ÖSTERREICHISCHES FORSCHUNGSINSTITUT FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK IN WIEN BLÄTTER FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK ERSTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: DR. ING. L. ERHARD MIT 8 TAFELN UND 88 TEXTABBILDUNGEN WIEN VERLAG VON JULIUS SPRINGER • 1932 BLÄTTER FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK ÖSTERREICHISCHES FORSCHUNGSINSTITUT FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK IN WIEN BLÄTTER FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK ERSTES HEFT SCHRIFTLEITUNG: Dr. ING. L. ERHARD MIT 8 TAFELN UND 88 TEXTABBILDUNGEN WIEN VERLAG VON JULIUS SPRINGER • 1932 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, Vorbehalten Printed in Austria Vorwort. Österreich birgt dank seiner Lage im Herzen Europas, seiner Bodenverhältnisse, seiner werktätigen Bevölkerung und seiner geschichtlichen Entwicklung eine Fülle technischen Kulturgutes. Um diesen Schatz zu heben, wurde das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik ins Leben gerufen. Das dem Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien angegliederte Institut hat am 1. Juli 1931 seine Tätigkeit begonnen und tritt nun mit dem ersten Heft der „Blätter für Geschichte der Technik“ an die Öffentlichkeit. Weitere Hefte erscheinen in zwangloser Folge. — Diese Blätter sollen Bausteine zur Technik-Geschichte sammeln und den beteiligten Kreisen des In- und Auslandes eindringlich vor Augen führen, daß in Österreich nicht allein Künste und Geisteswissenschaften, sondern vielmehr auch die schöpferischen Kräfte der Technik und des Ingenieurwesens seit altersher in Blüte stehen. Wien, im August 1932. Der Institutsleiter: L. ERHARD Inhaltsverzeichnis. Seite Vorwort der Institutsleitung. Die Kulturverbundenheit der Technik. Von Heinrich Srbik, Wien . 1 Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. Von Ludwig Erhard, Wien. 3 Der Schutz der technischen Denkmale in Österreich. Von Karl Holey, Wien .. 25 Österreich als Ingenieurland: Einleitung .'.. 33 Das Bergwesen Österreichs. Von Josef Fuglevicz, Leoben... 34 Das Hüttenwesen Österreichs. Von Othmar Keil-Eichentiiurm, Leoben .. 36 Österreichs Wasserbau. Von Eduard Merlicek, Wien . 37 Österreichs Energiewirtschaft. Von Friedrich Brock, Wien . 43 Das österreichische Verkehrswesen. Von Bruno Enderes, Wien. 47 Technologie. Von Ernst Stelzer, Wien . 55 Technisch-wissenschaftliche Institutionen. Von Otto Kunze, Wien. 59 Die Gold-, Silber-, Blei- und Kupfergewinnung in urgeschichtlicher Zeit der österreichischen Alpen. Von Georg Kyrle, Wien. 63 Thyrsenblut. Von Franz Sedlacek, Wien. 73 Der Geistschacht am Röhrerbühel in Tirol. Von Guido Hradil, Innsbruck .... 81 Altösterreichische Münzstätten. Von August Loeiir, Wien . 91 II as well und seine dampf-hydraulischen Schmiedepressen. Von Arno Demmer, Wien . 97 Zur Geschichte des österreichischen Edelstahles. Von Otto Böhler und Hans Schwoiser, Wien. 103 Sondergewerbe in der Eisenwurzen. Von Karl Tänzer, Wien . 110 Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. Von Heinrich Posen- deiner, Klosterneuburg. 128 Bedeutende Holzbringungsanlagen des 12. bis 19. Jahrhunderts in Österreich. Von Leo Hauska, Wien. 138 Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft. Von Eduard Merlicek, Wien. 146 Alte Salzwege vom Salzkammergut nach Böhmen: Der Weg des Salzes von Hallstatt nach Linz. Von Carl Schraml, Linz . . . 158 Der Weg des Salzes von Linz bis Budweis. Von Josef Sames, Linz. 166 Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich. Persönliche Erinnerungen von Friedrich Drexler, Wien..*.... 175 Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik. Von Hans Pfeuffer, Wien. 182 Fritz Franz Maier und seine Schiffsform. Von Emo Descovicii, Wien. 192 Mitteilungen und Berichte: Gründungsgeschichte des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. Von Sigmund Brosche, Wien. 199 Das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik. Aktenmäßig dargestellt von der Institutsleitung. 204 Ein altes Wendeltreppen-Modell im Salzburger Museum. Von Julius Lei- sciiing, Salzburg . 208 Bibliographie zur Geschichte der Technik Österreichs. Im Aufträge des Forschungsinstitutes zusammengestellt von Adolf Biiil, Wien. 210 PS w; sa'HttM' lif* .vt i>.i \t.'i L 4:v »a**» «? »•j(v k/ y,i» .‘fllTbgtt. v V*f Die Kulturverbundenheit der Technik, Von Minister a. D. Professor Dr. Heinrich Srbik . 1 Durch die Gründung eines Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik ist nun auch in Österreich den Wünschen weiter Kreise wirtschaftlichen wie auch wissenschaftlichen Berufslebens Rechnung getragen worden. Angesichts dieser Tatsache sind in mir einige allgemeine Erwägungen neuerdings lebendig geworden; ich darf sie wohl hier Vorbringen, da ich selbst vor Jahren mich intensiv mit historischen Studien befaßt habe, die in das Gebiet der Geschichte der Technik eingegriffen haben. Es ist nicht allzu lange her, daß man die Bedeutung einer Rückschau auf die technischen Entwicklungsreihen der Vergangenheit für ein reiferes Verstehen der Menschheitsgeschichte überhaupt erkannt hat. Denkt man an die Zeit vor etwa 30 Jahren zurück, so tritt uns eine tiefe Fremdheit der fachlichen Geschichtsforschung und der technischen Wissenschaften entgegen. Wenige Berufshistoriker nur wandten ihr Interesse und ihre Tätigkeit dem Gebiete der technischen Kultur zu und wenige Techniker nur hegten das innere Bedürfnis, sich mit der Geschichte ihrer eigenen Wissenschaft zu befassen; unter diesen wenigen Technikern aber waren jene vollends spärlich gesät, die von entwicklungsgeschichtlichem Gesichtspunkte aus ihre Aufgabe ergriffen und so den Weg beschritten, der — wie Hofrat Erhard anläßlich der Ausstellung in der „Albertina“ mit Recht* betont hat — der einzige wahrhaft wissenschaftliche ist. Diese Kluft zwischen Geschichte und Technik ist ein Ergebnis der Differenzierung und Spezialisierung der Wissenschaften, die uns das 19. Jahrhundert gebracht hat und die allzu viele vergessen ließen, daß die Wissenschaft eine große geistige Einheit bildet, die allerdings weitgehende Arbeitsteilung erfordert, deren Wesen aber eine völlige Auflösung in Teildisziplinen nicht zuläßt. Es ist nun ein höchst bedeutsames Zeichen der Wandlungen des Zeitgeistes, daß man sich seit mehreren Jahrzehnten hüben und drüben, auf der Seite der technischen Wissenschaften wie auf der Seite der Berufshistorie, mehr und mehr der gemeinsamen geistigen Fundamente und des Einigungsbandes gemeinsamer Aufgaben bewußt wird. Wie der Positivismus und Materialismus 1 Dieser Beitrag gibt eine Rede wieder, die Prof. Dr. Srbik als Bundesminister für Unterricht bei der Eröffnung der Ausstellung „Österreichs Technik in Dokumenten der Zeit“ am 19. September 1930 in der „Albertina“ gehalten hat. Geschichte der Technik, H. 1. 1 2 Heinrich Srbik: Die Kulturverbundenheit der Technik. der Weltanschauung im allgemeinen einer neuen Einschätzung des Unwägbaren und Unmeßbaren weicht, so tritt auch die Einheitlichkeit menschlicher Kultur in dem weitesten Bereich des Sinnlichen und Übersinnlichen und demzufolge auch die Einheitlichkeit der Wissenschaft wieder stark in unser Bewußtsein. Überblicken wir im Geiste die einzelnen Entwicklungsreihen der Technik, so tritt uns auch sogleich die unlösbare Verklammerung der technischen Kultur mit den anderen Kulturbereichen geistiger, sozialer, materieller Natur entgegen. Verfolgen wir etwa die Geschichte der technischen Kriegsinstrumente an der Hand der Dokumente, so erhebt sich sofort das große Problem der kulturschaffenden und kulturzerstörenden Punktion des Krieges in der österreichischen, der deutschen, der Menschheitsgeschichte; blicken w r ir auf die Schriften der großen Kameralisten der Zeit Leopolds I., eines Becher, Hörnigk und Schröder, so sehen wir mit dem geistigen Auge ein Stück Geschichte der Nationalökonomie; betrachten wdr das reiche Material, das die Geschichte der Bergbautechnik bietet, so werden wir zugleich auf die Finanzgeschichte und die Geschichte der Unternehmungsform und der Rechts- und Wirtschaftslage der Berg- und Hüttenarbeiter hingewiesen. Das sind nur Beispiele, die uns zeigen, wie sehr jede Geschichte eines Kulturbezirkes die der anderen Kulturbereiche erfordert. Ein solcher Umblick lehrt uns aber auch anderes: die Beseeltheit der technischen Schöpfung durch den Geist des schaffenden Einzelmenschen und die relative Bindung des Individuums durch seine Zeit. Sie führt uns bei dieser Betrachtungsweise zu dem eigentlichen Zentrum aller Geschichte, dem Menschen selbst hin, führt uns zur Höhe und zur Tragik des Menschen und gewännt dadurch schließlich auch seelische, gemüthafte Werte. Sie zeigt den Triumph des Genius des einzelnen in den großen Erfindungen, zeigt aber auch, wäe dieser einzelne gefesselt ist durch das geistige und ökonomische Entwicklungsstadium seiner Zeit und w r ie es das Schicksal vieler schöpferischer Geister wmrde, von den Mitlebenden verkannt zu w r erden, anscheinend fruchtlos den harten Lebenskampf zu kämpfen und erst von der Nachwelt gewürdigt zu w r erden. Über die Höhe und Tiefe des Einzeldaseins hinaus aber erwachst uns die allgemeine Wahrheit, daß der Weg zur Erkenntnis über den Irrtum führt und daß nichts verfehlter ist, als stolz auf die eigene Stufe des Wissens und Schaffens über die Vergangenheit sich zu erheben: Der Weg zur Astronomie führte über die Astrologie, der Weg zur Chemie führte über die Alchimie. Ich darf in diesem Zusammenhang vielleicht auf das Büchlein des genannten Becher ,,'Weise Narrheit und närrische Weisheit“ aufmerksam machen — eine Lektüre, die, wie wenige, nachdenksame Geschichte der Technik zu lehren geeignet ist. Die Geschichte greift ins Leben ein und erhält wertvollste Impulse durch das Leben; die Technik dient der Gegenwart und Zukunft der Menschheit, aber auch sie beruht auf geschichtlicher Basis. Vergangenes, Heutiges und Morgiges sind eine ungebrochene Kette und jede Einzeltatsache in der Geschichte aller Wissenschaften stellt ein Kettenglied in der Gesamtgeschichte menschlicher Kultur dar. Die Aufgabe des Historikers der Technik ist schwer. Er soll geschichtliches Denken und geschichtliche Forschungsmethode zu eigen haben und soll zugleich die technischen Wissenschaften beherrschen. Aber ist diese Aufgabe nicht auch eine hohe und stolze, des heißesten Mühens w'ert ? Ludwig Erhard: Zur Entwicklungsgesclii elite der Technik. 3 Die Gedanken, die ich ausgesprochen habe, können keinen Anspruch auf Originalität erheben; sie sollten nur zeigen, wie sehr ich aus tiefster innerster Überzeugung das Bemühen um die Geschichte der Technik willkommen heiße und wie sehr ich daher auch die reiche Initiative und die Opferwilligkeit begrüße, die zu der Schaffung eines österreichischen Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik geführt haben. Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. Von Dr. Ing. E. h. Ludwig Erhard . 1 Das Gigantische ist nur dann groß, Wenn es innere Werte zeitigt. Die neuzeitige Technik brachte in der Güterherstellung und im Verkehr die größten Umwälzungen hervor, die sich je auf Erden vollzogen haben. Im Zeitalter der allgemeinen Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit steht aber die Frage, ob die Großtaten der Technik der Menschheit zum Fluch oder zum Segen gereichen, durchaus offen, und inmitten des Triumphzuges der Technik vernimmt man immer deutlicher den Angstruf des Zauberlehrlings: „Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los!“ Angesichts dieser zwiespältigen Meinung über das Wesen und den Wert der Technik erwächst der Geschichtsforschung die Aufgabe, die stufenweise Entwicklung der einzelnen technischen Gebiete und deren kulturellen Auswirkungen sachgemäß darzulegen, um dadurch schließlich zu einem zuverlässigen Werturteil über die Technik selbst zu gelangen. Während aber die Geschichte aller anderen Kulturerscheinungen über eine unübersehbare Fülle von Veröffentlichungen, Büchereien, Lehrstühlen und Forschungsstätten verfügt, klafft hinsichtlich der Entwicklungsgeschichte der Technik noch immer eine offene Lücke. Es bestehen zw r ar schon höchst beachtenswerte Beiträge zur Geschichte der Technik und auch Karteien, w r elche die Einzeltatsachen beschreiben und nach Fächern ordnen, ferner geschichtliche Darstellungen über bestimmte Industriezweige sowie wertvolle Lebensbilder über Pioniergestalten der Technik. Einige technisch-philosophische Schriften haben auch schon das denkhafte Durchdringen der gesamten Technik von einem Punkte aus versucht, doch eine zusammenfassende Entwicklungsgeschichte der Technik fehlt noch immer. Die technische und die historische Denkweise. Der Mangel einer technischen Universalgeschichte rührt w r ohl hauptsächlich davon her, daß die Historiker vom Fach im allgemeinen den technischen Wissen - 1 Der Verfasser ist sieh bewußt, daß seine liier dargelegten persönlichen Anschauungen über das Eigenleben und den Eigenwert der Technik nicht in allen Punkten mit den Meinungen der Fachhistoriker und Kulturphilosophen übereinstimmen. l* 4 Ludwig Erhard schäften zu ferne stehen, um zum innersten Wesenskern der Technik vorzudringen, und daß anderseits die Techniker selbst als „Schmiede der Zukunft“ ihr Hauptaugenmerk mehr auf die kommenden Dinge als auf die geschichtliche Entwicklung der Technik zu richten pflegen. Dazu kommt noch der erschwerende Umstand, daß die historische Einstellung sich von der technischen Geistesrichtung grundsätzlich unterscheidet; ja sogar der Elementarbegriff „Zeit“, der jeder geschichtlichen Begebenheit, aber auch jedem technischen Vorgang zugrunde liegt, besitzt für den Techniker eine ganz andere fachliche Bedeutung als für den Historiker. Wenn nämlich der Techniker von einer Kilowatt-Stunde spricht, so bedeutet diese „Stunde“ für ihn lediglich eine Maßeinheit, eine rechnerisch zu erfassende, stets wiederholbare Zeitspanne; wenn dagegen der Historiker die entscheidende Schicksals-Stunde in der Entwicklung eines Volkes darlegt, so umfaßt diese „Stunde“ etwas Einmaliges, Unwiederbringliches und Schicksalhaftes im Zeitenablauf der Geschichte. Der Historiker beobachtet die Zeitrichtung, wogegen der „Pfeil der Zeit“ den Techniker bei seinen Entwürfen nicht anficht. In der Gedankenwelt des Technikers spielen vielmehr die durch das Maschinenwesen bedingten „geschlossenen Arbeitsprozesse“, wobei nach der Beendigung eines Vorganges stets wieder der ursprüngliche Anfangszustand erreicht wird, eine überaus wichtige Rolle, und auch die vielbesprochene Eintönigkeit und Gleichförmigkeit der Maschinenarbeit rührt von diesen rückläufigen Prozessen her. — Einen Sonderfall solcher technischen Vorgänge bilden die „umkehrbaren Prozesse“, die sich namentlich auf dem Gebiete der Mechanik, Thermodynamik und Elektrotechnik abspielen und auf der Wandelbarkeit der Energieformen beruhen. Grundsätzlich anders verhält sich der Vorsehung gegenüber die Geschichte der Lebewesen und ihrer Entwicklung. Der Kultur- und Naturhistoriker hat sich vorwiegend mit einsinnig verlaufenden „offenen Entwicklungsprozessen“ zu befassen, und für ihn ist daher die Zeitenfolge sowie die Bestimmung der jeweiligen Zeitstellung von grundlegender Bedeutung. Zum Naclrweis eines solchen offenen Prozesses mag die Menschheitsentwicklung in Westeuropa dienen. Nach dem Untergang der Neandertalrasse folgte hierbei im Zeitraum vor 35000 bis vor etwa 15000 Jahren v. Chr. das spät-paleolithische Zeitalter mit rohen Steinwerkzeugen sowie den Anfängen der Plastik und der Malerei. Eine höhere Stufe erklomm dann die Menschheit während des neolithischen Zeitalters von etwa 12000 bis 5000 v. Chr., das schon polierte Stein Werkzeuge, Töpferei, Flecht- und Webearbeiten, Pfahlbauten, Ackerbau und Viehzucht kannte. Nach dem Ablauf des Steinzeitalters traten schließlich die bestehenden Rassen zutage, die etwa seit 3000 v. Chr. die Bronze und etwa seit 1000 v. Chr. das Eisen in Verwendung nahmen. — Jedem absterbenden Zeitalter folgt also eine neue, mit besonderen Merkmalen ausgestattete Entwicklungsstufe, die eine reichere Differenzierung und einen höheren Kulturstand aufweist als die vorhergehende. Da gibt es nur Aufstieg oder Verfall, aber niemals eine Umkehr, niemals ein Zurück. Die grundsätzliche Verschiedenheit zwischen den stets und allerorts gültigen Naturgesetzen einerseits und den zeitbedingten, einsinnig gerichteten Entwicklungsgängen der Geschichte anderseits hat schon Kant in seinen erkenntnistheoretischen Schriften hervorgehoben, indem er die konstitutiven von den regulativen Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. 5’ Prinzipien trennt. Nach Kants „Kritik der reinen Vernunft“ erweitern die konstitutiven Gesetze unsere Erkenntnisse, die regulativen Gesetze dagegen ordnen unsere Erfahrungen. — Als erhabenstes Beispiel eines allgemein gültigen konstitutiven Prinzips ist wohl das von R. Mayer 1842 und H. Helmholtz 1847 dargelegte Gesetz von der „Erhaltung der Energie“ anzusehen. Dieses Gesetz faßt alle Umwandlungsprozesse der Naturkräfte zu einer einzigen, großartigen Synthese zusammen, welche, wie aus der nachstehenden Tabelle zu ersehen ist, die gesamte Technik durchdringt. Energie-Umwandlungen. Untenstehende Energieformen werden umgewandelt in nebenstehende: 1. Mechanische Arbeit 2. Wärme und Licht 3. Elektrische ; Energie 4. Chemische Energie 1. Mechanische Arbeit 1—1 Hebezeuge wandeln zugeführte mechanische Energie in Hebearbeit 1—2 Feuer quirl wandelt Reibungsarbeit in Wärme 1—3 Dynamomaschinen wandeln mechanische Arbeit in elektrische Energie 1—4 Ammoniakgewinnung aus Stickstoff und W asserstoff durch Druckvermehrung o. Wärme und Licht 2—1 W ärme- motoren wandeln Wärme in mechanische Arbeit 2—2 Gasglülilicht wandelt mittels des Glühnetzes dunkle Wärme in Licht 2—3 Thermoelemente wandeln Wärme in elektrische Energie 2—4 Photographie. Chem. Veränderung lichtempfindlicher Schichten 3. Elektrische Energie 3—1 Elektromotoren wandeln elektrische Energie in mechanische Arbeit 3—2 Elektr. Lampen wandeln elektr. Energie unter W ärmeentwick- lung in Licht 3—3 Transformatoren wandeln elektrischen Strom in solchen von anderer Spannung 3—4 Akkumulatoren wandeln beim Laden elektr. Energie in chem. Energie 4. Chemische Energie 4 — 1 Dynamit wandelt beim Zerknallen chemische Energie in Sprengarbeit 4—2 Feuerungsanlagen wandeln durch Verbrennen chemische Energie in W ärme 4—3 Akkumulatoren wandeln beim Entladen ehern. Energie in elektr. Energie 4—4 Salpetersäuregewinnung durch katalytische Oxydation des Ammoniaks Das Gesetz von der Erhaltung der Energie besagt, daß die technischen Vorgänge auf einem steten Kreislauf derselben Grundstoffe und Grundkräfte beruhen. Mit anderen Worten: Energie kann weder geschaffen noch vernichtet, sondern 6 Ludwig Erhard nur aus einer Erscheinungsform in eine andere umgewandelt werden. Das Energiegesetz lehrt also die ewige Wiederkehr des Gleichen und deshalb lassen sich auch chemische und physikalische Prozesse rechnerisch erfassen und durch mathematische Gleichungen versinnlichen. Auf Grund dieses konstitutiven Gesetzes vermag der Ingenieur, einem modernen Propheten gleich, künftige Dinge, wie z. B. die Unmöglichkeit des Perpetuum mobile, vorauszusagen, oder den Entwurf eines Bauwerkes, die Anordnung und den Lauf einer Maschine, oder das Ergebnis eines technischen Verfahrens mit Sicherheit vorauszubestimmen. — Die Richtlinien der Geschichte und der Entwicklungslehre sind dagegen der kausalen Forschungs- weise im physikalischen Sinne nicht zugängig; ihre regulativen Gesetze können daher nur rückschauend und tastend durch entsprechende Quellenstudien, Überlieferungen und Erfahrungen festgestellt w r erden. Als Beispiel eines solchen regulativen Leitsatzes sei hier nur das von E. Haeckel aufgestellte „Biogenetische Grundgesetz“ genannt, w r onach die Formenreihe, die ein Lebewesen während seiner Entwicklung von der Eizelle bis zum ausgebildeten Zustand durchläuft, eine kurze Wiederholung jener Formenreihe darstellt, die seine Vorfahren von den ältesten Zeiten her durchlaufen haben. Diese biogenetische Regel gilt zwar nur mit Einschränkungen, leistet aber bei der rückschauenden Erforschung der Abstammung gute Dienste. Sichere Weissagungen für die Zukunft vermag man auf Grund derartiger regulativen Gesetze ebensow'enig abzuleiten, wie sich etwa das Auftreten eines bahnbrechenden Genies vorher bestimmen läßt. Auch die Geschichte der Technik kann nur solche regulativen Leitsätze zutage fördern, die zwar keine unverbrüchliche Richtschnur für das künftige technische Geschehen darbieten, aber doch immerhin die innere Ordnung und eine gewisse Einheitlichkeit des verwickelten Werdeganges der Technik aufzuhellen und dadurch deren Wunderw r elt auch dem Fernerstehenden faßbar vor Augen zu führen vermögen. Erst wenn an Stelle des gedankenlosen Bestaunens der aufsehenerregenden Errungenschaften der Technik eine genauere Erkenntnis über den oft mühevollen, langwierigen und gefährlichen Weg des Geistes in der Technik tritt, erst dann kann die technische Arbeit einen bestimmenden Einfluß auf die geistige Verfassung und die Denkart weitester Kreise gewinnen. Auf diesen verschlungenen Pfaden des technischen Aufstieges soll aber die Geschichte der Technik als kundige Führerin vorangehen. Der Grundgehalt der Technik. Obwmhl nun die Technik so alt ist wie das Menschengeschlecht selbst, so reichen doch die Bestrebungen, das technische Geschehen aus einheitlichen und übergeordneten Gesichtspunkten zu erklären, nicht sehr w'eit zurück. Als einer der ersten suchte E. Kapp 1 das Walten der Technik nach naturphilosophischen Gedankengängen aufzubauen. Gemäß seiner Lehre von der „Organprojektion“ sind alle Technismen schon im menschlichen Körper derart vorgebildet, daß sie der Erfindungsgeist nur in die Welt hinauszuprojizieren braucht. Die Orgel z. B. wäre nach Kapp etw r a als eine außerkörperliche Materialisation des menschlichen Stimm- 1 E. Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. Braunschweig 1877. Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. 7‘ organs samt Brustkorb, Kehlkopf und Mundhöhle aufzufassen. Derartige scheinbiologische Anschauungen spuken manchmal noch heute in den Köpfen von Erfindern herum, die da glauben, der technische Fortschritt fuße vornehmlich auf der genauen Nachahmung pflanzlicher oder tierischer Vorbilder, während sich die Technik als gestaltende Wissenschaft geradezu in entgegengesetzter Richtung entwickelt und sich immer mehr vom Gebrauch organischer Stoffe und Bewegungen entfernt. — Eine andersartige Auffassung der Technik stammt von dem angesehenen Historiker Karl Lamprecht 1 her, welcher die Technik als eine Frucht der Wirtschaft und der Bedarfsdeckung, wie folgt, hinstellt: „Ein Blick auf die Beziehungen zum Wirtschaftsleben zeigt, daß die Technik im Verhältnis zur Wirtschaft bei weitem mehr der geschobene, statt der schiebende Teil war und ist. Das Wirtschaftsleben ist in seinen Anfängen älter als die mechanische Technik. Wirtschaftliche Motive haben also die Entfaltung der Technik mithervorgerufen und nicht die Technik hat überwiegend die Wirtschaft beeinflußt.“ Die Herrschaft der Wirtschaftsführer über einzelne Zweige der Technik trifft wohl in manchen Fällen zu; anderseits ist es aber doch schon offensichtlich geworden, daß die bahnbrechenden Erfindungen der letzten Jahrzehnte, wie die Wärmekraftmotoren, die Elektrotechnik, das Kraftfahrwesen und die Luftfahrt, die Röntgentechnik, die Radiotechnik, die Herstellung kostbarer Färb- und Arzneistoffe aus geringwertigem Teer und zahlreiche andere technischen Errungenschaften, völlig neuartige, vordem nicht einmal geahnte Industrie- und Wirtschaftszweige hervorbrachten. Auf Grund dieser Erfahrungen hat der Nationalökonom J. Wolf 2 die wirtschaftliche Bedeutung der technischen Schöpferkraft besonders hervorgehoben und die „technische Idee“ den übrigen klassischen Produktionsfaktoren, nämlich Natur, Arbeit und Kapital, völlig gleichgestellt. — Und wenn auch die Technik heute noch vielfach in bindenden Dienstverhältnissen zu anderen übergeordneten Mächten steht, so ist diese Abhängigkeit gegenwärtig doch nicht mehr so drückend wie etwa zur Zeit der altnordischen Sage, da der mächtige König Nidung den kunstreichen Schmied Wieland durch Zerschneiden der Fußsehnen an seinen Hof zu fesseln suchte. Der kundige Schmied ersann aber Schwingen und entflog mitsamt der Königstochter in die Lüfte. Wieland, den Schmied, sollte die Technikerschaft als ihren Ahnherrn anerkennen und verehren. Friedrich Dessauer 3 hält die Technik für die größte Macht der Menschheitsgeschichte und verlegt in Anlehnung an die drei Reiche der KANTschen Philosophie den Urgrund der Technik in ein „viertes Reich“, das alle technisch realisierbaren, ihres Finders harrenden Ideen umfaßt. Das eigentliche technische Schaffen, das Erfinden, ist nach Dessauer ein Herüberholen vorbestimmter, eindeutiger Formen aus diesem Reiche der Bereitschaft in unseren Lebensbereich sinnlicher Wahrnehmung. Die Gestalten des „vierten Reiches“ steigen in unser Dasein nach einem Plane hernieder, den Menschenhirne und Menschenhände gemäß einem inneren Befehl vollziehen. Es ist wie ein großes Erlösungslicht, das gleichsam von einem Himmelsdom einrieselt. 1 K. Lamprecht, Zur jüngsten deutschen Vergangenheit. 2. Bd., Freiburg i. B. 1903. 2 Wolf, Die Volkswirtschaft, Leipzig 1912. 3 F. Dessauer, Philosophie der Technik. Bonn 1927. 8 Ludwig Erhard Dieser übersinnlichen Gedankenwelt Dessauers stehen die erdennahen Anschauungen von Naturforschern und Biologen über das Wesen der Technik gegenüber. Schon Benjamin Franklin nannte den Menschen zum Unterschied von den übrigen Geschöpfen „Tool making animal“, das „Werkzeug schaffende Lebewesen“, auch P. Alsberg 1 bezeichnet die Bildung außerkörperlicher Arbeitsbehelfe geradezu als das „Menschheitsprinzip“, und der Wiener Biologe Berthold Hat- schek führt neuerlich in einer seiner Abhandlungen wörtlich aus: „Erst mit der Schaffung des Werkzeuges betritt der Mensch den neuen Weg seiner Entwicklung. Hierzu befähigt ihn nicht nur die Hand, die das Werkzeug formt, sondern vielmehr noch das Gehirn, das das Werkzeug ersinnt. Werkzeuge sind Organe, die wir außerhalb unseres Körpers uns selbst schaffen. Das Beil, der Pflug, die Waffe sind derartige außerkörperliche Organe. Mit den unscheinbarsten Anfängen hat die Herstellung solcher Werkzeuge begonnen. Dieselbe Hand, die die Nahrung ergreift, faßt auch den Faustkeil als Waffe und Hammer. Später folgt die einfachste Bearbeitung der Steine zu Steinwerkzeugen, nach denen wir ja die Steinzeitepoche benennen. Die Verbesserung der Werkzeuge geschieht zunächst langsam und führt schließlich zu einem lawinenartigen Anwachsen der technischen Fortschritte, die unser gegenwärtiges Zeitalter kennzeichnen. So ist eine völlig andersartige Welt von Organen entstanden, wogegen die Natur darauf verzichtete, an unserem Körper neue Organe zu bilden.“ In der Tat weist der menschliche Körper namentlich in seinen Sinnesorganen eher Verfallserscheinungen als Entwicklungsfortschritte auf; allein dieser Mangel der „Organismen“ ward durch die Schaffung von außerkörperlichen „Technismen“ reichlich aufgew r ogen, ja sogar oft in das Gegenteil gewandelt, denn die Technik steigert durch die Bildung leibfremder Organe die menschlichen Fähigkeiten ins Ungemessene. An die Stelle der Naturentwicklung ist eben beim Menschen die technische Vervollkommnung getreten. Beim Hervorbringen neuer technischen Gebilde verfährt nun der erfindende Menschengeist in ähnlicher Weise wie die schöpferische Natur beim Schaffen neuer Organismen. Hier wie dort entsteht jedesmal aus den gegebenen Bausteinen ein Neugebilde, ein „Plus“ in der Schöpfung, das weit mehr vermag als die einzelnen Elemente, aus denen es zusammengesetzt ist. — Die Technik ist eben nicht bloß angewandte Naturkunde, sie ist vielmehr eine schöpferisch gestaltende Wissenschaft, die ihren eigenen Entwicklungsgang verfolgt. Die Natur bringt nur in ungeheuren Zeiträumen körperliche Veränderungen und Verbesserungen an ihren Geschöpfen außerhalb der Bewußtseinssphäre selbsttätig hervor, während die außerkörperlichen technischen Errungenschaften vom Menschengeist zielbewußt und zielstrebig in immer rascherer Reihenfolge in die Welt gesetzt werden. Der technischen Entwicklung sind jedoch dadurch unüberschreitbare Grenzen gesetzt, daß es bisher trotz heißem Bemühen nicht gelungen ist, ein selbständiges Lebewesen, und sei es auch nur ein winziger Zellkörper, künstlich in Phiolen und Retorten hervorzuzaubern. Ebensowenig vermag aber auch die natürliche biologische Entwicklung die Schranken des Energieprinzips zu sprengen; denn auch die Lebens- 1 P. Alsberg, Das Menschheitsrätsel. Dresden 1922. Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. 9 ‘ äußerungen der organischen Welt unterstehen ausnahmslos den konstitutiven Energiegesetzen, die alles Werden und Vergehen durchdringen. Von der naturgegebenen Scheidewand zwischen den belebten Organismen und den künstlichen Technismen abgesehen, weist die technische Entwicklung die weitestgehende Ähnlichkeit mit der biologischen Entwicklung auf. — Nach Wilhelm Roux (1850—1924), dem Begründer der Entwicklungsmechanik, ist die Gestaltung der Organismen durch ihre „funktionelle Anpassung“ bedingt. Demnach sind die Formen der Gelenke, die merkwürdige Balkenstruktur der spongiösen Knochensubstanz, die Muskelbildung usw. auf eine Selbstgestaltung durch die Wirkung des Gebrauches zurückzuführen. — Im technischen Gebiete hatte schon vorher der Technologe Ernst Hartig (1830—1900) das Gesetz des „Gebrauchswechsels“ ermittelt, wonach die zahlreichen, von gemeinsamen Urformen abstammenden Arten der Schneide- und Trennwerkzeuge späterhin in den mannigfachsten Gestalten erscheinen und sich dadurch dem Gebrauchszweck bestens anpassen. Ein Blick auf die Getriebelehre von Franz Reuleaux (1824 bis 1905) zeigt ferner, daß die im Laufe der Zeit durch Anpassung entstandenen zahllosen Abwandlungen von Maschinengetrieben gleichfalls nur auf sieben ursprüngliche Grundgetriebe zurückzuführen sind. Ein weiteres lehrreiches Beispiel solchen technischen Anpassungsvermögens bietet unter anderem auch die Flügelschraube, deren verschiedene Ausführungsformen gegenwärtig bei Schiffen, Flugzeugen und Schienenfahrzeugen sowie auch bei Ventilatoren, Flügelradturbinen und Wind- und Flußmessern in Verwendung stehen. — Die sinngemäße Übereinstimmung des erweiterten technologischen Gesetzes des „Gebrauchswechsels“ mit dem die Biogenie beherrschenden Gesetz der „funktionellen Anpassung“ ist augenfällig. Überdies zeigt der Entwicklungsgang der Technik gar nicht so selten jene Rückartung, die in der Vererbungslehre als „Atavismus“ gilt, und welche darauf beruht, daß die Nachkommen manchmal weniger ihren Eltern als ihren Ahnen gleichen. So ähnelt z. B. das neuzeitige Automobil viel weniger der Eisenbahn, der es unmittelbar nachfolgte, als dem veralteten Straßendampfwagen aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. — Auch rudimentäre Organe, die in der Stammesgeschichte der Wirbeltiere eine Rolle spielen, treten in der Technik hier und da als verkümmerte Überbleibsel früherer Epochen zutage, vie z. B. widersinnige Verzierungen an Maschinengestellen oder burgenartige Brückenköpfe als leere Steinmasken bei Eisenbrücken. Und w’enn heute noch irgendwo ein schweres Schwungrad mit Hand- oder Tretkurbeln betrieben wird, so ist dies ein rudimentäres Verfahren, das auf die rückständige Arbeit in der verschollenen Tretmühle hinweist. — Wie ferner in der organischen Welt nach der Mutationstheorie von H. de Vries sprunghafte Abänderungen von Pflanzen und Tieren den geradlinigen Verlauf der Entwicklung ablenken und demnach periodisch zur Bildung neuer Arten führen, so erscheinen auch in manchen technischen Entwicklungsreihen plötzlich grund- stiirzende Neuerungen. Eine solche Mutation auf technischem Gebiete bewirkte z. B. das Auftauchen der Starkstromtechnik, welche in der Folge zu ganz neuen Arten der Elektrochemie und -metallurgie, der Beleuchtung und Beheizung, des Bahnverkehrs und der länderweiten Fernübertragung größter Energiemengen führte. 10 Ludwig Erhard Auf Grund dieser Erfahrungstatsachen läßt sich der Stufenbau der technischen Entwicklung zu folgender regulativen Begriffsbestimmung zusammenfassen: Der technogenetische Leitsatz. Die technische Entwicklung ist die im Bewußtsein wurzelnde, außerkörperliche Fortsetzung der unbewußten biologischen Entwicklung, wobei der Weg des Geistes die Menschheit aus der Abhängigkeit von den organischen Kräften und Gebilden stufenweise zur Beherrschung anorganischer Werkstoffe und Naturenergien unter steter Leistungssteigerung emporführt und dadurch eine Brücke zwischen Naturerkennen und Wirtschaftszwecken schlägt. Die Technik steht demnach mit den beiden großen Kulturgebieten Naturwissenschaft und Wirtschaft in bleibender Wechselwirkung. Aus dem Naturerkennen schöpft sie Erkenntnisgrundlagen, vom Wirtschaftsleben bezieht sie zweckbetonte Aufgaben. Die Technik wirkt aber auch ihrerseits befruchtend auf die Entwicklung von Naturwissenschaft und Wirtschaft ein. Diese tiefgehenden Wechselbeziehungen bedingen die enge Verbundenheit der Technik mit dem allgemeinen Kulturgeschehen. Der Aufgabenkreis der Technikgeschichte. Als geeignetes Mittel, um das Wesen und Wirken der Technik in ihren Grundzügen zu erfassen, dient das Aufrollen der technischen Entwicklungsgeschichte im Sinne des oben dargelegten technogenetischen Leitsatzes. Eine sich an die biologische Betrachtungsweise anlehnende wissenschaftliche Einteilung vermag hierbei das schrittweise Vordringen der Forschung in die vielgestaltige Welt der Technik wesentlich zu erleichtern. Die beiden Hauptabschnitte der biologischen Entwicklungslehre setzen sich zusammen aus der allgemeinen Stammesgeschichte und aus dem Werdegang der Einzelwesen oder, kürzer gesagt, aus Phylogenese und Ontogenese. Damit übereinstimmend treten in der technischen Entwicklung gleichfalls zwei verschiedene Arten von Reihen zutage, von denen die technischen Reihen die Stammesgeschichte großer Gesamtgebiete gleicher Bedarfsdeckung umfassen, w'ie z. B. die Entwicklung der Schiffahrt vom Einbaum bis zum Ozeandampfer, w r ogegen die technologischen Reihen den Werdegang einzelner technischer Gebilde vom Ausgangsstoff bis zum Enderzeugnis darstellen, wie z. B. die Anfertigung eines Messers in aufeinanderfolgenden Verfahrensstufen. — Die technischen Reihen bilden das eigentliche Rückgrat der Technik-Geschichte, aber auch die technologischen Reihen können mitklingende und ergänzende Aufschlüsse über jene Arbeitsverfahren erteilen, u r elche innerhalb einzelner Entwicklungsstufen vorherrschen. Für die technischen Anfangsstufen pflegt man überdies die bei den Naturvölkern gegenwärtig noch fortlebenden Zeugen urtümlicher Technik vorteilhaft zur Vergleichsprüfung heranzuziehen. Wie ferner die Biologie bei den Naturgeschöpfen Leib und Leben unterscheidet, Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. 11 so läßt sich auch die Technik in zwei große Gebiete, in Tektonik und in Energetik, gliedern, wobei sich die Tektonik auf die ortfesten Bauwerke sowie auf die Formen und Gestalten der Maschinen und Apparate, die Energetik hingegen auf das Spiel der Kräfte sowie auf Bewegungen und Arbeitsvorgänge bezieht. Jede technische Entwicklungsreihe ist zweckmäßig wieder in drei Hauptstufen zu unterteilen, und zwar in die Anfangsstufe der organischen Werkstoffe und Kraftquellen, sodann in die Mittelstufe der organisch-anorganischen Übergangsformen, und endlich in die dritte Stufe der anorganischen Werkstoffe und Naturenergien. Hieraus ergibt sich die folgende Übersicht der Ahnenreihe technischer Gebilde und Verfahren: Entwicklungsstufen der Technik. Tektonik Energetik I. Stufe: Organische Werkstoffe und Gebilde I. Stufe: Muskelenergien und organische Bewegungen II. Stufe: Organisch-anorganische Übergänge II. Stufe: Organisch-anorganische Übergänge III. Stufe: Anorganische Werkstoffe und Gebilde III. Stufe: Natwrenergien und anorganische Bewegungen Im allgemeinen umfaßt die erste dieser drei Entwicklungsstufen jene urtümlichen technischen Behelfe und Einrichtungen, welche das Pflanzen- und Tierreich dem primitiven Menschen im nahezu fertigen Zustande darbot und welche mit den gleichfalls durch ihre Struktur schon vorgebildeten harten Steinw r erkzeugen roh bearbeitet wurden. Als Kraftquellen finden in dieser technischen Unterstufe nur die Muskelenergien und die unmittelbare Hitzewirkung des mit organischen Brennstoffen genährten Feuerbrandes Anwendung. — In der darauffolgenden Übergangsstufe erscheinen dann jene technischen Gebilde und Bauwerke, die vorwiegend aus organischen und anorganischen Werkstoffen zusammengesetzt sind. Hiebei wurden neben den Tier- und Menschenkräften auch schon die offen zutage liegenden Wind- und Wasserkräfte zum Antrieb schwerfälliger Maschinen benützt, welche zumeist die Handarbeit mit ihren organischen Schwing- und Wippbewegungen nachahmen, und hiezu gesellte sich noch die Treib- und Sprengwirkung des aus einem Gemenge organischer und anorganischer Substanzen bestehenden Schwarzpulvers. — In der dritten und vorläufig letzten Entwicklungsstufe treten schließlich die anorganischen Bau- und Werkstoffe allenthalben an die Stelle der organischen Materialien, zugleich gewinnt bei den Maschinen die den Organismen wesensfremde zw'angläufige Drehbewegung die Oberhand und neue, vordem verborgene Energieformen, wie hochgespannte Dampf- und Verbrennungskräfte, chemische Prozesse, elektrische Ströme und Strahlungsenergien, w r erden entdeckt und zaubern ein unermeßlich w'eites Arbeitsfeld auf technischem Neuland hervor: das Weltreich der Technik. Innerhalb der einzelnen technischen Reihen geht die Entwicklung zwar nach übereinstimmenden regulativen Gesetzen, aber in ganz verschiedenen Zeitmaßen vor 12 Ludwig Erhard sich. So ist z. B. die Schiffahrt ungemein langsam, die Luftfahrt dagegen überaus rasch emporgewachsen. Deshalb stimmen die Entwicklungsstufen der verschiedenen technischen Reihen zwar zumeist genetisch, aber durchaus nicht immer zeitlich überein. Die übliche Einteilung der Weltgeschichte in alte, mittlere, neue und neueste Zeit kommt demnach bei der Technik-Geschichte überhaupt nicht in Betracht. Eine rein chronologische, bloß nach Jahreszahlen geordnete Aufzählung aller technischen Ereignisse wäre entwicklungsgeschichtlich unzureichend und kann nur als vorbereitende Inventarisierungsarbeit angesehen werden. Ferner darf man auch die aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen dieser technischen Reihen nicht als scharfbegrenzte Zeitabschnitte auffassen, denn es bestehen in Wirklichkeit zahllose Zwischenglieder und Übergangsstufen, aus deren Bereich aber der Klarheit und Übersichtlichkeit halber nur jene schöpferischen Taten der Technik hervorgehoben werden sollen, die lebendig w'eiterwirkten und irgendwie die Menschheitsentwicklung förderten. — Zur sachlichen Beurteilung der wirtschaftlichen und kulturellen Wirkungen der Technik ist schließlich die zahlenmäßige Feststellung ihrer stufenweisen Leistungssteigerung notwendig. Daher muß für jedes technische Sondergebiet, für jede technische Reihe ein passender Leistungsmaßstab ange- w r endet werden, der den Kern der Sache trifft. Während nun der wirtschaftliche Wert eines Erzeugnisses auf die Geldeinheit bezogen wird und im jeweiligen Marktpreis zum Ausdruck kommt, ist dagegen die technische Leistungssteigerung nach naturwissenschaftlichen Maßen, also mit Raum-, Zeit- und Krafteinheiten bestimmbar. So kann z. B. die Steigerung der Reichweite von Geschützen durch Längenmaße, die Geschwindigkeitserhöhung von Fahrzeugen durch Stundenkilometer, die Leistungssteigerung von Motoren durch Sekunden-Meter-Kilogramm gemessen werden. — Das Unterteilen der Gesamttechnik in einzelne Gebiete gleicher Bedarfsdeckung sowie das Auffinden dazu passender Entwicklungsmaßstäbe bildet sohin eine wesentliche Voraussetzung für das zahlenmäßige Abschätzen der technischen Fortschritte. Nach der Erledigung solcher analytischen Vorarbeiten erwächst der Geschichtsforschung die weitere Aufgabe, für die technischen Entwicklungsreihen eine zusammenfassende synthetische Ordnung festzustellen, mit deren Hilfe man jedwedem technischen Gebilde oder Verfahren den ihm entwicklungsmäßig zukommenden Platz im Lehrgebäude der Technik-Geschichte anzuw r eisen vermag, denn jede technische Errungenschaft bildet einen mitschwingenden Teil im großen Werdegang der technischen Entwicklung. Zur entwicklungsgeschichtlichen Darstellung der grundlegenden Erfindungen und Schöpfungen der Technik kann nun zweckmäßig ein umfassendes Koordinatensystem herangezogen werden, das etwa dem Gradnetz einer Mercatorkarte gleicht. In diesem technographischen System wären die technischen Reihen zwischen den Längengraden und ihre Entwicklungsstufen dagegen zwischen den Breitegraden zu verzeichnen. Die ausgewählten technischen Objekte sollten dann samt den entsprechenden Leistungsvermerken und den Personal-, Zeit- und Ortsangaben in die ihnen zukommenden Felder des Gradnetzes eingetragen werden, w r obei Art und Zahl der technischen Reihen folgerichtig den im Patentwesen üblichen Erfindungsklassen anzugleichen wären. Ein aus derartigen Tafeln zusammengestellter Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. 13 ,,Technographischer Atlas“ würde einen sinnfälligen Nachweis der Kulturverbundenheit der Technik erbringen und für das Geschichtsstudiuin der Technik einen ebenso wichtigen Behelf darbieten, w r ie etw r a ein geographischer Atlas für das Studium der Erdkunde. Doch nur eine reiche Anstalt, die über geschichtskundige Ingenieure verschiedener Fachrichtungen verfügt, könnte an die Lösung dieser schwierigen und sehr verwackelten Universalaufgabe der Technik-Geschichte mit Aussicht auf Erfolg herantreten. Ein Hinweis auf die Durchführbarkeit solcher technographischen Darstellungen ergibt sich aus der umseitigen Zusammenfassung einiger dreistufigen Entwicklungsreihen, w r elche einer Abhandlung des Verfassers ,,L)er Weg des Geistes in der Technik“ 1 entnommen sind und durch die Schausammlungen des Technischen Museums zu Wien schon längst ihre sinngemäße Verwirklichung gefunden haben. Diese Bilderfolge bezweckt, die Einheit der Technik mittels des genetisch gleichartigen Aufstiegs der verschiedenen technischen Gebiete sowie die hierdurch allenthalben erzielte Leistungssteigerung an einigen bekannten Beispielen klar zu veranschaulichen (S. 14 bis 21). Derartige Übersichtstafeln zeigen den Weg des menschlichen Geistes in der Technik auf. Der primitive Mensch benutzte zuerst die ihm von der Natur dargebotenen organischen Werkstoffe, w ie Holz, Bast, Knochen, Gräten, Därme und Felle zur Herstellung seiner Bedarfsgegenstände, und er spannte seinen eigenen Leib und später Lasttiere und Sklaven zur Arbeitsleistung ein. Aus dieser Abhängigkeit von der organischen Natur befreite die Technik den Menschen allmählich durch die Verwendung anorganischer Werkstoffe und Energien, und auf der heute erreichten Entwicklungsstufe hat sich der Menschengeist die anorganische Natur und ihre Kräfte untertan gemacht, vordem unbekannte Werkstoffe und Energieformen gefunden und dadurch eine beispiellose Leistungssteigerung erzielt. So hat die Technik in stetem Wirken die arbeitende Menschheit aus dem härtesten und niedrigsten Frondienste erlöst, ihre drückendste Mühsal den eisernen Schultern der Maschine aufgebürdet und schließlich den einzelnen unentrinnbar ins Wirtschaftsganze eingegliedert. Ihr vieltausendjähriger Entwicklungsgang führt das unermeßliche Befreiungs- und Bindungswerk der Technik eindringlich vor Augen. Aus den obigen Darlegungen ergibt sich für eine zusammenhängende, nicht bei den Fragmenten stehenbleibende Entwicklungsgeschichte der Technik der folgende Aufgabenkreis: 1. Inventarisieren der wuchtigsten technischen Ereignisse samt Zeit-, Orts- und Personalangaben. 2. Unterteilen des technisch-geschichtlichen Inventars in Gruppen gleicher Bedarfsdeckung. 3. Ermitteln von Maßeinheiten zum zahlenmäßigen Abschätzen der technischen Fortschritte in den einzelnen Gruppen. 4. Aufstellen technischer Entwicklungsreihen mit Leistungsvermerkungen. 5. Zusammenfassen der Entwicklungsreihen zu bebilderten technographischen Übersichtstafeln. 1 L. Erhard, Der Weg des Geistes in der Technik. Berlin 1929. 14 Ludwig Erhard 1. GEBÄUDE 1 a. PFAHLBAU aus Pfosten und Flechtwerk 1 Stockwerk 1b. FACHWERKBAU Holzgerippe mit Füllmauerwerk 6 Stockwerke 1c. HOCHHAUS Stahlskelett mit Ausfachung bis 100 Stockwerke 2. BRÜCKEN 2a. BOCKBRÜCKE mit hölzernen Trägern und Jochen . -3 Stützweite 10 m 2 b FACHWERKBRÜCKE aus Holz und Eisen Stützweite 40 m 2 c. HÄNGEBRÜCKE aus Stahl und Eisen Stützweite bis 1000 m Zur Entwicklungsgeschichte der Technik. 15 3. SCHMIEDEREI 3a. ANTIKE SCHMIEDE mit Handhammer-Betrieb Schmiedestück rund 5 kg 3b. HAMMERWERK mit schwingendem Schwanzhammer (18. Jh.) Schmiedestück rund 50 kg 3c. SCHMIEDEPRESSE mit dampf-hydraulischem Antrieb Schmiedestück bis 200.000 kg 4. ZIEHEN UND WALZEN 4a. SCHOCKENZIEHER ./ auf einer Schaukel ruckweise Draht ziehend 'S ' •' i££_ Abb.'J. Abdruck eines Fisches (Semionotus latus Agassiz) aus dem Ölschiefer von Seefeld. Trias, norische Stufe. wohnte aber in den Bergen von Seefeld schon seit alter Zeit ein anderer grimmiger Riese, Thyrsus, der nicht gesonnen war, den Fremdling neben sich zu dulden. Als sie einander am Bache, dort wo heute das Dorf Leithen liegt, begegneten, kam es zum Kampfe. Thyrsus, nur mit einem in der Eile ausgerissenen Baumstamm bewaffnet, erlag den Schwertstreichen Haymons. Zu Tode verwundet, flüchtete er in die Felsen und rief, als er sterbend zusammenbrach und sein Blut ins Gestein rieseln sah: „Geh’ hin unschuldig Blut, Das sei für Tier und Menschen gut!“ Havmon aber bereute seine Untat und erbaute zur Sühne an der Stelle der alten Römersiedlung Veldidena ein Kloster, das heutige Stift Wüten. Dann zog er sich wieder in die Berge von Seefeld zurück, wo er als frommer Eremit lebte. Einstmals bemerkte er beim Kochen seines Mahles, w r ie aus den Herdsteinen eine ölige Flüssigkeit tropfte, die er für das Blut des erschlagenen Thyrsus hielt. Er fand, daß dieses ,,Thyrsenblut“ heilkräftig gegen mancherlei Krankheiten der Menschen und Tiere Thyrsenblut. 75 sei und bald strömten die Leute seiner Klause zu. So ist wohl die Kunst, Thyrsenblut zu brennen, unter das Volk gekommen. Haymon und Thyrsus können wohl kaum als historische Personen gedeutet werden. Unter Haymon mag man die ins Land gedrungenen germanischen Stämme verstehen, welche die Einwohner vielfach gewaltsam unterworfen hatten, bei Thyrsus Abb. 2. Standbild des Riesen Haymon an Abb. 3. Standbild des Riesen Thyrsus an der Klosterkirche von Wilten bei Innsbruck. der Klosterkirche Wilten bei Innsbruck. weist schon der Karne auf den mythologischen Ursprung hin: Die Thursen sind Riesen. 1 Das Haus Nr. 5 in der an der Straße zwischen Zirl und Reith liegenden Ortschaft Leithen heißt noch heute das Riesenhaus. An diesem Hause gab es noch vor etwa 30 Jahren ein Freskenbild, auf dem der Kampf Haymons mit Thyrsus, ferner Haymon in seiner Klause, sowie ein St. Ohristophorus zu sehen waren. Die Kampfszene trug die Inschrift: „Spritz Bluet, Ist für Vieh und Leut guet.“ Leider wurde das vermutlich um 1600 entstandene Fresko um etwa 1900 so gründlich übertüncht, daß die Möglichkeit einer Aufdeckung zweifelhaft ist. Die Abbildungen 2 und 3 zeigen die in Wilten stehenden Statuen der Riesen, beide als Ritter in Helm und Harnisch, Thyrsus durch den Baumstamm gekennzeichnet. 2 1 Simrock, Deutsche Mythologie. 2 Über (las Gral) Haymons im Kloster Wilten und seine hölzerne Statue vgl. „Wilten“, B(l. 1 der Tiroler Heimatbücher. 76 Franz Sedlacek Die Bezeichnung des Steinöls ist in verschiedenen Schreibweisen zu finden: Als Thyrsenblut, Thyrschen- oder Dirschenöl, auch Dürsten- und Dirstenöl. Eine Ortschaft bei Zirl heißt Dirschenbach, der Berg, an dessen Lehne Leithen liegt, der Turschkopf. 1 Die erste urkundliche Erwähnung des Tiroler Schieferöles datiert aus dem Jahre 1350, als dem Ritter Berthold v. Ebenhatjsen die Gerechtsame, Öl brennen zu dürfen, vom Gerichte Haertenberg zu Telfs im Oberinntal zugesprochen wurde. 30 Jahre später erhielt Ulrich v. Matsch dieses Privileg. Ein Privileg auf 20 Jahre erteilte Erzherzog Ferdinand im Jahre 1576 einem gewissen Abraham Schnitzer, welcher angab, ,,daß er vermittelst, göttlicher Gnade durch seinen Fleiß eine gewisse Kunst erfunden aus besonderen Steinen, welche in etlichen Gebirgen hin und wieder in der fürstlichen Grafschaft Tirol zu finden sind und das Tyrstenblut genannt werden, gutes echtes Öhl zu machen . . .“ 2 Schnitzer scheint der erste gewesen zu sein, der die Steinölbrennerei in größerem Maßstabe betrieb. Das Privilegium verpflichtete ihn, das Öl zuerst der Regierung und den Tiroler Gewerken zum Gebrauch in den Bergwerken anzubieten und enthielt ferner Sicherungen gegen eine zu hohe Preisstellung. Obwohl das Dokument ausdrücklich von der „durch den Schnitzer erfundenen Kunst des Öhlerzeugens“ spricht, ist durch die zuvor genannten Privilegerteilungen erwiesen, daß die Tiroler Steinölbrennerei bedeutend älter ist. Vielleicht hat Schnitzer das technische Verfahren in manchen Einzelheiten, kaum aber wesentlich verbessert. Es ist vielmehr anzunehmen, daß das Verfahren lange Zeit in ziemlich gleich primitiver Weise ausgeübt wurde. Das in Abbildung 4 wiedergegebene, von Matth. Burgklehner stammende Aquarell läßt die Art einer solchen Anlage recht gut erkennen. Sie bestand aus einem herdartigen, steinernen Unterbau, der die 6 bis 9 Destillationsgefäße trug. Man verwendete sogenannte Obernzeller oder Passauertiegel. Sie wurden mit den entsprechend zerkleinerten „Stinksteinen“ gefüllt, mit einer mehrfach durchlochten Eisenplatte bedeckt, mit Lehm gedichtet und umgekehrt auf den Herd gesetzt, so daß jeder Tiegel einem in der Herdoberfläche steckenden, irdenen, glasierten Trichter aufsaß. Diese Trichter mündeten in Holzröhren, die sich zu einem gemeinsamen Abfluß vereinigten. Das Eeuerungsholz wurde rund um die Tiegel herum aufgeschichtet, von oben her in Brand gesetzt und die Erhitzung der Tiegel sorgfältig von oben nach unten fortschreitend durchgeführt, was man z. B. durch Beschweren des langsam niederbrennenden Latschenholzes mit aufgelegten Steinen zu erreichen verstand. Durch diese eigentümliche Feuerungsführung wurden die Öldämpfe von den oberen heißen in die unteren noch ungeheizten Zonen des Tiegels abgetrieben und dadurch vermieden, daß niederrinnendes Öl an der heißen Tiegelwandung zu weitgehende Zersetzungen erlitten hätte. Doch ist der Prozeß keineswegs als ein bloßes Ausschmelzen oder Aussaigern zu betrachten. Anteile des Bitumens mögen bei dieser Arbeitsweise erweichen und in geschmolzenem Zustande 1 Prof. J. Schatz, Innsbruck, bestätigt (in brieflieherMitteilung), daß keine andere Erklärung dieser Namen bekannt ist. Dirschenbach wird im 16. Jahrhundert mit „locus a Thyrsi nomen habet“ erklärt. Dürs-duris ist im Altdeutschen der Riese. 2 P. Justinian Ladurner in „Archiv für Geschichte und Alterthumskunde Tirols“, II. Jahrg. 1865, S. 375ff. Tliyrsenblüt. 77 abfließen, andere mögen verdampfen und sich in den kühleren Zonen kondensieren, ein Teil wird aber zweifellos Zersetzungen erleiden und pyrogene Produkte liefern, worauf ja schon die Tatsache hinweist, daß das an sich feste Bitumen schließlich ein flüssiges Öl ergibt. Der Prozeß des Steinölbrennens dürfte also wohl als ein Gemisch von Ausschmelzen (Saigern), gewöhnlicher Destillation und destruktiver Destillation (Schwelung) zu verstehen sein. Das hiebei angewandte primitive Verfahren der „absteigenden Destillation“ JjlA Abb. 4. Dirschenölgewinnung bei Seefeld. Nach einem Aquarell von M. BURGKLEHNER im Ferdinandeum. Im Hintergründe sieht man die Destillieranlage mit 9 Tiegeln, deren gemeinsame Abflußrinne das öl in ein Holzgefäß leitet. Der Mann rechts will ein solches Gefäß in ein Vorratsfaß entleeren, während links der vor der Hütte sitzende Mann damit beschäftigt ist, Stinksteine mit dem Hammer zu zerkleinern. Vor ihm steht der „Dirscheler", der mit dem öl hausieren geht. (Destillatio per descensorium oder per descensum) wurde schon frühzeitig beschrieben 1 und wohl das ganze Mittelalter hindurch zu verschiedenen Zwecken (z. B. Gewinnung von Wacholderöl usw.) ausgeübt. Der Araber Mesue im 10. Jahrhundert beschreibt die Herstellung von Oleum de gagatis, worunter wohl Schieferöl zu verstehen ist, folgendermaßen: „Man gräbt eine Grube in die Erde, kleidet die Wände derselben mit Lehm aus, stelle einen weithalsigen, glasierten Hafen hinein und bedecke ihn mit einer siebartig durchlöcherten Eisenplatte. Hierauf gebe man den zerkleinerten Gagat in ein großes, innenglasiertes, faßförmiges Gefäß, dessen Öffnung verengt ist. Dieses setze mit der Öffnung nach unten auf die durchlöcherte Eisenplatte, verstreiche alles gut, damit nichts entweiche. Um das ganze vorschauende Gefäß wird nun ein Feuer 1 Z. B. von dem Araber Dsciiabir Ibx Hajjax (Geber) etwa um 800. * 4 , mm 78 Franz Sedlacek durch zwei Stunden erhalten. Das abfließende Öl bewahrt man auf.