Queering Exhibitions Herausforderungen intersektionaler Vermittlung in technisch-historischen Ausstellungen Pamela Heilig Rosalie Lorenz DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.5| HEILIG, LORENZ: QUEERING EXHIBITIONS_ INSIGHTOUT 2(2024) 19 Pamela Heilig, Rosalie Lorenz Queering Exhibitions Herausforderungen intersektionaler Vermittlung in technisch-historischen Ausstellungen ABSTRACT „Queering Exhibitions“ behandelt Schwierigkeiten und Lösungsansätze in der Konzeption und Durchführung intersektionaler Vermittlungsformate. Ausgangspunkt der Auseinandersetzung ist die Frage danach, wie in der Vermittlung Bezüge zu Themen, Kontexten oder Narrativen hergestellt werden können, die systematisch unterrepräsentiert sind. Dabei eröffnen sich für eine intersektionale Vermittlung eine Vielzahl an strukturellen Herausforderungen, die stark mit der Infrastruktur der Ausstellungen und des Museums zusammenhängen. Mittels Sara Ahmeds Theorien des„queerings“ und der„orientation devices“ werden folgende Fragen diskutiert: Wie reden wir über Abwesenheiten, wenn die Diskriminierung, die wir thematisieren möchten, durch Auslassung erfolgt? Inwiefern erlauben die vorhandenen Ausstellungsobjekte die Neu-Orientierungen der Besucher_innen(und Mitarbeiter_innen)? Und wie gehen wir mit der Reproduktion von Normen in unserer Vermittlungsarbeit um? CV Pamela Heilig(sie/ihr) studierte Kunstgeschichte in Wien und York. Sie ist seit 2022 als Projektassistenz im Technischen Museum Wien tätig. Als freischaffende Kulturarbeiterin widmet sie sich mit Contemporary Matters der Etablierung von niedrigschwelligen Zugängen zu Kunst. Pamela Heilig lebt und arbeitet in Wien. Rosalie Lorenz(sie/eins) studiert künstlerisches Lehramt an der Akademie der bildenden Künste, Wien, und ist seit 2021 in der Kulturvermittlung des Technischen Museum Wiens tätig. Eins befasst sich insbesondere mit der Implementierung intersektionaler Perspektiven in Kulturinstitutionen. Rosalie Lorenz lebt und arbeitet in Wien. KEYWORDS Intersektionalität, Queering, Sarah Ahmed, Kulturvermittlung, Technikgeschichte, Museumsinfrastruktur Pamela Heilig, Rosalie Lorenz,„Queering Exhibitions: Herausforderungen intersektionaler Vermittlung in technisch-historischen Ausstellungen“, insightOut. Journal on Gender and Sexuality in STEM Collections and Cultures , 2(2024), 18–26, DOI: 10.60531/insightout.2024.2.5 DOI: 10.60531/insightout.2024.2.5 Published under license CC BY-NC-ND 4.0 DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.5| HEILIG, LORENZ: QUEERING EXHIBITIONS_ INSIGHTOUT 2(2024) 20 Und wie reden wir über Abwesenheiten, wenn die Diskriminierung, die wir thematisieren möchten, durch Auslassung erfolgt? die hegemonialen Auslassungen der Institution aufbrechen zu wollen. Dabei ergeben sich eine Vielzahl struktureller Herausforderungen, die stark mit der Infrastruktur einer Ausstellung oder eines Museums zusammenhängen. Wie können wir zum Beispiel eine Besucher_innenführung entwickeln, wenn sich das Narrativ der Vermittlung von dem des Ausstellungsbereiches unterscheidet? Und wie reden wir über Abwesenheiten, wenn die Diskriminierung, die wir thematisieren möchten, durch Auslassung erfolgt? „Queering“ in der Vermittlungsarbeit Wir verwenden den Begriff„queer“ einerseits, um damit alle sexuellen Identitäten und GeEinleitung schlechtsidentitäten abseits der Cis-Heteronorm zu beschreiben. Damit wollen wir sprachlich alle In diesem Paper diskutieren wir 1 Schwierigkeiten und lesbischen, schwulen, bi- und pansexuellen, queeren Lösungsansätze in der Konzeption und Durchführung und