andererseits Kosten, eine Offenlegung des gesamten Produktionsprozesses und betrifft technisches Know-how und Produktionsgeheimnisse ebenso wie die Bekanntgabe der Lieferanten von Vorprodukten. Es gibt aber auch Produkte, deren Herstellungsprozess, z. B. durch je nach Anfall wechselnd großer Anteile von Recyclingmaterial, permanent variiert. Daher wird diese Deklaration derzeit eher zögerlich vorgenommen. Optimal wäre die ausschließliche Verwendung von Materialien, die nach der Nutzung im Gebäude wiederverwertet werden können. Dieses Konzept „Cradle to Cradle“ (C2C - Von der Wiege bis zur Wiege) wird nun schon seit 2002 immer weiterentwickelt. 9 Auch dafür gibt es inzwischen ein eigenes Zertifizierungssystem nach den Kriterien: • Materialhygiene • Wiederverwendung von Materialien 9 http://www.desso.ch/c2c-corporate-responsibility/cradle-to-cradle/ (5.2.2018) 134 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen • Erneuerbare Energien und C0 2 -Management • Verantwortlicher Umgang mit Wasser • Soziale Fairness Wenn die einzelnen Materialien wieder leicht voneinander getrennt werden können ist eine Weiternutzung oder Recycling einfach. Schwieriger ist die Vorgangsweise bei Verbundwerkstoffen und zwar aus ökonomischen und nicht aus technischen Gründen. Wertvolle Metalle wurden schon immer durch Einschmelzen zu neuen Produkten, da dieses Verfahren weniger Energie benötigt als die Gewinnung neuer Metalle aus Erzen. Daher ist es auch ökologisch sinnvoll alten Stahlbeton zu schreddern und so Stahl und Beton wieder zu trennen, vor allem, wenn der gebrochene Beton wieder als Zuschlagstoff für neuen Beton verwendet werden kann. Auch für ein häufig genutztes und immer wieder kritisch betrachtetes Material, den Dämmstoff EPS/XPS, wurde in Holland ein geschlossenes Kreislaufsystem (EPS-Loop) gestartet. 10 Für alle Kunststoffe gäbe es technische Möglichkeiten zum Recycling, es ist aber selten auch ökonomisch durchführbar. An der Entwicklung neuer Herstellungstechnologien sowie neuer innovativer Baustoffe und Baukonstruktionen aus ökonomisch und ökologisch günstigen und gesundheitlich unbedenklichen Rohstoffen, die später auch recycelt oder problemlos deponiert werden können, arbeiten derzeit viele Wissenschaft- lerlnnen und Unternehmen. Im Herstellungsprozess sollen Abfälle reduziert werden oder eine andere Nutzung bekommen und auch die freigesetzte Energie soll weiter genutzt werden. Die so hergestellten Baumaterialien sollen dann im Gebäude ein gesundes und behagliches Raum- und Umgebungsklima ermöglichen, sie sollen aber auch dauerhaft und preisgünstig sein. Damit zielt das zukunftsorientierte Bauen und Sanieren auf eine konkrete Verbesserung der Lebensqualität der Gebäudenutzerinnen und Stadtbewohnerinnen ab. Beim nachhaltigen und zukunftsorientierten Bau sind folgende Faktoren zu berücksichtigen: • Minimierung des Energieverbrauchs • Minimierung des Rohstoffverbrauchs • Möglichst geringe Transportkosten/-wege der Baustoffe und Bauteile • Möglichkeiten der Um- und Nachnutzung • Risikolose Rückführung aller verwendeten Materialien 10 Siehe hierzu: The PolyStyreneLoop recycling project, online unter: https://polystyreneloop.org/ und https://www.ivv.fraunhofer.de/de/forschung/verfahrensentwicklung-polymer-recycling/recy- cling-eps-abfall.html (5.2.2018) 135 Azra Korjenic, Anna Vaskova • Schonung von Naturräumen (bei Gewinnung und Deponierung aber auch durch flächensparendes Bauen). Bestimmt durch den globalen Klimawandel, begrenzte Ressourcen sowie weltweit zunehmende soziale und ökonomische Konflikte kann nachhaltiges Bauen einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität leisten. Folgende fünf Grundsätze fassen das zusammen: 1. Ökologisch: Die Verwendung von Materialien ihren natürlichen Eigenschaften entsprechend, in Verbindung mit moderner Bautechnik, ist ökologisch nachhaltig und schafft einen ökonomischen Mehrwert. 2. Leistbar (ökonomisch): Die Aufgabe der Planerinnen ist es, die optimalen Lösungen zu finden, um ein vorgegebenes Anforderungsprofil finanzierbar zu machen. Nur wenn etwas leistbar ist, wird es auch nutzbar. 3. Innovativ: Die Rahmenbedingungen sind so anzupassen und zu erweitern, dass Gestaltungsfreiräume entstehen, in denen neue Lösungen realisiert werden können. 4. Integrativ: Nachhaltiges Bauen schafft Lebensräume, in denen kollegiale Integration stattfinden kann. Der Wille zur gemeinsamen Gestaltung eröffnet neue Chancen für eine aktive Gesellschaft. 5. Lohnend: Ohne Motivationsanreize sind nachhaltige, innovative Lösungen nicht in die Realität zu überführen. Nur wenn die Aussicht nutzbringend ist, ist man bereit, über gewohnte Strukturen hinauszugehen und Neues zu wagen. Zusätzliche Qualitäten können durch die Integration von Pflanzen in die Gebäude entstehen. Durch die Verwendung von ökologischen und nachwachsenden Materialien, durch Bepflanzung an der Wand- (innen und außen) und Dachkonstruktion, durch eine Kombination mit PV (Photovoltaik) etc. werden mehrere Funktionen ins Gebäude integriert: Dämmung, Klimatisierung, Lärmschutz (Akustikaspekte), Strom und Warmwassererzeugung, Wasserverteilung etc. Eine vermehrte Sauerstoffproduktion und ein gesteigerter Kohlendioxidverbrauch tragen außerdem maßgeblich zu einem gesunden Raum- und Mikroklima und zur Reduktion der Klimawirkung bei. Diese systemische Herangehensweise stellt die Wechselwirkung zwischen Bauwerk, Gesellschaft und Umwelt in den Vordergrund und optimiert das Verhältnis von Output zu Kosten sowie die entstehenden Indikatoren einer Ökobilanz aus dieser gesamtheitlichen Sicht. Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen besteht also aus multifunktionalen Systemlösungen, mit denen man Energie gewinnen, Heiz- und Kühlenergie sparen, Staub binden, Luftqualität erhöhen, Lärm, C0 2 und Hitzeinseln mindern kann, Überschwemmungen entgegengewirkt und zur Steigerung der Lebens- 136 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen Abb. 1 Der Öko-Prüfstand der TU Wien (außen / links und innen / rechts), © TU Wien MS qualität und des Wohnkomforts beiträgt. Im Rahmen eines Forschungsprojektes wurde an der TU Wien, im dritten Wiener Gemeindebezirk (Labor Aspanggründe, Adolf-Bla- mauer-Gasse 3), ein Testgebäude (Öko-Prüfstand) errichtet, das ausschließlich aus natürlichen Materialien besteht und die Grundlagen für verschiedenste Untersuchungen, Optimierungen und Entwicklungen von ökologischen Materialien und Baukonstruktionen bietet. Die Tragkonstruktion ist aus Holz, gedämmt und ausgefacht wird mit Strohballen, für den Aufbau der Wände wurden hauptsächlich Lehm und Kalk eingesetzt. Die Fassade wird teilweise mit Pflanzen begrünt, wie in Abbildung 1 und 2 zu sehen ist. Auch ein innovatives Photovoltaik-System wird getestet, das gemeinsam mit der Fassadenbegrünung eingesetzt wird: Ein Teil des Lichts wird von der Photovoltaikanlage zur Stromerzeugung genutzt, der Rest dringt hindurch und bestrahlt die Pflanzen dahinter. Die Analyse der Witterung ausgesetzten Holztragstruktur des Forschungsprüfstandes hat nach drei Jahren ergeben, dass Holzkonstruktionen in Verbindung mit ökologischen diffusionsoffenen Putzsystemen und Strohballenbauweise dauerhaft eingesetzt werden können. Alle durchgeführten Messungen der Holzfeuchte lagen unter 20 Masseprozent. Auch die hygrother- mische Simulation mit den verschiedenen Außenputzen Lehm (in verschiedenen Abb. 2 Öko-Prüfstand - Fassade mit Begrünung und PV Modulen, © TU Wien 137 Azra Korjenic, Anna Vaskova Mischungen, mit und ohne Naturfaser), Kalk, Nawaro, Diffupor etc. hat ergeben, dass die Holzfeuchte langfristig (bei den angenommenen Randbedingungen) nicht über 20 Masseprozent steigen wird. Städte der Zukunft - Gebaute Umgebung und Wirkung grüner Freiräume Wachsende und dichter bebaute Städte, viele Verkehrsflächen und Materialien, die die sommerliche Wärme speichern, bewirken eine Temperaturerhöhung in den Städten, die durch den Klimawandel zukünftig noch verstärkt werden wird. Durch den hohen Anteil versiegelter Oberflächen ist in Städten die Verdunstung reduziert während gleichzeitig die Sonneneinstrahlung auf Gebäude- und Straßenoberflächen gespeichert wird. 11 Dies führt zur Ausbildung von urbanen Hitzeinseln, d. h. die Temperaturen können zum Teil erheblich über denjenigen in Umlandbereichen liegen. Sommerliche Hitze kann zu Beeinträchtigungen der Lebensqualität und des Wohlbefindens der Bevölkerung führen, bis hin zu gesundheitlichen Folgen, insbesondere für vulnerable Gruppen wie alte oder kranke Menschen und Kinder. Das urbane System ist in Zukunft - aufgrund weiterer Zunahme der Durchschnittstemperaturen und durch erhöhtes Auftreten von Extremereignissen wie Hitze, Hochwasser und Dürre - darauf angewiesen, an Resilienz zu gewinnen, um die Lebensqualität der Bewohnerinnen zu sichern. 12 Das ideale Stadtklima ist definitionsgemäß ein zeitlich und räumlich variabler Zustand der Atmosphäre, bei dem sich tunlichst keine anthropogen erzeugten Schadstoffe in der Luft befinden und den Stadtbewohnerlnnnen eine möglichst große Vielfalt an atmosphärischen Zuständen und damit der urbanen Mikroklimata unter Vermeidung von Extremen geboten wird. 13 Das städtische (Mikroklima ist vor dem Hintergrund des Klimawandels als äußerst sensibel und störungsanfällig anzusehen. Durch die spezielle räumliche Situation mit vielen 11 Erich Mursch-Radlgruber, Heidelinde Trimmei, Thomas Gerersdorfer: Räumliche Differenzierung der mikroklimatischen Eigenschaften von Wiener Stadtstrukturen und Anpassungsmaßnahmen. Ergebnisse kleinklimatischer Messungen. Teil 2 der Studie „Räumlich und zeitlich hoch aufgelöste Temperaturszenarien für Wien und ausgewählte Analysen bezüglich Adaptationsstrategien“, 2009. Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22), EU-Strategie und Wirtschaftsentwicklung (MA 27), 91. 12 Karl W. Steininger, Martin König, Birgit Bednar-Friedl u. a.: Economic Evaluation of Climate Change Impacts: Development of a Cross-Sectoral Framework and Results for Austria, [o. O.] Schweiz 2015; Stadtentwicklung Wien, Magistratsabteilung 18 - Stadtentwicklung und Stadtplanung (Hg.): STEP 2025 Stadtentwicklungsplan Wien, Wien 2014, online unter: https://www. wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/pdf/b008379a.pdf (5.2.2018) 13 Klaus Ermer, Renate Hoff, Rita Mohrmann: Landschaftsplanung in der Stadt. Stuttgart 1996. 138 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen K'äi '-äijJ Abb. 3 Abendliches Thermalbild der Stadt Wien und des Umlands (links) und Hauptnetz prioritärer Grün- und Freiraumverbindungen mit gesamtstädtischer Bedeutung (unten) Quelle: Magistrat der Stadt Wien, Wiener Umweltschutzabteilung-MA22 (2015): Urban Heat Islands - Strategieplan Wien, Stadt der Zukunft: Dokumentation einer Gesprächsreihe der Stadtentwicklung Wien, Wien 2014, online unter: https://www. wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/ b008359.html (5.2.2018) iSrf'-Sr -Hk z versiegelten Flächen, einer hohen Baumassedichte und einer starken Wärmeproduktion durch konzentrierte anthropogene Nutzungen, ist es notwendig, ein besonderes Augenmerk auf Maßnahmen zu legen, die Hitzeinseln und anderen negativen Effekten entgegenwirken. Die Gegensätze zwischen dem städtischen Ballungsraum und den kühleren ländlichen Gebieten sind deutlich erkennbar. Wie in Abbildung 3 zu sehen ist, findet sich ein erheblicher mikroklimatischer Unterschied z. B. zwischen der Stadt Wien und ihrem Umland, wobei die hohen Temperaturen in der Inneren Stadt hervorstechen. 