Wie Infrastrukturen User machen Mastodon und Feminist Server Shusha Niederberger DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.7| NIEDERBERGER: WIE INFRASTRUKTUREN USER MACHEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 38 Shusha Niederberger Wie Infrastrukturen User machen Mastodon und Feminist Server ABSTRACT User sind integraler Teil von digitalen Technologien heute. Sie sind nicht mehr einfach nur nachgelagerte Konsument:innen, sondern ihre Interaktion produziert heute einen grossen Teil der Daten, die im Umlauf sind: von Userprofilen über Gesichtserkennung bis zu Trainingsdaten für künstliche Intelligenzen. In diesem Artikel untersuche ich, wie Plattformen und digitale Infrastrukturen nicht nur von Usern profitieren, sondern die kulturelle Form des Users auch mit-produzieren. Anhand einer Case Study zu Problemen vom Wechsel von Twitter zu Mastodon erläutere ich Prozesse von infrastruktureller Interpellation, und wie diese zu weiteren kulturellen Formen von Subjektivität stehen. In der zweiten Case Study über Feministische Server erkläre ich, wie User-Subjektivität auch diskursiv entwickelt werden kann, und wie dies zu alternativen Beziehungen zu Technologie, aber auch neuen Rollenverständnissen von Usern beitragen kann. CV Shusha Niederberger forscht zu ästhetischen Praktiken und der kulturellen Form des Users in datengetriebenen Umgebungen im Rahmen des Forschungsprojektes„Latent Spaces, Performing Ambiguity of Data“ an der ZHDK. Sie hat bildende und digitale Kunst in Zürich und Wien studiert, hat für das Haus der elektronischen Künste Basel die Vermittlung geleitet, und zu digitalen künstlerischen Praktiken und den Commons geforscht. Sie ist Dozentin für zeitgenössische Netzkultur an der F+F Schule für Kunst und Gestaltung Zürich.(https://shusha.ch/) KEYWORDS Feministische Server, Infrastruktur, Interpellation, Mastodon, Plattformen, Server, Subjektivität, User Shusha Niederberger,„Wie Infrastrukturen User machen: Mastodon und Feminist Server“, insightOut. Journal on Gender and Sexuality in STEM Collections and Cultures, 2(2024), 37–45, DOI: 10.60531/insightout.2024.2.7 DOI: 10.60531/insightout.2024.2.7 Published under license CC BY-NC-ND 4.0 DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.7| NIEDERBERGER: WIE INFRASTRUKTUREN USER MACHEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 39 Der oder die User:in als kulturelle Form hat zwar mit Subjektivität und Identität zu tun, aber nicht in Bezug auf ein Individuum, sondern als eine geteilte Vorstellung. Mit User:in meine ich eine kulturelle Form. Dies ist ein oft implizites und unartikuliertes, aber breit geteiltes Verständnis davon, welche Art von technologischer Praxis wir meinen, wenn wir von User:innen sprechen. Ich meine damit keine psychologische Perspektive, die sich auf das Innenleben eines Individuums bezieht, noch eine soziologische oder anthropologische Perspektive auf eine Gruppe von lebenden Personen in ihren spezifischen kulturellen Kontexten. Der oder die User:in als kulturelle Form hat zwar mit Subjektivität und Identität zu tun, aber nicht in Bezug auf ein Individuum, sondern als eine geteilte Vorstellung. Wie die Philosophin Olga Goriunova hervorhebt, entwickelt sich individuelle Subjektivität immer im Zusammenhang mit gemeinsamen Vorstellungen darüber, was es bedeutet, in der Welt zu Der Umgang mit digitalen Technologien macht Men- sein, z. B. als Frau, als Erwachsene:r oder – in unseschen auf immer neue Weisen zu User:innen. Digitale rem Fall – als User:in. Diese gemeinsamen kulturelTechnologien bedeuten heute in der Regel daten- len Vorstellungen werden in Abgrenzung zu Subjekgetriebene Umgebungen. Digitale Plattformen prä- tivität als„Subjektpositionen“ bezeichnet. 