“ 1 Der arabische Autor führt auch die Krankheiten an, gegen die das Öl hilft. 2 Die Ähnlichkeit dieser Arbeitsmethode mit dem Tiroler Steinölbrennen ist auffallend. Von der medizinischen Verwendung des Tiroler Dirschenöles gibt uns eine alte Gebrauchsanweisung ein Bild. 3 „Krafft / Tugend und Würkung dess gerechten / approbirten und unverfälschten Dürsten Blut / oder Stein-Öls / welches gefunden wird an dem Seefeld / am Härmel Joch / in der Fürstlichen Grafschaft Tyrol.“ „Erstens / ist dises Öl gut für alles Gif ft / den Leuthen zu gebrauchen / in der Zeit der Pestilenz / und wan die Ungarische Krankheit regiert / solches in einem Siipplein eingenommen / und darmit gerauchet. Auch so ein Mensch den aussbeissenden Wurm an seinem Leib hat / dises Öl angeschmiert / es vertreibt ihn. Und für die wilden Schüss im Kopf / nimb Wein-Essig und so viel Stein-Öl / untereinander gemachet / und die Schiäff darmit geschmiert / es wird besser. Wie auch für den Zahnwehe / ein oder zween Tropften auff ein Baumwoll gelassen / und auff den Zahn gelegt / es wird besser. Item / es löschet den Brandt und ist gut / für alle Wildnussen.“ „Zum andern: Ist es auch gut dem Vieh zu gebrauchen für alles Gifft / auch für Spitzmäuss / Nattern und Wisslen / in den Ställen dieselben zu vertreiben. Auch so ein Vieh geheckt oder gebissen / aufgeblahet oder geschwollen ist / solches eingeben / und darmit geraucht auff einer Glut / so wird es besser. Dessgleichen kan mans auch anschmieren in den Schlichten / so komt ein lange Zeit kein Unziffer darzu. Auch so ein Pferd geschwollen ist / oder sonst einen alten Schaden hat / denselben mit disem Öl geschmiert / so haylet es. Item / so die Kühe trüben oder Blutharnen / von disem Öl 40 oder öOTropffen eingeben /so stellet es ihnen: und so das Vieh einander reittet / solches Öl auf der Rucken geschmieret / so wird es besser.“ Das Mittel war also wirklich „für Vieh und Leut’ guet“! Als das früher erwähnte, dem Abraham Schnitzer erteilte Privileg abgelaufen war, scheint das Steinölbrennen von den Bauern in der Gegend von Reith, Seefeld und Scharnitz allgemeiner ausgeübt worden zu sein. Vielleicht war es sogar in manchen Familien erblich, wie der Zusatz der Bezeichnung „Olearius“ zum Familiennamen in den Sterberegistern der Pfarre Seefeld vermuten läßt. 4 Diese bäuerliche Ölbrennerei bestand bis gegen 1840, als sich durch die fast gleichzeitige Gründung zweier Gesellschaften der Übergang zur industriellen Ausbeutung der Ölschieferlager vollzog. Erzherzog Maximilian von Österreich erwarb einen großen Teil der Grubenflächen und erbaute in Reith eine Fabrik, die sogenannte Maximilianshütte, die das Gestein auf Asphalt verarbeitete, den man bei Festungsbauten, wie den „Maximilianischen Türmen“ von Linz, auch bei Wiener Straßenbauten zu verwenden gedachte. 5 1 Ludw. Winkler, Pharmazeut. Monatshefte, 4. Jahrg., 106. 2 Plinius und Dioskorides (und viele ihrer Nachselireiber) behandeln den Lapis gagates und seine Heilkräfte, erwähnen jedoch nichts von einem daraus gewonnenen Öl. 3 Ludw. Winkler, Pharmazeut. Monatshefte, 4. Jahrg., 105. 4 Private Mitteilung des Herrn Dr. Heinz v. Falser. 5 Für das Stadtparktrottoir am Stubentor in Wien wurde Seefelder Asphalt verwendet. Thyrsenblut 79 Eine andere Gesellschaft, die „Erste tirolische Asphaltgewerkschaft am Gießenbach bei Seefeld“ wurde auf Anregung des Innsbrucker Kaufmannes Jakob Strasser gegründet. Asphalt stellte man durch Abdestillieren der leichteren Anteile her, auch wmrde er mit gemahlenem, erhitztem bituminösen Stein innig gemengt und kam dann, zu Blöcken gegossen, als „Asphaltmastix“ in den Handel. 1 Diesem Unternehmen machte die kapitalkräftige erzherzogliche Hütte bald solche Konkurrenz, daß sich die Gesellschaft auflöste. Der Betrieb wurde von einem der Gesellschafter weitergeführt und als es diesem im Jahre 1858 gelang, aus dem Ölschiefer ein Leuchtpetroleum herzustellen — die Erzeugung eines halben Jahres betrug 250 Zentner — schien dem Unternehmen eine schöne Zukunft zu blühen. Da kam das billige Petroleum der damals neu entdeckten amerikanischen Erdölquellen auf den europäischen Markt und erstickte die Konkurrenz des inländischen Produktes. „Der letzte Schlag und moralisch w r ohl der härteste traf das vom Schicksal verfolgte Unternehmen, als im Jahre 1859 bei Versteigerung der großartigen Asphalt arbeiten der Festung Kufstein zum Erstaunen aller Fachkundigen im Voraus — französischer Asphalt ausbedungen wurde! Zwar gelang es in Folge energischen Hinweises auf die Güte des tirolischen Erzeugnisses, das dem französischen in nichts nachstehe, ja dasselbe bewährt erweise an Haltbarkeit sogar übertreffe, sowie auf den bedeutend geringeren Preis desselben, endlich auf die Unterstützung und Hebung der vaterländischen Industrie, sich die Theilnahme bei der Concurrenz zu erwdrken — aber was half es ? Trotzdem, daß das tirolische Offert das einzige war, welches bis zum vorgeschriebenen Termine eingelaufen war, wurde ein in Wien von dem Bevollmächtigten einer französischen Gesellschaft gemachtes Nachoffert genehmigt! Und das geschah im Jahre 1859, als die tirolischen Kaiserjäger mit den Franzosen bei Magenta und Solferino rauften, abgesehen davon, daß die französische Gesellschaft ihr Offert weit über 10000 fl. höher stellte, als die inländische Unternehmung!!“ So klagt Hörmann 2 mit bewegten Worten und nicht mit Unrecht. Wir sehen denn auch in den nächsten Jahren beide Werke ihren Betrieb einstellen und das Ölbrennen in eine zweite Periode bäuerlichen Kleinbetriebes treten. Das alte primitive Verfahren wurde kaum wesentlich geändert, höchstens insoferne, als man nun gußeiserne Tiegel verwendete. 1 Tiienius, in Dinglers Polytechn. Journal, Jahrg. 1860, Bd. 158, S. 382. 2 Hörmann, Tiroler Volkstypen, S. 206/207. Abb. 5. Die alfe Maximilianshütte. Nach einer kolorierten Zeichnung im Besitze der Ichthyol-Gesellschaft Cordes, Hermanni & Co., Hamburg. er P P ' '1 , A *-i 80 Franz Sedlacek: Thyrsenblut. Die Asche des in großen Mengen verheizten Holzes diente als Düngemittel, der ausgebrannte Mergelstein gab (wohl mit entsprechendem Kalkzuschlag) einen brauchbaren Zement. Man arbeitete natürlich nicht auf Asphalt, sondern wie einst auf Dirschenöl, das vielfach durch Hausierer verhandelt wurde. Der Steinölträger oder „Dirscheler“ — auch auf dem BuRGKLEHNERschen Aquarell, Abbildung 4, ist er zu sehen — trug seine Ware in einer „Kraxe“ auf dem Rücken bis in die entlegensten Täler Tirols, bis nach Deutschland und Italien. Der „schwarze übelduftende Geselle“, wie ihn Hörmann beschreibt, war in den Dörfern gerne gesehen, denn sein Dirschenöl galt als bewährte Vieharznei, gab mit Eiern gemischt eine ausgezeichnete Wagenschmiere und ließ sich auch zum Vertreiben von Mäusen verwenden. Im Jahre 1872 ging das Werk am Gießenbach an einen Münchener Fabrikanten über, der es moderner ausgestaltete und wieder in Betrieb setzte. Die Maximilianshütte war nach dem Tode des Erzherzogs zunächst von der Gemeinde Reith weiter betrieben worden und wurde 1873 an eine Wiener Gesellschaft verpachtet. Tm selben Jahre waren übrigens auf der Wiener Weltausstellung Erzeugnisse der Tiroler Asphaltindustrie zur Schau gestellt und prämiiert worden. Die jüngste Entwicklungsphase der Tiroler Ölschieferverwertung soll hier nur angedeutet werden. 1 Um 1884/85 erwarb die in Hamburg gegründete Ichthyol- Gesellschaft Cordes, Hermanni & Co. die beiden Werke und richtete sie gänzlich neu ein. Auch neue Gruben wurden erschlossen. Es war gelungen, aus dem Steinöl, nun Ichthyolöl genannt, durch Sulfurierung ein wasserlösliches Präparat, eine „Ichthyolsulfosäure“ zu erhalten, die die Grundlage der heutigen Ichthyolpräparate bildet. Seitdem der große deutsche Dermatologe P. G. Unna das Ichthyol in den Arzneimittelschatz eingeführt hatte, sind diese Präparate zu allgemein verbreiteten und unentbehrlichen Heilmitteln geworden. Damit aber wurde das Dirschenöl, nachdem es eine nicht lange dauernde industrielle Blütezeit als Baustoff und Leucht- mittel erlebt hatte, seiner alten Bestimmung wieder zugeführt, die ihm einst der sterbende Riese Thyrsus gegeben hatte. Abb. 6. Darstellung der alten Tiroler Dirschenöl- brennerei im Technischen Museum in Wien. 1 Herr Dr. Heinz v. Falser hat eine eingehendere geschichtliche Darstellung dieser Entwicklung in Aussicht gestellt, die wohl anläßlich des 50jälirigen Bestandes der Firma Ichthyol-Gesellschaft Cordes, Hermanni & Co. im Jahre 1934 zu erwarten ist. — Herrn Dr. v. Falser, der mir zur vorliegenden Arbeit zahlreiche Mitteilungen zukommen ließ, sei an dieser Stelle der verbindlichste Dank zum Ausdruck gebracht. Der Geistschacht am Röhrerbühel in Tirol Von Universitäts-Dozent Dr. Guido Hradil, Innsbruck. Mit 3 Abbildungen. Westlich der Eisenbahnhaltestelle Oberndorf zwischen Kitzbühel und St. Johann in Tirol erstreckt sich ein reichgegliedertes Hügelland, das Bühlach, dessen höchste Erhebungen kaum 100 m über das Talgelände der Kitzbühler Ache emporragen. Dies ist das Gelände eines der ehemals bedeutendsten Bergbaubetriebe Tirols. Eine unscheinbare Holzhütte deckt den Zugang zu dem verfallenen Geistschacht, der mit seinen 900 m Teufe einst zu den tiefsten der Erde gehörte. Hier ging der alte Bergbau „Am Röhrerbühel“ um. Die Anfänge bergbaulicher Tätigkeit am Röhrerbühel liegen aller Wahrscheinlichkeit nach in dunkler, vorhistorischer Zeit. Die spätere emsige Rührigkeit hat wohl alle vorhandenen Spuren aus jenen Tagen verwischt, so daß nichts Zeugnis abgibt für die Art und den Umfang jener Arbeiten. Sicher hatte man frühzeitig im Lande die Bedeutung des Röhrerbühels erkannt, denn nicht umsonst nannte man ihn ,,des edlen Landes Kleinod“. Phantastisch und märchenhaft mutet uns die Wiedererweckung des alten Bergbaues im 16. Jahrhundert an, wie sie uns Sperges in seiner Bergwerksgeschichte Tirols berichtet : im Jahre 1539 sollen am St. Michaelstage (29. September) „drei wohlbezöchte Pauern“ auf dem Heimwege von einem Kirchweihfeste ermüdet in den Büheln ,,an der Ach“, d. i. im „Bühlach“, von der Nacht überrascht und unter einem Kirschbaum eingeschlafen sein. Da sahen sie im Traume „einen Schatz erblühen“; das im Boden verborgene Erz ließ Blätter und Früchte des Baumes wie im Lichte eines Karfunkelsteins silbern und goldig erstrahlen. Sie schürften in der Folge dann an dieser Stelle und fanden die schönsten Silber- und Kupfererze. Sperges gab der Vermutung Ausdruck, daß nicht Bauern, sondern bergwerkskundige Leute aus irgendwelchen Anzeichen auf das Vorhandensein von Erzen in dieser Gegend geschlossen hatten und, um nicht in den Verdacht zu kommen, mit dem Bösen im Bunde zu sein, die Geschichte mit dem Traume erfanden, da sie ihre erfolgreiche Entdeckung lieber einer göttlichen Eingebung als ihren eigenen Kenntnissen und ihrer Geschicklichkeit verdanken wollten. Schon im folgenden Jahre erhielt Michel Rainer, einer der drei glücklichen Träumer, vom Bergrichter zu Kitzbühel den ersten Mutschurf und benannte den Eundschacht: „Zu St. Michael und zu Unserer lieben Frauen.“ Fast hundert Jahre lang währte ungemindert der reiche Bergsegen, der über dem stillen Hügellande um den Röhrerbühel lag. Erst im Jahre 1774 kam dort der Bergbau zum Erliegen. Im Laufe der ersten Jahre wurden sechs Schächte aufgeschlagen: bei St. Daniel, der Geist- oder Geisterschacht, der Fundschacht zu St. Michael, der Gsöllenbau, der Schacht in der Reinanken, der Fuggerbau. Um das eingedrungene Wasser fernzuhalten, verwendete man eine Wasserhebemaschine, die „böhmische Kunst“ genannt, die im wesentlichen aus einem oberschlächtigen Wasserrad bestand. Geschichte der Technik, H. 1. 6 82 Guido Hradil rm . * < •r .. V v t - jv I> *&re>Z ^■teSfeyt m r: ' ^J9- Abb. f. Alte ursprüngliche Förderanlage, die aus Rad und Gestänge bestand Göpelantrieb bedient wurde. und durch ilW4 Die „böhmische Kunst", eine Fördermaschine, die etwa um 1550 von dem „Wasser- , .‘tos Sr ■N£; ■ :i ., werchmayster" Anthony (oder Wolffghang) Lewscher am Röhrerbühel eingebaut wurde. Sie bestand aus einem oberschlächtigen Wasserrad, an dessen Welle sich Hanfseile auf- und abwanden. Zur Erzförderung dienten Holzkübel, welche auf einem hölzernen Gleitwerk auf- und niederglitten, zur Wasserförderung Ledersäcke aus Ochsenhäuten von ungefähr 1400 Liter Fassung. Der Zulauf des Wassers konnte durch Schützen auf die eine oder andere Seite der Schaufeln geleitet werden, so daß das Rad nach beiden Seiten gedreht werden konnte (Kehrradgöpel). (Aus dem Schwazer Bergbuch im Museum Ferdinandeum zu Innsbruck.) Der Geistschacht am Röhrerbühel in Tirol. 83 Durch diese Anlage, die zweifellos eine für die damalige Zeit sehr bedeutsame technische Erfindung bedeutet, wurden viele Arbeitskräfte entbehrlich, die man bis dahin für die Wasserhaltung benötigt hatte. Die Schachttiefen betrugen, wie aus den alten Karten ermittelt werden konnte, 800 bis 900 m, der Röhrerbüheler Bergbau war somit damals einer der tiefsten der Erde. Welch märchenhafter Reichtum im Laufe der Jahre aus diesem Bergbau zutage gefördert wurde, mag aus folgenden Ziffern sich ergeben: im Jahre 1552 betrug die Ausbeute aus dem Michaeler- fundgang allein 22913 Mark, d. s. 6430 kg Silber (1 Mark = 6 Gulden), das an die Münze nach Hall in Tirol abgeliefert wurde. Allein schon nach wenigen Jahren machte sich ein langsames Versiegen der Ergiebigkeit bemerkbar. Über die Ursachen dieser Erscheinung äußert sich Sperges etwa wie folgt: ,,Die Tiroler Erze sind unbeständig, kurzlüftig und absätzig, streichen daher nicht immer nach dem Gange, sondern brechen nur dort und da nieren-oder nesterförmig ein; sie setzen selten edel in die Tiefe nieder und arten auf die letzte gar aus. Aber noch öfters hat die Unwissenheit derjenigen die Schuld, welche den Bau führen, da sie ihn nicht bergmännisch treiben und das Beste überfahren. Zu diesen inneren Ursachen kommen von außen der Mangel an Bau- und Kohlholz, Pfennigswirtschaft oder Pfennwertsbehandlung, die immer schwieriger wird, so daß der Bergbau mit gedoppelten Samkosten bestritten oder gar aufgelassen werden muß. Dies seien allgemeine Ursachen, zuweilen gebe es auch noch sonderbare' (besondere), d. s. politische, so die große Glaubensspaltung und ferners die von den katholischen Landesfürsten vorgenommene Gegenreformierung und nachmalig gänzliche Ausrottung der ,Lutterischen Sektierer'.‘‘ Viel wertvolles Material ist im Laufe der Zeit leider verlorengegangen, so u. a. die Grubenkarte von Dionys Helfer aus dem Jahre 1618, die bei dem großen Brande in Schwaz gelegentlich des Bayerneinfalles im Jahre 1809 mit anderen für die Geschichte des Tiroler Bergbaues unersetzlichen Behelfen ein Raub der Flammen wurde. Erhalten geblieben ist eine Karte vom Jahre 1765 des Bergmeisters zu Kitzbühel Johann Sennhofer, die uns die besten Aufschlüsse über die Schachttiefen vermittelt. Diese Karte bezeichnet die Stelle, wo der erste glückliche Fund gemacht wurde, in nachstehend origineller Weise: „Allda unter einem Kerschbaum haben geschlaffen drei wohlbezöchte Paurn in einem Thraum, Michael Rainer, Christian Gasteiger und Georg Prugger. Es thraumet ihnen zugleich sie soll allda Berg pauen, so werden sie reich. Weil sie nun solches haben gethan der vorhero beriembte Reropichl durch diesen Thraum den anfang namb dass ende weiss Gott sonst Niemandt nicht. Gott schickh uns Reiche Silber Geng undt Kupferklift. Es thett wohl noth bei dieser Zeith. Gott segne uns allhier und dort in Ewigkeit.“ Die Lagermasse war nebst Quarz und Kalkspat häufig Gips mit Kupferfahlerz und Kupferkies im grauen Übergangstonschiefer. Zur Förderung bestanden anfangs, ebenso wie zur Wassergewältigung, Pferdegöpel. Nach Burglechner, der 150 Jahre vor Sperges seinen berühmten „Tirolischen Adler“ schrieb, betrug die Ausbeute von 1550 bis 1606 593624 Mark Zehn-Lot Brandsilber; die Ausbeute an Kupfer vom Jahre 1553 bis 1607 betrug 3103375 Zentner 45% Pfund. 6 * 84 Guido Hradil Immer mehr sank der Ertrag der Gruben. Dies führte zur ersten Auflassung des Betriebes im Jahre 1633. In der Folge schloß die Regierung mit der Augsburger Gewerkenfamilie der Fugger einen für letztere sehr vorteilhaften Vertrag auf 25 Jahre; die Frone der 19. Star (Y 2 Metze) wurde nachgesehen, das in die Münze nach Hall in Tirol gelieferte Silber in Thalern zu 68 Kreuzern ausgezahlt, der Kupferzoll auf 6 Kreuzer für den Zentner herabgesetzt und das gesamte Grubeninventar mit Ausnahme der Salzpfanne zur unentgeltlichen Benützung den Fuggern überlassen. Im Jahre 1659 endete der Vertrag mit den Fuggern. Da diese nicht mehr bauen wollten, wurde der Bau im Jahre 1662 vom Landesfürsten selbst übernommen. Die Schächte w r aren damals größtenteils verstürzt, der Gesellenbau nur noch 272 Klafter, der Geisterschacht 310 Klafter und der Goldene Rosenschacht 309 Klafter tief. Schächte und Strecken wurden neu gewältigt, so daß das Werk bis zum Jahre 1750 wieder Ausbeute gab. Von da ab aber setzte neuerlicher Verfall ein. Es machten sich die Nachteile der größeren Grubenteufen, der stärkere Andrang von Grubenwasser sowie die Verringerung des Silberhaltes der Erze bemerkbar, ebenso die beschwerliche Förderung infolge Schwankens des Seiles; die Bergschwaden (Schlagwetter) wurden immer fühlbarer. Neue Versuche, weitere Erzmittel aufzuschließen, waren mißglückt. Das alles führte zur Einstellung des Grubenbetriebes, der im Jahre 1774 nach eingehender Untersuchung durch die Hofkommissäre Graf Colloredo und von Hechengarten gänzlich totgesprochen wurde. Nach Auflassung der Grube erfolgte die Nachlese auf den Halden; im Jahre 1791 war zu Litzelfelden ein neues Pochwerk erbaut wurden, wuhin nun die Erze vom Röhrerbühel gebracht wurden. Über ihre Güte geben uns nachstehende Ziffern Aufschluß: 12 Zentner Pochgänge gaben 1 Zentner Schliche mit einem Halt von nahezu 1 Lot Silber und 5 bis 6 Pfund Kupfer, ein Star Pochzeuge entsprechend einem Zentner wurde um die Gestehungskosten von 5 Kreuzern gewonnen. Innerhalb der kurzen Zeitspanne von kaum zwei Jahrhunderten ist dieser bedeutende Bergbau aufgeblüht und verfallen. Er wurde nur vom Falkenstein (bei Schwaz in Tirol), dessen Entdeckung um ein Jahrhundert früher fällt, überlebt. Nach einer aus dem Jahre 1597 stammenden Zusammenstellung waren damals am Röhrerbühel beschäftigt: 1645 Arbeiter, die sich auf 7 Schächte, 19 Strecken und 98 Bauorte verteilten; davon w r aren 371 Erzhäuer, 108 Sucharbeiter, 24 Erzscheider, 1038 Herrenarbeiter in der Grube und an den Göpeln, 14 Haldenkutter, 3 am Wassergraben, 8 in der Zimmerhütte und 1 in der Bergschmiede beschäftigt. Im Jahre 1840 besuchte der damalige Präsident der Montanhofkammer Fürst Lobkowitz die Tiroler Bergbaue und seine Aufmerksamkeit fiel auch auf den alten, längst aufgelassenen Röhrerbühel. Er erteilte aus diesem Anlasse dem Sektionsrate i. P. Alois Schmidt zu Schwaz den Auftrag, diesen Bergbau gründlich zu untersuchen und hinsichtlich seiner Wiedergewältigung zu prüfen. Schmidt entledigte sich seines Auftrages in vorbildlicher Weise; seine aus diesem Anlasse verfaßten Berichte lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Nach diesem Autor gehören die Erzlager am Röhrerbühel dem Gramvackenschieferzuge (Übergangstonschieferzuge) an, welcher in Nordtirol neben dem dolomitischen Kalke alle Silber-, Kupfer- und Eisenlagerstätten, somit auch die benachbarten Kupferkieslager von Kitzbühel Der Geistschacht am Rölirerbühel in Tirol. 85 O # U) ■ o ■S So O) CO di 2 co TJ ~ „ c (1) —' _Q flj 3 c - c 'ö> □ Jo E O ^ -Q lh o o o co ~ Z-g E -• .2 m in 5 o; N ^ ü» -3 5 iS* T * ■q -Q w m < 0) 5 * -o 0) m -i ® .£ >u» 2 ^ ca i_ O Qi E > E 3 fl) ■'T _Q (0 _ fl ) o < ui E (1) s Ep! N SS 0) c t ■” c 00 ( 1 ) nj ~o c 00 O O o r-. - .2 i!-dq 86 Guido Hradil stellen. Westlich vom Röhrerbühel liegt der Fuggerbau; zwischen diesem und dem Röhrerbühel liegt hart am linken Ufer der Raintaler Ache der Rabstollen mit drei kleineren Stollen, in denen ebenfalls die Röhrerbüheler Erzklüfte in Abbau standen. Der ScHMiDTsche Bericht bringt in weiterer Folge noch eine sehr eingehende Darstellung der Personal- und Arbeitsverhältnisse im Bergbau am Röhrerbühel. Eine besondere Erwähnung verdient noch die Salzgewinnung im Röhrerbüheler Bergbau. Am 30. Juni des Jahres 1629 wurde von der Röhrerbüheler Gewerkschaft an die Kammer die Anzeige erstattet, daß im 17. Laufe des Geisterschachtes, d. i. in einer Tiefe von 496 y 2 Klaftern, eine mannsdaumendicke Salzquelle erschrotten worden sei. Nach Besichtigung dieser Quelle durch eine landesfürstliche Kommission wurde am Röhrerbühel von einem gewissen Pöll mit einer hölzernen Pfanne das Salz nach „Burgunderart“ abgedampft. Ein zweiter, später von Haller Salinenarbeitern mit eisernen Pfannen vorgenommener Versuch hatte besseren Erfolg, doch waren die Ergebnisse immer noch nicht derart, daß man einen ergiebigen und rentablen Betrieb hätte einführen können. Mit der beim Geisterschacht in Betrieb gestandenen Fördermaschine konnten in 24 Stunden 84 Tonnen, jede zu 5 Eimer und 16 Maß, somit 453 Eimer und 24 Maß Salzwasser zutage gehoben werden, woraus sich die Leistungsfähigkeit der damals am Röhrerbühel in Anwendung gestandenen Wassergöpel beurteilen läßt. Die Erwartungen aber, welche man an das Salzwerk geknüpft hatte, erfüllten sich nicht, weil das Salz giftige Eigenschaften gehabt haben soll, vermutlich zufolge seiner Verunreinigung mit Kupfer. Beachtenswert ist die in dem amtlichen Protokolle vom Jahre 1769 enthaltene Äußerung des Hofkommissärs von Hechengartner über die Möglichkeiten weiterer Aufschlußarbeiten am Röhrerbühel: „Nachdem in dem ganzen Gebirgsrevier vom Gsöllenbau bis zum Geist- und bis zum Rosner-Richtschachte alle alten Zechen, in welchen viel Erz vorfindig gewesen, überkuttet, die Hangende und Liegende untersucht, die von den Hauptgängen abgerissenen Mittel, mit Querschlägen verkreuzte Trümmer allschon durchaus verhauet, so kommt es bloß auf die vom Rosner-Richtschacht in das Hangend gegen Mittag angelegten, bereits etliche 40 Klafter eingetriebenen 2 Querschläge an, um mittels solchen die auf dem 13. und 14. Lauf in der Tiefe mächtig und edel verhaute, höher noch ganz sein sollende Hangendkluft zu verkreuzen und die von dem Gsöllenbau-Richtschacht auf dem 8. und 9. Lauf gegen Mittag und Abend dem Ruedelwald zu befindlichen Reviere zu untersuchen, allwo der daige Schacht vor 165 Jahren bereits verbrochen, doch aber von den Alten einige Erze in dortiger Grube ganz unfehlbar hinterlassen worden sind. Und da man mit vorerwähntem Querschlag die Hangendkluft in Bälde erreichen dürfte, andurch erfahren werde, was in dieser Gegend an Erzen vorfindig, so wäre alsdann, wenn diese Kluft bauwürdig erschrotten werden sollte, welches Gott geben wolle, ein Communicationslauf von dem Geister 11. gegen den Gsöllenbau 8. Lauf durch den‘alten Verhau bei 60 Klafter lang herzustellen, auf solchen die Wässer hinüberzuleiten, da man auch mit der Gewältigung durch den alten Mann einiges Erz zu bekommen die Hoffnung hat... Dieses ist zwar nur so verstanden, wann mit den Hangendschlägen ein Erz erobert werden sollte.“ Der Geistschacht am Röhrerbühel in Tirol. 87 Nach der Auflassung wurde der Bergbau von der Hofkommission einer aus 40 Personen bestehenden Gewerkschaft, worunter größtenteils frühere Arbeiter waren, übergeben. Diese Selbstlöhnergewerkschaft arbeitete im Röhrerbühel noch 10 Jahre lang. Sie machte in den ersten Jahren einen großen Gewann; man arbeitete nach altem Brauch nur einige Tage in der Woche und widmete die übrige Zeit der Haus- und Feldarbeit. Aus einer Aufschreibung vom Jahre 1675 ist zu ersehen, daß an einem Querbau ein Mann in der Schicht nur zwei Zoll Loch gebohrt und 4 Mann nur 1 / 4 Klafter im weichen Tonschiefergebirge ausgeschlagen haben. Die Erhaltung der Zimmerung wurde auf das Allernotwendigste beschränkt, das Wasserheben entweder vernachlässigt oder ganz unterlassen, so daß die Arbeiter allmählich aus den tieferen Orten verdrängt wurden. Auf diese Weise mußten manche Erzanstände in der Grube Zurückbleiben. Oft soll es vorgekommen sein, daß die Arbeiter die am vorhergegangenen Tage verlassenen Erze wegen zugesessener Wasser nicht mehr erreichen konnten, was die Arbeiter jedoch um so weniger bekümmerte, als durch die Auskuttung der großen reichen Halden der Unterhalt für ihre ganze Lebenszeit gesichert w r ar. Durch die Vernachlässigung der Grubenzimmerung und der Wasserhaltung ging natürlich ein Bau nach dem anderen nieder, das Wasser stieg immer höher, bis endlich die ganze Grube ersäuft war und gänzlich verlassen werden mußte. Die Haldenkuttung war schon im Jahre 1597 im Betriebe und wurde bis zum Jahre 1866 fortgesetzt. Sämtliche Halden sind mehrmals überkuttet worden. Nachdem schon durch 40 Jahre die Haldenkuttung betrieben worden war (der Gewinn betrug in der Schicht nur 12 bis 15 Kreuzer), waren noch in den Jahren 1840 bis 1843 zeitweilig 20 bis 30 Arbeiter mit dieser Nachlese beschäftigt. In diesen vier Jahren wurden im ganzen 1,052 Zentner 85 Pfund nur durch Handarbeit aufbereitete schmelzwürdige Erze nach Brixlegg geliefert. Erst im Jahre 1866 wurden die Halden als erschöpft betrachtet und die Kutterarbeiten eingestellt. Im ganzen dürften aus den Halden in 60 Jahren wenigstens 30000 Zentner gutes Erz gewonnen worden sein; es muß demnach in den früheren Zeiten beim Röhrerbülieler Bergbaubetrieb eine heillose Unwirtschaft bestanden haben. Bei kritischer Betrachtung des von HECHENGARTNERschen Kommissions- protokolles lassen sich folgende Feststellungen machen: Der Erzmangel oder die Einbuße an Erz kann nicht die alleinige Ursache der Betriebseinstellung gewesen sein, es scheint vielmehr das Zusammenspiel zahlreicher anderer Gründe hiefür verantwortlich zu sein. Der ganze Bau stand in Zimmerung, der Zudrang der Wasser nach der Teufe wurde immer größer und konnte mir schwer bewältigt werden; schlechte Wetter (Schlagwetter, Kohlensäure und Schwefelwasserstoff) gaben Anlaß zu großen Schwierigkeiten, die Fahrung und Förderung war sehr beschwerlich und gefährlich; die politischen Verhältnisse, so besonders die Religionsstreitigkeiten, brachten viel Unheil über das Land, von dem auch der Bergbau nicht verschont blieb. Allein alles das konnte die Einstellung des ganzen Baues noch nicht recht- fertigen, es müssen noch andere Übel bestanden haben, die man nicht beseitigen konnte oder wollte. Die zahlreichen gleichzeitig offen gehaltenen Strecken verraten einen ungeregelten Betrieb, die Wasserhaltungsmaschinen waren sehr primitiv, die sechsstündige Arbeitszeit war kürzer als in den anderen tirolischen Bergbaubetrieben. Die Arbeitsleistung muß gering gewesen sein, was auf die vielen Zechenorte zurück- 88 Guido Hkadil zuführen ist, die auch zu der Zeit, wo die Grube den größten Ertrag abwarf, mit Hilfsgeldern betrieben wurden. Die in den Halden Vorgefundenen Erze beweisen, daß geringere Anbrüche gar nicht beachtet wurden oder die Erzscheidung sehr nachlässig betrieben wurde. Diese Unzukömmlichkeiten und der Umstand, daß in der nächsten Nachbarschaft vom Röhrerbühel andere Berghaue aufblühten, wie Sinnwell, Schattherg, Wildalpe u. a., dürften mit die Vernachlässigung und endgültige Stillegung des Bergbaues am Röhrerbühel herbeigeführt haben. Bei Betrachtung der alten Grubenkarten fällt auf, daß bei einigen Schächten die Hauptläufe mit ungleichen Abständen angelegt sind; während die meisten Strecken (Sohlen) in Zwischenräumen von 20 bis 45 Lachter untereinander liegen, stehen beim Fund- und Reinankenschacht die tieferen Läufe 50 bis 107 Lachter voneinander ab. Diese Unregelmäßigkeit ist nur durch die Absicht zu erklären, an Häuer- und Förderungskosten zu ersparen, da die Strecken auch zum Teil durch taube Gangmittel zu treiben waren und die Querschläge mit der Teufe der Schächte an Länge zunehmen mußten, um den Lagerzug zu erreichen. Nach Schmidts Ansicht wäre der Röhrerbühel am zweckmäßigsten auf folgende Art wieder zu erschließen: Zwischen dem Fund- und Geisterschacht wäre im Hangenden des Erzlagerzuges ein Saigerschacht abzuteufen und von diesem aus in Abständen von 20 oder 30 Klaftern Hangendquerschläge zu treiben; auch wäre mit einem Liegend- Querschlag die Münzerkluft aufzusuchen. Die ScHMiDTsche Arbeit enthält u. a. sehr wertvolle Zusammenfassungen über die Ergiebigkeit des Röhrerbüheler Bergbaues in den verschiedenen Arbeitsepochen. Der erste Abschnitt eines geregelten Betriebes fällt in die 25 Jahre von 1545 bis 1570, in welchen die vier morgenseitigen Richtschächte Daniel (Goldrosen), Geist (Nothburga), Fund (Michael) und Gsöllenbau bis auf 380 Klafter und die abend- seitigen Schächte Ruedlwald, Rainachen und die beiden Fuggerschächte auf 200 Klafter niedergebracht wurden. Diese Zeit war die ergiebigste der ganzen Betriebsdauer. Nach einer Bittschrift der Gewerken vom Jahre 1596 sind von 1550 bis 1570 mehrmals 20000 Mark Silber und darüber und bis zu 10000 Zentner Kupfer jährlich erzeugt worden. Von ziffermäßigen Nachweisungen ist nur eine einzige vom Jahre 1561 vorhanden, nach welcher der Geistbau allein mit 15000 Zentnern Stuf- und Brucherzen und 1700 Zentnern Kiesen angeführt ist, was einer Silberausbeute von 20000 Gulden entspricht. Nach 11 aus den 17 Jahren von 1570 bis 1586 vorliegenden Nachweisungen wurden nur noch 4000 Mark Silber und ebensoviel Zentner Kupfer in Stuf- und Brucherzen, Kiesen, Haldenerzen und Schlichen gewonnen; in den späteren 10 Jahren war die Erzeugung nahezu dieselbe. In dem Zeitabschnitt seit der Stillegung des Grubenbetriebes bis heute hat es an wiederholten Versuchen nicht gefehlt, dieses alte, einst so ergiebige Bergwerk wieder neu zu erschließen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der alte Fuggerstollen gewältigt und mehrere neue Schurfbaue betrieben, doch ohne einen günstigen Erfolg. Am 17. August 1850 wurde unw-eit des Reinachenschachtes ein Stollen ausgeschlagen, mit dem man Erze angefahren hat. Dieser Stollen sollte bis zum Goldenen Rosenschacht geführt werden, wurde aber von der Berg Verwaltung Kitzbühel aus kleinlichen Ersparungsrücksichten vorzeitig eingestellt. Auch in den Jahren vor Der Geistschacht am Röhrerbühel in Tirol. 89 Ausbruch des Weltkrieges waren Bestrebungen im Gange, die Röhrerbüheler Gruben neu zu erschließen, doch fanden diese Arbeiten leider infolge der politischen Ereignisse ein frühzeitiges Ende. Ob die Wiedererschließung einer späteren Zeit Vorbehalten sein mag, liegt außerhalb des Rahmens dieser Betrachtung; mit Sicherheit aber kann gesagt werden, daß nicht der Erz mangel die Schuld an dem Versiegen der bergbaulichen Tätigkeit an dieser einst so segensreichen Stätte gewesen ist. Ein Vergleich der Schicksale der Röhrerbüheler und der Gruben von Schwaz in Tirol liegt auf der Hand: beide bedeuten für das Land eine Zeit ungewöhnlichen wirtschaftlichen Hochstandes und hoher Betriebsamkeit. Während aber der Schwazer Bergbau uns einen Spiegel der zeitgenössischen Geschichte des Landes durch Jahrhunderte darstellt, in dem alle großen Ereignisse, die über dasselbe hinweggegangen sind, ihr bilderreiches Widerspiel gefunden haben — Glaubensspaltung, Reformation und Gegenreformation, der Einfall der Schmalkalden, soziale Kämpfe und Aufstände —, so sehen wir am Röhrerbühel die Geschichte seines Hochglanzes zusammengedrängt auf die kurze Zeitspanne von kaum neunzig Jahren. Eine ungewöhnlich hoch entwickelte bergmännische Technik tritt gleich zu Beginn der Ausbeutung der Gruben an den Bergbau heran und führt ihn in wenigen Jahren auf die Höhen technischer Vollendung und blendender Wirtschaftlichkeit ; mit Tiefen von 8 bis 900 Meter erreicht derselbe einen erst in jüngster Zeit gebrochenen Weltrekord. Aber nur von kurzer Dauer ist die Zeit der Blüte, jäher Verfall folgt ihr unvermittelt und in einem knappen Jahrhundert versinkt der Grubenbetrieb in völlige Bedeutungslosigkeit. Als hätte die gütige Fee, die dort still und segensreich gewaltet, sich träumend in den Schleier gehüllt und schliefe in den unergründeten Tiefen ihres Märchenreiches. Literaturverzeichnis. (Erhebt auf Vollständigkeit keinen Anspruch.) Etteniiards Bergbuch 1556. (Schwazer Bergwerksbuch.) Dionys Helfer, Bergbericht aus dem Jahre 1617. Burglechner, Tiroler Adler, 1618, 1., 3. und 4. Bd. Sperges, Tyrolische Bergwerksgeschichte, 1765. Bericht der Hofkommission betreffend die Auflassung der Grubenbaue. Explikation der Nummern der SENNiiOFERschen Karte vom Jahre 1774. Senger F. v., Das verlassene Bergwerk am Röhrerbühel. Beiträge zur Geschichte, Statistik, Naturkunde und Kunst in Tirol und Vorarlberg, 1. Bd., Innsbruck 1825, S. 247 bis 280. Friese, Über die Tiefe der Schächte des verlassenen Bergbaues am Röhrerbühel. 1856. Trinker, Der Tiefbau am Röhrerbühel. Österr. Berg- u. Hüttenmännische Zeitschrift 1856. Haupt, Erzformation am Röhrerbühel. Freiberger Berg- und Hüttenzeitung 1862, S. 385. 90 Guido Hradil: Der Geistschackt am Eöhrerbühel in Tirol. Schmidt, Der Alte Bergbau am Röhrerbühel und der Erzfund am Kleinbergl. Freiberger Berg- und Hüttenzeitung 1867, S. 400. — Über den alten Bergbau am Röhrerbühel. Berg- und Hüttenmännische Zeitung, Klausthal 1867. Jäger, Archiv für österr. Geschichte. Wien 1875, 53. Bd. Posepny, Archiv für praktische Geologie. Wien 1880, 1. Bd. Schmidt, Über den alten Silber- und Kupferbergbau am Röhrerbühel, behufs einer allfälligen Wiederaufnahme desselben. Berg- und Hüttenmännisches Jahrbuch 1882. Isser v., Alpenvereinszeitschrift 1884, Nr. 28. — Jahrbuch der Bergakademien 1888. — Die Montanbergwerke und Scliurfbaue Tirols. Berg- und Hüttenmännisches Jahrbuch. Wien 1888, S. 287 bis 324. — Zeitschrift des Ferdinandeums, Innsbruck 1893. Wolfskron v., Jahrbuch der Bergakademien 1900, 4. Heft. Blaas, Geologischer Führer von Tirol. Innsbruck 1902. M uch, Prähistorischer Bergbau in den Alpen. Alpenvereinszeitschrift 1902. Wolfskron v., Die Tiroler Erzbergbaue 1301 bis 1665. Innsbruck 1903. Oiinesorge, Silur und Devon in den Kitzbüheler Alpen. Verb. d. geol. R. A. Wien 1905. Dalla Torre, Junks Naturführer von Tirol. Berlin 1913. Hoffmann, Essener Glückauf. 1918, Nr. 28 und 29. Duschnitz, Montanberichte 1924. Geyer, Die Silberbergwerke in den innerösterreichischen Ländern. Schlernschriften 1925, S. 199 bis 218. Müller St., Zur Geschichte des spätmittelalterlichen Bergbaues in Montafon. Zeitschrift für Geschichte und Landeskunde Vorarlbergs 9, 1925, S. 33 bis 44. Srbik Rob. v., Bergbau in Tirol und Vorarlberg. Innsbruck 1929. Scheuermann, Die Fugger als Montanindustrielle in Tirol. 1929. Stolz, Die Anfänge des Bergbaues und Bergrechtes in Tirol. Zeitschrift für Rechts- geschichte, Bd. 48, 1928, S. 207 bis 263. Canaval, Schlagwetter in Erzbergbauen. Montanistische Rundschau 1929. Hirn, Ferdinand II., 1. Bd., S. 539 bis 578. Stainer, Der Röhrerbühel mit seinem alten Bergwerk. Zeitschrift des Ferdinandeums, Innsbruck. Weithofer, Montanistische Rundschau. Wolfskron v., Ferdinandeumszeitschrift, 3. Heft, 22, 41, 43. Für Überlassung der wertvollen Originale aus dem Besitze des Museums Ferdinandeum in Innsbruck zwecks Wiedergabe der Abbildungen bin ich Herrn Kustos Dr. Kaspar Schwarz zu besonderem Danke verpflichtet, ebenso Herrn Min.-Rat Dr. Otto Santo-Passo der obersten Bergbehörde für das ausführliche historische Material, das er gelegentlich der Abfassung eines bisher noch unveröffentlichten Amtsberichtes über den Röhrerbühel gesammelt hat. Altösterreichische Münzstätten. Von Prof. Dr. August Loehr, Direktor des Münzkabinetts im Kunsthistorischen Museum in Wien. Mit 7 Abbildungen. Die technische Vollkommenheit der österreichischen Münzgepräge ist weltbekannt, die Höhe der Prägeleistungen ist begründet in einer jahrhundertelangen Entwicklung des Münzwesens in Österreich, in erster Linie in Wien. Schon in frühgeschichtlicher Zeit wurden in unseren Ländern Münzen erzeugt, und zwar zunächst als zum Teile recht unvollkommene Nachbildungen vorzüglicher griechischer Gepräge, sogenannter Barbarenmünzen. Auch diese Nachahmungen sind in technischer Hinsicht von Interesse. Es ist bis in die letzte Zeit die Frage der Herstellung erörtert worden, da außerordentlich vieles völlig unklar w r ar und bleibt, so vor allem, wie die Schrötlinge hergestellt wurden und ob das Relief der Münze durch Guß oder Prägung erzielt wurde. -Zur Lösung solcher Fragen sind in der letzten Zeit erfolgreiche Versuche in Berlin angestellt w'orden, besonders hinsichtlich der sogenannten plattierten Münzen. Schon etwas.früher hat das Münzkabinett in Wien das metallographische Institut der Wiener Technischen Hochschule gebeten, Untersuchungen solcher Münzen vorzunehmen. Es wurde dann eine Keltenmünze, eine Nachahmung pannonischen Stils, einer Tetradrachme Philipp II. von Macedonien angeschliffen, poliert und geätzt und dann die metallographische Schliffprobe unter dem Mikroskop untersucht. Dr. Scheu war in der Lage, zunächst als Befund festzustellen: Gleichmäßige Kristallite mit Zwillingsstreifen, keinerlei Eließlinien, keine Gußstruktur. Zu Vergleichszwecken wurden dann zunächst mit gütiger Erlaubnis des Direktors des Münzamtes, Hofrat Ing. Koch, Silberschrötlinge gegossen, und zw r ar aus verschiedenen Legierungen in geschlossener Metallform und in freier Luft auf einem Tonscherben; hierauf wurden die so gewonnenen Schrötlinge heiß und kalt geprägt, und zwar bei natürlicher Abkühlung und nach dem Abschrecken im kalten Wasser. Von den Schrötlingen entsprachen nicht die in der Form, sondern nur die auf Ton in freier Luft gegossenen. Nur diese letzteren zeigten äußere Ähnlichkeit mit den Keltenmünzen und besonders auch das Einsinken in der Mitte. Von all den zahlreichen durch Monate hindurch vorgenommenen Versuchen ergab lediglich die Methode des Gießens und Heißprägens der Schrötlinge ein der untersuchten Keltenmünze einigermaßen ähnliches Gefüge mit Zwillingsstreifen. Bloß gegossene Schrötlinge zeigten typische Gußstruktur. Es kann also aus diesen Versuchen mit einiger Sicherheit und in Übereinstimmung mit den Berliner Ergebnissen die Herstellung der Schrötlinge für diese sogenannten Barbarenmünzen durch Guß in freier Luft und durch darauf folgende Beprägung in heißem Zustande angenommen werden. Allerdings wird als Voraussetzung zu gelten haben, daß die Münzen nicht durch Einwirkung von Feuer verändert wmrden. Ob und inwieweit der lange Zeitverlauf von 2000 Jahren die Struktur des Silbers allenfalls verändern kann, ist völlig unbekannt. 92 August Loehr Es ist wohl allgemein bekannt, daß in der Babenbergerzeit, noch vor der Mitte des 12. Jahrhunderts, in Österreich, von Regensburg beeinflußt, ein eigener Münzumlauf und eigene Münzstätten bestanden. Ganz besonders die Münzstätte Wien hat bald einen überragenden Rang erhalten und ihre Erzeugnisse, die Wiener Pfennige, sind seit dem 13. Jahrhundert nicht bloß in Österreich, sondern auch weit in den Nachbarländern die maßgebenden Münzen gewesen. Auch über die technischen und finanziellen Einrichtungen der Münze Wien sind wir durch ausgezeichnete schriftliche Überlieferung des späteren Mittelalters im Münzbuch des Albrecht von Ebersdorf vorzüglich unterrichtet. So bekannt aber dieser Umlauf der Wiener Pfennige ist, so wenig bekannt dürfte die Tatsache sein, daß selbst im 13. Jahrhundert mit seiner fortgeschrittenen Geldwirtschaft außer den Münzen noch ein Umlauf an Barrengeld bestand. Solche Barren hat es in vielen Ländern gegeben, in besonders ausgebildeten Systemen in Rußland, dann in Nordwestdeutschland, wo maßgebende Handelsstädte, um sich vor Schädigung durch fortwährend entwertetes Kleingeld zu schützen, in großem Maße und nach gemeinsamen Normen Silberbarren, mit ihren Zeichen versehen, in Umlauf brachten. Generationen weiter zurück liegt das Vorkommen von Barren im deutschen Südosten. Ihre Verwendung ist aus den Reiserechnungen des Bischofs Wolfker von Passau (1191 bis 1204) bekannt. Der Reisende führte Silberbarren mit sich, von denen jeweils kleine Stücke abgeschlagen und gegen die in den betreffenden Territorien umlaufenden Silberpfennige umgetauscht wurden. Dieser Wechsel vollzog sich jeweils beim Übergang von einem Münzgebiet ins andere. Schon früher war bekannt, daß in Münzfunden in Südostdeutschland auch Silberbarren vorgekommen waren, so z. B. in einem großen bei Reichenhall gehobenen Schatzfund. Da diese Barren aber wenig Interesse und Beachtung fanden, wurden sie in der Regel eingeschmolzen. Nur wenig hat sich erhalten, so z. B. ein ungewöhnlich großes, fast 2 kg schweres Stück aus Regensburg im Berliner Münzkabinett. Nun kam vor etwa 30 Jahren ein ungefähr 200 g schwerer Gußkönig in einem Münzfunde bei Golling zutage. Und dieses Stück konnte dann 1915 für das Münzkabinett erworben werden. Zu Ostern 1930 wurde bei Spittal a. d. Drau ein sehr großer Fund Friesacher Münzen gehoben, der drei solcher voneinander differierender Silberbarren enthielt. Auch diese Barren konnten gerettet und unter die Museen von Wien, Klagenfurt und Villach aufgeteilt werden. So ist allmählich an russischen, nordwest- und südostdeutschen Barren eine solche Anzahl der Wissenschaft zugänglich geworden, daß man an eine metallographische Untersuchung schreiten konnte. Auch in dieser Hinsicht hat das Wiener Münzkabinett an der Technischen Hochschule bei den Abb. 1 Abb. 2. T-VJ f*'. .j Silberbarren, Funde von Gschieß, 1230. Altösterreichische Münzstätten. 93 Herren Dr. Scheu und Christoph Hilfe gefunden. Es sind zu wiederholten Malen die in Wien befindlichen und von auswärts aus der Sammlung des Herzogs von Braunschweig in Gmunden entlehnten sowie anderweitig erreichbare Barren untersucht worden. Es konnte ohneweiteres festgestellt werden, daß verschiedene dieser Barren in einer eigenen Metallform mit großer Routine hergestellt wurden, so z. B. russische. Auch die niedersächsischen weisen überwiegend große Übung und Geschicklichkeit nach. Die südostdeutschen sind ihrem zeitlich früheren Vorkommen entsprechend nicht so vollkommen. Die Untersuchung ergab als Regel die Herstellung in einer runden Form, wahrscheinlich aus Ton. Diese Form war sicher nicht vorgewärmt; dadurch und durch die Aufnahme von Sauerstoff erklären sich die zahlreichen Poren und mitunter sehr großen Löcher auf der Unterseite. Derartigen Löchern entsprechen auf der Oberfläche Quellerscheinungen. Für den Guß in kalter Form sprechen ebenfalls mitunter vorkommende erstarrte wellenartige Linien. Die genaue Beobachtung der Oberflächen von Teilstücken der Barren ermöglichte bereits die Feststellung der Zusammengehörigkeit solcher Bruch- oder Hacksilberstücke, so ganz besonders interessant in Beständen des Budapester Kabinetts, wo der Berichterstatter das Zusammengehören dreier Stücke demonstrieren und sie als dreiviertel eines Gußkönigs erklären konnte. Eine weitere wichtige Feststellung ergab sich für den Vorgang bei der Teilung solcher Barren, die für kleinere Zahlungen unerläßlich war. Es war, wie an zahlreichen Stücken nachzuweisen ist, üblich, mit einem Meißel bis etwa zur Hälfte der Dicke einzuschlagen und dann die Stücke auseinanderzubrechen. Die Untersuchung des größten der drei neuen Barren aus Kärnten im Gewicht von mehr als 300 g ergibt die Vermutung, daß das ganze Stück etwa fünf- bis sechsmal so groß gewesen und daher etwa ebensoviel gewogen haben muß wie das früher erwähnte größte aller bisher bekannten Barrenstücke aus Regensburg, dem es auch in der äußeren Mache ähnelt. Es ist nicht uninteressant festzustellen, daß die beiden übrigen Barren aus dem gleichen Funde sich von diesem ersteren nicht bloß im Feingehalt, sondern auch in der Porosität der Oberfläche und ähnlichem stark unterscheiden. Von diesen beiden ist wieder das eine in einer Form hergestellt, während das andere durch seine Flachheit von allen übrigen bisher bekannten Barren sich stark unterscheidet. Also auch für den mittelalterlichen Geldumlauf ist das, was in Österreich Brauch war, von Interesse und auch hiefür ist die Zusammenarbeit von Numismatik und Technik eine notwendige Voraussetzung für das Erreichen von Ergebnissen. Es ist schon erwähnt worden, daß bereits das Mittelalter in Österreich einen Münzumlauf kannte, der über die Landesgrenzen hinaus von Bedeutung w^ar. Der Übergang zur Neuzeit brachte dann zum überhaupt erstenmal in der Weltgeschichte die große Silbermünze durch die Reformen und die reiche Prägetätigkeit Erzherzog Sigismunds von Tirol, dann Max I. und Ferdinands I. in ihren altererbten und neuerworbenen Ländern. Sicher nicht unbekannt sind die Gepräge aus der alten ungarischen Münzstätte Kremnitz, der Heimat des ungarischen Dukaten, aus dem erzgebirgischen Joachimstal, wo vor den Habsburgern die Grafen von Schlick eine große Silbermünze geprägt haben, die mit ihrer Herkunftsbezeichnung „Joachimstaler“ den weltbekannten Münznamen Taler und Dollar entstehen ließ. Von ganz großer Bedeutung waren als Münzstätten Wien und Hall in Tirol — gerade 94 August Loehr diese letztere, die Heimat und Anwendungsstätte hervorragender technischer Reformen im Münzw'esen. Der Gelehrte Pighius schildert in der 1609 erschienenen Beschreibung der Reise, die er als Begleiter des Herzogs Karl von Cleve mit diesem unternommen hat, die Einrichtung dieser Münzstätte und betont, daß dort die Münzen nicht mehr gegossen oder mit Hämmern geprägt, sondern durch Pressen gedruckt werden. Ein Wasserrad setzt die Maschinen in Bewegung, dieses treibt mehrere Zahnräder, die untereinander verbunden sind. Durch die letzteren wieder werden zwei stählerne miteinander verbundene Walzen in Drehung versetzt. Die eine ist der anderen übergelagert, sie bewegen sich in entgegengesetzter Richtung zueinander. In diese Walzen ist die Zeichnung der Münze eingegraben in der Zahl, die der Umfang des Zylinders erlaubt. Auf dem oberen Zylinder sind die Bilder der Fürsten mit dem Titel, auf den unteren Wappen der Fürsten oder andere Embleme oder Jahreszahlen. Die Verbindung der Zylinder ist eine so genaue, daß die Gravierungen sich vollkommen während der Umdrehung entsprechen und die Münzen beiderseits fertig aus der Maschine hervorgehen. Es hat dort der Münzmeister nichts anderes zu tun, als die Metallstreifen, die schon genau vorgewogen und dann in der Größe vorbereitet sind, zwischen die Zylinder zu bringen. Nun erfassen die Walzen mit ihren Gravierungen gleich Zähnen das Blech, ziehen es an sich, verschlucken es ganz, stoßen auf der anderen Seite die geprägten Münzen und überschüssigen Metallteile hervor und lassen sie in eine Schüssel fallen. Bei der Besichtigung dieser Einrichtung hat der Herzog sich daran ergötzt, selbst Goldzaine in die Walzen zu schieben und in kürzester Zeit 10 oder 12 tadellose Münzen herzustellen. Pighius erw r ähnt, daß auch Frauen zu gewissen, auch schweren Arbeiten verwendet werden, sie bewegen den Blasebalg und besorgen das Feuer der Schmelzöfen. Auch bei diesem, der eigentlichen Prägung vorangehenden Prozeß ist eine große Vereinfachung erreicht. In großen Kesseln wird das Metall geschmolzen und die Legierung beigesetzt, das noch flüssige Metall in eiserne Gießbögen gegossen, zu langen Stangen geformt, die unter von Wasser getriebene Hämmer gebracht und zur erforderlichen Dicke und Breite geschlagen werden. Die Münzprägung ist mit so großer Vollkommenheit durchgeführt, daß die nachträgliche Überprüfung durch Abwiegen wenig Mühe macht. Diese Schilderung der in Hall seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts üblichen Münzw'eise ist die ganz genaue Beschreibung des sogenannten Münz walz- U&fir JziU gj-esäs if— z; Abb. 5. Abb. 3. ^ Abb. 4. J Abb. 3: Die älteste große Silbermünze „Unzialis" des Erzherzogs Sigismund, Hall 1484. Abb. 4: Schlicktaler. Abb. 5: Maria Theresienthaler, 1780. l / 4 der natürlichen Größe. Altösterreichische Münzstätten. 95 Werkes, das zwar wie es scheint, von Schweizern erfunden, aber zuerst in Hall angewendet wurde, und von dort aus in verschiedenen Münzstätten Österreichs und Süddeutschlands übernommen worden ist. Andere Länder, wie etwa Frankreich oder England, haben diesen technischen Fortschritt nie eingeführt, sondern sind erst später zur Einführung der Spindelpresse übergegangen, so daß diese Prägeart in gewisser Hinsicht etwas für Österreich Charakteristisches ist. Eine außerordentliche Berühmtheit erlangte die Haller Münztechnik dadurch, daß Erzherzog Ferdinand von Tirol nach dem Haller Muster ein Münzwerk für seinen Vetter Philipp II. von Spanien hersteilen, nach Segovia überführen und dort auf stellen ließ. Von diesem Münz werk in Segovia besitzen wir ein sehr genaues Inventar, das guten Einblick in die Betriebsart ermöglicht. Es bestand aus verschiedenen Maschinen; ein erstes Werk zum Ausziehen der gegossenen Zaine, ein zweites zum Glattziehen der aus dem ersten Werk gewonnenen rauhen Zaine, ein drittes, in dem die Walzen die im zweiten Werk glatt gezogenen Zaine auf prägten. Diese drei Werke wurden durch Wasserkraft, in Segovia am Rio Eresmo, getrieben. Dazu kommen noch Schmelzöfen mit Zugehör und für die Herstellung kleiner Münzen ebenfalls mit Wasserantrieb drei Prägewerke in der Art von Pressen und schließlich Maschinen zum Schneiden der Metallplatten und zum Herausschlagen der Münzen. Dieses Münzwerk in Segovia fand einerseits großen Widerstand unter den Münzarbeitern, anderseits die größte Aufmerksamkeit beteiligter Kreise. Zwei Beschreibungen von Personen aus dem Hofe Philipps II., nämlich des Patre Si- guenza und von Jehan Lhermite, ergänzen sich in glücklicher Weise. Auch der König kam nach Segovia und Graf Hans Khevenhüller, der Gesandte des Kaisers und Vertreter Erzherzog Ferdinands von Tirol, hatte ebenfalls sich mit der Einrichtung des Geschenkes des deutschen Vetters des Königs zu befassen. Wie die (mit der Sammlung Figdor an die Staatssammlung) gekommene Khevenhüller- sche Genealogie festhält, hatte Khevenhüller sowohl 1585 sowie 1586 beidemal im Monat Juli sich mit der Aufstellung und Überprüfung des spanischen Münzwerkes zu befassen. Wie die österreichischen Münzstätten in technischer Hinsicht hervortraten, so erreichten sie auch einen hohen künstlerischen Rang. Während früher die deutschen Kaiser ihren Beruf an Medaillen vielfach anderwärts, namentlich durch Me- ■ V*. . i Abb. Münzlurm Hall in Tirol. (Photographisches Atelier und Kunstverlag Alfred Stockhammer, Hall in Tirol.) K - «T 96 August Loehr: Altösterreicliische Münzstätten. dailleure in Augsburg und Nürnberg besorgen ließen, ist unter Josef I. und ganz besonders unter Karl VI. die Münzstätte Wien vervollständigt und mit künstlerischem Personal ausgestattet worden, so daß seither eine reiche Folge von künstlerisch wertvollen offiziellen Medaillen im Wiener Münzamt entstanden ist. Von den Münzen hat eine, der Konventionstaler mit dem Bilde der Kaiserin Maria Theresia, geradezu Weltbedeutung gewonnen. Seit 150 Jahren fast völlig unverändert ausgeprägt, dient der „Maria Theresientaler“ bis heute dem Geldverkehr orientalischer Länder. Die Zahl der in* verschiedenen österreichischen Münzstätten Wien, Hall, Günzburg, Kremnitz, Karlsburg, Mailand, Venedig, Prag geprägten Maria Theresientaler wird auf 200 Millionen veranschlagt. 1752 waren es 1 Million Abb. J. Prägewalzen aus Hall in Tirol. Stück, 1902 sogar deren 7 Millionen, 1927 wurde die Höchstzahl mit 15501000 erreicht. Diese Prägung wird auch heute noch fortgesetzt. Es ist bemerkenswert, daß die Münzstätte Wien bald die Stellung einer übergeordneten Hauptmünzstelle gegenüber den anderen österreichischen Münzstätten einnahm, diese kontrollierte, sie mit Prägestempeln versah und so wesentlich an der Schöpfung eines einheitlichen Münz- und Geldwesens innerhalb der so disparaten österreichischen Monarchie mit wirkte. Aber auch über die Grenzen Österreichs hinaus hat das Wiener Hauptmünzamt Betätigung gefunden. Noch in den letzten Jahrzehnten sind für Serbien und Rumänien, für Griechenland und Bulgarien, für Montenegro und Albanien, für Polen, für Abessinien, Persien, China, Brasilien und Uruguay, Ägypten und die Türkei Münzen oder Münzproben hergestellt worden. Der führenden Stellung der Wiener Medaille seit mehr als zwei Jahrhunderten ist schon gedacht worden. Nochmals aber soll zum Schluß mit Nachdruck auf die große Bedeutung des Zusammenwirkens des technischen Versuchswesens und der Numismatik für die Wirtschafts- und Kulturgeschichte hingewiesen werden. Haswell und seine dampf-hydraulischen Schmiedepressen. Von Generaldirektor Ing. Arno Demmer. Mit 3 Abbildungen. In wenigen Jahren, im Juni 1938, sind es hundert Jahre, daß der Schotte John Haswell im Auftrag der Firma William Fairbairn & Co. in Manchester und Wilwall bei London nach Wien kam. Seine Aufgabe war, die von seinem Hause für Wien entworfene Werkstätte mit ihren Maschinen in Betrieb zu setzen. Zu jener Zeit gab es in Österreich nur wenige alte, herrschaftliche Eisenwerke in Böhmen, Mähren, Schlesien, Steiermark und Kärnten, in Wien selbst aber fast keine Betriebe, die man als Maschinenfabriken im heutigen Sinne hätte bezeichnen können. Es war Urland zu pflügen; Heranbildung eines Arbeiterstandes und Schaffung des Werkzeuges. War doch die heimische Industrie so schwach entwickelt, daß sogar Transmissionswellen aus England bezogen werden mußten. Im ersten Jahre des Bestandes der „Wien- Raaber Eisenbahn“, deren Direktor Haswell geworden war, waren es daher vorzugsweise Drehbänke, Bohrmaschinen, eine Maschine zum Aufpressen der Räder auf j 0 ^ n Haswell. die Achsen, die im Fabrikationsprogramm genannt wurden. Auch eine Eisengießerei mußte erst geschaffen und im Jahre 1840 ein Kupolofen mit einem Ventilator aufgestellt werden. Es war dies die erste Eisengießerei in Wien und in ihr wurden die ersten Schalengußräder gegossen. Um das Holz der Wälder für die steirische Industrie zu schonen, erließ die Regierung ein Verbot, Holzkohle für den Betrieb der Kupolöfen zu verwenden. Unter diesem Zwange war Haswell der erste, der Gaskoks zum Niederschmelzen verwendete. Unermüdlich war der Erfindergeist Haswells auf dem Gebiete der Technologie, mit zielbewußter Freude ergriff er jedes mechanische Problem; die Erzeugnisse des Werkes vom Jahre 1843 legen dafür beredtes Zeugnis ab. Es wurden hergestellt: Hydraulische Pressen für Papierfabrikation, Zuckerraffinerie, Ölmühlen, Schraubenschneidmaschinen, Krane, Lochmaschinen, Stampfwerke, große Blechwalzen, Schiebebühnen, Schneepflüge, Schmiedemaschinen, Dampfhämmer usw. Bemerkenswert für seine Selbständigkeit ist, daß sich schon damals Haswell von englischen Vorbildern freigemacht hat, um fortan eigene Wege zu gehen. Besonders schwierig waren größere Schmiedestücke herzustellen, wie solche • im Lokomotivbau, der von Haswell besonders gepflegt wurde, Verwundung finden. Während manche Lokomotivbestandteile, wie Kreuzköpfe, Kolben, auch vielfach aus Gußeisen hergestellt wurden, so gab es doch wieder andere Teile, die nur aus Schmiedeeisen anzufertigen wuren, z. B. Kurbeln, Kümpelbleche usw. Geschichte der Technik, II. 1. 