139 Azra Korjenic, Anna Vaskova Darüber hinaus ist bei der Grünraumvernetzung auch auf die Topographie der Gesamtstadt (Kaltluftströme, Hanglagen) sowie des Umlandes der Stadt (Wien) (Abb. 3 / unten) zu achten. Grün- und Freiräume können einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Adaptionsfähigkeit und Resilienz der städtischen Systeme leisten. Gestaltung und Nutzung von urbanen Gärten könnten das lokale Mikroklima positiv beeinflussen. Um die Wirkung diverser Maßnahmen zu erforschen, laufen derzeit weltweit einige Forschungsprojekte. Im Rahmen eines Forschungsprojektes am Institut für ■ y . Abb. 4 Datalogger im begrünten Karlsgarten (oben) und Datalogger im bebauten Gebiet am Karlsplatz (unten), © TU Wien 140 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen HW 2: Night, 22h-6h averaged HW 2: Night, 22h*6h averaged Abb. 5 Durchschnittlicher Temperaturunterschied (links) und relative Luftfeuchte (rechts) zwischen Karlsgarten (Grünfläche - blaue Linie) und Karlsplatz (Betoniert - rote Linie) in einer Nacht während einer Hitzeperiode, © TU Wien Hochbau und Technologie der TU Wien wurden verschiedene Untersuchungen und Analysen zur Verbesserung des Mikroklimas durch das Anlegen von Grünflächen im urbanen, bebauten Gebiet durchgeführt. Ein Beispiel dafür stellt das Forschungsprojekt des Karlsgartens dar. Ziel des Projektes war eine mikroklimatische Analyse der Ist-Situation im begrünten Karlsgarten, wofür eine Erhebung verschiedener Daten der Umgebung notwendig war. Neben den Messungen im Karlsgarten (Abb. 4 / oben) erfolgten zur selben Zeit auch Datenerhebungen am unweit entfernten Karlsplatz (Abb. 4 / unten), um Vergleichswerte zwischen „Grünfläche“ (Karlsgarten) und „bebautem Gebiet“ (Karlsplatz) zu erhalten und die Auswirkungen der Grünfläche quantitativ bewerten zu können. Die Messungen wurden im Sommer 2015 durchgeführt. Abbildung 5 stellt den durchschnittlichen Temperaturunterschied (links) und die relative Luftfeuchte (rechts) zwischen Karlsgarten (grün) und Karlsplatz (betoniert) in einer Nacht während einer Hitzeperiode dar. Vor allem die Bereiche „Früh“, „Abend“ und „Nacht“ weisen größere Temperaturunterschiede zwischen den Messstellen auf. Die Analyse der Daten zeigte einen positiven Effekt des Karlsgartens. Anzumerken wäre noch, dass es sich hierbei um tatsächlich gemessene Temperaturangaben handelt, die vom Menschen empfundene Temperatur ist bei einer grünen Umgebung noch deutlich niedriger. In dicht bebauten Stadtgebieten ist die nächtliche Abkühlung aufgrund der Speicherkapazität der Baukörper und des hohen Versiegelungsgrades deutlich geringer. Auch die thermischen Komfortbedingungen innerhalb der Gebäude werden dadurch beeinflusst. Im Rahmen des Forschungsprojektes „Greening Aspang“ hat die Forschungsgruppe um Azra Korjenic an der TU Wien im Sommer 2016 und 2017 diverse mikroklimatische Daten in und um die Gebäude der 141 Azra Korjenic, Anna Vaskova Abb. 6 Farbbild und IR-Bild Fassade 1 (links) und Farbbild und IR-Bild Fassade 2 (rechts), © TU Wien iiiiüiiiü i*2f j# [■! ■ j**,, ■ ■■■ »i a i» «T** Ii >• if ff M • m m It ta s » i* v. '* 5? 5! *' "IW * • * * • T üii ■ ' i eacnji IOC HS» Abb. 7 Farbbild und IR-Bild einer Passivhausfassade mit Vorgesetzten Stahlbetonkonstruktionen, © TU Wien Oi< ,j| üii '’****,/ Aspangstraße, im dritten Wiener Gemeindebezirk, erhoben um das thermische Verhalten der Bauten, speziell in Bezug auf „Urban Heat Islands“ (UHI) zu evaluieren und daraus Verbesserungsmaßnahmen abzuleiten. In Abbildung 6 sind beispielhaft Infrarotbilder von zwei typischen Gebäuden (links: acht Zentimeter gedämmt und rechts: Massivaltbauweise ungedämmt) dargestellt. Wie in den Infrarotbildern ersichtlich, haben massive Bauteile im Straßenraum (rot im unteren Bereich des Hauses links - Beton Straßensperren), Fassadenfarbe (Haus rechts) sowie die Loggienbereiche (keine Windzirkulation, keine Sicht zum Himmel) einen essentiellen Einfluss auf das Mikroklima von Straßenzügen bzw. in weiterer Folge auf das Klima im Gebäude selbst. Die am Tag gespeicherte Wärme wird während der Nacht an die Umgebung abgegeben. Einen wesentlichen Faktor stellen die Sichtbarkeit des Nachthimmels und die Wärmeabstrahlung ins Weltall dar. Die Bereiche, bei denen dieser Umstand nicht gewährleistet ist, wie bei den ungedämmten Loggiendecken und -wänden (Abb. 6 / links) sowie den Straßenflächen unter den abgestellten Fahrzeugen (Abb. 6 / rechts), kühlen nicht ab und werden zu „Wärmefallen“. 142 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen Mittelwerte der Temperaturen an den Fassaden Messungen 25.07. bis 31.8.2016 um 16 Uhr an sonnigen und bewölkten Tage I I I 4 * 4 7 • t I# II tl I» 14 I» I» MtoMMMPWnfct« term« 3M «U «U 4X1 »7 4M 4M « 4V« HU 1X7 44.1 9 m* t *s iV )M >W W IM 9M »4 Itl »4 W4 4M 4M 1 2 I « ft« 7 t ft 10 1t 17 t» M SS tt Abb. 8 Fassadenoberflächentemperatur von 1 6 unterschiedlichen Fassadenbereichen zur gleichen Zeit, © TU Wien Auch die massiven Stahlbetonkonstruktionen um die Baikone bzw. Loggien (Abb. 7) herum wirken wie große Wärmespeicher. Die Sommer-Nachttemperaturen reichen meistens nicht aus, damit diese Konstruktion auskühlt. Somit strahlt diese schon am frühen Morgen merkbar Wärme ab. Die Farbgebung der Bauteile spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Je dunkler die Fassade ist, desto mehr Strahlungswärme wird absorbiert. Dieses Phänomen wird zusätzlich von den dunklen Gehsteigen und Straßenbelägen verstärkt. Dunkle, gedämmte Fassaden werden schnell heiß. Die von ihnen ausgehende Strahlungswärme im Sockelbereich ist für Fußgänger stark spürbar. Sie kühlen über Nacht jedoch schnell wieder ab und leiten fast keine Wärme ins Innere. Ungedämmte Fassaden erwärmen sich nicht so schnell (dunkle schneller als helle), da die Wärme ins Bauteilinnere transportiert wird, speichern die Wärme und geben sie langsamer ab als gedämmte. Helle, gedämmte Fassaden erhitzen sich nicht so stark und geben die Wärme über Nacht wieder vollständig ab. Abbildung 8 zeigt, wie groß die Unterschiede der Fassaden-Oberflächen- temperatur bei unterschiedlich gefärbten Fassaden sind, besonders an einem sonnigen Tag. Es werden 16 verschiedene Fassadenbereiche unterschiedlicher Farben und Aufbauten dargestellt. Grundsätzlich müssen sämtliche Fragen der Ausrichtung von Gebäuden sowie der städtebaulichen Struktur für konkrete Situationen betrachtet und berechnet werden, da lokale Faktoren wie Windrichtungen, Hanglagen und Topographie zu berücksichtigen sind. Bei unvermeidbarer Sonnenexposition ist es wichtig, 143 Azra Korjenic, Anna Vaskova »f 5 ) Mm v- .. Abb. 9 Verfahrensmodell zur Optimierung der mikroklima-wirksamen Umgestaltung und Begrünung des Straßenraumes (Aspangstraße) samt angrenzender Bebauung (links) und vor-Ort Projektvorstellung mit den lokalen Nutzerinnenorganisationen, Bezirksverwaltung und mit Bewohnerinnen (rechts), © TU Wien Maßnahmen zur Sicherstellung des sommerlichen Wärmeschutzes zu setzen, vor allem bei der Verschattung von Glasflächen. Wesentlich ist auch, eine Begrünung der Umgebung vorzusehen, um den versiegelten Freiraum mikroklimatisch und ästhetisch zu verbessern und aufzuwerten. Die Temperatursenkung durch Grünflächen (wie Parkanlagen, Grüninseln etc.) direkt vor den Fassaden wurde im Projekt „Greening Aspang“ nachgewiesen. Die Verdunstung von Regenwasser senkt ebenfalls die Temperatur, da Wasser sehr viel Energie speichern kann, die beim Übergang in den gasförmigen Zustand in Form von Verdunstungskälte frei wird. Die Südwest-Seite eines Gebäudes ist am stärksten der Sonnenwärme exponiert. Hier bedeuten Baumpflanzungen besonders effiziente Schattenspender, und auch die Straße und der Freiraum profitieren von der Beschattung und Transpiration der Pflanzen. Erhöhung des Grünanteils durch begrünte Baukonstruktionen Die vielen positiven Eigenschaften von Begrünungen sind bekannt: Pflanzen produzieren Sauerstoff, binden Feinstaub bis hin zu Schadstoffen, kühlen das Mikroklima ihrer Umgebung an heißen Tagen durch Beschattung und regulie- 144 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen ren die Luftfeuchtigkeit. 14 In begrünter Umgebung wird die Akustik verbessert, da die Nachhallzeit durch die Bepflanzung von Bauteilen reduziert wird. Das bezieht sich sowohl auf Innen- als auch auf Außenraumbegrünung. Die Auswirkungen von Begrünungen auf das Gebäude selbst sind, nach derzeitigem Stand der Technik, auch positiv: Die Lebensdauer begrünter Gebäudeteile wird erhöht, da die Konstruktion vor Witterung (direkte Sonneneinstrahlung, Wind, Schlagregen etc.) weitgehend geschützt und die teils extremen Tagesgänge von Materialtemperaturen stark verringert werden. Da die (ungedämmte) Außenhaut des Gebäudes an Hitzetagen weniger stark aufgeheizt wird, werden auch die Innenräume weniger heiß. Dieser Effekt kann durch Innenraumbegrünung noch unterstützt werden. Innenraumbegrünung reguliert die Luftfeuchtigkeit, reduziert die C0 2 -Konzentration und Lärm, bindet Staub und steigert das Wohlbefinden im Raum. Bepflanzte Baukonstruktionen an Schulen Die Integration der Nutzerinnen, vor allem von Kindern und Jugendlichen, in die Forschung und Entwicklung zukunftsorientierter Bautechnologien spielt eine ganz wichtige Rolle. Aus diesem Grund bieten sich Schulen für Forschungsprojekte optimal an. Kinder und Jugendliche verbringen den Großteil des Tages in Schulen. Auf größere Pflanzen- oder Rasenflächen und vor allem auf schattenspendende Bäume wird in Zeiten knapper Ressourcen mit Bedacht auf nachfolgende Grünpflegemaßnahmen eher verzichtet. Qualitätsvolle Lernräume und das Wohlfühlen in schulischen Innen- und Außenräumen sind aber die Grundlage für gutes Lernen. Ein erfolgreiches Beispiel dafür ist das von Azra Korjenic geleitete Projekt „GrünPlusSchule“, das am Gymnasium und Realgymnasium 7 (GRG 7, Kandlgasse 39, 1070 Wien) durchgeführt wird. Unter Einbindung von Schülerinnen und Lehrerinnen wurden unterschiedliche Innen- und Außen-Gebäudebegrünungssysteme, kombiniert mit verschiedenen PV-Modulen, montiert und ihre Einflüsse auf das hygrothermische Verhalten der Gebäude, Energiesparpotential, Raumluftqualität, Luftfeuchtigkeit, Beschattung, Lärmminderung, 14 Lukas Kastanek: Analyse zur Verbesserung des Klimas durch das Anlegen von Grünflächen im urbanen, bebauten Gebiet. Unveröff. Bachelor-Thesis, Institute for Building Construction and Technology, Research Centre of Building Physics and Sound Protection, TU Wien. Wien 2016; Azra Korjenic, Michael Mitterböck: Auswirkungen der Gebäudebegrünung auf das hygrothermische Verhalten der Gebäude und deren Umgebung, in: Technische Universität Dresden, John Grünewald (Hg.): CESP Central European Symposium on Building Physics / Bau Sim 2016, Stuttgart 201 6, S. 697-703. 145 Azra Korjenic, Anna Vaskova io. Abb. 10 Innenhof der GRG 7 Schule mit Außengebäudebegrü nungssystemen, © TU Wien Wasserrückhaltung sowie den Wärmeinseleffekt untersucht und wissenschaftlich erläutert. Abbildung 10 zeigt die Fassadenbegrünung im Innenhofbereich der Schulgebäude des GRG 7 in Altbauweise. Die Kombination von Photovoltaik und Gebäudebegrünung stellt eine Symbiose von zwei Technologien dar, die sich eine Gebäudefläche teilen. Abbildung 11 zeigt die in der Schule verwendete Kombination von Begrünungssystemen mit PV-Modulen. Die Photovoltaik wird an heißen sonnigen Sommertagen von der Verdunstung der Pflanzen gekühlt, was ihren Wirkungsgrad erhöhen sollte. Die Pflanzen werden durch die Photovoltaik geschützt und können gut gedeihen. Ein wichtiger Bestandteil des Forschungsprojekts ist die unmittelbare Einbeziehung der Schülerinnen von der Planungsphase über die Ausführung bis hin zur Auswertung der gewonnenen Daten. Zudem profitieren die Kinder von einer besseren Raumluft und einer geringeren Lärmentwicklung im Klassenzimmer. Das GRG 7 mit Schwerpunkt in den Bereichen Ökologie, Biologie und Informatik ist durch die direkte Integration der Kinder und Jugendlichen in die For- 146 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen Abb. 11 Die Kombination von Begrünungssystemen mit PV Modulen, die an dem Schulgebäude intergiert ist (GRG 7, Kandelgasse 39, Wien), © TU Wien schung ein hervorragender Projektstandort. Soziologische Studien 15 haben gezeigt, dass gerade in diesem Alter das Empfinden für solche Themen entwickelt wird und die Sichtweisen der nächsten Generation mit einbezogen werden 15 Bildungsinstitutionen und nachhaltiger Konsum, online unter: http://einfachganzanders.de/fileadmin/_migrated/content_uploads/Handout _Jugend_und_Kon- sum.pdf (5.2.2018); Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Menschen. Junge Leute wollen das gute Leben und die ganze Nachhaltigkeit: sozial - ökologisch - global fair! (= Fact- sheet Umweltbundesamt Deutschland, Jänner 2016), online unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/umweltbe- wusstsein_und_umweltverhaltenjunger_menschen.pdf (5.2.2018); Sie Liong Thio, Edgar Göll, im Auftrag des Umweltbundesamtes Deutschlands: Einblick in die Jugendkultur: Das Thema Nachhaltigkeit bei der jungen Generation anschlussfähig machen, Dessau-Roßlau 2011, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/461/publikationen/4078.pdf (5.2.2018) 147 Azra Korjenic, Anna Vaskova Abb. 12 Begrünte Wand als Teil des Klassenraumes (oben) und die Grünwandbepflanzung mit Schülerinnen (rechts), © TU Wien müssen. Durch die direkte Konfrontation der Schülerinnen mit den eingesetzten Methoden und Materialien wird eine Bewusstseinsbildung sowie eine Sensibilisierung für die Wichtigkeit der Nachhaltigkeit, des