Zur Geschichte des österreichischen Edelstahles.
107
im Mayr v. MELNHOFschen Stahlwerk Kapfenberg in Steiermark (jetzt Gebr. Böhler & Co. Aktiengesellschaft) gebaut, und bis 1864 wurden noch weitere neun Öfen errichtet. Prof. Kupelwieser spricht in seinem vorerwähnten Bericht die Priorität der Einführung von Siemensöfen zum Stahlschmelzen Österreich zu und verweist diesbezüglich auch auf das Werk von Cyriaque Hilson ,,La Siderurgie en France et ä l’etranger“, 1891, pag. 402, worin bei der Besprechung der Gußstahlhütte von Kapfenberg in Steiermark u. a. gesagt wird: „c’est dans cette usine, que Ton a obtenu le premier acier fondu au four Siemens.“
Zum ersten Male wurde in Kapfenberg Tiegelgußstahl im Jahre 1854 in einem mit Holzkohlen angefeuerten Schachtofen für sieben Tiegel erzeugt. Bei dieser Gelegenheit soll auch erwähnt werden, daß in Kapfenberg der erste Martinofen in deutschen Landen nach Angabe des Erfinders Pierre Martin, und zwar im Jahre 1868, errichtet wurde. Zu den älteren Tiegelgußstahlwerken in Österreich zählen auch noch: die von der Ternitzer Walzwerk- und Bessemerstahlfabrikations-Aktiengesellschaft (jetzt Schoeller-Bleckmann - Stahlwerke) in Hirschwang bei Reichenau, N.-Ö., errichtete
Gußstahlhütte, ferner die Gußstahl- und Feilenfabrik in Mürzzuschlag von Johann E. Bleckmann (jetzt Schoeller-Bleckmann-Stahlwerke) und schließlich die Gußstahlhütte Eibiswald der k. k. priv. Eisen- und Stahlgewerkschaft zu Eibiswald und Krumbach (jetzt Österr.-Alpine Montangesellschaft).
Zu diesen sind in späterer Zeit die Steir. Gußstahlwerke A. G. vorm. Danner & Comp, in Judenburg und die Schmidt-Stahlwerke in Wien hinzugetreten. Die ebenfalls noch im alten Österreich entstandenen Tiegelgußstahlwerke Poldihütte in Kladno und das Graf THURNsche Stahlwerk in Streitleben gehören seit dem Zerfall der Monarchie dem tschechoslowakischen und dem jugoslawischen Staate an. Von geschichtlichem Interesse ist auch das von Franz v. Uchatius im Jahre 1854 erfundene Verfahren zur Herstellung eines Gußstahles, nach welchem granuliertes Roheisen zusammen mit geröstetem Spateisenstein im Tiegel geschmolzen wurde. Der Erfinder erwarb dafür ein englisches und ein französisches Patent. Die Hoffnungen, die man auf dieses Verfahren gesetzt hatte, erfüllten sich jedoch nicht, und die Fabrikation dieses als Uchatiusstahl bekanntgewordenen Tiegelstahles erfuhr keine größere Verbreitung.
Die österreichische Tiegelstahlindustrie kann auf verschiedene Errungenschaften verweisen, denen sie ihren hohen Rang verdankt. So hatte Prof. Kupelwieser neben der schon angeführten Erbauung des ersten Siemens-Tiegelguß-
Abb. 4. Tiegelstahlwerk mit oberirdischem Schmelzofen.