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Franz Schnabel
Ich selbst habe in den Jahren meiner Tätigkeit an der Karlsruher Hochschule Gelegenheit gehabt, in meiner Geschichte des technischen Hochschulwesens die Wirksamkeit des großen Österreichers aus den Akten darzustellen, und in dem der technischen Entwicklung gewidmeten dritten Band meiner „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert“ habe ich die Stellung umschrieben, die diesem Ingenieur in der deutschen Geistesgeschichte zukommt.
Bis zur Zeit Redtenbachers war der Maschinenbau in Deutschland als ein Handwerk, rein erfahrungsgemäß betrieben worden. Der junge Praktiker besuchte in der Regel eine Gewerbeschule oder ein Polytechnikum; auf einer Reise nach England, diesem Geburtsland der Maschinenindustrie, mochte er feststellen, daß die praktische Erfahrung in der Werkstatt genügen konnte, um zu großen Erfolgen zu führen. Zu Hause beschaffte er sich dann aus England eine Maschine oder Ersatzteile und verbesserte sie im Laufe der Arbeit. In den polytechnischen Schulen aber begnügte man sich mit den Elementarkenntnissen, gab Beschreibungen der Maschinenteile und nahm die Abmessungen als gegebene Erfahrungsgrößen an oder suchte sie durch Probieren in der Werkstätte zu finden. Festigkeitsrechnungen waren fast unbekannt. Da ist es von Bedeutung geworden, daß Redtenbacher den wissenschaftlichen Maschinenbau entwickelt und in den akademischen Unterricht eingeführt hat. Er kannte die wissenschaftlichen Grundsätze der Ecole polytechnique zu Paris, dieser von der französischen Revolution geschaffenen Bildungsstätte für Pionieroffiziere und Baubeamte. So lernte er, sich die Gesetze des Maschinenbaues nicht von der Praxis vorschreiben zu lassen, sondern aus theoretischen Erwägungen abzuleiten. Aber er fand, daß bei den Pariser Polytechnikern die Mechanik doch immer nur ein Anhängsel der Mathematik war, daß bei ihnen die Verbindung mit der Praxis fehlte und die Durcharbeitung der Details mangelhaft blieb. Redtenbacher erkannte die Wichtigkeit der wissenschaftlichen Prinzipien; aber er wußte auch, wie so vieles von dem Ingenieur nach der Erfahrung oder nach dem Gefühl anzuordnen ist. Er fand das Wesen des technischen Menschen in dem Gleichgewicht von exakter Methode und freiem Schaffen.
So ist der Maschinenbau als eine wissenschaftlich begründete, selbständige Kunst in der Tat deutschen Ursprungs. Redtenbacher sah bei seinen Forschungen von allen praktischen Erfahrungen zunächst vollständig ab. Bezeichnend für die Folgerichtigkeit seines wissenschaftlichen Denkens sind die Worte aus der Vorrede seines grundlegenden Werkes über den Lokomotivbau: „Ich habe schon seit Jahren über die Lokomotive theoretische Studien gemacht, die zunächst bloß zu meiner eigenen Belehrung dienen sollten. Die Sache wurde aber allmählich ernstlich; ich kam zu entscheidenden Resultaten, und dies veranlaßte mich, den Gegenstand im Zusammenhang vollständig zu behandeln. Auf diese Weise ist das vorliegende Werk entstanden. Ich habe mich dabei so benommen, wie wenn praktische Erfahrungen über den Lokomotivbau gar noch nicht gemacht worden wären, habe mich ganz und gar den Grundsätzen der Mechanik überlassen und wollte einmal sehen, was dabei herauskommen würde.“ Schon bauten Borsig und andere LTiternehmer Lokomotiven und Turbinen. Aber Redtenbacher lehrte, eine Kraftmaschine vorauszuberechnen, ihren Wirkungsgrad gleichsam vorherzusagen. Und er zeigte auch, wie die Untersuchungen anzuwenden seien. Er selbst tat den Ausspruch: „Ich schreibe keine Lehrbücher, sondern Bücher, aus denen man lernt.“