Im Rahmen der Möglichkeiten Überlegungen zum Workshop Diverse Infrastructures? Gender, Queer& the Foundations of Society Sophie Gerber DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.3| GERBER: IM RAHMEN DER MÖGLICHKEITEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 7 Sophie Gerber Im Rahmen der Möglichkeiten Überlegungen zum Workshop Diverse Infrastructures? Gender, Queer& the Foundations of Society ABSTRACT Die zweite Ausgabe des Journal on Gender and Sexuality in STEM Collections and Cultures versammelt die Beiträge des Workshops Diverse Infrastructures? Gender, Queer& the Foundations of Society (6. bis 8. September 2023) im Technischen Museum Wien. In der Zusammenschau der interdisziplinären Perspektiven aus Museum, Forschung und Kunst zeigen sich die Vielschichtigkeit und gesellschaftliche Relevanz von Infrastrukturen ebenso wie Herausforderungen und Möglichkeiten für Museen. CV Sophie Gerber ist Technikhistorikerin, arbeitet seit 2019 am Technischen Museum Wien und betreut dort die Sammlungsgruppen Haushaltstechnik, Nahrungs- und Genussmittel sowie deren Erweiterung, Erschließung und Dokumentation. Darüber hinaus arbeitet sie an Strategien für diversitätsorientiertes, genderinformiertes Sammeln, Ausstellen, Vermitteln und Forschen in Technik- und Wissenschaftsmuseen. 2014 Promotion im Projekt„Objekte des Energiekonsums” von Deutschem Museum und TU München. Ihre Forschungsinteressen umfassen Gender und Queer Studies, materielle Kultur und die Verbindung von Technik-, Konsum- und Alltagsgeschichte. KEYWORDS Museum, Gender, Infrastrukturen, Workshop Sophie Gerber,„Im Rahmen der Möglichkeiten. Überlegungen zum Workshop Diverse Infrastructures? Gender, Queer& the Foundations of Society “, insightOut. Journal on Gender and Sexuality in STEM Collections and Cultures, 2(2024), 6–11, DOI: 10.60531/insightout.2024.2.3 DOI: 10.60531/insightout.2024.2.3 Published under license CC BY-NC-ND 4.0 DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.3| GERBER: IM RAHMEN DER MÖGLICHKEITEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 8 In Infrastrukturen materialisieren sich gesellschaftliche Vorstellungen von Ordnung und Orientierung, während sie gleichzeitig das tägliche Leben strukturieren, das von Gender und Geschlecht durchdrungen ist. Das Technische Museum Wien als aktiver Part eines Netzwerks von Gesellschaft, Kultur, Bildung und Wissenschaft veranstaltete zum dritten Mal den„Vienna Workshop on Gender and Sexuality in STEM Collections“. Vom 6. bis 8. September 2023 waren„Diverse Infrastructures? Gender, Queer& the Foundations of Society” Thema von Vorträgen, Workshops und Führungen. Das Programm spiegelte die zahlreichen Blickwinkel wider, aus denen Infrastrukturforschung stattfindet – darunter(Technik-) Geschichte, STS, Kultur- und Sozialanthropologie, Medientheorie, postkoloniale Theorie, Architektur und Stadtplanung. Im Fokus standen Infrastrukturen als soziotechnische Systeme und immaterielle Netzwerke, die Menschen, Materialitäten, Orte, Institutionen und Dienstleistungen verknüpfen. In Form von z.B. Verkehrswegen, Wasser- und Energieversorgung sowie Kommunikationsnetzen schaffen sie langlebige Strukturen, aber auch Pfadabhängigkeiten. Sie stellen in vielen Fällen die Grundlagen für soziale Funktionen – z.B. Mobilität, Austausch, Kommunikation – zur In einem technischen Museum sind sie allgegenwär- Verfügung, ermöglichen und verhindern sie in tig und doch unsichtbar: Infrastrukturen. In Form anderen und sorgen für das Funktionieren von Gevon Themen wie Mobilität, Energie, Medien oder sellschaft, Wirtschaft und Politik. Durch ihre EinbetAlltag sind sie in Ausstellungen präsent. Als Institu- tung in soziale Strukturen reproduzieren sie geselltionen stellen Museen Infrastrukturen des Wissens schaftliche Wirklichkeiten. und Austauschs ebenso zur Verfügung wie zur Bewahrung, Dokumentation und