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Franz Sedlacek
Die Bezeichnung des Steinöls ist in verschiedenen Schreibweisen zu finden: Als Thyrsenblut, Thyrschen- oder Dirschenöl, auch Dürsten- und Dirstenöl. Eine Ortschaft bei Zirl heißt Dirschenbach, der Berg, an dessen Lehne Leithen liegt, der Turschkopf. 1
Die erste urkundliche Erwähnung des Tiroler Schieferöles datiert aus dem Jahre 1350, als dem Ritter Berthold v. Ebenhatjsen die Gerechtsame, Öl brennen zu dürfen, vom Gerichte Haertenberg zu Telfs im Oberinntal zugesprochen wurde. 30 Jahre später erhielt Ulrich v. Matsch dieses Privileg. Ein Privileg auf 20 Jahre erteilte Erzherzog Ferdinand im Jahre 1576 einem gewissen Abraham Schnitzer, welcher angab, ,,daß er vermittelst, göttlicher Gnade durch seinen Fleiß eine gewisse Kunst erfunden aus besonderen Steinen, welche in etlichen Gebirgen hin und wieder in der fürstlichen Grafschaft Tirol zu finden sind und das Tyrstenblut genannt werden, gutes echtes Öhl zu machen . . .“ 2 Schnitzer scheint der erste gewesen zu sein, der die Steinölbrennerei in größerem Maßstabe betrieb. Das Privilegium verpflichtete ihn, das Öl zuerst der Regierung und den Tiroler Gewerken zum Gebrauch in den Bergwerken anzubieten und enthielt ferner Sicherungen gegen eine zu hohe Preisstellung. Obwohl das Dokument ausdrücklich von der „durch den Schnitzer erfundenen Kunst des Öhlerzeugens“ spricht, ist durch die zuvor genannten Privilegerteilungen erwiesen, daß die Tiroler Steinölbrennerei bedeutend älter ist. Vielleicht hat Schnitzer das technische Verfahren in manchen Einzelheiten, kaum aber wesentlich verbessert. Es ist vielmehr anzunehmen, daß das Verfahren lange Zeit in ziemlich gleich primitiver Weise ausgeübt wurde. Das in Abbildung 4 wiedergegebene, von Matth. Burgklehner stammende Aquarell läßt die Art einer solchen Anlage recht gut erkennen. Sie bestand aus einem herdartigen, steinernen Unterbau, der die 6 bis 9 Destillationsgefäße trug. Man verwendete sogenannte Obernzeller oder Passauertiegel. Sie wurden mit den entsprechend zerkleinerten „Stinksteinen“ gefüllt, mit einer mehrfach durchlochten Eisenplatte bedeckt, mit Lehm gedichtet und umgekehrt auf den Herd gesetzt, so daß jeder Tiegel einem in der Herdoberfläche steckenden, irdenen, glasierten Trichter aufsaß. Diese Trichter mündeten in Holzröhren, die sich zu einem gemeinsamen Abfluß vereinigten. Das Eeuerungsholz wurde rund um die Tiegel herum aufgeschichtet, von oben her in Brand gesetzt und die Erhitzung der Tiegel sorgfältig von oben nach unten fortschreitend durchgeführt, was man z. B. durch Beschweren des langsam niederbrennenden Latschenholzes mit aufgelegten Steinen zu erreichen verstand. Durch diese eigentümliche Feuerungsführung wurden die Öldämpfe von den oberen heißen in die unteren noch ungeheizten Zonen des Tiegels abgetrieben und dadurch vermieden, daß niederrinnendes Öl an der heißen Tiegelwandung zu weitgehende Zersetzungen erlitten hätte. Doch ist der Prozeß keineswegs als ein bloßes Ausschmelzen oder Aussaigern zu betrachten. Anteile des Bitumens mögen bei dieser Arbeitsweise erweichen und in geschmolzenem Zustande
1 Prof. J. Schatz, Innsbruck, bestätigt (in brieflieherMitteilung), daß keine andere Erklärung dieser Namen bekannt ist. Dirschenbach wird im 16. Jahrhundert mit „locus a Thyrsi nomen habet“ erklärt. Dürs-duris ist im Altdeutschen der Riese.
2 P. Justinian Ladurner in „Archiv für Geschichte und Alterthumskunde Tirols“, II. Jahrg. 1865, S. 375ff.