Historiografie zur europäischen DessousGeschichte Vorschlag für eine Systematisierung seit Ende des 19. Jahrhunderts Yaman Kouli DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.12| KOULI: HISTORIOGRAPHIE ZUR EUROPÄISCHEN DESSOUS-GESCHICHTE_ INSIGHTOUT 2(2024) 82 Yaman Kouli Historiografie zur europäischen Dessous-Geschichte Vorschlag für eine Systematisierung seit Ende des 19. Jahrhunderts ABSTRACT Der Markt für Dessous ist seit Ende des 19. Jahrhunderts globalisiert, Marken wie Schiesser, Comazo oder Chantelle seit Langem etabliert. Dass diese Marken repräsentativ für die Präferenzen der Länder sind, denen sie entstammen, ist intuitiv nachvollziehbar, trotzdem wurde der globale Dessousmarkt bisher nicht systematisch erforscht. Die Kernthese des Aufsatzes ist, dass die historische Forschung durch auf jeweils einzelne Staaten begrenzte Fragestellungen unbewusst vermied, die zum Teil erheblichen Unterschiede zwischen den Ländern herauszuarbeiten. Angesichts des hohen Internationalisierungsgrads des Dessousmarktes ist das überraschend. Im Aufsatz wird der Versuch übernommen, die historische Dessousforschung zu systematisieren und eine Forschungslücke herauszuarbeiten. CV Yaman Kouli ist habilitierter Historiker an der Universität Bonn, wo er als Geschäftsführer des Historikertags 2025 fungiert. Er hat Geschichtswissenschaften in Bielefeld, Paris und Posen studiert. In seiner Promotion hat er sich mit der Industrieentwicklung 1936 bis 1956 beschäftigt. Anschließend hat er sich in seiner Habilitation mit der europäischen Integration vor 1914 beschäftigt. Sein aktuelles Forschungsprojekt betrifft Stereotypen im europäischen Dessousmarkt seit Ende des 19. Jahrhunderts. KEYWORDS Dessousmarkt, Europa, Historiographie, Globalisierung Yaman Kouli,„Vorschlag für eine Systematisierung der Historiographie zur europäischen Dessous-Geschichte seit Ende des 19. Jahrhunderts“, insightOut. Journal on Gender and Sexuality in STEM Collections and Cultures, 2(2024), 81–88, DOI: 10.60531/insightout.2024.2.12 DOI: 10.60531/insightout.2024.2.12 Published under license CC BY-NC-ND 4.0 DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.12| KOULI: HISTORIOGRAPHIE ZUR EUROPÄISCHEN DESSOUS-GESCHICHTE_ INSIGHTOUT 2(2024) 83 Die Rezeption der Unterwäsche ist – das ist intuitiv nachvollziehbar – mit gesellschaftlichen Kontroversen verbunden. internationalen Dessousmarkts ist das überraschend. Schon die sogenannte erste Welle der Globalisierung und die mit ihr verbundene Vernetzung während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war ein Zeitraum, während dem zahlreiche Produkte zugänglich wurden, zu denen breite Bevölkerungsschichten vorher keinen Zugang gehabt hatten. 2 Der Aufstieg des grenzüberschreitenden Handels 3 , das Sinken der Preise für Konsumgüter und deren damit verbundene Verbreitung sowie die Stärkung des Binnenmarkts durch das hohe Wirtschaftswachstum waren drei zentrale Kriterien, die zur Entstehung des modernen Konsummarkts beitrugen. Produkte konnten in ferne Gebiete geliefert und verkauft werden. Das hieß auch umgekehrt, dass Konkurrenz global wurde und Der Aufstieg des europäischen Dessousmarkts sich Unternehmen stärker spezialisieren mussten, wenn sie erfolgreich bleiben wollten. So erklärt sich auch die Entstehung globaler Marken: Wer ein Der Kauf und das Tragen von Dessous haben wäh- Produkt verkaufen wollte, der musste sich plötzlich rend des 