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Thyrsenblut.
Von
Ing. Dr. Franz Sedlacek.
Mit 6 Abbildungen.
Das Wort Ölschiefer wurde ursprünglich für zumeist schiefrige, unmittelbar mit Erdöllagerstätten in Verbindung stehende und daher mit Erdöl erfüllte Gesteine gebraucht. Als während des Krieges und hauptsächlich in den ersten Jahren nachher die Verarbeitung bituminöser Gesteine größeres industrielles Interesse erlangte, erfuhr der Begriff Ölschiefer insoferne eine Erweiterung, als man darunter Gesteine verschiedener Art, außer Schiefer auch bituminöse Mergel, Kalke, Dolomite usw r . verstand. Ist also die Bezeichnung „Schiefer“ petrographisch nicht immer gerechtfertigt, so muß auch darauf hingew'iesen werden, daß die Vorausstellung des Wortes „Öl“ nicht etw'a bedeutet, daß diese Gesteine Öl enthalten, sondern daß aus ihnen durch Destillation ein Öl gewonnen w'erden kann. Denn das Bitumen selber ist fest. Die nach der Herkunft verschiedene Zusammensetzung der Schieferöle ist w r eniger den Verschiedenheiten der Gewünnungsmethoden, als den chemischen Unterschieden der ursprünglichen Bitumina zuzuschreiben. Eine gewisse Sonderstellung in chemischer Hinsicht nehmen die Öle ein, die aus dem sogenannten „Stinkstein“ gewonnen werden, den bituminösen Mergeln, die sich in Nordtirol an den Hängen des Gebirgsstockes der Reither Spitze nächst den Orten Reith, Seefeld und Scharnitz vorfinden. 1 Das dunkelgraue, nahezu schwarze Gestein enthält ein Bitumen, das man sich ähnlich, wie Engler und Höfer es für das Erdöl annehmen, entstanden denkt, also aus den Eiweiß- und Fettstoffen einer in stehenden Gewässern zugrunde gegangenen und abgesunkenen Makro- und Mikrofauna durch einen eigenartigen, Methanderivate und Naphthene liefernden Zersetzungsprozeß, den man mit Potonie als „Bituminierung“ bezeichnet. Fische, deren Abdrücke sich vielfach in diesen Gesteinen finden, sind nach neuerer Ansicht für die Bildung des Bitumens kaum von ausschlaggebender Bedeutung gewesen, da sie gerade in den ölärmsten Schichten angetroffen werden. Doch hat die ältere Meinung, das Schieferöl habe sich aus den Zersetzungsprodukten solcher Fische gebildet, dem aus dem Öle gewonnenen Ichthyol den Namen gegeben (Ichthys = Fisch). Die chemische Besonderheit der Seefelder Schieferöle besteht in ihrem abnorm hohen Gehalt an Schwefel, der in nicht oxydischer Bindung in Form von Thiophen und dessen Homologen vorliegt. Auf diese Thiophenkörper führt man die Heilwirkung der aus dem Öle hergestellten Ichthyolpräparate zurück. Dieser besondere chemische Charakter des Seefelder Öles ist somit auch der Grund für seine schon sehr frühzeitig erfolgte Gewinnung, die in jener Gegend einst eine Art Hausindustrie bildete. Doch soll schon hier bemerkt werden, daß Seefelder Ölschieferprodukte nicht nur medizinische, sondern zu Zeiten auch ziemlich ausgedehnte technische Verwendung fanden.
1 Über Lagerstätten, Chemie und Technologie der Tiroler Ölschiefer vgl. Cfumo Hradil und Heinz v. Falser: „Die Ölschiefer Tirols“. Leipzig 1930, Joh. Ainbr. Barth.