Vermittlung von Ob- In Infrastrukturen materialisieren sich gesellschaftjekten und Erzählungen. Gleichzeitig bestimmen sie liche Vorstellungen von Ordnung und Orientierung, auch, auf welche Art und Weise – z.B. durch Vermitt- während sie gleichzeitig das tägliche Leben struklungen vor Ort oder digital – und in welchem Aus- turieren, das von Gender und Geschlecht durchmaß – Stichwort: Barrierefreiheit – Besucher_innen drungen ist. So bedeutet die Zuordnung zu einem Zugang zu diesen Ressourcen erhalten. In dieser Geschlecht unterschiedlichen Zugang zu InfrastrukRolle haben Sie die Macht, gesellschaftliche Teilha- turen. Nicht alle profitieren gleichermaßen von Inbe und Repräsentation zu ermöglichen und zu ver- vestitionen in Verkehrs- und Versorgungsnetze und hindern. nicht alle haben die gleichen Bedürfnisse oder nutzen diese Netzwerke gleich. So sehr die Konzeption DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.3| GERBER: IM RAHMEN DER MÖGLICHKEITEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 9 Abb 1: Gemeinsame Diskussion der Vorträge,© Technisches Museum Wien neuer Infrastrukturen ein Ausloten zukünftiger Möglichkeiten bedeutet, so sehr sind diese Prozesse von Machtverhältnissen und Ungleichheit geprägt. Das zeigt sich u.a. darin, dass Gender und sexuelle Vielfalt in der Infrastrukturentwicklung nur selten eine Rolle spielen. Mit dieser zweiten Ausgabe von„insightOut“ wird ein großer und vielfältiger Teil der Beiträge nun zugänglich. Nachdem diese Einleitung erste Ideen vermittelt, leiten Pamela Heilig und Rosalie Lorenz den Band ein und teilen ihre Erfahrungen als Projektassistentin beziehungsweise Vermittler_in im Technischen Museum Wien. Aus eigener Erfahrung und anhand von Fallbeispielen benennen sie Herausforderungen und Ansätze der Vermittlung intersektionaler Inhalte in technikhistorischen Ausstellungen vor dem Hintergrund musealer Infrastrukturen. Über Erkenntnisse im Rahmen des Projekts„Koloniale Infrastrukturen“ am Forschungsinstitut des TMW 1 schreibt Michaela Frauwallner . Frauwallners Forschungsinteresse gilt insbesondere der vielgestaltigen, lang übersehenen Rolle von Frauen der Herero als Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangene beim Bau der Otavibahn während des Völkermords an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908. Die Quellen sind bildlich: Fotografien der Frauen, die von den Kolonialisten und deutschen Soldaten aufgenommen wurden. Diese dienten der Kolonialismusund Kriegspropaganda der Deutschen. Über Forschung im Rahmen des Projekts„Latent Spaces. Performing Ambiguous Data“, die datenzentrierte Gegenwart und die Frage, wie Dateninfrastrukturen sich User_innen zunutze machen und diese ko-konstruieren, erläutert Shusha Niederberger (Zürcher Hochschule der Künste) am Beispiel von Mastodon und Feministischen Servern. Wie machen Infrastrukturen Subjekte, welche Rollen nehmen User_innen ein und wie sieht deren Beziehung zu Technologie aus? Auch im PhD-Projekt von Calvin Lai (TU Darmstadt) steht die Rolle digitaler Infrastrukturen im Mittelpunkt. Anhand der Smartphone-Nutzung marginalisierter Einwohner_innen Hong Kongs untersucht Lai, wie Infrastrukturen beispielsweise während der Covid19-Pandemie persönliche Mobilität einschränkten und ermöglichten. Mittels Interviews gelingt es Lai nachzuvollziehen, dass es Unterschiede abhängig vom Geschlecht der Nutzer_innen gibt und Frauen 1 https://www.technischesmuseum.at/museum/forschungsinstitut/das_museum_im_kolonialen_kontext(20.8.2024) DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.3| GERBER: IM RAHMEN DER MÖGLICHKEITEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 10 Abb 2: Erkundung der Infrastrukturen im Umfeld des Museums, © Technisches Museum Wien öfter von Schwierigkeiten, z.B. hinsichtlich ihrer Bewegungsmöglichkeiten, betroffen sind. Hinsichtlich Behinderung und Alter kommt Lai zum