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Ludwig Erhard: Zur Entwicklungsgeschichte der Technik.
ihrer in Jahrtausenden emporgestiegenen Schöpfungen sind zur unbedingten Lebensnotwendigkeit geworden und der Kulturmensch vermag die technischen Errungenschaften ebensowenig zu entbehren wie den Gebrauch seiner Organe.
Hierbei zeigt sich der beachtenswerte Sachverhalt, daß zwei in sozialer Hinsicht verschiedene Erscheinungsarten der Technik bestehen: die potentielle und die aktuelle Technik. Aktuell oder unmittelbar sozial wirkend sind alle jene technischen Erzeugnisse, Bauten, Einrichtungen und Verfahren, die dem Tagesbedarf dienen und schon allgemein in lebendigem Gebrauch stehen, wie Kleidung und Wohnung, Wasserversorgung und Kanäle, Straßen und Eisenbahnen, die Post, das Radio usw. Potentiell, oder zunächst noch sozial gebannt, sind dagegen die gleichfalls schon möglichen, aber noch in Verborgenheit ruhenden Gaben der Technik, wie z. B. die nach dem heutigen Stande der Elektrotechnik durchaus mögliche Anlage eines über ganz Europa gespannten Großkraftnetzes mit billigen Strompreisen. Die potentielle Technik gleicht demnach einem kräftesammelnden Ruhezustand, dessen schlummernde sozialen Fähigkeiten erst geweckt werden müssen, die aktuelle Technik gleicht dagegen einem Tätigkeitsfeld, dessen lebendiges Wirken bereits einen bestimmenden Einfluß auf das wirtschaftliche und soziale Leben auszuüben vermag.
Gleich einem stetig arbeitenden Pumpwerk fördert die fruchtbare Technik immer wieder neue nützliche Erfindungen und Verbesserungen selbsttätig zutage, von denen aber infolge widriger sozialen Umstände nicht alle zur Auswirkung gelangen. Preissteigernde Ringbildungen, ungerechtfertigte Zinsenlasten, überflüssiger Zwischenhandel, beträchtliche Zölle, Verbrauchssteuern und Geldsperren schrauben vielfach die Warenpreise derart empor, daß sie für die Bedarfsdeckung der Mehrzahl unerschwinglich hoch bleiben. Überdies ist bei Hunderttausenden von stellenlosen Ingenieuren und geschulten Arbeitern ein reicher Schatz technischen Wissens und Könnens angehäuft, der aus der Arbeitsnot heraus vergeblich um Entfaltung ringt. — Diese brachliegenden Werte bilden in ihrer Gesamtheit einen unerschöpflichen, über die ganze Welt hingebreiteten Speicher voll brauchbarer technischen Wesenheiten, die alle nach Betätigung drängen.
Obwohl nun durch das Walten der Technik grundlegende Verbesserungen in der Warenherstellung und im Verkehr herbeigeführt wurden, schmilzt doch in der gegenwärtigen Weltkrise der Volkswohlstand immer mehr zusammen, hoch- entwickelte Stätten der Arbeit verdorren und die Allgemeinheit kommt weder zum vollen Genüsse der technischen Gabenfülle noch zur kulturellen Auswertung der erzielten Arbeitskürzung. Dieser Zwiespalt ist aber keineswegs, wie vielfach irrtümlich angenommen wird, durch das Wesen und die Fortschritte der Technik bedingt; er rührt vielmehr hauptsächlich von jenen gewaltsam aufgerichteten, machtpolitischen Schranken her, welche die durchgreifende Wandlung der potentiellen zur aktuellen Technik hemmen, das übernationale Gemeinschaftswalten der Technik abschwächen, den Zusammenschluß der einander noch bekämpfenden Volkswirtschaften zu einer einheitlich sinnvoll geregelten Weltwirtschaft geflissentlich untergraben und dadurch Europa dem Abgrund zutreiben. Es fehlen die großen Staatsmänner und Führernaturen, welche die Einsicht, den Willen