Umweltschutzes, der Energieeffizienz, den Einsatz von erneuerbaren Energiequellen und ihren Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen im städtischen Bereich geschaffen. Die Kinder und Jugendlichen von heute werden die Entscheidungsträgerinnen von morgen sein. Im Rahmen eines Folgeprojektes der TU Wien mit dem Titel: „GRÜNEzukunft- SCHULEN “ 16 werden zusammen mit Projektpartnern Ansätze zur Gebäudebegrünung, sowohl theoretisch als auch prototypisch, an zwei neu gebauten Schulstandorten sowie einem Schulstandort in der Planungs- und Bauphase erarbeitet. Es werden verschiedenste bauphysikalische und mikroklimatische Untersuchungen durchgeführt und mit den Ergebnissen des Projektes Grün- PlusSchule verglichen (Altbau). Besonderes Interesse gilt dabei der Wirkung von Begrünungen in mechanisch belüfteten Räumen im Neubau im Vergleich zu nicht belüfteten Räumen im Alt- und Neubau. Die Untersuchung und Ana- 16 http://www.grueneschulen.at (5.2.2018) 148 Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen lyse der sozialen Aspekte (z. B. Wohlbefinden der Schülerinnen und Lehrkräfte, Akzeptanz, Interaktionssituationen usw.), der Integration der Begrünungen und der Grünpflege als Teil einer nachhaltigen Schulkultur sowie des Einflusses von Begrünungen im Klassenzimmer auf die Lehrpersonen und die Schülerinnen erfolgt ganz im Sinne einer nachhaltigen Schulentwicklung und eines Beitrags zum Unterrichtsprinzip „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Zusammenfassung Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen bedeutet interdisziplinäre Planung und Umsetzung eines Bauwerkes, mit dem Grundgedanken der Nachhaltigkeit und einer Berücksichtigung der Wechselwirkung zwischen Bauwerk, Gesellschaft und Umwelt. Der behutsame Umgang mit Baumaterialien und Energie stellt eine immer wichtiger werdende Triebkraft im Bauwesen dar. Die nachhaltige Stadt- und Gebäudeentwicklung muss daher berücksichtigen, dass unsere Ressourcen nicht endlos und freie Flächen in unseren Städten nicht beliebig vermehrbar sind. Die Nutzung erneuerbarer Energien, die Verwendung regenerativer Materialien, Niedrigst- und Plusenergie-Gebäudestandards und flächensparendes Bauen sind die integralen Planungsgrundlagen, um ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltig zu bauen. 17 Die EU-Politik hat sich z. B. das wichtige Ziel gesetzt, bis 2050 einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen. 18 Daher soll die gesamte Städte-Entwicklung in Zukunft, sowohl beim Neubau als auch bei den Sanierungen, nachhaltig gestaltet werden um die Klimaschutzziele zu erreichen. Zukunftsorientiertes und innovatives Bauen besteht also aus multifunktionalen Systemlösungen, mit denen man Energie gewinnen, Heiz- und Kühlenergie sparen, Staub binden, Luftqualität erhöhen, Lärm, CO s und Hitzeinseln mindern kann. In den Städten leisten bei sommerlicher Hitze kühlende „Grünoasen“ einen wertvollen, energieressourcen-schonenden Beitrag für den Komfort und die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Nutzerinnen. 17 https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Nachhaltigkeit (5.2.2018) 18 https://ec.europa.eu/clima/policies/strategies/2050_de (5.2.2018); https://ec.europa.eu/clima/ citizens/eu_de (5.2.2018); Martin Putschögl: „Klimaexperte“: Gesamten Gebäudebestand bis 2050 sanieren, online unter: https://derstandard.at/2000027759080/Bis-2050-gesamten-Ge- baeudebestand-sanieren (5.2.2018) 149 Vergangenheit als Zukunft Johannes Sima Vergangenheit als Zukunft: Aspekte der Zukunft im Denkmalschutz. Grundlagen und Maßnahmen für den Erhalt von Baudenkmalen „Zukunft braucht Herkunft“: Entsprechend dem Diktum des deutschen Philosophen Odo Marquard ist der Erhalt des kulturellen Erbes ein wichtiger Geschichtsträger und der Umgang damit ein Gradmesser einer Gesellschaft. Mit dem kulturellen Auftrag, das Alte zu erhalten und für die Zukunft weiterzugeben, kommt dem Denkmalschutz und der sich daraus ableitenden Denkmalpflege eine zentrale Bedeutung zu. Nach der Revolution von 1 848 kam es im Zuge der Neuordnung des Kaiserreichs Österreich zur Einführung einer staatlichen Denkmalpflege. Mit Allerhöchster Entschließung wurde 1850 durch Kaiser Franz Josef die „k.k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale“ institutionalisiert. Die Aufgabe der Kommission war es „einen Überblick über den Denkmalbestand herzustellen, eine Klassifizierung der Denkmale vorzunehmen, Gutachten zur Errichtung von Neubauten, die Denkmale gefährden, und zur Restaurierung von Denkmalen zu erstellen sowie die Bevölkerung zu belehren.“ 1 1911 erfolgte unter Vorsitz des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand die Umbenennung in eine „K.k. Zentralkommission für Denkmalpflege“. Die bis dahin ehrenamtlich tätigen Mitglieder wurden durch hauptberuflich beschäftigte Beamte ersetzt. Den Unterbau für eine wissenschaftliche Definition des Denkmalbegriffs und für die bis heute international gültige Beschreibung der Denkmalwerte lieferte der aus Linz stammende Kunsthistoriker, Universitätsprofessor und Generalkonservator Alois Riegl (1858-1905). Für seinen modernen Denkmalbegriff bildeten der Alters- und der historische Wert den Erinnerungswert eines Denkmals, der Gebrauchs- und der relative Kunstwert ergaben den Gegenwartswert. 2 Riegl wandte sich gegen das im 19. Jahrhundert verbreitet durchgeführte Weiter- und Fertigbauen gotischer Kathedralen, wie in Köln, oder die Purifizierung früherer Stilepochen. So ließ zum Beispiel Adalbert Stifter in seiner Funktion als Konser- 1 Christoph Bazil, Reinhard Binder-Kriglstein, Nikolaus Kraft: Das österreichische Denkmalschutzgesetz. Denkmalschutzgesetz und Kulturgüterrecht, Durchführungsvorschriften, Unionsrecht. Kurzkommentar. Wien 2015, S. 1. 2 Alois Riegl: Der moderne Denkmalkultus. Sein Wesen und seine Entstehung. Wien, Leipzig 1903. 151 Johannes Sima vator des Herzogtums ob der Enns, des heutigen Oberösterreichs, von 1852 bis 1855 den gotischen Flügelaltar der Kirche von Kefermarkt im Mühlviertel restaurieren. Da aus Sicht der Zeit der Romantik die Gotik „rein“ war, wurde die polychrome Fassung des Altars abgenommen. Die Bildhauer Johann und sein Vater Josef Rint ergänzten und veränderten den Altaraufbau. 3 50 Jahre später stellte sich Riegl erfolgreich gegen das beabsichtigte Herauslösen der römischen Bausubstanz des Diokletianspalastes in Split/Spalato, was eine Zerstörung und Auslöschung des gewachsenen Zustands der später hinzugekommenen Zeitschichten bedeutet hätte. 1903 beschrieb er bereits detailliert Grundlagen zur Denkmalpflege und des Denkmalschutzes. Auf den Grundlagen Riegls aufbauend, entwickelte der Kunsthistoriker Max Dvorak (1874-1921) in einem „Katechismus der Denkmalpflege“ 4 an konkreten Beispielen bereits erste Grundsätze und Richtlinien der praktischen Denkmalpflege. Sowohl Riegl als auch Dvorak machten eine zielführende Umsetzung der Denkmaltheorien von einer im öffentlichen Interesse gelegenen Erhaltung der Denkmale abhängig. Obwohl der Thronfolger Franz Ferdinand, der die Kommission 1910 übernommen hatte, eine Umwandlung in ein Staatsdenkmalamt durchführte, gelang es nicht, ein entsprechendes Gesetz im Reichsrat durchzubringen. Grund dafür waren die großen Vorbehalte von den Abgeordneten der Kirche und des Adels, die zu starke behördliche Eingriffe in ihr Eigentum befürchteten. Der Zentralkommission kam deshalb trotz des Status einer staatlichen Behörde noch keine Zwangsgewalt zu, die damals geschaffene Organisation entspricht jedoch in ihrem Aufbau noch heute dem des Bundesdenkmalamts. Das Denkmal bekommt eine Zukunft Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Donaumonarchie fand die Denkmalschutzmaterie Einzug in die legistische Neuordnung des österreichischen Bundesstaats und auch in jene der Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie. Bereits im Dezember 1918, nicht einmal einen Monat nach Ausrufung der Republik, trat das Ausfuhrverbotsgesetz für Kunstgegenstände in Kraft. Es sollte den Ausverkauf der wertvollen Artefakte verhindern. Zudem beanspruchten die Nachfolgestaaten der Monarchie ihren Teil am kaiserlichen Vermögen. Dieses wurde, wie zum Beispiel die Bestände des Kunsthistorischen 3 Otto Jungmair: Adalbert Stifter als Denkmalpfleger, in: Alois Großschopf (Hg.): Schriftenreihe des Adalbert Stifter-Institutes des Landes Oberösterreich, Folge 28, Linz 1973. 4 Max Dvorak: Katechismus der Denkmalpflege. Wien 1918. 152 Vergangenheit als Zukunft Museums, in das Eigentum der Republik übergeführt. Zudem wurde 1920 ein neues Statut erlassen, das dem Staatsdenkmalamt die Kompetenzen der bisherigen Zentralkommission einräumte. 1923 trat das im Wesentlichen noch heute geltende „Bundesgesetz betreffend den Schutz von Denkmalen wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen oder sonstigen kulturellen Bedeutung (Denk- malschutzgesetz-DMSG)“ in Kraft. 5 Durch dieses Gesetz wandelte sich die nur beratende Vorgängerorganisation zu einer Behörde, welche die Umsetzung des Gesetzes zu vollziehen hatte. Damit war es erstmals möglich geworden Maßnahmen umzusetzen, die, gesetzlich geregelt, den Erhalt von als Denkmal ausgewiesenen Objekten sicherstellen konnten. Erst damit erhielt das Denkmal seine Bestandsgarantie. Durch eine Einflussnahme einer Fachbehörde auf Wartung, Bestand und Schutz vor Zerstörung war es möglich geworden, dem Denkmal eine Zukunft geben zu können. Die Weitergabe des kulturellen Erbes in die nächste Generation ist seither gewährleistet. Erste Einschränkungen im gesetzlichen Auftrag erfolgten in der Zeit des Ständestaats. Die Ständestaatliche Verfassung von 1934 ersetzte das Bundesdenkmalamt (seit 1923) durch die „Zentralstelle für Denkmalschutz im Bundesministerium für Unterricht“. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs 1938 blieben zwar das Denkmalschutzgesetz und das Ausfuhrverbotsgesetz weiter in Geltung, der Vollzug erfolgte jedoch ab 1940 durch die Reichsstatthalter. Das „Institut für Denkmalpflege“ wurde als Fachanstalt dem Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unterstellt und war damit in seiner Funktion wieder eine, wie zur Zeit der Zentralkommission, rein beratende Organisation ohne wesentliche Kompetenzen. Die Landeskonservatoren wurden zu Gaukonservatoren. 6 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bundesdenkmalamt neu gegründet. 1945 wurde mit dem Behörden-Überleitungsgesetz (Staatsgesetzblatt 1945/94) die Behörde wiederhergestellt, die Weitergeltung des Denkmalschutzgesetzes und des Ausfuhrverbotsgesetzes wurde im Rechtsüberleitungsgesetz 1945 (StGBl 1945/67) verankert. 7 Durch die massiven Bombardements und Bodenkämpfe des Krieges waren zahlreiche unwiederbringliche Totalzerstörungen im Denkmalbestand zu verzeichnen. Die größte Herausforderung der Denkmalpfleger zu dieser Zeit lag in der Rettung der oft nur teilweise beschädigten Baudenkmale. Sie mussten vor dem oft großflächigen Schleifen bewahrt werden, das beim Schaffen neuer Bauflächen für den Wiederaufbau drohte. 5 Bazil, Binder-Kriglstein, Kraft, siehe Anmerkung 1, S. 2. 6 Ebd, S. 3. 7 Ebd. 153 Johannes Sima Denkmale erhalten heißt, ihnen Zukunft zu geben Die Paragraphen Eins und Fünf des Denkmalschutzgesetzes umreißen die Grundlagen und Handlungsvorgaben zur praktischen Denkmalpflege. Ihr Text lautet: „§ 1 DMSG Begriffsbestimmungen, Geltungsbereich (1) Die in diesem Bundesgesetz enthaltenen Bestimmungen finden auf von Menschen geschaffene unbewegliche und bewegliche Gegenstände (einschließlich Überresten und Spuren gestaltender menschlicher Bearbeitung sowie künstlich errichteter oder gestalteter Bodenformationen) von geschichtlicher, künstlerischer oder sonstiger kultureller Bedeutung (,Denkmale’) Anwendung, wenn ihre Erhaltung dieser Bedeutung wegen im öffentlichen Interesse gelegen ist. Diese Bedeutung kann den Gegenständen für sich allein zukommen, aber auch aus der Beziehung oder Lage zu anderen Gegenständen entstehen.,Erhaltung’ bedeutet Bewahrung vor Zerstörung, Veränderung oder Verbringung ins Ausland. (2) Die Erhaltung liegt dann im öffentlichen Interesse, wenn es sich bei dem Denkmal aus überregionaler oder vorerst auch nur regionaler (lokaler) Sicht um Kulturgut handelt, dessen Verlust eine Beeinträchtigung des österreichischen Kulturgutbestandes in seiner Gesamtsicht hinsichtlich Qualität sowie ausreichender Vielzahl, Vielfalt und Verteilung bedeuten würde. Wesentlich ist auch, ob und in welchem Umfang durch die Erhaltung des Denkmals eine geschichtliche Dokumentation erreicht werden kann. [...] § 5 DMSG Denkmalschutzaufhebungsverfahren (1) Die Zerstörung sowie jede Veränderung eines Denkmals gemäß § 4 Abs. 1 bedarf der Bewilligung des Bundesdenkmalamtes, es sei denn, es handelt sich um eine Maßnahme bei Gefahr im Verzug (§ 4 Abs. 2). Der Nachweis des Zutreffens der für eine Zerstörung oder Veränderung geltend gemachten Gründe obliegt dem Antragsteller. Er hat auch - ausgenommen bei Anträgen gemäß Abs. 2 - mit einem Antrag auf Bewilligung einer Veränderung entsprechende Pläne in ausreichendem Umfang beizubringen. Das Bundesdenkmalamt hat alle vom Antragsteller geltend gemachten oder von Amts wegen wahrgenommenen Gründe, die für eine Zerstörung oder Veränderung sprechen, gegenüber jenen Gründen abzuwägen, die für eine unveränderte Erhaltung des Denkmals 154 Vergangenheit als Zukunft sprechen. Hiebei kann das Bundesdenkmalamt den Anträgen auch nur teilweise stattgeben. Werden Bewilligungen für Veränderungen beantragt, die zugleich eine dauernde wirtschaftlich gesicherte Erhaltung des Objektes bewirken, so ist dieser Umstand besonders zu beachten. Soweit die künftige wirtschaftliche Erhaltung und Nutzung von Park- und Gartenanlagen gefährdet oder spürbar geschmälert sein könnte, ist den Anträgen auf jeden Fall stattzugeben, es sei denn, es handelt sich um eine Veränderung, die die Zerstörung dieser Anlagen als solche oder in wesentlichen Teilen bedeuten würde. [...]