Aufsatz 
Geschichte der Donauregulierung bei Wien / von Viktor Thiel
Entstehung
Seite
121
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Geschichte der Donauregulierung bei Wien . 1

Von

Generalstaatsarchivar Dr. Viktor Thiel, Graz.

Mit 5 Abbildungen.

Während oberhalb Wiens durch die Talbildung zwischen dem Kahlengebirge und dem Bisamberg, unterhalb Wiens durch die Enge zwischen dem Leithagebirge und den kleinen Karpathen die Natur den Lauf der Donau vorgezeichnet hat, war der Strom bis zur jüngsten Regulierung in der Ebene bei Wien sich frei überlassen. Er teilte sich in viele Arme, die infolge von Geschiebeablagerungen und Bildung von Sandbänken fortwährende Veränderungen ihres Laufes erfuhren. Sogar der Hauptarm der Donau wechselte im Laufe der Jahrhunderte allmählich sein Bett. Bei Hochwässern und Eisgängen endlich war durch die ungezügelte Elementarkraft des Stroms die Ebene bei Wien schutzlos der Verwüstung preisgegeben. In der Wiener Nationalbibliothek befindet sich ein Plan von Wien, den 1706 Oberst Leander An- guissola verfaßt hat. Er gibt ein Bild der Stadt und ihrer Vorstädte nach der 1704 erfolgten Anlage der Linien wälle; er ist der älteste Plan, der uns über die Lauf­verhältnisse der Donau im Weichbild der Stadt nähere Auskunft gibt.

Die Verwilderung des Stroms setzte seiner Verwertung als Handelsweg bedeu­tende Schwierigkeiten entgegen. Hierunter litt vor allem die Entwicklung des Wirtschaftslebens in Wien. Ist doch die Donau die natürliche Hauptverkehrsader, die von Süddeutschland nach Osteuropa führt und liegt doch Wien gerade im Schnittpunkt der von der deutschen Nordküste über die Weißkirchner Senke zur Adria führenden Verkehrslinie. So setzt denn auch die Geschichte der Donauregu­lierung bei Wien schon in den Zeiten ein, als die Stadt durch die kluge Handels­politik Leopold des Glorreichen (f 1230) und Friedrich des Schönen (f 1330) zu einem Hauptstapelplatz und Niederlagsort für allen donauabwärts gehenden Verkehr geworden war. Es ist ein Jahrhunderte dauerndes mühseliges Ringen menschlicher Technik mit der Elementarkraft des Stroms; bedeutende Opfer wurden von Seite des Staatswesens, der Stände des Landes und der Bürgerschaft der Stadt im Dienste dieser Kulturaufgabe gebracht. Gleichwohl waren die erzielten Erfolge bis tief in das 19. Jahrhundert hinein stets nur gering und von kurzer Dauer; die Bewältigung des Problems schien eine Danaidenarbeit zu sein. Daß man trotz aller Mißerfolge den Gedanken der Regulierung nicht fallen ließ, läßt ermessen, einem wie tief­gehenden Bedürfnis er entsprang.

1 Des Näheren verweise ich auf meine Abhandlung: Geschichte der Donauregu­lierungsarbeiten bei Wien, im Jahrbuch d. Vereins f. Landeskunde von Niederösterreich 1903 und 1905.