Aufsatz 
Franz Freiherr von Uchatius / von Erich Kurzel-Runtscheiner
Entstehung
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Erich Kurzel-Runtscheiner

Artilleriezeugsfabrik im Wiener Arsenal ernannt wurde. W er konnte damals ahnen, welch plötzlicher Aufstieg im militärischen Rang und zur Weltberühmtheit diesem Mann, den man schon alsAusgedienten ansah, dank einer genialen Leistung noch Vorbehalten war, die ihm gelang, als er die Sechzig schon überschritten hatte?

Die Voraussetzung für diese überraschende Wendung war der Umstand, daß die österreichische Artillerie sich noch immer auf der Suche nach einem Geschütz­werkstoff befand, der hochwertiger sein sollte als die gewöhnliche Geschützbronze oder als selbst das hochgezüchtetste Gußeisen es sein konnte und der doch nicht Gußstahl sein sollte, den herzustellen nur Krupp in Essen verstand. Denn mit der Annahme des KRUPPschen Erzeugnisses hätte man sich völlig in die Abhängigkeit eines Werkes begeben, das auf dem Gebiet eines Staates lag, mit dem man sich wenige Jahre vorher im W T affengang hatte messen müssen. Wie lange dieser Zustand dauerte, aus dem es keinen gangbaren Ausweg zu geben schien, zeigt die Wahl des Werkstoffes für das Rohr des 21-cm-Mörsers M 73. Denn dieses wurde, als gäbe es keinen KRUPPschen Gußstahl, aus Gußeisen hergestellt.

Als dies geschah, war aber Uchatius emsig mit den Vorarbeiten beschäftigt, die ihn zum Erfinder jenes Werkstoffes machten, der sich im Geschützrohrbau und bald darauf jedem Stahl der damaligen Zeit als überlegen erweisen sollte. Ein Zufall gab den ersten Fingerzeig: Erzherzog Wilhelm hatte, als er 1872 von einer Reise nach Rußland heimkehrte, ein Stück einer Bronze nach Wien mitgebracht, von der es hieß, daß sie ihre der Gußbronze weit überlegenen Festigkeitseigen­schaften durch Pressen im flüssigen Zustand erhalte.

Uchatius, dem dieses Musterstück übergeben wurde, untersuchte es in den Laboratorien der Geschützgießerei des Arsenals, die er mit den besten Werkstoff­prüfeinrichtungen der Zeit ausgerüstet hatte, wo auch das von ihm selbst entworfene Fallwerk stand, in dem man Probestäbchen einer schlagartig auftretenden Be­lastung aussetzen und damit das Verhalten von Geschützrohrlegierungen unter Verhältnissen beobachten konnte, die der Beanspruchung beim Schießen ähnlich waren. Uchatius fand die Angaben bestätigt, die man ihm über die russische Sonder bronze gemacht hatte.

Dieser Feststellung folgte eine Reihe von Versuchen, von denen jeweils der vorhergegangene den folgenden bedingte: Der erste ergab beim Guß von zehn- prozentiger Bronze in eine dünnwandige gußeiserne Kokille und nachheriges Pressen in noch flüssigem Zustand völlig homogenen W T erkstoff. Mit diesem Erfolg zufrieden, wollte Uchatius schon das Programm zur Erzeugung eines Probegeschützes aus­arbeiten, als er auf der W T iener Weltausstellung des Jahres 1873 in When vom Pariser Metallfabrikanten Lavessiere hergestellte, von Zinnflecken völlig freie Bronze­rohre sah, die in dickwandigen eisernen Kokillen gegossen worden waren. Uchatius beschloß daher, diesen weit einfacheren Weg der Herstellung hochwertiger Bronze zu gehen, auf dem durch raschestes Erkalten sich jede Entmischung der Legierung ver­meiden ließ. Als Uchatius dann, nach mehreren mißlungenen Versuchen die Kokille mit einem mit Sand ausgekleideten Aufsatz versah, gelang ein ziemlich einwand­freier Guß. Diesen suchte er in langem Bemühen durch Innenkühlung mittels eines wasserdurchflossenen Rohrs noch zu verbessern. Dies führte aber zu keinem völlig befriedigenden Ergebnis und wurde dann wieder verlassen. Dagegen bewährte sich