questioning, trans, inter, agender, asexuellen, feministischer und intersektionaler 2 Vermittlungsfor- aromantischen und nicht-binären Identitäten, Lemate. Dazu ziehen wir Sara Ahmeds„Queer Pheno- bensweisen und/oder Beziehungen umfassen. Anmenology“ 3 heran sowie Rena Onats„Queere Künst- dererseits verwenden wir„to queer“ auch, um eine ler_innen of Color“ 4 . Bei den besprochenen Fallstudien widerständige Vermittlungspraxis zu beschreiben. handelt es sich um Führungen, die nachträglich konzi- Sara Ahmed folgend verstehen wir„queering“ als piert wurden und teilweise an ältere Ausstellungen an- ein Vorgehen, das einen Ort stört und durcheinanknüpfen. Ausgangspunkt unserer Auseinandersetzung derbringt. 5 „Queer-Sein“ beschreibt demnach einen ist die Frage danach, wie wir in der Vermittlung Be- nicht-normativen Zustand bezogen auf die Umwelt. züge zu Themen, Kontexten oder Narrativen herstel- Diese Umwelt ist ein von Objekten und deren Zulen können, die gesellschaftlich und daher auch in sammenstellung zueinander sowie zur rezipierenKulturinstitutionen systematisch unterrepräsentiert den Person geprägtes Feld.„Queering“ kann sich sind. Die Entscheidung, in unserer Vermittlung auf zum Beispiel auf die Anordnung der Objekte, auf die Geschichte(n) hinzuweisen, die nicht mittels(passen- Grenzen des Feldes oder die Perspektive der rezipieder) Exponate im Museum vertreten sind, rührt daher, renden Person auswirken. 1 Wir, das sind Projektmitarbeiterin Pamela Heilig und Kulturvermittler_in Rosalie Lorenz. Pamela Heilig(sie/ihr) ist eine weiße , cis-heterosexuelle Person und in der österreichischen Mittelklasse aufgewachsen. Rosalie Lorenz(sie/eins) ist eine weiße , queere, nicht-binäre Person und in der österreichischen Mittelklasse aufgewachsen. 2 K. Crenshaw:„Demarginalizing the Intersection of Race and Sex. A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine“, in: University of Chicago Legal Forum 1989(1989), Heft 1, Artikel 8. 3 S. Ahmed: Queer phenomenology. Orientations, objects , others. Durham 2006. 4 R. Onat: Queere Künstler_innen of Color. Verhandlungen von Disidentifikation, Überleben und Un-Archiving im deutschen Kontext . Bielefeld 2023. 5 Ahmed, siehe Anm. 3, S. 158–164. DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.5| HEILIG, LORENZ: QUEERING EXHIBITIONS_ INSIGHTOUT 2(2024) 21 „Queering“ stellt eine Desorientierung dar, und diese zu nutzen, um neue, ungewohnte, spannende oder vergessene und vernachlässigte Orientierungsmöglichkeiten zu bieten, ist ein Ziel unserer Auseinandersetzung in Bezug auf die Wissensvermittlung im Technischen Museum Wien. Laut Sara Ahmed kann die Störung in der Wahrnehmung einer Umgebung durch verschiedene Mittel ausgelöst werden. Etwa dadurch, dass etwas aus dem Hintergrund in den Vordergrund gerückt wird, 6 wie es zum Beispiel bei der Präsentation der Staubsauger in der Ausstellung zur Alltagstechnik passiert (Abb. 1). Diese stellen Gegenstände der„ver-unsichtbarten“ Care-Arbeit dar: Oft als scheinbar belanglos oder alltäglich betrachtet, werden sie hier im Museum als wertvolle Kulturgüter nebeneinander in einer Vitrine ausgestellt. In dieser Art der Darstellung findet eine Verschiebung von Hintergrund und Vordergrund sowie eine zeitliche Gleichstellung statt. In der Vermittlung kann auf das Paradoxon zwischen Gebrauchsgeschichten der Exponate und deren gleichzeitig formaler Erhöhung durch die Darstellung hingewiesen werden, um zum Beispiel die ungleiche Verteilung der Reproduktionsarbeit zu thematisieren und gesellschaftlich marginalisierte Arbeit in den Vordergrund zu rücken. Exponate können in der musealen Vermittlungsarbeit als Anker für Geschichte(n) genutzt werden. Sie bieten die Möglichkeit, sich inhaltlich, aber auch optisch, taktil, akustisch und physisch an ihnen festzuhalten – oder auch, sich thematisch an ihnen zu reiben. Wir können diese Objekte nach Sara Ahmed auch als„orientation devices“ lesen. 