Aufsatz 
Zur Entwicklungsgeschichte der Technik / von Ludwig Erhard
Entstehung
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Ludwig Erhard

schäften zu ferne stehen, um zum innersten Wesenskern der Technik vorzudringen, und daß anderseits die Techniker selbst alsSchmiede der Zukunft ihr Haupt­augenmerk mehr auf die kommenden Dinge als auf die geschichtliche Ent­wicklung der Technik zu richten pflegen. Dazu kommt noch der erschwerende Umstand, daß die historische Einstellung sich von der technischen Geistes­richtung grundsätzlich unterscheidet; ja sogar der ElementarbegriffZeit, der jeder geschichtlichen Begebenheit, aber auch jedem technischen Vorgang zugrunde liegt, besitzt für den Techniker eine ganz andere fachliche Bedeutung als für den Historiker. Wenn nämlich der Techniker von einer Kilowatt-Stunde spricht, so bedeutet dieseStunde für ihn lediglich eine Maßeinheit, eine rechnerisch zu erfassende, stets wiederholbare Zeitspanne; wenn dagegen der Historiker die entscheidende Schicksals-Stunde in der Entwicklung eines Volkes darlegt, so umfaßt dieseStunde etwas Einmaliges, Unwiederbringliches und Schicksalhaftes im Zeitenablauf der Geschichte. Der Historiker beobachtet die Zeitrichtung, wogegen derPfeil der Zeit den Techniker bei seinen Entwürfen nicht anficht. In der Gedankenwelt des Technikers spielen vielmehr die durch das Maschinenwesen bedingtengeschlossenen Arbeitsprozesse, wobei nach der Beendigung eines Vorganges stets wieder der ursprüngliche Anfangszustand erreicht wird, eine überaus wichtige Rolle, und auch die vielbesprochene Eintönigkeit und Gleichförmigkeit der Maschinenarbeit rührt von diesen rückläufigen Prozessen her. Einen Sonderfall solcher technischen Vorgänge bilden dieumkehrbaren Prozesse, die sich namentlich auf dem Gebiete der Mechanik, Thermodynamik und Elektrotechnik abspielen und auf der Wandelbarkeit der Energieformen beruhen.

Grundsätzlich anders verhält sich der Vorsehung gegenüber die Geschichte der Lebewesen und ihrer Entwicklung. Der Kultur- und Naturhistoriker hat sich vorwiegend mit einsinnig verlaufendenoffenen Entwicklungsprozessen zu befassen, und für ihn ist daher die Zeitenfolge sowie die Bestimmung der jeweiligen Zeitstellung von grundlegender Bedeutung. Zum Naclrweis eines solchen offenen Prozesses mag die Menschheitsentwicklung in Westeuropa dienen. Nach dem Untergang der Neandertalrasse folgte hierbei im Zeitraum vor 35000 bis vor etwa 15000 Jahren v. Chr. das spät-paleolithische Zeitalter mit rohen Steinwerkzeugen sowie den Anfängen der Plastik und der Malerei. Eine höhere Stufe erklomm dann die Menschheit während des neolithischen Zeitalters von etwa 12000 bis 5000 v. Chr., das schon polierte Stein Werkzeuge, Töpferei, Flecht- und Webearbeiten, Pfahl­bauten, Ackerbau und Viehzucht kannte. Nach dem Ablauf des Steinzeitalters traten schließlich die bestehenden Rassen zutage, die etwa seit 3000 v. Chr. die Bronze und etwa seit 1000 v. Chr. das Eisen in Verwendung nahmen. Jedem absterbenden Zeitalter folgt also eine neue, mit besonderen Merkmalen ausgestattete Entwicklungsstufe, die eine reichere Differenzierung und einen höheren Kultur­stand aufweist als die vorhergehende. Da gibt es nur Aufstieg oder Verfall, aber niemals eine Umkehr, niemals ein Zurück.

Die grundsätzliche Verschiedenheit zwischen den stets und allerorts gültigen Naturgesetzen einerseits und den zeitbedingten, einsinnig gerichteten Entwicklungs­gängen der Geschichte anderseits hat schon Kant in seinen erkenntnistheoretischen Schriften hervorgehoben, indem er die konstitutiven von den regulativen