“ 8 Zwei Sätze aus dem oben angeführten Gesetzestext bildeten die Grundlage und den Auftrag für die berufliche Tätigkeit des Autors dieser Seiten, nämlich: .„Erhaltung’ bedeutet Bewahrung vor Zerstörung, Veränderung oder Verbringung ins Ausland“ und „die Zerstörung sowie jede Veränderung eines Denkmals [...] bedarf der Bewilligung des Bundesdenkmalamtes.“ Wenn die Erhaltung die möglichst unveränderte Weitergabe des Denkmals an die nächste Generation bedeutet und eine Zerstörung oder Veränderung des Denkmals zwar bewilligungspflichtig, aber prinzipiell möglich ist, scheint sich damit ein Widerspruch aufzutun. Das Lösen dieser Problemfelder war die Kernaufgabe des Autors in seiner Funktion als Architekt. Dass ein als bewegliches Denkmal ausgewiesenes Gemälde durch fachgerechte Konservierung und Restaurierung auch in der Zukunft als originales Kunstwerk einer vergangenen Zeit betrachtet werden kann, liegt darin, dass sich sein Inhalt nicht verändert. Im Bereich der Baudenkmalpflege zeigt sich jedoch ein über die Wartung des Objekts hinausgehendes Problemfeld. Gebäude erhalten ihre Struktur und Form, weil sie für eine bestimmte Funktion an einem bestimmten Ort errichtet wurden. So ist, als Beispiel, die Form eines Mühlengebäudes vom Mahlvorgang und dem damit errichteten Mahlwerk definiert. Die für den Betrieb notwendige Energie in Form von Wasserkraft bestimmt die Lage der Mühle an einem Bach. Nach einer Stilllegung würde das Bauwerk ohne Wartung verfallen. Steht das Objekt unter Denkmalschutz und ein Interessent möchte das Mühlgebäude als Wohnhaus nutzen, bedarf es seitens der Beteiligten eines Abwägungsprozesses an dessen Ende die Bewilligung von Umbaumaßnahmen stehen, die die Bewohnerwünsche möglichst erfüllen, den 8 Bundesgesetz vom 25. September 1923, betreffend Beschränkungen in der Verfügung über Gegenstände von geschichtlicher, künstlerischer oder kultureller Bedeutung (Denkmalschutzgesetz - DMSG). StF: BGBl. Nr. 533/1923. 155 Johannes Sima Denkmalbestand aber in Substanz und Erscheinung erhalten. Damit ist durch Weiternutzung der Erhalt zukünftig gesichert. So kann die Veränderung eines Denkmals seine Zukunft bedeuten. Veränderungen an Baudenkmalen Der bei Weitem größte Anteil der Befassungen der Denkmalbehörde betreffen Anträge, die Ansuchen um die Bewilligung zur Veränderung von Baudenkmalen zum Inhalt haben. Diese Ansuchen werden in der Regel von den Planenden oder den Denkmaleigentümerinnen an die zuständigen Referentlnnen der Länderabteilungen des Denkmalamtes gerichtet. Bei komplexen Fragen, die eine gewünschte Änderung der Struktur des Objektes durch neue Funktion und aktuelle Vorgaben aus Baugesetzen, Normen und Richtlinien zur Folge hatten, Organigramm Referat Amtskanzlei Referat für Förderung* angelegenheiten Referat Informationstechnologie Koordination und Controlling Referat Personal Referat für Verrechnungsangelegenheiten Referat Wirtschaftsstelle Stabsstetle Öffentlichkeitsarbeit Abteilung für Inventarisation und Denkmalforschung Abteilung für Salzburg Informations- und Weiterbildungszentrum Baudenkmalpflege - Abteilung für Wien Abteilung für Burgeniand Abteilung für Archäologie Rechtsabteilung Verwaltungsdirektor/in Fachdirektor/in Präsident/in Abteilung für Konservierung und Restaurierung Abteilung für Spezialmatehen Abteilung für bewegliche Denkmaie- Abteilung für Architektur und Abteilung für Tirol Abteilung für Abteilung für Vorarlberg Abteilung für Kärnten Abteilung für Niederösterreich Abteilung für Fachbereich Regionalbereich Rechts- und Verwaltungsbereich Abb. 1 Organigramm des Bundesdenkmalamts, Stand 2017 Quelle: http://www.bda.at/downloads/Jahresbericht201 3 156 Vergangenheit als Zukunft wurde der Verfasser von den Kolleginnen oder Kollegen aus den Bundesländern in seiner Funktion als Leiter der zentralen Fachabteilung für Architektur und Bautechnik 9 , und selbst Architekt, kontaktiert. In den meisten Fällen konnten die Probleme an Ort und Stelle mit den Beteiligten besprochen und auch gelöst werden. Andere Projekte hätten für das Denkmal zu große Zerstörungen bedeutet, weshalb Bewilligungen nicht in Aussicht gestellt werden konnten. Hemmnisse im denkmalbehördlichen Bewilligungsverfahren Viele Problempunkte beim Bauen im Denkmalbestand und dem davor abzuhandelnden Ermittlungsverfahren entstehen durch Informationsmangel der Planenden und/oder der Eigentümerinnen. Erst beim Gespräch mit dem Denkmalamt wird realisiert, dass es sich dabei um eine Bundesbehörde handelt, die ein Bundesgesetz zu exekutieren hat. Nicht selten wurde beim Erstkontakt eine fertige, baubewilligte Planung vorgelegt. Die unterschiedlichen, in der Landesgesetzgebung liegenden Bauordnungen werden, da sie öfter Anwendung finden, als vorrangig erachtet. Eine Vereinfachung der Abläufe würde eine Bestimmung bringen, die in der Bauordnung für Kärnten festgelegt ist. Dort ist angeführt, dass bei den für das Ansuchen um Erteilung der Baubewilligung notwendigen Unterlagen im Fall, dass es sich bei dem beabsichtigten Umbau um ein denkmalgeschütztes Gebäude handelt, der Bewilligungsbescheid des Bundesdenkmalamts beizulegen ist . 10 Durch die Schaffung dieser zeitlichen Hierarchie kann erreicht werden, dass nur die Maßnahmen, die denkmalbehördlich bewilligt sind, den örtlichen Baubehörden zur Erteilung der Baubewilligung nach Landesbauordnung vorzulegen sind. Den Wunsch des Bundesdenkmalamts, diesen Passus bei der Vereinheitlichung der Länderbauordnungen in die vom Österreichischen Institut für Bautechnik erstellten Richtlinien (OIB-Richtlinien) aufzunehmen, wurde bislang nicht erfüllt. 9 Zur Organisation des Bundesdenkmalamts siehe das Organigramm: https://bda.gv.at/fileadmin/ Dokumente/bda.gv.at/Ueber_uns/Organigramm_Stand_03201 7.pdf (15.5.2018) 10 Kärntner Bauvorschriften, Fassung 12.10.2017 § 12, Zusatzbelege (1) Die Behörde hat für den Fall, dass ein Vorhaben nach § 6 lit. a bis c auf einer Fläche ausgeführt werden soll, für die eine gemäß § 12 Z 2 K-GpIG 1995 ersichtlich zu machende Nutzungsbeschränkung besteht, und dass das diese Nutzungsbeschränkung enthaltende Gesetz (z. B. Kärntner Naturschutzgesetz 2002, Kärntner Nationalpark- und Biosphärenparkgesetz, Wasserrechtsgesetz 1959, Bundesstraßengesetz 1971, Kärntner Straßengesetz 1991, Denkmalschutzgesetz) eine Bewilligung für Vorhaben nach § 6 lit. a bis c vorsieht, dem Bewilligungswerber aufzutragen, dem Antrag auf Erteilung der Baubewilligung auch diese Bewilligung anzuschließen. 157 Johannes Sima Abb. 2 Brandenburger Haus, Tirol, Ötztaler Alpen, 3277 m Barrierefreie Handlaufadaptierung nach 2000 m Anstieg Quelle: BDA Tirol, © Walter Hauser rb> i Abb. 3 Martin Busch-Hütte, Tirol, Ötztaler Alpen, 2501 m Aus Brandschutzgründen waren zusätzliche Fluchtstiegenhäuser notwendig geworden Quelle: BDA Tirol, © Walter Hauser Generell entsteht durch die für ein Bauvorhaben immer umfangreicher werdenden notwendigen Verwaltungsverfahren große Verunsicherung. Die Baugesetze werden ständig detaillierter und umfassender, die kaum mehr überschaubaren Normen und Verordnungen wurden vorrangig für den Neubau erstellt und neh- 158 Vergangenheit als Zukunft *3/1. Abb. 4 Alpe Dias, Tirol, Käppi im Paznaun Die alte Sennerei wurde zu einem Almmuseum umgewandelt, der Käsereibetrieb wegen der neuen Hygienevorschriften ausgelagert Quelle: BDA Tirol, © Walter Hauser men wenig Rücksicht auf den Altbestand. Den normativen Planungsparametern steht das, oft im wahrsten Sinn des Wortes, „vielschichtige“ Baudenkmal gegenüber. Die Verwirrung ist groß, wenn ein/e Antragsteller^ mit baubewilligter Aufstockung und neu geplantem Dachaufbau beim Denkmalamt erfährt, dass der barocke Dachstuhl erhalten werden muss und der bewilligte und für den Dachausbau vorgeschriebene Aufzug an der geplanten Stelle nicht möglich ist, da er spätgotische Gewölbe durchstoßen würde. Unverständnis liegt auch vor, wenn die Denkmalbehörde Sonderlösungen fordert, zum Beispiel im Fall der geforderten Barrierefreiheit, des Brandschutzes oder der Maßnahmen zur Energieeffizienz. Dabei bedarf es vieler Erklärungen, dass nicht die Erfüllung einer Vorschrift Vorrang vor einer anderen hat, sondern dass die Lösung nur die Berücksichtigung aller für das Bauprojekt relevanten Gesetzesmaterien erfordert. Das führt etwa dazu, dass durch den Bau von Liftanlagen bis in hochalpine Lagen, denkmalgeschützte Schutzhütten in Hinblick auf Barrierefreiheit und erhöhten Brandschutz aufgerüstet werden müssen. Deshalb müssen zusätzliche Fluchtstiegenhäuser errichtet und/oder Handläufe adaptiert werden (Abb. 2+3). Auch die auf Hochalmen gelegenen Almhütten unterliegen im Falle der Käseproduktion den jetzt auch für diese geltenden strengen Hygienevorschriften. Die Produktionsräume erhalten Verlesungen bis an die Decke und Produktionsmittel aus Edelstahl (Abb. 4). Aus Sicht der Denkmalpflege entstand aus den oben angeführten Gründen dringender Handlungsbedarf, die vielfältigen Abläufe und Abwägungsparame- 159 Johannes Sima ter bei Veränderungsverfahren im und am Baudenkmal zu erfassen und zu beschreiben, um vor Beginn von Planungen möglichst viele Informationen über die Materie „Bauen im Denkmal“ anbieten zu können. Zeitgleich mit der Notwendigkeit der Erstellung von Richtlinien und Standards in der Baudenkmalpflege mussten diese Erläuterungen darüber hinaus für sämtliche Bereiche der Denkmalpflege erstellt werden. Damit sollte ein bundeseinheitliches Qualitäts- und Serviceniveau sowie Transparenz in den Entscheidungen und den Abläufen in der Denkmalbehörde sichergestellt werden. 11 Seit 2011 wurden deshalb folgende Regelwerke erarbeitet: • Standards der Baudenkmalpflege • Standards für konservatorische Behandlung von archäologischen Funden • Leitfaden Zustandserhebung und Monitoring an Wandmalerei und Architekturoberflächen • Richtlinie für bauhistorische Untersuchungen • Richtlinie Energieeffizienz am Baudenkmal • Richtlinien für archäologische Maßnahmen 12 Zukunft für das energieeffiziente Baudenkmal Die zentrale Fachabteilung für Architektur und Bautechnik wurde bei der ersten vom Bundesdenkmalamt erarbeiteten Richtlinie „Energieeffizienz am Baudenkmal“ maßgeblich mit der Erstellung betraut. Diese wurde 2011 veröffentlicht. 13 Die Beheizung und immer mehr auch die Kühlung von Gebäuden wurde und wird neben dem Verkehr als Verursacher des für die Erderwärmung verantwortlichen großen Kohlendioxidausstoßes verantwortlich gemacht. Die Bestrebungen den Verbrauch der meist fossilen Energieträger zu reduzieren gehen dahin, den Wärmeverlust in beheizten Gebäuden zu verringern, bzw. zu verzögern. Deshalb häuften sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den dem Bundesdenkmalamt vorgelegten Einreichplänen die Maßnahmen zum Wärmeschutz in und an den unter Denkmalschutz stehenden Bestandsgebäuden. Die Pläne waren identisch mit jenen für die Erlangung der Baubewilligung nach den Länderbauordnungen, 11 Vgl. Erika Carola Pieler: Neue Wege im Denkmalschutz, in: Eva Klein, Rosmarie Schiestl, Margit Stadlober (Hg.): Denklmal Zukunft. Der Umgang mit historischem Kulturgut im Spannungsfeld von Gesellschaft, Forschung und Praxis. Graz 2012, S. 144f. 1 2 Sämtliche pdf-downloads unter: https://bda.gv.at/de/publikationen/standards-leitfaeden-richtli- nien/ (15.5.2018) 13 Abteilung für Architektur und Bautechnik (Hg.): Richtlinie Energieeffizienz am Baudenkmal. Wien 2011 . 