56
Erich Kurzel-Runtscheider
Eine entscheidende Rolle in diesem Augenblick der Ratlosigkeit fiel der von Uchatius zur Untersuchung der Treibmittel erfundenen „Pulverprobe“ zu, die es gestattete, die ballistische und die brisante Wirkung der einzelnen Sorten zu erkennen. Das Gerät, das Uchatius zu diesem Zweck erdachte, war im Juni 1862 fertiggestellt. Seine Einrichtung und die Erkenntnis, die mit ihm gewonnen werden konnten, sind in einem mit 2 Tafeln bebilderten Bericht des Uchatius beschrieben,
der der Sitzung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Wiener Akademie der Wissenschaften am 18. Mai 1865 vorgelegt wurde. Die bis dahin üblichen Erprobungen der Ladungen im Geschützrohr selbst, das Tormentieren, das mit immer wieder vergrößerten Ladungen bis zum Zersprengen des Rohrs fortgesetzt werden mußte, wurde durch die Pulverprobe des Uchatius überholt. Da bei diesem Versuchsgerät nur ganz kleine Ladungen in einem Gewehrlauf erprobt wurden, konnten auch viel eingehendere Versuche gemacht werden, die für die feinkörnigen Pulversorten jener Zeit völlig ausreichten. Die ballistische Wirkung konnte durch „Beschuß“ eines in dem sogenannten Rezeptor befestigten Bleikegels mit einem genormten Geschoß, das durch eine Ladung gleichbleibender Mengen aus dem Probelauf getrieben wurde, erkannt werden, indem man das Emporschnellen des Rezeptors in Bogengraden ablas. Die brisante Wirkung erkannte man durch Vergleich der Längen von Kerben, die ein mit bogenförmiger Schneide versehener Meißel auf einer untergelegten Platte eindrückte, die aus genormter Bronze herge- Abb. 7. „Pulverprobe" 1862. stellt war. Auf die Kraft, die zur Erzeu
gung dieser Kerben jeweils notwendig gewesen war, wurde durch Vergleich mit den Kerblängen geschlossen, die in einem ebenfalls zur Pulverprobe gehörenden Fallwerk entstanden. In Anerkennung der großen wissenschaftlichen Leistung, die dieser Arbeit zugrunde lag, wurde Uchatius noch im selben Jahr 1865 zum korrespondierenden Mitglied der Wiener Akademie der Wissenschaften ernannt. Unter der Bezeichnung „Einige Veränderungen in meiner Pulverprobe“ hat dann Uchatius der Akademie der Wissenschaften einen weiteren Bericht vorgelegt, der in dem Bericht über die Sitzung am 11. Juli 1867 veröffentlicht ist.
Auch im Ausland erregte dieses neuartige Gerät großes Aufsehen. Sowohl der preußische Gesandte als auch der russische Militärattache in Wien suchten bei der