Ferdinand Redtenbaciier
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Dementsprechend hat Redtenbacher die technische Unterweisung neu aufgebaut. Er bestand auf der mathematischen Vorbildung der Studierenden in der vollen wissenschaftlichen Exaktheit; er hat seine Schüler mit den wissenschaftlichen Mitteln zu arbeiten gelehrt beim Bau der Dampfmaschine und der Wasserturbine. Aber er war nicht der Meinung, daß ausschließlich die streng wissenschaftliche, um praktische Erfolge unbekümmerte Forschung Sache des Polytechnikums sei. Ihm erschien es als die Aufgabe, den jungen Konstrukteur von einseitiger, wissenschaftlicher Richtung fernzuhalten und alle seine Kräfte zu entwickeln, die der Beruf des Ingenieurs von ihm verlangt. So ist die deutsche Technische Hochschule eine Stätte der Forschung und Lehre mit ausgesprochenem Wirklichkeitszweck geworden. Und um dieser vielseitigen Aufgabe gerecht zu werden, mußte der technische Unterricht sich w r ohl oder übel zu dem großen Prinzip des modernen Lebens, zur Spezialisierung, bekennen. Redtenbacher setzte es durch, daß der Maschinenbau als eine eigene Abteilung des Polytechnikums konstituiert und daß neben dem chemischen Laboratorium ein eigenes Maschinenlaboratorium eingerichtet w urde. Dies alles waren Neuerungen, die in der Geschichte des Hochschuhvesens Epoche gemacht und den Aufschwung des deutschen Industriestaates ganz unmittelbar herauf geführt haben.
Die Spezialisierung verlangt freilich ein Gegengewicht, wenn die Technik nicht Selbstzweck werden und darüber verkümmern soll. Auch dies hat Redtenbacher als erster gesehen und die entsprechenden Anstalten getroffen. Er wußte, daß auch die vollendetste Kenntnis der exakten Wissenschaften noch keinen Konstrukteur macht und daß das Erfinden und Arbeiten des technischen Menschen nicht nur wissenschaftliche Kenntnisse und praktische Fertigkeiten erfordern, sondern auf künstlerischer Geistestätigkeit beruhen. Denn um eine schöne Maschinenkonstruktion zustande zu bringen, ist ein sehr ausgeprägter Formen- und Ordnungssinn nötig. Dies w r ar es, was Redtenbacher meinte, wenn er vom Maschinenbauer sagte, daß er nicht nur wissenschaftlich und praktisch ausgebildet sein dürfe: „er muß auch Ingenieur sein!“ Die Verbindung von Kunst und Technik war ein tiefes Problem, das nur von vielseitig gebildeten Menschen gesucht und gelöst werden konnte. So hatten die Erziehungsgedanken der klassischen Dichter und Denker Deutschlands auch in dem Jahrhundert der Technik nochmals eine große Sendung zu erfüllen. Diese Kulturgedanken waren um den Begriff der „ästhetischen Erziehung“ erwachsen und die Kunst war berufen, das einzelne Werk und das ganze Leben zu gestalten. Dies wurde entscheidend auch für die künstlerische Durchsättigung der Ausdrucksformen unseres Maschinenzeitalters.
Die Arbeit im Konstruktionsbüro und in der Werkstatt gab eine Erziehung zur sachlichen Hingabe an das Werk, wie sie nur wenige andere Berufe zu gewähren vermochten. Hier erhielt das menschliche Geistesleben eine Bereicherung von unermeßlichen Ausmaßen; ganze Stände und ganze Generationen wurden dazu erzogen, das Chaos ungezügelter Gewalten zu ordnen durch eine überlegene Intelligenz. Doch was nützte die höchste technische Vollendung, sobald sie sich nicht einordnete in ein System der Werte! Der Ingenieur strebte, Herr zu werden über die Natur; aber er konnte es nur, wenn er auch ihr Bewunderer geworden war. Der Ingenieur mußte erkennen, daß seine Arbeit dem Wohle der menschlichen Gemeinschaft gewidmet war, daß er also in seinem Fache um so fruchtbarer zu wirken vermochte, je