20. Jahrhunderts immer wieder zu Kont- internationaler Konkurrenz stellen. roversen geführt. Als das Management der Modemarke Victoria’s Secret Mitte 2021 offiziell beschloss, Die Industrialisierung während des 19. Jahrhunihre Modenschauen abzuschaffen, war das auch eine derts war eng verbunden mit einer enormen ProReaktion auf den Vorwurf der Verbreitung eines un- duktionssteigerung in der Textilindustrie, nicht realistischen Körperbildes sowie der Sexualisierung zuletzt in der Unterwäscheproduktion. Es entvon Frauen. 1 Tatsächlich kam es seit der Entstehung stand ein gut funktionierender Markt mit vielen des Markts für Dessous immer wieder zu Kontro- nationalen und internationalen Anbietern, der bis versen. Die Aufarbeitung dieser Debatten mit einer heute eine wichtige Rolle spielt. Schiesser(1875) 4 , internationalen, historisch informierten, komparati- Comazo(1884) 5 , Popprovka/Evona(1879) 6 , Zimven Perspektive ist bisher ein Desiderat geblieben. merli(1866) 7 , Chantelle(1876) 8 oder Prégermain 9 Vor dem Hintergrund der langjährigen Existenz des(1875, seit 1958 unter dem Namen Aubade) sind 1 J. Fischer:"Female Empowerment: Victoria's Secret schafft die Engel endgültig ab- wie glaubhaft ist das neue feministische Image?", in: Elle, 28.6.2021, https://www.elle.de/lifestyle-victorias-secret-image-body-positivity-feminismus(19.4.2024). 2 Y. Kouli, L. Laborie: Politics and Policies of European Economic Integration, 1850–1914 . New York 2022. 3 T. I. Berend: An economic history of nineteenth-century Europe. Diversity and industrialization. Cambridge(UK), New York 2013, S. 272–283. 4 https://www.schiesser.com/unternehmen/unternehmensgeschichte/(12.4.2024). 5 https://www.comazo.de/ueber-uns/historie(12.4.2024). 6 https://www.evona.eu/company-history/(12.4.2024). 7 https://www.zimmerli.com/pages/unsere-geschichte(15.4.2024). 8 https://group.chantellelingerie.com/our-story/(16.4.2024). 9 https://www.aubade.fr/histoire(17.4.2024). DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.12| KOULI: HISTORIOGRAPHIE ZUR EUROPÄISCHEN DESSOUS-GESCHICHTE_ INSIGHTOUT 2(2024) 84 traditionsreiche und bis heute erfolgreiche Firmen. Das Phänomen ist keineswegs auf Westeuropa beschränkt. In den postsozialistischen Staaten wurden während der 1990er Jahre mit Axami(Polen) 10 oder Jasmine(Ukraine) 11 ebenfalls Unternehmen gegründet, die sich seit mehreren Jahrzehnten mit dem Verkauf von Damenunterwäsche am Markt behaupten. Das geschah sowohl durch höhere Produktionsmengen als auch durch effektivere Produktionsmethoden. Die so günstigeren und in großer Zahl zur Verfügung stehenden Produkte waren nun breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich. 12 Damit lässt sich Ende des 19. Jahrhunderts eine„Demokratisierung des Luxus“ beobachten. Wie etwa Werner Thieme schreibt, sei gerade in den Städten„Luxus besser erreichbar und nun nicht länger nur ein Privileg des Adels“ gewesen. 13 Das bedeutete jedoch auch, dass sich Käufer_innen frei am Markt entscheiden konnten, welche Produkte sie kauften. Der Markt für Damenunterwäsche wuchs damit zu einem Zeitpunkt, als Marktteilnehmer_innen durch ein wachsendes Angebot an Entscheidungsautonomie gewannen. Das zeigte sich etwa in der Ausdifferenzierung der Konsumpraktiken, in denen sich – stärker als in der Frühen Neuzeit oder im Mittelalter – Genderrollen zunehmend widerzuspiegeln begannen. 