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Franz Schnabel
mehr er sich aus einem engen Gesichtskreis heraushob. Die alte Ausbildung des Lehrlings durch die Zunft und den Meister war unwissenschaftlich gewesen; aber sie hatte die Möglichkeit geboten, den Charakter und den ganzen Menschen zu bilden. Sollte dies nicht auch auf der neuen Ebene, an der Hochschule sich verwirklichen lassen ?
Dies war es, was Redtenbacher bei seiner Lebensarbeit vorschwebte und womit er die deutsche Bildung bereichert und vertieft hat. Als er das technische Hochschulwesen auf wissenschaftliche Grundlage stellte, hat er doch dem Studierenden auch eine Meisterlehre eröffnet — in dem Betrieb seines Laboratoriums und durch den persönlichen Umgang mit dem Professor. Zugleich hat er veranlaßt, daß der Hochschule eine Sektion für allgemein bildende Fächer eingefügt wurde, und auch dies ist dann richtunggebend geworden im ganzen deutschen Bildungswesen. Als der erste Lehrstuhl dieser Art ist damals an der Karlsruher Hochschule der Lehrstuhl für Geschichte errichtet worden. Wenn Redtenbacher in die Erziehung der jungen Ingenieure auch die „allgemeine Bildung“ aufnahm, so sollte damit nicht etwa der Examenstoff gemehrt, es sollte nicht wahllos über alles vorgetragen werden. Vielmehr soll nach dem Grundgedanken unserer deutschen Bildung der junge Ingenieur, der in der Welt der Maschine lebt, doch auch einen Blick tun in jene andere Welt der moralischen Mächte, in der nicht die Kausalität herrscht, sondern die Freiheit! Er soll lernen, Ehrfurcht zu haben vor den Werten seines Volkes, vor der Tradition, vor der Natur, vor den Mitmenschen, vor Gott — weil die Technik, wenn sie die ungeheuren Naturkräfte, die sie konzentriert in die Hände sittlich mangelhaft vorbereiteter Menschen legt, in Gefahr gerät, die Welt zu brutalisieren! Und es wird auch der Berufsarbeit im engeren Sinne zugute kommen, wenn der Ingenieur gelernt hat, nicht nur mit Zahlen und mechanischen Kräften zu rechnen, sondern auch mit lebendigen Menschen zu arbeiten. Erst als der Ingenieur sich so aus den Grenzen seines Faches heraushob, wurde es ihm möglich, Verständnis zu wecken für technisches Arbeiten beim Nichttechniker und also auch die Kulturbedeutung der Technik zur Anerkennung zu bringen.
Es war die „Kultur des industriellen Publikums“, wie Redtenbacher in dem altfränkischen Stil seiner Zeit es ausdrückte. Sie war ein dringendes Anliegen für alle jene Männer, die in den Anfängen des deutschen Industriestaates den Weg aus der alten Geistigkeit in die neuen Zustände suchten. Sie war ein wesentlicher Teil jener „Erziehung zur Industrie“, die Friedrich List als erster gepredigt und eingeleitet hat. Auch Redtenbacher war erfüllt von dem Glauben seines Zeitalters an die große Mission der Naturwissenschaften und Technik, und er war überzeugt, daß der Industriestaat, wenn er von klugen und gebildeten Menschen geschaffen werde und von einseitiger Überbewertung der intellektuellen und technischen Arbeit sich freihalte, eine höhere Form des Daseins darstelle als das alte unentwickelte, rein agrarische Deutschland. Aber die rein technische Berufsausbildung barg, wie Redtenbacher immer wieder betonte, in sich die Gefahr, den Ingenieur im bürgerlichen Leben zu isolieren und den „ideellen Interessen der Gesellschaft“ zu entfremden. Es gibt ein Bild der damaligen geistigen Lage, was wir in Redtenbachers Schriften lesen: „Wenn die Gebildeten den gegenwärtigen Zustand der Industriellen roh nennen, so haben sie recht; wenn aber jene glauben, es vertrage sich eine rechte Bildung gar nicht mit einer industriellen Tätigkeit, dann haben sie unrecht; leider ist das die vor-