160 Vergangenheit als Zukunft r*o , v r .K „ V RICHTLINIE ENERGIEEFFIZIENZ AM BAUDENKMAL HMH Abb. 5 Richtlinie Energieeffizienz am Baudenkmal, Titelblatt und Erläuterungsgrafiken über mögliche, problematische und nicht bewilligbare Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz Quelle: http://www.bda.at/downloads, Graphik BDA, Abt. Architektur und Bautechnik, Hanna Liebich wiesen dadurch als Maßnahmen zur Eindämmung der Wärmeverluste meistens Außenwanddämmsysteme und den Einbau neuer Fenster aus. Von öffentlicher Hand gefördert und für die Bewilligungen gefordert, von der Wirtschaft beworben und der Politik unterstützt waren diese Maßnahmen zum Wärmeschutz für den großen Markt der privaten Hausbesitzerinnen perfekt zugeschnitten. Dabei wird aber suggeriert das Haus sei „krank“ und würde dadurch „geheilt“. Das Denkmalamt konnte dem „Einpacken“ von Baudenkmalen aber aus mehreren Gründen nicht zustimmen. Es käme dadurch zum Verlust des historischen Erscheinungsbildes und der substantiellen Schädigung des Außenputzes. Auch die historischen Bestandsfenster sind keine Verschleißteile, sondern ein wesentlicher Teil des Denkmals . 14 Es galt deshalb, gemeinsame Ziele mit dem Umweltschutz für eine tatsächlich nachhaltige Sanierung zu finden. Dabei sollte die Schonung der natürlichen, materiellen und kulturellen Ressourcen auch einen sorgsamen Umgang mit den „nicht erneuerbaren“ Baudenkmalen gewährleisten. 14 In den Förderrichtlinien wird ausschließlich der Begriff „Fenstertausch“ verwendet, eine Reparatur oder das Richten der Bestandsfenster ist dagegen nicht vorgesehen. 161 Johannes Sima Abb. 6 Tausch des historischen zum normgerechten Fenster. Es wird zwar der Wärmeverlust verringert, in der Folge kommt es jedoch zu einer eklatant geringeren Belichtungsfläche, Quelle: BDA Tirol, © Walter Hauser Von den zwei Millionen Bestandsbauten in Österreich stehen 1,3 Prozent unter Denkmalschutz. Ein Prozent der Objekte werden ständig genutzt und sind thermisch konditioniert. Dieser Gebäudeanteil von etwa 20.000 Baudenkmalen ist nicht ausschlaggebend für die Energiebilanz des Landes. Erfolgt jedoch die energetische Optimierung in einem denkmalverträglichen Maß, kann das nicht nur eine Verbesserung der gesamten Bilanz, sondern auch die zukünftige Nutzung und damit die gesicherte Erhaltung der Denkmale fördern und sichern. Aus diesem Hintergrund ergab sich für die Denkmalpflege die Notwendigkeit sich „intensiv mit den Möglichkeiten der thermischen und technischen Gebäudeoptimierung zu beschäftigen. Für die Baudenkmale galt es, eine Betrachtungsweise zu etablieren, welche auf die speziellen Eigenschaften und Stärken der historischen Bauweisen eingeht und den Handlungsbedarf nicht einseitig aus Neubaunormen und standardisierten Bewertungsverfahren ableitet. Ziel ist es, den Denkmalbestand vor irreversiblen Fehlern zu bewahren.“ 15 Die Richtlinie zur Energieeffizienz bildet einen Leitfaden zur Anwendung jener energieeffizenzsteigernden Maßnahmen am Baudenkmal, die aus denkmalpflegerischer Sicht vertretbar, eingeschränkt oder gar nicht vertretbar sind. Diese 1 5 Richtlinie EE, siehe Anmerkung 13, S. 6. 162 Vergangenheit als Zukunft drei Kategorien ermöglichen es, die Eingriffe für jeden Bauteil im Ampelsystem zu bewerten. Ein Energieausweis, wie bei Neu- und Bestandsbauten vorgeschrieben, kann in der Regel eine denkmalgerechte Lösung nicht abbilden, weil die zur Berechnung herangezogenen Werte fiktiv sind. Die Planenden können so für die große Anzahl der Sanierungsmaßnahmen ein auf das Baudenkmal sowie auf seine Struktur und Nutzung individuell zugeschnittenes Paket schnüren. Dabei zeigt die Richtlinie viel mehr „grüne“ als „rote“ Möglichkeiten auf. Auf 55 Seiten finden sich ein Überblicksteil mit Grundregeln und einer Maßnahmenübersicht, gefolgt von den Maßnahmen im Detail, bezogen auf die Bauwerkshülle bzw. die Gebäudetechnik. Der dritte Teil liefert weiterführende rechtliche und technische Informationen zum Bewilligungsverfahren, über Nachweisverfahren, ein Glossar und Quellenangaben. 16 Für die energetische Sanierung von Baudenkmalen wurden die folgenden Grundregeln festgelegt: 1 Die Erhaltung des Originals: Wichtigste Zielsetzung von Denkmalschutz und Denkmalpflege ist die möglichst unveränderte Erhaltung der historisch überlieferten Substanz und Erscheinung. 2 Die Analyse: Viele Baudenkmale weisen eine über die Zeit gewachsene, äußerst heterogene Substanz auf. Der Planung muss eine möglichst vollständige Kenntnis des Bestandes in bautechnischer und bauphysikalischer Hinsicht vorausgehen. 3 Das Gesamtprojekt: Projekte sollen möglichst ganzheitlich geplant werden, Einzelmaßnahmen sind nicht sinnvoll. Ziel ist die Optimierung des Gesamtenergiehaushalts eines Objekts. 4 Das Nutzerverhalten: Nicht der normierte Energieausweis soll die Zielvorgabe sein, sondern die Nutzung und das Nutzerverhalten geben die Methoden der Verbesserung vor. 5 Das individuelle Baudenkmal: Es sind Einzellösungen anstelle von Standardrezepten mit verstärkter Kommunikation zwischen Baufachleuten, Bauherrschaft und Denkmalpflege anzustreben. 6 Die Instandsetzung: Als Erstes sind eventuelle Reparaturen auszuführen, um ursprüngliche Funktionskonzepte zu reaktivieren. 7 Die Materialkonformität: Bei notwendigen Ergänzungen sollten diese in der Materialität des überlieferten Bestands bleiben. 16 Ebd., S. 7. 163 Johannes Sima 8 Die Fehlertoleranz: Bei neuen Materialien sind fehlertolerante, reparaturfähige bzw. reversible Konstruktionen einzusetzen. 9 Die Risikofreiheit: Eine langjährige Schadensfreiheit ist zu gewährleisten. Für alle Maßnahmen gilt: Besser weniger und sicher als viel und riskant. 10 Der Weitblick: Maßnahmen am Denkmal führen Optimierungen fort, die oft über Jahrhunderte angewendet wurden. Daher ist ein Weitblick über Haftungs- oder Amortisationszeiten hinaus gefragt. Die im zweiten Teil der Richtlinie aufgelisteten Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz zeigen einen groben Überblick über mögliche Interventionen. Genaueres, Umfassenderes und Detaillierteres folgt im dritten Teil. Die Übersicht ist dreigeteilt, in bewertete Gruppen zusammengefasst, von „denkmalverträglich“ bis „nicht denkmalverträglich“. 17 Einige Beispiele: GRÜN: Denkmalverträgliche Maßnahmen. Dies bedeutet einen geringen Eingriff in die Denkmalsubstanz, dadurch ergibt sich eine einfache Bewilligungsfähigkeit. Maßnahmen sind etwa Instandsetzungen von Wand, Dach und eingestellte Dämmung im Dachraum, Dämmungen der obersten Geschoßdecke, über Gewölben, Fußböden von unterkellerten Räumen, die Mauertemperierung, die Optimierung bestehender Heizanlagen und -kör- per, Gebäudeautomation, etc. GELB: Bedingt denkmalverträgliche Maßnahmen. Sie umfassen einen gewissen nachteiligen Eingriff in Substanz und Erscheinung. Das bedingt erhöhten Planungsaufwand und eingeschränkte Bewilligungsfähigkeit, bzw. wird die Bewilligung mit Auflagen erteilt. ROT: Diese Maßnahmen bedeuten einen gravierenden nachteiligen Eingriff in Substanz und Erscheinung des Baudenkmals, weshalb eine Bewilligung nicht erteilt werden kann. Der dritte Teil der Richtlinie definiert die Kategorie der Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz, bezogen auf die detailliert erfassten einzelnen Bauteile des Denkmals. Der Großteil der Baudenkmale besteht aus traditionellen Konstruktionen, was, da die Objekte auch nach Jahrhunderten noch in Benützung sind, für die hohe Qualität und großes Fachwissen der Erbauer steht. Im Energiehaushalt bilanzieren sie gegenüber den Neubauten insofern positiv, als die Primärenergie, die für die Errichtung von Gebäuden vonnöten ist, bereits seit Langem erbracht 17 Ebd.,S. 9. 164 Vergangenheit als Zukunft worden ist. Bei gemauerten Objekten hat allerdings der Zustand der Bausubstanz einen dominierenden Einfluss auf den Energiebedarf. Die thermisch-energetische Optimierung hängt in erster Linie von der Lösung der Problematik der Feuchtigkeit und Salzbelastung des Mauerwerks ab. Deshalb beschreibt und bewertet die Richtlinie als Erstes die Außenwände, aus Mauerwerk (Stein, Ziegel), aber auch aus Holz (Blockbau, Ständerbau, Fachwerke). Die Decken, Böden und Gewölbe, also die horizontalen Bauglieder eines Gebäudes, haben einen großen Einfluss auf den Energieverbrauch eines Gebäudes. So bewirkt bei einem eingeschossigen Bau das Dämmen der Geschoßdecke eine wesentliche Reduktion des Energieverlusts. Da die Deckenkonstruktionen meist aus Holz bestehen, ist eine umfassende bauphysikalische Prüfung von hoher Wichtigkeit, da sie durch Feuchteprobleme aus dem Kondensatausfall besonders gefährdet sind. Dächer sind integrale Bestandteile eines Baudenkmals, sie stehen in einem unmittelbaren typologischen und bauhistorischen Zusammenhang mit dem aufgehenden Gebäude. Da die historischen Dachkonstruktionen wegen ihrer handwerklich und technischen Ausgereiftheit wichtiger Teil des Denkmals sind, ist eine hochkomplexe bauphysikalische Beurteilung der zu ergreifenden Maßnahmen notwendig; besonders dann, wenn der Dachraum für Wohnzwecke ausgebaut wird und damit das Dach den hohen Anforderungen einer Außenwand entsprechen muss. Dabei sind falsche Lage und Verarbeitung der neuen Dachhaut und Dampfbremse 18 von höchstem Risiko, es sind auch diffusionsoffene Dämmungen den diffusionsdichten vorzuziehen. Fenster- und Türkonstruktionen sind untrennbarer Bestandteil der Architektur und prägen maßgeblich das Erscheinungsbild des Baudenkmals. Sie zeugen von hohem handwerklichen Können und besitzen neben ihrer ästhetischen Bedeutung auch hohen historischen Quellenwert. Historische Fenster und Türen sowie ihre Bestandteile (Glas, Beschläge, Fensterläden, Jalousien etc.) sind keine Verschleißteile und deshalb grundsätzlich zu erhalten. Die Maßnahmen zur Erhöhung der thermischen Qualität liegen im Bereich der Reparatur und Erhöhung der Dichtheit. Beim Verfassen der Energierichtlinie stand verständlicherweise das Baudenkmal im Fokus. Der Heizwärmeverbrauch kann einerseits über die Verbesserung der Gebäudehülle verringert werden, andererseits bietet aber der Bereich der 18 Die Dampfbremse ist eine Folie oder Pappe, die verhindert, dass die warme Luft im Inneren eines Raumes, in der Wasser in Form von Dampf gespeichert wird, in die Wärmedämmung eindringen kann. Dort würde der Dampf zu Wasser kondensieren. 165 Johannes Sima Haustechnik großes Einsparungspotential. Aus Sicht der Denkmalpflege sind deshalb Maßnahmen im technischen Gebäudemanagement zuerst umzusetzen, erst danach folgen Eingriffe in der Bausubstanz. Bis Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete der Begriff „Haustechnik“ Kamine, Aborte und Brunnen. Mit Wasser-, Gas- und Elektroleitungen erfolgten starke Eingriffe in die historische Bausubstanz, dadurch wurden Malereien und Ausstattungen in den tieferliegenden Zeitschichten zerstört. Die Lebensdauer der Haustechnik beträgt im Allgemeinen 15 bis 50 Jahre (Geräte 15 Jahre, Leitungen 25 Jahre, Heizkörper, Kamine etc. 50 Jahre), jene von historischen Gebäuden jedoch oft das Zehnfache und mehr. Die Integration der sich immer dynamischer entwickelnden Haustechnik in ein Baudenkmal bedeutet, über Generationen gesehen, große Eingriffe durch meist massive bauliche Maßnahmen. Dabei steht nicht die Art der primären Heizsysteme im Vordergrund, sondern die Optimierung der für sie notwendigen Verteilungssysteme. Zudem ist es für künftige Anpassungen wichtig, eine möglichst hohe Variabilität und Reversibilität der Systeme ohne weiteren Substanzverlust sicherzustellen. Durch eine auf das spezifische Baudenkmal ausgerichtete Haustechnikplanung können neue Systeme einen Vorteil darstellen, wenn sie unter der Vorgabe der geringst möglichen Intervention ausgelegt werden. Durch die komplexe und sensible Regeltechnik ist es möglich geworden, sekundäre Heizsysteme, wie die Bauteiltemperierung, getrennt vom Hauptsystem zu installieren. Heiz- und Temperiersysteme sind voneinander unabhängig zu steuern, da die Temperierung zum Beispiel von Außenmauern, separat und mit geringerer Temperatur als der Hauptheizkreis von Frühling bis Herbst aktiviert werden muss. Ergänzende Stützheizungen werden eingebaut, um an den Oberflächen durch leichte Erwärmung das Raumklima zu stabilisieren und eine Kondensatbildung verhindern zu können. Dies ist besonders an von Auskühlung betroffenen Stellen, wie Ecken, Nischen, Fensterlaibungen, Durchdringungen etc. wichtig und erhöht mit einem relativ geringen Aufwand die Energieeffizienz durch bessere Speicherfähigkeit der Außenwand. Der Effekt entspricht dem allgemein bekannten Umstand, dass ein trockener Socken besser wärmt als ein nasser. Leitplanken und Wegweiser in die Zukunft: Die Standards der Baudenkmalpflege Die praktische Anwendung der zuvor beschriebenen Richtlinie zeigte eine wesentliche Erleichterung im Finden denkmalverträglicher Lösungen bei Bau- 166 Vergangenheit als Zukunft Mm ä2*SS- S £&ä ¥ 0 $' &!