Präzisions-Zeitmessung in der Vor-HUYGENSSclien Periode.
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2. Eine Rechnung an Burgi (5), adressiert vom 27. August 1586, lautend auf 25 Taler für eine Gewichtsuhr mit Stunden-, Minuten- und Sekundenanzeige.
3. Eine Stelle in einer Handschrift (6) des Astronomen Rothmann (etwa 1586), welche zufolge ihrer Wichtigkeit als Photokopie in Bild 2 gezeigt wird, lautet folgendermaßen: „Soweit es unsere Uhren betrifft, haben wir drei für unsere Beobachtungen, doch wäre es zu langweilig und würde auch zuviel Zeit in Anspruch nehmen, sie zu beschreiben. Eines muß erwähnt werden, daß die erste dieser Uhren drei Zeiger besitzt, welche nicht nur Stunden und Minuten an- zeigen, sondern auch einzelne Sekunden. Die Dauer einer Sekunde ist nicht sehr kurz und entspricht etwa der Dauer der kürzesten Note in einer mittelmäßig langsamen Melodie. Der Gang ist nicht von der üblichen Art, sondern wird durch ein neuerfundenes System gebildet, wobei jede einzelne Bewegung desselben gerade einer Sekunde entspricht.
4. Eine Notiz von J. J. Becher (7) (1680), der auf eine schriftliche Mitteilung des Caspar Doms, eines befreundeten holländischen Astronomen, hinweist, und worin im Zusamenhang mit dem gerade seinen Siegeslauf antretenden Pendel Becher berichtete, daß er in Prag in der Zeit Kaiser Rudolfs II. eine von .Tost Burgi gebaute Pendeluhr gesehen habe, die Tycho Brahe verwendet hat. Diese Notiz wird wiederholt als Beweis der Existenz einer wirklichen Pendeluhr angeführt. Würde Bechers Erzählung für sich allein dastehen, so könnte man sie übergehen; hat doch das Gedächtnis die Tendenz, Eigenheiten der Gegenwart in eine uns ferner liegende Zeit zu verlegen. Zu Bechers Zeit war die Erfindung Huygens bereits an Standuhren und tragbaren Uhren eingeführt und das Pendel war als Voraussetzung für genaue Zeitmessung allgemein anerkannt. In jenen Tahren haftete allerdings dem Worte Pendel noch eine gewisse Unklarheit an und es wurde oft allgemein zur Kennzeichnung eines eigenperiodigen Systems in mechanischen Uhren verwendet, ohne zwischen dem physikalischen Pendel, das ist einer an einem Stab befestigten Masse und einer Unruhe zu unterscheiden. So mag Doms vielleicht nicht mehr gesehen haben als ein auffälliges Wag oder ein Foliot. Jedoch lassen die anderen drei Hinweise wenig Zweifel darüber, daß Burgi irgendeinen außergewöhnlichen neuen Zug in die Kunst der Zeitmessung eingeführt hat.
Rothmann, als einer der führenden Astronomen seiner Zeit, war zweifellos die richtige Person, die Wichtigkeit eines solchen Schrittes auf Grund seiner eigenen Erfahrungen zu ermessen und die Ableitung der KEPPLERSchen Gesetze sind Tatsachenbeweise für die gewaltigen Fortschritte der damaligen Zeitmessung. Die Astronomen müssen demnach schon vor 1600 Uhren besessen haben, deren Ganggenauigkeit viel höher war als jene der uns geläufigen schönen und komplizierten musealen Renaissanceuhren.
Um Licht in diese widerspruchsvollen Verhältnisse zu bringen, wurde eine systematische Suche nach Uhren von Burgi unternommen. Ausgangspunkt hiezu bildeten die wertvollen Angaben des Herrn Fust, Konservator des Heimatmuseums Lichtensteig, der Vaterstadt von Burgi, die den Weg zu sechs damals bekannten und als authentisch von Burgis Hand stammenden Uhrwerken wiesen. Im Zuge der hievon ausgehenden Forschungen gelang es, später noch drei weitere,