Aufsatz 
Geschichte der Donauregulierung bei Wien / von Viktor Thiel
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Geschichte der Donauregulierung hei Wien.

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der Sprengung der Felsen bei Grein begonnen. Schon vorher, im Jahre 1767, war der berühmte Wasserbautechniker Fremaut aus Triest nach Wien berufen worden; auch er wollte den Strom bei Nußdorf in ein einziges Rinnsal zusammenfassen, hierzu einen Damm am linken Ufer von Tuttendorf bis gegenüber Nußdorf bauen, den Zufluß in den Donaukanal zum Schutz der tiefer gelegenen Vorstädte Wiens durch Schleusen regeln. Schon sollte der Bau begonnen werden, als die Kaiserin in ihrem Entschluß der Kosten wegen wankend wurde und eine neue Beratung anordnete. Das Ergebnis derselben erlebte Fremaut nicht mehr (er starb 1768). Von leidenschaft­lichem Ehrgeiz erfüllt, hatte der kühne Mann sich mit aufopferndster Hingebung dem schwierigen Unternehmen gewidmet, das seiner bedeutenden Begabung Ge­legenheit zu glänzender Betätigung bot und sich durch mehrere Monate hindurch kaum die nötige Nachtruhe gegönnt; nicht einmal die Krankheit und der Tod seiner Frau in Triest, an der er mit großer Zärtlichkeit hing, vermochten ihn von seiner Arbeit loszureißen. Wohl infolge der langandauernden übermäßigen Anspannung seiner geistigen und körperlichen Kräfte brach Fremaut zusammen.

Nunmehr wurde Ingenieur Hubert aus Preßburg nach Wien geholt. Er war mit Fremaut eng befreundet gewesen und mit seinem Plan wohl vertraut. Er nahm ihn der Hauptsache nach wieder auf, wich aber in einem wesentlichen Punkt von ihm ab; die Schleusenanlage hielt er für überflüssig; zum Schutz der Leopoldstadt und Roßau wollte er Dämme entlang dem Donaukanal und dem Fahrstangwasser anlegen. Sein Projekt wurde genehmigt, doch fiel seine Haupttätigkeit bereits in die Regierungszeit Kaiser Josef II., der mit großem Interesse die Arbeiten verfolgte. Ende 1784 war der Hauptdamm am linken Donauufer ausgebaut. Es fiel nun auf, daß innerhalb von drei Jahren anhaltende Regengüsse nicht weniger als sieben ungewöhnlich starke Überschwemmungen der tieferen Vorstädte Wiens verur­sachten. Da trat im Herbst 1787 ein Hochwasser ein, das zu einer Katastrophe für Wien, noch mehr aber für das Marchfeld wurde. Es hielt nämlich der Damm am linken Donauufer den Fluten nicht stand; er wurde überstiegen und an vielen Stellen durchbrochen. Die öffentliche Meinung und überwiegend auch das Urteil der Fach­männer verurteilte den Erbauer des Dammes, daß er den Strom zu sehr eingeengt habe. Das Vertrauen des Kaisers, das Hubert vordem in hohem Maße besessen, hatte er durch das unglückliche Ereignis gänzlich verloren.

Auch die alten Wasserstraßenpläne wurden unter Kaiser Josef II. und hernach unter Kaiser Franz wieder angeregt. Sie hatten ein bescheidenes Ergebnis. Bloß der Kanal zur Adria wurde in Angriff genommen und in den Jahren 1797 bis 1803 bis Wiener-Neustadt geführt. Als die Eisenbahnen aufkamen, insbesondere seit dem glänzenden Erfolg, den Stephensons LokomotiveRocket in dem Wettbewerb für die Bahnlinie LiverpoolManchester davongetragen hatte, wurde den Wasser­straßen gegenüber den Schienenwegen nur mehr eine untergeordnete Bedeutung beigemessen.

Hingegen ist die Frage der Donauregulierung bei Wien niemals zur Ruhe ge­kommen. Der Direktor des Hofbaurats, Josef Schemerl 2 , verfaßte 1810 ein groß-

2 Josef Schemerl K. v. Leytenbach (so lautet die gewöhnliche Schreibung, während das Adelsdiploin Schemerl von Leytlienbach enthält), geb. in Laibach 1752, gest. um 1837. V r or oder bald nach seinem Eintritt in den Staatsbaudienst unternahm er eine zweijährige