Aufsatz 
Präzisions-Zeitmessung in der Vor-Huygensschen Periode / Hans von Bertele
Entstehung
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Hans v. Bertele.

Gang erwarten. Tatsächlich ist auch hier nur eine Wag mit Amplitudenbegren­zung verwendet, die auf der Rückseite des Werkes angeordnet ist; doch ist die Wag ungewöhnlich schwer, schlägt Sekunden und die Amplitudenbegren­zung erfolgt durch einen einzigen Stahlbolzen, der zur genauen Justierung zusammen mit der Lagerplatte durch eine Mikrometereinrichtung fein verstellt werden kann. Dies bedeutet einen weiteren Fortschritt im Vergleich zu den Konstruktionen der Globusuhren und liegt wieder in Richtung Burgis besonderen Bemühens um das Gangproblem.

Die letzte Hoffnung, das Rätsel von Jost Burgisneuerfundenem, genauen Gangsystem zu lösen, war daher bei dieser Sachlage auf die Bergkristalluhr (Bild 5) zusammengeschrumpft, die sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet.

Die Wiener Bergkristalluhr war ursprünglich im Besitz Kaiser Rudolfs II. am Hradschin in Prag und wurde bereits im 17. Jahrhundert in die Schatzkammer nach Wien überführt. Bis heute ist sie die einzige noch bestehende, von Burgi signierte Uhr; zuerst fällt auf, daß sie ein Sekundenzifferblatt besitzt, welches wahrscheinlich das älteste bestehende überhaupt ist. 2 Dies drängte zu dem Schluß, daß, wenn irgendwo, Burgi hier seine präziseste Methode zur Zeitmessung an­gewendet hat. Es ist eigentlich naheliegend, daß er an diesem einzig dastehenden Juwel, wo die recht kostspielige Kunst, große Stücke Bergkristall zu schneiden, in weit umfangreicherem Ausmaße angewendet wurde, als bei irgendeiner anderen Uhr der Welt, sein bestes Wissen und Bemühen angesetzt hat.

Die Tatsache, daß das Schneiden von Bergkristall am Hofe zu Prag besonders gepflegt worden war, läßt an der Annahme Defossez (19) zweifeln, daß diese Uhr in Kassel hergestellt und vom Landgrafen an den Kaiser geschickt wurde. Es scheint vielmehr, daß es ein Erzeugnis Burgis während seines Aufenthaltes in Prag ist, wohin er zum ersten Male 1592 kam; wahrscheinlich stammt sie sogar erst aus seinem zweiten Aufenthalt von 1604 an, wo er sich ständig in Prag niedergelassen hatte. Der feine Sternglobus unter der Kuppel des Gehäuses muß zweifellos ein großes Ausmaß persönlicher Überwachung durch Burgi erfordert haben nnd die Werksanlage selber macht einen außerordentlich ausgereiften Eindruck. Anscheinend ist das Werk der Wiener Uhr bisher nie mit kritischen Augen untersucht worden, da hierüber keine anderen Einzelheiten zu finden waren, als lediglich die erst kürzlich gemachte Vermutung, daß sie eine Hemmung mit nur geringem Rückfall besitzen dürfte (1). Die Ursache für dieses mangelhafte Wissen liegt in der Schwierigkeit, in das Triebwerk einzusehen, weil das schön geschliffene, dicke Bergkristallgehäuse eine starke Parallaxe bewirkt, die sich von Stelle zu Stelle ändert. Eine weitere Ursache für die Unmöglichkeit einer Ein­sicht sind die Platinen, welche im rechten Winkel zum Zeigersystem stehen und

2 Im Nürnberger Museum befindet sich eine frühe gewichtsgetriebene Uhr mit Sekunden-, Minuten- und Stundenzifferblatt und gewöhnlicher Hemmung. Doch scheint es die Arbeit eines strebsamen Kleinstadt-Uhrmachers aus dem 17. Jahrhundert zu sein, der möglicherweise die in Kassel oder in Prag geschauten Neuerungen in seiner Uhr wiederholen wollte, obwohl das Museum angibt:Vermutlich aus löten Jahrhundert stammend (18).