- Glossareintrag
Der Begriff Orientalismus wurde von Edward Said in seinem viel rezipierten postkolonialen Werk Orientalism (1978) geprägt. Er bezeichnet eine Form der Wissensproduktion, bei der der „Orient“ nicht als komplexe gesellschaftliche Realität erfasst, sondern als kulturelles und symbolisches Gegenbild zum „Okzident“ konstruiert wird. Said zeigt, dass diese Konstruktion auf binären Unterscheidungen beruht – etwa rational/irrational oder modern/traditionell – und so den Westen als überlegen positioniert, während der „Orient“ als kulturell „Anderes“ markiert wird. Eine Analyse des Orientalismus macht somit hegemoniale Strukturen sichtbar, die sowohl die Wissensproduktion über den „Orient“ als auch koloniale Herrschaftsformen Europas begründeten und legitimierten. Saids Buch wurde vielfach rezipiert, aber auch kritisch diskutiert. Ein wichtiges Beispiel ist die feministische Kritik, die darauf hinweist, dass geschlechtsspezifische Dimensionen in Saids Analyse weitgehend ausgeblendet bleiben. Autorinnen wie Lila Abu-Lughod und Meyda Yeğenoğlu zeigen, dass orientalistische Diskurse häufig auch durch Darstellungen „orientalischer Frauen“ geprägt wurden, die sowohl als Symbol kultureller Differenz als auch als Projektionsfläche westlicher Vorstellungen fungierten.
- Weiterführende InformationenEdward Said, Orientalism, New York 1978.Lila Abu-Lughod, Writing against Culture, in: Recapturing Anthropology. Santa Fe 1991.Meyda Yeğenoğlu, Colonial Fantasies: Towards a Feminist Reading of Orientalism, Cambridge 1998.María do Mar Castro Valera/Nikita Dhawan, Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, 3. Aufl., Bielefeld 2020, 112.