1 Sie sind gen die persönliche und berufliche Umgebung und Rollenmodelle oder Figurationen und bieten eine auch die Art und Weise, wie wir uns zueinander, zu Position in der Welt, von der aus diese Bedeutung uns selbst und zur Welt verhalten und wie wir uns auf bekommt. Als gemeinschaftliche Vorstellungen wersozialer und politischer Ebene organisieren. Daten den Subjektpositionen im kulturellen Bereich artisind allgegenwärtig, und sie werden großteils von kuliert und entwickelt und dienen als Hintergrund den Nutzer:innen manchmal freiwillig, oft unfreiwil- für die Entwicklung von individueller Subjektivität. lig oder unbewusst durch Interaktionen mit Platt- Subjektpositionen werden durch geteilte Praktiken formen und cloudbasierten digitalen Infrastrukturen und die beteiligten Gemeinschaften geformt, und erzeugt. Was bedeutet es heute, User:in zu sein? Wie Menschen beziehen sich auf viele unterschiedliche profitieren datengetriebene Technologien nicht nur Subjektpositionen, oft auch gleichzeitig. Goriunova von der Interaktion der User:innen, sondern produ- hat herausgearbeitet, wie spezifische aktivistisch/ zieren auch mit, was wir heute unter User:in verste- künstlerische digitale Praktiken neue Subjektpositihen? Und wie können wir die Beziehungen zwischen onen entwickeln. 2 Allerdings sind es nicht nur außerPlattformen und User:innen auf eine Weise denken, gewöhnliche Praktiken, die neue Subjektpositionen die Handlungsräume eröffnet? hervorbringen, sondern der Prozess der kollektiven 1 O. Goriunova:„Uploading Our Libraries: The Subjects of Art and Knowledge Commons“, in: F. Stalder, C. Sollfrank, S. Niederberger (Hg.): Aesthetics of The Commons. Zürich, Berlin 2020. 2 Ebd. DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.7| NIEDERBERGER: WIE INFRASTRUKTUREN USER MACHEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 40 Identitätsbildung geschieht auch im Alltag, ohne dass wir uns bewusst dazu verhalten. Im ganz gewöhnlichen digitalen Alltag mit all seinen unscheinbaren, sich wiederholenden Handlungen, den Konventionen und Selbstverständlichkeiten bildet sich heraus, was es bedeutet ein:e User:in zu sein. Dieses implizite Verständnis ist schwer zu fassen und zeigt sich oft erst in Krisen deutlicher. Die Twitter-Krise Als Elon Musk Ende Oktober 2022 Twitter kaufte, begannen viele User:innen nach Alternativen zu suchen. Eine der Alternativen war Mastodon, ein Mikroblogging-Dienst ähnlich wie Twitter, der aber im Gegensatz zu Twitter nicht im Besitz eines Unternehmens ist. Mastodon ist ein Netzwerk von miteinander verbundenen Servern, die oft von kleinen Kollektiven und gemeinnützigen Organisationen betrieben werden. Schon im Vorfeld der Twitter-Übernahme sowie anschließend bei jedem neuen Kurswechsel unter der neuen Führung verzeichnete das Mastodon-Netzwerk Wellen von Neuanmeldungen. Seitens der User:innen wurde der Wechsel zu Mastodon jedoch oft als eine Krise der Subjektivität erlebt: Abb. 1: Screenshot eines Twitter-Posts eines Freundes von mir (2022) Es ist wichtig zu verstehen, dass dies nicht nur eine Artikulation einer persönlichen Krise ist. Wenn mein Freund hier sagt, dass er kein Nerd ist und Mastodon daher nichts für ihn sei, geht es nicht nur um ihn. Er artikuliert hier auch zwei unterschiedliche Subjektpositionen von technologischer Praxis: User:in und Nerd. Sie unterscheiden sich in ihrem Verhältnis zu Technologie: ein Nerd ist zwar kein:e professionelle:r Programmierer:in, verfügt aber über selbst angeeignetes technologisches Fachwissen, während ein:e User:in einfach eine konsumierende Person ohne Fachwissen und auch ohne Bedürfnis nach vertiefter Auseinandersetzung ist. 3 Weil der Unterschied der Subjektpositionen über eine interessensgeleitete technologische Fachkompetenz definiert ist, ist es auch nicht einfach möglich, von einem User oder einer Userin zum Nerd zu werden. Das heißt, die Assoziation von Mastodon mit Nerds führt dazu, dass es als ausschließend für User:innen verstanden wird. Woher aber kommt diese starke Assoziation von Mastodon mit Nerds, wenn Mastodon doch ein sehr ähnliches Medium ist wie Twitter, nämlich ein Blogging-Service? Warum glaubt mein Freund, dass Mastodon nur für Nerds sei? Die Rückkehr des Servers: Infrastruktur und Subjektivität