7 Rena Onat übersetzt Ahmeds„orientation devices“ als„Orientierungshilfen“ und erklärt, dass sie„dabei helfen sollen, Wege zu finden oder noch viel mehr- Ziele zu finden, Endpunkte, Orte, an denen man ankommen möchte.“ 8 Ausgehend von Ahmeds Theorie von Objekten als„orientation devices“ fragen wir, welche Exponate im Technischen Museum Raum bekommen, welche weniger und was für Orientierungsmöglichkeiten sie jeweils anbieten. Abb. 1: Ausstellungsansicht,„Alltag. Eine Gebrauchsanweisung“,© Technisches Museum Wien 6 Ebd., S. 166–168. 7 Ahmed, siehe Anm. 3, S. 11. 8 Onat, siehe Anm. 4, S. 43. DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.5| HEILIG, LORENZ: QUEERING EXHIBITIONS_ INSIGHTOUT 2(2024) 22 Fallstudie 1: Intersektionale Energiewende Im September 2023 fand der dritte Workshop zu Gender and Sexuality in STEM Collections mit dem Schwerpunktthema Infrastruktur am Technischen Museum Wien statt. Im Zuge dessen wurde eine Führung mit intersektionalem Fokus durch die neu eröffnete Sonderausstellung„Energiewende. Wettlauf mit der Zeit“ von Pamela Heilig konzipiert. Zielgruppe der Führung war demnach ein informiertes Fachpublikum bestehend aus den Konferenzteilnehmenden, bei denen ein gewisses Vorwissen angenommen wurde. Die Führung wurde nachträglich und ergänzend zur Ausstellung entwickelt. Daher kommt es bereits auf baulicher Ebene zu ersten Hindernissen. Die Ausstellung„Energiewende. Wettlauf mit der Zeit“ ist innerhalb des Museums in einem fünfgeschossigen Metalleinbau in der östlichen Halle angesiedelt. Auf den einzelnen Ebenen dieses Turmes ist relativ wenig Platz, was sich besonders negativ auf Führungen mit größeren Personengruppen auswirkt. Um den Besuchenden eine bessere Orientierung zu geben, wird der Ausstellungspfad stark durch die Ausstellungsmöbel und die Leitobjekte strukturiert. Das erschwert es, auf einer physischen Ebene einem Narrativ zu folgen, das nicht bereits in der Architektur berücksichtigt wird. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus dem Ausstellungsthema. Da die Energiewende ein systemisches Phänomen darstellt, gestaltet sich eine Ausstellung zu dem Thema als relativ objektarm. Deswegen werden viele Inhalte durch Infografiken übermittelt. Dadurch ergibt sich eine noch größere Distanz zwischen Besuchenden und Objekterzählung, und diese Distanz muss in der Vermittlungsarbeit überbrückt werden. Gleichzeitig erhöht sie die Relevanz einer intersektionalen Betrachtung. Bei der Energiewende handelt es sich um einen Systemwandel, der von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen getragen wird und diese auch beeinflusst. Thematisch gibt es somit viele Anknüpfungspunkte für eine intersektionale Führung, die diese Strukturen in ihrer Komplexität berücksichtigt. Repräsentation und Auslassung Die Führung beginnt auf der untersten Ebene, in der Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels gegenübergestellt werden. Hier wird unter anderem Aktivismus als wichtiges Element der Klimapolitik genannt. Die Ausstellung gibt durch die Bildauswahl implizit ein weit verbreitetes, jedoch einseitiges Narrativ wieder: bei den proaktiv agierenden Personen handelt es sich um weiße Klimaaktivist_innen aus dem globalen Norden, während Bewohner_innen aus dem globalen Süden ausschließlich als von den Auswirkungen des Klimawandels Betroffene