&** Abb. 7 Die Standards der Baudenkmalpflege sind Leitplanken für die Baudenkmalpflege. Diese geben die Richtung vor, belassen Freiraum, halten in Bahnen und zeigen Grenzen auf. Leitplanken verhindern jedoch kein Schleudern, können auch beschädigt werden, verhindern aber Schlimmeres und gelten für alle, auch für jene die regeln Quelle: BDA Tirol, © Walter Hauser maßnahmen am Denkmal, besonders durch die Tatsache, dass bereits vor Planungsbeginn die Richtung und der Umfang der Möglichkeiten aufgezeigt werden können. Die positiven Erfahrungen bewogen deshalb das Bundesdenkmalamt die möglichen denkmalpflegerischen Entscheidungs- und Handlungsmuster für die gesamte Baudenkmalpflege sichtbar zu machen. Das Bedürfnis nach Regelwerken hat sich aktuell zu einem notwendigen Bedarf entwickelt, die Entscheidungsprozesse der Denkmalbehörde gegenüber der Öffentlichkeit transparent, verlässlich und nachvollziehbar darstellen zu können. 167 Johannes Sima Standards der Baudenkmalpflege: Download und Buch Mit den "Standards der Baudenkmaipflege" veröffentlicht das Bundesdenkmalamt erstmals eine einheitliche Orientierungshilfe für Oenkmateigentumer_inrven, Planer_ännen und alle Ausführenden. Bildergalerie zu: Standards der Baudenkmalpflege: Download und Buch iai / ... g STANDARDS DER BAUDENKMAL PFLEGE Abb. 8 „Standards der Baudenkmalpflege“, ein Nachschlagewerk mit 416 Seiten, erhältlich als Handbuch oder download Quelle: http://www.bda.at/dosier/19703/0/0/1 /galerie/Stan- dards-der-Baudenkmalplege-Downloads (18.6. 2018) Parallel dazu entwickelte sich im angelsächsischen Raum eine Systematik, die alle denkmalpflegerischen Entscheidungen in Beziehung zu den Denkmalwerten setzt, die durch beabsichtigte Handlungen berührt werden könnten (change management bzw. conservation management). Das Wesentliche an dieser Systematik besteht darin, dass sich die fachlichen und rechtlichen Abwägungen der Behörde innerhalb klarer Grenzen bewegen (Abb. 7). In einer Arbeitsgruppe mit der selben Zusammensetzung wie jene der „Energieeffizienzrichtlinie“ und mit externen Expertinnen wurde ein umfangreiches, 416 Seiten starkes Handbuch erarbeitet, das 2014 in seiner ersten Auflage erschien. 19 Es umfasst die gesamte Baudenkmalpflege und, soweit es zum besseren Verständnis notwendig war, Inhalte aus dem Bereich der Kunst-, Technik- und Gartendenkmalpflege sowie der Restaurierung und der archäologischen Denkmalpflege (Abb. 8). 19 Bundesdenkmalamt (BDA), (Hg.): Standards der Baudenkmalpflege. Wien 2014. 168 Vergangenheit als Zukunft Die Zielsetzung bei der Erstellung der Standards der Baudenkmalpflege war es, eine Matrix für die denkmalpflegerischen Entscheidungsprozesse zu erstellen. In diesem Grundgerüst sollen verschiedene Faktoren mit unterschiedlichen Gewichtungen wie ästhetische Bedeutung, Bauzustand, Planungs- und Funktionsanforderungen sowie rechtliche (nicht nur denkmalrechtliche) und soziale Vorgaben eine Rolle spielen. 20 Der Aufbau der Standards bildet die drei Bereiche ab, die bei der Befassung mit einem Baudenkmal zu behandeln sind, sozusagen das ABC der Baudenkmalpflege: A ERFASSEN bildet den Themenkreis aller Arten von Bestandsaufnahmen und Voruntersuchungen. Behandelt werden darin die Bauaufnahme, die bauhistorische und archäologische Untersuchung sowie technisch-naturwissenschaftliche Erhebungen. B ERHALTEN umfasst naturgemäß den größten Bereich und betrifft alle Bauteile und Ausbauteile eines Gebäudes. Daher werden Materialien, die Oberflächen, die künstlerischen und kunsthandwerklichen Ausstattungen behandelt. Im Wesentlichen handelt es sich um Instandsetzungs-, Reparatur- und Konservierungsmaßnahmen. Auf über 1 20 Seiten werden in fünf übergeordneten Kapiteln die Instandsetzung im Allgemeinen, die Materialien und Oberflächen, die einzelnen konstruktiven Bauteile (Verputze, Stein, Ziegel, Mauerwerke generell, Glas, Metalle etc.), Dachdeckungen und Ausbauelemente sowie künstlerische und kunsthandwerkliche Ausstattungen ebenso wie die denkmalgerechten Maßnahmen und Anwendungen erläutert und vorgegeben. C VERÄNDERN behandelt Themen, die bei Nutzungsänderungen und dem damit verbundenen Veränderungsdruck auf das Denkmal entstehen. Es werden die Maßnahmen und Interventionen am Baudenkmal beschrieben, vom Kellereinbau bis zum Dachausbau, von historischen Gärten und Parkanlagen und vom heiklen Umgang mit Ruinen, die deshalb Denkmale wurden, weil sie bereits verfallen sind. Die Gliederung der einzelnen Kapitel zeigt jeweils einen Grundsatz, dem daraus folgende Regeln angegliedert sind. Die Grundsätze spiegeln allgemeine denkmalpflegerische Haltungen zu den jeweiligen Themen wider und sind von länger gültiger, prinzipieller Art. Die daraus abgeleiteten Regeln behandeln technologische, materielle, methodische und konstruktive Details. Da die „Standards der Baudenkmalpflege“ als leicht benutzbares Handbuch und Nachschlagewerk 20 Ebd.,S.6f. 169 Johannes Sima konzipiert wurden, kommt den im Text eingebauten weiterführenden Erläuterungen große Bedeutung zu. Kommentare und Warnhinweise verknüpfen die einzelnen Kapitel untereinander. Die Aufzählung der zahlreichen unterschiedlichen Maßnahmen bei den Veränderungen bildet die gesamte Bandbreite der Baudenkmalpflege ab. Hier werden die Methoden aufgezeigt, die denkmalfachlich vertretbar bzw. nicht vertretbar sind. Rechtlich gesehen sind die „Standards der Baudenkmalpflege“ nur eine Richtlinie und können deshalb die Ergebnisse des vorgeschriebenen Ermittlungsverfahrens nicht vorwegnehmen. Sie zeigen aber auf, in welcher Form und in welchem Rahmen die Parameter beim Abwägungsprozess zum Tragen kommen. Dort, wo zwischen der schon eingangs erwähnten „unveränderten Erhaltung eines Denkmals“ und der „möglichen Veränderung eines Denkmals“ der weitgehend verlustfreie Denkmalbestand für die Zukunft zu sichern ist . 21 Wegweiser geben die inhaltliche Richtung der praktischen Denkmalpflege vor, Leitplanken die Grenzen innerhalb derer sich eine denkmalgerechte Erhaltung bewegen kann. Die Erhaltung der Denkmale in der Gegenwart ist deren Zukunft Einzig der sorgsame Umgang mit den Relikten der Vergangenheit ermöglicht den Weiterbestand in der Zukunft. Die meisten Baudenkmale stehen bereits seit Jahrhunderten und die Erfahrung zeigt, dass diese, bei richtiger Behandlung, noch lange Jahre weiterbestehen können. Ein Grund für das Erreichen eines hohen Alters liegt sicher in der kontinuierlichen und richtigen Wartung der Objekte. In den „Standards der Baudenkmalpflege“ sind die äußerst umfangreichen Sachgebiete zur denkmalgerechten Behandlung der Baudenkmale zusammengefasst. Für die Entscheidung, wann und wie die Erhaltungsmaßnahmen angewendet werden müssen, bedarf es einer fachlich fundierten Themenführerschaft des Bundesdenkmalamts in Österreich. Dabei ist vor der durch politische Stellen beabsichtigten Umwandlung der Fachinstitutionen zu reinen „Servicestellen“ zu warnen. Erfahrungsgemäß steht bei dem Großteil der beabsichtigten Bauprojekte das Baudenkmal einer zeitgemäßen Neunutzung mit komplexen Vorgaben im Weg. Das übt einen hohen Veränderungsdruck auf die Denkmalsubstanz aus. Ein Investor, der auf eine rein wirtschaftliche, gewinn- 21 Ebd, S. 6-13. 170 Vergangenheit als Zukunft orientierte Umsetzung seines Bauprojektes ausgerichtet ist, wird eine beratende Servicestelle, die Ratschläge für den Umgang mit historischer Bausubstanz gibt, die das Bauprojekt einschränken oder verteuern, eher nicht beiziehen. Nur durch die gesetzlich geregelte Mitsprache einer Fachbehörde kann die Anwaltschaft für den möglichst authentischen Erhalt der historischen Bausubstanz für die Zukunft gegeben sein. Die Zukunft des Bundesdenkmalamts kann nur in einer Stärkung ihres Behördencharakters bestehen. Entscheidungen über die Art und Form des Umgangs mit dem kulturellen Erbe dürfen ausschließlich auf rechtlicher und wissenschaftlicher Basis erfolgen. Ein seit Jahrzehnten in fast regelmäßigen Abständen wiederkehrender Versuch einzelner Landeshauptleute die staatliche Denkmalpflege in ihrem Wirkungsbereich einzugliedern, ergäbe aus fachlicher Sicht keine Vorteile. Aber vielleicht liegen die Wünsche nach einer „Veränderung“ der Denkmalpflege nicht nur im Bereich des denkmalfachlichen Erhaltens unserer Kulturgüter. Heute und in der Zukunft. 171 BUCHBESPRECHUNGEN Geschichte der Zukunft Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute. München: Carl Hanser Verlag 2017, 544 Seiten. Die Geschichte früherer Vorstellungen von Zukunft hat in den vergangenen 20 Jahren einige Aufmerksamkeit erfahren. Das hat wohl auch mit dem raschen technisch-ökonomisch-gesellschaftlichen Wandel zu tun; er lenkt den Blick gleichermaßen auf die Zukunft wie auch auf ihre Vergangenheit. Joachim Radkau legt, wie man es von ihm gewohnt ist, ein ausgesprochen materialreiches Buch zum Thema vor. Es ist einigermaßen chronologisch gegliedert; Radkau verleiht, beginnend mit der frühen Nachkriegszeit, den verschiedenen Zeiträumen ihre typischen Signaturen. Viele Anregungen für futuristisches Denken und zukunftsorientiertes Handeln hatten ihren Ursprung in den USA, darunter Diskussionen über die neue Systemwissenschaft der Kybernetik, die friedliche Nutzung der Atomkraft sowie über Automation und den Einsatz von Robotern in der industriellen Fertigung. Die 1960er- und 1970er-Jahre stellten, unter anderem mit der Mondlandung, eine besonders intensive, wenn auch eher kurze Zeit einen ganz stark ausgeprägten Zukunftsoptimismus dar. Thematisiert werden ferner die Sorge um das deutsche Bildungswesen, die ideologisch motivierte Betonung von „Zukunft“ in der DDR, die Erwartung neuartiger Erscheinungsformen von Arbeit, die modernen Ansprüche der Konzepte von „Industrie 4.0“ als der angeblich vierten industriellen Revolution (der Begriff wurde in Deutschland geprägt) und das Verhältnis der Umweltbewegung zur Zukunft. In seinen Ausführungen macht Radkau mehrfach deutlich, dass seit 1945 zwar eine Reihe von Publikationen erschienen ist, deren Autoren bestimmte Aspekte der Zukunft geradezu enthusiastisch vorhersagten, dass aber große Teile der deutschen Bevölkerung etwa gegenüber den Verheißungen der Kerntechnik und angesichts von Raumfahrtfantasien skeptisch blieben (S. 153, 190). Viele der Verfasser sind heute ebenso vergessen wie ihre Studien; eine Ausnahme bildet sicher der einflussreiche Intellektuelle Robert Jungk, der 1994 in Salzburg verstarb und dort begraben wurde. Radkau bezieht auch einige aus (Alt-)Öster- reich gebürtige Publizisten und Forscher in seine Darstellung ein, beispielsweise Hans Thirring (1888-1976), Willi Schlamm (1904-1978), Günther Schwab (1904-2006), Eugen Sänger (1905-1964), Hans Selye (1907-1982), Peter F. Drucker (1909-2005), Andre Gorz (1924-2007) und Ivan lllich (1926-2002). 