Der erste große Unterschied für User:innen zwischen Mastodon und Twitter liegt im Anmeldeprozess. Hier fordert Mastodon die User:innen auf, einen Server auszuwählen, dem sie beitreten wollen. Um diese Frage zu beantworten, müssen User:innen sich auf eine ganz andere Weise identifizieren als auf großen Technologieplattformen wie Twitter: Bei der Anmeldung auf einer kommerziellen Plattform werden die User:innen aufgefordert, sich über die Angabe von User-Namen und Email-Adressen oder Telefonnummern als klassisches liberales Individuum zu identifizieren. Im Gegensatz dazu werden die User:innen bei der Anmeldung für Mastodon aufgefordert, einen Server zu wählen, was bedeutet, dass sie sich zuerst in Bezug auf eine Gemeinschaft identifizieren müssen, bevor sie sich als Individuum identifizieren können. 3 O.V.:“Nerd.” Merriam-Webster.com Dictionary, Merriam-Webster, https://www.merriam-webster.com/dictionary/nerd(24.6.2024). DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.7| NIEDERBERGER: WIE INFRASTRUKTUREN USER MACHEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 41 Abb. 2: Screenshot der Anmeldeseite auf https://joinmastodon.org(08.06.2023) Dies ist aus zwei Gründen interessant: Erstens haben wir es mit einer Rückkehr des Servers zu tun. Server sind die Basis-Infrastruktur des Internets. Auf Servern werden Daten gespeichert und User:innen-Anfragen verarbeitet. Auch cloudbasierte Plattformen, Apps und Services laufen auf Servern. Aber auf digitalen Plattformen wurden Server aus dem Erfahrungsbereich der User:innen weg-abstrahiert, um die Systeme beliebig skalierbar zu machen. 4 Und damit verschwand auch ein kontextuelles und materielles Verständnis digitaler Infrastruktur aus dem User:innen-Alltag. Spezifische Geräte, lokale Kontexte und eine Vielfalt von damit verbundenen Tätigkeiten verwandelten sich im Zuge dieser Abstraktion in immaterielle Services und Apps. An die Stelle von Servern ist die Cloud getreten, eine Metapher, die genau das Gegenteil der riesigen, energiehungrigen Rechenzentren suggeriert, auf denen die digitale Infrastruktur beruht. Im Zeitalter der Cloud ist es schlicht unmöglich zu wissen, auf wie vielen Servern Twitter betrieben wird. Der strukturelle Unterschied zwischen Twitter und Mastodon liegt also nicht in der Differenz von kommerzieller zu nichtkommerzieller Infrastruktur, sondern in der Organisation auf infrastruktureller Ebene. Twitter ist eine zentralisierte Plattform, das heißt, ein einheitlicher Dienst, auf den über eine App zugegriffen wird. Seine Daten und Prozesse befinden sich in der Cloud. Mastodon hingegen beruht auf einem dezentralen Netzwerk von individuellen, föderierten 5 Servern, die über ein gemeinsames Protokoll verbunden sind. Die Interpretation meines Freundes von Mastodon als nerdig verweist auf ein Verständnis von Servern als außerhalb des Bereichs der User:innen stehend und – als technologische Artefakte – dem Nerd zugehörend. Aber es weist auch noch auf etwas Tieferes hin, und dies ist der zweite interessante Punkt: die Verbindung von Infrastruktur zu Subjektivität. In den 1960er Jahren erklärte der marxistische Philosoph Louis Althusser, dass die soziale und politische Ordnung der Welt 4 D. Monroe:„Seeding the Cloud“, in: Logic 16(2022), S. 91–102. 5 „Föderation ist ein aus der politischen Theorie abgeleitetes Konzept, bei dem die verschiedenen Akteure, die ein Netz bilden, beschließen gemeinsam zu kooperieren. Dabei werden Macht und Verantwortung verteilt. Im Kontext der sozialen Medien existieren föderierte Netzwerke als verschiedene Gemeinschaften auf verschiedenen Servern, die miteinander interagieren können, und nicht als eine einzige Software oder Plattform.