14 Darüber hinaus haben sich England und Frankreich Anfang des 19. Jahrhunderts als„Modenationen“ etabliert. 15 Auf diesem immer globaleren Verbrauchermarkt kam es trotzdem nicht zu einer„one size fits all“- Logik, bei der ein Produkt weltweit verkauft werden konnte. Das Gegenteil war der Fall: „The tensions between global ambitions and local markets had been one of the most persistent features in the history of the beauty industry.“ 16 Dieser Prozess der Integration der Präferenzen anderer Länder in die eigene Produktion wird in der Forschung als„Glokalisierung“ bezeichnet. 17 Bei der Glokalisierung handelt es sich aus betriebswirtschaftlicher Sicht um eine Unternehmensstrategie 18 , die dem Zweck dient, mehr Absatz zu generieren:„Auch gerade ‚global‘ produzierende und ihre Produkte vermarktende Firmen müssen lokale Bindungen entwickeln – und zwar, indem erstens ihre Produktionen auf lokalen Beinen entstehen und stehen und zweitens auch global vermarktbare Symbole aus den Rohstoffen lokaler Kulturen, die deswegen lebendig, eruptiv und disparat bleiben und gedeihen, ‚abgeschöpft‘ werden müssen.[…] ‚Lokalismus‘ lautet das Bekenntnis, die Unternehmensstrategie, die mit praktizierter Globalisierung an Bedeutung gewinnt.“ 19 Nourzad kommt, zum Teil via Verweis auf Andreas Hepp, zu diesem Ergebnis:„[D]urch die Standardisierung einzelner Produkte sowie Massenproduktion am globalen Markt ist es notwendig geworden, Unterschiede zwischen den Produkten und so Vielfalt am Produktmarkt zu schaffen, um das Interesse des Konsumenten/der 10 https://axami.pl/de/(17.4.2024). 11 https://jasmine.ua/en/pro-kompaniyu(18.4.2024) . 12 Berend, siehe Anm. 3. 13 W. M. Thieme:„Das Wesen der Luxusmarke“, in: ders.(Hg.): Luxusmarkenmanagement . Wiesbaden 2017, S. 3–33, hier S. 8. 14 L. Auslander:„The Gendering of Consumer Practices in Nineteenth-Century France“, in: V. de Grazia(Hg.): The sex of things. Gender and consumption in historical perspective. 6. Aufl. Berkeley(CA) 1996, S. 79–112. 15 G. Mentges: Europäische Kleidermode(1450–1950), Paragraph 61, unter http://www.ieg-ego.eu/mentgesg-2011-de(21.4.2024). 16 G. Jones: Beauty Imagined. A History of the Global Beauty Industry . Oxford 2010, S. 302. 17 Mit Blick auf die Schönheitsindustrie spricht der britische Historiker Jones vom„Tribalismus“, faktisch meint er jedoch ebenfalls die Anpassung des Produkts an lokale Präferenzen zur Steigerung des Absatzes; ebd., S. 300. 18 S. Nourzad: Auswirkungen der Globalisierung auf Unternehmen, die überwiegend lokal sowie sozial und ökologisch nachhaltig produzieren anhand ausgewählter österreichischer Unternehmen . Dissertation Universität Wien(Fakultät für Sozialwissenschaften). Wien 2014, S. 40. 19 U. Beck: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus, Antworten auf Globalisierung (= Suhrkamp-Taschenbuch, Band 3867). Frankfurt am Main 1997. DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.12| KOULI: HISTORIOGRAPHIE ZUR EUROPÄISCHEN DESSOUS-GESCHICHTE_ INSIGHTOUT 2(2024) 85 Konsumentin zu wecken und das Produkt letztlich zu verkaufen.“ 20 Nourzad betrachtet die Glokalisierung als ein Phänomen der 1980er Jahre. Faktisch gibt es Gründe davon auszugehen, dass dieses Phänomen den weltweiten Handel seit der ersten Welle der Globalisierung Ende des 19. Jahrhunderts begleitet.„The Sex of Things“ 21 – also die geschlechtsspezifische Ansprache potenzieller Kundinnen und Kunden zwecks Steigerung der Nachfrage – fand genau in jenem Zeitraum Eingang in den Markt, wie Auslander feststellt. 