gezeigt werden. Die intersektionale Position setzt hier an und stellt Klimaaktivist_innen aus dem globalen Süden vor, während sie gleichzeitig thematisiert, dass die reichen Bewohner_innen des globalen Nordens den größten CO 2 -Fußabdruck hinterlassen. Der ärmste Teil der Weltbevölkerung sowie Personen aus dem globalen Süden erfahren die stärksten Folgen des Klimawandels, obwohl sie statistisch gesehen das geringste klimaschädliche Verhalten aufweisen. Bei diesem Vergleich hilft eine Infografik in der Ausstellung, die nationale und per Kopf CO 2 -Emissionen gegenüberstellt und genau diese Ungleichheit sichtbar macht. 9 Die systeminhärente Abwesenheit von marginalisierten Stimmen in der Ausstellung/im Museum lässt sich an dieser Stelle sehr überzeugend demonstrieren: Die Vermittlung weist nicht nur auf das Fehlende, sondern auch auf das Fehlen selbst hin. Intersektionalität bietet ein Instrumentarium, um das hier wirksame Zusammenspiel von Klasse, Ethnie, Geschlecht, Race und Religion zu dekonstruieren. Das in den Vordergrund-Rücken von etwas, das an den ge9 T. Gore: Carbon Inequality in 2030. Per capita consumption emissions and the 1.5 ⁰ C goal . Oxford 2021. L. Chancel, P. Bothe, T. Voituriez: Climate Inequality Report 2023, World Inequality Lab Study 2023, 1. DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.5| HEILIG, LORENZ: QUEERING EXHIBITIONS_ INSIGHTOUT 2(2024) 23 sellschaftlichen Rand gedrängt wird, erfordert eine Neuorientierung der Besucher_innen. Der durch dieses„Queering“ erfolgte Perspektivenwechsel betrifft sowohl globale Beziehungen und Positionen einzelner vorgestellter Aktivist_innen als auch die eigene Rolle innerhalb dieses Systems. Ausgehend von der Frage nach den politischen und industriellen Entscheidungstragenden, werfen wir beim Kapitel zum Ausbau des erneuerbaren Stroms einen Blick auf die Geschlechterverteilung in der Energiebranche. Der Anteil an weiblichen Führungskräften und Technikerinnen ist sektorenübergreifend wesentlich geringer als der von Männern.(Unbezahlte) Care-Arbeit, eine Tätigkeit, die in Österreich weiterhin hauptsächlich von Frauen ausgeführt wird, kann als ein ausschlaggebender Faktor genannt werden. 10 Diese Aussagen stützen sich jedoch auf einer Datengrundlage, in welcher nur Frauen und Männer erfasst wurden. Erfahrungen queerer Personen werden in der intersektionalen Führung praktisch nicht abgebildet. In der Vermittlung wird auf diese Leerstelle lediglich verbal hingewiesen. Die Führung ordnet sich diesbezüglich einem heteronormativen Diskurs unter, den es allerdings im gleichen Maße zu kritisieren gilt. Die systemische Ungleichheit im Energiesektor kann auch schwer an Objekten festgemacht werden. Die exemplarische Auswahl an Exponaten steht repräsentativ für die primären Energiequellen grünen Stroms, und somit für die technische Infrastruktur. Wie diese jedoch geleitet wird, übersteigt den Rahmen der Ausstellung. In diesem Fall liegen die Exponate als Orientierungshilfen und die in der Vermittlung gestellte Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe weit auseinander. Um auf die zusätzliche Information(ungleiche Geschlechterverteilung in der Branche) hinzuweisen, muss durch die Vermittlung erst ein Kontext geschaffen werden, der durch die Ausstellung selbst nicht erbracht wird. Die Schwierigkeiten und Chancen, die durch diese inhaltliche Distanz entstehen, werden im folgenden Fallbeispiel„TMW que(e)r gelesen“ näher behandelt. Fallstudie 2: TMW que(e)r gelesen Das Format„TMW que(e)r gelesen“ wurde 2020 von Elliott Steixner und Sophie Gerber ins Leben gerufen, 2022 von Sophie Gerber und Rosalie Lorenz weiterentwickelt und seither zumeist im Rahmen des Pride Monats geführt. 