Aufsatz 
Franz Freiherr von Uchatius / von Erich Kurzel-Runtscheiner
Entstehung
Seite
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Franz Freiherr von Uchatius.

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Budapest befand. Tages- und Fachzeitschriften besprachen die Sache und, wie immer in solchen Fällen, wurde auch die Frage laut, wer für dieses Ende eines so erfolgreichen Lebens verantwortlich zu machen sei. Die tiefsten Gründe und die eigentliche Veranlassung, die Uchatius die Waffe in die Hand drückten, werden wohl nie ganz geklärt werden. Denn die Berichte der Zeitgenossen in Presse und Akten, widersprechen einander vielfach selbst in der Darstellung der äußeren Um­stände. Viele Akten sind später auch ausgemerzt worden, und der Tote selbst schwieg über die Gründe seiner Tat. Er hinterließ nur einen Zettel mit den Worten: Verzeiht mir, meine Lieben, daß ich das Leben nicht mehr ertragen kann.

DerFall Uchatius kann nicht einfach mit der beliebten Redewendung vom unglücklichen Schicksal des Erfinders abgetan werden, mit der Phrase vom Pionier der Technik, der seiner Zeit weit voraus war, einer Zeit, die ihn nicht verstanden und gefördert hat. Wir haben gesehen, daß die Geschichte seines Lebens gerade das

Abb. 11. 28 cm-Küstenverteidigungsgeschütz ausUchatiusbronze" (1881).

Aufgestellt im Wiener Arsenal vor dem Heeresmuseum, Länge 7,36 m.

Gegenteil beweist. Schon seit seiner Jugendzeit ist Uchatius wenn auch sicher nicht ohne schwere Kämpfe von Erfolg zu Erfolg, von Stufe zu Stufe empor­gestiegen. Gerade die letzten Jahre seines Lebens waren erfüllt von Ehrungen und Zeichen der Wertschätzung. Daß Uchatius auch beneidet und angefeindet wurde, daß es Menschen gab, die versuchten, ihn beiseite zu schieben, ist nichts, was sein Schicksal zu einem ungewöhnlichen oder gar bedauernswerten machen kann. Wenn man die Tatsache, daß L t chatius trotzdem, am Höhepunkt seines Lebens und Schaffens angelangt, zur tödlichen Waffe griff, mit der Sonde der Psychologie, um nicht zu sagen, der Psychopathie, untersucht, dann wird man ihn im Sinn der neuzeitigen Nomenklatur als einen Zirkulären bezeichnen müssen. Die überragende, geniale Veranlagung und die gigantische Arbeitskraft, die Uchatius auszeichneten, befähigten ihn, in immer wiederkehrenden Zeiträumen, Berge von Arbeit zu be­wältigen. Zwischen diese schoben sich allerdings von Zeit zu Zeit Depressions­zustände, die ihn in tiefe Melancholie stürzten. Ein solcher Zustand muß es gewesen sein, der ihn in den letzten Tagen seines Lebens mit besonderer Heftigkeit überfiel. Und in der Stunde seines Selbstmordes, zu dem er sich augenscheinlich plötzlich entschlossen hat, war er wohl des Zweifels nicht mehr Herr geworden, daß der Sieg der Stahlbronze über den Gußstahl kein voll­kommener, kein endgültiger sein konnte.