22 Damit war auch das Bemühen verbunden, Produkte so zu gestalten, dass sie für die Zielgruppe attraktiv wurden. Auch hierbei war die Abgrenzung zu anderen Kulturen bedeutsam, etwa wenn de Landemer betont, dass die französische Frau im Gegensatz zur amerikanischen selbstverständlich über hinreichend Geschmack und Selbstbewusstsein verfüge, ihr Heim selbst zu möblieren. 23 Damit hat auch die Frage der nationalen Abgrenzung im Alltag durchaus Eingang in die Forschung zur Konsumgesellschaft gefunden, jedoch stärker hinsichtlich der Repräsentation als der Kaufentscheidungen selbst. Historiografie und Geografie Die Historiographie zur Dessousmode, so die zentrale These dieses Beitrags, bestätigt die unterschiedlichen nationalen Präferenzen beim Kaufverhalten, die sich vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart zeigen lassen. Die Verfasser_innen nehmen diese Bestätigungen in ihren Publikationen jedoch überwiegend implizit vor. Wie in diesem Beitrag problematisiert wird, hat dies zu geografischen Schwerpunkten bei den Forschungsfragen und den Analysen geführt. Das ist potenziell folgenreich, denn wenn Schwerpunktsetzungen nicht explizit problematisiert und in der weiteren Arbeit berücksichtigt werden, besteht das Risiko, dass zukünftige Forschung Schlüsse zieht, die auf einer unzureichenden Grundlage basieren. Auch deshalb wird in diesem Beitrag der Versuch unternommen, eine plausible Kategorisierung der bisher vorliegenden Publikationen vorzuschlagen. Die Forschung zur Geschichte der Damenunterwäsche lässt sich in zwei Gruppen aufteilen. In der ersten Gruppe stellen die Verfasser_innen die Rezeption der Unterwäsche ins Zentrum der Analyse, in der zweiten die Unterwäsche selbst. Die Rezeption der Unterwäsche ist – das ist intuitiv nachvollziehbar – mit gesellschaftlichen Kontroversen verbunden. Exemplarisch zeigt sich das am Büstenhalter, dessen symbolisch stark aufgeladene Rolle sich erheblich wandelte. Ende des 19. Jahrhundert wurde der BH zu einem Symbol der Freiheit, indem er – so die Darstellung – Frauen von den Corsagen erlöste, die auch in der damaligen Wahrnehmung oft unangenehm zu tragen waren. 24 Während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Bild ein anderes. 1968 verbrannten Frauen in Deutschland ihre BHs, um sich gegen die patriarchale Unterdrückung zu wehren. 25 BHs hatten ihre befreiende Rolle offenbar verloren. Schiesser wandte sich gegen diese Interpretation, als es 1974 mit einem Plakat und dem Slogan„Frei – aber nicht haltlos. Das ist der Busen 1974“ warb. 26 Historisch ist der BH nicht die erste Damenunterwäsche, die zu Debatten führte. 20 A. Hepp, Transkulturelle Kommunikation(= UTB, Bd. 2746). 2. Aufl. Konstanz, München 2014, S. 158–159; Nourzad, siehe Anm. 18, S. 40 f. 21 V. de Grazia(Hg.): The sex of things. Gender and consumption in historical perspective . 6. Aufl. Berkeley 2008. 22 Auslander, siehe Anm. 14. 23 G. de Landemer: Le carnet de fiançailles. Paris 1910; zitiert in Auslander, siehe Anm. 14, S. 96 . 24 A. Junker, E. Stille(Hg.): Zur Geschichte der Unterwäsche 1700–1960 . Publikation anlässlich der Ausstellung vom 28.04.– 28.08.1988 im Historischen Museum Frankfurt. Frankfurt am Main 1988, S. 146 . 25 K. Schulz: Ohne Frauen keine Revolution. 68er und Neue Frauenbewegung. https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/68er-bewegung/51859/ohne-frauen-keine-revolution/(20.4.2024). 