Aufsatz 
Zur Entwicklungsgeschichte der Technik / von Ludwig Erhard
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen

12

Ludwig Erhard

sich. So ist z. B. die Schiffahrt ungemein langsam, die Luftfahrt dagegen überaus rasch emporgewachsen. Deshalb stimmen die Entwicklungsstufen der verschiedenen technischen Reihen zwar zumeist genetisch, aber durchaus nicht immer zeitlich überein. Die übliche Einteilung der Weltgeschichte in alte, mittlere, neue und neueste Zeit kommt demnach bei der Technik-Geschichte überhaupt nicht in Betracht. Eine rein chronologische, bloß nach Jahreszahlen geordnete Aufzählung aller tech­nischen Ereignisse wäre entwicklungsgeschichtlich unzureichend und kann nur als vorbereitende Inventarisierungsarbeit angesehen werden. Ferner darf man auch die aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen dieser technischen Reihen nicht als scharfbegrenzte Zeitabschnitte auffassen, denn es bestehen in Wirklichkeit zahllose Zwischenglieder und Übergangsstufen, aus deren Bereich aber der Klarheit und Übersichtlichkeit halber nur jene schöpferischen Taten der Technik hervor­gehoben werden sollen, die lebendig w'eiterwirkten und irgendwie die Menschheits­entwicklung förderten. Zur sachlichen Beurteilung der wirtschaftlichen und kulturellen Wirkungen der Technik ist schließlich die zahlenmäßige Feststellung ihrer stufenweisen Leistungssteigerung notwendig. Daher muß für jedes technische Sondergebiet, für jede technische Reihe ein passender Leistungsmaßstab ange- w r endet werden, der den Kern der Sache trifft.

Während nun der wirtschaftliche Wert eines Erzeugnisses auf die Geldeinheit bezogen wird und im jeweiligen Marktpreis zum Ausdruck kommt, ist dagegen die technische Leistungssteigerung nach naturwissenschaftlichen Maßen, also mit Raum-, Zeit- und Krafteinheiten bestimmbar. So kann z. B. die Steigerung der Reichweite von Geschützen durch Längenmaße, die Geschwindigkeitserhöhung von Fahrzeugen durch Stundenkilometer, die Leistungssteigerung von Motoren durch Sekunden-Meter-Kilogramm gemessen werden. Das Unterteilen der Gesamt­technik in einzelne Gebiete gleicher Bedarfsdeckung sowie das Auffinden dazu passender Entwicklungsmaßstäbe bildet sohin eine wesentliche Voraussetzung für das zahlenmäßige Abschätzen der technischen Fortschritte.

Nach der Erledigung solcher analytischen Vorarbeiten erwächst der Geschichts­forschung die weitere Aufgabe, für die technischen Entwicklungsreihen eine zusam­menfassende synthetische Ordnung festzustellen, mit deren Hilfe man jedwedem technischen Gebilde oder Verfahren den ihm entwicklungsmäßig zukommenden Platz im Lehrgebäude der Technik-Geschichte anzuw r eisen vermag, denn jede technische Errungenschaft bildet einen mitschwingenden Teil im großen Werdegang der technischen Entwicklung.

Zur entwicklungsgeschichtlichen Darstellung der grundlegenden Erfindungen und Schöpfungen der Technik kann nun zweckmäßig ein umfassendes Koordinaten­system herangezogen werden, das etwa dem Gradnetz einer Mercatorkarte gleicht. In diesem technographischen System wären die technischen Reihen zwischen den Längengraden und ihre Entwicklungsstufen dagegen zwischen den Breite­graden zu verzeichnen. Die ausgewählten technischen Objekte sollten dann samt den entsprechenden Leistungsvermerken und den Personal-, Zeit- und Ortsangaben in die ihnen zukommenden Felder des Gradnetzes eingetragen werden, w r obei Art und Zahl der technischen Reihen folgerichtig den im Patentwesen üblichen Er­findungsklassen anzugleichen wären. Ein aus derartigen Tafeln zusammengestellter