“(A. Mansoux, R. Roscam Abbing:„Seven Theses on the Fediverse and the Becoming of FLOSS“, in: K. Gansing, I. Luchs(Hg.): The Eternal Network. The Ends and Becomings of Network Culture. Amsterdam, Berlin 2020, S. 125–40, hier: S. 125, Übersetzung der Autorin). DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.7| NIEDERBERGER: WIE INFRASTRUKTUREN USER MACHEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 42 sich in den Individuen ständig durch einen Prozess aktualisiert, den er„Interpellation“ nannte. Seiner Ansicht nach existiert das Subjekt nicht unabhängig von seiner Umgebung, sondern wird durch die„Anrufung“ von Institutionen geprägt 6 – in diesem Text digitale Infrastrukturen. Auf unseren Fall übertragen kann man sagen, dass Twitter und Mastodon ihre User:innen auf unterschiedliche Weise interpellieren und dadurch unterschiedliche Vorstellungen von Usern und Userinnen produzieren. Der Unterschied ist dabei in der spezifischen infrastrukturellen Organisation der zwei Dienste zu suchen. Dies bedeutet, dass Subjektivität niemals nur persönlich oder innerlich ist, sondern dass das Persönliche, das Psychologische und das Individuelle eng mit der Welt und ihren sozialen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und technologischen Formationen verbunden ist. Wie der Anmeldeprozess bei Twitter zeigt, ist die Subjektivität der User:innen eng mit der liberalen Subjektivität verbunden. Das autonome, kalkulierende und selbstregulierende liberale Subjekt dient als Hintergrund für die Subjektposition des Users und der Userin. Infrastrukturelle Interpellation ist also kein durch Technologie allein determinierter Prozess, sondern steht in Beziehung zu anderen Selbstverständnissen und bereits etablierten Subjektpositionen. Die infrastrukturelle Interpellation kann bestehende normative Subjektpositionen bestätigen(wie bei Twitter), aber wie wir bei Mastodon gesehen haben, kann sie auch zu Spannungen führen: Mastodon interpelliert ein Individuum, das sich zuerst in Bezug auf eine Gemeinschaft identifiziert, im Unterschied zum klassischen liberalen Individuum, wo Gemeinschaftlichkeit immer erst nachgeordnet ist. Diese Spannungen artikulieren sich sowohl seitens der User:innen als Krise der Subjektivität, als auch seitens der Plattform, die ihren Onboarding-Prozess abwickelt 7 . Diese Spannung ist aber nicht nur ein Problem, sondern eröffnet auch einen Raum der Differenz, denn Interpellation ist auch ein performativer Prozess, der aus zahlreichen performativen Gesten besteht, die Identität unterhalten, aber auch die Möglichkeiten der Differenz in sich tragen. 8 Subjektivität ist also ein Ort, an dem man von der Welt beeinflusst ist, aber auch ein Ort, an dem Veränderung stattfinden kann. Während Mastodon die Subjektposition der User:innen in Richtung Gemeinschaftlichkeit öffnet, bleibt die Differenz zu anderen technologischen Subjektpositionen bestehen: Der:die User:in wird noch immer als Konsument:in verstanden, im Gegensatz zu denjenigen, die Technologie produzieren und bereitstellen: dem:der Administrator:in, dem:der Programmierer:in und dem:der Moderator:in. Die von Mastodon angebotene Subjektposition des Users und der Userin ist also nach wie vor die des Konsumenten und der Konsumentin, deutlich getrennt von der Subjektposition des Produzenten und der Produzentin, genauso wie es bei großen Tech-Plattformen der Fall ist. 9 Trans * Feministische Server: Server als Protagonistinnen Da es sich bei den Subjektpositionen um kulturelle Formen handelt, bergen insbesondere kulturelle und künstlerische Praktiken Möglichkeiten für die Entwicklung von alternativen Methoden und Praktiken. 6 L. Althusser: On The Reproduction Of Capitalism: Ideology And Ideological State Apparatuses . London, Brooklyn NY 2014. 7 Ausführungen zu diesem Aspekt, siehe: S. Niederberger:„Calling the User: Interpellation and Narration of User Subjectivity in Mastodon and Trans*Feminist Servers“, in: A Peer-Reviewed Journal About 12, Heft 1,(2023): S. 177–91. https://doi.org/10.7146/aprja. v12i1.140449(24.6.2024). 8 J. Butler: Performative Acts and Gender Constitution: An Essay in Phenomenology and Feminist Theory , in: S. Case(Hg.): Performing Feminism. Feminist Critical Theory and Theatre. Baltimore, London 1990, S. 222–39. 