175 Geschichte der Zukunft Trotz der vielen in der Darstellung Genannten fehlt doch der eine oder andere Name. So nennt Radkau die auch in Deutschland einflussreichen Werke von US-Amerikanern wie Alvin Toffler („Der Zukunftsschock“, 1970) und Ernst Callenbach („Ökotopia“, 1975). Zu ergänzen wäre der Computervisionär und Unternehmer John Diebold (1926-2005), dessen Buch „Automation“ im amerikanischen Original 1952 erschien und 1955 unter dem Titel „Die automatische Fabrik“ ins Deutsche übersetzt wurde. An nichtwissenschaftlicher Zukunftsliteratur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zitiert Radkau an einer Stelle einen aus heutiger Sicht recht uninspiriert geschriebenen Sammelband zum Thema „Die Welt in hundert Jahren“, der im Jahr 1910 erschien (S. 110f.), nicht aber das Werk des deutschen Publizisten Anton Lübke „Technik und Mensch im Jahr 2000“. Der Autor - über dessen Leben bislang fast gar nichts bekannt ist - stellte darin eine Reihe erstaunlich zutreffender Prognosen auf, sein Buch ist heute ein Geheimtipp. Auch ein Hinweis auf einen hochinteressanten utopischen Roman hätte sich angeboten, nämlich auf „Das Automatenzeitalter“, das der deutsche Chemiker Ludwig Dexheimer 1931 unter dem Pseudonym Ri Tok- ko veröffentlichte. Wohl etwas überzogen ist Radkaus Urteil, dass nach 1945 „die Science-Fiction-Literatur in der Bundesrepublik kein literarisches Niveau erreichte, sondern nur in Groschenheften, allen voran Perry Rhodan, ihr Dasein fristete“ (S. 250). Doch trifft es sicher zu, dass etwa der aus Wien gebürtige Herbert W. Franke oder Angela und Karlheinz Steinmüller in der DDR darin einen höheren Rang beanspruchen konnten. Bleibt die Frage, warum Westdeutschland hier zurückblieb? Erst in den vergangenen Jahren erlangten SF-Autoren wie Andreas Eschbach und Frank Schätzing einen höheren Bekanntheitsgrad. In seinen beträchtlich vielen Fußnoten zum Text verfährt Radkau oftmals auf ärgerliche Art feuilletonistisch. Er wird nicht müde zu erzählen, auf welche oftmals verschlungene Art und über welche persönlichen Kontakte er zu den Grundlagen für seine Ausführungen gekommen ist. Man versteht auch nicht, welche Funktion die mehreren Dutzend Ausrufezeichen im Anmerkungsapparat seiner Darstellung erfüllen sollen. Insgesamt ist das Buch aber anregend zu lesen. Ohne Zweifel wurde hier eine wichtige Lücke in der deutschen Geschichtsschreibung über das 20. und frühe 21. Jahrhundert geschlossen. Hubert Weitensfelder Wien 176 Glücksmaschinen und Maschinenglück Stefan Poser: Glücksmaschinen und Maschinenglück. Grundlagen einer Technik- und Kulturgeschichte des technisierten Spiels. Bielefeld: transcript Verlag 2016, 404 Seiten. Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Spiel hat mittlerweile eine Tradition von mehr als 150 Jahren, und die Analysen dazu können auf eine breite Palette an sozialen und psychologischen Deutungen verweisen. Tatsächlich handelt es sich um einen Forschungsbereich, der sachlich nicht ohne weiteres fassbar ist und mitunter ins Unbestimmte abzugleiten droht. Wenn nun ein stark naturwissenschaftlich orientiertes Handlungsfeld - die Technik - mit dem Spiel konfrontiert wird, droht die Auseinandersetzung damit umso schwieriger zu werden. Hier geht es um vorgeblich utilitaristisch motivierte Anwendungen, dort geht es dem Wesen nach um die Ausnützung der Freiräume, die rationale Ökonomie offen lässt. Insofern ist es also ein anspruchsvolles und allemal interessantes Unterfangen, dem sich der Autor hier verschrieben hat. Stefan Poser widmet sich in seiner Analyse exemplarisch drei „Spielfeldern“: Für „Spiel, Sport und Technik“ hat er die Fallbeispiele Rudern (Rudern als Sport und die technische Entwicklung der Boote) und Schwimmen (Schwimmsport und Schwimmbadtechnik) ausgewählt. Für „Jahrmärkte und Vergnügungsparks“ dienen ihm sogenannte Thrill Rides (damit meint er schnelle Fahranwendungen, bei denen man sich der Technik aussetzt, die bisweilen Mut erfordern, für deren Beherrschung man aber nichts lernen oder können muss, also Achterbahnen und ähnliches) sowie Selbstfahrgeschäfte (Autoskooter und dergleichen mehr) als Beispiele. Den Bereich „Technisches Spielzeug“ schließlich handelt er anhand von Modellbahnen ab (Modelleisenbahnen zuvorderst, dann aber auch Modellrennautobahnen und Modellbahnspiele). Nach den entsprechenden Begriffen ist das Buch auch in seinen Hauptkapiteln gegliedert. Für alle Bereiche gilt, dass die technischen Entwicklungen auf dem jeweiligen Gebiet seit ihren Anfängen - die jeweils ins 19. Jahrhundert zurück reichen - klar und übersichtlich beschrieben sind. Insofern ist das Buch schon einmal für jene brauchbar, die sich mit der Geschichte der Spezialsportarten, der Spiele und Spielweisen und der entsprechenden materiellen Kultur beschäftigen. Im Kapitel über den Rudersport erhält man beispielsweise einen sehr schönen Einblick in die Entwicklung der Konstruktionsweisen und Materialien eines Sportgeräts (des Ruderboots) und dessen Anwendungstechnik. Im Kapitel über das technische Spielzeug wird vor allem die Aneignung und Übertragung von technischen Schlüsseltechnologien und Wissen aus der „gro- 177 Glücksmaschinen und Maschinenglück ßen Welt“ ins Spielerische betont. Das reicht bis hin zur Kernkraft, die einen eher kurzen aber ideengeschichtlich umso interessanteren Auftritt im Spiel der Kinder absolviert hat. Besonders intensiv arbeitet Poser in diesem Buch mit einer These des französischen Soziologen Roger Caillois, der sich um die Mitte des 20. Jahrhunderts mit den Bedeutungsaspekten des Spiels auseinandergesetzt hat. Die grundlegenden Reize des Spiels - unterschiedlich gewichtet, je nachdem, um welches es sich handelt - liegen demnach im Wettkampf („agon“), im Zufall („alea“), im Rausch („ilinx“) und in der Maskierung („mimikry“). Wenig überraschend wird „ilinx“ zu einem zentralen Begriff des Kapitels über Jahrmärkte und Vergnügungsparks. Rauschhaftes Vergnügen wird hier aus schnellen und scheinbar wagemutigen Geschwindigkeits- und Richtungsänderungen bezogen. Der Umstand nun, dass diese aufgrund technischen Fortschritts ständig gesteigert werden konnten und können, legt nahe, auch hier den naturgegebenen Zusammenhang von Rausch und Sucht herzustellen. Das geschieht wohlweislich nicht explizit, weil es eine argumentative Grenzüberschreitung aus dem fassbaren Wissenschaftsbereich hinaus wäre. Aber es fällt doch auf, dass der Autor immer wieder weiche Begriffe („Sehnsucht“, „Freude“, „Freiheitsgefühl“ und natürlich „Emotion/en“) verwendet - Begriffe, die die Technik nahe an menschliches Empfinden heranführen. So ist denn auch ein Verdienst dieser Publikation, dass sie einen Beitrag leistet, die menschliche Wahrnehmung von technischen Anwendungen zu erhellen (was vielleicht gar nicht so unmittelbar intendiert ist). Der Hamburger Technikhistoriker Stefan Poser beschäftigt sich schon sehr lange mit dem Themenbereich, den er uns hier in einem umfangreichen Buch vorstellt. Insofern darf man erwarten, dass man es mit einer methodisch fundierten und hinsichtlich der Quellen gut erschlossenen Abhandlung zu tun hat. Man wird auch nicht enttäuscht. Der Autor hat für seine Untersuchung nicht nur die infrage kommende Literatur umfassend ausgewertet, sondern auch Sammlungsbestände wichtiger deutschsprachiger Technikmuseen herangezogen. Überdies hat er relevante Bestände einschlägiger Archive gesichtet. Dass dabei auch Material verwendet worden ist, an das man nicht sogleich denken würde - Bestände der Baubehörde über das Volksfest „Hamburger Dom“ etwa, oder Unterlagen des Sportamts zum Rudersport und zum Bäderwesen - ist erfrischend und hat das Ergebnis auf eine eigene Weise geprägt. Christian Stadelmann Wien 178 Der Wiener Schlachthof St. Marx Lukasz Nieradzik: Der Wiener Schlachthof St. Marx. Transformation einer Arbeitswelt zwischen 1851 und 1914 (= Ethnographie des Alltags 2). Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2017, 312 Seiten. Wie vieles andere, so nahm auch das moderne öffentliche Schlachthofwesen seinen Ausgang in Frankreich. Nach Anordnungen Napoleon Bonapartes wurden im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Paris fünf Schlachthöfe errichtet. Der Schlachthof in St. Marx bei Wien entstand erst eine Generation später, in den Jahren 1846 bis 1848. Kurze Zeit später wurde ein gesetzlicher Schlachthofzwang verhängt. Er besagte, dass Großhornvieh nun nicht mehr wie bisher in privaten Hinterhöfen und Kollern, sondern in der dafür geschaffenen Einrichtung getötet werden musste. Damit verschwand dieser Vorgang aus dem Alltag der Bewohner. Weitere Wiener Schlachthöfe entstanden in Gumpen- dorf, Döbling, Hernals und Meidling, aber sie reichten in ihrer Bedeutung nicht an St. Marx heran: In den 1880er-Jahren entwickelte sich dieser zum größten Schlachthof Europas. Allerdings erreichte auch er nicht die Dimensionen der entsprechenden Einrichtungen in Nordamerika, etwa in Chicago. In dem vom Autor gewählten Zeitraum erlebte Wien ein starkes Bevölkerungswachstum und damit in Verbindung auch einen deutlichen Anstieg des Fleischkonsums; dabei verlagerte sich der Schwerpunkt allmählich vom Rind- zum Schweinefleisch. Die Zahl der Fleischhauer und -selcher versechsfachte sich bis zum Ausbruch des Weltkriegs. Das Vieh gelangte aus der ganzen Habsburgermonarchie per Bahn in die Millionenstadt. Die Fleischer erwarben die Tiere auf dem Viehmarkt in St. Marx und schlachteten sie anschließend in Kammern des Schlachthofs, die sie gemietet hatten. Im Kontext stellte die Etablierung von Schlachthöfen in den größeren europäischen Städten einen Teil der sogenannten Assanierung dar; diese betraf die Modernisierung der urbanen Infrastruktur und umfasste auch Wasserversorgung, Kanalisation, Abfallbeseitigung und Leichenbestattung. Angesichts der Bedeutung und Größe des St. Marxer Schlachthofs erscheint es verwunderlich, dass dieses Thema bislang keine größere Beachtung gefunden hat. Nieradzik nennt Helmut Lackner als den Verfasser des zuvor einzigen längeren Beitrags über Schlachthöfe in Österreich. Er selbst hat für seine Dissertation, auf der dieses Buch beruht, unter anderem Fleischerzeitungen, das Statistische Jahrbuch der Stadt Wien, Berichte des Tierschutzvereins und Archivalien des Wiener Marktamtes ausgewertet. Nieradzik untersucht neben 179 Scheiben anderem den Wandel des Berufsbildes und des Selbstverständnisses der Fleischer, ferner die Entwicklung der Kühlapparate und die Ausdifferenzierung von Werkzeugen und Maschinen; diese technischen Aspekte sind allerdings etwas kurz geraten. Zur Rationalisierung und Industrialisierung der Fleischverwertung wäre auch ein Blick auf die Geschichte der Abdeckerei (Tierkörperverwertung) nützlich gewesen. So entstand in Kaiserebersdorf östlich von Wien um 1880 eine moderne thermochemische Anstalt anstelle der traditionellen Wasenmeisterei, welche die ökonomische Verwertung von Knochen, Häuten, Fett und anderen tierischen Überresten gewährleistete. Offen bleibt auch die Frage, ob die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in großem Stil einsetzenden internationalen Fleischtransporte etwa aus Argentinien eine nennenswerte Konkurrenz zu den Waren aus St. Marx darstellten. Nieradzik macht kein Hehl daraus, dass er Mitleid mit den Kreaturen hegt, deren millionenfache Tötung in einem zunehmend rationalisierten Umfeld er beschreibt. Er versteht seine Darstellung als (nicht nur historische) Gesellschaftskritik und spricht an einer Stelle von seinem „wissenschaftlichen sowie auch ethischen Bedürfnis“ (S. 65). Man nimmt zur Kenntnis, dass der Autor sich nicht zur Gattung der Karnivoren zählt; immerhin wirken sich seine persönlichen Vorbehalte nicht auf die wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit der Arbeit aus. Jedenfalls stellt sein Buch eine verdienstvolle Arbeit dar, mit einem für eine Doktorarbeit sicher außergewöhnlichen Erkenntnisgewinn. Hubert Weitensfelder Wien Dennis Göttel, Florian Krautkrämer (Hg.): Scheiben. Medien der Durchsicht und Reflexion. Bielefeld: transcript Verlag 201 7, 160 Seiten. Der Band versammelt die Beiträge einer Tagung an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig vom 23. und 24. Jänner 2015. Die insgesamt neun Beiträge mit einer ausführlichen Einleitung geben jeweils unterschiedliche Sichtweisen auf bzw. durch Scheiben wider. Die Bandbreite der behandelten Themen reicht von Untersuchungen von Fotografien und Glasnegativen über 180 Scheiben Bewegtbild im Film bis hin zu tierischen und menschlichen Akteuren hinter Gittern bzw. Scheiben; die Scheibe ist zwar durchsichtig, bildet aber immer eine merkliche Trennung, die zum Teil bewusst eingesetzt wird, aber zuweilen auch eine unbewusste, nicht gewollte Trennung verursacht. Der ursprüngliche Titel der Tagung „Scheiben. Medien der Durchsicht und Speicherung“ (S. 14) wurde für den Buchtitel in „Medien der Durchsicht und Reflexion“ geändert, was nicht nur auf die physische Reflexion von Scheiben anspielt, sondern auch auf das menschliche Reflektieren über das durch die Scheibe Gesehene. Die beiden Herausgeber, die auch gleichzeitig Organisatoren der Tagung waren, geben in ihrer Einführung zunächst einen kurzen Überblick über die Vielfalt der behandelten Themen. Katja Müller-Helle reflektiert in ihrem Beitrag Susan Son- tags Zugang zum Thema Fotografie in derem Schreiben und hält fest, dass der Fotografie eine Doppelfunktion innewohnt: einerseits ist sie Durchsicht auf das Reale und andererseits ermöglicht sie die Transformation des Realen (S. 17). In seinem Text analysiert Ulrich Meurer die Aufarbeitung des amerikanischen Bürgerkriegs anhand des Kunstprojekts von Sally Mann, die mittels Rückgriff auf das historische Nass-Kollodium-Verfahren eine aktuelle