11 Ausgesprochen essentiell für die Weiterentwicklung des Formats hat sich das Einholen von Feedback mittels Fragebögen von Seiten der Teilnehmenden erwiesen, wovon ein Großteil der queeren Community angehörte. So ist das Format seit 2022 stetig weiter gewachsen. Mittlerweile ist„TMW que(e)r gelesen“ Teil des regulären Führungsangebots, somit Teil der MuseumsInfrastruktur und kann jederzeit angefragt werden. Distanz und Desorientierung Die Ticketpreise für Eintritt und Führung stellen für manche eine Barriere dar. Mit der Führung sollen unter anderem queere Personen angesprochen werden; eine soziale Gruppe, die durchschnittlich weniger einkommensstark ist als ihr cis-heterosexuelles Gegenüber. 12 Wenn Angebote für marginalisierte Gruppen ausgebaut werden, ist es wichtig, die Bedürfnisse dieser zu berücksichtigen und Möglichkeiten zu finden, den Museumsraum besser zugänglich zu machen. 10 B. Hausner et al.: Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Energiebranche. Endbericht. Wien 2016. 11 Der Austausch mit Eleanor Armstrong, die 2018 queere Führungen am Science Museum in London, Großbritannien, konzipierte und durchführte, war sehr bedeutsam in der konzeptuellen Phase. E. S. Armstrong:„Towards queer tours in science and technology museums“, in: Museum& Society, 20(2022), Heft 2, S. 205–220. 12 M. Carnegie: The big LGBTQ+ wage gap problem. https://www.bbc.com/worklife/article/20220603-the-big-lgbtq-wage-gap-problem(22. 5. 2024). DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.5| HEILIG, LORENZ: QUEERING EXHIBITIONS_ INSIGHTOUT 2(2024) 24 Inhalte zu queerer Technikgeschichte finden sich im Technischen Museum Wien kaum in Objekttexten wieder und es ist teilweise schwer, passende Objekte zu finden, an denen sich queere Technikgeschichte(n) gut erzählen lassen. Fehlt das Objekt als Anker zur Geschichte, fehlt die Orientierungshilfe. Die Teilnehmenden müssen viel Distanz zwischen dem stattdessen gewählten Gegenstand und dem angebotenen queeren/queerenden Narrativ überbrücken. Der „Ort, an den wir[Anm. d. verfassenden Personen: mit unserer intersektionalen Vermittlung] ankommen wollen“, 13 um mit Rena Onat zu sprechen, ist durch die vorhandene Objekt- und Ausstellungs-Infrastruktur im Museum teils schwer zu erreichen oder außer Reichweite. Dies kann die Orientierung, sowohl im Museum als auch geschichtlich und gesellschaftlich, erschweren. Diese Desorientierung ist ein Hinweis auf Auslassungen in westlichen Kulturinstitutionen. Solcherart Desorientierung kann jedoch, laut Ahmed, auch neue oder alternative Wege(Perspektiven) eröffnen. 14 Die Abwesenheit von Exponaten oder die Distanz zwischen Exponat und Narrativ als solche zu thematisieren, ist ein möglicher vermittlerischer Umgang damit. Mitunter kann dieser Zugang die Teilnehmenden jedoch enttäuschen oder frustrieren, da sie zumeist mit der Erwartung ins Museum kommen, etwas direkt erfahren zu können. Wir denken, dass unser Framing der Führung gleich am Beginn eine wichtige Rolle spielt: Wir erklären, dass wir uns durch ein Museum bewegen werden, in welchem queere Narrative noch nicht genug Platz bekommen. Das bereitet die Teilnehmenden darauf vor, dass wir das Museum „gegen den Strich“ lesen und Leerstellen begegnen werden. des LD-Tiegels, einem massiven Gefäß zur Stahlproduktion und eines der Highlight-Objekte des Technischen Museums, erzählen wir die Geschichte von LGSM(Lesbians and Gay Men Support the Miners), einem Bündnis von queeren politisch aktiven Personen sowie Minenarbeiter_innen im