Ferdinand Redtenbacher
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herrschende Ansicht, welche in höchstem Grade nachteilig und hemmend auf die industrielle Entwicklung Deutschlands gewirkt hat. Einem Stand, der nicht geachtet ist, werden sich nicht leicht Menschen mit Talenten und edlerer Gesinnung zu wenden!“
Diese umfassende und bedeutungsvolle Auffassung von der Stellung der Technik im Leben der Nation ist um so bemerkenswerter, als Redtenbacher selbst Autodidakt war und seine Jugend als Lehrling in einem Spezereigeschäft seiner österreichischen Heimat verbracht hatte. Er sagte selbst: „Ich habe in meinen jungen Jahren Stiefel geputzt und Papierdüten.gedreht, statt die Klassiker des Altertums und der Neuzeit zu studieren. Ich habe mit mir entsetzlich zu schaffen gehabt, bis ich das in der Jugend freilich schuldlos Versäumte einigermaßen nachgeholt hatte.“ Aus seinen überlieferten Briefen kann man ersehen, wie unermüdlich sich dieser Mann mit philosophischen und geschichtlichen Studien und mit seiner künstlerischen Fortbildung beschäftigt hat. Seine Bücher lassen überall die Spuren dieser weiten Auffassung erkennen. Und einer glücklichen Fügung ist es nun zu verdanken, daß es dem Österreichischen Forschungsinstitut für Geschichte der Technik gelang, von einem Nachfahren Redtenbachers die Handschriften seiner wichtigsten Druckwerke und Vorlesungen zu erhalten. Aus Redtenbachers eigenhändigen Niederschriften tritt uns hier seine Gedankenwelt in frei dahinfließenden Schriftzügen, strengen mathematischen Formeln und meisterhaften Maschinenrissen in voller Klarheit entgegen.
In enger Verbundenheit mit seiner österreichischen Heimat schloß ‘Redtenbacher im Jahre 1837 eine glückliche Ehe mit der Tochter eines verwandten gleichnamigen Sensengewerken in Kirchdorf a. d. Krems, und die Erinnerung an seine Bergheimat war es auch, welche ihn während seiner kargen Ferien immer wieder zu den Alpen hinzog, die er mit dem Auge des Künstlers erschaute. So schreibt er einmal einem Freunde: „Nun zieh ich im Herbst mit meinem Malkasten in die Berge, lasse mich in irgendeiner Almhütte nieder und male darauf los, bis mir das Kreuz weh tut. Im Winter werden dann in freien Stunden Bilder gemalt, so gut es eben gehen will.“
Mit Redtenbacher ist zur rechten Zeit der rechte Mann erstanden, und so gehört dieser Ingenieur zu den großen Erziehern der deutschen Nation in einer von schwierigen Lebensproblemen bedrängten Zeit. Seine Nachwirkung kann aus der deutschen Bildungsgeschichte nicht ausgelöscht werden. Generationen hervorragender Ingenieure sind aus seiner Schule hervorgegangen, und im ganzen deutschen Kulturgebiet ist das technische Unterrichtsw r esen nach seinen Gedanken eingerichtet worden. Unmittelbar beteiligt w r ar Redtenbacher 1855 an der Gründung der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, die aus mancherlei Motiven eine Ausgestaltung der geisteswissenschaftlichen Studien erhielt, w r ie sie auch eine Universität kaum reichlicher besitzen kann. Sein Vorbild hat auch an die Wiener Technische Hochschule hinübergewdrkt, von der er einst ausgegangen war. Ein aus dem alten Deutschland nach Österreich gekommener Ingenieur, Johann Joseph Prechtl, der von der Rhön stammte, hatte 1815 die Technische Hochschule in Wien geschaffen. Die Wiener Hochschule und das österreichische Land haben hierfür den Dank abgestattet, als sie dem alldeutschen Bildungswesen in Ferdinand Redtenbacher den Mann schenkten, in dem mehr als in irgendeiner anderen Persönlichkeit die innere Einheit des gesamtdeutschen Hochschullebens verkörpert ist.