22
Ludwig Erhard
Die Wertung der Technik.
Auge und Ohr pflegt man als Sinneswerkzeuge zu bezeichnen, Hand und Fuß gelten als Greif- und Gehwerkzeuge; kurz, der Werkzeugcharakter der menschlichen Organe steht fest. Damit ist aber auch ihre moralische Unbestimmtheit erwiesen, denn das Schwergewicht des Sittlichen liegt keinesfalls im Ausführungsorgan, sondern einzig und allein im Willen des Täters. Gemäß dem technogenetischen Leitsatz stellt nun auch die Technik nichts anderes dar, als eine Fortsetzung der biologischen Organentwicklung mit leibfremden Mitteln. Die Technik ist also ebenfalls von Natur aus mit dem Werkzeugcharakter behaftet, allerdings eines übermächtigen Werkzeuges, welches seine Spuren in das Antlitz der Erde gräbt und das Wirtschaftsleben sowie die Gesellschaftsbildung der Menschheit von Grund aus umwandelt. In dieser Beziehung gleicht der Technik ein andersartiges geistiges Werkzeug: die Wortsprache.
Die Sprache ist das Ausdrucksmittel der menschlichen Psyche, die Technik hingegen bewirkt die Steigerung und Erweiterung der physischen Machtmittel der Menschheit. Die Technik ist demnach ebensowenig moralisch oder unmoralisch, wie etwa die menschliche Hand, die den Meißel des Bildhauers mit derselben Gebärde ergreift wie den Dolch des Mörders, oder wie die Sprache, die mit den gleichen Ausdrücken tiefe Weisheit oder leeren Wortschwall äußert. Infolge ihres Werkzeugcharakters stehen Technik und Sprache jenseits von Gut und Böse; ihre werktätige Anwendung vermag aber die tiefsten Kulturwirkungen auszulösen und die stärksten inneren Werte zu zeitigen.
Faßt man nun das Wirtschaftsgetriebe unserer Tage näher ins Auge, wie es sich seit der Freihandelslehre von Adam Smith entwickelt hat, so treten uns als führende Kräfte hauptsächlich drei Gestalten entgegen. Auf der einen Seite steht als äußerster Grenzfall der,,Schaffende“, der durch selbstlose Hingabe an sein Werk die Mitwelt mit Großtaten der Naturwissenschaft und Technik beschenkt; in dieser vornehmen Art traten beispielsweise die Kältetechnik und die Röntgentechnik in das Wirtschaftsleben ein. Den Grenzfall auf der anderen Seite bildet der „Raffende“, der, während das Ungeheuerlichste in der Welt vorgeht, unbeirrt seinem Profit nachjagt und selbst aus dem Jammer der Menschheit noch Nutzen zieht, wie die Schmarotzer des Weltkrieges und der Inflation. Innerhalb dieser beiden Grenzfälle beleben Hunderte von Zwischengestalten das Tätigkeitsfeld, darunter als wichtigster und notwendigster Wirtschaftsführer, der „Unternehmer“, ein Könner, dessen Tatkraft das privatkapitalistische Wirtschaftsgetriebe in Schwung hält. In der Brust des Unternehmers wohnen die Seele des Technikers und des Kaufmannes zugleich, und auch bei den großen, unpersönlichen Industrieunternehmungen hat stets eine technische Leitung für die geregelte Güterherstellung und eine kaufmännische Leitung für den gewinnbringenden Absatz der Erzeugnisse zu sorgen. Das Unternehmen arbeitet noch nicht zufriedenstellend, wenn das Produkt technisch gelungen ist, sondern erst dann, wenn der Verkaufspreis die Selbstkosten wesentlich übersteigt. Die freie wirtschaftliche Unternehmung will und muß Gewinn erzielen, und sie wird sich daher vorwiegend der Befriedigung der bestbezahlten und nicht der lebenswichtigsten Bedürfnisse zu wenden. Im Gesichtskreis des Kaufmannes besitzt