9 Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen Mastodon und Big-Tech-Plattformen ist natürlich die Rolle, die Daten in ihnen spielen, und dieser Unterschied macht die Frage nach der Subjektposition der User:innen noch komplexer. Diese Diskussion würde den Rahmen dieses Textes sprengen und wird daher hier nicht genauer thematisiert. DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.7| NIEDERBERGER: WIE INFRASTRUKTUREN USER MACHEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 43 Abb. 3: Screenshots von„A Wishlist for Trans*Feminist Servers“(2022) und„Manifesto for Feminist Servers“(2014) (v.l.n.r.) Ein Beispiel für alternatives Denken über die Art und Weise, wie Subjektpositionen durch Technologie geformt werden, ist in„A Wishlist for Trans * feminist Servers“ 10 formuliert. Dabei handelt es sich um eine aktualisierte Version eines älteren Textes, dem„Feminist Server Manifesto“. 11 Beide wurden von einer„Gemeinschaft von Menschen geschrieben, die an digitalem Unbehagen interessiert sind“, wie es in der Wishlist heißt. Sowohl das Manifest als auch die Wishlist 12 wählen den Server als Protagonisten oder Protagonistin, der oder die in Form einer Selbstartikulation über sich selbst spricht. Ein:e Protagonist:in ist eine„Denkfigur“, die eine„Position bietet, von der aus ein Territorium kartiert und kreativ produziert werden kann“. 13 Mittels dieser Selbstartikulation produzieren die Trans * Feministischen Server alternative Vorstellungen von Technologie und der Rolle des Users und der Userin. Im Mittelpunkt dieser Selbtsartikulation stehen Fragen der Dienstbarkeit.„Are you being served?“ war der Titel eines Workshops, der 2014 in Brüssel stattfand. Während einer dreitägigen Veranstaltung von Constant, einer von Kunstschaffenden geführten Institution 14 , trafen sich Künstler:innen und Praktiker:innen, um Server-Konzepte zu diskutieren und sich über alternative Praktiken auszutauschen. Es ging um Fragen wie:„Wer wird hier bedient?“,„Von wem?“,„Und zu welchen Bedingungen?“. 15 Die Frage der Dienstbarkeit eröffnet einen Blick auf die Beziehungen, die zu und durch Technologie entstehen und befördert 10 O.V.: A Wishlist for Trans*Feminist Servers . https://etherpad.mur.at/p/tfs(26.6.2024). 11 Vgl. Goriunova, siehe Anm. 1. 12 Aus Gründen der Lesbarkeit verwende ich fortan„Trans*Feminist Servers", um auf Themen zu verweisen, die in beiden Texten behandelt werden. 13 Constant:[Version 0.1] A Feminist Server. https://transhackfeminist.noblogs.org/post/2014/06/03/version-0-1-a-feminist-serverconstantvzw/(24.6.2024). 14 https://constantvzw.org/(6.9.2024). 15 R. Hofmüller u. a.: Are You Being Served?(notebooks). https://areyoubeingserved.constantvzw.org(24.6.2024). DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.7| NIEDERBERGER: WIE INFRASTRUKTUREN USER MACHEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 44 werden, und die Subjektpositionen, die durch diese Beziehungen entstehen. Den User:innen von digitalen Plattformen wird durch den allgemeinen High-Tech-Diskurs suggeriert, dass sie die Empfänger:innen von Dienstbarkeit sind. Dienste werden aber unter ganz bestimmten, von Privilegien geprägten Bedingungen angeboten: Die Chancen bedient zu werden, sind nicht gleichmäßig verteilt, und minorisierte Personen und Gemeinschaften müssen oft feststellen, dass ihre Personen, ihre Inhalte und ihre Kommunikation von Plattformen nicht geschützt werden. Dies gilt leider auch für Mastodon, das notorisch weiß ist und sich in viel zu vielen Fällen als feindselig gegenüber People of Color erwiesen hat. Dienstbarkeit ist also eine sehr spezifische Beziehung zwischen User:innen und Technologie. Digitale Dienstbarkeit ist tief von Abstraktion von spezifischen Kontexten gekennzeichnet. Dies beginnt mit der Produktion von Technologie und ihrer Rohmaterialien und schließt auch die notwendigen Praktiken und Ressourcen für den Betrieb von Infrastrukturen mit ein. User:innen haben in der Regel keinerlei Kontakt damit, sondern bekommen die Ergebnisse der Abstraktion als Produkte zur Verfügung gestellt. Dies weckt unangenehme Assoziationen zu Kolonialisierung und Sklaverei als radikale Form von Abstraktion oder„Thingification“. 