7 98 Arno Demmer Wenngleich nun der Dampfhammer als Werkzeug des Schmiedes von Nasmyth im Jahre 1839 zum zweitenmal erfunden worden war (das erste Patent auf einen solchen erhielt der Londoner Ingenieur William Deverell im Jahre 1806), so ist doch die Aufstellung und der Betrieb eines solchen immer von bestehenden Bodenverhältnissen und der Umgebung abhängig. Um das Jahr 1860 dürfte Haswell seine dampf-hydraulische Schmiedepresse erfunden haben, denn das Schmieden nach diesem Verfahren wurde in den Werkstätten der k. k. priv. Staats-Eisenbahn-Gesellschaft, wie die Wien-Raaber-Eisenbahn nunmehr hieß, bereits im Jahre 1861 durchgeführt. Die Qualität des Materials wird bei dieser Erzeugungsart der Schmiedestücke durch das stete, ruhige Pressen unter hohem Drucke entschieden eine bessere als durch das Schlagen der Hämmer. Diese Tatsache fand sofortige Würdigung, denn nach Haswells Vorgang kamen bei Borsig und Schwartzkopf in Berlin und ebenso in England Pressen nach Patent Haswell, letztere wahrscheinlich nach der Londoner Ausstellung im Jahre 1862, auf welcher eine Zeichnung der kleinen HASWELL-Presse nebst anderen Schöpfungen Haswells ausgestellt war, in Verwendung. Sicher ist, daß diese dampf-hydraulische Presse eine Erstausführung der alten Welt, wahrscheinlich sogar der ganzen Welt darstellt, und daß diese Presse am meisten dazu beigetragen hat, den Namen ihres Schöpfers in der gesamten technischen Welt bekannt zu machen. Denn so bahnbrechend Haswells Gedanken und Erfindungen auf dem Gebiete des Lokomotivbaues waren, deren Geschichte bis heute noch nicht geschrieben ist, so ist doch keine seiner vielen, der Zeit vorauseilenden Ideen so bekannt geworden, wie jene, die seiner Schmiedepresse zugrunde liegen. Haswells Schmiedepresse hat außerdem den großen Vorteil, daß die für einen Hammer erforderlichen schweren Chabottefundamente entbehrlich sind. Auf einem gußeisernen Rahmenträger ist in der Mitte desselben ein gußeiserner Dampfzylinder von 1264 mm Durchmesser befestigt. In diesem Zylinder bewegt sich der hohlwandige, gußeiserne Kolben, dessen Stange in zwei Stopfbüchsen geführt wird, die in den beiden gußeisernen Zylinderdeckeln eingebaut sind. Der mit dem Zylinder aus einem Stück gegossene Schieberkasten ist für einen Flachschieber entwickelt und steht mit der Dampfzuleitung vom Kessel über ein Dampfeinlaßventil in Verbindung. Befindet sich der Flachschieber in Mittelstellung, dann überdecken seine äußeren Steuerkanten die beiden S-Kanäle, die an den Zylinderenden in den Dampfzylinder einmünden. Auf die Kolbenstangenenden sind auf jeder Seite je ein Plunger von 132 mm Durchmesser aufgekeilt, die gleichläufig mit dem Dampfkolben bewegt werden. Diese Plunger tauchen in die Preßwasserpumpen, die jede einfachwirkend am Pumpenende den Ventilkasten tragen, an denen die Saug- und Druckleitungen angeflanscht sind. Im Ventilkasten sind je ein Saug- und ein Druckventil eingebaut. Die Pumpenkörper sind aus Gußeisen, Saug- und Druckventile sind aus Stahl gefertigte Tellerventile. Die Druck- oder Preßwasserleitungen führen zur rein hydraulisch wirkenden Schmiedepresse. Auf vier schmiedeeisernen Säulen ruht ein aus Gußeisen hergestellter Pressen- II a,swell und seine dampf-hydraulischen Sclimiedepressen. 99 körper. Auf diesem wieder sitzt ein gußeisernes Aufsatzstück, in welchem die beiden stählernen, tellerförmigen Steuerventile und der Rückzugplunger arbeiten. Im Pressenkörper ist ein glockenförmiger Stahleinsatz als Führungsbüchse für den mittels Ledermanschetten dichtenden Preßplunger eingezogen und durch Schrumpfring gesichert. Rückzugplunger und Preßplunger sind mittels Umführungsgestänges verbunden, beide Plunger führen gleichläufige Bewegung aus. Zu dem einen der beiden im Aufsatzstück eingebauten Steuerventile führen die Preßwasserleitungen der beiden Preßpumpen, vom anderen Steuerventil führt eine Rücklaufleitung zu einem über der Presse befindlichen Wasserbehälter, der durch eine Leitung wieder mit einem Saugwindkessel der Saugleitung der beiden Preßpumpen in Verbindung steht. JDer Vorgang beim Pressen ist folgender (s. Abb. 2): Nach Offnen des Dampfventiles strömt Dampf in den Schieberkasten des Dampfzylinders. Durch einen Handgriff wird der Schieber eines kleinen Steuerzylinders, der als Servomotor dient, betätigt und damit der Schieber des Dampfzylinders derart gesteuert, daß der Dampf kolben aus seiner Mittelstellung entweder nach links oder rechts, je nach Schieberstellung verschoben wird. Gleichzeitig wird von der entsprechenden Pumpe, die Druckhub hat, Preßwasser zum Pressenkörper gepumpt. Mittels eines Steuerzylinders am Dampfzylinder, der, an einem Hebel mit großer Übersetzung wirkend, das Steuerventil I öffnet, wobei Steuerventil II geschlossen ist, strömt Preßwasser sowohl zum Preßplunger als auch zum Rückzugplunger; da aber Preß- und Rückzugplunger durch Umführungsgestänge gekuppelt sind, bewegt sich der Preßplunger mit der Differenz ihrer Drücke nach abwärts. Es wird gepreßt. Durch Schließen des Steuerventiles I und Öffnen des Steuerventiles II, das in gleicher Weise wie das des Steuerventiles I erfolgt, wird die Preßwasserzuführung zum Preßplunger zwar abgesperrt, aber das Preßwasser wirkt jetzt so w r ie beim Preßvorgang auf den Rückzugplunger allein, der durch das Umführungsgestäuge den Preßplunger von der Preßform abhebt. Der Preßplunger, aufwärts gehend, drückt durch das geöffnete Steuerventil II sein entspanntes Wasser durch die Rücklaufleitung in den Wasserbehälter, über den Saugwindkessel wieder in die Saug- * ■Behälter Abb. 2. Schnitt durch den Pressenkörper. 100 Arxo Demmer ■ _*i .:L^gJ ' %v i..;-(| leitung der beiden Preßpumpen, von denen die eine wieder angesaugt hat. Durch Umsteuern des Servomotors, des Hauptdampfschiebers, wird der Dampfkolben gegenläufig und die Gegenseite liefert wieder Preßwasser. So wiederholt sich das Spiel, Anheben des Steuerventiles I, entsprechend dem Preßvorgang, Schluß des Steuerventiles I, Öffnen des Steuerventiles II, Rückzug des Preßplungers und Ausstößen des Wassers in den Behälter. Haswell und seine dampf-hydraulischen Schmiedepressen. 101 Um nun zu verhindern, daß der gegen die Zylinderenden laufende Dampfkolben nicht die Deckel durchschlägt, ist an einem der beiden Preßwasser-pumpen- plunger ein Mitnehmer angebracht, der mittels eines Anschlages den Servomotor und damit die Kolbenbewegung umsteuert, bevor der Kolben den Zylinderdeckel beschädigen kann. Um nun auch die Steuerzylinder und den Servomotor vor Zerstören durch Anschlägen der Steuerkolben zu sichern, sind Dämpfungszylinder vorgeschaltet, die, als Luftpuffer wirkend, jedes Aufschlagen der Steuerkolben am Hubende unschädlich machen. Die Kraftverhältnisse der Presse ergeben: Bei einem Dampfzylinderdurchmesser von 1264 mm entsprechend einer Fläche von 12377 cm 2 und einem Dampfdruck von 5,8 atm wird ein Preßwasserdruck von 500 atm erzeugt. Da der Preßpumpen- plunger bei 132 mm Durchmesser eine Fläche von 136,8 cm 2 besitzt, so beträgt die Übersetzung zwischen der Dampfkolben- und der Preßw r asserplungerfläche ! = 1 : 90,4. Der Kolben- und Plungerhub beträgt 1580 mm, die mittlere 1 oO,o Kolbengeschwindigkeit 0,7 m/sek. Der Preßplunger hat einen Durchmesser von 474 mm, entsprechend einer Fläche von 1627,8 cm 2 , der Rückzugplunger bei einem Durchmesser von 132 mm eine Fläche von 136,8 cm 2 , bei einem größten Preßhub von 500 mm. Daraus ergibt sich ein Arbeitsdruck der Presse beim Abwärtsgange von 814 tons, beim Rückgänge ein solcher von 68,4 tons. Die bei diesen Drücken auftretenden Beanspruchungen betragen: In den Säulen im Schaft K z = 710 kg/cm 2 ; in den Pumpentraversen, die die Pressepumpen am Dampfzylinder halten K g = 700 kg/cm 2 ; in den Umführungsstangen K z = 700 kg; im Querhaupt der beiden Umführungsstangen ein K h — 400 kg/cm 2 und in den Armen des gußeisernen Preßkörpers an der Wurzel in der stärkst gespannten Faser K b = 387 kg/cm 2 . Diese Ziffern entsprechen, mit Ausnahme der letzten, durchwegs modernen Werten. Die Biegungsbeanspruchung im Armkreuz ist für Gußeisen als hoch zu bezeichnen, und tatsächlich ist der Pressenkörper, allerdings nach jahrzehntelanger Verwendung, im Armkreuz im Jahre 1890 gebrochen. Jedenfalls ein Zeichen für einen ausgezeichneten Guß bei Wandstärken bis zu 170 mm. An Gußeisen wurden für diese sogenannte kleine Presse 76000 kg verwendet, an Stahl 9645 kg, an Bronze und Kupfer 256 kg, während für Schmiedeeisen keine einwandfreie Ziffer genannt werden kann. Nach dieser kleinen Presse baute Haswell im Jahre 1872 eine größere Presse genau derselben Art, die infolge der durchw r egs größeren Dimensionen einen Preß- druck von 1360 tons auszuüben imstande war. Auf diesen Pressen wurden erzeugt: Die Gegengewichtssegmente und Sektoren für die damals aus Schmiedeeisen mittels Feuerschw r eißens hergestellten Radsterne, sowie deren Naben, Kurbeln einfacher Art, sowie auch solche, die als HALLsche Doppelexzenterkurbeln für außenliegende Stephenson- Steuerungen Verwendung fanden, Gegenkurbeln, Kolben 102 Arno Demmer: Haswell und seine dampf-hydraulischen Schmiedepressen. bis zu 850 mm Durchmesser, zweischienige Kreuzköpfe, Achslagergehäuse, Federbunde, die Köpfe der Treib- und Kuppelstangen, Balanciers, Kümpelbleche, Domdeckel, Domuntersätze und viele Fassonschmiedestücke bis 200 kg Gewicht. Auch schwere Kurbelwellen und kleine Räder wurden hergestellt, die Räder vorgepreßt und die Speichenfelder dann durchgedrückt. Damals wurde das für Lokomotivteile erforderliche Eisen paquettiert, d. h. es wurden Blechabfälle und anderes sortiertes Eisen in Würfelform in den Schweißofen gebracht und dann unter einem Hammer zu Brammen ausgeschmiedet. Diese Brammen wurden in Stücke geschnitten, wovon jedes Stück gewichtsgleich sein mußte mit dem jeweils zu pressenden Stücke. Die Arbeitsteilung beim Pressen und Vorrichten geschah derart, daß ein Ofen für den Hammer, einer für die Presse ging. Beide Öfen waren gewöhnliche Schweißöfen. Große Sorgfalt erforderte die Herstellung der Preßgesenke. Gewöhnlich bestanden sie, je nach dem herzustellenden Gegenstände, aus einem Ober- und Unterteil, die, auf einem Schlitten aufgebaut, seitlich unter der Presse verfahrbar waren. Kanäle im Gesenk waren vorgesehen für das Entweichen der Luft beim Pressen, geringe Konizität der Randflächen mußte das Ausstößen des fertig gepreßten Stückes erleichtern. Sämtliche Gesenke waren aus Gußeisen, umklammert von schweren, schmiedeeisernen Ringen. Die vorgeschnittenen Brammen wurden auf Schw'eißhitze gebracht, mittels Zange ins Gesenk eingesetzt und in einer Hitze fertig gepreßt. Kurz vor dem Pressevorgang wurde auf das schweißglühende Eisen etwas Steinkohlengrieß gegeben, da dessen Gase beim Rückzug des Preßplungers sich zündschlagartig ausdehnten und das gepreßte Stück vom Gesenk lockerten. Kleinere Stücke wurden in Gesenken hergestellt, deren Form vervielfacht nebeneinander als Hohlform im Gesenk ausgearbeitet war. Kolbenkörper wurden nach dem Pressen der Form im gleichen Arbeitsvorgang auch gedornt. Vielseitig war die Verwendung dieser Pressen, die Herstellung der Schmiedestücke war rasch, billig und mit geringem Abfall durch die Appretur fertigzustellen. Beide Pressen waren vom Jahre ihrer Erbauung bis zur Stillegung der „Steg“ im Jahre 1929 in fast ununterbrochener Tätigkeit, Zeugnis ablegend für ihre Brauchbarkeit; einst angestaunte Schmiedemaschinen, verloren sie sich allmählich im Heere ihrer Schwestern, der modernen Schmiedepressen, die sie nur in der Höhe des Preßdruckes, nicht aber in der Genialität der konstruktiven Idee übertreffen. Am 8. Juni 1897, im 86. Lebensjahre, starb plötzlich der Erbauer dieser Presse. Weit über seine Zeit hinaus, vorahnend kommende Notwendigkeiten, mußte sich dieser außerordentliche Mann vieles erst selbst schaffen, um seine Ideen in die Tat umzusetzen. Hohe Befriedigung birgt werktätiges Schaffen, Genugtuung und Freude bringt die Verwirklichung von Gedanken und Ideen, wenn sie die Probe der Verwendbarkeit bestanden, höchstes Glück aber genießt jener, der im Schaffen souverän herrscht, der sich selbst die Probleme stellt. Haswell war einer dieser wenigen Glücklichen dieser Erde. Und doch ein Einfacher, Bescheidener, mit strengem Rechtlichkeitssinn, ein Mann von seltener Otto Böhler, Hans Schwoiser: Zur Geschichte des österr. Edelstahles. 103 Herzensgüte, bei allen seinen Mitarbeitern beliebt, ein Bildner zahlreicher Schüler und eines Arbeiterstandes, der Vorbildliches leistete. Has well schied 1882 aus dem Werke, das er aus kleinsten Anfängen zur ersten Lokomotivfabrik Österreichs emporgearbeitet hatte, gerade in der Zeit, wo die konstruktive Tätigkeit im Lokomotivbau in die Konstruktionsbüros der Eisenbahngesellschaft verlegt wurde. Unbestritten war Haswell vom Jahre 1840 bis 1870 führend im Lokomotivbau. Abhold jeder Reklame, sind heute viele seiner Erstschöpfungen unter ganz anderen Kamen bekannt und immer noch in Anwendung. Niemand aber kann ihm das Verdienst streitig machen, daß er der Schöpfer der dampf-hydraulischen Schmiedepresse war und immer wird sein Name als der eines Bahnbrechers genannt werden müssen, wenn vom modernen Schmieden die Rede ist. Literaturverzeichnis. „Hydraulische Presse zum Schnellsclimieden (System Haswell)“, in „Mitteilungen über die zur Londoner Ausstellung im Jahre 1862 von der k. k. priv. österr. Staats- Eisenhahn-Gesellschaft gesendeten Gegenstände“ (Wien 1862-), S. 23/24, 3 Tafeln. Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, Bd. VII, 1863, S. 278/288 u. S. 289/290, Tafel VIII. Sanzin R., „John Haswell“, in „Beiträge zur Geschichte der Technik und Industrie“, Bd. 5 (Berlin 1913), S. 167 bis 173, Bildnis, 24 Abbildungen. Loiise U., „John Haswell“, in „Männer der Technik“ (Berlin 1925), S. 107/108. Zur Geschichte des österreichischen Edelstahles. Von Bergrat Dr. Ing. Otto Böhler und Generalsekretär Hans Schwoiser. Mit 5 Abbildungen. Die Bezeichnung „Edelstahl“ ist erst anläßlich der Gründung der „Vereinigung deutscher Edelstahlwerke“ im Dezember 1914 für Qualitätsstähle überhaupt in den allgemeinen Handelsgebrauch eingeführt w'orden. Das Wort „Edelstahl“ wurde allerdings damals nicht neu erfunden, sondern es ist nach einem Berichte in „Stahl und Eisen“ 1929, S. 1360, zum ersten Male urkundlich in vorhandenen Akten aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beim Stahlwerk Plate in Augustenthal nachweisbar. Jedenfalls kann man die Behauptung aufstellen, daß der erste Edelstahl mit der Erfindung des Tiegelgußstahles durch den Uhrmacher Benjamin Huntsman in Sheffield entstanden ist. Als Zeitpunkt dieser Erfindung wird das Jahr 1740 bezeichnet. Da Huntsman auf seine Erfindung kein Patent genommen hatte, sie vielmehr geheim hielt, so erregte natürlich das Erscheinen 104 Otto Böhler, Hans Schwoiser dieses neuen Stahles großes Interesse in den Fachkreisen, und man war eifrig bestrebt, das Geheimnis seiner Darstellung zu lüften. Für Österreich war diese Erfindung von besonderer Bedeutung, sobald bekannt wurde, daß für die Herstellung von Tiegelgußstahl ein besonders reines Eisen (Huntsman verwendete schwedisches Dannemora-Eisen) Grundbedingung ist, weil die Eisen- und Stahlindustrie der österreichischen Alpenländer in ihren reichen Vorkommen von manganreichen Spateisensteinen über einen erlesenen Rohstoff für die Stahlbereitung verfügte. ,,Im 18. Jahrhundert,“ schreibt Beck in seiner Geschichte des Eisens, „behauptete die Eisenindustrie der österreichischen Alpenländer ihren alten Ruhm. Steiermark und Kärnten galten unbedingt für die klassische Heimat der Eisenbereitung in Mitteleuropa. Ihr Stahl wurde überallhin verführt und war anerkannt der beste Schmelzstahl.“ Dieser Ruhm des steirischen Stahles reicht aber schon in eine graue Vorzeit zurück. Es ist nachgewiesen, daß schon die alten Römer Eisen am steirischen Erzberg gewannen. Sie nannten es „norisches Eisen“, weil Steiermark und Kärnten zu jener Zeit Teile der römischen Provinz Noricum bildeten. Ovid (Metamorph. 64, Fol. 17) rühmt den norischen Stahl: „Durior et ferro, quod Noricus excoquit ignis“ (härter als Eisen von norischem Feuer geschmolzen). Und in Petronius „Gastmahl des Trimalchio“ ist zu lesen, daß der Hausherr seinem Koch, um dessen besondere Geschicklichkeit zu belohnen, zwei norische Messer aus Rom mitgebracht hat, die auch sogleich an den Bärten der Gäste versucht werden sollten. Im Mittel- alter und insbesondere zu Beginn der Neuzeit wurde der Herstellung und dem Verkauf des steirischen und kärntnerischen Eisens und Stahles eine besondere Fürsorge von Seite der Landesfürsten zugewendet; flössen doch aus diesen Gewerben namhafte Einkünfte dem Staate zu. Kaiser Maximilian I. verordnete 1507 die Aufstellung einer eigenen Untersuchungskommission, um alle eingerissene Unordnung am steirischen Erzberg zu untersuchen und abzutun und ferner auch, daß alles stahlreiche Eisen vorzüglich den Hämmern zu Obdach, im oberen Mürztale, dann zu und um Bruck a. d. Mur zu überlassen sei. Dieser Kaiser hatte auch in seiner Residenz zu Innsbruck die Harnischmacherei, Panzer- und Waffenschmiede sehr gefördert. Der Handel mit steirischem Stahl und Erzeugnissen der Innsbrucker Waffenindustrie ging von da nach Spanien und England, daher der Innsbrucker Stahl in England als „Isebruckstuff“ bezeichnet wurde. Auch Shakespeare läßt seinen Othello ausrufen: „I have another w r eapon in this chamber. It is a sw r ord of Spain, the ice-brook’s temper.“ Möglicherweise enthält der Ausdruck „ice- brook’s temper“ einen entstellten Hinweis auf die damalige Innsbrucker Schwertfegerei. In der von Kaiser Leopold I. erlassenen neuen Waldordnung, gegeben zu Wien am 23. Februar 1659, wird die Wichtigkeit einer gewissenhaften Waldwirtschaft für die Erfordernisse des Erzbaues und der heimischen Eisen- und Stahlerzeugung hervorgehoben und darin u. a. angeführt: „Indeme die Gütte dess Eyssens und Stachels in der ganzen Welt erkennet und geprisen — Daher auch gleichsamb in alle Derselben Ende — und Unter andern — wie glaubwürdig Bericht obhanden — gar in Indien überbracht und Verschlüssen wurde.“ Alle die bis zum Erscheinen des Tiegelgußstahles in den österreichischen Alpenländern gewonnenen Stahlsorten für Werkzeuge, Federn, Sensen, Messer u. dgl. wurden zumeist nach dem Holzkohlen-Stahlfrisch verfahren hergestellt. Der aus Zur Geschichte des österreichischen Edelstahles. 105 dem Frischherd entnommene teigige Stahlklumpen wurde mittelst Schwanzhäm- mern auf vierkantige Stangen verschiedener Abmessungen ausgereckt, die Stangen in Kisten oder Fässern verpackt und unter dem Namen Kistenstahl verkauft. Dieser Stahl wurde hauptsächlichst nach dem Orient und auch nach Ägypten und Indien abgesetzt. Da dieser Handel meistens über Italien ging, so erfolgte das Ausrecken des steirischen oder kärntnerischen Herdfrischstahles häufig auch in oberitalienischen Hammerstätten zu Mailand und Brescia, weshalb dieser Stahl auch unter dem Namen Milano- oder Bresciastahl in den Handel kam. Solchen Stahl lieferte u. a. und liefert auch heute noch in großen Mengen das Gräfl. Thurnsche Abb. 1. Alle steirische Frischhütte mit Schwunghammer. Techn. Museum. IG r v --si-V. [mTmM Stahlwerk in Streiteben in Kärnten (heute Jugoslavien). Eine weitere Veredlung des Kistenstahles war schon der sogenannte Gärbstahl. Hiebei wurde der dem Frischherd entnommene Stahlklumpen auf dünne, vierkantige Stäbe ausgereckt und eine Anzahl derselben zu einer Garbe gebunden und im Ofen bis zur Schweißhitze erwärmt, worauf die Garbe unter einem Wasserhammer zu einem Stab ausgereckt wurde. Dieser Vorgang konnte zwei- und dreimal wiederholt werden, und man unterschied dann einmal, zweimal und dreimal gegärbten Stahl. Jede Gärbung verbesserte die Wertigkeit des Materials. Auf diese Weise wurde der berühmte Innerberger-Stahl mit Zeichen „Tanne“ (Tannenbaumstahl) hergestellt, der im In- und Auslande hochgeschätzt war für Werkzeuge, Messer, Schwerter und zum Anstählen von Werkzeugen, bei welchen nur die Arbeitsflächen aus Stahl zu sein brauchten. Ein Vorläufer des Tiegelgußstahles war auch der Zementstahl, der 1722 von Reaumur erfunden wurde. Der Prozeß besteht aus der Umwandlung von Eisen in Stahl durch Anreicherung kohlenstoffarmen Eisens mit Kohlenstoff von außen her durch die Oberfläche des Eisens. In Österreich wurde dieses Verfahren durch den Direktor der k. k. Bergakademie in Leoben (jetzt Montanistische Hochschule) Hofrat Peter Tunner 1851 im Stahlwerk Eibiswaldin Steiermark eingeführt. 106 Otto Böhler, Hans Schwoiser Die Tiegelgußstahlfabrikation wurde in Österreich in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auf genommen. Im Jahre 1825 errichtete Daniel Fischer im Verein mit Martin Miller in St. Aegyd am Neuwalde in Niederösterreich eine Tiegelgußstahlhütte. Diese Anlage gilt als die erste Tiegelgußstahlfabrik inÖsterreich. In Furthof, N.-Ö., wurde 1850 eine Tiegelgußstahlhütte von Anton Fischer, dem Enkel des Begründers der Drahtseil- und Feilenfabriken in St. Aegyd a. N. und Furthof, Jakob Fischer, errichtet, womit sich Anton Fischer in der Beschaffung des Stahlmaterials für seine Feilen und Drahtseile unabhängig machen wollte. Ungefähr um die gleiche Zeit errichtete Georg Fischer eine Tiegelgußstahlhütte in Hainfeld, N.-Ö. Diese Erzeugungsstätten von Tiegelgußstahl in Österreich galten zunächst nur für die Deckung des eigenen Abb. 2. Bedarfes für die Herstellung hochwertiger Die erste Tiegelgußstahlhütte in Österreich. Stahlwaren. Sie bestellen heute nicht mehr. Einen besonderen Aufschwung hat die Herstellung des Tiegelgußstahles aber erst durch die Erfindung des Regenerativ-Gasofens im Jahre 1857 von Friedrich Gufiftaflfctbrif -Hapfcnkty i)cr ©c6r. Nobler n.£o. 31.Ö. 3 m 3afcre i860. ..U L/t Wsäw Abb. 3. Die Franz Mayr von Melnhofsche Gußstahlhütte, in der 1859 der erste Siemens- Tiegelgußstahlofen erbaut wurde. Siemens erfahren, welche Erfindung ermöglichte, Öfen für eine größere Anzahl von Tiegeln zu bauen und damit die Ausbringung von größeren Mengen Tiegelgußstahles zu erzielen. Nach einem Bericht des Hofrates und emerit. Professors an der Bergakademie in Leoben, Franz Kupelwieser, im Katalog der österreichischen Abteilung auf der Weltausstellung in Paris 1900 wurde der erste Siemens- Tiegelgußstahlofen nach einer von Siemens gelieferten Zeichnung im Jahre 1859 Zur Geschichte des österreichischen Edelstahles. 107 im Mayr v. MELNHOFschen Stahlwerk Kapfenberg in Steiermark (jetzt Gebr. Böhler & Co. Aktiengesellschaft) gebaut, und bis 1864 wurden noch weitere neun Öfen errichtet. Prof. Kupelwieser spricht in seinem vorerwähnten Bericht die Priorität der Einführung von Siemensöfen zum Stahlschmelzen Österreich zu und verweist diesbezüglich auch auf das Werk von Cyriaque Hilson ,,La Siderurgie en France et ä l’etranger“, 1891, pag. 402, worin bei der Besprechung der Gußstahlhütte von Kapfenberg in Steiermark u. a. gesagt wird: „c’est dans cette usine, que Ton a obtenu le premier acier fondu au four Siemens.“ Zum ersten Male wurde in Kapfenberg Tiegelgußstahl im Jahre 1854 in einem mit Holzkohlen angefeuerten Schachtofen für sieben Tiegel erzeugt. Bei dieser Gelegenheit soll auch erwähnt werden, daß in Kapfenberg der erste Martinofen in deutschen Landen nach Angabe des Erfinders Pierre Martin, und zwar im Jahre 1868, errichtet wurde. Zu den älteren Tiegelgußstahlwerken in Österreich zählen auch noch: die von der Ternitzer Walzwerk- und Bessemerstahlfabrikations-Aktiengesellschaft (jetzt Schoeller-Bleckmann - Stahlwerke) in Hirschwang bei Reichenau, N.-Ö., errichtete Gußstahlhütte, ferner die Gußstahl- und Feilenfabrik in Mürzzuschlag von Johann E. Bleckmann (jetzt Schoeller-Bleckmann-Stahlwerke) und schließlich die Gußstahlhütte Eibiswald der k. k. priv. Eisen- und Stahlgewerkschaft zu Eibiswald und Krumbach (jetzt Österr.-Alpine Montangesellschaft). Zu diesen sind in späterer Zeit die Steir. Gußstahlwerke A. G. vorm. Danner & Comp, in Judenburg und die Schmidt-Stahlwerke in Wien hinzugetreten. Die ebenfalls noch im alten Österreich entstandenen Tiegelgußstahlwerke Poldihütte in Kladno und das Graf THURNsche Stahlwerk in Streitleben gehören seit dem Zerfall der Monarchie dem tschechoslowakischen und dem jugoslawischen Staate an. Von geschichtlichem Interesse ist auch das von Franz v. Uchatius im Jahre 1854 erfundene Verfahren zur Herstellung eines Gußstahles, nach welchem granuliertes Roheisen zusammen mit geröstetem Spateisenstein im Tiegel geschmolzen wurde. Der Erfinder erwarb dafür ein englisches und ein französisches Patent. Die Hoffnungen, die man auf dieses Verfahren gesetzt hatte, erfüllten sich jedoch nicht, und die Fabrikation dieses als Uchatiusstahl bekanntgewordenen Tiegelstahles erfuhr keine größere Verbreitung. Die österreichische Tiegelstahlindustrie kann auf verschiedene Errungenschaften verweisen, denen sie ihren hohen Rang verdankt. So hatte Prof. Kupelwieser neben der schon angeführten Erbauung des ersten Siemens-Tiegelguß- Abb. 4. Tiegelstahlwerk mit oberirdischem Schmelzofen. 108 Otto Böhler, Hans Schwoiser stahlofens im Jahre 1859 auch noch folgende Prioritäten für Österreich in Anspruch genommen: 1871: Die Einführung der Erzeugung von Wolframstahl in Kapfenberg durch die k. k. priv. Innerberger Hauptgewerkschaft. Es scheint aber, daß die Herstellung und der Verkauf von Wolframstahl schon früher erfolgte, weil in Preis- kuranten über Erzeugnisse der k. k. priv. Gußstahlfabrik Kapfenberg zu Beginn der sechziger Jahre bereits Wolframstahl, d. i. Gußstahl mit Diamanthärte, für Schneidwerkzeuge (Drehmesser u. dgl.) enthalten ist. (Die erste Herstellung von Wolframstahl erfolgte im Jahre 1858 in der k. k. Gußstahlhütte in Reichraming durch den Chemiker Dr. Franz Koller.) 1876: Die Verwendung von Tonaufsätzen beim Guß von Tiegelstahlingots auf die Kokillen, um den Lunker im oberen Teil des Ingots zu konzentrieren. Zuerst in Kapfenberg angewendet. 1895: Die Aufnahme der Erzeugung von weichem Wolframstahl für Gewehrläufe und die Priorität der Verwendung von Wolframstahl in der Waffentechnik für Österreich (Stahlwerk Kapfenberg). Ferner wurde schon früher von Franz Mayr v. Melnhof ein im Tiegelgußstahlwerk Kapfenberg erzeugter Manganstahl (hochwertiger Werkzeugstahl mit niedrigem Mangangehalt) auf der Pariser Weltausstellung 1867 ausgestellt. Das Verwendungsgebiet des Tiegelgußstahles war schon mit Rücksicht auf seinen verhältnismäßig hohen Preis, der durch die Verwendung eines erlesenen, sorgfältig sortierten Einwagematerials, nur einmalige Verwendung der Schmelztiegel und strenge Nachprüfung des Fertigproduktes beim Schmieden bedingt war, auf feine Werkzeuge, Münzstempel, Stanzen und Schnitte, hochpolierte Walzen für die Edelmetallindustrie, Rasiermesser, Federn, chirurgische Instrumente u. dgl. beschränkt. Demgemäß waren auch die Erzeugungssorten gegenüber den überaus vielfältigen Qualitätsabstufungen der heutigen Edelstähle eng begrenzt. Mit der fortschreitenden Mechanisierung von Gewerbe und Industrie und der Verkehrseinrichtungen, mit den zahlreichen Erfindungen neuer Maschinen und insbesondere mit den um die Jahrhundertwende erschienenen Schnellarbeitsstählen hat sich auch die Zahl der Qualitätsabstufungen des Tiegelgußstahles wesentlich vermehrt. Schnelldrehstahl wurde auf der Pariser Weltausstellung 1900 von den Amerikanern Taylor und Withe vorgeführt und erregte besonders dadurch großes Aufsehen, daß die Schneiden selbst bei Rotglut ihre Schnittfähigkeit behielten. Der Schnelldrehstahl, der eine Schnittgeschwindigkeit bei der mechanischen Bearbeitung von härtesten Materialien ermöglichte, die bisher von keinem Tiegelgußstahl erreicht wurde, hat eine L'mwälzung im Werkzeugmaschinenbau hervorgerufen und Anlaß zum Bau starker Dreh- und Hobelbänke gegeben, die erforderlich waren, um die Leistungsfähigkeit der Schnellarbeitsstähle voll auszunützen. Es hat sich auch ein besonderer Ausschuß des Berliner Bezirksvereins deutscher Ingenieure für das Studium der Schnelldrehstahlfrage gebildet, in welchem die Werkstättenleiter der großen Maschinenbauanstalten vertreten waren. Dieser Ausschuß veranlaßte eingehende Werkstättenversuche, an welchen sich alle großen deutschen und österreichischen Edelstahlwerke beteiligten, und es muß als ein Ruhmesblatt der österreichischen Edelstahlindustrie angesehen werden, daß bei diesen Versuchen ein österreichisches Produkt (Kapfenberger Rapidstahl) sich an Zur Geschichte des österr. Edelstahles. 109 erster Stelle behauptete. (Bericht des Werkzeugstahl-Ausschusses des Berliner Bezirks-Vereines des Vereins Deutscher Ingenieure in Nr. 39 der Zeitschrift des V. D. I. vom 28. September 1901.) Neue und erhöhte Anforderungen an die chemischen und physikalischen Eigenschaften der Qualitätsstähle stellten der Automobilbau, der Luftschiff- und Flugzeugbau, sowie die neuzeitigen Kriegswaffen. Neben den schon früher bekannten Legierungsmitteln, wie Mangan, Wolfram, Chrom, wurden die Eigenschaften neuer Legierungsmetalle, wie Nickel, Kupfer, Kobalt, Vanadin, Titan, Tantal usw. im Stahle erforscht, wobei man sich die Lehren der Metallographie über den Gefügeaufbau des Stahles zu eigen machte. Es entstanden auf diese Weise mit der Zeit eine lange Reihe sogenannter Sonderstähle, wozu die rost- sicheren, säure- und hitzebeständigen Stähle für Tafelmesser, chirurgische Werkzeuge, Scheren, Kochgeschirre, für Gegenstände der chemischen Industrie und für Bauteile bei Explosionsmotoren, die verschleißfesten Stähle für Baggermaschinenteile, Brechbacken, Preß- stempel für Brikettfabriken und andere gehören. Bemerkenswert ist, daß Chrom- Abb . 5. Abstich eines Elektroofens, stahl in Österreich schon im Jahre 1885 in der Gußstahlhütte in Eibiswald (Steiermark) hergestellt worden sein soll, dessen rostsichere Eigenschaften aber damals nicht beachtet worden sind. Österreichische rostsichere Chromstähle erschienen erst auf der in Wien im Jahre 1913 abgehaltenen Adria-Ausstellung. Stahlschmelzversuche mit Chrom wurden bereits im Jahre 1821 von Berthier durchgeführt und die erhaltenen Stähle zeigten schönen Damast, ließen sich gut schmieden und gaben gute Rasiermesser und andere Klingen. Ein Umschwung in der Edelstahlerzeugung ist durch die um die Jahrhundertwende erfolgte Einführung der Elektroofen in die Stahlerzeugung eingetreten. Das Schmelzen im Elektroofen gestaltet sich bei entsprechenden Strompreisen billiger als im Tiegel und erlaubt die Herstellung größerer Mengen in vollkommen gleichmäßiger Zusammensetzung und Temperatur. Die seither eingetretenen Verbesserungen in dem Bau und Betrieb der Elektroofen und insbesondere die in letzter Zeit in österreichischen Edelstahlwerken eingeführten Hochfrequenzöfen haben die Elektrostahlerzeugung in den Vordergrund gerückt und sie befähigt, den Tiegelstahlprozeß in jüngster Zeit fast vollständig zu verdrängen. Die Edelstahlerzeugung und der Export von Edelstahl waren schon in der alten Monarchie eine Aktivpost der Handelsbilanz, und gleich wie in der Vorzeit der alte steirische Stahl in aller Herren Länder berühmt und begehrt war, so sind T Vt 110 Karl Tänzer: Sondergewerbe ln der Eisenwurzen. auch die neuzeitigen österreichischen Edelstähle, die nach den wissenschaftlichen Erfahrungen der heutigen Metallurgie aus den unerschöpflichen Schätzen des heimischen Erzberges hergestellt werden, nicht nur in allen Ländern Europas, sondern auch der ganzen Erde in Verwendung. Der weitaus größte Teil der österreichischen Edelstahlproduktion nimmt seinen Weg ins Ausland. Das Verdienst vieler heimischer Hüttenleute kommt in diesem technischen und wirtschaftlichen Erfolg zum Ausdruck; man darf aber, wenn vom österreichischen Edelstahl die Rede ist, keinesfalls des im Jahre 1909 verstorbenen k. k. Oberbergrates Fridolin Reiser vergessen, den man, ohne andere Verdienste zu schmälern, als den Pionier der österreichischen Tiegelgußstahlindustrie bezeichnen kann. Unter seiner Hand hat der steirische Tiegelgußstahl seinen Weltruf errungen. Reiser war auch der erste Stahlhüttenmann, der ein grundlegendes Buch über die Behandlung des Werkzeugstahles geschrieben hat, und das 1881 bei Artur Felix in Leipzig erschienene Werk ,,Das Härten des Stahles in Theorie und Praxis“ erlebte seither viele Neuauflagen und wurde in mehrere Sprachen, darunter auch die japanische, übersetzt. Österreich ist in vielen Belangen die Heimat der Veredlungsindustrie; in der Edelstahlindustrie sind es aber auch die unvergleichlichen heimischen Naturschätze, das steirische Eisen, das ihren Weltruf in der Vergangenheit begründete und auch in fernster Zukunft erhalten wird. Sondergewerbe in der Eisenwurzen. Von Ing. Karl Tänzer. Mit 4 Abbildungen. Der „Laib Brot“, von dem sich jeder ein Stück herunterschneiden kann, hieß der steirische Erzberg in seinem weiten Umkreis. Seine Geschichte ist aber nicht nur die eines Landstriches, sie ist die Geschichte des steirischen Eisens überhaupt, das fünf Jahrhunderte als unübertrefflich galt. Mit nimmermüdem Fleiß und mit den denkbar einfachsten Mitteln legten unsere Vorfahren am „gebenedeiten“ Erzberg den Grundstein zur österreichischen Eisenindustrie. Heute steht am Fuße des Berges als Triumph neuzeitiger Technik das große Hüttenwerk Donawitz, wo Gewinnung und letzte Gestaltung des Eisens leicht übersehbar vor unseren Augen abrollen. Die Eisenwurzen. Holz und Wasserkraft waren noch vor mehreren Jahrzehnten das Rückgrat für die Gewinnung und Verarbeitung des steirischen Eisens. Planlose Waldwirtschaft verwüstete schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts die herrlichen Wälder Sondergewerbe in der Eisenwurzen. 111 um den Erzberg. Holznot entstand. Kaum daß der für die Radwerke benötigte Brennstoff in der nächsten Umgebung der Erzlager aufgetrieben werden konnte. Die Hammerwerke mußten sich von den Schmelzöfen trennen und siedelten sich weitab vom Erzberg dort an, wo Holz in ausreichender Menge und beständig starke Wasserkräfte ihren ungestörten Betrieb sicherten. Die vergrößerte Arbeiterzahl, die der aufstrebende Betrieb am Erzberg allmählich beschäftigte, war ebenfalls Ursache für das Entstehen neuer Hammerstätten. Da der karge Boden im Umkreis des Erzberges die wachsende Zahl der Arbeiter mit ihren Familien allein nicht verpflegen konnte, mußten die fruchtbaren Täler der unteren Enns, der Erlaf, Ybbs und Traisen aushelfen. Die Händler lieferten nach Eisenerz Mehl, Fleisch und Fett und bekamen dafür von den Radmeistern Abb. 1. Eisenerz um 1649 nach einem Stich von Mathias Merian. IT VtU. rU . nicht Geld, wühl aber Eisen. Dieses als „Provianteisen“ bezeichnete Eisen ward Grundlage einer blühenden Kleineisenindustrie im Gebiete der vorgenannten Wasserläufe. Und dieses Gebiet gehörte jenem Gau an, der von altersher die „Eisenwurzen“ hieß. Die „gottgesegnete“ Eisenwurzen erstreckte sich vom Erzberg bis zur Donau, vom Krems- und Stevrtal bis in das Tal der Traisen und war bis vor kurzem ein wirtschaftsgeographischer Distrikt, nicht aber ein vom Landesfürsten einst fest umgrenzter Verwaltungsbezirk. Erst im März 1932 erlangte jener Teil der Eisenwurzen, der im Bundesland Xiederösterreich liegt, auch politische Bedeutung. Vom niederösterreichischen Landtag wurden anläßlich der Einteilung des Landes in neue Wahlkreise die Gerichtsbezirke Amstetten, Gaming, Haag, St. Peter in der Au, Scheibbs, Waidhofen an der Ybbs und Ybbs, zu einem Wahlkreis: „Eisenwurzen“ zusammengefaßt. Die Hammerwerke besorgten ursprünglich nur die Trennung der Eisensorten aus den Masseln. Die äußere Partie derselben war Schmiedeeisen, erst gegen den Kern zu Stahl. Man unterschied seiner Güte nach Roh-, Mittel- und Vorderkernstahl. Die abgeschroteten Teile der Masseln hießen Kloben oder Stangeneisen und wurden je nach ihrer Verwundung unter den kleinen Zainhämmern in Stäbe von 5 bis 12 Pfund Gewicht ausgeschlichtet oder „gezahlt“. Jeder Stab trug das Zeichen des Hammerwerkes. Der Rohstahl wurde in der Hauptsache zu Hacken ausgeschmiedet, der Mittel- oder Frumbwerkstahl zur Herstellung von Messer- 112 Karl Tänzer klingen verwendet, während der Vorderkernstahl als „Scharsachstahl“ zu Schwertern oder Sensen verarbeitet wurde. Der Scharsachstahl war die gesuchteste Sorte. Die Eisenstadt Steyr. Die Herzkammer des Innerberger Eisenwesens war durch fünf Jahrhunderte Steyr. Herzog Albrecht I. verlieh der Stadt schon 1287 das Privileg zum ausschließlichen Handel mit diesem Eisen. Sie wurde der einzige Stapelplatz für Innerberger Eisen, welches die breite und tiefe Enns ihr zuführte, aber auch ein alter Straßenzug, die Eisenkammerstraße, die Eisenerz mit Steyr verband. Ende des 13. Jahrhunderts entstand die später so mächtige Gilde der Eisenhändler, die in bestimmten Fristen von den Innerberger Rad werken das Eisen abholten, um es von Steyr aus in den Handel zu bringen. So lange noch Rad- und Hammerwerke vereinigt waren, nahmen sie das „geschlagene Zeug“ von den Radmeistern in Empfang. Später aber, nach vollzogener Trennung der Hammerwerke von den Rad werken, bezogen die Eisenhändler das geschlagene Zeug unmittelbar von den Hammermeistern. Abb. 2. Der Innerberger Stadl in Steyr. \J Die Hammermeister brauchten in schlechten Zeiten Geld, um ihren Betrieb aufrecht erhalten zu können. Dieses Geld streckten ihnen die Steyrer Kaufleute als unverzinsliches Darlehen vor. Dafür mußten die Hammermeister sich verpflichten, allwöchentlich eine bestimmte Menge ihrer Erzeugnisse den Kaufherren zu liefern. Man nannte einen solchen auf die Gewährung eines Darlehens fußenden Liefervertrag einen „Verlag“. Der Eisenhändler hieß Verleger. Durch diesen Verlag kamen die Hammermeister allmählich in die Hände der Steyrer Verleger, die bald zu großer Macht gelangten und sie rücksichtslos gebrauchten. Die Ansammlung der Erzeugnisse der Hammerwerke in Steyr und die überaus günstige Lage dieser Stadt zur ausgezeichneten Donaustraße bestimmte in hervorragender Weise die gewerbliche Entwicklung dieses Gemeinwesens und die der angrenzenden Teile des nieder- und oberösterreichischen Voralpenlandes, die wir als „Eisenwurzen“ schon kennenlernten. Die wichtigsten Erzeugnisse des Kleineisengewerbes waren Messer, Schwerter, Sensen und Sicheln, Hacken, Schnitzmesser, Taschenfeitel, Scheren, Feilen, Ahlen, Bohrer, Zangen, Hobeleisen, Hand- und Bogensägen, Löffel und Pfannen, Nägel, Maultrommeln, Schrauben und Draht, Hufeisen, Pflugscharen und Radblech. Diese Erzeugnisse wurden in fast allen europäischen Ländern, in der Levante, selbst in Persien und Indien abgesetzt. Der Ruhm des steirischen Eisens drang in fernste Länder und die daraus ge- Sondergewerbe in der Eisenwurzen. 113 fertigten Waren sicherten Steyr und der Eisenwurzen eine reichlich fließende Einnahmequelle. Mit Wien an Bedeutung und Wohlhabenheit wetteifernd, war Steyr lange Zeit ein Mittelpunkt des innerösterreichischen Handels und die Metropole des europäischen Eisenwesens. Ein Patriziat wuchs heran, das den Handel mit Eisen monopolisierte, Hammermeister und Handwerker gründlich ausbeutete, im Rat der Stadt das große Wort führte, recht fleißig städtischen und ländlichen Grundbesitz ankaufte, sich Edelsitze erbaute, auf denen es, durch des Kaisers Gunst im Stande erhöht, als „steyrischer Eisenadel“ förmlich Hof hielt. Und doch verdankt Steyr dieser Plutokratie viel. Keine andere österreichische Stadt, When ausgenommen, beherbergte eine solche Fülle bürgerlichen Kunstsinnes, wie Steyr in den Tagen seines Glanzes. Die schmalen Gäßchen mit den ■winkeligen Engpässen und den malerischen Durchblicken auf ein Gewirr von Giebeln und erkergeschmückten Häuserfronten vergegenwärtigen als unvergängliche Zeugen einer stolzen Vergangenheit unserm Auge ein Stück Mittelalter, das fast nur mehr in Bildern und Erzählungen zu finden ist. Der nie verblassende Zauber dieser in anmutigster Landschaft hingebreiteten alten Eisenstadt nimmt heute noch ihre Besucher gefangen. Ende des 16. Jahrhunderts äscherte eine gewaltige Feuersbrunst Eisenerz ein und gleichzeitig wurden viele Hammerstätten durch Hochwasser zerstört. Dazu trat noch die Verwirrung, die die Gegenreformation bewirkte. Der durch sie im Jahre 1595 hervorgerufene Bauernaufstand ergriff Steyr und Umgebung. Der Eisentransport wurde gestört und die Zufuhr von Proviant ins Innerberger Gebiet erschwert. Noch unheilvoller aber wurde die Verwirrung, nachdem Erzherzog Ferdinand von Österreich die Gegenreformation rücksichtslos, ja grausam betrieb. Die besten Handwerker verließen die Stadt und viele von ihnen wanderten bis ins Bergische Land und gründeten dort, in Solingen und Remscheid, die heute blühende Kleineisenindustrie. Steyr stand an einem Abgrund, denn hunderte Häuser waren verlassen, die wenigen Einwohner quälte Hunger, und die Pest tat ihr übriges. Es bedurfte aller Anstrengungen der Zurückgebliebenen, um die kurz vorher noch so blühende-und mächtige Stadt vor dem Untergang zu bewahren. Mit Steyr zugleich stand das ganze Innerberger Eisenwesen vor seiner Auflösung. Ein Zwangsakt Kaiser Ferdinands II. faßte im Jahre 1625 alle Glieder dieses Eisenwesens — die Radwerke, die Hammermeister und Verleger — zu einer Körperschaft, der „Innerberger Hauptgewerkschaft“, zusammen, in der die Stadt Steyr, die 1628 die Mehrheit der Anteile an sich gebracht hatte, bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts ausschlaggebend war. Nach Aufhebung der landesfürstlichen Zwangsverwaltung im Jahre 1781 ging die Leitung dieser Körperschaft auf Steyr über. Die Stadt wurde Sitz der Innerberger Hauptgewerkschaft, verkaufte aber im Jahre'1798 ihren Kapitalanteil an der Hauptgewerkschaft und verlor damit zur Gänze ihre Bedeutung als Zentrum des Innerberger Eisenwesens. Wiens ehemaliger Rivale träumte nun den stillen Traum einer Kleinstadt. Die wenigen Werkstätten mit ihren dröhnenden Hämmern und sausenden Schleifsteinen störten diese Beschaulichkeit nicht. Die Stadt wurde Geschichte der Technik, II. 1. S 114 Karl Tänzer Sommerfrische, in der unser unsterblicher Schubert beim Rauschen des Steyrflusses seine herrliche Forellenmelodie erlauschte. Erst im Jahre 1855 weckte die nun einsetzende Ära Josef Werndls ihren Schlummer. Ein neuer Goldregen rieselte über die Stadt, sie ward zur Waffenschmiede der Welt. Werndls Unternehmen beherrschte wirtschaftlich die Stadt, gab lohnende Arbeit und schuf neuen Wohlstand, bis der Vertrag von St. Gormain mit seinem Verbot der Waffenerzeugung es ins innerste Mark traf. Nur vorübergehend vermochte die rasch vorgenommene Umstellung des Werkes in eine Automobilfabrik den riesengroßen Maschinensälen kräftig pulsierendes Leben einzuhauchen. Die Österreich umragenden hohen Zollmauern lähmen seine Produktionskraft, das Werk kann nicht leben, will aber und soll auch nicht sterben. Steyr ist heute das wieder, was es schon mehrmals in seiner Geschichte war: ein Opfer unglücklicher Zeitverhältnisse. „Scharschacher“ nennen sich heute noch die Messerschmiede im Tal des Trattenbaches, der sich südlich von Steyr in die Enns ergießt. Scharschach oder Scharsach leitet sich von „scara sass“ ab. In einem Vocabularium der Stadt Venedig aus dem Jahre 1424 findet sich für die venetianische Bezeichnung des Rasiermessers, el rasore, die deutsche Übersetzung „Scharsach“. Unzweifelhaft ist Scharsach mit Scher- oder Rasiermesser identisch. Die Trattenbacher Scharschacher gehörten anfangs zur Messererzunft von Steinbach a. d. Steyr. Ihre Zugehörigkeit zu dieser Zunft wird erstmalig 1422 erwähnt. Aber mit den Steinbachern standen die Trattenbacher fortwährend in Zank und Streit, sie trachteten von deren Zunft loszukommen. Auf den Besitzer der Herrschaft Steyr, Johann Maximilian Reichsgrafen von Lamberg, muß ihre Drohung, „eher außer Landes zu gehen, ehebevor sie mit dieser Zunft noch weiter heben und legen“, doch Eindruck gemacht haben. Am 14. Juni 1680 gewährte er ihnen das Recht, eine eigene, die Trattenbacher „Scharschacher Zunft“ zu bilden. Aus den Trattenbacher Zunftbüchern geht hervor, daß die Scharschacher frühzeitig schon Taschenfaltmesser, die sie Zauckerln nannten, erzeugten. Die Blütezeit der Trattenbacher Zauckerlschmiede war um das Jahr 1820. Damals gab es Scharschacher, die täglich bis zu 3000 Stück von diesen Taschenfaltmessern, daher wohl auch der Name „Feitel“ stammt, erzeugten. Von diesen einfachen und billigen Messern wurden im Jahre 1885 noch über 16 Millionen Stück hergestellt, die in Rußland, Polen, auf dem Balkan und im Orient schlanken Absatz fanden. Heute sind Rußland, Polen und der Balkan als Absatzgebiete verloren gegangen; lediglich der Orient und Ostasien sind noch Abnehmer der Taschenfeitel. Durch die zunehmende Verfeinerung der Lebenshaltung auch der dortigen Völker droht diesem einst blühenden Gewerbe der Untergang. Etwa fünf Millionen Taschenfeitel betrug die vorjährige Produktion. Im Jahre 1929 feierte in Molln a. d. Steyr die Zunft der „Maultrumblmacher“, die einzige dieser Art auf der ganzen Welt, ihren 250jährigen Bestand. Im Jahre 1679 gab es 23 Meister und 10 Gesellen, die in Massen dieses eigenartige Musikinstrument herstellten. Heute ist die Maultrommel, von der einst die Sage ging, daß kein Weib ihren Klängen widerstehen könne, in den deutschen Landen vergessen. Sondergewerbe in der Eisenwurzen. 115 Maultrommeln werden in den verschiedensten Größen, aus Eisen oder Messing, mit einer Zunge oder mit doppelter Zunge angefertigt. Es gibt „Stroh“-, „Pilsen“-, „Schlüssel“- oder „Steyermärker“-Trommeln. Dieses Instrument, ob seiner lockenden Töne einst von kirchlicher Seite verpönt, findet in der Welt immer weniger Anwert. Die ersten Schmiede, die sich in den Tälern der niederösterreichischen Eisenwurzen niederließen, kamen unzweifelhaft aus dem Innerberger Gebiet, wenn dies auch urkundlich nicht niedergelegt ist. Ihre Einwanderung erfolgte weder mit einemmal, noch war sie planmäßig. Nachweisbar jedoch ist, daß die steirischen Eisenmänner nach Verlassen des Ennstales entlang der Salza von Palfau über die Mendling in das Ybbstal nach Göstling hinabstiegen. Göstling war für dieses eisenkundige Volk ein Zweigpunkt, denn hier ist ein zweifacher Zug seiner Wanderung feststellbar. Der erste Zug ging ybbsabwärts über Höllenstein, Opponitz nach Waidhofen, wobei ein Teil dieser wandernden Scharen vorher über die Kripp nach Ybbsitz abschwenkte. Der andere Zug ging ybbsaufwärts über Lunz und den Grub- berg nach Gaming, teilte sich hier, um einerseits nach Gresten und anderseits der Erlaf entlang nach Scheibbs und Purgstall zu ziehen. Auch die Zeit, da der Klang der Hämmer dieser Schmiede zum erstenmal in den Tälern der Ybbs und der Erlaf erscholl, läßt sich nicht mit Sicherheit nach- weisen. Wahrscheinlich sind ihre ersten Siedlungen zu Beginn des 12. Jahrhunderts entstanden, denn der Huf der Kunstfertigkeit der Schmiede aus der Eisenwurzen war schon im 13. Jahrhundert weit über Deutschlands Gaue, sogar bis nach Siebenbürgen gedrungen. König Andreas III. von Ungarn erneuerte im Jahre 1291 den aus der „Eisenwurczel“ stammenden deutschen Arbeitern, die nach Torotzko in Siebenbürgen berufen worden waren, ihre Privilegien, die durch den Einfall der Mongolen in Verlust geraten waren. Waidhofen a. d. Ybbs und Ybbsitz. Ähnlich günstig gelegen wie Steyr, lag Waidhofen an der Ybbs zum Erzberg und zur wichtigsten Verkehrsstraße Österreichs, der Donau. Urkundlich erscheint erstmalig der Name „Waidhovn“ im Jahre 1186, aber schon achtzig Jahre später heißt Waidhofen der „Schlyssl von Eisenärzt“. Feuer und Wasser, die beiden für die Bearbeitung des Eisens so wichtigen Elemente, waren in reichlicher Menge vorhanden. Bis tief in die steirische Mark schmückten prächtige Wälder die hohen Berge, zwischen denen brausende Bäche ihre wilden Wasser in die rauschende Ybbs stürzten, deren schäumende Kraft sich die Menschen dienstbar machten. Waidhofen war bald der gefährliche Nebenbuhler von Steyr, das alles aufbot, um das Emporkommen dieser Stadt zu erschweren. Der unmittelbare Bezug Innerberger Eisens war Waidhofen verboten. Der fünfte Teil des in Eisenerz erzeugten Stahls war Waidhofen zugebilligt worden, doch diese Menge reichte für die dortige Kleineisenindustrie nicht aus. Jeder Versuch der Waidhofener Handwerker jedoch, direkt bei den Innerberger Hammermeistern einzukaufen, schlug an der eifersüchtigen Aufmerksamkeit der Steyrer Kaufleute fehl. Besonders hemmend für die Versorgung mit Roheisen war der Straßenzwang, durch den die Beförderung recht umständlich war. Alles für Waidhofen bestimmte Eisen gelangte mit Saum- 8 ’ 116 Karl Tänzer tieren nach Reifling, von da mit Fuhrwerk in den landesfürstlichen Eisenkasten zu Weyer, um nun auf der Enns nach Steyr geflößt zu werden. In Steyr wurde es ausgeladen und verzollt, dann erst durfte das Eisen entweder über Weyer oder Aschbach nach Waidhofen geführt werden. Ähnlich erschwert war die Ausfuhr der fertigen Ware. Der nächste, über die Amstettener Heide zur Donau führende Weg war den Waidhofenern verboten. Die Ware mußte entweder über Enns oder Aschbach zur Donau geführt werden. Die ins Reich bestimmte Ware zollte in Enns, von wo sie am Donauweg weiter befördert wurde, während die nach Böhmen gehende Ware in Ybbs an der Donau oder in Naarn in Oberösterreich verzollt werden mußte, um dann über Freistadt und Budweis weiter verfrachtet zu werden. Für Waren nach Wien und Ungarn war Ybbs oder Stein Mautstation. Besonders erschwert wurde Waidhofen der bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts einsetzende Handel nach Venedig. Steyr bot alles auf, diesen zu unterbinden. Die Waidhofener Schmiedschaft durfte ihre nach Venedig bestimmte Ware weder über den Semmering, noch über den Pyhrn oder über die Radstädter Tauern führen. Der vorgeschriebene Weg ging über die Rottenmanner Tauern nach Zeiring und von da über Judenburg und den Obdächer Sattel nach Venedig. Warum umgaben fast unüberwindliche Zollschranken und Verkehrshindernisse die Stadt Waidhofen ? Sie unterstand nicht dem Landesfürsten, sondern war den Bischöfen von Freising untertan. Das Hochstift Freising setzte sich für Waidhofen wohl tatkräftig ein, Steyrs Vorherrschaft aber zu brechen, gelang den energisch den Krummstab führenden Freisinger Kirchenfürsten doch nicht. Wohl lockerte Herzog Leopold III. von Österreich die Waidhofen angelegten Fesseln. Er erlaubte der Stadt den Handel mit Steiermark, Kärnten, Krain und den Vorlanden, aber Innerösterreich blieb nach wie vor ausschließlich den Steyrer Kaufleuten Vorbehalten. Kaiser Friedrich III., der zum Hochstift Freising gute Beziehungen unterhielt, hob 1450 den Straßenzwang auf. Den 200jährigen Streit zwischen Waidhofen und Steyr entschied Kaiser Maximilian I. am 20. Februar 1501 in Linz zugunsten Steyrs. Der ausschließliche Vertrieb des Innerberger Eisens blieb ein Monopol der Steyrer Handelsherren, die Stadt wurde als landesfürstlich privilegierte Niederlagsstadt erklärt. Waidhofen dagegen wurde der Handel mit Eisenwaren und den aus Venedig Abb. 3. Stadttor (Ybbstor) in Waidhofen. Solidergewerbe in der Eisenwurzen. 117 eingeführten Waren drei Meilen in seinem Umkreis zugestanden, die außerdem in Steyr nicht mehr verzollt werden mußten. