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Paul von Schrott
einzelnen Phasen bei raschen Bewegungen des Menschen sind. Seitdem ist bei sehr vielen sportlichen Aufnahmen, in Wochenprogrammen usw. die Unterbrechung des normalen Ganges der Aufnahme durch eine Zeitlupenserie üblich geworden. Es ist unmöglich, den gewaltigen Umfang nur anzudeuten, den die Zeitlupe im technischen und wissenschaftlichen Leben gewonnen hat. Die erste, nach der MusGERschen Erfindung durch Lehmann geschaffene Zeitlupe gestattete Aufnahmen bis zu 500 Bildern je Sekunde. Durch Nebeneinanderschaltung und Kupplung mehrerer solcher Zeitlupen, wobei die Spiegeltrommeln so gegeneinander verstellt waren, daß die mit den einzelnen Geräten aufgenommenen Bilder immer um einen Bruchteil gegeneinander versetzt wurden, konnte man die Zahl der Phasenbilder beliebig steigern und sogar sehr erfolgreich die Bahnen fliegender Geschosse aufnehmen. Eine weitere wichtige Verwendung der Zeitlupe war das Studium von Gehstörungen bei Verwundeten. Heute findet die Zeitlupe, wenn auch in veränderter und verbesserter Bauart, bei ungezählten Fällen in der wissenschaftlichen Forschung zur Analyse von BewegungsVorgängen aller Art Verwendung, wie z. B. zum Studium des Vogel- und Insektenfluges, der Fortbewegung von Kriechtieren u. a. m., sowie zur Beobachtung rascher Arbeitsbewegungen bei technischen Verfahren. Später wurden noch andere Methoden für Zeitlupenaufnahmen gefunden, so namentlich die von dem genialen Gedanken des Wiener Physikers E. Mach ausgehende elektrische Funkenkinematographie. Diese ermöglicht es nunmehr, je Sekunde bis zu einer Million Phasenbilder aufzunehmen, so daß man heute mit Fug und Recht behaupten kann, es gebe kaum mehr einen Be wegungs Vorgang, dessen Einzelheiten vom Menschen nicht zu durchschauen wären. So ist die Zeitlupe zu einem unentbehrlichen Behelf der wissenschaftlichen und technischen Forschungsarbeit herangereift — die Zeitlupe, deren Ursprung wir Musger verdanken.
Das Österreichische Forschungsinstitut für Geschichte der Technik in Wien hat den im Fürstbischöflichen Knabenseminar in Graz vorhandenen schriftlichen Nachlaß Musgers gesammelt und auf Grund dieser und sonstiger Nachweise die Verdienste Musgers um die Erfindung der Zeitlupe dokumentarisch festgestellt. Zugleich wurde beschlossen, an seinem Geburtshaus in Eisenerz eine Gedenktafel mit der folgenden Inschrift anzubringen:
August Musger
wurde hier am 10. 2. 1868 geboren.
Er starb in Graz am 30. 10. 1929.
Ihm verdanken wir die Erfindung der Zeitlupe.
Auch am Fürstbischöflichen Knabenseminar in Graz wird eine Tafel an den Namen dieses hochsinnigen Gelehrten und Erfinders im Priesterkleid erinnern, welcher die Grundlagen eines neuartigen Sehwerkzeuges geschaffen hat, das den Maßstab der Zeit vergrößert und uns vordem ungeahnte Einblicke in die schnellsten Be wegungs Vorgänge der belebten und der unbelebten Natur gewährt. — Die zur Errichtung der Gedenktafeln in Graz und Eisenerz erforderlichen Geldmittel