Aufsatz 
Zur Geschichte des österreichischen Edelstahls / von Otto Böhler und Hans Schwoiser
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Otto Böhler, Hans Schwoiser

dieses neuen Stahles großes Interesse in den Fachkreisen, und man war eifrig be­strebt, das Geheimnis seiner Darstellung zu lüften. Für Österreich war diese Er­findung von besonderer Bedeutung, sobald bekannt wurde, daß für die Herstellung von Tiegelgußstahl ein besonders reines Eisen (Huntsman verwendete schwedisches Dannemora-Eisen) Grundbedingung ist, weil die Eisen- und Stahlindustrie der österreichischen Alpenländer in ihren reichen Vorkommen von manganreichen Spateisensteinen über einen erlesenen Rohstoff für die Stahlbereitung verfügte.

,,Im 18. Jahrhundert, schreibt Beck in seiner Geschichte des Eisens,behaup­tete die Eisenindustrie der österreichischen Alpenländer ihren alten Ruhm. Steier­mark und Kärnten galten unbedingt für die klassische Heimat der Eisenbereitung in Mitteleuropa. Ihr Stahl wurde überallhin verführt und war anerkannt der beste Schmelzstahl. Dieser Ruhm des steirischen Stahles reicht aber schon in eine graue Vorzeit zurück. Es ist nachgewiesen, daß schon die alten Römer Eisen am steirischen Erzberg gewannen. Sie nannten esnorisches Eisen, weil Steiermark und Kärnten zu jener Zeit Teile der römischen Provinz Noricum bildeten. Ovid (Metamorph. 64, Fol. 17) rühmt den norischen Stahl:Durior et ferro, quod Noricus excoquit ignis (härter als Eisen von norischem Feuer geschmolzen). Und in PetroniusGast­mahl des Trimalchio ist zu lesen, daß der Hausherr seinem Koch, um dessen be­sondere Geschicklichkeit zu belohnen, zwei norische Messer aus Rom mitgebracht hat, die auch sogleich an den Bärten der Gäste versucht werden sollten. Im Mittel- alter und insbesondere zu Beginn der Neuzeit wurde der Herstellung und dem Verkauf des steirischen und kärntnerischen Eisens und Stahles eine besondere Fürsorge von Seite der Landesfürsten zugewendet; flössen doch aus diesen Gewerben namhafte Einkünfte dem Staate zu. Kaiser Maximilian I. verordnete 1507 die Aufstellung einer eigenen Untersuchungskommission, um alle eingerissene Unord­nung am steirischen Erzberg zu untersuchen und abzutun und ferner auch, daß alles stahlreiche Eisen vorzüglich den Hämmern zu Obdach, im oberen Mürztale, dann zu und um Bruck a. d. Mur zu überlassen sei. Dieser Kaiser hatte auch in seiner Residenz zu Innsbruck die Harnischmacherei, Panzer- und Waffenschmiede sehr gefördert. Der Handel mit steirischem Stahl und Erzeugnissen der Innsbrucker Waffenindustrie ging von da nach Spanien und England, daher der Innsbrucker Stahl in England alsIsebruckstuff bezeichnet wurde. Auch Shakespeare läßt seinen Othello ausrufen:I have another w r eapon in this chamber. It is a sw r ord of Spain, the ice-brooks temper. Möglicherweise enthält der Ausdruckice- brooks temper einen entstellten Hinweis auf die damalige Innsbrucker Schwert­fegerei. In der von Kaiser Leopold I. erlassenen neuen Waldordnung, gegeben zu Wien am 23. Februar 1659, wird die Wichtigkeit einer gewissenhaften Waldwirt­schaft für die Erfordernisse des Erzbaues und der heimischen Eisen- und Stahl­erzeugung hervorgehoben und darin u. a. angeführt:Indeme die Gütte dess Eyssens und Stachels in der ganzen Welt erkennet und geprisen Daher auch gleichsamb in alle Derselben Ende und Unter andern wie glaubwürdig Bericht obhanden gar in Indien überbracht und Verschlüssen wurde.

Alle die bis zum Erscheinen des Tiegelgußstahles in den österreichischen Alpen­ländern gewonnenen Stahlsorten für Werkzeuge, Federn, Sensen, Messer u. dgl. wurden zumeist nach dem Holzkohlen-Stahlfrisch verfahren hergestellt. Der aus