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Otto Böhler, Hans Schwoiser
stahlofens im Jahre 1859 auch noch folgende Prioritäten für Österreich in Anspruch genommen: 1871: Die Einführung der Erzeugung von Wolframstahl in Kapfenberg durch die k. k. priv. Innerberger Hauptgewerkschaft. Es scheint aber, daß die Herstellung und der Verkauf von Wolframstahl schon früher erfolgte, weil in Preis- kuranten über Erzeugnisse der k. k. priv. Gußstahlfabrik Kapfenberg zu Beginn der sechziger Jahre bereits Wolframstahl, d. i. Gußstahl mit Diamanthärte, für Schneidwerkzeuge (Drehmesser u. dgl.) enthalten ist. (Die erste Herstellung von Wolframstahl erfolgte im Jahre 1858 in der k. k. Gußstahlhütte in Reichraming durch den Chemiker Dr. Franz Koller.)
1876: Die Verwendung von Tonaufsätzen beim Guß von Tiegelstahlingots auf die Kokillen, um den Lunker im oberen Teil des Ingots zu konzentrieren. Zuerst in Kapfenberg angewendet.
1895: Die Aufnahme der Erzeugung von weichem Wolframstahl für Gewehrläufe und die Priorität der Verwendung von Wolframstahl in der Waffentechnik für Österreich (Stahlwerk Kapfenberg).
Ferner wurde schon früher von Franz Mayr v. Melnhof ein im Tiegelgußstahlwerk Kapfenberg erzeugter Manganstahl (hochwertiger Werkzeugstahl mit niedrigem Mangangehalt) auf der Pariser Weltausstellung 1867 ausgestellt.
Das Verwendungsgebiet des Tiegelgußstahles war schon mit Rücksicht auf seinen verhältnismäßig hohen Preis, der durch die Verwendung eines erlesenen, sorgfältig sortierten Einwagematerials, nur einmalige Verwendung der Schmelztiegel und strenge Nachprüfung des Fertigproduktes beim Schmieden bedingt war, auf feine Werkzeuge, Münzstempel, Stanzen und Schnitte, hochpolierte Walzen für die Edelmetallindustrie, Rasiermesser, Federn, chirurgische Instrumente u. dgl. beschränkt. Demgemäß waren auch die Erzeugungssorten gegenüber den überaus vielfältigen Qualitätsabstufungen der heutigen Edelstähle eng begrenzt.
Mit der fortschreitenden Mechanisierung von Gewerbe und Industrie und der Verkehrseinrichtungen, mit den zahlreichen Erfindungen neuer Maschinen und insbesondere mit den um die Jahrhundertwende erschienenen Schnellarbeitsstählen hat sich auch die Zahl der Qualitätsabstufungen des Tiegelgußstahles wesentlich vermehrt. Schnelldrehstahl wurde auf der Pariser Weltausstellung 1900 von den Amerikanern Taylor und Withe vorgeführt und erregte besonders dadurch großes Aufsehen, daß die Schneiden selbst bei Rotglut ihre Schnittfähigkeit behielten. Der Schnelldrehstahl, der eine Schnittgeschwindigkeit bei der mechanischen Bearbeitung von härtesten Materialien ermöglichte, die bisher von keinem Tiegelgußstahl erreicht wurde, hat eine L'mwälzung im Werkzeugmaschinenbau hervorgerufen und Anlaß zum Bau starker Dreh- und Hobelbänke gegeben, die erforderlich waren, um die Leistungsfähigkeit der Schnellarbeitsstähle voll auszunützen.
Es hat sich auch ein besonderer Ausschuß des Berliner Bezirksvereins deutscher Ingenieure für das Studium der Schnelldrehstahlfrage gebildet, in welchem die Werkstättenleiter der großen Maschinenbauanstalten vertreten waren. Dieser Ausschuß veranlaßte eingehende Werkstättenversuche, an welchen sich alle großen deutschen und österreichischen Edelstahlwerke beteiligten, und es muß als ein Ruhmesblatt der österreichischen Edelstahlindustrie angesehen werden, daß bei diesen Versuchen ein österreichisches Produkt (Kapfenberger Rapidstahl) sich an