26 T. Schnabel: Auf nackter Haut. Leib, Wäsche, Träume. Publikation anlässlich der Ausstellung vom 22.05.2015 bis 31.01.2016 im Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Stuttgart 2015, S. 140. DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.12| KOULI: HISTORIOGRAPHIE ZUR EUROPÄISCHEN DESSOUS-GESCHICHTE_ INSIGHTOUT 2(2024) 86 Die„Corset Controversy“ 27 in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt ebenfalls, dass sich Wahrnehmung und Rolle von Unterwäsche erheblich wandeln könnten. Valerie Steele, Autorin zahlreicher Bücher zur Geschichte der Unterwäsche, argumentiert, dass es in Bezug auf die Corsage drei Gruppen gegeben habe, die sich gegenübergestanden hätten. Während eine Gruppe Corsagen für ungesund, abstoßend und unmoralisch hielt, fand eine andere sie akzeptabel, sofern die Schnürung nicht gesundheitsgefährdend sei. Eine dritte, sich stark in der Minderheit befindende Gruppe, trieb die Schnürung der Taille auf die Spitze. 28 Ähnlich wie bei den Büstenhaltern konnte man mithin auch bei der Diskussion über Wohl und Wehe der Corsagen Argumenten begegnen, bei denen die Gesundheit und die Ästhetik der Frau einander gegenübergestellt wurden. Diese Darstellung basiert jedoch auf einer wichtigen Voraussetzung: Sie ist nur plausibel, wenn man annimmt, dass die Debatten innerhalb derselben Gesellschaften geführt wurden. Genau das war jedoch nicht der Fall. Die von Steele angeführte„Corset Controversy“ dominierte im Vereinigten Königreich. In Deutschland und Frankreich war der Diskurs ein anderer. Länderübergreifende Arbeiten liegen nur wenige vor. Colleen Hills„A History of Lingerie“ beleuchtet„women’s private lives“, was konkret Frankreich, Deutschland und England umfasst. 29 Freilich findet keine gezielte Unterscheidung der drei Gesellschaften statt. Soziologische Werke wie Joanne Entwistles„The Fashioned Body“ widmen sich dem Verhältnis von Kleidung und Mode. 30 Ziel Entwistles ist in erster Linie die Schaffung der theoretischen Grundlagen für eine solche dann noch vorzunehmende Analyse. Der Teil dieser Rezeptionsforschung, der sich in hohem Maße den visuellen Darstellungen von Dessous widmet, bezieht sich in erster Linie auf Frankreich, oder stammt gar von dort. Das spiegelt sich auch in der Art der Publikationen wider, unter denen Bildbände eine wichtige Rolle einnehmen. Zazzo thematisiert in ihrem Werk über Dessous deren Wahrnehmung, wobei ihre Arbeit im 18. Jahrhundert einsetzt. 31 In ähnlicher Weise nähern sich Barbier und Boucher dem Thema an, wobei sie Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Erscheinen der Reklame als neue Verkaufstechnik beginnen. 32 Eine Dessousgeschichte als„Verführungsgeschichte“ hat Manferto mit seinem Bildband vorgelegt. 33 Den genannten Arbeiten ist gemein, dass sie die Damenunterwäsche ins Zentrum stellen und den Wandel der Moden aufzeigen. In diesen Arbeiten kommt Frankreich ein erhebliches Übergewicht zu, andere Ländern kommen kaum vor. Eine Ausnahme ist dabei Cecil Saint-Laurent, die in ihrer„Sittengeschichte der weiblichen Dessous“ explizit herausarbeitet, dass ein„zweihundertjähriger Kampf gegen die Mode-Autorität von Paris[…] die Frauen dieser Länder[USA, England und Deutschland, Y.K.] dazu gebracht“ habe, den „Mode-Plagen“ – Gesäßpolster, Krinoline, Corsagen – aus Frankreich zu widerstehen. 