Aufsatz 
Sondergewerbe in der Eisenwurzen / von Karl Tanzer
Entstehung
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Karl Tänzer

Die Einschränkung der Ausfuhr nach den westlichen Ländern machte steigender Absatz auf den osteuropäischen Märkten wett. Rußland war es vor allem, das bis zum Jahre 1914 ein treuer Abnehmer der vorzüglichen oberösterreichischen Sensen war und den Gewerken in der Eisenwmrzen Gelegenheit zur Bergunggüldener Ernten gab. Handelsmittelpunkte in Rußland für die Kirchdörfer Sensen waren Moskau, Kiew, Berdyschew und Nishnij-Nowgorod. Von dort fanden sie ihren Weg in die Ukraine, zum sibirischen Bauern und selbst bis nach China. Versuchte auch die skrupellose Konkurrenz mit ähnlich geschlagenen Marken festen Fuß zu fassen, so scheiterte ihr Versuch, da selbst der analphabetische Bauer in der sibirischen Tundra seine gewohnte Marke bis zum I-Punkt genau kannte.

Die Schließung des wichtigen russischen Marktes durch die Sowjetregierung, die ihren Bauern minderwertiges inländisches Erzeugnis aufzwingt, war folgen­schwer. Vernichtend aber war der Verlust der alten, nun von undurchdringlichen Zollschranken verrammelten Absatzgebiete in Ungarn und Jugoslawien. Auch die Verdrängung der Sense durch die mehr und mehr sich einbürgernde Ernte­maschine macht sich fühlbar. Die kaufmännisch gut geleitete Sensenindustrie versucht unermüdlich die zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen. Es wäre nur zu wünschen, daß diese Bemühungen von Erfolg seien.

Die unhaltbare Lage der Zeugschmiede in der Eisenwurzen endete schließlich mit einem geradezu tragischen Sterben vieler Werkstätten. Höllenstein, Randegg, Opponitz, Gresten, Gaming, Grünburg, Steinbach, Sierning, Losenstein, Neuzeug und viele andere Ortschaften mit einst blühender Kleineisenindustrie bieten er­schütternde Bilder von zu Ruinen verfallenen Werksgebäuden und verödeten Werk­stätten. Selbst Steyr, Waidhofen und Ybbsitz büßten den größten Teil ihrer Schmied­schaft ein. Die Regierung des alten Österreich sah dem Untergang dieses ehemals so blühenden Gewerbes untätig zu. East in letzter Minute, zu Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, griff tatkräftig die Wiener Handels- und Gewerbekammer ein, um noch das, was lebensfähig war, zu retten. Zunächst wurde in Waidhofen an der Ybbs eine Lehrwerkstätte ins Leben gerufen, deren Haupt­aufgabe darin bestand, den Nachwuchs der Schmiedschaft in der Herstellung be­stimmter Artikel zu unterweisen, ihn aber auch mit den Arbeitsverfahren der aus­ländischen Konkurrenz vertraut zu machen. Einige Jahre später wurde die Lehr­werkstätte in eine Fachschule für das Eisengewerbe erweitert. Dadurch bekamen die Meister einen Stamm von Vorarbeitern, die auf völlig neuzeitlicher Grundlage herangebildet waren. Und diese Vorarbeiter wurden später als Meister das Funda­ment für den Neuaufbau des Kleineisengewerbes.

Von allen Ortschaften der Eisenwurzen besitzt eigentlich nur mehr Ybbsitz eine zusammengeballte Kleineisenindustrie. Daß diese aber überhaupt erhalten blieb, ist nicht das ausschließliche Werk der Wiener Handels- und Gewerbekammer. Auch der dem Handelsministerium angegliederte Gewerbeförderungsdienst und die Fachschule in Waidhofen hatten daran großen Anteil. Der Gewerbeförderungs­dienst nahm sich der aller Mittel entblößten Meister an, lieferte für ihre Werkstätten gegen bequeme Teilzahlungen die notwendigen Maschinen, während die Waidhofener Fachschule den Gewerken eine Lehrkraft kostenlos zur Verfügung stellte, die Meister und Arbeiter in der Handhabung der Maschinen unterwies.