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Viktor Schützenhofer
und die Linien Mailand—Lodi— Piacenza, Coccaglio—Bergamo— Monza and Verona—Trient in Bau genommen.
Der rasche Aufstieg Negrellis hat ihm Feinde geschaffen, die nun bestrebt sind, seine (Stellung zu untergraben.
Am 25. Mai 1855 beginnt Feldmarschalleutnant von Trattnern die ihm aufgetragene Überprüfung der gesamten Gebarung der Negrelli unterstehenden Baubehörde. Ihre Grundlagen bilden vertrauliche Anzeigen betreffend die Arbeits- und Bauverhältnisse, die in ihren Einzelheiten Negrelli nie bekanntgegeben wurden. Er erblickt in der Tatsache dieser Überprüfung keine ihn beunruhigende Maßnahme und reist unter Ausnützung eines ihm hiefür gewährten Urlaubes Ende Juli nach Paris, um neue Bahneinrichtungen zu studieren, die Pariser Weltausstellung zu besuchen und einer Sitzung der Studienkommiission für den Suezkanal beizuwohnen. Die Studienkommission kommt zu keinem Beschluß, sie darf zu keinem Beschluß kommen, denn zwischenzeitig hat sich eine neue Persönlichkeit in den Kampf um den Suezkanal eingeschoben, die rücksichtslos alles daran setzt, den zu erwartenden Erfolg auf ihr Konto allein buchen zu können: Ferdinand von Lesseps. Lesseps war 1833 als französischer Vizekonsul in Kairo tätig und hatte durch sein konziliantes Wesen die Gunst des damaligen Vizekönigs Mehemed Ali errungen, der ihm die Mentorschaft beim jungen Prinzen Said, dem künftigen Thronanwärter Ägyptens, übertrug. Lesseps wurde im Dienste seines Landes bald anderweitig verwendet und war schließlich 1850 als Gesandter in Rom tätig, wo seine diplomatische Karriere ein jähes Ende fand. Nach Frankreich zurückgekehrt, lebte er als Privatmann, bis er 1854 von dem Tode des damaligen Vizekönigs Abras Pascha und der Nachfolge seines ehemaligen Zöglings Said Pascha hörte. Er beglückwünscht den neuen Vizekönig, trägt ihm seine Dienste an und wird eingeladen, nach Kairo zu kommen. Er eilt daraufhin zu Enfantin, schildert diesem seine Beziehungen zum neuen Vizekönig Ägyptens und verweist auf seine Verwandtschaft zur Kaiserin Eugenie. Er erreicht es, daß ihn die französische Gruppe der Studienkommission, ohne die übrigen Kommissionsmitglieder zu fragen, ermächtigt, bei 'Said Pascha wegen Erteilung des Bauauftrages für den Kanal vorstellig zu werden. Er erwirkt sich einen persönlichen Auftrag, den er damit rechtfertigt, daß jeder Orientale gegen anonyme Vereinigungen voreingenommen sei. Die Gültigkeit dieses Auftrages bedarf allerdings noch der Zustimmung der Hohen Pforte.
Nach der ergebnislosen Zusammenkunft der Studienkommission im September beruft Lesseps für den 30. Oktober die Gründungssitzung der von ihm zu schaffenden und zu leitenden Internationalen Kommission für den Suezkanal ein, in der außer Negrelli kein Mitglied der Studienkommission mehr aufsoheint. Negrelli nimmt an der Gründungssitzung teil, obwohl er zwischenzeitig bei seiner am 23. September erfolgten Rückkehr aus Paris in Verona das Dekret seiner Enthebung von der Stelle eines Direktors des Eisenbahnbaues im Lombardo-Venetianischen Königreich vorgefunden hat. Die Widersacher haben einen vorläufigen Erfolg errungen. Seine Stellung in der Suezkanalfrage wird dadurch aber nicht berührt. Österreich verfügt über keinen anderen Fach-