Aufsatz 
Hundert Jahre Semmeringbahn / von Viktor Schützenhofer
Entstehung
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Hundert Jahre Semmeringbahn.

Von

Dipl.-Ing. Viktor Schützenhofer, Wien.

Mit 4 Abbildungen.

Mit der am 17. Juli 1854 erfolgten Aufnahme des Vollbetriebes auf der Semmeringbahn wurde eine Lücke im Bahnnetz des damaligen Kaisertums Österreich geschlossen und die Verbindung vom Norden nach dem Süden des Landes bis Laibach hergestellt, die der Schöpfer dieser Bahnstrecke, der große österreichische Eisenbahnbauer Carl Ritter von Ghega drei Jahre später bis Triest verlängerte. Die Schließung der Lücke war um so bedeutsamer, als ihr ein gewaltiges Hindernis, die Alpen, im Wege stand, deren Bezwingung durch eine Ixikomotiveisenbahn ein beispielgebendes Weltereignis darstellte. Der Betrieb einer solchen Eisenbahn über einen Gebirgsstock wie den Semmering wurde damals von vielen anerkannten Fachleuten als undurchführbar angesehen. Tiefes technisches Wissen, eingehende Studien ausländischer Bahnbetriebe sowie ein bewundernswerter Weitblick ließen Ghega nicht nur die volle Unrichtigkeit der Ansichten seiner fachlichen Gegner erkennen, sondern überzeugten ihn davon, daß die von ihm vorgeschlagene Betriebsart für die Semmeringbahn und für durchlaufende Gebirgsbahnen überhaupt allein anwendbar sei.

Carl Ritter von Ghega wurde am 10. Jänner 1802 als Sohn eines k. k. Marine­beamten in dem damalig österreichischen Venedig geboren. Nach einer Vor­bildung im St. Anna-Militärkollegium seiner Vaterstadt sowie mathematischen und bauwissenschaftlichen Studien an der Universität in Padua, verlieh diese dem erst Siebzehnjährigen das Doktordiplom der Mathematik. Als staatlicher Ingenieur der Landesbaudirektion Venedig war dann Ghega fast siebzehn Jahre im Straßen-, Wasser- und Brückenbau in den italienischen Provinzen Öster­reichs tätig und trat, nachdem er die Anfänge des Eisenbahnwesens anderer Länder kennengelernt hatte, 1836 in den Dienst der Generaldirektion der Kaiser Ferdinands-Nordbahngesellschaft mit der Aufgabe, die Projektierung und Leitung von Streckenbauten zu übernehmen. Vier Jahre später kehrte er in den Staats­dienst zurück und baute Straßen und Brücken in Tirol. Ende 1841 folgte er dem Rufe der 1840 auf Anregung des damaligen Hofkammerpräsidenten Frei­herrn von Kübeck von der österreichischen Regierung in Wien errichteten