Großbritannien der 1980er Jahre(Abb. 2). Der massive Tiegel steht als Symbol für die Stahlproduktion; eine Industrie, die mit Maskulinität und Cis-Heteronormativität konnotiert ist. Hier wird sie von uns mit einer Erzählung von Queerness, Solidarität und Care verknüpft. Allerdings müssen die Teilnehmenden gedanklich sehr viel Distanz überbrücken und Vorstellungskraft aufbringen, um die Erzählung mit dem Exponat im Museum zu verbinden. Nicht nur betrachten wir den Tiegel von einem Stock weiter oben aus der Ferne. Auch müssen die Teilnehmenden den eigenen geografischen und zeitlichen Kontext sowie den des Objekts(Linz, Österreich, 1950er Jahre) verlassen, um gedanklich ins Großbritannien der 1980er Jahre zu wechseln. Zudem geht es bei LGSM nicht um Stahl-, sondern um Minenarbeiter_innen, die das für die Stahlherstellung notwendige Erz aus dem Erdboden Gleich die erste Station der Führung„TMW que(e)r gelesen“ weist eine große Distanz zwischen gewähltem Objekt und Vermittlungsnarrativ auf. Anhand 13 Onat, siehe Anm. 3, S. 43. 14 Ahmed, siehe Anm. 4, S. 170. Abb. 2: LD-Tiegel,© Technisches Museum Wien DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.5| HEILIG, LORENZ: QUEERING EXHIBITIONS_ INSIGHTOUT 2(2024) 25 geholt haben. Dies ist somit kein naheliegender Vergleich und erfordert von den Teilnehmenden einen gedanklichen Spagat. Das kann überfordern, frustrieren und vielleicht auch Zweifel anregen: Ist der Vertrauensvorschuss, den die Teilnehmenden in die Führung und in uns als Vermittler_innen geleistet haben, gerechtfertigt? Biografien in der Technikgeschichte In Erzählungen von Technikgeschichte überwiegt das Narrativ des Genies, das zumeist cis-männlich, bürgerlich, ableisiert und weiß ist und ganz auf sich gestellt neue Technologien erfindet. Um damit zu brechen, gibt es Versuche, Biografien von marginalisierten Personen, die technologische Beiträge geleistet haben, daneben zu stellen – dies versucht etwa die Frauengalerie im Technischen Museum. Das Schildern dieser Biografien ermöglicht für(manche) Personen, die denselben systemisch benachteiligten Gruppen wie die vorgestellten Personen angehören, einen Moment der Identifikation und einen alternativen, vielleicht auch persönlicheren Bezug zur Technikgeschichte. Allerdings hat auch diese Methode ihre Schwächen. Personen, die Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt waren und sind, hatten und haben es weitaus schwerer, im Technikbereich Fuß zu fassen und erfolgreich zu sein, weshalb sich weniger Vorbilder finden lassen. Mit der Erzählung von Biografien können somit Normen reproduziert werden. Zudem geraten wir in die Gefahr, den Erfolg von Personen in einem stark diskriminierenden Umfeld zu heroisieren. Unser Versuch, damit in der Vermittlung behutsam und kritisch umzugehen, beinhaltet eine Kontextualisierung der historischen Ausschlüsse im Technikbereich und ihr Fortwirken. Abschließende Reflexionen und Fragestellungen In diesem Paper haben wir uns mit spezifischen Herausforderungen intersektionaler Vermittlung in technisch-historischen Ausstellungen befasst und dargelegt, welche Zugänglichkeiten und Ausschlüsse auf den verschiedenen Systemebenen im Technischen Museum Wien aufeinandertreffen. Dies umfasst neben den von uns genannten Aspekten wie Exponaten, Ausstellungsgestaltung sowie Erwartungshaltungen der Teilnehmenden auch von uns nicht berücksichtigte Elemente wie beispielsweise Sprache, Mobilität und andere Formen von Barriere(freiheit). In den beiden Fallstudien wurden verschiedene vermittlerische Methoden im Umgang mit Abwesenheiten und Ausschließungen vorgestellt und mittels