Aufsatz 
Zur Entwicklungsgeschichte der Technik / von Ludwig Erhard
Entstehung
Seite
11
Einzelbild herunterladen

Zur Entwicklungsgeschichte der Technik.

11

so läßt sich auch die Technik in zwei große Gebiete, in Tektonik und in Ener­getik, gliedern, wobei sich die Tektonik auf die ortfesten Bauwerke sowie auf die Formen und Gestalten der Maschinen und Apparate, die Energetik hingegen auf das Spiel der Kräfte sowie auf Bewegungen und Arbeitsvorgänge bezieht. Jede technische Entwicklungsreihe ist zweckmäßig wieder in drei Hauptstufen zu unter­teilen, und zwar in die Anfangsstufe der organischen Werkstoffe und Kraftquellen, sodann in die Mittelstufe der organisch-anorganischen Übergangsformen, und endlich in die dritte Stufe der anorganischen Werkstoffe und Naturenergien. Hieraus ergibt sich die folgende Übersicht der Ahnenreihe technischer Gebilde und Verfahren:

Entwicklungsstufen der Technik.

Tektonik

Energetik

I. Stufe: Organische Werkstoffe und Gebilde

I. Stufe: Muskelenergien und organi­sche Bewegungen

II. Stufe: Organisch-anorganische Übergänge

II. Stufe: Organisch-anorganische Übergänge

III. Stufe: Anorganische Werkstoffe und Gebilde

III. Stufe: Natwrenergien und anorga­nische Bewegungen

Im allgemeinen umfaßt die erste dieser drei Entwicklungsstufen jene urtüm­lichen technischen Behelfe und Einrichtungen, welche das Pflanzen- und Tierreich dem primitiven Menschen im nahezu fertigen Zustande darbot und welche mit den gleichfalls durch ihre Struktur schon vorgebildeten harten Steinw r erkzeugen roh bearbeitet wurden. Als Kraftquellen finden in dieser technischen Unterstufe nur die Muskelenergien und die unmittelbare Hitzewirkung des mit organischen Brennstoffen genährten Feuerbrandes Anwendung. In der darauffolgenden Übergangsstufe erscheinen dann jene technischen Gebilde und Bauwerke, die vorwiegend aus organischen und anorganischen Werkstoffen zusammengesetzt sind. Hiebei wurden neben den Tier- und Menschenkräften auch schon die offen zutage liegenden Wind- und Wasserkräfte zum Antrieb schwerfälliger Maschinen benützt, welche zumeist die Handarbeit mit ihren organischen Schwing- und Wipp­bewegungen nachahmen, und hiezu gesellte sich noch die Treib- und Sprengwirkung des aus einem Gemenge organischer und anorganischer Substanzen bestehenden Schwarzpulvers. In der dritten und vorläufig letzten Entwicklungsstufe treten schließlich die anorganischen Bau- und Werkstoffe allenthalben an die Stelle der organischen Materialien, zugleich gewinnt bei den Maschinen die den Organismen wesensfremde zw'angläufige Drehbewegung die Oberhand und neue, vordem ver­borgene Energieformen, wie hochgespannte Dampf- und Verbrennungskräfte, chemische Prozesse, elektrische Ströme und Strahlungsenergien, w r erden entdeckt und zaubern ein unermeßlich w'eites Arbeitsfeld auf technischem Neuland hervor: das Weltreich der Technik.

Innerhalb der einzelnen technischen Reihen geht die Entwicklung zwar nach übereinstimmenden regulativen Gesetzen, aber in ganz verschiedenen Zeitmaßen vor