Schluss, dass weder Regierung noch Unternehmen die Ansprüche dieser Nutzer_innengruppen berücksichtigen. Die Infrastrukturen einer weiteren Metropole, dem indischen Kolkata, nahm Swati Guha (ILSR Calcutta) unter die Lupe. Gerade in Bezug auf queere Einwohner_innen böte die Stadt vor allem exkludierende Infrastrukturen – Beispiele reichen von Diskriminierungen aufgrund von Kaste und Religion bis zu Homound Transphobie. Letztere kann nicht zuletzt auf die britische Kolonialgeschichte zurückgeführt werden. Waren trans* Personen im präkolonialen Indien sowie in Mythologie und Literatur sichtbar, wurden und werden sie seitdem kriminalisiert und diskriminiert. Zahlreiche Projekte bemühen sich inzwischen darum, Kolkata zu„queeren”. In eine tschechoslowakische Kleinstadt der Zwischenkriegszeit führt der Beitrag von Libor Denk (Palacký University Olomouc). Urbanisierung und Industrialisierung gingen auch in Nové Mesto na Morave, das als Fallbeispiel gewählt wurde, mit dem Ausbau der Infrastruktur bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts einher. Trotz der Einführung des Frauenwahlrechts 1918 blieben Männer bis auf wenige Ausnahmen die Entscheidungsträger, auch in kommunalen Gremien. Nationen, insbesondere Grenzregionen, sind der Untersuchungsgegenstand von Aswathy Chandragiri und Madhurima Das (BITS Pilani). Wie ändern sich Infrastrukturen, wenn eine Grenze die Region trennt – wie im Falle der neu gezogenen Staatsgrenze von Indien und Pakistan im Punjab? Für die Bewohner_innen sind es zeitliche wie räumliche Herausforderungen, die sich stellen. Die Autorinnen zeigen, dass besonders Frauen und Personen mit geringem Einkommen von infrastruktureller Gewalt betroffen und in ihrer Handlungsmacht eingeschränkt sind, z.B. in Hinblick auf öffentlichen Verkehr. In dem Artikel von Yaman Kouli (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) wird die Nation auf ganz anderer Ebene betrachtet. Kouli versucht, Erklärungsansätze für nationale Eigenheiten hinsichtlich der Vermarktung von Damenunterwäsche historisch nachzuzeichnen. Dafür konzentriert Kouli sich auf die Untersuchung von Marketingstrategien und den damit transportierten Bildern von Weiblichkeit. Wie (un)sichtbar die Unterbekleidung darin ist, scheint sich von Nation zu Nation zu unterscheiden. Können daraus Schlüsse gezogen werden in Hinblick auf Ge- DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.3| GERBER: IM RAHMEN DER MÖGLICHKEITEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 11 schlechterrollen und den gesellschaftlichen Stellenwert von Frauen? Alexandra Corodan (Akademie der bildenen Künste Wien) untersucht Ion Grigorescus Film„Masculin-Feminin“(1976), der im Rahmen des Workshops gezeigt wurde. Corodan fragt danach, wie Gender in dieser „Collage“ transportiert und(de-) konstruiert wird, in der die Beziehung des Filmemachers mit seinem Körper und dessen maskulinen wie femininen Aspekten zentral ist. Dabei sind Grigorescu die – technischen wie politischen –(Infra-)Strukturen, innerhalb derer der Film entstand, sehr bewusst. Spielerisch und performativ haben sich Lia Quirina und Val Holfeld dem Thema genähert. Im Workshop „Hidden in Structure“ machten sie den Teilnehmer_innen die Infrastrukturen innerhalb des Museums bewusst und ließen diese hinterfragen. In ihrem Beitrag reflektieren sie diese Herangehensweise. In der Zusammenschau zeigen die Beiträge nicht nur, was die unsichtbare Macht von Infrastrukturen bedeutet für Alltag, Gesellschaft und das Individuum und welche Möglichkeiten und Einschränkungen sie bietet. Sie schaffen quer durch die Disziplinen zahlreiche Anregungen, vermeintlich starre Strukturen sichtbar zu machen, zu hinterfragen und zukünftige Optionen zu erkunden. Diese Ansätze können für Forschungs-, Vermittlungs- und Ausstellungsprojekte fruchtbar gemacht werden, um den„Rahmen der Möglichkeiten“ auch einmal zu sprengen.