Österreich als Ingenieurland.
33
Die Gefahr, daß die technischen Denkmale zerstört werden und die Zeugen ihrer Entwicklung spurlos verschwinden, ist ganz besonders groß, größer als auf anderen Gebieten. Nicht der fremde Feind von außen ist zu fürchten, sondern die Technik selbst, in ihrem unaufhörlichen Erneuerungszwang, zerstört das, was sie früher geschaffen hat, sie selbst tötet ihre Kinder. Das war begreiflich und verzeihlich, solange die Technik nicht zur Besinnung ihrer selbst kommen konnte, solange der Techniker nur Geschichte gemacht und noch nicht geschrieben hat. Heute, wo die Technik sich ihrer inneren Werte bewußt wird und wo der Techniker es an der Zeit findet, über das, was er geschaffen hat, Rückschau zu halten, müssen wir alle, denen die Technik wichtige Grundlagen des Lebensinhaltes bietet, mithelfen, um die Zeugen alter Technik zu erhalten.
• •
Österreich als Ingenieurland . 1
Mit 15 Abbildungen.
Einleitung.
Durch das alte Europa führten schon in urgeschichtlichen Zeiten Handels- pfade von der Bernsteinküste des Nordmeeres zu den Gestaden der Adria und die Donau trug den Zug der Nibelungen von Burgund nach dem Hunnenland. Beide Wegrichtungen kreuzten sich auf österreichischem Boden und so bildete schon das alte „Ostarrichi“ infolge seiner geographischen Lage den Mittelpunkt und das Herzland des Kontinents. Die Fels- und Firnwälle der österreichischen Alpen und die Stromschnellen seiner Gebirgsflüsse hemmten aber den freien Durchzugsverkehr und nur die Kunst der Ingenieure vermochte dieses Land wegsam zu machen und seine Bodenschätze zu heben.
Das Gebiet der alten Donaumonarchie betrug vor dem Weltkriege 624000 qkm und war von einem rund 50000000 zählenden Völkergemisch bewohnt, dessen geistigen Mittelpunkt die alte Kaiserstadt Wien bildete. Von dieser deutschen Kulturstätte, die so viel Kunst und Schönheit birgt, nahm auch die technische und industrielle Entwicklung des Landes ihren Ausgang. Land- und Forstwirtschaft standen in Österreich schon von altersher in hoher Blüte, aber auch die Eisengewinnung in Steiermark, das Salinenwesen in den Alpenländern und in Galizien, der Kohlenbergbau und später auch die Naphthabohrungen im Norden der Monarchie wurden hier mächtig gefördert. Die Leistungen der österreichischen Ingenieure beim Bau der Gebirgsbahnen und Wasserleitungen sowie bei der Regulierung der Flüsse sind weltbekannt; aber auch auf dem Gebiete der technischen Wissenschaften sowie der mechanischen und chemischen Industrien hat das alte Österreich bis zum Kriegsende einen ehrenvollen Platz im Völkerkreise Europas eingenommen.
1 Auszug aus einem Berichte des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereines zur Fünfzigjahrfeier der American Society of Mechanical Engineers in Xew- York.
Geschichte der Technik, H. 1.
3