Sara Ahmeds„Queering“-Begriff analysiert. In der Energiewende-Führung mit intersektionalem Fokus kommt es durch eine Auslassung – die Abwesenheit von Aktivist_innen aus dem globalen Süden in der Ausstellung – zu einer Fehlrepräsentation. Die Führung setzt hier an und versucht, dem hegemonialen Narrativ intersektionale Perspektiven entgegenzustellen. Ziel ist es, die gesellschaftlich etablierte Orientierung – aktiv/ weiß und passiv/BIPOC – zu stören. Indem marginalisierte Personen als handlungsmächtige Individuen sichtbar gemacht werden, soll das einseitige Gesamtbild korrigiert werden. Die Besuchenden werden mit Perspektiven und Bildern von Verantwortung und Ungerechtigkeit konfrontiert, welche mitunter unangenehm sind und eine Neuorientierung erwirken können. Anhand der Führung„TMW que(e)r gelesen“ behandelten wir die Problematik der vermittlerischen Anbindung queerer Narrative an Ausstellungen, die diese Inhalte nicht explizit widerspiegeln. Wir gingen der Frage nach, wie eine große Distanz zwischen Exponat und vermittlerischem Narrativ auf die Teilnehmenden wirkt. Das Hervorheben von Personen abseits der Mehrheitsgesellschaft, die technologische Beiträge geleistet haben, ermöglicht einen Diskurs über Ab- und Anwesenheiten zu führen. Dabei ist es wichtig, abzuwägen, wo wir durch das Erzählen von Biografien Identifikationsmöglichkeiten schaffen und wo wir gewisse Normen reproduzieren? DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.5| HEILIG, LORENZ: QUEERING EXHIBITIONS_ INSIGHTOUT 2(2024) 26 Anhand unserer Fallstudien zeigt sich die Notwendigkeit der Einbindung intersektionaler Perspektiven – sowohl in der Sammlung von Objekten als auch in der Konzeption von Ausstellungen und Vermittlungsformaten. So könnten hegemoniale Auslassungen abgebaut und die bestehenden Leerstellen nach und nach gefüllt werden. Die Einbindung der Perspektive der Kulturvermittlung in den kuratorischen Prozess einer Ausstellung zu einem frühen Zeitpunkt kann zudem dazu beitragen, dass sich die Ausstellung stärker an den Bedürfnissen der Besuchenden und der Vermittlungssituation orientiert. In der Vermittlungsarbeit kann schneller als im Ausstellungsbetrieb auf Leerstellen in den Ausstellungen reagiert und stärker Rücksicht auf individuelle Interessen und Anliegen von Besuchenden genommen werden. Grundvoraussetzung dafür ist allerdings, dass das entsprechende Führungsangebot auch zugänglich gemacht und in die Infrastruktur des Museums integriert wird. Offen bleibt die Frage danach, wie damit umgegangen werden kann, wenn in der Vermittlungsarbeit Vorurteile und Leerstellen reproduziert werden. rungserfahrungen als Expert_innen angestellt werden und ein sicheres Arbeitsumfeld geschaffen wird. Andererseits sind ehrliche Bemühungen der Institution Museum, Beziehungen zu marginalisierten Communities zu etablieren, gefragt. Wichtig ist, dass das Museum hier entsprechende Angebote macht, Gestaltungsmacht teilt und Kritik an der eigenen Institution willkommen heißt. Das Erheben und die Integration von Feedback der Teilnehmenden in das Konzept der Führung„TMW que(e)r gelesen“ ist ein Versuch, multiple Perspektiven in das Format einzubinden. Auch diese Methode hat jedoch ihre Mängel, da unterschiedliche Faktoren die Teilnahme mancher Personengruppen ermöglichen und/oder verhindern und so die Zusammensetzung derjenigen prägen, die die Möglichkeit bekommen, sich einzubringen. Um die nachhaltige Einbindung vielfältiger Perspektiven zu gewährleisten, braucht es tiefgreifende Veränderungen. Dies beinhaltet einerseits Veränderungen auf der Personalebene, indem Personen mit Marginalisie-