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts war das Kleineisengewerbe in Waidhofen dem von Steyr ebenbürtig. Im Jahre 1450 wurden im Bereiche der Stadt 100 Messerschmiede, 00 Klingenschmiede, 10 Nagelschmiede, 10 Sensengewerken, 6 Zrenn- hammergew r erken, 10 Ring- und Panzerstricker, 20 Schrot- oder Knüttelschmiedemeister, 4 Drahtgewerken und 16 Bohrer- oder Neigerschmiede gezählt. Die überragende Stellung Waidhofens in der Kleineisenindustrie geht daraus hervor, daß im Jahre 1550 ihre Messerschmiede mit denen der Städte Steyr, Wels, Krems, Melk und Wien die bedeutende und damals reichste Zunft, die „Gotts- leichnamszunft“, bildeten. Zur gleichen Zeit vereinigten sich die Waidhofener Bohrer- und Neigerschmiede mit denen von ganz Österreich und den deutschen Städten Nürnberg, Regensburg, Augsburg, Erfurt, Schmalkalden, Passau und Straubing zu einem Gewerbebund, nach dessen Satzungen nur die Werkstätten von Nürnberg, Waidhofen und Schmalkalden berechtigt waren, Lehrjungen aufzunehmen und freizusprechen. Nur jene Bohrerschmiede wurden vom Bunde als „redliche“ Gesellen anerkannt, die in einer dieser drei Städte ihr Handwerk erlernt hatten. Die höchste Blüte der Eisenhandwerker fiel in das Jahr 1500. Zu dieser Zeit ließ ein „weiser, ehrsamber und fuersichtiger Rat“ der Stadt am Ybbsturm, der noch heute als Wahrzeichen Waidhofens seinen massigen Leib in die Lüfte reckt, die Inschrift anbringen: „Ferrum chalybsque urbis nutrimenta“ (Eisen und Stahl nähren die Stadt). Ybbsitz, ehemals eine Besitzung des Benediktinerstiftes Seitenstetten, gehört mit zu den ältesten und wichtigsten Stätten der Kleineisenindustrie in der Eisenwurzen. Schon um das Jahr 1320 findet sich in einer Urkunde die Erwähnung, daß in Ybbsitz eine große Zahl Schmiede ansässig w r aren. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Stiftes Seitenstetten wurde der Ybbsitzer Schmiedschaft 1437 das Recht eingeräumt, jährlich vier Bund Halbmassel aus dem landesfürstlichen Eisenkasten in Innerberg zu beziehen. Hauptsächlich verarbeiteten aber die Schmiede von Ybbsitz Provianteisen, das direkt von den Innerberger Hammermeistern eingetauscht wurde. Das Eisen ging mit Saumtieren über die Mendling nach Göstling und von da in Fuhrwerken über die Kripp nach Ybbsitz. Wurden die Waidhofener von den Steyrern drangsaliert, so vergalten sie das redlich wieder den Ybbsitzern. Der Eisenobmann in Steyr hatte fortwährende Streitigkeiten beider Schmied- schaften und Händler zu schlichten. Hammerstätten, Schmiedewerkstätten und Schleifen entstanden an den Ybbsitzer Wasserläufen, der kleinen Ybbs und dem Prollingbache, in großer Zahl. Im Jahre 1480 erhob Kaiser Friedrich III. Ybbsitz zum Markt. Ybbsitz muß bald darauf zu großem Wohlstand gelangt sein, denn schon um das Jahr 1520 wird für diese Gemeinde die Bezeichnung das „goldene Marktl“ üblich. Im Jahre 1572 wurden in Ybbsitz 90 Schmiedegewerke, darunter 33 Hacken- und 22 Krautmesserschmiede, gezählt. Diese Zahl schrumpfte bis 1732 auf 72 zusammen und sank bis 1860 auf 56 Meister, die allerdings 308 Gesellen beschäftigten. Im Jahre 1808 gab es noch 63 Meister mit 20 Wasserhämmern, die jährlich 9000 Zentner Eisen 118 Karl Tänzer und 700 Zentner Stahl verarbeiteten und einen Jahresgesamtumsatz von über 100000 Gulden erzielten. Die schwere Konkurrenz seitens des Auslandes und die dadurch anbrechenden harten Zeiten brachten den Verfall der einst blühenden Industrie. Ein Meister nach dem andern mußte seinen Betrieb stillegen und mancher von ihnen beendete sein arbeitsreiches Leben als einfacher Arbeiter. Im Jahre 1908 gab es nur mehr 28 Gewerke mit 96 Gesellen und 40 Lehrjungen. Der Scheibbser Proviantgau. Unweit der Gegend, wo die Erlaf ihre tosenden Fluten in wildem Grimme durch die Eelsenenge der Tormäuer peitscht, um den Durchgang zur Donau zu erzwingen, fließt sie, schnell wieder beruhigt, im breiten Behagen dahin und trieb einst einen Wasserhammer nach dem andern zu lustig klingendem Pochen an. In uralter Zeit lag hier die slawische Siedlung Scibes, aus der sich der Name der nachmals gegründeten Ortschaft Scheibbs herleitet. Scheibbs, früher eine Besitzung der einst weit gebietenden Karthause zu Gaming, erhob Herzog Albrecht der Lahme 1332 zum Markt, der schon zwanzig Jahre später Stadt mit weitgehenden Vorrechten ist. Scheibbs wurde durch die Versorgung der Innerberger Arbeiterschaft mit Lebensmitteln eine der wichtigsten Erzeugungsstätten und ein großer Handelspunkt für Eisenwaren. Die Handelsleute gaben das eingetauschte Eisen den Hammergewerken gegen Lebensmittel ab. Um aber stets mit Lebensmitteln ausreichend versorgt zu sein, vereinigten sie sich mit den Waidhofener Handelsleuten im Jahre 1520 zu einer Gau Verbindung, die schließlich auch die Getreide erzeugenden Bürger und Landwirte von Aschbach, St. Peter, Seitenstetten, Ulmerfeld, Amstetten, Steinakirchen, Wieselburg, Ybbs an der Donau, Ybbsitz, Gresten und Purgstall umfaßte. Diese Gauverbindung riß allmählich den Alleinhandel mit Getreide, Schmalz, Vieh, Unschlitt (zum Härten der Sensen lange Zeit unentbehrlich) und Leinwand an sich, und erlangte 1448 von Kaiser Friedrich III. die landesfürstliche Anerkennung ihrer Verbindung. Bei strenger Strafe untersagte dieses Privileg jedem Nichtbürger in einem der angeführten Orte Handel mit Bodenprodukten und Eisenwaren zu treiben. Stifte, Gutsbesitzer wie auch ihre Untertanen mußten alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse den Handelsleuten anbieten. Dieses Privileg, das Kaiser Maximilian I., Ferdinand I. und Maximilian II. sanktionierten und mit neuen Vorrechten ausstatteten, machte die Handelsleute des Scheibbser Gaues zu alleinigen Trägern des Eisen- und Lebensmittelhandels. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts löste sich dieser Gauverband auf und an seine Stelle trat die kaiserliche „Widmung“. Ihr Zweck war der nämliche wie der des Gauverbandes, die Versorgung der Innerberger Eisenarbeiter mit Lebensmitteln, wofür die Handelsleute Eisen bekamen. Um die Hammerschmiede beim Tauschhandel vor Übervorteilung zu schützen, gab Kaiser Maximilian II. im Jahre 1574 den „Eisensatz“ heraus, demzufolge jede Gattung von Eisen und Stahl nur zu festgesetzten Preisen und in bestimmter Menge an die Gewerke verkauft werden durfte. Um die Belieferung der Meister mit Eisen und Stahl zu erleichtern, errichtete Sondergewerbe in der Eisenwurzen. 119 der Eisenobmann in Steyr zu dieser Zeit in Scheibbs eine ihm unterstehende Eisenkammer. Aber nicht bloß den Rohstoff mußte der Schmiedemeister von den Händlern kaufen, er war auch gehalten, da er selbst zum Handel nicht berechtigt war, seine Erzeugnisse diesen abzuliefern. Mit scharfen Augen überwachten die Kaufleute des Scheibbser Gaues die Einhaltung dieser harten Bestimmung, die nicht nur die Schmiede den Händlern auslieferte, sondern auch jeden höheren Aufschwung des Eisenwesens zur Großindustrie hemmte. Dennoch stand im 16. und 17. Jahrhundert das Kleineisengew'erbe des Scheibbser Gaues in hoher Blüte und die meisten seiner Erzeugnisse genossen europäischen Ruf. Die Waren wurden den Niederlagen zu Melk, Krems, St. Pölten und Wien zugeführt und von ihnen nach Böhmen, Ungarn, Polen, nach der Türkei, nach Italien und Deutschland verschickt. In Deutschland gab es drei große Niederlagen der Erzeugnisse aus der Eisenwurzen, und zwar in Regensburg, Nürnberg und Frankfurt am Main. Die Sensen und Sicheln wie auch die Strohmesser von Waidhofen, Opponitz, Gaming, Randegg und Türnitz, die Pfannen von Lunz, Gresten und Purgstall, die Nägel von Scheibbs, Gaming, Waidhofen und die Hacken von Ybbsitz waren selbst in Persien begehrt. Die Sensenindustrie. Das Glanzstück des Innerberger Eisenwesens ist die Sensenindustrie. Ihr Zentrum war bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts Waidhofen, und ihr Ursprung liegt weit zurück. Schon im Jahre 1320 sind die Sensen von Waidhofen im Mauttarif der Stadt Enns angeführt. Der Sensenschmied w'ar ein Künstler unter der schwarzen Garde vom Hammer. In Waidhofen war der Herstellungsprozeß in drei Gewerbe zerlegt. Der Knüttelschmied schmiedete mit dem Wasserhammer aus den Kloben die Knüttel, die der Sensenschmied mit dem Fausthammer zu fertigen Sensen ausarbeitete und dem Schleifer übergab, der die letzten Vollendungsarbeiten durchführte. Das Meisterstück in Waidhofen war die Herstellung einer Sense nach Meißener Form, die an die Geschicklichkeit des Schmiedes die höchsten Anforderungen stellte. Die Schmiedeordnung der Waidhofener Sensenschmiede vom Jahre 1504 bestimmte, daß ein Sensenschmiedemeister jährlich nicht mehr als 13000 Sensen herstellen durfte. Ein Gewerbebund vereinigte schon im Jahre 1524 die Sensenwerkstätten von Waidhofen, Steyr, Amstetten, Grammatstetten und Kirchdorf. Zum blühenden Geschäft wurde der Export der Waidhofener Sensenknüttel, der allererst lange Zeit verboten w r ar. Besonders aus Freiberg in Sachsen kamen die Kaufleute als Großabnehmer der Sensenknüttel, die sie gegen mitgebrachtes Blei, Zinn und Kupfer aus den Bergwerken um Freiberg eintauschten. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts übernahmen die Sensenschmiede von Kirchdorf- Micheldorf im oberösterreichischen Kremstal die Führung in der Sensenerzeugung. Ihre Zunft zählte bald zu den hervorragendsten in Österreich. Von ihr w’ar auch eine denkwürdige Neuerung ausgegangen, die Verwendung des Wasserhammers. Der Sensenschmied Konrad Eisvogel in Kirchdorf w r ar es, der 1585 den mit Wasserkraft betriebenen Breithammer erfunden hatte. Mit diesem konnte das Breiten 120 Karl Tänzer der Zainen zu Blättern durchgeführt werden, wodurch eine feinere Schneide erreicht und das Zuschleifen der Sensenschienen vermieden wurde. Nun konnte man zum Dengeln der Schneide übergehen. Mit dieser Erfindung trat die Kirchdörfer Sensenindustrie an die Spitze aller österreichischen Sensenschmiedschaften, denn Waidhofen, das als erste die Kirchdörfer Erfindung aufgriff, folgte darin erst 1610. Die ersten Aufzeichnungen über die Schmiede im Krems- und Steyrtal stammen aus dem Jahre 1520. In diesem Jahre begründete Adam Hirzenberger aus Win- disch-Garsten das erste Hammerwerk, „die Schmied in der Au“, in der Nähe von Spital am Pyhrn. Die Sensenschmiede dieses Gebietes bekamen 1595 die erste Handwerksordnung, der im Jahre 1608 ein kaiserliches Handwerksprivilegium von Rudolf II. folgte. Dieses Handwerksprivileg bestätigten dessen Nachfolger bis Josef II. Vom Innungsschmied wurde sorgsamste Ausbildung gefordert, er mußte ein Künstler in seinem Fach sein. Diesen hohen Anforderungen zeigte sich die Sensenschmiedzunft von Kirchdorf-Micheldorf gewachsen. Nicht nur Qualitätsarbeit mußte der Sensengewerke leisten, er mußte sich dem persönlichen Bedürfnis und dem Geschmack seiner Besteller, ob es der deutsche Landwirt oder der Bauer in der Ukraine war, anpassen. Denn die Erzeugnisse der Kirchdörfer Sensenschmiede wurden auf dem ganzen europäischen Eestlande abgesetzt und erfreuten sich als erstklassiges Fabrikat steigender Beliebtheit. Der Markenschutz. Jedes Massel, das der Radmeister ablieferte, war mit einer Marke, dem Zeichen des Radwerkes versehen. Da die vielen Marken die Übersicht erschwerten, verfügte Ferdinand III. im Jahre 1650, daß der „Bindeschild“ als Zeichen für Rohstahl, die „Weintraube“ als Zeichen für Mittelstahl und der „Tannenbaum“ als Zeichen für die beste Sorte des Innerberger Stahls, den Scharsachstahl, gelten sollten. Der große Ruf, den der Innerberger Stahl überall genoß, gab Veranlassung zu Fälschungen dieser Marken. Besonders über die Eisenwerke im Bergischen Land wurde geklagt , daß sie nicht nur den Stahl in den gleichen Abmessungen ausschmiedeten wie die Innerberger Hämmer, sondern auch die gangbarsten Marken nachschlugen. Daher erging 1699 ein kaiserlicher Befehl nach Köln, Aachen, Lüttich und Frankfurt am Main, der dies bei strenger Strafe untersagte. Gewissenhafte Bedienung der Kunden und Wahrung der Handwerksehre waren Leitziele für die Schmiedschaft der Eisenwurzen. Und dafür sorgte das Markenzeichen, mit dem jeder Meister dem Käufer gegenüber haftete. Der analphabetische Abnehmer kannte den Erzeuger nicht nach seinem Namen, sondern nur nach seiner Marke. War das Zeichen im Kundenkreis einmal eingeführt, so sicherte es seinem Inhaber einen ständigen und treuen Stamm von Abnehmern. Daher waren die Zeichen oder Marken seit jeher ein Stolz der Meister des alten Handwerks, sie hielten sie ebenso hoch und blank, wie der Edelmann sein Wappen. Bei allen Schmiedschaf ten der Eisenwurzen durfte kein Meister seine Ware früher in den Handel bringen, bevor sie nicht von der Zunftkommission geprüft, für gut Solidergewerbe in der Eisenwurzen. 121 befunden und sein Zeichen eingeprägt worden war. Denn die Ehre des Handwerkes ging über alles. Besonders die Sensenschmiede hatten in ihren Handwerkssatzungen Bestimmungen über die Vererbung und Veräußerung von Zeichen. Unbefugte Nachahmung einer Sensenwerksmarke wurde nach diesen Bestimmungen mit dem Verlust des Meisterrechtes bestraft. Jeder Meister hatte nur ein einziges ihm ausschließlich gebührendes Meisterzeichen, das im Zeichenbuch eingetragen war, KIBCHDORFKR KZRrHDORFBR Abb. 4. Die Marken der Sensengewerke. Alle Handzeichnung im Technischen Museum. oder, wie es im Waidhofener Bezirk üblich war, auf eine kleine bleierne Tafel geprägt wurde, die dann in der Innungslade aufbewahrt wurde. Damit sollten Irrungen und Streitigkeiten vermieden werden. Der Eisenobmann zu Steyr führte seit dem Jahre 1738 ein Zeichenbuch, das dem heutigen Markenregister entsprach. Die Kirchdörfer Sensenwerke waren es, die unter allen Sensenschmieden immer berechtigte Klage über unbefugtes Nachschlagen ihrer Marken durch eine skrupellose Konkurrenz führten. Ihre Rivalen unterboten sie mit billiger und entsprechend schlechter Ware und scheuten vor dem unlauteren Mittel nicht zurück, die berühmtesten oberösterreichischen Sensenmarken nachzuschlagen. Mit diesen unter ihrer Elagge segelnden minderwertigen Sensen wurde nicht nur den Kirchdörfern der Absatz eingeengt, sogar ihre vortrefflichen Sensen kamen durch diese schlechte Ware in Verruf. Kaiserin Maria Theresia erließ in dem sogenannten Eisen-Proviant-Patent vom 5. Dezember 1748 genaue Vorschriften zur Hintanhaltung fernerer Marken- 122 Karl Tänzer fälschungen und verfügte, daß jede Ware bei sonstiger Konfiskation außer dem Meisterzeichen noch den Innungsbeischlag führen müßte. Kaiser Josef II. genehmigte den Kirchdorf-Micheldorfer Sensengewerken, die ja unter den Fälschungen am meisten zu leiden hatten, mit Patent vom 16. Dezember 1775, außer der Führung des Meisterzeichens und des Innungsbeischlages noch das Einschlagen des österreichischen Erblands Wappens. Dennoch wurden die bekanntesten Marken vom Ausland nachgeschlagen oder der Versuch gemacht, den Käufer durch allzu große Ähnlichkeit zu täuschen. Sehr häufig mußten die österreichischen diplomatischen Vertretungen im Ausland, besonders jene bei den deutschen Kleinstaaten, in Bewegung gesetzt werden, um dem Unfug des Markennachschlagens zu steuern. Erst als die meisten Kulturstaaten Gesetze über den Schutz der Marken hatten, was in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts der Fall war, konnten die Sensenwerke in Österreich auf- atmen. Gut zu machen war aber der angerichtete Schaden nicht, dazu w r ar es zu spät. Das Schicksal einer einst weit berühmten Marke sei hier erwähnt. Es ist die Wolfsmarke der Passauer Klingenschmiede, die Innerberger Stahl verarbeiteten und als vorgeschobener Posten der Eisenwurzen angesehen werden müssen. Unter den Handwerkern von Passau ragten besonders die Klingenschmiede hervor, die aus Innerberger Stahl kleine und große Messer, Schwert- und Dolchklingen fertigten. Ihre Zunft muß schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts vom Fürstbischof von Passau, dem Landesherrn, anerkannt worden sein. Erstmalig erscheint ihre Zunftfreiheit urkundlich im Jahre 1299 bestätigt und 1344 wird ihre Marke monopolisiert. Diese, nach dem Wappen der Stadt, dem Wolf, gebildet, wurde als „Beschau“ erst angebracht, nachdem ein eigenes Handwerksgericht die Güte der Ware geprüft hatte. Im Jahre 1368 wurde in einer Schmiedfreiheit diese Marke vom Fürstbischof Albrecht (von Winkel) III. erneuert, bestätigt und bekräftigt. Auch Herzog Albrecht III. von Österreich (1379 bis 1395) erteilte den Messer- und Klingenschmieden in Passau das Privileg, daß in allen seinen Ländern bei schwerer Strafe niemand das Zeichen des Wolfes nachahmen dürfe. Welches Ansehen und welchen weithin berühmten Ruf die Passauer Klingen schon im 15. Jahrhundert hatten, geht daraus hervor, daß um diese Zeit schon die Dolchschmiede von Toledo in Spanien die Wolfsmarke nachahmten. In diesem Jahrhundert standen die Klingenschmiede auf der Höhe ihres technischen Könnens. Sie beschäftigten in ihren Werkstätten, die in den heute noch an sie gemahnenden Messer- und Klingergasse lagen, zahlreiche Gesellen. Ihre Hammerwerke, in denen sie die rohe Schmiedearbeit, das Zainen, besorgten, ebenso ihre Schleifwerkstätten, lagen in der Innstadt. Die Passauer Zunft der Klingenschmiede war zu jener Zeit für alle deutschen Messerzünfte dasselbe, was zur gleichen Zeit die „Bauhütte“ in Straßburg für die Steinmetzzünfte war. Fürstbischof Urban (von Trenbach) I. (1561 bis 1598) führte in strengster Weise die Gegenreformation durch, weshalb die tüchtigsten Bürger von Passau, besonders die Klingenschmiede, auswanderten. Wahrscheinlich sind einige von ihnen bis ins Bergische Land gelangt und haben die nachmals aufgetauchte Solinger Wolfsklinge zum erstenmal angefertigt. 123 Sondergewerbe in der Eisenwurzen. Das Zunftwesen. Sämtliche Zweige der Eisenverarbeitung waren einst in den Rahmen der mittelalterlichen Zunftverfassung eingezwängt, der aber nicht zuletzt die eisenverarbeitenden Gewerbe um den Erzberg ihre hohe Blüte verdankten. Die Zünfte der Schmiede, auf dem Wesen der Arbeitsteilung beruhend, erhielten in Österreich im 14. Jahrhundert schon ihre eigenen körperschaftlichen Rechte und Pflichten. Das Zunftw'esen war mit seinen Bindungen und Einengungen für den damaligen Kleinbetrieb dasselbe, was für die heutige Großindustrie das Kartellwesen ist. Es regelte die Erzeugung und Preise, schloß unerwünschten, als „unzünftig“ be- zeichneten Wettbewerb aus, führte unnachsichtlich gegen Außenseiter, die Frötter und Störer, einen erbitterten Kampf und war schließlich bestrebt, sich ein Absatzmonopol zu sichern, w r as ja durch das Marken wesen zum Teil auch erreicht wurde. Das Zunftwesen war auf dem Lehenwesen auf gebaut. Das Recht auf Arbeit wurde vom Arbeiter ausdrücklich als ein ihm von Gott und der Obrigkeit verliehenes betrachtet. Die Arbeit selbst war ein Amt, das die Obrigkeit der freien Einigung der Berufsgenossen, der Innung, zum Lehen gab. Und die Innung belehnte ihrerseits mit diesem Amt den Meister, nachdem sie ihm das Meisterrecht verliehen hatte. Mit der josefinischen Epoche beginnen sich die ersten Risse in dem festgefügten Bau der Zunftordnung einzustellen. Die gewerbliche Organisation des Eisenwesens blieb freilich noch die alte. Sie folgte nicht dem Zug der Zeit, der beispielsweise in der Textilindustrie zur Bildung von Großbetrieben, der Fabriken und Manufakturen, drängte. Bis ins 19. Jahrhundert verharrte die Eisenverarbeitung bei ihrer patriarchalischen Verfassung mit ihren Vorzügen und Mängeln. Sie blieb zünftiger Ordnung und Engherzigkeit unterwarfen. Mit Beginn des Jahres 1700 begann der bislang stockende Absatz des Eisens sich zu bessern. Ein Frührot besserer Zeiten strahlte auf. Nachdem sich die Stürme, die dem Regierungsantritt der Kaiserin Maria Theresia gefolgt waren, gelegt hatten, belebte sich Handel und Industrie, Eisenhunger machte sich fühlbar. Die Nachfrage nach Eisen wurde so stürmisch, daß böhmisches und mährisches Eisen zum erstenmal nach Innerösterreich herein durfte. Die Roheisenausfuhr dagegen wurde gedrosselt. Der Handel nach dem Osten, den Maria Theresia auf Weisung des Papstes untersagt hatte, wurde wüeder gestattet. Damit erschloß sich dem steirischen Eisen das ungeheure Absatzgebiet des damaligen osmanischen Riesenreiches. Die Sensenindustrie trat nun vor allem in den Scheitelpunkt ihrer Entwicklung. Ihr hoher Ruf zeigte sich an der kaum zu befriedigenden Nachfrage. Das Absatzgebiet der Sensenwerke dehnte sich vom Ural bis nach Spanien aus. Jahrhundertelang hatten es die Sensenschmiede verstanden, den Weltmarkt gegen eine neid- und haßerfüllte Konkurrenz zu behaupten. Nun kam die Zeit reichster Ernte. Die Lebensführung der Herren vom schw r arzen Adel wurde üppig, nicht minder jedoch die ihrer Dienstnehmer. Die Kirchdörfer Sensengewerke tischten zu jener Zeit täglich ihren Schmiedknechten Braten auf, w r obei sich die Arbeiter nach Herzenslust an freiwillig dazu gespendetem Wein gütlich tun konnten. Doch diese Tage der Üppigkeit gingen bald vorbei. Josef II. hob am 29. De- 124 Karl Tänzer zember 1781 die Widmung des Scheibbser Proviantbezirkes auf, nachdem schon kurz vorher die bisherigen Verkaufsordnungen und Preisfestsetzungen beseitigt waren. Der erste Schritt zur Handels- und Gewerbefreiheit war getan. Englands Wettbewerb im Eisenwesen machte sich infolge Verwendung der Steinkohle und des Dampfes fühlbar. Die Massenerzeugung an Eisen begann ihren Einzug zu halten. Napoleon überzog Europa mit Krieg, üble Jahre der Mißernten folgten. Den Sensengewerken zeigte diese harte Zeit, auf wie schwankendem Grund ihr Reichtum ruhte, den nicht nur Kriege und Staatsumwälzungen, sondern auch Mißernten unterbinden konnten. Mehr als andere Leute vom Eisenfach ist der Sensengewerke nicht der Schmied, sondern der Spielball seines Glückes. Die vielen kleinen Eisenwerke rangen ganz verzweifelt gegen die siegreich fortschreitende Massenerzeugung des Eisens. Unheilvoll offenbarten sich nun zünftierischer Eigensinn und Schwerfälligkeit. Die Glanzzeit der Hammerwerke um den Erzberg war der Zeitabschnitt von der allgemeinen Einführung des Roheisens im Jahre 1762 bis zu jenem Frischprozeß, der als Puddelprozeß außerhalb Österreichs sich überraschend schnell Eingang verschaffte. Bis dahin war die Erzeugung von Schmiedeeisen und Stahl nur mittelst des Herdfrischens möglich, weshalb die Hammerwerke diese Erzeugung beherrschten. Da die Erwerbung einer Konzession zum Betriebe eines Frischfeuers an den Nachweis gebunden war, daß der Bezug von 2500 Kubikmeter Holzkohle aus eigenen Waldungen gedeckt sein mußte, war die Zahl der Feuer eine beschränkte. Für ihre Besitzer war damit ein Monopol geschaffen, sie konnten die Preise diktieren, da sie häufig den Anforderungen der verarbeitenden Industrie und des Handels nicht zu entsprechen vermochten. Die technischen Umwälzungen in der Eisenindustrie. Franz Mayr-Melnhof führte auf der Franzenshütte in Donawitz 1836 den Puddelprozeß im Gebiete des steirischen Erzberges ein. Dieser Prozeß ermöglichte die Anwendung mineralischer Brennstoffe, so daß durch seine Einführung das Schwergewicht der Frischeisenerzeugung aus dem Bereiche der Holzkohle in den der mineralischen Brennstoffe verlegt wurde. Die Erzeugung des Frischeisens begann dorthin abzuwandern, wo diese Brennstoffe billig zu haben und große Wasserkräfte vorhanden waren. Das bedeutete das Zusammenlegen der vielen kleinen Werke in große Betriebe an wenigen Orten. Dadurch wurde aber auch das Maschinenwesen ausschlaggebend, man verwendete neben der Wasserkraft auch die Dampfkraft zum Betriebe der Hämmer und der Walzwerke, bis schließlich der Riese Dampf Sieger blieb. Das wirkte tief einschneidend auf das Bestehen der vielen kleinen Frischhütten und Hämmer ein. Sie waren dem Wettbewerb mit den Großbetrieben nicht gewachsen, ihr unvermeidlicher Untergang war gekommen. Aber auch für das Kleineisengewerbe war dies ein harter Schlag. Der Ruhm des steirischen Eisens verblaßte mit den Fortschritten im Eisenhüttenwesen. Der aus Herdfrischeisen gefertigte „Gärbstahl“ (der Name kommt von den „garbenförmig“ zusammengefaßten Rohstahlschienen, die unter dem Zainhammer geschweißt und zu Stangen Sondergewerbe in der Eisenwurzen. 125 ausgeschmiedet wurden) spürte den Wettbewerb des englischen Tiegelgußstahles. Der Puddelprozeß hingegen verunreinigte mit dem Schwefel der mineralischen Brennstoffe das vorzügliche Holzkohlenroheisen. Die Güte des Frischeisens litt darunter, war aber immer noch dem ausländischen Puddeleisen überlegen. Aber mit dem Eingehen des alten Frischfeuerbetriebes oder, wie er um den Erzberg hieß, des Zrennhammerbetriebes, erschöpften sich noch nicht die Folgen der technischen Umwälzung. Sie erstreckten sich auch auf den Schmied, der die Erzeugnisse des Zrenn- und Streckhammerbetriebes weiter verarbeitete. Bislang bezog er sein Eisen vom benachbarten Hammer zu ziemlich stetigen Preisen. Nun erhielt der Schmied ein Produkt zur Verarbeitung, dessen Preis am Weltmarkt bestimmt wurde. Der nur an den engen Gesichtskreis seines Heimattales gewöhnte Schmied spürte mit einemmal das Spiel wechselnder Konjunkturen, deren Ursachen ihm verborgen blieben und deren Eintritt er fast immer verspätet erfuhr. Da die Walzwerke dem Schmied das Eisen in den kleinen Mengen, die er bedurfte, nicht unmittelbar lieferten, holte er dieses nun zentnerweise von demselben Händler, dem er seine Erzeugnisse ablieferte und war somit zweifach von ihm abhängig. Das beeinträchtigte aber auch die gleichmäßige Beschaffenheit des Eisens, auf die der Arbeiter, ja der ganze Betrieb eingeschult war. Technische Anleitungen fehlten, so wurden die Schwierigkeiten in der Behandlung des Eisens bei den fertigen Erzeugnissen merkbar. Sie waren nicht mehr so wie früher. Schließlich wurde der Schmied auch in der Werkstätte von der technischen Umwälzung erfaßt. Die Maschine drang in immer weiterem Umfange in sein Gewerbe ein. Die Presse, später der Brettfallhammer, verdrängten den Wasser- und Fausthammer, vollkommenere Schleif- und Poliermaschinen ermöglichten eine vollendetere Ausstattung. Das machte sich die ausländische Konkurrenz zunutze, während dies alles an dem alten Zeugschmied in der Eisenwurzen infolge mangelnder Aufklärung vorbeiging. Sein Händler begnügte sich damit, die Preise zu drücken, um sich, so lange es ging, der maschinell arbeitenden Konkurrenz zu erwehren. Infolge der neuzeitigen Verkehrsmittel verloren endlich auch die Märkte ihre Bedeutung. Der Reisende der rührigen, kapitalkräftigen ausländischen Kleineisenindustrie fand den direkten Weg zur Kundschaft, auch zu der, die bisher ihre Ware aus der Eisenwurzen bezogen hatte. Zuerst gingen die Absatzgebiete im Ausland verloren, hernach überschwemmte der ausländische Rivale, unterstützt durch billige Preise, niedrige Zölle und die hohen Preise des inländischen Eisens, das Inland mit seiner Ware. Der einfache Schmied der Eisenwurzen stand, ehe er sichs versah, im Strudel des Weltmarktes, der ihn alsbald verschlang. Am widerstandsfähigsten zeigte sich die Sensenindustrie dieser Umwälzung gewachsen. Sie war schon immer großzügig und kaufmännisch geführt. Dazu kam noch der ausgezeichnete Ruf ihrer Marken am Weltmarkt. Die Sensenschmiede erwiesen sich als zähe Gegner ihrer ausländischen Konkurrenz, die mit den üblichen Waffen des Handelskrieges nicht zu bekämpfen waren. Das Nachschlagen ihrer Marken wurde der erste Schlag, den die Gegner führten. Zum zweiten holte die deutsche Konkurrenz im Jahre 1834 aus. Mit der Gründung des deutschen Zollvereines war ein Einfuhrverbot auf Sensen und Eisenwaren erlassen, das in erster Linie die Werkstätten in Solingen und Remscheid förderte. 126 Karl Tänzer Die Einschränkung der Ausfuhr nach den westlichen Ländern machte steigender Absatz auf den osteuropäischen Märkten wett. Rußland war es vor allem, das bis zum Jahre 1914 ein treuer Abnehmer der vorzüglichen oberösterreichischen Sensen war und den Gewerken in der Eisenwmrzen Gelegenheit zur Bergung „güldener“ Ernten gab. Handelsmittelpunkte in Rußland für die Kirchdörfer Sensen waren Moskau, Kiew, Berdyschew und Nishnij-Nowgorod. Von dort fanden sie ihren Weg in die Ukraine, zum sibirischen Bauern und selbst bis nach China. Versuchte auch die skrupellose Konkurrenz mit ähnlich geschlagenen Marken festen Fuß zu fassen, so scheiterte ihr Versuch, da selbst der analphabetische Bauer in der sibirischen Tundra seine gewohnte Marke bis zum I-Punkt genau kannte. Die Schließung des wichtigen russischen Marktes durch die Sowjetregierung, die ihren Bauern minderwertiges inländisches Erzeugnis aufzwingt, war folgenschwer. Vernichtend aber war der Verlust der alten, nun von undurchdringlichen Zollschranken verrammelten Absatzgebiete in Ungarn und Jugoslawien. Auch die Verdrängung der Sense durch die mehr und mehr sich einbürgernde Erntemaschine macht sich fühlbar. Die kaufmännisch gut geleitete Sensenindustrie versucht unermüdlich die zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen. Es wäre nur zu wünschen, daß diese Bemühungen von Erfolg seien. Die unhaltbare Lage der Zeugschmiede in der Eisenwurzen endete schließlich mit einem geradezu tragischen Sterben vieler Werkstätten. Höllenstein, Randegg, Opponitz, Gresten, Gaming, Grünburg, Steinbach, Sierning, Losenstein, Neuzeug und viele andere Ortschaften mit einst blühender Kleineisenindustrie bieten erschütternde Bilder von zu Ruinen verfallenen Werksgebäuden und verödeten Werkstätten. Selbst Steyr, Waidhofen und Ybbsitz büßten den größten Teil ihrer Schmiedschaft ein. Die Regierung des alten Österreich sah dem Untergang dieses ehemals so blühenden Gewerbes untätig zu. East in letzter Minute, zu Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, griff tatkräftig die Wiener Handels- und Gewerbekammer ein, um noch das, was lebensfähig war, zu retten. Zunächst wurde in Waidhofen an der Ybbs eine Lehrwerkstätte ins Leben gerufen, deren Hauptaufgabe darin bestand, den Nachwuchs der Schmiedschaft in der Herstellung bestimmter Artikel zu unterweisen, ihn aber auch mit den Arbeitsverfahren der ausländischen Konkurrenz vertraut zu machen. Einige Jahre später wurde die Lehrwerkstätte in eine Fachschule für das Eisengewerbe erweitert. Dadurch bekamen die Meister einen Stamm von Vorarbeitern, die auf völlig neuzeitlicher Grundlage herangebildet waren. Und diese Vorarbeiter wurden später als Meister das Fundament für den Neuaufbau des Kleineisengewerbes. Von allen Ortschaften der Eisenwurzen besitzt eigentlich nur mehr Ybbsitz eine zusammengeballte Kleineisenindustrie. Daß diese aber überhaupt erhalten blieb, ist nicht das ausschließliche Werk der Wiener Handels- und Gewerbekammer. Auch der dem Handelsministerium angegliederte Gewerbeförderungsdienst und die Fachschule in Waidhofen hatten daran großen Anteil. Der Gewerbeförderungsdienst nahm sich der aller Mittel entblößten Meister an, lieferte für ihre Werkstätten gegen bequeme Teilzahlungen die notwendigen Maschinen, während die Waidhofener Fachschule den Gewerken eine Lehrkraft kostenlos zur Verfügung stellte, die Meister und Arbeiter in der Handhabung der Maschinen unterwies. Sondergewerbe in der Eisenwurzen. 127 Der Erfolg blieb nicht aus. Die Umsätze, die sich anfänglich verdoppelten, vervielfachten sich im Laufe der Jahre, bis das böse Ende des Weltkrieges den erfolgreichen Aufbau wieder in Frage stellte. Die Nachfolgestaaten sperren sich gegen die Einfuhr von Eisenwaren durch eine unnachgiebige Zollpolitik ab. Das Inland dagegen bevorzugt immer noch die ausländische aber nicht bessere Ware. Katastrophal ist die Krise der Weltwirtschaft für unsere fleißigen Schmiede in der Eisenwurzen. Wer aber denkt, daß die Meister trotz aller Gegenwartsnot die Köpfe hängen lassen, der irrt. Ihre Väter haben jahrhundertelang allen Stürmen des Wirtschaftskampfes getrotzt, und deren Nachkommen lernten aus dem Schicksal der vorigen Generation, daß nur dem Unverzagten die Welt gehört. Unverdrossen und unter den größten Opfern arbeiten sie an der Verbesserung ihrer Betriebe. Ein Zug neu- zeitiger Denkweise geht jetzt durch die Schmiedschaft, die einen klaren Blick für die Bedürfnisse des Warenmarktes und seine Wandlungen hat. Wer heute ihre Werkstätten besucht, wird über deren mustergültigen technischen Einrichtungen und die kaum zu überbietende Geschicklichkeit der Arbeiterschaft staunen. Jedes Werkzeug ist w r ohldurchdacht, jeder Handgriff wohlerwogen und jeder Schlag sitzt. In den Gewerken aber steckt heute noch der tiefe Ehrgeiz alten Handwerkertums und die ererbte Tüchtigkeit eines Nachwuchses, dessen .Ahnen schon durch die kunstvolle Bearbeitung des steirischen Stahls dessen Ruhm in fernste Länder trugen. Und das bietet trotz aller Ungunst der Zeit die Gewähr, daß dieses urwüchsige Schmiedvolk der Eisenwurzen eine neue Blüte seines Gewerbes erleben wird. Literaturverzeichnis. Erhard A., Geschichte der Stadt Passau. Passau 1863. Friess G., Geschichte der Stadt Waidhofen an der Ybbs. Wien 1868. — Scheibbs und die Eisenindustrie im üt schergebirge. Wien 1878. Riedl E., Die Kleineisenindustrie in Ybbsitz. Wien 1894. Zeitlixger K., Denkschrift über die Fälschung österreichischer Sensenmarken. Linz 1894. Bittner L., Das Eisenwesen in Innerberg-Eisenerz bis zur Gründung der Innerberger Ilauptgewerkschaft. Wien 1899. Paxtz A. von, Die Innerberger Ilauptgewerkschaft von 1625 bis 1783. Graz 1906. Scherbaum II., Rückgang und Hebung der Kleineisenindustrie. Waidhofen an der Ybbs 1908. Friess E., Geschichte der Hammer- und Sensengewerke in Waidhofen an der Ybbs. Wien 1911. Meyer E., Geschichte des Marktes Ybbsitz. Ybbsitz 1929. Kurzel-Ruxtscheixer E., Das Eisenwesen im Garstental. Wien 1930. Tax zer K., Vom norischen Eisen zum steirischen Stahl. Berlin 1930. Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. Von Hofrat i. R. Ing. Heinrich Pösendeiner. Mit 1 Abbildung. Die Kleineisenindustrie wird im Stubaitale bei Innsbruck in seinem Hauptorte Fulpmes und in den Nachbarorten Plöven und Medratz betrieben. Die wichtigsten Abb. 1. Alte Hammerschmiede in Fulpmes. Erzeugnisse sind: Werkzeuge, alpine Ausrüstungsgegenstände, Hacken- und Messerwaren, bäuerliche Haus- und Küchengeräte, Kuhschellen. Die Lage des Tales ist nach heutigen Anschauungen für den Betrieb einer Kleineisenindustrie nicht sonderlich günstig, weil die Bezugsorte für die wichtigsten Rohstoffe, Eisen, Stahl und Kohle, aber auch die größten Absatzgebiete weit entfernt liegen. In früheren Zeiten war dies jedoch anders, denn es gab im Stubai einen blühenden Bergbau auf Eisen, Blei und Silber, was durch Urkunden, alte Flur- und Gassennamen, Spuren alter Bergbaubetriebe und durch mündliche Überlieferungen bezeugt wird. Der Bergbau und das Hüttenwesen dürften wohl durch ihren Bedarf an Werkzeugen den Anlaß zur Entstehung der Kleineisenindustrie gegeben haben, aber bereits im 15. Jahrhundert soll schon der Vertrieb von Stubaier Schmiede waren durch Stubaier Hausierer nach auswärts stattgefunden haben. Als später Bergbau Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. 129 und Hüttenwesen im Stubai immer mehr zurückgingen, 1 hatte die Kleineisenindustrie schon ausreichende Handelsbeziehungen für ihren Weiterbestand gefunden. Die leicht verwertbare Wasserkraft des Schlickerbaches mit rund 500 Sekundenlitern bei 10 bis 15% Gefälle im Mittelläufe veranlaßte die Zusammenziehung der Kleineisenindustrie in und bei Fulpmes, dessen Lage für den Absatz der Waren seinerzeit nicht ungünstig war; führt doch die uralte Brennerstraße nur mäßig entfernt im benachbarten Wipptale vorbei, und das eisenarme Gebiet südlich der Alpen bildete sicher ein großes Absatzgebiet. Ende des 17. Jahrhunderts hatte die Kleineisenindustrie schon einen beträchtlichen Umfang erreicht, und der Absatz erstreckte sich bis nach Süd- und Mitteldeutschland. Ungefähr um die Mitte des 18. Jahrhunderts traten dann die sogenannten „Stubaier Handelskompagnien“ auf, die durch ihre gute genossenschaftliche Organisation den Erzeugnissen ihres Tales Verbreitung in weiten Gebieten verschafften; auch viele Anregungen zu neuen Schmiedeerzeugnissen kamen durch sie nach Fulpmes. Niederlassungen dieser Handelskompagnien befanden sich in den wichtigsten Städten Österreichs, Süd- und Mitteldeutschlands sowie der Schweiz. Auch Ungarn, Rußland und der Balkan werden bereits als Absatzgebiete genannt. Aus den Handelskompagnien entwickelten sich in Fulpmes zu Ende des 18. und anfangs des 19. Jahrhunderts Handelshäuser, die sich durch Generationen vererbten. Zumeist betrieben diese Handelshäuser („Verleger“) auch eigene Hammerwerke, sie belieferten ferner die ortsansässigen Schmiede mit Rohstoffen, und erlangten schließlich ein derartiges wirtschaftliches Übergewicht, daß die Schmiede von ihnen nahezu vollständig abhängig wurden. Lange Zeit hindurch w r ährte zwischen der größten Verlegerfirma, dem Hause Pfurtscheller, dessen Gründer, Michael Pfurt- scheller, ein Kampfgenosse Andreas Hofers war, und den Schmieden ein altväterliches Verhältnis. Durch diese Firma kamen viele Aufträge nach Fulpmes, sie führte technische Verbesserungen und manche neue Artikel ein, und ließ in absatzschwachen Zeiten viel auf Lager arbeiten. Solange ausreichender Absatz für die Stubaier Waren vorhanden war, und die Verleger daher entsprechende Warenübernahmspreise an die Schmiede zahlten, empfanden diese die Abhängigkeit von den Verlegern keineswegs als drückend. Dies änderte sich jedoch, als die Stubaier Industrie durch die reichsdeutschen Werke, besonders in Remscheid und Solingen, und die nordfranzösische und englische Konkurrenzindustrie überflügelt wurde. Diese Konkurrenzindustrien hatten an sich schon die Nähe der Bezugsquellen für Eisen und Stahl voraus. Als nun auch die früher als Brennstoff ausschließlich angewendete Holzkohle seltener und daher teurer wurde, griff man zur Steinkohle und zum Koks, die unweit von den Hauptsitzen der westeuropäischen Kleineisenindustrie gewonnen wurden. Die Stubaier Industrie mußte dagegen ihre Rohstoffe w'either beziehen und zwar Kohle und Koks aus Schlesien, Mähren oder Westfalen, Eisen und Stahl aus Steiermark oder Kärnten. Dazu kam noch, daß die westeuropäische Konkurrenz viel früher die Vorteile des 1 Alte Quellen bezeichnen Bergstürze als Ursache; vermutlich war aber auch die Schwierigkeit einer ausreichenden Beschaffung der Holzkohle schuld. Geschichte der Technik, II. 1. 9 130 Heinrich Pösendeiner Eisenbahnverkehrs genießen konnte. Den Vorteil der Nähe von Wasserstraßen oder des Meeres hatte sie ohnedies immer vor Fulpmes voraus gehabt . 1 II. * * V. Die alte Stubaier und die neue ausländische Industrie. Die europäische Kleineisenindustrie hatte lange Zeit überall die gleichen Hilfsmaschinen. Die typischen Arbeitsbehelfe waren, soweit nicht reine Handarbeit vor lag, der Schwanzhammer und der Schleifstein, für viele Erzeugnisse noch das Polierzeug. Die Welle des Schwanzhammers wurde zumeist von einem unterschläch- tigen Wasserrade angetrieben. Oft wurden von einer Welle mehrere Hämmer betätigt; dies war bei der Herstellung schwieriger Werkstücke von großem Vorteil, weil man in den nebeneinander angeordneten Hämmern die Werkzeuge für die aufeinander folgenden Arbeitsstufen anbringen und derart mehrere dieser Arbeitsgänge in einer Hitze ausführen konnte. Die einfache Bauart, die freie Lage von Hammerkopf und Ambos, sowie die gute Regelung des Schlages durch die Schütze des Wasserrades sind gewichtige Vorzüge dieses altehrwürdigen wichtigsten Arbeitsbehelfes der gesamten früheren Eisenindustrie. Sein größter Nachteil ist jedoch die im Verhältnisse zum Bauaufwande und zum Raumbedarfe geringe Schlagleistung. Der Schleifstein wurde ebenfalls durch ein, zumeist oberschlächtiges Wasserrad mittels Zahnradübersetzung angetrieben. Der Schleifer ritt auf einem Brett oder einem sattelähnlichen Gestelle über dem Stein und drückte das Werkstück mittels eines Hebels und unter teilweiser Ausnützung seines Körpergewichtes an den Stein. Die Stellung des Arbeiters war bei diesen Schleifzeugen gesundheitsschädlich, und gegen ein Zerspringen des Steines gab es keine Schutzvorrichtungen. Bei den Polierzeugen waren die Schleifscheiben gewöhnlich nicht genau hergestellt, weshalb die Arbeit unsauber ausfiel. Als Gebläse für die Schmiedefeuer dienten entweder große Lederblasbälge oder Kastengebläse, und vereinzelt kamen auch die auf der Saugwirkung eines Wasserstrahles beruhenden uralten Wassertrommelgebläse vor. Für alle diese Maschinen wurde Holz im weitesten Umfange, Eisen nur im notwendigsten Maße als Baustoff angewendet; mit diesen einfachen Maschinen und Behelfen, ergänzt durch einige Handwerkzeuge und Bohrvorrichtungen, fanden die gewandten alten Hammerschmiede ihr Auslangen. Solange auch die westeuropäische Kleineisenindustrie die gleiche einfache Einrichtung hatte, war die alpenländische Kleineisenindustrie schon wegen der stärkeren und gleichmäßigeren Wasserkräfte bei der Erzeugung im Vorteil. Diese Sachlage änderte sich jedoch, als, von England ausgehend, die Dampfkraft und in 1 Genauere geschichtliche Angaben enthält der Abschnitt über die industriellen Verhältnisse des Stubaitales von Dr. Anton Kofler in dem Werke „Stubai, Tal und Gebirge, Land und Leute“, Innsbruck 1891, ferner die Abhandlung „Die Entwicklung der Werkgenossenschaft der Stubaier Kleineisenindustrie in Fulpmes“ von Dir. Ing. II. Sciierbaüm, Waidliofen a. d. Ybbs, seinerzeit Fachlehrer in Fulpmes, und schließlich der in den „Schriften des 2. Internationalen Mittelstandskongresses in Wien, 1910“ enthaltene Bericht des Verfassers dieser Zeilen. Die jüngste geschichtliche Arbeit über diesen Gegenstand ist „Die Stubaier Kleineisenindustrie“ von Ing. II. Anselm, V. D. I.-Verlag, Berlin 1930. Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. 131 ihrem Gefolge schwere Hämmer mit hohem Hub, und Pressen Eingang fanden, die das Schmieden in geschlossenen Gesenken ermöglichten, und als ferner auch neu- zeitige Werkzeugmaschinen in der Kleineisenindustrie angewendet wurden. Wichtige Verbesserungen erfuhren ferner das Schleifen und Polieren in England und in Solingen und Remscheid. Dort wurde der Schleifer in ein regelbares Gestell vor den Stein gesetzt, und er drückte beim Solinger Knieschliff das in einem Schleifholz gehaltene Werkstück mit den durch hölzerne hohe Schleifschuhe geschützten Knien gegen den Stein, wodurch bei weitaus günstigerer Stellung ein genauer und rascher Schliff erreicht wurde. Als Schutz für den Schleifer bei einem allfälligen Zerspringen des Steines wurde dessen Ummantelung mit starkem Wellblech eingeführt. Die Polierzeuge erfuhren ebenfalls außerordentliche Verbesserungen. Das Walroßleder fand mit Vorteil als Scheibenbelag auf der Stirnseite bei der Solinger ,,Pliesscheibe“ Anwendung, wodurch sich bei Messerwaren und verwandten Artikeln leichter ein schöner gerader Strich erzielen ließ. Auch das schwierige Härten der Stahlwaren wurde durch die Einführung von Härteöfen wesentlich erleichtert. Diese technischen Verbesserungen hatten gegen das Ende des verflossenen Jahrhunderts eine so große Überlegenheit der westlichen Kleineisenindustrie über die Stubaier zur Eolge, daß manche österreichischen Erzeugnisse von den ausländischen Sch miede w-aren sogar im Inland aus dem Eelde geschlagen wurden . 1 Die großen Eulpmeser Verlegerfirmen mußten zur Bekämpfung der Konkurrenz mit ihren Verkaufspreisen herabgehen, was natürlich auch ein Herabdrücken der von ihnen an die Schmiede gezahlten Übernahmspreise zur Folge hatte. Die meisten Schmiede wuhrten sich dagegen durch flüchtige Arbeit oder durch Verwundung minderen Stahles und trugen so zur Verschlimmerung des Übels bei. Da die Verleger die Verkaufspreise für die Rohstoffe, die sie den von ihnen abhängigen Schmieden lieferten, hoch hielten, so wurde die Unzufriedenheit und Verzagtheit der Schmiede immer größer, besonders w r eil der Absatz immer weiter sank. Und so drohte dieser alteingesessenen Industrie der völlige Untergang. Die schulmäßige und die technisch-wirtschaftliche Gewerbeförderung. Die Bedeutung der Stubaier Kleineisenindustrie für das industriearme Tirol erweckte nun bei den gewerbefreundlichen Behörden das Bestreben zur Hilfeleistung. Als erste Maßnahme wurde auf Anregung der Handels- und Gewurbekammer Innsbruck und des Tiroler Landesausschusses vom Unterrichtsministerium die Fachschule für Eisen- und Stahlbearbeitung 2 in Fulpmes errichtet, die durch die Vorführung besserer Arbeitsverfahren und durch die Erziehung eines entsprechend ausgebildeten Nachwuchses qualitätsfördernd einwirken sollte. Man war sich jedoch darüber klar, daß es viel zu lange dauern würde, bis die in der Fachschule ausgebildeten Schüler einen maßgebenden Einfluß auf die Ortsindustrie nehmen konnten. Von der Innsbrucker Handels- und Gewerbekammer 1 Auch bei der verwandten Ybbsitzer Kleineisenindustrie (Niederösterreich) und bei der Steyrer Messerindustrie (Oberösterreich) zeigten sich ähnliche Verhältnisse. 2 Für das Zustandekommen der Fachschule hatte sich besonders der Referent G. R. v. Hauffe eingesetzt. 9 * 132 Heinrich Pösendeiner und von der Fachsehulleitung wurde daher jener Schritt ein geleitet, der zu dem raschen Wiederaufstieg der Industrie führen sollte, nämlich der Zusammenschluß der Schmiede zu einer Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft. Fachschuldirektor Ing. 0. Stanger und Kammersekretär Dr. A. Kofler sind als die Gründer dieses nach großen Schwierigkeiten im Jahre 1898 mit 30 Schmieden als Mitgliedern zustande gekommenen Unternehmens anzusprechen, für das der Name „Werkgenossenschaft der Stubaier Kleineisen-Industrie in Fulpmes“ r. G. m. b. H. gewählt wurde. 1 Zur Bildung der Genossenschaft mögen wohl auch Erinnerungen an die früher geschilderten Handelskompagnien beigetragen haben. Die erste Tätigkeit der neuen Genossenschaft war die Beschaffung der wichtigsten Rohstoffe, Eisen, Stahl und Kohle, die sie ihren Mitgliedern um 15 bis 20% billiger liefern konnte als die Verleger; bald wurde auch das Warenverkaufs - geschäft aufgenommen, wobei die Geschäftsbeziehungen einiger noch einigermaßen unabhängiger Schmiede die Grundlage bildeten. Ein guter Katalog wurde angefertigt; die Genossenschaftsleitung hatte einen tüchtigen Reisevertreter gefunden, und auch der erste Vorsteher der Genossenschaft, Johann Falschlunger, arbeitete mit großem Erfolg in dieser Eigenschaft. Die der Werkgenossenschaft angehörenden Mitglieder waren wenig kapitalskräftig und konnten ihre Anteile nur in Raten einzahlen; es mußte daher vorerst der größte Teil des Betriebskapitales von gewerbefreundlichen Stellen beigetragen werden. Das Gewerbeförderungsamt des Handelsministeriums in Wien, 2 das Land Tirol, die Handels- und Gewerbekammer Innsbruck, die Raiffeisenkasse Fulpmes und Private, besonders Handelskammersekretär Dr. Kofler, gewährten die erforderlichen Beträge als Darlehen. Die erste gemeinsame Arbeit betraf eine Beilpickenlieferung für das Heer; da zu ihrer Herstellung noch ausschließlich die alten Arbeitsbehelfe verwendet wurden, ergaben sich wegen der ungleichen Ausführung große Schwierigkeiten bei der Abnahme der Beilpicken, die deutlich die Notwendigkeit technischer Verbesserungen auf zeigten. Durch das befriedigende Ergebnis des Rohstoff- und Warenverkaufsgeschäftes ermutigt, schritten nun Förderer und Mitglieder der Genossenschaft an die Einführung verbesserter Arbeitsverfahren mit neuzeitigen Maschinen. Das erste Genossenschaftswerk wurde 1899 errichtet; für das Werksgebäude gab die Handelsund Gewerbekammer Innsbruck den Baugrund, die Gemeinde Fulpmes das Bauholz, das Land Tirol einen Zuschuß von 2000 Kronen und die Tiroler Zementwerke einige Waggons Zement. Das Unterrichtsministerium bewilligte die Mitbenützung derWasser- kraft der Fachschule, mehrere Genossenschaftsmitglieder und Förderer gaben Leih- gelder. Die Pläne für das Werksgebäude fertigten einige Lehrkräfte der Fachschule an. 1 Über die Gründung und Entwicklung der Werkgenossenscliaft bis 1903 verweise ich auf die früher genannte Schrift von Ing. H. Scherbaum, der als Mitarbeiter die damaligen Verhältnisse bestens kannte. 8 Hinsichtlich der staatlichen Gewerbeförderung wird auf den Bericht des Dr. Ing. Ludwig Erhard über „Richtlinien der technischen und wirtschaftlichen Gewerbeförderung“, Schriften des II. Internationalen Mittelstandskongresses, Wien 1910, verwiesen. Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. 133 Wegen der Beistellung der Maschinen hatte sich die Genossenschaft an das Gewerbeförderungsamt in Wien gewendet, das durch seine Ingenieure grundlegende Erhebungen vornehmen ließ, wobei sich zur Beschaffung der wichtigsten Maschinen ein Betrag von rund 30000 Kronen als nötig herausstellte. Die staatliche Gewerbeförderung hatte sich bis zu dieser Zeit bloß mit Maschinenüberlassungen an kleinere Handwerkervereinigungen befaßt, die nur die Aufwendung bescheidener Geldmittel erforderten. Es ist das Verdienst des technischen Leiters des Gewerbeförderungsamtes, Hofrates Dr. Ing. L. Erhard, die Notwendigkeit des verhältnismäßig hohen Betrages für die Maschinenüberlassung an die Stubaier Werkgenossenschaft derart überzeugend begründet zu haben, daß die Bewilligung erfolgte, wodurch die Förderung größerer gewerblicher Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften durch Maschinenüberlassungen im Wege der staatlichen Gewerbeförderung überhaupt erst eingeleitet wurde. Die Einrichtung des ersten Werkes in Fulpmes umfaßte große, für schwere Gesenkschmiedearbeiten und für schnelle Streckarbeiten geeignete Hämmer, ferner Pressen, eine Solinger Schleiferei und eine für die Appretur von Schmiedewaren und zur Herstellung von Hilfswerkzeugen für die Hämmer und sonstigen Maschinen geeignete mechanische Werkstätte. In der Fachschule zu Fulpmes und im Gewerbeförderungsamte in Wien wurden nun einige Schmiedemeister in der Handhabung der neuen Maschinen und in den neuen Arbeitsverfahren ausgebildet, und es spricht für die gute technische Begabung der Stubaier, daß sie sich nach kurzer Zeit in der neuen Arbeitsweise zurechtfanden. Schon mit der bescheidenen Einrichtung der Fachschule konnten einige wichtige Neuerungen auf dem Gebiete der Vollendungsarbeiten (Solinger Schliff, Solinger Fließverfahren) in kurzer Zeit mit augenscheinlichem Erfolge eingeführt werden. Die maschinelle Einrichtung der neuen Genossenschaftswerkstätte hatte aber eine vollständige Umwälzung durch das nunmehr ermöglichte Schmieden auch schwerer Formstücke in geschlossenen Gesenken und durch die genaue und rasche Appretur der Schmiedestücke mittels der Werkzeugmaschinen zur Folge. Die Schmiede des neuen Werkes diente hauptsächlich zur Erzeugung von sogenannten Halbfabrikaten, die von den Schmieden in ihren Werkstätten zu verkaufsreifen Artikeln fertiggestellt wurden; man erreichte hiedurch eine ähnlich billige, rasche und genaue Fertigung wie in den westeuropäischen Werken. Nun erfolgte von Seite der staatlichen Gewerbeförderung eine weitere Maßnahme, die die Entwicklung der Genossenschaft wesentlich beeinflußte; es war dies die Einführung eines neuen, genau ausgeführten Erzeugnisses, der neuen Postplombierzange. Die Post Verwaltung war damals mit ihrer alten Type nicht mehr zufrieden; im Gewerbeförderungsamte wurde nun ein neues Modell konstruiert, das Annahme fand. Diese Neueinführung zeitigte einen durchschlagenden Erfolg, denn nicht nur der Verdienst wurde wesentlich höher als bei den anderen Stubaier Waren, sondern — was das Wichtigste war — die Fulpmeser Schmiede lernten nun auch an einem ziemlich verwickelten Gegenstand die genauen neueren Arbeitsmethoden gründlich kennen. Diesen gewinnbringenden Lieferungen für die Post folgten bald verwandte Erzeugnisse, wie Blechplombierzangen, Rohrzangen, Schränkzangen, Kistennagelapparate usw., die zuerst in der Genossenschafts- 134 Heinrich Pösendeiner werkstätte, später von einigen Schmieden ausgeführt wurden, denen sie reichliche Beschäftigung brachten. Die Genossenschaft unterstützte die Bestrebungen der Schmiede zur besseren Ausrüstung ihrer Werkstätten dadurch, daß sie ihnen durch Ausnützung ihres Kredites Maschinen gegen Abzahlung in Raten verschaffte und derart auch als Maschinenbezugsgenossenschaft wirkte. Als Erfolg in dieser Richtung ist zu verzeichnen, daß schon 1914 die meisten Werkstätten mit neuzeitigen Hämmern und Werkzeugen versehen waren; auch bessere Wasserräder und Turbinen wurden in vielen Schmiedewerkstätten eingebaut. Im Jahre 1902 erfolgte ein für die Weiterentwicklung der Genossenschaft bestimmendes Ereignis. Die früher erwähnte, größte und altberühmte Verlegerfirma M. Pfurtscheller geriet hauptsächlich wegen Verschuldung im Erbgange plötzlich in Geldschwierigkeiten, die schließlich zum Zusammenbruch der Firma führten. Es gelang der Genossenschaft durch Hilfe des Landes Tirol, der Gemeinde Fulpmes und durch den Einsatz des persönlichen Kredites der einzelnen Genossenschafter das gesamte Eisen- und Stahlwarengeschäft der Firma Pfurtscheller zu erwerben; hiezu gehörten ein schönes, großes, altes Haus mit Kanzlei- und Magazinsräumen, ferner ein großes Besteckwerk, mehrere Hammerwerke und eine Verzinnerei. Der Genossenschaft fiel nun der große Kundenstock des Hauses Pfurtscheller zu, und ferner traten ihr alle Schmiede bei, die bisher noch ausschließlich für diese Firma gearbeitet hatten. Zur Fortführung des erweiterten Geschäftes erhielt die Genossenschaft ein Darlehen durch die staatliche Gewerbeförderung. In den übernommenen Werken waren die Wasserkräfte ungünstig ausgenützt, und die Einrichtungen bis auf jene des Besteckwerkes sehr veraltet. Vom Gewerbeförderungsamte und der Fachschule wurde die Genossenschaft beim Ausbau der Werke, besonders der Wasserkräfte, beraten und von der erstgenannten Stelle durch eine weitere Maschinenüberlassung unterstützt. Nach einigen Jahren konnte die Genossenschaft das zweite große Verlagsgeschäft in Fulpmes ankaufen, womit sie nun nahezu das gesamte Eisengewerbe des Stubaitales in sich vereinigte. Schon 1906 konnte man die günstige Weiterentwicklung der Genossenschaft als gesichert annehmen; der Absatz stieg stetig, und die Güte der Waren hob sich sichtlich. Die behördliche Förderung der Genossenschaft konnte nunmehr auf gelegentliche Beratungen eingeschränkt werden. Die Entwicklung der Genossenschaft ist am besten aus den folgend angeführten Ziffern des Rohstoff- und Warenabsatzes zu entnehmen: Rolistoffabsatz: Fertigwarenabsatz: Kronen ö. W. Kronen ö. W. 1898 . 