Aufsatz 
Die Gold-, Silber-, Blei- und Kupfergewinnung in urgeschichtlicher Zeit der österreichischen Alpen / von Georg Kyrle
Entstehung
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Die Kupfergewinnung in urgeseliielitlieher Zeit der österr. Alpen.

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nachweislich für die Zubearbeitung der Grubenhölzer gedient haben, wurde nach dem Stande der Fundverhältnisse von 1913 der Beginn der untertägigen Bergbaue und unter der dortmals unbestrittenen Annahme, daß auch die anderen Kupfer- abbaue gleichzeitig seien, die ganze Kupfergewinnung nordöstlich des Tauern­kammes in die letzte Bronze- und die älteste Hallstattzeit verlegt und auf etwa 300 Jahre geschätzt. Dieser Ansatz ist für den gesamten Komplex der über viele Hunderte von Quadratkilometern verstreuten Kupfergewinnungsanzeichen nach den Funden der letzten Zeit nicht mehr zu halten.

M. Hell hat durch die Auffindung einer Reihe von Gefäßscherben, deren Paste mit zerkleinerten Schlackenstücken abgemagert ist und der Stufe B der Bronze­zeit angehören, nachweisen können, daß in dieser Zeit in den Ostalpen Kupfer ge­wonnen und verhüttet wurde. Die genaue Untersuchung der Gräberfelder der Höttinger Kultur in Nordtirol zeigt, daß auch diese offenbar mit der Tiroler Kupfer­gewinnung Zusammenhängen. Neue Funde am Einödberg und schließlich die genauere Durchsicht der Gräberinventare von Zedlach und Welzelach ergeben, daß auch in der späteren Hallstattzeit und vermutlich noch am Beginn der Latene- zeit in diesen Gegenden Kupfer gewonnen wurde. Auf die behaupteten Zusammen­hänge der oberösterreichischen Pfahlbauten und frühen bronzezeitlichen Depot­funde mit den alpinen Kupferbergbauen will ich nicht eingehen, da dies hier viel zu w r eit führen würde. Heute ist wohl nicht mehr daran zu zweifeln, daß in den in Rede stehenden Erzgebieten, wenngleich vielfach in sehr wechselndem Umfang, so doch Kupfer von der Bronzezeit Stufe B bis zum Beginne der Latenezeit, also etwa von 1700 bis 400 v. Chr. gewonnen wurde. In dieser langen Zeit haben, wie bereits vermerkt, die einfachen Bergwerksgeräte gar keine Veränderungen erfahren und auch die rohe Hauskeramik hat sich hier typologisch kaum weiter ent­wickelt.

Solchermaßen ist es nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnis nicht immer möglich, die einzelnen Lokalitäten zeitlich feiner zu fixieren, wenngleich es heute schon sichtbar zu werden scheint, daß an ein und derselben Stelle die Kupfer­gewinnung oft sehr lange und in wechselnden Abbaumethoden betrieben wurde. In der Zeitstellung der am Westende des Pingenzuges auf der Mitterbergalpe seiner­zeit von Much und Pirchl noch befahrbar angetroffenen alten Verhaue, in denen die Bronzepickel gefunden wurden, hat sich aber nichts verändert. Diese Baue können nicht älter als spätbronzezeitlich sein.

Unter Bedachtnahme auf allgemein entwicklungsgeschichtliche Vorgänge sowie auf die Fund Verhältnisse scheint sich nach dem derzeitigen Stand der Forschung die prähistorische Kupfergewinnung in den Alpen in den folgenden Phasen ent­wickelt zu haben:

1. In der älteren Bronzezeit (etwa 1700 bis 1300 v. Chr.): Versuche des Erz­abbaues mit anfänglich einfacher Erzlese, später wahrscheinlich obertägige Ver- suchsabbaue, obertägige Abbaue und möglicherweise gegen Ende einfache Verhaue.

2. Späte Bronzezeit und ältere Hallstattzeit (etwa 1300 bis 800 v. Chr.): Blüte der Kupfergewinnung mit Versuchsbauen, obertägigen Abbauen und entwickelten untertägigen Bauen.

3. Jüngere und jüngste Hallstattzeit, wahrscheinlich auch beginnende Latene-