16 Diese Beziehungen sind in der technologischen Terminologie von Master-SlaveBeziehung präsent, und etwas weniger explizit, wenn man von Clients und Servern spricht. Trans * feministische Server versuchen, diese Beziehungen für andere, vorsichtigere Beziehungen zu öffnen und dabei Abb. 4: Handgeschriebener Mitgliedsausweis von anarchaserver,© Shusha Niederberger den„Sumpf von Interdependenzen, in dem sie sich befinden“ 17 im Auge zu behalten. Trans * feministische Server sind als Gemeinschaften und Infrastrukturen 18 aus dem Bedürfnis entstanden, sicherere Online-Räume für minorisierte Gemeinschaften zu schaffen. 19 Trans*Feministische Server sind also sowohl ein Denkwerkzeug als auch gemeinschaftliche Infrastrukturen. 20 Das bedeutet, dass ihre Arbeit sowohl diskursive Arbeit als auch gelebte technologische Praxis ist. Dies ist radikal in dem Sinne, dass es das gesamte Territorium neu artikuliert – sowohl diskursiv-konzeptionell über den Protagonisten oder die Protagonistin des Servers als auch praktisch über das Betreiben von Technologie als Gemeinschaftsprojekt. Ich habe dies als eine aktive Verweigerung der infrastrukturellen Ideologie von Funktionalität und Abstraktion beschrieben. Es ist diese Verweigerung, wel16 A. Césaire: Discourse on Colonialism. New York 1972. 17 O.V.: A Wishlist for Trans*Feminist Servers , siehe Anm. 10. 18 Es gibt unterschiedliche feministische Server, eine Liste findet sich hier: https://alexandria.anarchaserver.org/index.php/History_of_ Anarchaserver_and_Feminists_Servers_visit_this_section(24.06.2024). 19 pideralex:„Neue Welten erfinden – mit cyberfeministischen Praxen und Ideen“, in: C. Sollfrank(Hg.): Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert . Wien 2018. 20 F. Snelting, spideralex: Forms of Ongoingness, interviewt von Cornelia Sollfrank. Video und Transskript, http://creatingcommons. zhdk.ch/forms-of-ongoingness/(24.6.2024). DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.7| NIEDERBERGER: WIE INFRASTRUKTUREN USER MACHEN_ INSIGHTOUT 2(2024) 45 che technologische Praxis zu einem Raum macht, der bewohnt werden kann. 21 Trans*Feministische Server existieren nur, weil sie von einer Gemeinschaft unterhalten werden, die das Bedürfnis nach ihnen in Gesten von Unterhalt und Pflege ausdrückt. Das Gebiet, das von Trans*Feministischen Servern formuliert wird, ist daher durch Zuneigung strukturiert, und nicht durch Abstraktion. Im Vordergrund stehen Praktiken der Pflege: Administration, Wartung, Moderation, Kommunikation(und damit meine ich die gesamte notwendige Arbeit, um eine Gemeinschaft zu unterhalten), Dokumentation, Fundraising und nicht zuletzt auch die Nutzung der Dienste, in deren Verantwortung das Überwachen von Funktionstüchtigkeit liegt. Im Wiki von anarchaserver(einem der vielen Trans*Feministischen Server) werden die Rollen, die zur Praxis von Trans*Feministischen Servern gehören, als„Wächterinnen, Feuerlöscherinnen, Schnittstellen und Schreiberinnen“ bezeichnet. 22 Diese Rollen verweisen auf spezifische Bedürfnisse, Abhängigkeiten und sinnvolle Beziehungen – also verkörperte Kontexte. Teil eines Trans * Feministischen Servers zu sein bedeutet also, an einer fortlaufenden Aushandlung der Bedingungen für Dienst und Service teilzunehmen. Hier ist die Nutzung kein Akt des Konsums, sondern ein Akt der Reproduktion und des Unterhalts, der das gesamte Gebiet der Beziehungen zu einer Gemeinschaft – und zur Technologie selbst – umfasst. 21 S. Niederberger:„Feminist Server – Sichtbarkeit und Funktionalität. Digitale Infrastruktur als gemeinschaftliches Projekt“, in: springerin| Hefte für Gegenwartskunst (2019), S. 8–9. 22 anarchaserver: Be a guardian, a fire extinguisher, a scriba, an interface – Anarchaserver. https://alexandria.anarchaserver.org/ index.php/Be_a_guardian,_a_fire_extinguisher,_a_scriba,_an_interface(24.6.2024).