Aufsatz 
Sondergewerbe in der Eisenwurzen / von Karl Tanzer
Entstehung
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Sondergewerbe in der Eisenwurzen.

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ausgeschmiedet wurden) spürte den Wettbewerb des englischen Tiegelgußstahles. Der Puddelprozeß hingegen verunreinigte mit dem Schwefel der mineralischen Brennstoffe das vorzügliche Holzkohlenroheisen. Die Güte des Frischeisens litt darunter, war aber immer noch dem ausländischen Puddeleisen überlegen.

Aber mit dem Eingehen des alten Frischfeuerbetriebes oder, wie er um den Erzberg hieß, des Zrennhammerbetriebes, erschöpften sich noch nicht die Folgen der technischen Umwälzung. Sie erstreckten sich auch auf den Schmied, der die Erzeugnisse des Zrenn- und Streckhammerbetriebes weiter verarbeitete. Bislang bezog er sein Eisen vom benachbarten Hammer zu ziemlich stetigen Preisen. Nun erhielt der Schmied ein Produkt zur Verarbeitung, dessen Preis am Weltmarkt bestimmt wurde. Der nur an den engen Gesichtskreis seines Heimattales gewöhnte Schmied spürte mit einemmal das Spiel wechselnder Konjunkturen, deren Ursachen ihm verborgen blieben und deren Eintritt er fast immer verspätet erfuhr.

Da die Walzwerke dem Schmied das Eisen in den kleinen Mengen, die er be­durfte, nicht unmittelbar lieferten, holte er dieses nun zentnerweise von demselben Händler, dem er seine Erzeugnisse ablieferte und war somit zweifach von ihm abhängig. Das beeinträchtigte aber auch die gleichmäßige Beschaffenheit des Eisens, auf die der Arbeiter, ja der ganze Betrieb eingeschult war. Technische An­leitungen fehlten, so wurden die Schwierigkeiten in der Behandlung des Eisens bei den fertigen Erzeugnissen merkbar. Sie waren nicht mehr so wie früher.

Schließlich wurde der Schmied auch in der Werkstätte von der technischen Umwälzung erfaßt. Die Maschine drang in immer weiterem Umfange in sein Ge­werbe ein. Die Presse, später der Brettfallhammer, verdrängten den Wasser- und Fausthammer, vollkommenere Schleif- und Poliermaschinen ermöglichten eine vollendetere Ausstattung. Das machte sich die ausländische Konkurrenz zunutze, während dies alles an dem alten Zeugschmied in der Eisenwurzen infolge mangelnder Aufklärung vorbeiging. Sein Händler begnügte sich damit, die Preise zu drücken, um sich, so lange es ging, der maschinell arbeitenden Konkurrenz zu erwehren.

Infolge der neuzeitigen Verkehrsmittel verloren endlich auch die Märkte ihre Bedeutung. Der Reisende der rührigen, kapitalkräftigen ausländischen Klein­eisenindustrie fand den direkten Weg zur Kundschaft, auch zu der, die bisher ihre Ware aus der Eisenwurzen bezogen hatte. Zuerst gingen die Absatzgebiete im Aus­land verloren, hernach überschwemmte der ausländische Rivale, unterstützt durch billige Preise, niedrige Zölle und die hohen Preise des inländischen Eisens, das Inland mit seiner Ware. Der einfache Schmied der Eisenwurzen stand, ehe er sichs versah, im Strudel des Weltmarktes, der ihn alsbald verschlang.

Am widerstandsfähigsten zeigte sich die Sensenindustrie dieser Umwälzung gewachsen. Sie war schon immer großzügig und kaufmännisch geführt. Dazu kam noch der ausgezeichnete Ruf ihrer Marken am Weltmarkt. Die Sensenschmiede erwiesen sich als zähe Gegner ihrer ausländischen Konkurrenz, die mit den üblichen Waffen des Handelskrieges nicht zu bekämpfen waren. Das Nachschlagen ihrer Marken wurde der erste Schlag, den die Gegner führten. Zum zweiten holte die deutsche Konkurrenz im Jahre 1834 aus. Mit der Gründung des deutschen Zollvereines war ein Einfuhrverbot auf Sensen und Eisenwaren erlassen, das in erster Linie die Werkstätten in Solingen und Remscheid förderte.