Aufsatz 
Franz Freiherr von Uchatius / von Erich Kurzel-Runtscheiner
Entstehung
Seite
55
Einzelbild herunterladen

Franz Freiherr von Uchatius.

55

die Verwendung von Schießwolladungen geeignet war. Die Einführung wurde aber immer wieder verzögert, so daß bis zum Beginn des Feldzuges des Jahres 1859 mit der Erneuerung des österreichischen Eeldgeschützmaterials noch nicht begonnen worden war.

Die Ereignisse dieses Feldzuges hatten jedoch die Verantwortlichen endlich von dem Ernst der Lage überzeugt. Die vorhandenen, im Feldzug 1859 verwendeten glatten 6- und 12pfündigen Feldkanonen wurden nun rasch nach dem System La Hitte umgestaltet. Zugleich aber wurde auch die Schaffung eines neuen Geschütz­systems ernsthaft betrieben, da man die Nachteile des System La Hitte mit seiner schlotternden Geschoßführung wohl erkannt hatte. Die Meinungen der artilleristischen Fachleute Österreichs gingen jedoch über das zu wählende System weit auseinander. Es bildeten sich geradezu zwei Parteien: jene der Schieß wollfreunde und jene der ,,Schießwollfeinde. Jene waren auf das System Lenk eingeschworen, diese emp­fahlen zunächst Gußstahlhinterladungsgeschütze, wie sie kurz vorher in Preußen zur Aufnahme gekommen waren, auch in der österreichischen Armee einzuführen. Um das Gußverfahren dieser Geschütze, das Ziehen der Rohre und das Umgießen der Bleihülle, die als Führung der neuen preußischen Geschosse diente, an Ort und Stelle studieren zu können, wurde auf Antrag des Generals Josef Fabisch, der damals Leiter des Artilleriekomitees war, im Dezember 1860 Uchatius,da er zu den intelligentesten Offizieren in diesem Fache gehören dürfte, in Begleitung des Werkführerassistenten Haubner nach Berlin entsendet. Auch diese Reise des Uchatius, der zu eben dieser Zeit (11. Dezember 1860) Major geworden war, be­deutete einen vollen Erfolg. Ein Beweis hierfür ist die Eintragung in die Personal­liste, daß Uchatiusdurch Umsicht und Erfahrung vollkommen entsprochen habe. Zugleich aber trachtete man, sich in der Beschaffung von Stahlguß vom Ausland unabhängig zu machen, indem man in österreichischen Werken, nament­lich in jenem der Gebrüder Klein von Wiesenberg in Stefenau allerdings auf deren eigenen Kosten Versuche mit in Gebläseflammöfen hergestelltem Gußstahl durchführen ließ.

Trotzdem wurde noch während des Jahres 1860 auf Grund einer von General­major Lenk von Wolfsberg abgegebenen Erklärung,daß die Schießwolle auf jenen Grad der Vollkommenheit gediehen sei, der sie zu jeder beabsichtigten Ver­wendung als Kriegsmaterial geeignet mache, die Schießwollfrage einer kommis­sioneilen Revision unterzogen. Die diesfälligen Untersuchungen führten die Kom­mission zu der einstimmigen Erklärung, daß die Schießwolle statt des Schießpulvers zu Ladungen für Geschütze und zu Sprengladungen für Hohlprojektile Anwendung finden könne, daher auch zu den Versuchen mit Geschützen nach Lenks Kon­struktion geschritten wurde. Diese Versuche, die während der Jahre 1861 und 1862 auf dem Steinfelder Schießplatz gemacht wurden, nahmen einen dem Anschein nach so günstigen Verlauf, daß man keine Bedenken trug, drei Artillerieregimenter mit Schießwollgeschützen auszurüsten. Kaum aber war dies geschehen, mußte man zu der Erkenntnis kommen, daß die Schießwolle als Geschützladung verwendet, doch wohl nicht alszuverlässiges Kriegsmaterial angesehen werden könne. Hierzu trug insbesondere auch die am 30. Juli 1862 erfolgte Explosion im Schießwoll- handmagazin auf der Simmeringer Heide bei.