34 Steele folgt diesem faktisch-nationalen Ansatz, indem sie in ihren Arbeiten insbesondere auf die englische Haupt27 V. Steele: Fashion and eroticism. Ideals of feminine beauty from the Victorian era to the Jazz Age . New York 1985, S. 161. 28 Ebd., S. 162. In ähnlicher Weise wandelte sich Rezeption der Herrenmode durch Frauen, etwa Anfang des 20. Jahrhunderts:„Galt die Männermode bis dahin als Ausdruck der Modernität, so erscheint sie nun als eher konservativ, zu sehr an dem starren, einfarbigen bürgerlichen Anzug festhaltend“; Mentges, siehe Anm. 15, S. 57. 29 C. Hill, V. Steele: Exposed. A history of lingerie . New Haven, London 2014. 30 J. Entwistle: The fashioned body. Fashion, dress and modern social theory. 2. Aufl. Cambridge(UK) 2017.Un 31 M. Walter, A. Zazzo: Dessous. Imaginaire de la lingerie . Paris 2009. 32 M. Barbier, S. Boucher: Die Geschichte der Damenunterwäsche. New York 2016. 33 V. Manferto(Hg.): Dessous . Wiesbaden 2010. 34 C. Saint-Laurent: Drunter. Eine Kultur- und Phantasie-Geschichte der weiblichen Dessous . Wien 1988, S. 135. DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.12| KOULI: HISTORIOGRAPHIE ZUR EUROPÄISCHEN DESSOUS-GESCHICHTE_ INSIGHTOUT 2(2024) 87 stadt Bezug nimmt. 35 Auch die kürzlich entstandene Dissertation der Kunsthistorikerin Nina Goldt-Strauß beschränkt ihre Analyse auf Frankreich. 36 Etwas anders stellt sich die Sachlage im Folgenden dar: Die zweite Gruppe von Publikationen nimmt die Unterwäsche selbst in den Blick. Diese Werke erwecken oft den Eindruck, einen paneuropäischen Ansatz zu verfolgen, indem sie einen Fokus auf die Produkte anstatt auf die betroffenen Marktgesellschaften haben. Es muss dabei jedoch konstatiert werden, dass sich der„paneuropäische“ Ansatz faktisch doch als einer entpuppt, der nur auf wenige Länder Bezug nimmt. In praxi werden nationale Schwerpunktsetzungen vorgenommen, die jedoch nicht explizit benannt werden und damit nolens volens ein Forschungsdesiderat freilegen. Eine Publikation des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg („Auf nackter Haut“, 2015) ist ein aufschlussreiches Beispiel. Das Werk setzt Mitte der 1870er Jahre ein (1875-1919). In dieser Phase standen gesundheitliche Erwägungen im Vordergrund. Die Epoche nach 1919 (bis 1935) war dann durch körperbetonte Wäsche charakterisiert, um dann ab 1935 bis in die frühe Nachkriegszeit wieder in eine Phase überzugehen, in der körperliche Ertüchtigung und Sport dominierten. Die Zeit zwischen 1947 und 2005 wurde nochmal in zwei Phasen unterteilt, wobei sich die Zäsur von 1967 insbesondere durch einen Wandel in der Produktpalette des Unternehmens„Schiesser“ erklärt. 37 Schiessers Geschäftsmodell bestand seit jeher darin, sich über Qualität auf dem Markt zu behaupten. 38 Wenn Schiesser versuchte, den Körper der Frauen zu formen, tat es dies mit einem kaum sichtbaren Unterkleid, nicht in so massiver Weise, wie es bei Corsagen der Fall war. Auch das In-Szene-setzen spielte eine weit geringere Rolle. In den späten 1930er und frühen 1950er Jahren wurde zwar farbenfrohe, feminine Unterwäsche angeboten. Danach kehrten die Firma jedoch wieder zu dem zurück, wofür sie bekannt war. Das Gleiche gilt für die Firma„Wilhelm Benger Söhne“, die 1874 gegründet wurde und 1983 geschlossen werden musste. Bei diesem Unternehmen spielte Ästhetik ebenfalls eine geringere Rolle. Im Zentrum der Schriften stehen für die Epoche vor 1914 gesundheitliche Aspekte, mithin die Hygiene, die Regulierung des Wärmehaushalts und der„Wärmeausdünstungen“ sowie die Pflege der Haut. 39 Hinzu kommt der Wandel der Unterwäscheformen, Hinweise auf Bademoden und das Aufkommen elastischer und farbiger Waren. 