Zur Entwicklungsgeschichte der Technik.
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,,Technographischer Atlas“ würde einen sinnfälligen Nachweis der Kulturverbundenheit der Technik erbringen und für das Geschichtsstudiuin der Technik einen ebenso wichtigen Behelf darbieten, w r ie etw r a ein geographischer Atlas für das Studium der Erdkunde. Doch nur eine reiche Anstalt, die über geschichtskundige Ingenieure verschiedener Fachrichtungen verfügt, könnte an die Lösung dieser schwierigen und sehr verwackelten Universalaufgabe der Technik-Geschichte mit Aussicht auf Erfolg herantreten.
Ein Hinweis auf die Durchführbarkeit solcher technographischen Darstellungen ergibt sich aus der umseitigen Zusammenfassung einiger dreistufigen Entwicklungsreihen, w r elche einer Abhandlung des Verfassers ,,L)er Weg des Geistes in der Technik“ 1 entnommen sind und durch die Schausammlungen des Technischen Museums zu Wien schon längst ihre sinngemäße Verwirklichung gefunden haben. Diese Bilderfolge bezweckt, die Einheit der Technik mittels des genetisch gleichartigen Aufstiegs der verschiedenen technischen Gebiete sowie die hierdurch allenthalben erzielte Leistungssteigerung an einigen bekannten Beispielen klar zu veranschaulichen (S. 14 bis 21).
Derartige Übersichtstafeln zeigen den Weg des menschlichen Geistes in der Technik auf. Der primitive Mensch benutzte zuerst die ihm von der Natur dargebotenen organischen Werkstoffe, w ie Holz, Bast, Knochen, Gräten, Därme und Felle zur Herstellung seiner Bedarfsgegenstände, und er spannte seinen eigenen Leib und später Lasttiere und Sklaven zur Arbeitsleistung ein. Aus dieser Abhängigkeit von der organischen Natur befreite die Technik den Menschen allmählich durch die Verwendung anorganischer Werkstoffe und Energien, und auf der heute erreichten Entwicklungsstufe hat sich der Menschengeist die anorganische Natur und ihre Kräfte untertan gemacht, vordem unbekannte Werkstoffe und Energieformen gefunden und dadurch eine beispiellose Leistungssteigerung erzielt. So hat die Technik in stetem Wirken die arbeitende Menschheit aus dem härtesten und niedrigsten Frondienste erlöst, ihre drückendste Mühsal den eisernen Schultern der Maschine aufgebürdet und schließlich den einzelnen unentrinnbar ins Wirtschaftsganze eingegliedert. Ihr vieltausendjähriger Entwicklungsgang führt das unermeßliche Befreiungs- und Bindungswerk der Technik eindringlich vor Augen.
Aus den obigen Darlegungen ergibt sich für eine zusammenhängende, nicht bei den Fragmenten stehenbleibende Entwicklungsgeschichte der Technik der folgende Aufgabenkreis:
1. Inventarisieren der wuchtigsten technischen Ereignisse samt Zeit-, Orts- und Personalangaben.
2. Unterteilen des technisch-geschichtlichen Inventars in Gruppen gleicher Bedarfsdeckung.
3. Ermitteln von Maßeinheiten zum zahlenmäßigen Abschätzen der technischen Fortschritte in den einzelnen Gruppen.
4. Aufstellen technischer Entwicklungsreihen mit Leistungsvermerkungen.
5. Zusammenfassen der Entwicklungsreihen zu bebilderten technographischen Übersichtstafeln.
1 L. Erhard, Der Weg des Geistes in der Technik. Berlin 1929.