16280 3054 1900 . 30356 45 655 1903 . 154323 245889 1907 . 299 331 554542 1912 . 338900 813026 Die von den gewerbefreundlichen Stellen bis 1907 für den Wiederaufbau der Stubaier Kleineisenindustrie der Genossenschaft zugewendeten Beträge waren verhältnismäßig gering. Aus dem staatlichen Gewerbeförderungskredit erhielt die Genossenschaft ein mit 3% verzinsliches Darlehen von 36000 Kronen und Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. 135 unverzinsliche Arbeitsbehelfe, wie Maschinen u. dgl., im Werte von 57270 Kronen, gegen Rückzahlung in zehn Jahresraten, ferner unmittelbar vom Handelsministerium zur Wiederaufnahme alter Exportbeziehungen Beiträge von zusammen 6000 Kronen. Vom Land Tirol erhielt die Genossenschaft zur Gründung ihres Rohstoff- und Warenlagers sowie als Beitrag zu den Baukosten des ersten Werkes einen Zuschuß von 3000 Kronen, ferner ein mit 2% verzinsliches Darlehen von 12000 Kronen zur Beschaffung von Maschinen für die Werkstätten der Genossenschaftsmitglieder. Der von der Handels- und Gewerbekammer Innsbruck gewidmete Baugrund und das von der Gemeinde Fulpmes gespendete Bauholz für das erste Genossenschaftswerk mag mit etwa 3000 Kronen zu bewerten sein. Von den öffentlichen Stellen wurden also zusammen bis 1907 rund 117300 Kronen auf ge'wendet, davon 105270 Kronen gegen Rückzahlung, die termingerecht und zum größten Teil in vollwertiger Währung geleistet wurde. Diesen Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln stehen die Einzahlungen der Mitglieder auf ihre Genossenschaftsanteile gegenüber, die bis zum Jahre 1909 rund 116700 Kronen betrugen. Die günstige Lage und die Entwicklung der Genossenschaft erwarb dieser Unternehmung so viel Vertrauen, daß sie die für den steigenden Geschäftsumfang erforderlichen Geldmittel weiterhin bei Banken und Sparkassen erhalten konnte. Die Verhältnisse nach dem Weltkrieg. Der Weltkrieg brachte zuerst einen bedeutenden Rückgang im genossenschaftlichen Warenabsatze, bald aber eine gewaltige Steigerung durch mittelbare und unmittelbare Heereslieferungen, so daß die Werke während des Krieges voll beschäftigt waren. Die erzielten Verdienste ermöglichten eine weitere Ausgestaltung der Werkstätten sowie den Bau eines großen Rohstoffmagazins und den Ausbau des genossenschaftlichen Kaufhauses mit den Warenlagern. Für die erste Zeit nach dem Kriege erwartete man schwere Erschütterungen im Geschäftsbetriebe der Genossenschaft, die aber nicht in dem gefürchteten Maße eintrafen. Die Entwertung der Krone und der entstandene Warenhunger bewirkten vorerst trotz der neuen Zollschranken in einem Teile des alten Absatzgebietes einen erhöhten Warenabsatz. Die Ruhrbesetzung brachte später die nahezu vollständige Aiisschaltung des Wettbewerbes der reichsdeutschen Kleineisenindustrie und damit eine weitere Hebung des Absatzes. Nach diesem vorübergehenden Aufschwung jedoch stellten sich als Folge der Zerreißung des alten Staatsgebietes bald schwere Absatzhemmungen ein. Die Lage wurde noch besonders verschärft, als nach dem Abflauen des Ruhrkampfes die reichsdeutsche Kleineisenindustrie wieder lieferungsfähig wurde und die reichsdeutschen Erzeuger zeitweilig ihre Warenpreise nicht rasch genug dem ungestümen Verfalle der Markwährung angepaßt hatten. Die Eisenwarenhändler in dem Absatzgebiete der Genossenschaft benützten diese günstige Gelegenheit zu großen Ankäufen reichsdeutscher Eisen- und Stahlwaren, wodurch diese Aufträge der Stubaier Kleineisenindustrie entgingen. Der schlechte Geschäftsgang zwang nun die Werkgenossenschaft zur Arbeit auf Lager und zur Gewährung langfristiger Kredite an die Abnehmer. Die Folge 136 Heinrich Pösendeiner war ein starker Kreditbedarf, der aber befriedigt werden konnte. Auch die Hebung des Absatzes gelang; die in der Kriegs- und Nachkriegszeit bei einigen Erzeugnissen gesunkene Qualität wurde durch eine scharfe Warenprüfung wieder gehoben, neue Artikel, so besonders Werkzeuge für Kraftfahrzeuge, wurden eingeführt; auch in der Herstellungsweise wurden wichtige Verbesserungen getroffen, besonders durch neuzeitige Härteöfen und kohlensparende Glühöfen, ferner durch die Einführung von Walzwerken und verbesserten Vollendungsverfahren. Ab 1925/1926 zeigen die Umsatzziffern wieder den folgenden bemerkenswerten Aufstieg: Geschäftsjahr: Rohstoff absatz: Fertigwarenabsatz: Schilling ö. W. Schilling ö. W. 1925/26 . 596380 1088193 1926/27 . 645211 1203863 1927/28 . 579939 1388780 1928/29 . 939259 1544649 1929/30 . 740485 1531154 Vom Warenumsatz treffen 50 bis 65% auf die Ausfuhr, und zwar besonders nach jenen Ländern, die vor dem Kriege zum Staatsgebiete Österreich-Ungarns gehört hatten. Es wurden aber auch neue Absatzgebiete gewonnen, so z. B. Holland, Griechenland, Südamerika; einige Waren gingen sogar nach Nordamerika. Durch die Verwirklichung fortschrittlicher technischer Ideen erzielte die Genossenschaft sohin bedeutende Mehrleistungen, die ihre Steuerkraft derart steigerten, daß die dafür aufgewendeten öffentlichen Mittel eine reichliche Verzinsung erfuhren. Der Wiederaufbau der Stubaier Kleineisenindustrie hätte trotz der bedeutenden Unterstützung durch gewerbefreundliche Faktoren aller Art nicht erreicht werden können, wenn nicht der Vorstand und der Aufsichtsrat des genossenschaftlichen Unternehmens dieses vorsichtig, geschickt, und sparsam geführt und w r enn die Stubaier Schmiede nicht trotz manchen Streitigkeiten gut zusammengehalten und selbst erhebliche materielle Opfer gebracht hätten. Von maßgebender Bedeutung war auch der Umstand, daß unter den Stubaier Schmieden angeborene technische Begabungen nicht selten sind. Einige Schmiede 1 haben, obwohl sie nur kurze Unterweisungen im Gewerbeförderungsamte oder in der Fachschule erhielten, selbständig beachtenswerte Verbesserungen in der Technik der Kleineisenerzeugung und an den dazugehörigen Hilfsmaschinen ausgedacht und sie ausschließlich der Stubaier Industrie zugewendet. So ist dort beispielsweise aus einer winzigen Messerschmiede eine große Maschinenschlosserei entstanden, die gewisse Spezialmaschinen für die Ortsindustrie und sogar Turbinen erzeugt. Mit der Zunahme des Bergsportes wurden Eispickel und Steigeisen stark begehrt; man baute daher die Erzeugung dieser hochalpinen Ausrüstungsgegenstände in der Genossenschaft sehr gut aus, so daß die Stubaier Eispickel und Steigeisen wegen ihrer sorgfältigen Herstellung heute die gesuchteste Marke bilden, die außer in Österreich auch in großer Zahl nach Deutschland und nach der Schweiz verkauft wird. Die Genossenschaft umfaßte Ende Juni 1930 im ganzen 96 Mitglieder mit 1 So besonders Franz R alling und Balthasar Danler. Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie. 137 457 Geschäftsanteilen zu je 100 Schilling, und die Kapitalsrücklage, der Reservefonds und die Geschäftsanteile betrugen zusammen 622813 Schilling. Von den Mitgliedern waren 55 Schmiede und Hefterzeuger; diese arbeiteten in ihren Werkstätten selbst mit und beschäftigten außerdem noch 221 Hilfskräfte. In den Genossenschaftswerken waren 36 Arbeitskräfte tätig, der kaufmännische Betrieb der Genossenschaft umfaßte 13 Beamte und 9 Packer. Schlußfolgerungen. Die Genossenschaft besteht nunmehr seit 33 Jahren und sie hielt in guten und schlechten Zeiten stand. Ihre Organisation war besonders deshalb so erfolgreich, weil man den Schwerpunkt der gesamten Aktion auf die technische Vervollkommnung der Schmiederei legte und sich vor der Übertreibung des Genossenschaftsgedankens hütete. Die Genossenschaft selbst besorgt hiebei den Einkauf der Rohstoffe und den Vertrieb der von den Mitgliedern in ihren eigenen Werkstätten verfertigten Waren, ferner die vorher geschilderte Erzeugung gewisser Halbfabrikate und schließlich die Einführung neuer Artikel nur so lange, bis sie die Mitglieder selbst anzufertigen vermögen. Für ihre Mitglieder wirkt also die Genossenschaft wie ein uneigennütziger Generälunternehmer, der sie der Sorge um den Einkauf der Rohstoffe und um den Absatz enthebt und ihnen neue Anregungen bringt. Die Genossenschaftsmitglieder sind dagegen verpflichtet, ihre Rohstoffe nur bei der Genossenschaft zu kaufen und ihre Waren ausschließlich für die Genossenschaft zu liefern, wobei für jeden Artikel von Zeit zu Zeit die Übernahmspreise festgesetzt werden. Bezüglich der Herstellungsarten in seiner Werkstätte hat jedes Mitglied vollständig freie Hand, nur wird bei jeder Lieferung die Güte der Waren durch die Genossenschaft strenge geprüft. Dieses Maß von Freiheit hat sich als äußerst wertvoll für die Erhaltung der Arbeitsfreude und der Verbesserungslust der einzelnen Mitglieder erwiesen und sie zu Genossenschaftern mit Persönlichkeitswert herangebildet. Meinungsverschiedenheiten und Streitfälle gab es zwischen der Genossenschaftsleitung und den Mitgliedern im Laufe der Zeit freilich genug, was bei den verwickelten Verhältnissen ganz natürlich ist, aber die Genossenschaftsstellen, nämlich die Leitung, der Aufsichtsrat und die Generalversammlung, fanden im Zuge der Verhandlungen immer wieder den richtigen Ausgleich. Und so bietet die Geschichte der Wiederaufrichtung der Stubaier Industrie ein höchst lehrreiches Beispiel für die Heilung wirtschaftlicher Schäden durch technische und genossenschaftliche Mittel, wobei im vorliegenden Fall ein dem Aussterben nahes Gewerbe von Grund aus umgestaltet und zu neuem Leben erweckt wurde. Bedeutende Holzbringungsanlagen des 12. bis 19. Jahrhunderts in Österreich. Von o. ö. Professor Ing. Dr. Leo Hauska. Mit 7 Abbildungen. Im 18. Jahrhundert und selbst zu Beginn des verflossenen Jahrhunderts gab es in den österreichischen Alpen noch zahlreiche Urwaldgebiete, die noch vollständig ihrem Naturwuchs überlassen w'aren. Um sich nur eine ganz flüchtige Vorstellung über die Bestockung solcher Urwaldgebiete machen zu können, möge erwähnt w'erden, daß die Durchmesser der Baumstämme durchschnittlich die gewaltigen Dimensionen von 2 bis 2,5 m auf wiesen und daher eine Spaltung durch Axt und Keil nicht durchführbar war. Es wurde vielmehr eine größere, in der Längsrichtung des gefällten Stammes verteilte Anzahl 10 bis 15 cm tiefer Bohrlöcher hergestellt, mittels welcher durch Schwarzpulverladung, manchmal auch erst nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen, die Sprengung des Holzriesen glückte. Es ist dies übrigens ein Verfahren, das die Amerikaner zur Aufarbeitung ihrer gewaltigen Urwaldstämme noch heute benützen. Die Bestockungsziffer pro Hektar der Urwälder unserer österreichischen Alpen betrug nach authentischen Berichten 500 bis 600 Festmeter. Durch die immer mehr zur Entfaltung gelangenden Berg-, Hütten-, Salinen- und Industriewerke, wie überhaupt durch den Aufschwung der Bautätigkeit, konnte der steigende Bedarf an Holz nicht mehr aus den in der nächsten Umgebung und zugleich meist für die Abfuhr bequem gelegenen Waldungen gedeckt werden, sondern es mußten nun auch die tiefer im Gebirge gelegenen Urwaldforste zur Nutzung allmählich herangezogen werden. Frühzeitig mußten sich daher die Forsttechniker mit den Problemen von rationellen Massentransporten befassen, deren zweckentsprechende Lösung mit Rücksicht auf den damaligen Stand der technischen Kenntnisse und der oft fast unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten des Geländes nur durch schöpferische Kraft und Genialität erzwungen werden konnte. Durch geschickte Ausnützung der Naturkräfte, in erster Linie der Schwere, kamen daher zwei Arten von Transporten, die wir auch heutigentags, allerdings in mancher Veränderung und Verbesserung, im forstlichen, wie auch im allgemeinen Transportwesen antreffen, zur Ausbildung. Als erstes und günstigstes Transportmittel boten sich dem Forsttechniker zweifellos die natürlichen Wasserläufe dar. Es war daher naheliegend, daß die ersten und ältesten Transportarten die Schwerkraft in Verbindung mit Wasser als Betriebsfaktor hatten; je nachdem das Holz in losem Zustand oder zu Flößen gebunden befördert wurde, führten diese zur Trift oder zur Flößerei. Erwies sich die verfügbare Wassermenge für den Holztransport in den breiten, natürlichen Bachgerinnen als unzureichend, so erfolgte die Beförderung des lose schwimmenden Holzes auch in künstlich aus Holz oder Stein hergestellten Gerinnen Leo Hauska: Bedeutende Holzbringungsanlagen in Österreich. 139 mit relativ kleinem Durchflußprofil, und man nannte solche Transportanstalten „Wasserriesen“ oder „Schwemmkanäle“. Wie weit die Trift zurückreicht, beweisen Salzburger Urkunden, aus denen einwandfrei hervorgeht, daß schon im 12. Jahrhundert in der Salzach bei Hallein Rechenanlagen bestanden, die der Triftung von 140000 bis 160000 Raummetern Holz dienten. Einen solchen Rechen finden wir noch im 17. Jahrhundert wieder. Ein anderes Beispiel einer alten Triftanlage bietet der Holzrechen in der Enns bei Hieflau in Steiermark. Heute sind diese Anlagen bereits aufgelassen. Denn die ursprüngliche Form des Betriebes, nur mit den Frühjahrshochwässern zu triften, wurde bald als unwirtschaftlich erkannt; es war einerseits unsicher, ob zeitentsprechend auch genügend lange dauernde Hochwässer eintreten würden, um die vorgeschriebene Holzmenge abzuschwemmen, anderseits gaben aber vermehrte Hochwässer bei gleichzeitiger Triftung den Anlaß zu stets wiederkehrenden Hochwasserschäden. Man machte sich zunächst von der Benützung der Hochwässer unabhängig und schuf künstliche Stauwerke, „Klausen“ genannt, mit deren Hilfe die gesammelten Niederschlagswässer in einem für # die Aufrechterhaltung des Betriebes notwendigen Maße für die Zeit der Triftdauer abgegeben wurden. Für die Herstellung der ersten Klausen, die in bescheidenem Ausmaße ausgeführt, die Bezeichnung „Wasserstuben“ führten, wurde zunächst das meist an Ort und Stelle genügend vorhandene Holz als Baustoff verwendet. Man ging aber, sobald die große Bedeutung der Wasserstau werke für den geordneten Trift- oder Elößereibetrieb erkannt war, zu Stabilbauten über, und so entstanden bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts groß angelegte Triftanlagen. Die älteste Massivklause Österreichs ist die unter Maria Theresia im Jahre 1756 mit einem Kostenaufwand von 10000 Gulden an Stelle einer Holzklause erbaute Hauptklause in Klausen-Leopoldsdorf bei Baden in Niederösterreich. Der Klauskörper besteht hier aus einem durch Tegelschlag gedichteten Erddamm mit beiderseitiger Quader Verkleidung, wobei die mächtigen Quadern miteinander durch Eisen verankert sind. Die Konstruktionshöhe der Klause beträgt 5,20 m, und es können durch die Klause rund 77 800 m 3 Wasser gestaut werden. Zwei mächtige Holztore (h = 1,70, b = 1,70 m) dienen zur Regulierung des Triftwassers. Der Verschluß ist durch ein kombiniertes Heb- und Schlagtor gebildet. Während das dem Schlagtor vorgelagerte Hebtor der Regulierung der jeweilig erforderlichen Größe der Toröffnung dient, stellt das Schlagtor eine typisch forsttechnische Konstruktion dar (Abb. 2), durch deren Betätigung es ermöglicht wird, die Durchflußöffnung spontan vollständig frei zu geben. Das Schlagtor ( T ), welches um eine vertikale Achse (1^) Abb. 1. Alte Brücke mit Holzrechen bei Hieflau. Sjw*r ■ r r •As 1 *«-'' -i-, ■ ' Ai'* 140 Leo Hauska Vi T ßA V z l i> drehbar angeordnet ist, lehnt sich gegen eine um die vertikale Achse ( V 2 ) drehbare Säule „Sperrgrindel“ ( S ), die einen Dorn ( D ) besitzt. Dieser Dorn wird durch einen in horizontaler Achse drehbaren Hebel gestützt, wodurch das Sperrgrindel in seiner Lage festgehalten und das Tor geschlossen bleibt. Läßt man durch einen vertikalen Schacht den Schlagbaum (B) herabfallen, so klappt der Hebel auf, der Dorn verliert seine Stütze, infolge des Wasserdruckes ^gibt das Sperrgrindel in drehender Bewegung nach, und das Tor öffnet sich. Durch die Anwendung dieses Torverschlusses ist es möglich, ohne besonderen Mechanismus, auch große Toröffnungen fast augenblicklich freizulegen. In der Zusammenarbeit mit 13 Nebenklausen, mit einem Gesamtfassungsraum von 293 604 m 3 , lieferte die Hauptklause das nötige Triftwasser für die Brennholztrift in der Schwechat. Die Gesamtlänge der Triftwege betrug mit Einbeziehung aller Nebentriftgewässer bis zur Hauptklause 84 km und von dort bis zum Rechen in Baden noch weitere 20 km. Das jährliche Triftquantum betrug im Jahre 1793 21000 Klafter, im Jahre 1870 53000 Raummeter Brennholz. Noch heute werden im Durchschnitt 10000 Raummeter Brennholz jährlich nach Baden getriftet, wobei die Hauptklause und neun Nebenklausen im Betrieb stehen. Den Abschluß der Brennholztrift auf der Schwechat bildet die Badener Rechenanlage. Diese Anlage besteht aus einem großen Abweisrechen in der Schwechat, der das Triftholz in den geräumigen Rechenhof weist. Die Regulierung des Triftwassers im Hofe wird durch drei mit Schützen und kleinen Abweisrechen abschließbare Fallbäche ermöglicht. Der Rechenhof selbst wird von einem großen Steinpfeilerrechen abgeschlossen. Vor diesem befindet sich ein Sandgitter, das eine Verschotterung des Rechenhofes verhindert. Während das Triftholz im Rechenhof zurückbehalten wird, fließt das Triftwasser unterhalb des Rechens in einem Gerinne wieder der Schwechat zu. Die Badener Rechenanlage wuirde im Jahre 1805 mit einem Kostenaufwand von 120000 Gulden erbaut. Ein interessantes Bauwerk ist auch die im Jahre 1809 von Franz Pfifferling erbaute „Chorinskyklause“ im Goiserer Weißenbachtale in Oberösterreich. Diese w'urde im Jahre 1819 vom Hofkammerpräsidenten Grafen Ohorinsky feierlich eröffnet und dem Betriebe übergeben. Sie stellt den Typus einer reinen Mauerw r erks- klause aus Stein dar. Bei der höchsten zulässigen Stauhöhe von 6,7 m konnte ein Rückstau von 75000 m 3 erzielt werden. Das Bauw'erk ist allerdings schon seit vielen Jahren außer Betrieb, aber noch ziemlich gut erhalten und leistet heute als Verlandungssperre im System der Verbauung des Weißenbaches ausgezeichnete Dienste. Die Klause bietet einen äußerst romantischen Anblick, und es ist besonders der Umstand zu begrüßen, daß dieses Bauwerk unter Denkmalschutz steht und so der Nachwelt erhalten bleiben wird. ' H D Abb. 2. Aufriß und Grundriß des Schlagfores der Klause in Klausen- Leopoldsdorf. Bedeutende Ilolzbringungsanlagen in Österreich. 141 Die größte und überdies heute noch in vollem Betriebe stehende Klause ist die im steiermärkischen Wirtschaftsbezirke Wildalpen und Großreifling der österreichischen Bundesforste gelegene „Prescenyklause“ (Abb. 3), die an Stelle einer seit Beginn des 18. Jahrhunderts bestandenen Holzklause in den Jahren 1840 bis 1842 mit einem Kostenaufwand von 40000 Gulden erbaut wurde. Die Klause weist eine Konstruktionshöhe von 9 m und eine Kronenlänge von 48 m auf, wovon 26,5 m auf den 1,3 m tiefen Hochwasserüberfall entfallen. Das Bauwerk besteht aus wasserseitigen und luftseitigen Mauerwerkskörpern aus Quadern, die durch eine Anzahl von Quermauern miteinander verbunden sind. Die auf diese Art entstandenen Schächte sind mit grobem Material gefüllt. Die Krone des Bauwerkes ist ebenfalls mit Quadern abgedeckt. Das Stauwerk weist drei große Durchflußöffnungen auf, von welchen die beiden seitlichen dem Trift- und Flößereibetriebe dienen, während die mittlere nur bei der Hochwasserbekämpfung zur Mitwirkung herangezogen wird. Diese ist nur durch ein Schlagtor abgeschlossen, hingegen besteht der Verschluß der beiden anderen Öffnungen aus kombinierten Heb- und Schlagtoren. Für katastrophale Hochwässer reichten allerdings sämtliche Vorkehrungen nicht aus, da nach Aussagen der Bedienungsmannschaft die Klause einmal seit ihrem Bestände vollständig überflutet w r ar, was etwa einer sekundlichen Hochwassermenge von 300 m 3 entsprechen würde. Der Fassungsraum beträgt bei vollständiger Ausnützung der Stauhöhe 648000 m 3 . Die Füllungszeit des Klaushofes beträgt durchschnittlich zirka 12 bis 14 Stunden. Seine Entleerung erfolgt bei geöffneten Seitentoren innerhalb weniger Stunden. Die Prescenyklause hat in erster Linie die Aufgabe, während des Flößereibetriebes, d. i. von Mai bis November, täglich durch einige Stunden die für die Flößerei notwendige Zuschußwassermenge zu liefern. Sie wirkt aber auch als Fanggebäude für das im Oberlauf der Salza getriftete Holz. An das linksseitige Tor schließt sich nämlich ein Holzfluder zum Ausländen des Triftholzes an. Unmittelbar unterhalb der Klause befindet sich der erste Bindeplatz der Flöße, an welchen sich flußabwärts noch weitere in Gschöder, Wildalpen, Fachwerk und Palfau anschließen. Die Flöße werden bis Steyr geführt. Durch die Betätigung der Klause ist es ermöglicht, jährlich 30000 Festmeter Holz zu flößen. Dieser Umstand allein beweist die große wirtschaftliche Bedeutung dieser Anlage. Da sich in letzter Zeit schwere Gebrechen an dem Bauwerke zeigten, entschloß sich die Generaldirektion der österreichischen Bundesforste, eine Sanierung der Abb. 3. Prescenyklause. Kronenlänge 48 m, größte Sperrenhöhe 9,0 m, größte Stautiefe 7,25 m. Klaushof: 648 000 m 3 , Entlastung: Selbsttätige Drosselklappe 10 m 2 , 2 Schlagtore, Hochwasserüberfall 26,5 m breit, 1,3 m hoch. 142 Leo Hauska Anlage vornehmen zu lassen. Die Wiederinstandsetzung dieses bedeutenden Bauwerkes ist vollständig geglückt. Zwecks Herabsetzung der dynamischen Inanspruchnahme des Bauwerkes beim Öffnen des Torverschlusses und zur rationellen Ausnützung des Triftwassers wurde die Schlagtorkonstruktion bei einer Toröffnung durch eine drehbare Klappe aus Eisenbeton ersetzt, die einen annähernd konstanten Abfluß ermöglicht. Bei der Instandsetzung der Klause wurden Elächendichtung und Grundbruchfilter nach Patent Terzaghi verwendet. Um die Kolkwirkung des Überfallstrahles zu mildern, wurde ein Hochwasserverteiler, eine Art Holzrechen, an der Krone der Klause angebracht. ^ Eines der bedeutendsten Werke des forstlichen Bringungswesens, welches auch vom rein bautechnischen Standpunkt für die Zeit seiner Schaffung als geniale Leistung bezeichnet werden muß, ist die von Georg Huebmer in den Jahren 1805 bis 1827 durchgeführte Aufschließung des zum Graf Hovosschen Besitz gehörigen Urwaldkomplexes „Neuwahl“, N.-Ö., von nahezu 3000 ha, mit einem Holzreichtum von 1700000 Festmetern. Dieser aufzuschließende Urwaldkomplex lag am Ursprung der stillen Mürz westlich der durch den Gebirgskamm zwischen dem Lahnberg (1593 m) und dem Gippel (1667 m) gebildeten Wasserscheide; somit war die Bringung seines Holzes am Wasserwege nach Wien ausgeschlossen. H uebmers Leistung bestand darin, daß er in einer Höhe von ungefähr 600 m unter der Kammhöhe, bzw. 80 m unter dem Gscheidsattel (1134 m), den Gebirgszug durch einen 450 m langen Stollen durchbrach und die Gewässer der südlich gelegenen Mürz mittels einer Wasserriese durch den Stollen, in den bereits zur Flößerei benützten nördlich gelegenen Prein- bach leitete. Das im Urwald geschlagene Holz gelangte nun durch die Wasserriese, in welche die Wässer der Mürz durch eine von einem Mühlrad betriebene Eimerkette geschöpft wurden, in den Preinbach und erreichte nach 20 Stunden das um fast 800 m tiefer gelegene Wiener Neustadt. Hier wurde das Holz in Schiffe geladen und auf dem Neustädter Kanal nach Wien befördert. Schon im ersten Jahre nach der Herstellung dieser Anlage konnten 25000 Festmeter Brennholz nach Wien gebracht werden. Die Herstellung des 450 m langen Stollens (Abb. 4), der im Fels verläuft und eine lichte Weite und Höhe von 3,8 m aufweist, wurde 1811 in Angriff genommen und erforderte einen Zeitraum von 16 Jahren. Es wurde von beiden Seiten gearbeitet und es standen ständig sechs Knappen und sechs Taglöhner in Arbeit. Zu den Sprengungen wurden 400 Zentner Pulver verbraucht. Als die Knappen 1822 bereits 160 m vorgedrungen wuren, brach plötzlich Stickluft ein, so daß an eine Fortsetzung Abb. 4. Huebmerscher Durchschlag mit durchgeführter Wasserriese. Bedeutende Ilolzbringungsanlagen in Österreich. 143 der Arbeit zunächst gar nicht gedacht werden konnte. Huebmers Erfindungsgeist hatte aber auch diese schwierige Situation bald überwunden, indem er das durch die Felsspalten in den Stollen herabsickernde Wasser zum Betrieb einer Ventilation benützte. Das Sickerwasser wurde zunächst in einer Kinne zusammengefaßt und auf ein breitschaufliges Mühlrad fallen gelassen, mittels welchem ein Blasbalg in Tätigkeit gesetzt wurde. Die dem Blasbalg entweichende Luft wurde Abb. 6. Spitzkehre in Daraufsicht. Abb. 5. Huebmerscher Bremsberg in Brunnenröhren bis zum jeweiligen Arbeitsplatz im Stollen geführt. Die auf diese Art eingepreßte Frischluft trieb dann die Stickluft durch den Stolleneingang aus und in kürzester Zeit konnte wieder weitergearbeitet werden. Am 8. März 1827 erfolgte der vollständig geglückte Durchbruch, der in vertikaler wie auch in horizontaler Richtung nicht die geringste Abweichung zeigte. Mit der Fertigstellung des Durchschlages war nun die Lieferung aus jenem Urwaldgebiete, das sich von dem Gebirgskamme bis etwa 600 m unter diesen erstreckte, gesichert. Um aber auch den restlichen Teil des Urwaldes der Auf Schließung zuzuführen — ein Aufwärtsschleifen des Holzes war wegen der Steilheit der Hänge ausgeschlossen — baute Huebmer ungefähr 100 m unterhalb des Durchschlages einen Kanal, dessen abgetreppte Sohle in Fels ausgesprengt werden mußte. Der Kanal wurde von 22 Quellen des Mürzursprungsgebietes gespeist. 144 Leo Hauska Das Holz wurde auf den an Ort und Stelle erbauten Schiffen, auf welchen durchschnittlich 23 bis 34 Festmeter verladen werden konnten, durch Pferdezug und Betätigung diverser Schützen mit Überwindung der Treppenhöhe des Kanals bis unterhalb des Durchschlages befördert. Heute ist der HuEBMERsche Durchschlag nur mehr zum Teile begehbar und von dem Bestände der von ihm angelegten Schifffahrtskanäle geben nur mehr Reste von Stützmauern Zeugnis. Von hier führte der doppelgeleisige Aufzug (Abb. 5) das Holz zu dem um etwa 100 m höher befindlichen Durchschlag und zur Einwässerungsstelle in die Wasserriese. Das Holz wurde auf Wagen verladen, die auf Holzschienen liefen. Zwischen den beiden Geleisen war ein Treppenweg angeordnet, der die Begehung des Aufzuges durch die Bedienungsmannschaft während des Betriebes ermöglichte. Der Antrieb des Aufzuges erfolgte mittels Wasserkraft, und zwar mit Hilfe eines Hanfseilantriebes in der bekannten Weise eines Bremsberges. Nicht unerwähnt möge noch die Tatsache bleiben, daß von Huebmer auch eine Rollbahn auf der Rax, am Scheibwald, in der Nähe des Übeltales gebaut wurde. Nähere Angaben über diese Bringungsanlage sind leider heute nicht mehr erhältlich, nur die Bezeichnung dieses Grabens mit „Eisenbahngraben“ läßt auf den seinerzeitigen Bestand der Rollbahn schließen. Es lohnt sich, über diesen interessanten Mann noch einige persönliche Angaben zu machen. Georg Htjebmer, am 11. April 1755 in der Gosau als Sohn protestantischer Bauersleute geboren, zog als Siebzehnjähriger mit seinem Bruder Johann in das Viertel Ober-Manhartsberg, w r o er bei großen Holzabstockungen arbeitete. 1776 traten beide in den Dienst der k. k. Hauptgewerkschaft in Eisenerz und zeichneten sich bei der Lösung schwieriger bringungstechnischer Fragen aus, besonders Georg begründete 1783 seinen Ruf als genialer Schwemmeister bei der Durchführung der Schwemmanlage Naßwald—Hirschw r ang. Im Jahre 1805 löste er dieses Dienstverhältnis und begann seine oben beschriebene Tätigkeit als Graf Hovosscher Schwemmeister, durch welche er sich einen bleibenden Gedenkstein sicherte. Nach einem großen Hochwasser der Salza im Jahre 1813 linderte Huebmer nach Möglichkeit die Not der schwer betroffenen Arbeiter und sorgte auch sonst in väterlicher Weise für sie und deren Kinder durch Erbauung eines protestantischen Schul- und Bethauses im Naßwald und Berufung eines Pfarrers, den er aus eigenen Mitteln besoldete. Das Volk verehrte in ihm den großen Wohltäter, was in der Grabschrift am Friedhof zu Naßwald für den am 20. März 1833 verstorbenen Mann überzeugend zum Ausdruck kam. Abb 7. Georg Huebmer, 1755—1833. Bedeutende Holzbringungsanlagen in Österreich. 145 Eine zweite, sicherlich erst nach dem Wassertransport zur Anwendung gelangte Transportart ist jene, die die Schwerkraft als alleinigen Betriebsfaktor benützt. Solche Transportanstalten bezeichnet man als „Riesanlagen“ und unterscheidet je nach ihrer Bahnherstellung: „Holzriesen“, „Erdriesen“ und „Rieswege“. Unter „Holzriesen“ versteht man, wie schon der Name sagt, ganz aus Holz hergestellte Riesbahnen, während ein „Riesweg“ eine in das Terrain eingeschnittene Gleitbahn darstellt. „Erdriesen“ stellen eine mehr rustikale Art von Rieswegen dar, bei welchen schon vorhandene Erdfalten und natürliche Rinnen zur Holzabfuhr benützt werden. Die ältesten Riesanlagen, sie dürften schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestanden haben, finden sich in dem seinerzeit zu Österreich gehörigen Südtirol. Eine besondere Einrichtung dieser Riesen ist die Anwendung von Spitzkehren, „Würfe“ genannt. Die Würfe dienen zur selbsttätigen Abbremsung einer übermäßigen Geschwindigkeit des abriesenden Holzes. Es wurden an Riesen Geschwindigkeiten bis zu 25 m/sec gemessen. Die Riesbahn wird mit gemäßigtem Gefälle in die Spitzkehre eingeleitet, dann durch Vermittlung einer horizontalen Strecke in eine Gegensteigung bis zu 50% übergeführt. Die Gegensteigung wird so lang ausgeführt, daß selbst das schwerste Holz in ihr zur Ruhe kommt. Einer starken Querneigung der Riesbahn zufolge rollt das Riesholz in den zweiten stark geneigten Riesbahnast, so daß sich das Riesholz im zweiten Aste automatisch talabwärts weiter bewegt (Abb. 6). Im gegenwärtigen Österreich ist nur eine Spitzkehre beim Waldalmriesweg im steiermärkischen Wirtschaftsbezirk Groß-Reifling der österreichischen Bundesforste im Betrieb. So weit auch die hier angeführten Transportanstalten in die Vergangenheit zurückreichen, einzelne stehen trotzdem noch immer in Verwendung und bilden so die Grundpfeiler, auf denen sich das neuzeitige, die Errungenschaften der Technik voll ausnützende forstliche Bauingenieurwesen aufbauen konnte. Literaturverzeichnis. Weber J. J., Illustrierte Zeitung. Leipzig 1847. Wurzbach K., Biographisches Lexikon. Klier E., Das Schleusenhaus des k. k. Grießrechens in Hallein im Herzogtum Salzburg. 1896. Schönwiese, Die Wegriesen im Reichsforste Cadino. 1903. Stauwerkkataster von Österreich. Geschichte der Technik, H. 1. 10 Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft. Von Ministerialrat Ing. Eduard Merlicek. Mit 4 Abbildungen. Seit alten Zeiten bestehen in den österreichischen Erblanden mehrere Anlagen der Wasserbaukunst, die alle in ihrem Grundgedanken, im Entwurf die gleiche Eigenart aufweisen. Nach einer früher, schon im Altertum bekannten Bauweise sind aus einzelnen Flüssen Seitenarme abgezweigt, die als Hochwasserentlastung zu betrachten sind, zugleich aber als Zubringer für die Bewässerung ausgedehnter Ländereien noch heute ihren vorzüglichen Dienst versehen. Die uns am nächsten stehenden derartigen Anlagen finden wir in der Umgebung von Wiener Neustadt, der „Neustadt“, wie sie früher hieß, einer Neugründung für die aufgelassene Grenzfeste „Piitten“. Hier in der „Newenstatt“ hatten die österreichischen Herzoge wiederholt ihren Sitz, besonders wenn es galt, sich gegen die kriegerischen Angriffe der Ungarn zu rüsten, und diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß man dem unfruchtbaren Steinfelde eine erhöhte Aufmerksamkeit zu wendete. Von alters her zweigt aus der Schwarza oberhalb Neunkirchen der Kehrbach ab, der in seinem 24 km langen Lauf künstlich verzweigt ist und ausgedehntes Wiesenland bewässert. Friedrich III., der durch lange Zeit in Neustadt residierte, hat diesem Flusse durch Aushebung eines neuen Grabens (Bachstatt) einen besseren Lauf gegeben und 1453 hierüber eine eigene Urkunde ausgestellt, in der es unter anderem heißt, daß der Kaiser „oberhalb beb ©üf^bübcl einen neuen ©raben über bab trufene Stamfclb, ba feine wtfmiab noch attbetb ja mäffern ligt, auf feine Äoften machen taffen, um bab in fimffttgcn fetten baffelb maffer babutcb berab in feinen tbiergarten unb in bte iBorftabt rinnen foil, rote cb bei; feinen SSorbcrn auch gewefen ift. Doch foil ben nhfhnabern ber alt ©raben nach alt berfomen nicht abgenomen fepn, fonbern bab bie 2eut aub bcmfelbcn alten ©raben ibr rothmab mäffern mögen, alb offt cb not ift unb uon alter berfomen ift, bod) baf; bie Sent baffelb traffer bewahren, bamit eb berab nicht in bie toeege, noch in bie ©raben ber ißorftatt ju febaben flteffe, fonbern in ihren rotfen SSebaltcn unb SScmabrcn follcn." usw. Aus diesem Wortlaute geht schon ein zweifacher Wert des Kehrhaches hervor, die Wiesenbewässerung und die Versorgung eines Teiles der Neustadt mit Nutzwasser. Die Hochwasserentlastung der Schwarza war dem Gerinne von Natur aus eigen. Fügt man hiezu noch die später zugebaute Wasserversorgung des Wiener Neustädter Kanales sowie die Verwertung des Kehrbaches zur Holzschwemme in diesen Kanal, und bedenkt man, daß schließlich das verbleibende Überschußwasser noch in die wasserarme Fischa münden konnte, um hier eine Anzahl Mühlen und sonstiger Wasserwerke zu versorgen, so kann wohl gesagt werden, daß die Kehrbachanlage ein Musterbeispiel vielseitiger Wasserwirtschaft abgibt. Ähnliche Anlagen, wenn auch nicht von solcher Vielseitigkeit, sind auch nördlich von Wr. Neustadt zu finden. Die Gemeinde Theresienfeld, eine Gründung Eduard Merlicek: Beiträge zur Geschichte der österr. Wasserwirtschaft. 147 der großen Regentin aus dem Jahre 1763, entnimmt ihr Wasser von einem Hauptzubringer aus der Piesting, um es in unzähligen regelmäßigen Gräben auf ihre Felder und Wiesen zu verteilen und dadurch ebenfalls einen großen Teil des Steinfeldes fruchtbar zu machen. Aus dem gleichen Flusse entnimmt auch Felixdorf das Wasser zur Bewässerung seiner Acker- und Wiesengründe, „wo früher Heideland und magere Acker das Bild einer kulturarmen unfruchtbaren Gegend gaben“, um mit dem Chronisten zu sprechen. 1 Der Ort wurde ebenso wie Theresienfeld als Kolonie angelegt, und zwar über Anregung des Neustädter Bürgermeisters Felix Miessl, nach Entwürfen vom Jahre 1820. Die Anlage war in drei Jahren vollendet, ein Gelände von ungefähr 360 Joch nutzbar gemacht. Der Ort war in den Burgfrieden der Neustadt einbezogen und dem Magistrat untertänig. Die neuen Kolonisten genossen eine 35jährige Steuerfreiheit, über ihre Besitzungen wurde beim Stadtmagistrate ein eigenes Grundbuch errichtet. Die Anlage Felixdorf bildet den Abschluß dieser merkwürdigen Schöpfungen am Steinfeld. Sie verteilen sich, wie wir gesehen haben, über einen Zeitraum von beiläufig 400 Jahren und erfüllten trotzdem den großen Zweck der Steinfeldbewässerung nicht lückenlos, wie dies etwa ein einheitliches, großzügiges Unternehmen hätte vollbringen können. Sie sind eben getreue Spiegelbilder jener zersplitterten Verfassung und Teilverwaltung, durch die Österreich und das ganze Deutschland in den damaligen Zeiten beherrscht war. Unter diesen ungünstigen Zeitverhältnissen ist es überhaupt zu verwundern, daß sie zustande kamen; sie sind technisch hochstehende Leistungen und erinnern in ihrem natürlichen und daher durchaus gesunden Aufbau an die Wasserwirtschaft altertümlicher Blüte. Der gleiche gesunde Grundgedanke, überschüssiges Wasser aus Flüssen abzuleiten und nach Möglichkeit nutzbar zu machen, zeigt sich auch vielfach dort, wo es besonders darauf ankam, die Hochwassergefahr der Flüsse zu vermindern. So erfahren wir beispielsweise durch die bereits angeführte Chronik, daß ,,im Jahre 1806 oberhalb Neudörfel zum Schutze und zur Erhaltung der auf dieser Strecke, dann unterhalb dieses Ortes an beiden Ufern des Leithaflusses liegenden Orte und Gründe, die schon im Jahre 1804 als notwendig erkannten Durchschnittskanäle auf Kosten der beiden Länder Österreich und Ungarn gegraben, die-Untersuchung über die diesfällige Bauführung durch die Abgeordneten der n.-ö. Herrenstände und die Deputation des Ödenburger Komitates am 21. Oktober 1806 gepflogen, hierüber eine Mappe ausgefertigt und über die gemeinschaftliche Erhaltungspflicht eine Vergleichs-Urkunde errichtet“ wurde. (Ein Überrest dieses Regulierungswerkes dürfte der bei Katzelsdorf beginnende Kleine Kehrbach sein, der noch heute einige kleine Wasserwerke betreibt und sodann als Speisegraben in den Wr. Neustädter Kanal einmündet.) Solche Teilregulierungen konnten Überschwemmungen nicht bannen, und so sehen wir auch hier die Leitha im Jahre 1813 wieder aus ihren Ufern treten und die Umgegend bis nach Wr. Neustadt in einen ungeheuren See verwandeln. Die Nachrichten von Überschwemmungen nehmen in den alten Chroniken der Städte überhaupt einen breiten Raum ein, und mehrfach sehen wir auch Stadtverwaltungen 1 Boeheims Chronik von Wiener-Neustadt. Wien 1863. io* 148 Eduard Merlicek gegen die Flüsse im Stadtinnern mit Gewalt Vorgehen. Sie empfanden die Flußläufe häufig als ein lästiges Hindernis der zunehmenden Stadterweiterung und trachteten sie daher gegen die Stadtgrenzen zu verlegen. Durchaus unzureichend war in diesen alten Zeiten auch die Wasserversorgung der Städte. Trinkwasser aus Hausbrunnen und Nutzwasser aus Flüssen bildeten die Regel, Quellwasserleitungen fanden sich nur im Anschluß an einzelne Anwesen, zur Versorgung kleiner Städte oder Stadtteile. Feuersbrünste waren daher eine immer drohendere Gefahr; sie wuchsen zu furchtbaren Katastrophen an. Die Dichte der Bewohnerschaft steigerte sich durch den wachsenden Ausbau der Städte und die Vermehrung der Stockwerke. Durch undichte Senkgruben, Haus- und Straßenkanäle wurde das Grundwasser verunreinigt. Die Seuchen, die zumeist in Kriegszeiten eingeschleppt wurden, nahmen kaum ein Ende und waren erschreckend durch ihre Häufigkeit und Ausbreitung. Eine Wendung in den geschilderten allgemeinen Verhältnissen vollzog sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es war die Einführung der konstitutionellen Reichsverfassung, die nunmehr eine einheitliche, in die Provinzen erstreckte, straffere Verwaltung mit sich brachte und das Eindringen der technischen Fortschritte bis in die äußersten Glieder des Reiches ermöglichte. Aber nur langsam, allzu langsam machten sich anfangs die technischen Fortschritte auf dem Gebiete der Wasserwirtschaft geltend. Der Aufstieg begann damit, daß die k. k. Landwirtschaftsgesellschaft in Wien ihre Aufmerksamkeit der in England seit langem schon geübten und durch White- heads Erfindung der Drainröhrenpresse besonders geförderten Bodenverbesserung zuwendete und im Jahre 1859 die erste amtliche Stelle für die Durchführung von technischen Bodenmeliorationen, das erste Meliorations amt in Österreich, schuf. Aus den Tätigkeitsberichten der Ingenieure der Landwirtschaftsgesellschaft geht aber hervor, daß die Bodenverbesserungen viele Jahre hindurch fast ausschließlich vom Großgrundbesitze ausgeführt wurden. Den unmittelbaren Anlaß hiezu bot teilweise auch die zu jener Zeit eingetretene geringe Ertragsfähigkeit der künstlichen Fischzucht und der Übergang von dieser zu der damals weit lohnenderen Rinder- und Pferdezucht. Aus diesem Grunde wurden in ganz Österreich zahlreiche Fischteiche aufgelassen und der Teichboden als Wiesen und Ackerland zur Futtergewinnung herangezogen. Um diesen Anforderungen entsprechen zu können, mußte der Teichboden je nach Bedarf entwässert oder bewässert werden, mitunter waren auch Bewässerungs- und Entwässerungsarbeiten zugleich erforderlich. Begünstigt wurde diese Art der Bodengewinnung großenteils dadurch, daß der Großgrundbesitz über private Gewässer verfügte, die er für Bewässerungszwecke ausnützen konnte. Wiewohl die vorbildliche Tätigkeit des Großgrundbesitzes nicht ohne Wirkung auf den Kleingrundbesitz blieb, findet man dennoch, daß sich dieser viele Jahre hindurch in kaum nennenswertem Ausmaße an den so wichtigen Bodenverbesserungen beteiligte. Als hauptsächlichste Ursache dieser Erscheinung ist der damalige Mangel eines Wasserrechtgesetzes anzusehen. Genossenschaftsunternehmungen, auf die es beim Kleingrundbesitz in erster Reihe ankam, konnten nur auf Grund freiwilliger Übereinkunft sämtlicher Interessenten zustande kommen. Die Bildung von Zwangsgenossenschaften und die Begründung Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft. 149 von .Zwangsservituten zur Durchleitung des Wassers über fremden Grund und Boden waren so gut wie ausgeschlossen. Naturgemäß war die Bildung von Wassergenossenschaften, der alle beteiligten Grundbesitzer freiwillig beitraten, nur auf besonders günstige Einzelfälle und auf Unternehmungen geringen Umfanges beschränkt. Eine entscheidende Änderung brachten die Wasserrechtsgesetze, die auf der Grundlage des Reichsgesetzes vom 30. Mai 1869 angeordnet wurden, in erster Reihe das N.-Ö. Landesgesetz vom 28. August 1870 über die Benützung, Leitung und Abwehr der Gewässer. Durch diese Gesetze wurde einerseits die Bildung von Zwangswassergenossenschaften vorgesehen, anderseits auch der Weg für Flußbauten im allgemeinen erleichtert, und es war auch im Sinne des Gesetzes gelegen, Regulierungsbauten zum Zwecke der Bewässerung und zur Vorflutbeschaffung für Entwässerungsanlagen zu fördern. Allein auch diese gesetzliche Förderung brachte anfänglich nicht den entsprechenden Erfolg. Die bäuerliche Bevölkerung, auf die es hauptsächlich ankam, weil sich ihr Besitz auf den Großteil des Kulturbodens erstreckte, war trotz der nachgewiesenen Rentabilität der Bodenmeliorationen, trotz der vom Großgrundbesitze, den landwirtschaftlichen Vereinen und einzelnen einsichtsvollen Bauern ausgeführten Musteranlagen und trotz aller Bemühungen der Kulturingenieure für diese Neuerung nicht so weitgehend zu gewinnen, als es diese Angelegenheit verdiente. Um die Sache in Gang zu bringen, begann man seitens des Staates und der Länder mit Unterstützungen. Diese erregten in den bäuerlichen Kreisen ein lebhaftes Interesse für die Bodenmeliorationen und lieferten vor allem den Nachweis, daß eine Großzügigkeit auf diesem Gebiete nur dann Platz greifen wdirde, w r enn der Bauernschaft, ähnlich wie in anderen Staaten, nebst billigen Krediten auch ausgiebige Subventionen zur Verfügung gestellt würden. Dieser auf Erfahrungen begründeten Überzeugung ist die Schaffung des Reichsgesetzes vom 30. Juni 1884 zuzuschreiben. Nach diesem Gesetze wurde ein vom Ackerbauministerium im Einvernehmen mit dem Finanzministerium zu verwaltender Meliorationsfonds errichtet, der zunächst für die Dauer von zehn Jahren mit jährlich 1000000 K dotiert wurde. Aus diesem Fonds wurden Unterstützungen nur dann bewilligt, wenn sich ein Land landesgesetzlich verpflichtete, zu den veranschlagten Kosten der Regulierungsbauten zum Schutze der Grundstücke gegen Wasser Verheerungen verhältnismäßig bestimmte Beiträge zu leisten. Bei Erfüllung dieser Voraussetzungen wurde aus dem staatlichen Meliorationsfonds ein nicht rückzahlbarer Beitrag bis zu 30% der veranschlagten Kosten für die Regulierungsbauten, bis zu 50% jener für Wildbach Verbauungen und bis zu 100% der vom Lande für Ent- wässerungs- und Bewässerungsanlagen beigesteuerten Summe bewilligt. In allen diesen Fällen hatten den Rest des Erfordernisses die unternehmenden Gemeinden oder Wassergenossenschaften zu leisten. Das Gesetz wurde später hinsichtlich der Beitragsleistung abgeändert, und die staatliche Dotation des Meliorationsfonds erfuhr eine allmähliche Erhöhung bis auf 8000000 K. Der Zweck des Meliorationsgesetzes war offenbar nicht bloß der, die staatliche Beitragsleistung zu den Kosten der Meliorationen auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen und zu regeln, sondern vor allem auch der, die Kronländer zu einer bis 150 Eduard Merlicek dahin nahezu gänzlich unterbliebenen Förderung dieses anerkanntermaßen außerordentlich wichtigen Zweiges der in ihren Wirkungskreis fallenden Landeskultur zu veranlassen. Die einzelnen Kronländer kamen dieser ihnen zugedachten Aufgabe früher oder später in einer den Landesverhältnissen angepaßten Weise nach und bewirkten dadurch vielfach einen früher kaum geahnten Aufschwung der technischen Bodenmeliorationen. Auch die Wildbachverbauungen, Flußregulierungen und Bachkorrektionen erfuhren durch die angeführte Gesetzgebung sowie durch die im Zuge dieser Bestimmungen eingetretenen Reformen eine großzügige Förderung. Von der großen Reihe der Ausführungen, die aus dieser Förderung des Wasserbaudienstes hervorgegangen sind, seien hier nur einige Beispiele herausgegriffen; es ist dies eine kleine Gruppe von Regulierungsbauten, die ein besonderes Interesse verdienen, weil sie sich durch ihren eigenartigen Entwurf von der Allgemeinheit sehr wesentlich und vorteilhaft abheben. Die allgemein übliche Lösung der Flußregulierung bestand in Durchstichen besonders krummer Flußstrecken, also Verkürzung des Flußlaufes, und in der Eindeichung. Dadurch wird ein rascher Abfluß der Hochwässer und der Schutz der Ufergelände gegen Überflutungen erreicht; zugleich wird aber der Nachteil hervorgerufen, daß auch die Niederwässer allzu rasch abgezogen werden, wodurch die Außengelände der Vertrocknung ausgesetzt sind, während zur wasserreichen Zeit wieder zu viel Wasser auf diesen Geländen verbleibt. Ein Ausgleich kann am besten durch die Anlage von Hochwasserspeichern erzielt werden. Als erster in Österreich hat Ing. Adolf Friedrich, damals Vorstand des mährischen Landes-Meliorationsamtes, später Professor an der Hochschule für Bodenkultur, diesen Gedanken vertreten und auch in die Tat umgesetzt. Als im Jahre 1887 die Frage der Jaispitzbachregulierung durch zahlreiche, oft wiederkehrende Hochwasserverheerungen und nach einer ungemessenen Reihe örtlicher Schutzbauten zu einer wirksamen Lösung drängte, wurde Ing. Friedrich mit der Verfassung des Entwurfes betraut. Die Geschichte dieses Gewässers kam ihm als Wegweiser entgegen. Aus einer sehr alten Karte konnte er feststellen, daß in dem 770 km 2 messenden Niederschlagsgebiete des Jaispitzbaches einstmals 86 Teiche vorhanden waren. Im 18. Jahrhundert gab es noch 16 große Teiche, die den Abfluß der bedeutenden Wassermassen regelten. Diese als Entlastung des Hauptgerinnes dienenden Teiche wurden jedoch im Laufe der Jahre 1784 bis 1823 durch die betreffenden Grundbesitzer allmählich trockengelegt. Nun genügte das Bachbett zur Abfuhr der ungehindert abfließenden großen Wassermassen nicht mehr. Gegen die häufig wiederkehrenden Überschwemmungen suchte man sich durch die Errichtung von Schutzdämmen zu sichern, sowie man anderseits im Unterlaufe auch einige Strecken bereits insoweit regulierte, als dem Bache ein mehr gerader Lauf gegeben und ein größeres, regelmäßiges Bett geschaffen wurde. Doch auch diese Arbeiten erwiesen sich als unzureichend und es waren alljährlich bis 2800 ha der besten Grundstücke den Überschwemmungen, oft die ganze Ernte der Vernichtung preisgegeben. Ing. Friedrich trachtete, den verlorenen Hochwasserschutz wieder zu erlangen, indem er in seinem Entwürfe den Bau dreier Stauweiher mit einem Gesamtfassungsraum von 2,5 Millionen Kubikmeter vorsah. Dieser Wasservorrat genügte zur Versorgung des Jaispitztales für die Bewässerung der Wiesen zur Sommer- Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft. 151 und Herbstzeit und konnte auch den unterhalb der Stauweiher liegenden Mühlen das nötige Betriebswasser durch 3 bis 4 Monate zuwenden, während sie früher in dieser Zeit vollständig eingestellt werden mußten. Obwohl dieses Werk nicht in dem vollen Umfange des Entwurfes ausgeführt wurde, hat es selbst in seiner Teilwirkung die große wirtschaftliche Bedeutung und die segensreichen Folgen des angebahnten Wasserausgleiches klar erwiesen. Eine ähnliche Anlage wurde im Quellgebiete der Görlitzer Neiße bei Reichenberg geschaffen. Den unmittelbaren Anstoß hiezu gab ein außergewöhnlich großes Hochwasser, das im August 1897 in den Tälern des Riesen- und Isergebirges derart arge Verwüstungen anrichtete, daß sich die Hochwasserschäden in jedem einzelnen Flußgebiete auf mehrere Millionen beliefen. Man erkannte in Fachkreisen, daß man derartigen Wassermassen wirksam und zugleich wirtschaftlich nur begegnen konnte, wenn man die notwendigen Regulierungsarbeiten mit Hochwasserspeichern verband. Dr. Ing. Otto Intze, Professor in Aachen, wurde kurz nach der erwähnten Hochwasserkatastrophe seitens der preußischen Regierung mit dem Entwürfe von Talsperren in Schlesien betraut. Auch auf der böhmischen Seite des Isergebirges fiel der Gedanke auf fruchtbaren Boden. Hier waren es die Privatbeteiligten, und zwar in erster Reihe die am meisten Geschädigten im Tale der Schwarzen Neiße und an der Görlitzer Neiße bei Reichenberg, die die Errichtung von Talsperren in Aussicht nahmen. Schon im Jahre 1899 schlossen sich die Besitzer fast aller Wasserwerke im Tale der Görlitzer Neiße, bis an die Landesgrenze, zu einer Wassergenossenschaft zusammen und übernahmen in dieser Vereinigung die finanzielle Durchführung der großen Aufgabe. Intze hatte auch hier die Ausarbeitung der Entwürfe und die Oberleitung der Vorarbeiten übernommen. Im Jänner 1901 war der allgemeine Entwurf fertiggestellt. Dieser Entwurf enthielt den Vorschlag, im Gebiete der Neiße sechs Talsperren zu errichten, die zusammen ein Niederschlagsgebiet von 72 km 2 beherrschen und insgesamt einen Fassungsraum von 8000000 m 3 erzielen. Der Effekt der ganzen Anlage besteht darin, daß man zu Zeiten der größten Hochfluten eine sekundliche Hochwassermenge von ungefähr 100 m 3 zurückzuhalten in der Lage ist und in wasserarmer Zeit durchschnittlich 1 m 3 in der Sekunde dem Flußgerinne Zuspeisen kann. Die Anlage dient in ihrer Auswirkung vornehmlich gewerblichen und industriellen Zwecken; in einzelnen Fällen wurde auch die Verwertung des auf gespeicherten Wassers zu sonstigen Nutzzwecken vorgesehen. Die Bauausführung des großzügigen Werkes konnte fast im vollen Umfang in den Jahren 1902 bis 1910 in ununterbrochenem Zuge bewältigt werden, dank der umsichtigen Leitung des Prof. Dr. Intze, dem ja vielfältige Erfahrungen im Talsperrenbau zur Verfügung standen, dank der rührigen Tätigkeit der Wassergenossenschaft Reichenberg und dank des Entgegenkommens aller maßgebenden Behörden. Der Bau wurde mit 60% der Gesamtkosten aus Staatsund Landesmitteln unterstützt, außerdem standen der Wassergenossenschaft auch beträchtliche Beihilfen der preußischen Regierung, des Königreiches Sachsen sowie der Provinz Schlesien, der Oberlausitz und der Stadtgemeinde Görlitz zur , Verfügung. In diese Reihe großzügiger Wasserbauten, die einerseits die Hochwasserent- 152 Eduard Merlicek lastung, anderseits die Ausnützung der gespeicherten Wassermengen erzielen und daher Musterbeispiele der Wasserwirtschaft darstellen, gehört auch die Wienflußregulierung, die einschließlich der Wientalwasserleitung in den Jahren 1895 bis 1903 ausgeführt wurde. Hier galt es, der Verwilderung des Flußbettes, die besonders zwischen Hüttel- dorf und der Verbindungsbahnbrücke nächst St. Veit ausgeprägt war, Einhalt zu tun und die ständige Verunreinigung des Flußwassers zu beheben. Aus einer Reihe von Vorschlägen zur Beseitigung dieser Übelstände ergibt sich auch hier die Wandlung, die auf dem Gebiete der österreichischen Wasser- Abb. 1. Ansicht der Grünwalder Talsperre bei Gablonz a. d. Neiße. fr* Wirtschaft seit dem 18. Jahrhundert fast allgemein zu beobachten ist. Zunächst sollten nach einem Entwürfe des Architekten und Statuarius Wilhelm Bayer vom Jahre 1781 vier Fischteiche im Kloster Mauerbach herangezogen werden, auch sollten weiter flußaufwärts noch Sammelbecken angelegt und alle Quellen und Gewässer zusammengezogen werden, um das Flußbett zur Zeit der Niederwässer mit Wasser zu versorgen und zu reinigen; um das Versickern des Wassers im Flußbette zu verhindern, sollten die öden Gründe, die infolge des Umlegens der Auen entstanden waren, wieder angepflanzt werden. Spätere Entwürfe befaßten sich mit der Einbeziehung des Wienflusses in die Anlage von Schiffahrtskanälen, während eine weitere große Gruppe von Entwürfen eine vollständige Ableitung des Wienflusses entweder gegen Hetzendorf in den Liesingbach oder gegen Simmering in den Donaukanal, die Verschüttung oder Überwölbung des alten Flußbettes und die Benützung des dadurch gewonnenen Raumes für Straßen und Lokalbahnen in Aussicht nahm. Der zur Ausführung gelangte Plan rührt aus dem Jahre 1891 her und wurde gelegentlich der Verhandlungen zur Gründung der „Kommission für Verkehrsanlagen“ in Wien von dem Wiener Stadtbauamte hergestellt. Die Regulierungs- Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft. 153 arbeiten erstrecken sich auf eine Länge von rund 17 km, und zwar von der Ausmündung des Wienflusses in den Donaukanal bis nach Weidlingau. Im Oberlaufe des Flusses, an der Einmündung des Wolfgrabens, oberhalb der Ortschaft Unter-Tullnerbach, ist durch einen 240 m langen und bis zu 13 m hohen Damm ein Stauweiher mit einem Fassungsraum von 1948000 m 3 hergestellt. Dieser Stau weiher ist ein Bestandteil der Wiental Wasserleitung, doch hat die Konzessionärin, die „Compagnie des Eaux de Vienne“, einen bestimmten Teil des gespeicherten Wassers an die offenen Gerinne abzugeben, während der Überschuß den Wasserversorgungszwecken zugeführt werden kann. Der Hochwasserspeicherung dient außerdem eine Reihe von Stufenbecken, die einerseits am Mauerbach, einem linken Zufluß der Wien, anderseits am rechten Wienufer, flußabwärts von Weidlingau, angebracht sind. Dem Hochwasserbecken am Mauerbach ist für die Aufnahme von Geschiebe ein eigenes Vorbecken vorgelagert, und durch ein großes seitliches Becken bei Weidlingau sowie durch eine Künetteverbindung ist auch dem Wienflusse selbst noch Gelegenheit geboten, die bei großen Hochw'ässern herablangenden Geschiebemassen abzulagern. Die geschiebefreien Hochwassermassen, die beim Zusammentreffen des Wientales und des Mauerbachtales außergewöhnliche Größen annehmen, werden hier so verteilt, daß im Höchstfälle 400 m 3 /Sek. gegen Wien abgehen, während 210 m 3 /Sek. seitlich in die Becken gedrängt werden. Das Fassungsvermögen der Becken ist nun so bemessen, daß die Wassermassen, die nach vollzogener Füllung des Beckeninhalts wieder in das Flußgerinne eintreten, dort bereits niedrigere Wasserstände vorfinden. Hiezu ist ein Fassungsraum von 1600000 m 3 erforderlich, der größtenteils durch Ausgrabungen künstlich hergestellt wurde. An diese Arbeiten reihte sich die Reinigung und Reinhaltung des Wienflusses im Stadtgebiete durch die Ausführung von Sammelkanälen beiderseits des Flußbettes, dann die Neuherstellung zahlreicher Brücken und die Einwölbung mehrerer Teilstrecken im Stadtgebiete. Das Wasser der Wientalleitung wird auch heute noch im filtrierten Zustande für Nutzwasserzwecke der westlichen Bezirke, besonders zur Straßen- und Gartenbespritzung, für die öffentlichen Bäder, für industrielle und gewerbliche Zwecke, namentlich für Brauereien, für die Lokomotivspeisung der Eisenbahnen usw. verwendet. Einer vollständigen Übersicht wegen sei hier auch der umfangreichen Bauarbeiten gedacht, die in den letzten 50 Jahren bis zum Ausbruch des Weltkrieges an den größeren Flüssen und Strömen Österreichs durch das einträchtige Zusammenwirken des Staates mit den beteiligten Ländern und Gemeinden zustande kamen. Es sind dies vor allem die großen Regulierungsbauten an der Donau zum Hochwasserschutze und zur Verbesserung der Schiffahrt, in Niederösterreich, wie in Oberösterreich, im Zusammenhänge damit der Ausbau des Donaukanals in Wien, 1 die Regulierungsbauten am Rhein, an der Etsch, an der Weichsel und die Kanalisierung der Elbe und Moldau. In dieser Zeitspanne änderte sich endlich auch das Bild der städtischen Wasser- 1 Siehe auch den Aufsatz desselben Verfassers: „Österreichs Wasserbau“, S. 41. 