40 Auch das Historische Museum Frankfurt am Main(HMF) organisierte 1988 eine Ausstellung. Die begleitend herausgegebene Publikation ist mit 381 Seiten erheblich umfangreicher und deckt auch einen breiteren Zeitraum ab(1700–1960). Auch dort dominiert der Blick auf Deutschland. Einflüsse aus dem Ausland werden nur punktuell eingebracht, etwa wenn zu Beginn der 1850er Jahre die Verbreitung der US-amerikanischen Beinkleider in Deutschland problematisiert wird. 41 Dass es sich bei dieser Prominenz des Gesundheits- und Sportaspektes um ein deutsches Spezifikum handelt, ist daher eine naheliegende Vermutung. Explizit wurde dies jedoch bisher nicht untersucht. Jedenfalls fällt auf, dass in 35 V. Steele:„The Corset: Fashion and Eroticism“, in: Fashion Theory 3(1999), Heft 4, S. 449–473; V. Steele:„ Femme Fatale : Fashion and Visual Culture in Fin-de-siècle Paris“, in: Fashion Theory 8(2004), Heft 3, S. 315–328; V. Steele: The Corset. A cultural history. New Haven 2001; Valerie Steele, siehe Anm. 27. 36 N. Goldt: Portrait à la mode. Weibliche Figurenbilder der École de Paris zwischen Belle Époque und Années folles . Berlin, Düsseldorf 2022. 37 Schnabel, siehe Anm. 26. In genannten Ausstellungskatalog steht das Unternehmen Schiesser stark im Zentrum. 38 Sie schreiben das auch explizit, etwa wenn sie 1939 mit der Aufschrift„Schiesser ist Qualität – und der Beweis dafür“ werben; Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg B 0127/BÜ 97. 39 Schnabel, siehe Anm. 26, S. 36–63 . 40 Ebd., S. 3. 41 Junker, Stille, siehe Anm. 24 S. 238; J. Teunissen:„Kleider in Bewegung: Die moderne, unabhängige Frau in den Medien“, in: M. Ch. Härtel u.a.(Hg.): Kleider in Bewegung. Frauenmode seit 1850. Petersberg 2020, S. 125–135. DOI 10.60531/INSIGHTOUT.2024.2.12| KOULI: HISTORIOGRAPHIE ZUR EUROPÄISCHEN DESSOUS-GESCHICHTE_ INSIGHTOUT 2(2024) 88 Frankreich auch bei musealen Darstellungen der Rezeption von Dessous mehr Aufmerksamkeit zukommt. 42 Brauchen wir eine Karte nationaler Präferenzen? Durch ihre jeweilige Übergewichtung auf Deutschland, England oder Frankreich – andere Länder werden kaum behandelt – scheinen die Veröffentlichungen zu bestätigen, dass sich die Märkte für Damenunterwäsche in den jeweiligen Ländern erkennbar unterschieden. Die komparative Perspektive fehlt bisher. Bestimmte Interpretationen legen solche Unterschiede nur nahe, ohne diese nachprüfbar belegen zu können. Eine dieser Interpretationen ist, dass die Spezialisierung eine Folge nationaler Kaufpräferenzen gewesen sei. Die in Frankreich vergleichsweise preisintensive Luxusproduktion habe dominiert, schlicht weil Nachfrage danach bestanden habe. Analog habe bei der deutschen Kundschaft die Qualität im Vordergrund gestanden, weshalb die deutschen Wäschehersteller sich entsprechend spezialisiert hätten. Der wissenschaftlich erbrachte Nachweis steht jedoch aus. Die zu Beginn des Abschnitts gestellte Frage kann daher plausibel mit Ja beantwortet werden: Eine Karte nationaler Präferenzen würde die Forschung voranbringen. 42 Siehe z.B. C. Spillemaecker, F. Philippeaux(Hg.): Les dessous de l’Isère. Une histoire de la lingerie féminine. Publikation anlässlich der Ausstellung vom 22.3. bis 30.6.2014 im Musée Dauphinois Grenoble. Lyon 2013.