Aufsatz 
Zur Entwicklungsgeschichte der Technik / von Ludwig Erhard
Entstehung
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Zur Entwicklungsgeschichte der Technik.

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daher die Ware Geldwert, im Gesichtskreis des Technikers hingegen Dienstwert. Für den Händler ist es gleichgültig, ob er seinen Gewinn durch diese oder jene Ware erzielt, denn ihr Gebrauchswert kümmert ihn nicht. Rein technisch gesehen hat dagegen die Ware gar nichts von Geld an sich. Hier ist die Ware Verbindungs­glied von Mensch zu Mensch, und was immer die Technik bereitet, dient zur Befriedi­gung des menschlichen Bedarfs. Der Sinn des technischen Erzeugnisses ist der Dienst am Mitmenschen.Tief ergriffen, sagt F. Dessaeer in seiner Philosophie der Technik,habe ich manchmal im fernen Land einen kleinen technischen Gegen­stand aus der Heimat angeschaut, weil mir aus ihm die Fabrik mit ihren Menschen entgegensah, die heiße Arbeit, das karge Brot, das immer neue Hinströmen des Lebens, damit der Gegenstand werde, der dem andern hilft. Aber selbst diese stete Hilfsbereitschaft schützt die Technik nicht vor An würfen, welche der un­ausrottbaren Verwechslung von Wirtschaft und Technik entspringen und die zur Folge haben, daß man Wirtschaftsschäden regelmäßig der Technik zuschreibt, wie z. B. die Überproduktion den verbesserten technischen Einrichtungen und Verfahren oder die Arbeitslosigkeit den händesparenden Maschinen. Was nützen nun die leistungsfähigsten Dampfer- und Bahnlinien, wenn infolge einer verkehrten Wirtschaft der Weizen am Mississippi unter den Kesseln verfeuert wird, während anderwärts Hungersnot wütet; was nützen die wunderbarsten Textilmaschinen, wenn in den Südstaaten ein Drittel der Baumwollernte vernichtet werden muß, während 20 bis 25 Millionen Arbeitslose der ganzen Welt nicht wissen, wie sie sich im schweren Winter vor Kälte schützen sollen. Was nützen alle Erfindungen und Verbesserungen und selbst der unermüdliche Werkfleiß ganzer Industriestaaten, wenn die gemeinnützigen Errungenschaften der Technik immer wieder durch eigensüchtige Gegenströmungen geschwächt und vernichtet werden ?

Die Technik bildet nach wie vor die Grundfeste und den Ausgangspunkt der gesamten Güterherstellung und des Verkehrs, und sie wirkt noch darüber hinaus auf viele andere Lebensgebiete befruchtend und fördernd ein. So haben beispiels­weise die Natur- und Geisteswissenschaften, das Rechtswesen, die Kunst, die Heil­kunde und sonstige Kulturzweige durch das Eindringen technischer Leitgedanken nicht bloß eine wesentliche Bereicherung ihres Schaffens, sondern durch Buch- und Bilddruck, Projektions- und Radiotechnik auch eine ansehnliche Mehrung ihres Wirkungsbereiches erfahren. Der höchste Zukunfts- und Eigenwert der Technik scheint aber darin zu liegen, daß die Technik durch den Dienstgedanken, der ihren Werken innewohnt, den Daseinskampf aller gegen alle allmählich doch in jene Sphäre der förderlichen Gemeinschaftsarbeit und der wechselseitigen Hilfe empor­hebt, für welche die Biologie in derSymbiose, d. i. das gesetzmäßige Zusammen­leben artfremder Organismen zu gegenseitigem Nutzen, ein nachahmenswertes Vorbild darbietet.

Die technische Welt.

Die Bodenkultur, das Berg- und Hüttenwesen, die mechanischen und die chemischen Gewerbe und Industrien, das Bauwesen, der Personen-, Güter- und Nachrichtenverkehr, das Kriegswesen und manche anderen Zweige menschlicher Schaffens- und Sicherungstätigkeit stehen völlig im Banne der Technik. Viele