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Viktor Schützenhofer
haus der Familie, in dem am 21. Februar 1831 Josef Werndl das Licht der Welt erblickte (Abb. 2).
In das schulpflichtige Alter gekommen, besucht er durch sechs Jahre die Normalschule in Steyr und wird dann nach Wien gebracht, um dort die Büchsenmacherei bei dem damals rühmlichst bekannten Gewehrmacher Fruwirth zu erlernen. Dann kehrt er zurück ins väterliche Haus und erlernt auch die Feilenhauerei.
Die hergebrachten Arbeitsmethoden, an denen der Vater unentwegt festhält, der Zwang des Elternhauses überhaupt, erscheinen aber dem ungestümen Jungen untragbar. So begibt er sich auf die Wanderschaft, auf der er bis Prag kommt, kehrt
heim, geht neuerlich auf und davon, kommt aber bald wieder ins Vaterhaus zurück. Die Heimat zieht ihn immer wieder an. Manch toller Streich, den er in seinem überschäumenden Jugendmut begeht, macht den Eltern bittere Sorge um den Erstgeborenen, dem ältesten von nun schon 16 Geschwistern.
1849 reißt er wieder aus, läßt sich in Wien freiwillig zum Militär assentieren und wird nach kurzer militärischer Ausbildung in die alte Gewehrfabrik in Währing — die damalige staatliche Waffenfabrik — kommandiert, wo er den Zusammenbau der Armeegewehre erlernt. Der Vater, gegen dessen Willen der Sohn sich zum Militär gemeldet hat, setzt nun gegen den Willen des Sohnes dessen Kommandierung in den eigenen Betrieb „als für die Gewehrherstellung dort unerläßlich“ durch. So kommt Josef Werndl als Zwanzigjähriger wieder einmal in die Heimat; aber nur auf kurze Zeit. Ein Jahr später — 1852— begibt er sich neuerlich auf die Wanderschaft, die ihn nun bis Thüringen führt, wo er seine Kenntnisse in den dort bestehenden leistungsfähigen Gewehrfabriken erheblich vervollkommnet. 1854 ist er wieder daheim. Das Zusammenarbeiten mit dem Vater will aber nicht gehen. So macht er sich selbständig. Er erwirbt eine Schleife am Wehrgraben in Steyr — die Kettenhuber-Schleife — und führt mit 15 Arbeitern seinen eigenen Polier- und Schleifereibetrieb.
I)a greift das Schicksal hart in das Leben seiner Familie ein. Der Vater erkrankt an der damals herrschenden Cholera und erliegt der Seuche am 4. Dezember 1855.
Jetzt zeigt sich Josef Werndls wahres Wesen. Alle Gegensätze zum Vaterhaus sind vergessen. Im Bewußtsein der Verantwortung, die er von nun an der Familie gegenüber zu tragen hat, setzt er seine ganze Willensstärke zur Hebung des elterlichen Betriebes ein.
Abb. 3. Die Werndlschen Gewerke zu Ober-Letten an der Steyr (1850).
Hl