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Adolf Biiil
Während alle diese Linien dem Nord-Süd-Verkehr dienen, gab es bis zum Beginn der Achtzigerjahre keine durchgehende Ost-West-Verbindung zwischen Wien und dem westlichsten österreichischen Alpenland Vorarlberg. Erst mit der Eröffnung der Arlbergbahn am 20. September 1884 wurde diese für den mitteleuropäischen Durchgangsverkehr wichtige Linie vollendet. Der Erbauer dieses großartigen Werkes deutscher Ingenieurkunst, Julius Lott, erlebte diesen Tag, der ein Ehrentag für ihn geworden wäre, nicht mehr; er war im Jahre vorher durch einen qualvollen Tod mitten aus seiner Arbeit abberufen worden.
Sein Vater, Franz Karl Lott, war Universitätsprofessor in Göttingen und Wien; er war am 28. Januar 1807 als Sohn eines Baumwollwarenfabrikanten in Wien geboren. Dort besuchte Franz Karl Lott die Volksschule, dann das Akademische Gymnasium und studierte, um dem Wunsche des Vaters nachzukommen, Rechtswissenschaft. Aber schon nach einem Jahr des Gerichtsdienstes verließ er die juristische Laufbahn und begann Philosophie zu studieren. Nach dem Tode des Vaters (1838) ging er nach Göttingen, wo der Philosoph Herbart lehrte. Neben Herbart waren es vor allem der Mathematiker Karl Friedrich Gauss und der Chemiker Karl Friedrich Wöhler, die auf Lott einen nachhaltigen Eindruck ausübten. Mit einer Schrift über die Unsterblichkeit der Seele habilitierte er sich, nachdem er kurze Zeit in Heidelberg gewesen war, 1842 an der philosophischen Fakultät der Göttinger Universität, wo er 1848 auch Professor wurde. Im nächsten Jahr folgte er einem Ruf in seine Vaterstadt Wien, wo er bis zu seinem Tode am 15. Februar 1874 wirkte.
Franz Karl Lott war seit dem 28. Oktober 1833 mit Marie Bujatti, der Schwester eines bekannten Wiener Seidenfabrikanten, Franz Bujatti, vermählt, die ihm drei Söhne und zwei Töchter schenkte. Der älteste Sohn, Theodor, wurde Sekretär der Akademie der Bildenden Künste in Wien, der dritte Sohn, Gustav, wurde Professor für Frauenheilkunde an der Wiener Universität; die ältere Tochter, Jeanette, heiratete den Wiener Kunsthistoriker Rudolf von Eitelberger, den Begründer des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie, die jüngere, Marie, wurde die Gemahlin des bekannten Historikers Ottokar Lorenz.
Julius, der zweite Sohn Franz Karl Lotts, wurde Ingenieur. Er wurde am 25. März 1836 in Wien geboren. In Göttingen besuchte er die Volksschule und das Gymnasium. Nach des Vaters Übersiedlung nach Wien war Julius im Jahre 1849 50 Schüler des Akademischen Gymnasiums und dann vier Jahre des Gymnasiums der Theresianischen Akademie, wo er auch die Reifeprüfung ablegte. Schon in der Schule hatte er mehr Freude an den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichtsgegenständen ; er ging deshalb nach der Reifeprüfung an das Wiener Polytechnische Institut, wo er Bauingenieurwissenschaften studierte. Im Herbst 1856 zog er von Wien nach Karlsruhe, wo er unter anderem auch bei Ferdinand Redten- bacher, dem großen Maschinenbauer, hörte. Nach Abschluß der Studien wurde er Assistent bei Professor Oberbaurat F. Keller und trat dann in den badischen Staatsdienst für Straßen- und Wasserbau.
Im Juni 1862 rief ihn Karl von Etzel nach Tirol zum Bau der Brennerbahn, wo sich Lott zuerst bei der Trassierung, dann als Bauleiter einer der schwierigsten Raustrecken, Patsch—Matrei, hervorragend bewährte; vor allem zeigte er seine