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Erich Kurzel-Runtscheiver
Endlich war es so weit, daß am 18. und 19. Mai 1881 die ersten Schießproben am Steinfeld vorgenommen werden konnten. Das Rohr hielt stand, sollte aber noch schärferen Erprobungen unterzogen werden. Bei diesem am 1. Juni 1881 durchgeführten Schießversuch soll nun das Rohr eine Quetschung der Züge in der Nähe der Mündung erlitten haben. Als darauf in der Kommission Bedenken laut wurden, soll Uchatius selbst den Vorschlag gemacht haben, das Stahlbronzerohr mit einer Stahlseele zu versehen. Dieses Anerbieten kam — wenn es Uchatius tatsächlich gestellt haben sollte — einer Verleugnung seines eigenen Lebens Werkes gleich. Sicher ist aber, daß Uchatius den Auftrag erhielt, binnen einem Monat ein den gestellten Anforderungen standhaltendes Rohr herzustellen, da sonst die Entscheidung zugunsten der Gußstahlgeschütze unvermeidlich sei. Eine andere Version — es ist jene, die Alfred von Lenz, der zum engsten Freundeskreis der Familie Uchatius gehörte, in seinem 1904 erschienenen „Lebensbild des Generals Uchatius“ gibt, — behauptet, daß Uchatius an jenem letzten Schießen am Steinfeld gar nicht teilgenommen habe und dessen Ergebnis erst drei Tage später, am frühen Morgen des 4. Juni 1881, erfuhr, an dem er seinem Leben ein Ende setzte. Auch behauptet Lenz, daß keine Beschädigung der Züge des Rohres sich ergeben hätte, sondern daß das Rohr darum versagt habe, w r eil es mit einem, vom Artilleriekomitee gegen den Rat Uchatius’ verwendeten Verschluß versehen gewesen sei. Dieser Verschluß hätte nach dem Schuß überhaupt nicht mehr geöffnet werden können. Heute ist diese letzte Mitteilung nicht mehr zu überprüfen, da das Rohr dieses Küstengeschützes, das vor dem Heeresmuseum zur Aufstellung gelangt ist, keinen Verschluß mehr besitzt.
Der dritte Tag nach dem mißglückten Schießversuch war der Samstag vor Pfingsten. Es w r ar besprochen, daß die Familie Uchatius die Feiertage auf dem Landhaus verbringen sollte, das Alfred von Lenz in Weidlingau besaß. Am frühen Morgen noch soll Uchatius Anordnungen getroffen haben, die sich auf die Pfingst- fahrt bezogen, die er an diesem Tag um 6 Uhr abends antreten wollte. Seine Wohnung im Kommandogebäude des Arsenals verlassend, traf Uchatius mit dem Arsenaldirektor Feldmarschalleutnant Kurt Freiherrn von Tiller zusammen. Dieser w T ar tags zuvor im Kriegsministerium gewesen und hatte dort „von einem sehr hochgestellten Militär“ — wohl von Bylandt-Reith, der 1876 Kriegsminister geworden w r ar — Mitteilungen in der Stahlbronzefrage erhalten, die in den Worten gipfelten: „Werden wir es denn noch erleben, daß Uchatius mit seinem Küstengeschütz fertig v'ird?“
Dies berichtete Tiller dem Freunde. Uchatius verließ ihn scheinbar in vollster Ruhe und begab sich ins Gußhaus. Dort arbeitete er, wie er es auch an den vorhergehenden Tagen getan hatte, in gewohnter Weise. Um die Mittagsstunde kehrte er dann in seine Wohnung zurück, und um 1 Uhr mittags fand man ihn tot in seinem Privatarbeitszimmer auf. Er hatte sich durch einen Schrottschuß in die Brust entleibt.
Der Freitod dieses hohen und durch seine Leistungen allbekannten Offiziers löste ungeheure Aufregung aus. Tiller verfaßte an den Kriegsminister Bylandt- Reith einen schriftlichen Bericht, der allerdings nur die nackte Tatsache des Selbstmordes enthält, und einen telegraphischen Bericht an den Kaiser, der sich eben in