154 Eduard Merlicek Versorgungen, das wir bei der Schilderung der Vorzeit in so trauriger Verfassung verlassen mußten. Zunächst sehen wir einzelne Städte auf die einheitliche Wasserversorgung mit natürlich oder künstlich filtriertem Flußwasser übergehen. Allen voran baute Wien, die Haupt- und Residenzstadt, 1836 bis 1841 ein solches Wasserwerk. Das Wasser wurde durch Saugkanäle dem Schottergrund am rechten Ufer des Donaukanals in Heiligenstadt entnommen und mittels einer Maschinenanlage in das höher gelegene Stadtgebiet gefördert. Da Ferdinand I. für diesen Zweck das von den Ständen dargebrachte Krönungsgeschenk gewidmet hatte, erhielt das Werk den Namen „Kaiser Ferdinands-Wasserleitung“. Bei der fortschreitenden baulichen Entwicklung der Stadt konnte diese Anlage dem Bedarfe nur kurze Zeit genügen. Die Anlage wurde 1853 bis 1854 unter Anwendung künstlicher Filterung erweitert und dann in mehreren Baustufen noch bedeutend vergrößert. Nach dem letzten Ausbau, im Jahre 1869, lieferte die Kaiser - Ferdinands - Wasserleitung insgesamt 175006 Eimer täglich, und mußte mit dieser Menge für den größten Teil des Bedarfes Abb. 2. V nicht nur an Nutzwasser, Erste Wiener Hochquellenleitung, Aquädukt bei Mödling. sondern auch an Trinkwasser auf kommen, da das Brunnenwasser an vielen Orten verunreinigt war und die bestehenden spärlichen Quellenleitungen an Ergiebigkeit immer mehr einbüßten. Die Bevölkerung war um diese Zeit auf 632000 angewachsen. 1869 bis 1873 baute die Stadt die erste Hochquellenleitung, die zunächst die Quellen des „Kaiserbrunnens“ und der „Stixensteiner Quelle“ aus dem Quellengebiete des Schwarzaflusses umfassen sollte, mit dem Vorbehalte, diese Wasserleitung nach dem wachsenden Bedarfe durch die Einbeziehung weiterer Quellen aus demselben Gebiete entsprechend auszugestalten. Franz Josef I. hatte der Gemeinde Wien den Kaiserbrunnen zur Förderung des Unternehmens zum Geschenk gemacht; das neue Werk erhielt daher den Namen „Kaiser-Franz-Josefs-Hoch- quellenleitung“. Wien hatte nun das denkbar beste Wasser, das nunmehr für alle Bereiche der Wasserversorgung herangezogen wurde und dessen Einleitung von den segensreichsten sanitären Folgen begleitet war. Die Menge des zugeleiteten Quellwassers erwies sich jedoch schon in kurzer Zeit als unzureichend, und es mußte, da die Vorbereitungen für die Einbeziehung weiterer Quellen langwierig waren, noch im Jahre 1878 das „Pottschacher Schöpfwerk“ aus einer Reihe von Tiefbrunnen (in der Nähe von Gloggnitz) als Aushilfe für Zeiten des Wassermangels • 4 Beiträge zur Geschickte der österreichischen Wasserwirtschaft. 155 angeschlossen werden. 1886 bis 1897 konnte allmählich auch die Einbeziehung der neuen Quellen oberhalb des Kaiserbrunnens (im „Höllental“ und im „Naßwald“) durchgeführt werden. Inzwischen wurden auch weitere Untersuchungen wegen der Ergänzung der Trinkwasserleitung durch eine selbständige Nutzwasserleitung, zugleich auch wegen der Errichtung einer zweiten Hochquellenwasserleitung vorgenommen; am 27. März 1900 beschloß der Gemeinderat, die Projektierung einer zweiten Hochquellenleitung aus den Quellen im Salzatale (mit einer Tageswassermenge von 200000 m 3 ) anzuordnen. Mit diesem Entschlüsse sicherte der Gemeinderat die einheitliche Trinkwasserversorgung mit Quellwasser „zum immerwährenden Wohle unserer Vaterstadt Wien“, wie der Bürgermeister Dr. Karl Lueger bei der am 11. August desselben Jahres gefeierten Grundsteinlegung mit vollem Rechte sagen konnte. Die Aufwendungen, die für die Zuleitung der neuen Quellen erforderlich waren, sind zu ermessen, wenn man bedenkt, daß diese Zuleitung bis zum Anschlüsse an die bestehende Hochquellenleitung (in Mauer) insgesamt mehr als 170 km lang ist und daß sie zum großen Teile als gemauerter Hangkanal, in vielen Teilstrecken aber als Stollen, als Aquädukt, Rohrbrücke oder Düker durchgeführt werden mußte. Am 2. Dezember 1910 konnte das neue Werk dem öffentlichen Betriebe im neuen Umfange übergeben werden. Die Stadt Wien ist demnach seit dem Jahre 1873 mit Hochgebirgsquellwasser versorgt und hat durch ihr unerschüttertes Festhalten an dieser idealen Wasserversorgung in weitem Umfange vorbildlich gewirkt. Zwei Namen sind mit dieser Tat für immerwährende Zeiten verknüpft: Prof. Eduard Suess, der als Gemeinderat und Referent der Wasserversorgungskommission die Quell Wasserversorgung auf Grund seiner eigenen Studien gegenüber allen sonstigen Vorschlägen zielbewußt vertreten hat, ist der eigentliche Begründer des großen Gedankens, und seinem nachhaltigen Wirken ist es zum Teil auch zu danken, daß man von dem gewiesenen Wege nicht mehr abgewichen ist. Dem städtischen Oberbaurat Dr. Ing. Karl Kinzer aber gebührt das Verdienst, auf die Ausforschung der Quellen Verhältnisse im Salzagebiete verfallen zu sein, die mächtigen Quellen daselbst aufgefunden, ihre Eignung für die Wasserversorgung Wiens erkannt und zuerst in Vorschlag gebracht zu haben. Zahlreiche Städte ließen in der Folge ihre Versorgung mit filtriertem Flußwasser sowie andere gesundheitlich minderwertige Anlagen auf und wandten sich gleich- Abb. 3. Zweite Hochquellenleitung der Stadt Wien, Aquädukt über den Hundsaubach bei Göstling. 156 Eduard Merlicek falls der Versorgung mit Quellwasser zu, und in einzelnen Fällen, wo diese Möglichkeit nicht bestand, wurden in hochgelegenen Flußgebieten Stauweiher zur Speicherung des Trinkwassers angelegt; denn die Wissenschaft ist indessen zu der Erkenntnis gelangt, daß sich das Wasser durch die Speicherung in Talsperren von seinen Keimen reinigt und daß diese Reinigung um so vollständiger wird, je größer die Wassertiefe ist. Die deutschen Städte in Böhmen Komotau und Brüx legten ihre Wasserversorgung mit großen Opfern nach diesem Grundsätze an. Schließlich wendete sich die Aufmerksamkeit der Behörden den Landgemeinden zu, die mangels zentraler Wasserversorgung durch Brände häufig notleidend wurden, wie früher auch die Städte, und anderseits im Zusammenhänge mit der Milchlieferung für manche Städte trotz deren mustergültigen sanitären Anlagen eine ständige Typhusgefahr bedeuteten. Es setzte daher eine weitgehende Förderung der ländlichen Wasserversorgung ein; ärmere Landgemeinden, die einer Wasserversorgungsanlage dringend bedurften, wurden mit Beihilfen bis zu 40% der Baukosten aus Staats- und Landesmitteln sowie durch Beratung der Landesbau ämter unterstützt. Die derart geförderten Anlagen ländlicher Wasserversorgung wurden häufig in wirtschaftlicher Art zu Gruppen vereinigt und haben in den letzten Jahren bis zum Ausbruch des Krieges eine bedeutende Zahl erreicht. Die vorstehende Übersicht zeigt uns in gedrängter Darstellung den langen, schweren Weg, den Österreichs Wasserwirtschaft nehmen mußte, um auf jene Höhe aufzusteigen, die, durch die wissenschaftliche Forschung vorbereitet, das Wohl und den Wohlstand der Bevölkerung begründen konnte. In der unmittelbaren Vorkriegszeit sehen wir einen ganz bedeutenden Aufschwung. Die größten Schwierigkeiten, die bis dahin zu überwinden waren, lagen zum Teil in der Bevölkerung selbst, in einer allgemeinen Gleichgültigkeit, zum Teil sind sie in dem Wesen dieses besonderen Wirtschaftszweiges begründet, der seine Ertragsfähigkeit nicht für die Allgemeinheit leicht zur Schau bringt, wie manches andere Schaffensgebiet, und daher vieljährige Volksbelehrung notwendig hat. Aus dem gleichen Grunde bietet das Schaffensgebiet der Wasserwirtschaft auch wenig Anreiz für den privaten Geldgeber. Daher sehen wir den Aufschwung erst eintreten, als die öffentliche Verwaltung zu einer allgemeinen Förderung und weitgehenden Unterstützung des Wasserbauwesens vorgeschritten war. iTurrn mini iiiitn rnrnrnr Abb. 4. Hochbehälter Hackenberg (Sievering) life - 5 »!®' 1 »Hl W-Gtii Mm »■mui min Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft. 157 Der Krieg hat dieses reiche Schaffen jäh unterbrochen. Was nachher kommt, muß als spärlich und geradezu ärmlich zurückstehen. Die segensreiche Unterstützung aus öffentlichen Mitteln ist durch die Knappheit im Haushalte des Staates, der Länder und der Gemeinden entschwunden oder sie wird nur im Falle der äußersten Not noch hie und da gewährt, trägt aber dann nicht mehr den Charakter einer fruchtbringenden Arbeitsförderung, sondern einer augenblicklichen Notstandshilfe. So sind wir denn um Jahrzehnte zurückgeworfen, in jene Zeit, wo Unterstützungen nur in der Folge elementarer Katastrophen, zumeist in Form von Steuernachlässen gewährt wurden. Dieser Rückschritt bringt aber nicht allein schweren materiellen Schaden, den Verlust von Volksvermögen und Steuerkraft mit sich, sondern tief zu beklagen ist auch der Verlust der in langer Zeit endlich gereiften Erkenntnis der großen Bedeutung der Wasserwirtschaft, der Verlust eines schwer errungenen allgemeinen Kulturgutes. Quellen- und Literaturverzeichnis. Gruber Tobias, Briefe hydrographischen und physikalischen Inhaltes. Wien 1781. Le Maire F. J., Bemerkungen über den inneren Kreislauf der Handlung in den österreichischen Erbstaaten. Straßburg und Leipzig 1786. Lichtenstern J. M., Freih. v., Statistische geographische Beschreibung des Erzherzogtums Österreich unter der Enns. Wien und Leipzig 1791. Hormayer J., Freih. v., Wien, seine Geschicke und seine Denkwürdigkeiten. Wien 1823. Boeheim Wendelix, Ferdinand Karl Boeheims Chronik von Wiener-Neustadt. Wien 1863. Gemeinde Wien, Wasserversorgungsbericht. Wien 1864. Suess Eduard, Referat der Wasserversorgungskommission, 10. Juni 1864. Stadler Rudolf, Die Wasserversorgung der Stadt Wien in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Wien 1873. Schön Joh. G., Über Straßen- und Wasserbau der Alten. Wien 1885. Friedrich Adolf, Der Bau der Stauweiher und die Bodenmeliorationen im Jaispitz- bachtale in Mähren. Kulturtechnischer Wasserbau, Berlin 1914, und Österr. Monatsschrift für den öffentlichen Baudienst, I. Jahrg., 1895. 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Schon im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung hat ein illyrischer Volkssplitter den Hallstätter Salzberg besiedelt und in mühevoller Grubenarbeit Steinsalz zutage gefördert; nicht bloß für eigene Zwecke, sondern vielmehr um es als kostbare Handelsware auf schmalen Saumpfaden über das Gebirge nach Norden und Süden zu tragen und dafür andere Lebensbedürfnisse, Schmuck und vor allem die zur Anfertigung der Werkzeuge unentbehrliche Bronze einzutauschen. Keltische Einwanderer verdrängten die ersten Bewohner und begannen neben der Steinsalzgewinnung auch Quellsole zu versieden, wozu sie irdene, in unmittelbarer Nähe des Solbrunnens aufgestellte Geschirre verwendeten. Die Erzeugung und der Vertrieb des Salzes hat unter der römischen Herrschaft ohne wesentliche Veränderung angehalten und wird wohl auch während und nach der Völkerwanderung nicht ganz zum Stillstand gekommen sein, wenn auch urkundliche Belege hiefür fehlen. Geschichtlich nachweisbar ist, daß bereits im 9. Jahrhundert mit Salz beladene Schiffe traunabwärts fuhren. Das Salz hatte also schon damals den Wasserweg beschritten. Der zu Ende des 13. Jahrhunderts wieder eröffnete, uralte Salzbergbau in Hallstatt und seine Pfannstätte waren, durch die Gunst der Verhältnisse und die unablässige Sorge der Landesfürsten mächtig gefördert, im 16. Jahrhundert in der Entwicklung weit vorgeschritten. Das Hallstätter Salz gewann im Kampfe gegen das steirische, Halleiner und bayrische Salz in Ober- und Nieder Österreich stetig an Boden, wenn auch seine Erzeugung noch nicht groß genug war, um das fremde Salz aus diesen Ländern gänzlich verdrängen zu können. Erst nach der Erschließung des Ischler Salzberges 1563 und der Erbauung des Pfannhauses in Ebensee 1607 konnte die Hofkammer in Wien daranschreiten, die österreichischen Erblande ausschließlich mit Gmundner Salz zu versorgen. Das große böhmische Absatzgebiet jedoch mußte sie der Hauptsache nach noch Bayern und Salzburg überlassen, die das verbriefte Recht zur Salzeinfuhr nach Böhmen besaßen und diese innabwärts bis Passau und von hier über den goldenen Steig durch den Böhmerwald ins Landinnere bewerkstelligten. Einiges Gmundner Salz ging aber trotzdem schon frühzeitig nach Böhmen, da mehrere Orte des Mühlviertels, wie Rohrbach und Haslach das ihnen zustehende Privilegium zum Salzhandel ausnützten. Maximilian I. und seine Nachfolger erweiterten das Einzugsgebiet, 1547 errichtete die Hof kammer ein eigenes Salzhandelsamt in Prag und 1554 traf die erste Probesendung von großen Kufen aus Linz in Budweis ein. Unbeirrt durch den Einspruch Bayerns und Salzburgs setzte die Hofkammer mit der verstärkten Einfuhr von Gmundner Salz fort und schloß 1630, als die Leistungsfähigkeit der oberösterreichischen Salz- C. Schraml: Der Weg des Salzes von Hallstatt nach Linz. 159 werke vorläufig erschöpft war, mit Bayern einen Handelsvertrag, welcher ihr das bisher erzielte Höchstausmaß der Salzeinfuhr für die Zukunft sicherte; freilich betrug dieses 1653 immer erst ein Drittel des Gesamtbedarfes von Böhmen. Fünfzig Jahre dauerte noch das Nebeneinander des österreichischen und fremden Salzes, dann bereiteten die Waffenerfolge der kaiserlichen Heere im spanischen Erbfolgekriege den Salz vertragen ein jähes Ende. Die Einfuhr von ausländischem Salz, auch des im Norden Böhmens eingedrungenen sächsischen Salzes wurde für immer verboten, und ganz Böhmen fortan nur aus dem Kammergut mit Salz versorgt. Abb. 1. Der Gosauzwang. Dies bot keine Schwierigkeit mehr, weil inzwischen die Sole- und Salzerzeugung beträchtlich zugenommen hatte. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts lieferten die Kammergutsalinen schon 240000 Zentner Salz, etwa die Hälfte der Gesamterzeugung, nach Böhmen. Da der Salzbedarf noch weiter stieg, mußte 1756 zu den zwei vom Hallstätter Salzberg nach Ischl und Ebensee führenden Soleleitungssträngen noch ein dritter gelegt werden, bei welcher Gelegenheit der große Gefällsbruch bei der Überquerung des Gosautales durch eine auf hohen Quaderpfeilern verlegte Brücke, den Gosauzwang, ausgeglichen wurde. Sieben schlanke Pfeiler, wovon der höchste über 30 m den Talgrund überragt, tragen in 16 bis 21 m weiten Feldern hölzerne Häng- und Sprengwerke, über welche die Soleleitung geführt ist. 1 ) 1 Das Bauwerk ist in dieser noch erhaltenen Gestalt eigentlich der Umbau einer früher schon bestandenen Übersetzung des Gosautales, die vollständig aus Holz hergestellt war. Nach einer Mitteilung des Öberösterreichischen Landesarchivs fällt der Umbau in den Zeitraum 1755 bis 1758. 1757 wurde unter der Leitung des Hallstätter Salinenmeisters Josef Spielpichler das „Spannwerk“ gebaut. 160 C. SCHRAML Die ungestörte Ablieferung einer so großen Salzmenge bedurfte eines ausgedehnten und gut geleiteten Verwaltungsapparates, geeigneter und dauernd instand gehaltener Transportwege und Mittel sowie eines zahlreichen, geschulten Personals. Der Weg von den Pfannhäusern nach Böhmen war von der Natur vorgezeichnet und von altersher gegeben. Das in den Pfannhäusern geformte und in den Dörrkammern getrocknete Stocksalz, die schwach konisch geformten, 1 m hohen und 108 Pfund schweren nackten Fuder wurden auf Schiffe verladen und traunabwärts nach Gmunden geführt. Die Verschiffung der Fuder über den Hallstätter und Traun- tea >-■* * ■er?* Abb. 2. Der Traunkanal. \J see bot keine Schwierigkeit, da sie nur vom Frühjahr bis zum Einbrüche des Winters erfolgte, desto mehr aber die auf der Traun. Ihr Fahrwasser war sehr unbeständig, in den regenarmen Zeiten ungenügend, bei Hochwasser wieder gefährlich. Die Schiffahrt mußte dann ausgesetzt werden, wodurch die Weiterverarbeitung des Salzes in Gmunden und dessen Versendung gestört wurde. Zur Behebung dieses Übelstandes hatte schon Maximilian I. 1511 am Ausflusse des Hallstätter Sees eine Klause einbauen lassen, durch welche der See gestaut und das Abwasser so geregelt werden konnte, daß zur Zeit der Schiffahrt gerade genug Überlauf war, um den mit Salz beladenen Zillen die nötige Tauchtiefe zu bieten. Ein weiteres Hindernis bildete die Flußschnelle des wilden Laufen, die gleichfalls von Maximilian I. für die Schiffahrt ungefährlich gemacht wurde. Die in Gmunden einlangenden Fuder kamen in Lagerräume, in welchen sie zerschlagen und in hölzerne Geschirre, große Kufen von 148 Pfund Inhalt eingestoßen wurden. Als die beginnende Holznot zu Anfang des 18. Jahrhunderts zu größerer Sparsamkeit mahnte, ging man auf die Faßfüllung über, wozu das leichter zu beschaffende Schnittholz verwendet werden konnte. Die Holzverpackung des Salzes Der Weg des Salzes von Hallstatt nacli Linz. 161 war notwendig, weil die nackten Fuder den w r eiten Transport zu Wasser und zu Land nicht ausgehalten hätten. Die Form der großen Kufen wurde deshalb gewählt, um der Bevölkerung in Böhmen den Übergang zum Gmundner Salz zu erleichtern, da diese die Kufen vom Halleiner und Schellenberger Salz gewöhnt war. Die von Gmunden abfahrenden Schiffe hatten anfangs ebenfalls unter der Unbeständigkeit und Ungleichmäßigkeit des Fahrwassers zu leiden; erst 1629 wurde die erste Seeklause in Gmunden erbaut, an welche sich später noch weitere Stau Vorrichtungen schlossen. Der Abfluß des Traunsees konnte nunmehr jederzeit aft '/if* Mm » , Am- A » / .API WX '—U ~, .w .) A- iVl< 'VO»V >t» V I I Abb. 3. Die Wehranlage der Aumühle bei Roitham, 1650. V nach den Bedürfnissen der Schiffahrt geregelt werden. Das größte Hindernis für den Salztransport unterhalb Gmundens, der Traunfall, war schon im 14. Jahrhundert durch einen Kanal umgangen und die Durchfahrt in der Folgezeit immer mehr verbessert worden. Im Jahre 1416 hatte der Waldmeister Seeauer eine Anlage geschaffen, die heute noch im großen ganzen in der damaligen Ausführung besteht. Ein Holzgerinne von 3O°/ o0 Gefälle verbindet das Oberwasser mit dem Unterwasser der Traun; es ist 7 m breit, 1,20 m tief und in einer Länge von 396 m an der Lehne hingeführt. Durch das stark gezimmerte Zugtor einer Schleuse am Einlauf des Gerinnes wurde nach Erfordernis das Oberwasser zurückgehalten; war das Zugtor aufgezogen, so konnten die Schiffe unter diesem Zugtor hindurchfahren und langten binnen 50 Sekunden, also mit einer Geschwindigkeit von 8 m/sec, am Unterwasser ein. Der Gegenzug fand mittelst Pferden statt, ln früher Zeit, als die erw r ähnte Schiffahrtsanlage noch nicht bestand, mußte das Salz von Gmunden bis Lambach auf Wagen verführt werden, bevor es auf die Schiffe umgeladen w r erden konnte. Die hiefür erforderliche Ländestelle, der Stadel, blieb auch später noch eine wichtige Geschichte der Technik, H. 1. 11 162 C. SCHRAML Zwischenstation auf dem Wege des Salzes zur Donau, w r eil das Flußbett sich bald unterhalb Lambach verbreiterte und die Fahrtrinne daher seichter wurde. Die Schiffe konnten den bisherigen Tiefgang nicht mehr einhalten und mußten erleichtert werden, zu welchem Zwecke überdachte Einstellplätze für die Aus- und Umladung des Salzes, Schiffhütten und Magazine bestanden. Die Verwaltung in Stadel lag in den Händen des Stiftes Lambach, das hiefür bestimmte Abgaben von den durchfahrenden Schiffen einzuheben berechtigt war. Die durch mehrfache Zuflüsse verstärkte Traun erschwerte die Schiffahrt aus verschiedenen Gründen auch unterhalb des Traunfalles; die Stauwehren der Mühlen und ihre Schleusenanlagen bildeten gefürchtete Hindernisse, die Hochwässer verschotterten das Flußbett, änderten die Fahrtrinne und zerstörten die Leitdämme und nicht zuletzt waren es die Fischer, die durch den Einbau von Fächern, Flechtwerken u. dgl. die Schiffahrt hemmten. Unter der Aufsicht eigener Organe, der Wasserseher, waren zahlreiche Arbeiter ständig beschäftigt, das Flußbett in Ordnung zu halten und die entstandenen Uferschäden auszubessern. Trotz der alljährlich aufgewendeten hohen Kosten hatten diese Sicherungsarbeiten keinen dauernden Erfolg. Der italienische Ingenieur Filibert Luchese hatte 1650 über Auftrag der Hofkammer ein Verbauungsprojekt ausgearbeitet, nach welchem in die am meisten gefährdeten Stellen der Traunufer von Weißenkirchen bis Zizlau Senkwerke eingebaut und Hochwasserschutzdämme errichtet w r erden sollten, wodurch nicht allein eine beständige Flußrinne geschaffen, sondern auch die häufigen Überflutungen verhindert werden konnten. Übel angebrachte Sparsamkeit der Regierung, die Weigerung der Interessenten und des Landes, zu den Verbauungskosten beizutragen, und kleinliche Eifersüchtelei des Salzamtmannes Brugglacher ließen es nicht zur Ausführung dieses großzügigen und wirtschaftlich bedeutungsvollen Planes kommen. Noch einmal schien eine durchgreifende Verbauung der Traun in die Nähe gerückt, als die Instandhaltung des Traunbettes durch die Mißwirtschaft der Wasserseher immer höhere Auslagen verursachte und die Bankodepu- tation 1723 die tüchtigen Ischler Beamten Zechner und Kreuzhuber mit der probeweisen Führung des Wasserdienstes betraute. Diese schlugen nach Abschluß ihrer Untersuchung vor, den Traunfluß durch einen Damm und Kanal eine halbe Stunde unterhalb Wels bis Ebelsberg in seinem Lauf zu sichern und dadurch eine stärkere Betauchung der Salzzillen zu ermöglichen, die Lebensdauer der Schiffe zu verlängern und den Gegentrieb zu verbilligen. Auch dieser Plan scheiterte an der Geldfrage. Ihr letztes Ziel erreichten die Traunfahrer in Zizlau an der Donaumündung, von wo aus dortige Schiffleute die Kufen den Hauptladestätten in Linz und Mauthausen zuführten. Der lebhafte Schiffsverkehr auf der Traun — in der stärksten Zeit fuhren 20 und mehr mit Salz beladene Zillen täglich von Stadel ab — förderte den Schiffbau im Kammergut außerordentlich. Da nur ein Teil der auslaufenden Schiffe, meist mit Korn beladen, im Gegenzug wieder nach Gmunden zurückkehrte, mußte der Abgang von 400 bis 500 Schiffen jährlich von den Schiffbaumeistern ersetzt werden. Deren gab es 1688 schon viele in Hallstatt, Weißenbach und Gösau, 49 im Bezirk von Ischl, 64 am Gmundner See, 57 in der St. Wolfganger Gegend und 13 am Abersee. Die Schiffwerker erzeugten und verkauften die Zillen nicht bloß den Der Weg des Salzes von Hallstatt nach Linz. 163 Salzfertigern für den Küfelverschleiß und dem Großkufenhandelsamt für das nach Böhmen bestimmte Kufensalz, sondern verfertigten auch Tausende von Schiffen eigener Bauart, Tschaiken und Nassarn, für das kaiserliche Heer, das solche in den Kriegen gegen die Türken auf den großen ungarischen Flüssen zu Truppennachschüben, Proviant- und Munitionstransporten wie zum Bau von Kriegsbrücken benötigte. Weil die Herstellung der Schiffe aus behautem Holz die Kammergutwälder zu stark von Nutzholz entblößte, wurde seit 1654 geschnittenes Ladwerk hiezu verwendet. 1744 erwarb die Regierung für die Salzfahrten auf der Donau Cloh- und Kehlheimer Plätten aus Bayern, die einen noch größeren Laderaum besaßen wie die Kammergutschiffe und die Kosten der Salzverfrachtung ermäßigten. Die heimischen Fahrzeuge wurden je nach der Größe in Sechser-, Siebner-, Achterund Neunerzillen unterschieden. Die am häufigsten gebrauchte Siebnerin kostete im 18. Jahrhundert einschließlich des Eisenzeuges 65 Gulden. Für die Schiffleute war der Weg von Hallstatt bis Linz aus mehrfachen Gründen in Abschnitte geteilt. Den Fuderführern und Urfahrmeistern in Hallstatt, Ischl und Ebensee oblag die Überlieferung der nackten Fuder nach Gmunden; das hier umgearbeitete Kufensalz wurde von den in Gmunden seßhaften Schiffleuten nach Stadel geführt, worauf diese am selben Tag wieder zu Fuß heimkehrten, wenn nicht eine Gegenfuhr ihrer bedurfte. Stadlinger Schiffleute übernahmen sodann den Weitertransport der durch Umladen erleichterten Salzzillen bis Zizlau. Die Bemannung war je nach der Schiffgröße verschieden hoch, eine Siebnerzille erforderte 10, eine Sechserin 7 Schiffleute, den Naufergen als Führer, die Steuerleute, Mehringer und Knechte. Die Schiffleute wurden bis zum 18. Jahrhundert für die Naufahrt, hierauf nach dem Gewichte der Ladung entlohnt. Sie verdienten in der Fahrt je nach der Kategorie 31 bis 57*4 Kreuzer täglich und außerdem jeder ein Nachtmahlgeld von 16 Kreuzern. Später zahlte das Kufenhandelsamt für ein Pfund, d. s. 240 Zentnerfassei von Stadel bis Zizlau 5 fl. 16 kr. Die Traunfahrt auf dieser Strecke dauerte vom frühen Morgen bis in den Nachmittag, worauf die Schiffleute auf vom Stift Lambach beigestellten Fuhrwerken über die Welser Heide wieder nach Hause zurückkehrten. Das Kloster erhielt hiefür 16 Pfennig Fahrgeld pro Kopf. Die Ansammlung so vieler Schiffleute — 190 wohnten in Stadel — und Hilfsarbeiter zum Aus- und Umladen der Kufen, die laute Geschäftigkeit und das zuweilen tolle Treiben, wenn der von den Fertigern gespendete Wein die Geister weckte, gaben dem Stadel sein charakteristisches Gepräge. Bei dem Zusammentreffen der zahlreichen Schiffe, von denen die einen mit Zentnerfassei für Böhmen, die anderen mit Küfel für Niederösterreich oder mit Fuder für Herrschaften und Klöster beladen waren, reichten die geräumigen Schiffhütten nicht immer aus, so daß die Fahrzeuge häufig im Freien angeheftet nächtigen mußten. Der Regen durchnäßte dann die schlecht bedeckte Ladung und erforderte die kostspielige Nachfüllung der halbleeren Geschirre in den unteren Ladstätten Linz und Mauthausen. Mit dem Herannahen des Winters wurde es in Stadel stiller und begann für die Schiffleute die traurige Zeit des Zuwartens und des Mangels, den die von der Hofkammer gewährten Aushilfen, Teuerungszubußen und HofkornzuWendungen zwar milderten, aber nicht völlig zu beheben vermochten. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erging li 164 C. SCHRAML es ihnen insoferne besser, als sie während des Rühens der Schiffahrt zu den laufenden Traunverbauungsarbeiten verwendet wurden. Ähnlich, wenn auch nicht so ausgedehnt wie in Stadel, war die Ländestelle in Zizlau mit Schiffliütten und Salzstadeln besetzt. Leiter war ein Ausrichter des Kufenhandelsamtes, dem ein Zillenhüter als Gehilfe unterstand. Die Zizlauer Schiffleute brachten die mit Kufen beladenen Zillen nach Linz und Mauthausen, entluden sie dort und führten die leeren Schiffe wieder nach Zizlau zurück. Einiges Kufen- und Faßsalz nahmen die Donauschiffer von 1708 an nach St. Johannes - 'fei mmm - '-tu lif* *'Ä Abb. 4. Die Beschädigung der Salzkufen auf dem Transport. bei Krems mit, von wo aus es über Mähren in die böhmische Legstätte Pilgram verfrachtet wurde. Das in Linz abgelegte Salz kam anfangs in ein am Fuße des Schloßberges an der Donau gelegenes Magazin, den Graßhof, der vordem als Hof- stall diente. Die kellerartigen, feuchten, niedrigen und lichtlosen Räume waren zur längeren Einlagerung von Salz ganz ungeeignet, die unteren Kufenreihen waren bald durchnäßt, verloren ein Gutteil ihres Inhaltes und mußten, wenn im Frühjahr die alten Vorräte ausgeräumt wurden, mit großen Kosten wieder nachgefüllt werden. Man kann es heute nicht begreifen, daß die Hofkammer an diesem Zustande über hundert Jahre lange nichts änderte und sich erst zu Anfang des 18. Jahrhunderts entschloß, ein neues Salzmagazin am Hafnerplatz in Linz und einen Hilfsstadel nächst dem Kapuzinergarten in Urfahr zu bauen. Auch in Mauthausen waren zur Zeit des Beginnes der Kufenlieferung nach Böhmen keine geeigneten Magazine vorhanden, die Salzkeller eng und feucht; doch wurden hier schon 1592 und 1633 neue und trockene Lagerräume geschaffen. Die Traunschiffe mit ihrer wertvollen Ladung waren auf dem Wege zur Donau vielen Fährnissen ausgesetzt, alljährlich verunglückten Salzzillen in den Wehrdurch- Der Weg des Salzes von Hallstatt nach Linz. 165 lassen, auf Schotterbänken, bei dem Zusammentreffen mit Gegenzügen oder Holzflößen, bei Hochwasser und durch die Unvorsichtigkeit der Mannschaft. Die Salzfässer und Kufen wieder litten durch die rauhe Behandlung beim Um- und Ausladen sowie bei der Einlagerung in die Magazine. Es war daher nötig, diesen Verlusten schon bei Aufstellung des Jahresvoranschlages der künftigen Salzerzeugung durch einen erfahrungsgemäßen Zuschlag Rechnung zu tragen. Das meiste Salz wurde auf den von Linz und Mauthausen über Freistadt führenden Straßen nach Budweis, dem ersten Stapelplatz in Böhmen und dem Beginne der Moldauschiffahrt, geführt. Wohl kamen in früherer Zeit viel böhmische Fuhrleute mit Getreide nach Gmunden und nahmen Salz als Gegenfracht mit nach Hause. Noch im 18. Jahrhundert fehlte es nicht an Versuchen, neben der Schiffahrt auch den Landweg von Gmunden bis Linz einzurichten für den Fall, als der Schiff verkehr nicht ausreichte oder zeitweilig unterbrochen war. 1744 übernahm die Stadt Gmunden die Verfrachtung von 14000 Zentnerfassei jährlich von Gmunden nach Zizlau und donauaufwärts bis Obermühl, wo das Salz von anderen Fuhrleuten aufgeladen und nach Böhmen geliefert wurde. Den Hauptumschlagplätzen Linz und Mauthausen tat diese Ablenkung indessen wenig Eintrag. Die eine Salzstraße ging von Linz über Gallneukirchen und vereinigte sich vor Neumarkt mit der aus Mauthausen kommenden. Die zweite von Linz durch den Haselgraben nordwärts führende Straße war aus Rücksicht auf die Handelsrechte einiger Mühlviertler Märkte für den Salztransport lange Zeit hindurch gesperrt. In Freistadt endete die Fahrt der oberösterreichischen Frächter, die ihre Ladung in die amtlichen Magazine ablieferten, aus welchen die Budweiser Fuhrleute das Salz bezogen. Für die Überlieferung einer Kufe von Mauthausen bis Budweis betrugen die Frachtkosten im Jahre 1719 1 fl. 18 kr. Der lebhafte Fuhrwerksverkehr auf den Salzstraßen bei jeder Witterung nützte die Fahrbahn stark ab, deren Unterbau einer solchen Belastung nicht gewachsen war. Die Hofkammer, der es an den nötigen Mitteln fehlte, wollte die Frhaltungspflicht auf die Grundherrschaften und Gemeinden überwälzen, die indessen auf den reichen Ertrag des Salzhandels hin wiesen und jede Beitragsleistung ablehnten. Gegen das Ende des 17. Jahrhunderts w'ar die Straße so schlecht geworden, daß die Fuhrleute Mühe hatten, sie zu benützen, die Ladung verringern mußten und dadurch vom Lohn fielen. 1693 stellten sie die Verfrachtung überhaupt ein und zwangen so die Regierung, die Fahrbahn einigermaßen wieder herzustellen und den Fuhrlohn zu erhöhen. Nach der Übernahme des Salzverschleißes durch die o.-ö. Landstände glaubte die Hofkammer, diese zur Straßenerhaltung heranziehen zu können, hatte damit aber wiederum keinen Erfolg. Um nicht die Salzversorgung Böhmens ernstlich zu gefährden, mußte sie die unaufschieblich gewordene Straßenausbesserung selber vornehmen, es wurde aber nicht viel besser und das Straßenelend blieb bis 1750 bestehen. Erst die Vorstellungen des Salzamtmannes Baron Sternbach bewogen die Regierung zu dem Entschlüsse, die Salzstraßen bis zur böhmischen Grenze auszubauen und auch die durch den Haselgraben führende Straße einzubeziehen. Die Fahrbahn Avurde durchwegs auf drei Klafter verbreitert, das Gefälle wo nötig ausgeglichen und ein solider Unterbau geschaffen. Der Kostenvoranschlag von 32391 Gulden wurde beträchtlich überschritten, weil der die Ober- 166 Josef Sames aufsicht führende Baron Sternbach großen Wert auf gute Arbeit legte und hiebei von der Bauleitung, dem Kreishauptmann v. Eckhart und dem Linzer Salzamtsverwalter von Erberstein bestens unterstützt wurde. Die Leitung und Kontrolle des Salztransportes von Gmunden bis Budweis hatte bis 1770 das Großkufenhandelsamt, von da an das neu errichtete Obersalzversilberungsamt inne. Nach Auflassung dieses Amtes 1797 gingen die Geschäfte an die Banko-Gefällsadministration in Linz über, während in Gmunden bloß das Salzspeditionsamt verblieb. 1830 erhielt das Gmundner Salzamt den Verschleiß zur Gänze wieder zurück, die Geldrechnung führte die Salzverschleißkasse, die Gebarung das Salz verschleiß-Magazinsamt. Die Umarbeitung der Fuder in Kufen- und Faßsalz besorgte von 1834 an die k. k. Salzfaktorie, welche 1854 mit dem Hofkasten- und Bauamt zu einem Amte unter dem Titel ,,k. k. Salzmaterial- und Zeugverwaltung“ vereinigt wurde. Quellen- und Literaturangabe. Resolutionsbücher und das Archiv des Gmundner Salzoberamtes sowie die drei Reformationslibellen von 1524, 1563 und 1656. 1 Dickelberger, Systematische Geschichte der Salinen Oberösterreichs. 1817. 1 F. Krackowizer Geschichte der Stadt Gmunden. 1898—1900. C. Schraml, Das oberösterreichische Salinenwesen vom Beginne des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. 1932. Der Weg des Salzes von Linz bis Budweis . 2 Von Oberinspektor Josef Sames. Der Weg des für Böhmen bestimmten Salzes führte von den großen Salzmagazinen in Linz und Mauthausen durch das Mühlviertel nach der Metropole Südböhmens, nach Budweis, von wo die Weiterbeförderung wieder zu Wasser auf 1 Sämtliche im Öberösterreichischen Landesarchiv zu Linz. 2 Zu den über diese Materie bereits vorhandenen Quellen, insbesondere den Werken Gerstners, der Abhandlungen von ’Weidmann, Huyer, Sames, Enderes und den im Verkehrsarchiv in Wien und im Eisenbahnmuseum in Wien vorhandenen Zeichnungen, Plänen, Bildern und Akten kommt neuerdings die vom o.-ö. Landesarchiv in Linz kürzlich erworbene Sammlung Bergauer. Ing. Franz Bergauer (1805 bis 1886) hat vom Anfang an beim Bahnbau mitgearbeitet und war dann beim Betriebe als Lokaldirektor in Linz tätig. Während seiner mehr als fünfzigjährigen Eisenbahntätigkeit hat er eine große Sammlung von Tagebüchern, Berichten, Eingaben, Verträgen und Abrechnungen angelegt, die über Bau und Betrieb der ersten Eisenbahn wertvollen Aufschluß geben. Raummangels wegen konnte dieses Quellenmaterial hier nur in geringem Umfange verwertet werden. Der Direktion des Landesarchivs in Linz sei an dieser Stelle für die freundlich gewährte Einsichtnahme in diese Sammlung bestens gedankt. Josef Sames: Der Weg des Salzes von Linz bis Budweis. 167 der Moldau erfolgen konnte. Dieser Weg durch das Mühlviertel ist uralt, ganz besonders aber tritt er in die Erscheinung in zahlreichen Urkunden des Mittelalters, die davon Kunde geben, daß wegen der Wahl des Weges Streitigkeiten unter den größeren Orten des Mühlviertels entstanden. Freistadt besaß besondere Privilegien, die von den Landesfürsten immer wieder bestätigt wurden, insbesondere das Stapelrecht, das aber den Linzer Kaufleuten unbequem war, da sie mit dem Gmundener Salze einen Umweg über Freistadt machen mußten, während sie über Leonfelden einen kürzeren Weg zu den Ufern der Moldau gehabt hätten. So verbündeten sich Linz und Leonfelden, um das Salz von Freistadt abzulenken, die landesfürstlichen Entscheidungen aber, insbesondere das Generalmandat Ferdinands I. (1558) setzten Freistadt wieder in seine alten Rechte ein. Die Salzgasse in Freistadt ist heute noch eine Erinnerung an diese für Freistadt hervorragende Zeit. Auf den schlechten Straßen dieses Hügellandes, der „buckligen Welt“, wie sie genannt wird, fuhren die zahlreichen mit Salz beladenen Fuhrwerke hinan bis zum Kerschbaumer Sattel, der in 675 m die Wasserscheide zwischen Donau und Moldau bildet und von hier hinab in die Ebene von Budweis. Der steigende Bedarf an Salz führte zu einer Steigerung der Zahl der Transporte, die aber bei der bestehenden Überlastung der Straße kaum mehr möglich war, da ein Fuhrwerk auf der 95 km langen Straße von Linz nach Budweis drei Tage unterwegs war. Bei dem Bestreben, diese Salzbeförderung besser zu gestalten, wurde vorerst ein Irrweg eingeschlagen, indem der uralte Gedanke einer Kanalverbindung quer über die Berge des Mühlviertels zu neuem Leben erweckt wurde. Im kleinen war ja eine solche Kanalverbindung schon in dem von Ingenieur Rosenauer 1790 geschaffenen Schwarzenbergschen Schwemmkanal vorhanden, die neuerlichen, gründlichen Erhebungen und technischen Vorarbeiten, die von der böhmisch- hydrotechnischen Gesellschaft in Prag veranlaßt wurden und von deren Direktor Professor Franz Josef Ritter von Gerstner durchgeführt wurden, brachten das Ergebnis, daß an Stelle eines Kanalbaues der Bau einer Eisenbahn angeregt wurde. Da diese im Jahre 1808 gegebene Anregung keine praktischen Folgen hatte, griff im Jahre 1820 die österreichische Regierung den Plan wieder auf und beauftragte den Sohn Gerstners, den Professor am polytechnischen Institute in Wien, Franz Anton v. Gerstner, die Verbindung der Donau mit der Moldau zu studieren und Vorschläge zu erstatten. Gerstner d. Jüngere war Gelehrter und Kathedermann, im Augenblicke aber, als er diesen Regierungsauftrag erhielt, zeigte er auch die Fähigkeiten des praktischen Ingenieurs, indem er die in Betracht kommende Gegend zwischen Linz und Budweis bereiste und studierte, dann nach England ging, um an Ort und Stelle Studien über das in der ersten Entwicklung befindliche englische Eisenbahnwesen zu machen. Was er in England gesehen und von den dortigen Ingenieuren gehört hatte, bestätigte ihm den Gedanken, daß die geplante Verbesserung des Transportweges zwischen Donau und Moldau nur durch eine Eisenbahn herzustellen sei. Nach weiteren technischen Vorarbeiten überreichte er im Jahre 1823 ein Konzessionsgesuch und erhielt mit dem Datum vom 7. September 1824 ein „ausschließliches Privilegium zu dem Baue einer zwischen Mauthausen und Budweis die Donau mit der Moldau verbindenden Holz- und Eisenbahn“. Technisch bemerkenswert ist 168 Josef Sames an diesem ersten Eisenbahnprivilegium insbesondere der Umstand, daß dem Unternehmer bezüglich der Trasse vollkommen freie Hand gelassen wurde, so wie er auch in Tariffragen volle Freiheit hatte und nach Ablauf der Konzessionsdauer mit der Bahn machen konnte, was er wollte. Gerstners Tätigkeit bis zur Erlangung des Privilegiums war aber nicht bloß eine technische, er hat auch den gesamten Einanzplan für das Unternehmen ausgearbeitet. Hiebei konnte er die Berechnung der Betriebskosten und der zu ge- Abb. 5. Der Salztransport, dargestellt auf einer Aktie der k. k. priv. ersten Eisenbahn-Gesellschaft. • h i hc & ****** • 'X/Ä >1 /* »/<»- •■< .1 'tlWH wi!«# ■■ wärtigenden Einnahmen nicht nach dem Vorbilde bestehender Eisenbahnen vornehmen und an solche anknüpfen, er mußte sich daher mit Vergleichen mit dem Euhrwerksverkehr auf Straßen behelfen. Demnach wurden die Erhaltungskosten mit einem Fünftel der Erhaltungskosten gewöhnlicher Landstraßen angenommen, da die Bahnbreite etwa den fünften Teil einer solchen Straße betrug, während die eigenen Frachtkosten mit einem Achtel der Kosten der Straßenbeförderung angenommen wurden, weil man annahm, daß ein Pferd auf der Schienenbahn achtmal mehr ziehen könne als auf der gewöhnlichen Straße. Zu Beginn des Jahres 1825 trat Gerstner sein Privilegium einer von ihm gegründeten Aktiengesellschaft, der ,,k. k. privilegierten ersten österreichischen Eisenbahngesellschaft“ ab, in deren Dienste er nunmehr nach Zurücklegung seiner Professur als Bauführer trat. Die Stimmung für das Bahnunternehmen hatte er sowohl durch seine Veröffentlichungen wie auch durch eine im Wiener Prater aufgestellte 228 m lange Probebahn vorbereitet, so daß die Aktienzeichnung in kürzester Zeit vollen Erfolg brachte. Der Weg des Salzes von Linz bis Budweis. 169 Die nunmehr einsetzende Baugeschichte wird durch die vorhandenen Tagebücher Gerstners und Bergauers in volles Licht gestellt, sie zeigt vor allem, daß Gerstner, der bisher als Gelehrter Ingenieure heranbildete, nun selbst bis in die kleinsten Einzelheiten und Handgriffe sich als praktischer Bauingenieur erwies. Mit einem Stab von Ingenieuren umgeben, die Gerstner vorerst auf den in Böhmen gelegenen Teil der Bahn aufteilte, begann er den Bau von Budweis gegen die Grenze Oberösterreichs. Eine der ältesten gedruckten Kundmachungen Gerstners, gezeichnet „Kaplitz am 6. August 1826“, gibt einen Einblick in die Art und Weise, wie die Bauarbeiten in kleineren Teilen an Unternehmer im Wege der Lizitation vergeben wurden. Es heißt da u. a.: „Um diesen Zweck (nämlich die Fertigstellung der ersten acht Meilen von Budweis bis Leopoldschlag) zu erreichen, wird eine Anzahl von 3000 bis 4000 Arbeitsleuten benötigt, und da der größere Teil dieser Zahl noch immer bei dem Baue abgeht, so werden hiemit sämtliche löbliche Magistrate und obrigkeitliche Ämter ersucht, arbeitsfähige Leute der Unternehmung zuzuweisen, zu welchem Behufe hier die näheren Verhältnisse dieser Bauführung angegeben werden.“ Es wird dann der Umfang der vorzunehmenden Erd- und Schotterverführungen, des Steinbrechens und der Mauerherstellungen angeführt und dann gesagt: „Diese Arbeiten werden sämtlich in kleinere Teile eingeteilt, damit auch minder bemittelte hieran Teil nehmen können und es werden jene, welche keine Geld- oder Realkautionen auszuwerfen vermögen, in dem Falle zur Lizitation solcher kleineren Erd- oder Steinarbeiten zugelassen, wenn sie sich von ihren Obrigkeiten mit Zeugnissen ihres Wohlverhaltens auszuweisen und mit wenigstens 20 bis 30 Arbeitsleuten auf dem Bauplatze zu erscheinen im Stande sind.“ Der große Bedarf an Steinmaterial, der in dieser Kundmachung verlautbart wird, ist auf den Umstand zurückzuführen, daß die Eisenbahndämme nicht durch einfache Erdanschüttung hergestellt wurden, sondern daß jeder Damm eine Art Rückgrat erhielt in Form zweier Mauern, die unterhalb jedes Schienenstranges lagen und als „Gleismauern“ bezeichnet wurden. Diese an sich überflüssige und kostspielige Ausführung wurde aber noch überboten durch eine spätere behördliche Anordnung, die das Verlangen stellte, daß der Raum zwischen den beiden Gleismauern auch mit Steinmauerwerk auszufüllen sei, ein Umstand, der die Baukosten wesentlich erhöhte, so daß dann später infolge Überschreitung des Voranschlages eine gründliche Änderung der Bauweise eintreten mußte. Immerhin aber war die ganze GERSTNERsche Bauweise darauf eingestellt, daß die Bahn unter Vermeidung zu großer Steigungen und zu scharfer Krümmungen jederzeit später auch für den Lokomotivbetrieb in Betracht käme, während ja für die erste Zeit nur mit Pferdebetrieb zu rechnen war. Vor allem aber sollte die Bahn nur eine sehr gute Kunststraße darstellen, daher wurde von den damals noch in England üblichen steilen, schiefen Ebenen mit ortsfesten Dampfmaschinen abgesehen. Die Wahl der Trasse war so getroffen, daß sie nur auf technische und nicht auf kommerzielle Rücksichten Bedacht nahm, so daß sie viele größere Ortschaften, darunter auch die Stadt Ereistadt, ziemlich abseits liegen ließ. Es wurde eben anfangs nur auf den Massenartikel Salz als Durchgangsgut gerechnet, so daß auch die Ver- 170 Josef Sames teilung der Stationen mehr den Bedürfnissen des Betriebes als dem Verkehrsbedürfnisse der durchfahrenen Gegenden angepaßt war. Immerhin trat auch in dieser Beziehung noch während des Baues eine Änderung ein. Während das Privilegium als den einen Endpunkt der Bahn Mauthausen vorsieht, lediglich deshalb, weil die zu Wasser beförderten Salzmengen hier leicht auf die Bahnfahrzeuge umgeladen w r erden konnten, kam später der Gedanke zur Geltung, daß auch die zahlreichen Linzer Handelsgüter, die nach Südböhmen ver- Abb. 6. Ansicht der Eisenbahn Linz-Budweis aus der Gegend von Freistadt in O.-ö. Zugleich ist die Leistung des Pferdes auf der Eisenbahn und auf der Landstraße gegenübergestellt. ,-vi. Zgm?:■ schickt wurden, der Bahn als Frachtgut zunutze kommen könnten, so daß das Gesuch der Eisenbahngesellschaft um teilweise Änderung der konzessionsmäßigen Bahnlinie genehmigt und Linz als End-, bzw. Anfangspunkt der Bahn festgesetzt wurde. Zu eben dieser Zeit trat auch eine Änderung in der Bauleitung ein, Gerstner trat von dieser zurück, weil die Bahngesellschaft eine billigere und einfachere Bauweise verlangte, die Gerstner nicht zu gestand, da dadurch die von ihm in Aussicht genommene spätere Einführung des Lokomotivbetriebes unmöglich gemacht wurde. Kurz vor seinem Rücktritte hatte Gerstner es noch zustande gebracht, daß der Bahngesellschaft auf sechs Jahre hin ein Monopol für die Salzbeförderung zuerkannt wurde. Nach Gerstners Rücktritt übernahm Ingenieur Schönerer, der von Anbeginn an an den Bauarbeiten teilgenommen hatte, die Bauleitung. Seine Hauptaufgabe bestand darin, den Bau mit den geringen noch zur Verfügung stehenden Der Weg des Salzes von Linz bis Budweis. 171 Mitteln, demnach unter Anwendung einer vereinfachten Bauweise zu Ende zu führen. Es wurden sohin an Stelle der gemauerten Dämme nur einfache Erddämme her- gestellt, an Stelle der von Gerstner angewendeten größten Steigungen von 1 : 120 traten jetzt solche von 1 : 46 und in den Krümmungen wurden Bogenhalbmesser bis zu 19 m verwendet, während Gerstner nur solche bis 190 m ausführte. 1 Der Oberbau bestand bei einer Spurweite von 1,1 m aus hölzernen Langschwellen, „Geleisebäume“ genannt, die auf Querschwellen ruhten, die im Abstande von einem Klafter gelegt waren. Die aus böhmischen und steirischen Werken stammenden Flachschienen hatten eine Länge von 9 bis 12 Fuß und eine Breite von 2% Zoll, sie besaßen konische Nagellöcher zur Befestigung auf der Holzschwelle. In Krümmungen gab es noch seitwärts angelegte „Zulegeplatteln“, die Vorläufer der späteren Laschen. Bei Straßenübersetzungen und in den Straßen von Budweis und Linz bestand dieser Oberbau aus gußeisernen Fischbauchschienen, die auf Steinstöckeln gelagert waren. Neben zahlreichen Holzbrücken gab es auch einige gemauerte, gewölbte Brücken, darunter die vierbogige, das Haselgrabental zwischen Linz und St. Magdalena übersetzende Steinbrücke, deren Widerlager heute noch erhalten sind. Die größeren Bahnhofanlagen umfaßten neben dem Stationsgebäude zur Unterbringung der wenigen Amtsräume und der Wohnungen der Angestellten Wirts- und Stallgebäude, Hafermagazine, Wagner- und Schmiedewerkstätten. In Budweis und Urfahr gab es auch noch besondere Salzmagazine. Als amtliche Bezeichnung findet sich in der ersten Zeit für diese Bahnhöfe noch die Bezeichnung „Packhof“ im Gegensatz zur Bezeichnung „AufSitzplatz“, worunter die nur für den Personenverkehr bestimmten Haltepunkte verstanden waren. Nach Fertigstellung der ersten Teilstrecke von Budweis bis Leopoldschlag in Oberösterreich wurde im Jahre 1827 in diesem Abschnitte schon der Salztransport aufgenommen, während die Zufuhr von Linz und Mauthausen bis Leopoldschlag noch mit Regiepferden ausgeführt wurde. Mit der im Jahre 1832 erfolgten Fertigstellung der Gesamtstrecke bis Linz konnte die regelmäßige Salzbeförderung aufgenommen werden. Der Betrieb auf der Linz-Budweiser Strecke erfolgte in der ganzen Zeit ihres Bestandes, das ist bis 1872, mit Pferden. Die Beistellung der Pferde und Fuhrleute erfolgte durch Pächter, ebenso war auch die Bahnunterhaltung und Bewachung im Pachtwege vergeben. Hiebei wurde für je tausend Klafter ein Pächter bestellt, es konnte das eine Gemeinde sein oder, wie es in den bezüglichen Ausschreibungen heißt, mindestens zwei in einer Gemeinde bekannte und ansässige Personen. In den vorhandenen alten Verträgen heißt es bezüglich dieser Pächter: „Die Kontrahenten sind verpflichtet, von den Schienen den Staub (!) oder Sand etc. sorgfältig abzukehren und die Wegübersetzungen fortwährend, vorzüglich aber bei einem Transporte rein zu erhalten.“ Zu diesem Zwecke wurden die Kontrahenten jeweils 24 Stunden vorher von einem Transporte verständigt, der Pächter oder Wächter mußte jeden Transport durch seine Strecke persönlich begleiten. 1 Genaue Angaben über diese technischen Einzelheiten enthält die aufschlußreiche Arbeit von Ing. Bruno Enderes im Jahrbuch des Vereines Deutscher Ingenieure. Berlin 1926. 172 Josef Sames Eine vor Vollendung der Bahn hergestellte bildliche Darstellung der Bahn gibt einen Hinweis auf die Leistungsfähigkeit der Pferde und auf die Lastverteilung auf den Salzwagen der Bahn. Als Gegensatz dazu ist auch ein Straßenfuhrwerk dargestellt, um die erhöhte Zugkraft des Pferdes auf dem Schienenwege augenscheinlich zu machen. Auf einem Gleis dieser von Schönerer entworfenen „Ansicht eines Teiles der Eisenbahn von Budweis nach Linz“ sind drei aneinandergehängte Lastwagen gezeichnet, jeder mit der Aufschrift 40 Zentner, das ist also im Gesamten 120 Zentner, die von einem einzigen Pferde gezogen werden, während auf der daneben hinziehenden Landstraße ein Fuhrwerk von zwei Pferden gezogen wird, dessen aus Salzfässern bestehende Ladung laut Aufschrift nur 20 Zentner beträgt. Auf Steigungen mußte dann ein zweites Pferd verwendet werden, das mit Rücksicht auf die Bahnbreite nicht neben, sondern vor dem ersten Pferde angespannt wurde. Zeitweise wurden auch vier bis fünf Wagen durch drei hintereinander gespannte Pferde befördert. Ein Pferd lief täglich ungefähr 20 Kilometer hin und ebensoviel zurück und stand hiebei durch zehn Stunden in Arbeit. Die Pferdebeistellung erfolgte durch den Schiffmeister Lanna in Budweis, der zeitweise bis zu 800 Pferde in Verwendung hatte, das Pachtverhältnis wurde aber von der Gesellschaft später aufgelassen, weil die Pachtforderungen Lannas stiegen, und so kam es dann zur Eigen Verwaltung des Fuhrwerksbetriebes, die der „Bespannungsinspektor“ leitete. Das Zugpferd war an den Wagen mittelst „Zuggabel“ angespannt, die anderen waren einfach vorgehängt. Die zum Salztransporte verwendeten Wagen waren offene Güterwagen, die Beladung erfolgte derart, daß die Salzfässer zu unterst in vier Reihen, darüber dann in drei, zwei und einer Reihe gelagert wurden, so daß im Ganzen 40 Salzfässer verladen werden konnten. Diese offenen Güterwagen, die zum Schutze mit Plachen gedeckt wurden, besaßen noch keine Federn, weshalb sich beim Betriebe auch viele Achsbrüche ergaben, für deren Meldung an die Betriebsdirektion in dem vorgedruckten „Wochenrapporte“ sogar eine besondere Rubrik vorgesehen war. Eine bemerkenswerte Einrichtung dieser Wagen waren aber die verstellbaren Achsen, die als Vorläufer der späteren Lenkachsen angesehen wurden können, so daß diese technische Einrichtung als eine zuerst von österreichischen Ingenieuren erdachte Neuerung in Anspruch genommen werden kann. Da bald nach Eröffnung der Bahn zu der ursprünglich nur geplanten Güterbeförderung auch Personenbeförderung kam, wurde auch eine Anzahl von Personenwagen in Verwendung genommen, die entweder den alten Postkutschen glichen oder die Form von Stellwagen oder Omnibussen auf wiesen; in den alten Verzeichnissen kommen da noch Bezeichnungen w r ie „Kobhvagen“ und „Wurstw'agen“ vor, die auf die Gestalt des Wagens himveisen. Zumeist hatten sie auch wie später die Lokomotiven Namen, w'obei neben den Namen größerer Städte die griechischen Götternamen besonders häufig Anwendung fanden. Während für die Personenbeförderung schon ein Fahrplan bestand, wenn auch nur unter Bezeichnung von Viertelstunden statt der späteren Minutenangaben, so ging der Lastverkehr noch ohne Fahrplan vor sich. Für diesen w r aren nur die beiläufigen Eintreffzeiten in den Pferdew'echselstationen bestimmt, da in diesen die ankommenden Pferde den aus der Gegenrichtung kommenden Transport zu übernehmen und mit ihm in ihre frühere Ausgangsstation zurückzukehren hatten. Der Weg des Salzes von Linz nacli Budweis. 