Aufsatz 
Zur Geschichte des österreichischen Edelstahls / von Otto Böhler und Hans Schwoiser
Entstehung
Seite
105
Einzelbild herunterladen

Zur Geschichte des österreichischen Edelstahles.

105

dem Frischherd entnommene teigige Stahlklumpen wurde mittelst Schwanzhäm- mern auf vierkantige Stangen verschiedener Abmessungen ausgereckt, die Stangen in Kisten oder Fässern verpackt und unter dem Namen Kistenstahl verkauft. Dieser Stahl wurde hauptsächlichst nach dem Orient und auch nach Ägypten und Indien abgesetzt. Da dieser Handel meistens über Italien ging, so erfolgte das Ausrecken des steirischen oder kärntnerischen Herdfrischstahles häufig auch in oberitalienischen Hammerstätten zu Mailand und Brescia, weshalb dieser Stahl auch unter dem Namen Milano- oder Bresciastahl in den Handel kam. Solchen Stahl lieferte u. a. und liefert auch heute noch in großen Mengen das Gräfl. Thurnsche

Abb. 1. Alle steirische Frischhütte mit Schwunghammer. Techn. Museum.

IG r

v --si-V.

[mTmM

Stahlwerk in Streiteben in Kärnten (heute Jugoslavien). Eine weitere Veredlung des Kistenstahles war schon der sogenannte Gärbstahl. Hiebei wurde der dem Frisch­herd entnommene Stahlklumpen auf dünne, vierkantige Stäbe ausgereckt und eine Anzahl derselben zu einer Garbe gebunden und im Ofen bis zur Schweißhitze erwärmt, worauf die Garbe unter einem Wasserhammer zu einem Stab ausgereckt wurde. Dieser Vorgang konnte zwei- und dreimal wiederholt werden, und man unterschied dann einmal, zweimal und dreimal gegärbten Stahl. Jede Gärbung verbesserte die Wertigkeit des Materials. Auf diese Weise wurde der berühmte Innerberger-Stahl mit ZeichenTanne (Tannenbaumstahl) hergestellt, der im In- und Auslande hochgeschätzt war für Werkzeuge, Messer, Schwerter und zum Anstählen von Werkzeugen, bei welchen nur die Arbeitsflächen aus Stahl zu sein brauchten. Ein Vorläufer des Tiegelgußstahles war auch der Zementstahl, der 1722 von Reaumur erfunden wurde. Der Prozeß besteht aus der Umwandlung von Eisen in Stahl durch Anreicherung kohlenstoffarmen Eisens mit Kohlenstoff von außen her durch die Oberfläche des Eisens. In Österreich wurde dieses Verfahren durch den Direktor der k. k. Bergakademie in Leoben (jetzt Montanistische Hoch­schule) Hofrat Peter Tunner 1851 im Stahlwerk Eibiswaldin Steiermark eingeführt.