Interpretation von alten Kriegsschauplätzen erzeugt. Sie sieht ihre Fotoserie „Battlefields“ als Referenz an das 19. Jahrhundert und die Protagonisten der Kriegsdokumentation. Florian Krautkrämer beleuchtet die Genese von einem ursprünglich unvermeidbaren Problem beim Filmen gegen die Sonne, dem sogenannten Lens Flare. Gemeint sind hier direkt ins Objektiv fallende Lichtstrahlen, die Blendenflecke auf dem aufgenommenen Bild verursachen. Dies wurde mit der Zeit zu einem bewusst verwendeten Stilmittel, um die Durchsicht durch eine Scheibe, hier das Objektiv der Filmkamera, zu visualisieren. Der Beitrag „Gitter - Scheibe. Medien der Tierschaustellung zwischen Transparenz und Opazität“ von Sabine Nessel thematisiert die Integration von Zoos und exotischen Tieren in Filmen. Sie spannt den Bogen vom Genre der frühen Zoofilme zum aktuellen Film „Jurassic Park“ und skizziert darin die Rolle der Scheibe bei der Zurschaustellung von Tieren. Im Medium Film fungiert die Scheibe als transparente Trennung, wird aber erst bei „Störung“ als solche wahrgenommen (S. 106, 112-114). Um menschliche Akteure hinter Glas geht es im Beitrag von Klara Löffler „Im Schaufenster. Arbeiten hinter Glas“. Sie hat den Wandel der Nutzung von Schaufenstern von Wiener Geschäftslokalen untersucht. Bei vielen kleineren Ladenlokalen waren die Schaufenster zumeist guckkastenartig dekoriert, Einblicke in den Innenraum wurden durch Vorhänge oder Paravents verhindert. Das Publikum sollte motiviert werden, das Geschäft zu betreten und die angebotenen Waren zu 181 Selber machen kaufen, der Innenraum war nicht einsehbar. Mit zunehmender Gentrifizierung ändert sich diese Praxis: Die Räumlichkeiten wurden nach Geschäftsauflösung adaptiert und zu Büros bzw. Bürogemeinschaften umgewandelt. Stellte man zunächst die Schreibtische bewusst in die Nähe der Fenster, wurde das „in einem Schaukasten sitzen“ (S. 132) im Laufe der Zeit zunehmend als störend und als Beeinträchtigung empfunden. Dies führte dazu, dass die Arbeitsplätze von den Fenstern weg in den hinteren Bereich des Raumes verschoben wurden. Im Gegensatz dazu setzten neu eingezogene Friseurgeschäfte auf bewusste Einsicht auf ihre Arbeit durch die Glasscheibe. Das Schaufester der Geschäftslokale wird je nach Nutzung als trennendes oder verbindendes Element zur Straße gesehen, so Löfflers Fazit. Insgesamt ist „Scheiben“ ein Buch mit spannenden Beiträgen, die die unterschiedlichsten Blicke auf das Medium (Glas)Scheibe werfen. So sind die Aufsätze nicht nur mediengeschichtlicher Natur, sondern es eröffnen sich dem/der Leserin auch Einblicke in architekturtheoretische Überlegungen (wie etwa bei Klara Löffler) oder auf die Verwendung als technisches Objekt und Kommunikationsmittel (bei Andre Wendler). Einziges Manko sind die in schwarz/weiß gehaltenen Abbildungen; hier wäre es schön gewesen, beispielsweise die Filmstills, auf die Bezug genommen wird, farbig zu sehen. Alles in allem jedoch ein nicht nur für Medienwissenschaftlerlnnen interessantes und empfehlenswertes Buch. Alexandra Wieser Wien Nikola Langreiter, Klara Löffler (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des „Do it yourself“ (= Edition Kulturwissenschaft 90). Bielefeld: transcript Verlag 2017, 350 Seiten. Der Band versammelt Beiträge einer Tagung, die 2015 am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien stattgefunden hat; er wurde durch weitere Texte ergänzt. Zwei der Beitragenden sind seit längerer Zeit mit dem Thema befasst: Reinhild Kreis arbeitet an der Universität Mannheim an einem Habilitationsprojekt zum Thema „Praktiken des Selbermachens“ in Deutschland. 182 Selber machen Jonathan Voges von der Universität Hannover schaffte es mit seiner mittlerweile erschienenen umfangreichen und preisgekrönten Dissertation in die Feuilletons der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der Hamburger „Zeit“. 1 Die Aufsätze umfassen ein weites Spektrum, beispielsweise die Wiederentdeckung der Handspinnerei, den Selbstbau von Musikinstrumenten sowie von hölzernen Masken und Möbeln, Konzepte des „urban farming“ und das Verhältnis des „maker movements“ zum 3D-Druck. Christian Schönholz als Bearbeiter des letztgenannten Themas schildert zunächst die Entstehung der Maker-Bewegung, die am Beginn dieses Jahrhunderts in den USA entstanden ist. Nach ihrem Vorbild gründeten Vertreter jener Szene, die man hierzulande früher gerne als Bastler oder Tüftler bezeichnet hat, auch in europäischen Ländern eine Reihe sogenannter „FabLabs“, und vernetzten sich mit der „Repair“-Bewegung, die ihren Ausgang in den Niederlanden nahm. Ein in diesen Kreisen verbreitetes und viel propagiertes Gerät ist der 3D-Drucker, mit dessen Hilfe auf Basis einer Computersteuerung Schicht für Schicht Material aufgetragen und somit buchstäblich ein vorprogrammierter Gegenstand erzeugt wird. Die Anfänge solcher generativer Fertigungsverfahren reichen in die Mitte der 1980er-Jahre zurück, erst seit relativ kurzer Zeit sind 3D-Dru- cker auch für größere Käuferschichten leistbar. Innerhalb der Maker-Bewegung verbindet sich mit dem 3D-Druck der Anspruch, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts dominierte Massenproduktion gleichartiger Gegenstände durch individuell gefertigte Produkte zu ersetzen und dabei auch die Produktion aus den Fabriken in die Haushalte zu holen. Christian Schönholz wirft einen sehr nüchternen Blick auf diesbezügliche Prophezeiungen. Die gerne angesagte „Revolution“ durch den 3D-Druck, so meint er, scheitere bislang am hohen Zeit- und Materialaufwand, an der eher geringen Größe der herstellbaren Objekte und am Umstand, dass die zur Fertigung verwendeten Werkstoffe - meistens Kunststoffe - beim derzeitigen Stand der Technik keine längere Haltbarkeit der Produkte gewährleisten können. Einen witzigen Zugang finden Benjamin Eugster und Richard Schwarz unter dem sperrigen und ironisch gemeinten Beitragstitel „Vorgelagerte Selbstermächtigung. Autoethnographie einer dinglich-digitalen Bastelübung“. Die Autoren reflektieren über ihre Erfahrungen mit Anleitungen zum Gebrauch eines „Arduino“ und eines „Raspberry Pi“, zwei recht bekannten elektronischen Artefakten, die einfache Schritte des Programmierens ermöglichen; sie beschreiben 1 Jonathan Voges: Selbst ist der Mann. Do-it-yourself und Heimwerken in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 2017. 183 Selber machen gleichermaßen Stolpersteine und Erfolgserlebnisse auf ihrem Weg durch die Instruktionen. In zwei abschließenden Essays beschreiben die Herausgeberinnen Nikola Langreiter und Klara Löffler eine Reihe politischer, ökonomischer, gesellschaftlicher und mentaler Aspekte des Selbermachens, gleichermaßen in der historischen Perspektive und in der Gegenwart. Unter anderem berichten sie über das Aufsehen, das die australische Premierministerin Julia Gillard im Jahr 2013 auslöste, als sie sich für eine Frauenzeitschrift beim Stricken ablichten ließ. Insgesamt vermittelt der Band eine Menge an Eindrücken der Vielschichtigkeit eines nur scheinbar banalen Themas. Es wäre zu wünschen, dass auch für Österreich in absehbarer Zeit eine Monografie zu diesem Thema erscheint. Hubert Weitensfelder Wien 184 UtjüOftt*' ■ -W.V- uiUO^j P*PP IT Autorinnen und Autoren Florian Bettel Dl Dr., Senior Scientist an der Universität für angewandte Kunst Wien, Institut für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung. Er ist Teil der interdisziplinären Forschungsgruppe „The Entanglement between Gesture, Media and Politics“ (Volkswagen Stiftung, 2017-2018), die die Wechselwirkungen zwischen Gesten und allgegenwärtigen, global vernetzten Technologien untersucht (gesture-media-politics.de), und Leiter des Projekts „Portfolio/Showroom - Making Art Research Accessible“ (portfolio-showroom.ac.at). Arbeitsschwerpunkte: Themen der Technikgeschichte, Kultur(en) des Wohnens, Sepulkralkultur sowie künstlerische und kuratorische Tätigkeiten. Tilo Grenz Dr., Universitätsassistent (post doc) am Institut für Soziologie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte und -bereiche: neuere Wissenssoziologie, Digitalisierung und Organisationen, materiale Kultur und prozessorientierte Methoden und Methodologien. Letzte Publikationen: „Unraveling the App Store: Toward an Interpretative Perspective on Tracing”, International Journal of Communication (zusammen mit H. Kirschner) Azra Korjenic Associate Prof. Dl Dr. techn., arbeitet als Hochschullehrerin und Forscherin an der Fakultät für Bauingenieurwesen am Institut für Hochbau und Technologie der TU Wien. Langjährige Ausbildung, Erfahrung und Kompetenz im gesamten Bereich Bauphysik, ökologisches und innovatives Bauen, Smart und Green Buildings & Cities und Energie- 187 effizienz. Im Rahmen ihrer Beschäftigung an der TU Wien ist sie in viele Forschungsaktivitäten und wissenschaftliche Tätigkeiten auf nationaler und internationaler Ebene involviert. Ehrungen: „Scientific Excellence Award” mit Ehrenmedaille, Umweltpreis 2013, VCE - Innovationspreis für Exzellenzforschung im Ingenieurbau 2013, Energy Globe Wien 2015 für das Projekt „Eco-Freiland Prüfstand“, Ehrung International Burch University 2016, Ehrenmedaille 2017, Energy Globe Wien 2017 für das Projekt „GrünPlusSchule“ etc. Publikationsliste: http:// pub-bi.tuwien.ac.at/publist.php3?lang = 1 &inst=7& abt=54&pers= 146&sort= 1 &inv= 1 &num=1 &ext= 1 Peter Payer MMag. Dr., Historiker und Stadtforscher, Kurator im Technischen Museum Wien (Sammlungsbereich „Alltag“, 2007-2013 Leitung). Vorstandsmitglied des Vereins für Geschichte der Stadt Wien und des Österreichischen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung. Führt ein Büro für Stadtgeschichte und arbeitet als Autor für zahlreiche Fachmedien und Zeitungen. Forschungsschwerpunkt: Stadt-, Alltags- und Sinnesgeschichte. Aktuelle Publikationen: Der Klang der Großstadt. Eine Geschichte des Hörens, Wien 1850-1914 (Böhlau Verlag 2018), Auf und Ab. Eine Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien (Brandstätter Verlag 201 8). Johannes Sima Dl Dr., Hofrat i.R., Architektur- und Doktoratsstudium an der Technischen Universität Wien. Tätigkeit als freischaffender Architekt und Universitätsassistent am Institut für Kunstgeschichte und Denkmalpflege, 1993 Eintritt in das Bundesdenkmalamt, Leiter der zentralen Fachabteilung für Architektur und Bautechnik. Bundesweite Befassung mit den 188 vielfältigen Aufgaben im Umgang mit Baudenkmalen zum Zweck deren Erforschung und authentischer Erhaltung, Erstellung von Richtlinien und Standards für die Baudenkmalpflege. Seit 2017 im Ruhestand, weiterhin Lehrtätigkeit für den Fachbereich „Bauen im Bestand“ an der TU Wien und der FH Kärnten. Mitglied des Beirats für Baukultur des Bundeskanzleramts. Christian Stadelmann Mag., Studium der Volkskunde in Wien. Zunächst freiberufliche Tätigkeit im Publikations-, Ausstel- lungs- und Archivbereich, seit 2008 am Technischen Museum Wien als Kustos beschäftigt; seit 2013 Leiter des Sammlungsbereichs „Alltag“. Kuratorische Arbeit unter anderem zu den Themen Human Enhancement, Körperüberwachung, Roboter, Arbeit und Mitmachausstellungen. Derzeitige Interessens- und Forschungsschwerpunkte: technikgeleitete Verbesserung des Menschen, Religiosität und Politik. Anna Vaskova Dl Dr., Projektassistentin an der TU Wien - Fakultät für Bauingenieurwesen - Institut für Hochbau und Technologie. Im Jahr 2008 hat sie das Masterstudium an der Technischen Universität in Kosice, Fakultät für Bauingenieurwesen in der Slowakei als Diplomingenieurin mit Anerkennungspreis abgeschlossen. 2008 bis 2012 war sie in der Forschung, Lehre und Kooperationen auf internationalen Niveau tätig und hat ihre Dissertation an der TU Kosice und unter Mitbetreuung der Professorin Azra Korjenic (TU Wien) erfolgreich abgeschlossen. 2013 hat sie die Fachausbildung für Experten im Bauwesen und 201 6 die Hochschulbildung für Ingenieurausbildung - Ingenieur Pädagogik erfolgreich abgeschlossen. 189 Forschungsschwerpunkte: Hochbau, Bauphysik, Baukonstruktionen, Sanierung von Gebäuden, Gebäudetechnik, ökologisches und innovatives Bauen und Baubegrünungen. Hubert Weitensfelder Univ.-Doz. Dr., Studium der Geschichte und Germanistik an den Universitäten Innsbruck und Graz. Betreut seit 2000 den Sammlungsbereich Produktionstechnik am Technischen Museum Wien. 2002 Habilitation am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Regionalgeschichte, Kulturgeschichte der Technik. Publikationen (in Auswahl): Die großen Erfinder (2009), Technikgeschichte. Eine Annäherung (2013). 190 783903 242029