173 Um daher das Kreuzen solcher fahrplanloser Lastzüge mit Gegenzügen zu ermöglichen, waren auf der ganzen Strecke zwischen Linz und Budweis neben den eigentlichen Stationen (Bahnhöfen) auch noch bei den meisten Wächterhäusern Ausweichgleise vorhanden. Wenn trotzdem auf der offenen, eingleisigen Strecke zwei Züge aus entgegengesetzter Richtung zusammentrafen, so hatte einer derselben, das war durch eine besondere „Rangordnung“ festgesetzt, zum nächsten Ausweichgleis zurückzufahren. Wenn einer der beiden Züge aus einem Personenwagen mit geringem Gewichte bestand, so war es auch gestattet und sogar sehr beliebt, daß durch Zusammenarbeit der Kutscher und Reisenden der Personenwagen aus dem Gleis J Abb. 7. Der ehemalige Endbahnhof der Bahn in Urfahr-Linz. (Nach Auflassung in Verwendung für Turn- und Feuerwehrzwecke.) Nach einer Handzeichnung von Hans Brunner. gehoben und nach Vor beifahrt des schweren Lastzuges wieder auf dieses zurückgestellt wurde. Wenn nun auch durch den Bahntransport die Salzbeförderung von Linz nach Budweis nicht wesentlich rascher wurde, sie betrug noch drei Tage, so war sie doch nunmehr eine regelmäßige und bedeutend billigere geworden. Auch im Winter wurde durch Ausschaufeln des Schnees der Salzverkehr aufrecht erhalten, während er früher auf der Landstraße zeitweilig ganz eingestellt werden mußte. Durch die im Jahre 1835 geschaffene Fortsetzung der Bahn bis Gmunden, die einen Seitenflügel zur Traunmündung in Zizlau erhielt, wurde der Salzverkehr von Gmunden nach Budweis noch wesentlich vereinfacht, da nunmehr das Salz schon ab Gmunden auf den Eisenbahnwagen rollte und das Umladen in Linz vom Wasserfahrzeug auf den Eisenbahnwagen entfallen konnte. So wurde denn diese Bahn in wahrem Sinne das, als was sie von ihren ersten Anregern gedacht war, eine „Salzbahn“. Daß sie in der Strecke Linz—Budweis bis zum Jahre 1872 als Pferdebahn in Betrieb blieb, während sonst überall schon die Lokomotive ihren Einzug gehalten hatte, ist auf den schon angedeuteten Umstand zurückzuführen, IFII! W 174 Josef Sames: Der Weg des Salzes von Linz bis Budweis. daß die ursprünglich angewendete GerstnerscIic Bauweise wegen Geldmangel nicht beibehalten werden konnte, so daß dann auf dieser Bahn kein Lokomotiv- betrieb möglich war. Durch einen vollkommenen Umbau mit teilweiser Abänderung der bestandenen Linienführung wurde eine neue Lokomotivbahn geschaffen und 1873 eröffnet, die aber so wie die alte Bahn auch weiterhin das aus dem Salzkammergute kommende Salz nach Böhmen weiter beförderte. Die alte Bahn wurde aufgelassen und „demoliert“, wie es in den bezüglichen Verlautbarungen hieß. Mittelst Rundschreiben an die Gemeinden wurden die Hochbauten und der restliche Bahnbestand zum Verkaufe ausgeboten. Seither gehört also dieses erste Werk österreichischer Eisenbahnbaukunst der Geschichte an, nur Reste von Steinbrücken, Dämmen und anderen Kunstbauten erinnern noch daran, daß diese Erstlingsbahn das Zeitalter der Eisenbahnen in Österreich eingeleitet hat. Die österreichischen Techniker aber sind von diesem Zeitpunkte an unablässig vorwärts geschritten, sie haben dann später durch die Schöpfung der großen Alpenbahnen über die Grenzen Österreichs hinaus ^weiter vorbildlich gewirkt. In St. Magdalena bei Linz, an einem der landschaftlich schönsten Punkte der alten „Holz- und Eisenbahn“ hat nun kürzlich der Verein der Ingenieure in Oberösterreich eine Gedenktafel errichtet, die dem Andenken an die Schöpfung dieser ersten Bahn und ihrem Anreger und Erbauer Ingenieur Franz Anton v. Gerstner gewidmet ist. Von dem Standpunkte dieses Denkmales schweift der Blick hinüber zu den Alpenbergen, in denen das Salz gewonnen wurde, das von dort mit Hilfe einer Reihe wohldurchdachter technischen Einrichtungen vorerst in Solenleitungen mit Talübergängen zu den Salinen gebracht wurde und von da weiter zu Wasser liber Seen und Schiffahrtshindernisse, darunter auch den Traunfall bis zu der an der Donau beginnenden Schienenbahn, die weiterhin dann die Verbindung bis zur Moldau herstellte. Und so wurde denn das Salz, dieser älteste und stetigste Handelsartikel, hier auf österreichischem Boden Veranlassung zur Schöpfung einer Reihe hervorragender und bedeutungsvoller technischen Verkehrseinrichtungen. ilflFif) iVnkiafflif'flÖRiB; WfoÄuo afeiTifoSdiittumwg ite Öffraii#« IVfMjr? nra^kiflde'fHFopof, \m3me ßu wniWr. Abb. 8. Gerstner-Gedenktafel in St. Magdalena bei Linz. Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich. Persönliche Erinnerungen von Baurat E. h. Zivilingenieur-Konsulent Ing. Friedrich Drexler. Mit 4 Abbildungen. Wenn auch die Elektrotechnik in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Frankreich, England und Deutschland ihren Anfang genommen hat, so kann Österreich dennoch stolz darauf sein, daß es gleichfalls an der Entwicklung dieses Faches regen Anteil nahm und daß hier bedeutende Erfindungen und Fortschritte auf diesem Gebiete erzielt wurden. Es sei vorausgeschickt, daß in diesem Berichte nur von der Starkstromtechnik und vom alten Österreich-Ungarn die Bede sein soll, und nicht von der Entwicklung der Telegraphen- und Telephonindustrie oder anderen Zweigen der Schwachstromtechnik. Dem Verfasser war es vergönnt, selbst an dieser Entwicklung mitzuarbeiten und vieles zu erleben, w r as auch für spätere Zeiten wissenswert sein wird. Diese Zeilen sollen daher auch als ein Beitrag zur Geschichte der Elektrotechnik dienen und namentlich zeigen, wie man sich in den ersten Anfängen oft mit den aller- einfachsten Mitteln behelfen mußte. Das w r ar in der Zeit vom Ende der sechziger Jahre bis zum Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Nach dieser Zeitspanne ist die Elektrotechnik aus ihren kleinsten Anfängen zu einer über die ganze Welt verbreiteten Großindustrie angewachsen. Den Auftakt zu der Entwicklung der Starkstromtechnik bildet das von Weener Siemens im Jahre 1867 ausgesprochene und in seiner vollen Tragweite erkannte ,,dynamoelektrische Prinzip“. Andeutungsweise wurde dieses grundlegende Prinzip allerdings schon von dem Benediktinermönch und nachmaligen Professor der Physik an der Universität Budapest, Anyos Jedlik, im Jahre 1859 erwähnt. Dieser Gelehrte wies in der Gebrauchsanweisung über einen Unipolar-Indukt-or darauf hin, daß durch Drehung eines Elektromagneten in einer Drahtwicklung elektrischer Strom erzeugt wird, der durch die Wicklung des gedrehten Elektromagneten fließt, dadurch dessen Magnetismus vermehrt und sohin wiederum stärkeren Strom induziert. Jedlik w'ar aber kein Techniker und seine wissenschaftlichen Erkenntnisse fanden keine praktische Anwendung. Im Jahre 1867 baute der Universitätsmechaniker Johann Kravogl in Innsbruck seinen hochinteressanten elektromagnetischen Motor, auf w r elchen Prof. Pfaundler im Jahre 1870 das elektrodynamische Prinzip anwandte und so die Maschine auch als Stromerzeuger betrieb. 1 Im Jahre 1873 fand in der Rotunde die Wiener Weltausstellung statt, und diese Zeit bildete einen Wendepunkt in der modernen Technik. Hier w'ar es, w r o man die Anfänge der Starkstromtechnik zum ersten Male sehen konnte. Man fand dort die ersten dynamo-elektrischen Maschinen von Gramme und von Siemens 1 Müller-Pouillet, Physik, 8. Aufl., 3. Bd., S. 692. 176 Friedrich Drexler in der Maschinenhalle. Die ersteren waren für die damalige Zeit schon ganz mächtige Dynamos, die besonders für galvanotechnische Zwecke gebaut waren und Ringanker besaßen. Gramme hatte damals schon zylindrische Kollektoren aus gegeneinander isolierten Kupferlamellen bei seinen Maschinen angewandt, deren konstruktiver Aufbau für alle späteren bis auf den heutigen Tag gebauten Kollektoren von Dynamos und Motoren vorbildlich war und beibehalten wurde. Eine solche Maschine wurde von Krupp in Berndorf angekauft und arbeitete dort vom Jahre 1873 bis 1895; sie war für 25 Volt und 400 Amp. gebaut und steht jetzt im Wiener Technischen Museum. Damals wurde auch der Versuch einer elektrischen Kraftübertragung mittelst zweier GRAMME-Maschinen gezeigt, wobei die eine in der Maschinenhalle stehende Maschine eine andere Maschine in der Rotunde mittelst eines Kabels von 2 km Länge in Tätigkeit setzte und eine Pumpe elektrisch betrieb. Die GRAMME-Maschinen waren schon damals 1873 baulich ausgezeichnet durchgebildet, was man von manchen späteren und durch lange Jahre erzeugten Maschinen nicht behaupten konnte. Die zweite, eine H EFNER-ALTENECK-Dynamo mit Trommelanker speiste einen Bogenlichtregulator, der auf einem Holzbocke über der Maschine stand und durch sein blendendes Licht stets eine Menge von Beschauern anzog. ► Die ersten Anwendungen des Starkstromes waren wenigstens in Österreich und Wien noch sehr J bescheiden. In der Hofoper behalf man sich mit großen Abb. 1. Johann Kravogls elek-^ BuNSEN-Batterien zur Darstellung des Sonnenauf- trisches Kraftrad, 1867. Tech- ganges im „Propheten“ und zu anderen großen Bühnen- nisches Museum Wien. beleuchtungseffekten. Dieselben Batterien fanden anläßlich der in jedem Winter abgehaltenen Kostümfeste auf dem alten Eislaufvereinsplatze Verwendung. Sie wurden in zwei großen am Rande des Platzes stehenden Holztürmen untergebracht; das Auf stellen der großen Elemente, das Amalgamieren der Zinkzylinder, das Füllen mit Salpeter- und Schwefelsäure war jedesmal eine mühsame zeitraubende Arbeit. Auf jedem Turme stand ein mit einem Parabolspiegel versehener Handregulator, der seinen Schein auf die Eisfläche warf. Später ging der Eislaufverein zu besseren Beleuchtungseinrichtungen über. In den beiden Brennpunkten des damaligen elliptischen Platzes von 5700 m 2 erhoben sich zwei schlanke Holztürme von 7,5 m Höhe zur Aufnahme der beiden Lichtregulatoren. In dem benachbarten Wientale wurde eine Holzhütte errichtet, welche eine 6 PS Lokomobile und zwei GRAMMEsche Einzellichtmaschinen enthielt. Jede speiste einen automatischen Lichtregulator von Serrin. Die Umdrehungszahl dieser Lokomobile war natürlich etwas schwankend, weshalb der Automatik der Lichtregulatoren von Hand aus nachgeholfen werden mußte. Damals verwendete man noch als Lichtkohlen aus Gasretortenkohle geschnittene Stäbe von quadratischem Querschnitte, während die Isolierstücke in der Lampe aus Elfenbein hergestellt waren. Die ersten künstlichen Kohlen für Bogen- Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich. 177 licht und Elemente erzeugte in Österreich der Chemiker J. J. Hesz in Wien- Fünfhaus. Einige Jahre später, als die Teilung des elektrischen Bogenlichtes schon möglich war, wurde die Beleuchtung des Eisplatzes durch zwei Serien von je 5 Gramme- Nebenschlußlampen besorgt. Bei physikalischen Vorträgen benützte man zu dieser Zeit zur Speisung von Projektionsbogenlampen (Foucault-Dubosa) immer noch Batterien nach Bunsen oder Grove. Das waren die kleinen Anfänge der im Laufe von fünf Jahrzehnten zur heutigen Riesengröße entwickelten Elektrotechnik. Eine der ersten elektrischen Lichtinstallationen in Wien erhielt zu dieser Zeit (1879) die Simmeringer Jutespinnerei. Sie wurde von dem Wiener Mechaniker Siegfried Marcus mittels einer Anzahl von ihm erfundener Halbinkandeszenz- lampen hergestellt, die von zwei kleinen SiEMENS-Maschinen gespeist wurden. Diese Lampen hatten die geistreiche Einrichtung, daß ein dünner durch seinen Abbrand niedersinkender Kohlenstift auf einer Kohlenrolle aufsaß, die sich auf einem Schraubengewinde drehte, wodurch der Berührungspunkt nach einer Schraubenlinie auf der Kohlenrolle fortwanderte. Die Lampen brannten in Parallelschaltung; dies war einer der ersten Versuche zur Teilung des elektrischen Lichtes. Von Marcus rührten gleichfalls die magnet-elektrischen Minenzündapparate her, die er auch zur Zündung von Explosionsmaschinen seiner Konstruktion verwendete, welche die Vorläufer der jetzt in vielen Tausenden von Automobilen eingebauten Magnetapparate waren. Ferner beleuchtete Johann Kremenezky im Jahre 1879 den Wiener Volksgarten und den Schillerplatz mit Jablochkoff-Kerzen; zur Speisung dieser Lampen war auf dem Getreidemarkt in einem Laden neben dem Gewerbeverein ein Gasmotor und eine Wechselstrommaschine von Gramme aufgestellt. Die isolierten Leitungsdrähte lagen frei auf dem Gesimse der Häuser unter den Fenstern des ersten Stockes. Das Licht der Jablochkoff-Kerzen war flackernd und in der Farbe stark veränderlich. Auch beim Welser Volksfeste installierte Kremenetzky noch einige Monate vorher eine Bogenlichtanlage mit Jablochkoff-Kerzen. Die erste Glühlampeninstallation führte in Wien Ing. Ross im Geschäftslokale von M. J. Eisinger auf der Mariahilferstraße an der Ecke der Zollergasse mit Edison- Glühlampen aus. Die Firma Brückner, Ross & Konsorten erzeugte in Wien Gramme- und EDISON-Maschinen. Damals wurde der Antrieb der Dynamos noch mit vereinzelt auf gestellten Gasmotoren bewerkstelligt. Im Jahre 1880 wurde der Graben, der Stock-im-Eisen-Platz und der Stefansplatz probeweise durch Ing. Nicklas mit 16 in Reihe geschalteten BRUSH-Bogen- lampen beleuchtet. Die BRUSH-Dynamo wurde von einer Lokomobile auf einer leeren Baustelle in der Jasomirgottstraße angetrieben. Eine solche Dynamo für 16 Lampen in Reihenschaltung befindet sich im Wiener Technischen Museum. Die Anglo-Austrian Brush Co. in Wien war trotz ihres kurzen Bestandes von 1881 bis 1883 die erste große elektrotechnische Fabrik in Wien; sie war in der SKENEschen Fabrik hinter dem Arsenal untergebracht. Dort wurden alle Dynamos, Bogenlampen und Glühlampen (Lane-Fox) erzeugt, die dann auf der Wiener elektrischen Ausstellung 1883 zu sehen waren. Die Glasbläser zur Anfertigung der Glüh- Geschichte der Technik, H. 1. 12 178 Friedrich Drexler lampen mußten damals aus Thüringen verschrieben und hoch bezahlt werden. Gemessen wurde in jener Zeit noch sehr wenig; außer einer Wheatstone-Brücke und einigen Deprez-Instrumenten gab es noch keine industriellen Meßinstrumente. Zur selben Zeit fabrizierte Gülcher in Bielitz-Biala auch Gleichstrommaschinen, welche parallel geschaltete Bogenlampen seines Systemes speisten; diese waren schon auf der Pariser elektrischen Ausstellung 1881 zu sehen, fanden jedoch keine große Verbreitung. Egger-Kremenezky in Wien erzeugten in dieser Zeit Gleichstromdynamos und sehr gute Bogenlampen. Ganz & Comp, in Budapest brachten schon damals ausgezeichnete Wechselstrommaschinen heraus, welche zum Teil nach Konstruktionen von Zipernoysky mit Selbsterregung der Magnete versehen w r aren. Es war dies die erste und größte Firma des alten Österreich-Ungarn, welche sich im Gegensätze zu den anderen Fabrikationsfirmen besonders auf die Entwicklung des Wechselstrom- systemes verlegte, was auch im Jahre 1885 zu der bahnbrechenden Erfindung der Abb. 2. Polloser Transformator nach Zipernovsky. pollosen Transformatoren und deren Parallelschaltung nach den Patenten von Zipernovsky, Deri und Blathy geführt hat. Von größeren elektrotechnischen Fabrikationswerkstätten dieser Zeit muß auch Franz Krizik in Pilsen genannt werden, welcher sich mit dem Baue von Flachringmaschinen und der von Krizik erfundenen Bogenlampen mit konischem Eisenkern befaßte. Ähnliche Fabrikate wurden auch von der Waffenfabrik Werndl in Steyr erzeugt. Damals wurde die Installation in der Wiener Hofoper sowie die Straßenbeleuchtung in Temesvar mit Glühlampen hergestellt. Die Wiener elektrische Ausstellung in der Rotunde 1883 wurde von der Anglo- Austrian Brush Co. mit zwei Brush-Dynamos zu je 40 Bogenlampen in Serie beschickt. Siemens & Halske begannen im Jahre 1881 ihre Fabrik in Wien, sie befand sich zuerst in der Wienzeile, später in der Apostelgasse im dritten Bezirk. Nach der Auflösung der vorgenannten Brush- Gesellschaft im Jahre 1883 ging dann das gesamte Material in den Besitz der 1884 gegründeten Firma Kremenezky, Mayer & Co. über, welche ebenfalls den Dynamo- und Apparatebau sowie die Glühlampenerzeugung betrieb, und den Anfang der zu großartiger Entwicklung gelangten Glühlampenfabrik Job. Kremenezky in der Dresdenerstraße bildete, die auf eine tägliche Erzeugung von nahezu 50000 Lampen eingerichtet ist. In dieses Jahr Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich. 179 fällt auch die Gründung des Elektrotechnischen Vereines in Wien, sowie die Errichtung der elektrotechnischen Lehrkanzel an der Wiener Technischen Hochschule durch Prof, von Waltenhofen. Im Jahre 1884 veranstaltete die Waffenfabrik Werndl eine elektrische Ausstellung in Steyr, auf welcher die von ihr erzeugten Flachringmaschinen und Bogenlampen zur Schau gestellt waren. I)r. Johann Puluj, der durch seine radiometrischen Apparate bekannte Physiker und nachmalige Professor der Elektrotechnik an der Prager Technischen Hochschule, erzeugte in Steyr Kohlenfadenglühlampen seines eigenen Systems in kleinem Maßstabe; denn Dr. Pull t j, selbst ein sehr geschickter Glasbläser, blies seine Ballons persönlich und schmolz auch selbst die Fäden ein. B. Egger errichtete 1884 in seiner Telegraphenbau- anstalt in der Kleinen Neugasse eine Glühlampenfabrik, in welcher Bernstein lampen erzeugt wurden. Es waren dies Lampen mit dicken, aus rohrförmigem verkohltem Seidengewebe hergestellten Glühfäden, die pro Lampe mit einer niederen Spannung und daher in großen Serien in Hintereinanderschaltung mit hoher Spannung betrieben werden mußten. Im Jahre 1884 ging die Firma Egger, Kremenezky & Co. nach dem Austritt Kremenezkys in B. Egger & Co. über; die Fabrik befand sich zuerst im neunten Bezirke, Grüne Torgasse, später im fünften Bezirke, Bräuhausgasse. Besonders die Räume der ersteren waren höchst primitiv, aber auch die der zweiten waren für eine elektrotechnische Fabrik wenig geeignet, da im gleichen Hause noch andere Werkstätten eingemietet waren, und alle ihre Betriebskraft von einer alten schlecht regulierten Dampfmaschine bezogen. Da war es nun eine schwierige Aufgabe, Dynamos auszuprobieren und Meßinstrumente zu eichen. Die Transmissionen wurden von einer Königswelle betrieben, die durch alle Stockwerke ging und deren Kegelräder großen Lärm verursachten. Ich bin stolz darauf, in meiner Eigenschaft als Ingenieur der Firma B. Egger & Co. im Jahre 1885 der Erste in Österreich gewesen zu sein, der auf Grund der damals erschienenen Theorien von Hopkinson und der klassisch zu nennenden Aufsätze von Gisbert Kapp (eines geborenen Österreichers) Dynamos mit nur einer Draht- läge auf dem Anker, funkenfreiem Lauf und ventilierten Ankern und Magneten gebaut zu haben. Zu jener Zeit erfand ich auch die auf dem Abstoßungsprinzipe beruhenden Meßinstrumente, die bei Egger in einigen hundert Stücken erzeugt 12 * Abb. 3. Werkstätte B. Egger & Co. Februar 1888. 180 Friedrich Drexler wurden. Zwei Weicheisenkerne in einer Spule, der eine festliegend, der andere um eine Achse drehbar, stießen sich ab, die Schwere bildete die Gegenkraft und das Instrument wurde nach einer aufgesetzten Wasserwaage angeschraubt. Leider hat mir damals ein sehr bekannter Fachmann von einer Patentierung abgeraten, und es werden diese Instrumente heute überall als Dreheiseninsti umente zu vielen Tausenden, besonders bei Hartmann & Braun gebaut. Ein solches Instrument aus dem Jahre 1885 ist im Wiener Technischen Museum ausgestellt. 1 Es folgten rasch nacheinander die für die damalige Zeit großen Installationen: Die Gemeinderatssäle im neuen Wiener Rathause, das Lainzer Jagdschloß der weil. Kaiserin Elisabeth, der Kurort Bad-Gastein, die Internationale Kunstausstellung, die Bodenkreditanstalt, das Ronachervariete, alle in Wien, für welche ich nicht nur die Dynamos, Bogenlampen und Apparate zu konstruieren und deren Erzeugung zu überwachen, sondern auch die Installationen zu leiten hatte. Im Jahre 1885 begann ich gemeinsam mit Ing. Wilhelm Winkler ein Regulativ für elektrische Starkstromanlagen in Österreich auszuarbeiten. Dieses bildete den Grundstock zu den gegenwärtigen Sicherheitsvorschriften des Elektrotechnischen Vereines, welche seither in mehreren Umarbeitungen und Neuauflagen erschienen sind und Gesetzeskraft erlangt haben. Gegen das Ende der achtziger Jahre fing auch Ing. Franz Pichler in Weiz (Steiermark) an, Dynamos zu bauen; die ersten Maschinen stellte er in der Reparaturwerkstätte der Mühle seines Vaters her und er war der Erste, der in Österreich 1891 einen Zweiphasengenerator und dazugehörige Motoren baute, die er zum Betriebe dieser Mühle von einer Wasserkraft aus benützte. Diese Zweiphasenmotoren hatten in der ursprünglichen Ausführung einen gußeisernen Rotor ohne Unterteilung des Eisens. Pichler betrieb später eine größere Fabrik in Weiz, aus welcher die jetzigen großen Werkstätten der Elin-Elektrizitäts- Gesellschaft hervorgingen. Es sei noch einiges über die Anfänge der Akkumulatorenerzeugung in Österreich- Ungarn gesagt. Die früher erwähnte Anglo-Austrian Brush Co. befaßte sich schon 1882 mit der Herstellung von Sammlerbatterien nach den englischen Patenten Faure-Sellon-Volckmar, von welchen die erste in der Beleuchtungsanlage der Wiener Hofoper Verwendung fand. Die erste größere Akkumulatorenfabrik wurde von Goetz & Odendall in Wien-Baumgarten 1887 gegründet und arbeitete nach 1 Siehe Jahrbuch der Elektrotechnik 1887, S. 76; Lumiere Electrique Bd. XVII, S. 229; Wiener Elektrotechnische Zeitschrift 1886, S. 484. Abb. 4. Drexlers Meßinsirurr.ent. imk Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich. 181 dem Verfahren von Farbaky & Schenek; sie ging im Jahre 1890 in das Eigentum der Firma Akkumulatorenfabrik Tudorschen Systemes Müller & Einbeck, der späteren Akkumulatorenfabriks A. G. über. Außerdem befaßten sich noch andere Unternehmungen wie: De Calö-Wien, Elektra-Budapest, Schoeller & Co.-Hirsch - wang, Wüste & Rupprecht-Baden bei Wien und die Raaber Akkumulatorenfabrik mit dieser Fabrikation, die aber dann alle in die Akkumulatorenfabriks A. G. mit dem Sitze in Wien aufgingen. Ihr langjähriger Direktor war Ludwig Gebhard, der auch im Elektrotechnischen Vereine die erste Anregung zur Gründung des Technischen Museums in Wien gab. Die erste große elektrische Kraftübertragungsanlage in Österreich entstand im Jahre 1888 in der Papierfabrik Steyrermühl in Oberösterreich; sie wurde vom Verfasser dieses Beitrages in Vertretung der bekannten Schweizer Firma, Maschinenfabrik Oerlikon, zuerst mit 100 PS ausgeführt und später auf 400 PS vergrößert. Es war dies eine Übertragung mit vier hundertpferdigen Gleichstromdynamos der Manchester-Type, von C. E. L. Brown konstruiert, welche in zwei Dreileitersystemen mit je zweimal 1400 Volt arbeitete. Auf diese erste Anlage folgten dann noch einige große Übertragungen mit Gleich- und später mit Dreh- strom. Dann kamen die ersten Einphasen-Wechselstrommotoren mit Kunstphase, ebenfalls zuerst von Oerlikon gebaut und in Österreich eingeführt und hauptsächlich von der damaligen Internationalen Elektrizitäts-Gesellschaft im Wiener Wechselstromnetze verwendet. Die erste Drehstrom-Kraftverteilung in Österreich war die mit Oerlikoner Maschinen und Motoren errichtete Anlage in der Drahtfabrik Feistritz im Rosenthale (Kärnten). Aus den geschilderten Anfängen der Elektrotechnik hat sich in den verflossenen fünf Jahrzehnten die großartige heimische Industrie entwickelt, welche durch die Großfirmen Siemens & Halske, Österreichische Siemens Schuckert-Werke, A. E. G. Union, Österreichische Brown Boveri-Werke, Elin A. G. und Accumulatoren- Fabriks-Actienges. repräsentiert ist und deren Leistungen den Stolz der österreichischen Elektrotechnik bilden. Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik. Von Sektionsrat Ing. Hans Pfeuffer. Mit 8 Abbildungen. Geht man den Voraussetzungen für den ganz besonderen und zum Teil grundlegenden Anteil nach, den Österreich an der Entwicklung der drahtlosen Nachrichtentechnik genommen hat, so zeigt sich gleichzeitig auch ein ganz charakteristisches Bild der spezifischen österreichischen Leistungsfähigkeit. Österreich — vor dem Weltkriege als Land ohne Kolonien, mit dementsprechend bescheidenem Überseeverkehr, nach dem Kriege auf ein stark verengtes inländisches Absatzgebiet angewiesen — konnte seiner Radioindustrie niemals die ganz großen Entwicklungschancen bieten, wie dies in Deutschland, England oder den Vereinigten Staaten der Fall war. Die Leistungen der österreichischen Radioindustrie, so beachtenswert sie jederzeit waren, konnten daher nicht, wie in den genannten Ländern, ihren Höhepunkt in einzelnen Riesenschöpfungen finden, ihr Schwerpunkt mußte vielmehr vorwiegend in individueller und sorgfältiger Kleinarbeit liegen. Waren und sind also im Zeitalter der industriellen und betriebsmäßigen Auswertung der Radiotechnik dem Anteil Österreichs gewisse natürliche, vor allem wirtschaftliche Grenzen gezogen, so ergibt sich ein ungleich anderes Bild zu Anfang, im eigentlichen Pionierzeitalter dieser Technik. Hier sehen wir eine kleine Anzahl schöpferischer Männer, ohne die reichen Forschungsmittel, die heute eine hochentwickelte Industrie ihren Mitarbeitern zur Verfügung hält, mehr oder weniger für sich allein am Werk, bei dem vor allem tiefes Einfühlen in die Natur, geniale Intuition und ein gewisser Prophetenglaube an die Zukunft der Technik die Hauptrolle spielen. Und unter den Bedeutendsten dieser Wegbereiter einer Technik, die heute vielleicht am meisten zur seelischen Annäherung aller Menschen und zum wirtschaftlichen Zusammenschlüsse der Welt beiträgt, dank der Produktivität Österreichs an hochwertigen geistigen Kräften — eine nicht geringe Anzahl Österreicher. Vor allem drei Forscher, deren Werk grundlegende Bedeutung für die Entwicklung der Radiotechnik gewonnen hat: Ernst Lecher, der erstmalig Frequenz und Wellenlänge der von Heinrich Hertz entdeckten elektrischen Schwingungen genau bestimmt hatte und dessen Methode bis vor kurzem den einzigen Weg zur exakten Eichung von Wellenmessern darstellte, Robert von Lieben, der zielbewußte Erfinder der Verstärkerröhre, Sigmund Strauss, auf dessen „Rückkopplungsprinzip“ die heute fast ausschließliche Verwendung der Verstärkerröhre zur Schwingungserzeugung in den Radiosendern beruht. Dr. Ernst Lecher, geboren in Wien im Jahre 18ö6, als Sohn eines Journalisten in einem geistig beweglichen Milieu aufwachsend, wandte sich frühzeitig der Physik zu, Hans Pfeuffer: Der Anteil Österreichs an der Kadioteehnik. 183 wirkte an den Universitäten in Wien, Innsbruck, Prag und schließlich wieder in Wien, wo er im Juli 1926 als Hofrat und o. ö. Professor der Wiener Universität starb. Lecher hatte schon als Student verschiedene Arbeiten experimenteller Natur unternommen und war späterhin insbesondere berühmt und beliebt ob seiner drastischen Art des Experiments, mit der er seinen Schülern in eindrücklicher Art das Verständnis der Natur zu erschließen trachtete. Seine bahnbrechende Arbeit über die exakte Messung der Länge von elektrischen Wellen, die den Namen des damaligen Assistenten am I. Physikalischen Institut der Wiener Universität unsterblich machen sollte, veröffentlichte er im Jahre 1890 in den Annalen der Physik, Band 41, Seite 850, unter dem Titel: ,,Eine Studie über elektrische Resonanzerscheinungen“. Seine Versuchsanordnung, die sogenannten „Lecherschen Drähte“, hatte er bereits im Jahre vorher auf dem Naturforschertag in Hamburg in Gegenwart von Heinrich Hertz vorgeführt und die von diesem entdeckten Radiowellen das erste Mal sowohl ihrer Frequenz als auch ihrer Länge nach genau gemessen. Die im Prinzip außerordentlich einfache Anordnung zeigt die der vorerwähnten Studie entnommene Abb. 2. Ein Paar paralleler Drähte von etwa 6 bis 10 m Länge, in etwa 30 cm Abstand, sind über Kondensatoren AB und A’B’ an eine Funkenstrecke F als Schwingungserreger angeschlossen. (Es kann selbstverständlich auch jede andere Erregungsart angewendet werden.) Die in den Drähten hervorgerufenen elektrischen Schwingungen werden durch Reflektion an den Drahtenden zu stehenden Wellen, sobald das durch die Drähte gebildete Schwingungssystem in Resonanz mit dem Schwingungserreger steht. In diesem Falle leuchtet eine Geißler-Röhre gg, die quer über das Ende der Drähte gelegt ist, hell auf. Schließt man die beiden parallelen Drähte durch einen darübergelegten Drahtbügel xx’ kurz, so bemerkt man beim Verschieben dieses Kurzschlußbügels längs der parallelen Drähte, daß nur in einigen ganz bestimmten Stellungen des Bügels die Röhre am Ende der Drähte hell aufleuchtet, während sie in den Zwischenstellungen des Kurzschlußbügels erlischt. Die genannten Punkte sind jene Orte, wo ein Spannungsknoten, bzw. ein Strombauch vorhanden ist. Die Entfernung einer solchen Stelle bis zum Drahtende entspricht x / 4 der Wellenlänge. Zur genauen Messung verwendet man Abb. 1. Ernst Lecher, 1856—1926, führte 1889/90 mit seiner unter dem Namen „Lechersche Drähte” bekannten Anordnung die erste genaue Messung von Wellenlänge, Frequenz und Fortpflanzungsgeschwindigkeit der von H. Hertz entdeckten Radiowellen durch. 184 Hans Pfeuffer zweckmäßig eine größere Drahtlänge, so daß mindestens zwei Spannungsknoten auf treten, die dann 1 / 2 Wellenlänge Abstand haben. Da die Kapazität und Selbstinduktion der verwendeten geraden und parallelen Drähte rechnerisch leicht bestimmbar ist, konnte Lecher nach der Kirchhoff- schen Formel die Frequenz der von ihm benützten Schwingungen ermitteln. Lecher, der, wie aus der Anordnung ersichtlich ist, mit Funken, also mit gedämpften Wellen arbeitete, erzielte schon im Jahre 1890 eine Meßgenauigkeit von 2 v. H. Diese für diese Zeit außerordentlich hohe Meßgenauigkeit hat sich später bei Anwendung ungedämpfter Schwingungen noch ganz bedeutend vergrößert. In weiterer Folge gelang es Lecher auch, die Fortpflanzungsgeschwindigkeit elektrischer Wellen in den Drähten mit ziemlicher Genauigkeit anzugeben. Er schreibt hierüber in der bereits erwähnten Abhandlung: „Stets habe ich die Beobachtungen von Hertz bestätigt gefunden ; in einem wichtigen Punkte jedoch erhielt ich ein anderes Resultat; ich fand nämlich die Geschwindigkeit der Elektrizität in Drähten, für welche Hertz 200000 km pro Sekunde angibt, fast genau gleich der Lichtgeschwindigkeit, wie dies auch die MAXWELLsche Theorie fordert.“ Erst etwa zehn Jahre später wurde in der Radiotechnik die Bedeutung der richtigen „Abstimmung“ und damit die Wichtigkeit der von Lecher gelehrten Wellenmessung erkannt. Die rasche und erfolgreiche Entwicklung, die nun einsetzte, als die Radiotechnik von der durch Lecher geschaffenen Möglichkeit des „Messens“ Gebrauch machte, ist daher innig mit dem grundlegenden Werk Lechers verknüpft. Die „Lecherschen Drähte“ gehören bis zum heutigen Tage zum unentbehrlichen Rüstzeug der Radiotechnik und gewannen gerade in letzter Zeit durch die allgemeine Verwendung der kurzen Wellen neuerdings besondere Bedeutung. Lechers Wirken für die Radiotechnik ist aber keineswegs mit seiner Vaterschaft der Wellenmeßkunst erschöpft. Eine ganze Anzahl sonstiger Arbeiten zeigte, daß Lecher als echter schöpferischer Gelehrter eine ganze Reihe wesentlicher Erscheinungen der Radiotechnik ihrer Bedeutung nach frühzeitig erkannte und, wie die spätere Erfahrung lehrte, richtig gedeutet hat. Besonders sei erwähnt eine „Untersuchung über das magnetische Kraftfeld einer von elektrischen Schwingungen umflossenen Spule“ (1895) und eine Arbeit über die „Schirmwirkung der Gase gegen elektrische Schwingungen“ (aus den Verhandlungen der deutschen physikalischen Gesellschaft von 1902) sowie „Über künstliche Elektrisierung der Erdkugel“ (Physikalische Zeitschrift, 3. Jahrgang, Nr. 13, S. 273, und 4. Jahrgang, Nr. 11, S. 320). Lecher spricht bereits in diesen Arbeiten die erst viel später wieder aufgetauchte und heute durch die Erfahrung bestätigte Meinung aus, daß bei der Ausbreitung Abb. 2. Prinzip der „Lecher’sehen Drähte". Aus der Originalveröffentlichung Ernst Lechers „Eine Studie über elektrische Resonanzerscheinungen" in den Sitzungsberichten der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien, Mathem.-naturwissenschaftliche Klasse, Bd. 99, Abt. Ila, vom 24. April 1890. Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik. 185 elektrischer Wellen eine Oberflächenwelle und eine reine Strahlung mitwirke, wobei letztere in den obersten Schichten der Atmosphäre eine Reflektion erfährt. Robert v. Lieben, am 5. September 1878 in Wien als Sohn eines angesehenen Bankiers geboren, war frühzeitig von Interesse für physikalische und chemische Probleme erfaßt und konnte dank seiner günstigen materiellen Lage seinen Interessen im Wege privater Studien nachgehen und auch bald in einem eigenen wohldotierten Laboratorium die ihn interessierenden Fragen experimentell verfolgen. Sfety LECHERSCHE DRÄHTE (OQIGINAIANODDNUNG ) Abb. 2 a. Originalanordnung von Lecherschen Drähten. Abtg. Radiotechnik des Post- und Telegraphenmuseums, Technisches Museum, Wien. Es ist besonders interessant zu beobachten, wie konsequent Lieben sich bei seinen Arbeiten dem Gedanken der Schaffung eines Relais für Wechselströme näherte und wie zielbewußt er seine Idee schließlich zum vollen Gelingen fortführte. Nach verschiedenen Untersuchungen über die Wellennatur der Röntgenstrahlen befaßte sich Lieben im Jahre 1905 mit der von Wehnelt angegebenen Kalziumoxyd-Kathode. Er sah in der Wehnelt-Kathode ein geeignetes Hilfsmittel, um mit verhältnismäßig niederen Spannungen (etw r a 200 V) einen vollkommen gleichmäßigen Elektronenstrom herzustellen, w r as die notwendige Voraussetzung für die Durchführung seiner genialen Idee eines Kathodenstrahlenrelais für Wechselströme wur. Im Winter 1905/06 wurde diese Idee w'eiter durchgebildet, und bereits am 4. März 1906 kam das grundlegende I). R. P. Nr. 179807 zur Anmeldung. In dieser Patentschrift hat Lieben seine Erfindung der relaisartigen Verstärkung von Wechselströmen beliebiger Frequenz durch 186 Hans Pfeuffer Steuerung eines Stromes langsamer Kathodenstrahlen außerordentlich klar und erschöpfend zum Ausdrucke gebracht. Hören wir einige der wesentlichsten Stellen aus dieser Patentschrift: ,, ...Um diesen Zweck zu erreichen, werden die von Wehnelt gefundenen Eigenschaften glühender Metalloxyde benützt, im Vakuum als Kathode bei verhältnismäßig niederen Potentialen ,, . . . Die so erzeugten Kathodenstrahlen und werden daher schon von schwachen magnetischen oder elektrostatischen Feldern stark abgelenkt. . .“ Obwohl Lieben in der ersten Zeit ausschließlich mit magnetischer Steuerung experimentierte, hat er doch, wie die zitierte Stelle zeigt, schon zu dem obengenannten Datum die bei den jetzigen Verstärkerröhren allgemein übliche elektrostatische Beeinflussung der Kathodenstrahlen klar ins Auge gefaßt. Er sagt ferner: ,,Der Vorteil dieses Relais gegenüber den bisher bekannten .... besteht darin, daß die Kathodenstrahlen praktisch genommen Bewegungen ohne Trägheitsmoment besitzen, die selbst bei hoher Frequenz der Stromschwankungen die Empfindlichkeit des Relais nicht beeinträchtigen . . ,,... Ein weiterer Vorteil besteht darin, daß diese Anordnung die Verwendung weit größerer Energiemengen gestattet als die bisher bekannten Relais . . Schließlich der einzige Anspruch dieses Patentes: ,,Kathodenstrahlenrelais für Stromwellen bis zu den höchsten Frequenzen, dadurch gekennzeichnet, daß langsame Kathodenstrahlen.durch die zu verstärkenden Strom wellen derart beeinflußt werden, daß sie in ihrem Stromkreise Wellen gleicher Frequenz, aber höherer Amplitude her vor rufen.“ Abb. 4 zeigt eine Anordnung der Röhre nach dem Patent D. R. P. 179807, bei welcher die Kathodenstrahlen von den hochspiegelartig ausgebildeten Elektroden ausgehen und vorerst noch eine Blende passieren, ehe sie der Ablenkung ausgesetzt werden. Die weitere intensive Entwicklungsarbeit an den Röhren fand, zum Teil durch die Kränklichkeit Liebens bedingt, im Vereine mit den Ingenieuren Eugen Reisz und Siegmund Strauss statt. Nach Überwindung mannigfacher Schwierigkeiten hinsichtlich der Herstellung und Aufrechterhaltung des erforderlichen Vakuums in den Röhren, dem Auftreten lichtbogenartiger Erscheinungen und dergleichen ergab sich im Laufe der Versuche, daß die elektrostatische Beeinflussung des Kathoden- Kathodenstrahlen zu emittieren . . .“ besitzen eine geringe Geschwindigkeit Abb. 3. Robert von Lieben, 1878—1913, Erfinder des Kathodenstrahlenrelais, der Grundlage unserer modernen Verstärkerröhre. (Atelier Kosel, Wien.) Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik. 187 Strahles — die, wie schon erwähnt, bereits im Patent von 1906 ausgesprochen war — der magnetischen außerordentlich überlegen sei. Die neuen Erfahrungen kommen unter anderem insbesondere in dem auf den Namen Liebens und seiner zwei Mitarbeiter lautenden sogenannten „Gitterpatent“, Ö. P. Nr. 54011, angemeldet am 7. XII. 1910, zum Ausdrucke, das die Grundlage für die heute allgemein übliche Anwendung eines Steuer - G i 11 e r s in der Verstärkerröhre wurde (siehe Abb. 5). Nicht uninteressant ist es, im Zusammenhänge mit den genannten LiEBENschen Patenten das Patent Lee de Forests, U. S. P. Nr. 841387, zu betrachten, in welchem auch schon die Verstärkungswirkung einer Dreielektrodenröhre beschrieben wird. Abgesehen davon, daß dieses Patent erst am 25. Oktober 1906, also über ein halbes Jahr später als das LiEBENsche Grundpatent eingereicht wurde und Hihö- Abb. 5. „Relais für ondulierende Ströme.” Originalzeichnung aus dem sog. „Gitterpatent", O. P. Nr. 54 011 von Lieben, Reiss und Strauss. Abb. 4. Kathodenstrahlenrelais. Originalzeichnung aus dem v. Liebenschen Grundpatent D. R. P. Nr. 179807. somit die Priorität Liebens unbestreitbar ist, gibt das de FoRESTsche Patent zwar die Beschreibung von gewissen Verstärkungseffekten, enthält aber nichts über das Grundsätzliche der Wirkung und Mechanik des Kathodenstrahlenrelais, wie man es im LiEBENschen Grundpatent so klar, eindeutig und umfassend ausgedrückt findet. Bereits im Sommer 1911 konnte das neue „Kathodenstrahlenrelais“ in seiner Wirkung als Sprach Verstärker vor einem sachverständigen Interessentenkreis (Nernst, Emil Rathenau, Franke, Arco, Planck) mit größtem Erfolge vorgeführt w r erden. Damit setzte dann die industrielle Auswertung und die praktische Anwendung der Verstärkerröhre zunächst in der Telephonie über lange Draht- leitungen und bald darauf in der Radiotechnik ein. Zwei Jahre später, am 20. Feber 1913, erlag v. Lieben, erst 35jährig, einer tückischen Krankheit, ohne daß es ihm vergönnt w r ar, den umwälzenden Einfluß, 188 Hans Pfeuffer den sein Kathodenstrahlenverstärker auf die Entwicklung der Fernsprechtechnik, insbesondere aber der Radiotelegraphie und -telephonie haben sollte, miterleben zu dürfen. Ingenieur Siegmund Strauss, geboren am 4. Jänner 1875 in Znaim, derzeit in Wien lebend, wirkte, wie schon erwähnt, als Mitarbeiter Liebens an der Vervollkommnung der LiEBENschen Röhre mit. Im Zusammenhang damit ging er der heute allgemein als „Rückkopplung“ bekannten Erscheinung nach. Das auf seinen Namen lautende Ö. P. Nr. 71340 über eine „Einrichtung zur Erzeugung elektrischer Schwingungen“, das am 11. XII. 1912 angemeldet wurde, zeigt, daß Siegmund Strauss als erster die Ursache der Rückkopplung richtig erkannt und die Tragweite seiner Erfindung voll erfaßt hatte. Abb. 7 gibt das grundsätzliche Schaltbild der Rückkopplungsanordnung mit Hilfe der Kathodenstrahlenverstärkerröhre aus obgenannter Patentschrift wieder. Strauss hat mit seiner Erfindung dem bisher nur für das Verstärken in Frage kommenden LiEBENschen Kathodenstrahlenrelais ein völlig neues und mindestens ebenso wichtiges Anwendungsgebiet erschlossen. Es ist heute schon müßig darauf hinzuweisen, daß derzeit der weitaus größte Teil aller Radiosender, insbesondere aber die modernsten Riesensender für Telegraphie, kommerzielle Telephonie und vor allem die Rundspruchsender als Quelle der hochfrequenten elektrischen Schwingungen die Verstärkerröhre mit der von Strauss erstmalig angegebenen Rückkopplung verwenden. Bei dem Kapitel „Rückkopplung“ darf jedoch auch eines anderen aus Österreich stammenden hervorragenden Radiotechnikers nicht vergessen werden. Dr. Ing. Alexander Meissner, geboren 1883 in Wien, derzeit in Deutschland naturalisiert, hatte sich als führender Techniker der Telefunken-Gesellschaft ebenfalls frühzeitig dem Problem der Schwingungserzeugung mit Hilfe der rückgekoppelten Kathodenröhre zugewendet (siehe D. R. P. Nr. 291604, von Telefunken angemeldet 10. April 1913). Er hat in der Folge bahnbrechende Arbeit in der Entwicklung des deutschen Röhrensenderbaues geleistet und bis in die jüngste Zeit namentlich auf dem Gebiete der Kurzweilensendetechnik und der Verwertung der piezoelektrischen Eigenschaften des Quarzkristalls zur Konstant- haltung und Kontrolle der Senderfrequenz richtunggebend gewirkt. Jedenfalls Abb. 6. Original-Liebenröhre mit Gittersteuerung. Einziges erhaltenes Originalexemplar aus dem Liebenschen Laboratorium, zeigt im Aufbau bereits alle wesentlichen Merkmale unserer heutigen Verstärkerröhre. Abtg. Radiotechnik des Post- und Telegraphenmuseums, Technisches Museum, Wien. Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik. 189 t-* c 7X2 * +ö H WA —e — E- o c m ist mit dem Namen des gebürtigen Österreichers Alexander Meissner ein ganz bedeutendes Stück Forschungs- und technische Entwicklungsarbeit auf dem Gebiete der Radiotechnik verbunden. Aber auch auf einem anderen Gebiete der Röhrentechnik verdient der im allgemeinen weniger bekannte Einfluß österreichischer Erfindertätigkeit Erwähnung. Es handelt sich um die Röhrenfabrikation, insbesondere um die Ausführung des in vieler Hinsicht wichtigsten Teiles der Kathodenröhre, der Glühkathode. Die Herstellung der Glühfäden für die Verstärkerröhren hatte sich naturgemäß in der ersten Zeit stark an die Erfahrungen und Methoden der Glühlampenfabrikation angelehnt. In diesem Zusammenhang gewinnt die von Auer von Welsbach angegebene Herstellung von elektrisch leitenden Osmium-Glühfäden durch Glühen eines aus der sogenannten „Osmiumpaste“ gepreßten Fadens auch für die Radioröhrenfabrikation Bedeutung (siehe Ö. P. Nr. 9693 und Zusatzpatente). Dr. Hans Kuzel hat später das AuERsche Kolloidverfahren auf Wolfram, das jetzige Standardmaterial für die Herstellung der Glühfäden, ausgedehnt (siehe D. R. P. Nr. 194348, angemeldet am 25. Juli 1905, und Zusatzpatente). Allerdings wurde dieses Verfahren in der Röhrenfabrikation später wieder verlassen. Größere Bedeutung sollte eine Erfindung Dr. Anton Lederers gewännen, der den Weg wies, um dem raschen Altern von gepreßten oder gezogenen reinen Wolframglühfäden, das als Folge der hohen Erhitzung in der Glühlampe auf trat, durch einen geringen Zusatz von Thorium (bzw. Thoriumoxyd) zum Ausgangsmaterial der Drahtfabrikation (Wolframsäure) abzuhelfen (Ö. P. Nr. 41247 vom 22. Oktober 1906). Diese „thorierten Wolframfäden“ weisen aber eine wesentlich höhere Elektronenemission als die reinen Wolframdrähte auf, weshalb sie späterhin große Bedeutung in der Radioröhrentechnik erlangen sollten. Neben den Genannten, die durch ihr wissenschaftlich und zum größten Teile auch patentrechtlich scharf umrissenes Werk unmittelbar produktiven Einfluß auf die Entwicklung der Radiotechnik nehmen konnten, muß noch ein genialer österreichischer Techniker erw r ähnt werden, der schon im Jahre 1904, also in den ersten Kinderjahren der Radiotechnik, erstmalig eine drahtlose Musikübertragung experimentell durchführte und damit das Grundsätzliche des heutigen drahtlosen Rundspruchs vorwegnahm. Ingenieur Otto Nussbaumer, geboren 1876 in Wilten bei Innsbruck, als Hofrat 771 f / s Ü w SS +Ö H m m M Abb. 7. Die „Rückkopplungsschaltung" von Siegm. Strauß. Originalzeichnung aus ö. P. Nr. 71 340. 190 Hans Pfeuffer der salzburgischen Landesregierung im Jahre 1930 in Salzburg gestorben, kam als Assistent der Grazer Universität auf den Gedanken, mit Hilfe des singenden Lichtbogens von Dudell einen BRAUNschen Funkensender zu betreiben. Durch die auf diese Weise erzielte rasche Funkenfolge (etwa 7000/sek) ergab sich eine annähernd kontinuierlich radioelektrische Schwingung, die einen genügend ruhigen Hintergrund für eine Modulation durch Sprache und Musik bot. Noch bemerkenswerter ist vielleicht die Empfangseinrichtung. Im Jahre 1904 wurde bekanntlich noch ausschließlich mit Hilfe des Fritters empfangen, da der Kontaktdetektor noch nicht bekannt war. Nussbaumer hatte, v r ie es damals üblich war, alles nur erdenkliche Material als Fritterfüllung versucht und unter anderem an der Luft verbrannte Eisenfeilspäne in den Fritter eingefüllt. Hiebei ist unter Mitwirkung des entstandenen Eisenoxyds eine regelrechte Kontaktdetektorwirkung zustande gekommen, die die notwendige Demodulation und sohin den Sprach- und Musikempfang auf drahtlosem Wege ermöglichte. Bei den genannten Versuchen wurden durch mehrere Säle des physikalischen Institutes Graz tatsächlich Rede und Musikstücke deutlich erkennbar übertragen. 1 Leider war es Nussbaumer nicht vergönnt, eine praktische Auswirkung seines wohlgelungenen Experimentes hinsichtlich der Idee des drahtlosen Rundspruches, für den wohl die Zeit überhaupt noch nicht reif gewesen ist, oder auch nur für die Anwendung des von ihm benützten zweifellos ersten Kontaktdetektors zu erzielen. Eine eigenartige Fügung des Schicksals verschaffte dem Erfinder aber doch noch eine besondere Genugtuung. Als im Jahre 1929, anläßlich der 25jährigen Gedenkfeier zur Erinnerung an den denkwürdigen Versuch in Graz, eine erfolgreiche Wiederholung des historischen Experimentes mit den noch erhaltenen Originalgeräten veranstaltet w'urde, konnte 0. Nussbaumer, der, kurz vor seinem Ende, in Salzburg an sein Krankenbett gefesselt w r ar, die in Graz vor sich gehende Wiederholung seines Experimentes im Wege des Rundspruches, der seine Idee in so unerwartetem Ausmaße verwirklicht hatte, mitverfolgen. Wie der vorstehende kurze Überblick zeigt, kann Österreich, ohne unbescheiden zu sein, wohl mit Genugtuung auf seinen namhaften Anteil an der physikalisch- technischen Entwicklungsarbeit der Radiotechnik hinw'eisen. Die exakte Wellenmessung, das Wunder der Verstärkerröhre und die Verwendung der Röhre als Sender mit Hilfe der Rückkopplung sind Grundpfeiler der bisherigen Entwicklung der Radiotechnik gewesen und werden vermutlich auch fernerhin für die Weiterentwicklung große Bedeutung beibehalten. Die Namen ihrer Schöpfer w r erden jedenfalls untrennbar mit der Geschichte der Radiotechnik verknüpft bleiben. Da der Sinn jeder Technik schließlich Auswertung und Betrieb ist, so liegt die Frage nahe, wie es in dieser Hinsicht in Österreich steht. Das Österreich der Vorkriegszeit hatte, neben der Verwendung des drahtlosen Nachrichtenw r eges in Heer und Kriegsmarine, frühzeitig die Funkentelegraphie mit den Handelsschiffen unter seine staatliche Obsorge genommen und zu diesem Zw'eck ein k. k. Funkentelegrapheninspektorat in Triest errichtet. 1 Die Prinzipsclialtung des denkwürdigen Versuches ist in dein Originalbericht der Physikalischen Zeitschrift vom Jahre 1904, 5. Jahrg., Xr. 24, S. 797, enthalten. Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik. 191 Nach dem Weltkrieg war, wie in den meisten europäischen Ländern, auch in Österreich der Radiotelegraph ein willkommenes Mittel, um die alten kontinentalen Verkehrsbeziehungen zunächst notdürftig wiederherzustellen, bzw. die im Kriege durchwegs vernachlässigten internationalen Drahtverbindungen zu ersetzen und weiters möglichst unabhängige Nachrichten'wege nach Übersee zu finden. Schließlich kam noch eine ganz neue drahtlose Betriebsart hinzu, der Rundspruch. Die stürmische Entwicklung der Radiotechnik erforderte eine ebenso rasche Anpassung der Betriebe, wenn diese auf der Höhe der Zeit bleiben sollten und damit auch die entsprechenden finanziellen Mittel. Um dem österreichischen Radiobetrieb zu diesem Zwecke die notwendige finanzielle Beweglichkeit eines privatwirtschaftlichen Betriebes zu sichern, hatte die österreichische Telegraphenverwaltung die Befugnis zur Durchführung des drahtlosen Telegrammverkehres mit dem Ausland und des Rundspruches je einer privaten Gesellschaft, der Radio-Austria A. G. Wien (Auslandstelegraphie) und Österreichischen Radio-Verkehrs A. G. (Ravag, Rundspruch), konzessionsweise überlassen. Im verständnisvollen Zusammenwirken der staatlichen Telegraphenverwaltung mit den genannten Gesellschaften haben beide Betriebszweige eine außerordentliche befriedigende Entwicklung genommen. Die Radio-Austria A. G. hat es in einer zum Teil vorbildlichen Weise verstanden, die günstige Verkehrslage Österreichs bzw-, Wiens zur Anknüpfung zahlreicher Verkehrsbeziehungen mit europäischen und außereuropäischen Ländern auszunützen und konnte kürzlich den direkten Verkehr mit Nordamerika aufnehmen. Die Ravag wiederum, die infolge der für die Rundspruchversorgung ungünstigen Gestaltung Österreichs (gebirgiges, langgestrecktes Land, exzentrisch gelegene Hauptstadt) im Inland besonders schwierigen Problemen gegenübersteht, deren restlose Bewältigung noch seine Zeit erfordern wdrd, hat es nichtsdestoweniger zuwege gebracht, daß die Stimme Österreichs im Konzert des europäischen Rundspruches ganz besonders geachtet und gerne gehört wird, und hat damit einen Weg geschaffen, in Wort und Ton wertvollsten österreichischen Kulturbesitz dem Ausland zu vermitteln und so eine unschätzbare Werbung für Österreich und österreichisches Wesen in der Welt zu betreiben. Es war kein Zufall, daß im vergangenen Jahre die ersten großen internationalen Rundspruchübertragungen, die sich schließlich auf einige hundert europäische und amerikanische Sender erstreckten, gerade von Österreich ausgingen, das sow r ohl hinsichtlich der künstlerischen Darbietungen als auch der technischen Höhe und Bereitschaft seiner Rundspruchanlagen und seines staatlichen Fernkabelnetzes alle erforderlichen Voraussetzungen hiefür bot. Trotz seiner begrenzten Wirtschaft zeigt sich also das heutige Österreich auch auf dem Gebiete des Radiobetriebes der Bedeutung seiner großen Bahnbrecher im Reiche der Radiotechnik wüirdig. Fritz Franz Maier und seine Schiffsforin Von Regierungsrat Kapitän Emo Descovich. Mit 4 Abbildungen. In seinem berühmten Werk „Große Männer“ sagt Ostwald, daß grundlegende Ideen von genialen Wegbereitern in Technik und Wissenschaft am Beginn ihrer Manneszeit gefaßt werden, und ihr ganzes weiteres Streben und Wirken eigentlich völlig auf der Grundlage dieser Ideen aufgebaut sei. In hohem Maße trifft dies auch für Fritz Franz Maier und die von ihm erdachte Schiffsform zu, die in den letzten Jahren rasch zunehmende Anwendung findet, nachdem ihr Schöpfer Zeit seines Lebens um ihre Vervollkommnung bemüht war, doch nur wenig Anerkennung gefunden hatte. Seine große Bescheidenheit und eine ganz auf wissenschaftliche Forschung eingestellte Denkweise, die nicht geeignet war, sich Kaufleuten gegenüber zur Geltung zu bringen, mögen die Hauptursachen gewesen sein, weshalb die Morgenröte praktischer Erfolge erst am Ende seines Lebens aufzuleuchten begann. Umfassendes Wissen auf weit voneinander abliegenden Gebieten, ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in mathematische und technische Probleme, peinlicher Ordnungssinn in seltsamer Weise gepaart mit künstlerischer Veranlagung, die besonders im Zeichnen und Aquarellieren ihren Ausdruck fand, scharfe Beobachtungsgabe und unermüdlicher Fleiß waren das Rüstzeug für sein Wirken. Im Gespräch zeigte er sich wortkarg, aber was er sagte, war von Gewicht. In seiner äußeren Erscheinung war er schlank, sehnig, hochgewachsen. Nur ein, gleich dem seinen, durch Sport gestählter Körper vermochte jene Anstrengungen zu ertragen, die er sich bei seiner Arbeit zumutete, die ihn auch im hohen Alter oft bis fünf Uhr morgens an seinen Zeichentisch fesselte. Schwimmen, Rudern, Wandern waren seine Lieblingserholung. Alljährlich pflegte er drei Wochen im Hochgebirge zuzubringen. Noch als Siebziger ging er nicht selten am selben Tag von Wien nach Korneuburg und zurück. Neunundsiebzig Jahre alt durchschwamm er, wie so oft in jüngeren Jahren, ohne Begleitung die große Donau. Fritz Franz Maiers Eltern, der k. k. Regimentsarzt Dr. Franz Xaver Maier und dessen schöne Gattin Marie, geborene Schweiger, entstammten beide alteingesessenen angesehenen Wiener Bürgergeschlechtern. Er hat sich auch immer als Wiener gefühlt, obgleich seine Wiege, die er mit einer Zwillingsschwester teilte, in Znaim an der Thaya gestanden hatte. Dort schlägt er zum erstenmal am 19. Juli 1844 die Augen auf, teilt dann das Wanderschicksal so vieler Soldatenkinder. In Pola verlebt er frühe Kindheitstage, kommt nach Mailand, Verona, Mantua, schließlich nach Venedig, wo er das Meer näher kennen und lieben lernt, und wo er auch den Entschluß faßt, Schiffbauingenieur zu werden; entgegen den Absichten des Vaters, dem für seinen Sohn die Soldatenlaufbahn vorgeschwebt hatte, von der dieser aber nichts wissen wollte. Im Schotten- gymnasium zu Wien erwirbt er sich humanistische Bildung. Dann nimmt ihn die Technische Hochschule in Wien auf. Emo Descovicii: Fritz Franz Maier und seine Schiffsform. 193 Gelegentlich einer Kahnfahrt auf der Donau fällt dem jungen Studenten auf, daß das auf dem Wasser schwimmende Laub nur zum Teil seitlich abgewiesen wird, zum Teil aber unter dem Boot hindurchtaucht und am Heck gänzlich durchnäßt wieder her vor wir beit. Eingedenk des Satzes vom geringsten Widerstand folgert er daraus, daß für diese Blätter der bequemste Weg an der Unterseite des Fahrzeuges verlaufen müsse, daß es daher im Schiffbau vor allem darauf ankäme, dem lebenden Werk jene Form zu geben, die einen gleichmäßigen Abfluß aller Wasserfäden gestattet. Dieser Gedanke, einmal gefaßt, verläßt ihn nicht mehr, und ist bestimmend für seinen Lebensgang. Sein Schiff sollte nicht so sehr das Wasser zerteilen, als vielmehr darüber hinweggleiten. Ein Fahrzeug von dreieckigem Querschnitt würde ein Ausweichen aller Wasserfäden in der Ebene, in der sie sich gerade befinden, ermöglichen, während bei den üblichen Spantformen jedes Wasserteilchen am Vorschiff auch niedertauchen und am Achterschiff hochtauchen muß, also zusätzliche Arbeit verbraucht, die dem Vortrieb entzogen wird. Der Dreiecksquerschnitt, der eine außerordentliche Steifigkeit des Schiffes zur Folge hätte, läßt sich aber nicht ohne weiteres anwenden. Es muß ein Kompromiß geschlossen werden. Daß die Suche nach ihm nur auf Grund reicher Erfahrungen möglich sei, war Maier von Anfang an vollkommen klar. Von der Ingenieurprüfung weg tritt er in die Werft vorm. Tonello (Stabilimento Technico) in Triest ein, geht dann nach Amerika, wo er auf den berühmten Klipperwerften, auf denen die besten Segelschiffe jener Zeit entstanden, vier Jahre lang arbeitet, und auf mancher Sturmesfahrt unter Segel die hohe Bedeutung guter Schiffsformen für die Seetüchtigkeit schätzen lernt. In die Heimat zurückgekehrt, verbringt er zwei Jahre als Schiffskonstrukteur auf der Werft H. Schönichen in Neupest, wird erster Direktor der 1877 gegründeten Materialprüf- und Versuchsanstalt in Steyr. Nach sechs Jahren verläßt er den Staatsdienst, um für ein halbes Jahr bei Ringhoffer in Prag-Smichov einzutreten. Dann wandert er neun Jahre lang in Schottland und England von Werft zu Werft. Da ruft die Heimat. In einer Audienz ernennt ihn Kaiser Franz Joseph zum Vertreter Österreichs in der Internationalen Studienkommission zur Untersuchung der Schiffbarkeit der Flüsse Sibiriens. Zwei Jahre lang durchstreift Maier dieses ungeheure Land. Seine dort gewonnenen Erfahrungen verwertet er als Leiter der Flußregulierung in Bosnien und Herzegowina. Dort entstehen seine als ,,unkenterbare Drinaboote“ bekannten Fahrzeuge. Und da packt ihn seine Schiffsformidee wieder mit ganzer Macht. Um ihr allein dienen zu können, verfolgt er auch eine Reihe von ihm stammender Erfindungen auf anderen Gebieten nicht weiter, und läßt die ihm erteilten Privilegien, z. B. jene für einen Ringfilter und für neuartige Kesselrohre, verfallen. Nun findet er auch Zeit einen Hausstand zu gründen. 1898 vermählt er sich mit der um sechsundzwanzig Jahre jüngeren Agnes Paweletz, gleich ihm einer Wiener Bürgerfamilie entsprossen. Seinen Wohnsitz schlägt er in der damaligen Eisengasse auf, die nunmehr den Namen seines Freundes Wilhelm Exner trägt. Zu seinen Freunden zählte auch der Begründer des schiffbautechnischen Versuchswesens William Froude, mit dem er in regem Briefwechsel stand, und für dessen Ansichten er sich begeisterte. Geschichte der Technik, H. 1. 13 194 Emo Descovich Im Jahre 1905 ist die neue Schiffsform konstruktiv so ausgereift, daß der von Haus aus wohlhabende Erfinder auf eigene Kosten Modellschleppversuche in der Versuchsstation des Norddeutschen Lloyd in Bremerhaven vornehmen läßt, in deren Leiter, Ingenieur Bruckhoff, er einen Freund fürs Leben gewinnt. Die MAiER-Modelle zeigen gegenüber den normalen Formen eine Widerstandsverminderung von 15 bis 25 v. H. Keine Werft wagt aber die praktischen Schlußfolgerungen daraus zu ziehen, obgleich im selben Jahre dem Erfinder auch das erste Patent auf seine Schiffsform erteilt worden war. Immerhin kann er auf der Werft Decout- Latour für den Großindustriellen Mercedes- Jellinek das Rennboot „Mercedes D. L.“ bauen lassen. Bei den in völlig ruhiger See zu Monaco abgehaltenen Wettfahrten des Jahres 1906 muß es sich, zur schweren Enttäuschung Maiers, mit einem bescheidenen Platz begnügen. Im folgenden Jahr aber läßt es im Handicap bei schwerem Wetter alle Mitbewerber weit hinter sich. Auch dieser Beweis für die vorzüglichen See-Eigenschaften und damit verbundenen großen praktischen Vorteile der neuen Schiffsform genügt nicht, um eine Werft zu veranlassen, das Risiko zu übernehmen, sie dem Bau eines größeren Fahrzeugs zugrundezulegen. Endlich findet sich eine Hamburger Werft dazu bereit. Der Ausbruch des Weltkrieges läßt sie ihre Absicht wieder aufgeben. Nun kommt ein Auswertungsvertrag mit der Bodenkreditanstalt zustande; im Februar 1917 wird ein neues Patent erteilt. Maier reist nach Pola, wo es ihm gelingt, die Unterstützung des Konteradmirals Holub zu gewinnen. 1918 wird ein Maiertender der k. u. k. Kriegsmarine mit solchem Erfolg erprobt, daß der Bau zweier Torpedoboote nach Maier beschlossen wird. Die Ausführung hat der Zusammenbruch verhindert. Diesen hat der 74jährige Erfinder in Pola miterlebt. Enttäuscht, doch ungebrochen, trifft er nach vielen Schwierigkeiten am 3. November in Wien ein. Hier findet er beim Leiter der Korneuburger Werft der Donaudampf Schiffahrtsgesellschaft, Ingenieur Pammer, Verständnis. In der Wiener schiffbautechnischen Versuchsanstalt untersuchte Modelle für Donauwarenboote zeigen eine Verminderung des Wuderstandes um 12%. Gebaut wird aber keines. Maier sucht nun in Hamburg und Bremen neue Verbindungen mit Werften. Ein Brand vernichtet das Ergebnis achtmonatiger angestrengter Konstruktionsarbeit. Sie muß wiederholt werden, bringt technischen Erfolg, doch keine Verwertung. 1921 kehrt der alte Mann wieder nach When zurück. Die Inflation vernichtet sein Vermögen. Glücklicherweise können ihn seine beiden bereits im Erwerbsleben stehenden Söhne Erich und Werner unterstützen. Erich löst auch im Jahre 1924 den Vertrag mit der Bodenkreditanstalt, so daß sein Vater über seine Erfindung wieder frei verfügen kann. Gelegentlich eines Besuches in Triest gelingt es diesem Mitte 1926 mit dem Stabilimento Technico einen Verwertungsvertrag für Italien zu schließen. In der Folge widmet sich F. F. Maier der Konstruktionsarbeit für das kürzlich in Dienst gestellte Fahrgastschiff „Victoria“; mit seinem Modell angestellte Vergleichsversuche zeitigen gute Ergebnisse. Im März des gleichen Jahres war von der deutschen Regierung ein Wettbewerb für ein Fährschiff der Linie Kiel—Korsör ausgeschrieben worden. Der aus der k. u. k. Marineakademie hervorgegangene Assistent der Hamburger Schiffbauversuchsanstalt Diplomingenieur H. K. Kloess konstruierte nach den Angaben Fritz Franz Maier und seine Scliiffsform. 195 des Erfinders auch ein Maiermodell. Es erwies sich dem besten der sieben geschleppten Normalmodelle, die von vier der hervorragendsten Werften stammten, um 24% überlegen. Das veranlaßte Blohm & Voss studienhalber zu dem bereits in Bau befindlichen Dampfer „Europa“ auch ein Maiermodell schleppen zu lassen. Die Widerstands Verminderung betrug 11%. Die Nachricht von diesem großen Erfolg traf mit der Morgenpost des 16. Dezember 1926 in der Wohnung Maiers ein. Zwölf Stunden vorher war er dort, über seine Zeichnungen gebeugt, einem Leuchtgasunfall zum Opfer gefallen. Eine ungeheure Tragik liegt darin, daß der trotz seinem hohen Alter noch immer ungemein rüstige Mann jetzt, da der große Erfolg wirklich in greifbare Nähe gerückt war, von dieser Welt scheiden mußte. Seinem Versprechen eingedenk, unternahm sein Sohn Erich den Versuch, das Werk des Vaters nun doch in die Wirklichkeit umzusetzen. Vierzehn Tage nach dessen Hinscheiden begab er sich nach Italien. Da die Schiffbautätigkeit dieses Landes damals daniederlag, wandte er sich sofort nach Norddeutschland, wo er im März 1927 einen Vorvertrag mit der Deutschen Schiff- und Maschinenbau A. G. Bremen abschloß und den bereits genannten Dipl. Ing. H. K. Kloess zum Mitarbeiter gewann, der auch die technische Leitung der später gemeinsam mit der Deschimag gegründeten Maierschiffsformverwertungsgesellschaft m. b. H. übernahm. Die genannte Bremer Werft schritt noch vor endgültigem Vertragsabschluß zu Vergleichsversuchen, auf Grund deren sie zwei Motorboote — im Längenverhältnis 1 : 4 verkleinerte Fischdampfer — baute, von denen eines Maierform erhielt. Mit Ausnahme der Spantform waren sie einander völlig gleich, auch hinsichtlich der Gewichtsverteilung. Durch zahlreiche Vergleichsfahrten in ruhiger und bewegter See konnte die Überlegenheit der Maierform gegenüber der Normalform erhärtet werden. Das Wesen der Maierform besteht darin, daß die mehr oder weniger geraden, unter einem bestimmten Winkel zur Waagrechten geneigten Spantenteile zueinander parallel sind. Dadurch werden gegenüber der Normalform um rund 6% kürzere Ablaufwege und eine bessere Heranführung des Wassers an den Hauptquerschnitt erzielt. Am weit ausladenden Bug bilden sich an Stelle der viel Energie verbrauchenden kompakten Bugwellen verhältnismäßig niedrige Hohlwellen, sogenannte Schleierwellen, die wenig Energie verbrauchen. Die glatten Abflußwege bewirken einerseits eine Verringerung, der Reibung, anderseits eine gleichmäßigere Druckverteilung an der Außenhaut, und dadurch Abb. 1. Ing. Fritz Franz Maier, geb. in Znaim am 19. Juni 1844, gest. zu Wien am 15. De zember 1926. 13 ’ 196 Emo Descovicii eine günstigere Ausbildung des Eigenwellensystems. Es werden daher sowohl der Reibungswiderstand wie der Form widerstand, aus denen sich der Gesamtwiderstand des Schiffes zusammensetzt, vermindert. Infolge der keilförmigen Gestaltung des Vorschiffes wächst dessen Querschnitt nach oben zu sehr stark an. - WELLENVERLAUF BEI HOHER GESCHWINDIGKEIT --— WASSERLINIE BEI STILL- STEHENDEM SCHIFF WASSERF&DENl oim Abb. 2. Schematische Skizzen der normalen Schiffsform und der Maierform. Bei der normalen Schiffsform sind die einzelnen Querschnitte durch allgemeine Kurven begrenzt. Sie nehmen vom mittleren Teil des Schiffes, das fast quadratischen Querschnitt aufweist, gegen die beiden Schiffsenden an Steilheit immer mehr zu. Die an sie gelegten Tangenten sind zu einander unter verschiedenen Winkeln geneigt. Bei der Maierform sind dagegen die korrespondierenden Teile der Spanten zu einander parallel. Die Grundform der Maierspanten ist das Dreieck. Die Oberfläche des lebenden Werkes ist bei gleichem Verdräng kleiner wie bei der Normalform. Die Abflußwege der Wasserfäden sind bei der Maierform kürzer, die Reibung ist geringer. Durch die eigenartige Bugform wird hier das Wasser in ganz leichten Schleierwellen abgewiesen. Man vergleiche in diesen schematischen Zeichnungen den Verlauf der Wasserfäden an den beiden Schiffskörpern unter Wasser und an der Wasseroberfläche. Die dick ausgezogenen Linien zeigen den Verlauf des Kammes der von den Schiffen bei der Fahrt aufgeworfenen Wellen. Während sich der scharfe Bug von Normalschiffen in von vorne kommende schwere Seen tief einbohrt, sie dann übernimmt, von ihnen überflutet und noch tiefer gedrückt wird, weist die Maierform sie ab, und taucht nie so tief ein, daß Brecher auf Ueck gelangen. Dadurch wird der Fahrtverlust bei schwerem Wetter ungleich geringer, außerdem sind die Stampfbewegungen viel milder, das Hochtauchen der Schrauben tritt seltener ein, Schub und Antrieb bleiben gleichmäßiger. Überdies ist der Aufenthalt auf einem Maierschiff wegen des schwächeren Stampfens angenehmer. Fritz Franz Maier und seine Scliiffsform. 197 Bei den erwähnten Vergleichsfahrten der beiden Modellboote benötigte das nach der Maierform gebaute zur Erreichung der gleichen Geschwindigkeit in ruhigem Wasser eine wesentlich geringere Maschinenleistung w T ie das normal gebaute. Bei Seegang eilte das Maierschiff bei in dieser Weise abgestimmten Maschinen dem anderen weit voraus. Nun entschloß sich die „Nordsee“, Deutsche Hochseefischerei Bremen - Cuxhaven, drei Fischdampfer nach der Maierform in Auftrag zu geben. Im Frühjahr 1928 machte der erste von ihnen, „Weißenfels“, seine Probefahrten. Die Ergebnisse der Modellversuche fanden ihre volle Bestätigung. Fs zeigten sich aber starke Rollbewegungen. Man schob sie der Maierform in die Schuhe. Die Reederei hatte Änderungen in der Gewichtsverteilung vornehmen lassen. Nach langen Verhandlungen ließ sie sich bewegen, hier Wandel zu schaffen. Damit war der Fehler behoben. In der Praxis erwies sich das Schiff als so gut, daß die flllllH 1 ' ' fase Abb. 3. Das Maierschiff „Colombia" vor dem Stapellauf. y-jr> v Abb. 4. Die Fahrt der „Ile de Beaute". „Nordsee“ im Laufe der nächsten Jahre noch weitere acht Fischdampfer nach Maier in Dienst stellte. In den Winter 1927/28 fällt dann die Gründung der Verwertungsgesellschaft und die Anmeldung weiterer Patente, die jetzt bereits erteilt sind. 198 Emo Descoyich: Fritz Franz Maier und seine Schiffsform. Ab 1929 entschlossen sich deutsche, holländische, französische Reedereien auch große Fracht- und Fahrgastschiffe — bis zu 19300 Tonnen Verdräng — nach Maier bauen zu lassen. Sie bewährten sich in der Praxis. Ihre Kapitäne berichteten über vorzügliches Verhalten und geringen Fahrtverlust bei Seegang, gute Manövereigenschaften, höhere Geschwindigkeit bei ruhigem Wasser und verminderten Betriebstoffverbrauch in anerkennender Weise. Es kam nun auch zu Maierbauten in England und den Vereinigten Staaten, wohin sich im Winter 1930 der jüngere Sohn des Erfinders Werner begeben hatte, um die American Maiershipform Company zu gründen. Ungefähr gleichzeitig gelang es Erich Maier mit Hilfe der Rotterdamer Werft Wilton seine schon früher gefaßte Idee, vorhandene Schiffe nach Maier umzubauen, in die Wirklichkeit umzusetzen. Hiebei wird der Bug auf ungefähr 3% der Gesamtschiffslänge abgeschnitten und durch einen Maierbug ersetzt. Als erstes Schiff wurde die ,,Slamat‘ des Rotterdamschen Lloyd von 17 600 Tonnen Verdräng in dieser Weise abgeändert. Die damit verbundene Verlängerung des Rumpfes ergab einen Laderaumgewinn von 4% und eine noch bedeutendere Vermehrung der freien Decksfläche. Mit der ursprünglichen, 9000 Pferdestärken entwickelnden Maschine konnte eine Geschwindigkeitssteigerung von 16,2 auf 17,8 Knoten in ruhigem Wasser erzielt werden. Bei Beibehalt der ursprünglichen Geschwindigkeit ergibt dies die Möglichkeit, die Umbaukosten in anderthalb bis zwei Jahren zu amortisieren. Zur Zeit des Abschlusses dieses Berichtes, Anfang März 1932, schwimmen 35 Maierschiffe von zusammen weit über 200000 Tonnen Verdräng. Weitere sind im Bau. Die Idee Fritz Franz Maiers hat sich durchgesetzt. Ihrem Schöpfer, auf den stolz zu sein sein Vaterland alle Ursache hat, gebührt ein Ehrenplatz in der Geschichte des Schiffbaus. Quellenangaben. Berichte von Schiffahrtsgesellschaften und Kapitänen von „Maierschiffen“ aus den Jahren 1928 bis 1932. Kloess H., „Modellversuche mit der Maierschiffsform“ in „Werft, Reederei, Hafen“ 1929, Heft 6. Brühl W„ „Versuche und Erfahrungen mit der Maierschiffsform“ in Zeitschrift des Vereines deutscher Ingenieure, 18. I. 1930. Descovich E., „Sturmsichere Ozeanschiffe“, in „Neue Freie Presse“, 9. III. 1930. — „Die Maierschiffsform“, „Frohes Schaffen“, Bd. 7, Nov. 1930. Kloess H., „Wirtschaftlichkeit von Hochseefischdampfern nach der Maierschiffsform“, in „Industrie- u. Wirtschaftsbeilage der Weser-Zeitung“, 15. II. 1930. „The Maierform of hüll“, in „Lloyds List & Shipping Gazette“, 7. V. 1930. „Le paquepot de luxe sur la Corse“, „Ile de Beaute“, in Sondernummer von „Journal de la Marine marchande“, 28. VIII. 1930. „Fischdampfer nach der Maierschiffsform“ (Broschüre der Maierschiffsform-Verwertungsgesellschaft m. b. II., Bremen 13). Vorträge Ericii F. Maiers im Österr. Rundfunk, im Österr. Verein deutscher Ingenieure und im Technischen Museum in Wien (Februar 1932). Mündliche und schriftliche Mitteilungen der Witwe und der Söhne des Erfinders. Mündliche Mitteilungen von Sektionschef W. Exner und F. Jellinek-Mercedes. 1 Mitteilungen und Berichte. Gründungsgeschichte des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. Von Sektionschef Dr. Sigmund Brosche. Anläßlich der Verstaatlichung des Technischen Museums wurde in der Generalversammlung des „Vereines Technisches Museum“ am 13. Dezember 1921 von Seite des Regierungs Vertreters Sektions- chef Dr. S. Brosche der folgende Bericht über die Gründungsgeschichte der Anstalt erstattet: „Um die für Österreich in dieser Form ganz neuartige Institution eines Technischen Museums zu verwirklichen, war das Zusammentreffen einer ganzen Reihe von Voraussetzungen notwendig; vor allem die Macht der Idee, die Eignung der zu ihrer Durchführung bestimmten Personen, der Zug der Zeit und schließlich ein äußerer Anlaß. Hätte es auch nur an einer dieser Voraussetzungen gefehlt, so wäre das Museum niemals zustande gekommen. Die Idee eines Museums technischer Richtung war an sich bekannt, solche Museen bestanden schon seit längerer Zeit in Frankreich und England; aber bis zum Beginne dieses Jahrhunderts war die Zeit nicht reif, um solche Gedanken in Österreich in die Wirklichkeit umzusetzen. In einem Staate, wie im Österreich des vergangenen Jahrhunderts, konnte der Plan des Technischen Museums nicht i TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE WIEN, XIII MARIAHILFERSTR. 212 200 Sigmund Brosche Boden gewinnen, denn das damalige Österreich war vorwiegend ein Agrarstaat mit feudalem Einschlag unter bureaukratischer Leitung, in dem die Industrie mehr nach althergebrachten Methoden als auf wissenschaftlich-technischer Grundlage arbeitete. Es ist klar, daß in solcher Zeit die Schaffung eines Technischen Museums unmöglich war und es kann deshalb nicht wundernehmen, daß, als der seiner Zeit weit vorauseilende Geist Wilhelm Exners im Jahre 1873 die Errichtung eines derartigen Museums in Angriff nehmen wollte, seine Anregung keine Unterstützung fand. Wohl hat er ein kleines Museum, das ,Museum der österreichischen Arbeit“, zustande gebracht, das einige wertvolle Objekte enthielt, aber ein großzügiges Unternehmen konnte er nicht ins Leben rufen, weil der Geist der Zeit dagegen war. Ebenso wie die später entstandenen Spezialmuseen, das Eisenbahnmuseum, das Postmuseum und das Gewerbehygienische Museum war auch das Museum der Österreichischen Arbeit sozusagen ein Museum mit Ausschluß der Öffentlichkeit. Es wußte niemand von diesen Museen, ihre Besucherzahl war lächerlich gering, und viel kümmerlicher noch war ihre Unterbringung. Erst als Österreich zum Industriestaate emporblühte, als es die ungeheure Bedeutung des technischen Fortschrittes für die Volkswirtschaft erkannte und würdigte, erst als das glänzend eingerichtete Deutsche Museum in München von Österreichern besucht und sein Wert auch hier schätzen gelernt wurde; erst dann gewann die Idee des Technischen Museums die Macht, um zur Verwirklichung zu gelangen. Ein äußerer Anlaß bot sich durch das sechzigjährige Begierungsjubiläum Kaiser Franz Josef I. Es sind nun gerade 16 Jahre her, als eine Abordnung des Elektrotechnischen Vereines in Wien unter der Führung des verstorbenen Ing. L. Gebhard und des Hofrates Ing. Carl Schlenk bei mir im Handelsministerium erschien und Generaldirektor Dr. Ing. Georg Günther als der Sprecher der Abordnung mitteilte, daß der Elektrotechnische Verein beschlossen habe, ein Technisches Museum in Wien zu errichten, und die Notwendigkeit einer Unterstützung und Subventionierung von Seite der Regierung durch überzeugende Gründe nach wies. Es war mir von vorneherein klar, daß ein einzelner Fachverein, auch von so besonderer Bedeutung wie der Elektrotechnische Verein, zu schwach sei, um ein solches Riesenprojekt durchzuführen und ebenso war es ausgeschlossen, für ein solches Unternehmen eine hinreichende Staatssubvention zu erlangen. Der Gedanke war aber auf fruchtbaren Boden gefallen und ließ den Wunsch entstehen, ihn in die Tat umzusetzen. — In den nächsten Tagen spielte sich eine andere Angelegenheit ab, die mit dem Museumsprojekt scheinbar in keinem Zusammenhang stand. Anläßlich des Regierungsjubiläums des Kaisers war vom Niederösterreichischen Ge wer be verein die Veranstaltung einer Gewerbe- und Industrieausstellung geplant. So sehr dieses Unternehmen anfangs von allen beteiligten Kreisen, insbesondere auch von der Regierung unterstützt worden war, stellten sich ihm doch bald allerlei Hindernisse in den Weg. Die ursprünglich freundliche Haltung der Regierung schlug allmählich in das Gegenteil um und sie erteilte mir als Referenten den Auftrag, die Abhaltung der bereits in Angriff genommenen Ausstellung zu verhindern. Der strikte Auftrag der Regierung mußte vollführt werden und es zeigte sich dabei, daß es unter Umständen leichter sein kann, eine Ausstellung zu veranstalten, als sie zu verhindern. Der Gedanke, statt einer vorübergehenden Ausstellung eine dauernde Ausstel- Gründungsgeschichte des Technischen Museums. 201 lung in der Form eines Technischen Museums ins Leben zu rufen, schien mir eine goldene Brücke sowohl für die Veranstalter der Ausstellung als auch für die Idee des Technischen Museums zu bilden, zumal da diesem Unternehmen nunmehr auch jene Unterstützung der Regierung zuteil werden müßte, die sie ursprünglich der unliebsam gewordenen Ausstellung zugesichert hatte. In der Überzeugung, daß das weitreichende Museumsprojekt nur dann durchführbar sei, wenn die gesamte Industrie Österreichs daran mitarbeitet, wandte ich mich an den Obmann des damaligen ständigen Ausschusses der drei zentralen Industrieverbände, Dr. Arthur Krupp. Herr Krupp war mit den Vorschlägen vollständig einverstanden, und mit dem ganzen Gewichte seiner hervorragenden Persönlichkeit setzte er sich bei den industriellen Verbänden für die Durchführung des Planes ein. Nun war an die Organisation eines Komitees zu schreiten, welches die ganze Angelegenheit in die Hände nehmen sollte. Seine Zusammensetzung war von selbst gegeben: Die industriellen Verbände mußten als Gründer des Technischen Museums den Grundstock bilden; der Gewerbeverein, als Veranstalter der Ausstellung, war die zweite Gruppe und die dritte Gruppe stellte der Elektrotechnische Verein dar, von dem die erste Anregung ausgegangen war. Zum Glück war die persönliche Zusammensetzung dieses vorbereitenden Komitees eine so vorzügliche, daß durch sie alle Schwierigkeiten überbrückt werden konnten. Nur dadurch, daß Dr. Arthur Krupp an die Spitze dieses Komitees trat und der Gewerbeverein so außerordentlich klug war, nicht nur seinen Präsidenten, sondern kurz nach der Konstituierung des Komitees auch seinen Ehrenpräsidenten Ing. Dr. W. Exner in das Komitee zu entsenden, ist das Technische Museum zustande gekommen. Hiebei muß ich auch dankbar meiner damaligen Mitarbeiter gedenken, namentlich des späteren Staatssekretärs Dr. Löwenfeld-Russ und des Ministerialkonzipisten und jetzigen Außenministers Dr. Grünberger. Die erste Aufgabe des vorbereitenden Komitees war die Besorgung der finanziellen Mittel, denn ohne diese war an die Ausführung eines solchen Unternehmens nicht zu denken. Binnen kürzester Zeit war durch Sammlung der Betrag von K 4000000 aufgebracht und dieser Erfolg war ausschließlich der Tätigkeit des Finanzreferenten Herrn Hugo v. Noot zu danken, der mit bewundernswerter, liebenswürdiger Hartnäckigkeit auch die zugeknöpftesten Taschen zu erschließen wußte. Selbstverständlich war es auch notwendig, eine Staatssubvention zu erwirken. Nach unendlichen Mühen ist es gelungen, vom Staate die Zusicherung zu erreichen, daß er geneigt sei, 30 v. H. der Gesamtkosten des Museums im Höchstbetrage von l 1 /, Millionen Kronen zu widmen. Diese Widmung wurde an die Bedingung geknüpft, daß aus den Museumsgeldern die Vorauslagen der Gewerbeausstellung, welche den Betrag von l /z Million Kronen bereits überschritten hatten, gedeckt werden. Weiters wandte man sich an die Gemeinde Wien, die dem Unternehmen eine Million Kronen und den Baugrund zusicherte, auf dem das Museum heute steht; sie bewahrte der Anstalt ihr lebhaftes Interesse und ihre wertvolle Unterstützung bis auf den heutigen Tag. Die Widmung der Gemeinde Wien war aber gleichfalls an eine eigenartige Bedingung geknüpft; es durfte nämlich aus dem Zuschüsse der Gemeinde und überhaupt aus den Geldern des Museums auch nicht ein Heller für die Vorauslagen der Gewerbeausstellung verwendet werden. 202 Sigmund Brosche Man stand also hinsichtlich der Staatssubvention und der Gemeindesubvention zwei entgegengesetzten Bedingungen gegenüber, konnte aber natürlich weder auf die eine noch auf die andere Subvention verzichten. Nachdem die Vorauslagen der Ausstellung unter allen Umständen gedeckt werden mußten, blieb kein anderer Ausweg übrig, als das Geld dafür anderweitig zu beschaffen. Ohne in die Einzelheiten dieser Aktion einzugehen, kann festgestellt werden, daß der gesamte Schuldenstand der Ausstellung getilgt, kein Heller den Museumsgeldern entnommen und auch die Geldsammlung für das Museum hiedurch nicht beeinträchtigt wurde. Die Beschaffung der für die Errichtung des Museums erforderlichen bedeutenden Geldmittel wäre aber unmöglich gewesen, wenn ihr nicht der Anlaß des 60 jährigen Kaiserj ubiläums zur Seite gestanden wäre. Der vom Kaiser ausgesprochene Wunsch, das seltene Fest nur durch wohltätige und gemeinnützige Akte zu begehen, war der Ansporn zu den großen Widmungen, die dem Technischen Museum zuteil wurden. Daß bei einem Unternehmen von dem Umfange und der Neuartigkeit des Technischen Museums große Widerstände zu überwinden waren, daß dabei der Kampf gegen das, was Götter selbst vergebens bekämpfen, gegen Unverständnis, gegen übermäßige Sparsamkeit, der Kampf gegen Eitelkeit, Gleichgültigkeit, Übelwollen, persönliche Gehässigkeit zu bestehen war, ist selbstverständlich. Die nächste wichtige Aufgabe war die Vergebung des Baues des Technischen Museums. An der Spitze des Baukomitees stand Generaldirektor Dr. Ing. Georg Günther; der Bau selbst wurde von Oberbaurat Hans Schneider ausgeführt. Der Grundstein des Unternehmens wurde im Beisein des Kaisers Franz Josef I. am 20. Juli 1909 gelegt und das Gebäude war im Jahre 1913 fertiggestellt. Die Vollendung des Baues in verhältnismäßig so kurzer Zeit war das Werk des Generaldirektors Günther, der mit kaum glaublicher Zähigkeit und Energie trotz zahlloser Hindernisse und Schwierigkeiten die Beschleunigung und rasche Vollendung der Bauarbeiten erzwang. Ohne ihn wäre man mit dem Bau in die Kriegszeit hineingekommen, hätte denselben später unmöglich fertigstellen können und stünde heute vor einer Ruine, nicht aber vor einer vollendeten Hochburg der Technik. Die weitere Aufgabe war die Inneneinrichtung und die Sammlung von Museumsgegenständen. Der berühmte Altmeister der Technik Dr. W. Exner als Obmann des Organisationsausschusses und an seiner Seite der Direktor des Museums Hof rat Ing. L. Erhard, der von Anbeginn mit unvergleichlicher Selbstlosigkeit und Arbeitsfreudigkeit am Werke teilnahm und dessen Genialität in der Fülle origineller Ideen bei der Schaffung, Anordnung und Ausgestaltung der Schausammlungen augenfällig wird, haben in der Bewältigung dieser schwierigsten, umfangreichsten und das größte Geschick erfordernden Arbeit Großartiges geleistet. Sie haben zunächst den geistvollen Grundplan des Museums geschaffen, dann durch Verwendung einer großen Anzahl von Mitarbeitern aus den Kreisen der Wissenschaft und der Praxis Fachkonsulentenkollegien für die einzelnen Abteilungen gebildet und diese Organismen sachkundig und zielbewußt geleitet. Die Aufopferung, mit der sich die Fachkonsulenten der Ausgestaltung der einzelnen Abteilungen hingaben, war bewundernswert, und auch ihnen ist das Zustandekommen des Museums, wie es ist, zu danken, ebenso wie den zahlreichen Unternehmungen und Industriellen, die dem Museum äußerst kostbare und wertvolle Schaustücke gewidmet haben. Insbesondere ist Gründungsgeschichte des Technischen Museums. 203 auch der Wirksamkeit des Stadtbaudirektors a. D. Dr. Ing. Heinrich Goldemund zu gedenken, der mit dankenswerter Tatkraft und Umsicht an den Arbeiten für das Museum teilgenommen hat. Die Anerkennung gebührt endlich, aber nicht zuletzt auch der kleinen Schar von Beamten und Angestellten des Museums, die trotz der Wirren des Weltkrieges in ihrer Arbeitsfreude und ihrer Hingabe an die Ziele des Museums nicht erlahmten. Wenn mich Exner einmal den Vater des Museums genannt hat, so muß ich leider diesen Ehrentitel ablehnen. Das Technische Museum für Industrie und Gewerbe in Wien ist nicht das Kind eines Vaters, sondern das Ergebnis des Zusammenwirkens einer Reihe vaterländisch gesinnter Männer zur Verherrlichung der technischen Errungenschaften. Da nunmehr das Technische Museum seine Selbständigkeit und juristische Persönlichkeit aufgab und in den Staatsbetrieb überging, so möge ihm auf seinem Wege in die Staatsverwaltung der Wunsch folgen, daß dieses kostbare Kulturgut, geleitet von seinen bisherigen Führern, auch weiterhin blühe und gedeihe!“ Anhang. Das Kuratorium des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. Nach der im Jahre 1922 erfolgten Verstaatlichung des Technischen Museums wurde vom Bundesministerium für Handel und Verkehr ein Kuratorium mit je dreijähriger Funktionsdauer seiner Mitglieder eingesetzt. Dieser Körperschaft gehören gegenwärtig die folgenden Kuratoren und Beiräte an: Präsidium. Vorsitzender: Dr. Ing. A. Krupp; Stellvertreter: Sektionschef Dr. S. Brosche, Dr. Ing. G. Günther, Amtsführender Stadtrat K. Richter. Kuratoren: Generalpostdirektor Sektionschef A. Aigner, Generaldirektor Dr. Ing. A. Apold, Präsident Bergrat Ing. Dr. 0. Böhler, Baurat Ing. P. Bret- schneider, Generaldirektor, Kommerzialrat Ing. A. Demmer, Sektionschef Ing. P. Dittes, Vizebürgermeister G. Emmerling, Unterstaatssekretär a. D. Sektionschef Ing. B. Enderes, Museumsdirektor i. R. Hofrat Dr. Ing. L. Erhard, Sektionschef Ing. G. Gelse, Stadtbaudirektor a. D. Dr. Ing. H. Goldemund, Minister a. D. Ing. E. Homann-Herimberg, Sektionschef Ing. R. Holenia, Sektionschef Dr. L. Joas, Kommerzialrat J. Kremenezky, Sektionschef Ing. 0. Kunze, Sektionschef Dr. E. Loebenstein, Exzellenz 0. v. Miller, (Deutsches Museum), München, Hofrat Prof. Dr. Ing. L. Oerley, Hofrat Dr. E. Palla, Hofrat H. Partisch, Sektionschef Dr. A. Pöschmann, Oberbaurat Dr. F. Quidenus, Zentralgewerbeinspektor Ministerialrat Ing. V. Rissel, Vorsitzender der österreichischen Zentralstelle für Unfallverhütung Dr. Th. Schneider, Verwaltungsrat der Firma Schoeller- Bleckmann A. G. Ph. Schoeller, Gemeinderat J. Schorsch, Hofrat Dr. F. Schu- 204 Institutsleitung. bert-Soldern, Bundeskanzler a. D. E. Streeruwitz, Handelskammerrat Kommerzialrat A. Streicher, Bundesminister für Justitz Dr. H. Schürfe, Gemeinderat L. Thaller, Handelskammerrat Kommerzialrat Dr. 0. Waldstein, Sektionschef l)r. J. Weinczierl, Generaldirektor E. Weissenstein, Minister a. D. Ing. H. Zerdik. Beiräte: Kommerzialrat C. Dörr, Direktor a. D. Ing. E. Karel, Direktor der städt. Gaswerke Ing. E. Menzel, Direktor a. D. Ing. L. Spängler, Sektionschef a. D. Dr. 0. Steindl, Ministerialrat Dr. J. Schmidt, Hofrat Dr. 0. Rameis. Verein zur Förderung des Technischen Museums und der angegliederten Institute Wien, XIII., Mariahilferstraße 212. Dieser Verein hat die Aufgabe, das Technische Museum und die angegliederten Institute in fachlicher und finanzieller Hinsicht zu fördern und in der Erreichung ihrer Ziele zu unterstützen. Der Verein zählt gegenwärtig 632 Mitglieder und überweist alljährlich Zuschüsse an das Technische Museum und an das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik. Die Vereinsleitung ist gegenwärtig wie folgt zusammengesetzt: Obmann: Sektionschef a. I). Dr. S. Brosche, Obmann-Stellvertreter: Stadtbaudirektor a. D. Dr. Ing. H. Goldemund, Schatzmeister: Zentraldirektor Ing. Th. Pierus, Schriftführer: Ministerialrat Ing. V. Schützenhofer, Referent und Geschäftsführer: Hofrat Dr. Ing. L. Erhard, Rechnungsprüfer: Hofrat Ing. J. Zoller, Direktor Ing. M. Gabriel, Prokurist L. Fi all a . Mitglieder: Generaldirektor Dr. Ing. A. Apold, Professor M. Ferstel, Präsident Dr. Ing. G. Günther, Dr. Ing. A. Krupp, Dr. H. Miller-Aichholz, Stadtrat K. Richter, Präsident R. Schoeller, Sektionschef Dr. J. Weinczierl, Staatssekretär a. D. Ing. H. Zerdik. Das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik. Aktenmäßig dargestellt von der Institutsleitung. Um der Geschichte der Technik auch in Österreich den gebührenden Platz einzuräumen, empfahl Präsident Dr. W. Exner 1 die Errichtung einer Lehrkanzel für Geschichte der Technik an der Technischen Hochschule zu Wien, und der Xiederösterreichische Gewerbeverein verlieh dieser Anregung seines Ehrenpräsidenten alsbald in einer am 21. Februar 1928 abgehaltenen Versammlung der Industriesektion, an der auch Vertreter der Technischen Hochschule Wien teilnahmen, besonderen Nachdruck. 1 Wilhelm Exner, geboren zu Gänserndorf, N.-Ö., am 9. April 1840, gestorben zu Wien am 24. Mai 1931. Das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte (1er Technik. 205 Das Professorenkollegium der Technischen Hochschule kam nach eingehender Beratung dieses Antrages zu dem Schluß, es sei wegen der zu großen Verschiedenheit der zu behandelnden Fachgebiete zweckmäßiger, die Pflege und Lehre der Technikgeschichte, so wie bisher, den Vertretern der einzelnen Fakultäten zu überlassen. Verheißungsvoller als eine Lehrkanzel wäre dagegen die Errichtung eines Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik, das schon mit einem bescheidenen Stabe besoldeter Fachkräfte und gestützt auf einen Kreis freiwilliger Mitarbeiter wertvolle Ergebnisse für die Technikgeschichte zeitigen könnte. — Der ausführliche Bericht des Professorenkollegiums vom 4. Mai 1928 wurde den zuständigen Bundesministerien und den beteiligten Fachverhänden bekanntgegeben und bildet sohin den Ausgangspunkt für jene Maßnahmen, die schließlich zur Gründung eines Institutes für Geschichte der Technik führten. Zunächst faßte nun der zweite Verbandstag der Österr. Ingenieur- und Archi- tekten-Vereinigungen am 17. Dezember 1928 folgende Entschließung: ,,Der Verbandstag empfiehlt die Errichtung eines Österreichischen Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik am Technischen Museum zu Wien und beantragt den Ausbau des Denkmalschutzes hinsichtlich der Erhaltung technischer Kulturdenkmale.“ Die Bundesregierung nahm diese Anregungen zur Kenntnis und, nachdem sich auch das Unterrichtsministerium und die Akademie der Wissenschaften im gleichen Sinne geäußert hatten, forderte das Bundesministerium für Handel und Verkehr mit dem Erlasse vom 6. Februar 1929 die Direktion des Technischen Museums auf, einen Bericht über diese Angelegenheit zu erstatten. Der damalige Museumsdirektor, Hofrat Dr. Ing. L. Erhard, verfaßte daraufhin eine Denkschrift über die Aufgaben und Ziele, die Einrichtung, die Kosten und die Aufbringung der Mittel der geplanten Anstalt. Ein Auszug aus dieser Denkschrift vom 4. März 1929 wurde gedruckt und allen beteiligten Kreisen zur Kenntnis gebracht. Nunmehr nahm auch der Niederösterreichische Gewerheverein seine Arbeiten wieder auf und veranstaltete am 24. März 1930 eine Enquete, bei der die Grundlinien der zugunsten des Forschungsinstitutes zu leistenden Vorarbeiten festgelegt und namentlich die Bildung von 30 Fachgruppen zur Sicherstellung des Forschungsstoffes sowie die Aussendung von Fragebogen beschlossen wurde. Zur Durchführung obiger Beschlüsse setzte der Niederösterreichische Gewerbeverein ein ,, Komitee zur Errichtung eines Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik und Industrie in Österreich“ ein, welches am 24. April 1930 eine Versammlung abhielt, der eine Sitzung des Subkomitees für Photographie und Druckerei am 20. April 1931 folgte. Bis zur Gründung des Forschungsinstitutes hat der Niederösterreichische Gewerbeverein seine vorbereitenden Arbeiten weitergeführt und besonders durch die Sammlung der Fragebogen und durch einschlägige Erhebungen wertvolles Material sichergestellt, das dem neu errichteten Institute übergeben wurde. — Eine besondere Freude wurde dem Präsidenten Exner dadurch zuteil, daß anläßlich der Feier seines 90. Geburtstages der Schöpfer des Deutschen Museums in München, Exzellenz Dr. 0. v. Miller, ihm zu Ehren am 11. April 1930 im Nieder- österr. Gewerbeverein einen Vortrag über „Technische Kulturdenkmale“ hielt. Mittlerweile trat ein Ereignis ein, das die etwas ins Stocken geratene Angelegenheit des Forschungsinstitutes neuerdings in Fluß brachte. Der Verein Deutscher 206 Institutsleitung. Ingenieure (V. D. I.), die größte technisch-wissenschaftliche Vereinigung der Welt, hielt nämlich zum ersten Male seine Hauptversammlung außerhalb der Grenze des Deutschen Reiches Mitte September 1930 in Wien ab. Dadurch wurde die Aufmerksamkeit der maßgebenden Stellen neuerdings auf die Geschichte der Technik hingelenkt, die vom V. D. I. und seinem verdienten Direktor, Prof. Dr. Ing. C. Matschoss, eifrig und erfolgreich gepflegt wird. Die Hauptversammlung bot auch dem Österreichischen Verein Deutscher Ingenieure (Ö. V. D. I.) den willkommenen Anlaß, in den erlesenen, von der Unterrichtsverwaltung und der Direktion freundlichst zur Verfügung gestellten Räumen der Graphischen Sammlung „Albertina“ in Wien eine Ausstellung „Österreichs Technik in Dokumenten der Zeit“ durchzuführen. Diese vielbeachtete Ausstellung, die zum ersten Male eine nach technischen Gesichtspunkten getroffene Auswahl von technischen Darstellungen und Urkunden aus staatlichen Museen, Archiven, Büchereien und privaten Sammlungen umfaßte, bot eine nützliche Vorarbeit für das zu errichtende Forschungsinstitut dar. An der im Festsaal der „Albertina“ am 19. September 1930 abgehaltenen Fachsitzung über „Geschichte der Technik“ beteiligten sich Unterrichtsminister Prof. Dr. H. Srbik und Handelsminister Dr. F. Schuster persönlich und bei der Begrüßungsfeier im großen Saal des Musikvereines verkündete Bundespräsident W. Miklas den versammelten tausend reichsdeutschen und österreichischen Ingenieuren, daß die österreichische Regierung trotz der großen Not der Zeit einen entsprechenden Bestandsbeitrag für das zu gründende Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik in den Staatsvoranschlag für 1931 eingesetzt habe. Nun erfolgte die entscheidende Wendung im Werdegang des Institutes durch einen Beschluß des Kuratoriums des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien, welches unter dem Vorsitz seines Präsidenten Dr. Ing. A. Krupp auf eine Einladung des Handelsamtes hin in seiner Sitzung am 16. Juni 1930 der räumlichen Angliederung des Forschungsinstitutes an das Technische Museum zustimmte, einen Voranschlag für die einmaligen Einrichtungs- und die jährlichen Betriebskosten aufstellte, einen Arbeitsausschuß zur Durchführung der nötigen Arbeiten einsetzte und die ehrenamtliche Führung des Institutes durch einen berufenen Fachmann in die Wege leitete. Der neuernannte Arbeitsausschuß des Kuratoriums trat zum ersten Male am 7. März 1931 unter dem Vorsitz des hochbetagten Präsidenten Dr. W. Exner zusammen, der bei dieser Gelegenheit den Anwesenden die Pflege des Forschungsinstitutes als seinen letzten Wunsch und Willen ans Herz legte. Am 24. Mai 1931 endete das an Arbeit und Erfolg so reiche Leben dieses Altmeisters der Technik. In der am 2. Juni 1931 abgehaltenen zweiten Sitzung des Arbeitsausschusses wurden dann die Herren: Hofrat Dr. K. Holey, o. ö. Professor der Technischen Hochschule und Generalkonservator der Denkmale, zum Vorsitzenden, Unterstaatssekretär a. D. Ing. B. Exderes zum Stellvertreter und der mittlerweile zum Institutsleiter ehrenamtlich bestellte Museumsdirektor i. R. Hof rat Dr. Ing. L. Erhard zum Referenten gewählt. Das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik. 207 Dem Arbeitsausschuß gehören außerdem die nachstehend angeführten Vertreter von Ämtern und Körperschaften als Mitglieder an: Bergrat Dr. Ing. 0 . Böhler (Niederösterreichischer Gewerbeverein), Baurat Ing. P. Bretschneider (Österreichischer Verein Deutscher Ingenieure), Generaldirektor Ing. A. Demmer (Hauptverband der Industrie Österreichs), Sektionschef Ing. P. Dittes (Elektrotechnischer Verein), Sektionschef Ing. B. Enderes (Österreichischer Ingenieur- und Architekten- Verein), Hofrat Dr. Ph. Forchheimer (Akademie der Wissenschaften, Mathematisch- naturwissenschaftliche Klasse), Sektionschef Ing. G. Gelse (Bundesministerium für Handel und Verkehr, Technische Sektion), Präsident Dr. Ing. H. Goldemund, Stadtbaudirektor a. D., Hofrat Prof. R. Halter (Freie Vereinigung für technische Volksbildung), Prof. Dr. L. Hauska (Hochschule für Bodenkultur), Sektionschef Dr. Loebenstein (Bundesministerium für Unterricht), Professor Dr. Ing. L. Oerley (Technische Hochschule Wien), Sektionschef Ing. 0 . Rotky (ad personam), Hofrat Dr. F. Schubert-Soldern (Bundesdenkmalamt), Ministerialrat Ing. V. Schützenhofer (Technisches Museum), Minister a. D. Prof. Dr. H. Srbik (Akademie der Wissenschaften, Philosophischhistorische Klasse), Dr. Ing. W. Vogl (Verein österreichischer Chemiker), Sektionschef Dr. J. Weinczierl (Bundesministerium für Handel und Verkehr, Industriepolitische Sektion), Schriftführer: Ministerialrat Ing. E. Merlicek. In der gleichen Sitzung genehmigte der Arbeitsausschuß das Statut des „Österreichischen Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik“, welches satzungsgemäß seinen Sitz am Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien hat und der Aufsicht der Bundesministerien für Handel und Verkehr und für Unterricht unmittelbar untersteht. Die Hauptaufgabe des Institutes bildet die Pflege der Geschichtsforschung auf technischem Gebiete unter besonderer Berücksichtigung der technischen Kultur Österreichs. Zu diesem Zwecke sind Quellennachweise zur Geschichte der Technik zu sammeln, eine technisch-historische Bibliographie zu verfassen und die Archive und Zentralstellen staatlicher Betriebe sowie industrieller und gewerblicher Unternehmungen nach Beweisstücken für bedeutsame österreichische Erfindungen und Leistungen auf dem Gebiete der Technik zu durchforschen, der Sammlungsbestand der österreichischen Museen an wichtigen technischen Objekten aufzunehmen, die technischen Kulturdenkmale Österreichs zu verzeichnen und geschichtlich-wissenschaftlich zu bearbeiten und das technische Versuchswesen zur Feststellung über die Beschaffenheit, das Alter und die Herkunft von Gegenständen, die für die Geschichte der Technik von Bedeutung sind, heranzuziehen. Ferner sind die Lebensbilder von Pionieren der Technik und Industrie festzuhalten, ein Archiv aus dem Nachlaß hervorragender Techniker anzulegen, bei der Verfassung der „Österreichischen Biographie“ mitzuwirken und auch die 208 Julius Leisching jeweiligen Gipfelleistungen der zeitgenössischen Technik zu vermerken, um durch derartige und andere einschlägige Forschungsarbeiten eine fortlaufende Geschichte der Technik vorzubereiten, welche namentlich über den Entwicklungsgang in Österreich von ihren Anfängen an urkundlichen Aufschluß zu geben hat. Folgende Einrichtungen dienen insbesondere der Erfüllung dieser Aufgaben: 1. Eine als Zentralnachweis dienende Kartothek über technisch-geschichtliche Urkunden, über biographische Angaben aus Österreich, über technische Objekte in öffentlichen Museen oder privaten Sammlungen und über die technischen Kulturdenkmale Österreichs. 2. Eine technisch-geschichtliche Bücherei mit einer Urkunden-, Bilder- und Plansammlung im Anschluß an die Bücherei des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien. 3. Vorträge und Veröffentlichungen auf technisch-historischem Gebiete, im besonderen die Herausgabe eines Jahrbuches des Institutes. Die Erhaltungskosten des Institutes werden durch Bestandsbeiträge öffentlicher und privater Stellen, durch Zuschüsse des „Vereins zur Förderung des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien und der angegliederten Institute“ und durch sonstige Einnahmen, wie Erlöse für Arbeiten, Veröffentlichungen des Institutes u. dergl., aufgebracht. Ein altes Wendeltreppen-Modell im Salzburger Museum. Von Direktor Julius Leisching. Das Salzburger Stadtmuseum Carolino Augusteum verwahrt in seiner „Kunstgewerbehalle“ das reizvolle Modell einer dreiteiligen Wendeltreppe aus Holz. Auf viereckigem niedrigem Sockel ruht ein kreisförmiger Unterbau, der in drei Stufen ansteigt und eine hohle, durchbrochene Spindel trägt. Um sie legen sich seltenerweise drei im Kreise ansteigende Wendeltreppen. Ihre Aufgänge sind von der untersten Stufe an getrennt und durch drei ganz gleichartige Geländer flankiert. Die eigentliche Wendeltreppe zählt auf jeder der drei Läufe je 15 Stufen; die drei obersten enden in gleicher Höhe und laufen sich hier naturgemäß tot, obwohl nach jeder der drei Seiten ein Ausgang vorgesehen ist. Über eine durchbrochene Abschlußwand blickt man auf die nächste Teiltreppe hinüber. Es handelt sich ja offenbar nicht um das Modell einer irgendwo wirklich ausgeführten Treppe, sondern um eine Art Meisterstück, das phantasievolle Spiel eines erfinderischen Kopfes. Darauf deutet auch die liebevoll in jeder Einzelheit durchgebildete Ausarbeitung. Jede der drei Treppenwangen ist in einer anderen Musterung gehalten: die eine als durchbrochenes Stabwerk, die zweite durch Baluster, die dritte durch eine merkwürdigerweise gotisierende Bandverschlingung. Die durchbrochen gearbeitete, hohle Spindel ist in ihrem oberen Schaft kanelliert und von einem geschnitzten Palmbaum bekrönt, dessen Blätter kaskaden- Ein altes Wendeltreppenmodell im Salzburger Museum. 209 artig in zwei Stufen herabhängen. Damit ist auch die stilistische Einreihung erleichtert. Wie diese palmartige Bekrönung deutet nämlich auch die ganze Profilierung und Musterung der Treppenwangen auf die Josefinische Zeit, die wir als Louis seize-Stil zu bezeichnen pflegen, obwohl uns die Regierungszeit Kaiser Josefs II. eine bequemere Datierungshandhabe bietet. Tatsächlich trägt das Modell auf dem Unterbau auch eine gravierte Metall- platte mit der Jahreszahl 1786 samt dem Namen: „Georg Laschenzky Senior H. L. u. bürgl. Baumeister“. Die Laschen zky waren nun schon seit jenem Jahre in erzbischöflichem Dienste in Salzburg. Jener „Senior“ ist 1757 in Wien geboren und seit eben jenem Jahre 1786 in Salzburg nachweisbar, schließlich Hofbaumeister des letzten regierenden Erzbischofs Colloredo und Stammvater einer bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hier heimischen Baumeisterdynastie. Ihr ist eine Fülle wertvoller alter Architekturzeichnungen und theoretischer Architekturwerke zu verdanken, deutsche und italienische des 16. und 18. Jahrhunderts, die als Schenkung der Laschenzky in unser Museum Carolino Augusteum gekommen sind. Vielleicht hat sich Johann Georg Laschenzky durch dieses jedenfalls eigenartige Modell auch bei dem Erzbischof einzuführen gesucht; denn gewiß war darin Kühnheit der Konstruktion und technisches Geschick zu erkennen. Seine Maße sind groß genug gehalten, um auch dem Laien Einblick zu gewähren. In der Höhe mißt unser Modell mit dem Unterbau 106 cm, die eigentliche Höhe der Treppe selbst ist 54 cm, der Durchmesser der Spindel 9 cm, die Stufenlänge 12 cm. Freilich steht unsere dreiteilige Treppe nicht allein: auch die berühmte Modell- sammlung der Stadt Augsburg besitzt ein ähnliches Modell in der großartigen Sammlung alter Haus- und Turmmodelle, die auf die Zeit des berühmten Rathauserbauers Elias Holl zurückgehen und heute eine besondere Sehenswürdigkeit des Augsburger Maximilianmuseums bildet. Diese ebenfalls dreiteilige Augsburger Wendeltreppe ist bei weitem älter als die unsrige; Elias Holl selbst hat sie um 1620 für den „Wasser-Turm“ in Augsburg entworfen. Als dann am Ende des 19. Jahrhunderts die Zunahme der Touristik die Errichtung eigener „Aussichtstürme“ auf Bergeshöhen wünschenswert machte, hat man sich begreiflicherweise damit begnügt, nur zwei Läufe übereinander zu legen, Geschichte der Technik, H. 1. 14 210 Adolf Bihl um das Hinauf- und das Herabgehen größerer Menschenmassen trotz kleinstem Grundriß abwickeln zu können. Aber auch für diese technische Neuerung besitzen wir bekanntlich in Österreich ein berühmtes Vorbild: die schöne, doppelläufige Wendeltreppe aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, in spätgotischem Stile also, auf der Burg von Graz. Bibliographie zur Geschichte der Technik Österreichs. Im Aufträge des Forschungsinstitutes zusammengestellt von Dr. Adolf Bihl. Als Ergänzung zu den wissenschaftlichen Aufsätzen werden die „Blätter für Geschichte der Technik“ in Hinkunft Beiträge zur Bibliographie zur Geschichte der Technik Österreichs bringen, wobei eine Einteilung nach folgenden Gesichtspunkten vorgenommen werden soll: Allgemeine Industrie- und Gewerbegeschichte Österreichs; Technisches und gewerbliches Unterrichtswesen, technische Forschungs-, Versuchsund Erprobungsanstalten, technische Museen und Sammlungen; Land- und Forstwirtschaft; Berg- und Hüttenwesen; .Maschinenbau und Elektrotechnik; Bauwesen (Hochbau, Wasserbau, Straßen-, Eisenbahn- und Brückenbau); Verkehrswesen (Straßenfahrzeuge, Eisenbahnbetriebsmittel, Schiffahrt, Luftfahrt, Post, Telegraph, Telephon, Radiotechnik); Holzbearbeitung; Metallbearbeitung; Waffen und Kriegstechnik; Industrie der Steine und Erden (Keramik und Glasindustrie); Papierindustrie; Graphische Industrie; Industrie der Faserstoffe und Bekleidungsgewerbe, Lederindustrie; Chemische Industrie; Industrie der Nahrungs- und Genußmittel; Gesundheitstechnik (Wasserversorgung, Bäderwesen, Kanalisation, Abwasserreinigung, Beleuchtung, Beheizung und Lüftung); Arbeiterschutz und Gewerbehygiene, Fabrikgesetzgebung; Feuerwehr- und Rettungswesen; Sonstige, in diese Gruppen nicht einzureihende Gebiete der Technik (wie Bühnentechnik, Musikinstrumente usw.). Zunächst folgt ein Auszug aus der Allgemeinen Industrie- und Gewerbe- gescliiclite Österreichs: Album der Ind. des Reichenberger Handelskammerbezirks, herausgegeben v. A. Ax- sciiirixger, 2 Bde., Reichenberg 1858. Angerer J. u. Leciileitner H. Bergbau und Hüttenwesen, Gewerbe, Industrie und Handel in Tirol und Vorarlberg. (Die österr.-ungar. Monarchie in Wort u. Bild, 7. Tirol u. Vorarlberg, S. 585 bis 600.) Wien 1893. Arbeitsthätigkeit, Die, in Österreich und ihre Gegner. Wien 1857. Bibliographie zur Geschichte der Technik Österreichs. 211 Beer A. Studien zur Geschichte der österr. Volkswirtschaft unter Maria Theresia; I. Teil: Die österr. Industriepolitik. (Archiv f. österr. Geschichte, 81. Bd., S. 1 bis 135.) Wien 1895. Beitrag zur Kenntnis der Gewerbs-Industrie im illyrischen Küstenlande. (Jahrbücher d. k. k. Polytechn. Instituts in Wien, 5. Bd., S. 149 bis 165) Wien 1824. Beytrag, Ein, zur Berichtigung der ITrtlieile über die Industrie in den deutschen Erbländern des österr. 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Manzsche Huchclruckerei, Wien IX. TECHNISCHES MUSEUM FÜR INDUSTRIE UND GEWERBE WIEN XIII, MARIAHILFER STR ASSE 212 Die großangelegten Sammlungen des Museums veranschaulichen in 30 Fachgruppen durch Originalapparate, Maschinen und Modelle mit Vorführungseinrichtungen die Entwicklung der Produktions= und Verkehrstechnik unter besonderer Hervorhebung des österreichischen Anteils an dieser Entwicklung. Lichtbilder- und Filmvorträge. Eintritt: 50 Groschen. Führungsplan: 10 Groschen. Besuchszeiten: Täglich geöffnet So. Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. Ohne Führungszwang 9-13 — — 9-12 — — 13-17 Führungen — 10-12 15-17 10-12 15—17 15—17 10-12 15-17 10-12 15-17 10—12 ÖSTERREICHISCHES FORSCHUNGSINSTITUT FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK WIEN XIII, MARIAHILFER STR ASSE 212 Das im Jahre 1931 dem Technischen Museum angegliederte Institut hat die Geschichte von Industrie und Gewerbe in Österreich zu durchforschen, die technischen Kulturdenkmale des Landes zu verzeichnen und den Anteil Österreichs an der Entwicklung der Technik durch die »BLÄTTER FÜR GESCHICHTE DER TECHNIK« in zwangloser Folge darzustellen. VEREIN ZUR FÖRDERUNG DES TECHNISCHEN MUSEUMS UND DER ANGEGLIEDERTEN INSTITUTE WIEN XIII, MARIAHILF ER STR ASSE 212 Jahresbeitrag für Einzelpersonen.S 6. — für Körperschaften und Gesellschaftsfirmen , S 30. — Wer dem Verein als Mitglied angehört, fördert nicht bloß das Technische Museum und das ihm angegliederte Forschungsinstitut für Geschichte der Technik, sondern er erwirbt dadurch überdies folgende Vorteile, die der Verein seinen Mitgliedern bietet: 1. Freien Eintritt zu den Schausammlungen und Vorträgen im Technischen Museum, 2. freie Benützung der Museumsbücherei, 3. ermäßigten Bezug der »Blätter für Geschichte der Technik«. Es ergeht daher der Ruf an alle Fachkreise: Tretet dem Förderungsverein des Technischen Museums bei und unterstützt dadurch die gemeinnützigen Kulturbestrebungen des Museums und des Österreichischen Forschungsinstitutes für Geschichte der Technik! Verlag von Julius Springer in Wien Lebensbilder führender österreichischer Poly~ techniker. Von Wilhelm Exner. Mit 7 Bildnissen. 63 Seiten. 1927. RM 2.70 Eine Sammlung von Biographien, welche die Tätigkeit hervorragender Polytechniker an der Wiener Technischen Hochschule im 19. Jahrhundert würdigen und aus ihrem Lebenswerk Erkenntnisse für die Entwicklung des Ingenieurwesens in der Gegen» wart ableiten. Wilhelm Exner / Erlebnisse. 256 Seiten. RM 12 .- In Geschenkeinband RM 13.— t